Am Freitagabend 23. Oktober fiel die Netzfrequenz gegen 22 Uhr stark ab.
Um diese Uhrzeit fällt die Frequenz bei viel Windstrom öfter stark ab.
Das liegt an einer gesetzlichen Lärmschutzregelung, die unter anderem Windkraftanlagen betrifft.
Abends, 22 Uhr in Deutschland: Immer wieder fällt beim Blick auf die Netzfrequenz auf, dass diese gerade zu dieser Tageszeit einen mehr oder weniger deutlichen Sprung nach unten macht.
So aktuell geschehen am Freitag, 23. Oktober. Innerhalb von 29 Sekunden fielen im deutschen beziehungsweise europäischen Verbundnetz um rund 2.800 Megawatt (MW) Leistung aus. Das führte zu einem Netzfrequenzsprung von 167 Millihertz (mHz) auf 49,88 Hertz (Hz).
Die Netzfrequenz sollte sich stets bei 50 Hz befinden. Das ist der Fall, wenn die Kraftwerke zu jeder Sekunde genau so viel Strom erzeugen, wie die Verbraucher gerade beziehen. Im Normalbetrieb sind Abweichungen von bis zu 0,150 Hz möglich. Diese gleichen die Netzbetreiber mit der sogenannten Primärregelleistung aus, deren Umfang rund 3.450 MW beträgt. Im konkreten Fall befand sich die Abweichung innerhalb dieses Bereiches, wodurch die Netzfrequenz binnen rund fünf Minuten stabilisiert werden konnte.
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Droht sich die Frequenz jedoch über 50,2 oder unter 49,8 Hz zu bewegen, wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen, müssen die Netzbetreiber weitreichendere Maßnahmen ergreifen. Das beinhaltet einerseits, Gebiete mit zu hohem Verbrauch vom Netz zu trennen, auch Brownout genannt. Andererseits müssen flexible Kraftwerke umgehend hochgefahren werden. Beides soll einen flächendeckenden Stromausfall vermeiden. Gelingt dies nicht, trennen sich technische Anlagen zum Selbstschutz automatisch vom Netz und es kann, wie auf der iberischen Halbinsel, zu einem nationalen oder gar internationalen Stromausfall kommen.
Vor allem in den Wintermonaten, wenn mehr Windstrom im Netz ist, kommt es öfter zu einem solchen Frequenzsprung. Die Regelmäßigkeit dieses 22-Uhr-Sprungs bestätigtezum Ende des vergangenen Winters der Netzfrequenzinformationsdienst RJ2. „In den letzten Monaten ließen sich vermehrt Auffälligkeiten in Form von Netzfrequenztrigger- und Frequenzsprungmeldungen um jeweils 22:00 Uhr (MEZ/MESZ) beobachten“, hieß es im März dieses Jahres auf der Webseite.
Der Grund für die regelmäßigen, abendlichen Frequenzsprünge liegt laut den RJ2-Fachexperten im Bereich der Windkraft – oder genauer gesagt an einer bürokratischen Regelung. Denn zu dieser Uhrzeit müssen viele Betreiber von Windkraftanlagen, die in der Nähe von Wohngebieten stehen, die Turbinen auf drosseln oder abschalten.
Die Vorschrift kommt von der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm, kurz TA Lärm. Demnach gelten allgemein für technische Anlagen im Freien in den Nachtstunden von 22 Uhr bis 6 Uhr niedrigere Lautstärkegrenzen als tagsüber. In Wohngebieten liegen die erlaubten Immissionsrichtwerte bei 35 bis 45 Dezibel (dB), je nach Art des Gebietes.
Anwohner könnten den Lärm als störend wahrnehmen, es könnte ihren Schlaf beeinträchtigen. Da die Lautstärke eines Windrades oft über dem erlaubten Richtwert liegt, muss der Betreiber eine Nachtruhe für seine betroffenen Anlagen einhalten. Manche Windräder haben direkt an der Turbine Dezibelwerte von mehr als 100 dB.
Erst ab 6 Uhr am Morgen endet die vorgeschriebene Nachtruhe, und die Anlagen dürfen sich wieder drehen und Strom in das Netz einspeisen.
Unterschiedliche Level
Wenn nun gleichzeitig mehrere Anlagen, die gerade viel Strom produzieren und ins Netz einspeisen, wegfallen, kommt es zu einem Netzfrequenzsprung. „Ein Netzfrequenzsprung tritt unmittelbar nach einer größeren Verbundnetzstörung oder bei ungewöhnlich starken Lastwechseln auf“, schreibt RJ2.
Der Netzfrequenzdienst hat dazu fünf Level eingeführt, die die Intensität des Frequenzsprungs veranschaulichen. Ein Sprung vom Level 1 liegt im Bereich von 1.400 bis 1.800 MW. Der Frequenzsprung vom Freitagabend lag im Bereich von Level 4, dem zweithöchsten Niveau.
Solche Sprünge treten mit zunehmender Anzahl an Windkraftanlagen immer häufiger auf. Jedes Level erhöht sich in 400 MW-Schritten. Höhere Level kommen seltener vor. Das letzte Mal, dass das Level 5 erreicht wurde, war am 24. März 2026. In 62 Sekunden fiel die Netzfrequenz um knapp 0,2 Hz beziehungsweise die Leistung um 3.200MW.
Einordnung der Netzfrequenzsprünge nach dem Netzfrequenzinformationsdienst RJ2.
Foto: mf/Epoch Times
Wie gefährlich sind die Frequenzsprünge?
Besonders hoch sind die Frequenzsprünge durch die Abschaltung von Windkraftanlagen meist dann, wenn viel Wind weht, also die Anlagen gerade viel Strom einspeisen.
Solche starken Frequenzsprünge stellen die Stabilität der Netze auf die Probe. Die Regelleistung – oft von flexiblen Gaskraftwerken – muss schnell genug einspringen können, um den Windkraftausfall zu kompensieren.
„Wenn dann beim Wechsel des Kraftwerkseinsatzes etwas schiefgeht, kann es eng werden“, merkte der Energiefachmann Herbert Saurugg kürzlich an. Besonders gefährdet sind Regionen mit vielen Windkraftanlagen. Dort kann es im Ernstfall zu regionalen Stromabschaltungen kommen, wenn die Netzbetreiber die Frequenz nicht schnell genug stabilisieren können.
Bevor es wirklich zu einem flächendeckenden Stromausfall – einem Blackout – kommt, ziehen die Versorger regional kontrollierte Abschaltungen, sogenannte Brownouts, vor.
Doch es gibt eine offensichtliche Lösung: eine gesetzliche Anpassung zur Staffelung der Abschalt- und Einschaltzeit der Windkraftanlagen. Die Frequenzsprünge entstehen vor allem dadurch, dass alle Anlagen um Punkt 22 Uhr abschalten. Die elektronischen Wechselrichter beenden augenblicklich die Einspeisung. So schnell sind die mechanischen Regelkraftwerke jedoch nicht. Sie benötigen einige Sekunden bis Minuten um, ihre Leistung hochzufahren.
Würden nun einige Anlagen bereits um 21:45 Uhr oder zumindest 21:55 Uhr abschalten und andere erst 22:05 Uhr oder gar 22:15 Uhr, wäre der Zeitraum von rund einer auf zehn oder 30 Minuten gestreckt. Dadurch hätten die Netzbetreiber deutlich mehr Spielraum, die Regelleistung hochzufahren. Die Netzakteure könnten den Leistungsabfall besser bewältigen. Analog könnten die Windräder am Morgen, so der Wind weiterhin weht, wieder gestaffelt zugeschaltet werden.
Wie viele Teilabschaltungen sinnvoll wären und welche Anlagen zuerst und zuletzt vom Netz gehen sollten, ist zum derzeitigen Zeitpunkt unklar und ist vom Gesetzgeber zu klären und zu regeln.
Süßigkeiten – mit viel Zucker – gibt es in allen Farben und Formen. - Foto: Adam Bartosik/iStock
In Kürze:
Zucker wurde erstmals 510. v. Chr. in persischen Schriften erwähnt. Seine Süße ist weitaus länger bekannt.
Über die islamische Welt gelangte Zucker als Luxusgewürz im Mittelalter nach Europa.
Wirtschaftliche Interessen und internationale Konflikte führten erst zum Entstehen von Zuckerplantagen in Übersee und später der europäischen Zuckerrübenindustrie.
Nachdem Zucker zum Massenprodukt wurde, wurden auch seine Wirkungen auf unsere Gesundheit bekannter – und über Jahrzehnte stark heruntergespielt.
Vor einigen tausend Jahren war Zucker in der westlichen Welt noch unbekannt. Zuckerrohr, ein hohes Gras, das erstmals um 6000 v. Chr. in Neuguinea kultiviert wurde, wurde anfangs wegen seines süßen Saftes gekaut und nicht zu Kristallen verarbeitet. Um 500 v. Chr. entwickelten Menschen in Indien erstmals Verfahren, um Zuckerrohrsaft zu Kristallen einzukochen.
Eine der frühesten uns bekannten Erwähnungen von Zucker stammt aus dem Jahr 510 v. Chr., als Kaiser Darius I. von Persiens in Indien einfiel. Dort fand er „das Schilf, das Honig ohne Bienen gibt“.
Das Wissen über die Zuckerherstellung verbreitete sich nach Westen bis nach Persien und nach dem 7. Jahrhundert n. Chr. weiter in die islamische Welt. Zucker gelangte erst über Handelswege ins mittelalterliche Europa. Er war extrem kostspielig und wurde eher wie ein Gewürz verwendet. Tatsächlich berichteten im 11. Jahrhundert heimkehrende Kreuzritter davon, wie angenehm dieses „neue Gewürz“ sei.
Zuckerrohr wird auf einer Plantage, vermutlich in Westindien, im Jahr 1749 angebaut und verarbeitet. Originalvorlage: Stich für das „Universal Magazine“
Foto: MPI/Getty Images
Vom Luxusgewürz zum Massenprodukt
Das Potenzial dieses „neuen Gewürzes“ im frühen 16. Jahrhundert, ermutigte portugiesische Unternehmer, versklavte Menschen in das neu entdeckte Brasilien zu bringen. Dort begannen sie rasch mit dem Anbau hochprofitabler Zuckerrohrkulturen. In den 1680er Jahren unterhielten die Niederländer, Engländer und Franzosen bereits ihre eigenen Zuckerplantagen mit versklavten Kolonien in der Karibik.
Im 18. Jahrhundert führte die wachsende Beliebtheit von Tee und Kaffee zur weit verbreiteten Verwendung von Zucker als Süßungsmittel. 1874 schaffte Premierminister William Gladstone eine Steuer von 34 Prozent auf Zucker ab. Er senkte damit die Kosten für Grundnahrungsmittel für Arbeiter. Billige Marmelade (ein Drittel Fruchtpüree, zwei Drittel Zucker) fand ihren Weg auf die Tische der Arbeiterhaushalte. Die steigende Nachfrage nach Zucker in Großbritannien und Europa förderte das weitere Wachstum und die Gewinne. Es entstand der Name „weißes Gold“.
Der Zuckerkonsum pro Kopf in Großbritannien stieg von vier Pfund im Jahr 1704 auf 90 Pfund (gut 40 kg) bis 1901. Während die Sklaverei schließlich abgeschafft wurde, wurde das Angebot an billigen Arbeitskräften durch neue Ströme von Vertragsarbeitern aus Indien, Afrika und China aufrechterhalten.
Mit Zuckerrohr beladene Karren werden von den Feldern zur Zuckerraffinerie im Hintergrund transportiert, Barbados, um 1950.
Die britische Seeblockade gegen das napoleonische Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts veranlasste die Franzosen, nach einer Alternative zu den karibischen Zuckerlieferungen zu suchen. Dies führte zur Entstehung der europäischen Zuckerrübenindustrie.
Die Zuckerrübe ist eine zweijährige Wurzelpflanze, die wegen ihres hohen Zuckergehalts angebaut wird, aus dem Haushaltszucker gewonnen wird. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wuchs diese traditionell stark subventionierte und durch Zölle geschützte Industrie so stark, dass sie mittlerweile etwa 50 Prozent des europäischen Zuckers produziert. Darin enthalten ist auch der Verbrauch Großbritanniens. Dieser beläuft sich mittlerweile auf rund 2 Millionen Tonnen Rüben- (60 Prozent) und Rohrzucker (40 Prozent) pro Jahr.
Zuckerrüben warten auf den Abtransport; Hoeven, Niederlande, Oktober 2016.
Foto: Peter-Braakmann/iStock
Ursprung zweier Giganten
1886 zwangen die Prohibitionsgesetze in Atlanta den Geschäftsmann und Chemiker John Pemberton, sein beliebtes Getränk „Pemberton’s Tonic French Wine Coca“ zu überarbeiten. Er ersetzte den Alkohol durch einen 15-prozentigen Zuckersirup und fügte Zitronensäure hinzu. Sein Buchhalter, Frank Robinson, wählte einen neuen Namen für das Getränk nach seinen Hauptzutaten – Kokablätter und Kolanüsse – und schuf das Coca-Cola-Logo in der geschwungenen Schrift, wie wir es heute kennen.
Im Jahr 1879 erfand der Schweizer Chocolatier Daniel Peter die weltweit erste kommerzielle Milchschokolade unter Verwendung von gesüßter Kondensmilch, die sein Nachbar Henri Nestlé entwickelt hatte. Milchschokolade, die etwa 50–52 Gramm Zucker pro 100 Gramm enthält, ist heute aufgrund ihres süßen Geschmacks und ihrer cremigen Konsistenz weltweit beliebt.
Schokolade und Cola haben sich seitdem als weltweite Klassiker im Bereich der kohlensäurehaltigen Getränke und Süßigkeiten etabliert und sind für Menschen auf der ganzen Welt zu unverzichtbaren Genüssen geworden.
Im Jahr 1961 erschien der amerikanische Epidemiologe Ancel Keys auf dem Cover des Time-Magazins mit seiner „Ernährungs-Herz-Hypothese“. In seiner „Sieben-Länder-Studie“ stellte er eine Verbindung zwischen der Aufnahme von gesättigten Fetten, Cholesterin im Blut und Herzerkrankungen fest. Keys sagte: „Die Menschen sollten die Fakten kennen. Wenn sie sich dann zu Tode essen wollen, sollen sie es tun.“
Angesichts konkurrierender wissenschaftlicher Meinungen veröffentlichte John Yudkin, Gründer der Ernährungsabteilung am Queen’s College London, einen Artikel in der Fachzeitschrift „The Lancet“. Er argumentierte, dass internationale Vergleiche nicht die Behauptung stützen, dass Gesamt- oder tierisches Fett die Hauptursache für koronare Thrombose sei, und betonte, dass die Zuckeraufnahme eine stärkere Korrelation mit Herzkrankheiten aufweist.
1972 veröffentlichte er sein Buch „Pure, White and Deadly“. Darin präsentierte er Beweise, die den Zuckerkonsum mit einem erhöhten Risiko für Koronarthrombosen in Verbindung bringen, sowie dessen Rolle bei Karies, Fettleibigkeit, Diabetes und Lebererkrankungen. Er bemerkte düster:
„Wenn nur ein kleiner Teil dessen, was über die Auswirkungen von Zucker bekannt ist, über einen anderen Lebensmittelzusatzstoff offenbart würde, würde dieser sofort verboten.“
Das British Sugar Bureau tat Yudkins Aussagen über Zucker als „emotionale Behauptungen“ ab. Die World Sugar Research Organisation bezeichnete sein Buch als „Science-Fiction“. In den 1960er- und 1970er-Jahren bewarb die Zuckerindustrie Zucker als Appetitzügler. Sie finanzierte Forschungsarbeiten, die die Risiken von Saccharose herunterspielten, während sie gleichzeitig Nahrungsfett als Hauptursache für koronare Herzerkrankungen betonten.
Von der Versuchung zur Sucht
Die wissenschaftliche Debatte über die gesundheitlichen Auswirkungen von Zucker und Fett zog sich über Jahrzehnte hin. In der Zwischenzeit begannen Regierungen, Ernährungsempfehlungen zu veröffentlichen, die den Menschen rieten, weniger gesättigte Fette und cholesterinreiche Lebensmittel zu konsumieren. Eine unvermeidliche Folge war, dass die Menschen stattdessen mehr Kohlenhydrate und Zucker aßen.
Eine Gruppe von Konditoren, die im 19. Jahrhundert die ersten österreichischen „Mozart“-Süßigkeiten herstellten – die Mozartkugeln. Ursprünglich waren sie als Mozart-Bonbons bekannt.
Foto: flik47/iStock
Offizielle Ernährungsempfehlungen begannen erst viel später, die Gesundheitsrisiken eines übermäßigen Zuckerkonsums klar zu benennen. Erst Ende des 20. Jahrhunderts häuften sich die Beweise gegen Zucker.
In meinem neuen Buch „Food and Us: the Incredible Story of How Food Shapes Humanity“ gehe ich der Tatsache nach, dass Zucker ein relativ neuer Bestandteil unserer Ernährung ist. In nur 300 Jahren – das entspricht etwa 0,0001 Prozent unserer Ernährungsgeschichte – ist Zucker in unserer Nahrungsversorgung allgegenwärtig geworden. Er hat sogar eigene Kosenamen hervorgebracht, wie „sugar“, „honey“ und „sweetheart“.
Die weltweite Sucht nach Zucker stellt erhebliche und miteinander verflochtene Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit, die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Umwelt dar.
Die allgegenwärtige Präsenz von Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln, zusammen mit seinen Auswirkungen auf das Belohnungssystem des Gehirns, schafft einen Teufelskreis der Abhängigkeit – der eine weltweite Krise ernährungsbedingter Krankheiten auslöst und die Gesundheitssysteme belastet.
Dieser Artikel erschien im Original auf theconversation.com unter dem Titel „A Brief history of sugar“. (Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors, deutsche Bearbeitung: ts)
Deutschlands Bevölkerung wird laut Prognose wieder schrumpfen. Bis 2045 könnte die Bundesrepublik wieder unter 82 Millionen Einwohner zählen. - Foto: Votimedia/iStock, Epoch Times
Erdkruste ist viermal verrutscht
Als Globus ist unsere Erde fest eingespannt und die Rotationsachse eindeutig. Im All ist sie hingegen weit weniger fest, als das Modell vermuten lässt. Vor allem im Zeitraum von Hunderten Millionen Jahren zeigt sich die sogenannte echte Polwanderung, sprich die Verschiebung der Rotationsachse gegenüber der Erdkruste, deutlich. Wie schnell Pole und Achse wanderten, war jedoch lange strittig. Forscher der Universität von Oslo identifizierten jüngst vier Phasen – im geologischem Maßstab – besonders schneller Polwanderung. Während der Superkontinent Pangäa im späten Karbon und Perm wohl nicht zu einer Verschiebung führte, kam es vor allem in der Kreidezeit „wiederholt zu schnellen Bewegungen“. Sowohl Ursachen als auch Folgen bleiben unklar. (kms)
Ein Kondor und ein Schwan wiegen beide etwa elf Kilogramm. Dennoch legt der Kondor jeden Kilometer seiner Flugstrecke mit etwa einem Fünftel des Energieaufwands des Schwans zurück. Doch warum ist das so? Eine Studie von Max-Planck-Forscher belegt, dass der Unterschied in der Luft liegt. Während der Kondor Aufwinde nutzt und kaum Flügelschläge benötigt, ist der Schwan 99 Prozent der Zeit mit Schwingbewegungen beschäftigt. Damit zeigt sich, dass Fliegen mit der passenden Dynamik der Atmosphäre die energetisch günstigste Fortbewegungsart ist. In den Augen der Forscher könnte dies erklären, wie wetterbedingte Veränderungen beeinflussen, wohin und wann Tiere wandern. (kms)
Zwei der schwersten flugfähigen Vögel der Welt, der Andenkondor (l.) und der Trompeterschwan (r.), haben zwar etwa die gleiche Masse, aber einen sehr unterschiedlichen Energieaufwand beim Fliegen.
Foto: kms/Epoch Times; nach Donyanedomam, Gerald DeBoer/iStock
81,8 Millionen Deutsche bis 2045
2019 sprach das Berlin-Institut von einem „demografischen Zwischenhoch“. Deutschland wuchs, die Bevölkerung sollte auf absehbare Zeit weitgehend stabil bleiben. Sieben Jahre später hat sich die Perspektive verändert: Bis 2045 dürfte die Bevölkerung auf rund 81,8 Millionen Menschen sinken. Gut zwei Drittel der 400 Kreise und kreisfreien Städte verlieren laut neuer Prognose an Bevölkerung. Besonders im Osten entwickeln sich die Regionen immer unterschiedlicher, aber auch der Westen habe Verluste zu beklagen. Während Dahme-Spreewald, Leipzig, Potsdam, Dresden, Frankfurt am Main und Düsseldorf wachsen, werde die Bevölkerung in Suhl und im Saarland sinken. Ganz anders sieht das in Bayern aus: 18 der 20 am besten aufgestellten Kreise und Städte liegen heute im südlichen Freistaat. (ger)
Allein im Jahr 2021 starben 4,71 Millionen Menschen weltweit an den Folgen einer Antibiotikaresistenz. Umso dringlicher suchen Mediziner nach einer Lösung, die womöglich in mittelalterlichen Büchern steckt. Denn: ein altes Heilmittel namens „Balds Augensalbe“ ist in der Lage, Bakterien unschädlich zu machen und sie daran zu hindern, eine Resistenz gegen die Salbe aufzubauen. Ausschlaggebend für die Wirkung ist die Kombination aus vier Naturstoffen – zwei Lauchgewächsen, Wein und Rindergalle –, welche einen starken Anti-Biofilm bilden und die Vermehrung der Bakterien verhindern. Die Forscher wollen künftig nicht die mittelalterliche Salbe in Umlauf bringen, sondern die Erkenntnisse um die Wirkungsweise von biologischen Cocktails auf moderne Wirkstoffe anwenden. (kms)
In der altenglischen medizinischen Handschrift „Bald’s Leechbook“ aus dem 10. Jahrhundert steht das Rezept für eine Augensalbe geschrieben, die noch heute gegen multiresistente Keime hilft.
Sie tickt, fliegt vorbei oder rinnt durch die Finger: Zeit ist sprachlich schwer zu fassen und in der Physik wird es noch etwas komplizierter. Doch egal, ob sie relativ ist, vorwärts oder rückwärts läuft, sie beginnt mit dem Urknall. Oder doch nicht? Was wäre, wenn der Urknall nur ein weiterer Moment in einer unendlichen Zeit ist? Im sogenannten Multiversum markiert der Urknall das Ende der unendlichen Ausdehnung in einem Raumbereich. Außerhalb dessen geht die Ausdehnung weiter und impliziert, dass es weitere Urknalls und Universen geben kann. In der sogenannten Konformen Zyklischen Kosmologie hingegen dehnt sich ein Universum nur soweit aus, bis es ein Gleichgewicht erreicht, das schließlich in einem neuen Urknall gipfelt. In beiden Fällen ist es sehr wahrscheinlich, dass andere Universen existieren, wir sie aber entweder aufgrund der immerwährenden Ausdehnung zwischen uns und ihnen oder der zeitlichen Abfolge nie nachweisen, geschweige denn besuchen werden können. (ts)
Eis ist billig und reichlich vorhanden. Es hat jedoch eine große Schwäche: Risse können sich schnell ausbreiten und das Eis ohne Vorwarnung brechen lassen. Nun haben israelische Wissenschaftler „BioPykrete“ entwickelt – eine Mischung aus Eis und Zellstoff, das bereits im Zweiten Weltkrieg experimentell erforscht wurde. Das Material ist laut Studie etwa zehnmal stabiler als normales Eis, kann 70-mal mehr Energie aufnehmen und verformt sich allmählich, bevor es zerbricht. Dies soll eines Tages ein biologisch abbaubares Baumaterial für die kältesten Orte der Erde ermöglichen. (ts)
Israelische Forscher haben ein „Super-Eis“ entwickelt, dass robuster als normales Eis ist.
Foto: Chen Adar
Haut ist bei Männern und Frauen unterschiedlich
Die Haut ist das größte Organ des Menschen und erneuert sich ständig, sichtbar etwa an abgestorbenen Hautschuppen. Das ist bei Männern und Frauen gleich, doch wer wie Dan Engelmann genauer hinsieht, stellt erhebliche Unterschiede fest. Gemeinsam mit Kollegen untersuchte er fünf Monate lang die Teilung und Reifung von Hautzellen. Nicht nur erkannten sie, dass Hautstammzellen sowohl neue Stammzellen als auch bisher nur in der Theorie bekannte Übergangszellen bilden, die später zu Hautzellen werden, sondern auch, dass diese Prozesse bei Männlein und Weiblein unterschiedlich schnell ablaufen. Als mögliche Ursachen nannten sie die Geschlechtshormone, wobei Testosteron maßgeblich den Reife- und Östrogen den Teilungsprozess beeinflusste. Die Unterschiede erklären, warum Wunden bei Frauen meist schneller heilen, nicht aber mögliche Auswirkungen auf Ausschläge, Hautkrebs oder andere Hautkrankheiten. (ger)
Auf der Erde wachsen über 370.000 Pflanzenarten – 75 Prozent davon sind Bedecktsamer, auch Blütenpflanzen genannt. Doch wie und wann kam es zu dieser blühenden Vielfalt? Eine neue Studie zeigt, dass die Bedecktsamer während der Blütezeit der Dinosaurier allmählich ältere Pflanzengruppen verdrängten, die zuvor Millionen Jahre lang das Land beherrschten. Dabei spielten scheinbar Klimaveränderungen eine tragende Rolle. So ergab die Analyse versteinerte Pollen und Sporen, dass es während der beiden wärmsten Erdzeiträume sowohl zu Massenaussterben als auch zu einem explosionsartigen Anstieg der Pflanzenvielfalt kam. Wieso ausgerechnet die Blütenpflanzen dominierten, ist unklar. Die Forscher weisen darauf hin, dass das neue Wissen nicht auf die Moderne übertragen werden kann, da vor über 100 Millionen Jahren andere irdische Bedingungen herrschten. (kms)
Auf der Welt gibt es rund 300.000 verschiedene Arten von Blütenpflanzen.
Foto: southtownboy/iStock
Starke Sonne machte Leben
Fünf Basen bilden die Erbsubstanz allen bekannten Lebens: Sowohl DNA als auch RNA bestehen aus Adenin, Cytosin, Guanin sowie Thymin beziehungsweise Uracil. Warum ausgerechnet diese Fünf die Basis allen Lebens bilden, ist bis heute ungeklärt. Eine mögliche Ursache sehen Forscher der University of Wisconsin–Madison in rund 150 Millionen Kilometer Entfernung: im Licht der Sonne, insbesondere im UV-Licht, das früher aufgrund fehlender Ozonschicht umso intensiver schien. Im Labor zeigten die fünf Basen indes sehr unterschiedliche Lichtbeständigkeiten und damit kein einheitliches Bild. Im Allgemeinen waren DNA-Bausteine jedoch stabiler als RNA-Bausteine, sodass Prof. Zoe R. Todd und Kollegen vermuten, dass das UV-Licht zumindest beim Übergang zur heutigen DNA-dominierten Welt eine wegweisende Rolle einnahm. (ts)
Archäologen staunten nicht schlecht, als sie kürzlich das durchlochte Schulterblatt eines Neandertalers in den Händen hielten. Der Fund überdauerte beinahe unversehrt rund 75.000 Jahre unter siebeneinhalb Metern Gestein in einer irakischen Höhle. Laut den Forschern stammt das 15 mm breite Loch von einem Holzspeer, der von vorn in den Körper eindrang und Arterien und die Lunge verletzte. Das etwa 45 Jahre alte Opfer hatte keine Chance und starb an dem sehr wahrscheinlich beabsichtigten „Herzschuss“. Was zu der zwischenmenschlichen Gewalttat führte, bleibt für immer unklar. (kms)
Bereits vor 300.000 Jahren nutzten Menschen Holzspeere zum Jagen wie diese Exemplare aus Schöningen in Niedersachsen zeigen.
Diebe versuchen in der Regel nichts am Tatort zurückzulassen, weder Wertsachen noch verwertbare Spuren. Dank neuster Technik können Forensiker ihnen auch dann auf die Schliche kommen, wenn weder Fingerabdrücke noch Haare zurückbleiben. Den Beweis lieferten Forscher in Oslo und Australien mittels sogenannter eDNA. Der Begriff bedeutet Umwelt-DNA und umfasst unter anderem jene winzigen Partikel, die wir mit jedem Atemzug ausstoßen und die stundenlang in der Luft schweben können. Anhand 391 eDNA-Proben aus simulierten Testeinbrüchen beschrieben die Forscher unter welchen Bedingungen eDNA die klassischen Methoden ergänzen kann und welche Forschung noch nötig ist, damit Einbrecher künftig nur noch dann sicher sind, wenn sie gar nicht erst am Tatort erscheinen. (ts)
Der Verzicht auf Fleisch könnte die Wahrscheinlichkeit, 100 Jahre alt zu werden, geringfügig senken – allerdings nur bei gebrechlichen, untergewichtigen Senioren. Das ergab eine 20 Jahre dauernde Beobachtungsstudie an mehr als 5.000 Ü-80-jährigen Chinesen. Im hohen Alter sei es demnach wichtiger, kräftig zu bleiben und Muskelmasse zu erhalten, als Krankheiten langfristig vorzubeugen. Ältere Menschen, die Fisch, Eier oder Milchprodukte zu sich nahmen, wurden genauso häufig Hundertjährige wie Fleischesser, was darauf hindeutet, dass wichtige Nährstoffe den Ausschlag geben könnten. Damit zeigt sich, dass sich der Nährstoffbedarf eines Menschen im Laufe seines Lebens entsprechend dem Alter signifikant ändert. (ger)
Laut einer neuen Studie ist es für Senioren vorteilhaft, regelmäßig Fisch und Fleisch sowie Eier oder Milchprodukte in ihre Ernährung zu integrieren.
Astrid Schomaker, Exekutivsekretärin des Übereinkommens über die biologische Vielfalt, Hambardzum Matevosyan, Armeniens Umweltminister und Vorsitzender der COP17, Antonio Guterres, UN-Generalsekretär, sowie Inger Andersen, UN-Untergeneralsekretärin und Exekutivdirektorin des UN-Umweltprogramms, am 15. Oktober 2026 auf einer Pressekonferenz in der armenischen Hauptstadt Eriwan. - Foto: Karen Minasyan/AFP via Getty Images
Wie steht es um den Schutz der Natur? Vier Jahre nach einer internationalen Einigung auf ein Rahmenabkommen ziehen auf der 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt (COP17) fast 200 Länder eine Zwischenbilanz.
Zwei Wochen lang soll es ab Montag (19.10.) in der armenischen Hauptstadt Eriwan darum gehen, wie sich die selbst gesteckten Ziele bis 2030 noch erreichen lassen – trotz Hürden und Rückschläge. Fünf Fragen und Antworten zur Konferenz.
Worauf haben sich die Länder geeinigt?
Mit einem Vertrag haben sich die Staaten im Jahr 2022 unter anderem darauf geeinigt, mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Zur Halbzeit geht es nun um die erste Zwischenbilanz.
Wo steht die Welt beim Schutz von Natur und Artenvielfalt?
Vor der Konferenz haben die UN einen Zwischenbericht veröffentlicht, der zeigt, wo die Welt bei der Umsetzung des Abkommens steht. Daraus geht hervor, dass die Ziele bis 2030 nicht erreicht werden, wenn das Tempo nicht anzieht. Es werde zu wenig und zu langsam umgesetzt.
UN-Generalsekretär António Guterres hob positiv hervor, fast 90 Prozent der Vertragsstaaten hätten eigene nationale Ziele zum Schutz der Artenvielfalt eingeführt.
„Aber der Bericht zeigt eine Lücke zwischen Ambitionen und Maßnahmen“, sagte er. „Diese schlechten Nachrichten bedeuten, dass der Krieg gegen die Natur noch nicht beendet ist.“
Ein Knackpunkt ist die Finanzierung. Guterres rief zu stärkerer finanzieller und technischer Unterstützung, insbesondere für Entwicklungsländer, auf sowie zur stärkeren Einbeziehung biologischer Vielfalt in alle Bereiche der Politik und Haushaltsplanung.
Was sagen Naturschützer dazu?
Umweltschützer sehen Fortschritte, beklagen aber, dass es zu langsam geht. Umsetzungslücken müssten geschlossen, die Finanzierung gesichert und ausgebaut, Flächen effektiv geschützt sowie Klima- und Biodiversitätsschutz verzahnt werden, fordert etwa Greenpeace Deutschland.
Der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Jörg-Andreas Krüger, sagte, Deutschland und Europa müssten bei der Konferenz vorangehen, und zeigen, dass sie Maßnahmen zur Wiederherstellung der biologischen Vielfalt ergreifen.
Der WWF fordert, Natur- und Artenschutz sollten stärker in mehr verschiedene Politikbereiche integriert und auch dort umgesetzt werden.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sagte vor der Konferenz ebenfalls: „Die Weltgemeinschaft hat Fortschritte gemacht, aber bei der Umsetzung gibt es noch große Lücken.“ Es gelte, schneller zu werden, um die gemeinsamen Ziele noch zu erreichen.
Der SPD-Politiker reist in der zweiten Woche zur Konferenz und leitet die deutsche Delegation. „Wir haben in Deutschland noch Hausaufgaben zu machen“, sagte er. „Aber wichtig ist auch die internationale Zusammenarbeit, damit die Natur in anderen Teilen der Welt überleben kann.“
Wie geht es Schutzgebieten in Deutschland?
Nach einer wissenschaftlichen Analyse von Schutzgebieten nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) seien nur sechs Prozent der Lebensräume und vier Prozent der Arten in einem günstigen Zustand, heißt es in einem Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle. Die FFH-Schutzgebiete sollen besonders wertvolle oder gefährdete Tier- und Pflanzenarten sowie Lebensräume schützen.
Als zentrale Ursachen für den schlechten Zustand vieler Schutzgebiete nennen die Autoren intensive Landwirtschaft, Entwässerung, forstliche Nutzung und menschliche Störungen. Hinzu kämen Belastungen von außen wie Pflanzenschutzmittel, Nährstoffeinträge, Bebauung und Klimawandel.
Besonderen Handlungsbedarf sehen die Fachleute bei Wäldern und Meeresschutzgebieten. Ziel sollte es demnach sein, 10 Prozent der Wälder im öffentlichen Eigentum und 10 Prozent der Meeresschutzgebiete als streng geschützte Bereiche ohne sogenannte stoffliche Nutzung – vor allem ohne Fischerei und ohne Bauwerke – auszuweisen.
Derzeit sei in deutschen Meeresgebieten nur etwa ein Prozent der Fläche von jeglicher Nutzung ausgenommen. (dpa/red)
Die Steinköpfe auf der Osterinsel stellen Forscher bis heute vor Rätsel. Ihre Erbauer wussten aber wohl nicht nur mit Gestein, sondern auch mit den Gezeiten und Gestirnen umzugehen und legten Tausende Kilometer über das Meer zurück. - Foto: Lindrik/iStock, Epoch Times
KI am Lügendetektor
Manchen Menschen sieht man an, wenn sie mehr wissen, als sie sagen – und kann dann gezielt nachfragen. Schwieriger wird es bei einer KI, bei der wir weder wissen, welche Infos das Programm verarbeitet, noch was es im Hintergrund alles tut. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Antworten falsch oder gezielt irreführend oder zensiert sind. David Bau von der Northeastern University und Kollegen wollen daher eine Art Lügendetektor für Sprachmodelle entwickeln, die Unstimmigkeiten zwischen Arbeitsschritten und Ausgabe erkennt. Ziel sei eine gemeinsame Grundlage für die Interpretierbarkeit von KI. Zugleich soll dies interne Rechenprozesse messbar und nachvollziehbar machen und so über einen reinen Faktencheck der Antwort hinausgehen. Von einer App, die Nutzer warnt, ist man zum jetzigen Zeitpunkt aber noch weit entfernt. (ts)
Das Wohlbefinden der Bevölkerung eines Landes wird häufig anhand eines nationalen Glücksindexes dargestellt, in den neben Einkommen auch Gesundheitskosten einfließen. Prof. Dario Maestripieri von der University of Chicago und Kollegen erweiterten diese Betrachtung jüngst um einen tierischen Faktor: die Anwesenheit von Katzen. Demnach sind Menschen in Ländern mit mehr Katzen glücklicher, während mehr Katzenparasiten, speziell Toxoplasma gondii, das Glück verringerten. Die Folgerung „mehr Katzen = mehr Parasiten“ hatte wiederum keinen Bestand, sodass der Katze-Glück-Zusammenhang am Ende doch etwas komplizierter wird. Die Studie liefert daher keine Anleitung zum Glücklichsein mit Katzen, wohl aber, dass Katzendichte und Wohlstand mit dem nationalen Glücksempfinden variieren – oder umgekehrt. (ts)
Das Streicheln einer echten Katze hat nachweislich einen langen positiven Effekt auf die Psyche.
Foto: Dima Berlin/iStock
„Phönix-Planet“ entdeckt
Die Erde und die anderen Planeten unseres Sonnensystems sind aus Material entstanden, das nach der Bildung eines Sterns übrig geblieben ist. Doch es gibt eine zweite und viel seltenere Variante der Entstehung: ein Planet, der sich aus den Resten eines Sterns bildet. Ein solcher „Phönix-Planet“, wie ihn Astronomen kürzlich entdeckten, kann durch das Element Niob nachgewiesen werden. Denn: Schwere Elemente wie dieses können nur unter den exotischen Bedingungen innerhalb sterbender Sterne entstehen. Mit den letzten Zuckungen des Sterns wird das Material ins All geschleudert, wo sich aus dem Rest ein Planet der zweiten Generation bildet – wie ein Phönix, der aus der Asche steigt. (ts)
Ein sich nach hinten verjüngendes Rohr mit vier Linsen und einem aufrichtenden Okular, dessen konvexe Linsen im Abstand der doppelten Brennweite voneinander angeordnet sind: Dies ist kein Lexikoneintrag, sondern die Beschreibung des wahrscheinlich ersten Vierlinsen-Teleskops. Sie stammt aus dem Manuskript „De Tellescopiis Stellarum“ (1666) des spanischen Mönchs Ignacio Muñoz, der den Apparat als „fabricatum a Galilaeo“ bezeichnet. Für den Historiker Dr. José María Moreno Madrid von der irischen Universität Limerick ist die Entdeckung der Schrift von großer Bedeutung, denn bisherige Erwähnungen datierten die Erfindung um das Jahr 1645. Stimmt die Aussage über ihren Erfinder, muss Galileo Galilei (1564–1642) die Entwicklung des ältesten Vierlinsen-Fernrohrs schon um 1630 zugeschrieben werden. (kms)
Eine Seite aus „De Tellescopiis Stellarum“ (1666) von Ignacio Muñoz mit der Funktionszeichnung des Vierlinsen-Fernrohrs.
Foto: gemeinfrei
Antibiotika besser ohne Smoothie
Antibiotika sind dafür bekannt, Magenprobleme wie Durchfall zu verursachen. Das liegt daran, dass diese Medikamente neben der Bekämpfung von Infektionen oft auch gesunde Mikroorganismen im Darm abtöten, wodurch schädliche Bakterien die Oberhand gewinnen können. In diesen Momenten wird häufig zusätzlich geraten, leichte Nahrung wie Smoothies und Co. zu sich zu nehmen – getreu dem Motto: Hauptsache der Patient hat etwas im Magen. Eine neue Studie mit Krebspatienten zeigt jedoch, dass die Kombination von zuckerhaltigen Lebensmitteln und Antibiotika toxisch ist und die Vielfalt des Darmmikrobioms stark verringern kann. Grundsätzlich raten die Forscher den Patienten daher – in Absprache mit ihrem Arzt – auf die Einnahme von Zucker während einer Antibiotikabehandlung zu verzichten. (ger)
Wir schreiben das Jahr 2026, das ganze Sonnensystem wurde von Menschen erforscht. Das ganze Sonnensystem? Nein, ein kleiner Felsbrocken hört nicht auf, den Forschergeist zu wecken. Und die Erkundung ist nicht leicht für die beteiligten Organisationen aus Japan, Frankreich und Deutschland – und für Idefix. Der deutsch-französische Rover soll 2029 als erster Lander in der Geschichte der Raumfahrt auf dem Marsmond Phobos aufsetzen, um dessen Oberfläche aus nächster Nähe zu erkunden. Die Muttersonde der bisher größten japanischen Mission ins Sonnensystem soll anschließend selbst auf Phobos landen, Proben sammeln und 2031 erstmals Material aus dem Marssystem zur Erde zu bringen. Der Start ist für den 19. Oktober 2026 um 21:41 Uhr (MESZ) geplant und wird von der Japanischen Raumfahrtbehörde live übertragen. (ts)
Kräuterkunde bei den Elefanten
Seit den 1970er-Jahren ist bekannt, dass Tiere sich selbst behandeln können. So essen beispielsweise Schimpansen gezielt bittere Blätter gegen Darmparasiten, während Vögel ihre Nester mit insektenabwehrenden Pflanzen polstern. Nun haben Wissenschaftler des deutschen Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin nach jahrzehntelanger Arbeit das Phänomen der Zoopharmakognosie auch bei wild lebenden Afrikanischen Elefanten nachgewiesen. Die Dickhäuter suchen demnach bis zu 160 Meter tiefe Höhlen auf, um Salz und Mineralstoffe zu sich zu nehmen oder verabreichen ihrem Nachwuchs Heilpflanzen, die für ihre antibakteriellen, entzündungshemmenden oder antiparasitären Eigenschaften bekannt sind. Damit beweisen die Großsäuger einen feinfühligeren Umgang mit ihrer Natur, als unsere Redewendungen – wie ein Elefant im Porzellanladen – ihnen zuschreiben. (kms)
Sprichwörtlich sind Elefanten im Porzellanladen zu finden – mit ihrem Kräuterwissen, wären sie jedoch in einer Apotheke vermutlich besser aufgehoben.
Foto: Anna_Om/iStock
Schon gewusst?
Nicht nur Sonne und Mond haben einen Einfluss auf die Gezeiten, sondern auch die Form von Küsten. Jede Bucht hat einen natürlichen Rhythmus, in dem ihr Wasser hin und her schwappt und der durch ihre Form und Tiefe bestimmt wird. Wenn dieser Rhythmus mit dem der örtlichen Gezeiten übereinstimmt, verstärkt jede Bewegung die nächste. Gleichzeitig können auch Unterwasserberge und -grate die Gezeiten beeinflussen, indem sie die Wasserbewegung abbremsen oder deren Energie wie eine Feder wieder abgeben. So kann sich der mittlere Tidenhub von Region zu Region unterscheiden, wie die Beispiele Rotterdam (~1,90 Meter), Hamburg (~3,90 Meter) und Kimberley-Küste in Westaustralien (über 10 Meter) zeigen. (ts)
Flugzeuge erheben sich dank Aerodynamik in die Lüfte, Rennautos bleiben dank ihr am Boden, aber auch an Häusern entstehen bei starken Winden Druck- und Sogkräfte. Vor allem an Ecken und Kanten lösen sich die Luftströmungen – wie bei einem Heckspoiler – leicht vom Gebäude, erzeugen Wirbel und einen Unterdruck. So entsteht ein Druckgefälle und die Luft im Raum „drückt“ Wände und Dach nach außen. Damit Bauwerke dennoch Winden trotzen, kommen bisher vor allem kleine Rundungen oder stärkerer Materialien zum Einsatz. Besonders letzteres schlägt sich dabei leicht in den Kosten nieder. Erheblich günstiger könnte es durch eine Entdeckung von Wissenschaftlern um Pedro Fernández-Cabán, Assitenzprofessor für Bauingenieurwesen in den USA, werden. Ihnen zufolge können wellenförmige Flächen die Windlasten um bis zu 60 Prozent reduzieren, bislang allerdings nur in der Theorie. (ts)
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Zwei der Modelle, die Forscher im Windkanal des College of Engineering in Florida, getestet haben, links mit gewelltem Dach, rechts mit gewellten Wänden. Ein allseits gewelltes Haus war nicht Gegenstand der Forschung.
Foto: Pedro Fernández-Cabán
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Löst sich Wind, etwa an einer Hausecke oder Dachkante entsteht eine ausgedehnte Zone verwirbelter Luft (oben). An einer gewellten Oberfläche sind die Wirbel erheblich kleiner und der Wind „hüpft“ darüber. Das reduziert die Sogkräfte, denen die Wände standhalten müssen.
Foto: Pedro Fernández-Cabán
Schlechte Augen wegen schlechter Luft
Glaukom (Grüner Star) und Katarakt (Grauer Star) gelten als altersbedingte Krankheiten. Einer neuen Studie zufolge könnte diese Erklärung jedoch zu kurzsichtig sein. Ahmed Alnabihi und Team einer Augenklinik in Riad, Saudi-Arabien, trugen dafür Daten von Millionen Menschen sowie der sie umgebenden Luft zusammen, konkret Feinstaub, Stick- und Schwefeloxide sowie Ozon und Kohlenstoffmonoxid. Dabei stellten sie fest, dass Gebiete mit höheren Schadstoffkonzentrationen mit mehr Augenleiden korrelieren. Da unsere Augen direkt der Außenluft ausgesetzt sind, „ist es biologisch plausibel, dass die Luftverschmutzung hier besonders schädigend wirken kann“, so Alnabihi. Die vorliegenden Daten können diesen Zusammenhang jedoch weder belegen noch andere Ursachen ausschließen. (ger)
Die Osterinsel und Hawaii trennen rund 7.000 Kilometer voneinander. Für diese Entfernung würden wir heute mit einer kleinen Motoryacht etwa zehn Tage benötigen. Im 11. Jahrhundert besaßen die Menschen jedoch nur Paddel und Segel – und trotzdem meisterten sie diese lange Fahrt erfolgreich, wie eine neue Studie zeigt. So belegt eine DNA-Analyse gemeinsame Vorfahren der heutigen Bewohner von Rapa Nui und Hawaii deren Wurzeln bis nach Mangareva, Französisch Polynesien, zurückreichen. Dies beweist die Existenz einer alten Kultur, die zu wiederholten, weitreichenden Seereisen über den Pazifik fähig war – ohne Kompass und Motor, aber dafür mit Wille und Sterne. (kms)
So sehen traditionelle Boote der Polynesier aus.
Foto: Leamus/iStock
Galaktisch-gute Lage
Leben, wie wir es kennen, erfordert unter anderem flüssiges Wasser, dass nicht auf allen Planeten vorkommt. Befindet sich ein Himmelskörper zu nah an seinem Stern, ist es zu heiß; ist er zu weit draußen, ist es zu kalt. Dazwischen liegt die sogenannte zirkumstellare habitable Zone, also jener Bereich um einen Stern, in dem Leben prinzipiell die richtigen Bedingungen vorfinden könnte. Eine Studie von Forschern der Western Sydney University um Dr. Luke A. Barnes besagt, dass es diese auch im galaktischen Maßstab gibt – und unsere Milchstraße sich in einer ebensolchen Zone befindet, in der die Bedingungen über kosmisch relevante Zeiträume erhalten bleiben. Eine Zone, in der ausreichend schwere Elemente aus der früheren Sternenentstehung existieren, um Welten zu erschaffen, die Gefahren, die Leben und Welten vernichten können, aber (noch) selten sind. (ts)
Immer mehr historischer Artefakte und Fossilien werden wie Luxusgütern behandelt und zu Preisen in Millionen-Höhe versteigert. - Foto: BrianAJackson/iStock
In Kürze:
Fossilien von Dinosauriern und anderen Lebewesen gehören zum sogenannten Naturerbe, das immer häufiger in Auktionshäusern versteigert wird.
Gelangen diese Objekte in Privatsammlungen, kann Laien und Forschern der Zugang zu den Relikten verwehrt werden.
Damit geht der Gesellschaft ein Stück Geschichte verloren und steht nicht mehr zur wissenschaftlichen Untersuchung zur Verfügung.
Fachleute befürchten dadurch massive Wissensverluste und die Bewerbung einer neuen Kategorie von Luxusgütern.
Am 14. Juli 2026 ging „Gus“, eines der vollständigsten Skelette eines Tyrannosaurus rex, für 50,1 Millionen US-Dollar (rund 44 Millionen Euro) an einen anonymen Käufer. Diese Versteigerung des Auktionshauses Sotheby’s stellte einen Rekord für das wertvollste jemals verkaufte Fossil auf.
Damit hat ein weiterer Dinosaurier Einzug in den Markt für Luxus-Sammlerstücke gehalten. Der Fall zeigt, dass selbst die tiefste Geschichte der Erde an den Meistbietenden verkauft werden kann.
Naturerbe als Trophäe verkannt
Für Paläontologen wie mich ist ein Fossil wie „Gus“ – das von 2021 bis 2023 von dem kommerziellen Sammler Thomas Heitkamp und sein Team ausgegraben wurde – jedoch keine Trophäe und kein Kunstwerk. Das Skelett aus der Hell-Creek-Formation in South Dakota, USA, ist ein wissenschaftliches Archiv.
„Gus“ gehört zu den vollständigsten jemals gefundenen Tyrannosaurus-rex-Skeletten.
Foto: Timothy A. Clary/AFP via Getty Images
Fossilien bewahren Zeugnisse von Entstehung, Wachstum, Krankheit, Verletzungen, Aussterben und urzeitlichen Ökosystemen. Sie sind endliche, unersetzbare Aufzeichnungen der Lebensgeschichte auf der Erde.
Die Wissenschaft ist auf die unabhängige Überprüfung von Behauptungen und eine lebhafte Debatte angewiesen. Forscher müssen in der Lage sein, wichtige Artefakte und Exemplare erneut zu untersuchen, frühere Schlussfolgerungen zu überprüfen und neue Fragen zu stellen.
Sobald jedoch ein wissenschaftlich bedeutendes Fossil in eine Privatsammlung gelangt, ist der Zugang für Forscher nicht mehr gewährleistet. Sammler bewahren ihre Fossilien in der Regel zu Hause auf. Wenngleich Exemplare aus Privatbesitz an Museen ausgeliehen werden, können die Eigentümer ihre Meinung ändern und den Zugang jederzeit verwehren.
Dieses Problem ist besonders im Zusammenhang mit dem Tyrannosaurus rex von Bedeutung. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2025, dass sich zu diesem Zeitpunkt zwar 61 T.-rex-Fossilien in öffentlicher Obhut befanden, 71 jedoch in Privatbesitz waren.
Daher vertritt die Society of Vertebrate Paleontology, eine US-amerikanische Fachgesellschaft für Wirbeltierpaläontologie, deren langjähriges Mitglied und designierte Präsidentin ich bin, seit Langem die Auffassung, dass wissenschaftlich bedeutende Fossilien in öffentliche Obhut gehören. Dieses Naturerbe sollte im Besitz von Museen und Universitäten sein, die es dauerhaft bewahren und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich machen.
Dinosaurier im Museum für Naturkunde Berlin.
Foto: Yasemin Ozdemir/iStock
Ein Fossil, immer neue Entdeckungen
Befürworter des kommerziellen Fossilienhandels argumentieren oft, dass Exemplare wie „Gus“ ohne den Verkauf an private Sammler vergraben bleiben und verwittern würden. In einem Punkt haben sie recht: Die Entdeckung ist entscheidend. Viele außergewöhnliche Fossilien wurden von Viehzüchtern, Wanderern, Hobbysammlern und kommerziellen Ausgräbern gefunden. Die Paläontologie steht jedem offen, der ein Auge für die Natur hat – man muss kein Experte mit akademischen Qualifikationen sein, um eine wichtige Entdeckung zu machen.
Doch die Entdeckung ist nur der Anfang. Der wissenschaftliche Wert eines Fossils hängt von der sorgfältigen Dokumentation seines Fundorts, der umgebenden Gesteinsschichten sowie der neben ihm erhaltenen Pflanzen und Tiere ab.
Heute ist bekannt, dass ein höherer Kohlenstoffdioxid- und Sauerstoffgehalt zum Aufstieg der Dinosaurier beigetragen hat.
Aber selbst Entdeckung, Ausgrabung und Veröffentlichung kratzen kaum an der Oberfläche der wissenschaftlichen Bedeutung eines Fossils. Der größte wissenschaftliche Wert zeigt sich oft erst Jahrzehnte später, wenn Forscher neue Fragen stellen und neue Technologien anwenden, die früheren Generationen nicht zur Verfügung standen. Ein Exemplar, das heute vollständig erforscht erscheint, kann morgen überraschende neue Erkenntnisse liefern – aber nur, wenn es noch für Untersuchungen zur Verfügung steht.
Man denke an die legendären Dinosaurier wie T. rex, Triceratops, Brachiosaurus oder Stegosaurus, die wir vor über einem Jahrhundert entdeckten. Frühe Paläontologen konnten zwar ihre Formen beschreiben, hatten aber keine Möglichkeit, tiefer zu blicken. Da diese Exemplare in Museumssammlungen aufbewahrt wurden, konnten spätere Generationen sie mit Technologien erneut untersuchen, die zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung noch nicht existierten.
Der Paläontologe Larry Witmer und seine Kollegen an der Ohio University begannen vor 20 Jahren, mittels CT-Aufnahmen zerstörungsfrei die innere Anatomie von Dinosaurierfossilien zu rekonstruieren. Hirnhöhlen, Innenohren, Lufträume, Nerven und Blutgefäße wurden zum ersten Mal sichtbar. Sie enthüllten, wie Dinosaurier ihr Gleichgewicht hielten, hörten, rochen und ihre Welt wahrnahmen.
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Triceratops gehören zu den bekanntesten pflanzenfressenden Dinosauriern.
Jüngst haben die Molekularpaläontologin Jasmina Wiemann und ihr Team chemische Spuren in Knochen, Eierschalen und Haut identifiziert, die Aspekte der Dinosaurierbiologie offenbaren, die noch vor einer Generation unvorstellbar waren. Bis dato hatten Paläontologen keine Möglichkeit, Details über Stoffwechselraten und Fortpflanzung oder die Farben von Haut, Federn und Eiern zu erfahren.
Mit einer Isotopenanalyse kann der Herkunftsort eines Menschen oder Tieres nachgewiesen werden.
Fossilien sind keine statischen Objekte, deren wissenschaftlicher Wert erschöpft ist, sobald sie beschrieben wurden. Ihr Wert wächst mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, jedoch nur, wenn zukünftige Forscher die Originalexemplare weiterhin untersuchen können.
Natürlich werden Dinosaurierfossilien manchmal durch den Kauf und die sofortige Übergabe oder Schenkung an Naturkundemuseen vor dem Vergessen bewahrt. Einige der weltweit bedeutendsten Dinosaurierfossilien sind heute zugänglich, weil Privatpersonen, Unternehmen oder Organisationen, die über die Mittel zum Erwerb außergewöhnlicher Exemplare verfügten, erkannt haben, dass diese dort hingehören, wo Wissenschaftler sie weiterhin erforschen und künftige Generationen von ihnen lernen können.
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Besonders Kinder sind von Dinosauriern fasziniert.
Foto: Sergio Dionisio/Getty Images
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In Museen werden gezielt die Geschichte(n) der Menschheit und der Erde an Groß und Klein vermittelt.
Foto: Sam Yeh/AFP via Getty Images
Der Kauf eines Fossils, um es dauerhaft in öffentlicher Obhut zu sichern, unterscheidet sich grundlegend vom Erwerb als privates Sammlerstück: Im ersten Fall wird der Zugang erweitert, im anderen bleibt er ungewiss.
Doch da die Preise für Fossilien in die Millionen steigen, können Museen zunehmend nicht mehr mithalten. Die bedeutendsten Fossilien gelangen nicht mehr zuverlässig in öffentliche Sammlungen. Stattdessen werden sie zu Luxusgütern, deren Marktwert ihren unermesslichen wissenschaftlichen Wert überwiegt.
Dinosaurier gehören zu unserem gemeinsamen Naturerbe. Sie wecken Staunen, weil sie uns alle mit einer Welt verbinden, die unvorstellbar älter ist als unsere eigene. Für mich ist die Frage, die Auktionen wie die Versteigerung von „Gus“ am 14. Juli aufwerfen, nicht, wer es sich leisten kann, diese Relikte der Vergangenheit zu besitzen. Es geht darum, ob künftige Generationen die Chance haben, sie zu erforschen und von ihnen zu lernen.
Starke Polarlichter sind mit dem bloßen Auge erkennbar. - Foto: Jonah Lange/iStock
In Kürze:
Polarlichter sind ein beliebtes Himmelsphänomen, das meist weit im Norden und seltener in Mitteleuropa und südlicher zu sehen ist.
Seit Anbeginn der Zeit jagen Menschen diesem Lichtspektakel nach und halten es schriftlich und fotografisch fest.
Vor zwei Jahren durfte ich zum ersten Mal ein wahres Spektakel der Nordlichter miterleben. Die Aurora Borealis bot 2024 über den Großen Seen in den USA eine spektakuläre Show, und ich hatte das Glück, dabei zu sein. Es war genau so, wie man es sich vorstellt: beeindruckend, berauschend und himmlisch.
Die Lichter schienen vom Horizont auszugehen, was mich an ein Bild aus dem estländischen Nationalepos „Kalevipoeg“ von Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803–1882) erinnerte. Darin segelt der gleichnamige Held auf einem silbernen Schiff bis an den Rand der Welt, wo er und seine Gefährten einem himmlischen Omen begegnen:
„Die Geister der Nordlichter Tanzten unter dem Himmel Mit silbernen Speeren blitzend, Goldene Schilde schwingend, […] damit sie uns eine Fackel leuchten, mit deren weißem Schein wir weiter in die Ferne blicken können.“
Es ist eine wunderschöne Beschreibung, doch ich fand meine eigene Kindheitsversion in ihrer Einfachheit immer genauso magisch: das Nordlicht als Sonnenlicht, das von arktischen Eisbergen reflektiert wird. Selbst jetzt, wo ich älter und weiser bin, kann ich nicht umhin zu denken, dass dies immer noch eine plausible Erklärung sein könnte.
Jäger und Verfolger
Für einige ist es vielleicht überraschend, wie viele Polarlichter-Apps es für das Smartphone gibt. Ich habe mich für „My Aurora Forecast & Alerts“ entschieden – genau wie über 5 Millionen andere Menschen. [Anm. d. Red.: Für deutschsprachige Benutzer eignet sich die kostenlose App „Aurora – Meine Polarlicht-Vorhersage“ am besten.]
Wie der Zufall es wollte, ertönte der Aurora-Alarm, als ich bereits auf dem Weg nach Norden und weniger als 1 Stunde von den Ufern des Ontariosees entfernt war. Es war eine mondlose Nacht, als ich meine Fahrt zu diesem Ort fortsetzte, den ich seit meiner Kindheit kannte. Der Ontariosee war mir so vertraut, dass ich ihn mit geschlossenen Augen hätte finden können.
Als ich mich dem Ufer näherte, sah ich das Flackern roter Rücklichter. Anscheinend war ich nicht der einzige Himmelsbeobachter, den es zu diesem Aussichtspunkt gezogen hatte. Hier begegnete ich ihnen zum ersten Mal – den „Jägern“ und den „Verfolgern“.
Polarlichter über einem Feld in Deutschland.
Foto: Animaflora/iStock
Einige richteten ihre Handys gen Himmel und stießen „Oohs“ und „Aahs“ aus, während andere eilig an Stativen und Objektiven hantierten. Manche saßen da und starrten voller Ehrfurcht in den Himmel. Wieder andere rückten enger zusammen und erlebten das Wunder gemeinsam Arm in Arm.
Ich kam mit den Menschen ins Gespräch und erfuhr, dass sie über Facebook miteinander vernetzt sind. Man kann ihrer Gruppe beitreten und erhält eine Benachrichtigung, wenn jemand „Es geht los!“ postet. Das ist eine Art Flashmob des 21. Jahrhunderts – und vielleicht sogar besser, als sich von einer App benachrichtigen zu lassen.
Häuser und Wohnungen leeren sich, die Jäger eilen in ihre Gärten und die Verfolger springen in ihre Autos, um sich an Aussichtspunkten mit dunklem Himmel zu treffen. Bald strömen Updates und Fotos herein. Wenn man abwartet, kann man sich zuerst von den Abenteuerlustigeren berichten lassen, bevor man sich selbst auf den Weg macht. Und diese Polarlichterjäger gibt es auf der ganzen Welt.
Bloßes Auge vs. Kamera
Das Erste, was man lernt, wenn man echte Polarlichter beobachtet, ist, dass das, was man mit bloßem Auge sieht, nicht das ist, was man durch das Handy- oder das Kameraobjektiv sieht. Ich blickte zu den weißen Lichtvorhängen hinauf, die vor dem dunklen Himmel tanzten. Auf den Handys der anderen war jedoch derselbe Himmel voller Magenta und Neongrün zu sehen. Ich war verwirrt.
Es stellte sich heraus, dass die Augen nicht über die nötige „Belichtungszeit“ verfügen, um zu sehen, was wirklich da ist. Eine gute Kamera verfälscht die Farben jedoch nicht, sondern gibt sie wieder. Es handelt sich also nicht um eine falsche Interpretation dessen, was man sieht, sondern um eine realitätsnähere Darstellung. Und wenn man sich oberhalb der Erdatmosphäre befindet, wird es noch besser.
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Für das menschliche Auge sind schwache Polarlichter kaum sichtbar. Hinzu kommt vielerorts Lichtverschmutzung durch Straßenbeleuchtung oder Verkehr. In diesem Fall ist der helle Schein am Horizont, der durch die Kamera verstärkt wurde, jedoch natürlichen Ursprungs.
Foto: ts/Epoch Times
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Über Mitteldeutschland zeigten sich im Januar 2026 dank Langzeitbelichtung auch kräftigere Farben, die auch mit bloßem Auge sichtbar waren. Ohne technische Hilfsmittel erschien der kräftigste Bereich jedoch eher wie der blasse Schimmer links über dem Baum.
Foto: ts/Epoch Times
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Je höher sich der Betrachter befindet, desto weniger Atmosphäre verschleiert die Sicht: Blick eines Piloten auf Nordpolarlichter.
Foto: Thomas Roell/iStock
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Astronauten auf der ISS sehen Polarlichter am besten: häufig von oben, teils von mittendrin.
Foto: EvgeniyQ/iStock
Astronauten auf der Internationalen Raumstation (kurz: ISS) können Polarlichter oberhalb der Erdatmosphäre sehen und nehmen sie als helle, gleichmäßige Lichter in voller Farbpracht wahr. Der NASA-Astronaut Don Pettit beschrieb es so: „Wir flogen nicht über dem Polarlicht; wir flogen mitten im Polarlicht.“ Pettit hielt eine weitere seltene blutrote Aurora in einem atemberaubenden Video fest.
Die Wissenschaft dahinter
Grundsätzlich ist es jedoch so, dass Polarlichter in Fairbanks, Alaska, eher farbenprächtiger sind als beispielsweise jene in New York. Das hat etwas mit der magnetischen Geometrie der Erde zu tun.
Fairbanks liegt in der Nähe des Auroraovals – eines sich verschiebenden Rings, der den geomagnetischen Nordpol umgibt, wo Polarlichter regelmäßig und intensiv auftreten. Ein entsprechendes Oval existiert auch rund um den Südpol, wo die Aurora Australis zu sehen ist (vor allem in Australien und Neuseeland). Dies sind die beiden Regionen, in denen geladene Teilchen von der Sonne durch das Erdmagnetfeld in die Atmosphäre geleitet werden und spektakuläre Lichtspiele erzeugen.
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Die Struktur der Magnetosphäre der Erde bestimmt, wo Sonnenwinde in die Atmosphäre gelangen und Polarlichter entstehen.
Das nördliche Polarlichtoval erstreckt sich größtenteils über Kanada und Grönland, ist aber nicht stationär. Sein Zentrum liegt nicht am geografischen Nordpol, sondern am magnetischen Pol, der seinerseits wandert.
Äquataorseitige Sichtbarkeitsgrenzen von Nordpolarlichtern über Eurasien in Abhängigkeit der geomagnetischen Aktivität. Kp = 3 bedeutet sehr niedrige Aktivität, Kp = 9 sehr hohe Aktivität.
Je weiter südlich, desto seltener sind Polarlichter über Europa zu sehen. Am häufigsten sind sie über Skandinavien zu sehen. Zusammengesetzte Satellitenaufnahme (Lichtverschmutzung und Polarlicht) der US Air Force.
Je weiter man von den Polarlichtovalen entfernt ist, desto seltener und weniger lebhaft sind die Polarlichter. Doch während eines besonders starken Sonnensturms hat fast jeder die Chance, einen Farbtupfer am Himmel zu sehen – selbst auf Hawaii oder in Südeuropa.
Bei den Nordlichtern im Jahr 2024 sah ich zunächst weiße Lichtvorhänge, die über den Himmel wogten. Schließlich konnte ich jedoch mit bloßem Auge neongrüne und magentafarbene Schleier entdecken. Obwohl die Farben etwas gedämpft wirkten, waren sie dennoch blendend schön.
Außerdem sah ich Säulen – senkrechte Lichtsäulen, die scheinbar direkt vom Horizont nach oben gingen. Am beeindruckendsten waren jedoch die „Lichtblitze“ über uns. „Schaut nach oben!“, rief ich meinen Mitjägern zu. Zwar schienen sie sich nur ungern von ihrer Ausrüstung losreißen zu wollen, doch schon bald blickten sie alle zum Zenit.
Die Lichtblitze lassen sich am ehesten so beschreiben, als würde Gott hinter einer Milchglastür eine Taschenlampe ein- und ausschalten. Es war kein Phänomen, das sich fotografieren ließ, aber es war ein Erlebnis, das man spüren musste.
Gemälde „Northern Lights. Study from North Norway“ von Anna Boberg (1864–1935).
Niemand versuchte mehr, Fotos zu machen. Stattdessen starrten alle in fassungsloser Stille in den Himmel. Kaum hörbar schwebte ein leises „Wow“ und „Was ist das?“ über dem Rauschen der brechenden Wellen am Ufer entlang. Für mich war es ein einmaliges Erlebnis. Doch warum erleben wir in letzter Zeit so viele Polarlichter?
Es scheint, als befänden wir uns in einer Phase erhöhter Sonnenaktivität. Das bedeutet, dass die Sonne ständig koronale Massenauswürfe ausstößt. Space.com erklärt: „Sonnenzyklen folgen einem Nummerierungssystem, das 1755 mit dem Sonnenzyklus 1 begann. Wir befinden uns derzeit im Sonnenzyklus 25, der im Dezember 2019 beim Sonnenminimum begann.“
Und bisher hat sich der Zyklus 25 als echter Hingucker erwiesen. Neben technischen Störungen bescherten uns die Sonnenauswürfe Polarlichter bis nach Florida in den USA und in den Mittelmeerraum. Laut Experten schwächte sich die Sonnenaktivität nicht so schnell ab.
Vor 2024 hatte ich die Nordlichter nur einmal gesehen, und das ist lange her. Auch meine Eltern haben sie damals beobachtet, und es war das einzige Mal in ihrem langen Leben, an das sie sich erinnern konnten, sie gesehen zu haben. Kommentare im Internet deuten darauf hin, dass wir sie häufiger sehen, weil wir Handys, Internet und mehr Menschen haben, die miteinander kommunizieren.
Als jemand, der regelmäßig in Zeitungsarchiven stöbert, kann ich Ihnen jedoch versichern, dass die Amerikaner schon lange vor dem Beginn des digitalen Zeitalters jedes noch so kleine Detail ihres Lebens dokumentierten. Zu den historisch dokumentierten Erscheinungen gehören ein leuchtend roter Himmel nach der Schlacht von Fredericksburg im Jahr 1862 und der „Aurora-Blitz“ von 1941.
Das Gemälde „Sami on skis in northern lights“ von Frants Diderik Bøe (1820–1891).
Im Jahr 1862 berichteten Soldaten und Zivilisten in Virginia: „Eine Aurora Borealis, von wundersamer Schönheit. Feurige goldene Lanzen – alle nach oben gerichtet und winkend.“ Manche sahen darin ein glorreiches Zeichen, andere ein schlechtes Omen, etwa den Tod von Königen und Helden.
Das Gemälde „Aurora Borealis“ von Frederic Edwin Church (1826–1900).
Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet daher: Sind die leuchtenden Nachthimmel, die wir heute sehen, lediglich zyklische Naturphänomene, oder sind sie himmlische Vorzeichen in einem großen Epos, dessen Ende noch geschrieben werden muss?
Blick durch den neuen Klostergarten auf die Ruine der Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert. - Foto: anpoe3 , CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4939502
Auch in diesem Sommer waren sie wieder hier: die Mönche aus dem fränkischen Kloster Münsterschwarzach. Für eine Woche im August wandelten sie – wie schon seit 15 Jahren – im ehemaligen Kloster Memleben auf den Spuren ihrer benediktinischen Vorgänger.
Durch das Stundengebet des Heiligen Benedikt, geistliche Gesänge und die Gespräche mit Besuchern und Gläubigen bringen sie etwas vom mönchischen Geist zurück, der hier für weit über 500 Jahre bis zum Jahr 1548 beheimatet war.
Mimelebo
Erstmals erwähnt wird die Abtei Memleben unter dem Namen Mimelebo im Jahr 979 in einer Urkunde ihres Stifters, Kaiser Otto II. Schon vorher war der Ort jedoch von großer Bedeutung für das Herrschergeschlecht der Ottonen.
Hierher, in die Königspfalz, reist bereits der Großvater des Klostergründers, der ostfränkische König Heinrich I., mit seinem höfischen Gefolge. So auch im Jahr 936, nachdem er, gesundheitlich sehr geschwächt, seine Thronfolge bei einem Hoftag in Erfurt geregelt hatte. Nur kurze Zeit nach seiner Ankunft stirbt er am 2. Juli im Alter von 60 Jahren und wird, so besagen es alte Chroniken, in einer Marienkirche aufgebahrt, die vermutlich der sakrale Mittelpunkt der Königspfalz war.
Zum Nachfolger ruft man – dem Wunsch des Verstorbenen getreu – seinen ältesten Sohn aus.
Otto I., genannt der Große, in der Kaiserchronik Heinrichs V. um 1112/14.
Foto: gemeinfrei
Als Otto I., auch Otto der Große genannt, wird er das Ostfrankenreich 37 Jahre lang regieren, entschlossen verteidigen, nachhaltig prägen und weiter vergrößern. 962 krönt ihn Papst Johannes XII. in Rom zum Kaiser. Ein historischer Moment, der als Geburtsstunde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gilt.
Herz des Kaisers
Doch auch Kaiser gehen den Weg aller Sterblichen. Im Jahr 973 hält Otto der Große in Quedlinburg, wohin der Leichnam seines Vaters vier Jahrzehnte zuvor aus der Pfalz in Memleben überführt worden war, einen erfolgreichen Hoftag ab. Otto befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Bei guter Gesundheit reist er in seine 80 Kilometer entfernte Pfalz. Wahrscheinlich, um hier das Pfingstfest feierlich zu begehen. Aber es kommt anders als erwartet.
Während der abendlichen Vesper überfällt den 60-jährigen Kaiser ein plötzliches Fieber. Getreue können ihn gerade noch stützen und auf einen Stuhl setzen. Mit dem Trost des Sterbesakraments und der heiligen Kommunion versehen, stirbt er nur wenig später.
Im selben Ort und im gleichen Lebensalter wie sein Vater Jahrzehnte zuvor. Und auch er wird in der Marienkirche aufgebahrt. Bevor der Körper des Kaisers jedoch einbalsamiert und ins über 120 Kilometer entfernte Magdeburg, Ottos Machtzentrum und Lieblingsstadt, überführt werden kann, werden ihm Herz und Eingeweide entnommen und in Memleben bestattet.
Ob oder wo Herz und Eingeweide hier noch ruhen, wird vielleicht nie mehr mit Sicherheit zu klären sein. Archäologen haben die Fundamente der Marienkirche zutage gebracht. In ihr wiederum stießen sie auf ein ungewöhnliches steinernes Fundament, das als Basis eines Sanktuariums oder Schreins gedeutet werden könnte. Wurde hier das Herz des Kaisers verwahrt und seiner besonders gedacht?
Gebete für das Seelenheil
Die Kaiserpfalz Memleben verändert sich nach dem Tod Ottos des Großen jedenfalls nachhaltig. Vom Sterbeort des Großvaters und Vaters wird es vom Enkel, Sohn und Nachfolger, Otto II., zum klösterlichen Gedenk- und Gebetsort gewandelt.
Kaiser Otto II., Ausschnitt aus einem Einzelblatt aus dem Registrum Gregorii, entstanden in Trier nach 983.
Foto: gemeinfrei
Von nun an beten hier die Mönche des Benediktinerklosters, das Otto II. stiftet, für das Seelenheil der Verstorbenen und für die Herrscherdynastie der Ottonen.
Die Marienkirche wird abgetragen. Stattdessen lässt der neue Kaiser eine dreischiffige Klosterkirche im frühromanisch-ottonischen Stil errichten. Mit wahrhaft monumentalen, kaiserlichen Dimensionen.
Kloster Memleben entwickelt sich zur bedeutenden Reichsabtei.
Grundriss der monumentalen frühromanischen Klosterkirche aus dem 10. Jahrhundert.
Bedeutung und Größe, die erst dann langsam verblassen, als der Enkel des Klostergründers, Heinrich I., das Bistum Bamberg gründet und sich von da an vor allem dessen Förderung widmet.
Vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum die monumentale Klosterkirche verwaist und die Memlebener Mönche im 13. Jahrhundert in unmittelbarer Nachbarschaft dazu ein wesentlich kleineres, frühgotisches Gotteshaus errichten. Nur einzelne Bauteile der Vorgängerkirche überdauern. Das mönchische Leben im Kloster Memleben bleibt jedoch noch Jahrhunderte bestehen.
Ende einer Ära
1525 wird das Kloster jedoch von den Wirren des Bauernkrieges erreicht. Es wird geplündert und verwüstet. Schließlich wird es infolge der Reformation im Jahr 1548 endgültig aufgelöst. Bereits drei Jahre später überträgt Kurfürst Moritz von Sachsen Ländereien und Gebäude an die nur kurz zuvor gegründete Stiftung Landesschule Pforta.
Klosterkirche von Norden, links der Eingang zur Krypta.
Fast 400 Jahre fließen die Pachterlöse des ehemaligen Klosterguts an die berühmte Landesschule. Die spirituelle Strahlkraft Memlebens ist und bleibt jedoch verloren.
Die spätromanische Krypta dient zeitweilig als Kartoffelkeller, die Klosterkirche des 13. Jahrhunderts steht leer und ungenutzt. Ein verheerender Blitzschlag im Jahr 1722 zerstört ihr Dach und gibt das frühere Gotteshaus der Mönche noch mehr dem Verfall preis.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der sowjetischen Bodenreform und ihren Enteignungen gehen Bauwerke und Landbesitz in einen sogenannten volkseigenen Landwirtschaftsbetrieb über, der das Gut in intensiver, fast industrieller Weise bewirtschaftet.
Hoffnung am Horizont
Erst mit der politischen Wende Anfang der 1990er-Jahre erscheint ein Hoffnungsschimmer für die vernachlässigte und verfallende Klosteranlage. Der Gemeinde Memleben und einigen engagierten Bürgern gelingt es, das Gelände aus der Verwaltung der Treuhand herauszulösen.
1999 wird der Verein Kloster und Kaiserpfalz Memleben gegründet. 2008 folgt die kommunale gemeinnützige Stiftung. Heute führen spannende Ausstellungen und Veranstaltungen die Besucher dieses ganz besonderen Ortes in die bewegte Geschichte von Kaiserpfalz und Kloster ein.
Am schönsten und bewegendsten ist es jedoch, durch Ruinen und Bauwerke sowie über Fundamente zu wandern und die Steine selbst von ihrer Vergangenheit sprechen zu lassen.
In der Stille der Krypta, die alle Höhen und Tiefen des Klosters Memleben fast unbeschadet überdauert hat, meint man die Gebete und Gesänge aus vergangenen Jahrhunderten erahnen zu können.
Im nächsten Sommer werden sie wieder erklingen, wenn die Benediktiner aus Münsterschwarzach wiederkehren und das Stundengebet des Heiligen Benedikt anstimmen.
Informationen zur Klosteranlage Memleben und ihren Veranstaltungen finden Sie unter: kloster-memleben.de
Wenn es um die Zukunft der Raumfahrt geht, ist kürzlich oft die Rede davon, in absehbarer Zeit zum Mars zu fliegen. An dieser anspruchsvollen Mission arbeiten etwa die amerikanischen Unternehmen SpaceX und Blue Origin.
Von Europa hört man wenig. Zu Unrecht. Es gibt zum Beispiel das im Jahr 2021 gegründete deutsch-französische Raumfahrtunternehmen mit dem Namen ATMOS Space Cargo (ATMOS Weltraum-Fracht). Der Hauptsitz der Firma befindet sich im badischen Lichtenau.
Ziel des Unternehmens ist es, Fracht kostengünstig in das Weltall und wieder zurück zur Erde zu schicken – und zwar mit wiederverwendbaren Raumkapseln. Das hat bislang keine europäische Raumfahrtfirma geschafft, auch die Europäische Weltraumorganisation ESA nicht.
Foto: ATMOS Space Cargo
Mitbegründer und Chef des Start-up-Unternehmens ist Sebastian Klaus, ein ehemaliger Bundeswehroffizier der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte in Calw. Er hat während seines Dienstes an der Universität der Bundeswehr München Luft- und Raumfahrttechnik mit dem Schwerpunkt auf NewSpace-Technologien studiert.
„Strategische Autonomie“ durch europäische Infrastruktur im Orbit
In einem Interview mit dem Magazin „StartupValley“ vor rund einem Jahr machte Klaus darauf aufmerksam: „Orbitaler Rücktransport ist nicht nur wirtschaftlich, sondern geopolitisch relevant. Ohne eigene Rückkehrkapazität bleibt Europa abhängig.“
Die Vision von ATMOS sei es, eine europäische Weltraum-Infrastruktur zu schaffen, „die zivile und sicherheitsrelevante Anwendungen gleichermaßen stärkt“, so Klaus. Als europäisches Unternehmen orientiere man sich an den Grundwerten der EU und übernehme „Verantwortung, die bei dem Aufbau einer kritischen Infrastruktur entsteht, auch im Bereich Sicherheit“.
Indem die ATMOS-Raumkapseln sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt werden können – im politischen Sprachgebrauch nennt man dies „Dual-Use“ – entstehe Synergie: Ein und dieselbe Technologie ermögliche sowohl wissenschaftlichen Fortschritt als auch „strategische Autonomie“, sagte Klaus.
ATMOS will vor allem „eine nachhaltige und umfassende Integration des Weltraums in Forschung, Fertigung und Industrie auf der Erde“ ermöglichen.
„Wir treten nicht an, um Abenteuer für wenige Superreiche zu schaffen oder Flaggen auf fremden Planeten zu pflanzen“, kündigte Klaus in dem Interview mit dem Magazin an.
Das Unternehmen möchte vielmehr kostengünstig „die unbegrenzten Möglichkeiten des Weltraums für medizinische Forschung erschließen, sowie für Tests bei Hochleistungsmaterialien, die auf der Erde für Durchbrüche sorgen“.
Sebastian Klaus, CEO von ATMOS Space Cargo.
Foto: ATMOS Space Cargo
Konkret nennt Klaus biomedizinische Forschung. Diese verlange „die höchste Präzision bei Rückführzeiten“ der Experimente sowie bei den Umweltbedingungen, die in den Weltraumkapseln herrschen.
„Wenn Zellen oder Proteine in der Schwerelosigkeit wachsen, muss der Rückflug exakt planbar sein, sonst verliert das Experiment seinen Wert“, erklärt der Raumfahrtexperte. Gleiches gelte für Tests für Halbleiter oder genereller Materialforschung.
ATMOS habe dafür den Rückkehrkapselprototyp PHOENIX 1 in weniger als einem Jahr entwickelt, sagte der Firmenchef und erklärte weiter: Normalerweise dauere eine solche Entwicklung mehrere Jahre. Aber: „Als Startup hast du keine andere Wahl als schnell zu sein. Dafür musst du die Risiken eingehen, unter realen Bedingungen Fehler machen und aus ihnen lernen – nicht aus Simulationen“, berichtete Klaus vom Vorgehen seiner Firma.
PHOENIX 1 wurde im April 2025 vom amerikanischen Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida mittels einer SpaceX-Rakete des Tech-Unternehmers Elon Musk in den Weltraum geschickt.
Eines der Missionsziele des ersten Testflugs war einen damals neuartigen, aufblasbaren Hitzeschild für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu erproben.
Foto: ATMOS Space Cargo
Foto: ATMOS Space Cargo
Eingesetzt werden sollen die wiederverwendbaren Kapseln im erdnahen Orbit, in dem auch die Internationale Raumstation ISS in rund 400 Kilometer Höhe die Erde umkreist. Gelingt das Projekt, könnten zum Beispiel die ISS-Besatzungen mit ein und derselben Raumkapsel neue Fracht an Bord nehmen und von dort aus wiederum Fracht zur Erde schicken.
Inzwischen hat sich ATMOS mit den Typen PHOENIX 2 und 3 weiterentwickelt. Diese Weltraumkapseln sollen in der Lage sein, Nutzlasten von weniger als 100 kg bis zu mehreren Tonnen in den Weltraum zu transportieren und dort bis zu drei Monaten zu lagern.
Doch auch andere Staaten und Firmen forschen und experimentieren im Bereich der wiederverwendbaren Raumkapseln auf Hochtouren. Eine Datenbank vom September 2025 führt 69 weitere Unternehmen.
Auch die von 23 Staaten finanzierte ESA entwickelt gerade mit dem Space Rider ein unbemanntes, wiederverwendbares Raumfahrzeug für den Transport und für Experimente in der Erdumlaufbahn. Laut ESA, sei der Space Rider „das erste wiederverwendbare Raumfahrzeug Europas“.
Ziel sei es, mit einem fliegenden Labor bis zu zwei Monate unbemannt im niedrigen Erdorbit verweilen können und schließlich zur Erde zurückkehren. Genauso wie bei dem Privatunternehmen ATMOS sollen im Laderaum Experimente unter Schwerelosigkeit durchgeführt werden, darunter pharmazeutische Forschung, Materialtests und Materialfertigung im All. Die Landung soll mittels eines Gleitschirms gezielt auf einer Landebahn erfolgen. Der Erstflug des Space Rider ist für 2028 geplant.
Der Fachjournalist Andrew Parsonson sieht hinter dem Wettlauf um wiederverwendbare Raumkapseln die für das Jahr 2030 vorgesehene Stilllegung der ISS. Diese – schreibt er in seinem Medium „European Spaceflight“ – dürfte nach „eine gewisse Nachfrage für kommerzielle Betreiber schaffen“, doch bleibe ungewiss, ob diese Nachfrage ausreichen werde, „um eine wachsende Zahl konkurrierender europäischer Rücktransportdienste am Leben zu erhalten“.
Plakat mit einer Einladung für das Museum des Kommunismus in Prag. - Foto: Fotoillustrator/iStock
Es ist nicht mehr nötig, gegen den dialektischen Materialismus zu kämpfen: Ich musste nur ins Museum des Kommunismus gehen. Was mich dort erwarten würde, wusste ich nicht genau. Die Antwort erhalte ich bereits am Eingang. Eine Darstellung von Karl Marx wird von drei Worten begleitet: Traum. Realität. Albtraum. Der Ton ist gesetzt.
Ein Stück weiter übernimmt der tschechische Humor das Ruder. Eine Postkarte fasst auf ihre ganz eigene Weise die Versorgungsengpässe jener Zeit zusammen: „… Waschmittel ist nirgends zu finden. Was die Gehirnwäsche angeht, gibt es hingegen keinerlei Probleme.“
Während des gesamten Besuchs wird man an die Hand genommen und von Schlagzeilen im Stil der damaligen Zeit geleitet: das Wesentliche in wenigen Zeilen, darunter die Details für diejenigen, die tiefer einsteigen möchten.
Mal ernste, mal skurrile Fotos, Objekte aus der damaligen Zeit und Rückblenden ergänzen die Erzählung. So bewegt man sich durch die Geschichte wie durch die Seiten einer großen Zeitung.
Machtkonzentration und Verstaatlichung
Allmählich zeichnen sich die klassischen und perversen Mechanismen des „1. Klasse“-Systems ab: Macht konzentrieren, verstaatlichen, die private Initiative unterbinden, Grenzen schließen, überwachen, Propaganda betreiben … und unweigerlich, wie immer, zunächst an etwas Mangel leiden, dann gar nichts mehr haben und schließlich die Welt vermissen, die man gerade erst auslöschen wollte.
Der Rundgang wird übrigens von manchmal bissigen, manchmal offen humorvollen Schlagzeilen unterbrochen. An einer Wand steht dieser Satz, fälschlicherweise Winston Churchill zugeschrieben: „Überlasst die Sahara den Kommunisten, und nach fünf Jahren wird es einen Sandmangel geben.“ Der weitere Verlauf des Rundgangs verdeutlicht dies recht schnell.
Februar 1948: Die Kommunistische Partei übernimmt die Macht in der Tschechoslowakei. Kaum ist die Revolution etabliert, beginnt das Privateigentum seine Koffer zu packen. Eine Freiheit, die die Genossen – bald Gefangene ihres eigenen Landes – nicht mehr haben werden.
Reisekontrollen. Stacheldraht. Hunde. Überwachung. Verhaftungen. Gefängnis. Die Genossen sind nun in ihren eigenen Grenzen gefangen. Außer, wie immer, einige privilegierte Auserwählte: gute Beziehungen sind mehr wert als ein schlechter Pass.
Im Museum des Kommunismus in Prag.
Foto: Jack Chaumont
Das Museum versetzt einen direkt in die Atmosphäre jener Zeit. In einer dunklen Ecke wird man plötzlich von einem Soundtrack umhüllt: Hundegebell, Befehle der Wachen, Flehen und zitternde Stimmen. Allein durch den Klang spürt man den Schrecken und die Angst derjenigen, die versuchten, die Grenze zu überqueren.
Wie üblich folgt man dann dem klassischen Schema: Banken, Versicherungen, Bergwerke und Großunternehmen werden verstaatlicht. Dann sind die anderen an der Reihe. Über 3.000 Unternehmen gehen in staatliche Hände über.
Und wenn noch ein widerspenstiger Handwerker oder Kleinhändler übrig bleibt, braucht man ihn nicht zu enteignen: Man muss ihm nur die Rohstoffe verweigern, die Strafen vervielfachen und seine Tätigkeit einfach unmöglich machen. Und wenn er wirklich zu widerspenstig ist, können ein paar Elektroschocks oder sogar subtilere Folterungen im Gefängnis ihn überzeugen.
Ein ruiniertes Land
Anfang der 1960er-Jahre ist der tschechoslowakische Privatsektor nahezu am Ende. Und da der Staat die Wirtschaft lenkt, bestimmt er auch die Preise und die Verteilung. Das Ergebnis lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: „Stehen Sie an, wie alle anderen.“
Für alltägliche Produkte gibt es Rationierung. Um ein Auto zu bekommen, muss man sich auf eine Liste setzen lassen. Wer ein Fahrrad haben will, muss dem Cousin des Schwagers des Leutnants einen Schein zustecken. Damenbinden werden gewaschen und wiederverwendet.
Und die offizielle Tageszeitung der Kommunistischen Partei, „Rudé právo“, hat eine unerwartete zweite Karriere: In Stücke geschnitten dient sie buchstäblich als Toilettenpapier. Eine treffendere und endgültigere redaktionelle Kritik ist kaum vorstellbar.
Parallel dazu entwickelt sich eine ganze Schattenwirtschaft. Klempner, Maurer, Tischler und andere Handwerker arbeiten nach ihrem offiziellen Arbeitstag weiter. Tauschhandel und Schmiergelder florieren. Ende der 1980er-Jahre kursiert sogar die Maxime: „Wer nicht stiehlt, bestiehlt seine Familie.“
Und diese wunderbare, ideale, gleichberechtigte Gesellschaft erfindet schließlich ihre eigenen Geschäfte für Privilegierte. Sie heißen Tuzex.
Dort findet man genau das, was das normale System nicht bietet: Jeans, Adidas, Lego, Whisky, Schokolade, westliche Kosmetik, Elektronikgeräte … Aber nicht mit den gewöhnlichen Kronen. Man braucht eine spezielle Währung, die „Bony“, die auf dem Schwarzmarkt bis zum Fünffachen ihres offiziellen Wertes gehandelt wird.
Ende der 1980er-Jahre konnten manche „Bony“-Händler zwischen 100.000 und 250.000 Kronen pro Monat verdienen, während das durchschnittliche Monatsgehalt kaum über 3.000 Kronen lag. Die Gleichheit hatte also schließlich ihre Reichen hervorgebracht – versteckt im Dunkeln des „Grand Soir“, des ersehnten revolutionären Umsturzes.
Zeitleiste Ost und West
Eine der aufschlussreichsten Entdeckungen im Museum ist eine große Zeitleiste, die Ost und West parallel von den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts verdeutlicht.
Einige Bilder genügen. Im Westen: Astronauten mit Sauerstoffmasken bei Apollo 11. Im Osten: Schulkinder mit Gasmasken, dazu Panikmache wegen des amerikanischen Kartoffelkäfers. Im Westen: Bluejeans. Im Osten: Schwarzmarkt. Im Westen: Weihnachtsmann. Im Osten: Vater Lenin.
Im Museum des Kommunismus in Prag.
Foto: Jack Chaumont
Oder fast. In den 1950er-Jahren versuchten die Behörden tatsächlich, den traditionellen Ježíšek – das Christkind, das den tschechischen Kindern Geschenke bringt – durch den sowjetischen Ded Moroz (Väterchen Frost) zu ersetzen.
Weiter hinten wird eine Wohnung auf eigenartige Weise rekonstruiert: Tisch, Stühle und andere Gegenstände sind vertikal an der Wand befestigt, als ob man die Wohnung von oben betrachtete. Big Brother, tschechoslowakische Version.
Hinter einer Vitrine erscheint auch das klassische kommunistische Klassenzimmer mit seiner zeittypischen Dekoration und den roten Halstüchern.
Hinter dem Absurden kommt das Tragische
Repression, politische Polizei, Inhaftierungen, geschlossene Grenzen, dann die sowjetische Besatzung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings.
Im Januar 1969 zündet sich Jan Palach, ein 20-jähriger Student, auf dem Wenzelsplatz an. Seine Tat wird eines der mächtigsten Symbole des Widerstands gegen die Resignation. Hier hört der Humor auf. Auf meiner Uhr ist es 17:55 Uhr. Ich schließe für 15 Minuten die Augen und spüre dabei ein seltsames inneres Vibrieren.
Glücklicherweise kehrt der Humor in den Museumsshop zurück: Ich entdecke dort unter anderem Kerzen mit den Konterfeis von Stalin und Lenin. Das Konzept hat durchaus etwas Poetisches. Allein die Vorstellung, sie mit nach Hause zu nehmen und ihnen dabei zuzusehen, wie sie langsam vor sich hin brennen, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
Ein letzter tschechischer Witz, gedruckt auf Plakaten, Taschen und T-Shirts: „Es gab kein Toilettenpapier. Glücklicherweise gab es sowieso nichts zu essen.“
Nach 40 Jahren tschechoslowakischer Geschichte verlasse ich das Museum mit einem letztlich recht optimistischen Gedanken und der Hoffnung, dass es bald überall auf der Welt genauso sein wird: Der Kommunismus hat vielleicht endlich seinen Platz gefunden – in einem Museum, zumindest an einem Ort, wahrscheinlich dem einzigen, wo er funktioniert.
Dem Fieber auf der Spur: Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts erforschten den Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Impfantwort. (Symbolbild) - Foto: gorodenkoff/iStock
In Kürze:
Das Darmmikrobiom könnte die grundsätzliche Aktivität des Immunsystems beeinflussen.
Unterschiede in den Darmmikrobiota können daher auch die Reaktion auf Impfstoffe und andere Herausforderungen steuern.
Personen mit stärkeren Fieberreaktionen nach einer Impfung produzieren schon vorher mehr Flagelline.
Bei Mäusen konnte die Produktion von mikrobiellem Flagellin und damit die Impfreaktionen durch Ernährung beeinflusst werden.
Impfungen sind eine Maßnahme, um die Gesundheit der gesamten Bevölkerung zu schützen und Infektionskrankheiten einzudämmen. Trotz Verwendung gleicher Impfstoffe reagieren verschiedene Menschen jedoch sehr unterschiedlich: Während einige nach der Impfung Fieber oder grippeähnliche Symptome entwickeln, bleiben andere völlig unbeeinträchtigt.
Gerade das Risiko von Nebenwirkungen löst bei vielen Menschen Zweifel und Angst aus, was die Impfbereitschaft beeinträchtigen, die Impfquoten senken und das Risiko für vermeidbare Erkrankungen und Todesfälle erhöhen kann. Fieber ist ein Zeichen einer entzündlichen Immunreaktion. Es war bisher aber unklar, warum nur manche Menschen nach Impfungen Fieber bekommen.
Forscher des Max-Planck-Instituts für Biologie Tübingen, der Georgia State University, des Institut Pasteur in Paris, des französischen Gesundheitsforschungsinstituts (Inserm), der University of Manitoba, der University of California San Diego und des Instituts für Tropenmedizin der Universität Tübingen haben nun gezeigt, dass eine Ursache für die Unterschiede in der Immunantwort nach Impfung das Darmmikrobiom sein könnte.
Die Billionen Mikroorganismen, die den menschlichen Darm besiedeln, unterscheiden sich von Mensch zu Mensch und stehen in ständiger Wechselwirkung mit dem Immunsystem. Durch die Interaktion mit unseren Immunzellen tragen sie dazu bei, den Immunstatus einer Person bereits vor der Impfung zu prägen.
Billionen Mikroorganismen besiedeln den menschlichen Darm und interagieren kontinuierlich mit unseren Immunzellen. (Symbolbild)
Foto: piyaset/iStock
Studie mit geimpften Personen
Um die Rolle des Mikrobioms während der Impfung besser zu verstehen, hat ein Team unter der Leitung von Ruth Ley, Direktorin am Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen, die µHEAT-Studie (Microbial-Human Ecology and Temperature) ins Leben gerufen. Mit Unterstützung von Meral Esen vom Institut für Tropenmedizin in Tübingen wurden für die Studie gesunde junge Erwachsene rekrutiert, die sich 2021 und 2022 gegen SARS-CoV-2 impfen ließen.
Die Teilnehmer stellten Stuhlproben für die Mikrobiom-Charakterisierung und Blutproben für Immunmessungen zur Verfügung und dokumentierten in der Woche vor und nach der Impfung regelmäßig ihre Körpertemperatur.
„Es war eine Herausforderung, mitten in der Pandemie eine neue Studie mit Menschen auf die Beine zu stellen“, sagt Hauptautorin Kelsey Huus, die die µHEAT im Rahmen ihrer Postdoc-Arbeit leitete und mittlerweile Assistenzprofessorin an der University of Ottawa in Kanada ist. „Wir wollten die Teilnehmer nicht mit zu vielen Messungen oder Terminen belasten. […] Aber der Aufwand hat sich gelohnt, die Studie liefert einige sehr spannende Ergebnisse.“
Eine mikrobielle Signatur vor der Impfung
Wie erwartet zeigten die Teilnehmer erhebliche Temperaturunterschiede als Reaktion auf die Impfung. Einige entwickelten hohes Fieber. Interessanterweise ließen sich mehrere Faktoren identifizieren, die Personen mit stärkeren Fieberreaktionen bereits vor der Impfung von den anderen unterschieden. Besonders auffällig war, dass die Darmmikrobiome dieser Personen bereits vorab eine erhöhte Aktivität von Genen für bakterielle Beweglichkeit zeigten. Diese Erhöhung war besonders bei Genen sichtbar, die für die Herstellung der peitschenartigen Flagellen verantwortlich sind, mit denen sich viele Bakterien fortbewegen.
Flagellen sind Strukturen, die es Bakterien ermöglichen, sich durch Flüssigkeiten zu bewegen, und bestehen aus kleinen Proteinen, den sogenannten Flagellinen. Da Flagelline auch von schädlichen Erregern wie Salmonellen produziert werden, erkennt das menschliche Immunsystem sie als potenziell gefährliche Signale und löst daraufhin eine Entzündungsreaktion aus.
Salmonellen produzieren Flagelline, die vom Immunsystem als Warnsignal erkannt werden und eine Entzündungsreaktion auslösen können. (Symbolbild)
Foto: urfinguss/iStock
Wichtig ist, dass diese Unterschiede im Mikrobiom bereits vor der Impfung bestanden. Personen, die später stärkeres Fieber entwickelten, zeigten etwa durch unterschiedliche Entzündungsmarker im Blut und in Stuhlproben zudem Hinweise auf einen zuvor entzündlich aktivierten Grundzustand. Zusammen deuten diese Beobachtungen darauf hin, dass die Produktion von mikrobiellen Flagellinen zum bereits bestehenden Immunstatus einer Person beitragen und dadurch die Reaktion auf die Impfung beeinflussen könnte.
Steuert das Mikrobiom die Immunreaktion?
Um zu prüfen, ob das Mikrobiom tatsächlich die Immunreaktion beeinflusst, führten die Forscher ein klassisches Mikrobiom-Experiment durch: Sie übertrugen Stuhlmikrobiome von Studienteilnehmern auf Mäuse, die kein eigenes Darmmikrobiom besaßen. Die Tiere wurden anschließend geimpft, um zu testen, ob diese unterschiedlichen Mikrobiota allein ausreichen, unterschiedlich starke Impfreaktionen hervorzurufen.
Tatsächlich entwickelten Mäuse, die Mikrobiome von Personen mit starker Fieberreaktion erhalten hatten, nach der Impfung eine deutlich stärkere Entzündung als ihre Artgenossen, die Mikrobiome von Personen mit milder Reaktion erhalten hatten. Zudem war dieser Effekt teilweise davon abhängig, ob die Tiere in der Lage waren, bakterielle Flagelline zu erkennen.
Insgesamt deuten die experimentellen Ergebnisse darauf hin, dass das Darmmikrobiom dazu beitragen kann, den Entzündungszustand des Wirts vor der Impfung zu beeinflussen. Mikrobielle Flagelline scheinen dabei eine zentrale Rolle bei der Bestimmung der Stärke der entzündlichen Reaktion auf Impfstoffe zu übernehmen.
Die Studie untersuchte auch, warum die Mikrobiome einiger Studienteilnehmer von vornherein mehr Flagelline produzieren. Dabei identifizierten die Forscher die Ernährung als einen möglichen Einfluss und testeten daher, ob Ernährungsfaktoren die mikrobielle Flagellinproduktion verändern könnten.
„Wir konnten beobachten, dass bestimmte Lebensmittelzusatzstoffe die Produktion von Flagellinen durch Darmbakterien in vitro erhöhen“, erklärt Benoit Chassaing, Forschungsdirektor am Institut Pasteur. Weiter sagte er:
„Interessanterweise deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass Bestandteile einer industrialisierten Ernährung das Wachstum von flagellierten Darmbakterien fördern und damit die Flagellinproduktion insgesamt erhöhen können.“
Hirohito Abo, Co-Autor von der Georgia State University in Atlanta, betont die weitreichenden Auswirkungen der Ernährung auf die Immunantwort nach einer Impfung: „Wir haben festgestellt, dass eine fettreiche, eher typisch westliche Ernährung die entzündlichen Impfreaktionen bei Mäusen verstärkt hat.“
Teilnehmer, die eine pflanzliche Ernährung bevorzugten, zeigten nach der Impfung tendenziell schwächere Fieberreaktionen. Ein Beweis oder eine Lösung des Problems ist das nicht: „Obwohl wir nicht nachweisen konnten, dass bei Menschen die Ernährung direkt die Impfreaktion bestimmt, zeigen unsere Ergebnisse, dass die Ernährung ein Faktor ist, der ein proinflammatorisches Mikrobiom begünstigen kann“, fasst Huus zusammen. „Nur Interventionsstudien werden zeigen können, ob Ernährungsumstellungen die Flagellinproduktion durch Darmbakterien beeinflussen und damit auch die Impfreaktionen wie Fieber verändern können.“
Das Mikrobiom prägt den Immunstatus
„Die Impfung bietet eine kontrollierte Möglichkeit, zu verstehen, warum Menschen so unterschiedlich auf denselben Immunreiz reagieren“, ergänzt Ruth Ley, Direktorin der Abteilung für Mikrobiomforschung. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass mikrobielle Flagelline einen Beitrag zu diesem Grundimmunzustand leisten und damit einen möglichen Zusammenhang zwischen Unterschieden im Darmmikrobiom und Unterschieden bei den Immunreaktionen herstellen.“
In Zukunft könnten Interventionen, die auf das Mikrobiom abzielen, getestet werden, um zu versuchen, starke Fieberreaktionen nach einer Impfung zu reduzieren. Dies könnte dazu beitragen, Bedenken auszuräumen, die zur Impfskepsis führen. Zudem deutet die µHEAT-Studie darauf hin, dass das Darmmikrobiom nicht nur die Reaktion auf Impfstoffe beeinflusst, sondern möglicherweise generell den individuellen Immuntonus prägt – mit Auswirkungen auf die Reaktion auf eine Vielzahl von Immunreizen jenseits der Impfung.
„Letztendlich ergänzt diese Arbeit die wachsenden Belege dafür, dass das Darmmikrobiom eine zentrale Rolle für die Gesundheit des menschlichen Immunsystems spielt“, fügt Huus hinzu. „Das Verständnis dieser Wechselwirkungen könnte nun neue Möglichkeiten eröffnen, um individuelle Unterschiede bei Immunreaktionen besser vorherzusagen, zu verhindern und zu bewältigen.“
Die französische Unternehmerin und Geschäftsführerin des Weltraumforschungsunternehmens „The Exploration Company“, Hélène Huby (l), und Daniel Neuenschwander, Direktor für bemannte Raumfahrt und Robotik bei der Europäischen Weltraumorganisation, bei der Unterzeichnung einer Vereinbarung während des ersten Internationalen Weltraumgipfels in Paris am 10. September 2026. - Foto: Lou Benoist/AFP via Getty Images
Falls in zwei Jahren wie geplant eine europäische Frachtkapsel an der Internationalen Raumstation ISS andockt, dann wird dies nicht zuletzt das Verdienst einer Französin sein.
Die Unternehmerin Hélène Huby hat vor fünf Jahren das Raumfahrtunternehmen The Exploration Company (TEC) gegründet, das Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitag in Bordeaux besuchen wollen.
„Wir planen das erste Andocken des Frachtfahrzeugs an die ISS im November 2028“, sagte die 48 Jahre alte Huby im September bei einem internationalen Weltraum-Treffen in Paris. Macron hatte sie dafür zur Sonderbotschafterin ernannt.
The Exploration Company hat 450 Millionen Dollar bei Investoren eingeworben und einen Vertrag in Höhe von 760 Millionen Euro mit der Europäischen Raumfahrtagentur ESA unterzeichnet. Darin ist festgehalten, dass die Nyx-Kapsel an Bord einer Ariane-6-Rakete ins All befördert werden soll.
Doch Huby hat längst größere Pläne: Die Raumkapsel Nyx soll langfristig auch Astronauten ins All befördern, dabei mehrfach nutzbar sein und auf verschiedene Trägerraketen passen. Auch eine eigene Trägerrakete soll entwickelt werden.
„Mein Traum: In zehn Jahren starten wir von Kourou mit unseren Raketen, mit einer bemannten Kapsel an der Spitze. Wir landen in Australien, starten erneut, dann landen wir in Indien und starten wieder“, sagte sie im März in einem Interview. Sie habe das Unternehmen gegründet, „um Europa einen Platz am Tisch der Weltraumnationen zu sichern“.
Hélène Huby (2.r) bei einer Rede am 10. September in Paris. Neben ihr Daniel Neuenschwander (l.), Direktor für bemannte Raumfahrt und Robotik bei der Europäischen Weltraumorganisation, François Jacq (2.v.l), Geschäftsführer des Centre National d’Études Spatiales, und der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation, Josef Aschbacher (r).
Foto: Lou Benoist/AFP via Getty Images
Von Eliteschulen zum Orion-Raumschiff
Huby hat mehrere französische Eliteschulen durchlaufen und war am renommierten Lycée Henri IV zeitweise Mitschülerin von Macron. „Emmanuel war schon damals außergewöhnlich, er hatte eine große Ausstrahlung und innere Energie“, erinnerte sie sich später.
Ihre ersten Berufsjahre verbrachte sie unter anderem als Journalistin in Brüssel und bei einem Start-up in Deutschland, bis sie 2013 beim Luftfahrtunternehmen Airbus Vizechefin für die Raumfahrtstrategie wurde und sich fortan dem Weltall zuwandte.
Zeitweise war sie für das in Europa entwickelte Servicemodul des Orion-Raumschiffs der NASA zuständig, das wieder Astronauten zum Mond bringen soll. Das Servicemodul versorgt dabei die Raumkapsel mit Antrieb, Strom und Sauerstoff.
Huby sagte später, dass es frustrierend gewesen sei, auf alter Technologie aufzubauen und ein Modul zu entwickeln, das am Ende verglühen würde. Sie war fasziniert von SpaceX, das die teils wiederverwertbare Trägerrakete Falcon 9 auf den Markt brachte.
In ihr reifte die Idee, eine europäische Alternative zu SpaceX aufzubauen. „Ich wusste, dass es verrückt war, aber ich wollte es versuchen“, sagte sie 2024 dem Fachmagazin „Ars Technica“. Sie gründete The Exploration Company mit einem Team von vier Leuten und einem Startkapital von 50.000 Dollar.
Inzwischen ist sie ihrem Ziel ein großes Stück näher gekommen. Das Unternehmen brachte bereits zwei Testkapseln ins All: Die 40 Kilo schwere „Bikini“ wurde 2024 auf dem Jungfernflug der Ariane 6 ins All gebracht. Sie sollte die Rückkehr aus dem Orbit testen, verblieb aber wegen technischer Probleme der Ariane im All und wurde zu Weltraumschrott.
TEC-Chefin Hélène Huby im Jahr 2025. (Archiv)
Foto: Matthias Balk/dpa
Auch Teilerfolge liefern Daten
Eine zweite Kapsel namens „Mission possible“ erreichte 2025 mit einer Falcon 9 den Orbit. Auch der kontrollierte Wiedereintritt in die Atmosphäre gelang. Doch dann gab es ein Problem mit dem Fallschirm, und die Kapsel ging im Pazifik verloren.
Für Huby waren es keine Fehlschläge, im Gegenteil: „Selbst ein Teilerfolg liefert Daten, die Risiken künftiger Flüge verringern“, betonte Huby, die es neben ihrer Arbeit auch noch schafft, vier Kinder großzuziehen, Tennis und Cello zu spielen.
Während die Raumfahrt ein Feld scharfer internationaler Konkurrenz geworden ist, vertritt Huby einen anderen Ansatz: „Unsere Mission ist es, Raumfahrzeuge über nationale Grenzen hinweg zu bauen, um Frieden und Kooperation im All zu fördern“, sagt sie. Auf der Website ihres Unternehmens prangt der Spruch: „Space for all“ – (Welt-) Raum für alle. (afp/red)
Eine europaweite Lösung für die Abschaffung der Zeitumstellung ist nicht in Sicht, da die EU-Staaten sich seit Jahren nicht auf eine Position einigen können. - Foto: Vinayak Jagtap/iStock
Um unsere Uhren mit der astronomischen Zeit in Einklang zu halten, wurde immer wieder mal eine Schaltsekunde eingefügt. Doch damit soll Schluss sein.
Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) will die abzuziehende oder zusätzliche Sekunde abschaffen, um für mehr Stabilität zu sorgen. Die finale Bestätigung soll am 15. Oktober im französischen Versailles erfolgen. Worum geht es genau?
Schaltsekunden gleichen Weltzeit und astronomische Zeit aus
Unsere Zeitmessung beruht auf zwei verschiedenen Grundlagen. Zum einen gibt es die Koordinierte Weltzeit UTC. Sie basiert auf der Messung von Atomuhren. Zum anderen gibt es die astronomische Zeit UT1, die Universalzeit, die durch die Erdrotation bestimmt wird.
Die Atomuhren liefern eine konstante Zeit. Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde hingegen schwankt geringfügig, von Tag zu Tag, von Jahreszeit zu Jahreszeit und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Das wiederum bedeutet, dass die beiden Zeitskalen leicht voneinander abweichen.
Um dem entgegenzuwirken, wurde festgelegt, dass UTC und UT1 maximal 0,9 Sekunden voneinander abweichen dürfen. Ist diese Differenz in etwa erreicht, soll jeweils eine Schaltsekunde die Zeiten wieder in Einklang bringen. Das ist seit der Einführung des Verfahrens 1972 genau 27 Mal geschehen, entschieden vom Internationalen Erdrotations- und Referenzsystemdienst (IERS). Zuletzt wurde Ende 2016 eine Schaltsekunde eingefügt.
Die zusätzliche Sekunde wurde in der Vergangenheit entweder am Ende des 30. Juni oder des 31. Dezember eingeschoben. Diese eine Minute hatte dann 61 statt der üblichen 60 Sekunden.
Schaltsekunden können IT-Störungen verursachen
Für Menschen bleibt sie meist unbemerkt, in Computersystemen kann sie Störungen verursachen. Auch kritische Infrastruktur wie Energieversorgung, Telekommunikation oder Verkehr brauchen laut Generalkonferenz CGPM eine konstante Zeit ohne Anpassungen.
Über sehr lange Zeiträume wird die Erdrotation durch Gezeitenkräfte von Mond und Sonne gebremst. In den vergangenen Jahren allerdings hat sich die Erdrotation laut CGPM leicht beschleunigt.
Es könnte auch erstmals eine Sekunde abgezogen werden
Es besteht Fachleuten zufolge die Möglichkeit, dass erstmals eine Sekunde abgezogen und nicht hinzugefügt werden müsste, um UTC und UT1 wieder anzugleichen.
Diese Situation gab es noch nie und ob der Abzug der Sekunde störungsfrei umgesetzt werden könnte, ist unklar. Die Industrie befürchtet der CGPM zufolge erhebliche technische Vorbereitungen und zusätzliche Kosten.
Laut Generalkonferenz steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Minus-Schaltsekunde in den nächsten Jahren notwendig würde. Um Risiken vorzubeugen, soll die Schaltsekunde deshalb rasch ganz abgeschafft werden – nach bisherigem Vorschlag zum 20. Mai 2027.
Die Weltzeit könnte ungenauer werden
Die Generalkonferenz schlägt vor, die Schaltsekunde gar nicht mehr zu verwenden, sondern eine kontinuierliche UTC ohne sprunghafte Ein-Sekunden-Korrekturen zu nutzen.
Dafür soll die Koordinierte Weltzeit künftig bis zu 3.600 Sekunden – also eine ganze Stunde – von der astronomischen Zeit abweichen dürfen.
Die Fachleute hoffen, dass die Zeiterfassung so für mehrere Jahrhunderte nicht angepasst werden muss. Dass sie überhaupt eine konkrete Sekundenzahl für die maximal erlaubte Differenz festlegen, liegt daran, dass manche Software einen solchen Maximalwert benötigt.
Wird die Schaltsekunde abgeschafft, werden sich UTC und UT1 nach und nach weiter voneinander entfernen. Die Uhrzeit würde stärker vom Stand der Sonne am Himmel abweichen – für den Alltag wäre das noch für lange Zeit bedeutungslos.
Und: Schon heute stimmt die gesetzliche Uhrzeit wegen der Breite der Zeitzonen, der geografischen Lage eines Ortes und der Sommerzeit nicht genau mit der örtlichen Sonnenzeit überein.
Auswirkungen könnte die Änderung vor allem für diejenigen haben, die mit der astronomischen Zeit arbeiten – etwa Astronomen oder Fachleute der Geodäsie, der Vermessung der Erdoberfläche. (dpa/red)
Erst hörte Thomas Watson nichts, dann blieb er bis weit nach Mitternacht am Apparat. Sein berühmtes Telefonat mit Alexander Graham Bell jährt sich am Freitag zum 150. Mal. Das erste Ferngespräch über eine Telegrafenleitung fand am 9. Oktober 1876 statt.
Bell saß in seinem Labor in Boston (US-Staat Massachusetts), sein Assistent Watson rund zwei Meilen entfernt in Cambridge. Verbunden waren die beiden über eine private Telegrafenleitung der Walworth Manufacturing Company.
Erster Telefonsender und -empfänger, erfunden von Alexander Graham Bell (1876).
Foto: Hein Nouwens/iStock
So schilderte es Watson später in seinem Bericht über die Anfänge des Telefons. Als er das Gerät anschloss, blieb es zunächst still. Erst nachdem er ein weiteres Bauteil aus dem Stromkreis entfernt hatte, kam Bells Ruf durch: „Ahoi, ahoi!“ Watson antwortete – und der Versuch war geglückt.
Die beiden Erfinder legten offenbar nicht gleich wieder auf. Watson schrieb, sie hätten aus Freude über die geglückte Verbindung bis weit nach Mitternacht weitergeredet.
Am nächsten Morgen habe die Vermieterin in Boston weniger nächtlichen Lärm verlangt – mit der Drohung, dass sie das Labor sonst räumen müssten.
Watson zufolge verbreitete sich der Ruf des Telefons rasch bis ins Ausland: Viele Neugierige pilgerten auf den Dachboden des billigen Wohnhauses, in dem Bell sein Labor hatte.
Die Liste der Wissenschaftler, die das Telefon dort sehen wollten, lese sich wie das Mitgliederverzeichnis der „American Association for the Advancement of Science“, witzelte er. (dpa/red)
Jonathan ist fast 200 Jahre alt. - Foto: Joe Holland/EurekAlert/dpa
Jonathan ist geschätzte 194 Jahre alt – und auf seine alten Tage ein begehrtes Forschungsobjekt. Wissenschaftler versprechen sich von der Aldabra-Riesenschildkröte (Aldabrachelys gigantea) Aufschluss über das Altern – genauer gesagt darüber, wie dieser Prozess bei einem Lebewesen abläuft, das ein solch stolzes Alter erreicht hat.
Aktuell soll Jonathan das älteste bekannte Landtier der Welt sein, wie es im Fachjournal „Science Advances“ heißt. Nach Schätzung von Forschern ist er im Jahr 1832 geschlüpft – und damit ein Zeitgenosse von Charles Darwin (1809-1882) und Queen Victoria (1819-1901).
Vor 144 Jahren war die Schildkröte von den Seychellen aus als Geschenk für den Gouverneur nach St. Helena, eine Vulkaninsel im Südatlantik und britisches Überseegebiet, gebracht worden.
Ein Team unter anderem mit Forschern der Universität Cambridge und der Longevity-Forschungsorganisation Kallel analysierte nun genetische Proben der Schildkröte, die aus Abstrichen im Wangenbereich genommen wurden.
Man habe Jonathan mit der Aussicht auf Futter gelockt, bis er sein Maul weit genug geöffnet habe, um Abstriche nehmen zu können, heißt es in einer Mitteilung zur Studie. Die Entnahme von Blutproben sei wegen behördlicher Beschränkungen nicht möglich gewesen.
Die Forscher glichen die Genproben des alten Jonathan auch mit genetischen Proben von vier anderen Schildkröten ab – einem Jungtier, einem zwölf Jahre alten Tier und zwei älteren Männchen, die aber noch deutlich jünger als Jonathan waren.
Alle leben ebenfalls nicht in freier Wildbahn, sondern in Zoos oder ähnlichen Einrichtungen. Erstaunlicherweise ähnelte das sogenannte Epigenom von Jonathan stark jenem der jüngeren Schildkröten. Das Epigenom besteht aus Markierungen an der DNA, die beeinflussen, welche Gene aktiviert und welche deaktiviert werden.
Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Jonathan auf der Insel St. Helena.
Foto: A.L. Innes/EurekAlert/dpa
Über zwei Jahrhunderte sehr stabil
Üblicherweise verändere sich das Epigenom im Zuge des Alterungsprozesses, schreiben die Autoren. Dies sei einer der Gründe, weshalb in älteren Körpern Dinge nicht mehr so gut funktionierten wie in jüngeren.
Als umso bemerkenswerter bewerten die Experten den Zustand von Jonathans Epigenom: „Wir haben festgestellt, dass die an der Energieproduktion und der DNA-Reparatur beteiligten Genregulatoren bei Jonathan über fast zwei Jahrhunderte hinweg unglaublich stabil geblieben sind“, sagte Co-Autor Justin Gerlach von der Universität Cambridge.
Bei der Analyse entdeckte das Team 287 Gen-Varianten, die die üblichen Alterungsprozesse verringern. Sie seien unter anderem dafür verantwortlich, DNA-Schäden zu reparieren, Entzündungen zu verringern oder Krebs zu unterdrücken. Nach Angaben des Teams war es das erste Mal, dass das Epigenom einer Riesenschildkröte detailliert untersucht worden ist.
Trotz dieser genetischen Erkenntnisse bleibt der Grund, weshalb Jonathan so alt geworden ist, ein Rätsel. Gerlach sagte auch:
„Er könnte die außergewöhnlich älteste Riesenschildkröte aller Zeiten sein, oder aber völlig normal: Bis vor kurzem hat niemand das Alter von Schildkröten dokumentiert.“
Vorerst gehen die Forscher davon aus, dass Jonathan mit seinen fast 200 Jahren etwa doppelt so alt ist, wie die meisten seiner Artgenossen typischerweise werden.
Hoffnung auf übertragbare Erkenntnisse
Stephen Clark, Gründer von Kallel, erklärte, Ziel sei die Übertragung solcher Erkenntnisse in Behandlungsmöglichkeiten für Menschen.
Von Erkenntnissen über die genetischen Codes von Alterungsprozessen bei einer Schildkröte bis hin zu solchen praktischen Anwendungen dürfte es jedoch noch ein sehr weiter Weg sein. (dpa/red)
Jeder achte neue Krebsfall im Jahr 2024 könnte auf eine Infektion zurückgehen – und ließe sich unter Umständen mit entsprechenden Maßnahmen reduzieren. - Foto: wildpixel/iStock, Epoch Times
Taktgeber in der Erde
Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde ändert sich nachweislich im Laufe der Zeit geringfügig, was zu Schwankungen in der Länge des 24-Stunden-Tages führt. Bisherigen Theorien zufolge ist die Ursache dafür irgendwo zwischen Erdkern und Erdmantel zu suchen. Welche Kräfte dabei genau eine Rolle spielen, ist unklar. Ein Modell von Geophysikern um Mathieu Dumberry von der University of Alberta liefert nun eine mögliche Erklärung: Der Kern möchte sich am Mantel aufgrund der Anziehungskräfte ausrichten, doch die Schwerkraft verhindert dies. Diese Diskrepanz führte dazu, dass sich die Erde mal schneller und mal langsamer drehe. Obwohl das Modell interessante Ansätze liefert, bleiben andere Faktoren wie Strömungen in Meeren und der Luft als mögliche Einflussquellen unberücksichtigt. (ts)
Der Atombombenabwurf auf Hiroshima im Jahr 1945 hatte verheerende und weitreichende Folgen, die sich bis heute zeigen. So entdeckte ein internationales Forscherteam um Luca Bindi von der Universität Florenz kürzlich, dass bei dem schlagartigen Verdampfen von Gebäuden, Metallen, Erde, Glas und Wasser infolge der nuklearen Explosion eine neuartige Legierung entstand. Fündig wurden die Forscher in der Sandstrandbucht von Hiroshima, wo die einzigartige Trümmerteile namens „Hiroshimaite“ als Fallout niedergingen. In einem dieser winzigen, glasartigen Kügelchen fanden sie eine Mischung aus Eisen, Chrom, Nickel, Mangan, Molybdän, Silizium und Aluminium – eine Legierung, die sich unter normalen Umständen niemals gebildet hätte und neuartige Materialien verspricht. (ts)
Bei der Explosion der Atombombe über dem japanischen Hiroshima entstand eine neuartige Legierung, wie sie unter normalen Umständen niemals gebildet hätten wäre.
Infektionen verursachen global jeden achten Krebsfall
Weltweit erkranken jedes Jahr Millionen Menschen an Krebs. Einer neuen Studie der Internationalen Agentur für Krebsforschung zufolge könnten 12 Prozent, also jeder achte, der Krebsfälle im Jahr 2024 durch Infektionen ausgelöst worden sein. Insgesamt brachten die Forscher um Harriet Rumgay zwölf Erreger, darunter Hepatitis B und C sowie HIV, mit Krebs in Verbindung. Die größte Krebslast verursachten das Bakterium Helicobacter pylori und das Papillomvirus (HPV) mit je rund 750.000 Fällen. Außerdem entfielen 42 Prozent der beobachteten Krebsfälle auf Ostasien sowie ein großer Teil auf Subsahara-Afrika. Nach Angabe der Forscher zeigt die Studie, dass künftige Investitionen in bewährte Präventionsmaßnahmen große Wirkung erzielen und die Zahlen der Krebserkrankungen senken könnten. (ger)
Viele kennen ihn, ohne es zu wissen: Er kommt im Verkehrs- und Tiefbau zum Einsatz, war einst ein beliebter Bau- und Werkstein und ist eng mit dem Vulkanglas Obsidian verwandt. Die Rede ist von Rhyolith, dem Gestein des Jahres 2026. Dieses magmatische Gestein entsteht, wenn saures Magma an die Erdoberfläche aufsteigt und dort abkühlt. Findet dies extrem schnell statt, entsteht der schwarze Obsidian. Als einfaches Gestein kommt er dagegen in hellen Farben – meist grau, rot oder rosa – vom Schwarzwald bis nach Nordsachsen vor. Seit der Antike wird er für prestigeträchtige Bauvorhaben verwendet und prägt die kulturelle Landschaft Europas maßgeblich. (kms)
Das Grab von Immanuel Kant, neben dem Königsberger Dom in Kaliningrad, ist aus rotem Rhyolith gebaut.
Foto: Elena Odareeva/iStock
Bäume haben ein Körpergefühl
Französische Forscher haben herausgefunden, dass Bäume in der Lage sind, eine „schlechte Haltung“ durch einen besonderen biologischen Prozess zu korrigieren. Hierfür haben die Biologen um Félix P. Hartmann jungen, gekrümmten Bäumen die Ausrichtung nach Licht und Schwerkraft verwehrt, sodass sie sich ausschließlich auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen mussten. Im Anschluss beobachteten die Forscher das Verhalten des Spannholzes und entdeckten, dass sich dieses wie ein Muskel verhält und die Krümmung des Stammes innerhalb weniger Wochen korrigierte. Dies veranschaulicht, dass Pflanzen unter natürlichen Bedingungen ihre Form präzise wahrnehmen und ihre Haltung anpassen können. (kms)
Die Kanäle in Venedig sind weltweit bekannt. Doch nun ist die italienische Lagunenstadt überraschend um eine Wasserressource reicher: ein „unterirdischer See“ aus Süßwasser, genauer gesagt ein Aquitard. Eine Untersuchung des Untergrunds ergab eine Fläche von 25.000 bis 30.000 Hektar, was der Gesamtfläche des Gardasees entspricht. Zudem sei das gigantische, tief liegende Vorkommen laut Ingenieur Lorenzo Frison durch dicke Lehmschichten geschützt, sodass kaum etwas von dem umliegenden Salzwasser eindringt. (ts)
Neben seinen vielen Kanälen hat Venedig nun auch nachweislich einen unterirdischen See.
Foto: adisa/iStock
Beschädigte Schriftrollen bald lesbar
Können alte, verkohlte Schriftrollen lesbar werden, ohne sie abzurollen und in schwarzen Staub zu verwandeln? Diese Frage stellte sich Douglas Seiler von der UC Berkeley und untersuchte, ob bleihaltige Tinte beim Scannen mit Röntgenstrahlen sichtbar wird, sodass ein Computer die Schrift später digital entrollen kann. Hierfür ließ er Schüler Zitate aus „Star Wars“ und der Bibel mit traditioneller Tusche aus Japan auf echte Papyrusrollen aus Ägypten schreiben, um sie anschließend im Hochofen zu verkohlen, was den Bedingungen beim Vesuvausbruch im Jahr 79 n. Chr. gleichkommt. Das Ergebnis: Bereits winzige Spuren bleihaltiger Tinte waren tatsächlich lesbar. Dies könnte die Geschichtsforschung revolutionieren, da der Inhalt vieler verbrannter antiker Schriftrollen bislang unbekannt ist. (kms)
Hierzulande gibt es 5,7 Millionen Photovoltaikanlagen, die immer dann Strom liefern, wenn die Sonne scheint. Bei Wolken und Nebel funktionieren sie nicht – doch das könnte sich bald ändern. US-amerikanische Forscher haben eine Tapete mit winzigen Hygrogeneratoren entwickelt, die Strom aus Luftfeuchtigkeit in Innenräumen gewinnen. In ihrem ersten Versuch lieferte ein einzelner Generator bei 80 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit etwa 0,34 Volt und 2,2 Mikrowatt pro Quadratzentimeter. Diese Leistung blieb über 90 Minuten stabil. Umgerechnet könnte man damit etwa eine LED pro Quadratmeter betreiben – unmittelbar nach dem Duschen und ohne zu lüften. Die Forscher hoffen, die Technologie künftig zu verbessern und höhere Stromerträge erzielen zu können. Wann wir die Tapete im Badezimmer zum Leuchten bringen können, bleibt aber offen. (ts)
Turmartige Gebäude mit bis zu 20 Stockwerken in Südarabien und Ostafrika sind schon lange aus Schriftquellen und Wandmalereien bekannt. Doch war der Bau solch mehrgeschossiger Bauwerke lange vor der Erfindung von Stahl und Beton wirklich möglich? Dieser Frage gingen deutsche Forscher um Dr.-Ing. Martin Drieschner von der BTU Cottbus-Senftenberg anhand der archäologischen Fundstätte Yeha in Äthiopien nach. Dafür erstellten sie ein virtuelles 3D-Modell der nachgewiesenen Holz-Mauer-Wände und untersuchten deren Tragfähigkeit. Das Ergebnis: Die Wände des 60×60 Meter großen Palastes waren so robust, dass sie bis zu 19 Stockwerke tragen konnten. Damit hätte der Palast bereits vor 2.800 Jahren Wolkenkratzer-Dimensionen erreicht. (kms)
Modell des mehrgeschossigen Palastes von Yeha in einer Variante mit acht Stockwerken.
Foto: artefacts-berlin.de; Bauforschung: Mike Schnelle (DAI Orient-Abteilung)
Erkrankungsrisiken hängen auch von Schlafphasen ab
Schlaf ist nicht nur das, was zwischen zwei Tagen geschieht, sondern eine Phase der Regeneration. Doch auch Schlaf ist nicht gleich Schlaf, wie eine neue Analyse der Gesundheitsdaten von fast 100.000 Briten zeigt. Demnach reduziere ein längerer REM- oder Traumschlaf das Risiko für mehr als 80 Erkrankungen, einschließlich Herzinsuffizienz, Demenz und Parkinson. Längerer Tiefschlaf wiederum vermindere das Risiko für sieben Krankheiten, darunter Typ-2-Diabetes. Demgegenüber begünstigten Schlafunregelmäßigkeiten und das kurze Aufwachen unter anderem Angststörungen und das Suchtrisiko. „Die Aufrechterhaltung einer Schlafdauer von 6-8 Stunden kann das Risiko für zahlreiche Erkrankungen wirksam senken“, folgern die Autoren, während weniger als 5 Stunden mit dem höchsten klinischen Risiko verbunden war. (ger)
Meereslebewesen lockern Sedimente auf, um nach Nahrung zu suchen, sich vor Fressfeinden zu verstecken oder um selbst inkognito zu jagen. Dabei graben sie Löcher und Höhlen in den Sandboden, die für uns Menschen die Suche nach versunkenen Schiffen erleichtern können. Denn die Wracks sind oft eine Oase auf dem sonst kargen Meeresboden. Sie bieten Schutz und Lebensraum für Krebse und kleine Fische, was wiederum größere Fische anzieht – unter anderem Steinkabeljaue und Steinbarsche, die vermutlich jene Löcher zum Jagen graben. Bereits mehrfach gelang es australischen Forschern auf diese Weise, vermisste Schiffe zu entdecken. (kms)
Wracks sind oft Hotspots der Artenvielfalt, sodass die Meereslebewesen indirekt bei der Suche nach versunkenen Schiffen helfen können.
Piment verleiht süßen wie auch herzhaften Speisen eine besondere Note. - Foto: OLEKSII KRIACHKO/iStock
In Kürze:
Piment kommt aus der Karibik und wurde früher für Pfeffer gehalten.
Das Gewürz hat ein vielschichtiges Aroma.
Piment enthält entzündungshemmendes und schmerzlinderndes Eugenol.
In der Küche sind Pimentkörner vielseitig verwendbar.
Piment ist ein exotisches Gewürz, das in Aussehen und Geschmack an Pfeffer erinnert. Auch sein Name geht auf das spanische Wort für Pfeffer „pimienta“ zurück. Dies rührt daher, dass spanische Eroberer zur Zeit von Christoph Kolumbus Piment zunächst für Pfeffer hielten. Dabei haben die runden braunen Körner botanisch nichts mit dem echten Pfeffer zu tun.
Piment ist eine gelungene Sinfonie verschiedener bekannter Winter- und Weihnachtsgewürze. Es vereint die Aromen von Zimt, Gewürznelke und Muskatnuss mit einer feinen pfeffrigen Note in einer einzigen kleinen Beere. Daher ist Piment auch als „Allspice“, zu Deutsch „Allgewürz“, oder Viergewürz bekannt. Das Gewürz hat in vielen Küchen weltweit seinen festen Platz.
Herkunft und Botanik
Piment stammt ursprünglich aus Mittelamerika und der Karibik. Als wichtigstes Hauptanbaugebiet gilt bis heute Jamaika, von dem Rund zwei Drittel der Welternte stammen und das für die höchste Qualität bekannt ist. Piment wird daher auch Jamaikapfeffer genannt. Es ist ein traditionelles und beliebtes Gewürz in der karibischen Küche, das bereits von den indigenen Völkern Mittelamerikas geschätzt wurde. Durch europäische Seefahrer gelangte das Gewürz im 16. Jahrhundert nach Europa.
Botanisch zählt Piment (Pimenta dioica) zur Familie der Myrtengewächse (Myrtaceae) und ist damit mit der Gewürznelke und dem Eukalyptus verwandt. Der bis über zehn Meter hohe Baum trägt immergrüne Blätter, die beim Zerreiben einen intensiven Duft nach Gewürznelken verströmen. In den Herkunftsländern werden die Blätter ebenso als Gewürz angeboten.
Etwa ab dem achten Jahr beginnt der Pimentbaum zu blühen und Früchte hervorzubringen. Für ein intensives Aroma werden die grünen unreifen Beeren geerntet und anschließend in der Sonne getrocknet. Dabei erhalten sie ihre charakteristisch braune Farbe.
Inhaltsstoffe und Anwendung der Volksheilkunde
So wie die Blätter enthalten auch die Pimentbeeren einen hohen Anteil an ätherischen Ölen, deren Duft an Gewürznelken erinnert. Verantwortlich dafür ist das enthaltene Eugenol. Dieser Pflanzenstoff zeigt in wissenschaftlichen Untersuchungen entzündungshemmende, schmerzlindernde und antimikrobielle Eigenschaften.
In der Volksmedizin der Herkunftsländer werden die aromatischen Früchte und teilweise auch die Blätter bei Blähungen, Verdauungsbeschwerden und -krämpfen eingesetzt. Das ätherische Öl kommt äußerlich bei Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Zahnschmerzen zum Einsatz. Außerdem wird das wärmende Gewürz traditionell als beruhigendes Mittel bei nervösen Anspannungen geschätzt.
In Jamaika ist Piment ein unverzichtbarer Bestandteil der traditionellen Jerk-Gewürzmischung, die zum kräftigen Würzen von Grillfleisch wie dem bekannten Jerk-Chicken verwendet wird. Aber auch in der europäischen und orientalischen Küche ist das Gewürz sehr beliebt.
So bereichert Piment mit seiner süßlich, warm-würzigen Note die Weihnachtsküche. Ob in Lebkuchen, Früchtebrot oder Gewürzplätzchen – Piment verleiht ihnen eine besondere Note. Zudem harmoniert es mit Früchten und passt zum Beispiel zu Pflaumenmus oder Apfelkuchen. Überdies ist Piment im Brotgewürz oder Kaffeegewürz, kombiniert mit Zimt, Kardamom und Vanille, eine beliebte Zutat.
Weiterhin kommt Piment in vielen herzhaften Speisen zum Einsatz wie zum Beispiel bei der Wurstherstellung, in Fleischgerichten wie Wild, Lamm und Fisch sowie Marinaden und würzigen Soßen. Aber auch zu Gemüse harmoniert Piment, beispielsweise zu Rotkohl, Sauerkraut, Linsen- und Bohneneintöpfen und Kartoffelsuppe. Bewährt haben sich die aromatischen Körner zudem als Einlegegewürz für Gewürzgurken. In der orientalischen Küche werden Pimentkörner häufig mit Kreuzkümmel, Koriander, Zimt, Kardamom und schwarzen Pfeffer kombiniert.
Piment kann sowohl gemahlen als auch als ganzes Korn verwendet werden. Ganze Pimentkörner entfalten ihr Aroma langsam und eignen sich besonders für Schmorgerichte, Suppen und Marinaden, während gemahlener Piment ideal zum Backen, Würzen und für Gewürzmischungen ist. Am intensivsten entfaltet sich das Aroma, wenn die Körner kurz vor der Verwendung gemörsert oder gemahlen und erst am Ende der Kochzeit zugegeben werden.
Ist Piment einmal nicht zur Hand, so können Zimt, Gewürznelken und Muskatnuss zu gleichen Teilen vermischt und als Ersatz verwendet werden.
Zapfsäule. Symbolbild. - Foto: INA FASSBENDER/AFP via Getty Images
Der neue Tankrabatt treibt die Nachfrage nach Benzin und Diesel deutlich – und trifft auf eine Kraftstofflogistik, die wegen des extremen Niedrigwassers am Rhein bereits stark belastet ist. In mehreren Städten im Westen und Südwesten Deutschlands ist seit Wochenbeginn einzelnen Tankstellen zeitweise der Sprit ausgegangen. Betroffen waren nach Angaben des Tankstellen-Interessenverbands unter anderem Köln, Bonn, Koblenz, Mannheim, Heidelberg, Freiburg, Frankfurt und Aschaffenburg.
„Es gibt keinen Spritengpass“, sagte Herbert W. Rabl vom Tankstellen-Interessenverband, der nach eigenen Angaben rund 1.300 Tankstellen vertritt, dem „Handelsblatt“. Das Problem sei vielmehr, dass die ungewöhnlich hohe Nachfrage den üblichen Belieferungsrhythmus sprenge. „Durch die hohe Nachfrage ist der Lieferrhythmus unter Druck geraten“, sagte Rabl. Seit Montag beobachte der Verband leergelaufene Stationen, vor allem bei Diesel, aber auch bei Super E10.
Steuersenkung kommt an der Zapfsäule nur teilweise an
Der Nachfrageschub fällt mit dem seit Anfang Oktober geltenden Tankrabatt zusammen. Genau vor diesem Effekt hatten Ökonomen bei der Einführung gewarnt: In angespannten Märkten dämpfen hohe Preise normalerweise die Nachfrage. Wird der Preis staatlich gesenkt, fällt ein Teil dieses Knappheitssignals weg – und der Verbrauch kann zusätzlich steigen.
Mit dem Tankrabatt sinken die Steuersätze auf Benzin und Diesel um jeweils rund 17 Cent pro Liter. Nach Angaben des ADAC kostete ein Liter Super E10 am Sonntag im Schnitt 2,137 Euro – nur 10,4 Cent weniger als am 30. September, dem Tag vor Inkrafttreten des Tankrabatts. Der Preis für einen Liter Diesel kostete demnach am Sonntag 2,253 Euro und damit 13,7 Cent weniger als am Tag vor dem Tankrabatt.
Entspannung der Lage am Rhein ist vorerst nicht in Sicht
Gleichzeitig ist die Versorgung über den Rhein erheblich eingeschränkt. Aral bestätigte dem „Handelsblatt“ vorübergehende Versorgungseinschränkungen an einzelnen Tankstellen, insbesondere im Rheinland, „vor allem beim Diesel“. Als Gründe nennt das Unternehmen ausdrücklich das Niedrigwasser und die hohe Nachfrage. Auch Shell führt aktuelle Einschränkungen auf das Rhein-Niedrigwasser zurück.
Am Standort Wesseling weicht der Konzern teilweise auf Kesselwagen, Lastwagen und Pipelines aus. Eine schnelle Entspannung zeichnet sich nicht ab: Nach der aktuellen Sechs-Wochen-Vorhersage der Bundesanstalt für Gewässerkunde besteht nach Einschätzung von Prognos erst Mitte Oktober wieder die Chance auf einen signifikanten Anstieg des Rhein-Pegels in Kaub.
Im Mai und Juni waren die Steuern auf Kraftstoffe ebenfalls um rund 17 Cent gesenkt worden. Auswertungen ergaben, dass die Steuersenkung an den Zapfsäulen zwar größtenteils an die Verbraucher weitergegeben wurde. Laut Monopolkommission blieben aber gut 200 Millionen Euro des damaligen Entlastungsvolumens von 1,6 Milliarden Euro bei den Mineralölkonzernen hängen. Der neue Tankrabatt gilt drei Monate lang bis Ende des Jahres – er kostet den Staat schätzungsweise 2,5 Milliarden Euro. (dts/afp/red)
Die Nutzung der Windkraft an Land früher und heute. - Foto: gemeinfrei, temis/canva; Montage: Epoch Times
In Kürze:
Mit Erfindung des Generators im 19. Jahrhunderten wurden erneuerbare Energien zur Stromerzeugung genutzt.
Schon tausende Jahre zuvor nutzten die Menschen die Energie der Natur.
Wind- und Wasserkraft trieben damals wie heute Segelschiffe an und bewässerten Felder.
Vor der ersten photoelektrischen Solarzelle nutzte man das Sonnenlicht passiv oder lenkte es mit Spiegeln und Linsen.
Die mit Abstand älteste Form der erneuerbaren Energie ist das gezielte Verbrennen von Biomasse.
Bei dem Begriff „erneuerbare“ Energien denkt man automatisch zuerst an Photovoltaik- oder Windkraftanlagen. Dabei werden das Sonnenlicht oder die Windenergie in der Atmosphäre in elektrische Energie umgewandelt. Diese modernen Formen der Energiegewinnung existieren seit ein paar Jahrzehnten – könnte man zumindest meinen. Tatsächlich reicht ihre Geschichte viel weiter zurück.
Windstrom anno 1887
Das erste Mal, dass Windenergie in elektrische Energie umgewandelt wurde, reicht mindestens zurück bis zum Jahr 1887. Diese Pionierarbeit leistete der Schotte James Blyth. Er war Elektroingenieur und Wissenschaftler am Anderson’s College, der heutigen University of Strathclyde in Glasgow.
Damals konstruierte Blyth eine Art Windkraftanlage mit vier je rund vier Meter langen Armen mit Stoffsegeln. Die zentrale Drehachse trieb einen Dynamo an, der Strom erzeugte und direkt eine Batterie auflud. Damit beleuchtete er sein Ferienhaus – das weltweit erste Haus, das mit Windstrom versorgt wurde. Seiner Beschreibung zufolge erzeugte die Turbine bei „mäßiger Brise“ genug Strom, um zehn 25-Volt-Glühbirnen zu betreiben. Ebenso konnte er damit eine kleine Drehbank antreiben.
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James Blyths Windkraftanlage im Jahr 1891. Nach technischen Verbesserungen erzeugte sie mehr Strom, als sein Ferienhaus benötigte. Eine zweite Anlage, gebaut im Jahr 1895 in der Heilanstalt Montrose, lieferte 30 Jahre lang Strom. Foto: gemeinfrei
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Plan des Windrades zur Stromerzeugung von Josef Friedlaender vor der Elektrischen Ausstellung im Wiener Prater (Rotunde) 1883.
Ein Westernwindrad steht vor Windturbinen in einem Windpark in der Nähe von Darling, Südafrika
Foto: Rodger Bosch/AFP via Getty Images
Andere Quellen sehen die erste elektrische Windkraftanlage beim österreichischen Erfinder Josef Friedländer. Er soll schon im Jahr 1883 auf der Internationalen Elektrizitätsausstellung in Wien ein Windrad zur Stromerzeugung präsentiert haben.
Das Prinzip ist hier im Groben das gleiche: Ein Windrad vom Bautyp Halladay – auch als Western-Windrad bekannt – mit 6,6 Meter Durchmesser trieb einen Dynamo an, der den erzeugten Strom in Batterien einspeiste. Die erste Nutzung des Windes reicht indes noch weiter zurück. Auch das Windrad ist erheblich älter.
Vor dem Windrad war das Segel
Eine bekannte frühzeitliche Anwendung der Windkraft sind auch Windmühlen zum Mahlen von Getreide. Die ältesten stammen aus Nashtifan, Persien. Sie reichen nachweislich bis ins 7. Jahrhundert zurück und funktionieren noch heute.
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Windmühlen prägen die niederländische Landschaft.
Foto: neirfy/iStock
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Die ältesten bekannten Windmühlen stehen in Nashtifan, im heutigen Iran, und drehen sich seit nunmehr 7.000 Jahren.
Das Segelschiff „Alexander von Humboldt II“ fährt unter seinen grünen Segeln in Bremerhaven ein.
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Etwa seit 200 v. Chr. setzten Landwirte in China windbetriebene Wasserpumpen ein, um ihre Felder besser zu bewässern. In den folgenden Jahrhunderten wendeten auch andere Nationen windbetriebene Wasserpumpen an. Weltweit sind schätzungsweise noch mehr als eine Million derartiger Pumpen im Einsatz.
Schon vor der ersten Windkraftmaschine nutzten Menschen Windenergie für die Segelschifffahrt. Seit mindestens 7.000 Jahren spannen Menschen Segel auf, um ihre Boote anzutreiben. Das macht die Windenergie zu einer der ältesten Formen erneuerbarer Energien. Obwohl die meisten Schiffe heute inzwischen mit verschiedenen Motoren fahren, existieren noch zahlreiche kleine und große Segelschiffe, die sich direkt vom Wind antreiben lassen.
Physikalisch betrachtet, kann Energie weder verbraucht noch erzeugt, sondern lediglich umgewandelt werden. Da sie nicht verloren gehen kann, kann sie auch nicht erneuerbar im eigentlichen Wortsinn sein. Der Begriff bezieht vielmehr eine zeitliche Komponente ein.
Erneuerbare Energiequellen sind demnach solche, die, gemessen am menschlichen Zeithorizont, praktisch unerschöpflich zur Verfügung stehen. Sie erneuern sich auf natürliche Weise und stehen – wenn auch teilweise mit Unterbrechungen – ohne menschliches Zutun zur Verfügung. Zu diesen Energiequellen zählen Sonnenlicht, Wind, Wasser (aus Regen, Seen und Flüssen), nachwachsende Biomasse, Erdwärme und Gezeiten.
Demgegenüber stehen fossile Energiequellen, die als begrenzt und endlich gelten. Technisch korrekt ist dies nicht, denn Erdöl, Erdgas, Kohle und Torf entstehen durch Ablagerung abgestorbener Pflanzen und Tiere in Sedimentschichten der Erde. Solange Pflanzen und Tiere leben und sterben, bilden sich fossile Energiequellen ebenfalls neu.
Da sich dieser Prozess jedoch über einen Zeitraum von Millionen Jahren erstreckt und die menschliche Nutzung die Neubildung übersteigt, wird nicht von erneuerbar gesprochen. Da auch Bäume mitunter über Generationen wachsen, wird über ihre Nachhaltigkeit im Energiesektor gestritten.
Wie das Sonnenlicht die Welt unter Spannung setzt
Heute kennen wir die blauen Solarmodule mit den großen Zellen auf Hausdächern oder auf Feldern. Die Photovoltaik, also die Stromerzeugung aus dem Sonnenlicht, ist aktuell die am schnellsten ausgebaute Energiequelle auf dem Planeten – und eine sehr junge. Auf dem Massenmarkt verbreite sie sich erst seit rund 30 Jahren.
Die Entstehungsgeschichte der Lichtverstromung reicht jedoch ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die erste funktionsfähige Solarzelle hat der US-amerikanische Erfinder Charles Fritts im Jahr 1883 gebaut. Während heutige Solarzellen meist aus Silizium bestehen, verwendete Fritts eine Selen-Schicht sowie eine dünne Goldbeschichtung.
Der Wirkungsgrad war damals mit rund einem Prozent weitaus niedriger als bei heutigen Solarzellen mit über 20 Prozent. Mehrschichtzellen im Labor erreichen bereits bis zu 47,6 Prozent und die rechnerisch-theoretische Grenze wurde zuletzt auf 66 Prozent angehoben.
Die wissenschaftliche Grundlage für die erste Solarzelle ist wiederum fast 50 Jahre älter und geht zurück auf die Formulierung des photoelektrischen Effekts im Jahr 1839 durch Alexandre Edmond Becquerel. Dem französischen Physiker gelang diese Entdeckung bereits im Alter von nur 19 Jahren. Er stellte fest, dass bestimmte Materialien eine elektrische Spannung erzeugen, wenn Licht auf sie fällt. Die erste verwendbare Silizium-Solarzelle entwickelten Forscher der Bell-Labore 1954.
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Lange vor Photovoltaikanlagen nutzten die Menschen Spiegel und Linsen, um ihre Häuser zu beleuchten. Dasselbe Prinzip lenkt im Inneren der Reichtagskuppel Licht in den darunter liegenden Sitzungssaal des Deutschen Bundestages.
Foto: katatonia82/iStock
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Der Physiker Alexandre-Edmond Becquerel (1820–1891) entdeckte im Alter von 19 Jahren den photoelektrischen Effekt und legte damit den Grundstein heutiger Solarzellen. Portrait gedruckt von Charles-Jérémie Fuhr (1832–1875) nach einer Lithografie von Pierre Petit (1832-1885).
Vor der Solarzelle nutzten die Menschen das Sonnenlicht ausschließlich entweder passiv oder mithilfe von Spiegeln. Passiv bedeutet, dass man ein Gebäude gezielt nach Süden ausrichtet, so dass die Sonnenstrahlen in der Übergangs- und Winterzeit die Wohnräume erwärmen können. Die im Sommer hochstehende Sonne soll dabei jedoch nicht in die Wohnräume gelangen, was durch die Bauform erreicht werden kann.
Um Sonnenlicht gezielt in Innenräume zu lenken, nutzte man Spiegel. Ebenso wurden mehrere Spiegel oder Linsen genutzt, um durch gebündeltes Sonnenlicht zu heizen oder ein Feuer zu entzünden.
Heutzutage hat das elektrische Licht diese Technik nahezu überall ersetzt, da es dauerhaft zur Verfügung steht. Zudem ist es einfacher, ein Feuer mit einem Feuerzeug oder einem Streichholz zu entzünden. Gebündeltes Sonnenlicht findet heute allerdings weiterhin Anwendungsgebiete – allen voran bei solarthermischen Anlagen.
Bei der Nutzung von erneuerbaren Energien darf auch die Wasserkraft nicht fehlen. Einige wenige Länder versorgen sich heute zu 100 Prozent oder zu einem Großteil durch sie, indem sie meist aufgestautes Flusswasser über eine Turbine fließen lassen, die durchgehend Strom erzeugen kann. Dazu gehören Norwegen, Island und Bhutan.
Der historische Ursprung der Wasserkraftverstromung führt uns wiederum in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der viktorianischer Erfinder und Ingenieur William Armstrong errichtete im Jahr 1870 das erste Wasserkraftwerk der Welt. Es entstand direkt an seinem Familienanwesen Cragside in der Nähe der britischen Stadt Rothbury. Wasser aus einem künstlichen See trieb eine Turbine und einen Dynamo an, die Strom erzeugte. Dies versorgte verschiedene elektrische Verbraucher auf dem Anwesen wie Kohlebogenlampen im Jahr 1878.
Nur rund zehn Jahre später kamen auch auf der anderen Seite des Atlantiks die ersten Wasserkraftwerke zum Einsatz. Um 1880 generierte ein durch eine Wasserturbine angetriebener Dynamo in der Stadt Grand Rapids im US-Bundesstaat Michigan Strom für ein Theater und eine Geschäftsfassade. Im darauffolgenden Jahr lieferte ein Dynamo, der mit einer Turbine einer Wassermühle verbunden war, Strom für Straßenlaternen in der Stadt Niagara Falls im US-Bundesstaat New York. Mit der Zeit entstanden mehr und größere Anlagen.
Schon lange vor der Elektrifizierung der Wasserkraft nutzte man fließendes Wasser, um kinetische in mechanische Energie umzuwandeln. Vor mehr als 2.000 Jahren nutzten die Menschen die Wasserkraft in der Landwirtschaft in Form von wasserbetriebenen Schöpfwerken. Dabei beförderten Eimerketten oder -räder das Flusswasser auf höher gelegene Ebenen, um etwa Felder leichter zu bewässern.
Später entwickelten die Menschen Wasserräder und Wassermühlen, um Getreide zu Mehl zu mahlen. Von einstmals rund 50.000 Wind- und Wassermühlen befinden sich heute in Deutschland laut der Deutschen UNESCO-Kommission nur noch rund 50 im Betrieb und erhalten das traditionelle Müllerhandwerk. Auch an vielen historischen Standorten arbeiten heute elektrisch betriebene Maschinen.
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Nachbau eines historischen Wasserschöpfrades an der Regnitz im mittelfränkischen Möhrendorf.
Foto: GoogolPix/iStock
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Nachbau einer Donauschiffsmühle im Mühlenmuseum Gifhorn.
Foto: Susanne Ausic/Epoch Times
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Mechanische Arbeit verrichteten Wasserräder schon lange bevor es elektrischen Strom gab, wie hier an der Hexenlochmühle im Schwarzwald in Süddeutschland.
Foto: Conny Pokorny/iStock
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Wassermühle in der Stadt Lüdinghausen im Münsterland, die im Mittelalter erstmals erwähnt wurde. Auch an historischen Standorten mahlen heute weitgehend elektrische Maschinen.
Wie schon erwähnt, nutzen die Menschen seit Jahrtausenden die Wasser- und die Windkraft. Bei der Frage nach der ältesten erneuerbaren Energie scheiden jedoch beide klar aus. Denn um ein Vielfaches älter ist die Nutzung von Biomasse, die ebenfalls zu den erneuerbaren Energien zählt.
Heutige Biomassekraftwerke wenden wie alle thermischen Kraftwerke das Dampfprinzip an. Zunächst verbrennen die Betreiber solcher Anlagen organische Stoffe. Die entstehende Wärme erzeugt Dampf, der eine Turbine antreibt. Diese setzt einen Generator in Bewegung, der Strom erzeugt und ins Stromnetz einspeisen kann. Im Jahr 2023 hatte Biomasse einen Anteil von acht Prozent an der weltweiten Stromerzeugung. In Deutschland lag der Biomasse-Anteil in der öffentlichen Stromerzeugung im vergangenen Jahr bei 8,7 Prozent.
Diese Art der Stromgewinnung geht ebenfalls auf das 19. Jahrhundert zurück. Spätestens seit 1889 nutzen Menschen Biomasse wie Holzabfälle auch zur Stromgewinnung. Dies geschah damals mit einem dampfbetriebenen Stromgenerator in der kanadischen Stadt Calgary. Der Unternehmer Peter Prince erkannte, dass die Abfallprodukte seines Sägewerks verbrannt werden konnten, um einen dampfbetriebenen Stromgenerator anzutreiben. So installierte er einen Dampfgenerator mit 75 Kilowatt (kW), der das Sägewerk und umliegende Beleuchtung in der Stadt versorgte.
Der Mensch verwendet Holz und andere biologische Materialien jedoch mindestens seit zehntausenden Jahren zum Verbrennen. Feuer brachte Licht und Wärme und konnte zum Kochen von Nahrungsmitteln verwendet werden. Diese kontrollierte Verwendung gilt als eine der wichtigsten frühen Entdeckungen der Menschheit und als älteste Nutzung erneuerbarer Energien.
Laut archäologischen Funden konnten schon die Neandertaler, die lange vor unserer Zivilisation – vor rund 40.000 bis 400.000 Jahren – gelebt haben, Feuer durch das Verbrennen von Holz nutzen. Ein Fund aus Israel datiert gezielt verbranntes Holz sogar auf eine Zeit vor rund 790.000 Jahren. Somit geht die Feuerbeherrschung auf noch frühere Menschen zurück.
Weitere Erneuerbare
Zu den erneuerbaren Energien gehören überdies noch die Geothermie, sprich Erdwärme sowie Erdkühle, und die Meeresenergie aus Gezeiten und Wellen. Diese Energiequellen tragen kaum zur Stromerzeugung bei.
Weltweit gibt es derzeit lediglich zwei Gezeitenkraftwerke – in Frankreich und Südkorea – mit Nennleistungen über 200 Megawatt (MW). Mit großem Abstand folgt eine inzwischen stillgelegte 20-MW-Anlage in Kanada, alle übrigen sind kleiner. Projekte mit bis über 80 Gigawatt Nennleistung wurden in der Vergangenheit geplant, aufgrund ungewisser Umweltauswirkungen aber bislang nicht realisiert.
Die „Moinho de Maré de Corroios“, an der Mündung des Tejo in Portugal ist einer der am besten erhaltenen Gezeitenmühle der Welt. Sie wurde 1403 erbaut und war bis Ende der 1970er Jahre kommerziell in Betrieb.
Auch geothermische Kraftwerke weisen im Regelfall Nennleistungen im zwei- oder niedrigen dreistelligen Megawatt-Bereich auf. Ihre Standorte beschränken sich jedoch nicht auf die Küste. So war die Geothermie 2025 mit rund 0,5 Prozent an der weltweiten Stromproduktion vertreten. In einzelnen Ländern, einschließlich Kenia, Island und Neuseeland, liegt ihr Anteil an der Stromerzeugung bei 15 bis 45 Prozent.
Das erste Geothermie-Kraftwerk entstand 1904 im italienischen Ortsteil Larderello und betrieb zunächst nur fünf Lampen, kommerziell lief es ab 1913 mit einer Leistung von 250 kW.
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Ein Geothermie-Kraftwerk in Neuseeland. Das Kraftwerk wird unter Ausnutzung der Erdwärme zur Stromerzeugung in der Taupo-Vulkanzone betrieben.
Geothermie wurde lange vor Ihre Elektrifizierung in Form von Themalquellen und -bädern genutzt. Eines der bekanntesten ist die Blaue Lagune auf Island.
Foto: Getty Images
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Ein mit Erde und Gras bedecktes Haus nutzt sowohl Erdwärme im Winter als auch Erdkühle im Sommer.
Foto: kavram/iStock
Die Erdwärme, also die Wärme unter dem Erdboden, wird auch heute noch als Wärmequelle genutzt. Gerade in den kälteren Monaten ist es unter der Erde einige Grad Celsius wärmer als an der Oberfläche. Diese Erdwärme nutzen heute Wärmepumpen mit einer Erdsonde oder Erdkollektoren. Doch bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nutzten die Menschen Erdwärme zum Heizen ihrer Gebäude. Das älteste bekannte geothermische Nahwärmesystem ist seit 1332 in Chaudes-Aigues („heiße Quellen“) in Frankreich in Betrieb.
Lange vor ihrer Elektrifizierung heizte Geothermie zudem die Badeorte der Menschen und es entstanden Siedlungen direkt an den heißen Quellen. Diese Orte begeistern die Menschen mindestens seit der Eisenzeit. Die Römer integrierten die Thermalbäder fest in ihrer Kultur. Auch in der heutigen Zeit sind weltweit vielerorts Thermalbäder in Betrieb.
Zur Geothermie zählt jegliche Nutzung der Erdwärme – und Erdkühle. Analog zur direkten Nutzung oberflächennaher Erdwärme zur Heizung im Winter kann man, wenn der Untergrund im Sommer kühler ist, Gebäude kühlen. Oftmals liegt die Bodentemperatur stabil zwischen 10 und 18 Grad Celsius. Dazu versenken die Menschen bereits seit der Steinzeit ihre Hütten oder andere Wohnbauten (teilweise) im Erdboden.
Holzfässer revolutionierten die Schifffahrt und den internationalen Handel im Mittelalter ähnlich wie Seecontainer heute. - Foto: Pixabay | CC0 1.0
In Kürze:
Rund 90 Prozent aller Waren werden zumindest streckenweise in Containern transportiert. Früher übernahmen Holzfässer diese Funktion.
Holzfässer transportierten nicht nur Waren, sondern auch Informationen über ihren Inhalt, Eigentümer und ihre Geschichte.
Allein im 12. und 13. Jahrhundert stammten vier von fünf Fässern von westdeutschen Küfern.
Unter Tausenden Markierungen führen historische Fässer unter anderem zu einem deutschen Plantagenbesitzer – und dem Schiff, dass kurz vor dem Ziel versank.
Holz ist eines der ältesten Materialien, aus denen Menschen Gegenstände für ihren Alltag hergestellt haben. Dazu gehört auch das Fass, welches mindestens seit der Antike im Einsatz war, aber spätestens im Spätmittelalter für den Handel und den Warentransport unverzichtbar wurde.
Sie ermöglichten die Lagerung und Konservierung großer Mengen an Produkten sowie deren Transport über weite Strecken. Bier, Heringe und andere Waren waren so länger lagerbar, wodurch Händler größere und weiter entfernte Märkte bedienen konnten. Dies wiederum förderte die regionale Spezialisierung und den überregionalen Handel mit regionalen Waren. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Holzfässer in Städten vor über 700 Jahren ein vertrauter Anblick – waren und bis ins 19. Jahrhundert blieben.
Noch im 19. Jahrhundert prägten Holzfässer das Bild vieler Städte.
Foto: Campwillowlake/iStock
Sie waren so verbreitet und nützlich, dass sie sogar Eingang in die Sprache fanden. So drücken Redewendungen im Niederländischen, Englischen und Deutschen Vorstellungen von Wert, Gefahr und Wandel der Fässer aus:
„wat in het vat zit verzuurt niet“ (Was im Fass ist, wird nicht sauer)
„like shooting fish in a barrel“ (wie Fische im Fass fangen, also ein Kinderspiel)
„an empty barrel makes the most noise“ (Ein leeres Fass macht am meisten Lärm)
ein Fass aufmachen
das schlägt dem Fass den Boden aus
Was zuerst ins Fass kommt, darnach schmeckt alles weitere
„Ich stelle mir das Fass gerne als den Seecontainer des Spätmittelalters vor“, erklärt Jeroen Oosterbaan, Doktorand für Archäologie an der Universität Leiden in den Niederlanden. „Sie machten den Frachttransport in großem Maßstab billiger und effizienter.“
Und als solche mussten die Transportbehälter doch spannende Informationen über die Vergangenheit bergen, oder?
Holzfässer aus deutschen Werkstätten
Trotz ihres häufigen Vorkommens und ihren breiten Nutzungsmöglichkeiten haben Holzfässer bislang überraschend wenig Beachtung von Wissenschaftlern erhalten. Um dies zu ändern, untersuchte Oosterbaan im Rahmen seiner Doktorarbeit sechs Jahre lang zahlreiche niederländische Fässer, die zwischen dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit (1300–1800) im Einsatz waren.
Sein Augenmerk lag dabei auf dem gesamten Lebenszyklus der Transportbehälter: von der Herstellung und Nutzung bis zu den alternativen Wiederverwendungen und ihren aussagekräftigen Markierungen. Dabei berücksichtigte der Archäologe nicht nur den Gegenstand selbst, sondern auch schriftliche Quellen.
So fand er zunächst heraus, dass das Binden eines Fasses durch die sogenannten Küfer geschätzte 9 Stunden dauerte, wobei auf höchste Qualität geachtet werden musste. Denn schlecht gearbeitete Holzfässer konnten bei der finalen Abnahme durchfallen und durften so nicht für den Warentransport verwendet werden.
Handwerker, die Fässer herstellen, werden Küfer, Böttcher oder Fassbinder genannt.
Für den Bau guter Fässer griffen die Handwerker fast ausschließlich auf eine Holzart zurück: die Eiche. Ihr Holz war für gute Spaltbarkeit und Flexibilität bekannt und verlieh gleichzeitig dem Inhalt keinen unerwünschten Geschmack.
Oosterbaan entdeckt, dass das Material für die im Flusshandel verwendeten Eichenbehälter aus dem Maastal und dem Rheinland kamen, während Fässer für den Seehandel aus norddeutschen, baltischen oder polnischen Hölzern gefertigt waren. Allein im 12. und 13. Jahrhundert waren vier von fünf Fässern von westdeutschen Küfern gefertigt worden.
Nach der Fertigung der Behälter folgte ihre Befüllung. Doch ihr Einsatz im nationalen und internationalen Handel war bis ins Detail geregelt. Historische Vorschriften legten unter anderem fest, wie Heringe in einem Fass gelagert werden mussten oder wie viel Bier ein Behälter fassen durfte.
Letzteres kontrollierten spezielle Inspektoren in sogenannten Waaghäusern, welche sich meist neben den Rathäusern oder in den Häfen befanden und die mit den dafür notwendigen Messinstrumente ausgestattet waren.
„Wir lieben unsere Regeln wirklich, nicht wahr? In dieser Hinsicht war es früher nicht viel anders“, sagt Oosterbaan.
Der wachsende Handel hinterließ auch Spuren im Stadtbild, denn große Fässer konnten voll beladen mehr als 300 Kilogramm wiegen. Dieses enorme Gewicht machte sie zu schwer, um von Hand bewegt zu werden. Daher kamen in großen Hafenstädten spezielle Kräne zum Einsatz, die bis heute als „Weinkräne“ bekannt sind.
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Historische Darstellung eines Hafens mit Weinkran in einem flämischen Stundenbuch.
Oosterbaans Forschung wurde durch die wachsende Zahl von Fässern ermöglicht, die Archäologen in den letzten Jahrzehnten entdeckt haben. Grund dafür sind unter anderem Bauarbeiten in historischen Stadtkernen sowie verbesserte Sonartechnologie auf See, wodurch immer mehr Schiffswracks entdeckt werden.
Bei organischen Gegenständen entscheidet zudem das umgebende Milieu über den Erhaltungszustand und den möglichen Informationsgewinn. So konserviert eine dauerhaft feuchte Umgebung, während Holz in normalen Böden verrottet. Im Vergleich zu Deutschland liegen in den Niederlanden damit allgemein günstigere Bedingungen vor.
„Wir leben in einem großen, feuchten Delta. In vielerlei Hinsicht sitzen wir auf einer Goldmine“, sagt Oosterbaan. „Kaum ein Monat vergeht, ohne dass irgendwo in den Niederlanden ein Fass ausgegraben wird.“
Außerdem verdanken viele Fässer ihr Überdauern einem zweiten Leben als Senkgruben oder Brunnen. Indem man mehrere Behälter übereinander stapelte, schuf man stabile Brunnenschächte, die jahrhundertelang im Boden vergraben waren. Zudem waren Holzfässer meist für den einmaligen Gebrauch bestimmt und so nur für einen kurzen Zeitraum in Benutzung.
Ein Holzfass, das in einem römisches Kastell ein zweites Leben als Brunnen bekam.
Mit den Fässern blieben auch unscheinbare, aber sehr interessante Spuren erhalten: eingeritzte Markierungen. Einige von ihnen stammten nachweislich von den Küfern, während andere mit Qualitätskontrolle, Eigentumsverhältnissen oder den darin gelagerten Produkten in Verbindung standen. Nicht selten besaßen Behälter mehrere Markierungen.
Ein anschließender Abgleich mit historischen Quellen wie den Archiven von Küferzünften, Zollregister und anderen Dokumenten brachte Oosterbaan schließlich wertvolle Hinweise auf den Handel vor mehreren hundert Jahren. Zu den tausenden Fassmarkierungen, die er zusammentrug, gehörten:
Konstruktionsmarkierungen: sie wurden von den Küfern angebracht, um den Zusammenbau der Fässer zu erleichtern
Küfermarkierungen: damit konnten die Handwerker identifiziert werden, die das jeweilige Fass bauten
Zulassungs- oder Ablehnungszeichen: vor ihrem Einsatz wurden neue, aber auch wiederverwendete Fässer auf ihre Norm geprüft und entsprechend gekennzeichnet. Abgelehnte Fässer konnten anschließend ausgebessert werden.
Inhaltsmarkierungen: Auf einigen Fässern waren Zeichen angebracht, die Auskunft über den Inhalt gaben. Waren diese mit Fisch befüllt, verwiesen die Markierungen auf das Fangdatum. Auch die Ware wurde von Inspektoren auf die richtige Ladung und Qualität geprüft und mit Zulassungs- oder Ablehnungszeichen versehen.
Identifikationszeichen: sie gaben an, welcher Person oder welchem Unternehmen die gefüllten Fässer gehören – ein Zeichen, das besonders für Biertransporte wichtig war
Zählmarken: diese einfachen Strichlisten dienten der Mengenüberwachung, die für die korrekte Abrechnung und Steuererhebung, zum Beispiel von alkoholischen Getränken, wichtig waren
persönliche Markierungen: sie sind mit heutigen Unterschriften gleichzusetzen und stammen meist von Händlern oder Haushalten
Auswahl von Markierungen die auf Fässern aus dem Schiffswrack „Burgzand Noord 4“ gefunden wurden.
Zusammen mit den archäologischen Funden bieten sie einen lebhaften Einblick in den Handel vor hunderten Jahren. „Schriftliche Quellen zeigen vor allem, wie das auf dem Papier aussah. Die Archäologie ermöglicht es uns, hinzuzufügen, wie es in der Praxis war“, so Oosterbaan.
„Die Vorsteher der Küfer- und Weinhändlerzunft“, gemalt von Gerbrand van den Eeckhout (1621–1674).
Die Untersuchung der Fassmarkierungen brachte jedoch eine Überraschung mit sich.
Eine unerwartete Entdeckung
Die Gewässer der Niederlande sind übersät mit Schiffswracks, was angesichts der dominierenden Stellung des Landes bezüglich Handel und Schifffahrt im 17. und 18. Jahrhundert nicht verwunderlich ist. Dies gilt auch für die Reede von Texel. Schätzungen zufolge gingen in diesem Gebiet vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zwischen 500 und 1.000 Schiffe verloren. Eines davon ist das 1984 entdeckte Wrack „Burgzand Noord 4“.
In dessen Laderaum befanden sich zahlreiche Fässer mit Kaffeebohnen, einem typischen Produkt aus den niederländischen Plantagenkolonien. Auch diese untersuchte Oosterbaan im Rahmen seiner Arbeit und entdeckte dabei vielversprechend Fassmarkierungen. War es möglich, mehr zu der Ladung herauszufinden – etwa ihrem Besitzer oder dem Unglücksschiff, das sie geladen hatte.
„Das war eine dieser Nebenbeschäftigungen, denen ich einfach nicht widerstehen konnte“, sagt Oosterbaan.
Und tatsächlich wurde der Archäologe fündig. Auf vier Holzfässern entdeckte er die Buchstaben „MSP“, die er Matheus Sigismundus Pallak (1709–1767) zuordnen konnte, einem deutschen Kaffeeplantagenbesitzer in Südamerika. Über ihn war bekannt, dass ein Schiff namens „’t Hart“ von Südamerika aus in See stach, um die begehrte Ware von den niederländischen Kolonien nach Europa zu bringen.
Eine ehemalige Kaffeeplantage in Suriname, wo auch Matheus Sigismundus Pallak Abbaugebiete besaß.
Foto: Gert-Jan van Vliet/iStock
Ein Abgleich der Daten von Wrack „Burgzand Noord 4“ mit den historischen Überlieferungen von „’t Hart“ ergab schließlich nicht nur Übereinstimmungen in der Ladung und den Fassmarkierungen, sondern auch der Bauzeit, Bauart und Größe der Schiffe.
Auf diese Entdeckung sollen bald weitere Untersuchungen folgen. So will Oosterbaan künftig das Schiff und dessen Zusammenhang mit der niederländischen Geschichte der Sklaverei weiter erforschen. Was als Untersuchung von Fässern begann, hat zu neuen Geschichten über Handel, Seefahrt und die Menschen hinter dieser Geschichte geführt.