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„Genug gearbeitet“ – Meetings: Wenn Anwesenheit mit Fortschritt verwechselt wird

„Wir müssen uns dazu nochmal zusammensetzen.“ Manchmal ist dieser Satz sinnvoll. Oft ist er ein Symptom. Denn viele Meetings entstehen nicht, weil ein Gespräch nötig ist, sondern weil eine Entscheidung fehlt.
Meetings sind teuer. Nicht nur wegen der Stunden. Sie kosten Aufmerksamkeit, Vorbereitung, Nachbereitung und oft auch Frustration. Besonders dann, wenn am Ende alle das Gefühl haben: Wir haben geredet, aber nichts bewegt.
In vielen Organisationen wird Anwesenheit mit Beteiligung verwechselt. Wer dabei ist, war eingebunden. Wer etwas gesagt hat, hat beigetragen. Wer lange diskutiert hat, hat gründlich gearbeitet. Leider stimmt das nicht automatisch.
Ein wirksames Meeting braucht einen Zweck. Und dieser Zweck muss vor Beginn klar sein:
  • Wollen wir informieren? Dann braucht es vielleicht gar kein Meeting.
  • Wollen wir klären? Dann braucht es gute Fragen und die richtigen Personen.
  • Wollen wir entscheiden? Dann braucht es Entscheidungskompetenz im Raum.
Ein Geschäftsführer führte einen einfachen Satz ein: „Ohne Ziel keine Einladung.“ Anfangs wirkte das hart. Nach einigen Wochen wurde es befreiend. Menschen sagten Termine ab, wenn sie keinen Beitrag leisten konnten. Abstimmungen wurden schriftlich vorbereitet. Entscheidungsmeetings endeten mit klaren Verantwortlichkeiten.
Genug gearbeitet. Meetings dürfen kein Aufenthaltsraum für unklare Verantwortung sein.
Drei Regeln verändern Meetingkultur schnell:
  • Am Anfang steht der Satz: „Am Ende dieses Termins ist geklärt …“
  • Während des Termins darf jemand sagen: „Das führt gerade nicht zum Ziel.“
  • Am Ende stehen drei Punkte: Entscheidung, Verantwortung, nächster Termin oder bewusst kein Termin.
Das klingt schlicht. Genau deshalb wirkt es. Meetingqualität entsteht nicht durch mehr Methoden, sondern durch Disziplin.
Spannend wird es bei wiederkehrenden Runden. Viele existieren, weil sie immer existiert haben. Ein guter Test: Lassen Sie eine wiederkehrende Runde einmal ausfallen und fragen Sie danach, was wirklich gefehlt hat. Wenn nichts fehlt, war das Meeting kein Führungsinstrument, sondern ein Ritual ohne Wirkung.
Natürlich brauchen Teams Austausch. Aber Austausch ohne Ergebnis darf nicht den Kalender dominieren. Sonst entsteht die absurde Situation, dass Menschen tagsüber über Arbeit sprechen und abends die Arbeit erledigen.
Genug gearbeitet. Welche Besprechung in Ihrem Kalender müsste morgen beweisen, dass sie ihren Platz verdient?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Können wir unsere Mitarbeiter zurückhaben? Warum Unternehmen ihre KI-Pläne überdenken

Die Revolution der Künstlichen Intelligenz führt möglicherweise doch nicht so schnell zum Verlust menschlicher Arbeitsplätze, wie manche befürchtet hatten. Steigende Rechenkosten, betriebliche Probleme und uneinheitliche Ergebnisse veranlassen einige Unternehmen dazu, ihren Kurs zu ändern und Mitarbeiter zurückzuholen.
Im frühen KI-Boom hatten viele Unternehmen aufgrund großer Versprechen zu Kosteneinsparungen Personal abgebaut – eine Entscheidung, die sich später oft als Fehler herausstellte.
Viele Branchenfachleute sind mittlerweile der Meinung, dass in Bereichen, in denen fundiertes Urteilsvermögen, Kreativität, Kundenkontakt und Qualitätskontrolle gefragt sind, Menschen weiterhin das Sagen haben müssen.

KI liefert nicht die versprochenen Ergebnisse

Neun von zehn Unternehmen würden ihre KI-bedingten Kündigungen überdenken. Das ergab eine Umfrage des Unternehmens CareerMind unter 600 Personalverantwortlichen, die in den vergangenen zwölf Monaten Entlassungen vorgenommen hatten.
Drei von vier befragten Personalverantwortlichen gaben an, dass ihr Unternehmen Mitarbeiter entlassen hat, weil technologische Fortschritte bestimmte Aufgaben und Zuständigkeiten übernommen haben. Nur 8,4 Prozent sagten, dass KI die erwarteten Ergebnisse tatsächlich erreicht hat.
„In den vergangenen zwölf Monaten haben wir einen deutlichen Anstieg von Unternehmen verzeichnet, die sich an uns wenden, nachdem sie die Einführung von KI-Tools ausgesetzt oder zurückgefahren haben“, erklärte James Calloway, Betriebsleiter (Chief Operating Officer) bei Stealth Agents, gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times.

Bei Aufgaben, bei denen zwischen den Zeilen gelesen werden muss, um die tatsächlichen Bedürfnisse eines Kunden zu erkennen, sind Menschen besser als KI.

Foto: Blue Planet Studio/iStock

Calloways Unternehmen bietet virtuelle Assistenten für Führungskräfte an. In diesem Bereich ist der Kostenunterschied zwischen menschlichen Mitarbeitern und KI-Agenten besonders groß.
„Ein E-Commerce-Kunde hatte Mittel für die Einführung eines KI-Kundenservices eingeplant. Dieser stellte fest, dass die Kosten für Lizenzen, Integration und die laufende Entwicklung von Prompts zwei- bis dreimal so hoch waren wie ursprünglich veranschlagt“, sagte Calloway. „Stattdessen stellte er zwei unserer remote arbeitenden Assistenten ein und senkte seine Kosten pro bearbeitetem Ticket um fast 40 Prozent.“
Weiter sagte Calloway: „Menschliche Mitarbeiter sind nach wie vor kosteneffizienter bei der Kommunikation mit Kundinnen und Kunden, die Einfühlungsvermögen und Urteilsvermögen erfordert und bei Aufgaben, bei denen zwischen den Zeilen gelesen werden muss, um die tatsächlichen Bedürfnisse eines Kunden zu erkennen, bei Arbeiten mit firmeneigenen Kontextinformationen, die nicht sicher in KI-Systeme von Drittanbietern eingespeist werden können, sowie bei allen Arbeitsabläufen, bei denen ein Fehler reale reputationsbezogene oder rechtliche Konsequenzen hat.“
Auch große Technologieunternehmen kamen zu dieser Erkenntnis. Im April sagte Bryan Catanzaro, Vizepräsident für angewandte Deep-Learning-Forschung bei Nvidia, gegenüber „Axios“:
„Für mein Team liegen die Rechenkosten weit über den Personalkosten.“
Nickle LaMoreaux, Senior Vice President und Personalvorstand (Chief Human Resources Officer) bei IBM, vertrat auf einem Gipfeltreffen des Wall Street Journal Leadership Institute im März die Auffassung, dass die Erweiterung von Aufgaben durch KI für das Unternehmenswachstum wichtiger sei als der vollständige Ersatz menschlicher Arbeitskräfte.
LaMoreauxs Aussage erfolgte nur wenige Wochen, nachdem IBM Pläne angekündigt hatte, die Zahl der Neueinstellungen auf Einstiegsebene zu verdreifachen. Auf die Frage, warum viele Unternehmen keinen ähnlichen Ansatz verfolgen, antwortete er: „Das liegt daran, dass sie in einer Produktivitätsmentalität verhaftet sind, anstatt eine Wachstumsmentalität zu verfolgen.“
Eine Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) prognostiziert, dass 50 bis 55 Prozent aller Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren durch KI „umgestaltet“ werden.

Besucher am 20. April 2026 am IBM-Messestand auf der Hannover Messe 2026 in Hannover, Deutschland. Auf der diesjährigen Messe liegt ein verstärkter Schwerpunkt auf künstlicher Intelligenz in der Industrie.

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Unvorhergesehene Kosten

Jon Hill, CEO von The Energists, sagte, es sei ein weit verbreitetes Missverständnis, generative KI lediglich als „Software mit einer Abonnementgebühr“ zu betrachten. Er habe selbst erlebt, dass Enttäuschung über KI-Lösungen dazu führen könne, dass Unternehmen zuvor gestrichene Stellen wieder besetzen.
„Viele unserer Kunden haben generative-KI-Initiativen aggressiv vorangetrieben, weil sie glaubten, dadurch ihre Personalkosten senken zu können“, sagte Hill gegenüber der Epoch Times. „Doch wir beobachten zunehmend, dass diese Kunden wieder auf menschliche Mitarbeiter zurückgreifen, nachdem sie die tatsächlichen Kosten von KI-Systemen erkannt haben.“
Hill nannte beispielhaft ein Unternehmen, mit dem er zusammengearbeitet hatte und das einen Teil seiner Compliance-Berichterstattung und seines technischen Supports automatisieren wollte. Das Unternehmen stellte fest, dass die prognostizierten Einsparungen zwar zunächst vielversprechend erschienen, jedoch geringer ausfielen, sobald Kosten für Cybersicherheit, menschliche Überwachung und die Nutzung von Anwendungsprogrammierschnittstellen (APIs) berücksichtigt wurden.
Der Kunde entschied sich, den Einsatz von KI auszusetzen, weil „menschliche Mitarbeiter verlässlichere Ergebnisse zu geringeren langfristigen Kosten lieferten“, so Hill.
Hill erklärte weiter, es gebe zahlreiche Kosten, die Unternehmen leicht übersehen könnten. Allein die Kosten für Cloud-Rechenleistung könnten je nach Nutzung „einen sechs- bis siebenstelligen Jahresaufwand“ verursachen.

Am 3. März 2025: Besucher während des Mobile World Congress in Barcelona, Spanien, in einem KI-Rechenzentrum bei SK Networks. Eine Umfrage vom Februar bei Personalmanagern ergab, dass neun von zehn Firmen Kündigungen im Zusammenhang mit KI noch einmal überdenken.

Foto: Manaure Quintero/AFP via Getty Images

Der von seinem Team eingesetzte KI-Content-Assistent habe sich letztlich als kostspielig und ineffizient erwiesen, sagte Matt Baharav, CEO von MKB Media Solutions, gegenüber der Epoch Times.
„Im letzten Quartal haben wir beschlossen, keinen automatisierten KI-Content-Assistenten mehr für unsere Akquisemaßnahmen zu nutzen. Wir haben erkannt, dass die Software wirkungslos war“, so Baharav. „Das Unternehmen, das wir beauftragt und dem wir monatlich mehrere tausend Dollar gezahlt hatten, stellte uns Lizenzkosten in Rechnung und zwang mein Team zudem dazu, unzählige Stunden damit zu verbringen, die von ihrem Tool erstellten allgemeinen Textabschnitte umzuschreiben.“

Die Deepseek-App am 31. März 2026 in Kiew, Ukraine. Nach dem rasanten Vormarsch der KI-Einführung in der Industrie holen immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter wieder zurück an den Arbeitsplatz.

Foto: Oleksii Pydsosonnii/The Epoch Times

Baharav sagte, er habe gelernt, dass „ein guter Autor kostengünstiger ist als ein teurer automatisierter Inhaltsassistent“. Das gelte besonders bei komplexer Kommunikation. „Wir haben die Software komplett abgeschafft und die Mittel wieder in die Einstellung kompetenter, kluger Autoren investiert“, sagte er.
80 bis 85 Prozent der Unternehmen haben ihre Prognosen für die KI-Infrastruktur um mehr als 25 Prozent verfehlt. Das besagt eine Analyse der Tech-Ausgaben-Tracker Mavvrik im Bericht „State of AI Cost Management 2025“ . Gleichzeitig meldeten 84 Prozent aufgrund falsch kalkulierter KI-Kosten einen „erheblichen Rückgang der Bruttomarge“.

Luxuskomponente

Marcus Mossberger vertritt die Auffassung, dass KI ihre eigene Nische in der Arbeitswelt finden könne – solange es sich nicht um Situationen handelt, die besser durch menschliches Urteilsvermögen bewältigt werden. Mossberger ist Leiter der Marktstrategie (Chief Market Strategy Officer) bei der Workforce-Intelligence-Plattform LYTIQS.
„Das Personalwesen ist ein gutes Beispiel dafür, dass KI genutzt werden kann, um transaktionsbezogene Fragen wie ‚Wie hoch ist die Selbstbeteiligung bei meiner Krankenversicherung?‘ zu beantworten, nicht jedoch für persönlichere Anliegen wie ‚Was soll ich tun, wenn mir ein Kollege Unbehagen bereitet?‘“, so Mossberger.
Einige Unternehmen würden sich vermutlich zu stark auf KI verlassen und dabei eine harte Lektion lernen. Seiner Ansicht nach könnten die Konsequenzen gravierender sein als lediglich die Notwendigkeit, neue Mitarbeiter einzustellen.
„Ich glaube tatsächlich, dass die größte versteckte Kostenstelle im Zusammenhang mit der Einführung generativer KI die Zerstörung des Vertrauens zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist. Und seien wir ehrlich: Das war ohnehin nicht gerade ein Bereich, in dem wir besonders stark waren“, sagte Mossberger.

Die Büros im neuen Hauptsitz von Amazon Deutschland am 16. April 2026 in München. Im Januar entließ Amazon weltweit 16.000 Mitarbeiter. Diese Entlassungen sind Teil einer mehrjährigen Entlassungswelle, die unter anderem durch den KI-Einsatz ausgelöst wurde.

Foto: AFP via Getty Images

Fleißige Beschäftigte müssten mit ansehen, wie Arbeitgeber Milliarden in KI-Infrastruktur investieren, während gleichzeitig Kollegen entlassen werden und von ihnen erwartet wird, bei der Einarbeitung ihres eigenen KI-Ersatzes mitzuwirken. „Wenn Sie glauben, dass genau diese Menschen sich freiwillig über das normale Maß hinaus engagieren und innovative Risiken eingehen, um Ihr Unternehmen voranzubringen, irren Sie sich gewaltig“, so Mossberger weiter.
Er prognostiziert, dass Unternehmen gezwungen sein werden, das Vertrauen in ihre Marke wiederherzustellen und gleichzeitig neue Mitarbeitende einzuarbeiten. Mossberger geht davon aus, dass sich viele der Menschen, die in der Anfangsphase des KI-Booms entlassen wurden, weigern könnten, zurückzukehren.
Die Rückkehr eines Arbeitnehmers zu demselben Unternehmen, das ihn ursprünglich entlassen hat, wird als „Bumerang-Mitarbeiter“ bezeichnet.
Für den CEO von MKB Media, Matt Baharav, hat sich die Entscheidung, den Menschen in den Vordergrund zu stellen, ausgezahlt. „Bis heute haben wir dadurch tatsächlich Geld gespart“, sagte er.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Can We Have Our Humans Back? Why Some Companies Are Rethinking AI“. (deutsche Bearbeitung: ks)
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„Genug gearbeitet“ – Entscheidungen: Der Mut, Arbeit zu beenden

Entscheidungen werden meist mit Start verbunden. Wir entscheiden uns für ein Projekt, eine Maßnahme, eine neue Rolle, ein neues Tool oder einen neuen Prozess. Selten feiern wir die andere Seite: die Entscheidung, etwas zu beenden.
Dabei entsteht Überlastung oft nicht durch das Neue allein. Sie entsteht, weil das Alte weiterläuft. Jede neue Idee setzt sich oben auf die alten Gewohnheiten. So werden Organisationen schwer. Nicht durch einen großen Fehler, sondern durch viele kleine Nicht-Entscheidungen.
„Das machen wir noch nebenbei.“ Dieser Satz ist ein Warnsignal. „Nebenbei“ ist der Ort, an dem Qualität stirbt und Menschen müde werden.
In einem Unternehmen wurden über Jahre hinweg neue Berichte eingeführt. Jeder hatte einmal einen guten Grund. Aber niemand prüfte, ob sie noch gebraucht wurden. Als wir die Empfängerliste anschauten, stellte sich heraus: Zwei Berichte wurden von niemandem aktiv genutzt. Einer wurde gelesen, aber nie als Entscheidungsgrundlage verwendet. Trotzdem saßen Menschen jeden Monat daran.
Die Entlastung begann mit einer einfachen Entscheidung: weg damit. Kein Workshop. Kein Strategiepapier. Nur das Ende einer Arbeit, die ihre Wirkung verloren hatte.
Führung zeigt sich nicht nur darin, Arbeit zu verteilen. Führung zeigt sich darin, Arbeit zu schützen. Und Schutz bedeutet manchmal: Dieses Thema endet jetzt.
Drei Fragen helfen beim Beenden:
  • Würden wir diese Aufgabe heute neu einführen, wenn es sie noch nicht gäbe?
  • Wer nutzt das Ergebnis wirklich für eine Entscheidung?
  • Was passiert konkret, wenn wir es vier Wochen nicht tun?
Viele Führungskräfte fürchten, dass ein Stopp als Schwäche wirkt. Das Gegenteil ist oft der Fall. Ein sauber begründeter Stopp wirkt wie Klarheit. Er zeigt: Wir nehmen die Energie unserer Menschen ernst.
Genug gearbeitet. Nicht alles, was einmal sinnvoll war, verdient ein dauerhaftes Mandat.
Besonders bei Projekten ist das Beenden schwer. Weil schon Zeit investiert wurde. Weil Gesichter daran hängen. Weil ein Abbruch nach Scheitern klingt. Doch manchmal ist das Festhalten teurer als der ehrliche Schnitt.
Ein guter Stopp-Satz lautet: „Wir beenden das nicht, weil es falsch war. Wir beenden es, weil es jetzt nicht mehr die wichtigste Wirkung erzeugt.“ Das nimmt Schuld aus der Entscheidung und bringt Strategie hinein.
Wer beenden kann, gewinnt Tempo. Nicht Hektik, sondern Beweglichkeit. Denn ein Unternehmen, das alles mitschleppt, kann nicht gut auf Neues reagieren – auch nicht auf KI, Marktveränderungen oder politische Anforderungen.
Genug gearbeitet. Welche Aufgabe läuft bei Ihnen nur noch, weil niemand den Mut hatte, sie offiziell zu beenden?
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„Genug gearbeitet“ – Orientierung: Menschen können nicht liefern, wenn Richtung fehlt

„Die wissen doch, was zu tun ist.“ Dieser Satz fällt oft dann, wenn etwas nicht läuft. Aufgaben bleiben liegen, Entscheidungen werden zurückgespielt und Ergebnisse passen nicht. Die Führungskraft ärgert sich. Das Team wirkt passiv. Und doch fehlt häufig nicht der Wille, sondern Orientierung.
Orientierung ist mehr als Information. Eine Mail ist noch keine Orientierung. Eine Ansage ist noch keine Orientierung. Ein Ziel auf einer Folie ist noch keine Orientierung. Orientierung entsteht erst, wenn Menschen wissen, worauf es ankommt, wie sie entscheiden dürfen und woran gute Arbeit erkannt wird.
Viele Führungskräfte unterschätzen, wie viel unausgesprochen bleibt. Sie tragen das Bild im Kopf, aber das Team sieht nur Ausschnitte. Dann entstehen Rückfragen, Reibung und Vorsicht. Wer im Nebel arbeitet, bewegt sich langsamer – nicht aus Faulheit, sondern aus Selbstschutz.
Ein Projektleiter erzählte mir: „Ich will nicht ständig fragen. Aber ich will auch nicht wieder hören, dass es anders gemeint war.“ Dieser Satz zeigt den Kern. Unklare Führung erzeugt nicht Selbstständigkeit. Sie erzeugt taktische Vorsicht.
Orientierung braucht vier einfache Elemente:
  • Richtung: Was soll am Ende anders sein?
  • Grenze: Was gehört nicht dazu?
  • Spielraum: Was darf eigenständig entschieden werden?
  • Maßstab: Woran erkennen wir Qualität?
Eine Geschäftsführerin begann, neue Aufgaben nicht mehr mit „Kümmern Sie sich mal“ zu übergeben. Stattdessen nutzte sie drei Sätze: „Das Ziel ist … Der Entscheidungsspielraum ist … Mir ist wichtig, dass …“ Es dauerte kaum länger. Aber die Rückfragen veränderten sich. Sie wurden weniger und präziser.
Genug gearbeitet. Denn viel Arbeit entsteht dadurch, dass Menschen erst arbeiten und danach klären, was eigentlich gemeint war.
Besonders gefährlich ist Orientierungslosigkeit in Phasen von Veränderung. Wenn neue Technik, KI, neue Prozesse oder veränderte Kundenanforderungen hinzukommen, reicht es nicht, Aufgaben zu verteilen. Dann braucht es Einordnung: Warum machen wir das? Was bleibt? Was ändert sich? Was ist verhandelbar und was nicht?
Führungskräfte müssen nicht alles wissen. Aber sie müssen sagen, was sie wissen, was sie noch nicht wissen und bis wann entschieden wird. Das schafft mehr Ruhe als jede Beschwichtigung.
Ein hilfreicher Satz lautet: „Ich weiß noch nicht alles, aber das ist unser nächster klarer Schritt.“ Dieser Satz ist ehrlich und führend zugleich.
Wenn Sie Orientierung testen wollen, fragen Sie drei Menschen im Team: „Was ist gerade unser wichtigstes Ziel?“ Wenn drei unterschiedliche Antworten kommen, haben Sie kein Motivationsproblem. Sie haben ein Führungsproblem.
Genug gearbeitet. Wo erwarten Sie Eigenverantwortung, obwohl die Richtung nicht klar genug ist?
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Bruch des Koalitionsvertrages: SPD und Union streiten um tägliche Höchstarbeitszeit


In Kürze:

  • Streit über tägliche vs. wöchentliche Arbeitszeitgrenze
  • Arbeitgeber für Flexibilisierung, Gewerkschaften dagegen
  • Koalition sucht Kompromiss im Ausschuss

 
Zwischen den Koalitionspartnern CDU/CSU und SPD ist ein heftiger Streit um die Gestaltung des Arbeitszeitgesetzes ausgebrochen. In einem geleakten Referentenentwurf, will die SPD-Politikerin Bärbel Bas die Möglichkeit einer wöchentlichen statt einer täglichen Höchstarbeitszeit begrenzen, berichtet die WELT. So soll eine neue Regelung lediglich für Firmen mit Tarifverträgen gelten.

Linnemann: Entwurf „keine Grundlage“ für Diskussionen

Demnach heißt es in dem Papier auf Seite 2: „Die Tarifvertragsparteien und unter bestimmten Voraussetzungen die Betriebspartner erhalten die Möglichkeit, statt einer täglichen eine wöchentliche Arbeitszeit zu vereinbaren.“ Auf Seite 4 heißt es weiter, dass dies möglich sein soll, wenn die Tarifverträge dies zuließen. Zudem müsse der Schutz der Gesundheit sichergestellt sein.
14 Wirtschaftsverbände haben hingegen eine grundsätzliche Reform des Arbeitszeitgesetzes gefordert. Sie argumentieren mit mehr Gestaltungsspielräumen für Betriebe und Beschäftigte. Dabei verweisen sie auf den Koalitionsvertrag, der eine Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Arbeitszeit vorsieht. Auch die Union lehnt eine Verknüpfung mit Tarifverträgen ab. In dieser Form sei der Referentenentwurf „keine Grundlage“ für eine weitere Diskussion, betont Generalsekretär Carsten Linnemann (CDU), wie das „Handelsblatt“ berichtet.
„Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit schafft eine erhebliche Flexibilisierung in einer Vielzahl von Berufen. Das wollen wir für alle Arbeitnehmer ermöglichen, egal ob mit oder ohne Tarifbindung“, ergänzt der Sprecher der Unionsfraktion für Arbeit und Soziales, Marc Biadacz (CDU), am Donnerstag, 18. Juni.
Die SPD-Spitze hat laut WELT ein Entgegenkommen ankündigt. Man arbeite intensiv an wichtigen Reformen, dies erfordere Kompromisse.

Gewerkschaften sind gegen Reformen

Der Entwurf hatte am Donnerstag für Krach in der Koalition gesorgt. CDU-Generalsekretär Linnemann übte Kritik an dem Papier: „Der kursierende Entwurf aus dem Bundesarbeitsministerium entspricht nicht der Vereinbarung zur Arbeitszeitflexibilisierung im Koalitionsvertrag und kann daher keine Grundlage für die weitere Arbeit der Koalition sein.“
Eine Einigung soll bei einem Koalitionsausschuss am 1. Juli erzielt werden. Dann stehen weitere Reformpläne zu Rente, Steuern und Arbeitsmarkt an. Laut SPD-Führung sei das Reformpaket „eine gemeinsame Kraftanstrengung, damit es danach für alle einfacher und fairer ist“.
Von den Reformen erwarten sie eine positive Wirkung auf Wirtschaftswachstum, den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie auf die Wettbewerbsfähigkeit. Sozialkürzungen lehnt die SPD hingegen ab.
Die Gewerkschaften lehnen die Reform ab. Es sei das Ziel der Arbeitgeber, „ihre Beschäftigten nach Belieben einzusetzen“. Die derzeitige Regelung sichere zudem die Gesundheit der Beschäftigten.
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„Genug gearbeitet“ – Prioritäten: Wenn alles wichtig ist, ist nichts führbar

„Das ist auch wichtig.“ Kaum ein Satz zerstört Prioritäten leiser als dieser. Er klingt vernünftig, er wirkt sachlich und er sorgt dafür, dass am Ende wieder alles gleichzeitig läuft.
Viele Unternehmen scheitern nicht daran, dass sie zu wenig Themen haben. Sie scheitern daran, dass sie zu viele Themen gleichzeitig ernst nehmen wollen. Wachstum, Qualität, Kundenbindung, Digitalisierung, Personal, Kosten, KI, Prozesse, Vertrieb und Kultur – alles wichtig. Nur leider ist nicht alles gleichzeitig führbar.
Wenn alles wichtig bleibt, passiert etwas Berechenbares: Die Menschen sortieren selbst – nach Lautstärke, nach Angst, nach Nähe zur Geschäftsführung, nach dem Kunden, der am stärksten drückt, nur nicht nach Strategie.
Eine Priorität ist erst dann eine Priorität, wenn etwas anderes sichtbar nach hinten rückt. Ohne Verzicht ist Priorisierung nur ein schönes Wort.
Ich erinnere mich an eine Runde, in der sieben strategische Projekte gleichzeitig als „Top-Themen“ vorgestellt wurden. Das Team nickte müde. Danach fragte ich: „Welches davon darf scheitern?“ Stille. Dann sagte jemand: „Eigentlich keines.“ Genau da lag das Problem. Wenn keines scheitern darf, werden alle schwächer.
Führung beginnt mit der Bereitschaft, Spannung auszuhalten. Denn Priorisieren bedeutet, Menschen zu enttäuschen, Gewohnheiten zu unterbrechen und Nein zu sagen, obwohl das Ja angenehmer wäre.
Drei Fragen bringen Prioritäten aus der Folie in den Alltag:
  • Was muss in den nächsten 90 Tagen wirklich besser sein?
  • Was lassen wir dafür bewusst liegen?
  • Wer darf Nein sagen, wenn neue Themen hereinkommen?
Ein mittelständisches Unternehmen führte eine einfache Regel ein: maximal drei aktive Entwicklungsthemen pro Quartal. Nicht dreißig. Drei. Die ersten zwei Wochen waren unangenehm. Plötzlich mussten Lieblingsprojekte warten. Danach wurde es ruhiger. Entscheidungen wurden schneller, Meetings kürzer und Verantwortung klarer.
Genug gearbeitet. Nicht, weil zu wenig Energie da ist. Sondern weil Energie nicht beliebig teilbar ist.
Eine gute Priorität erkennt man daran, dass sie Verhalten verändert:
  • Termine werden anders gesetzt.
  • Ressourcen werden anders verteilt.
  • Führungskräfte stellen andere Fragen.
  • Menschen wissen, was sie zuerst tun und was warten darf.
Ohne diese Konsequenz bleibt Priorisierung eine Beruhigungsformel. Dann wird weiter gearbeitet, weiter gerettet und weiter geschoben. Und irgendwann entsteht das Gefühl, dass niemand mehr richtig zieht. In Wahrheit zieht jeder an einem anderen Seil.
Der praktische Wochenimpuls: Schreiben Sie Ihre drei wichtigsten Themen auf. Dann streichen Sie zwei davon für diese Woche. Nicht für immer. Nur für jetzt. Und beobachten Sie, was an Klarheit entsteht.
Genug gearbeitet. Welche Priorität wird bei Ihnen nur behauptet, aber im Kalender nicht sichtbar?
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„Genug gearbeitet“ – Bürokratie: Wenn Verwaltung Führung auffrisst

„Ich wollte Unternehmer sein, nicht Formularverwalter.“ Der Satz fiel in einem Gespräch mit einem Geschäftsführer, der eigentlich über Wachstum sprechen wollte. Nach wenigen Minuten waren wir bei Dokumentationspflichten, Nachweisen, Fristen, Prüfungen, Zuständigkeiten und immer neuen Anforderungen.
Bürokratie ist für viele Unternehmen nicht nur ein Aufwand, sondern ein Gefühl – das Gefühl, dass Energie in Nachweise statt in Kunden, Produkte, Mitarbeiter oder Innovation fließt, das Gefühl, dass man immer mehr arbeitet, aber immer weniger gestaltet.
Natürlich braucht man Regeln. Niemand will Willkür, Chaos oder Verantwortungslosigkeit. Doch wenn Verwaltung so viel Raum einnimmt, dass Führung nur noch reagiert, entsteht ein gefährlicher Zustand: Das Unternehmen wird korrekt, aber müde.
Diese Müdigkeit zeigt sich leise:
  • Entscheidungen werden verschoben, weil erst noch geprüft werden muss, wer zuständig ist.
  • Führungskräfte werden zu Übersetzern zwischen Vorschrift und Alltag.
  • Mitarbeiter erleben Regeln als Misstrauen, nicht als Orientierung.
  • Unternehmer verlieren die Freude am Gestalten, weil sie permanent absichern müssen.
Ein Handwerksunternehmer sagte: „Ich habe keine Angst vor Arbeit. Ich habe Angst davor, dass ich nur noch mit Dingen beschäftigt bin, die unsere Leistung nicht besser machen.“ Genau das ist der Punkt. Bürokratie wird dann gefährlich, wenn sie nicht mehr dient, sondern führt.
Was hilft? Nicht Jammern, auch nicht die Illusion, dass alles von außen sofort leichter wird. Der Hebel liegt zunächst im eigenen System: Wie machen wir Anforderungen so handhabbar, dass sie nicht jeden Tag neu Energie fressen?
Drei Schritte sind meist wirksamer als große Klagen:
  • Sammeln: Welche Verwaltungsaufgaben wiederholen sich regelmäßig und kosten unverhältnismäßig Zeit?
  • Standardisieren: Was kann einmal sauber vorbereitet werden, statt jedes Mal neu gesucht zu werden?
  • Entscheiden: Wer ist verantwortlich, wer liefert zu, wer prüft und wer muss nicht beteiligt werden?
Ein Unternehmen richtete ein kleines „Bürokratie-Board“ ein. Keine große Digitalstrategie, nur eine Wand mit drei Spalten: wiederkehrend, nervig, vereinfachbar. Nach vier Wochen waren sieben Prozesse vereinfacht – nicht weil Gesetze verschwanden, sondern weil das Unternehmen aufhörte, jeden Vorgang wie einen Einzelfall zu behandeln.
Genug gearbeitet heißt auch, genug Energie in Unordnung verloren. Bürokratie mag von außen kommen. Aber wie viel Zusatzchaos sie innen erzeugt, ist oft gestaltbar.
Für Führung bedeutet das: Erklären Sie nicht nur, was erledigt werden muss. Erklären Sie, warum es nötig ist, wie es einfach geht und wer wofür verantwortlich ist. Sonst wird Verwaltung zum Dauerkonflikt zwischen denen, die liefern sollen, und denen, die nachhalten müssen.
Beim b-steps summit 2026 gehört genau diese Frage auf den Tisch: Wie schaffen Unternehmer wieder Handlungsspielraum, obwohl äußere Anforderungen wachsen?
Genug gearbeitet. Welche bürokratische Schleife könnten Sie intern vereinfachen, ohne auf Sorgfalt zu verzichten?
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„Genug gearbeitet“: Wenn Beschäftigtsein zur Ersatzstrategie wird

„Ich habe keine Zeit.“ Dieser Satz ist in vielen Unternehmen so normal geworden, dass kaum noch jemand nachfragt. Keine Zeit für Gespräche. Keine Zeit für Entscheidungen. Keine Zeit für Einarbeitung. Keine Zeit für Reflexion. Keine Zeit, um einmal sauber aufzuräumen.
Und trotzdem ist immer Zeit für das nächste Krisentelefonat, die dritte Abstimmungsrunde und die schnelle Ausnahme, die noch schnell gerettet werden muss.
Beschäftigtsein fühlt sich produktiv an. Es gibt ein gutes Gewissen. Man ist dran, erreichbar, fleißig und gefragt. Doch genau darin liegt die Falle. Denn „busy“ sein kann auch eine elegante Methode sein, um dem Wesentlichen auszuweichen. Solange alles dringend ist, muss niemand entscheiden, was wirklich wichtig ist.
Ich erlebe das häufig bei Führungskräften, die abends erschöpft sind und trotzdem nicht sagen können, was sie wirklich vorangebracht haben. Es wurde zwar viel erledigt, aber wenig geklärt, viel gesprochen, aber wenig entschieden und viel reagiert, aber kaum gestaltet.
Drei Warnsignale zeigen, dass das Beschäftigtsein zur Ersatzstrategie geworden ist:
  • Sie beenden den Tag mit vielen erledigten Aufgaben, aber ohne spürbaren Fortschritt.
  • Sie führen Gespräche mehrfach, weil beim ersten Mal nichts entschieden wurde.
  • Sie lösen Probleme, die eigentlich durch klare Regeln, Rollen oder Prioritäten verschwinden müssten.
Eine Geschäftsführerin brachte es auf den Punkt: „Ich bin immer verfügbar, aber selten wirksam.“ Dieser Satz war schmerzhaft, aber ehrlich. Er öffnete den Blick für eine einfache Unterscheidung: Verfügbarkeit ist nicht Führung. Führung bedeutet, Orientierung zu geben, Entscheidungen zu treffen und Energie zu schützen.
Wir führten eine kleine Wochenfrage ein: „Was muss am Freitag anders sein als heute?“ Nicht zehn Ziele. Eins. Danach wurde sortiert: Welche Termine zahlen darauf ein? Welche stören? Welche Themen müssen entschieden werden, bevor wieder alle im Kreis laufen?
Die Wirkung war nicht spektakulär, aber deutlich. Zwei Meetings fielen weg. Ein Dauerthema bekam eine Entscheidung. Eine Führungskraft sagte zum ersten Mal: „Dazu sage ich diese Woche bewusst Nein.“ Und genau dort begann Entlastung.
Genug gearbeitet. Das bedeutet jedoch nicht, nichts zu tun. Es bedeutet, nicht mehr so zu tun, als sei Bewegung schon Fortschritt.
Praktisch hilft ein kurzer Check am Wochenanfang:
  • Was ist diese Woche das eine Ergebnis, das wirklich zählt?
  • Welche Arbeit ist nur Gewohnheit?
  • Welche Rückfrage entsteht nur, weil etwas unklar geblieben ist?
  • Welche Entscheidung würde mindestens fünf Folgearbeiten verhindern?
Gerade Unternehmer und Führungskräfte müssen lernen, dass Beschäftigung nicht automatisch als Leistung bewerten werden kann. Denn wer ständig beschäftigt ist, verliert irgendwann die Fähigkeit, Wirkung zu erkennen.
Genug gearbeitet. Wo verwechseln Sie gerade Aktivität mit Fortschritt?
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„Genug gearbeitet“ – warum dieser Satz kein Faulheitsprogramm ist

„Genug gearbeitet.“ Der Satz klingt auf den ersten Blick nach Müdigkeit, vielleicht sogar nach Rückzug. Wer ihn in einer Unternehmer- oder Führungsrunde ausspricht, riskiert schnell ein Missverständnis, als wolle er weniger leisten, Verantwortung abgeben oder sich dem Druck entziehen.
Gemeint ist etwas anderes. „Genug gearbeitet“ ist kein Gewerkschaftsslogan und keine Einladung zur Bequemlichkeit. Es ist ein Satz gegen blinden Aktionismus, gegen Tage, die voll sind, aber wenig bewegen, gegen das Gefühl, permanent beschäftigt zu sein und trotzdem nicht wirklich voranzukommen.
Viele Unternehmer und Führungskräfte arbeiten nicht zu wenig. Sie arbeiten zu viel an den falschen Stellen. Sie beantworten Mails, klären Ausnahmen, retten Entscheidungen, schieben Personalthemen vor sich her, reagieren auf neue Vorschriften, beruhigen Kunden, sortieren Missverständnisse und wundern sich am Abend, warum das Wesentliche wieder liegen geblieben ist.
Genau dort beginnt die eigentliche Führungsfrage – nicht: „Wie schaffen wir noch mehr?“, sondern: „Was muss aufhören, damit wieder Wirkung entsteht?“
Drei Verschiebungen helfen sofort:
  • Von Beschäftigung zu Wirkung: Was verändert sich durch diese Stunde wirklich?
  • Von Reaktion zu Entscheidung: Wo lassen wir uns treiben, obwohl wir führen müssten?
  • Von Mehrarbeit zu Klarheit: Welche Unklarheit erzeugt jeden Tag neue Arbeit?
Ein Unternehmer sagte mir einmal: „Ich bin den ganzen Tag im Einsatz und habe trotzdem das Gefühl, ich laufe meinem eigenen Unternehmen hinterher.“ Wir zeichneten seinen Alltag auf. Das Ergebnis war ernüchternd: Fast 70 Prozent seiner Zeit gingen in Nacharbeit, Abstimmung, Rückfragen und Feuerwehr – nicht weil sein Team schlecht war, sondern weil Entscheidungen, Rollen und Prioritäten nicht sauber geführt wurden.
Der erste Schritt war kein neues Tool, auch kein Motivationsprogramm. Der erste Schritt war ein Stopp-Satz: „Daran arbeiten wir diese Woche nicht.“ Danach wurden drei Themen sichtbar, die wirklich zählen. Plötzlich entstand Ruhe – nicht weil weniger zu tun war, sondern weil nicht mehr alles gleichzeitig wichtig war.
„Genug gearbeitet“ heißt deshalb: Schluss mit Arbeit, die nur Arbeit erzeugt, Schluss mit Führung, die sich im Klein-Klein verliert, Schluss mit Tapferkeit als Geschäftsmodell.
Die praktische Frage für diese Woche lautet: Welche Arbeit tun Sie nur, weil Sie etwas anderes noch nicht entschieden haben?
Dort beginnt Wirkung – nicht durch mehr Stunden, sondern durch den Mut, Arbeit zu ordnen, zu begrenzen und wieder mit Richtung zu verbinden.
Am 18. November 2026 geht es beim b-steps summit genau darum, nämlich aus Anstrengung wieder Wirksamkeit zu machen, nicht als Theorie, sondern als Arbeitsraum für Unternehmer und Führungskräfte, die nicht weniger Verantwortung wollen, sondern bessere Führung.
Genug gearbeitet. Welche Tätigkeit würden Sie sofort beenden, wenn Sie ehrlich prüfen würden, ob sie noch Wirkung hat?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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„Der Mittelstand darf nicht warten, bis es zu spät ist“: Im Interview mit einem erfahrenen Unternehmensberater


In Kürze:

  • Unternehmensberater Dirk Schmidt sieht Handwerk und Mittelstand durch steigende Kosten, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Unsicherheit belastet.
  • Viele Unternehmer würden Krisen unterschätzen oder zu lange hoffen, dass sich die Lage von selbst verbessert, warnt Schmidt im Interview.
  • Sein Appell: Probleme früh erkennen, offen kommunizieren und rechtzeitig Unterstützung holen, bevor aus wirtschaftlichem Druck eine Existenzkrise wird. 

 
Mit mehr als 40 Jahren Erfahrung im Mittelstand weiß Unternehmensberater Dirk Schmidt, wie schnell wirtschaftliche Krisen zur Belastungsprobe werden können. Sein Appell: Nicht abwarten, bis die Probleme außer Kontrolle geraten, sondern früh handeln, Hilfe annehmen und den Mut haben, neue Wege zu gehen.
Herr Schmidt, wie geht es dem Mittelstand aus Ihrer Sicht derzeit?
Die Lage ist momentan sehr ambivalent. Es gibt durchaus Branchen, die weiterhin stabil oder sogar wachstumsstark unterwegs sind, etwa Teile der Chemieindustrie oder Unternehmen, die im Bereich der Rüstungsindustrie tätig sind. Dort wird investiert, dort gibt es Aufträge und eine gewisse Planungssicherheit. Gleichzeitig sehen wir aber einen relativ harten Schnitt in den klassischen mittelständischen Bereichen, insbesondere in der Bauwirtschaft und im Handwerk.
Viele Betriebe halten sich aktuell mit Sanierungs- und Bestandsarbeiten über Wasser, aber der eigentliche wirtschaftliche Aufschwung, der normalerweise von einer starken Bauwirtschaft ausgeht, bleibt aus. Das merken inzwischen sehr viele Unternehmen deutlich. Die Unsicherheit ist groß, Investitionen werden verschoben und gerade kleinere Betriebe geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Viele Unternehmer sprechen davon, gleichzeitig von mehreren Krisen getroffen zu werden. Wie ernst ist die Lage tatsächlich?
Die Lage ist schon ernst. Allein die Entwicklung bei den Zinsen sorgt derzeit für große Probleme. Wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen weiter erhöht, wird die Kapitalbeschaffung für Mittelstand und Handwerk immer schwieriger. Gleichzeitig können viele Unternehmen diese steigenden Kosten gar nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben.
Trotzdem muss man auch ehrlich sagen: Nicht alle Probleme lassen sich allein auf politische oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen schieben. Ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Unternehmen selbst. Wer heute glaubt, sein Unternehmen noch genauso führen zu können wie vor zwanzig oder dreißig Jahren, wird langfristig Schwierigkeiten bekommen. Die Welt hat sich verändert. Geschäftsmodelle müssen sich verändern. Kundenverhalten hat sich verändert. Geschwindigkeit und Wettbewerb haben sich verändert. Viele Unternehmer verlassen sich aber noch zu stark auf alte Routinen oder darauf, dass es „schon irgendwie wieder laufen wird“. Das reicht heute nicht mehr aus.
Was meinen Sie konkret damit?
Viele Unternehmen leiden aus meiner Sicht an einer gewissen Betriebsblindheit. Das ist gar kein Vorwurf, sondern oft schlicht eine Folge des enormen Tagesgeschäfts. Die Unternehmer sind permanent mit Bürokratie, Mitarbeitern, Kundenanforderungen und operativen Problemen beschäftigt. Dadurch fehlt häufig die Zeit, sich wirklich strategisch mit dem Unternehmen auseinanderzusetzen. Viele sitzen abends am Schreibtisch und stellen fest, dass sie den ganzen Tag gearbeitet haben, aber an den eigentlichen Zukunftsfragen ihres Unternehmens wieder nicht vorangekommen sind. Genau daraus entstehen langfristig Probleme.
Man arbeitet nur noch im Unternehmen, aber nicht mehr am Unternehmen. Und irgendwann merkt man dann plötzlich, dass sich der Markt verändert hat, die Kalkulation nicht mehr stimmt oder wichtige Mitarbeiter verloren gehen.
Mit welchen Problemen kommen Unternehmen aktuell am häufigsten zu Ihnen?
Ein großes Thema ist definitiv der Verlust von Fachpersonal. Ich hatte erst vor Kurzem ein Mandat, bei dem sich mehrere Abteilungsleiter gegen die neue Geschäftsführung gestellt haben. Innerhalb weniger Wochen haben rund 30 Mitarbeiter gekündigt. Das war natürlich ein massiver Einschnitt.
In solchen Situationen geht es zunächst darum, überhaupt wieder Stabilität herzustellen. Die Kunden verlieren Vertrauen, die Mitarbeiter werden unsicher und die Geschäftsführung steht unter enormem Druck. Genau dort muss man sehr schnell strukturiert handeln.
Daneben begegnen mir aber auch viele klassische Probleme: unzureichende Liquiditätsplanung, fehlende Kostenkontrolle oder Schwächen in der Vermarktung. Was mich immer wieder erstaunt: Viele kleinere Betriebe kennen ihre tatsächliche Kostenstruktur nicht mehr genau. Stundenlöhne werden kalkuliert, weil sie „schon immer so kalkuliert wurden“. Dabei arbeiten manche Unternehmen längst defizitär, ohne es überhaupt zu merken. Das bedeutet konkret: Mit jedem Auftrag verdienen sie faktisch kein Geld mehr, obwohl sie ausgelastet sind. Das ist natürlich brandgefährlich.
Welche Fehler machen Unternehmen in Krisenzeiten besonders häufig?
Der größte Fehler ist meistens, zu lange zu warten. Viele Unternehmer hoffen darauf, dass sich die Situation von selbst wieder verbessert. Sie hoffen auf neue Aufträge, auf bessere Zeiten oder darauf, dass die Stammkunden schon bleiben werden. Aber die Realität ist: Auch die Kunden stehen unter Druck. Auch sie investieren vorsichtiger. Deshalb reicht Hoffnung allein heute nicht mehr aus.
Hinzu kommt, dass viele Unternehmer in Krisenzeiten in alte Muster zurückfallen. Sie versuchen, Lösungen anzuwenden, die früher funktioniert haben, die in einer schnellen und dynamischen Wirtschaftswelt aber nicht mehr greifen.
Außerdem fehlt oft die Kommunikation. Wenn ich heute mit Unternehmern Bankgespräche vorbereite und feststelle, dass sie kaum Kontakt zu ihrem Firmenkundenberater haben, dann ist das ein Problem. Banken, Mitarbeiter, Lieferanten und alle relevanten Partner müssen wissen, wohin sich das Unternehmen entwickeln will. Wer erst spricht, wenn die Krise bereits eskaliert ist, hat meistens wertvolle Zeit verloren.
Warum ist der externe Blick von Beratern aus Ihrer Sicht so wichtig?
Weil Unternehmer in schwierigen Situationen oft nicht mehr mit der nötigen Distanz auf ihr eigenes Unternehmen schauen können. Das ist vollkommen menschlich. Wenn Aufträge wegbrechen oder Liquidität verschwindet, entsteht schnell Unsicherheit oder sogar Panik.
Ein externer Berater kennt das Unternehmen zunächst nicht emotional. Er geht analytisch hinein, vergleicht Strukturen mit Branchenwerten und erkennt oft sehr schnell, wo die eigentlichen Probleme liegen. Dadurch entsteht wieder Klarheit.
Und häufig bringt allein diese Klarheit schon Ruhe zurück ins Unternehmen. Denn viele Unternehmer spüren zwar, dass etwas nicht stimmt, können die Ursachen aber nicht sauber einordnen.
Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem ein Unternehmen stabilisiert werden konnte?
Ja, beispielsweise bei einem Ingenieurbüro, bei dem innerhalb kürzester Zeit ein Großteil der Planungsabteilung gekündigt hatte. Die Kunden waren entsprechend verunsichert und die Geschäftsführung stand massiv unter Druck.
Wir haben zunächst die Situation analysiert und dann mit Interimskräften gearbeitet, um den Betrieb kurzfristig zu stabilisieren. Parallel dazu haben wir intensiv mit den Kunden gesprochen und Vertrauen zurückgewonnen.
Heute ist das Unternehmen wieder deutlich stabiler aufgestellt, stellt neue Ingenieure ein und arbeitet mit einer wesentlich klareren Kosten- und Personalstruktur.
Ein anderes Beispiel war ein Metallbaubetrieb, dessen Geschäftsführer krankheitsbedingt langfristig ausfiel. Gemeinsam mit einem Rechtsanwalt habe ich das Unternehmen zeitweise mitgeführt. Gleichzeitig lief bereits die Vorbereitung einer Übergabe an einen leitenden Mitarbeiter.
Dann kam zusätzlich noch der Ukrainekrieg hinzu, was die Situation weiter verschärfte. Trotzdem konnten wir das Unternehmen stabilisieren und die Übergabe erfolgreich begleiten. Heute existiert der Betrieb weiterhin und entwickelt sich wieder positiv.
Sie appellieren immer wieder daran, frühzeitig Hilfe zu suchen. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil ich selbst aus dem Handwerk komme und die Belastungen des Tagesgeschäfts sehr gut kenne. Ich bin praktisch in diese Verantwortung hineingewachsen. Mein Vater hatte Anfang der Achtzigerjahre einen schweren Unfall, kurz bevor er sich selbstständig machen wollte. Dadurch musste ich sehr früh Verantwortung im Familienbetrieb übernehmen.
Später entstand daraus ein Unternehmen mit über dreißig Mitarbeitern. Deshalb weiß ich genau, wie schnell man im Alltag den Blick für strategische Entwicklungen verlieren kann.
Viele Probleme entstehen schleichend. Erst werden kleine Warnzeichen ignoriert, dann verschiebt man Entscheidungen und irgendwann wird aus einem lösbaren Problem eine echte Existenzkrise.
Deshalb ist es so wichtig, regelmäßig jemanden von außen auf das Unternehmen schauen zu lassen – nicht erst dann, wenn die Krise bereits voll da ist.
Welche Warnsignale nehmen Sie bei Unternehmern besonders ernst?
Wenn Probleme permanent relativiert werden. Oder wenn Unternehmer anfangen, ihre Situation deutlich besser darzustellen, als sie objektiv ist. Dann gehen bei mir sofort die Alarmglocken an.
Oft erkennt man die tatsächliche Lage übrigens gar nicht zuerst in Zahlen oder Bilanzen, sondern in Gesprächen – mit langjährigen Mitarbeitern oder auch mit Familienangehörigen. Dort merkt man schnell, ob Unsicherheit, Überforderung oder strukturelle Probleme vorhanden sind.
Was macht die aktuelle Situation psychologisch mit vielen Unternehmern?
Viele Unternehmer wirken momentan tatsächlich wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Sie verharren in einer Art Schockstarre und hoffen, dass sich die Lage von selbst wieder stabilisiert.
Aber genau dieses Abwarten ist gefährlich. Denn wirtschaftliche Probleme lösen sich selten von allein. Und wenn zu spät reagiert wird, geht es irgendwann nicht mehr nur um das Unternehmen, sondern oft auch um die private Existenz.
Viele Geschäftsführer haften heute faktisch persönlich. Das bedeutet: Im schlimmsten Fall verlieren sie nicht nur den Betrieb, sondern auch ihr privates Vermögen oder ihre Immobilie. Und genau diese Konsequenzen werden häufig unterschätzt.
Welche Botschaft möchten Sie mittelständischen Unternehmen mitgeben?
Deutschland wird ohne einen starken Mittelstand keinen wirtschaftlichen Aufschwung erleben. Mittelstand und Handwerk sind das Fundament unserer Wirtschaft.
Deshalb ist es so wichtig, diese Unternehmen zu stabilisieren und zukunftsfähig aufzustellen. Aber das funktioniert nur, wenn Unternehmer bereit sind, Veränderungen zuzulassen und sich frühzeitig Unterstützung zu holen.
Wer Probleme rechtzeitig erkennt und handelt, hat fast immer deutlich bessere Chancen, sein Unternehmen erfolgreich durch schwierige Zeiten zu führen.
Das Interview führte Patrick Langendorf.
 
Dirk Schmidt ist Unternehmensberater in Gießen und Frankfurt am Main mit mehr als 40 Jahren Erfahrung im Handwerk und Mittelstand. Er begleitete zahlreiche Betriebe durch wirtschaftliche Krisen, Umstrukturierungen und Unternehmensnachfolgen. Schmidt kennt die Herausforderungen mittelständischer Unternehmen nicht nur aus der Beratung, sondern auch aus eigener unternehmerischer Verantwortung im Familienbetrieb. Heute unterstützt er Firmen dabei, wirtschaftlich stabil und zukunftsfähig zu bleiben.
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wirtschaft

Wirtschaftskrise: „Der Mittelstand darf nicht warten, bis es zu spät ist“


In Kürze:

  • Unternehmensberater Dirk Schmidt sieht Handwerk und Mittelstand durch steigende Kosten, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Unsicherheit belastet.
  • Viele Unternehmer würden Krisen unterschätzen oder zu lange hoffen, dass sich die Lage von selbst verbessert, warnt Schmidt im Interview.
  • Sein Appell: Probleme früh erkennen, offen kommunizieren und rechtzeitig Unterstützung holen, bevor aus wirtschaftlichem Druck eine Existenzkrise wird. 

 
Mit mehr als 40 Jahren Erfahrung im Mittelstand weiß Unternehmensberater Dirk Schmidt, wie schnell wirtschaftliche Krisen zur Belastungsprobe werden können. Sein Appell: Nicht abwarten, bis die Probleme außer Kontrolle geraten, sondern früh handeln, Hilfe annehmen und den Mut haben, neue Wege zu gehen.
Herr Schmidt, wie geht es dem Mittelstand aus Ihrer Sicht derzeit?
Die Lage ist momentan sehr ambivalent. Es gibt durchaus Branchen, die weiterhin stabil oder sogar wachstumsstark unterwegs sind, etwa Teile der Chemieindustrie oder Unternehmen, die im Bereich der Rüstungsindustrie tätig sind. Dort wird investiert, dort gibt es Aufträge und eine gewisse Planungssicherheit. Gleichzeitig sehen wir aber einen relativ harten Schnitt in den klassischen mittelständischen Bereichen, insbesondere in der Bauwirtschaft und im Handwerk.
Viele Betriebe halten sich aktuell mit Sanierungs- und Bestandsarbeiten über Wasser, aber der eigentliche wirtschaftliche Aufschwung, der normalerweise von einer starken Bauwirtschaft ausgeht, bleibt aus. Das merken inzwischen sehr viele Unternehmen deutlich. Die Unsicherheit ist groß, Investitionen werden verschoben und gerade kleinere Betriebe geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Viele Unternehmer sprechen davon, gleichzeitig von mehreren Krisen getroffen zu werden. Wie ernst ist die Lage tatsächlich?
Die Lage ist schon ernst. Allein die Entwicklung bei den Zinsen sorgt derzeit für große Probleme. Wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen weiter erhöht, wird die Kapitalbeschaffung für Mittelstand und Handwerk immer schwieriger. Gleichzeitig können viele Unternehmen diese steigenden Kosten gar nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben.
Trotzdem muss man auch ehrlich sagen: Nicht alle Probleme lassen sich allein auf politische oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen schieben. Ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Unternehmen selbst. Wer heute glaubt, sein Unternehmen noch genauso führen zu können wie vor zwanzig oder dreißig Jahren, wird langfristig Schwierigkeiten bekommen. Die Welt hat sich verändert. Geschäftsmodelle müssen sich verändern. Kundenverhalten hat sich verändert. Geschwindigkeit und Wettbewerb haben sich verändert. Viele Unternehmer verlassen sich aber noch zu stark auf alte Routinen oder darauf, dass es „schon irgendwie wieder laufen wird“. Das reicht heute nicht mehr aus.
Was meinen Sie konkret damit?
Viele Unternehmen leiden aus meiner Sicht an einer gewissen Betriebsblindheit. Das ist gar kein Vorwurf, sondern oft schlicht eine Folge des enormen Tagesgeschäfts. Die Unternehmer sind permanent mit Bürokratie, Mitarbeitern, Kundenanforderungen und operativen Problemen beschäftigt. Dadurch fehlt häufig die Zeit, sich wirklich strategisch mit dem Unternehmen auseinanderzusetzen. Viele sitzen abends am Schreibtisch und stellen fest, dass sie den ganzen Tag gearbeitet haben, aber an den eigentlichen Zukunftsfragen ihres Unternehmens wieder nicht vorangekommen sind. Genau daraus entstehen langfristig Probleme.
Man arbeitet nur noch im Unternehmen, aber nicht mehr am Unternehmen. Und irgendwann merkt man dann plötzlich, dass sich der Markt verändert hat, die Kalkulation nicht mehr stimmt oder wichtige Mitarbeiter verloren gehen.
Mit welchen Problemen kommen Unternehmen aktuell am häufigsten zu Ihnen?
Ein großes Thema ist definitiv der Verlust von Fachpersonal. Ich hatte erst vor Kurzem ein Mandat, bei dem sich mehrere Abteilungsleiter gegen die neue Geschäftsführung gestellt haben. Innerhalb weniger Wochen haben rund 30 Mitarbeiter gekündigt. Das war natürlich ein massiver Einschnitt.
In solchen Situationen geht es zunächst darum, überhaupt wieder Stabilität herzustellen. Die Kunden verlieren Vertrauen, die Mitarbeiter werden unsicher und die Geschäftsführung steht unter enormem Druck. Genau dort muss man sehr schnell strukturiert handeln.
Daneben begegnen mir aber auch viele klassische Probleme: unzureichende Liquiditätsplanung, fehlende Kostenkontrolle oder Schwächen in der Vermarktung. Was mich immer wieder erstaunt: Viele kleinere Betriebe kennen ihre tatsächliche Kostenstruktur nicht mehr genau. Stundenlöhne werden kalkuliert, weil sie „schon immer so kalkuliert wurden“. Dabei arbeiten manche Unternehmen längst defizitär, ohne es überhaupt zu merken. Das bedeutet konkret: Mit jedem Auftrag verdienen sie faktisch kein Geld mehr, obwohl sie ausgelastet sind. Das ist natürlich brandgefährlich.
Welche Fehler machen Unternehmen in Krisenzeiten besonders häufig?
Der größte Fehler ist meistens, zu lange zu warten. Viele Unternehmer hoffen darauf, dass sich die Situation von selbst wieder verbessert. Sie hoffen auf neue Aufträge, auf bessere Zeiten oder darauf, dass die Stammkunden schon bleiben werden. Aber die Realität ist: Auch die Kunden stehen unter Druck. Auch sie investieren vorsichtiger. Deshalb reicht Hoffnung allein heute nicht mehr aus.
Hinzu kommt, dass viele Unternehmer in Krisenzeiten in alte Muster zurückfallen. Sie versuchen, Lösungen anzuwenden, die früher funktioniert haben, die in einer schnellen und dynamischen Wirtschaftswelt aber nicht mehr greifen.
Außerdem fehlt oft die Kommunikation. Wenn ich heute mit Unternehmern Bankgespräche vorbereite und feststelle, dass sie kaum Kontakt zu ihrem Firmenkundenberater haben, dann ist das ein Problem. Banken, Mitarbeiter, Lieferanten und alle relevanten Partner müssen wissen, wohin sich das Unternehmen entwickeln will. Wer erst spricht, wenn die Krise bereits eskaliert ist, hat meistens wertvolle Zeit verloren.
Warum ist der externe Blick von Beratern aus Ihrer Sicht so wichtig?
Weil Unternehmer in schwierigen Situationen oft nicht mehr mit der nötigen Distanz auf ihr eigenes Unternehmen schauen können. Das ist vollkommen menschlich. Wenn Aufträge wegbrechen oder Liquidität verschwindet, entsteht schnell Unsicherheit oder sogar Panik.
Ein externer Berater kennt das Unternehmen zunächst nicht emotional. Er geht analytisch hinein, vergleicht Strukturen mit Branchenwerten und erkennt oft sehr schnell, wo die eigentlichen Probleme liegen. Dadurch entsteht wieder Klarheit.
Und häufig bringt allein diese Klarheit schon Ruhe zurück ins Unternehmen. Denn viele Unternehmer spüren zwar, dass etwas nicht stimmt, können die Ursachen aber nicht sauber einordnen.
Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem ein Unternehmen stabilisiert werden konnte?
Ja, beispielsweise bei einem Ingenieurbüro, bei dem innerhalb kürzester Zeit ein Großteil der Planungsabteilung gekündigt hatte. Die Kunden waren entsprechend verunsichert und die Geschäftsführung stand massiv unter Druck.
Wir haben zunächst die Situation analysiert und dann mit Interimskräften gearbeitet, um den Betrieb kurzfristig zu stabilisieren. Parallel dazu haben wir intensiv mit den Kunden gesprochen und Vertrauen zurückgewonnen.
Heute ist das Unternehmen wieder deutlich stabiler aufgestellt, stellt neue Ingenieure ein und arbeitet mit einer wesentlich klareren Kosten- und Personalstruktur.
Ein anderes Beispiel war ein Metallbaubetrieb, dessen Geschäftsführer krankheitsbedingt langfristig ausfiel. Gemeinsam mit einem Rechtsanwalt habe ich das Unternehmen zeitweise mitgeführt. Gleichzeitig lief bereits die Vorbereitung einer Übergabe an einen leitenden Mitarbeiter.
Dann kam zusätzlich noch der Ukrainekrieg hinzu, was die Situation weiter verschärfte. Trotzdem konnten wir das Unternehmen stabilisieren und die Übergabe erfolgreich begleiten. Heute existiert der Betrieb weiterhin und entwickelt sich wieder positiv.
Sie appellieren immer wieder daran, frühzeitig Hilfe zu suchen. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil ich selbst aus dem Handwerk komme und die Belastungen des Tagesgeschäfts sehr gut kenne. Ich bin praktisch in diese Verantwortung hineingewachsen. Mein Vater hatte Anfang der Achtzigerjahre einen schweren Unfall, kurz bevor er sich selbstständig machen wollte. Dadurch musste ich sehr früh Verantwortung im Familienbetrieb übernehmen.
Später entstand daraus ein Unternehmen mit über dreißig Mitarbeitern. Deshalb weiß ich genau, wie schnell man im Alltag den Blick für strategische Entwicklungen verlieren kann.
Viele Probleme entstehen schleichend. Erst werden kleine Warnzeichen ignoriert, dann verschiebt man Entscheidungen und irgendwann wird aus einem lösbaren Problem eine echte Existenzkrise.
Deshalb ist es so wichtig, regelmäßig jemanden von außen auf das Unternehmen schauen zu lassen – nicht erst dann, wenn die Krise bereits voll da ist.
Welche Warnsignale nehmen Sie bei Unternehmern besonders ernst?
Wenn Probleme permanent relativiert werden. Oder wenn Unternehmer anfangen, ihre Situation deutlich besser darzustellen, als sie objektiv ist. Dann gehen bei mir sofort die Alarmglocken an.
Oft erkennt man die tatsächliche Lage übrigens gar nicht zuerst in Zahlen oder Bilanzen, sondern in Gesprächen – mit langjährigen Mitarbeitern oder auch mit Familienangehörigen. Dort merkt man schnell, ob Unsicherheit, Überforderung oder strukturelle Probleme vorhanden sind.
Was macht die aktuelle Situation psychologisch mit vielen Unternehmern?
Viele Unternehmer wirken momentan tatsächlich wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Sie verharren in einer Art Schockstarre und hoffen, dass sich die Lage von selbst wieder stabilisiert.
Aber genau dieses Abwarten ist gefährlich. Denn wirtschaftliche Probleme lösen sich selten von allein. Und wenn zu spät reagiert wird, geht es irgendwann nicht mehr nur um das Unternehmen, sondern oft auch um die private Existenz.
Viele Geschäftsführer haften heute faktisch persönlich. Das bedeutet: Im schlimmsten Fall verlieren sie nicht nur den Betrieb, sondern auch ihr privates Vermögen oder ihre Immobilie. Und genau diese Konsequenzen werden häufig unterschätzt.
Welche Botschaft möchten Sie mittelständischen Unternehmen mitgeben?
Deutschland wird ohne einen starken Mittelstand keinen wirtschaftlichen Aufschwung erleben. Mittelstand und Handwerk sind das Fundament unserer Wirtschaft.
Deshalb ist es so wichtig, diese Unternehmen zu stabilisieren und zukunftsfähig aufzustellen. Aber das funktioniert nur, wenn Unternehmer bereit sind, Veränderungen zuzulassen und sich frühzeitig Unterstützung zu holen.
Wer Probleme rechtzeitig erkennt und handelt, hat fast immer deutlich bessere Chancen, sein Unternehmen erfolgreich durch schwierige Zeiten zu führen.
Das Interview führte Patrick Langendorf.
 
Dirk Schmidt ist Unternehmensberater in Gießen und Frankfurt am Main mit mehr als 40 Jahren Erfahrung im Handwerk und Mittelstand. Er begleitete zahlreiche Betriebe durch wirtschaftliche Krisen, Umstrukturierungen und Unternehmensnachfolgen. Schmidt kennt die Herausforderungen mittelständischer Unternehmen nicht nur aus der Beratung, sondern auch aus eigener unternehmerischer Verantwortung im Familienbetrieb. Heute unterstützt er Firmen dabei, wirtschaftlich stabil und zukunftsfähig zu bleiben.