Categories
etplus gesellschaft ticker wissen

Sind unser Obst und Gemüse noch gesund?

Immer wieder sorgen Rückrufe von Lebensmitteln für öffentliche Aufmerksamkeit. Zu den jüngsten Fällen zählt unter anderem der Rückruf einer tiefgefrorenen Biobeerenmischung, die über Aldi, Lidl und Netto vertrieben wurde, nachdem Noroviren nachgewiesen wurden.
Eine Untersuchung der Verbraucherorganisation foodwatch, die im April veröffentlicht wurde, zeigte zudem: Von 64 in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Österreich untersuchten Produkten enthielten 45 Proben – rund 67 Prozent – Rückstände von Pestiziden, die in Europa nicht zugelassen sind. (Das heißt nicht unbedingt, dass die EU-Grenzwerte überschritten wurden. Foodwatch und andere Verbraucherorganisationen fordern, dass die Schwellenwerte für nicht zugelassene Pestizide auf null gesetzt werden.)
Solche Fälle werfen die Frage auf, wie sich die Qualität und Sicherheit von Lebensmitteln in Deutschland langfristig entwickelt haben. Sind unser Obst und Gemüse heute tatsächlich häufiger von Qualitätsproblemen betroffen als früher? Oder haben sich ihre Qualität und die Lebensmittelsicherheit in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt sogar verbessert?

„Die gute alte Zeit“ – war sie auch gut für die Lebensmittelproduktion?

Die moderne Landwirtschaft entstand im Zuge der Industrialisierung ab etwa 1850, gewann in Deutschland aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung – durch Mechanisierung, den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie moderne Züchtungsmethoden.
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Pflanzenschutzmaßnahmen, etwa auf Basis von Kupferpräparaten oder anderen damals bekannten Mitteln gegen Krankheiten und Schädlinge. Die Landwirtschaft war also auch damals nicht frei von chemischen Mitteln zur Schädlingsbekämpfung, wie wir es heute im Bioanbau verstehen.

Die Grüne Revolution

Nach 1950 begann die Grüne Revolution, die durch eine starke Intensivierung der Landwirtschaft zwischen etwa 1965 und 1980 mit Hochleistungssorten, Mineraldünger, Pflanzenschutz und Bewässerung geprägt war. Diese Entwicklung erhöhte die Nahrungsmittelproduktion weltweit erheblich und prägt die moderne Landwirtschaft bis heute.
Vor der Grünen Revolution besaßen viele Kulturpflanzen vermutlich eine etwas höhere Nährstoffdichte als heutige Hochleistungssorten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen für einige Obst- und Gemüsesorten Rückgänge bei Mineralstoffen und Vitaminen im Verlauf des 20. Jahrhunderts.
Als Ursache gilt unter anderem der sogenannte Verdünnungseffekt, bei dem höhere Erträge zu geringeren Nährstoffkonzentrationen führen können. Gleichzeitig verbesserte die Grüne Revolution die weltweite Ernährungssicherheit erheblich, da die Erträge von Grundnahrungsmitteln stark anstiegen und Millionen Menschen vor Hunger bewahrt wurden.
Die Grüne Revolution führte zugleich zu einem deutlich höheren Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel als in der traditionellen Landwirtschaft zuvor. Die neuen Hochertragssorten waren häufig auf den Schutz durch Pflanzenschutzmittel angewiesen, um ihre Leistungsfähigkeit auszuschöpfen.
So stiegen zwar Erträge und Ernährungssicherheit vieler Länder erheblich, gleichzeitig entstanden jedoch neue Umwelt- und Gesundheitsdebatten über den Pestizideinsatz. Einige damals verwendete Wirkstoffe wie das Insektizid DDT gelten heute als umwelt- oder gesundheitsschädlich und wurden inzwischen verboten oder stark eingeschränkt.

Die Wurzeln des Ökolandbaus

Wer annimmt, die ökologische Landwirtschaft sei erst als Reaktion auf die Probleme der Grünen Revolution entstanden, irrt sich. Sie entstand in Deutschland bereits in den 1920er-Jahren als Reaktion auf die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft.
Als Geburtsstunde des modernen Biolandbaus gilt der „Landwirtschaftliche Kurs“ von Rudolf Steiner, eine Reihe von Vorträgen über die biologisch-dynamische Landwirtschaft im Jahr 1924. Die Biobewegung wollte Bodenfruchtbarkeit, Tiergesundheit und Lebensmittelqualität erhalten und setzte deshalb auf natürliche Kreisläufe statt auf synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel.
Größere wirtschaftliche Bedeutung erlangte der ökologische Landbau in Deutschland ab den 1970er-Jahren mit der Gründung von Anbauverbänden wie Bioland. 1991 schuf die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit der Verordnung (EWG) Nr. 2092/91 den ersten gemeinschaftsweiten Rechtsrahmen für den ökologischen Landbau.

Sind Biolebensmittel gesünder?

Untersuchungen zeigen, dass Biolebensmittel bei bestimmten Inhaltsstoffen wie Antioxidantien und Polyphenolen sowie teilweise bei Vitamin C, Eisen und Magnesium höhere Konzentrationen aufweisen können. Die Unterschiede lassen sich jedoch nicht bei allen Lebensmitteln und Nährstoffen nachweisen.
Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass Bioprodukte tendenziell eine etwas höhere Nährstoffdichte bestimmter Inhaltsstoffe besitzen können, ohne dass grundsätzlich alle Biolebensmittel deutlich nährstoffreicher sind als konventionell erzeugte.
Ein möglicher Grund liegt im langsameren Wachstum der Pflanzen, da im Bioanbau ohne Kunstdünger gearbeitet wird – das wirkt dem Verdünnungseffekt in der Nährstoffdichte entgegen.

Haben die Rückstände in Obst und Gemüse abgenommen?

In der EU gelten heute deutlich strengere Zulassungs- und Kontrollverfahren als noch vor 20 bis 30 Jahren. Viele ältere, als besonders problematisch geltende Wirkstoffe wurden verboten oder stark eingeschränkt.
Aktuelle Daten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für das Berichtsjahr 2024 zeigen:
  • Es wurden mehr als 9.000 Lebensmittelproben analysiert.
  • Rund 99 Prozent der Proben lagen innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte.
  • Das gesundheitliche Risiko durch Pestizidrückstände wird von der EFSA als niedrig eingestuft.
Das bedeutet allerdings nicht, dass keine Rückstände vorhanden sind. Rund 55 Prozent der Obst- und Gemüsesorten enthielten messbare Rückstände; diese lagen jedoch meist unter den gesetzlichen Höchstwerten.
Zudem können sich Stoffe, die für sich innerhalb der zulässigen Grenzwerte liegen, aufgrund von Wechselwirkungen untereinander gegenseitig verstärken.

Nicht nur die Anbaumethode

Viele Ernährungswissenschaftler sehen heute nicht die Anbaumethode allein als entscheidend an, sondern:
  • Bodengesundheit
  • Sortenauswahl
  • Reifegrad bei der Ernte
  • Lagerdauer
  • Frische des Produkts
Eine frisch geerntete Karotte vom regionalen Bauern kann deshalb nährstoffreicher sein als eine Biokarotte, die mehrere Wochen gelagert wurde oder einen langen Transport hinter sich hat. Umgekehrt kann ein Bioprodukt geringere Pestizidrückstände und mehr sekundäre Pflanzenstoffe enthalten als ein Produkt, das nicht biologisch angebaut wurde.
Obst und Gemüse sind heute im Hinblick auf Schadstoffe, Hygiene und Lebensmittelsicherheit besser kontrolliert als jemals zuvor. Die Belastung durch problematische Pflanzenschutzmittel konnte durch strengere gesetzliche Vorgaben und umfangreiche Kontrollen reduziert werden.
Gleichzeitig weisen einige moderne Kulturpflanzen bei bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen teilweise geringere Konzentrationen auf als ältere Sorten. Deshalb lässt sich nicht pauschal sagen, dass Obst und Gemüse heute grundsätzlich gesünder oder ungesünder sind. Die Lebensmittel sind heute sicherer, während die Nährstoffdichte einzelner Pflanzenarten teilweise zurückgegangen sein kann.
Als Fazit, kann man sagen: Durch die Technologisierung in der Landwirtschaft, den An- und Ausbau der Biolandwirtschaft sowie die ungeheure Vielfalt an Obst- und Gemüsesorten und die starke Lebensmittelkontrollen hat der Verbraucher eine größere Auswahl an gesunden und sicheren Lebensmitteln, als er sie jemals zuvor hatte.
Categories
etplus gesellschaft ticker

„Vermummt, mit brennenden Fackeln“

Das Café Stay im Leipziger Stadtteil Reudnitz hat Ende Juni nach drei Jahren seinen Betrieb eingestellt. Geleitet wurde es von der christlichen Freikirche Zeal Church.
Nach ihren eigenen Worten will die Zeal Church „Menschen für Gott begeistern und zurüsten, ihm von ganzem Herzen nachzufolgen und dadurch zu der Person zu werden, zu der Gott sie geschaffen hat“. Eine Freikirche ist eine Kirchengemeinde, die von Mitgliedsbeiträgen und Spenden lebt und weder der katholischen noch der evangelischen Landeskirche angehört.
Nach 26 Anschlägen, darunter mit Buttersäure, Farbbeuteln, Fäkalien und Hammerschlägen, gab die Gemeinde „aus Sicherheits- und finanziellen Gründen“ das Café nun auf. Doch das reichte den Tätern nicht. Im Juli kam es zu einem erneuten Anschlag.

„An alle, die zusehen“

Darauf antwortete die Zeal Church mit einer Stellungnahme auf ihrer Website, in der es heißt: „Wir bleiben. Auch ohne Café, auch ohne Angst vor euch.“
Adressiert an die Täter heißt es dort weiter: „Wir haben euer Foto gesehen. Vermummt, mit brennenden Fackeln, mit Transparenten vor der Fassade eines Ortes, den ihr über drei Jahre zerstört habt. Wir haben gelesen, wie ihr die Schließung als Sieg feiert und ankündigt, weiter ‚wachsam‘ zu bleiben.“
Auf der von Linksextremisten genutzten internationalen Plattform „Indymedia“ beschreibt ein anonymer Autor die Zeal Church als „fundamentalistisch“ und wirft ihr vor, „menschenfeindlichen Ideologien in Leipzig zu verbreiten“ und „queerfeindlich“ zu sein.
Zur Schließung des Kirchencafés nach Angriffen von „autonomen Aktivist*innen“ heißt es in dem mutmaßlichen Bekennerschreiben: „Wir werten das als klaren Gewinn für die autonomen Queers und Allies in Leipzig und freuen uns über die Schließung.“ Die Täter bekennen zudem, dass sie „weiterhin widerständig leben“ und sich „Raum nehmen“ wollen.
Das leitende Pastorenehepaar der Zeal Church gibt sich überzeugt: Die Täter würden sich auf ihrer Webseite nur deshalb zeigen, weil sie wüssten, dass ihnen nichts passiert. Nach jedem Aufräumen und nach jeder Anzeige habe die Gemeinde „jedes Mal dasselbe Ergebnis bekommen: nichts“, heißt es in der Stellungnahme weiter.
Die „Ostdeutsche Allgemeine“ war eine der wenigen überregionalen Zeitungen, die über diese Angriffe berichtete, und schrieb: „Die Täter stammen offenkundig aus einem Milieu, das für sich stets Toleranz einfordert, aber Andersdenkende mit aller Härte verfolgt, schikaniert und terrorisiert.“

Stadt Leipzig sieht keinen Angriff auf Religionsfreiheit

Nach dem 24. Anschlag auf das christliche Café veröffentlichte die Stadt Leipzig im Januar dieses Jahres in ihrem Ratsinformationssystem eine Stellungnahme in Form einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage zu den linksextremistischen Angriffen.
Dort betont die Stadt mehrfach, dass die Attacken auf das christliche Café „nicht die Religionsfreiheit“ angreifen würden. „Angegriffen wurde ein kommerziell betriebenes Café, welches zur Finanzierung einer Religionsgemeinschaft dient.“
An anderer Stelle verweist das Dezernat Umwelt, Klima, Ordnung und Sport darauf, dass „der thematisierte Angriff […] die im Bekennerschreiben angegriffene Haltung u. a. zu Homosexualität mit einer Haltung“ übereinstimme, „welche auch in anderen Religionsgemeinschaften gelebt“ würde. Und die Stadt räumt ein: „Diese sind in der Tat ebenfalls Ziel unterschiedlichster Angriffe.“
Die Stadt Leipzig kommt in ihrer Erklärung zu dem Schluss: „Im Rahmen von städtischen Förderrichtlinien und der Partnerschaft für Demokratie ‚Leipzig: Ort der Vielfalt‘ werden [bereits] Maßnahmen“ gegen Hass und „jegliche Form von Diskriminierung“ umgesetzt.

Kirchenbrand, zerstörte Orgel, Stahlkugeln während Gottesdienst

Zur ähnlichen Zeit wie die Schließung des Zeal-Church-Cafés in Leipzig kam es im Siegerland im Südosten von Nordrhein-Westfalen zu einem Brandanschlag auf die katholische St.-Marien-Kirche in Freudenberg. Wie die „Siegener Zeitung“ am 29. Juni berichtete, brannte im Eingangsbereich eine Holzbank. Außerdem seien rohe Eier und Mehl sowie Informationsflyer der Kirche auf dem Boden verstreut worden.
Ebenfalls Ende Juni berichtete die „Nordwest-Zeitung“ in Oldenburg von Vandalismus in der katholischen St.-Marien-Kirche von Friesoythe im Landkreis Cloppenburg. Dort wurden Kunstgegenstände und die Orgel verwüstet. In Verdacht steht ein 25-jähriger Mann, der über ein Baugerüst und eine eingeschlagene Scheibe in das Kirchengebäude eingedrungen sein soll.
Der Täter wurde vor Ort festgenommen und laut NWZ in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die historische Sauer-Orgel ist unbespielbar; eine Reparatur würde Hunderttausende Euro kosten. Die Kirche musste zeitweilig schließen.
Mitte Mai wurde laut „hessenschau“ während eines sonntäglichen Gottesdienstes von Unbekannten in Hanau mit Stahl- und Plastikkugeln auf Kirchenfenster der katholischen Heilig-Geist-Kirche geschossen. Ein Gottesdienstteilnehmer wurde leicht verletzt.

„Sämtliche Tabus gefallen“

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hat im August 2025 festgestellt, dass die „Qualität der Kirchenvandalismen“ zugenommen habe, wie die „Rheinische Post“ berichtete.
In Altarräumen würde Brandstiftung verübt, würden Exkremente in Beichtstühlen hinterlassen oder Christusfiguren enthauptet. Ein Sprecher der Konferenz sah in den vergangenen Jahren eine „verschärfte Dimension“, bei der „sämtliche Tabus gefallen“ seien.
Nach Angaben der Bischofskonferenz gebe es ein „Dunkelfeld polizeistatistisch nicht erfasster Kirchenvandalismen“, da viele Fälle in den Statistiken lediglich als Sachbeschädigung aufgeführt würden.

Was die Polizeigewerkschaft sagt

„Eine merkliche zahlenmäßige Zunahme von Fällen des Kirchenvandalismus“ sei der Gewerkschaft der Polizei (GdP) „nicht bekannt“, sagt Tanja Richter, GdP-Geschäftsführerin, gegenüber Epoch Times. „Allerdings ist eine gestiegene Intensität der Vorfälle festzustellen.“
Zu den Motiven der Tatbeteiligten lägen keine statistisch belastbaren Erhebungen vor. Die Fälle von Kirchenvandalismus fügten sich jedoch ihrer Erkenntnis nach „in die allgemeine Tendenz einer Zunahme von Vandalismus- und Sachbeschädigungsdelikten im öffentlichen Raum ein“.
Hierzu nannte die GdP-Vertreterin etwa die Störung der Totenruhe sowie Vandalismus und Diebstähle auf Friedhöfen sowie im öffentlichen Nahverkehr und an Schulen.
Nach Einschätzung der Gewerkschaftsvertreterin sei „davon auszugehen, dass bei Fällen von Kirchenvandalismus weniger (anti-)religiöse Motive als vielmehr Frustration, eine allgemeine Zerstörungswut oder eine geringe Hemmschwelle gegenüber Sachbeschädigungen eine Rolle spielen“.
Kirchen stellten aufgrund ihrer „prägenden und weithin sichtbaren Stellung innerhalb einer Gemeinde“ ein auffälliges und damit „potenziell lohnendes Ziel“ dar. Richter bemerkte, dass Kirchengebäude „vielfach weniger umfassend gegen Vandalismus geschützt“ seien als „andere prominente Einrichtungen“; es fehle etwa an Alarmanlagen oder Videoüberwachung.

Kein Meldeportal für Christenfeindlichkeit

Im Dezember 2024 stellten mehrere AfD-Bundestagsabgeordnete eine Kleine Anfrage zu dem Thema an die damalige Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz (SPD). In der Anfrage wurde darauf hingewiesen, dass es seit Juli 2023 ein bundesweites, von der EU gefördertes Online-Meldeportal für Muslimfeindlichkeit gebe. „Ein solches Meldeportal gibt es für Christenfeindlichkeit jedoch nicht“, so die AfD.
So habe sich die Zahl der Angriffe auf christliche Kirchen „innerhalb eines Jahres von 135 Fällen im Jahr 2022 auf 277 Fälle im Jahr 2023 verdoppelt“, schrieb die Fraktion.
In ihrer Antwort bestätigte die Scholz-Regierung im Januar 2025, dass nur politisch motivierte Straftaten durch die zuständigen Landeskriminalämter an das Bundeskriminalamt (BKA) übermittelt und in einer zentralen Datei erfasst würden. Delikte ohne erkennbare politische Motivation seien „nicht Bestandteil dieser Statistik“.
Wie aus der Antwort weiter hervorgeht, wurden im Jahr 2024 bis zum 10. Dezember im Bereich „Christenfeindlich“ insgesamt 228 Straftaten registriert, darunter ein Tötungsdelikt, 14 Körperverletzungen und 52 Sachbeschädigungen. Zudem würden erst seit dem Jahr 2019 für „politisch motivierte Straftaten“ die Unterbegriffe „Christenfeindlich“ (gegen Christen und ihre Einrichtungen gerichtete Delikte) sowie explizit „Kirche“ erfasst.
Was das fehlende Meldeportal für christenfeindliche Angriffe angeht, erklärte die damalige Scholz-Regierung: „Aus Sicht der Bundesregierung lässt sich keine erhöhte Gefährdung für Christen oder christliche Einrichtungen in Deutschland ableiten.“ Daher sei die Notwendigkeit eines solchen Meldeportals „bislang […] noch nicht gesehen“ worden.

Organisation: Christenfeindlichkeit unterschätzt

Anders sieht dies die Wiener Dokumentationsstelle für Intoleranz und Diskriminierung gegen Christinnen und Christen in Europa (OIDAC Europe). In ihrem Jahresbericht 2025 hat sie für das Jahr 2024 2.211 antichristliche Straftaten aufgelistet und dokumentiert.
Die OIDAC-Leiterin Anja Tang gibt sich davon überzeugt, dass die Christenfeindlichkeit in Deutschland unterschätzt werde. Gegenüber Epoch Times erklärt sie, wie sie überprüfbare Nachrichten von antichristlichen Vorfällen erreicht. OIDAC werte täglich Medien in allen europäischen Sprachen aus. Hinzu kämen Meldungen lokaler Partnerorganisationen und Kirchengemeinden sowie Hinweise von Betroffenen oder Zeugen.
„Unsere Statistik basiert auf drei Datenquellen“, erklärt Tang. Dazu zählen: Fälle, die von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) registriert werden, offizielle Polizeistatistiken jener europäischen Staaten, die christenfeindliche Hasskriminalität gesondert erfassen, sowie Fälle, „die wir selbst nach den Kriterien der OSZE dokumentieren“. Um Doppelzählungen zu vermeiden, würde sie für jedes Land nur „jeweils den belastbarsten verfügbaren Datensatz“ verwenden.

Gläubige während eines Rosenkranzgebets. (Archivfoto)

Foto: Kerstin Joensson/AFP via Getty Images

Ländervergleiche problematisch

„Frankreich weist seit vielen Jahren die höchste Zahl registrierter christenfeindlicher Straftaten in Europa auf“, erklärt Tang zur Lage in Europa. Sie beobachte dort „sowohl ausgeprägte antikirchliche und antiklerikale Einstellungen als auch islamistisch motivierte Gewalt gegen Christen“. Ein anderer Grund für die hohen Fallzahlen bestehe jedoch auch darin, dass Frankreich „über eine umfassende Polizeistatistik zu christenfeindlichen Hassverbrechen“ verfüge.
Vergleiche man jedoch die von ihrer Organisation erfassten Fälle, „liegt Deutschland auf einem ähnlichen Niveau wie Frankreich“, sagt Tang.
Insgesamt seien Ländervergleiche problematisch. Dies werde etwa am Beispiel Spaniens deutlich. „Dort werden antisemitische und antimuslimische Hassverbrechen gesondert ausgewiesen, christenfeindliche Straftaten dagegen nicht. Sie werden lediglich unter der Sammelkategorie ‚andere religiös motivierte Straftaten‘ erfasst.“
Ein weiteres Beispiel sei Polen. Eine Studie unter rund 1.000 katholischen Priestern habe ergeben, dass etwa die Hälfte der Befragten von verbalen oder körperlichen Aggressionen innerhalb eines Jahres berichtet habe. „Mehr als 80 Prozent der Betroffenen erstatteten jedoch keine Anzeige bei der Polizei. Rund 40 Prozent gaben außerdem an, sich beim Tragen geistlicher Kleidung in der Öffentlichkeit heute deutlich unsicherer zu fühlen.“

Großbritannien: Kirchen als „andere religiöse Stätten“

Ihr geht es jedoch nicht nur darum, Daten zu sammeln, „sondern diese auch politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung zu stellen“, sagt sie. So sei OIDAC beim Menschenrechtsbüro der OSZE als „Mitwirkender aus der Zivilgesellschaft“ anerkannt. „Unsere Daten fließen jährlich in den offiziellen „Hate Crime Report“ der OSZE ein.“
Aber auch bei der UN und beim EU-Parlament finde ihre Beobachtungsstelle Gehör. Aufgrund ihrer Datenerhebung fordere etwa die „Interfraktionelle Arbeitsgruppe für Religions-, Weltanschauungs- und Gewissensfreiheit“ des EU-Parlaments „die Einrichtung eines EU-Koordinators zur Bekämpfung christenfeindlicher Hasskriminalität“.
Ein weiterer Erfolg sei, dass die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens „in den vergangenen Jahren“ reagiert und „zusätzliche Mittel für den Schutz von Kirchen bereitgestellt“ hätten.
Die britische Regierung hat am 19. Februar dieses Jahres angekündigt, dass sie „Rekordmittel zum Schutz religiöser Gemeinschaften“ ausgebe. Für die beiden Jahre 2026 und 2027 seien umgerechnet insgesamt 85,6 Millionen Euro „für Sicherheitsmaßnahmen an jüdischen, muslimischen und anderen religiösen Stätten“ vorgesehen.
„In Großbritannien fällt allerdings auf, dass der weitaus überwiegende Teil der Mittel zum Schutz religiöser Einrichtungen jüdischen (28,4  Millionen Pfund) und muslimischen (40 Millionen Pfund) Einrichtungen zugutekommt, während für Kirchen, hinduistische, Sikh- und andere Religionsgemeinschaften gemeinsam ein viel kleinerer Fördertopf (5 Millionen Pfund) vorgesehen ist“, bedauert Tang.
In der Ankündigung werden dabei christliche Kirchen nur einmal erwähnt; sie fallen sonst unter „andere religiöse Stätten“.

Islamistische Gewalt gegen Christen

Pauschale Aussagen über Tätergruppen könnten nicht getroffen werden, sagt die OIDAC-Chefin. Dort jedoch, „wo Täter identifiziert werden oder sich selbst zu ihren Motiven bekennen“, gäbe es folgende Phänomene:
Zum einen linksextrem motivierte Angriffe auf christliche Einrichtungen, „etwa die Anschläge auf das christliche Café in Leipzig oder eine ganze Reihe von Angriffen auf Kirchen und einen Gottesdienst rund um den Marsch für das Leben vergangenes Jahr in Wien, zu denen sich linksradikale Gruppen öffentlich bekannten“, erklärt Tang.
„Daneben dokumentieren wir islamistisch motivierte Gewalt, insbesondere gegen christliche Konvertiten oder arabischsprachige Christen.“ Ein besonders tragisches Beispiel hierfür sei die Ermordung des assyrischen Christen Ashur Sarnaya in Frankreich im September 2025 gewesen, „der durch ein dschihadistisches Attentat ums Leben kam, während er sein Glaubenszeugnis online teilte“.

Gesamtgesellschaftlicher Ansatz gefordert

Neben den konkreten Straftaten bereite der Beobachtungsstelle „vor allem das gesellschaftliche Klima Sorgen“. Hasskriminalität entstehe „nicht im luftleeren Raum“ und „politische Debatten und gesellschaftliche Narrative“ könnten laut Tang „Einfluss auf das Entstehen von Hassverbrechen haben“.
Sie führt an, dass eine repräsentative Umfrage in Deutschland im vergangenen Jahr offenbart habe, „dass 36 Prozent der Bevölkerung und sogar fast jeder Zweite unter den unter 30-Jährigen christenfeindliche Einstellungen als weit verbreitet wahrnehmen“.
Studien aus Polen und Spanien würden belegen, dass rund 90 Prozent der befragten katholischen Priester den Eindruck hätten, dass einseitige oder stereotype Darstellungen des Christentums in den Medien zu einer christenfeindlichen Entwicklung beitrügen.
Diese Entwicklung betreffe nicht nur Straftaten. „Viele Christen berichten zunehmend von Benachteiligungen im Berufsleben, im Bildungsbereich oder davon, ihren Glauben im öffentlichen Raum nur noch zurückhaltend zu zeigen“, sagt die OIDAC-Direktorin.
Um diesen Formen der Intoleranz „sowie der wachsenden Selbstzensur unter Christen“ im öffentlichen Raum zu begegnen, brauche es ihrer Meinung nach „einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz“. Und sie empfiehlt: „Christenfeindliche Hasskriminalität sollte mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt werden wie jede andere Form religiös motivierter Gewalt.“
Categories
etplus gesellschaft meinung ticker

Alexander Solschenizyn: Die Reden eines Weisen und vorausschauenden Sehers

Am 8. Juni 1978 hielt der im Exil lebende Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn eine Abschlussrede an der Harvard-Universität. Seine Ausführungen lösten damals eine Welle der Kritik aus und würden wahrscheinlich auch heute noch die gleiche Reaktion hervorrufen.
Die Rede, die später den Titel „Eine gespaltene Welt“ erhielt, dauerte etwa eine Stunde – deutlich länger als die üblichen Abschlussreden, sowohl wegen ihres Umfangs als auch weil Solschenizyn auf Russisch sprach und die Dolmetscherin Irina Ilovaiskaya-Alberti seine Worte während des Vortrags übersetzte.
Doch es war nicht die Länge der Rede, die bei den Anwesenden und Kommentatoren heftige Reaktionen auslöste, sondern ihr Inhalt. Anstatt die Sowjetunion anzugreifen und jene Freiheit zu preisen, die er in den Vereinigten Staaten gefunden hatte, richtete Solschenizyn eine Flut von Kritik sowohl gegen den Kommunismus als auch gegen die liberalen westlichen Demokratien. Er warf dem Westen, seinen Führern und Bürgern „Schwäche und Feigheit“ vor, eine legalistische Gesellschaft geworden zu sein, die die Moral aufgegeben habe – eine Gesellschaft, deren Bürger Freiheit ohne Verantwortung forderten, deren Medien sensationslüstern und schlampig über das Geschehen berichteten und deren Seelenverfall durch den Verlust des Willens und die Hinwendung zum säkularen Humanismus verursacht worden sei.
Hätten jene Kritiker, die sich über diese Kritik schockiert zeigten, die Reden gelesen, die Solschenizyn in den sechs Jahren zuvor gehalten hatte – wie beispielsweise seine Nobelpreisrede, seine Dankesrede anlässlich der Verleihung der American Friendship Medal oder seinen BBC-Radiobeitrag –, hätten sie vielleicht besser vorhersehen können, was er sagen würde.

Eine Sammlung wiederkehrender Themen

Der von Notre Dame Press veröffentlichte und von Solschenizyns mittlerem Sohn Ignat herausgegebene Band „We Have Ceased to See the Purpose“ (dt. etwa: Wir haben aufgehört, den Sinn zu erkennen) ist eine Sammlung von zehn Reden Solschenizyns aus den Jahren 1972 bis 1997. Es ist ein schlanker Band, was zum Teil daran liegt, dass Solschenizyn der Ansicht war, Schriftsteller sollten schreiben und keine Worte mit Reden verschwenden.
Beim Durchlesen dieser Texte stellen wir fest, dass die „Harvard-Rede“ nicht nur ein Warnschuss war. Die darin enthaltenen Themen ziehen sich durch alle Reden Solschenizyns. Er hatte ganz offensichtlich eine Botschaft, die er der modernen Welt vermitteln wollte. In seinen Reden stellte er verschiedene Themen in den Vordergrund. Es ging beispielsweise um den Niedergang Großbritanniens oder um die Würdigung des Widerstands der Landbevölkerung im westfranzösichen Département Vendée gegen die radikale linke Herrschaft während der Französischen Revolution. Solche und andere Themen lagen Solschenizyn am Herzen.
Bevor wir drei dieser Themen näher betrachten, sollten wir uns des „Entweder-oder“-Trugschlusses bewusst machen – jener falschen Dichotomie, die nur zwei Alternativen aufzeigt. Einige derjenigen, die sich – vielleicht aus gutem Grund – durch Solschenizyns „Harvard-Rede“ beleidigt fühlten, betrachteten sie als Verrat an der Etikette gegenüber einem Gastland, das ihm Zuflucht gewährt hatte. Andere hingegen verfielen einer klassischen falschen Dichotomie: Sowjetrussland schlecht, Amerika gut.

„Es gibt einen dritten Weg“

„Nein“, sagte Solschenizyn. Es gibt einen dritten Weg, eine bessere Alternative. Sowohl der Materialismus des Westens als auch der Materialismus des kommunistischen Russlands sind Sackgassen, die die Tugend und das tiefe Verlangen der Menschheit nach dem Geistigen herabsetzen. In seiner „Harvard-Rede“ erklärte er:
„[Die Aufgabe besteht] nicht darin, sich am Alltag zu überfressen, nicht darin, nach den besten Wegen zu suchen, materielle Güter zu erwerben und sie dann gierig zu konsumieren, sondern darin, eine beständige, ernsthafte Pflicht zu erfüllen, damit der gesamte Lebensweg vor allem zu einer Erfahrung moralischen Aufstiegs wird – das Leben als besserer Mensch zu verlassen, als man es begonnen hat.“
Wenn genügend Männer und Frauen diesen Aufstieg vollzögen, so Solschenizyn, könne die Menschheit „sich über die weltweite Strömung des Materialismus erheben“.
Dies ist das erste der drei Themen, die wir hier untersuchen werden, ein Hauptgrund für den Verfall der geistigen und menschlichen Werte und Tugenden zugunsten materieller Güter und finanziellen Reichtums.
Alexander Solschenizyn verlor seine sowjetische Staatsbürgerschaft, weil er sich gegen das Sowjetimperium aussprach. Solschenizyn im Jahr 1974. Foto: Bert Verhoeff für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

Alexander Solschenizyn verlor seine sowjetische Staatsbürgerschaft, weil er sich gegen das Sowjetimperium aussprach. Solschenizyn im Jahr 1974.

Foto: Bert Verhoeff für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

„Die Menschen haben Gott vergessen“

1983 hielt Solschenizyn seine „Templeton-Vorlesung“ in London, wo er den Templeton-Preis für Fortschritte in der Religion entgegennahm – ein Name, der angesichts der konservativen Haltung des Schriftstellers zum Glauben reich an Ironie ist. Er begann mit dieser Feststellung:
„Vor mehr als einem halben Jahrhundert, als ich noch ein Kind war, hörte ich mehrere ältere Leute eine Erklärung für die große Katastrophe, die Russland heimgesucht hatte, abgeben: ‚Die Menschen haben Gott vergessen; deshalb ist all dies geschehen.‘“
In diesem Vortrag gab Solschenizyn einen kurzen Überblick über die Geschichte der religiösen Verfolgung unter dem sowjetischen Kommunismus und über die vielen Menschen, die den Märtyrertod starben, weil sie sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören. Wie schon in der „Harvard-Rede“ wandte er sich dann Europa und Nordamerika zu:
„Unmerklich, durch jahrzehntelange schleichende Aushöhlung, wird der Sinn des Lebens im Westen nicht mehr als etwas Erhabeneres angesehen als das ‚Streben nach Glück‘. … Die Begriffe von Gut und Böse werden seit mehreren Jahrhunderten verspottet; aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verbannt, wurden sie durch politische oder klassenbezogene Kategorisierungen von kurzlebigem Wert ersetzt.“
Auch hier, wie in anderen Ansprachen, ging Solschenizyn auf die schädlichen Auswirkungen des Verlustes des Glaubens auf die Künste ein.
„Im Osten ist die Kunst im Niedergang begriffen, weil sie niedergeschlagen und mit Füßen getreten wurde, aber im Westen ist sie freiwillig untergegangen, zu einem gekünstelten und prätentiösen Streben geworden, bei dem der Künstler, anstatt zu versuchen, den göttlichen Plan zu enthüllen, versuchte, Gott durch sich selbst zu ersetzen.“
In einer Rede, die der Schriftsteller 1993 in Liechtenstein anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde hielt, wies er auf den zweischneidigen Charakter der Technik hin: „Sicherlich bereichern uns ihre Errungenschaften, doch sie versklaven uns zugleich. … Alles ist ein Kampf um materielle Dinge; doch eine innere Stimme flüstert uns leise zu, dass wir etwas Reines, Erhabenes – und Zerbrechliches – verloren haben. Wir haben aufgehört, den Sinn zu erkennen.“
Darauf folgte eine Frage: „Geben wir es zu, wenn auch nur flüsternd und nur vor uns selbst: Wofür leben wir eigentlich in dieser Hektik des Lebens, das in rasendem Tempo voranschreitet?“

Eine Mahnung gegen die Dekadenz

Eng verbunden mit dieser allgemeinen Amnesie ist Solschenizyns Sicht auf die Dekadenz.
In der „Harvard-Rede“ verwendete er den Begriff nur einmal, als er eine legalistische Kultur im Gegensatz zu einer auf Wahrheit und Moral basierenden beschrieb:
„Es hat sich herausgestellt, dass die Gesellschaft kaum Abwehrkräfte gegen den Abgrund menschlicher Dekadenz besitzt … wie zum Beispiel Filme voller Pornografie, Verbrechen und Horror. All dies wird als Teil der Freiheit angesehen und theoretisch durch das Recht der jungen Menschen ausgeglichen, nicht hinzuschauen und es nicht zu akzeptieren.“
In anderen Reden sprach er direkter über die moderne Dekadenz – das ständige Verlangen nach Freiheit, Vergnügen und Bequemlichkeit bei gleichzeitiger Flucht vor der Verantwortung. Bei einer Rede in London im Jahr 1976 sagte er: „Und wie steht es heute um Europa? Es ist nichts weiter als eine Ansammlung von Pappkulissen, die alle miteinander feilschen, um zu sehen, wie wenig für die Verteidigung ausgegeben werden kann, damit mehr für die Annehmlichkeiten des Lebens übrig bleibt.“
Obwohl er im Allgemeinen ein Schriftsteller war, der seine Prosa und seine Emotionen unter Kontrolle hatte, griff er in „The Shallowing of Freedom“ zu schärferer Rhetorik und verurteilte die Auswüchse der ungezügelten Freiheit:
„Freiheit! – für Verleger und Filmproduzenten, die jungen Generationen mit verderbendem Schmutz zu vergiften. Freiheit! – für Teenager, sich in Muße und Vergnügungen zu ergehen, anstatt sich dem konzentrierten Studium und der moralischen Entwicklung zu widmen. Freiheit! – für junge Erwachsene, nach Müßiggang zu streben und auf Kosten der Gesellschaft zu leben.“

Geschichte und tiefgreifende Kultur – ignoriert oder vergessen

Solschenizyn bezieht sich in seinen Reden häufig auf die Geschichte, insbesondere auf das 20. Jahrhundert, das sich seiner Ansicht nach „als grausamer erwiesen hat als seine Vorgänger“. Er berichtete beispielsweise von der brutalen Zwangsrückführung russischer Bürger und Soldaten durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg, wodurch diese Männer und Frauen mit fast sicherer Folge in den Tod oder in den Gulag geschickt wurden. Jahrelang, so merkte er an, habe die westliche Presse diese Geschichte verschwiegen.
In seiner Nobelpreisrede hob er zudem die Unkenntnis der Jugend in Bezug auf Geschichte und Politik hervor: „Die sich in jüngster Zeit manifestierende Erniedrigung von Menschen zu Nichtigkeiten, wie sie in China von den Roten Garden praktiziert wird, wird von der Jugend als freudiges Vorbild angesehen. Was für ein leichtfertiges Unverständnis der zeitlosen menschlichen Natur, was für ein naives Vertrauen unerfahrener Herzen.“
In „Der Verfall der Kultur“, seiner Rede von 1997 in Moskau, griff Solschenizyn Themen seiner Nobelpreisrede von vor 25 Jahren wieder auf. Obwohl er sich an die Russische Akademie der Wissenschaften wandte, bleibt die Botschaft universell. Er argumentierte, dass „der Kern historischer Prozesse nicht an der sichtbaren Oberfläche, sondern in der geistigen Tiefe liegt“ und dass „die Kultur uns ihre unverfälschten Tiefen erst dann wieder erschließen wird, wenn die Erneuerung eines moralisch empfänglichen Bodens stattfindet.“
Er warnte, dass bis zum Eintreten dieser Erneuerung „das Überleben oder Aussterben unseres Volkes von jenen abhängen wird, die in diesen dunklen Zeiten beharrlich daran festhalten, … das innere Leben unseres Geistes und unserer Seelen vor dem Untergang zu bewahren, es zu erheben, zu stärken und weiterzuentwickeln – jenes Leben, das die Kultur ist.“
Rosen am Grab des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyn in Moskau am 6. August 2008. Foto: Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Rosen am Grab des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyn in Moskau am 6. August 2008. Foto:_ Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Aktueller denn je

Schon eine flüchtige Betrachtung von Solschenizyns Reden zeigt, dass ihr Inhalt und ihre Ratschläge für unsere Zeit nach wie vor genauso relevant sind, vielleicht sogar noch mehr. Ersetzt man die Namen und Daten, passt man die Umstände an, so stellen wir fest, dass unsere Kultur – und wir selbst – von denselben Winden und demselben Regen gebeutelt werden, die er vor einem halben Jahrhundert beschrieb.
Dass einige von uns in seinen Reden noch immer Weisheit und Orientierung finden, ist eine Hommage an seine Weitsicht. Solschenizyns Analyse vertieft unser Verständnis der heutigen verarmten und oft groben Kultur. Auf seltsame Weise bringt dieses Verständnis Hoffnung. Wir mögen zwar nicht in der Lage sein, die stürmischen Gewässer um uns herum zu beruhigen, aber wir können zum Ufer der Wahrheit, Schönheit und Güte schwimmen, auf das er hinweist. Auf diese Weise können wir mehr Mensch werden.
Wir können uns denen anschließen, die „in diesen dunklen Zeiten durchhalten“.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Seer and Sage: The Speeches of Aleksandr Solzhenitsyn“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
Categories
etplus ticker wissen

Auf den Schleim gegangen: Schnecken nutzen dasselbe Protein wie Menschen


In Kürze:

  • Europas häufigste Schnecken verwenden ihren Schleim in Variationen – und dafür ein Protein, das wir aus dem menschlichen Körper kennen.
  • Die Bänderschnecke nutzt ihn zur Fortbewegung, zur Haftung, zum Schutz oder zur Verteidigung.
  • Seine Entschlüsselung könnte zur Entwicklung umweltfreundlicher Klebstoffe, funktioneller Beschichtungen oder medizinischer Materialien beitragen.

 
Schleimige Spuren im Garten und auf Wegen sieht man vor allem nach einem Regenschauer. Dann sind Schnecken nämlich besonders aktiv – auch in Deutschland, und auch auf dem Max-Planck-Campus in Potsdam-Golm. Dort untersuchten Forscher der Abteilung „Biomaterialien“ auf dem Gelände hinterlassene Schleimspuren der gewöhnlichen Bänderschnecken (Cepaea nemoralis) und erkannten in dem glänzenden Schleim ein vielversprechendes Naturmaterial.
Denn die Schnecke produziert nicht nur eine einzige Art von Schleim, sondern kann ihn je nach Bedarf so variieren, dass er flüssig, fest, klebrig oder rutschig wird.

Auf den Spuren des Schneckenschleims

Für das Forschungsteam wurde der Schneckenschleim damit zum Gegenstand einer materialwissenschaftlichen Analyse: Wie schafft es die Schnecke, mit den gleichen Grundbausteinen völlig unterschiedliche Materialeigenschaften zu erzeugen? Die Antwort liefern die Forscher des Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) in einer Studie, die nun im Fachjournal „Science“ erschienen ist.
Darin zeigen sie erstmals umfassend, mit welchen biochemischen Rezepten die Bänderschnecke ihren Schleim gezielt an unterschiedliche Aufgaben anpasst – und dass er immer dieselben Zutaten verwendet, die auch unser Körper nutzt.
„Schneckenschleim mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, ist aber ein unglaublich vielseitiges Material“, sagte Franziska Jehle, Wissenschaftlerin am MPIKG.
Die Forscherin erklärte weiter, dass „die Schnecke mit den gleichen Grundbausteinen gezielt die Eigenschaften ihres Schleims verändern kann“, so Jehle. Das mache sie für die Forschung auch so spannend.
Auch Bänderschnecken mögen zuweil an Erdbeeren naschen. Foto: Olha Haletska/iStock

Auch Bänderschnecken mögen zuweil an Erdbeeren naschen. Forscher machen derweil einen langen Hals, um den Schneckenschleim zu untersuchen

Foto: Olha Haletska/iStock

Überraschung aus dem Baukasten der Natur

Um zu verstehen, wie die Natur diese Materialvielfalt erzeugt, analysierten die Forscher fünf verschiedene Schleimarten, die sie bei der Bänderschnecke entdeckten. Sie untersuchten einen Schleim, der die Fortbewegung ermöglicht, und einen, der als starker Klebstoff an Oberflächen wirkt. Ein anderer soll das Tier vor Austrocknung schützen und ein weiterer das Gehäuse während längerer Ruhephasen verschließen. Schließlich gibt es auch noch einen speziellen Schleim, der zur Verteidigung dient.
Dabei zeigte sich, dass die Schnecke für die verschiedenen Schleime stets die gleichen Komponenten verwendet, die sie in unterschiedlichen Mengen zusammenmischt. Bei den chemischen Bausteinen handelt es sich um Proteine, vor allem um Kollagen, und um Kalzium.
Bei den Untersuchungen erlebten die Forscher eine kleine Überraschung: Als zentralen Bestandteil des Schleims konnten sie Kollagen VI identifizieren. Dieses Protein ist eigentlich für seine strukturgebende Funktion in menschlicher Haut, Knochen und Gelenken bekannt.
Die Schnecke mischt zu diesem Kollagen VI noch amorph vorliegendes Kalziumkarbonat, das sie in ihrem Drüsengewebe speichert. Sie gibt es bei Bedarf zusammen mit dem Schleim ab. Der Anteil von Kollagen VI trägt entscheidend dazu bei, die Eigenschaften der verschiedenen Schleime zu steuern.

Mögliche Anwendungen der Schnecken-„Technologie“

Offenbar verändert die Schnecke über die Gesamtmenge an Proteinen und den Anteil an Kollagen VI, wie dicht das Proteinnetzwerk im Schleim ist. Das wirkt sich unmittelbar auf die mechanischen Eigenschaften aus: Je engmaschiger das Proteinnetz ist, desto zäher ist der Schleim. Kalzium dient in seiner Ionenform entweder der Vernetzung oder als Calcit der Verstärkung des Materials.
„Die Erkenntnisse dieser Studie reichen weit über die Biologie der Schnecke hinaus“, fasst Peter Fratzl, Direktor am MPIKG zusammen:
„Natürliche Materialien erzielen mit wenigen Bausteinen eine enorme Vielfalt an Funktionen. Wenn wir die Prinzipien dahinter verstehen, ist das für die Entwicklung nachhaltiger Materialien von großer Bedeutung.“
So könnten sich nach dem Vorbild von Schneckenschleim beispielsweise umweltfreundliche Klebstoffe, funktionelle Beschichtungen oder Materialien für medizinische Anwendungen herstellen lassen. Bis diese in unserem Alltag glänzen, dürften allerdings noch zahlreiche Schnecken ihre Schleimspuren in Potsdam und der Bundesrepublik hinterlassen.
Mit Material der Max-Planck-Gesellschaft.
Categories
etplus ticker vital

Ein Tabu-Produkt verstärkt plötzlich die Wirkung von Blutdruck-Senkern

Wissenschaftler sind auf ein überraschendes Phänomen gestoßen: Ausgerechnet zuckerhaltiger Kaugummi, das Schreckgespenst eines jeden Zahnarztes, könnte die blutdrucksenkende Wirkung von Rote-Bete-Saft verstärken.
In einer kleinen Studie sank der Blutdruck von gesunden Testpersonen leicht, wenn sie nach dem Saft zu Kaugummi mit Zucker griffen. Die zuckerfreie Variante blieb wirkungslos.
Ein neues Wundermittel gegen Bluthochdruck ist der süße Kaugummi deshalb zwar nicht. Doch das Ergebnis offenbart ein Zusammenspiel in unserem Körper: Was wir essen, verändert die Chemie in unserem Mund, und beeinflusst direkt, wie effizient der Organismus herzschützende Botenstoffe bildet.

Eine kleine Studie mit interessantem Hinweis

In der von Forschern am King’s College London durchgeführten Studie tranken die Teilnehmer rund 70 Milliliter Rote-Bete-Saft, der etwa 400 mg Nitrat enthält, ungefähr so viel wie in einem großen Spinat- oder Blattsalat enthalten ist. Anschließend kauten sie entweder zuckerhaltigen oder zuckerfreien Kaugummi.
Als die Teilnehmer den zuckerhaltigen Kaugummi kauten, sank der systolische Blutdruck um durchschnittlich 2,7 mmHg und der diastolische Blutdruck um 1,9 mmHg. Bei denjenigen, die zuckerfreien Kaugummi kauten, trat keine solche Senkung auf.
Der Effekt schien einige Stunden später nachzulassen. Die Forscher verfolgten die Teilnehmer nicht über diesen Zeitraum hinaus, sodass noch unbekannt ist, wie lange ein etwaiger Nutzen im Alltag anhalten könnte.
„Eine Senkung um etwa 2,7 bis 1,9 mmHg mag gering erscheinen, aber selbst kleine Blutdrucksenkungen können bedeutend sein, wenn es um die Verringerung des kardiovaskulären Risikos geht“, erklärte Dr. Sirisha Vadali, eine staatlich geprüfte Kardiologin und erfahrene Lipidologin, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber Epoch Times.
Für sie zeigen die Ergebnisse vor allem, dass das biologische Prinzip dahinter funktioniert. Ein Grund, die eigene Lebensweise umzustellen, sei das aber nicht: Kaugummikauen könne bewährte Maßnahmen wie ausreichend Bewegung oder eine herzgesunde Ernährung niemals ersetzen.

Warum zuckerhaltiger Kaugummi?

Es ist bereits bekannt, dass nitratreiche Gemüsesorten wie Rote Bete, Spinat und Grünkohl einen gesunden Blutdruck unterstützen.
Sobald Nitrat aus diesen Lebensmitteln in den Blutkreislauf aufgenommen wird, gelangt bis zu ein Viertel davon in die Speicheldrüsen und wird zurück in den Mund abgesondert. Dort wandeln Bakterien auf der Zunge es in Nitrit um, das verschluckt und in den Blutkreislauf aufgenommen wird, wo es in Stickstoffmonoxid umgewandelt werden kann, ein Molekül, das dabei hilft, die Blutgefäße zu entspannen und zu erweitern.
Forschern ist seit Langem bekannt, dass dieser Prozess nicht nur vom Nitrat aus der Nahrung, sondern auch vom oralen Mikrobiom abhängt. Frühere Studien deuteten darauf hin, dass der Säuregrad des Speichels Einfluss darauf hat, wie effizient Mundbakterien diese Umwandlung durchführen.
Das Team des King’s College London machte sich daran, die umgekehrte Frage zu untersuchen: Könnte eine Erhöhung des Säuregehalts des Speichels die Stickstoffmonoxidproduktion steigern? Kaugummi erwies sich als praktisches Mittel, um den pH-Wert des Speichels zu beeinflussen.
Der zuckerhaltige Kaugummi senkte den pH-Wert des Speichels um etwa 1,4 Einheiten, während der zuckerfreie Kaugummi ihn um 0,38 Einheiten erhöhte. Normaler Speichel liegt bei etwa 6,7 bis 7,4. Der zuckerfreie Kaugummi machte den Speichel etwas basischer, während der zuckerhaltige Kaugummi ihn saurer machte.
Die Verschiebung des pH-Werts schien von Bedeutung zu sein. Teilnehmer, die zuckerhaltigen Kaugummi kauten, wiesen im Speichel um 45 Prozent höhere Nitritwerte und im Blut um 25 Prozent höhere Werte auf als beim Kauen von zuckerfreiem Kaugummi, was mit dem leichten Blutdruckabfall einherging.
„Je saurer, desto aktiver“, erklärte Dr. Andrew Webb, klinischer Dozent an der School of Cardiovascular and Metabolic Medicine & Sciences am King’s College London und korrespondierender Autor der Studie, gegenüber Epoch Times.
Die Versauerung des Speichels nach dem Trinken von Rote-Bete-Saft schien den Nitrat-Nitrit-Stickstoffmonoxid-Stoffwechselweg des Körpers zu verstärken, sagte er.
Die Ergebnisse seien möglicherweise nicht auf zuckerhaltigen Kaugummi beschränkt, sagte er. „Wir gehen davon aus, dass auch andere Methoden zur Veränderung des pH-Werts eine Wirkung hätten“, wobei er anmerkte, dass auch Kaffee den pH-Wert des Speichels senkt.

Kaugummi ist nicht die Lösung

Angesichts der potenziellen schädlichen Auswirkungen wiederholter Zuckereinnahme auf die Zahngesundheit empfehlen die Forscher nicht, regelmäßig zuckerhaltigen Kaugummi zu kauen, um den Blutdruck zu senken.
„Insgesamt scheint eine gute Zahnhygiene die Nitratumwandlung zu fördern“, merkte Webb an und unterstrich, dass Mundgesundheit und der Nitrat-Stoffwechselweg miteinander verflochten sind und nicht im Widerspruch zueinander stehen.
Kara Siedman, staatlich geprüfte Ernährungsberaterin in den USA, warnte davor, zuckerhaltigen Kaugummi als langfristige Strategie zur Verbesserung der Stickstoffmonoxidproduktion zu betrachten. Stattdessen betonte sie die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung und von Gewohnheiten, die ein gesundes orales Mikrobiom unterstützen.
„Das orale Mikrobiom ist nach dem Darm die zweitgrößte mikrobielle Gemeinschaft im Körper und spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit des gesamten Körpers“, erklärte Siedman gegenüber Epoch Times.

Den Nitrat-Nitrit-Stoffwechselweg auf natürliche Weise unterstützen

Aufgrund seiner zentralen Rolle im Nitrat-Nitrit-Stickstoffmonoxid-Stoffwechselweg sei es wichtig, die dafür zuständigen Bakterien zu unterstützen, ohne dabei ein Umfeld zu schaffen, das Zähnen oder Zahnfleisch schaden könnte, so Siedman.
Sie empfiehlt den Verzehr von nitratreichem Gemüse wie Rote Bete, Rucola, Spinat und Blattgemüse. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 ergab, dass eine tägliche Nitrataufnahme von 200 bis 800 mg aus Rote-Bete-Saft bei Menschen mit Bluthochdruck mit einem durchschnittlichen Rückgang des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg verbunden war – ein weitaus größerer Effekt als der in der Zahnfleischstudie beobachtete.
Siedman empfiehlt, eine gute Mundhygiene zu pflegen, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen und einen gesunden Speichelfluss zu fördern.
Vorsicht geboten sei auch bei scharfen Mundspülungen: Wer zu oft zu antiseptischen Mitteln greife, insbesondere solchen mit dem Wirkstoff Chlorhexidin, töte genau jene Nützlinge im Mund ab, die für die Umwandlung von Nitrat nötig sind, warnt Webb.
Studien haben die Verwendung von Chlorhexidin-Mundspülungen mit einem Anstieg des Blutdrucks in Verbindung gebracht.
Im Gegensatz dazu beeinträchtigen Rauchen, Parodontitis, das Altern und hormonelle Veränderungen, wie sie beispielsweise in den Wechseljahren auftreten, das mikrobielle Gleichgewicht und die Verfügbarkeit von Stickstoffmonoxid, so Siedman.
„Die kardiovaskuläre Gesundheit sollte ganzheitlich betrachtet werden“, sagte Vadali. Die allgemeine Erkenntnis ist nicht, dass Menschen zuckerhaltigen Kaugummi kauen sollten, um den Blutdruck zu senken, sondern dass sie ein gesundes orales Mikrobiom aufrechterhalten sollten.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Scientists Discover an Unexpected Way to Boost Beet Juice’s Blood Pressure Benefits“. (deutsche Bearbeitung kr)
Categories
etplus ticker vital

Ein Tabu-Produkt verstärkt plötzlich die Wirkung von Blutdrucksenkern

Wissenschaftler sind auf ein überraschendes Phänomen gestoßen: Ausgerechnet zuckerhaltiger Kaugummi, das Schreckgespenst eines jeden Zahnarztes, könnte die blutdrucksenkende Wirkung von Rote-Bete-Saft verstärken.
In einer kleinen Studie sank der Blutdruck von gesunden Testpersonen leicht, wenn sie nach dem Saft zu Kaugummi mit Zucker griffen. Die zuckerfreie Variante blieb wirkungslos.
Ein neues Wundermittel gegen Bluthochdruck ist der süße Kaugummi deshalb zwar nicht. Doch das Ergebnis offenbart ein Zusammenspiel in unserem Körper: Was wir essen, verändert die Chemie in unserem Mund, und beeinflusst direkt, wie effizient der Organismus herzschützende Botenstoffe bildet.

Eine kleine Studie mit interessantem Hinweis

In der von Forschern am King’s College London durchgeführten Studie tranken die Teilnehmer rund 70 Milliliter Rote-Bete-Saft, der etwa 400 mg Nitrat enthält, ungefähr so viel wie in einem großen Spinat- oder Blattsalat enthalten ist. Anschließend kauten sie entweder zuckerhaltigen oder zuckerfreien Kaugummi.
Als die Teilnehmer den zuckerhaltigen Kaugummi kauten, sank der systolische Blutdruck um durchschnittlich 2,7 mmHg und der diastolische Blutdruck um 1,9 mmHg. Bei denjenigen, die zuckerfreien Kaugummi kauten, trat keine solche Senkung auf.
Der Effekt schien einige Stunden später nachzulassen. Die Forscher verfolgten die Teilnehmer nicht über diesen Zeitraum hinaus, sodass noch unbekannt ist, wie lange ein etwaiger Nutzen im Alltag anhalten könnte.
„Eine Senkung um etwa 2,7 bis 1,9 mmHg mag gering erscheinen, aber selbst kleine Blutdrucksenkungen können bedeutend sein, wenn es um die Verringerung des kardiovaskulären Risikos geht“, erklärte Dr. Sirisha Vadali, eine staatlich geprüfte Kardiologin und erfahrene Lipidologin, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber Epoch Times.
Für sie zeigen die Ergebnisse vor allem, dass das biologische Prinzip dahinter funktioniert. Ein Grund, die eigene Lebensweise umzustellen, sei das aber nicht: Kaugummikauen könne bewährte Maßnahmen wie ausreichend Bewegung oder eine herzgesunde Ernährung niemals ersetzen.

Warum zuckerhaltiger Kaugummi?

Es ist bereits bekannt, dass nitratreiche Gemüsesorten wie Rote Bete, Spinat und Grünkohl einen gesunden Blutdruck unterstützen.
Sobald Nitrat aus diesen Lebensmitteln in den Blutkreislauf aufgenommen wird, gelangt bis zu ein Viertel davon in die Speicheldrüsen und wird zurück in den Mund abgesondert. Dort wandeln Bakterien auf der Zunge es in Nitrit um, das verschluckt und in den Blutkreislauf aufgenommen wird, wo es in Stickstoffmonoxid umgewandelt werden kann, ein Molekül, das dabei hilft, die Blutgefäße zu entspannen und zu erweitern.
Forschern ist seit Langem bekannt, dass dieser Prozess nicht nur vom Nitrat aus der Nahrung, sondern auch vom oralen Mikrobiom abhängt. Frühere Studien deuteten darauf hin, dass der Säuregrad des Speichels Einfluss darauf hat, wie effizient Mundbakterien diese Umwandlung durchführen.
Das Team des King’s College London machte sich daran, die umgekehrte Frage zu untersuchen: Könnte eine Erhöhung des Säuregehalts des Speichels die Stickstoffmonoxidproduktion steigern? Kaugummi erwies sich als praktisches Mittel, um den pH-Wert des Speichels zu beeinflussen.
Der zuckerhaltige Kaugummi senkte den pH-Wert des Speichels um etwa 1,4 Einheiten, während der zuckerfreie Kaugummi ihn um 0,38 Einheiten erhöhte. Normaler Speichel liegt bei etwa 6,7 bis 7,4. Der zuckerfreie Kaugummi machte den Speichel etwas basischer, während der zuckerhaltige Kaugummi ihn saurer machte.
Die Verschiebung des pH-Werts schien von Bedeutung zu sein. Teilnehmer, die zuckerhaltigen Kaugummi kauten, wiesen im Speichel um 45 Prozent höhere Nitritwerte und im Blut um 25 Prozent höhere Werte auf als beim Kauen von zuckerfreiem Kaugummi, was mit dem leichten Blutdruckabfall einherging.
„Je saurer, desto aktiver“, erklärte Dr. Andrew Webb, klinischer Dozent an der School of Cardiovascular and Metabolic Medicine & Sciences am King’s College London und korrespondierender Autor der Studie, gegenüber Epoch Times.
Die Versauerung des Speichels nach dem Trinken von Rote-Bete-Saft schien den Nitrat-Nitrit-Stickstoffmonoxid-Stoffwechselweg des Körpers zu verstärken, sagte er.
Die Ergebnisse seien möglicherweise nicht auf zuckerhaltigen Kaugummi beschränkt, sagte er. „Wir gehen davon aus, dass auch andere Methoden zur Veränderung des pH-Werts eine Wirkung hätten“, wobei er anmerkte, dass auch Kaffee den pH-Wert des Speichels senkt.

Kaugummi ist nicht die Lösung

Angesichts der potenziellen schädlichen Auswirkungen wiederholter Zuckereinnahme auf die Zahngesundheit empfehlen die Forscher nicht, regelmäßig zuckerhaltigen Kaugummi zu kauen, um den Blutdruck zu senken.
„Insgesamt scheint eine gute Zahnhygiene die Nitratumwandlung zu fördern“, merkte Webb an und unterstrich, dass Mundgesundheit und der Nitrat-Stoffwechselweg miteinander verflochten sind und nicht im Widerspruch zueinander stehen.
Kara Siedman, staatlich geprüfte Ernährungsberaterin in den USA, warnte davor, zuckerhaltigen Kaugummi als langfristige Strategie zur Verbesserung der Stickstoffmonoxidproduktion zu betrachten. Stattdessen betonte sie die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung und von Gewohnheiten, die ein gesundes orales Mikrobiom unterstützen.
„Das orale Mikrobiom ist nach dem Darm die zweitgrößte mikrobielle Gemeinschaft im Körper und spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit des gesamten Körpers“, erklärte Siedman gegenüber Epoch Times.

Den Nitrat-Nitrit-Stoffwechselweg auf natürliche Weise unterstützen

Aufgrund seiner zentralen Rolle im Nitrat-Nitrit-Stickstoffmonoxid-Stoffwechselweg sei es wichtig, die dafür zuständigen Bakterien zu unterstützen, ohne dabei ein Umfeld zu schaffen, das Zähnen oder Zahnfleisch schaden könnte, so Siedman.
Sie empfiehlt den Verzehr von nitratreichem Gemüse wie Rote Bete, Rucola, Spinat und Blattgemüse. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 ergab, dass eine tägliche Nitrataufnahme von 200 bis 800 mg aus Rote-Bete-Saft bei Menschen mit Bluthochdruck mit einem durchschnittlichen Rückgang des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg verbunden war – ein weitaus größerer Effekt als der in der Zahnfleischstudie beobachtete.
Siedman empfiehlt, eine gute Mundhygiene zu pflegen, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen und einen gesunden Speichelfluss zu fördern.
Vorsicht geboten sei auch bei scharfen Mundspülungen: Wer zu oft zu antiseptischen Mitteln greife, insbesondere solchen mit dem Wirkstoff Chlorhexidin, töte genau jene Nützlinge im Mund ab, die für die Umwandlung von Nitrat nötig sind, warnt Webb.
Studien haben die Verwendung von Chlorhexidin-Mundspülungen mit einem Anstieg des Blutdrucks in Verbindung gebracht.
Im Gegensatz dazu beeinträchtigen Rauchen, Parodontitis, das Altern und hormonelle Veränderungen, wie sie beispielsweise in den Wechseljahren auftreten, das mikrobielle Gleichgewicht und die Verfügbarkeit von Stickstoffmonoxid, so Siedman.
„Die kardiovaskuläre Gesundheit sollte ganzheitlich betrachtet werden“, sagte Vadali. Die allgemeine Erkenntnis ist nicht, dass Menschen zuckerhaltigen Kaugummi kauen sollten, um den Blutdruck zu senken, sondern dass sie ein gesundes orales Mikrobiom aufrechterhalten sollten.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Scientists Discover an Unexpected Way to Boost Beet Juice’s Blood Pressure Benefits“. (deutsche Bearbeitung kr)
Categories
deutschland etplus ticker

Bauernverband gegen staatliche Preisdiktate: Kritik an Pachtreform


In Kürze:

  • Landwirtschaftliche Verbände kritisieren den Pachtpreisdeckel im EEG-Entwurf der Bundesregierung.
  • Der Deutsche Bauernverband spricht unter anderem von einem unnötigen Markteingriff des Staates.
  • Auch andere Verbände weisen auf mehrere Nachteile für Landwirte hin wie geringere Einnahmen.
  • Der Pachtdeckel könnte ein Dämpfer für die Energiewende sein und ein Gewinn für die Landwirtschaft.

 
Die Verpachtung einer Agrar- oder Forstfläche für eine Windkraftanlage ist für die Besitzer – meist Landwirte – ein lukratives Geschäft. Aktuell bieten die Anlagenbetreiber Pachtpreise zwischen 20.000 und 50.000 Euro pro Jahr und Anlage, teilweise auch deutlich darüber. Nach jüngster Entwicklung kann eine Pacht auch bei über 400.000 Euro pro Jahr und Anlage liegen.
Für diese Energieanlagenverpachtung können Landwirte weitaus mehr Pacht erhalten als für eine Landwirtschaftsverpachtung. Der Faktor kann mehr als 2.000 sein, da eine herkömmliche Pacht für Feldanbau im Bundesdurchschnitt bei 357 Euro pro Hektar und Jahr liegt. Am teuersten ist sie mit 560 Euro in NRW. Hierbei ist zu erwähnen, dass Windräder oft nur einen halben Hektar an Fläche oder weniger benötigen.

Reformplan reduziert den Geldfluss deutlich

Doch diese äußerst ertragreiche Einkommensquelle könnte bald um bis über 70 Prozent schmaler werden. Denn das Bundeswirtschaftsministerium plant die Einführung eines Pachtpreisdeckels für Windräder. Das geht aus dem Entwurf zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für 2027, kurz EEG-Entwurf, hervor. Aktuell befindet er sich noch im Gesetzgebungsverfahren.
Am 29. Juli hat das Bundeskabinett den Pachtdeckel im Rahmen des Gesetzentwurfs zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) mit einer Änderung beschlossen. Auf Anfrage der Epoch Times teilte die Pressestelle des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie mit, womit Landwirte ab 2027 rechnen müssen.
Die Bundesregierung hat sich „darauf verständigt, die maximal zulässige jährliche Pachthöhe auf 3,5 Prozent des jährlich erzielbaren Standortertrags der Windenergieanlage zu begrenzen“. Momentan sind hier Werte zwischen 7 und 12 Prozent üblich. Zuvor wurde über eine Beschränkung auf 2,5 Prozent nachgedacht.
Für Landwirte mit geeigneten, aber noch ungenutzten Flächen hat die Reform damit erhebliche finanzielle Konsequenzen. Bestehende Verträge sind davon nicht unmittelbar betroffen.
Die Ministeriumssprecherin Susanne Ungrad bezifferte „die maximal mögliche [künftige] Pachthöhe bei rund 35.000 Euro“ für Grundbesitzer und durchschnittliche Windkraftanlagen an Land. Der Wert könne je nach Windenergieanlagentyp und Windaufkommen noch von diesem Wert abweichen.

Geringere Einsparungen für den Bund

Laut Ungrad „bieten die in der Vergangenheit zum Teil sehr hohen Pachtkosten nach unseren Analysen erhebliches weiteres Potenzial zur Reduktion der EEG-Förderkosten und damit zur Entlastung des Bundeshaushalts“. Unter Berücksichtigung der neuerlichen Anpassung auf 3,5 Prozent erwartet das Ministerium für den Zeitraum von 2027 bis 2032 Einsparungen von rund 160 Millionen Euro weniger.
Der Grund ist die Einspeisevergütung durch das EEG-Konto: Die aktuellen Pachtpreise stellen für die Anlagenbetreiber Kosten dar, die in ihre Kalkulationen einfließen. Diese beeinflussen die Gebote in den EEG-Ausschreibungen. Je höher die Pachtkosten, umso höher sind auch die Förderkosten, die der Staat über den EEG-Haushalt tragen muss. Sind die Einnahmen aus der Vermarktung des Stroms niedriger als die Vergütung, gleicht der Staat die Differenz aus. Das zahlen letztlich die Steuerzahler.
So steuerte der Bund im vergangenen Jahr rund 16,5 Milliarden Euro an Steuergeldern in das EEG-Konto, im ersten Halbjahr 2026 waren es gut 7,5 Milliarden Euro. Die mögliche Einsparung bewegt sich also im Bereich von einem Prozent.
Mit der Begrenzung der Pachthöhen will das Ministerium gleichzeitig „die Kosten einzelner Windenergieprojekte spürbar senken“, so Ungrad. Das könnte diese nochmals rentabler machen, auch wenn die staatlichen Zuschüsse sinken.

Kritik an staatlichem Eingriff

Ob sich dieser Kürzungsplan der Bundesregierung bis zum Ende des Gesetzgebungsverfahrens durchsetzen wird, ist allerdings ungewiss. Gegenwind kommt besonders von Bauern- und Forstverbänden.
Aus Sicht des Deutschen Bauernverbandes ist der geplante Pachtdeckel für Windenergieanlagen „völlig unverständlich“. In der Pressemitteilung vom 20. Juli, also noch vor der Lockerung im Kabinett, bezeichnet er dessen mögliche Nachteile:
„Er ist ein unnötiger Eingriff in den Markt, schränkt die Vertragsfreiheit der Flächeneigentümer ein und schafft zusätzliche Bürokratie.“
Der Unternehmerverband und Interessenvertreter für alle Landwirte in Deutschland erwartet „deshalb im weiteren Gesetzgebungsverfahren deutliche Nachbesserungen“.

Vollständige Ablehnung des Pachtdeckels gefordert

Epoch Times fragte beim Bauernverband nach, welche Nachbesserungen dieser konkret erwartet. In der uns bereitgestellten Stellungnahme zum EEG 2027 forderte der Deutsche Bauernverband nicht weniger als den vollständigen „Verzicht des Windpachtdeckels“. Somit würde der Bauernverband auch die Lockerung des Kabinetts nicht tolerieren.
Der Verband kritisierte vor allem, dass der Bund trotz der genannten Einschränkungen für die Landwirte keinen „belastbaren Nachweis für eine Senkung der EEG-Förderkosten oder eine Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien“ darlegt. Das sind im EEG-Entwurf erklärte Ziele, die der Bund erreichen will.
Laut dem Verband bestimmen zahlreiche Faktoren im Wettbewerb der Ausschreibungen die Höhe der Förderkosten. Nur einer davon seien die Pachtzahlungen, sie seien somit nicht maßgeblich. „Flächeneigentümer sind unverzichtbare Partner der Energiewende“, heißt es in der Stellungnahme. Bisher habe die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Grundstückseigentümern und Projektierern „ohne staatliche Preiseingriffe erfolgreich funktioniert“ und die Windenergie wesentlich vorangebracht.
Viele Landesbauernverbände der einzelnen Bundesländer teilen die Kritik des Deutschen Bauernverbandes. So auch der Landesbauernverband Brandenburg e.V. Dort ist Ulrich Böhm Referent für allgemeine Agrarpolitik. Gegenüber Epoch Times teilte er mit, dass der geplante Pachtdeckel „ein nicht gerechtfertigter, einseitiger, staatlicher Eingriff in die private Vertragsgestaltung“ sei.
Durch diese Neuerung gingen „den Grundeigentümern bzw. Verpächtern und Betrieben Einnahmemöglichkeiten verloren“. Allerdings existiert diese Einnahmemöglichkeit erst durch die staatliche Förderung der Windkraft. Laut Böhm bestehe mit der Reform das Risiko, „dass die breitere Beteiligung der Bodeneigentümer und Landwirte an der Energiewende beeinträchtigt wird“.
Oder anders gesagt: Durch einen Pachtdeckel könnte die Energiewende wichtige Unterstützer im landwirtschaftlichen Sektor verlieren. Ob das jedoch das Flächenpotenzial der Windkraft einschränkt, ist noch unklar.

Ungünstigere Verhandlungsposition

Besonders kritisiert der Deutsche Bauernverband, dass die Regelung „die Verhandlungsposition der Flächeneigentümer verschlechtert“. Zwar seien auch mit der Reform in Zukunft noch rechtlich höhere Entgelte möglich. Die vorgesehenen Sanktionen erzeugen auf die Landwirte jedoch einen „erheblichen Druck, die staatlich vorgegebene Grenze einzuhalten“. Von diesem Preisdeckel würden einzig die Projektierer und Energieunternehmen profitieren.
Als weiteren Nachteil nennt der Verband Rechts- und Investitionsunsicherheiten für bereits abgeschlossene Verträge durch die Reform. „Sie greift in langfristig ausgehandelte Vertragsverhältnisse ein und untergräbt das Vertrauen in bestehende Vereinbarungen“, erklärte der Verband. Manche Vertragspartner könnten mit der Einführung des Pachtdeckels eine Vertragsanpassung fordern.
Anstatt einen Windpachtdeckel einzuführen, solle die Regierung laut dem Bauernverband „stattdessen die tatsächlichen Hemmnisse des Ausbaus erneuerbarer Energien, insbesondere Genehmigungsprozesse, Netzengpässe und Finanzierungsbedingungen, gezielt angehen.“
Der Bauernverband wies allerdings darauf hin, dass die Landwirtschaft grundsätzlich dazu bereit ist, „ihren Beitrag zu einer sicheren, heimischen und dezentralen Energieversorgung zu leisten“. Dafür könne die Bundesregierung mit dem EEG die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. „Zusätzliche Investitionshemmnisse müssen dabei aber zwingend vermieden werden“, so der Verband.
„Statt die Bereitschaft zur Flächenbereitstellung durch staatliche Preisdiktate zu schwächen, müssen Anreize für die Bereitstellung geeigneter Flächen erhalten bleiben.“
Bei weiterhin hundertfach erhöhten Pachterträgen ist davon auszugehen, dass letzteres weiterhin gegeben ist.

Wie Betreiber den Pachtdeckel betrachten

In Deutschland gibt es zahlreiche Betreiber von Windkraftanlagen. Zu ihrem Standpunkt äußerte sich das Unternehmen ABO Energy, das weltweit bereits mehr als 1.300 Windräder, davon rund 550 in Deutschland, realisiert hat. „Wir errichten Windenergieanlagen ausschließlich auf gepachteten Flächen“, teilte der Pressesprecher Dr. Daniel Duben der Epoch Times mit. Auch künftig plant der Projektentwickler ABO Energy in vergleichbarem Umfang Projekte zu errichten.
ABO Energy geht laut Duben davon aus, „dass sich die Pachten aufgrund des Preisdrucks am Markt auch ohne staatliche Eingriffe deutlich verringern werden“. Das begründete er mit der aktuellen massiven Überzeichnung der Ausschreibungen für Windkraftanlagen an Land. Demnach drücke der Wettbewerb die Preise weiter nach unten. Das Wirtschaftsministerium bestätigte diese Entwicklung.
„In der Mai-Ausschreibung erreichte die Vergütung mit einem durchschnittlichen mengengewichteten Zuschlagswert von 5,06 Cent pro Kilowattstunde den niedrigsten Stand seit Jahren“, erklärte Duben. „Es liegt auf der Hand, dass bei fallenden Erlösen auf dieser Seite auch die zahlbaren Pachten auf der anderen Seite fallen müssen, damit sich die Projekte wirtschaftlich rechnen.“

Ein Gewinn für die Landwirtschaft?

Auch ein fertiges Windrad benötigt nur wenig Fläche. Neben den eigentlichen Bau- und angrenzenden Stellflächen sowie Zuwegen können Landwirte nach dem Bau der Anlage wieder Landwirtschaft betreiben, auch wenn das Areal der Windkraft gewidmet ist.
Eine Einschränkung gibt es dennoch. Speziell von den Rotorblättern können sich Mikropartikel ablösen, die unter anderem giftigen Chemikalien wie PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) und BPA (Bisphenol-A) enthalten. Pro Jahr können sich durch ein großes Windrad rund 100 Kilogramm in der direkten Umgebung der Anlage verteilen und die landwirtschaftliche Nutzung dadurch einschränken.
Falls der Pachtdeckel kommt und dadurch weniger noch verfügbare Flächen der Windkraft gewidmet werden, könnten diese uneingeschränkt für die landwirtschaftliche Nutzung erhalten bleiben.
Categories
etplus gesellschaft meinung ticker

„Genug gearbeitet“ – Eigenverantwortung: Freiheit braucht klare Grenzen

„Die sollen eigenverantwortlicher arbeiten.“ Dieser Wunsch ist in fast jedem Unternehmen zu hören. Er klingt gut. Modern. Entlastend. Doch Eigenverantwortung entsteht nicht dadurch, dass man sie fordert. Sie entsteht durch einen Rahmen, in dem Menschen Verantwortung tatsächlich übernehmen können.
Freiheit ohne Grenze ist Unsicherheit. Grenze ohne Freiheit ist Kontrolle. Eigenverantwortung benötigt beides: Spielraum und Orientierung.
Viele Führungskräfte geben Aufgaben ab und wundern sich, dass Rückfragen kommen. Dabei wurde oft nur gesagt, was zu tun ist, nicht aber, was entschieden werden darf. Dann entstehen zwei ungünstige Varianten: Die einen fragen ständig nach. Die anderen entscheiden mutig und bekommen später Ärger, weil es „so nicht gemeint“ war.
Ein Team entwickelte eine einfache Entscheidungsmatrix:
  • Grün: Entscheidung allein durch Person oder Team
  • Gelb: Entscheidung möglich, Führung wird vorher informiert
  • Rot: Entscheidung nur gemeinsam – bei hohem Risiko, hohen Kosten oder hoher Wirkung
Diese drei Farben ersetzten viele Diskussionen. Plötzlich wurde Eigenverantwortung nicht mehr als Charakterfrage behandelt, sondern als Arbeitsstruktur.
Genug gearbeitet. Genug Energie in Rückfragen verloren, die nur entstehen, weil Grenzen unklar sind.
Eigenverantwortung hat auch mit Fehlerkultur zu tun. Wer Verantwortung übernimmt, wird nicht immer perfekt entscheiden. Deshalb braucht es Rückendeckung. Nicht Freifahrtschein, sondern Fairness: Was war bekannt? Was war der Rahmen? Was lernen wir daraus?
Ein wirksamer Führungssatz lautet: „Das ist deine Entscheidung. Ich stehe hinter dir, und wir schauen danach gemeinsam auf die Wirkung.“ Dieser Satz verändert viel. Er gibt Zutrauen und hält die Verbindung aufrecht.
Eigenverantwortung wächst in kleinen Schritten:
  • Eine Entscheidung wirklich abgeben.
  • Das Ergebnis besprechen, nicht jeden Zwischenschritt kontrollieren.
  • Gute Entscheidungen sichtbar anerkennen.
  • Fehler nutzen, um den Rahmen zu verbessern.
Wer mehr Eigenverantwortung will, muss auch die eigene Rolle verändern. Weniger Retter. Weniger letzte Instanz für alles. Mehr Orientierungsgeber von Richtung, Grenze und Maßstab.
Das ist für viele Führungskräfte unbequem. Denn es nimmt ihnen die schnelle Befriedigung, selbst alles zu lösen. Aber es schafft langfristig Entlastung und Wachstum.
Genug gearbeitet. Welche Entscheidung könnten Sie diese Woche wirklich abgeben – nicht nur die Arbeit daran?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
Categories
etplus gesellschaft ticker

Sammlung von Daten: Was Ihr Auto ohne Ihr Wissen auswertet


In Kürze:

  • Moderne Autos sammeln inzwischen durch Sensoren, Kameras, Mikrofone und GPS riesige Datenmengen.
  • Mehrere Unternehmen haben sich bereits auf die Erfassung und sogar den Weiterverkauf der Daten spezialisiert.
  • Datenschutzbehörden warnen vor möglicherweise unkorrektem Gebrauch personenbezogener Daten.

 
Autofahrer sind sich oft gar nicht über die riesige Datenmenge bewusst, die in ihrem Auto in Echtzeit übermittelt wird. Die Daten speisen ein unscheinbares Ökosystem, in dem Automobilhersteller, spezialisierte Start-ups und Versicherer um eine Ressource konkurrieren, die mittlerweile strategische Bedeutung erlangt hat.
Vom Bremsverhalten über die Standortbestimmung bis hin zu den täglichen Fahrten und bestimmten Nutzungsgewohnheiten des mit dem Auto verbundenen Smartphones zeichnen diese Daten ein äußerst präzises Bild des Fahrers. Dies geht so weit, dass nach Ansicht einiger Experten das moderne Auto manchmal mehr über seinen Besitzer weiß als dessen eigenes Mobiltelefon.

Massive Datenerfassung im Fahrzeuginneren

Laut Studien, auf die sich mehrere Akteure der Branche berufen, kann ein vernetztes Fahrzeug rund 25 GB Daten pro Betriebsstunde erzeugen. Diese allgemeine, nicht auf bestimmte Modelle bezogene Zahl wird immer wieder von verschiedenen Quellen genannt. Je nach Modell kann die Datenmenge niedriger oder höher sein. Auch eine aktuelle Untersuchung der französischen Tageszeitung „Le Parisien“ nennt diese Größenordnung.
Darin ist die Rede von „einem kolossalen Datenvolumen, das in Echtzeit ohne Ihr Wissen übertragen wird“. Gleichzeitig werde nur ein Bruchteil dieser Informationen tatsächlich genutzt, während der Rest in riesige Datenbanken fließe.
Die Daten sammeln Sensoren, Kameras, GPS, Mikrofone und die Navigationssoftware. Diese Einheiten erfassen Geschwindigkeit, Beschleunigungen, Bremsvorgänge, Lenkwinkel, Temperaturen, aber auch besuchte Orte oder Fahrgewohnheiten.
Die Fahrzeughersteller sind nach wie vor die Hauptinhaber dieser Datenströme. Sie speichern die Informationen auf ihren eigenen Servern, oft außerhalb der direkten Reichweite des Nutzers. Dies geschieht trotz der Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und der spezifischen europäischen Richtlinien für vernetzte Fahrzeuge.

Start-ups und Versicherer auf der Suche nach neuen Daten

Rund um diese Ressource hat sich ein boomender Markt entwickelt. Start-ups haben sich auf die Erfassung, Aggregation und den Weiterverkauf von Fahrzeugdaten spezialisiert, insbesondere für die Bedürfnisse von Flottenmanagern, Mobilitätsanbietern oder Versicherungsgesellschaften.
In Frankreich bieten Start-ups wie Linkbycar an, Fahrzeuge verschiedener Marken zu vernetzen und deren Daten zu analysieren, um Dienstleistungen anzubieten, die von der vorausschauenden Wartung bis zur Optimierung von Versicherungsverträgen reichen. Auch in Deutschland gibt es solche Unternehmen wie CARUSO Dataplace oder autoaid.
Die Versicherer sehen in diesen Informationen ein leistungsstarkes Instrument zur Risikomodellierung. Frankreichs Versichererverband „France Assureurs“ betont, dass der Zugriff auf Fahrdaten es ermöglicht, Angebote individuell anzupassen, Betrug zu bekämpfen und die Schadenabwicklung zu verbessern. Voraussetzung dafür ist die Einhaltung der Grundsätze der Verhältnismäßigkeit, der ausdrücklichen Einwilligung und der Anonymisierung.

Zwischen Sicherheitsversprechen und wirtschaftlichen Herausforderungen

Die Automobilhersteller begründen die Erfassung eines Teils dieser Daten mit Sicherheits- und Komfortanforderungen. Ihren Argumenten zufolge ermöglicht die detaillierte Analyse des Fahrverhaltens, bestimmte Pannen vorherzusehen, Fahrerassistenzsysteme zu verbessern oder Software-Updates einzuspielen, die darauf abzielen, das Unfallrisiko zu verringern.
Diese Informationen dienen auch der Entwicklung neuer kostenpflichtiger Dienste, sei es in Form von vernetzten Abonnements, integrierten Versicherungsangeboten oder Optionen zur individuellen Gestaltung des Fahrerlebnisses. Einige Konzerne haben bereits eigene Versicherungsprodukte auf den Markt gebracht, die zumindest teilweise auf den vom Fahrzeug erfassten Fahrdaten basieren.
Der Hersteller wird dabei zu einem unverzichtbaren Vermittler zwischen dem Fahrer und anderen Akteuren, die an diesen Daten interessiert sind, seien es Versicherer, Autovermieter oder Mobilitätsunternehmen. Das erhöht den strategischen Wert dieser Informationen für die Automobilindustrie noch weiter.

Wachsame Datenschutzbehörden

Angesichts dieser Entwicklung warnen die Datenschutzbehörden immer wieder eindringlich. Der Europäische Datenschutzausschuss (EDPB) weist in seinen Leitlinien darauf hin, dass alle Fahrzeuginformationen, die direkt oder indirekt einem Fahrer oder Beifahrer zugeordnet werden können – insbesondere Standortdaten –, als personenbezogene Daten gelten.
Diese Leitlinien heben mehrere Grundsätze hervor. Dazu gehören die Beschränkung der Datenerhebung auf das Notwendige, klare rechtliche Voraussetzungen für die Weitergabe an Dritte, eine begrenzte Aufbewahrungsdauer sowie die Verschlüsselung der lokal oder in der Cloud gespeicherten Daten. Sie betonen zudem, dass der Nutzer einfachen Zugriff auf seine Informationen haben und sein Widerspruchs- oder Löschungsrecht ausüben können muss.
Für die Behörden steht viel auf dem Spiel: Es gilt zu verhindern, dass diese Daten, die kontinuierlich von Millionen von Fahrzeugen erzeugt werden, zu einem weit verbreiteten Instrument zur Überwachung von Bewegungen und Verhaltensweisen werden, ohne dass der betroffene Autofahrer eine echte Kontrolle darüber hat.

Kampf um die Datenkontrolle

Zwischen dem Versprechen einer sichereren Mobilität und der Befürchtung einer verstärkten Überwachung sind Fahrzeugdaten zu einem ständigen Verhandlungsthema geworden. Hersteller, Start-ups und Versicherer verweisen auf die potenziellen Vorteile in Bezug auf Verkehrssicherheit, innovative Dienste und eine differenziertere Preisgestaltung. Die Regulierungsbehörden versuchen hingegen, Maßnahmen zum Schutz der Privatsphäre festzulegen.
Da in den kommenden Jahren nahezu alle Neufahrzeuge vernetzt sein werden, bleibt die zentrale Frage: Wer entscheidet über die Nutzung dieser riesigen Datenmengen, die pro Fahrstunde generiert werden? Und zu wessen Gunsten?
Für Autofahrer ist das nicht nur eine technische Frage. Es geht um die Kontrolle über die eigenen Daten sowie um die Transparenz der Akteure, die diese Daten verwerten. Zudem stellt sich die Frage, ob man in voller Kenntnis der Sachlage entscheiden kann, welche Dienste es wert sind, dafür eine stärkere Einbeziehung des eigenen Alltags in die Algorithmen in Kauf zu nehmen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf epochtimes.fr unter dem Titel „Voiture connectée : jusqu’à 25 Go de données générées par trajet, exploitées à votre insu“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung mf)
Categories
etplus meinung ticker vital

Manipulation im Alltag: Wie frei ist unsere Entscheidung wirklich?


In Kürze:

  • Unser Gehirn arbeitet mit Abkürzungen. Das macht uns effektiv, aber anfällig für Manipulation.
  • Wer weiß, wie Menschen denken und fühlen, kann dieses Wissen gezielt einsetzen – zum Guten, aber auch zum eigenen Vorteil.
  • Künstlicher Zeitdruck und induzierte Gefühle sind mächtige Werkzeuge der Manipulation, aber nicht die Einzigen.
  • Freie Entscheidung beginnt daher mit einer Pause und einer Frage an sich selbst.

 
Jeden Tag treffen wir unzählige Entscheidungen. Wir wählen, was wir einkaufen, wem wir vertrauen, welche Nachrichten wir glauben oder wie wir auf andere Menschen reagieren. Dabei sind wir überzeugt, frei und unabhängig zu entscheiden. Doch die Wahrheit ist: Unser Gehirn arbeitet mit Abkürzungen. Diese sogenannten mentalen Heuristiken helfen uns, schnell Entscheidungen zu treffen – machen uns aber gleichzeitig anfällig für Manipulation.
Manipulation begegnet uns überall. Sie findet nicht nur in der Werbung statt, sondern auch in Beziehungen, im Berufsleben, in den sozialen Medien und in der Politik. Oft geschieht sie so subtil, dass wir sie gar nicht bemerken. Erst im Nachhinein fragen wir uns: „Warum habe ich eigentlich zugestimmt?“, oder „Wie konnte ich mich darauf einlassen?“

Warum unser Gehirn manipulierbar ist

Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Energie zu sparen. Würden wir jede Entscheidung gründlich analysieren, wären wir bereits vor dem Frühstück erschöpft. Deshalb nutzt unser Denken Faustregeln. Wir orientieren uns an Erfahrungen, Gewohnheiten – und den Reaktionen anderer Menschen.
Diese Abkürzungen funktionieren meistens gut. Genau sie machen uns jedoch berechenbar. Wer weiß, wie Menschen denken und fühlen, kann dieses Wissen gezielt einsetzen – zum Guten, aber auch zum eigenen Vorteil.
Hinzu kommt, dass Gefühle häufig stärker sind als rationale Überlegungen. Angst, Sympathie, Zeitdruck oder das Bedürfnis, dazuzugehören, beeinflussen unser Verhalten oft stärker als Fakten.

Sympathie, Gegenseitigkeit und künstliche Begehrlichkeit

Menschen sagen eher Ja zu Personen, die sie sympathisch finden. Ein freundliches Lächeln, Gemeinsamkeiten oder ein ehrliches Kompliment schaffen Vertrauen. Genau deshalb investieren Verkäufer, Influencer oder geschickte Verhandler zunächst in den Beziehungsaufbau. Wer sich verstanden fühlt, senkt unbewusst seine kritische Haltung.
Natürlich ist Freundlichkeit nichts Negatives. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie ausschließlich dazu dient, Entscheidungen zu beeinflussen.
Wer etwas geschenkt bekommt, verspürt häufig den Wunsch, sich zu revanchieren. Dieses Prinzip ist tief in unserer sozialen Entwicklung verankert. Kostenlose Proben, kleine Geschenke oder vermeintlich unverbindliche Gefälligkeiten erzeugen oft ein Gefühl der Verpflichtung. Dabei spielt der tatsächliche Wert des Geschenks kaum eine Rolle. Entscheidend ist das Gefühl: „Jetzt sollte ich mich erkenntlich zeigen.“
Hinzu kommt: Die Angst, eine Gelegenheit zu verpassen, ist häufig größer als die Freude über einen möglichen Gewinn. Dieses Phänomen wird auch als Fear of Missing Out (FOMO) bezeichnet.
„Nur noch zwei Stück verfügbar.“
„Dieses Angebot gilt nur heute.“
Solche Aussagen begegnen uns ständig. Dahinter steckt ein einfacher psychologischer Mechanismus: Was knapp erscheint, wirkt automatisch wertvoller. In Wirklichkeit reduziert Zeitdruck unsere Fähigkeit, kritisch nachzudenken. Deshalb lohnt es sich fast immer, wichtige Entscheidungen eine Nacht zu überschlafen.

Menge und Autorität sagen nichts über Inhalt

Die Angst, etwas zu verpassen, wirkt aber nicht nur im Einzelhandel. Auch die Anziehungskraft sozialer Netzwerke beruht zum großen Teil auf dem Nicht-Verpassen-Wollen. Zugleich ist hier ein zweiter Effekt am Werk: Wenn viele Menschen etwas tun, muss es doch richtig sein – oder?
Doch Algorithmen kennen unsere Interessen oft erstaunlich genau. Sie zeigen Inhalte, die unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden. Je häufiger wir bestimmte Meinungen lesen, desto vertrauter erscheinen sie uns. Psychologen sprechen vom „Mere-Exposure-Effekt“: Allein die wiederholte Begegnung mit einer Aussage erhöht ihre Glaubwürdigkeit.
Deshalb lohnt es sich, bewusst unterschiedliche Informationsquellen zu nutzen und gelegentlich die eigene Sichtweise zu hinterfragen, denn unser Gehirn orientiert sich an der Gruppe. Tausende positive Bewertungen, lange Warteschlangen oder Formulierungen wie „Bestseller“ oder „Die Nummer 1“ erzeugen Vertrauen. Dieses Prinzip ist besonders hilfreich, wenn wir uns unsicher fühlen. Allerdings bedeutet Beliebtheit nicht automatisch Qualität.
Auch ein weißer Kittel, akademische Titel oder eine beeindruckende Berufsbezeichnung können unsere Wahrnehmung erheblich verändern. Das bedeutet nicht, dass Experten grundsätzlich falschliegen. Dennoch sollten Aussagen immer anhand ihrer Inhalte beurteilt werden – nicht allein aufgrund des Status der Person.
Geschichte und Forschung zeigen immer wieder, dass Menschen Autoritäten erstaunlich weit folgen können, selbst wenn sie dabei gegen ihre eigenen Überzeugungen handeln.

Das Ja-Sagen beginnt mit kleinen Schritten

Eine bekannte Technik besteht darin, zunächst um eine kleine Zustimmung zu bitten. Wer einmal Ja gesagt hat, stimmt später häufig auch größeren Bitten zu. Aus 5 Minuten werden dann schnell 20 und am Ende ist der halbe Tag vertan.
Psychologen sprechen hier vom Wunsch nach Konsistenz. Wir möchten als verlässlich gelten und handeln deshalb oft im Einklang mit früheren Entscheidungen. Dieses Prinzip begegnet uns beim Spendensammeln ebenso wie im Verkauf oder in persönlichen Beziehungen.

Die Macht der Emotionen

Kaum ein Gefühl beeinflusst unser Verhalten so stark wie Angst. Wer Angst hat, sucht nach Sicherheit. Genau deshalb funktionieren Schlagzeilen, die Bedrohungen betonen, häufig besonders gut. Auch Betrüger nutzen dieses Prinzip. Sie erzeugen zunächst Unsicherheit und präsentieren anschließend die vermeintliche Lösung.
Ein ruhiger Moment zum Nachdenken reicht oft aus, um Manipulationsversuche zu erkennen.
Und dann sind da noch Schuldgefühle und emotionale Erpressung:
„Wenn du mich wirklich lieben würdest …“
„Nach allem, was ich für dich getan habe …“
Solche Aussagen zielen nicht auf einen sachlichen Austausch, sondern auf Schuldgefühle. Emotionale Erpressung nutzt unsere Angst vor Ablehnung oder Konflikten. Statt frei zu entscheiden, handeln wir aus schlechtem Gewissen. Gesunde Beziehungen zeichnen sich dagegen durch Respekt, Freiwilligkeit und gegenseitige Wertschätzung aus.

Wie Sie Manipulation erkennen …

Manipulation arbeitet häufig mit denselben Mustern:
  • künstlicher Zeitdruck
  • starke emotionale Ansprache
  • Schuldgefühle
  • übertriebene Versprechen
  • scheinbare Alternativlosigkeit
  • Berufung auf Autoritäten
  • Gruppendruck
  • übermäßiges Lob oder Schmeichelei
Je mehr dieser Signale gleichzeitig auftreten, desto vorsichtiger sollten Sie sein.

… und sich vor ihr schützen

Der wirksamste Schutz beginnt mit einem kurzen Moment der Pause.
Fragen Sie sich:
  • Warum treffe ich diese Entscheidung gerade jetzt?
  • Profitiere wirklich auch ich davon?
  • Würde ich ohne Zeitdruck genauso entscheiden?
  • Welche Gefühle werden gerade bei mir ausgelöst?
  • Welche Informationen fehlen mir noch?
Allein diese Fragen aktivieren das analytische Denken und reduzieren die Wirkung vieler Manipulationstechniken.
Ebenso hilfreich ist es, wichtige Entscheidungen niemals ausschließlich aus Angst, Euphorie oder schlechtem Gewissen heraus zu treffen. Auch wenn Sie dafür Zeit benötigen und den anderen warten lassen müssen.

Fazit

Dass Manipulation funktioniert, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Folge unserer menschlichen Denkweise. Unser Gehirn nutzt Vereinfachungen, Gefühle und Erfahrungen, um den Alltag zu bewältigen. Genau diese Mechanismen können jedoch ausgenutzt werden.
Fakt ist auch, wir alle sind beeinflussbar, doch nicht jede Form der Beeinflussung ist automatisch negativ. Eltern motivieren ihre Kinder, Lehrkräfte begeistern für Wissen und Therapeuten unterstützen Menschen dabei, hilfreiche Verhaltensweisen zu entwickeln. Der Unterschied liegt in der Absicht. Während Manipulation den Vorteil des Beeinflussenden in den Mittelpunkt stellt, verfolgt eine respektvolle Kommunikation das Ziel, beide Seiten zu stärken.
Die gute Nachricht lautet: Wer die wichtigsten psychologischen Tricks kennt, erkennt sie schneller. Ein kurzer Moment des Innehaltens, kritisches Nachfragen und das Bewusstsein für die eigenen Gefühle reichen oft aus, um Manipulationsversuchen die Wirkung zu nehmen.
Die größte Freiheit besteht nicht darin, sich niemals beeinflussen zu lassen. Sie besteht darin, den Unterschied zwischen einer selbstbestimmten Entscheidung und einer geschickten Beeinflussung zu erkennen. Denn je besser wir verstehen, wie unser Denken funktioniert, desto souveräner können wir unseren eigenen Weg gehen.
Categories
etplus gesellschaft ticker

Tatort Internet: LKA warnt vor Identitätsdiebstahl im Netz


In Kürze:

  • Das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein warnt vor Identitätsdiebstahl.
  • Etwa jeder Zehnte ist in Deutschland davon betroffen.
  • Durch den bewussten Umgang mit Passwörtern, TANs und anderen Zugangsdaten kann man sich schützen.

 
Um sich finanziell zu bereichern, wenden Kriminelle immer wieder den sogenannten Identitätsdiebstahl an. Vor dieser Methode warnen jetzt das Landeskriminalamt und der Weiße Ring, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität, in Schleswig-Holstein.
Demnach kann sich der Identitätsdiebstahl auf verschiedene Arten bemerkbar machen. Es können unbekannte Abbuchungen auf dem Bankkonto auftauchen oder Inkassoschreiben für Waren, die man nie bestellt hat. Im schlimmsten Fall können den Opfern Straftaten vorgeworfen werden, die sie nicht begangen haben.
Die Täter missbrauchen dabei die gestohlenen persönlichen Daten anderer Menschen. Hierzu zählen Namen, Anschriften, Geburtsdaten, Telefonnummern oder Bankverbindungen. An solche Daten können Kriminelle unter anderem über das Darknet gelangen. Je umfangreicher ein Datensatz ist, desto größer sind die Möglichkeiten für Betrug und weitere Straftaten.
In Deutschland wurden laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2024 bereits rund 11 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Opfer von Identitätsdiebstahl. Somit war bereits fast jeder neunte Bürger davon betroffen.

Wie stehlen Kriminelle Ihre Daten?

Ob Bankaktivität, Einkäufe im Internet oder Online-Kommunikationswege: Unsere Handlungen im Alltag haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend digitalisiert. Im Zuge dessen hat sich auch die Cyberkriminalität stark weiterentwickelt. Die Methoden werden immer professioneller und schwerer zu erkennen.
Ein heute gängiger Weg des Datendiebstahls sind laut dem Kriminalhauptkommissar Henning Dibbern von der Zentralstelle Cybercrime im Landeskriminalamt (LKA) die sogenannten Phishing-Angriffe. Diese können die Verbraucher per E-Mail, SMS oder Kurznachricht auf Messenger-Diensten erreichen.
Auf den ersten Blick stammen sie angeblich von Banken, Paketdiensten, Online-Shops oder Behörden. Diese Nachrichten wollen die Nutzer dazu bewegen, dem Absender ihre Zugangsdaten, Passwörter, TANs oder Kreditkarteninformationen mitzuteilen. „Das läuft häufig über Links, die man per E-Mail oder SMS zugeschickt bekommt“, teilt Dibbern mit.
Ergänzt werden die Daten einer Person durch Informationen, die unter anderem durch Datenlecks bei Unternehmen oder durch Schadsoftware auf Computern abgegriffen werden. „Man kann mit echten Daten quasi eine Person herstellen und im Namen dieser Person Straftaten begehen“, erklärt der Kriminalhauptkommissar.

Welche Betrugsmaschen treten besonders häufig auf?

Die Behörde nennt dabei die aktuell häufigsten Formen des Identitätsdiebstahls. Dazu zählen:
  • Phishing-E-Mails und SMS mit gefälschten Internetseiten.
  • Übernahme von E-Mail- und Social-Media-Konten durch gestohlene Passwörter.
  • Fake-Shops oder gefälschte Verkaufsplattformen, auf denen persönliche Daten abgegriffen werden.
  • Bestellungen oder Vertragsabschlüsse unter fremdem Namen.
Die Vorgehensweisen der kriminellen Datenjäger folgen dabei häufig ähnlichen Mustern. Die Nachrichten sind so aufgebaut, dass sie beim Empfänger entweder Zeitdruck erzeugen oder vor angeblichen Sicherheitsproblemen warnen. Inzwischen sind die Nachrichten oftmals so gestaltet, dass sie einen seriösen Eindruck erwecken.

So können Sie sich schützen

Betrügerische Nachrichten kann man meist beim genauen Blick etwa auf die Absendeadresse erkennen. Vorsicht ist geboten, wenn diese nicht erkennbar vom angegebenen Unternehmen oder der Behörde stammt.
Generell sollten Verbraucher mit digitalen Nachrichten stets kritisch umgehen. Ein bewusster Umgang mit persönlichen Daten, auch in den sozialen Medien, ist ein wichtiger Schutz vor Identitätsdiebstahl.
Im Folgenden sind wichtige Sicherheitsvorkehrungen aufgeführt, auf die Verbraucher achten sollten:
  • Geben Sie Passwörter, TANs oder Sicherheitscodes niemals auf Aufforderung per E-Mail, SMS oder Telefon weiter.
  • Prüfen Sie Internetadressen sorgfältig und öffnen Sie Links nur, wenn deren Echtheit zweifelsfrei feststeht.
  • Verwenden Sie für verschiedene Online-Dienste unterschiedliche, starke Passwörter und aktivieren Sie nach Möglichkeit die Zwei-Faktor-Authentifizierung.
  • Installieren Sie Sicherheitsupdates zeitnah auf all Ihren Geräten.
  • Seien Sie misstrauisch bei Nachrichten, die Zeitdruck erzeugen oder ungewöhnliche Forderungen enthalten.
  • Kontrollieren Sie regelmäßig Kontoauszüge und Online-Konten auf unberechtigte Aktivitäten.

Was Nutzer im Verdachtsfall tun sollten

Wer vermutet, Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden zu sein, sollte unverzüglich seine Passwörter ändern. Bei dringendem Verdacht ist zudem gegebenenfalls ratsam, betroffene Konten sperren zu lassen und die jeweilige Bank oder den betroffenen Dienst zu informieren.
„Auch wenn die Daten weg sind, ist nicht zwangsläufig ein finanzieller Schaden entstanden“, betont Dibbern. „Oft kann man den durch überlegtes Handeln verhindern.“
Der Kriminalhauptkommissar rät Betroffenen, verdächtige Nachrichten zu dokumentieren. Anschließend sollte Anzeige bei der örtlich zuständigen Polizeidienststelle oder über die Online-Wache der Landespolizei erstatt werden.

Welche Folgen hat Identitätsdiebstahl für Betroffene?

Zu bedenken ist auch, dass die Täter lange Zeit nach einem Datendiebstahl noch Identitäten missbrauchen können. Stellt das Opfer Unregelmäßigkeiten fest, sind ebenfalls Konten zu sperren, Passwörter zu ändern und Strafanzeige zu erstatten. Ebenso sollten Betroffene ihre Bonität überprüfen.
Oftmals müssen Geschädigte nachweisen, dass sie abgeschlossene Verträge oder Bestellungen nicht selbst getätigt haben. „Das Perfide ist auch, dass Daten als eine Art wiederverwertbarer Rohstoff gehandelt werden“, bestätigt Dibbern. „Wir kennen Fälle, wo Daten gestohlen und Jahre später erneut für die Erstellung eines Fake-Accounts benutzt wurden.“
Ein solches Erlebnis sorgt nicht nur für einen organisatorischen Aufwand. Der Nutzer verliert zudem das Vertrauen in digitale Angebote und Dienste.
Categories
etplus gesellschaft ticker wissen

Wenn das Mobilfunknetz Menschen erkennt: Datenschützer warnen vor 6G


In Kürze:

  • Um das Jahr 2030 soll die Mobilfunkgeneration 6G starten. Vorbereitung und Forschung laufen weltweit.
  • Der neue Standard soll das Funknetz zugleich zum „Radar“ machen. Potenziell wird damit jedes funkfähige Gerät ein aktives Ortungsgerät.
  • Die deutsche Datenschutzkonferenz vergleicht die Eingriffstiefe mit einer nicht wahrnehmbaren Videoüberwachung.
  • Erfasst würde auch, wer kein Gerät bei sich trägt. Eine wirksame Einwilligung halten die Behörden für ausgeschlossen.

 
Es ist eine der stilleren Weichenstellungen dieser Dekade: In den Gremien, in denen der Mobilfunkstandard der sechsten Generation geformt wird, entscheidet sich gerade, ob das Funknetz der Zukunft nebenbei zum flächendeckenden Sensorapparat wird. Die Konferenz der unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder, kurz Datenschutzkonferenz, hat dazu am 17. Juni 2026 ein Positionspapier beschlossen. Der Ton darin ist für ein behördliches Dokument ungewöhnlich deutlich.
Es geht um Integrated Sensing and Communication, kurz ISAC. Die Idee: Dieselben Funkwellen, die heute Telefonate und Daten übertragen, sollen künftig zugleich als Radar dienen.

Wie ISAC funktioniert

Radar ist ein altes Prinzip: Funkwellen treffen auf Objekte, werden zurückgeworfen, und aus dem Muster der Echos lässt sich rekonstruieren, was – oder wer – im Raum steht und sich wie bewegt. Bislang erforderte das eigene Geräte. Dasselbe Prinzip nutzen Fledermäuse und Delfine.

Aus winzigen Unterschieden im reflektierten Schall kann eine Fledermaus ermitteln, wo sich ein Hindernis befindet. Radar, ISAC und WLAN-Sensing funktionieren auf ähnliche Art und Weise. Die Unterschiede liegen in Detailtiefe, Durchdringung und von welchen Geräten die Funkwellen ausgehen, aufgefangen und ausgewertet werden.

Foto: Petteri Aimonen, gemeinfrei

Neu an ISAC ist, dass diese Fähigkeit in die alltägliche Funkinfrastruktur einwandern soll – in die Basisstationen der Netzbetreiber und, so die Planung, in jedes angebundene Endgerät. Das Positionspapier formuliert es nüchtern: Künftig werde potenziell jedes funkfähige Gerät auch als Radarsensor fungieren, was einen flächendeckenden Einsatz zur Folge habe.

Wozu die Technik gedacht ist

Entwickelt wird ISAC nicht als Überwachungswerkzeug und das Positionspapier führt die Anwendungsfelder selbst auf. Im Verkehr soll die präzise Ortung dem autonomen Fahren, der Robotik und der Drohnensteuerung dienen – auch als Ergänzung zu optischen Sensoren, die bei schlechtem Wetter an Grenzen stoßen. Genannt werden ferner die Sicherung von Bahnübergängen, die Steuerung von Großveranstaltungen zur Vermeidung gefährlicher Menschenmengen und die Sturzerkennung in der Pflege.
Der Reiz liegt darin, dass all dies ohne zusätzliche Sensor-Hardware auskäme. Stefan Köpsell, Datenschutzexperte am Barkhausen-Institut in Dresden, nennt das Potenzial „enorm – von der intelligenten Mobilität bis zur industriellen Automatisierung“. Das Ziel sei, diese Vorteile zu nutzen, ohne neue Risiken für Datenschutz und Privatsphäre zu schaffen.

Was sich darüber hinaus erkennen lässt

Genau hier setzen die Aufsichtsbehörden an: Was ein Radarsensor erfasst, lässt sich nicht auf den vorgesehenen Zweck begrenzen. Sie verweisen auf den Forschungsstand – Radardaten ließen sich mit maschinellem Lernen so auswerten, dass sich Personen am Gangbild unterscheiden und Gesten, Geschlecht und Gesichtsmerkmale ableiten lassen, bis hin zu Analysen von Atmung und Herzschlag. Damit fällt ISAC nach Lesart der Behörde unter die besonders schützenswerten Daten nach Artikel 9 der Datenschutz-Grundverordnung.
Eine Präzisierung, die in der aufgeregteren Berichterstattung verloren geht: Die Messung von Vitalwerten wie Puls und Atmung ordnet das Papier vor allem dem verwandten WLAN-Sensing zu. Gemeint ist dasselbe Prinzip im heimischen Funknetz: Ein WLAN-Router sendet permanent Signale, die von Gegenständen und Personen zurückgeworfen werden. Wenn sich jemand im Raum bewegt oder auch nur atmet, verändert das minimal die Art, wie diese Signale reflektiert werden. Aus diesen Schwankungen lässt sich der Brustkorb beim Heben und Senken erkennen – ohne Kamera, ohne am Körper getragenen Sensor.
Für 6G selbst bleiben die Behörden vorsichtiger – es sei noch nicht abschließend abzuschätzen, was damit flächendeckend erreichbar würde. Dass Radar- sowie Mobilfunkwellen Wände durchdringen, gehört allerdings zur Physik des Verfahrens; deshalb könnte, so das Papier, das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung berührt sein.

Das eigentliche Problem: Niemand kann zustimmen

Der wunde Punkt ist nicht die Technik, sondern ihre Rechtsgrundlage. Eine flächendeckende Funksensorik erfasst jeden, der sich im Erfassungsbereich aufhält – ob mit oder ohne Handy in der Tasche. Das Papier nennt diese Menschen „Bystander“: Unbeteiligte, die nicht einmal ein Gerät bei sich tragen müssen, um vermessen zu werden.
Damit bricht das Fundament weg, auf dem der europäische Datenschutz ruht. Die Einwilligung nach Artikel 6 der DSGVO erweise sich bei flächendeckender Sensorik als ungeeignet, heißt es; schon die Erreichbarkeit aller Betroffenen sei mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Man kann Millionen Passanten nicht um Erlaubnis fragen, bevor das Netz sie erfasst.
Bleiben schwerwiegendere Rechtfertigungen: das öffentliche Interesse, für das der Gesetzgeber erst Grundlagen schaffen müsste, oder das „berechtigte Interesse“ privater Betreiber. Letzteres betrachtet die Behörde skeptisch – es werde in der Praxis nicht selten überdehnt und einseitig zulasten der Betroffenen ausgelegt. Wo Artikel 9 greift, genügt es ohnehin nicht mehr.
Die Konferenz zieht selbst einen Vergleich: ISAC ähnele in der Eingriffstiefe einer nicht wahrnehmbaren Videoüberwachung, die zusätzlich auch nicht sichtbare Bereiche erfassen könne. Der Unterschied zur klassischen Überwachung liegt in der Unauffälligkeit – ein WLAN-Router wird, anders als eine Kamera, von den wenigsten mit Überwachung assoziiert.

Warum jetzt – und warum in Europa?

Der Zeitdruck erklärt die Schärfe des Papiers. Ein verabschiedeter Standard lässt sich kaum nachträglich entschärfen. 6G soll um 2030 in Betrieb gehen; was heute nicht als Schutzmechanismus in die Norm geschrieben wird, fehlt später im ganzen Netz.
Die Debatte ist dabei längst europäisch. Das European Telecommunications Standards Institute (ETSI), Mitbegründer des globalen Normungsprojekts 3GPP, veröffentlichte im Februar 2026 einen Bericht zu Sicherheit und Privatheit von ISAC. Er benennt 19 Kernprobleme, davon 15 im Bereich Sicherheit und Datenschutz. Sie umfassen unter anderem unbefugtes Sensing, den Umgang mit Rohdaten und die KI-gestützte Auswertung.

USA und China: Wettlauf mit anderen Prioritäten

In den USA treibt die industriegetragene Next G Alliance um Konzerne wie Nokia, Ericsson und Qualcomm die Sensorik-Entwicklung voran; ISAC gilt dort als grundlegende Fähigkeit von 6G, diskutiert werden Verkehrssicherheit, Umweltbeobachtung und Notfalleinsätze.
China wiederum hat 6G zur nationalen Priorität erklärt, baut sein Vorläufernetz 5G-Advanced bereits über Hunderte Städte aus und sammelt damit Messdaten, die den globalen Standard mitprägen.
Beide Seiten arbeiten an derselben Technik – und in beiden steht der Wettlauf um technologische Führung im Vordergrund, nicht die Frage der Einwilligung von Unbeteiligten, die das deutsche Papier ins Zentrum rückt. Der Start ist überall um 2030 vorgesehen. Europa ist damit weniger technischer Vorreiter als die Region, die am lautesten fragt, wer die Sensorik am Ende wieder abschalten kann.

Ein technischer Gegenentwurf aus Dresden

Dass Datenschutz und Technik keine Gegensätze sein müssen, will man am Barkhausen-Institut zeigen. Dort sollen Schutzmechanismen nicht nachträglich angeflanscht, sondern in die Architektur der Netze eingezogen werden.
Zwei Bausteine sind bereits entstanden: ein Schalter, der die Sensorfunktion des eigenen Smartphones abschaltet, während es weiter kommuniziert – und eine prototypische App, die anzeigt, ob am Standort gerade eine Erfassung läuft. Der Schalter verhindert, dass das eigene Gerät zum Sensor wird. Vor fremden Antennen schützt er ebenso wenig wie die App.
Das Institut setzt deshalb eine Ebene höher an und entwickelt Vorgaben für den Bau künftiger Mobilfunknetze: nur die nötigen Daten verarbeiten, Zugriff allein für berechtigte Stellen. Wirksam wird das erst, wenn es in der Norm steht. Ihre Konzepte tragen die Dresdner daher auch in die europäischen Normungsgremien.
Es ist ein Wettlauf. Deutschland hat die 6G-Forschung seit 2021 mit bis zu 700 Millionen Euro vorangetrieben. Ob am Ende ein Werkzeug der Fürsorge steht – Sturzerkennung in der Pflege, Rettung auf Bahngleisen – oder eine Infrastruktur, vor deren Eingriffstiefe die Datenschutzbehörden heute warnen, entscheidet sich nicht auf dem Markt. Es entscheidet sich in den Sitzungssälen der Normungsgremien. Und dort tickt die Uhr.
Categories
etplus ticker vital

Zell-Verjüngung entdeckt: Körper verwandelt alte Zellen zurück in frische Stammzellen

Lange galt in der Medizin ein Grundsatz: Gehen einem Gewebe die Stammzellen aus, ist der Schaden unumkehrbar. Neue Ergebnisse israelischer Forscher stellen dieses Dogma nun auf den Kopf. Der Körper kann offenbar gealterte Zellen verjüngen und wieder in frische Stammzellen verwandeln. Damit besitzt er die Fähigkeit, sich gewissermaßen von innen heraus selbst zu regenerieren.
Konkret beobachtete das Forschungsteam dieses Phänomen an der Hornhaut des Auges: Reife, bereits gealterte Zellen verwandelten sich dort wieder in aktive Stammzellen, um die Verletzung zu heilen. Der entscheidende Impuls kommt dabei vom Immunsystem. Bestimmte Abwehrzellen (die sogenannten Makrophagen), die eigentlich Krankheitserreger bekämpfen, senden Signale aus. Diese veranlassen die gealterten Zellen dazu, wieder in den Stammzell-Zustand zurückzukehren.
„Wir waren überrascht, als wir entdeckten, dass sich die Hornhaut selbst nach der Zerstörung all ihrer Stammzellen regenerieren kann“, erklärt Studienautorin Ruby Shalom-Feuerstein in einer Stellungnahme.
Während die Entdeckung hauptsächlich auf Experimenten mit Mäusen basiert, verwendeten die Forscher in Laborstudien auch menschliche Hornhautepithelzellen, um ihre Ergebnisse zu validieren.
Zukünftige Studien müssen zeigen, ob auch andere reife Zellen in Stammzellen umprogrammiert werden können, so die Forscher. Es ist die erste Studie, die zeigt, dass reife Zellen ebenfalls in ihren früheren Zustand zurückkehren können, sagten sie.

Ein Grund zum Optimismus

Krishna Surapaneni, Facharzt für Augenheilkunde und Chirurg für Katarakt, Hornhaut und Refraktionschirurgie in Houston, USA, bezeichnete die Ergebnisse als „wirklich spannend“, merkte jedoch an, dass es sich hierbei noch weitgehend um eine Studie an Mäusen handele, mit lediglich ersten, vielversprechenden Anzeichen bei menschlichen Zellen im Labor. Die Forscher untersuchen nun, ob derselbe natürliche Regenerationsprozess auch beim Menschen existiert und wie er letztendlich genutzt werden könnte.
„Die Kluft zwischen einem bei Mäusen funktionierenden Mechanismus und einer sicheren, zuverlässigen Behandlung für Patienten ist groß“, sagte Surapaneni. „Und sie lässt sich in Jahren messen, nicht in Monaten.“
Dennoch stellt die Studie die Annahme in Frage, dass der Verfall unumkehrbar ist, sobald ein Gewebe seine Stammzellen verliert. „Wenn reife Zellen dazu gebracht werden können, wieder eine reparierende Rolle zu übernehmen, verändert das unsere Sichtweise auf die Heilung im Auge und möglicherweise auch darüber hinaus“, sagte Surapaneni.

Toxine und Stressoren können den Prozess behindern

Andere Forschungsarbeiten zur zellulären Reprogrammierung deuten darauf hin, dass bestimmte Toxine, Umwelteinflüsse und metabolische Stressoren nicht nur Stammzellen schneller altern lassen, sondern auch eine Rückbildung gealterter Zellen in einen Stammzellzustand behindern können:
  • Oxidativer Stress: Tabakrauch, Pestizide, Schwermetalle und Strahlung können oxidativen Stress auslösen, der DNA, Proteine und Zellmembranen schädigt und zu genomischer Instabilität führt, wodurch es für eine Zelle schwieriger wird, sich zurückzusetzen.
  • Epigenetische Veränderungen: Die Rückbildung in den Stammzellzustand erfordert, dass eine Zelle ihr epigenetisches „Gedächtnis“ ihrer reifen Identität löscht. Eine anhaltende Belastung durch schädliche Chemikalien, Stoffwechselnebenprodukte und chronische Entzündungen kann das Epigenom einer Zelle so verändern, dass sie in ihrem aktuellen Zustand „feststeckt“.
  • Anreicherung von Zellabfällen: Eine schlechte Stoffwechselgesundheit in Verbindung mit toxischer Belastung kann zu einer Anreicherung von Fetttröpfchen und fehlgefalteten Proteinen führen. Wenn die Abfallbeseitigungssysteme einer Zelle überlastet sind, kann der für die Umwandlung in eine Stammzelle erforderliche Erneuerungsprozess ins Stocken geraten.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „How Aged Cells Revert to Stem Cells to Repair the Body“. (deutsche Bearbeitung kr)
Categories
ausland etplus ticker wissen

Neue UFO-Akten veröffentlicht: Tote Besatzung und riesige Dreiecke


In Kürze:

  • Neue UFO-Akten mit Berichten über ungewöhnliche Flugobjekte.
  • Mehrere Zeugen beschreiben riesige schwarze Dreiecke mit Lichtern.
  • Ein historischer Bericht aus Brasilien erwähnt einen angeblich toten Besatzungsangehörigen.

 
Die US-Regierung hat eine weitere Sammlung bislang unveröffentlichter UFO-Akten freigegeben. Darunter befindet sich ein Bericht aus Brasilien über einen abgestürzten Metallballon, in dessen Wrack angeblich ein toter Insasse gefunden wurde. Zudem schildert ein ehemaliger Militärangehöriger die Sichtung eines gewaltigen, lautlos fliegenden Dreiecks über einen US-Militärstützpunkt in Afghanistan.
Die fünfte Veröffentlichung umfasst insgesamt 41 neue Akten und Videos, die das amerikanische Kriegsministerium am Freitag, dem 7. August, vorlegte. Die Aufnahmen zeigen unter anderem ein mysteriöses Objekt über einem Wohngebiet, eine leuchtende Kugel, die mit hoher Geschwindigkeit an einem Militärschiff vorbeifliegt, sowie eine schwarze Kugel, die über den Pazifischen Ozean schwebt.
Angekündigt wurde die neue Sammlung von Sean Parnell, dem Sprecher des Pentagons. „Das Kriegsministerium und unsere Partnerbehörden arbeiten aktiv an der nächsten Veröffentlichung von UAP-Akten“, erklärte Parnell. UAP steht für „Unidentified Anomalous Phenomena“, also nicht identifizierte anomale Phänomene.
Die Veröffentlichung ist Teil einer größeren Freigabe von UFO-Unterlagen. Bereits am 8. Mai hatte das Pentagon eine erste Sammlung mit 161 Akten auf seiner Website veröffentlicht. Vorausgegangen war eine Anfang dieses Jahres von US-Präsident Donald Trump angeordnete Freigabe entsprechender Dokumente, durch die Hunderte Akte und Videos veröffentlicht werden sollen.

Abgestürzter Metallballon und rätselhafte „Geisterraketen“

Zu den am Freitag veröffentlichten Dokumenten gehört ein Telegramm vom 14. November 1963, das von einer US-Botschaft an den Außenminister in Washington, D.C., geschickt wurde. Darin wird von einem „großen bemannten Metallballon“ berichtet, der nach einem Absturz in Brasilien gefunden worden sein soll. An Bord habe sich angeblich ein „totes Besatzungsmitglied“ befunden, das eine Uniform oder einen Raumanzug mit ungewöhnlichen Markierungen trug. Beim Aufprall soll zudem ein rund vier Meter tiefer Krater entstanden sein.
Nur wenige Tage später folgte jedoch eine andere Einschätzung: In einem Bericht vom 20. November 1963 wurde der Vorfall als erfunden eingestuft.
Eine weitere veröffentlichte Akte stammt aus dem Januar 1947 und befasst sich mit den sogenannten „Geisterraketen“. Bereits 1946 hatten Menschen in Finnland und Dänemark von glänzenden, zigarrenförmigen Objekten berichtet, die wie Feuerbälle mit Schweifen aussahen und sich „blitzschnell“ über den Himmel bewegten.
Damals wurde vermutet, dass es sich um einen Teil eines neuen sowjetischen Raketenprogramms handeln könnte. Schwedische Behörden zeigten sich laut dem Geheimdienstbericht jedoch zurückhaltend und wollten die mysteriösen Sichtungen offenbar nicht öffentlich bestätigen.

US-Militär rätselt über unbekannte Flugobjekte

Ein weiteres Dokument vom 3. November 1948 befasst sich mit zahlreichen Sichtungen unbekannter Flugobjekte in den Vereinigten Staaten. Der damalige Direktor des US-Air-Force-Geheimdienstes, Charles P. Cabell, schickte den Bericht an den kommandierenden General der Wright-Patterson Air Force Base in Ohio.
Darin heißt es, die Beobachtungen ließen kaum einen anderen Schluss zu, als dass tatsächlich verschiedene Arten von Flugobjekten gesichtet worden seien. Ihre Identität und Herkunft seien jedoch nicht feststellbar gewesen.
Die beschriebenen Objekte waren äußerst unterschiedlich: Zeugen berichteten von flachen, kreisförmigen Scheiben, torpedo- oder zigarrenförmigen Flugkörpern mit sichtbaren Flügeln, kugel- und ballonartigen Objekten sowie von Lichtkugeln ohne erkennbare Form.
Auch die Möglichkeit einer außerirdischen Herkunft wurde damals offenbar in Betracht gezogen. US-Air-Force-Col. Howard M. McCoy, Leiter der Geheimdienstabteilung, schrieb in einem Memo, für einige der Fälle gebe es keine vernünftige alltägliche Erklärung. Die Möglichkeit, dass es sich um Fahrzeuge von einem anderen Planeten handeln könnte, sei daher nicht ausgeschlossen worden.
Eine weitere veröffentlichte Akte befasst sich mit Sichtungen nicht identifizierter anomaler Phänomene während militärischer Übungen im Golf von Oman im Jahr 2021.

Mysteriöse Dreiecksobjekte über Afghanistan und Colorado

Im Oktober 2023 nahmen US-Bundesagenten die Aussagen mehrerer Piloten auf, die unabhängig voneinander dasselbe Ereignis beobachtet haben wollen. Die Piloten berichteten von Lichtern am Himmel, die zwischen Mitternacht und 3 Uhr morgens sowohl über Boston als auch über Dublin zu sehen gewesen seien.
Auch ein Vorfall aus Afghanistan findet sich in den Akten. Im Juni 2002 soll ein ehemaliger Militärangehöriger ein gewaltiges schwarzes Dreieck über der Bagram Air Force Base beobachtet haben. Nach seiner Schilderung wurden dabei die Sterne über der Basis verdeckt, während sich etwas offenbar Riesiges lautlos von Westen nach Osten bewegte.

Ein Angehöriger des US-Militärs berichtete, 2002 über dem Flugplatz Bagram in Afghanistan ein dreiecksförmiges Flugobjekt gesehen zu haben, das die Sterne verdunkelte.

Foto: US-Kriegsministerium

Ein ähnliches Objekt soll im Oktober 2023 über Colorado Springs, Colorado, gesichtet worden sein. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Kriegsministeriums berichtete von einem schwarzen Dreieck, das über einem Wohngebiet schwebte. Das FBI fertigte in diesem Jahr eine digitale Darstellung an, auf der zwei Menschen in einem Hinterhof zu einem dreiecksförmigen Objekt über den Häusern hinaufblickten.
Auch ein anderer Zeuge aus Colorado Springs berichtete 2023 von einem solchen Objekt – allerdings mit roten Lichtern an den Ecken.
Ein drittes „dunkles Dreieck“ mit Lichtern an den Ecken wurde ebenfalls in einer FBI-Darstellung festgehalten. Grundlage waren Aussagen von US-Militärangehörigen, die das Objekt im Juni oder Juli 2011 beobachtet haben wollen. Wo die Sichtung stattfand, geht aus den veröffentlichten Angaben nicht hervor.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Fifth Batch of UFO Files Features Triangle-Shaped Craft, ‘Dead Crewman’ Report“. (deutsche Bearbeitung: zk)
Categories
etplus ticker wissen

Sonnenfinsternis trifft auf Sternschnuppen


In Kürze:

  • Am 12. August verdunkelt der Neumond die Sonne. Über Teilen von Grönland, Island und Spanien, einschließlich Mallorca, zeigt sich dies als totale Sonnenfinsternis.
  • Weltweit wiederholt sich ein derartiges Himmelsspektakel etwa alle 18 Monate, über Deutschland jedoch erst im Jahr 2081 wieder.
  • Während der knapp zweiminütigen Totalität kann die 1 Million Grad heiße Sonnenkorona gesehen werden – und womöglich gleichzeitig Sternschnuppen.
  • Der direkte Blick in die Sonne kann das Augenlicht unmittelbar und dauerhaft schädigen. Zertifizierte Sonnenfilter sind um ein Vielfaches dunkler als improvisierte Lösungen.

 
Mehrere Millionen Menschen können in Europa am 12. August ein ganz besonderes Himmelsschauspiel erleben, das es zuletzt im Jahr 1999 gegeben hat: eine totale Sonnenfinsternis. Auf dem europäischen Festland wird sie allerdings nur einen schmalen Streifen quer durch Spanien komplett verdunkeln.
Auch in Deutschland wird die Sonne durch den Mond verdeckt, aber nur zu rund 85 bis 90 Prozent. Die stärkste Bedeckung gibt es im äußersten Südwesten, in Freiburg sind es gut 90 Prozent. Eine besondere Zugabe bietet der Himmel kurze Zeit danach mit einem großen Sternschnuppenstrom.

Sonnenfinsternis, Sonnenuntergang, Sternschnuppen

In Deutschland startet die partielle Sonnenfinsternis im Nordosten – sie erreicht um 19:12 Uhr Greifswald und um 19:23 Uhr München. Ihr Maximum wird etwa in der Zeit zwischen 20:05 Uhr und 20:15 Uhr erwartet. Das Schauspiel endet in ganz Deutschland mit dem Sonnenuntergang in den Minuten um 21:00 Uhr. Die partielle Sonnenfinsternis ist im Großteil Europas, aber auch in Nordamerika und in Westafrika zu sehen.
Da die Sonne während der Sonnenfinsternis in Deutschland relativ tief am Horizont steht, ist sie am besten von einer Anhöhe aus mit freiem Blick nach Nordwesten oder Westen zu sehen – nötig ist dafür eine Sonnenfinsternisbrille. Auch zahlreiche astronomische Einrichtungen in ganz Deutschland laden in der „Langen Nacht der Astronomie“ zur Beobachtung der Sonnenfinsternis in Deutschland ein, einige bieten zudem Liveübertragungen aus Spanien an.
Nach der Sonnenfinsternis können sich Himmelsgucker auf ein weiteres Ereignis freuen: Der Meteorstrom der Perseiden hat in der Nacht vom 12. auf 13. August seinen Höhepunkt, wobei mit bis zu 100 Sternschnuppen pro Stunde zu rechnen ist. Die besten Beobachtungszeiten sind die Stunden von 23 Uhr bis 4 Uhr. In den frühen Abendstunden und mit bloßen Augen sind in unseren Breiten indes weit weniger zu sehen.

Mit 2.500 Kilometern pro Stunde nach Spanien

Die totale Sonnenfinsternis startet im nördlichen Sibirien, wo die Sonne gerade noch als Mitternachtssonne über dem Horizont zu sehen ist. In Deutschland ist es dann etwa 19 Uhr. Der Schatten des Mondes zieht am Nordpol vorbei sowie über den Osten Grönlands und den Westen Islands. Er erreicht Nordspanien, einen Zipfel von Portugal und zieht dann quer über die iberische Halbinsel und über die Balearen hinweg. Die totale Finsternis endet kurz nach 20:30 Uhr im Mittelmeer.
Am längsten dauert die Totalität mit 2 Minuten und 18 Sekunden etwa 100 Kilometer westlich der isländischen Küste vor der Inselgruppe Hvallátur.
An Land ist ein etwas erhöhter Standort ideal, da man von dort aus den Schatten des Mondes herannahen sehen kann. Er bewegt sich in Spanien mit einer Geschwindigkeit von etwa 2.500 Kilometern pro Stunde über die Erdoberfläche, umgerechnet etwa 42 Kilometer pro Minute.
Wer die totale Sonnenfinsternis vom heimischen Sofa aus betrachten möchte, kann sie per Livestream der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA) verfolgen. Sie wird die Sonnenfinsternis vom Observatorio Astrofísico de Javalambre in Teruel, Spanien, übertragen und dabei fortlaufend Teleskopaufnahmen senden. Epoch Times wird diesen Livestream ebenfalls verbreiten.

Ein kosmischer Reigen

Bei einer Sonnenfinsternis steht der Mond auf einer Linie zwischen Sonne und Erde, sodass der Schatten des Mondes auf die Erde fällt. Deutschland liegt am 12. August nur im Halbschatten, der Mond bedeckt also nur einen Teil der Sonne. Im Kernschatten dagegen ist die Sonne völlig vom Mond bedeckt, die Sonnenfinsternis ist total.
Es ist ein astronomischer Zufall, dass der Mond die Sonne nahezu exakt verdecken kann. Denn der Sonnendurchmesser ist zwar einerseits etwa 400-mal größer als der des Mondes, aber andererseits ist die Sonne rund 400-mal weiter von der Erde entfernt als der Mond. Deshalb erscheinen beide Himmelskörper von der Erde aus gesehen in etwa gleich groß. Doch es gibt leichte Abweichungen.
Weil die Umlaufbahn des Mondes um die Erde nicht exakt kreisförmig, sondern leicht elliptisch ist, schwankt die Entfernung Erde–Mond etwas. Deshalb ändert sich auch die scheinbare Größe des Mondes am Himmel. Steht der Erdtrabant bei einer Finsternis gerade nahe dem erdfernsten Punkt seiner Bahn, so ist er geringfügig zu klein, um die Scheibe der Sonne vollständig abzudecken. Die Folge: Statt zu einer totalen kommt es zu einer – nicht minder beeindruckenden – ringförmigen Finsternis.

Eine Finsternis alle 18 Monate – aber erst 2081 wieder über Deutschland

Damit es zu einer Finsternis kommen kann, muss der Mond von der Erde aus gesehen in der gleichen Richtung stehen wie die Sonne, es muss also Neumond sein. Doch nicht bei jedem Neumond kommt es zu einer Sonnenfinsternis. Denn die Bahn des Mondes liegt ein wenig schief im All, sie ist um etwa 5 Grad gegen die Bahn der Erde gekippt. Daher zieht der Erdtrabant sozusagen meistens oberhalb oder unterhalb der Sonne vorbei. Nur zwei- bis fünfmal pro Jahr kommt es zu Sonnenfinsternissen.
Dabei fällt nicht immer auch der Kernschatten auf die Erde. Eine totale Sonnenfinsternis gibt es nur etwa alle 18 Monate – irgendwo auf der Erde. An einem bestimmten Ort kommen sie selten vor, da der Kernschatten mit einem Durchmesser von rund 200 Kilometern sehr klein ist.
Die bislang letzte totale Sonnenfinsternis war von Deutschland aus am 11. August 1999 zu sehen, die nächste wird erst am 3. September 2081 sein. Kuriosum am Rande: Bereits am 2. August nächsten Jahres ist wieder eine totale Sonnenfinsternis in Spanien zu sehen, jedoch nur im äußersten Süden. Der Höhepunkt wird sich in der Nähe von Luxor, Ägypten, zeigen. Am 26. Januar 2028 gibt es in Spanien eine ringförmige Sonnenfinsternis.

1 Million Grad heißes Plasma und Reste eines Kometen

Bei Eintritt der Totalität kommt es schlagartig zu einer Abnahme der Helligkeit – innerhalb von Sekunden herrscht eine Art späte Dämmerung und einige helle Sterne und Planeten erscheinen am Himmel. Besonders auffällig ist bei dieser Finsternis die Venus, die in einem Abstand von etwa 45 Grad links von der Sonne aufleuchtet.
Um die schwarze Scheibe der vom Mond verdunkelten Sonne herum erstrahlt während der Totalität die Korona. Bei diesem Strahlenkranz handelt es sich um die äußere Atmosphäre der Sonne, extrem dünn verteiltes Gas, das aufgrund seiner hohen Temperatur von über 1 Million Grad leuchtet. Diese Temperatur ist überraschend hoch, da die Oberfläche der Sonne lediglich 6.000 Grad Celsius heiß ist.
Dieses Jahr kommt noch ein anderes Himmelsspektakel dazu: der Meteorstrom der Perseiden. Bereits ungefähr eine Stunde nach der abendlichen Sonnenfinsternis lohnt sich daher der erneute Blick in den Himmel. Obwohl die Sternschnuppen bereits seit Mitte Juli fallen, erreichen sie erst im Zeitraum vom 9. bis 15. August sehenswert hohe Raten.
Das Maximum liegt 2026 in der Nacht vom 12. auf den 13. August und fällt damit mit der Sonnenfinsternis zusammen. Obwohl es auch während der Totalität nicht „schwarz wie die Nacht“ wird, ist nicht ausgeschlossen, dass helle Exemplare in diesen knapp zwei Minuten sichtbar über den Himmel ziehen.
Ihren Namen „Perseiden“ verdanken sie ihrem gemeinsamen, vermeintlichen Ursprung am Himmel im Sternbild Perseus. In Wirklichkeit gehen die im Volksmund auch Laurentius-Tränen genannten Sternschnuppen auf den Kometen 109P/Swift-Tuttle zurück, der auf seiner Bahn um die Sonne winzige Partikel ausgestoßen hat. Jedes Jahr im Sommer fliegt die Erde durch diese Staubfahne, wobei einige in der Erdatmosphäre verglühen.

Beim direkten Blick in die Sonne drohen augenblicklich Schäden

Ohne eine spezielle Sonnenfinsternisbrille kann ein Blick in die Sonne die Augen stark schädigen. Auch die hohe Abdeckung der Sonne während der Sonnenfinsternis durch den Mond in Deutschland oder die einsetzende Dämmerung ist kein Grund die Augen weniger gut zu schützen. „Der direkte Blick in die Sonne kann das Auge auch dann schädigen“, warnt Daniela Weiskopf vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).
Ohne Schutz „erzeugen die von der Augenlinse gebündelten Sonnenstrahlen eine gezielte Hitze in der Netzhaut, die die Sehzellen in kürzester Zeit schädigen kann“, ergänzt der Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Göttingen, Hans Hoerauf. Sie seien dann nicht mehr funktionsfähig. „Es können sich irreversible Vernarbungen am Ort des schärfsten Sehens bilden.“
„Die Sonnenfinsternisbrillen sollten nach der europäischen Norm DIN EN ISO 12312-2:2015 mit entsprechender CE-Kennzeichnung versehen sein“, sagt Hoerauf. Die Schutzbrille müsse intakt sein und die Folie dürfe keine Kratzer, Löcher und Risse haben.
„Hochgefährlich ist übrigens auch die direkte Beobachtung der Sonne durch Ferngläser, Teleskope oder Kameras. Diese Geräte bündeln die Sonnenstrahlen zusätzlich.“ Sie taugen jedoch dazu, das Bild der Sonne – für eine begrenzte Zeit – auf eine Leinwand oder Ähnliches abzubilden.

Ferngläser oder Feldstecher ermöglichen die risikoarme Beobachtung der Sonnenfinsternis, solange sie ausschließlich als Projektoren dienen. Wer direkt hindurch sieht, riskiert dauerhafte Augenschäden! Dennoch sollte auch die Projektion zeitlich begrenzt bleiben, da sich die Optik ebenfalls erhitzt und Schaden nehmen kann.

Foto: ts/Epoch Times

1.000-mal dunkler als eine Sonnenbrille

Das BfS warnt in diesem Zusammenhang auch vor Tipps, die derzeit wieder verstärkt in den sozialen Netzen und im Internet kursieren: Kein zuverlässiger Schutz für die Augen, sondern gefährlich seien etwa schwarze Filmstreifen, mit Kerzenruß geschwärzte Gläser, gefaltete Rettungsdecken, Sonnenbrillen, Schweißerbrillen oder Gletscherbrillen, Röntgenbilder und CDs. Sie alle bieten – obwohl scheinbar undurchsichtig – nicht die gleichen Filtereigenschaften wie spezielle Sonnenfilter.
Für die direkte Beobachtung durch ein Fernglas oder das Fotografieren mit Teleobjektiv taugen diese jedoch nicht. Dafür geeignete Sonnenfilter lassen nur noch etwa ein Hunderttausendstel des Lichts durch und sind damit um ein Vielfaches „schwärzer“ als die vermeintlichen Alternativen und etwa um das Tausendfache dunkler als normale Sonnenbrillen.
Mit Material der Nachrichtenagenturen
Categories
etplus ticker wirtschaft

DAX-Rekord trotz schwacher Konjunktur: Was treibt den Anstieg?


In Kürze:

  • Der DAX hat erstmals die Marke von 26.000 Punkten überschritten, trotz einer weiterhin schwachen deutschen Konjunktur.
  • Starke Unternehmenszahlen, Exportzuwächse und Hoffnungen auf geopolitische Entspannung stützen die Kurse.
  • Steigende Zinsen, Niedrigwasser, geopolitische Unsicherheit und die schwache Industrie beeinflussen die Entwicklung des DAX.

 
Am vergangenen Montag überschritt der deutsche Leitindex DAX erstmals in seiner Geschichte die Marke von 26.000 Punkten. Zwei Handelstage später folgte mit rund 26.403 Punkten zum Handelsbeginn die nächste Bestmarke. Zum Börsenschluss am Mittwoch fiel der DAX auf rund 26.144 Punkte. Am Freitag lag er bei etwa 26.300 Punkten.
Der DAX und die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft sind nicht unmittelbar gleichzusetzen. Der Aktienindex bildet die Entwicklung der im DAX enthaltenen Unternehmen und die Erwartungen der Anleger hinsichtlich ihrer künftigen Gewinne ab. Diese werden unter anderem von Zinsentscheidungen, geopolitischen Risiken und der Entwicklung der Industrie beeinflusst.

DAX-Rekord bei steigenden Zinsen und Inflation

Die jüngste Rally wurde unter anderem von der Hoffnung auf eine diplomatische Entspannung im Konflikt zwischen den USA und dem Iran begleitet. US-Präsident Donald Trump hatte Anfang der Woche einen geplanten Großangriff auf den Iran ausgesetzt und Verhandlungen angekündigt. Zudem legten DAX-Unternehmen wie Fresenius und Siemens Energy starke Halbjahreszahlen vor. Beide Aktien stiegen nach der Veröffentlichung der Zahlen.
Im internationalen Vergleich entwickelte sich der DAX weniger stark: Während einzelne asiatische Indizes wie der südkoreanische KOSPI oder der japanische NIKKEI in diesem Jahr zeitweise Zuwächse im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich verzeichneten, bewegte sich der deutsche Leitindex seit Jahresbeginn moderater.
Die Entwicklung des DAX steht auch im Zusammenhang mit dem geldpolitischen Umfeld: Die Europäische Zentralbank hat ihre Leitzinsen nach fast einjähriger Pause im Juni erstmals seit knapp drei Jahren wieder angehoben, um 25 Basispunkte auf einen Einlagesatz von 2,25 Prozent. Nach Darstellung der Notenbank war die Entscheidung eine Reaktion auf neu aufgeflammten Inflationsdruck, den die EZB selbst mit dem Energiepreisschock infolge des Nahost-Kriegs begründet. Die Inflationsrate im Euroraum lag im Juni laut Eurostat bei rund 2,9 Prozent und damit über dem mittelfristigen Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank.
Steigende Zinsen verteuern normalerweise die Finanzierung von Unternehmen und schmälern rechnerisch den Gegenwartswert künftiger Gewinne, was Aktienbewertungen tendenziell belastet. Der Anstieg des DAX lässt sich unter anderem mit unternehmensspezifischen Sondereffekten erklären.

Die Entwicklung von Börse und Realwirtschaft

Das ifo Institut, dessen Geschäftsklimaindex als Frühwarnsystem für die deutsche Konjunktur gilt, meldete für Juli einen Anstieg auf 86,6 Punkte nach 85,6 im Juni. Das war der dritte Zuwachs in Folge seit dem Tiefpunkt von 84,5 im April. Bei Betrachtung der wirtschaftlichen Teilbereiche zeigt sich ein unterschiedliches Bild: Der gesamte Anstieg speiste sich aus verbesserten Erwartungen der befragten Unternehmen, während die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage im Vergleich zum Vormonat sogar leicht nachgab. Optimismus über die Zukunft bei gleichzeitig schwächerer Einschätzung der Gegenwart ist ein Muster, das sich in der deutschen Konjunkturgeschichte wiederholt und sowohl vor tatsächlichen Trendwenden als auch vor Rückschlägen auftrat.

Mit Blick auf die Realwirtschaft zeigt sich folgendes Bild: Die Produktion im Produzierenden Gewerbe stieg im Juni 2026 nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat, im Dreimonatsvergleich lag sie 0,7 Prozent über dem Niveau der drei Vormonate.
Das Bundeswirtschaftsministerium wertete dies als Zeichen dafür, dass sich die Industrieproduktion „ungeachtet der außenwirtschaftlichen Belastungen im vergangenen Quartal als recht widerstandsfähig erwiesen“ habe. Das Ministerium nannte als Erklärung eine „relative Verbesserung der Wettbewerbsposition bei den energieintensiven Industrien in Deutschland im Vergleich zu den asiatischen Konkurrenten“.
Die Entwicklung der deutschen Industrie steht dabei auch im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Folgen des Kriegs im Nahen Osten. Die relative Wettbewerbsposition der energieintensiven Industrien in Deutschland gegenüber asiatischen Konkurrenten kann sich dabei verbessern, wenn diese stärker von den Auswirkungen des Konflikts betroffen sind.

Exportrekord im Schatten der Straße von Hormus

Eine wichtige Zahl dieser Woche stammt aus der Außenhandelsstatistik: Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts wurden im Juni 2026 kalender- und saisonbereinigt Waren im Wert von 139,3 Milliarden Euro aus Deutschland exportiert, 0,9 Prozent mehr als im Mai und 6,6 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Das ist der höchste je in einem Monat gemessene Wert seit Beginn der saisonbereinigten Erhebung und liegt über dem bisherigen Rekord vom September 2022. Für das erste Halbjahr 2026 meldet die Behörde insgesamt ein Exportwachstum von 3,7 Prozent auf 816,6 Milliarden Euro, bei einem gleichzeitig überproportionalen Importzuwachs von 4,4 Prozent auf 711,6 Milliarden Euro. Der Außenhandelsüberschuss schrumpfte dadurch im Juni auf 15,4 Milliarden Euro, nach 19,3 Milliarden Euro im Mai.

Der Rekord steht im Zusammenhang mit der Entwicklung des internationalen Handels. Der Schiffsverkehr durch die für den globalen Öltransport zentrale Straße von Hormus war infolge des Kriegs zwischen den USA und dem Iran zeitweise nahezu zum Erliegen gekommen. Der ING-Analyst Carsten Brzeski formulierte im Juli die Vermutung, einige deutsche Branchen und Unternehmen hätten „vom Krieg im Nahen Osten profitiert“, weil asiatische Wettbewerber von der Sperrung stärker betroffen gewesen seien als europäische Exporteure. Diese Einschätzung stammt von einem einzelnen Marktbeobachter und ist keine amtlich bestätigte Analyse. Hinzu kommt, dass die Zahlen nominal ausgewiesen werden und damit die im Juni erneut gestiegenen Importpreise für Energie und Vorleistungsgüter nicht herausrechnen; ein Teil des Anstiegs könnte daher auf höhere Preise und nicht auf größere Liefermengen zurückzuführen sein.

Zwischen Börsenrekord und Niedrigwasser

Während der DAX neue Rekorde erreicht, steht die Industrie vor einem weiteren Problem: dem historischen Niedrigwasser auf dem Rhein. Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnete die niedrigen Pegelstände als „Herausforderung für die regionale Rohstoff- und Materialversorgung von Industrieunternehmen“ und schloss bei anhaltend geringen Transportkapazitäten „temporäre Einschränkungen bei der Produktionstätigkeit von betroffenen Unternehmen“ nicht aus.
Ein anhaltend hoher Exportüberschuss kann kurzfristig Beschäftigung in exportorientierten Branchen sichern. Eine sich aufhellende Erwartungshaltung der Unternehmen kann sich mittelfristig in höheren Investitionen niederschlagen, sofern sie sich verstetigt. Für Anleger mit breit gestreuten Portfolios bedeutet der Rekordstand einen Buchgewinn.

DAX-Rekord und Konjunktur

Das Niedrigwasser am Rhein bleibt ein wetterabhängiges Risiko für die Produktion. Die Konzentration des DAX auf einzelne Schwergewichte bedeutet, dass Kursbewegungen bei Technologie- oder Energiewerten den Gesamtindex überproportional beeinflussen können. Die Entwicklung an der Straße von Hormus sowie die geldpolitischen Entscheidungen der EZB können ebenfalls Einfluss auf die Aktienmärkte haben. Die nächsten Zinsentscheide fallen am 10. September und 29. Oktober 2026.
Die Entwicklung der ifo-Erwartungskomponente sowie die Belastbarkeit des Exportrekords vom Juni hängen unter anderem von der weiteren Entwicklung der deutschen Wirtschaft, der internationalen Handelsbedingungen und der geopolitischen Lage ab. Der DAX bildet die Entwicklung der im Index enthaltenen Unternehmen und nicht die gesamte deutsche Volkswirtschaft ab.
Categories
etplus meinung ticker vital

Die 10-Minuten-Falle beim Arzt: Warum Zeitmangel zu gefährlichen Fehldiagnosen führen kann

Herr S., ein 38-jähriger Patient, suchte mich wegen wiederkehrender Atemnot, Brustenge und Kurzatmigkeit auf. Er wirkte angespannt, aber bemüht, die Situation sachlich zu schildern.
Als er seine Unterlagen auf den Tisch legte, zeigte sich, dass er in den vergangenen Monaten mehrfach beim Hausarzt, einmal beim Lungenfacharzt und sogar in der Notaufnahme gewesen war.

Verschiedene Ärzte – die gleiche Fehldiagnose

Sein Hausarzt hatte ihm nach einem kurzen Gespräch ein „mildes Belastungsasthma“ diagnostiziert. Die Diagnose war in einem Termin gefallen, der laut Patienten keine fünf Minuten gedauert hatte und mit einem Rezept für ein Asthmaspray endete.
Der Pneumologe hatte später im Rahmen der Untersuchung der Lungenfunktion ein Spirometrie-Ergebnis gesehen, das zwar grenzwertig, aber nicht eindeutig war. Aufgrund der Vorbefunde übernahm er die Diagnose allergisches Asthma, ohne weiter nachzufragen.
Doch während ich mit Herrn S. sprach, zeigte sich, dass die Beschwerden nicht zu einem allergischen Asthma passten.
In seinen Unterlagen fand ich einen Lungenfunktionstest, der unauffällig war. Ein Allergietest ohne Befund. Ein Thorax-Röntgen, das normal war. Die körperlichen Befunde passten ebenfalls nicht zur Diagnose.
In meinem Gespräch mit Herrn S. stellte sich heraus, dass die Atemnot häufig in Situationen auftrat, die emotional belastend waren: vor Präsentationen im Job, nach Konflikten mit seiner Partnerin, manchmal auch nachts nach intensiven Grübeleien.
Er erwähnte nebenbei, dass er seit Monaten die Doppelbelastung aus Vollzeitjob und Pflege seines Vaters trug, der nach einem Schlaganfall Unterstützung brauchte.
Mit jeder Minute, die ich zuhörte, kamen weitere entscheidende Details hinzu: ein seit Jahren bestehender, nie behandelter Angstzustand, eine familiäre Dauerbelastung, ein Arbeitsplatzkonflikt, der ihn täglich unter Druck setzte.

Stresssymptome als diagnostische Herausforderung

Fehldiagnosen wie im Fall von Herrn S. sind kein Einzelfall und wissenschaftlich gut dokumentiert.
Eine Studie, die von kanadischen Forschern über einen Zeitraum von fünf Jahren durchgeführt wurde, ergab, dass rund ein Drittel aller Asthma-Diagnosen bei einer standardisierten erneuten Abklärung nicht bestätigt werden konnten, weil sie zuvor ohne objektive Tests gestellt wurden.
Ein Teil der falsch diagnostizierten Patienten litt in Wahrheit unter Stressreaktionen, Hyperventilation oder psychosomatischen Beschwerden.
Die moderne Forschung zeigt, dass Stress körperliche Symptome erzeugen kann, die so überzeugend wirken, dass sie als organische Erkrankungen fehlinterpretiert werden, besonders dann, wenn die psychosoziale Anamnese fehlt.
Eine in der Fachzeitschrift „Nature Reviews“ veröffentlichte Arbeit belegt, dass Stress Atemnot, Brustenge, Herzrasen und Schwindel auslösen kann — Symptome, die, wenn man sich nicht die Zeit für ein umfassendes Gespräch mit dem Patienten nimmt, schnell in Richtung Asthma, Herzkrankheit oder Panikstörung gedeutet werden.
Genau das geschah bei Herrn S. Seine Atembeschwerden waren in Wahrheit nicht bronchial, sondern emotional. Nicht allergisch, sondern psychosozial. Nicht organisch, sondern systemisch.
Die vermeintliche Asthma-Diagnose war in Wahrheit ein ausgeprägtes Hyperventilationssyndrom, ausgelöst durch chronischen Stress, Schlafmangel und emotionale Überlastung.
Doch für diese Diagnose brauchte es genügend Zeit, um sich ein ganzheitliches Bild zu machen — Zeit, die im modernen System oft fehlt.

Zeitmangel ist ein systemischer Risikofaktor

Zeit ist in der modernen Medizin zu einer knappen Ressource geworden. Konsultationen dauern oft nur wenige Minuten, obwohl die Komplexität der Patienten steigt. Die Kombination aus Ärztemangel und niedrigen gesetzlichen Kassentarifen in Deutschland trägt dazu bei, dass Ärzte oft eine zu große Zahl an Patienten pro Tag behandeln müssen, um für ausführliche Gespräche Zeit zu finden.
Eine Erhebung im Auftrag des Bundesministeriums aus dem Jahr 2022 bestätigt, dass die durchschnittliche Behandlungszeit beim Hausarzt pro Besuch zehn Minuten beträgt, in 48 Prozent der Fälle fünf bis 10 Minuten.
Die Forschung zeigt klar, dass diese Verkürzung nicht nur die Gesprächsqualität mindert, sondern die diagnostische Präzision beeinflusst. Eine systematische Übersichtsarbeit, die im Jahr 2017 erschien, bestätigt, dass Zeitdruck und unvollständige Anamnesen zentrale Ursachen für Fehldiagnosen sind.
Unter Zeitdruck und Belastung greifen Ärzte häufiger zu heuristischen, vereinfachten Entscheidungswegen, wie eine im Fachjournal Medical Education veröffentlichte Studie zeigt. Das bedeutet: Nicht nur wichtige Patienteninformationen fehlen — auch die Denkprozesse verändern sich aufgrund des Zeitdrucks.

Wenn das Gesamtbild verloren geht

Fehldiagnosen sind nur die erste Stufe. Die zweite ist noch gefährlicher: Fehltherapie.
Die experimentelle Studie von Tsiga und Kollegen zeigt, dass Ärzte unter Zeitdruck häufiger zu Standardtherapien greifen, statt individuell zu behandeln.
Ein weiterer moderner Faktor ist die fragmentierte Versorgung. Fragmentierte Versorgung kann dazu führen, dass Informationen verloren gehen, Untersuchungen doppelt durchgeführt werden oder Behandlungen nicht optimal aufeinander abgestimmt sind. Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass auch Fehldiagnosen häufig passieren, wenn mehrere Ärzte beteiligt sind, sich jeder mit einzelnen fachspezifischen Symptomen beschäftigt, aber ein Überblick über die Gesamtgeschichte fehlt.

Warum Zeit in der Ganzheitlichen Medizin ein diagnostisches Werkzeug ist

Zeitmangel ist längst kein Randproblem mehr, sondern ein struktureller Schaden, der sich immer mehr im Gesundheitswesen abbildet.
Diagnostik braucht jedoch Zeit – Zeit zum Zuhören, Zeit zum Nachfragen, Zeit zum Verstehen.
In der Ganzheitlichen Medizin wird Zeit nicht als Luxus angesehen, sondern als ein diagnostisches Werkzeug. Aus ganzheitlicher Sicht betrachtet, sind psychosoziale Faktoren, die man erst nach einem längeren, vertrauten Gespräch einschätzen kann, keine Nebensache, sondern zentrale Bausteine der Gesundheit.
In meiner Praxis sehe ich immer wieder, dass echte Heilung dann beginnt, wenn der Arzt die Geschichte hinter den Symptomen versteht. Denn daraus ergibt sich der präzise Rahmen, in dem eine richtige Diagnose gestellt werden kann, die die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie ist.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Categories
ausland etplus ticker

Trotz Biden-Begnadigung: Fauci könnte hinter Gittern landen


In Kürze:

  • Der US-Senat leitete nach Faucis Aussageverweigerung ein Verfahren wegen Missachtung des Kongresses ein.
  • Mehrere Bundesstaaten prüfen mögliche Falschaussagen und Gesetzesverstöße während der Corona-Pandemie.
  • Ein Senatsausschuss untersucht Faucis Handy.

 
Die Auseinandersetzung um den ehemaligen US-Spitzenfunktionär Dr. Anthony Fauci erreicht eine neue Stufe. Ein Senatsausschuss hat beschlossen, Fauci wegen möglicher Missachtung des Kongresses strafrechtlich zu belangen.
Auslöser waren Faucis Aussageverweigerung vor dem Kongress, seine Berufung auf den Schutz vor Selbstbelastung sowie die Frage, ob seine früheren Aussagen gegenüber Behörden und Ausschüssen vollständig waren.
Gleichzeitig kündigen mehrere US-Bundesstaaten eigene Untersuchungen an.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält eine digitale Kopie des amtlichen Handys, das Fauci während der Corona-Pandemie genutzt haben soll.
Fauci war unter den US-Präsidenten Donald Trump und Joe Biden federführend bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Zudem leitete von 1984 bis 2022 das Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten.
Der US-Immunologe Fauci hat von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht.

Der US-Immunologe Fauci hat von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht.

Foto: Allison Robbert/AP/dpa

Senatsausschuss stimmt für Missachtung des Kongresses

Der Ausschuss für Heimatschutz und staatliche Angelegenheiten des US-Senats stimmte am Donnerstag, 6. August, mit acht zu fünf Stimmen dafür, Fauci wegen Missachtung des Kongresses zu belangen. Die Abstimmung verlief entlang der Parteigrenzen: Alle Republikaner unterstützten die Resolution, während die Demokraten dagegen stimmten.
Der Ausschussvorsitzende, der republikanische Senator Rand Paul, erklärte laut der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times, der Kongress müsse seine Vorladungen durchsetzen können, wenn Personen die Zusammenarbeit verweigern.
„Wenn freiwillige Zusammenarbeit endet, muss der Kongress in der Lage sein, die Einhaltung seiner rechtmäßigen Forderungen zu erzwingen. Das ist das Zwangsinstrument des Kongresses“, sagte Paul. Er fügte hinzu: „Eine Vorladung ist keine Einladung. Eine Vorladung ohne Konsequenz ist keine Vorladung – sie ist nur eine Empfehlung.“
Nach der Abstimmung erklärte Paul, dass die Resolution an das US-Justizministerium weitergeleitet worden sei.

Demokraten kritisieren rechtliche Grundlage

Der ranghöchste Demokrat im Ausschuss, Senator Gary Peters, widersprach der Entscheidung.
Er erklärte, die Republikaner hätten keine ausreichende rechtliche Grundlage vorgelegt, um Fauci wegen Missachtung des Kongresses belangen zu können.
Peters warnte außerdem davor, die Angelegenheit ohne Abstimmung des gesamten Senats an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben. Dies sei „noch gefährlicher und ein weithin beispielloser Schritt“.
Die US-Staatsanwaltschaft für den District of Columbia und ein Anwalt, der Fauci vertritt, haben bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf eine Nachfrage der Epoch Times nicht geantwortet.

Streit um Faucis Aussageverweigerung

Republikanische Senatoren erklärten, sie hätten aus mehreren Gründen dafür gestimmt, Fauci wegen Missachtung des Senats zu belangen. Einer davon war Faucis Auftritt vor dem Ausschuss am 29. Juli.
Fauci verlas zunächst eine vorbereitete Stellungnahme. Danach erklärte er, keine weiteren Fragen beantworten zu wollen.
Für den Rest der Anhörung berief er sich auf den Fünften Verfassungszusatz der USA, der Menschen davor schützt, sich durch eigene Aussagen selbst zu belasten. Fauci erklärte, er habe diese Entscheidung auf Empfehlung seiner Anwälte getroffen.
Hintergrund war eine Aussage von Rand Paul, wonach Fauci strafrechtlich belangt werden könne, falls er unter Eid falsche Angaben gemacht habe.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Mehrere republikanische Senatoren kritisierten Faucis Berufung auf den Fünften Verfassungszusatz. Sie argumentierten, Fauci habe den Schutz nicht gezielt für einzelne Fragen genutzt, sondern eine vollständige Befragung verhindert.
Sie verwiesen auf den früheren Fall von Lois Lerner, die ehemalige Leiterin der US-Steuerbehörde IRS, die 2013 nach einer Erklärung vor dem Kongress die Beantwortung weiterer Fragen verweigert hatte.
Der republikanische Senator Josh Hawley kritisierte Fauci scharf. „Die Tatsache, dass er keine Fragen über die Krawatte beantworten wollte, die er trug, über die Farbe des Teppichs oder über den Wochentag, zeigt, dass seine Berufung auf den Fünften Verfassungszusatz nicht auf etwas Bestimmtes zugeschnitten war“, sagte Hawley am Donnerstag.
Er fügte hinzu: „Es war ein vorher festgelegter und vorsätzlicher Plan, die Fragen dieses Ausschusses zu jedem Thema zu umgehen.“

Faucis Anwalt verteidigt Verfassungsrecht

Faucis Anwalt David Schertler widersprach den Vorwürfen. Er erklärte, gerade die Forderungen nach einer möglichen Strafverfolgung hätten den Schutz durch den Fünften Verfassungszusatz notwendig gemacht.
Nach Aussage Schertlers habe Paul eine Situation geschaffen, in der Fauci berechtigte Sorge vor strafrechtlichen Konsequenzen haben müsse.
Der Anwalt verwies auf die vom Obersten Gerichtshof beschriebene „grundlegende Funktion“ des Fünften Verfassungszusatzes, „den Schutz unschuldiger Menschen, die durch unklare Umstände in rechtliche Schwierigkeiten geraten könnten“.
Ein weiterer Streitpunkt ist eine vorsorgliche Begnadigung, die der damalige Präsident Biden Fauci Anfang 2025 gewährte. Sie umfasst mögliche Straftaten gegen Bundesgesetze aus dem Zeitraum vom 1. Januar 2014 bis zum 19. Januar 2025.

Bundesstaaten kündigen Untersuchungen an

Neben dem Kongress planen mehrere republikanisch geführte US-Bundesstaaten, Faucis Rolle während der Pandemie zu überprüfen. Im Mittelpunkt stehen mögliche Falschaussagen, der Umgang mit wissenschaftlichen Diskussionen und mögliche Verstöße gegen Gesetze.
Die Generalstaatsanwältin von Louisiana, Liz Murrill, kündigte am 1. August eine Untersuchung an. Murrill schrieb auf X: „Fauci hat gelogen.“
Sie sagte gegenüber Epoch Times, dass Louisiana und Missouri Fauci bereits unter Eid befragt hätten. Damals habe er erklärt, sich an viele wichtige Details nicht erinnern zu können. Faucis Tagebuch und andere Aufzeichnungen, die öffentlich gemacht wurden, würden jedoch ein neues Licht auf die Zeit werfen.
Senator Tommy Tuberville, Republikaner aus Alabama, erklärte der Nachrichtenplattform „Newsmax“, Alabama werde eine Untersuchung von Fauci einleiten.
Tuberville sagte: „Hoffentlich werde ich in den nächsten sechs Monaten Gouverneur des Bundesstaates Alabama sein. Und ich verspreche Ihnen eines: Wir werden herausfinden, ob es eine Möglichkeit gibt, ihn nach Alabama zu bringen, um ihn vor ein Gericht und eine Jury zu stellen, um zu sehen, ob wir diesen Mann ins Gefängnis bringen können.“
Auch Florida kündigte eine Untersuchung an.
Generalstaatsanwalt James Uthmeier erklärte gegenüber Epoch Times: „Es ist höchste Zeit, dass wir die Wahrheit darüber erfahren, was während COVID passiert ist.“
Und weiter: „Wenn er gelogen hat und dies zu körperlichem und wirtschaftlichem Schaden für unzählige Amerikaner, zu Milliarden von Steuergeldern für ‚medizinische Ausgaben‘ und zu Lernverlusten für unsere nächste Generation geführt hat, sollte es Konsequenzen geben.“

Der damalige Corona-Chefberater des Weißen Hauses, Dr. Anthony Fauci (r.), begleitet US-Präsident Joe Biden bei einem Besuch der National Institutes of Health (NIH) am 11. Februar 2021 in Bethesda, Maryland.

Foto: Saul Loeb/AFP via Getty Images

Koalition aus 17 Bundesstaaten untersucht Fauci

Generalstaatsanwälte aus 17 republikanisch geführten Bundesstaaten kündigten im vergangenen Jahr eine gemeinsame Untersuchung an. Die Koalition prüft nach eigenen Angaben Vorwürfe, Fauci habe möglicherweise irreführende Aussagen gemacht und wissenschaftliche Diskussionen eingeschränkt.
Geleitet wird die Gruppe vom Generalstaatsanwalt von South Carolina, Alan Wilson.
Wilson erklärte: „Das amerikanische Volk hat ein Recht auf Transparenz und Rechenschaftspflicht von öffentlichen Amtsträgern, deren Entscheidungen Millionen Leben beeinflusst haben.“ Er fügte hinzu: „Wir werden weiterhin die Wahrheit verfolgen, weil das amerikanische Volk nichts Geringeres verdient.“
Trotz der Untersuchungen ist offen, ob daraus Strafverfahren entstehen können. Der Rechtsanalyst Mike Allen, ein ehemaliger Staatsanwalt in Ohio, erklärte gegenüber Epoch Times, dass bei vielen möglichen Straftaten die Verjährungsfristen vermutlich bereits abgelaufen seien. Dadurch könnten Ermittler Schwierigkeiten bekommen, ältere Vorgänge strafrechtlich zu verfolgen.

Senat erhält Kopie von Faucis Diensthandy

Parallel zu den laufenden Untersuchungen erhielt ein Senatsausschuss Zugriff auf eine digitale Kopie des Diensthandys, das Fauci während der Pandemie genutzt haben soll. Ermittler hoffen, dadurch Einblicke in interne Kommunikation, Entscheidungsprozesse und mögliche Unterschiede zwischen privaten Nachrichten und öffentlichen Aussagen zu erhalten.
Eine Sprecherin des republikanischen Senators Ron Johnson, des Leiters des Ständigen Unterausschusses für Untersuchungen des US-Senats, bestätigte gegenüber Epoch Times, dass das Gerät am 6. August vom Gesundheitsministerium (HHS) an den Ausschuss übergeben wurde.
Johnson schrieb auf X: „Hoffentlich wird dieses Gerät viele der Fragen beantworten, die er bei der Anhörung in der vergangenen Woche nicht beantworten wollte.“
Während Teile von Faucis E-Mail-Verkehr bereits aufgrund von Anfragen nach dem US-Informationsfreiheitsgesetz veröffentlicht wurden, ist der Inhalt seines Handys bislang weitgehend unbekannt.
Epoch Times erhielt keine vollständige Sammlung von Faucis Textnachrichten. Erst nach rechtlichen Schritten eines anderen Mediums wurden mehrere Dutzend Nachrichten veröffentlicht.
Die Ermittler interessieren sich besonders dafür, ob interne Kommunikation mit späteren öffentlichen Aussagen übereinstimmte. Bereits bekannte Nachrichten zeigen Kontakte während der Pandemie.
Der damalige republikanische Senator Mitt Romney kontaktierte Fauci und empfahl eine „strikte Quarantäne“ für ältere Menschen. Fauci antwortete: „Ich werde diesen Ansatz zum Treffen der [Taskforce] mitbringen. Er ist definitiv eine ernsthafte Überlegung wert.“
Categories
etplus ticker wissen

Kernkraft in Europa gedrosselt – aber Kohle und Gas laufen weiter?


In Kürze:

  • In mehreren Ländern in Europa mussten Kernkraftwerke ihre Leistung herunterfahren.
  • Als Grund werden Erwärmung von Flüssen und Niedrigwasser aufgrund sommerlicher Temperaturen genannt.
  • Auch andere Kraftwerksarten arbeiten mit Dampfturbinen und benötigen Kühlung, sind aber viel seltener von Drosselungen betroffen.
  • Entscheidend sind der Aufbau des Kühlsystems und unterschiedliche Regularien.
  • Die letzte hitzebedingte Drosselung eines Großkraftwerks in Deutschland geschah 2018.

 
Frankreich, Ungarn und Rumänien: Zuletzt kursierten mehrere Meldungen über Kernkraftwerke in Europa, die aufgrund der sommerlichen Wetterbedingungen ihre Leistung teilweise oder komplett herunterfahren mussten. Entweder sind die Flüsse, aus denen sie Kühlwasser beziehen und zurückführen, zu warm oder die Pegelstände zu niedrig.
Doch nicht nur diesen Sommer sorgen Ausfälle reihenweise für Schlagzeilen. Das wiederholt sich praktisch jeden Sommer, wobei fast immer dieselben Kernkraftwerke betroffen – und nicht ausschließlich nukleare Anlagen. Die meisten können unbeeindruckt von jeder Hitze einfach weiterlaufen und decken einen erheblichen Anteil der Stromversorgung der Bevölkerung ab.

Drosselungen auch bei anderen Kraftwerksarten

Die Stromerzeugung in nahezu allen Großkraftwerken funktioniert nach demselben Prinzip: Ein Brennstoff liefert Wärme, die erzeugt starkt erhitzten Wasserdampf, der eine Turbine antreibt. Ein Teil der Wärme kann dabei nicht in Strom umgewandelt und muss anderweitig abgeführt werden. Dafür ist eine Kühlung notwendig.
Aufgrund dessen könnte man annehmen, dass Gas-, Öl- oder Kohlekraftwerke und Müllverbrennungsanlagen ebenfalls von den Auswirkungen hoher Temperaturen betroffen sein müssten. Im Falle von Niedrigwasser kann unter Umständen auch ein Wasserkraftwerk eine Drosselung erfahren. All diese Ausfälle existieren. Sie sind aufgrund geringerer medialer Berichterstattung jedoch weitaus weniger bekannt.
In Frankreich musste beispielsweise der Energiekonzern EDF Mitte Juni dieses Jahres aufgrund hoher Wassertemperaturen im Mittelmeer ein Gaskraftwerk an der Küste vollständig abschalten. Der Zugang zu Kühlwasser war eingeschränkt. Die Anlage kühlt sich im Betrieb mit dem Meerwasser ab. Auch im Jahr 2022 mussten in Frankreich Gaskraftwerke aufgrund hoher Temperaturen abschalten.
Ein möglicher Grund, dass Berichte über gedrosselte Kernreaktoren dennoch deutlich dominieren, liegt in ihrer höheren Leistung. Fallen sie aus, bedeutet das eine größere Lücke in der Stromversorgung.

Höhere Temperaturen in anderen Ländern

Dass in Frankreich, Ungarn und Rumänien aktuell die Anlagen stillstehen müssen und deutsche Kraftwerke nicht, liegt primär an den unterschiedlichen Temperaturen. Die Wassertemperaturen der deutschen Flüsse sind derzeit etwas niedriger als die in den südlicher gelegenen EU-Ländern.
Die Rhein-Temperaturen im rheinland-pfälzischen Koblenz betragen aktuell rund 26 Grad Celsius. Ähnlich warm war auch die französische Rhone. Im Juli kletterte die Temperatur auf 25 Grad. Die Donau erreichte in Ungarn sowie in Rumänien bis zu 28 Grad.
Hinzu kommt, dass die Länder unterschiedliche Temperaturgrenzwerte für die Wassereinleitung des Kühlwassers in den Fluss vorschreiben. Während dieser in Frankreich meist bei rund 28 Grad liegt, dürfen Kraftwerke in Deutschland bis 30 Grad, in Ausnahmefällen sogar bei bis zu 33 Grad, noch Wasser einleiten. In Ungarn beträgt diese Temperaturgrenze ebenfalls 30 Grad, in Rumänien maximal 35 Grad.
Aus rein technischer Sicht ist auch wärmeres Flusswasser zur Kraftwerkskühlung geeignet. Die Grenzen sind damit vor allem regulatorischer Natur, vielfach mit der Begrünung des Schutzes von Fluss und Natur.

Bauweise ist entscheidend

Relevant ist zudem die Ausstattung und der Aufbau des Kühlsystems eines Kraftwerks – unter anderem also, ob es einen Kühlturm besitzt oder nicht. Denn abgesehen vom namensgebenden Brennstoff bestehen hierbei große Unterschiede zwischen verschiedenen Kraftwerken.
In jedem Fall, egal ob der Brennstoff Kohle, Gas, Müll oder ein Uran-Brennstab ist, führen ein Kondensator und Kühlwasserkreislauf nach der Turbine die Abwärme im Maschinenhaus über einen Wärmetauscher ab. Hierbei ist zwischen zwei Systemen zu unterscheiden: mit und (fast) ohne direkte Fluss- oder Meerwasserzufuhr.
Europa Kernkraftwerk

Schematischer Aufbau eines Kernkraftwerks mit Druckwasserreaktor. Sichtbar ist der Primärkreis im Reaktorgebäude, der Sekundärkreis ins Maschinenhaus und der Tertiärkreis für das Kühlwasser mit Fluss und/oder Kühlturm.

1. Kühlung mit Fluss- oder Meerwasser
Ist ein Fluss oder das Meer Teil des Kühlwasserkreislaufs, spricht man von der sogenannten Durchlaufkühlung oder Frischwasserkühlung. Dazu wird Wasser aus einem nahegelegenen, ausreichend großen Fluss entnommen. Dieses fließt durch den Kondensator an der Turbine und nimmt die dortige Wärmeenergie auf. Das erwärmte Wasser fließt anschließend zurück in den Fluss oder ins Meer. Diese Rückleitung
Dieses Kühlsystem ist günstig und bietet eine hohe Effizienz. Das Kühlsystem gibt dabei praktisch die komplette Abwärme an das Gewässer ab. Dafür muss der Wasserquelle viel Wasser entnommen werden.
Der Wasserbedarf für die Durchlaufkühlung ist enorm. So muss bei einer Aufwärmspanne von etwa 10 Grad Celsius mit einem Kühlwasserbedarf von etwa 35 Kubikmeter pro Sekunde (m³/s) für eine Anlage mit 1.000 MW installierter elektrischer Leistung gerechnet werden.
Zum Schutz der Gewässer und ihrer Tiere können sowohl die Entnahmemenge als auch die Temperatur des zurückgeleiteten Wasser Einschränkungen unterliegen. Diese führten jüngst zur Abschaltung vieler Kraftwerke.
2. Kühlung (fast) ohne Fluss- oder Meerwasser
Kraftwerke, die das Kühlwasser nicht in den Fluss oder das Meer zurückleiten, müssen praktisch keine Abschaltung aufgrund von festgelegten Temperaturgrenzen befürchten. Statt in ein Gewässer führt etwa der Kühlkreislauf des Kernkraftwerks Gösgen-Däniken in der Schweiz die Kondensationswärme in die Atmosphäre ab. Das geschieht über einen Kühlturm in einem teilweise geschlossene Wasserkreislauf.
Auch hierbei nehmen Kondensator und Wärmetauscher die Abwärme aus dem Maschinenhaus auf. Über Leitungen gelangt das auf rund 40 Grad Celsius erwärmte Wasser vom Kondensator zum Kühlturm. Dort versprühen mehrere Düsen, die über den gesamten Durchmesser des Kühlturms in wenigen Metern Höhe angebracht sind, das Wasser.
Am Sockel des Kühlturms gelangt kühlere Umgebungsluft hinein, die im Inneren des Turms aufsteigt. Höhe und Form des Turms sorgen für einen natürlichen Kaminzug. Das über die Düsen versprühte Wasser gibt Wärme an die Umgebungsluft ab. Während es in ein Auffangbecken fällt, kühlt es sich auf rund 26 Grad ab. Dabei verdunstet ein Teil des Wassers.
Im Auffangbecken dieses – meist aus einem nahegelegenen Fluss – ersetzt. Hierfür erforderlich sind etwa 0,4 bis 1 m³/s und damit nur ein Bruchteil dessen, wie bei der oben erwähnten Durchlaufkühlung.
Der entscheidende Nachteile beim Kühlkreislauf mit Kühlturm ist: Der Wirkungsgrad ist geringer und das Kraftwerk erzeugt sichtbare Schwaden aus Wasserdampf.

Aktuell keine Abschaltung in Deutschland

In der Bundesrepublik gab es in diesem Jahr noch kein Kraftwerk, das aufgrund hoher Temperaturen seine Leistung drosseln musste. Zuletzt ereignete sich hierzulande im Jahr 2018 eine nennenswerte Drosselung eines Kraftwerks wegen Hitze und Kühlwasserproblemen. Das betraf das Steinkohlekraftwerk Bergkamen. Die damalige Hitzewelle erwärmte die Flüsse zu sehr, sodass die Temperatur des zum Fluss zurückgeführten Kühlwassers den gesetzlichen Grenzwert zu überschreiten drohte.
Im selben Zeitraum drosselte auch das inzwischen stillgelegte Kernkraftwerk Philippsburg in Baden-Württemberg aus gleichem Grund seine Leistung. Die Reduzierung war jedoch nur geringfügig: Block zwei lieferte zeitweise lediglich bis zu zehn Prozent weniger.
Drosselt ein Kernkraftwerk seine Leistung, sinkt auch der Kühlbedarf. Allerdings hat ein Kernkraftwerk auch dann noch einen gewissen Rest-Kühlbedarf, wenn keine Leistung mehr von ihm abverlangt wird. Das liegt an den Brennstäben.
Generell hatten die deutschen Kernkraftwerke insgesamt deutlich weniger hitzebedingte Ausfälle und Drosselungen als viele Meiler im Ausland. Besonders die Reaktoren in Frankreich waren in den vergangenen Jahrzehnten von Hitzewellen betroffen. Das liegt vor allem daran, dass viele französische Kernkraftwerke an Binnenflussstandorten befinden und ohne Kühlturm operieren. Sie arbeiten, ebenso wie die weitestgehend oder komplett gedrosselten Kernkraftwerke in Ungarn und Rumänien, ausschließlich mit Frischwasserkühlung.

Wie können künftig KKW-Abschaltungen vermieden werden?

Technisch wäre es daher durchaus möglich, hitzebedingte Abschaltungen von Kern- und anderen Kraftwerken zu reduzieren oder ganz zu vermeiden.
Dazu müssten besonders bei den aktuell betroffenen Kernkraftwerken Paks in Ungarn, Cernavoda in Rumänien und anderen kritischen Anlagen die Kühlwassersysteme der Anlagen um Kühltürme erweitert werden. Somit müsste kein erwärmtes Wasser mehr in die nahegelegenen Flüsse eingeleitet und erheblich weniger Wasser entnommen werden.
Auch Mischformen sind möglich, wie das KKW Golfech in Frankreich zeigt. Es verfügt über Kühltürme, dennoch fleißt ein Teil des Abwassers leicht erwärmt in die Garonne zurück.
Categories
deutschland etplus ticker wirtschaft

2,2 Milliarden Verlust bei Porsche – so steht es um deutsche Autobauer


In Kürze:

  • Porsche macht als Beteiligungsgesellschaft 2,2 Milliarden Euro Verlust.
  • Insgesamt laufen die Geschäfte mit China schlecht.
  • Höherer Auftragsbestand stimmt VDA perspektivisch optimistischer.

Eine milliardenschwere Abschreibung auf die Beteiligung am Volkswagen-Konzern hat die Eigentümerholding Porsche SE im ersten Halbjahr 2026 tief in die roten Zahlen gezogen. Unter dem Strich machte die Beteiligungsgesellschaft einen Verlust von 2,2 Milliarden, wie das Unternehmen in Stuttgart mitteilte. Im Jahr zuvor wurden noch 300 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet.

Beteiligungsgesellschaft fordert Tempo beim VW-Umbau

Sowohl Europas größter Autobauer Volkswagen als auch die weitere wesentliche Beteiligung, der Sportwagenbauer Porsche, kämpfen derzeit mit schwierigen Marktbedingungen und dem Umbruch in der Automobilindustrie. Die Wertberichtigungen auf die Volkswagen-Anteile betrugen im ersten Halbjahr drei Milliarden Euro und auf den Sportwagenbauer Porsche 200 Millionen Euro.
Porsche SE-Vorstandschef Hans Dieter Pötsch mahnte eine rasche Entscheidung zum Sparprogramm in Wolfsburg an. Der Volkswagen-Konzern stehe an einem historischen Wendepunkt. Bei den jetzt anstehenden Entscheidungen gehe es um die Zukunft der Marke. „Je länger sich die Entscheidungen hinziehen, desto größer werden die Probleme.“
Volkswagen hatte kürzlich seine Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt. Daraus ging hervor, dass der Konzern mit 1,54 Milliarden Euro nach Steuern knapp 33 Prozent weniger Gewinn eingefahren hat als im Vorjahreszeitraum.

Umsatzeinbruch bei Daimler Truck

Unterdessen vermeldete Daimler Truck einen Umsatzeinbruch von 48 Prozent. Aus den Zahlen für das zweite Quartal 2026, die der Dax-Konzern am Freitag, 7. August, vorlegte, geht hervor, dass das Konzernergebnis im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 245 auf 128 Millionen Euro abrutschte. Zwar stieg der Umsatz um fünf Prozent auf knapp 12,3 Milliarden Euro, allerdings sank das operative Ergebnis (Ebit) um neun Prozent auf 360 Millionen Euro.
Dennoch zeigt sich Karin Rådström, Vorstandsvorsitzende von Daimler Truck, optimistisch: „Die starke Geschäftsentwicklung bei Trucks North America, die Aussicht auf höhere Absatzzahlen und die geringere erwartete Zollbelastung im weiteren Jahresverlauf bestärken uns darin, unsere Prognose für das Gesamtjahr anzuheben“, sagte sie in einer Mitteilung.
Einen massiven Gewinneinbruch hat auch BMW zu beklagen. Im zweiten Quartal blieben dem Konzern nach Steuern 1,2 Milliarden Euro 35 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Umsätze sanken von 34 Milliarden auf 31 Milliarden Euro. Schaut man nur auf den Bereich Automobile, sieht es sogar noch dramatischer aus. So rutsche das operative Ergebnis (Ebit) um mehr als 60 Prozent auf 629 Millionen ab.
Damit hat BMW im abgelaufenen Quartal mehr mit seinen Finanzdienstleistungen verdient als mit der Herstellung von Autos.
Schlecht liefen hauptsächlich die Geschäfte mit China. Ein massiv zurückgehender Absatz um fast ein Drittel und sich verschärfender Wettbewerb bereiten den Münchner Probleme. Der BMW-Absatz war dort um fast ein Drittel eingebrochen.

Mercedes: Absatzeinbruch in China

Trotz eines stabilen Gesamtkonzerns spürt Mercedes-Benz im Autogeschäft harten Gegenwind. So setzten die Stuttgarter im zweiten Quartal 417.765 Fahrzeuge ab und lagen damit acht Prozent unter den Zahlen im Vergleichsquartal des Vorjahres. Belastet durch einen Absatzeinbruch von 30 Prozent in China und millionenschwere Wertberichtigungen schrumpfte das bereinigte operative Ergebnis der Pkw-Sparte im zweiten Quartal 2026 um 26 Prozent auf 909 Millionen Euro ab. Die Umsatzrendite fiel auf vier Prozent. Unbereinigt blieben nach Sondereffekten 49 Millionen Euro übrig.
Im ersten Halbjahr 2026 lieferte die Markengruppe Progressive, zu der neben dem Hauptprodukt Audi auch Lamborghini und Bentley gehören, 736.878 Autos aus.  Das entspricht einem Rückgang von 7,2 Prozent, teilt der Konzern auf seiner Internetseite mit. Die Umsatzerlöse schrumpften als Folge des geringeren Absatzes sowie mixbedingt um 10,4 Prozent auf 29,2 Milliarden Euro.
Besser sieht es hingegen bei Opel aus. Der zum Stellantis-Konzern gehörende Autobauer setzte sein Wachstum auch im ersten Halbjahr fort, heißt es in einer Mitteilung. Von Januar bis Juni verkauften Opel und seine britische Schwestermarke Vauxhall weltweit etwa 313.000 Fahrzeuge. Der Umsatz beim Pkw-Geschäft stieg um mehr als sieben Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres an.
Auch auf europäischer Ebene verzeichnet der Konzern gute Entwicklungen. 231.000 Pkw fanden Käufer, sodass die Bilanz mit einer Steigerung von 11,8 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 positiv ausfällt. Der Marktanteil stieg auf mehr als drei Prozent. Trotz rückläufiger Umsätze erwirtschaftete der Konzern einen  Liquiditätsüberschuss in Höhe von 1,9 Milliarden Euro.

VDA hofft auf Impulse nach den Sommermonaten

Nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) wurden im Juli 322.700 Autos in Deutschland produziert. Das entspricht einem Rückgang von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Hauptursache für den Produktionsrückgang war laut Verband eine mehrwöchige Produktionspause im Zuge der Umrüstung eines Werks für die Fertigung von Elektrofahrzeugen. Insgesamt liefen in Deutschland in den ersten sieben Monaten des Jahres 2,43 Millionen Pkw vom Band. Das waren drei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Damit lag die Produktion nach den ersten sieben Monaten 15 Prozent unter den Zahlen des Vorkrisenjahres 2019.
Im Juli wurden 260.000 Pkw exportiert, vier Prozent weniger als im Vergleichsmonat 2025. Seit Jahresbeginn summierten sich die Ausfuhren auf 1,852 Millionen Fahrzeuge. Das bedeute ebenfalls einen Rückgang um vier Prozent.
Die Auftragseingänge aus dem Inland schrumpften auch um vier Prozent. Gar 15 Prozent weniger Bestellungen gab es aus dem Ausland. Insgesamt verzeichnete die Branche damit 13 Prozent weniger neue Aufträge als im Juli 2025. Gleichzeitig lag der aktuelle Auftragsbestand aus dem Inland zehn Prozent über dem Vorjahreswert. Dies sei der höchste Abstand zum Vorjahreswert in diesem Jahr. Daher zeigt sich der Verband optimistisch und hofft auf Impulse für die Inlandsproduktion  nach den Sommermonaten.
(Mit Text der Agenturen)