Ein Forschungstaucher untersucht Altmunition in der Ostsee. Im Bild eine Seemine in der Kollberger Heide vor Kiel. - Foto: Christian Howe, BMUV
In Kürze:
Auf dem Meeresgrund der Nord- und Ostsee befinden sich rund 1,6 Millionen Tonnen an Altmunition.
Im Laufe der Jahrzehnte zersetzen sich die Materialien und gefährliche Schadstoffe gelangen in die marine Umwelt.
Zur Bergung hat die Bundesregierung ein Sofortprogramm in die Wege geleitet.
Die Kosten dafür liegen im dreistelligen Millionenbereich. Verfahren stecken noch in der Erprobung.
Für Badegäste besteht keine unmittelbare Gefahr. Verwechslungsgefahr besteht bei Strandfunden.
Tausende Badegäste strömen jeden Sommer an die Nord- und an die Ostsee. Oft unwissend darüber, dass sich in diesen Gewässern giftige Relikte aus Kriegszeiten befinden, die auf den Meeresgrund ruhen. Der nagende Zahn der Zeit setzt deren verschiedenen Schadstoffe frei.
Doch was bedeutet das für Anwohner und Besucher der Region und was passiert allgemein mit dieser Altmunition? Antworten dazu erhielt Epoch Times vom Schiffbau-Ingenieur Dr. Wolfgang Sichermann von der Seascape GmbH. Sie koordiniert im Auftrag des Bundesumweltministeriums das „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“.
Der Schiffbauingenieur Dr. Wolfgang Sichermann.
Foto: D. Möllenhoff
Epoch Times: Guten Tag, Herr Sichermann. Wie ist die momentane Lage in Nord- und Ostsee bezüglich Altmunition?
Wolfgang Sichermann: Es liegen die von Experten geschätzten rund 1,6 Millionen Tonnen Munition in deutschen Meeresgebieten. Munition, die immer stärker korrodiert. Die größten Mengen davon finden sich konzentriert in den „Munitionsversenkungsgebieten“.
Manche Munitionskörper sind noch verschlossen und im guten Zustand, andere schon völlig verschwunden. Explosivstoffe liegen dort frei im Wasser und lösen sich langsam auf.
Eine geborgene Munitionskiste am 13. September 2024.
Foto: BMUV
Welche Folgen hat das für die marine Tierwelt? Welche Folgen hat das für den Menschen, etwa Badegäste?
Bereits jetzt ist nachweisbar, dass Muscheln und Fische in Nähe von Versenkungsgebieten mit sprengstofftypischen Verbindungen stärker belastet sind. Bei standorttreuen Fischarten, in denen sich TNT und dessen Abbauprodukte nachweisen lassen, ist auch eine Zunahme von Tumoren beobachtet worden.
Badegäste und Wassersportler müssen sich keine Sorgen machen: Die Konzentrationen sind im Allgemeinen so gering, dass ein Wasserkontakt keine Probleme verursacht. Die Munitionsversenkungsgebiete befinden sich in deutlichem Abstand vom Ufer. Auf Seekarten sind sie mit „Munition/unrein“ gekennzeichnet, man darf hier nicht ankern und nicht fischen.
Auswirkungen der Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee.
Eine konkrete Gefährdung entsteht allerdings, wenn Munition oder Munitionsbestandteile an Land gespült werden. Direkter Hautkontakt mit Sprengstoffen kann Vergiftungen hervorrufen. Besonders tückisch ist entzündlicher weißer Phosphor, der vermeintlich für Bernstein gehalten wird. In Gegenden, wo dies bereits mehrfach aufgetreten ist, gibt es meist Aufklärungstafeln.
Informationen zum richtigen Umgang mit Strandfunden finden sich zum Beispiel in einem Faltblatt des Landesamtes für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit von Schleswig-Holstein.
Wie realistisch sind die Pläne oder Versprechen der Regierung, diese Altmunition zu bergen? Gibt es Auflagen, die erfüllt werden müssen?
Das Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee ist kein „Versprechen“, sondern eine 2023 begonnene Maßnahme, um die Voraussetzungen für eine systematische und umweltgerechte Bergung und Entsorgung von Munitionsaltlasten auf See zu schaffen.
Neben dem Verbesserungsgebot der Wasserrahmenrichtlinie bestehen keine konkreten Auflagen. Die Bundesregierung handelt hier nach dem Vorsorgeprinzip. Anders verhält es sich in Fällen, wenn von Kampfmitteln unmittelbare Gefahren ausgehen, etwa beim Auffinden von Blindgängern in Seeschifffahrtsstraßen oder bei Infrastrukturmaßnahmen.
Für die Beseitigung der Munitionsaltlasten ohne unmittelbare Gefahr gibt es auch keine gesetzliche Verpflichtung. Die Bundesregierung wird mit dem Sofortprogramm freiwillig tätig – zur Abwendung langfristiger Umwelt- und auch Gesundheitsschäden.
Ablauf des Sofortprogramms Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee. Foto: BMUKN
Welche Herausforderungen gibt es im Vorfeld oder Prozess der Bergung?
Mit der Identifikation und Bergung von Munition in Versenkungsgebieten betreten wir Neuland. Einerseits können wir annehmen, dass der Großteil der Munition unbezündert beziehungsweise nicht scharf ist. Andererseits muss jedes einzelne Objekt mit der gebotenen Sorgfalt behandelt werden. Die besondere Herausforderung liegt also in der Quantität. Es gilt einen entsprechend sicheren und effizienten Prozess zu entwickeln.
Zu diesem Zweck haben wir in den Jahren 2024 und 2025 Pilotbergungen in der Lübecker Bucht und vor Boltenhagen durchgeführt. Ziel war es, Erkenntnisse über Art und Zustand der versenkten Kampfmittel zu gewinnen und die Leistungsfähigkeit der eingesetzten Bergetechnologien zu ermitteln.
Darüber hinaus wurde bei der Pilotierung deutlich, dass die sonst bei Gefahrenabwehr eingesetzten Verfahren und Regeln keine Anwendung bei der Kampfmittelbergung aus Umweltschutzgründen finden konnten. Bund und Länder bemühen sich nun hier langfristig Klarheit herzustellen.
Die Bergung ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die umweltgerechte Entsorgung (Vernichtung) der geborgenen Munition. Auch hier stehen wir vor einem Mengenproblem. Die bestehenden Entsorgungsanlagen an Land sind ausgelastet. Der Kern des Sofortprogramms ist es daher, die erste auf See betriebene Entsorgungsanlage zu entwickeln und zu bauen.
Pilotierungsarbeiten vor Pelzerhaken West.
Foto: Helen Fischer, BMUV
Welche Verfahren gibt es hierzulande? Welche sind erprobt?
Zur Verwertung und Entsorgung von Kampfmitteln und Explosivstoffen stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Für das breite Spektrum an Explosivstoffen in Weltkriegsmunition hat sich jedoch eine kontrollierte Verbrennung als zielführend erwiesen. Entsprechende Anlagen arbeiten an Land zuverlässig seit Jahrzehnten.
Insbesondere die Technologie zur Abgasreinigung wurde kontinuierlich verbessert. Hier gilt es eine bestehende Technologie reif für den sicheren und robusten Einsatz auf See zu machen.
Und wie wird das im Ausland gehandhabt?
Speziell die Ostseeanrainerstaaten sind sich der Situation sehr bewusst. Dabei beschränken sich die meisten Aktivitäten auf Monitoring und auf die Untersuchung und Prognose von Auswirkungen.
Was Bergung und Entsorgung betrifft, so blicken alle mit Interesse auf das deutsche Programm. Auch von außerhalb der EU, denn verklappte Munition ist ein weltweites Problem.
Welche Kosten verursacht diese Altmunition in der Ostsee? Wie viel die in der Nordsee?
Meines Wissens gibt es hierzu noch keine belastbaren Zahlen. Es sind auch sehr unterschiedliche Effekte, die dabei zu berücksichtigen sind.
Neben den direkten Kosten für die Beseitigung von Altmunition in konkreten Gefahrensituationen nehmen Unternehmen viel Geld in die Hand, um eine Kampfmittelfreiheit bescheinigen zu können, bevor Infrastrukturmaßnahmen beginnen können.
Dabei stellen sich folgende Fragen: Wie ist die bereits festgestellte Beeinträchtigung des Gewässerzustandes und der Lebewesen monetär zu bewerten? Hat dies beispielsweise auch Auswirkungen auf die Artenvielfalt, Fischereierträge oder die Fähigkeit der Meere Kohlendioxid zu binden? Welche ökologischen Folgekosten hätte ein Nichtstun?
Eine konkrete Summe nannte hierzu das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN). Gegenüber Epoch Times teilte ein Sprecher mit, dass die Bundesregierung für das Sofortprogramm bisher 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt habe.
Nach Ende des Sofortprogramms werde der Bund für den Zeitraum von insgesamt sechs Jahren die Finanzierung der Munitionsbergung vollständig übernehmen, im Rahmen einer Pilotphase, wie das Ministerium mitteilte. Hierfür sind im aktuellen Finanzplanungszeitraum 50 Millionen Euro pro Jahr ab 2028 vorgesehen. Neben möglichen Folgekosten sind auch die Gesamtkosten der Bergung und Entsorgung zum jetzigen Zeitpunkt unbekannt.
Aktuell sind mehrere große Bauprojekte in Nord- und Ostsee geplant wie Windparks. Inwieweit beeinflussen die Schadstoffe der Altmunition diese Vorhaben?
Die Schadstoffe aus der Munition selbst haben hier keinen Einfluss auf die Aktivitäten. Es erfordert jedoch Zeit und Geld, die Flächen für die jeweiligen Projektplanungen nutzbar zu machen.
Wie lange wird es ungefähr dauern, bis Nord- und Ostsee komplett frei von gefährlicher Munition sind? Ist das überhaupt möglich?
Das hängt von den verfügbaren Ressourcen und der Definition von „gefährlich“ in diesem Zusammenhang ab. Auf dem Meeresgrund freiliegende Sprengstoffe liefern den höchsten Eintrag an Schadstoffen, diese gilt es vorrangig zu entfernen.
In der diesbezüglich besonders gut erforschten Lübecker Bucht gehen wir davon aus, dass bis zu einem Drittel der versenkten Munition sichtbar auf dem Meeresboden aufliegt. Davon sind wiederum manche Munitionskörper bereits stark korrodiert, andere noch relativ gut erhalten, also verschlossen. Dies verändert sich im Laufe der Zeit.
Mit der Fokussierung auf sogenannte Hotspots, als Bereiche in denen hohe Schadstoffkonzentrationen entstehen, könnte schnell eine substanzielle Verbesserung geschaffen werden.
Die komplette Entsorgung der auf dem Meeresboden der Lübecker Bucht aufliegende Munition mit unserer ersten Anlage würde ungefähr 20 Jahre benötigen. Bei zwei Anlagen entsprechend halb so lange. Vorausgesetzt wir finden auch ausreichend Personal. Wie gesagt, es ist eine Ressourcenfrage.
Der im Juli verstorbene Schauspieler Sam Neill ist vor allem für seine Rolle als Dr. Alan Grant in „Jurassic Park“ bekannt.
Obwohl Dr. Grant nur ein fiktiver Wissenschaftler ist, prägte er Generationen von Kindern und werdenden Paläontologen.
Ursächlich dafür ist gute Verkörperung eines normalen und sympathischen Paläontologen, der beim Publikum echt wirkte.
Der plötzliche Tod des Schauspielers Sam Neill löste weltweit Würdigungen von Kollegen und Fans aus. Doch die Nachricht fand auch bei vielen Paläontologen großen Anklang, für die Neills Darbietung in „Jurassic Park“ als Dr. Alan Grant eine entscheidende Inspiration für ihre Berufswahl war.
„Ich bereitete gerade eine Präsentation über Fossilien vor, als ich die Nachricht erhielt, dass Dr. Grant von uns gegangen ist“, sagte Kallie Moore, Paläontologin an der University of Montana. „Als ich den Vortrag – unter Tränen – Sam widmete, bekam ich viele mitfühlende Blicke von den Zuhörern. Es ist unglaublich, welchen Einfluss eine fiktive Figur auf die Paläontologie hatte, denn für uns Kinder der 90er-Jahre war Dr. Grant nicht nur eine Figur – er wurde zu einem Kollegen.“
Dr. Alan Grant bei jeder Ausgrabung
Moore ist nur eine von vielen Paläontologinnen und Paläontologen weltweit, die sich gemeldet haben, als wir fragten, wie Neill – und seine berühmte Filmfigur – sie beeinflusst hatten. Auch Alan Grants Kollegin Dr. Ellie Sattler, die von Laura Dern gespielt wurde, tauchte in ihren Erinnerungen auf.
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„Jurassic Park“ kam erstmals 1993 in die Kinos und wurde zu einem großen Erfolg.
Die Schauspieler Jeff Goldblum (l.) alias Dr. Ian Malcolm und Laura Dern (r.) alias Dr. Ellie Sattler.
Foto: J. David Ake/AFP via Getty Images
Die australische Paläontologin Sally Hurst antwortete: „Bei jeder Ausgrabung, an der ich teilgenommen habe – von den Kreidefelsen in Inverloch [Australien], über die Badlands in Kanada bis hin zu den Wüsten der Mongolei –, gab es immer einen Tag, an dem entweder ich oder jemand anderes in die Rolle von Dr. Ellie Sattler und Dr. Alan Grant schlüpften. Für viele von uns, die heute in diesem Beruf tätig sind, waren es diese Figuren, die uns als Erste gezeigt haben, dass Paläontologe ein echter Beruf ist.“
Das wirft eine interessante Frage auf: Kann ein Film wirklich wissenschaftliche Karrieren inspirieren? Dinosaurier mit modernsten Spezialeffekten helfen dabei natürlich immer. Aber in diesem Fall geht es unserer Meinung nach darüber hinaus.
Sympathisch und echt statt exzentrisch und unmoralisch
Als Dr. Grant 1993 erstmals auf den Kinoleinwänden erschien, unterschied er sich von vielen fiktiven Wissenschaftlern vor und nach ihm. Er wurde nicht als exzentrisches Genie, als sozial unbeholfener Akademiker oder als jemand dargestellt, dessen Brillanz auf Kosten seiner Menschlichkeit ging.
Sam Neill verkörperte stattdessen einen authentischen, normalen und sympathischen Mann. Er war neugierig, geduldig und überaus sachkundig – aber auch zugänglich. Er war menschlich. Seine Begeisterung für Dinosaurier wirkte echt. Selbst als der fiktive Dino-Park im Chaos versank, blieb Grant als Paläontologe erkennbar, der versuchte, diese außergewöhnlichen Tiere zu verstehen.
„Sam Neills Darstellung als Dr. Alan Grant war für diejenigen von uns, die wussten, was damals über Dinosaurier bekannt war, ziemlich überzeugend“, sagt der britische Paläozoologe und Autor Darren Naish. „Dr. Grant hatte eindeutig den Finger am Puls der Dinge in der Welt der Dinosaurier, und Sam hat ihn gut gespielt. Er ist weise und geduldig, aber auch leidenschaftlich.“
Sam Neill (r.) spielte überzeugend den authentischen, normalen und sympathischen Wissenschaftler.
Tatsächlich schrieb Sam Neill in seinen 2024 erschienenen Memoiren „Did I Ever Tell You This?“ über Grants Anziehungskraft: „In den dreißig Jahren seit dem ersten ‚Jurassic Park‘ ist Alan Grant zu einer sehr beliebten Figur geworden. Kein Superheld – keine magischen Kräfte. Ein Mann, der beim ersten Anblick eines Brachiosaurus in Ohnmacht fällt, ist einfach nur ein Mensch. Ein ganz normaler Typ, der unter extremen Umständen sein Bestes gibt.“
Für die vielen Millionen Kinder, die „Jurassic Park“ sahen, war und ist es das erste Mal, dass sie einen Wissenschaftler sahen, dessen Arbeit abenteuerlich und wirklich spannend wirkte. Anstatt den ganzen Tag im Labor zu verbringen, war Dr. Alan Grant draußen im Freien und studierte echte Dinosaurier. Für viele heutige Paläontologen war dies von Bedeutung.
„Vor ‚Jurassic Park‘ wurden Dinosaurier im Film als schwerfällige Ungeheuer dargestellt“, sagt die Kanadierin Kathryn Abbot, ausführende Produzentin der Dokumentation „Why Dinosaurs?“. „Alan Grant hat uns gelehrt, dass es sich um dynamische, intelligente Tiere mit realistischem Verhalten und ökologischen Rollen handelte.“
Fasziniert beobachtete Dr. Alan Grant sogar die gefährlichsten Dinosaurier wie den T. rex.
Kinder haben ein bemerkenswert gutes Gespür dafür, wenn Erwachsenen etwas wirklich am Herzen liegt. Neill wirkte nie so, als würde er nur so tun, als sei er Wissenschaftler. Er wirkte wie jemand, der seine Arbeit liebte.
Es besteht kein Zweifel daran, dass „Jurassic Park“ eine außergewöhnliche Welle des Interesses an Dinosauriern, Museen und der Natur im Allgemeinen ausgelöst hat. Und für viele hat Dr. Alan Grant uns gezeigt, dass Paläontologe ein echter Beruf sein kann.
„Sam Neills Darstellung hat meinen Lebensweg geprägt“, sagt Jake Kotevski, Paläontologe an der Monash University in Melbourne. „Solange ich mich erinnern kann, wollte ich Paläontologe werden – Dr. Alan Grant sein. Aber auch seine Werte teilen – stille Intelligenz, Staunen, einen kühlen Kopf und einen beschützenden Vater (oder eine Vaterfigur). ‚Jurassic Park‘ hat mich mein ganzes Leben lang begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Ohne Dr. Grant gäbe es keinen Dr. Kotevski.“
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Bis heute sind Kinder fasziniert von den Urzeitechsen.
Foto: Ian Gavan/Getty Images
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In „Jurassic Park“ wurden Dinosaurier erstmals als dynamische und intelligente Tiere dargestellt.
Foto: Ian Gavan/Getty Images
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Besonders der Tyrannosaurus rex wurde durch die Filme zu einer Urzeit-Ikone.
Foto: Stuart C. Wilson/Getty Images
Dr. Alan Grant: „der einflussreichste Paläontologe aller Zeiten“
Die Paläontologen, die über das Leben von Sam Neill nachdenken, erinnern sich an mehr als nur ihren Lieblingsfilm. Sie erinnern sich an den Moment, als ihnen zum ersten Mal bewusst wurde, dass Wissenschaft etwas ist, womit sie sich beschäftigen können.
„Ich bin damit aufgewachsen und habe ‚Jurassic Park‘ immer und immer wieder gesehen“, sagt der britische Paläontologe Dean Lomax. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich ihn in den letzten 30 Jahren zitiert habe – sogar bis heute.“
Doch das war längst nicht alles. „Zweifellos hat Sam meine Entscheidung, eine Karriere in der Paläontologie einzuschlagen, mitgeprägt, so wie er es auch bei vielen anderen getan hat. Und dafür danke ich ihm. Meiner Meinung nach könnte Dr. Alan Grant als der einflussreichste Paläontologe aller Zeiten gelten“, so Lomax weiter.
Nur wenige Schauspieler können von sich behaupten, einen ganzen Berufsstand geprägt zu haben. Sam Neill hat dies mit ziemlicher Sicherheit getan – und wird es angesichts des Kultstatus des Films auch weiterhin tun. Nicht, weil Dr. Alan Grant den Dinosauriern entkommen ist, sondern weil er das Streben nach Wissen spannend, sinnvoll und realistisch erscheinen ließ.
Für seine Rolle als Paläontologe Dr. Alan Grant bleibt der neuseeländische Schauspieler Sam Neill für viele Menschen unvergessen.
Foto: Chris Hyde/Getty Images for AFI
Vorbilder für Kinder schaffen
Aus diesem Beispiel können wir lernen und es zum positiven Nutzen. „Wenn man ein Kind für Dinosaurier begeistern kann, kann man es auch für Naturwissenschaften, MINT-Fächer, das eigene Denken und Kreativität begeistern“, sagt Kathryn Abbot.
Lange nachdem „Jurassic Park“ das Kino revolutioniert hat, könnten sich die Generationen von Paläontologen, die neue Entdeckungen machen und so unser Verständnis der prähistorischen Welt prägen, als sein beständigstes Vermächtnis erweisen.
Das letzte Wort hat die amerikanische Paläontologin und Kinderbuchautorin Ashley Hall. „Sam Neills brillante Darstellung hat meine Leidenschaft für eine Karriere in der Paläontologie beflügelt. Aber sie hat mich auch dazu gebracht, meinen heutigen Ehemann kennenzulernen, einen Kollegen aus der Paläontologie, der mir verkleidet als Alan Grant einen Heiratsantrag machte – mit Verlobungsring an einer Raptorklaue und allem Drum und Dran. Danke, Sam.“
Das ikonische Bild der Lunar-Orbiter-Mission vom 23. August 1966: Das erste Mal werfen Menschen einen Blick auf die Erde – vom Mond aus. - Foto: NASA
In Kürze:
Am 25. Mai 1961 verkündete der US-Präsident John F. Kennedy, dass die USA im Wettlauf zum Mond teilnehmen werden.
Das Ziel der Lunar-Orbiter-Mission war, detaillierte Bilder unseres Erdtrabanten zu machen – auch von seiner dunklen, unbekannten Seite.
Innerhalb von drei Jahren fotografierte die NASA 99 Prozent des Mondes und lokalisierte 36 potentielle Landeplätze.
Mit den Aufnahmen legte die USA den Grundstein für ihre erfolgreiche Apollo-11-Mission und schenkte den Menschen auf der Erde eine neue Sicht auf ihren Planeten.
Der Mond sieht immer gleich aus. Würde man die Mondphase vom Neumond bis zum nächsten Neumond – 29,5 Tage – gewissenhaft verfolgen und dies dann von jedem Neumond bis zum nächsten Neumond bis ins Unendliche fortsetzen, würde man immer nur dieselbe Seite des Mondes sehen.
Erde und Mond sind durch die sogenannte Gezeitenbindung miteinander verbunden. Dieses Phänomen tritt bei Planeten und ihrem Hauptmond häufig auf. Im Wesentlichen bedeutet das, dass der Mond seine Achsenrotation zur gleichen Zeit vollendet, wie er eine Umdrehung um die Erde vollführt.
Der Mond ist 3,7-mal kleiner als die Erde. Mit einem Teleskop lässt sich – besonders bei Vollmond – leicht erkennen, wie stark der silberne Begleiter der Erde in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Über die gesamte Oberfläche des Erdtrabanten verteilt befinden sich Millionen von Kratern. Die meisten von ihnen haben einen Durchmesser von etwa einem Kilometer – einige sind jedoch auch mehrere Dutzend oder sogar Hunderte Kilometer breit. Die Gesamtzahl scheint von Jahr zu Jahr zu wachsen.
Im Vergleich zur Erde ist der Mond 3,7-mal kleiner.
Foto: NASA
Am 25. Mai 1961 stellte der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy die Herausforderung, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Amerikaner auf den Mond zu bringen. Die größte Herausforderung bestand darin, ein Raumfahrzeug zu bauen, das die rund 384.000 Kilometer lange Reise zum Mond bewältigen konnte.
Doch all das wäre umsonst gewesen, hätten die Astronauten, die das Raumschiff steuerten, keinen Ort zum Landen gehabt. Wenn man sich die Vorderseite des Mondes – bekannt als „Mondgesicht“ – ansah, ließ die Mondrückseite kaum mehr vielversprechende Landeplätze erwarten.
Das Weltraumrennen zwischen den USA und der Sowjetunion begann vier Jahre zuvor. Am 4. Oktober 1957 schickten die Sowjets ihren „Sputnik 1“ ins All – den ersten Satelliten, der die Erde umkreiste. Zum Zeitpunkt von Kennedys Rede waren sich die Sowjets sicher, das Rennen zu machen.
Replik des Satelliten Sputnik 1 im Kosmonautenmuseum in Moskau.
„Unsere Bevölkerung war davon überzeugt, dass wir als Erste auf dem Mond landen würden, weil sie daran gewöhnt war, dass wir immer die Ersten waren“, erinnerte sich der sowjetische Kosmonaut Alexei Leonow, der 1965 als Erster einen Weltraumspaziergang unternahm.
Die Sowjets waren nicht nur die Ersten, die ein unbemanntes Raumschiff (und 1961 ein bemanntes) um die Erde schickten, sondern sie umkreisten mit „Luna 3“ – dem Raumschiff, das am zweiten Jahrestag des Sputnik-1-Starts ins All geschickt wurde – auch als Erste den Mond.
Luna 3 machte 29 Fotos, die zusammen 70 Prozent der bis dato unbekannten Mondrückseite abbildeten. Einige Wochen später untermauerten die Sowjets ihre Leistung durch die Veröffentlichung eines 35-seitigen Buches, in dem sie zwei der 29 Fotos hervorhoben. Im folgenden Jahr, 1960, erschien ein zweites Buch, das alle 29 Fotos präsentierte.
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Aufnahme vom Mond am 7. Oktober 1959 durch den sowjetischen Satelliten Luna 3.
Ähnlich wie Sputnik 1 war Luna 3 ein großer Sprung im Weltraumrennen. Doch für die von Kennedy festgelegten Ziele waren die Bilder nicht besonders hilfreich bei der Suche nach Landeplätzen. Die NASA musste eigene Fotos machen, und zwar solche, die viel klarere Bilder lieferten – für den Fall, dass die Rückseite des Mondes bessere Landeplätze bot.
Boeing fliegt ins All
Die NASA wurde kurz nach dem Start von Sputnik gegründet. Nach seiner Rede erhöhte Kennedy das Budget der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde, um sein Ziel in Tat umsetzen und den Sowjets im Weltraumrennen zuvorkommen zu können. Sofort begannen die NASA-Mitarbeiter mit der Ausarbeitung eines eigenen Programms zur Mondkartierung.
Am 30. August 1963 fiel der Startschuss für das Lunar-Orbiter-Programm der NASA, das den Einsatz von fünf unbemannten Raumfahrzeugen zur Erkundung des Mondes vorsah. Die Lunar Orbiter 1 bis 5 sollten dabei als Filmlabore im Weltraum dienen.
Nachdem fünf Unternehmen ihre Angebote eingereicht hatten, erhielt Boeing am 7. Mai 1964 den Auftrag die Mondsonden zu bauen. Die unbemannten Raumflugkörper sollten alle identisch sein. Sie waren 3,72×1,65×1,5 Meter groß und wogen rund 390 Kilogramm.
Die Ziele der kleinen, leichten Sonden waren theoretisch einfach: Mit ihrem Hightech-Kamerasystem Fotos aufnehmen, die Topografie des Mondes mit ihrem Mikrometeoriten-Detektor analysieren und die Strahlungswerte mit ihren Strahlungsdosimetern messen. Anhand dieser Bilder sollten Wissenschaftler dann sichere Landeplätze ausfindig machen.
Jeder Lunar Orbiter war mit vier Solarpaneelen ausgestattet, die den Antrieb und das Kamerasystem mit Strom versorgten. Obwohl die Satelliten mit einer Trägerrakete ins All gebracht wurden, verfügten sie über einen eigenen Antrieb. Dieser diente zur Einhaltung des Kurses, der von NASA-Technikern in Südkalifornien verfolgt wurde, die auch die Kommunikationsdaten sowie die digitalen Bilder empfingen. Zur Kommunikation war jeder Satellit mit einer Parabolantenne ausgestattet.
Geheimdiensttechnik im All
Die Idee für die Filmlabore an Bord stammte eigentlich von den Geheimdiensten. Die Luftwaffe und die CIA hatten im Rahmen ihrer Programme „SAMOS“ und „CORONA“ bereits Spionagesatelliten eingesetzt:
Aufklärungssatelliten von SAMOS führten fotografische und elektromagnetische Erkundungen durch und waren in der Lage, ihre Bilder digital zu übertragen. Zwar war dieses Projekt nur von kurzer Dauer und nicht übermäßig erfolgreich, jedoch brachte es Fortschritte auf diesem Gebiet.
Im Rahmen von CORONA kamen leistungsstarke Kameras zum Einsatz. Sie waren an den 145 Satelliten wie KH-4B angebracht und wurden während der zwölfjährigen Laufzeit des Projekts genutzt. Insgesamt machten die Kamera rund 800.000 Aufnahmen von der UdSSR und anderen Ländern.
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Reihe der US-amerikanischen Aufklärungssatelliten aus den Programmen SAMOS und CORONA von 1960 bis heute.
Die Lunar Orbiter verwendeten Kamerasysteme von Kodak, die etwa 68 Kilogramm wogen und sowohl Weitwinkel- als auch Schmalwinkelobjektive nutzten. Das Kamerasystem war in der Lage, Fotos aufzunehmen, den Film zu entwickeln, die Bilder zu scannen und sie digital an die NASA zu übertragen.
Aus der Entfernung, in der die Lunar Orbiter planmäßig den Mond umkreisen sollte, sollten die Bilder weitaus schärfer sein als die der Sowjets. Die Weitwinkelobjektive erreichten eine Auflösung von bis zu einem halben Kilometer, während die Auflösung der Schmalwinkelobjektive zwischen 60 und 80 Metern lag.
Am 10. August 1966 brach die zweistufige Trägerrakete Atlas-Agena-D in Cape Canaveral mit dem Lunar Orbiter 1 ins All auf. Ziel war die Identifizierung von Landeplätzen – 16 Haupt- und Nebenstandorte auf der Vorderseite und 11 auf der Mondrückseite.
Vier Tage nach dem Start trat der Satellit in die Mondumlaufbahn ein. Im Laufe der folgenden zwei Wochen fotografierte er 5,18 Millionen Quadratkilometer der Mondoberfläche und übermittelte scharfe Bilder von 20 Standorten.
Der vom Lunar Orbiter 1 im August 1966 aufgenommene Peek-Krater.
Foto: NASA
Während einer seiner 577 Umkreisungen sendete er am 23. August 1966 ein Bild zurück, mit dessen Empfang niemand gerechnet hatte. Es war ein ungeplantes, aber dennoch ikonisches Foto.
Seit Anbeginn der Zeit hatten die Menschen den Mond immer nur von der Erde aus gesehen. Dieses zufällig geschossene Foto zeigte jedoch die Erde aus der Perspektive des Mondes. Zum ersten Mal sahen die Menschen nun, was der „Mann im Mond“ sah.
Mit den Aufnahmen von 1966 blickten Menschen erstmals von außen (vom Mond aus) auf die Erde.
Foto: NASA
Mission erfüllt
Nachdem der Lunar Orbiter 5 seine Mission abgeschlossen hatte, hatte das NASA-Programm 99 Prozent des Mondes fotografiert, 36 Landeplätze ausgemacht und 90 Prozent der aufgenommenen Fotos erfolgreich übertragen.
Interessanterweise wählte die NASA das Mondmeer, auch Mare Tranquillitatis (zu Deutsch: „Meer der Ruhe“) genannt, für die erste Landung aus. Dieses befindet sich nicht auf der Mondrückseite, sondern auf der der Erde zugewandten Hälfte.
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Aufnahme des Kunowsky-Kraters durch den Lunar Orbiter 2 am 24. November 1966.
Trotz aller fotografischen Vorbereitungen wäre Apollo 11 beinahe gescheitert, als das computergesteuerte Leitsystem des Raumschiffs sie auf einen Krater voller Felsbrocken zusteuern ließ.
Glücklicherweise wusste der Astronaut Neil Armstrong, wo sie landen sollten, übernahm schnell die Steuerung und manövrierte das Raumschiff vom Krater weg. Letztlich führte die langfristige fotografische Planung und das schnelle Eingreifen des Astronauten dazu, dass zwei Amerikaner als Erstes über das „Mondgesicht“ spazierten.
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Der Astronaut Buzz Aldrin macht auf dem Mond ein Spaziergang.
Foto: NASA
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Die Besatzung der Apollo-11-Mondlandemission: Kommandant Neil Armstrong (l.), Pilot des Kommandomoduls Michael Collins (m.) und Pilot der Mondlandefähre Buzz Aldrin (r.).
Foto: NASA
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Buzz Aldrin neben der auf dem Mond gehissten US-Flagge.
Karl der Große ist einer der größten und bekanntesten Herrscher Europas. - Foto: Ilya Nesterenko/iStock
In Kürze:
Als Europa zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert im Chaos versank, ging ein Volk als Sieger daraus empor: die Franken.
Ihrer Dynastie entsprangen zahlreiche merowingische und karolingische Könige, wobei Karl der Große bis heute einer der bedeutendsten ist.
Um sein Königreich zu stärken, förderte der fromme Christ die Bildung seines Volkes durch zahlreiche Reformen.
Die Geschichte hat ihm nicht nur den Bau des Aachener Doms und zahlreicher Schulen zu verdanken, sondern auch die Erfindung der Kleinbuchstaben und Satzzeichen.
Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 zerfiel Europas antike Hochkultur. Die mit Blut erkämpfte Stabilität, die Rom seinen Bürgern garantierte, wurde zu einer fernen Erinnerung.
Auf dem gesamten Kontinent brachen Kriege aus, die Hungersnöte und Seuchen verbreiteten. Drei Jahrhunderte voller Konflikte zwischen rivalisierenden Königen verwüsteten Häfen, Schulen, Bibliotheken und andere Zentren des kulturellen Austauschs im einstigen Großreich.
Zu den triumphierenden Persönlichkeiten in dieser Zeit gehörte Karl der Große (748–814). Um sein Königreich zu stärken, die Alphabetisierung zu fördern und das Christentum zu verbreiten, führte er eine Reihe von Bildungsreformen durch.
Es kam zu einer wahren Renaissance während der sogenannten Karolingerzeit (751–919). Diese Zeit der kulturellen Wiederbelebung zielte darauf ab, das Erbe der Vergangenheit zu bewahren und eine bessere Zukunft zu gestalten.
Europa im Umbruch
Karl der Große stammte von den Franken ab, einem alten germanischen Stamm, der sich vor mindestens 2.000 Jahren im heutigen Frankreich niedergelassen hatte. Ihr erster König war Chlodwig I. (466–511).
Als Mitglied der Merowinger-Dynastie war Chlodwig gleichzeitig einer der bekanntesten Franken, der zum katholischen Glauben konvertierte. Viele andere Franken waren dem Christentum zunächst fern.
Chlodwigs Taufe löste unter den germanischen Stämmen jedoch eine Welle von Bekehrungen aus. Später schöpfte das Königreich seine Kraft aus einer homogenen religiösen Identität. Dieses Glaubensbekenntnis verschaffte zudem die Unterstützung der katholischen Kirche in Rom, was sich als entscheidend für ihre politischen Bestrebungen erweisen sollte.
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Diese französische Buchmalerei zeigt die Taufe von Chlodwig I.
Im 7. Jahrhundert war der merowingische König lediglich ein symbolisches Staatsoberhaupt. Die wahre politische Macht besaß der sogenannte Hausmeier. Männer dieses Amtes hatten die Befugnis, das Hofpersonal zu prüfen, Verwaltungsbeamte im gesamten Königreich zu ernennen und die königliche Armee zu befehligen. Wie ein Hofmitglied von Karl dem Großen einst gesagt haben soll:
„Dem [merowingischen] König blieb nichts anderes übrig, als sich mit seinem Königstitel, seinem wallenden Haar und seinem langen Bart zufrieden zu geben.“
Mit Childerich III. (um 720–755) wurde der letzte merowingische König im Jahr 751 abgesetzt. Man scherte ihm öffentlich sein langes Haar, was den Verlust der Ehre und Königswürde symbolisierte, und verbannte ihn in ein Kloster.
Das Gemälde „Der letzte Merowinger“ von dem französischen Maler Évariste-Vital Luminais (1821–1896) zeigt Childerich III. nach seiner Absetzung.
Eingeleitet hat dies der Karolinger „Pippin der Kleine“ (auch „Pippin der Jüngere“ genannt) mit Zustimmung von Papst Zacharias (679–752). Fortan regierte der ehemalige Hausmeier Pippin III. (714–768) als erster karolingischer König über das Reich.
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Die mittelalterliche Buchmalerei zeigt Papst Zacharias, der Pippin den Jüngeren krönt (o.) und die Absetzung von Childerich III. (u.).
Im Jahr 756 schenkte er Papst Stephan II. (714–757) eroberte Gebiete in Mittelitalien, ein Akt, der auch als Pippinische Schenkung bekannt ist. Diese Gebiete bildeten später den Grundstein für den Kirchenstaat, der zur einflussreichsten religiösen, politischen und kulturellen Einheit im Mittelalter wurde.
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Das Fresko von Giovanni Battista Ricci (um 1537–1627) bildet die Pippinische Schenkung ab.
Als Pippin III. starb, erbten seine beiden Söhne das Reich als gemeinsame Herrscher. Obwohl sie blutsverwandt waren, versuchten Karl (748–814) und Karlmann (751–771), einander durch eine Reihe von Intrigen zu untergraben. Karls Anhänger führten ihre Streitigkeiten auf Fehleinschätzungen der Berater Karlmanns zurück, während die Verbündeten des jüngeren Bruders Karl als machtgierigen Despoten ansahen.
Im Jahr 771, als die Gefahr eines Bürgerkriegs drohte, starb Karlmann unerwartet eines natürlichen Todes. Sein plötzliches Ableben kam Karl zugute, der zum alleinigen Herrscher wurde. Wie sein Vater setzte Karl die Verteidigung des Papsttums gewaltsam fort.
Darstellung Karls des Großen in der Chronik des Ekkehard von Aura um 1112/14.
Er besiegte die Langobarden in Norditalien, schlug die heidnischen Sachsen im heutigen Deutschland zurück und drang bis nach Nordspanien vor, um die päpstlichen Gebiete vor dem muslimischen Kalifat zu verteidigen, das die Iberische Halbinsel beherrschte. Seine Klugheit, seine Unerbittlichkeit und mehr als 50 Feldzüge brachten Karl den Titel „Charlemagne“ (zu Deutsch: „Karl der Große“) ein.
Im Jahr 800, am Weihnachtstag, reiste Karl der Große nach Rom, wo ihn Papst Leo III. (750–816) zum Kaiser krönte. Das Karolingerreich umfasste den größten Teil des heutigen Frankreichs, Deutschlands, Belgiens, der Niederlande und Italiens. Als erster westlicher Kaiser nach 300 Jahren machte sich Karl der Große neue, mächtige Feinde. Doch er erlangte auch die Macht, Europa aus den Wirren zu befreien.
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Krönung Karls des Großen, ein Wandbild von Alfred Rethel (1816–1859) und Josef Kehren im Krönungssaal des Rathauses von Aachen.
Sein komplettes Lebenswerk hielt Einhard (um 775–840), der fränkische Gelehrte und Vertraute Karls, in der Biografie „Vita Karoli Magni“ fest. Zusammen mit den „Annales regni Francorum“ sind so aufschlussreiche Dokumente über die Regierungszeit des Kaisers erhalten geblieben.
Einhard (um 775–840) war ein fränkischer Gelehrter, der die Biografie von Kaiser Karl dem Großen schrieb.
So überliefert Einhard die zahlreichen militärischen Erfolge des Kaisers – darunter einen furchtlosen Feldzug durch unwegsame Gebirgskämme in den italienischen Alpen. Für den Biografen waren diese Heldentaten ein Beispiel für Karls außergewöhnliche Willenskraft:
„Aber in seinem hohen Sinn und seiner in Glück und Unglück sich gleich bleibenden Beharrlichkeit ließ sich der König durch keinen Wankelmuth von ihrer Seite ermüden, noch von dem, was er sich einmal vorgenommen hatte, abbringen“.
Einhard lobte außerdem die Beredsamkeit von Karl, die ihm in heiklen Debatten den Sieg und entscheidende Unterstützung von zögernden Verbündeten sicherte: „Reich und sicher floß ihm die Rede vom Munde, und was er wollte, konnte er leicht und klar auszudrücken“.
Die Beredsamkeit des Kaisers beruhte zum großen Teil auf seinen Lateinkenntnissen. Während des gesamten Mittelalters konnten Angehörige der Elite ohne das Studium der lateinisch-griechischen Rhetorik keinen sozialen Aufstieg erreichen. Doch dieses war wichtig, um zu einem scharfsinnigen Denker, überzeugenden Redner und guten Anführer zu werden. Karl der Große soll das Lateinische ebenso gut beherrscht haben wie seine Muttersprache.
Ausschnitt aus der „Vita Karoli Magni“: In der Initiale V ist der thronende Karl der Große dargestellt.
Im 8. Jahrhundert war Latein noch immer die offizielle Sprache der Diplomatie. Es war auch die Amtssprache der katholischen Kirche, die zu dieser Zeit bereits auf lateinische Übersetzungen des hebräischen Alten Testaments und des griechischen Neuen Testaments zurückgriff.
Karl der Große war ein strenger Christ. Seine Frömmigkeit nahm viele Formen an. Er ließ beeindruckende Gotteshäuser errichten, wie den Dom in seiner Hauptresidenz Aachen, wo er 814 beigesetzt wurde.
Der Aachener Dom ist einer der ältesten Europas. Seine prächtige Gestaltung verkörpert den ästhetischen Wandel von den runden Formen romanischer Bauwerke hin zu den nach oben streckenden Spitzbögen der gotischen Architektur.
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Blick auf den Aachener Dom, dessen Bau Karl der Große in Auftrag gab.
Foto: A-Basler/iStock
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Der reich verzierte, achteckige Innenraum des Aachener Doms.
Foto: Wirestock/iStock
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Die Chorhalle des Aachener Doms ist mit großen Buntglasfenstern geschmückt. Hier sind auch wichtige religiöse Artefakte ausgestellt.
Foto: hain tarmann/iStock
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Der marmorne Karlsthron, auch Aachener Königsthron genannt, im Aachener Dom. Hier wurden seit 936 die römisch-deutschen Könige gekrönt.
In dem 1182 gefertigten Karlsschrein liegen die umgebetteten Gebeine von Karl dem Großen. Eine anthropologische Untersuchung aus dem Jahr 2010 ergab, dass Karl der Große mit 1,84 Metern für die damalige Zeit überdurchschnittlich groß war.
Foto: hain tarmann/iStock
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Die Karlsbüste, die speziell zum Karlsfest im Aachener Dom aufgestellt wird, ist ein um 1350 geschaffenes Reliquiar, welches die Schädeldecke Karls des Großen enthalten soll.
Angetrieben von seiner Liebe zum Lateinischen bemühte sich Karl der Große um eine Reform der Kirche und des Bildungswesens. Die alte Sprache war für ihn ein Tor zum Glauben – ein Weg, sein spirituelles Leben zu bereichern und anderen zu helfen, ihr eigenes zu verbessern.
Doch die Alphabetisierung im karolingischen Reich befand sich in einem desolaten Zustand. Ohne Grundkenntnisse im Lateinischen, so glaubte Karl der Große, würden die Segnungen des Glaubens unerreichbar bleiben.
Karl der Große und seine Reformen
Im Jahr 789 veröffentlichten Karls Beamte die „Admonitio generalis“ – eines der bekanntesten Kapitulare. Diese hoheitliche Anordnung ähnlich einem Gesetz erklärte Karl zum geistlichen Verwalter des Reiches. Als solcher war er für die moralische Integrität seines Volkes verantwortlich, die eng mit der Integrität der Kirche verbunden war.
Originaltext der „Admonitio generalis“ von 789, der sich in der Nationalbibliothek von Paris befindet.
Verärgert über einen seiner Meinung nach undisziplinierten Klerus, ermahnte Karl der Große Priester und Bischöfe, der Korruption zu widerstehen und ihre Pflichten zum Wohle aller zu erfüllen. Ein Teil des Problems lag seiner Ansicht nach im Fehlen der lateinischen Sprache. Dies verhinderte eine tiefe Auseinandersetzung mit der christlichen Literatur, einschließlich der Bibel.
Um die Alphabetisierung zu fördern, rief Karl der Große zunächst seine eigene Hofschule ins Leben. Hier forschten und lehrten zahlreiche führende Gelehrte des gesamten Reiches, unter anderem Einhard und Alkuin von York (um 735–804), die zusammen mit dem volksnahen Kaiser und seinem Gefolge von Pfalz zu Pfalz durch das Herrschaftsgebiet reisten.
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Die Illustration in einem Manuskript zeigt Hrabanus Maurus (l.), der auf Raten von Alkuin (m.) sein Werk dem Erzbischof Otgar von Mainz übergibt.
Der Lehrplan der Hofschule soll dabei nicht nur militärische Strategien und höfische Umgangsformen, sondern auch Dichtkunst, Literatur, Astronomie und praktisch jede existierende Disziplin umfasst haben. Detaillierte Inhalte sind jedoch nicht erhalten.
Bekannt ist aber, dass Alkuin vom Kaiser damit beauftragt wurde, das neue Bildungsmodell im gesamten Reich zu verbreiten. Der Mann, den Einhard als „den größten Gelehrten seiner Zeit“ bezeichnete, leitete daher den Aufbau zahlreicher Domschulen.
Obwohl bescheidener als die Hofschule, lehrten diese Einrichtungen vielen jungen Männern – Geistlichen und Laien gleichsam – die „sieben freien Künste“: lateinische Grammatik, Rhetorik, Logik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik. Lehrpläne vereinheitlichten zudem den Unterricht und trugen dazu bei, die Sprache am Leben zu erhalten, wodurch griechisch-römische und christliche Traditionen für kommende Generationen gesichert waren.
Karolingische Schulen waren zudem verpflichtet, Gesang und liturgische Hymnen zu unterrichten. Die Schüler lernten die Psalmen und andere Sammlungen religiöser Lieder auswendig, von denen man glaubte, dass sie eine tiefere Beziehung zur Bibel fördern würden.
Künstlerische Darstellung der Sieben Freien Künste. In der Mitte thront die Personifikation der Philosophie.
Kleinbuchstaben: Neue Zeichen erleichtern das Lernen
Um die Abschrift, Weitergabe und das Studium von Texten zu erleichtern, führten Alkuin und seine Gelehrtenkollegen eine scheinbar triviale, aber bahnbrechende Erfindung ein: Kleinbuchstaben. Offiziell als karolingische Minuskel bezeichnet, revolutionierte dieses neue Mittel das Schreiben.
Bis zum Ende des 8. Jahrhunderts hatten Schreiber fast ausschließlich Großbuchstaben verwendet. Sie setzten weder Leerzeichen zwischen den Wörtern noch verwendeten sie Satzzeichen. Diese Gewohnheit sparte zwar wertvolles Papier, beeinträchtigte jedoch die Lesbarkeit. Noch heute haben Experten Schwierigkeiten, vorkarolingische Handschriften zu entziffern.
Die karolingische Minuskel erleichterte die Unterscheidung von Wörtern und vereinheitlichte die Handschrift, die je nach Schreiber und Schüler stark variieren konnte. Neben nützlichen Leerzeichen und einheitlichen Buchstabengrößen förderten die Karolinger auch die Verwendung von Satzzeichen, was Texte noch lesbarer machte. Es überrascht nicht, dass Bücher dadurch leichter zu kopieren, zu lesen und zu verbreiten waren.
Ausschnitt aus einer Alkuin-Bibel. Der Text ist abgesehen von einer Zeile in Auszeichnungsschrift in karolingischer Minuskel geschrieben.
Karls Bemühungen waren kein Einzelfall. Drei Jahrhunderte zuvor hatten die spätantiken Politiker Boethius (um 480–526) und Cassiodor (um 490–580) ähnliche Versuche unternommen. Boethius verbrachte unzählige Stunden damit, griechische Philosophie ins Lateinische zu übersetzen, während Cassiodor das Vivarium gründete: ein Kloster in Süditalien, das sich der Abschrift und Übersetzung wertvoller Texte widmete. Ihr Ziel war dasselbe: erbauliche Literatur für die Nachwelt zu bewahren.
Obwohl diese Bemühungen großen Einfluss hatten, wurden sie größtenteils im Alleingang unternommen. Nur ein systematisches, von oben gesteuertes Programm wie das Karls des Großen konnte einen dauerhaften Wandel gewährleisten.
Nach einer Schätzung von Dr. Eltjo Buringh aus dem Jahr 2011 produzierten Klöster allein im 9. Jahrhundert mehr als 100.000 Handschriften, von denen etwa 7.000 erhalten sind. Von allen historischen Überlieferungen vor dem 9. Jahrhundert sind nur 2.000 erhalten.
Das Kloster Lorsch in Hessen existierte bereits in der Karolingerzeit.
Karl der Große interessierte sich in erster Linie für christliche Literatur. Doch wie Boethius und Cassiodor erkannte auch er, dass die griechischen und römischen Traditionen es wert waren, bewahrt zu werden, da sie nützliche Erkenntnisse in Ethik und Politik lieferten.
Die Bemühungen des Kaisers, die Alphabetisierung zu fördern und die Beziehung seines Volkes zu Gott zu vertiefen, führten zur Bewahrung wichtiger religiöser und philosophischer Texte. Diese Texte beflügelten später so unterschiedliche und entscheidende Bewegungen wie die Reformation, die italienische Renaissance und die Französische Revolution. Das unauslöschliche Vermächtnis der karolingischen Renaissance ist deshalb ein beeindruckendes Zeugnis für die weltgestaltende Kraft des geschriebenen Wortes.
Porträt von Karl dem Großen, gemalt von Albrecht Dürer (1471–1528).
Im Katastrophenfall sind vor allem noch funktionierende Rettungsdienste und Kliniken gefragt. - Foto: Leesle/iStock
In Kürze:
Laut einer Studie sind alle Länder der Welt nicht optimal auf große, für viele tödliche Katastrophen vorbereitet.
Ein Atomkrieg, Naturkatastrophen oder ein langandauernder Blackout würde das alltägliche Leben weltweit komplett in Chaos versetzen.
Am besten schneidet im internationalen Vergleich Australien ab.
Wäre Deutschland für längere Zeit stromlos, würde vieles zusammenbrechen.
Die Studie soll die Menschen sensibilisieren – jeder kann sich auch selbst vorbereiten.
Tödliche Seuche, langandauernder Blackout, nuklearer Konflikt: Mehrere mögliche Katastrophenszenarien können vernichtende Auswirkungen auf unsere globale Zivilisation haben.
Eine neue internationale Forschungsarbeit des Umweltwissenschaftlers Dr. Florian Ulrich Jehn und einem internationalen Team kommt zu dem Schluss, dass kein Land der Erde gegen alle Risiken eines solchen Extremszenarios abgesichert ist. Jehn ist seit diesem Jahr an der FernUniversität in Hagen tätig.
Die Studie trägt den Titel „No place to hide? Regional resilience and vulnerability to global catastrophic risk“, zu Deutsch: Kein Ort zum Verstecken? Regionale Resilienz und Anfälligkeit gegenüber globalen Katastrophenrisiken. Sie zeigt, auf welche Schutzfaktoren es im Ernstfall ankommt und wie gut die Erfolgschancen stehen.
Welche Katastrophen berücksichtigt die Studie?
Es gibt einige mögliche Szenarien, die dafür sorgen könnten, ein globales Chaos auszulösen – und viele Menschenleben auszulöschen. Die Studienautoren haben die Auswirkungen verschiedener katastrophaler Großereignisse untersucht. „Es geht uns um Szenarien, die mindestens zehn Prozent der Menschheit auf einen Schlag auslöschen könnten. In einem kurzen Zeitraum schaffen das nicht viele Katastrophen“, erklärte Jehn.
Dazu zählen ein Atomkrieg oder der Ausbruch eines Supervulkans wie der Yellowstone in den USA oder die Campi Flegrei in Italien. Diese Ereignisse können einen nuklearen Winter, also eine längerfristige Reduzierung des Sonnenlichteinfalls verursachen. Das hätte unter anderem Auswirkungen auf unsere Lebensmittelproduktion. Viele Pflanzen würden eingehen, da ihnen das wichtige Sonnenlicht fehlt. Es käme zu massiven Ernteausfällen.
Noch unmittelbarer würde dies unsere Stromerzeugung betreffen: Die Erzeugung der „Erneuerbaren“ würde nahezu vollständig wegfallen. Ebenso sinken die Temperaturen. „So etwas würde dazu führen, dass es global kälter wird“, sagte Jehn.
Bricht ein kleiner Vulkan wie hier in Island aus, ist das meist ein spannendes Naturspektakel, das man aus sicherer Entfernung bestaunen kann. Bricht jedoch ein weitaus großflächigerer Supervulkan aus, kann er unter Umständen die ganze Welt für längere Zeit mit gigantischen Aschewolken verdunkeln.
Foto: Thorir Ingvarsson/iStock
Ein anderes Katastrophenszenario wäre ein großflächiger und langandauernder Stromausfall, auch Blackout genannt. Dass dies passieren kann, hat die iberische Halbinsel im vergangenen Jahr gezeigt. Störfrequenzen von Wechselrichtern haben in Spanien, Portugal und bis in Teilen Südfrankreichs zu einem Komplettausfall geführt. „Ohne Elektrizität haben wir auch schnell keinen Brennstoff mehr, ja nicht einmal Dünger für die Felder“, merkte Jehn hierzu an.
Obwohl wie erwähnt kein Land der Welt eine Absicherung gegen alle Katastrophenszenarien bietet, so gibt es dennoch Unterschiede zwischen den Staaten. Die Studienautoren nennen zwar keine Rangliste, erwähnen aber konkret einzelne Staaten hinsichtlich ihrer Resilienz und Widerstandsfähigkeit.
„Deutschland ist jedenfalls keines der resilienteren Länder. Ohne Strom ist es völlig geliefert“, urteilte Jehn. „Wo es zumindest punktet, ist bei der demokratischen Stabilität und der Nahrungsproduktion.“ Letzteres dürfte jedoch bei einer verdunkelten Sonne schnell zusammenbrechen – nach aktuellem Stand.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam vor rund vier Jahren schon eine Analyse in Hessen, wonach die Folgen nach einem Blackout gravierend wären. Demnach sei bereits binnen den ersten 96 Stunden eines solchen Ausfalls mit „mehreren Hundert Toten“ zu rechnen. Es würde die schwächsten der Gesellschaft treffen, vor allem Patienten in Kliniken und Pflegeeinrichtungen.
Weitaus besser sind die Resultate auf der anderen Seite der Erdkugel – besonders in Australien. Nach Aussage von Jehn „schneidet es bei uns gut ab.“ Sollte ein nuklearer Winter auftreten, wären die meist hohen Temperaturen ein Vorteil für die hiesigen Einwohner.
„Es ist eine Insel, sodass es sich einfacher abschotten und isolieren kann. Australien produziert unheimlich viel Nahrung, hat viel eigene Industrie und Bergbau“, schilderte der Umweltwissenschaftler. „Außerdem ist es reich und eine recht stabile Demokratie – all das sind Sachen, die ein Land resilienter machen.“ Auch das benachbarte Neuseeland erfülle viele dieser Punkte, habe jedoch weniger Industrie, sei bedeutend kleiner und dadurch weniger autark.
Doch Kontinent auf anderen Seite der Erde wies bei der Untersuchung der Forscher auch Nachteile auf. Australien sei laut Jehn stark auf Importe wichtiger Produkte wie Medikamente, Treibstoffe und Düngemittel angewiesen. Brechen diese im Ernstfall weg, könne es auch dort bald kritisch werden.
Entscheidend bei der Krisenbewältigung ist unter anderem ein gut funktionierendes Gesundheitssystem. Wie gut es in welchem Land ist, zeigt der Weltweite Gesundheitssicherheitsindex (Global Health Security Index)
Der FernUni-Forscher erläuterte zudem den Zweck dieser Ausarbeitung. „Unser Ziel ist es, […] fürs Thema zu sensibilisieren“, so Jehn. „Es ist etwas, worüber wir als Gesellschaft dringend nachdenken sollten.“
Weiter sagte er: „Katastrophen in dieser Größenordnung kommen in deutschen Debatten kaum vor. Wenn man sich aber gar nicht vorbereitet, läuft’s auf jeden Fall schief.“ Auch der Krisen- und Energieexperte Stefan Spiegelsperger sagt passend dazu immer wieder: „Wer es schafft, sich vorzubereiten, ist vorbereitet, es zu schaffen.“
Dabei gäbe es laut Jehn Spielräume. Diese beinhalten beispielsweise Handelsverträge mit anderen Ländern, die den Austausch von überlebenswichtigen Waren auch im Notfall garantieren. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob der Handelspartner im Ernstfall wirklich die Waren ausliefern kann oder will.
Ebenso spricht Jehn von „sogenannten ‚resilient foods‘. Das sind Nahrungsmittel, die auch im Katastrophenfall große Produktionsmengen erlauben würden.“ Dazu zählen etwa spezielle Bakterien, die in Bioreaktoren Nährstoffe zu gehaltvollem Proteinpulver verstoffwechseln. Generell verfüge Deutschland über viel technisches Wissen und, abgesehen von den Haushaltslücken, finanzielle Mittel – eigentlich gute Voraussetzungen, um sich zu wappnen.
Vorbereitung für alle Fälle
„Man kann schon vieles machen“, ermutigte Jehn zu proaktivem Handeln. „Gesellschaften können so einiges überstehen, wenn sie sich nur vorbereiten und solidarisch bleiben.“ Und im besten Fall, so ein hoffnungsvoller Schluss der Studie, lassen sich Schreckensszenarien völlig abwenden. „Prävention ist natürlich immer besser als Resilienz“, da ist sich der Forscher sicher.
Spiegelsperger wird da konkreter und hat eine umfassende Checkliste für einen Blackout oder andere Katastrophenfälle für jede Privatperson erstellt, die in verschiedene Rubriken unterteilt ist. Hierzu zählen besonders Erste Hilfe, Wärme, Licht, Wasser, Nahrung, Kommunikation und Hygiene. Seiner Ansicht nach sollte man sich mindestens drei Wochen lang ohne externe Versorgung selbst versorgen können.
Ebenso empfiehlt der Krisenexperte einen Fluchtrucksack bereitzuhalten, falls man schnell seine Wohnung verlassen muss. „Ein Notfallrucksack kann leider schneller nötig werden, als einem lieb ist. Siehe Ahrtal“, schreibt er. Auch Kälte, ein Chemieunfall, ein Supergau sowie Feuer könnten einen akuten Fluchtgrund darstellen.
Starke soziale Beziehungen stehen nachweislich in Zusammenhang mit besserer körperlicher Gesundheit, größerer Resilienz und höherer Lebenszufriedenheit. - Foto: Dan Dalton/iStock
Ist Glück nur eine Frage des Zufalls? Die Forschungsergebnisse deuten glücklicherweise auf etwas anderes hin.
Glück wird immer etwas Geheimnisvolles an sich haben. Es ist eher etwas, das uns zuteilwird, als etwas, das wir selbst erschaffen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir machtlos sind, glücklicher zu werden. Im Gegenteil: Wahres Glück hängt viel von unseren Entscheidungen ab, sodass wir es bis zu einem gewissen Grad selbst beeinflussen können.
„Die meisten Menschen betrachten Glück als ein Gefühl: etwas, das eintritt, wenn die Umstände stimmen, und verschwindet, wenn sie nicht stimmen. Doch die Erkenntnisse der Psychologie der letzten zehn Jahre zeichnen ein anderes Bild“, schrieb der Psychologe Mark Travers in einem Artikel für „Psychology Today“. Und weiter ebenda: „Glück ist nicht in erster Linie ein Stimmungszustand. Es ist ein Ergebnis, das sich aus der Struktur deines Lebens, den Entscheidungen, die du konsequent triffst, und dem Umfeld, in dem du lebst, ergibt.“
Menschen gestalten ihr Leben in erster Linie durch Gewohnheiten. Wir stellen Ihnen zehn wissenschaftlich belegte Gewohnheiten vor, die das Glücksempfinden fördern.
Pflegen Sie enge Beziehungen
Die Harvard-Studie zur Erwachsenenentwicklung ist die längste Studie zum menschlichen Glück, die jemals durchgeführt wurde. Sie begleitete eine Generation von Männern über 80 Jahre hinweg, beginnend in den 1930er-Jahren, und erfasste dabei alle möglichen Informationen über ihr Leben sowie ihre körperliche und geistige Gesundheit. Die Studie wurde inzwischen erweitert und umfasst nun auch einige Kinder der ursprünglichen Generation sowie eine weitere Kohorte von Männern, die in den 1970er-Jahren aus den Innenstadtvierteln von Boston rekrutiert wurden.
Die wichtigste Erkenntnis aus dieser groß angelegten Studie ist, dass von allen einzelnen Faktoren die Stärke der eigenen Beziehungen den größten Einfluss auf Glück und Gesundheit hat.
Die „Harvard Gazette“ berichtete: „Die Studie ergab, dass enge Beziehungen, mehr noch als Geld oder Ruhm, die Menschen ihr Leben lang glücklich machen. Diese Bindungen schützen Menschen vor den Unzufriedenheiten des Lebens, verzögern den geistigen und körperlichen Abbau und sind bessere Indikatoren für ein langes und glückliches Leben als die soziale Schicht, der IQ oder sogar die Gene.“
Das bedeutet, dass der Aufbau von Gewohnheiten, die die Verbindung zu anderen Menschen fördern, der Schlüssel zu langfristiger Erfüllung ist.
Diese Gewohnheit knüpft an die vorherige an, indem sie die Bedeutung tiefer menschlicher Verbindungen betont. Small Talk hat natürlich seinen Platz, sollte aber im Allgemeinen als Brücke zu tieferen Gesprächsthemen dienen – Themen, die zwischenmenschliche Beziehungen stärken und vertiefen.
Eine Studie aus dem Jahr 2010 ergab, dass ein höheres Wohlbefinden mit weniger Small Talk und mehr tiefgründigen Gesprächen einherging. Natürlich ist es nicht immer einfach, tiefere Gespräche anzustoßen. Deshalb haben wir zwei Listen mit Fragen zusammengestellt, die zu gehaltvolleren Gesprächen mit den Menschen anregen sollen, die Ihnen am Herzen liegen.
Genießen Sie regelmäßig kleine Freuden
Das Leben besteht aus den kleinen Dingen. Scheinbar unbedeutende Freuden, die über die Tage und Wochen verteilt sind, können einen überproportional großen Einfluss auf das Glücksempfinden haben. Einfache Aktivitäten wie eine Tasse Kaffee oder Tee trinken, einen kurzen Spaziergang an einem schönen Tag machen, einem Hobby nachgehen oder sich zu einem kurzen Mittagessen mit einem geliebten Menschen verabreden, können laut Forschungsergebnissen Stress reduzieren, die Widerstandsfähigkeit stärken und letztlich zum Glück beitragen.
Das soll nicht heißen, dass große Freuden und Erfolge für das Wohlbefinden unwichtig sind. Sie neigen jedoch dazu, die kleinen, beständigen Freuden zu überschatten, die in den Alltag eingewoben sind. Tatsächlich zeigen einige Studien, dass beständige kleine Freuden einen sogar größeren kumulativen Einfluss auf das allgemeine Glücksempfinden haben als gelegentliche große.
„Das Schöne an den kleinen Momenten ist, dass sie für jeden zugänglich sind“, schrieb der pädiatrische Neuropsychologe Sam Goldstein auf seiner Website. „Indem wir uns darin üben, diese Momente wahrzunehmen und zu schätzen, entwickeln wir eine Gewohnheit des Glücks, die über äußere Umstände hinausgeht.“
Sich Zeit zu nehmen, um die kleinen Freuden des Alltags bewusst wahrzunehmen, kann das Glücksgefühl und die Wertschätzung für das tägliche Leben steigern.
Foto: ifatum/iStock
Erleben Sie statt zu besitzen
Generell gilt: Geld für Erlebnisse auszugeben, macht glücklicher als Geld für Dinge auszugeben. Das könnte einerseits daran liegen, dass Erlebnisse eine tiefere psychologische Wirkung haben und wir dazu neigen, sie immer wieder neu zu erleben und zu genießen. Andererseits sind Erlebnisse meist sozialer Natur, was bedeutet, dass sie eine Vertiefung der Verbindung zu anderen fördern.
Allerdings sind nicht alle bereichernden Erlebnisse angenehm. Einige Erlebnisse, die letztendlich unser Wohlbefinden steigern, stellen uns laut Forschungsergebnissen im Moment vor Herausforderungen.
„Ein psychologisch reichhaltiges Leben ist nicht unbedingt einfach oder angenehm“, schrieb Mark Travers. „Es zeichnet sich durch Neuartigkeit, Komplexität, Wachstum und perspektivverändernde Erlebnisse aus. Erlebnisse wie Reisen, kreative Herausforderungen, schwieriges Lernen und freiwilliges Unbehagen sorgen nicht immer für maximalen unmittelbaren Komfort, aber sie schaffen ein Leben, das sich im Rückblick tiefgründig, abwechslungsreich und lebenswert anfühlt.“
Wenn wir uns daran gewöhnen, Herausforderungen anzunehmen und Erfahrungen zu sammeln, die uns wachsen lassen, kann das zu einem lebendigeren Leben führen.
Nehmen Sie Zeit wichtiger als Geld
Ashley Whillans von der Harvard Business School hat eingehend belegt, dass ein Gefühl der „Zeitarmut“ das Glück beeinträchtigen kann. Menschen, die angeben, regelmäßig unter Zeitdruck zu stehen, gehetzt zu sein, keine Kontrolle zu haben und durcheinander zu sein, schneiden bei Messungen der Zufriedenheit und der psychischen Gesundheit schlechter ab. Andererseits ergab eine Studie aus dem Jahr 2017, dass Menschen, die sich „Zeit kaufen“, statt Dinge zu kaufen, eine größere Lebenszufriedenheit berichteten. Die Forschung zeigt somit, dass ein Reichtum an Zeit für uns wichtiger ist als eine Fülle an Geld und Besitztümern.
Daher kann es einen wichtigen Beitrag zum Wohlbefinden leisten, sich anzugewöhnen, Zeit gegenüber materiellen Gütern oder Reichtum zu bevorzugen.
Der Reichtum der Natur macht auch uns reich. Wir blühen auf, wenn wir das Gedeihen der Natur erleben. Eine bedeutende Studie aus dem Jahr 2019, in der Daten von fast 20.000 Teilnehmern untersucht wurden, ergab, dass diejenigen, die jede Woche mindestens 120 Minuten in der Natur verbrachten, deutlich gesünder und glücklicher waren als diejenigen, die keine Zeit im Freien verbrachten. Dieses Ergebnis wurde durch viele ähnliche Studien bestätigt. Generell steigern Grünflächen, Sonnenschein und frische Luft das menschliche Wohlbefinden.
Natur ist eine oft unterschätzte Ressource für die mentale Gesundheit des Menschen.
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Seien Sie hilfsbereit und großzügig
Zahlreiche Belege deuten darauf hin, dass wir – entgegen unserer Intuition – tatsächlich glücklicher sind, wenn wir uns weniger auf uns selbst konzentrieren. So ergab beispielsweise eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2023, in der Dutzende von Studien aus verschiedenen Kulturen untersucht wurden, dass das Investieren von Zeit und Geld in andere Menschen das subjektive Wohlbefinden durchweg verbessert. Die Forschung zu altruistischem Verhalten – von kleinen Gesten der Freundlichkeit bis hin zu großzügigen Spenden – zeigt uns, dass wir dazu bestimmt sind, anderen mehr zu dienen als uns selbst, und dass wir dadurch unseren Lebenssinn erfüllen und größeres Glück erlangen.
Dies ist eine einfache Gewohnheit, die nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch das Leben anderer verbessern kann.
Das Verharren in schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit versklavt uns eher, als dass es uns Erleichterung bringt. Das Streben nach Mitgefühl und Vergebung hingegen bringt größere innere Freiheit und damit Glück. So zeigte beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2011, dass College-Studenten, die dazu angeleitet wurden, eine vergangene Verletzung mit Mitgefühl neu zu betrachten, eine niedrigere Herzfrequenz und größere Empathie aufwiesen.
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2026 fand einen starken Zusammenhang zwischen regelmäßigem Vergeben und einem gesteigerten psychischen Wohlbefinden.
Mit anderen Worten: Machen Sie Vergebung zur Gewohnheit. Unversöhnlichkeit zerfrisst die Seele, während Vergebung sie befreit.
Fördern Sie das Staunen
Erlebnisse des Staunens – Gänsehaut erzeugende Begegnungen mit dem Majestätischen, Geheimnisvollen und Schönen – machen uns glücklicher und gesünder und stärken unsere sozialen Bindungen. Solche Erlebnisse können durch dramatische Anblicke oder Begegnungen entstehen, aber sie lassen sich auch im kleinen Kreis des Alltags finden. Der Nachthimmel, ein wunderschönes Musikstück oder ein tiefgründiges Gedicht können Ehrfurcht wecken. Wir können es uns zur Gewohnheit machen, danach zu suchen und diese Gelegenheiten wahrzunehmen, wenn sie sich bieten.
Diese Gewohnheit mag im Widerspruch zu den vorherigen auf der Liste stehen, ist aber dennoch möglicherweise die wichtigste.
Der Psychologe und Konzentrationslagerüberlebende Viktor Frankl schrieb das berühmte Buch „Man’s Search for Meaning“, in dem er argumentiert, dass im Kern unseres Seins das Verlangen nach Sinn liegt und dass dieses Verlangen stärker und für unser Menschsein zentraler ist als unser Verlangen nach Vergnügen, Bequemlichkeit oder Reichtum. Dieses Streben nach Sinn kann selbst ein Leben voller Leid in ein erfülltes Leben verwandeln.
Im Vorwort zur Ausgabe von 1992 schrieb er: „Denn Erfolg kann, ebenso wie Glück, nicht angestrebt werden; er muss sich einstellen, und zwar nur als unbeabsichtigter Nebeneffekt des persönlichen Engagements für eine Sache, die größer ist als man selbst, oder als Nebenprodukt der Hingabe an eine andere Person als die eigene. Glück muss sich einstellen, und dasselbe gilt für den Erfolg: Man muss es geschehen lassen, indem man sich nicht darum bemüht.“
Laut Frankl sollten wir uns also gewohnheitsmäßig auf die Suche nach Sinn ausrichten, dann wird das Glück folgen. Wenn wir hingegen direkt nach Glück streben, geraten wir wahrscheinlich in Egoismus und werden dadurch unglücklich.
Glück ist wie eine Frucht, die am Baum der Sinnhaftigkeit wächst. Wird sie vom Baum getrennt, verfault sie und stirbt ab. Wenn wir jedoch den Baum finden, finden wir auch die Frucht – prall und gesund.
Das Paradoxe am Glück ist, dass wir es manchmal loslassen müssen, um es zu finden.
Hoppla, wer hat da geklickt? - Foto: CoreDesignKEY/iStock
In Kürze:
Teure Werbung, nur für Bot-Besuche zahlen?
Marketing: Internet-Kennzahlen schwieriger zu bewerten.
Kipppunkt erreicht: Mehr Bots als Menschen unterwegs.
Umdenken bei Entscheidungen und Sorge um Datensicherheit.
Analysten zufolge stammt mittlerweile mehr als die Hälfte des gesamten Internetverkehrs von Bots. Für Unternehmen könnte es daher schwieriger denn je sein, Kunden zu erreichen. Die Flut an Bots, die auf künstlicher Intelligenz basieren, zwingt insbesondere kleine Unternehmen dazu, neue Strategien zu finden, um menschliche Beziehungen aufzubauen.
„Wenn der Datenverkehr überhandnimmt, wird es unmöglich, fundierte Werbeentscheidungen zu treffen“, sagte der Unternehmer Cameron Figgins gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times. „Ich habe monatliche Auswertungen gesehen, wonach 30 bis 40 Prozent der Website-Besuche nicht von Menschen stammten.“
Echtes Geld für Fake-Besucher
Figgins ist Inhaber von Absolute Maintenance and Consulting. Das kalifornische Unternehmen hat sich auf die Beseitigung von Schimmel- und Wasserschäden spezialisiert. Figgins sagte, die Flut von KI-Bots, die die Website seines Unternehmens besuchen, koste echtes Geld.
„Stellen Sie sich vor, Sie geben monatlich 2.000 Dollar für bezahlte Anzeigen aus, wobei ein Drittel Ihrer Klicks von Bots stammt. Sie verschwenden monatlich 600 bis 700 Dollar, ohne dass etwas dabei herauskommt“, sagte er.
Der Unternehmer Ilya Ornatov sagte, er habe das gleiche Problem.
„Ich betreibe einen Reinigungsdienst, aber unsere Website ist im Grunde unser bester Verkäufer“, sagte Ornatov, Inhaber von NW Maids, gegenüber der Epoch Times.
„Für ein kleines lokales Unternehmen besteht die größte Auswirkung darin, dass es durch den Bot-Traffic wirklich schwer ist, zu erkennen, was tatsächlich funktioniert. Unsere Website ist die Quelle der meisten unserer Neukunden, daher beobachte ich die Zahlen genau, und ein Großteil dieses Traffics besteht lediglich aus Bots, die die Seite crawlen – keine echten Menschen, die eine Reinigung buchen könnten.“
Wie Figgins denkt auch Ornatov. Er sagte, dass es immer weniger Sinn mache, für Werbung zu bezahlen, wenn das Publikum größtenteils aus automatisierten Bots bestehe.
„Man bezahlt buchstäblich für gefälschte Besuche, sodass man Geld verbrennen kann, ohne auch nur einen einzigen echten Kunden vorweisen zu können“, sagte er.
Heute stammt der Großteil des Internetverkehrs von Bots. KI-gestützte Webcrawler treiben die Infrastrukturkosten in die Höhe und zwingen Unternehmen, Werbung, Kennzahlen zur Kundenbindung und die Kundenansprache zu überdenken. Gleichzeitig nutzen Unternehmen GEO (Generative Engine Optimization) und agentenbasierte KI, um ihre Sichtbarkeit in Suchmaschinen zu verbessern.
Foto: chiewr/iStock
Der Kipppunkt ist überschritten
Es gibt immer mehr Belege, die diese Behauptungen stützen, insbesondere jetzt, da viele Tech-Insider davon ausgehen, dass das Internet den Kipppunkt überschritten hat – also den Moment, in dem der menschliche Web-Traffic offiziell geringer wurde als der der Bots.
Das Cybersicherheitsunternehmen Imperva stellte in seinem „Bad Bot Report“ für 2026 fest, dass im vergangenen Jahr 53 Prozent des gesamten Web-Traffics von Bots stammten.
„Tja, das ging schneller, als ich vorhergesagt hatte“, schrieb Matthew Prince, Mitbegründer und CEO von Cloudflare, im Juni auf seinem X-Account. Er sagte, er habe ursprünglich vorausgesagt, dass der Kipppunkt Ende 2027 eintreten würde.
Und das Verhältnis von Bots zu Menschen steigt weiter an. Am 18. August stammten laut dem globalen Tracker von Cloudflare 63 Prozent aller HTTP-Anfragen von Bots. Das Imperva-Team stellte fest, dass seine Beobachtungen auf „einen strukturellen Wandel in der Funktionsweise des Internets“ hindeuten.
„Unternehmen bedienen zunehmend nicht mehr nur Kunden. Sie bedienen Maschinen“, schrieben die Analysten.
Matthew Prince (links), Mitgründer und CEO von Cloudflare, spricht am 17. April 2026 in Washington auf der Semafor World Economy 2026 neben Reed Albergotti, Technologie-Redakteur von Semafor. Prince äußerte sich besorgt über den rasanten Anstieg des Bot-Verkehrs im Internet.
Foto: Tasos Katopodis/Getty Images für Semafor World Economy
Was jenseits der Zahlen passiert
Tech-Insider sagen, dass die Dominanz von Bots Probleme verursacht, da sie das menschliche Verhalten verschleiert.
„Die größte Auswirkung besteht darin, dass Unternehmen den Überblick über das tatsächliche Kundenverhalten verlieren“, sagte Naveen Ayalla, Senior Data Engineer bei Microsoft, gegenüber der Epoch Times.
Ayalla sagte, ein E-Commerce-Unternehmen könnte einen 30-prozentigen Anstieg des Datenverkehrs durch KI-Crawler fälschlicherweise für eine erfolgreiche Marketingkampagne halten. Das verzerrt Marketingberichte und verursacht unnötige Infrastrukturkosten, was zu schlechten Investitionsentscheidungen auf der Grundlage irreführender Daten führen kann.
„Herkömmliche Analysen gehen davon aus, dass die meisten Besucher Menschen sind, was jedoch nicht mehr zuverlässig ist“, so Ayalla. „Eine neue Produktseite könnte Tausende von Aufrufen von KI-Bots erhalten, die Inhalte indexieren, ohne Kaufabsicht zu haben, was ein falsches Engagement vortäuscht.“
Um dem entgegenzuwirken, so Ayalla, müssen Unternehmen ihren Fokus von oberflächlichen Kennzahlen wie Seitenaufrufen und Klicks auf Signale aus dem unteren Teil des Trichters („Deep-Funnel-Signale“) verlagern – also auf Handlungen potenzieller Kunden, die eine echte Absicht erkennen lassen. Dazu gehören Käufe, ausgefüllte Formulare, treues Wiederkehren und mehr.
„Wenn Bots im Spiel sind, verlieren Absprungraten, Sitzungsdauern und Konversionskennzahlen ihre Aussagekraft“, sagte Figgins. „Man glaubt, dass die Landingpage nicht gut genug funktioniert, und verwirft sie – nur um dann festzustellen, dass die tatsächlichen menschlichen Besucher eine recht gute Konversionsrate aufwiesen.“
Nicht jeder automatisierte Traffic schadet Unternehmen. Tatsächlich trägt ein Teil davon dazu bei, Verbindungen zu echten Kunden aufzubauen.
Immer mehr Menschen fragen große Sprachmodelle (LLMs) wie ChatGPT nach Empfehlungen zu Produkten und Dienstleistungen. Eine Similarweb-Analyse ergab, dass echte Nutzerbesuche nach KI-Empfehlung „deutlich wahrscheinlicher“ werden. Demnach agierten ChatGPT-Nutzer 2,5-mal häufiger mit einer von der KI empfohlenen Marke als mit deren Wettbewerbern.
Symbole bekannter KI-basierter Apps auf einem Smartphone, darunter LLMs, Chatbots und generative KI.
Foto: Martin Lelievre / AFP via Getty Images
„Suchmaschinen-Crawler und KI-Assistenten können tatsächlich einen Mehrwert schaffen, indem sie dazu beitragen, dass Websites entdeckt werden“, sagte Ayalla.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, zwischen dem, was er als „wertvollen automatisierten Traffic“ bezeichnete, und gewöhnlichen, ressourcenintensiven Bots zu unterscheiden.
Ayalla sagte, dass es kein realistischer Ansatz sei, alle Bots vom Besuch einer Website auszuschließen. Denn die Technologie werde für die Kontaktaufnahme mit potenziellen Kunden immer wichtiger.
„Unternehmen benötigen einen ausgewogenen Ansatz, um ihre Sichtbarkeit in der KI-gestützten Suche aufrechtzuerhalten und gleichzeitig ihre Infrastruktur und Inhalte zu schützen“, sagte er.
Inzwischen weiß wohl jeder, dass Online-Kundenrezensionen zu einem Produkt nicht unbedingt zuverlässig sind. Ein Geschäftsinhaber sagt zudem, dass auch traditionelle Kennzahlen zur Messung der Effektivität einer Unternehmenswebsite nicht mehr verlässlich seien.
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Für Ornatov haben KI-Bots seine Herangehensweise an die Erstellung von Webinhalten revolutioniert.
„Es hat verändert, was wir schreiben und wie wir es gestalten. Früher haben wir nur für Google-Rankings geschrieben“, sagte er. „Jetzt achte ich darauf, dass unsere Seiten echte Fragen in einfacher Sprache beantworten, mit klaren FAQ-Abschnitten, denn genau das sind die Informationen, die ein KI-Assistent tatsächlich abrufen und einem Kunden wiedergeben kann.“
„Anstatt also Schlüsselwörter hineinzupferchen, versuchen wir einfach, Fragen wie ‚Wie viel kostet eine Grundreinigung?‘ oder ‚Bringen Sie Ihre eigenen Reinigungsmittel mit?‘ klar zu beantworten – denn genau das wird zitiert. Wir haben uns darauf eingestellt, dafür gesorgt, dass die Website für diese Tools leicht zu lesen und zu zitieren ist, und jetzt ist sie zu einer kleinen, aber echten Quelle für Neukunden geworden, statt eine Bedrohung darzustellen.“
Geschäftsinhaber berichten von zunehmendem Bot-Traffic auf ihren Websites. Die Werbung verschlingt immer mehr Budget und erreicht immer weniger echte Kunden.
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Schutz von Informationen
Ebenso problematisch ist jedoch das KI-gesteuerte „Scraping“ (Extrahieren) von Online-Informationen – einschließlich privater und urheberrechtlich geschützter Inhalte. Dies geschieht meist durch Bots, um LLMs wie Claude oder ChatGPT zu trainieren. Ein Großteil der gescrapten Inhalte wird für das Training von LLMs verwendet. Er bietet den Unternehmen, von denen sie gestohlen wurden, keinerlei Nutzen.
Bots, die mehrere Webseiten oder Websites durchforsten, werden als „Crawler“ bezeichnet.
„Viele Scraping-Anwendungen stehlen kontinuierlich vertrauliche juristische Unterlagen, bringen Unternehmen in die Lage, dass Geschäftsgeheimnisse missbraucht werden, und führen dazu, dass Unternehmensserver aufgrund von Abhilfemaßnahmen in Höhe von Tausenden von Dollar zusammenbrechen“, sagte Rechtsanwalt Robert Tsigler.
Tsigler sagte, seine Tätigkeit als leitender Anwalt in hochkarätigen Unternehmensrechtsstreitigkeiten habe ihm „Erfahrungen aus erster Hand darüber verschafft, wie durch automatisiertes Scraping urheberrechtliche Haftungsrisiken und Schwachstellen in der Cybersicherheit entstehen“.
Er sagte, dass automatisierter „Scraper-Traffic“ dafür verantwortlich sei, die Kosten für die Serverbandbreite seiner Mandanten um bis zu 40 Prozent zu erhöhen und gleichzeitig falsche Eindrücke in der Nutzeranalyse zu erzeugen.
„Um legitime Nutzer von automatischer [Bot-]Scraping-Software zu unterscheiden, müssen viele Unternehmen mittlerweile spezialisierte Cybersicherheitsinfrastrukturen implementieren, die für mittelständische Unternehmen Kosten von bis zu 15.000 Dollar pro Jahr verursachen können“, sagte er.
Auf die Frage, wie Unternehmen die Auswirkungen schädlicher Bots abmildern können, prognostizierte Ayalla, dass es in Zukunft keine „Entweder-oder-Entscheidung“ mehr geben werde, sondern vielmehr um mehrschichtige Zugriffskontrollen gehe.
„Wir werden wahrscheinlich eine klare Trennung erleben, bei der allgemeine Informationen für KI-Systeme zugänglich bleiben, während hochwertige, geschützte Daten einen authentifizierten Zugriff erfordern“, sagte er.
„Der Fokus wird sich letztendlich von der Blockierung der KI hin zur sicheren Zusammenarbeit mit ihr verlagern.“
Aus Furcht vor der Zahl 13 werden viele Menschen kreativ: so auch bei dieser Hausnummer. - Foto: gemeinfrei
In Kürze:
Die 13 gilt hierzulande als typische Unglückszahl, was sich in fehlenden Sitzreihen und Etagen zeigt.
Eine mögliche Ursache für die Angst könnte in der Natur der Zahl Zwölf liegen, die Ordnung und Vollendung symbolisiert.
Ein Blick in die Mathematik, Religion, Astronomie und Geschichte zeigt jedoch, dass die Dreizehn eine schöne Seite hat.
Indem wir die Zahl nicht mehr fürchten und vielmehr als Beginn von etwas Neuem sehen, können wir sie zu einer Glückszahl machen.
Die Zahl Zwölf gilt als eine der großen Zahlen der Vollendung: zwölf Monate im Jahr, zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel Christi und natürlich die zwölf Aufgaben des Herakles.
Doch was geschieht nach der Vollendung? Was ist, wenn wir dem Dutzend noch eine Zahl hinzufügen? Dann gelangen wir zur 13 – und betreten sofort unruhigeres und mehrdeutigeres Terrain.
Leben mit der unheilvollen 13
Für viele Menschen ist die 13 schlichtweg eine Unglückszahl. Hotels lassen manchmal die 13. Etage weg. In Flugzeugen fehlt möglicherweise die 13. Reihe. Und Gastgeber haben oft Angst davor, 13 Personen an einen Esstisch zu setzen.
Diesen Aberglauben nutzte die britische Schriftstellerin Agatha Christie (1890–1976) in ihrem Roman „Dreizehn bei Tisch“ aus, der verfilmt unter dem unheilvollen Titel „Mord à la Carte“ erschien.
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In einigen großen Hotels fehlt aus Gründen des Aberglaubens die 13. Etage.
Mit „Triskaidekaphobie“ hat diese Angst sogar einen eigenen Namen. Er bildet sich aus den griechischen Wörtern „treis“ (drei), „kai“ (und), „deka“ (zehn) und „phobia“ (Angst). Zwar ist der Begriff relativ modern, doch tauchte er im Englischen erstmals etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf.
Obwohl die Angst real ist, sind ihre Ursprünge weitaus weniger sicher. Eine bekannte Erklärung bezieht sich beispielsweise auf das Letzte Abendmahl. Christus speiste mit seinen zwölf Aposteln, womit 13 Personen am Tisch saßen. Einer von ihnen, Judas, verriet ihn. Auf das Mahl folgte die Kreuzigung am Karfreitag, was erklärt, warum der Freitag, der 13., seinen besonders unheilvollen Ruf erlangte.
„Das Letzte Abendmahl“ ist neben der „Mona Lisa“ das berühmteste Gemälde von da Vinci.
Erfundene Geschichten als Rechtfertigung für die Angst
Eine andere weitverbreitete Geschichte erzählt von zwölf nordischen Göttern, die in Walhalla ein Festmahl feierten. Als Loki, der ungebetene 13. Gast, eintraf, tötete er Baldr, den Gott des Lichts und der Freude.
Es ist eine hervorragende Geschichte – aber wahrscheinlich eine spätere Erfindung. Denn keine der beiden Sagen-Versionen der Edda, unsere Hauptquellen für Baldrs Tod, beschreibt ein solches Festmahl oder identifiziert Loki als den 13. Gast. Das ist an sich schon aufschlussreich.
Wir erfinden Geschichten, um unser instinktives Unbehagen zu erklären. Wir haben das Gefühl, dass mit der Zahl 13 etwas nicht stimmt, und suchen daher in der Vergangenheit nach einem Ereignis, das dieses Gefühl rechtfertigt.
Aber warum sollte uns die 13 beunruhigen? Die Antwort liegt vielleicht nicht in der 13 selbst, sondern in der außergewöhnlichen Kraft der Zahl Zwölf.
Ein schönes Zahlenspiel
Die Zwölf ist eine Zahl, die sich wunderbar teilen lässt: durch zwei, drei, vier und sechs. Sie eignet sich daher für Maße, Ordnung und Herrschaft. Zwölf Monate gliedern das Jahr, zwölf Stunden teilen Tag und Nacht, zwölf Tierkreiszeichenkartografieren den Himmel. Die Zwölf suggeriert einen geordneten, vermessenen und nachvollziehbaren Kosmos.
Die 13 durchbricht diese Ordnung. Als Primzahl lässt sie sich nur durch sich selbst und durch eins ganzzahlig teilen. Im Gegensatz zur anpassungsfähigen Zwölf widersetzt sie sich der Unterteilung.
Dennoch besitzt sie ihre eigene seltsame mathematische Schönheit: 13 × 13 = 169. Kehrt man diese Ziffern um, erhält man 31 und 31 × 31 = 961: eine Art numerisches Palindrom.
Dennoch bleibt die 13 ästhetisch wie praktisch ein unbehagliches Element. Sie ist der Rest, der Gast, für den kein Platz vorbereitet wurde. Nachdem die Zwölf den Kreis vollendet hat, tritt die 13 aus ihm heraus. Sie lässt sich nicht nahtlos in das bestehende Muster einfügen. Dies könnte erklären, warum die Zahl 13 später so häufig mit dem Tod in Verbindung gebracht wurde.
13 als Zahl des Endes
In der üblichen Tarot-Reihenfolge ist der 13. Trumpf der Tod. Die frühesten erhaltenen Tarotkarten waren jedoch nicht immer nummeriert, und ihre Reihenfolge war noch nicht vollständig festgelegt.
Eine Visconti-Sforza-Karte aus dem 15. Jahrhundert zeigt den Tod als elegante Skelettgestalt. Er ist mit einem Bogen bewaffnet und konfrontiert den Betrachter mit der Vergänglichkeit weltlicher Rangordnung und Macht. In der späteren Tarot-Tradition bedeutet der Tod nicht unbedingt bloßes Auslöschen: Ein Zustand muss enden, bevor ein anderer beginnen kann.
Die Tarotkarte von Bonifacio Bembo (1420–1480), welche sich in der US-amerikanischen Morgan Library befindet, zeigt den Tod mit Bogen.
Im Volksmund mussten Verurteilte 13 Stufen hinauf zum Galgen steigen, obwohl die tatsächliche Stufenanzahl bei Schafotten wohl keine Rolle spielte. Das Bild hat sich dennoch gehalten, weil es die Vorstellungskraft widerspiegelt, die die Zahl 13 mit dem letzten Schritt jenseits der geordneten Welt der Lebenden verbindet.
Die Zahl 13 steht also vielleicht weniger für Unglück als vielmehr für Verwandlung. Dies wird deutlicher, wenn wir den Mond betrachten.
Die Verbindung zum Mond
Ein Mondzyklus dauert etwa 29,5 Tage. Die meisten Sonnenjahre umfassen daher zwölf Vollmonde, doch etwa alle zwei oder drei Jahre erscheint ein dreizehnter, „zusätzlicher“ Mond. Dieser zweite Mond innerhalb eines Monats wird auch „Blauer Mond“ genannt.
Der 13. Mond stört die ordentliche Übereinstimmung zwischen Mond- und Sonnenkalender. Er ist ein Überbleibsel der erwarteten Ordnung, und doch ist er völlig natürlich. Die Natur lässt sich nicht in unsere bequemen Zahlensysteme einengen.
Außerdem ist der Mond stark mit menschlicher Unbeständigkeit und Fruchtbarkeit verbunden. Das englische Wort „lunacy“ (zu Deutsch: Wahnsinn) bewahrt den alten Glauben, dass der Mond den rationalen Verstand stören könne. Moderne wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch kaum Belege für einen Einfluss des Mondes auf das menschliche Verhalten gefunden.
Der Menstruationszyklus wurde unterdessen aufgrund seiner in etwa vergleichbaren Dauer oft fantasievoll mit dem Mondmonat in Verbindung gebracht. Ob der Mond einen derartigen Einfluss hat oder nicht, die alte Assoziation ist symbolisch vielsagend: Blut, Verlust, Periodizität und die Vorbereitung auf erneute Fruchtbarkeit gehören alle zu dem geheimnisvollen Rhythmus, nach dem das Leben voranschreitet – nicht in einer geraden Linie, sondern durch wiederkehrende Enden und Anfänge.
Der Beginn von etwas Neuem
Die gleiche Mehrdeutigkeit zeigt sich in der Religion. Im Judentum ist die 13 keine Zahl, die in erster Linie mit Unglück in Verbindung steht. Mit 13 wird ein Junge für die Einhaltung der Gebote verantwortlich: Er wird Bar-Mizwa, wörtlich „derjenige, der den göttlichen Geboten unterliegt“.
Im traditionellen Judentum übernimmt ein Mädchen die entsprechenden Pflichten im Alter von zwölf Jahren, wobei die unterschiedlichen Altersangaben den Glauben widerspiegeln, dass Mädchen früher die Reife erlangen als Jungen.
Für unsere Zwecke bleibt jedoch das 13. Lebensjahr des Jungen bemerkenswert: Die 13 ist kein Fluch, sondern eine Initiation, der Punkt, an dem die Kindheit der moralischen Verantwortung weicht. Das bisherige Leben endet – ein neues und anspruchsvolleres Leben beginnt.
Lesung der Thora während der Bar-Mizwa eines Jungen in den USA.
Die Symbolik der Gründung der USA liefert ein weiteres positives Beispiel. Die 13 ursprünglichen Kolonien werden auf dem Großen Siegel der Vereinigten Staaten in vielfältiger Weise gewürdigt: 13 Sterne, 13 Streifen, 13 Pfeile, 13 Blätter und 13 Olivenzweige. Hier steht die Zahl nicht für Zersplitterung, sondern für eine neue Einheit, die aus getrennten politischen Gemeinschaften hervorgeht.
Das Große Siegel der Vereinigten Staaten wurde nach der Vereinigung der 13 US-Kolonien im Jahr 1782 eingeführt.
Selbst eines der Ereignisse der Neuzeit, dessen Datum am bedrohlichsten erscheint, birgt dieselbe Umkehrung. Am 13. April 1970 kam es bei der Apollo-13-Mission zu einer Explosion des Sauerstofftanks. Es waren zwei Dreizehner, die sich offenbar gegen die NASA verschworen und sie zwangen, die geplante Mondlandung abzubrechen.
Doch dank Mut, Einfallsreichtum und disziplinierter Zusammenarbeit kehrten die drei Astronauten sicher zur Erde zurück. Die NASA hat die Mission treffend als „erfolgreichen Misserfolg“ bezeichnet. Was wie eine Katastrophe aussah, wurde zu einem Beweis für den Einfallsreichtum.
Manche sind noch einen Schritt weiter gegangen und haben die 13 bewusst als Herausforderung an den Aberglauben angenommen. Der 2,16 Meter große US-amerikanische Basketballer Wilt Chamberlain (1936–1999) trug diese Nummer während seiner gesamten Karriere. Auf die Frage, ob die 13 Unglück bringe, soll er geantwortet haben: „Ja, meinen Gegnern“.
Wilt Chamberlain (1936–1999) war einer der besten und athletischsten Basketballer der NBA und trug während seiner gesamten Karriere die Trikotnummer 13.
Werfen wir noch einmal einen Blick auf Herakles und seine zwölf Aufgaben. Durch diesen Heldenzyklus überwindet er Bestien, Tyrannen, das Chaos und sogar den Tod selbst, als er den Höllenhund aus der Unterwelt holt. Doch die Geschichte des griechischen Helden endet nicht wirklich mit der zwölften Aufgabe. Es gibt nämlich tatsächlich eine Dreizehnte: Herakles muss sterben.
Vergiftet durch das Blut des Zentauren Nessos befiehlt Herakles, auf dem Berg Oeta einen Scheiterhaufen zu errichten. Seine sterbliche Natur wird von den Flammen verzehrt – doch seine göttliche Natur steigt zum Olymp empor.
Dort versöhnt er sich mit Hera, deren Feindseligkeit seine Leiden verursacht hatte. Dafür erhält er Hebe, die Göttin der Jugend, als seine unsterbliche Braut. Das ist die tiefste Bedeutung der Zahl 13: Die zwölf Aufgaben vollendeten den Helden innerhalb der Grenzen der Welt – die dreizehnte trug ihn über die Welt hinaus.
Das Hemd, das ihm seine Frau Deianira auf Anraten des Kentauren Nessos überreichte, war mit dem Gift der Hydra eingerieben. Ohne es zu wissen, tötete sie damit Herakles.
Das gleiche Muster zeigt sich im Christentum. Beim Letzten Abendmahl ist Christus nicht einer der Zwölf, sondern derjenige, um den sich die Zwölf versammeln. Der Verräter bringt den Tod in die Gemeinschaft, doch Christus verwandelt diesen Tod in den Weg zur Auferstehung. Wieder einmal durchbricht die 13 die feststehende Ordnung und weist auf etwas noch Unsichtbares hin.
Wir haben Angst vor der 13, weil wir das fürchten, was jenseits der Vollendung liegt. Wir wollen, dass die Uhr bei der Zwölf stehen bleibt, der Kreis geschlossen ist und die bekannte Welt unendlich weiterbesteht. Doch keine menschliche Errungenschaft, keine Institution und kein Leben kann dort verharren.
Jede Vollendung wird zur Schwelle eines neuen Anfangs. Das Kind wird verantwortungsbewusst, das alte Jahr weicht dem neuen, der Held tritt ins Feuer und der Samen stirbt in der Erde. Die 13 ist gefährlich, weil Verwandlung gefährlich ist.
Sie ist eine Unglückszahl für alles, was sich weigert, sich zu verändern. Doch für diejenigen, die bereit sind, die Schwelle zu überschreiten, ist die 13 vielleicht gar nicht die Zahl der Zerstörung. Sie könnte die Zahl der Auferstehung und Neuordnung sein.
Die Bundesregierung führt eine EEG-Reform sowie neue Rahmenbedingungen für Stromspeicher ein.
Dadurch können viele private Solaranlagen kleiner als eigentlich möglich ausfallen.
Mit AgNes kommt zusätzlich eine Verteuerung auf Anlagenbesitzer zu.
Eine Solaranlage lohnt sich weiterhin für Betreiber – bei Berücksichtigung mehrerer Faktoren wie Eigenverbrauch und Anlagengröße.
Vor rund 30 Jahren dominierten einige Dutzend Großkraftwerke, befeuert hauptsächlich mit Kohle-, Gas– und Kernkraft die Stromerzeugung. Die Betreiber konnten sie überwiegend flexibel an den Verbrauch des Landes anpassen.
Die deutsche Energiewende hat unsere Energieversorgung in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verändert. Immer mehr Kleinkraftwerke wie Windkraft- und Solaranlagen ergänzen die großen Stromerzeuger. Vom solaren Balkonkraftwerk bis zum Kohleblock gibt es hierzulande inzwischen mehrere Millionen Stromerzeuger.
Drei Reformen, ein Ziel
Da heute Windkraft und die Photovoltaik einen zunehmenden Anteil des erzeugten Stromes liefern, ist die Stromerzeugung weitaus wetterabhängiger geworden. Immer wieder treten Stromspitzen gefolgt von Mangelphasen im Netz auf. Die Netzbetreiber haben damit heute weitaus mehr Herausforderungen, um die Netzstabilität sicherzustellen als damals. Immer häufiger sind außerplanmäßige Regulierungseingriffe wie Redispatchmaßnahmen nötig.
Gesamte Nettostromerzeugung in Deutschland im Jahr 2025. Die Photovoltaik hatte einen Anteil von insgesamt 17,7 Prozent und war damit die zweitwichtigste Energiequelle nach kumulierter Jahreserzeugung.
Die amtierende, schwarz-rote Bundesregierung reagiert darauf gleich mit mehreren Maßnahmen, die Stromspitzen reduzieren sollen. Gleichzeitig gilt es, Stromüberschüsse durch effektiveres Speichern für Mangelphasen bereitzustellen. Die wichtigsten drei anstehenden Reformen sind:
Die Reform zum Erneuerbare-Energien-Gesetz – kurz EEG 2027,
die Marktintegration von Speichern und Ladepunkten – kurz MiSpeL,
und die Rahmenfestlegung der Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom – kurz AgNes.
Diese drei Regelungen befinden sich momentan noch im Gesetzgebungs- oder Festlegungsprozess und können sich noch ändern.
Besonders das EEG 2027 könnte den Solarzubau deutlich mindern. Mit dieser Reform fällt für neue Solaranlagen die momentan noch gesetzlich garantierte Einspeisevergütung weg. Diese im Jahr 2000 eingeführte staatliche Subventionierung hat den Solarboom in Deutschland überhaupt erst ermöglicht. Stattdessen sollen Anlagenbetreiber ihren Solarstrom künftig selbstständig an einen Direktvermarkter, meist ein dafür spezialisiertes Unternehmen, verkaufen.
„Kleine Anlagen unter 25 Kilowatt [Nennleistung] sind schon heute oft ohne Förderung wirtschaftlich. Aus diesem Grund sollten sie grundsätzlich nicht dauerhaft auf Kosten der Steuerzahler gefördert werden“, erklärte die Bundesregierung beim Kabinettsbeschluss Ende Juli. „Solche Anlagen entlassen wir in den Markt, wobei wir eine Starthilfe für die eigenverantwortliche Vermarktung des Stroms in Form eines vierjährigen Direktvermarktungsbonus vorsehen.“
Gleichzeitig schreibt der aktuelle EEG-Entwurf eine 50-Prozent-Drosselung für neue Solaranlagen mit weniger als 100 Kilowatt (kW) Nennleistung vor. Demnach darf eine 20-kW-Dachanlage künftig nur noch maximal 10 kW an Leistung ins Netz einspeisen. Das soll Solarstromspitzen zur Mittagszeit reduzieren.
Wem die Direktvermarktung nicht zusagt, kann auch die sogenannte Nulleinspeisung als mögliche Option wählen. Hierbei darf die Anlage praktisch keinen Strom ins öffentliche Netz einspeisen. Dieser soll nur im eigenen Hausnetz den Verbrauch abdecken, inklusive Stromspeicher. Das vermeidet weitere Stromüberschüsse in den Netzen.
Beide Regelungen machen große Solaranlagen mit Stromüberschuss künftig unwirtschaftlicher. Sprich: je höher der Überschuss desto unrentabler. Bisher galt, für einen maximalen Ertrag möglichst viele Solarmodule auf das Hausdach zu montieren. Doch schon bald müssen sich neue Anlagenbetreiber überlegen, wie viel Direktvermarktung in ihrer Region realistisch ist oder wie hoch ihr Eigenverbrauch ist. Das lässt vermuten, dass künftig vielerorts nur noch ein Teil der verfügbaren Dachfläche mit Solarmodulen bestückt wird.
MiSpeL für Integration von Speichern
Eine zentrale Rolle bei der laufenden Energiewende spielen Stromspeicher, derzeit sind ihre Zahlen aber noch überschaubar. Günstigere Bedingungen für deren Verbreitung soll MiSpeL liefern. Hierbei handelt es sich um eine Festlegung der Bundesnetzagentur, mit der die Behörde Batteriespeicher sowie E-Auto-Ladepunkte flexibler und bidirektional ins öffentliche Stromnetz integrieren möchte. MiSpeL soll nach den aktuellen Planungen zum 1. Oktober 2026 in Kraft treten.
Aktuell dürfen Besitzer eines Batteriespeichers diesen nur mit Strom aus der Solaranlage laden. Das Laden mit Netzstrom ist untersagt, andernfalls droht dem Betreiber, die EEG-Förderung zu verlieren.
Nach der neuen MiSpeL-Regelung darf der Betreiber den Speicher künftig auch mit Netzstrom laden, ohne finanzielle Vorteile aufs Spiel zu setzen. Damit kann der Betreiber risikofreier die Preisunterschiede an den Strombörsen nutzen, also günstig laden und für einen deutlich höheren Preis entladen. Das soll einen netzdienlicheren Betrieb ermöglichen. In diesem Rahmen sind drei Modelle vorgesehen. Welches sich lohnt, hängt von individuellen Anlagedaten ab und lässt sich nicht pauschalisieren.
Eine gewisse Verteuerung für Solaranlagenbetreiber stellt hingegen AgNes dar. Nach dieser Netzentgelte-Reform sollen künftig auch Haushalte mit eigener Photovoltaikanlage diese Abgabe bezahlen. Bis voraussichtlich April 2029 sind sie noch von dieser befreit.
Demnach erhöht sich laut der Bundesnetzagentur die Belastung für sogenannte Prosumer, also Haushalte mit eigener Solaranlage und Eigenverbrauch, um bis zu 100 Euro pro Jahr zusätzlich. Regionale Unterschiede sind möglich.
Konkret sollen künftig neue Erzeugungsanlagen über 30 kW ab 2029 ein Kapazitäts- oder Einspeiseentgelt von voraussichtlich 4 bis 7 Euro pro Kilowatt und Jahr zahlen. Steckersolaranlagen sind im jetzigen Entwurf ausdrücklich davon ausgenommen.
Ein Balkonkraftwerk am 1. September 2024 an einem Balkon in Erfurt. Diese Anlagen bestehen meist aus nur 1 bis 4 Solarmodulen und werden über eine normale Haushaltssteckdose angeschlossen.
Foto: Sean Gallup/Getty Images
Trotz der Reformen gilt für die sogenannten Balkonkraftwerke weiterhin die Einspeisegrenze von maximal 800 Watt. Das bedeutet, selbst wenn die Solarmodule 2 kW Nennleistung besitzen – was hier die Modulleistungsgrenze ist –, sind die Wechselrichter auf 800 Watt begrenzt. Somit bringt eine höhere installierte Modulleistung, zumindest in der Spitze, nicht mehr Leistung ins Haus – und bei Stromüberschuss ins Netz.
Wo gibt es Überlappungen und gemeinsame Wirkungen?
In bestimmten Aspekten überlappen sich die drei Reformen. Bei der Leistung einer Solaranlage setzt das EEG 2027 eine klare Begrenzung von dauerhaft 50 Prozent. AgNes reguliert die Leistungsabgabe bei Anlagen über 30 kW indirekt über den genannten Kapazitätspreis.
Bezüglich Einspeisemengen und -zeiten ist erneut die 50-Prozent-Kappung des EEG 2027 zu nennen sowie die Nulleinspeisungsoption. Eine Begrenzung der förderfähigen Einspeisemenge bewirkt auch MiSpeL. Die Marktintegrationsfestlegung sieht eine gesetzliche Pauschalgrenze von 500 Kilowattstunden pro kW vor.
Bezüglich der Einspeisevergütung: diese fällt mit dem EEG 2027 für künftige Solaranlagen weg. Allerdings kann MiSpeL noch einen Teil der Förderung bei flexibler Speichernutzung erhalten. AgNes wirkt hierbei indirekt über höhere Netzkosten.
Alle drei Reformen legen Wert auf eine verstärkte Nutzung von Stromspeichern, die ihrerseits mit Anschaffungs- und laufenden Kosten verbunden sind. Das EEG 2027 sorgt dafür, dass sie angesichts der Abregelung fast unverzichtbar werden. MiSpeL macht Speicher wirtschaftlich flexibler, während AgNes neue größere Speicher leicht belastet, jedoch kleine Heimspeicher weitgehend unberührt lässt.
Lohnt sich eine Solaranlage noch?
Wer eine Solaranlage errichten möchte, sollte das möglichst bis Ende dieses Jahres abgeschlossen haben, sofern in den kommenden Monaten noch Solarmonteure mit freien Kapazitäten verfügbar sind. Dann erhalten die Betreiber weiterhin die feste Einspeisevergütung über 20 Jahre, ohne 50-Prozent-Dauerdrosselung. Ab 2027 gewinnt der Eigenverbrauch verstärkt an Bedeutung.
Erlaubt werden auch weiterhin Balkonkraftwerke und Dachsolaranlagen sein, letztere Neuanlagen ab 2027 zu genannten Rahmenbedingungen.
Um den Strom künftig optimal zu nutzen, ist der Stromverbrauch des Anlagenbesitzers relevant. Haushalte mit wenig Verbrauch kommen kaum auf ihre Kosten. Wer über die Mittagszeit wenig Verbrauch hat, weil er unterwegs oder auf der Arbeit ist, sollte über einen Stromspeicher zur Solaranlage nachdenken. So kann der Haushalt den Solarstrom auch in den Abendstunden im Haus verbrauchen.
„Ohne Batteriespeicher werden private Photovoltaikanlagen durch das EEG 2027 unwirtschaftlich, da die Amortisationsdauer auf über 30 Jahre steigt“, hat aquu, das Forschungsinstitut für Batteriespeicher, ermittelt. Für heutige und frühere Anlagen mit oder ohne Stromspeicher liegt die Amortisationszeit zwischen 8 und 16 Jahren.
Darauf sollten Sie achten
Im Folgenden eine Zusammenfassung der Faktoren, die Sie bei Anschaffung einer Solaranlage ab 2027 berücksichtigen sollten.
Eigenverbrauch maximieren: Das kann beispielsweise in Kombination mit der Installation einer Wärmepumpe, oder der Anschaffung eines E-Autos gelingen. Wer auch dann mehr Strom verbraucht, wenn die Sonne dunkel und der Speicher leer ist, erhöht seine Stromrechnung.
Stromspeicher ausreichend dimensionieren: Generell gilt eine Speicherkapazität von 1 bis 1,5 kWh pro 1.000 kWh Jahresverbrauch als sinnvoll. Für Verbraucher, die sich nachts häufig ihr E-Auto aufladen, empfiehlt sich auch eine größere Speicherkapazität.
Größe der Solaranlage anpassen: Lieber kleiner und gut ausgelastet als maximal groß mit hoher Abregelung.
Timing: Eine Inbetriebnahme 2026 garantiert Erlöse aus der Einspeisevergütung.
Technik: Ab 2027 ist das Energiemanagement deutlich relevanter. Wichtige Komponenten sind Smart Meter und moderne Wechselrichter.
Angebote vergleichen: Egal ob 2026 oder 2027 empfiehlt es sich, nicht das erstbeste und unter Umständen teures Angebot zu wählen. Wer vergleicht, kann viel Geld sparen. Zudem gibt es oftmals Förderungen und regionale Programme.
Anmeldungen: Eine Solaranlage muss generell im Marktstammdatenregister eingetragen und – im Falle einer Dachanlage – der Netzbetreiber informiert werden. Auch wer in Miete oder einer Wohneigentumsgemeinschaft lebt, sollte sich die entsprechende Zustimmung einholen, um mögliche Konflikte zu vermeiden.
Die Übersicht dient nicht als Ersatz für eine fachkundige Beratung. Regelungen können sich im laufenden Gesetzgebungsverfahren noch ändern.
Mont-Saint-Michel, bei Ebbe von der Bucht umgeben. Die Abteianlage, die ab dem 11. Jahrhundert auf einer Granitinsel erbaut wurde, benötigte mehrere Jahrhunderte, um ihre heutige Form anzunehmen. - Foto: JEFFREYRHOADS/iStock
In Kürze:
Der Überlieferung zufolge begann alles im Jahr 708. Mehrfach erschien der Erzengel Michael dem Bischof von Avranches.
Der Bau des Klosterkomplexes von Mont-Saint-Michel zog sich über mehrere Generationen von Baumeistern hinweg.
Sie hatten mit großen Herausforderungen zu kämpfen, was die außergewöhnliche Lage und die einwirkenden Kräfte der Natur betraf.
Doch schließlich erschufen die Menschen ein Denkmal, dass die Jahrhunderte überdauern sollte – und nicht immer nur als Kloster diente.
Der Mont-Saint-Michel vor der Küste der Normandie in Frankreich ist eine architektonische Meisterleistung des Mittelalters. Dahinter verbirgt sich ein menschliches Abenteuer aus Glauben, Einfallsreichtum und Geduld, das sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt.
Warum eine Abtei auf einem abgelegenen Felsen inmitten einer weitläufigen Bucht errichten, wo es an Platz mangelt, wo die Gezeiten die Fortbewegung erschweren und wo jeder Stein unter enormem Aufwand herangeschafft werden muss?
Über mehrere Jahrhunderte hinweg stellten sich Generationen von Baumeistern, Steinmetzen, Zimmerleuten und Handwerkern dieser Herausforderung. Nach und nach verwandelten sie eine einfache Granitinsel in einen der größten Klosterkomplexe des mittelalterlichen Abendlandes.
Doch eine Frage steht über allen anderen: Warum wurde gerade dieser Felsen gewählt?
Mont-Saint-Michel bei Flut. Zweimal täglich weicht das Meer und kehrt dann wieder zurück, um den Felsen zu umspülen. Ein Rhythmus, dem sich die Baumeister des Mittelalters ständig anpassen mussten.
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Die Geschichte des Mont-Saint-Michel beginnt nicht mit den Bauherren. Sie hat ihren Ursprung in einer Überzeugung. Der Überlieferung zufolge begann alles im Jahr 708.
Der Text Revelatio ecclesiae sancti Michaelis archangeli in Monte Tumba, der zu Beginn oder im Laufe des 9. Jahrhunderts verfasst wurde, berichtet, dass der Erzengel Michael dreimal dem Bischof Aubert von Avranches erschien, um ihn zu bitten, auf dem Mont Tombe eine Wallfahrtsstätte zu errichten.
In den Augen der Menschen des Mittelalters war dieser Felsen kein gewöhnlicher Ort. Dem Heiligen Michael geweiht, entwickelte er sich allmählich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort. Männer und Frauen legten manchmal Hunderte Kilometer zurück, um hier zu beten, überzeugt davon, dass dieser Ort einen besonderen Platz zwischen Himmel und Erde einnahm.
Im Jahr 966 ließ Richard I., Herzog der Normandie, dort eine Gemeinschaft von Benediktinermönchen ansiedeln. Ihre Anwesenheit verlieh der Wallfahrtsstätte neuen Aufschwung. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Abtei nicht nur zu einem Ort des Gebets, sondern auch zu einem intellektuellen Zentrum, in dem Handschriften kopiert, Pilger aufgenommen wurden und eine bedeutende religiöse Gemeinschaft unterhalten wurde.
Diese Bestimmung erklärt, warum der Mont-Saint-Michel immer weiter wuchs.
Doch es galt noch herauszufinden, wie man auf einem Gipfel bauen sollte, auf dem fast kein Platz vorhanden schien.
Im französischen Wattenmeer in der Normandie liegt einen Kilometer vom Festland entfernt eine Insel, die nach dem Erzengel Michael benannt ist. Auf ihr ruht die Abtei Mont-Saint-Michel.
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Wie baut man auf einem so schmalen Gipfel?
Als im 11. Jahrhundert die ersten großen Bauarbeiten begannen, zeigte sich sofort das größte Hindernis: Es gab fast keinen Platz.
Der Gipfel des Berges ist schmal, unregelmäßig und stark geneigt. Man kann dort nicht einfach eine große Kirche errichten, wie man es in einem Tal oder auf einer weitläufigen Esplanade tun würde. Noch bevor die Mauern hochgezogen werden, muss man sich mit der Form des Felsens arrangieren.
Die Baumeister versuchen nicht, den Felsen abzutragen. Sie beschließen, mit ihm zu arbeiten. Das Querschiff der Abteikirche stützt sich auf den höchsten Punkt, während Krypten und Gebäude an den Hängen angelegt werden, um Flächen zu schaffen, die die Bauwerke tragen können. So schmiegt sich die Architektur an die Konturen des Granits an, anstatt gegen sie anzukämpfen.
Diese Anordnung erfordert bemerkenswerte Fachkenntnis. Jeder neue Bau hängt von denjenigen ab, die ihn stützen. Die Räume fügen sich ineinander, überlagern sich und sind trotz der Höhenunterschiede miteinander verbunden. Der Felsen wird so zum unsichtbaren Gerüst des Ganzen.
Was zunächst jeden Bau unmöglich erscheinen ließ, wird nach und nach zum Schlüssel für dessen Gleichgewicht.
Wie sollten die Baumaterialien herangeschafft werden?
Ein Teil des für den Bau der Abtei verwendeten Granits stammt vom Chausey-Archipel vor der normannischen Küste. Bei klarem Wetter sind diese Inseln vom Mont-Saint-Michel aus zu sehen.
Mittelalterliche Texte berichten nur wenig über den Transportalltag. Sie beschreiben weder jede einzelne Überfahrt noch die Männer, die die Blöcke entluden, noch die Mittel, mit denen diese zur Baustelle gehoben wurden. Dennoch lassen sie das Wesentliche erahnen: Es galt, beträchtliche Mengen an Baumaterialien zu diesem abgelegenen Felsen zu befördern und sie dann auf Bauwerke zu heben, die immer höher wurden.
Die Baumeister des Mittelalters kannten Winden, Flaschenzüge, Gerüste und verschiedene Hebevorrichtungen. Die erhaltenen Dokumente lassen nicht immer erkennen, welche davon zu welcher Zeit am Mont-Saint-Michel zum Einsatz kamen, doch am handwerklichen Können besteht kein Zweifel.
Hinter jeder Mauer der Abtei verbirgt sich eine Vielzahl von Arbeitsschritten: den Stein abbauen, ihn behauen, transportieren und präzise einpassen. Die Namen derer, die diese Arbeit verrichteten, sind fast alle in Vergessenheit geraten. Doch die Abtei überdauert noch immer die Jahrhunderte.
Welche Rolle spielten die Gezeiten?
Die Bucht des Mont-Saint-Michel ist berühmt für ihre starken Gezeiten. Zweimal am Tag verändert sich das Gesicht der Landschaft. Mal zieht sich das Wasser weit zurück, mal kehrt es zurück und umgibt den Felsen.
Für die Menschen des Mittelalters gehörte diese Realität zum Alltag. Fortbewegung, Versorgung und die Verbindungen zum Festland hingen zwangsläufig von dieser sich ständig verändernden Umgebung ab.
Es gibt keine Berichte, die es ermöglichen, den Bau stundenweise nachzuvollziehen. Eines ist jedoch sicher: Die Natur zwang den Erbauern der Abtei ihren Rhythmus auf.
Wie baut man, wenn kein Platz mehr da ist?
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts stellte sich eine neue Herausforderung.
Die Klostergemeinschaft war gewachsen. Es kamen zahlreiche Pilger. Es mussten neue Räume geschaffen werden, ohne die Felskante erweitern zu können.
Die Antwort darauf war ein außergewöhnliches Bauwerk: das „Merveille“ – das Gebäude trägt das französische Wort für „Wunder“.
Nach dem Brand von 1204 beschlossen, wurde es zwischen 1211 und 1228 an der Nordflanke des Mont errichtet und vereint zwei Gebäudekomplexe, die sich über drei Ebenen erstrecken. Dort befinden sich insbesondere die Almosenkammer, der Gästesaal, der sogenannte Rittersaal, das Refektorium und der Kreuzgang. Jeder dieser Räume erfüllt eine bestimmte Funktion im Klosterleben.
Auch hier versuchen die Baumeister nicht, die Einschränkungen des Geländes zu überwinden. Sie verwandeln sie in ein Gestaltungsprinzip. Da sie nicht in die Breite bauen können, bauen sie in die Höhe. Die Räume reihen sich mit bemerkenswerter Kohärenz übereinander an, wobei jede Ebene auf der darunterliegenden aufbaut.
Wenn man heute dieses Wunderwerk entdeckt, ist man beeindruckt vom Gefühl der Leichtigkeit, das es vermittelt. Der Kreuzgang scheint fast über der Bucht zu schweben. Doch diese Eleganz beruht auf einem Ensemble mächtiger Mauerwerke, die über mehrere Jahrzehnte hinweg geduldig übereinander errichtet wurden.
Diese Verbindung zwischen der Solidität der Fundamente und der filigranen Formensprache macht das „Wunder“ zu einem der Meisterwerke der mittelalterlichen Gotik.
Mont-Saint-Michel in der Dämmerung, Frankreich, Normandie.
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Ein Bauprojekt, das Generationen überspannt
Wenn man heute den Mont-Saint-Michel betrachtet, kann man sich leicht vorstellen, dass er aus einem einzigen Impuls heraus entworfen wurde, als hätte ein Architekt das Gesamtwerk gezeichnet, bevor er die Ausführung seinen Handwerkern anvertraute.
Die Geschichte erzählt jedoch etwas ganz anderes.
Die Abtei ist das Ergebnis aufeinanderfolgender Bauphasen, die sich vom 11. bis zum 16. Jahrhundert erstreckten. Die romanischen Gebäude wurden durch gotische Bauten ergänzt, einige Teile wurden im Laufe der Jahrhunderte wieder aufgebaut, andere umgestaltet. Nach dem Einsturz des romanischen Chors im Jahr 1421 wurde ab 1446 mit dem Bau eines neuen Chors im Stil der Spätgotik begonnen.
Die Baumeister finden bereits errichtete Mauern, alte Fundamente und Räume vor, die es zu erhalten oder anzupassen gilt. Ihre Arbeit bestand ebenso darin, zu verstehen, was ihre Vorgänger erbaut hatten, als auch darin, sich die Gebäude von morgen vorzustellen.
Diese Kontinuität verleiht dem Mont-Saint-Michel seinen einzigartigen Charakter. Die Abtei ist nicht das Werk eines einzelnen Menschen, sondern das einer langen Kette von Baumeistern, von denen die meisten anonym geblieben sind.
Kreuzgang der Abtei Mont-Saint-Michel.
Foto: JoseIgnacioSoto/ iStock
Viele von ihnen wussten, dass sie das fertige Bauwerk niemals sehen würden. Sie bearbeiteten einen Stein, errichteten eine Mauer oder befestigten ein Gewölbe für Menschen, die sie niemals kennenlernen würden. Ihr Ziel war nicht die Fertigstellung des Bauwerks, sondern die Weitergabe eines Werks, das solide genug war, damit andere es fortsetzen konnten.
Bauen bedeutete auch, denen zu vertrauen, die nach einem kommen würden.
Der Mont-Saint-Michel muss sich nicht nur den Schwierigkeiten seines Baus stellen: Er durchlebt auch die Prüfungen der Geschichte.
Während des Hundertjährigen Krieges, zwischen 1423 und 1434, belagerten ihn englische Truppen, ohne ihn einnehmen zu können. Die Befestigungsanlagen, die Entschlossenheit ihrer Verteidiger und die besondere Lage des Ortes trugen zu diesem Widerstand bei, der den Mont-Saint-Michel zu einem Symbol für das Königreich Frankreich machte.
Nach dem Mittelalter erlebte die Abtei jedoch ein anderes Schicksal.
Während der Französischen Revolution wurde die Klostergemeinschaft aufgelöst. Die Gebäude wurden in ein Gefängnis umgewandelt, eine Nutzung, die mehrere Jahrzehnte andauerte. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Bauwerk restauriert und fand zu seiner Bestimmung als Kulturerbe zurück.
Am Mont-Saint-Michel hat jede Epoche ihre Spuren hinterlassen. Mönche, Soldaten, Gefangene, Restauratoren und die Millionen von Besuchern heute – sie alle haben auf ihre Weise zur Geschichte dieses Ortes beigetragen.
Trotz dieser Veränderungen bewahrt die Abtei eine tiefe Einheit. Die Jahrhunderte haben sie verändert, ohne dass sie jemals ihre Identität verloren hätte.
Blick auf den Klostergarten der Abtei Mont-Saint-Michel durch den Kreuzgang.
Foto: Elenathewise/iStock
Ein Werk, das aus einer Vision entstanden ist
Der Mont-Saint-Michel beeindruckt durch die Kühnheit seiner Architektur. Seine Gewölbe, das „Merveille“ und sein Mauerwerk scheinen ganz natürlich aus dem Felsen zu entspringen.
Seit fast tausend Jahren umspülen die Gezeiten den Felsen noch immer wie zu Zeiten der ersten Mönche. Generationen folgen aufeinander, doch die Abtei bleibt bestehen – ein sichtbares Zeugnis dessen, was Frauen und Männer gemeinsam geglaubt, erträumt und erbaut haben.
Der Mont-Saint-Michel ist kein architektonisches Wunder, weil er den Gesetzen des Bauwesens trotzt. Er ist es, weil er zeigt, was Generationen von Menschen vollbringen können, wenn ein gemeinsames Ideal ihnen die Geduld gibt, ein Werk zu errichten, weiterzugeben und fortzuführen, das größer ist als sie selbst.
Die Steine erzählen, wie die Abtei erbaut wurde. Der Glaube erklärt, warum sie erbaut wurde.
Kraniche sind bei der Suche nach Futter. (Archivbild) - Foto: Stefan Sauer/dpa
Mauersegler, Schwarzmilane, Nachtigallen – viele Vogelarten sind schon gen Süden gezogen oder gerade unterwegs: Doch der große Vogelzug steht noch bevor: Derzeit sammeln sich erste Kraniche an ihren großen Rastplätzen im Nordosten von Deutschland, wie der Kranichexperte Günter Nowald der Deutschen Presse-Agentur sagte.
In Deutschland gebe es mehr als 13.000 Brutpaare, bis Oktober würden hierzulande für den Herbstzug mindestens 200.000 bis 300.000 Kraniche gleichzeitig rasten – die meisten davon aus Skandinavien, Polen und dem Baltikum. Insgesamt werde Deutschland von über 400.000 Kranichen überflogen.
„Wir sind einer der wichtigsten Kranich-Sammel- und Rastplätze in Europa“, sagte der Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Kranichschutz Deutschland in Bezug auf die Boddenlandschaften am Darß, bei Stralsund und auf Rügen. Auch an anderen Rastplätzen wie etwa im Rhin-Havelluch nördlich von Berlin werden im Herbst abends schon mal 60.000 bis 70.000 Tiere gezählt.
„Viele Kraniche sind keine Langstreckenzieher mehr“
Das Rastmaximum wird meist in der ersten Oktoberhälfte erreicht. Der Hauptzug gen Süden beginnt demnach Ende der zweiten Oktoberhälfte. Die genaue Zeit hängt stark von den Windbedingungen ab – also von Rückenwind für den Flug Richtung Südwesten.
Die meisten Kraniche ziehen demnach auf die iberische Halbinsel, viele jedoch nur bis nach Frankreich – und immer mehr Tiere überwintern inzwischen sogar in Deutschland.
Vor 25 Jahren sei bei beringten Kranichen noch eine mittlere Zugdistanz von 1.700 Kilometern ermittelt worden, sagte Nowald – inzwischen seien es nur noch 500 Kilometer. „Viele Kraniche sind keine Langstreckenzieher mehr“, betonte er.
Kraniche auf der Halbinsel Fischland-Darß (Archivbild)
Foto: Jens Büttner/dpa/dpa-tmn
Kranichbestände als „Erfolgsgeschichte für den Naturschutz“
Grund dafür sind die milderen Winter – und die fehlende Schneedecke. Damit können viele Tiere sich auf Feldern noch an Ernterückständen laben – und müssen die Reise nur noch bei plötzlichen Wettereinbrüchen antreten. Aufgrund der hierzulande stark gestiegenen Kranichbestände sprach Nowald von einer Erfolgsgeschichte für den Naturschutz.
Von März bis Mai sind die Tiere auf Nässe angewiesen, sie bauen ihre Nester auf Erhöhungen im Wasser wie etwa Wurzelwerk. Bleiben die Niederschläge aus sind die noch flugunfähigen Jungvögel sind dann etwaigen Fressfeinden wie etwa Füchsen hilflos ausgeliefert.
„Während der Fortpflanzungszeit müssen die Flächen unter Wasser stehen“, sagte Nowald. Da Kraniche sehr alt würden – teils mehr als 30 Jahre -, würden die Folgen von fehlendem Bruterfolg erst nach etlichen Jahren sichtbar.
Kraniche fliegen zum Sonnenaufgang über dem Naturpark Niederlausitzer Landrücken. (Archivbild)
Foto: Patrick Pleul/dpa
Während des diesjährigen Kranichzugs dürften bald Hunderttausende der imposanten Vögel mit lauten Rufen über Deutschland hinwegziehen – mit einer Flughöhe von 100 bis 400 Metern, sagte der Nabu-Ornithologe Bernd Petri. Beim Herbstzug, so der Experte, könne man dann zwischen den lauten Rufen der erwachsenen Tiere auch das Piepsen der Jungvögel ausmachen.
„Der Zug kann inzwischen in allen Bundesländern beobachtet werden“, sagte Petri, zumal die Vögel vielerorts an geeigneten Arealen Rasten einlegen. Allerdings mahnte Petri Beobachter dazu, bei aller Euphorie über die Vögel Distanz zu halten.
„Man sollte ihnen nicht näher als 250 bis 300 Meter kommen“, betonte der Vogelkundler. „Kraniche reagieren sehr empfindlich und werden schnell nervös.“
Auch viele Weißstörche vor dem Abflug
Auch viele Weißstörche bereiten sich inzwischen auf den Flug nach Süden vor – oder sind schon weg. Weißstörche in Ostdeutschland bevorzugten noch die längere Ostroute über den Bosporus nach Afrika. Hier habe der Zug schon begonnen.
Jene Weißstörche, die Richtung Gibraltar zögen, ließen sich dagegen noch Zeit. „Die Störche, die man jetzt noch in Deutschland sieht, sind überwiegend Westzieher“, sagte Petri. Sie fliegen demnach meist nur noch bis Frankreich und Spanien – manche bleiben sogar in Deutschland. „Das hätte man sich früher nicht vorstellen können.“
Zusätzlich interessant: Manche Vögel aus dem Mittelmeerraum sind inzwischen auch in Deutschland anzutreffen – teils sogar ganzjährig. Als Beispiele nannte Petri die recht unscheinbaren Seidensänger und Zistensänger, die inzwischen sogar in Teilen Deutschlands brüten. (dpa/red)
Im Kloster Vivarium kopierten christliche Mönche erstmals antike und biblische Schriften – eine Tätigkeit, die zum Standard in europäischen Klöstern werden sollte. (Symbolbild) - Foto: gemeinfrei
In Kürze:
Der Staatsmann Cassiodor lebte in der Zeit, als das große Römische Reich und damit die antike Hochkultur am Zerfallen war.
Im betagten Alter hat sich der begabte Mann von der Politik abgewandt, um ein christliches Kloster zu gründen.
Sein Ziel war es zusammen mit seinen Glaubensbrüdern antike Werke aufzuspüren, zu kopieren oder zu übersetzen und so für die Nachwelt zu erhalten.
Für Cassiodor war ein fundiertes Denken durch sorgfältiges Studium eines der Mittel gegen kulturellen Verfall und Krieg.
Im 6. Jahrhundert, als das Römische Reich endgültig niederging, strebten rivalisierende Könige nach der absoluten Herrschaft über Italien. Ihre Intrigen brachten Verwüstung über das Land, das Dichter, Redner und Förderer hervorgebracht hatte. Der Krieg zerstörte Denkmäler, Lehreinrichtungen und Bibliotheken, gefährdete die Schriftkultur und bedrohte das Fortbestehen des kulturellen Erbe Roms.
Doch die Hoffnung blieb. Inmitten der Ruinen seiner von Konflikten heimgesuchten Heimat zog sich ein frommer Politiker aufs Land zurück und gründete ein Kloster. Das religiöse Zentrum sollte Bücher bewahren und Weisheit schützen. Doch warum wandte sich der Mann namens Cassiodor (um 490–580) in Zeiten des Krieges den Ideen zu?
Ein Reich in Trümmern
Historiker führen den Zusammenbruch des Römischen Reiches oft auf die Einfälle der „Goten“ zurück, einen Sammelbegriff für germanische Stämme aus Nord- und Osteuropa. Die Goten wanderten teilweise wegen des Hunnenkönigs Attila (um 406–453) nach Westen aus – einem wilden, blutrünstigen Eroberer, dessen Feldzüge ihm den Ruf als „Geißel Gottes“ einbrachten.
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Alarich I. (um 370–410) war der erste westgotische König der Geschichte. Hier von dem Maler Allan Stewart (1865–1951) zu Pferd beim Einzug in Athen dargestellt.
Attilas Angriffe zwangen die Westgoten, Ostgoten und andere Völker dazu, unter anderem in die römisch besetzten Gebiete im heutigen Deutschland und Österreich einzufallen. Auch wenn sie nicht immer erfolgreich waren, schädigten ihre regelmäßigen Überfälle die Infrastruktur Roms und beschleunigten dessen Niedergang.
Der Zusammenbruch des Römischen Reiches, das sich bereits im Jahr 395 in ein östliches und ein westliches Reich teilte, vollzog sich schrittweise. Wissenschaftler legen jedoch meist das Jahr 476 als Zerfallsdatum fest.
Odoaker (um 433–493), ein gotischer Feldherr und ehemaliger römischer Soldat, setzte mit dem jungen Romulus Augustulus (460–530) den letzten weströmischen Kaiser ab. Anschließend gründete er ein neues Königreich und annektierte den Großteil der römischen Gebiete in und um Italien. Romulus war der mythische Gründer Roms, und Augustus war Roms erster Kaiser. Dass der letzte Herrscher des vereinten Großreiches beide Namen trug, birgt eine gewisse Ironie.
Ein Teil von Roms Glanz lebte im Oströmischen Reich weiter. Seit dem frühen 4. Jahrhundert wurde es von Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, aus regiert. Kaiser Konstantin der Große (272–337) machte die antike Metropole per Dekret zur neuen Hauptstadt. Zudem erklärte der römische Kaiser das Christentum zur offiziellen Staatsreligion des Reiches, was zur Spaltung des Reiches in Ost und West maßgeblich beitrug.
Während die Goten die westlichen Gebiete Roms einnahmen, blieb Konstantinopel der formelle Sitz des Oströmischen Reiches. Sein Fortbestehen sicherte einen Großteil des kulturellen Erbes, das durch die gotischen Einfälle bedroht war.
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Dieser überlebensgroße Kopf einer Statue soll Konstantin den Großen (272–337), auch Konstantin I. genannt, darstellen.
Odoakers Königreich hielt jedoch nicht lange. Der oströmische Kaiser Zenon (um 425–491) beauftragte einen ostgotischen Stamm unter der Führung von Théoderich dem Großen (um 451–526) in Italien einzufallen. Théoderich eroberte Odoakers Ländereien, zwang ihn in Ravenna zur Kapitulation und ermordete ihn bei einem Bankett, das als Versöhnungszeremonie ausgegeben wurde.
Danach beanspruchte Théoderich den Thron für sich und wurde Herrscher des Ostgotenreichs. Obwohl er zunächst unter dem Befehl des oströmischen Kaisers stand, galt seine Loyalität seinem eigenen Volk, weshalb er häufig in oströmische Gebiete einfiel.
Als Théoderich 526 starb, folgte ihm sein Enkel auf den Thron. Wie Romulus Augustulus war auch Athalarich (516–534) noch sehr jung. Er führte ein ausschweifendes Leben und starb im Alter von nur 18 Jahren.
Athalarichs Tod stürzte das Ostgotenreich ins Chaos. Der oströmische Kaiser Justinian I. (482–565) nutzte diese Instabilität aus und startete einen großangelegten Feldzug, um die italienischen Gebiete zurückzuerobern und Roms früheren Glanz wiederherzustellen. Als einer von vielen „Gotenkriegen“ dauerte der Konflikt fast zwei Jahrzehnte.
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Das Mosaik im italienischen Ravenna zeigt den römischen Kaiser Justinian.
Unzählige Kriege gingen Justinians Feldzug voraus. Doch fast keiner von ihnen weckte das gleiche Verlangen nach Bewahrung der Kultur. Während die kämpfenden Heere im gesamten Mittelmeerraum Orte des Lebens und des Lernens zerstörten, traten einige wenige Verfechter der Bildung in Erscheinung. Der bemerkenswerteste unter ihnen war Cassiodor, ein Politiker, der sein späteres Leben der Förderung der Literatur widmete.
Cassiodor: Ein kluger Staatsmann mit scharfsinnigem Geist
Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator (um 490–580) wurde in der Nähe von Catanzaro in Süditalien als Spross einer langen Reihe angesehener Politiker und Feldherren geboren. Er begann eine politische Laufbahn neben seinem Vater, der der wichtigste Berater von Théoderich dem Großen war. Als fähiger Diplomat und kluger Stratege stieg Cassiodor schnell auf.
Seine erfolgreiche Karriere lässt auf eine gründliche juristische Ausbildung schließen. Cassiodor studierte zudem griechische und lateinische Literatur, wahrscheinlich mit Unterstützung privater Lehrer. Diese umfassende Bildung machte ihn zu einem überzeugenden Redner. Oft soll er damit beauftragt worden sein, offizielle Briefe für die gotischen Herrscher zu verfassen.
Künstlerische Darstellung von Cassiodor aus dem Jahr 1177.
Gegen Ende seiner politischen Laufbahn veröffentlichte Cassiodor eine Auswahl seiner Korrespondenz unter dem lateinischen Titel „Variae“ (zu Deutsch: „Sammelwerk“). Die Briefe zeugen von einem neugierigen, scharfsinnigen Geist.
Zwischen formellen Sätzen an Herrscher und Gesandte schweifte Cassiodor oft zu Themen wie Musik, Mathematik und Philosophie ab. In einer Nachricht an einen Verwaltungsbeamten in Süditalien sprach er liebevoll von seiner Heimatstadt, wo „das Leben ohne Kummer vergeht, da niemand die widrigen Jahreszeiten fürchtet“.
Langsame Abkehr von der Politik
Kurz nach Justinians Gotenkrieg brach Cassiodor nach Konstantinopel auf, wo er sieben Jahre lang Theologie studierte und seinen christlichen Glauben vertiefte. Die Zeit fernab der Politik ermöglichte es ihm, zahlreiche historische Darstellungen, philosophische Abhandlungen und theologische Kommentare zu verfassen.
Später studierten und übersetzten römische Persönlichkeiten wie der begabte Redner Cicero (106–43 v. Chr.) die Lehren der beiden griechischen Philosophen. Zudem war Griechisch die Sprache des Neuen Testaments und der frühen Bibelkommentare, die für Christen wie Cassiodor von großer Bedeutung waren.
Cassiodor, dargestellt in der Schedel’schen Weltchronik von 1493.
Mit dem Schwinden der Verbindungen zum griechisch- und lateinischsprachigen Oströmischen Reich schwand auch die Kenntnis der antiken Sprache und ihrer Texte. Wie sein Kollege Boethius (um 480–526) sah Cassiodor diese zunehmende Entfernung von Griechenland als große Gefahr an.
Sein langer Aufenthalt in Konstantinopel verschaffte ihm eine einzigartige Position, um eine Brücke zwischen der lateinischen und der griechischen Welt zu schlagen. Er unterrichtete privat Griechisch und übersetzte griechische Texte ins Lateinische. In seinen späteren Lebensjahren wandte er sich von der Politik ab und kehrte nach Italien zurück, wo er seine bedeutendsten Spuren hinterließ.
Cassiodor gründet das Vivarium
Die Familie von Cassiodor besaß ein großes Anwesen in der Nähe seines Geburtsortes in Catanzaro. Dort, an den Ufern des Ionischen Meeres, das das östliche und westliche Mittelmeer miteinander verband, gründete er ein Kloster.
Wie Cassiodor im Gründungstext des Vivariums zugab, war sein ursprünglicher Plan, eine christliche Schule in Rom zu errichten. Er sicherte sich Geld und Unterstützung von Papst Agapetus I. (489–536), doch das Projekt scheiterte „aufgrund der andauernden Kriege und tobenden Schlachten in Italien“. Da dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging, wählte der ehemalige Politiker seine Heimatstadt als Alternative.
Das Vivarium umfasste einen gemeinschaftlichen Wohnbereich für Mönche sowie abgeschiedene Gebäude für Einsiedler, die in Einsamkeit leben wollten. Der Komplex verfügte über eine große Bibliothek und einen Lesesaal für Besucher. Gemäß dem christlichen Prinzip der Nächstenliebe bot er zudem den Bedürftigen Unterkunft und den Kranken medizinische Versorgung.
Mögliche Darstellung des heute nicht mehr erhaltenen Klosters Vivarium.
Das Kloster hatte keine zentrale Autorität. Obwohl ältere Mönche den jüngeren Mitgliedern Griechisch und andere Fächer beibrachten, hatte jeder viel Zeit für das Selbststudium. Cassiodor schrieb an seine Glaubensbrüder:
„Von göttlicher Liebe bewegt, habe ich mit Gottes Hilfe diese Einführungsbücher für euch verfasst, die an die Stelle eines Lehrers treten sollen. Ich glaube, dass sich durch sie, so Gott will, der Aufbau der Heiligen Schrift und ein kompakter Überblick über die weltliche Literatur erschließen lassen.“
Selbststudium und das Lesen großer Werke aus aller Welt gehörte zum Alltag von Mönchen und hohen Geistlichen.
Das Spektrum des Vivariums umfasste Werke früherer Schriftsteller, „die wir zu Recht preisen und den späteren Generationen in aller Herrlichkeit verkünden“, so Cassiodor. Die Werke sollten von großem Nutzen für jeden sein, „der die Quelle sowohl des weltlichen Wissens als auch des Heils der Seele ergründen möchte“.
Obwohl es sich formal um eine christliche Einrichtung handelte, bestand der Hauptzweck des Vivariums darin, Handschriften zu bewahren. Die Mönche hatten die Aufgabe, griechische und lateinische Werke aufzuspüren, zu kopieren, zu übersetzen und mit Anmerkungen zu versehen, in der Hoffnung, sie für die Nachwelt zu erhalten.
Die meisten Bücher in ihrer Bibliothek behandelten christliche Themen, seien es Abschriften der Heiligen Schrift oder Bibelkommentare. Doch die umfangreichen Sammlungen des Vivariums umfassten praktisch jeden Autor und jedes Genre, das zu jener Zeit verfügbar war.
Entgegen der Kritik anderer Christen ermutigte Cassiodor seine Kollegen offen dazu, nichtchristliche Autoren wie Cicero und Aristoteles zu studieren und zu bewahren, deren Lehren in Rhetorik und Ethik er als unverzichtbar erachtete, um ein vielseitig gebildeter Mensch zu werden.
Das Vivarium und seine Werke stießen bei Gelehrten schnell auf Interesse, nicht zuletzt wegen ihrer würdevollen Gestaltung. Bewegt von Platons Vorstellung, dass schöne Dinge auch gut sind, betonte Cassiodor die Notwendigkeit, elegante, kunstvoll verzierte Handschriften anzufertigen. Er ging sogar so weit zu behaupten, dass die Anfertigung einer schönen Handschrift heiliger Texte für einen Christen ein „heiliges Werk“ sei.
Abschriften, die von Mönchen in Klöstern angefertigt wurden, waren oft kunstvoll verziert.
Nur wenige Klöster im 5. Jahrhundert hatten sich solch anspruchsvollen intellektuellen Aufgaben gewidmet. Ihr Interesse an Handschriften war sporadisch, und ihre Bemühungen waren unkoordiniert. Cassiodor etablierte mit dem sorgfältigen Anfertigen von Abschriften und Übersetzungen einen Standard für künftige Klostertätigkeiten.
Entgegen seinen Hoffnungen brachte das lange Mittelalter mehr Krieg und Instabilität mit sich. Oftmals unberührt von politischen Wechselfällen wurden Klöster wie das Vivarium zu Bastionen der Kultur und Zentren des Lernens.
Ein Mönch bei seiner täglichen Arbeit im Scriptorium eines Klosters.
Dass die Werke von Platon und Aristoteles, Abschriften der Bibel und andere grundlegende Texte Jahrhunderte voller Konflikte und Vernachlässigung im Westen überstanden haben, ist fast ausschließlich den Mönchen zu verdanken, die sich in ganz Europa als Schreiber betätigten.
Cassiodors weltprägendes Engagement für das Wissen entsprang der Überzeugung, dass eine blühende Zivilisation von guten Ideen lebt. In seinen Augen fußte eine funktionierende Gesellschaft auf fundiertem Denken. Ein sorgfältiges Studium sei demnach eines der Mittel gegen Krieg und kulturellen Verfall. Letztlich war das Ziel also nicht der eigennützige Zeitvertreib, sondern die Bewahrung von Wissen, die Entdeckung von Weisheiten und die Gestaltung einer besseren Zukunft.
Der deutsch-französische Rover „Idefix“ soll 2029 auf dem Marsmond Phobos landen. - Foto: -/DLR/dpa
In wenigen Wochen steht der Start einer Raumsonde samt Rover zum Mars an. „MMX“ (Martian Moons eXploration) werde nach Planung der japanischen Raumfahrtbehörde Jaxa voraussichtlich am 19. Oktober starten, teilte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit.
Das mögliche Startfenster zum Mars erstreckt sich demnach bis zum 7. November. Im Zuge der Mission soll der deutsch-französische Rover „Idefix“ 2029 auf dem Marsmond Phobos landen. 2031 sollen dann mit einem Rückkehrmodul erstmals Proben von Phobos und damit aus dem Marssystem zur Erde gebracht werden.
„Idefix“ solle die Marsmond-Oberfläche 100 Tage lang erkunden, teilte das DLR mit. „Unser Rover „Idefix“ und das „MMX“-Raumschiff unserer japanischen Partner starten als eine Einheit ihre Reise ins Marssystem“, sagten DLR-Projektleiter Markus Grebenstein und Projektleiter Julien Baroukh von der französischen Raumfahrtbehörde CNES in einer gemeinsamen Mitteilung.
Erst bei Phobos trennten sich ihre Wege. „Dort wird „Idefix“ Geschichte schreiben – als erster Rover, der jemals Spuren auf einem Marsmond hinterlässt.“
Besonders an „Idefix“ ist dem DLR zufolge seine kompakte Bauart. Der Rover sei nur so groß wie ein Getränkekasten und wiege etwa 25 Kilogramm, habe im Wesentlichen aber dennoch alle Elemente eines vollwertigen Wissenschafts-Rovers.
„Aufgrund seines geringen Gewichts und der geringen Schwerkraft wird „Idefix“ direkt auf Phobos landen können, ohne die Hilfe eines Landevehikels.“
Die „MMX“-Sonde soll nach rund einjähriger Flugzeit 2027 den Mars erreichen und in seine Umlaufbahn einschwenken.
Voraussichtlich um den Jahreswechsel 2028/2029 wird die Muttersonde dann den Rover aus einer Höhe von etwa 40 Metern über der Oberfläche in den freien Fall Richtung Phobos schicken, hieß es. Einmal gelandet, richte er sich selbstständig auf und sei dann einsatzbereit.
Die Marsmonde Phobos und Deimos sind neben dem Erdmond die beiden einzigen Monde im inneren Sonnensystem. Sie sind viel kleiner als der Erdmond und nicht kugelförmig, sondern unregelmäßig geformt.
Der größte Durchmesser von Phobos beträgt knapp 27 Kilometer, der von Deimos 15 Kilometer. Auf Phobos herrschen dem DLR zufolge extreme Temperaturen von minus 150 bis 30 Grad.
Die Mission zu Phobos soll die Frage klären helfen, ob die beiden Monde eingefangene Asteroiden sind oder aber nach einem Meteoriteneinschlag auf dem Mars entstanden. (dpa/red)
Insekten haben nahezu jeden Lebensraum auf der Erde besiedelt, aber nicht die (Tiefen der) Meere. (Symbolbild) - Foto: DimanDiver/iStock
In Kürze:
Die gängige Lehrmeinung besagt, dass Insekten keine tiefen Gewässer besiedeln können, weil ihr luftgefülltes Atmungssystem sonst implodieren würde.
In Afrika haben Forscher eine Larvenart entdeckt, die täglich Tauchgänge absolvieren, um zu überleben.
Ein Drucktest im Labor zeigte zudem, dass die Tiere fast die doppelte gewohnte Tiefe aushalten können.
Insekten haben nahezu jeden Lebensraum auf der Erde besiedelt, einschließlich der Pole, großer Höhen und Süßgewässer. In der Tiefsee fehlen sie jedoch auffallend. Eine gängige Erklärung dafür ist, dass das luftgefüllte Atmungssystem der Insekten unter dem Druck der Tiefe zusammenbrechen würde.
Biologen der University of British Columbia, Kanada, haben nun jedoch Larven gefunden, die diese Vorstellung widerlegen. Mit ihren robusten Luftsäcken erreichen die Tiere bislang ungeahnte Tiefen und eröffnen die Frage, ob im Ozean wirklich keine Insekten leben, erneut.
Täglicher Tauchgang, um dem Tod zu entgehen
Im Malawisee in Ostafrika legen Milliarden von Larven der Büschelmücke (Chaoborus edulis) einen ungewöhnlichen Weg zurück. Tagsüber sinken sie mehr als 200 Meter tief in die sauerstoffarme „tote Zone“ des Sees, um sich vor Fressfeinden zu verstecken. Nachts steigen sie auf, um sich in Sicherheit zu ernähren – doch nicht ohne eine Horde lauernder Fische zu passieren.
Eine Forschergruppe um Professor Dr. Philip Matthews wollte diese abenteuerliche Reise genauer untersuchen. Dafür setzten sie ein Sonarsystem am Grund des Sees ein, um die täglichen Tauchgänge zu kartieren.
Der Malawisee in Ostafrika ist die Heimat von tauchenden Insekten.
Foto: CapturedOnce/iStock
Bei der Untersuchung der Larven stellte das Team fest, dass diese einen Teil ihres Atmungssystems in zwei Paare winziger Luftsäcke umgewandelt hatten. Außerdem stellten sie fest, dass die Wand dieser Art Ballasttanks ein Material namens Resilin enthält. Dieses dehnt sich aus oder zieht sich zusammen, wenn die Larven den pH-Wert verändern. Dieser Mechanismus ermöglicht es den Larven, das Volumen ihrer Luftsäcke aktiv zu beeinflussen und ihren Auftrieb zu steuern.
Insekten liefern unter Druck
Doch bis in welche Tiefen kann diese Art von Insekten abtauchen? Um diese Frage zu klären, setzten die Forscher die Larven verschiedenen Drücken aus – ohne ihnen zu schaden. Die Tiere zeigten sich als bemerkenswert widerstandsfähig und hielten dem Druck in einer Tiefe von umgerechnet mehr als 400 Metern stand. Das ist weit mehr als die Larven bei ihren täglichen Tauchgängen erreichen.
Was sagt das nun über andere Insektenarten aus? Und könnten den Meeresbiologen in Zukunft vielleicht unerwartet Seeinsekten ins Netz gehen? Tatsächlich besitzen auch andere Insekten nachweislich das für Tauchgänge relevante Resilin. Dort dient dieses als nahezu perfekter biologischer Kautschuk in verschleißfesten Flügelgelenken und Sehnen.
Die Studie erschien am 23. Juli 2026 im Fachmagazin „Science“.
Für ihre Forschung sind die Wissenschaftler um Prof. Aaron Bufe von der Ludwig-Maximilians-Universität München ins tibetische Hochland gefahren. (Symbolbild) - Foto: Dmitrii Pichugin/iStock
In Kürze:
Tauender Permafrost setzt Kohlenstoffdioxid frei, das sich in der Atmosphäre anreichert.
Eine neue Studie zeigt, dass die getaute Region durch Gesteinsverwitterung auch als Kohlenstoffsenke fungieren kann.
Für das tibetische Hochland errechneten Forscher eine Reduzierung der CO₂-Emissionen von bis über 100 Prozent, wenn Silikat-Minerale vorhanden waren.
Hohe Temperaturen und warmes Klima führen dazu, dass Permafrostböden auftauen. Dies setzt bekanntlich große Mengen organischen Kohlenstoffs frei, der in Flüssen zu Kohlendioxid (CO₂) umgewandelt und an die Atmosphäre abgegeben wird. Nun hat ein Geologe der Ludwig-Maximilians-Universität München zusammen mit Kollegen einen Einflussfaktor entdeckt, der diesem Effekt teilweise entgegenwirkt.
Schlüsselpunkt sei die Freisetzung von Mineralen in und unter den tauenden Permafrostböden, was Gesteine verwittern lässt, die den Kohlenstoffkreislauf ihrerseits beeinflussen. Zwar war dieses Zusammenspiel von biologischen und geologischen Prozessen bereits bekannt, doch deren Tragweite bislang unterschätzt.
Permafrost unter der Lupe
Erforscht haben die Wissenschaftler aus Deutschland, China, Großbritannien, USA, Schweden und der Schweiz diesen Effekt, indem sie die CO₂-Bilanz von Fließgewässern gemessen haben. Als Untersuchungsgebiet wählten sie die größte zusammenhängende Permafrost-Landschaft außerhalb der Arktis und Antarktis: das Qinghai-Tibet-Plateau.
Das Forschungsteam kombinierte Messungen von CO₂-Emissionen mit chemischen Analysen in 50 Flüssen im Quellgebiet der größten Flusssysteme Asiens. Insgesamt umfasste das Untersuchungsgebiet eine Fläche von rund 780.000 Quadratkilometern – mehr als die doppelte Fläche Deutschlands – und erstreckt sich über Höhenlagen von 1.650 bis 4.820 Meter über dem Meeresspiegel.
Ein Teil des Untersuchungsgebiets war dabei von durchgängigem Permafrostboden geprägt, während in anderen Teilen der Permafrost nur noch sporadisch vorhanden oder ganz verschwunden ist.
Die Forscher werteten die räumliche Verteilung der gesammelten Daten statistisch aus, um Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie sich das Auftauen des Permafrostbodens über Hunderte Jahre hinweg auf die Biogeochemie der Flüsse im tibetischen Hochland auswirkt.
Der Einfluss von chemischer Verwitterung ist signifikant
Die überraschende Erkenntnis: Kohlenstoffflüsse aus chemischer Verwitterung könnten mit fortschreitendem Auftauen des Permafrostbodens zunehmend an Bedeutung gewinnen und möglicherweise sogar die CO₂-Emissionen aus der Umwandlung von organischem Kohlenstoff in Flüssen übersteigen.
„Über die gesamte untersuchte Region werden 35 Prozent der CO₂-Emissionen aus Flüssen durch verwitterungsbedingte Bindung von Kohlenstoff kompensiert“, erklärt Studienleiter Dr. Liwei Zhang von der East China Normal University. „Interessant ist hierbei, dass dieses Verhältnis stark von der Beschaffenheit des Permafrosts abhängt.“
Demnach gleicht die Verwitterung in Gebieten mit durchgängigem Permafrost lediglich 15 Prozent der CO₂-Emissionen aus. Dort, wo Permafrost nur noch sporadisch vorkommt, kann dieser Wert auf mehr als 100 Prozent ansteigen. Das deutet darauf hin, dass mit zunehmendem Auftauen des Permafrosts die Gesteinsverwitterung eine immer wichtigere Rolle spielt.
„Der Einfluss der Gesteinsverwitterung auf den Kohlenstoffkreislauf hängt allerdings auch von der Natur der Minerale ab, die freigesetzt werden“, erklärt Aaron Bufe, Professor für Sedimentologie aus München.
So kann die Verwitterung von Silikaten, die über weite Teile des tibetischen Hochlandes passiert, der Freisetzung von Kohlenstoff aus Permafrostböden entgegenwirken. Die Verwitterung von Schwefelmineralen wie Pyrit hingegen verstärkt die CO₂-Emissionen.
Die geochemischen Muster im Qinghai-Tibet-Plateau werfen laut den Forschern ein neues Licht auf die Rolle des tauenden Permafrosts für das Gleichgewicht zwischen Kohlenstoffquellen und -senken.
Liwei Zhang fasst zusammen: „Die Ergebnisse unseres multidisziplinären Ansatzes zeigen, dass die Gesteinsverwitterung durch den Rückgang des Permafrosts zunehmen und beträchtliche Anteile von CO₂ binden könnte, wodurch anorganische und organische Kohlenstoffkreisläufe auf für den Menschen relevanten Zeitskalen miteinander verknüpft werden.“
Die Forscher plädieren dafür, in zukünftigen Klimaanalysen über den bisherigen Fokus auf biotisch-organische Kohlenstoffprozesse hinauszugehen und das Gleichgewicht aller Mechanismen ganzheitlich zu betrachten, um die Nettoauswirkung des Permafrost-Tauens auf den globalen Kohlenstoffkreislauf besser zu verstehen.
Die Studie erschien am 17. Juni 2026 in der Fachzeitschrift „Nature“.
Invasive Arten wie die Kanadische Goldrute stellen ein Problem für die heimische Flora und Fauna dar. - Foto: Orest Lyzhechka/iStock
In Kürze:
Flieder, Forsythie und Goldrute zwar allgegenwärtig aber nur wenige Arten sind in Deutschland heimisch.
Sogenannte gebietsfremde oder invasive Arten stören Flora und Fauna, in dem sie Arten verdrängen. Das betrifft Pflanzen und Tiere.
Jeder Gärtner – egal ob Haus-, Klein- oder Balkongarten – kann die heimische Artenvielfalt unterstützen.
Eine Auswahl gebietsfremder Pflanzen und ihre heimischen Alternativen finden Sie im Artikel.
Kanadische Goldrute, Götterbaum, Drüsiges Springkraut, Japanischer Staudenknöterich sind Beispiele für Pflanzen, die vor langer Zeit aus anderen Erdteilen absichtlich oder aus Versehen nach Europa eingeschleppt worden sind. Man bezeichnet sie als Neophyten.
Inzwischen sind über 400 solcher Arten in Deutschland bekannt. Manche von ihnen haben sich gut in unser Artenspektrum eingefügt und bereichern Gärten und Parks. Doch viele andere finden hier so günstige Bedingungen, unter anderem durch höhere Temperaturen, dass sie sehr starkes Wachstum zeigen und damit andere Pflanzen verdrängen.
Viele sind sehr schwer zu entfernen, weil sie ein extrem festes Wurzelgeflecht, das sogenannte Rhizom, haben. Die meisten sind außerdem für unsere Insekten-, Vogel- und Säugetierwelt nutzlos, da sie keine Nahrung bieten und kein Tier in ihnen wohnen kann.
Die Verbreitung erfolgt über Wurzeln, Samen und durch die Menschen. Haben wir sie einmal in unseren Gärten und dezimieren sie durch Schnitt, werfen die Pflanzenteile in den Wald – was verboten ist –, wurzeln sie dort an. Auch beim Versuch, die Pflanzenreste zu kompostieren, entstehen neue Pflanzen.
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Invasive Arten und Neophyten kurz erklärt.
Foto: Epoch Times, nach Olga_Korneeva/iStock
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Elf von zwölf Forsythien-Arten sind invasiv und stammen ursprünglich aus Ostasien.
Foto: EvaMe/iStock
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Der Flieder gehört für viele schon lange in die europäischen Landschaften, dabei stammen auch der Großteil dieser Arten aus Asien.
Foto: Arina_Bogachyova/iStock
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Auch der namensverwandte Sommerflieder zählt hierzulande als invasive Art.
Foto: Tunatura/iStock
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Der Kirschlorbeer wird hier als immergrüne Pflanze geschätzt, kommt aber ursprünglich aus Südosteuropa und Kleinasien.
Foto: beekeepx/iStock
Wer wissen möchte, was in seinem Garten wächst, kann heute verschiedene Apps zur Bestimmung von Pflanzen nutzen, die KI ist jedoch oft nicht korrekt. Empfehlenswert sind Flora Incognita und NaturaDB. Beide sind kostenfrei. Erstere stammt von der Technischen Universität Ilmenau, letztere vom Natura-Projekt der Maseto GmbH aus Dessau.
Die Auswirkungen auf heimische Arten
Das Bundesamt für Umwelt- und Naturschutz hat aktuell 46 Pflanzenarten, die in Europa als stark invasiv eingestuft wurden, veröffentlicht. Leider ist es den Gartenmärkten nicht verboten, sie zu verkaufen – ähnlich wie zuckerhaltige Getränke. Jeder weiß, dass sie schaden, trotzdem werden sie angeboten. Aber auch die übrigen, noch nicht als invasiv eingestuften 360 gebietsfremden Pflanzen, sind schädlich für unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt. Zwei Beispiele zur Erklärung:
Insekten, die auf eine bestimmte Blütenform spezialisiert sind, finden statt der Blüten, an die ihre Mundwerkzeuge angepasst sind, nur Blüten, bei denen sie nicht an Nektar und Pollen herankommen und verhungern. So kann es sich auch mit manchem Raupenfutter verhalten. Findet die Raupe nicht die eine Pflanzenart, auf die sie spezialisiert ist, kann sie sich nicht zum Schmetterling entwickeln.
Diejenigen Insekten, die in der Lage sind, alle Blüten und alle Pflanzen zu nutzen (sogenannte Generalisten), sind damit klar im Vorteil und vermehren sich ungleich mehr. Spezialisten verschwinden und mit ihnen die Vielfalt. Vielfalt wiederum ist für uns Menschen wichtig, weil sie unsere Welt stabil macht gegen Störungen wie Unwetter, Seuchen, Ernteausfälle durch Kahlfraß bei Massenvermehrung einer Art und ähnlichem.
Invasive Pflanzen und ihre heimischen Alternativen
Forsythie: kein Nektar, keine Pollen; Alternative: Kornelkirsche
Flieder: kein Nektar, keine Pollen; Alternativen: Wolliger Schneeball, Schwarzer Holunder
Sommerflieder: invasive Ausbreitung, keine Nahrung für Raupen; Alternative: Flockenblume
Kirschlorbeer: auch für Tiere giftige Blätter, kein Raupenfutter, Alternativen: Roter Hartriegel, Hainbuche, Haselnuss, Eingriffliger Weißdorn
Japanischer Spindelstrauch: für Mensch und Tier in allen Teilen stark giftig, kein Raupenfutter, Alternative: Pfaffenhütchen
Kanadische Goldrute: kaum Nahrung für Insekten, breitet sich sehr effektiv über Samen und Wurzelausläufer aus, sodass dichte artenarme Bestände entstehen. Jede einzelne Pflanze hat ca. 19.000 Samen. Alternativen: heimische gewöhnliche Goldrute mit überaus hohem Wert für Wildbienen und Schmetterlinge, Johanniskraut, Gilbweiderich, Rainfarn
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Die Gewöhnliche Goldrute oder Echte Goldrute (Solidago virgaurea).
Die Gewöhnliche Goldrute besitzt einen glatten Stiel mit leichten Rillen sowie große Blüten und kurze Blütenstände, wodurch die Pflanze kerzengerade steht.
Die genannten Beispielpflanzen haben wir schon Jahrzehnte in unseren Gärten, warum sollen sie plötzlich schädlich sein? Weil die Zahl der heimischen Pflanzen in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist und mit ihnen Tiere, Pilze und Mikroorganismen, die von und mit ihnen leben. Alle sind voneinander abhängig. Das Gleichgewicht ist jetzt stark gestört, sodass unzählige Lebewesen ohne unser Eingreifen keine Chance mehr haben, zu überleben.
Wir haben in Deutschland rund 900.000 Klein-Gärten. Dazu kommen noch Privat- und Hausgärten, Terrassen und Balkone sowie öffentliche Grünflächen und Parkanlagen. Diese ergeben zusammen eine riesige Fläche und sind ein großes Potential für die Verbesserung unserer Artenvielfalt.
Jeder Gartenbesitzer kann selbst entscheiden, wie verantwortungsvoll er mit seinem Grünland umgeht. Vielleicht gibt es in der kommenden Pflanzzeit den ersten Schritt mit einem Bäumchen, das hier zu Hause ist oder einer Staude einer Art, die es auf unseren Wiesen schon lange nicht mehr gibt. In dem Sinne, wie es Albert Schweitzer sagte: „Das Wenige, was du tun kannst, ist viel!“
Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird an individualisierter Krebsmedizin geforscht. Merck/MSD und Moderna scheint nun ein Durchbruch mit einem Impfstoff gegen Hautkrebs gelungen zu sein. (Symbolbild) - Foto: undefined undefined/iStock
In Kürze:
Die US-Pharmaunternehmen Moderna und Merck (hierzulande MSD) verkündeten in der vergangenen Woche einen Durchbruch mit einem Impfstoff gegen schwarzen Hautkrebs.
Zahlreiche Medien griffen die Pressemitteilung auf und ziehen in ihren Berichten Parallelen zu Corona-Impfstoffen oder legen sie nah. Der Vergleich hinkt:
Es handelt sich zwar um eine mRNA-basierte, aber individuelle und adjuvante Krebstherapie, die Patienten zusätzlich nach der operativen Tumorentfernung erhalten.
Zudem handelt es sich um Zwischenergebnisse einer nicht abgeschlossenen Studie mit methodischen Schwachpunkten.
Die Daten sind nicht öffentlich. Bisherige Informationen lassen Fragen offen. Epoch Times versucht, diese zu beantworten.
„Bedeutender Meilenstein“, „medizinischer Durchbruch“ und „Hoffnung für Krebspatienten“. So überschrieben zahlreiche Meiden in der vergangenen Woche eine Mitteilung der US-amerikanischen Pharmaunternehmen Moderna und Merck Sharp & Dohme (MSD). Die beiden Unternehmen selbst sprachen erheblich unspektakulärer von der Erreichung der „Endpunkte ‚rezidivfreies Überleben‘ (RFS) und ‚Überleben ohne Fernmetastasen‘ (DMFS) bei Patienten mit vollständig reseziertem Melanom im Stadium IIB–IV“.
Ein gemeinsamer Nenner lässt sich dennoch finden. Unter der Überschrift „Moderna und Merck melden positive Testergebnisse für mRNA-Impfstoff gegen schwarzen Hautkrebs“ berichtete auch Epoch Times. Warum diese ersten Meldungen, einschließlich unserer, unvollständig und vielfach irreführend sind, lesen Sie im Folgenden. Außerdem versuchen wir, herauszufinden, was die verfügbaren Daten wirklich sagen, welche Fragen noch offen sind, und warum einige offen bleiben werden.
Der „medizinische Meilenstein“ im Überblick
Am 19. August verkündeten die Unternehmen einen möglichen Durchbruch bei fortgeschrittenen schwarzen Hautkrebs. In einer Studie mit über 1.100 Patienten verringerte ein mRNA-Impfstoff Rückfälle und Metastasen. „Dies ist die erste Bekanntgabe von positiven Phase-3-Ergebnissen für eine mRNA-basierte Krebstherapie“, hieß es in der gemeinsamen Mitteilung. Diese Art individueller Medizin wird seit mindestens zwei Jahrzehnten erforscht.
Ganz kurz und einfach zusammengefasst: Anhand individueller Mutationen im Tumor des jeweiligen Patienten werden Sequenzen, in diesem Fall, für bis zu 34 Neoantigene ausgewählt. Anhand dieser entsteht eine individualisierte mRNA-Formulierung, die der Patient erhält. Die körpereigenen Zellen sollen diese mRNA dann ablesen und entsprechenden Tumor-Antigene produzieren. Dadurch sollen Immunzellen, hauptsächlich sogenannte T-Zellen, speziell gegen Zellen mit diesen Tumormerkmalen aktiviert werden. So soll das Immunsystem eine erneute Ausbreitung des Krebses rechtzeitig erkennen.
„Intismeran Autogene“ in Kombination mit Pembrolizumab – ein Immuntherapeutikum und die derzeitige Standardtherapie bei schwarzem Hautkrebs – verhindere das Wiederauftreten von Melanomen und die Ausbreitung des Krebses auf andere Organe, erklärten die US-Unternehmen anhand vorläufiger Ergebnisse. Studienleiterin Georgina Long konkretisierte: Die Kombination „hat das Potenzial, ein neues Behandlungsparadigma in der adjuvanten Melanomtherapie zu etablieren und dazu beizutragen, dass Patienten länger krebsfrei bleiben.“
Die Professorin der Universität Sydney und medizinische Direktorin des Melanoma Institute Australia sprach in diesem Zusammenhang außerdem von einem „Meilenstein in der adjuvanten Behandlung“ von schwarzem Hautkrebs.
Endgültige Daten aus der Studie sind bislang nicht einmal in Fachkreisen bekannt. Die Vorstellung soll nach Angabe der Unternehmen auf einer bevorstehenden internationalen Konferenz erfolgen. Zugleich sollen sie als Grundlage für die Zulassung dienen. Einen konkreten Zeitplan nennt die ursprüngliche Mitteilung nicht. In weiterführenden Berichten ist davon die Rede, das eine Zulassung aufgrund einer Einstufung als „therapeutischen Durchbruch“ bis 2027 möglich wäre, sowohl in den USA als auch in Europa.
Was Moderna und MSD wirklich veröffentlichten
Eine Impfung gegen Krebs klingt nach einem Heilmittel gegen eine der Volkskrankheiten unserer modernen Zeit – und wäre es auch. Davon ist allerdings allenfalls in der Presse die Rede. Tatsächlich beschränkt sich die Anwendung auf eine kleine Gruppe. Weder alle Menschen, noch alle Krebspatienten und noch nicht einmal alle Menschen oder Patienten mit Hautkrebs kommen für die Behandlung mit Intismeran Autogene infrage.
Die Pressemitteilung bezieht sich ausdrücklich auf Menschen mit schwarzem Hautkrebs im Stadium IIb, III oder IV, also jene mit fortgeschrittenen Melanomen. Zudem müssen diese bereits operativ entfernt worden sein. Erst dann, und zusätzlich zu bereits etablierten Folgetherapien, könne künftig eine Behandlung mit dem neuartigen Mittel erfolgen. Im Rahmen der Phase-III-Studie werden 1.137 Personen berücksichtigt. Zwei Drittel der Patienten erhielten nach der OP die neue Therapie in Kombination mit Pembrolizumab, die anderen ausschließlich letzteres.
Zahlreiche Berichte sprechen zudem von einer Studiendauer von einem Jahr und suggerieren einen erfolgreichen Abschluss der Untersuchungen. Moderna spricht hingegen von einer „vorab festgelegten Zwischenanalyse“.
Die Studie ist nicht beendet und läuft bis zum Jahr 2030. Alle angegebenen Werte beziehen sich somit auf einen relativ kurzen Zeitraum und wurden zu einem Zeitpunkt ermittelt, der erheblich unter den „ungefähr bis zu 74 Monaten“ oder mehr Beobachtungszeit liegt. Gleichzeitig sagen Rückfälle und Ausbreitung nichts über das Befinden und das mittel- oder langfristige Überleben der Patienten aus.
Individuelle Behandlung nach erfolgter OP
Auch die von Studienleiterin Long angesprochene „krebsfreie Zeit“ muss dahingehend verstanden werden, dass Patienten rezidiv-frei – also ohne Rückfall – bleiben, nicht, dass sie keinen Krebs hatten. Dies ist sogar eine Voraussetzung der Behandlung, denn Intismeran kodiert bestimmte Marker der patientenspezifischen Tumore in mRNA, mit dem Ziel, dass der Körper gezielte Antikörper produziert.
Dieses Prinzip ähnelt den bei Covid-19 angewendeten Wirkstoffen, die das Spike-Protein in mRNA kodierten. Unterscheidet sich jedoch dahingehend grundsätzlich, dass die verwendeten Marker individuell auf den Tumor des jeweiligen Patienten statt auf allgemeine Merkmale eines Virus angepasst sind. Jeder Patient bekommt also einen eigenen, speziell abgestimmten Wirkstoff.
Schematische Erstellung der individualisierten Hautkrebsimpfung.
Foto: ts/Epoch Times nach ttsz/iSTock
Dies erlaubt prinzipiell die Übertragung der Behandlungsmethodik auf andere Krebsarten, wie sie von Moderna und MSD ins Gespräch gebracht wurde. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse ist jedoch ungewiss. Zum jetzigen Zeitpunkt sind Machbarkeit und Wirksamkeit derartiger Ansätze aufgrund mangelnder Studie unbekannt. Eine vorsorgliche Immunisierung für einen Großteil der Bevölkerung ist nicht Gegenstand der aktuellen Forschung.
Damit geht es weder aktuell noch in naher Zukunft um eine klassische „Vorsorge“-Impfung, die gesunden Menschen gegeben wird. Stattdessen handelt es sich um eine speziell an den Tumor angepasste mRNA-Immuntherapie nach einer Hautkrebsdiagnose und erfolgter OP. Wir sprechen also von Menschen mit einer schweren Erkrankung und, vor allem wenn sie jung sind, mit einem relativ hohen Risiko eines Rückfalls, mit dem Ziel, dass sie nach OP und gegebenenfalls Chemo, länger krebsfrei bleiben oder im besten Fall der Krebs gar nicht wiederkommt.
Kein Impfstoff, sondern eine Therapie
Daraus ergibt sich ein weiterer Widerspruch, der in nahezu allen Medienberichten bewusst oder unbewusst Einzug erhalten hat. Ein Impfstoff schützt der Definition nach vor eine Krankheit. So schreibt das für Arzneimittelsicherheit zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI): „(Prophylaktische) Impfstoffe sind Arzneimittel, die das Immunsystem zum Schutz vor Infektionskrankheiten aktivieren.“
Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) wird konkreter. Auch hier schützen Impfstoffe „vor Infektionskrankheiten, indem sie das Immunsystem zur Herstellung von Antikörpern und Vermehrung bestimmter Immunzellen anregen.“ Zugleich seien Impfstoffe „mit die wichtigsten Mittel zur Prävention gegen Krankheiten.“
Krebs, egal welcher Form, ist seinerseits nicht ansteckend und beruht nur im seltensten Fall auf einer Infektion, etwa mit Humanen Papillomviren (HPV) – hiergegen existiert ein eigener Impfstoff. Unterschieden werden muss zudem, dass Intismeran erst nach erfolgter Krebs-OP Anwendung findet, sprich, nachdem der Patient chirurgisch behandelt wurde. Das Präparat soll vor einem Rückfall schützen, kann aber die Krankheit nicht an erster Stelle verhindern. Der Begriff „Impfstoff“ kann in diesem Zusammenhang zu Missverständnissen führen. Einer Verwendung zugunsten der besseren Verständlichkeit steht das nicht im Wege, erfordert aber eine Konkretisierung, die in den wenigsten Presseberichten erfolgt.
Moderna und MSD selbst sprechen in ihrer Meldung nicht von einem Impfstoff oder Vakzin. Letzterer Begriff taucht in der Meldung exakt zweimal auf: jeweils im Kontext der Kurzbeschreibungen beider Unternehmen.
Bekannte Wirkungen und Nebenwirkungen
Was wir kennen, sind Daten aus der Phase-II-Studie begonnen im Jahr 2019. Beendet ist sie ebenfalls noch nicht. Die Nachbeobachtung der rund 150 Teilnehmer, von denen wiederum zwei Drittel die Kombitherapie erhielten, soll bis 2032 dauern. Anfang Juni 2026 veröffentlichten Zwischenergebnisse umfassen einen Fünfjahreszeitraum.
Dr. Kay Klapproth hebt gegenüber Epoch Times zwei Punkte hervor:
„Moderna hat darin gezeigt, dass Intismeran neoantigenspezifische T-Zell-Klone erzeugen beziehungsweise bereits vorhandene Klone expandieren kann. Gleichzeitig zeigt die Phase-II-Studie einen Vorteil beim rezidivfreien Überleben. Nach vier Jahren waren etwa 72 Prozent der Patienten unter Intismeran plus Pembrolizumab rezidivfrei, gegenüber rund 49 Prozent unter Pembrolizumab allein. Das entspricht einer absoluten Differenz von etwa 23 Prozentpunkten.“
Entgegen den jüngsten Behauptungen von Moderna ist damit zwar eine Verbesserung feststellbar, aber von der absoluten Formulierung „verhindert das Wiederauftreten“ sind wir weit entfernt, stellt der nicht an der Studie beteiligte, deutsche Immunologe fest. Er hat lange Zeit in der Krebsforschung gearbeitet und sich unter anderem mit Immuntherapien beschäftigt.
Und noch etwas wird aus den bisherigen Daten deutlich: Ausnahmslos alle Teilnehmer, die Intismeran erhielten, hatten Nebenwirkungen. In der Kontrollgruppe hatten „nur“ 94 Prozent Nebenwirkungen. Ernste Nebenwirkungen hielten sich mit rund 19 zu 24 Prozent ebenfalls nahezu die Waage. In beiden Gruppen führten die Nebenwirkungen zudem in rund 45 Prozent der Fälle zu einer „Verzögerung, Unterbrechung oder Absetzung“ der Behandlung und in einem Fall in der Intismeran-Gruppe sogar zum Tod. Der Patient starb den Angaben zufolge an einer Sepsis im Rahmen einer Nebenwirkung einer Pembrolizumab-Gabe.
All dies muss jedoch im Kontext einer Krankheit mit beschränkten Überlebenschancen und Behandlungen mit erheblichen Nebenwirkungen – Stichwort Chemotherapie – betrachtet werden.
Lässt sich die Wirkung überhaupt ermitteln?
Daneben gibt es eine Reihe offener Fragen, oder wie Dr. Klapproth es formulierte: „Immunaktivierung ist nicht das Gleiche wie klinische Wirksamkeit – und der Nachweis einer Immunantwort beweist noch nicht den Wirkmechanismus.“ Sprich, „was nicht gezeigt wurde, ist, dass beide Beobachtungen kausal zusammenhängen.“ Der zentrale Kritik- und Schwachpunkt bestehe darin, dass die verwendete mRNA/LNP-Plattform selbst immunologisch aktiv ist:
„Ionisierbare Lipid-Nanopartikel können das angeborene Immunsystem stimulieren, das ist oft gezeigt worden“, erklärte Dr. Klapproth. „Gleichzeitig wissen wir aus der Tumorimmunologie, dass eine Aktivierung angeborener Immunmechanismen die Antitumorwirkung einer PD-1/PDL1-Blockade [Anm. d. Red.: das Ziel der Standardtherapie] erheblich verstärken kann.“ Konkret belegt hat dies Tübinger Unternehmen CureVac bereits im Jahr 2022 mit einer mRNA, die nicht tumorspezifisch ist, die aber durch Immunaktivierung antitumoral gewirkt hat.
Damit existiert eine plausible alternative Erklärung für den beobachteten Effekt: Das Trägersystem der mRNA aktiviert das angeborene Immunsystem, auch ohne tumorspezifische Neoantigene. Gerade im Kontext einer PD-1/PDL1-Blokade genüge dies laut Dr. Klapproth, um einen gewissen positiven Effekt hervorzurufen. „Wie groß der unspezifische Effekt ist und welchen Anteil an der klinischen Wirkung tatsächlich die individuell ausgewählten Neoantigene haben, wissen wir aber nicht, weil diese Experimente fehlen.“
Ferner werde Intismeran plus Pembrolizumab mit Pembrolizumab plus einem nicht-immunogenen Placebo verglichen. „Damit kann man zwar zeigen, dass das Gesamtpräparat einen Effekt hat. Man kann aber nicht zeigen, welcher Anteil dieses Effekts auf dem Konzept der tumorspezifische Information beruht.“
Offene Fragen und methodische Schwächen
Ungewöhnlich erscheint dem Immunologen die intensive wiederholte Gabe die der mRNA-Präparate. Moderna und Merck sprechen davon, dass ein Milligramm mRNA alle drei Wochen bis zu neunmal verabreicht wird. Man setzt das Immunsystem also innerhalb weniger Monate wiederholt demselben Reiz aus, wobei die erste Injektion konsequenterweise nicht auf dasselbe Ausgangssystem trifft wie die neunte. Was zwischen Dosis eins und neun passiert, bleibt ungewiss.
Ein weiteres grundsätzliches Problem wurde 2023 in „Nature“ beschrieben: das fehlerhafte Ablesen von mRNA-Bausteinen. Epoch Times berichtete.
Auch in Intismeran gibt es modifizierte Basen, die sogenannte ribosomale Leserasterverschiebungen verursachen. Dadurch können nicht beabsichtigte Peptide entstehen und diese auch unerwünschte T-Zell-Antworten auslösen. Das Problem wird nach Wissen von Dr. Klapproth von Moderna nicht adressiert. Gerade bei einem individualisierten Präparat wäre das aber relevant: Nicht nur die gewünschten Neoantigene sind individuell, sondern potentiell auch unbeabsichtigte immunogene Produkte.
Durch die künstliche Verkettung unterschiedlicher Epitope, jenem Teil der Antigene, die das Immunsystem später erkennen soll, können zudem auch den Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Epitopen neue, sogenannte Junction-Peptide, entstehen. Diese könnten ebenfalls einen Einfluss auf die Immunantwort haben, positiv als auch negativ. Mögliche Autoimmunreaktionen wären aufgrund der individuellen Formulierung wiederum höchst individuell und können daher praktisch kaum in Experimenten kontrolliert werden.
Fazit
Schwarzer Hautkrebs, auch als Malignes Melanom bekannt, ist eine der gefährlichsten Formen von Hautkrebs. Im Jahr 2022 wurden weltweit mehr als 330.000 neue Fälle diagnostiziert. In Deutschland sind es laut Uniklinik Tübingen rund 21.000 jährlich, wobei immer mehr junge Menschen betroffen seien. Rund 3.000 Menschen sterben jährlich daran.
Vor diesem Hintergrund ist eine Verbesserung der Behandlung wünschenswert. Einen (kleinen) Erfolg beim Melanom als Beweis dafür anzusehen, dass „mRNA-Impfstoffe gegen Krebs funktionieren“, ist aber übertrieben.
Bisher sind weder abschließende Daten aus Phase-II-Studien noch Zwischenergebnisse der Phase-III-Studie verfügbar. Womöglich bleibt der Effekt eines vermeintlichen Impfstoffs auch nach deren Veröffentlichung unbekannt oder muss hinterfragt werden. Obwohl es das Konzept prinzipiell ermöglicht, ist außerdem ungewiss, inwieweit sich die Ergebnisse auf andere Krebsarten übertragen lassen.
Von einer möglichen Zulassung sind wir auch aufgrund fehlender Daten mindestens ein Jahr entfernt. Wie hoch anschließend die Kosten für eine Behandlung sind, bleibt offen. Die Rede ist von mehreren Hunderttausend Dollar pro Patient.
Demgegenüber stehen schon jetzt messbare Effekte – an der Börse. Unterschiedliche Quellen sprechen von kurzfristigen Kursgewinnen von bis über 150 Prozent bei Moderna, sodass der Börsenwert des Unternehmens am Mittwoch um etwa 30 Milliarden US-Dollar zulegte. Die Papiere von Merck/MSD legten Mitte vergangener Woche ihrerseits etwa zehn Prozent zu. Mögliche Umsätze mit dem neuen Krebsmittel liegen Schätzungen zufolge zwischen drei und 13 Milliarden Dollar jährlich.
Bislang galt, dass für die sauerstoffbildende Photosynthese zwingend zwei Photosysteme benötigt werden. Dieses grundlegende Prinzip gilt offenbar nicht universell. (Symbolbild) - Foto: wat/iStock
In Kürze:
Bislang galt laut Lehrbuch, dass die sauerstoffbildende Photosynthese zwingend zwei Photosysteme benötigt: Photosystem II und I.
Molekularbiologen aus München haben nun durch Zufall entdeckt, dass Cyanobakterien auch ohne Photosystem I erfolgreich Photosynthese betreiben können.
Die langjährige Annahme, dass Photosystem I für den biologischen Prozess unverzichtbar ist, ist damit widerlegt.
Es gibt nur wenige biologische Konzepte, die als so gesichert gelten, dass sie seit Jahrzehnten nahezu unverändert in jedem Lehrbuch stehen. Eines davon lautet: Für die sauerstoffbildende Photosynthese werden zwingend zwei Photosysteme benötigt.
Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigen jedoch, dass dieses grundlegende Prinzip offenbar nicht universell gilt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Natur deutlich flexibler ist, als wir bislang angenommen haben“, sagte Studienleiter Dario Leister, Professor für Molekularbiologie.
Zwei statt beide
Die Photosynthese versorgt die Erdatmosphäre mit Sauerstoff und bildet die Grundlage nahezu aller Nahrungsketten. Pflanzen, Algen und Cyanobakterien wandeln Sonnenlicht in chemische Energie um.
Nach dem bisherigen Verständnis gelingt dies nur durch das Zusammenspiel zweier großer Proteinkomplexe: Photosystem II und Photosystem I. Das Photosystem II ist für den ersten Schritt der Lichtreaktion verantwortlich, während Photosystem I unter anderem das Koenzym „NADPH“ bildet. Dieses Prinzip gehört seit mehr als 50 Jahren zum Grundwissen der Biologie. Durch Zufall entdeckten die Gruppe von Prof. Leister jedoch einen alternativen Photosyntheseweg.
„Eigentlich wollten wir etwas völlig anderes erreichen“, sagt Leister. So war ihr ursprüngliches Ziel, ein pflanzliches Photosystem I in das Cyanobakterium „Synechocystis“ einzubauen. „Dass daraus Organismen entstehen würden, die ohne Photosystem I wachsen, Kohlendioxid fixieren und Sauerstoff produzieren können, war vollkommen unerwartet“, erklärt Leister weiter.
Letztlich zeigte sich, dass die neuen Cyanobakterienstämme trotz des fehlenden Elements eine vollständige sauerstoffbildende Photosynthese betrieben. Damit widerlegen sie die bislang geltende Annahme, dass Photosystem I für die Bildung von NADPH unverzichtbar ist.
Ein alternativer Weg
Das Team konnte außerdem einen Mechanismus identifizieren, mit dem die Bakterien das fehlende Photosystem kompensieren. Schlüssel dazu war eine grundlegende Umorganisation, die die Herstellung von NADPH in umgekehrter Richtung ermöglichte. Biologen schrieben diese Funktion bislang ausschließlich Photosystem I zu.
Laut den Forschern verändere diese Entdeckung das Verständnis der Photosynthese grundlegend und zeige, dass selbst einer der am besten untersuchten Prozesse der Biologie noch grundlegende Überraschungen bereithalte. Langfristig könnten die Ergebnisse zudem neue Ansätze für die Entwicklung effizienterer photosynthetischer Systeme und biotechnologischer Anwendungen ermöglichen.
„Unsere Arbeit erinnert daran, dass selbst scheinbar unumstößliche Lehrbuchkonzepte durch neue experimentelle Befunde infrage gestellt werden können. Genau das macht Grundlagenforschung so spannend“, sagt Leister.
Die Studie erschien am 10. Juli 2026 im Fachmagazin „Nature Communications“.
Die Kreiszahl π (Pi) ist seit der Antike bekannt, bis heute unvollständig und noch immer voller Überraschungen.
Indischer Physiker entdecken 2024 durch Zufall eine neue Schreibweise für Pi.
Ihre beeindruckende Effizienz im Vergleich zu klassischen Reihen verändert, wie Pi in Spezialgebieten der Physik verwendet werden kann.
Die Zahl verbindet die abstrakteste Mathematik mit den alltäglichsten Gegenständen unseres Lebens.
Sie hat weder Farbe noch Geruch noch Form, und doch ist sie wahrscheinlich eine der bekanntesten Zahlen der Welt. Die ersten bekannten Annäherungen an die Zahl, die wir heute π (Pi) nennen, reichen fast 4.000 Jahre zurück. Bereits die Babylonier und Ägypter konnten annäherungsweise das Verhältnis zwischen dem Umfang eines Kreises und seinem Durchmesser bestimmten.
Das Symbol π selbst tauchte erst viel später auf und wurde im 18. Jahrhundert durch den Schweizer Mathematiker Leonhard Euler populär gemacht. Erheblich jünger, aber nicht minder interessant ist eine Studie, die vor zwei Jahren großes mediales Interesse geweckt hatte. Auf ihrer Grundlage untersuchen Forscher bis heute die Auswirkungen, die sich zwischen Hochenergiephysik und Stringtheorie bewegen.
Pi fasziniert damit seit der Antike, Forscher ebenso wie die breite Öffentlichkeit. Sie kommt sowohl in der elementarsten Geometrie als auch in den fortgeschrittensten Gleichungen der theoretischen Physik vor. Und zeigt, dass sie bis heute Überraschungen für die Wissenschaft bereithält.
Eine unverzichtbare Zahl, weit über Kreise hinaus
Der Nutzen von π beschränkt sich nicht auf die Berechnung der Fläche einer Scheibe oder des Umfangs eines Rades. Sein Wert – etwa 3,14159 – spielt eine Rolle bei der Untersuchung von Wellen, Schwingungen und Elektrizität, in der Statistik sowie in zahlreichen grundlegenden Formeln der Physik. Man findet es, wenn auch weniger sichtbar, ebenso in trigonometrischen und geometrischen Berechnungen. Diese sind wiederum unter anderem für GPS und das Pendel einer Uhr relevant und beeinflussen damit unmittelbar unseren Alltag.
Dieser wissenschaftliche Erfolg hat π sogar einige unerwartete Auftritte auf der großen Leinwand beschert. In „Nachts im Museum 2: Die Schlacht um das Smithsonian“, der 2009 in die Kinos kam, verrät die Figur des Albert Einstein – in Form einer Wackelkopfpuppe –, dass die neue Kombination für die magische Tafel des Ahkmenrah nichts anderes ist als die ersten Dezimalstellen von π. Eine Anspielung, die die Drehbuchautoren sichtlich gerne in die Handlung eingebaut haben.
Physiker entdecken zufällig eine neue Schreibweise für Pi
Im Jahr 2024 nimmt die Geschichte eine ernstere Wendung. Zwei Physiker des Indian Institute of Science, Arnab Priya Saha und Aninda Sinha, veröffentlichen in der Zeitschrift „Physical Review Letters“ eine Studie, die ursprünglich absolut nichts mit π zu tun hatte. Ihr Ziel: die extrem komplexen Berechnungen zu vereinfachen, die beschreiben, wie subatomare Teilchen miteinander kollidieren und sich zerstreuen. In diesem Gebiet können Gleichungen schnell unlesbar werden.
Zu diesem Zweck kombinierte das Team zwei den Physikern bereits bekannte Werkzeuge: sogenannte Feynman-Diagramme, die die Wechselwirkungen zwischen Teilchen visuell darstellen, und die Euler-Beta-Funktion, die aus der Stringtheorie stammt. Anschließend versuchten sie, ein Modell mit weniger Parametern zu entwickeln. Dabei sahen die beiden Forscher eine Reihe von Zahlen auftauchen, die wider Erwarten genau gegen π konvergierten.
Es handelt sich dabei weder um einen neuen, noch um einen Ersatz für π. Die Konstante, die wir aus der Schule kennen, bleibt streng genommen dieselbe. Sie stellen keinen Fortschritt bei der numerischen Berechnung von π selbst dar. Hier sind andere Formeln, insbesondere die von Ramanujan oder Chudnovsky, nach wie vor weitaus leistungsfähiger. Was die Forscher entdeckt haben, ist eine andere Art, π in Berechnungen der Hochenergiephysik darzustellen, insbesondere im Zusammenhang mit der Teilchenstreuung.
Eine beeindruckende Effizienz im Vergleich zu klassischen Reihen
Was die wissenschaftliche Gemeinschaft am meisten überrascht hat, ist die Schnelligkeit dieser neuen Darstellung. Um zehn exakte Dezimalstellen von π zu erhalten, benötigt eine der ersten bekannten unendlichen Reihen zur Berechnung von π, die Madhava von Sangamagrama im 15. Jahrhundert zugeschrieben wird, etwa fünf Milliarden Glieder.
Die neue Formel von Saha und Sinha hingegen schafft dies mit nur etwa dreißig Gliedern. Anzumerken bleibt, dass dieser Vergleich für diese konkrete historische Reihe gilt, nicht jedoch für jene der leistungsfähigsten Algorithmen, die heute zur Berechnung der Dezimalstellen von π verwendet werden.
Laut Aninda Sinha war dieser Ansatz jedoch bereits Anfang der 1970er Jahre von Wissenschaftlern angestoßen worden, bevor er mangels ausreichend ausgereifter mathematischer Werkzeuge zur Umsetzung aufgegeben wurde. Genau diese Werkzeuge, die im Laufe mehrjähriger Zusammenarbeit entwickelt wurden, ermöglichten es dem indischen Team, den Ansatz zu Ende zu führen.
Zwei Jahre später wird der Ansatz weiterverfolgt
Diese Entdeckung hat sich keineswegs mit der Veröffentlichung von 2024 erschöpft. Seitdem folgten mehrere Weiterentwicklungen. Insbesondere der schwedische Mathematiker Hjalmar Rosengren hat strenge Beweise und Verallgemeinerungen der von Saha und Sinha entdeckten Teilbruchreihen für die Amplituden von Strings veröffentlicht.
Ende 2025 stellte eine neue Studie von Faizan Bhat und Aninda Sinha eine Verbindung zwischen den berühmten Ramanujan-Reihen für 1/π und zweidimensionalen logarithmischen Konformitätstheorien her – einem mathematischen Rahmen, der speziell in der Quantenphysik und der Werkstoffkunde zum Tragen kommt. Und im März 2026 veröffentlichten Bhat, Saha und Sinha in der Zeitschrift „Physical Review D“ eine von der Stringtheorie inspirierte Beziehung, die sich auf zwei zentrale Werkzeuge dieses Fachgebiets bezieht.
Diese Forschungen beschränken sich vorerst auf ein sehr spezialisiertes Gebiet der theoretischen Physik und haben keine direkten Auswirkungen auf den Alltag. Doch sie veranschaulichen, wie ein fast zufällig entstandenes Ergebnis auch zwei Jahre später noch verschiedene Forschungszweige der Physik und Mathematik befruchtet.
Der Pi-Tag, ein Fest, das weltweit gefeiert wird
Auch außerhalb der Labore ist π zu einem beliebten Symbol für wissenschaftliche Neugier geworden. Sein eigener Feiertag, der Pi-Tag, wird jedes Jahr am 14. März begangen. Das Datum entspricht in der angelsächsischen Datumsschreibweise 3/14 und erinnert direkt an die ersten Dezimalstellen.
Seit 2019 ist der 14. März der Internationale Tag der Mathematik. Seine angelsächsiche Schreibweise 3/14 erinnert an die Kreiszahl Pi.
Foto: marekuliasz/iStock
Die Tradition, die 1988 vom Physiker Larry Shaw im Exploratorium in San Francisco ins Leben gerufen wurde, gewann in den Vereinigten Staaten schnell an Popularität, bevor sie sich international verbreitete. Im November 2019 erklärte die UNESCO den 14. März offiziell zum Internationalen Tag der Mathematik. Erstmals begangen wurde der weltweite Festtag im folgenden Jahr.
Auch das Massachusetts Institute of Technology (MIT) machte den 14. März zu einer ganz eigenen Tradition. Die Universität veröffentlicht ihre Zulassungsentscheidungen in der Regel am 14. März und wählt häufig genau 18:28 Uhr als Zeitpunkt – eine Anspielung auf den Wert von Tau (2π) –, wobei dieser Zeitpunkt jedoch nicht von Jahr zu Jahr einheitlich ist.
Eine Zahl, die niemand zu Ende aufsagen kann
Auch π-Begeisterte lassen ihrer Fantasie freien Lauf, um der Zahl Tribut zu zollen: Haikus, Lieder oder Wettbewerbe zum Auswendiglernen von Dezimalstellen. In diesem Bereich führt derzeit der Inder Suresh Kumar Sharma die Community-Liste der Pi World Ranking List an, die Rezitationsleistungen weltweit erfasst. Er konnte im Oktober 2015 in etwas mehr als 17 Stunden 70.030 Dezimalstellen rezitieren.
Zum Vergleich: Der offiziell von den Guinness World Records anerkannte Rekord geht auf das Konto eines anderen Inders. Rajveer Meena, rezitierte im März desselben Jahres 70.000 Dezimalstellen mit verbundenen Augen – ein Unterschied, der die Kluft zwischen spezialisierten Community-Ranglisten und allgemeinen Rekordorganisationen verdeutlicht.
Vom bekannten „Ende“ von Pi sind beide jedoch noch erheblich entfernt. Im November 2025 errechnete ein Spezialcomputer sage und schreibe 314 Billionen Dezimalstellen der unendlich weitergehenden Kreiszahl.
Die bisherige Annahme besagt, dass die Sonne in rund fünf Milliarden Jahren die Erde verschlingen wird. (Symbolbild) - Foto: Nazarii Neshcherenskyi/iStock
In Kürze:
Die bisherige Annahme besagt, dass sich unsere Sonne in rund fünf Milliarden Jahren zu einem Roten Riesen entwickelt und die Erde verschlingen wird.
Forscher aus Belgien nutzten genauere Berechnungen statt vereinfachte Näherungen und entdeckten ein anderes mögliches Schicksal unseres Planeten.
Demnach ist ein Überleben sicher – wenn die Erde das heikle Tauziehen der Gezeitenkräfte überlebt und die Sonne schnell genug an Masse verliert.
Wenn die Sonne in etwa fünf Milliarden Jahren das Ende ihres Lebens erreicht, wird sie sich zu einem Riesenstern ausdehnen, der hunderte Male größer ist als heute. Seit Jahrzehnten diskutieren Astronomen darüber, was dies für die Erde bedeutet. Wird unser Planet von der sich ausdehnenden Sonne verschlungen oder wird er in eine weit entfernte Umlaufbahn entkommen?
Eine neue Studie zeigt, dass die Antwort ungewisser ist als bisher angenommen. Anhand der neuesten Modelle zur Sternentwicklung und zu Gezeitenwechselwirkungen kommen die Forscher um Mats Esseldeurs jedoch zu dem Ergebnis, dass die Erde beide Riesenphasen der Sonne überstehen könnte. Dies gelinge aber nur, wenn die Sonne in den letzten Stadien ihrer Entwicklung schnell genug an Masse verliert.
Ein heikles Tauziehen
Während sich die Sonne zu einem Roten Riesen entwickelt, bestimmen zwei konkurrierende Prozesse das Schicksal der Erde. Einerseits wird sich die Sonne enorm ausdehnen, wodurch die gravitationsbedingten Gezeitenkräfte zunehmen. Die Folge: Unser Planet wird nach innen gezogen und „verschlungen“.
Andererseits wird die Sonne einen großen Teil ihrer Masse durch den Sonnenwind verlieren. Wenn die Sonne leichter wird, verschiebt sich die Umlaufbahn der Erde allmählich nach außen, wodurch ein Jahr auf unserem Planeten länger und das Erdklima kühler wird.
„Das Schicksal der Erde hängt von einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen diesen beiden Effekten ab“, erklärte Mats Esseldeurs von der belgischen Katholieke Universiteit Leuven. „Wenn die Gezeitenwechselwirkungen überwiegen, wird die Erde verschlungen. Wenn der Massenverlust überwiegt, entkommt die Erde in eine weiter außen liegende Umlaufbahn.“
Frühere Studien kamen oft zu dem Schluss, dass die Erde letztlich von der Sonne verschlungen werden würde. Viele dieser Annahmen stützten sich jedoch auf vereinfachte Beschreibungen der Gezeitenwechselwirkungen im Inneren von Riesensternen.
Ein Blick ins Innere der zukünftigen Sonne
Die neue Studie nutzt modernste Berechnungen der Gezeiten-Dissipation, die auf der inneren Struktur und Dynamik von entwickelten Sternen basieren. Diese Modelle wurden vom Forschungsteam in früheren Arbeiten entwickelt und beruhen auf genauen Berechnungen statt auf vereinfachten Näherungen.
Mithilfe dieser aktualisierten Modelle stellten die Forscher fest, dass die Gezeitenwechselwirkungen schwächer sind als bisher angenommen. Infolgedessen bleibt die Erde während der Riesenphasen weiter von der Sonne entfernt, was ihre Überlebenschancen signifikant erhöht.
In den Simulationen werden Merkur und Venus unweigerlich von der sich ausdehnenden Sonne verschlungen. Die Erde hingegen überstehe beide Riesenphasen und gelange schließlich in eine weiter außen liegende Umlaufbahn. Dort wird unser Planet um den Weißen Zwerg kreisen, zu dem sich die Sonne letztlich entwickeln wird.
Schematische Darstellung der Entwicklung der Sonne. Die Abbildung zeigt die Sonne, wie sie heute aussieht (1.), während sie ihre beiden Riesenphasen durchläuft (2. und 3.), bevor sie ihr Leben als Weißer Zwerg beendet (4.).
Foto: KU Leuven
Eine riesige Ungewissheit
Trotz dieses ermutigenden Ergebnisses ist die Sache noch nicht entschieden. Die Forscher fanden heraus, dass das endgültige Ergebnis davon abhängt, wie schnell die Sonne während ihrer letzten Riesenphase an Masse verliert. Diese Massenverlustraten gehören jedoch nach wie vor zu den wenig erforschten Aspekten der Sternentwicklung.
Um diese Unsicherheit zu untersuchen, wandte sich das Team „L2 Puppis“ zu, einem nahegelegenen, entwickelten Stern, der oft als Vorgeschmack auf die Zukunft der Sonne angesehen wird. Nach dieser auf Beobachtungen basierenden Schätzung wird sich die Erde gerade so weit nach außen bewegen, dass sie überleben kann.
„Die größte Unsicherheit ergibt sich nicht mehr aus den Gezeitenberechnungen, sondern davon, wie viel Masse die zukünftige Sonne verlieren wird“, sagt Mats Esseldeurs. „Beobachtungen sonnenähnlicher Riesensterne deuten derzeit auf das Überleben der Erde hin, aber wir benötigen bessere Beobachtungen, bevor wir sicher sein können.“
Die Studie verdeutlicht, wie die Beobachtung von entwickelten Sternen Hinweise auf die ferne Zukunft unseres eigenen Sonnensystems liefern können. Zukünftige Observatorien und Missionen werden viele weitere Planeten um Riesensterne entdecken, was es Astronomen ermöglicht, Modelle zum Überleben von Planeten zu überprüfen. Ob die Erde letztlich überlebt oder nicht – wir werden es wohl nie erfahren.
Die Studie erschien am 19. Juni 2026 in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“.