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„Ich weiß nicht mehr, wie ich denken soll“: Was hinter dem ständigen Rauschen im Kopf steckt

Ich erinnere mich an einen Patienten Mitte fünfzig, einen ruhigen Mann, dessen Stimme stets etwas von Müdigkeit trug. Als er an jenem Morgen mein Sprechzimmer betrat, wirkte er nicht krank im klassischen Sinne, sondern erschöpft auf einer sehr tiefen Ebene.
Er setzte sich, sah mich an und sagte: „Ich weiß nicht mehr, wie ich denken soll. Es ist, als würde mein Kopf rauschen.“
Während er sprach, fiel mir auf, dass seine Augen leicht gerötet waren, nicht durch Tränen, sondern durch Nächte, die ihm offenbar nicht gehörten. Er berichtete von Schlaf, der nicht erholte, von Gedanken, die sich nicht ordnen ließen, und von einer inneren Unruhe, die ihn selbst in stillen Momenten begleitete.
Ich begann nachzufragen, und je länger wir sprachen, desto deutlicher wurde, dass sein Problem nicht nur Müdigkeit war. Es war ein Verlust an geistiger Klarheit, ein Nachlassen der Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu sortieren und zu behalten. Er beschrieb es als „ein ständiges Hintergrundrauschen“, das ihn daran hinderte, sich zu konzentrieren.
Während ich ihm zuhörte, wurde mir bewusst, dass sein Zustand exemplarisch für etwas Größeres stand: für die Frage, warum Schlaf überhaupt existiert und warum das Gehirn ohne ihn aus dem Gleichgewicht gerät.

„Ich kann nicht mehr denken“ – ein stiller Hilferuf des Gehirns

Es gibt medizinische Fragen, die trotz jahrzehntelanger Forschung seltsam unberührt bleiben. Schlaf gehört dazu. Obwohl jeder Mensch ihn täglich braucht, obwohl Tiere ohne ihn sterben würden, obwohl das Gehirn im Schlaf mehr Aktivität zeigt als viele vermuten, wissen Schlafforscher bis heute nicht ganz genau, warum wir eigentlich schlafen.
Gängige Erklärungen reichen von Energieersparnis, nächtlicher Reinigung durch das glymphatische System, Gedächtniskonsolidierung bis hin zur emotionalen Verarbeitung. Doch keine dieser Theorien erklärt vollständig, warum der Körper den Zustand des nicht steuerbaren Bewusstseins überhaupt zulässt – und warum er ihn so dringend einfordert.
In der ganzheitsmedizinischen Praxis begegnet mir Schlaf nicht als hochkomplexes Forschungsfeld, sondern als existenzielles Bedürfnis, das Menschen aus dem Gleichgewicht bringen kann, wenn es fehlt. Schlaf ist kein Luxus, sondern eine stille Voraussetzung für geistige Klarheit, emotionale Stabilität und körperliche Regeneration.
Und dennoch behandeln wir ihn im Alltag oft wie eine variable Größe, die man verschieben, verkürzen oder ignorieren kann, wenn andere Dinge wichtiger erscheinen, ohne dass es Konsequenzen hat. So wie es sich auch in den Lebensalltag meines Mitte fünfzig Jahre alten Patienten eingeschlichen hat.
Doch das Gehirn verzeiht diese Ignoranz nicht. Es reagiert mit Unruhe, mit Überforderung, mit einem Verlust an innerer Ordnung.

Was das Gehirn im Schlaf wirklich tut

In der modernen Schlafforschung gibt es eine Hypothese, die seit Jahren diskutiert wird und die ich aus ganzheitlicher Sicht mit viel Interesse betrachte: die synaptische Homöostase.
Sie besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass das Gehirn im Wachzustand fortlaufend neue Reize verarbeitet, synaptische Verbindungen stärkt und dadurch eine Art neuronale Überladung erzeugt. Schlaf soll diese Überladung reduzieren, indem er die Synapsen wieder auf ein funktionales Niveau zurücksetzt.
Die Forschung zu diesem Thema ist aktuell und passiert sozusagen gerade in Echtzeit. Eine der jüngsten und präzisesten Forschungsarbeiten zu diesem Thema stammt aus Japan aus dem Jahr 2025. Die Studie von Fukuaki L. Kinoshita und Kollegen an der University of Tokyo deutet darauf hin, dass synaptische Verbindungen im Wachzustand tatsächlich an Stärke zunehmen und dass Schlafphasen notwendig sind, um diese Verstärkung wieder zu regulieren.
Die Forscher modellierten die Dynamik der Synapsen über den gesamten Schlaf-Wach-Zyklus und fanden Hinweise darauf, dass das Gehirn im Schlaf eine Art neuronale Ordnung wiederherstellt, die im Alltag verloren geht.
Diese wissenschaftliche Erkenntnis passte gut zu dem, was ich auch bei meinem Patienten sah: ein Gehirn, das zu lange wach war, zu viele Eindrücke aufgenommen hatte und nicht mehr in der Lage war, sie zu sortieren und Ordnung zu schaffen.

Wenn Wachheit das Gehirn überlädt und Schlafentzug messbar Spuren hinterlässt

Dass Schlafentzug die synaptische Last erhöht, wurde auch in einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2026 aus Deutschland bestätigt. Die Arbeitsgruppe um David Elmenhorst am Forschungszentrum Jülich konnte zeigen, dass schon eine einzige Nacht ohne Schlaf die Menge des synaptischen Dichte-Markers SV2A im menschlichen Gehirn erhöht.
Dieser Marker steht für die Anzahl funktioneller Synapsen. Mit einfachen Worten: Wer zu lange wach bleibt, baut synaptische Verbindungen auf, die das Gehirn am nächsten Tag belasten. Die Forscher konnten nachweisen, dass diese erhöhte synaptische Dichte mit einer Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit einhergeht.
Auch eine im August 2026 erschienene Studie aus den USA zeigt, dass Schlaf die synaptische Architektur im Gehirn nicht nur reduziert, sondern regional unterschiedlich moduliert. Manche Hirnareale profitieren also stärker von der nächtlichen Ordnung als andere. Das Gehirn scheint im Schlaf also nicht pauschal zu arbeiten, sondern differenziert. Es wird nicht einfach etwas entfernt, sondern vielmehr ausgewählt.

Warum selbst ein Nickerchen helfen kann, das Gehirn neu zu kalibrieren

Wenn man nachts aus verschiedenen Gründen nicht gut durchschlafen kann, gibt es auch die Möglichkeit, tagsüber die Hygiene des Gehirns zu unterstützen, wie eine kleine, aber besonders spannende europäische Studie aus dem Jahr 2026 von Kristoffer D. Fehér und Kollegen zeigt.
Die Untersuchung an zwanzig Teilnehmern ergab, dass selbst ein kurzer Mittagsschlaf die synaptische Plastizität neu kalibrieren kann. Ein Nickerchen von weniger als einer Stunde reichte dabei aus, um die neuronale Last zu reduzieren und eine bessere Vorbereitung des Gehirns auf nachfolgendes Lernen zu schaffen.
Für die ganzheitsmedizinische Perspektive ist das bedeutsam. Denn es zeigt, dass Schlaf nicht nur ein nächtlicher Prozess ist, sondern ein biologisches Werkzeug, das der Körper offenbar flexibel einsetzen kann. Der Mensch ist also nicht darauf angewiesen, ausschließlich nachts Ordnung zu schaffen. Er kann sie auch tagsüber gezielt nachholen.
In Bezug auf meinen Patienten kam ich zu folgendem Schluss: Sein Gehirn war nicht krank, sondern überlastet. Es brauchte meiner Ansicht nach keine Medikamente, um die Konzentration zu verbessern, sondern Ordnung. Und zu dieser Ordnung kann Schlaf als biologisches Werkzeug auf natürliche Weise verhelfen.

Perspektive aus der Ganzheitsmedizin

Mein Rat aus ganzheitsmedizinischer Sicht lautete deshalb: Schlaf sollte nicht erst dann stattfinden, wenn der Körper erschöpft ist oder man Zeit dafür findet. Er sollte bewusst gepflegt werden und als eine tägliche Hygiene für das Gehirn gelten.
Wer tagsüber kurze Pausen zulässt, abends digitale Reize reduziert und dem Körper die Chance gibt, entspannt in den Schlaf zu gleiten, unterstützt die nächtliche Ordnung, die das Gehirn dringend braucht.
Schlaf ist kein passiver Zustand, den man einnimmt, nachdem man alles Wichtige im Alltag erledigt hat, sondern ein aktiver Prozess der neuronalen Reinigung, der in die Lebensroutine eingeplant werden muss. Er ist die stille Arbeit des Gehirns, die wir nicht sehen, aber spüren. Und er ist eine der wenigen biologischen Funktionen, die wir medizinisch nicht ersetzen können.
Wer ihn vernachlässigt, verliert die Fähigkeit, klar zu denken. Wer ihn pflegt, kann die Ordnung zurückgewinnen, die das Leben jeden Tag aufs Neue durcheinanderbringt.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)
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Der blinde Fleck der Technologie: Trauen wir noch unseren eigenen Augen?

Vor ein paar Tagen fuhr ich etwa 3 Kilometer von der Ranch weg, um mich mit einem Amazon-Zusteller zu treffen. Er hatte ein Paket für mich. Mein Name stand auf dem Karton. Es lag direkt dort in seinem Lieferwagen, aber er durfte es mir nicht aushändigen. Er erklärte mir, dass er es erst scannen dürfe, wenn er genau an der Stelle angekommen sei, an der der Pin auf seinem Bildschirm angezeigt würde.
Ich schlug ihm vor, einen Blick auf meinen Führerschein zu werfen. Mein Name stimmte mit dem auf dem Paket überein. Ich stand auf meinem eigenen Grundstück. Ich war gern bereit, meine Identität nachzuweisen.
Er entschuldigte sich, sagte aber, dass er das leider nicht machen könne.
Also fuhren wir hintereinander zur Ranch zurück. Ich fuhr voraus und er folgte dem blauen Punkt.
Als wir den Ort schließlich erreichten, befand sich der Markierungspunkt nicht einmal bei meinem Haus. Er war beim Restaurant erschienen. Das Paket war an meine Privatadresse adressiert, aber auf der Karte war offenbar eine andere Adresse angegeben. Am Ende telefonierten wir mit dem Kundenservice und versuchten, dem Mitarbeiter zu erklären, wo ich tatsächlich wohne.
Vor fünf Jahren hätte mir derselbe Fahrer das Paket einfach an der Einfahrt übergeben und seinen Arbeitstag fortsetzen können.

Gefangen im Techsystem?

Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich glaube, der Fahrer hätte etwas falsch gemacht. Er tat genau das, was das System von ihm verlangte. Was mich jedoch verblüffte, war, dass ein Punkt auf einem Bildschirm vertrauenswürdiger geworden war als eine Frau, die vor ihm stand – auf ihrem eigenen Grundstück – und einen Ausweis in der Hand hielt, auf dem derselbe Name stand wie auf dem Paket.
Die Technologie, die uns eigentlich helfen sollte, einander zu finden, hatte uns nun voneinander getrennt.
Ein Freund von mir in New York erzählte mir kürzlich von einem Kollegen, der mit dem Auto voll in ein Haus gefahren war. Zu seiner Verteidigung sagte er, das Navi habe die Kurve in der Straße nicht angezeigt und es habe keine Schilder gegeben, die ihn davor gewarnt hätten.
Ich musste immer wieder daran denken.
Seit wann erwarten wir nicht mehr, dass Autofahrer tatsächlich fahren? Dass sie durch die Windschutzscheibe schauen, statt davon auszugehen, dass die Karte bereits alles für sie gesehen hat?
Auf unserer Ranch gibt es eine ähnliche Situation. Unser Grundstück hat mehrere Eingänge, aber nur einer ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Wir haben aus allen Richtungen mehr als 15 Schilder aufgestellt: mit Pfeilen, mit Firmennamen, mit der Aufschrift „Hofladen in Sicht“, „Restaurant kommt gleich“ oder „Sie sind fast da“.
Dennoch fährt fast jede Woche jemand selbstbewusst auf ein verschlossenes Tor einer benachbarten Ranch zu, weil das Handy ihm anzeigt, dass er angekommen ist. Er kann sehen, dass das Tor geschlossen ist. Er kann Schilder sehen, die in eine andere Richtung weisen. Und doch sitzt er da und wartet darauf, dass das Handy seine Meinung ändert.
Wir haben aber auch noch ein ganz anderes Problem. Eine der Karten-Apps leitet die Leute nicht nur zum falschen Tor, sondern sogar zu einem völlig anderen Haus, das fast 6 Kilometer entfernt ist.
Der Hausbesitzer ist verständlicherweise frustriert. Er hat mich wütend angerufen und die Polizei verständigt. Ich habe mich ihm gegenüber unzählige Male entschuldigt. Ich habe dem Unternehmen eine E-Mail geschrieben, mich an den Kundenservice gewandt und Stunden in Onlinechats damit verbracht, zu erklären, dass die Karte falsch ist. Aber ich habe keinen Einfluss auf die Karte. Ich kann den Pin nicht einfach verschieben. Ich bin genauso auf die Technologie angewiesen wie alle anderen auch.

Verschiedene Realitäten

So etwas ist mir auch schon in einem anderen Zusammenhang passiert.
Als ich das Angebot meiner kalifornischen Restaurants von veganer Küche auf tierische Produkte aus regenerativer und lokaler Erzeugung – Fleisch, Eier und Milchprodukte – umstellte, wurden diese auf Google und Yelp aufgrund koordinierter Onlinekampagnen wiederholt als „endgültig geschlossen“ gekennzeichnet.
Die Restaurants waren jedoch nicht geschlossen. Sie waren voller Gäste. Jedes Mal, wenn das geschah, verbrachte ich Tage damit, die Einträge zu korrigieren. Irgendwann wurden sie zwar wiederhergestellt, aber der Schaden war bereits angerichtet. Wenn das Smartphone anzeigt, dass ein Restaurant dauerhaft geschlossen ist, fahren die meisten Menschen nicht extra hin, um zu überprüfen, ob das stimmt. Sie glauben einfach, was auf dem Bildschirm steht.
Die digitale Version der Realität war mächtiger geworden als die Realität selbst.
Ich sage das nicht, weil ich Technologie für schlecht halte. Ich nutze Satellitennavigation (GPS) fast jeden Tag. Auf einer großen Ranch, auf der Gäste, Auftragnehmer, Lieferfahrer und Besucher kommen und gehen, ist sie unglaublich nützlich.
Aber langsam frage ich mich, was passiert, wenn ein Werkzeug mehr als nur ein Werkzeug wird.

Als man noch nach Straßenkarten fuhr …

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es noch kein GPS gab. Wer damals in Los Angeles mit dem Auto unterwegs war, hatte höchstwahrscheinlich irgendwo im Auto einen Straßenführer dabei. Ich jedenfalls hatte einen. Man lernte die Stadt kennen – eine falsche Abzweigung, ein Orientierungspunkt und eine Karte nach der anderen aus diesem Atlas. Irgendwann brauchte man ihn nicht mehr so oft, weil sich die Karte aus dem Buch in den Kopf eingeprägt hatte.
Mein Mann ist zwölf Jahre jünger als ich und hat erst nach mir das Autofahren gelernt. Eines Tages erwähnte ich, dass auf den meisten Straßen die geraden Hausnummern auf der einen Seite und die ungeraden auf der anderen Straßenseite liegen. Wenn man die gesuchte Adresse kennt, weiß man also bereits, auf welche Straßenseite man achten muss. Er sah mich an und gab zu, dass er noch nie darüber nachgedacht hatte. Da wurde mir klar, warum. Wenn man schon immer mit GPS gefahren ist, warum sollte man es dann selbst können? Das Handy weiß es ja, also gab es nie einen Grund, es selbst zu lernen.

Die analoge Navigation funktionierte noch mit Landkarte und Kompass.

Foto: betterinall/iStock

Über Fähigkeiten und Eigenverantwortung

Das ist der stille Preis einer Technologie, die wirklich gut funktioniert. Nicht, dass sie uns im Stich lässt, sondern dass sie so erfolgreich ist, dass wir aufhören, die Fähigkeiten zu entwickeln, die sie still und leise ersetzt.
Es gibt bereits Augmented-Reality-Brillen, die versprechen, digitale Informationen direkt vor unsere Augen zu projizieren. Die Navigation wird dann nicht mehr nur auf dem Armaturenbrett oder in unseren Händen stattfinden, sondern in die reale Welt eingeblendet werden.
Ich weiß nicht genau, wohin das alles führen wird. Vielleicht werden einige dieser Technologien unser Leben verbessern, vielleicht auch nicht. Aber eines ist klar: Wir müssen präsent bleiben und die Kontrolle behalten.
Wir müssen das Auto immer noch selbst fahren. Wir müssen immer noch die Schilder lesen. Und wir müssen immer noch merken, wenn etwas keinen Sinn ergibt. Wir müssen immer noch einem anderen Menschen in die Augen schauen und entscheiden, ob das, was wir vor uns sehen, vertrauenswürdiger ist als das, was uns ein Bildschirm sagt.
Auf einer Ranch kann etwas schiefgehen, wenn man nicht aufpasst. Ein Zaun bricht zusammen. Ein Kalb wird krank. Das Wasser fließt nicht mehr. Verantwortungsbewusstes Handeln beginnt damit, das wahrzunehmen, was direkt vor einem liegt. Und ich glaube nicht, dass das nur auf einer Ranch gilt.
Technologie sollte uns helfen, uns in der Welt zurechtzufinden, und uns nicht die Verantwortung abnehmen, die Welt selbst zu erleben.
Die Kurve in der Straße ist immer noch da. Das geöffnete Restaurant gibt es immer noch. Das richtige Tor befindet sich immer noch dort.
Und auf meiner Ranch gibt es mehr als 15 Schilder, die den Menschen genau den Weg weisen, den sie gehen müssen.
Wir müssen nur daran denken, aufzublicken.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „When Did We Stop Trusting Our Own Eyes?“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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„Genug gearbeitet“ – Kunden: Was interne Müdigkeit nach außen kostet

Kunden merken mehr, als Unternehmen glauben. Sie merken, wenn Aussagen wechseln. Sie merken, wenn Rückmeldungen zäh werden. Sie merken, wenn intern niemand wirklich zuständig ist. Und sie merken, wenn ein Team müde ist, auch wenn alle höflich bleiben.
Interne Müdigkeit wird extern selten als Müdigkeit wahrgenommen. Der Kunde nennt es Unzuverlässigkeit, Unprofessionalität oder mangelnde Aufmerksamkeit. Dabei liegt die Ursache oft nicht im Kundenkontakt selbst, sondern im Innenleben der Organisation.
Ein Unternehmen hatte steigende Reklamationen. Zunächst suchte man den Fehler im Service. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich: Der Vertrieb versprach Dinge, die die Produktion nicht sauber eingeplant hatte. Die Projektleitung wusste zu spät Bescheid. Der Kunde bekam drei Versionen derselben Wahrheit. Der Service musste es ausbaden.
Das Problem war nicht Freundlichkeit. Es war Übergabequalität.
Genug gearbeitet. Genug Energie in Beschwichtigung gesteckt, wenn interne Klarheit die Beschwerde verhindert hätte.
Kundenkontakt braucht innere Ordnung:
  • Wer ist für den Kunden wirklich verantwortlich?
  • Welche Zusagen dürfen gemacht werden?
  • Wo werden Änderungen dokumentiert?
  • Wann bekommt der Kunde einen Zwischenstand, auch wenn noch keine Lösung da ist?
Ein einfacher Satz wirkt oft stärker als Hochglanzservice: „Sie bekommen bis Donnerstag 12 Uhr eine Rückmeldung – auch wenn es nur ein Zwischenstand ist.“ Dieser Satz schafft Verlässlichkeit. Aber nur, wenn intern jemand dafür einsteht.
Kunden erleben Kultur. Wenn intern Schuld geschoben wird, klingt das außen nach Ausrede. Wenn intern sauber geklärt wird, klingt das außen nach Souveränität.
Deshalb lohnt ein wöchentliches Kunden-Review von 20 Minuten.
  • Was war ein guter Kundenmoment?
  • Wo wurde es kritisch?
  • Welche interne Ursache steckt dahinter?
  • Was ändern wir konkret?
Dieses Format ist keine Servicekosmetik. Es ist Organisationsentwicklung am Kunden entlang.
Gerade Unternehmer, die viel selbst retten, sollten aufmerksam werden. Wenn Kunden nur zufrieden sind, weil der Chef persönlich nacharbeitet, ist das kein Qualitätsbeweis. Es ist ein Engpass.
Genug gearbeitet. Welche Kundenbeschwerde wäre vermeidbar gewesen, wenn intern früher entschieden, sauberer übergeben oder klarer kommuniziert worden wäre?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Genies Geheimnis: Johann Sebastian Bachs musikalischer „Symbolismus“

Bachs Genie ist zugleich sein größtes Geheimnis. Johann Sebastian Bach hinterließ keine persönlichen Briefe, die Einblick in sein Privatleben gewähren, und kein Tagebuch, das seinen Kompositionsprozess erklärt.
Historiker suchen bis heute in seinen Werken nach verborgenen Botschaften. Manche vermuten numerische Muster, andere erkennen darin theologische Hinweise. Doch offenbaren diese Entdeckungen tatsächlich eine tiefere Bedeutung – oder sind sie lediglich das Produkt allzu fantasievoller Interpretationen?

Porträt von Johann Sebastian Bach, deutschem Organisten und Barockkomponisten, (1685–1750). Stich und Druck von Weger aus Leipzig, Mitte 19. Jahrhundert, nach einem Gemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1746.

Foto: FierceAbin/iStock

Ein Geburtstagslied für den Herzog

Als junger Mann war Bach Hoforganist von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar. Zu dessen 52. Geburtstag im Jahr 1713 komponierte Bach eine Arie. Dieses Werk, BWV 1127, enthält zu Ehren seines Gönners ein wiederkehrendes Grundthema mit 52 Tönen.
Als weitere versteckte Anspielung ergeben die Anfangsbuchstaben des dritten Wortes in der zweiten Zeile jeder Strophe zusammengenommen den Namen des Herzogs.
Diese raffinierte Komposition blieb bis 2005 unbekannt. Ein Forscher entdeckte sie in einer Kiste mit Dokumenten aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

Zehn Gebote, zehn Melodien

Im Eingangschor der Kantate 77 integriert Bach ein Werk von Martin Luther, „Dies sind die heil’gen zehn Gebot“, auf eine Weise, die viele als theologisch-symbolisch interpretiert haben.
Hier setzt zehnmal eine Trompete ein und spielt zehn verschiedene musikalische Phrasen aus dem Hymnus, die jeweils ein Gebot symbolisieren. Der Titel des Chors, „Du sollst Gott, deinen Herren, lieben“, stammt, wie auch der Text, den der Chor singt, aus dem Lukasevangelium.
Die Trompete symbolisiert das Gesetz des Alten Testaments und rahmt das neutestamentliche Gebot des Chors ein, Gott und den Nächsten zu lieben.

Moses bei der Verkündung der Zehn Gebote. Stich, Ende 16. Jahrhundert.

Die Dreifaltigkeit

Viele heben die besondere Symbolik in Bachs Präludium und Fuge in Es-Dur (BWV 552) hervor, die den Anfangs- und Schlusssatz seiner „Clavier-Übung III“ oder Deutschen Orgelmesse bilden.
Laut dem Organisten und Nobelpreisträger Albert Schweitzer sei die Tripelfuge des Werkes „ein Symbol der Dreifaltigkeit“. Schweitzer bemerkte, dass die erste Fuge „ruhig und majestätisch“ sei und die „gleichförmige“ Bewegung den Vater darstelle.
Die zweite Fuge verschleiere das Thema, das „nur gelegentlich in seiner wahren Gestalt erkennbar ist, als wolle man andeuten, dass das Göttliche eine irdische Form annimmt“ – den Sohn.
In der dritten Fuge werde das Thema durch raschen Kontrapunkt transformiert. Die Themen überlagern sich im Verlauf des Werkes und deuten so die Vereinigung von Vater und Sohn im Heiligen Geist an.

Tafelbild „Heilige Dreifaltigkeit“ in der Wegkapelle bei Irlahüll, Oberbayern.

Foto: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Symbol des Kreuzes

Das Wohltemperierte Klavier (BWV 849) enthält unter anderem die fünfstimmige Fuge in cis-Moll. Sie zeichnet sich durch zwei entgegengesetzte Melodielinien aus, die sich schließlich zu einem Kreuz vereinen.
Die visuelle Kontur dieses Kreuzmotivs im Notensystem korrespondiert mit seinem dissonanten Klang und vermittelt so einen Zustand der Qual. Dieses musikalische Motiv findet sich auch in der Matthäus-Passion, genauer im Chor „Er soll gekreuzigt werden“.

Name von mystischer Bedeutung

Unsere letzte numerische Erscheinungsform ist die außergewöhnlichste von allen. Wenn die Buchstaben BACH in Zahlen umgewandelt werden, die dem Alphabet entsprechen (A=1, B=2, C=3, H=8), ergibt die Summe 14. „JS BACH“ hat den Zahlenwert 41.
Diese Zahlen tauchen in Bachs Werken immer wieder als Kryptogramm auf. In mehreren Stücken, wie dem Brandenburgischen Konzert Nr. 2 (BWV 1047) und der Sinfonia in f-Moll (BWV 795), erscheint sein Name als musikalische Signatur, wobei die Note b für den Buchstaben B und h für H steht.
Im Jahr 1726 begann er mit der Veröffentlichung der sechs Partiten, die den ersten Teil seiner „Clavier-Übung“ bilden. Er war 41 Jahre alt, und das Werk umfasst 41 Sätze.

Titelseite der „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach.

Die Numerologie erscheint in „Die Kunst der Fuge“ mit schwindelerregender Komplexität.
In seinem Buch „Rethinking JS Bach’s ‚The Art of Fugue’“ (auf deutsch etwa: „,Die Kunst der Fuge“‘ von J. S. Bach neu betrachtet“) stellte Anatoly Milka, Professor für Musikwissenschaft am Staatlichen Rimski-Korsakow-Konservatorium in Sankt Petersburg und an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, etwas Bemerkenswertes fest: Die beiden Originalmanuskriptseiten der Fuge IV erzeugen, wenn sie zusammengelegt werden, einen visuellen Effekt, der einem Ambigramm ähnelt, eine Art Rätsel, das aus verschiedenen Perspektiven betrachtet eine jeweils andere Bedeutung annimmt.
Zunächst einmal besteht das Hauptthema der Sammlung, das hier erstmals als Melodie erscheint, aus 14 Noten. Milka entdeckte außerdem, dass, wenn man die beiden Seiten im Querformat liest, der üblicherweise als Takt 41 gelesene Takt zu Takt 14 wird. Darüber hinaus enthält dieser Takt 14 Noten, und die Buchstaben der ersten Noten im oberen Teil des Taktes ergeben das Alphabet BACH.
Ist das alles Zufall? Milka räumt diese Möglichkeit ein, sagt aber dennoch, dass es einfach zu viele Zeichen konzentriert auf einer Stelle gebe, als dass man von einem Zufall ausgehen könne.
Obwohl die Bedeutung dieser Zahlen für Bach unbestritten ist, bleiben Fragen nach ihrer genauen Bedeutung offen. Für manche sind sie lediglich ein spielerisches kleines Rätsel, das er in seine Werke einfließen ließ.
Für den Musikhistoriker Hans Heinrich Eggebrecht besitzt Bachs Selbstbezug in seiner eigenen Musik jedoch kosmische Bedeutung. Eggebrecht hebt den Zusammenhang zwischen dem Bach-Thema, das im letzten Satz der „Kunst der Fuge“ wiederkehrt, und dem unvollendeten Charakter des Werkes hervor, da es kurz vor dem Tod des Komponisten entstand.
So wollte Bach, laut Eggebrecht, mit der Verwendung seines Namens nicht hervorheben, dass er dies komponiert habe, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass er mit der Tonika – dem Grundton der Tonart – verbunden sei. Denn die Tonart d-Moll vereine das Werk mit Gott (Deo).
Er sah in Bach jemanden, der nach Vereinigung mit seinem Schöpfer strebte.

Auftritt der Skeptiker

Abgesehen von Beispielen mit einem konkreten musikalischen Zweck, wie etwa dem Geburtstag des Herzogs von Weimar, werden Behauptungen über eine tiefere Symbolik in den Werken des Komponisten von Kritikern oft zurückgewiesen.
Für den Musikwissenschaftler und Bach-Spezialisten Peter Williams ist das Kreuzmotiv lediglich ein Zufall, der eine gängige Kombination von Noten darstellt, und die Melodien der Zehn Gebote in der Kantate Nr. 77  sind für ihn eine einfache Anspielung, jedoch kein subtiler theologischer Hinweis.

Das autographe Manuskript des Eröffnungschors der Kantate „Du sollt Gott, deinen Herren, lieben“ (BWV 77) von Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 1723.

Fehlende Beweise sind jedoch kein Beweis für die Abwesenheit. Die vielleicht gewagteste Vermutung von allen ist, dass Bach – ein tief religiöser Mensch, der sich offensichtlich an Zahlenspielen und Rätseln erfreute – seine Musik niemals symbolisch strukturierte.
Was die Bedeutung sein könnte, erscheint ziemlich offensichtlich: Bach wollte Gott durch seine Musik preisen und um dies zu erreichen, strukturierte er seine Kompositionen auf tiefgründige Weise. Mehr noch – statt Bedeutung in der Musik zu verbergen, verlieh er der Musik Bedeutung.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Bach’s Musical Symbolism“. (redaktionelle Bearbeitung: so)
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Immer mehr Medikamente – Aber werden wir auch gesünder?


In Kürze:

  • Noch nie wurden so viele Medikamente verschrieben wie heute. Versicherte der Techniker Krankenkasse erhielten 2025 im Schnitt 292 Tagesdosen.
  • Zahlreiche Arzneimittel lindern gezielt Beschwerden oder verhindern Komplikationen – und schaffen durch Wechselwirkungen untereinander neue.
  • 2021 hat fast jeder zweite gesetzlich Versicherte ab 65 Jahren mindestens ein potenziell ungeeignetes Arzneimittel erhalten.
  • Das Bundesgesundheitsministerium ging im April 2026 von jährlich rund 250.000 Krankenhauseinweisungen infolge von Medikationsfehlern aus.
  • Veränderung ist möglich aber unbequem: Sie verlangt täglich neue Entscheidungen, zeigt sich oft aber erst nach Wochen oder Monaten.

 
Die Techniker Krankenkasse (kurz TK) meldete Anfang August einen neuen Höchstwert. Im Jahr 2025 bekamen die bei ihr versicherten Erwerbspersonen rund 34,3 Millionen Arzneimittelpräparate verschrieben. Insgesamt waren das 2,036 Milliarden Tagesdosen. Durchschnittlich entfielen damit 292 Tagesdosen auf jeden Versicherten.
Diese Auswertung betrifft wohlgemerkt Menschen im Erwerbsleben. Bewohner von Pflegeheimen und ein großer Teil der hochbetagten Patienten sind darin nicht enthalten. Gegenüber dem Vorjahr stieg das Verordnungsvolumen erneut um 2,6 Prozent. Bei den Herz-Kreislauf-Medikamenten hat sich die Zahl der Tagesdosen seit dem Jahr 2000 sogar um 129 Prozent erhöht.
Die TK nennt das einen Verordnungsrekord. Man kann dies als eine umfassende moderne medizinische Versorgung verkaufen. Schließlich gibt es heute für viele Erkrankungen wirksame Arzneimittel, die Beschwerden lindern, Komplikationen verhindern und Leben retten. Eine Frage bleibt trotzdem offen: Werden die Menschen dadurch gesünder?
Ein gesenkter Blutdruck gilt als Behandlungserfolg. Das gilt ebenso für einen besser eingestellten Blutzucker oder eine „beherrschte Entzündung“. Doch ein günstigerer Messwert beweist noch nicht, dass die Ursache einer Erkrankung beseitigt wurde. Der Patient kann laut Laborbericht gut eingestellt sein und sich dennoch keinen einzigen Tag gesund fühlen.

Polypharmazie und ihre Nebenwirkung

Hinzu kommt das Problem der Polypharmazie. Üblicherweise wird davon gesprochen, wenn ein Patient dauerhaft fünf oder mehr Medikamente einnimmt. Bei älteren und chronisch kranken Menschen sind acht, zehn oder noch mehr Präparate längst keine Seltenheit.
Wie ernst dieses Problem genommen werden muss, zeigt etwa die PRISCUS-Liste. Sie erfasst Arzneimittel, die bei Menschen ab 65 Jahren als potenziell ungeeignet gelten. Die aktuelle Fassung PRISCUS 2.0 enthält 177 Wirkstoffe und Wirkstoffklassen. Dazu gehören bestimmte Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Schmerzmittel, Muskelrelaxantien und weitere häufig eingesetzte Präparate.
Teilweise werden auch eine zu hohe Dosis oder eine zu lange Einnahmedauer problematisch. Protonenpumpenhemmer gelten beispielsweise bei einer Behandlungsdauer von mehr als acht Wochen als potenziell inadäquat.
Die PRISCUS-Liste ist keine Verbotsliste. Ein dort aufgeführtes Medikament kann im Einzelfall notwendig und sinnvoll sein. Es sollte jedoch besonders sorgfältig geprüft werden, ob Nutzen, Dosierung und Behandlungsdauer noch stimmen und ob eine verträglichere Alternative infrage kommt.
Die Verordnungswirklichkeit ist indes ernüchternd. Nach einer Auswertung von Abrechnungsdaten hatte 2021 fast jeder zweite gesetzlich Versicherte ab 65 Jahren mindestens ein potenziell ungeeignetes Arzneimittel erhalten. Polypharmazie bedeutet deshalb mehr, als „nur“ eine lange Liste auf dem Medikamentenplan. Sie kann zu einem eigenständigen Gesundheitsrisiko werden.

Patienten in der Medikamente-Wechselwirkung-Spirale

Wie sieht es denn in der Praxis aus? Der Internist behandelt die Herzerkrankung. Der Diabetologe kümmert sich um den Blutzucker. Der Orthopäde verordnet etwas gegen die Schmerzen. Der Psychiater behandelt Depressionen. Beim Hausarzt laufen die verschiedenen Verordnungen schließlich zusammen – sollten sie zumindest. Er soll den Überblick behalten, obwohl sein Wartezimmer voll ist und für den einzelnen Patienten nur begrenzt Zeit zur Verfügung steht.
Mit jedem zusätzlichen Präparat steigt die Zahl möglicher Wechselwirkungen. Auch die Gefahr einer Verordnungskaskade wächst. Dabei wird die Nebenwirkung eines Arzneimittels als neues Krankheitszeichen gedeutet und mit einem weiteren Mittel behandelt.
Beispiel: ein Medikament verursacht Schwindel, Wassereinlagerungen, Verstopfung, Müdigkeit oder Schlafprobleme. Statt die bestehende Medikation zu überprüfen, kommt eine neue Diagnose hinzu. Darauf folgt das nächste Rezept. Auf diese Weise wächst ein Medikamentenplan über Jahre, ohne dass dabei jemand leichtfertig oder mit böser Absicht gehandelt haben muss.

58.000 arzneimittelbedingte Todesfälle

Dass diese Risiken keineswegs theoretisch sind, zeigte bereits der Pharmakologe Professor Jürgen C. Frölich. Im Jahr 2003 errechnete er gemeinsam mit einem Kollegen auf Grundlage einer norwegischen Krankenhausstudie für Deutschland bis zu 58.000 Todesfälle durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen im stationären internistischen Bereich.
Die Zahl war eine Hochrechnung und wurde damals kontrovers diskutiert. Beunruhigend war vor allem der Befund, dass ungefähr die Hälfte dieser Todesfälle als potenziell vermeidbar galt. Nur etwa sechs Prozent der arzneimittelbedingten Todesfälle waren von den behandelnden Ärzten als solche erkannt worden.
Mehr als zwei Jahrzehnte später ist das Problem genauso aktuell. Das Bundesgesundheitsministerium ging im April 2026 von schätzungsweise 250.000 Krankenhauseinweisungen jährlich infolge von Medikationsfehlern aus. Viele dieser Fälle seien vermeidbar.
Die Bundesregierung beschloss dann einen neuen Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit. Aktionspläne sind immer gut und signalisieren „man ist bemüht“. Eine Frage bleibt aber: Warum lässt sich ein so offensichtliches Problem so schwer lösen?

Dilemma der Ärzte

Zur Rettung der Ärzteschaft muss man sagen: Ihnen sind in vieler Hinsicht die Hände gebunden. Eine sorgfältige Überprüfung eines umfangreichen Medikamentenplans benötigt Zeit. Sämtliche Präparate müssen erfasst, Dosierungen kontrolliert und mögliche Wechselwirkungen geprüft werden. Alter, Gewicht, Nierenfunktion, Leberleistung und weitere Erkrankungen sind ebenfalls zu berücksichtigen.
Eine solche Prüfung lässt sich bei einem multimorbiden Patienten kaum zwischen Tür und Angel erledigen. Genau das verlangt der Praxisalltag jedoch häufig. Patienten müssen versorgt, Befunde dokumentiert, Anträge bearbeitet und zahlreiche gesetzliche Vorgaben erfüllt werden.
Dazu kommen dann die medizinischen Leitlinien. Formal sind Leitlinien keine Gesetze. In der Praxis beschreiben sie jedoch den anerkannten Behandlungsstandard. Ein Arzt, der von ihnen abweicht, sollte dafür gute Gründe haben und diese dokumentieren können. Wer die „Leitlinien-Therapie“ verordnet, befindet sich fachlich und rechtlich meist auf sichererem Boden.
Daraus entsteht ein merkwürdiges Leitlinienparadox. Jede einzelne Erkrankung wird korrekt nach ihrer jeweiligen Leitlinie behandelt. Der Patient mit fünf Krankheiten erhält am Ende fünf „korrekte“ Behandlungen, die aber zusammen ein kaum noch beherrschbares Problem bilden können.

Was Sie tun können

Auch die Patienten tragen ihren Teil zur Entwicklung bei. Das ist keine moralische Anklage. Wer krank ist, sucht einen Fachmann auf und erwartet Hilfe. Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, möchte ich es repariert zurückbekommen. Ich möchte vorher keinen Grundkurs in Fahrzeugelektrik absolvieren. Ähnlich ergeht es dem Patienten. Er geht zum Arzt, weil dieser Medizin studiert hat. Kaum jemand hat neben Beruf und Familie die Zeit, sich durch Leitlinien, Beipackzettel, Fachartikel und Wechselwirkungsdatenbanken zu arbeiten.
Der Vergleich hat allerdings eine Grenze. Das Auto fährt nach der Reparatur „allein“ weiter. Der menschliche Körper hängt auch nach dem Arztbesuch davon ab, wie sein Besitzer lebt und ob die Ursachen überhaupt abgestellt wurden, die zur Erkrankung oder den Schmerzen geführt haben.
Die Grundregeln – nicht nur der Naturheilkunde – dürften hinlänglich bekannt sein: ausreichende Bewegung, vernünftige Ernährung, guter Schlaf, weniger (besser gar kein) Alkohol, kein Nikotin, ein gesundes Körpergewicht und ein angemessener Umgang mit Stress. Das alles könnte bei zahlreichen chronischen Erkrankungen einen erheblichen Unterschied machen.
Die Umsetzung ist allerdings unbequem. Eine Tablette einzunehmen, dauert wenige Sekunden. Das eigene Verhalten zu verändern, verlangt täglich neue Entscheidungen. Und der Nutzen zeigt sich oft erst nach Wochen oder Monaten.

Bequeme Medikamente statt Arbeit

Vielleicht sehen wir deshalb im Fernsehen so viele medizinische Jubelgeschichten über neue Medikamente, Operationsroboter und spektakuläre Eingriffe. Solche Berichte liefern eindrucksvolle Bilder. Ein schwer kranker Mensch wird behandelt und kann wenige Tage später die Klinik verlassen.
Evidenzbasierte Naturheilkunde ist weniger fernsehtauglich. Regelmäßiges Krafttraining, Gewichtsreduktion, Schlafverbesserung, eine sinnvoll zusammengestellte Ernährung, gezielt eingesetzte Heilpflanzen oder die Korrektur eines nachgewiesenen Vitalstoffmangels ergeben keine dramatischen Fernsehbilder. Außerdem verlangen sie Mitarbeit.
Vielleicht wollen viele Menschen solche Sendungen gar nicht sehen. Die Botschaft könnte lauten, dass Gesundheit auch etwas mit der eigenen Lebensführung zu tun hat. Das klingt erheblich anstrengender als die Aussicht auf ein neues Präparat.

Wer profitiert am Ende?

Und dann wäre da noch die Industrie. An einer dauerhaft eingenommenen Tablette lässt sich mehr verdienen als an einem täglichen Spaziergang. Das klingt schnell nach Verschwörung und der „bösen Pharmaindustrie“. Dafür benötigt es jedoch keine Verschwörung.
Pharmaunternehmen sind Wirtschaftsunternehmen, stehen unter Renditedruck und sind auch den Erwartungen ihrer Aktionäre verpflichtet. Prävention und die Vermeidung unnötiger Dauerverordnungen berühren bestehende Märkte und wirtschaftliche Interessen. Wer daran etwas ändern möchte, muss mit Gegenwind rechnen.
Ein sinnvolles Gesundheitssystem müsste seinen Erfolg daher anders messen. Entscheidend wäre nicht allein, wie viele Menschen behandelt werden. Interessanter wäre, wie viele nach einigen Jahren weniger Medikamente benötigen, belastbarer geworden sind und ihre Stoffwechsellage verbessert haben. Die 292 Tagesdosen je erwerbstätigem Versicherten erzählen nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte betrifft jeden von uns.

Fazit: Eine Frage kann helfen

Wie wollen Sie es künftig halten? Reicht es Ihnen, wenn Ihre Werte mit immer mehr Medikamenten einigermaßen stimmen? Oder möchten Sie wissen, weshalb Ihr Körper diese Unterstützung überhaupt benötigt und was Sie selbst verändern können?
Medikamente sollten niemals eigenmächtig abgesetzt werden. Fragen darf man trotzdem. Vielleicht wäre die wichtigste beim nächsten Arztbesuch: Benötige ich dieses Mittel noch? Und was kann ich tun, damit ich es eines Tages nicht mehr benötige?
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„Geh nach Westen, junger Mann“: Der Ruf des Yellowstone-Nationalpark hallt durch Generationen

YELLOWSTONE, Wyoming – Das gleichmäßige „Wisch-Wisch“ der Scheibenwischer war trotz des unaufhörlichen Prasselregens auf der Windschutzscheibe zu hören, während sich das Auto langsam dem Eingang des Yellowstone-Nationalpark näherte.
Das Erreichen der Parkgrenze war nur ein kurzlebiger Erfolg.
​Schon wenige Meilen innerhalb des Parks staute sich der Verkehr erneut auf der zweispurigen Straße, weil die Besucher neugierig am Straßenrand nach Bisons Ausschau hielten. Auch Sichtungen von Elchen und Bären führten im gesamten Park zu ähnlichen Verkehrsbehinderungen.

Ganz schön gefährlich …

​Der Westeingang verläuft parallel zum Madison River, der bei jedem Wetter herrlich anzusehen ist. Riesige Felsbrocken liegen malersich an seinen Ufern verstreut, sodass man sich leicht vorstellen kann, wie legendäre Riesen aus alter Zeit sie genau so angeordnet haben.
​Hier ist es kurz vor Sommeranfang kalt, die Temperaturen liegen unter zehn Grad Celsius, der Himmel ist regenschwer. Nebel verhüllt saftig grünes Gras und einen rauschenden, indigoblauen Fluss – erhaben in seiner traumhaften Schönheit.
​Doch diese wilde Landschaft kann ebenso gefährlich wie schön sein. Berichte über Angriffe von Bären und Bisons sowie über Besucher, die durch Geysire, Schlammtöpfe oder heiße Quellen starben oder schwere Verbrennungen erlitten, unterstreichen die Gefahren des Parks.
​Yellowstone, eine zeitlose Kathedrale der Natur, flüstert den Besuchern zu: So war es einst. So sollte es bleiben.

Der Pioniergeist einer Nation

​Während Amerika sein 250-jähriges Bestehen feiert, erinnert Yellowstone an den Pioniergeist der Nation.
​Daniel Williams, ein Parkbesucher aus Arizona, erklärte dies gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times folgendermaßen: „Das Nationalparksystem passt wirklich gut zu der Freiheit, die wir in Amerika haben, zu reisen, Abenteuer zu erleben, dieses Land frei zu durchqueren und all das zu sehen, was es zu bieten hat.“
​Vor etwa 150 Jahren beflügelte die Pracht des Yellowstone die Fantasie der Nation.
(Links) Autos fahren am 31. Mai 2026 auf der Panoramastraße zwischen Canyon Village und Tower-Roosevelt im Yellowstone-Nationalpark. (Mitte) Ein Regenbogen erscheint am 31. Mai 2026 durch eine Wolkenlücke im Yellowstone-Nationalpark. (Rechts) Ein Bison überquert am 31. Mai 2026 die US 212 im Yellowstone-Nationalpark. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

(Links) Autos fahren am 31. Mai 2026 auf der Panoramastraße zwischen Canyon Village und Tower-Roosevelt im Yellowstone-Nationalpark. (Mitte) Ein Regenbogen erscheint am 31. Mai 2026 durch eine Wolkenlücke im Yellowstone-Nationalpark. (Rechts) Ein Bison überquert am 31. Mai 2026 die US 212 im Yellowstone-Nationalpark.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

„Go West, young man“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein beliebter Spruch. Die Amerikaner glaubten an das „Manifest Destiny“, dass sich ihre Nation von Meer zu Meer erstrecken sollte.
Im Jahr 1872 wurde der Yellowstone zum ersten Nationalpark Amerikas und der Welt, nachdem Präsident Ulysses S. Grant den „Yellowstone National Park Protection Act“ unterzeichnet hatte.

Roosevelts Campingtour im Park

Doch es war Präsident Teddy Roosevelt, der den Park 1903 bekannt machte. Der als Großwildjäger bekannte Präsident ließ Reporter und den Großteil seines Gefolges zurück, um zwei Wochen lang im Park zu zelten. Eine kleine Abteilung von Soldaten der US-Kavallerie begleitete ihn, zusammen mit Parkführern, einem Naturforscher und dem Parkleiter.
Roosevelt staunte über den Reichtum an Wildtieren und bestand einmal darauf, allein wandern zu gehen, um eine Elchherde, die er am Vortag gesichtet hatte, aus nächster Nähe zu betrachten. Es gelang ihm, bis auf 50 Yards (etwa 46 Meter) an sie heranzukommen; anschließend kehrte er zum Lager zurück und hatte damit eine 18-Meilen-Solo-Wanderung (rund 29 Kilometer) durch die Wildnis absolviert.
​Das Nationalparksystem nimmt in der amerikanischen Seele einen besonderen Platz ein. Diese weiten, offenen Landschaften stehen für den ungebrochenen Individualismus der amerikanischen Vorfahren.
Heute umfasst der Park rund 8.900 Quadratkilometer Fläche und ist damit fast halb so groß wie das Bundesland Sachsen. Er nimmt einen beträchtlichen Teil des Nordwestens von Wyoming ein und erstreckt sich von dort bis nach Montana und Idaho.
Eine Karte zeigt den Yellowstone-Nationalpark und seine Umgebung. Der Park umfasst mehr als 3.400 Quadratmeilen. Foto: jldeines/iStock

Eine Karte zeigt den Yellowstone-Nationalpark und seine Umgebung. Der Park umfasst mehr als 3.400 Quadratmeilen.

Foto: jldeines/iStock

Seit 2015 besuchen jährlich mehr als vier Millionen Menschen aus aller Welt den Park – mit Ausnahme des Pandemie-Jahres 2020 während COVID-19. In den besucherstärksten Monaten – Juli und August – können bis zu eine Million Besucher gezählt werden.
Das amerikanische Nationalparksystem, das mit dem Yellowstone begann, umfasst mittlerweile insgesamt 63 Parks im ganzen Land. Zuletzt kam der New River Gorge National Park in West Virginia hinzu.
Der Roosevelt-Bogen ragt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark majestätisch empor. Das 15 Meter hohe Denkmal am Nordeingang wurde 1903 von Präsident Theodore Roosevelt eingeweiht. Foto: Bobby Sanchez /Epoch Times

Der Roosevelt-Bogen ragt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark majestätisch empor. Das 15 Meter hohe Denkmal am Nordeingang wurde 1903 von Präsident Theodore Roosevelt eingeweiht.

Foto: Bobby Sanchez /Epoch Times

„Feuer und Schwefel“

Amerika war gerade erst etwas mehr als 30 Jahre alt, als sich „Mountain Man“ John Colter in die Wildnis wagte, um Pelze zu jagen. Schließlich erreichte das einstige Mitglied der Lewis-und-Clark-Expedition die Yellowstone-Region.
Colters Abenteuer könnten direkt aus dem Drehbuch des Films „The Revenant – Der Rückkehrer“ aus dem Jahr 2015 stammen. Einmal, nachdem er von einer Gruppe der Blackfeet gefangen genommen worden war, wurde er nackt ausgezogen und musste um sein Leben rennen, während Krieger ihn verfolgten. Er schaffte es zu überleben, indem er sich unter einem Floß aus Treibholz im Fluss versteckte.
Im Winter 1807–1808 machte er sich allein auf den Weg, um Handelsbeziehungen mit dem Stamm der Crow aufzubauen. Sein Weg führte ihn zum Yellowstone-See, wo es heiße Quellen und Geysire gibt. Wissenschaftler stufen den Yellowstone heute als Supervulkan ein, der bei einem Ausbruch genug Partikel in die Atmosphäre schleudern könnte, um einen vulkanischen Winter auszulösen.
Für frühe Besucher wirkte es surreal, ein Land aus „Feuer und Schwefel“, so Colter, der erste Weiße, der das Gebiet erkundete. Zeitgenossen spotteten über seine Beschreibung und taten sie als Lügengeschichte ab.
Ein Schild warnt Besucher im Yellowstone-Nationalpark am 31. Mai 2026 davor, auf den Wegen zu bleiben, wenn sie hydrothermale Stätten besichtigen. Berichte über Bären- und Bisonangriffe sowie über Besucher, die an Geysiren, Schlammtöpfen oder heißen Quellen starben oder schwere Verbrennungen erlitten, unterstreichen die Gefahren des Parks. Foto: Darlene McCormick Sanchez/Epoch Times

Ein Schild warnt Besucher im Yellowstone-Nationalpark am 31. Mai 2026 davor, auf den Wegen zu bleiben, wenn sie hydrothermale Stätten besichtigen. Berichte über Bären- und Bisonangriffe sowie über Besucher, die an Geysiren, Schlammtöpfen oder heißen Quellen starben oder schwere Verbrennungen erlitten, unterstreichen die Gefahren des Parks.

Foto: Darlene McCormick Sanchez/Epoch Times

Andere folgten Colter. Im Jahr 1869 war die Cook–Folsom–Peterson-Expedition die erste organisierte, privat finanzierte Gruppe, die das Gebiet kartografierte.
Doch viele blieben skeptisch.
Charles Cook schickte einen Bericht über die Reise an das „Lippincott’s Magazine“ in Philadelphia, das antwortete: „Vielen Dank, aber wir drucken keine Fiktion.“
Cooks Expedition führte 1870 zur Washburn-Langford-Doane-Expedition und ein Jahr später zur Hayden-Geologischen Vermessung. Die Hayden-Expedition von 1871 war die erste staatlich finanzierte Erkundung und wissenschaftliche Vermessung des Yellowstone.
​Die Route der Expedition führte das 32-köpfige Team zum Yellowstone River, dem sie bis zu den Tower Falls folgten. Sie reisten auch ins Lamar Valley, bevor sie nach Westen in Richtung des Grand Canyon of the Yellowstone abbogen, der von dem gleichnamigen Fluss geformt wurde.
​Der Geologe Ferdinand Hayden nahm Fotografen und Maler mit, um die Region zu dokumentieren und die Bundesregierung von ihrer Legitimität und Einzigartigkeit zu überzeugen. Dies führte dazu, dass der Yellowstone zum ersten Nationalpark wurde.
Mitglieder des US-amerikanischen Hayden Geological Survey essen am 24. August 1870 in ihrem Lager in Red Buttes, Wyoming-Territorium, zu Mittag. Am Tisch, dem Betrachter zugewandt, sitzt der Geologe Ferdinand Vandeveer Hayden; rechts daneben der offizielle Fotograf des Surveys, William Henry Jackson. Die von Hayden geleitete Gruppe erkundete die Region im Nordwesten Wyomings, die später zum Yellowstone-Nationalpark wurde. Foto: ACME / AFP via Getty Images

Mitglieder des US-amerikanischen Hayden Geological Survey essen am 24. August 1870 in ihrem Lager in Red Buttes, Wyoming-Territorium, zu Mittag. Am Tisch, dem Betrachter zugewandt, sitzt der Geologe Ferdinand Vandeveer Hayden; rechts daneben der offizielle Fotograf des Surveys, William Henry Jackson. Die von Hayden geleitete Gruppe erkundete die Region im Nordwesten Wyomings, die später zum Yellowstone-Nationalpark wurde.

Foto: ACME / AFP via Getty Images

​Wintervergnügen Ende Mai

​Unterhalb des Mount Washburn tobte die Schlacht. Die Kinder schrien vor Freude, als sie am letzten Tag im Mai auf dem Parkplatz nahe dem Dunraven Pass herumtollten und lachende Erwachsene mit Schneebällen bewarfen.
​Der Winter lacht den Sommer im Yellowstone aus, wohl wissend, dass die Wärme der Sonne bald schwinden wird. Am Fuß des Wanderwegs lag die Temperatur um vier Grad Celsius. Der Gipfel des Mount Washburn ragt noch mehr als 600 Meter höher empor.
​Als Kevin Silvestrini-Cordero und Michelle O’Keeffe im späten Frühling auf einem Wanderweg den Berg hinaufgingen, begann es zu schneien.
​Reste des Winterschnees lagen noch auf dem Weg und machten ihn stellenweise tückisch. Dann klärte der Himmel wieder auf, während noch einige große Flocken die Wipfel der Kiefern küssten  – ein wunderschöner Anblick.
​Es war der erste Ausflug des Paares in den Park. Sie befanden sich auf einer Reise, bei der sie mehr von Amerika sehen wollten.
​„Ich habe das Gefühl, dass der Yellowstone-Nationalpark wirklich alles vereint“, sagte Silvestrini-Cordero gegenüber der Epoch Times und fügte hinzu, dass es einer der schönsten Orte der Welt sei.
Silvestrini-Cordero sagte, ihr Besuch im ersten Nationalpark der Nation habe sie beide noch stolzer gemacht, Amerikaner zu sein.
Als sie etwa eine Meile vom Ausgangspunkt des Wanderwegs entfernt fuhren, glaubte das Paar aus New Jersey, einen schwarzen Wolf gesehen zu haben. Als sie umdrehten, um genauer hinzuschauen, war er verschwunden – in den Schatten versunken.
In dieser Höhe erfüllt der Duft frischer Kiefern die kühle Luft, und der Wald ist so tief und dunkel wie in einem Märchen.
Die Stille des Waldes weckt Erinnerungen an Lagerfeuergeschichten von Ungeheuern mit lodernden gelben Augen und fernem Heulen in der Nacht.
Ganz in der Nähe des Aussichtspunkts der Washburn Hot Springs hielt der Pensionär Michael Melton aus Georgia an. Ein schneidender Wind fegte über die Ausflügler hinweg, was Melton zu der Bemerkung veranlasste, es sei ein schöner Ort für einen Besuch, während er sich nach den 27 Grad Wärme zu Hause sehnte.
„Wunderschön. Es ist einfach ein wunderschöner Ort für einen Besuch“, sagte er gegenüber der Epoch Times.
Der 67-jährige Michael Melton aus Georgia lacht, als er am 31. Mai 2026 im Yellowstone-Nationalpark eine Geschichte erzählt. Melton durchquerte Yellowstone im Rahmen einer großen Rundreise durch die USA, die ihn über Branson (Missouri), den Nordwesten der USA, den Grand Canyon und das Monument Valley an der Grenze zwischen Arizona und Utah führte. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Der 67-jährige Michael Melton aus Georgia lacht, als er am 31. Mai 2026 im Yellowstone-Nationalpark eine Geschichte erzählt. Melton durchquerte Yellowstone im Rahmen einer großen Rundreise durch die USA, die ihn über Branson (Missouri), den Nordwesten der USA, den Grand Canyon und das Monument Valley an der Grenze zwischen Arizona und Utah führte.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Yellowstone stand auf seiner Wunschliste, als er quer durch Amerika reiste. Er machte eine große Rundreise durch das Land – über Branson in Missouri, den Nordwesten, den Grand Canyon und das Monument Valley – all die Orte, die er schon als Kind sehen wollte.
Ebenso freute er sich darauf, Orte wie Tombstone zu sehen, „wo John Wayne all die alten Schwarzweißfilme gedreht hat“.
​Die heißen Quellen und Schlammgruben, die er im Yellowstone sah, beeindruckten ihn sehr.
​„Ich habe mich immer gefragt, was der erste Mensch wohl über diese Schlammgruben hier gedacht hat“, sagte er.
​Melton vermutete, dass der erste Mensch, der diese nach Schwefel riechenden heißen Quellen erblickte, vielleicht befürchtet hatte, der Teufel sei hinter ihm her.
​„Der hat wohl gedacht, er ist gestorben und in der Hölle gelandet oder so“, scherzte Melton.
Melton war froh, dass die amerikanischen Gründerväter es für angebracht hielten, Teile des Landes zu erhalten, damit sich jeder daran erfreuen kann. Er wies darauf hin, dass das Okefenokee National Wildlife Refuge nicht allzu weit von seinem Zuhause in Georgia entfernt sei.

Die amerikanische Serengeti

Die Straße ins Lamar Valley schlängelte sich in die Ferne, ein dunkles Band vor sanften, grünen Hügeln, die denen in J.R.R. Tolkiens Mittelerde in nichts nachstanden.
Der Abstieg in das weitläufige Tal, das sich bis in die Ferne erstreckte und in dem Hunderte von Bisons auf den Frühlingswiesen grasten, war atemberaubend.
Ausflügler sprangen aus ihren Fahrzeugen, um das grandioses Schauspiel zu bewundern. Kälber saugten an den Eutern ihrer Mütter und schienen die gaffenden Menschen kaum zu bemerken. Es fiel nicht schwer, sich vorzustellen, wie es vor mehr als 150 Jahren gewesen sein musste, als der Westen noch wild war und die Stämme der amerikanischen Ureinwohner diese Gebiete noch beherrschten.
Das Lamar Valley im Nordosten und das zentraler gelegene Hayden Valley gelten als die besten Orte, um Bären und Wölfe  zu beobachten – und Bisons, die man auch amerikanische Büffel nennt.
Im Lamar Valley berichteten Silvestrini-Cordero und O’Keeffe von dem Nervenkitzel, eine der begehrtesten Sehenswürdigkeiten des Yellowstone-Nationalpark zu sehen – Bären in ihrem natürlichen Lebensraum. Ein Tierkadaver lockte mehrere Raubtiere an, darunter einen Grizzlybären und später einen Schwarzbären.
Eine Karte zeigt die Eingänge zum Yellowstone-Nationalpark sowie die ungefähre Lage von Naturwundern und Gebieten, in denen häufig Wildtiere beobachtet werden. Foto: National Park Service

Eine Karte zeigt die Eingänge zum Yellowstone-Nationalpark sowie die ungefähre Lage von Naturwundern und Gebieten, in denen häufig Wildtiere beobachtet werden.

Foto: National Park Service

Artenschutz im Yellowstone

Doch es gab auch eine Zeit, in der einige Großtiere im Park fast bis an den Rand des Aussterbens getrieben wurden.
Einst durchstreiften 30 Millionen Bisons Nordamerika, doch die meisten wurden bis zur Wende zum 20. Jahrhundert ausgerottet. Auch innerhalb des Parks waren die Büffel fast vollständig ausgerottet. Bis Ende der 1880er Jahre hatten nur noch zwei Dutzend überlebt.
Die heutige Bisonpopulation von etwa 5.400 Tieren im Yellowstone gilt als Nachkomme der letzten wilden Herde des Westens.
Bisons grasen am 31. Mai 2026 im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Yellowstone ist der einzige Ort in den Vereinigten Staaten, an dem Bisons seit prähistorischen Zeiten ununterbrochen leben. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Bisons grasen am 31. Mai 2026 im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Yellowstone ist der einzige Ort in den Vereinigten Staaten, an dem Bisons seit prähistorischen Zeiten ununterbrochen leben.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

​Umstrittener war jedoch die Wiederansiedlung von Grauwölfen im Yellowstone, nachdem diese durch die Jagd fast vollständig ausgerottet worden waren.
Grauwölfe, die schwarz, grau und hellbraun sein können, wurden 1995 in den Yellowstone-Nationalpark gebracht. Bis 2017 wurden sie in Montana, Idaho und Wyoming aus dem Artenschutzgesetz gestrichen. Mittlerweile leben etwa 84 Wölfe im Park.
Da es jedoch keine Zäune gibt, die sie im Park halten, jagen Wölfe, die in die Umgebung streifen, häufig Vieh und Haustiere der Rancher.
Während Wölfe im Park geschützt sind, dürfen sie in Montana, Wyoming und Idaho legal geschossen und gefangen werden.
(Links) Ein Schwarzbär schnüffelt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Zwei Bärenarten leben im Yellowstone: Schwarzbären und Grizzlybären. (Mitte) Ein Kojote erkundet am 1. Juni 2026 ein Camp im Yellowstone-Nationalpark. Kojoten sind häufige Raubtiere im Yellowstone und werden oft in den Wiesen und Tälern des Parks beobachtet. (Rechts) Ein Bison säugt am 31. Mai 2026 sein Kalb im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Das Tal in der nordöstlichen Ecke des Parks gilt als einer der besten Orte, um Bären, Wölfe und Bisons zu beobachten. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

(Links) Ein Schwarzbär schnüffelt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Zwei Bärenarten leben im Yellowstone: Schwarzbären und Grizzlybären. (Mitte) Ein Kojote erkundet am 1. Juni 2026 ein Camp im Yellowstone-Nationalpark. Kojoten sind häufige Raubtiere im Yellowstone und werden oft in den Wiesen und Tälern des Parks beobachtet. (Rechts) Ein Bison säugt am 31. Mai 2026 sein Kalb im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Das Tal in der nordöstlichen Ecke des Parks gilt als einer der besten Orte, um Bären, Wölfe und Bisons zu beobachten.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Roosevelt-Bogen

Am Ende des Campingausflugs von Roosevelts – um die Wende zum 20. Jahrhundert hin – hielt er eine Rede bei der Freimaurerzeremonie zur Grundsteinlegung für das, was später der steinerne Torbogen am nördlichen Eingang des Parks werden sollte. Heute ist das ein beliebtes Touristenziel.
Die Ehrfurcht des Präsidenten vor der einzigartigen Schönheit des Parks war während seiner Rede deutlich zu spüren. „Die Geysire, die außergewöhnlichen heißen Quellen, die Seen, die Berge, die Canyons und die Wasserfälle vereinen sich und machen diese Region zu etwas, das weltweit seinesgleichen sucht“, sagte Roosevelt. „Sie muss zum Wohle und zur Freude von uns allen erhalten bleiben.“
Richard Feltes, ein 77-jähriger Rentner aus Nashville, besuchte den Park mit Familienangehörigen. Für ihn war es etwas Besonderes, den Park aufzusuchen, während Amerika einen bedeutenden historischen Meilenstein erreichte.
„Was für ein Nervenkitzel, zum 250. Jubiläum hier zu sein“, sagte er gegenüber der Epoch Times.
Feltes’ ältere Brüder und sein Vater dienten beide im Zweiten Weltkrieg. Er selbst erkrankte kurz vor der Einführung eines Impfstoffs im Jahr 1955 an Kinderlähmung. Später vertrat er dennoch sein Land als Mitglied der US-amerikanischen Rollstuhl-Olympiamannschaft.
Er reiste um die ganze Welt und nahm an Wettkämpfen in Europa, im Nahen Osten und in Südamerika teil. Allerdings, so sagte er, gebe es keinen anderen Ort wie Amerika.
„Wir schätzen alles, was unser Land zu bieten hat“, sagte er.
Er lobte die Barrierefreiheit des Parks für Rollstuhlfahrer und erklärte, er habe die Attraktionen und historischen Stätten besuchen können.
„Roosevelt war hier, um das Bewusstsein der Führungsebene für den Park und alles, was er den Amerikanern zu bieten hat, wirklich zu unterstreichen“, sagte er am Torbogen.
Richard und seine Frau Anita schauen sich abends gerne gemeinsam mit ihren Enkelkindern Sonderbeiträge über den Yellowstone-Nationalpark an. Dann befragen sie sie zu dem, was sie während ihrer Reise gelernt haben.
Sein Enkel Jonathan (9) erklärte der Epoch Times freudig, Old Faithful (ein bekannter Geysir) – „hat gestern funktioniert“ und die Schluchten, Wasserfälle und bunten heißen Quellen seien „cool“.
Vor dem Park konnten sie „America 250“-Medaillen kaufen, die später an der Kühlschranktür ihren Platz finden sollten.
Im Park wurden Flaggen zu Ehren von America 250 gehisst, und online gab es Fanartikel zum Nationalfeiertag – doch eine beiläufige Suche in den Parkläden nach Gedenk-Souvenirs blieb erfolglos. Ein Parkranger erklärte gegenüber der Epoch Times, dass die meisten Feierlichkeiten des Parksystems an der Ostküste geplant seien.
Am 1. Juni 2026 wehte im Yellowstone Tower General Store im Yellowstone-Nationalpark eine Flagge zum 250. Jahrestag der Vereinigten Staaten. Der Park wurde 1872 als erster Nationalpark Amerikas gegründet. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Am 1. Juni 2026 wehte im Yellowstone Tower General Store im Yellowstone-Nationalpark eine Flagge zum 250. Jahrestag der Vereinigten Staaten. Der Park wurde 1872 als erster Nationalpark Amerikas gegründet.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Staunende Menschen am Old Faithful-Geysir

Hunderte von Menschen warteten Anfang Juni geduldig auf den Ausbruch von Old Faithful. Sie plauderten in allen möglichen Fremdsprachen miteinander, während sie gespannt auf die Show warteten, die sich etwa alle 90 Minuten ereignet.
Studien zufolge kommen jedes Jahr etwa 600.000 bis 700.000 Besucher, hauptsächlich aus Deutschland, China, den Niederlanden und Kanada. Das sind etwa 15 Prozent der Gesamtbesucherzahl des weltweit ersten Nationalparks.
Als der berühmte Geysir dann plötzlich in den Himmel schoss, applaudierte die Menschenmenge und rief staunend „Ooh“ und „Aah“.
​Kanzul Fatima, eine pakistanische Dokumentarfilmerin und Expertin für Extended Reality, lebte in Los Angeles, bevor sie nach Deutschland zog. Sie besuchte den Park zum ersten Mal und war mit ihrer Schwester und ihren Eltern extra für diesen Moment 13 Stunden lang mit dem Auto aus Colorado angereist.
(Links) Der Kegelgeysir Old Faithful bricht am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark aus. Er ist der aktivste große Geysir des Parks. (Oben rechts) Zuschauer beobachten den Ausbruch des Kegelgeysirs Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Ein Ausbruch kann bis zu fünf Minuten dauern. (Mitte rechts) Ein Zuschauer fotografiert Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Die Mitglieder der Washburn-Expedition von 1870, die die Region kartierten, nannten den Geysir „Uhr der Ewigkeit“. (Unten rechts) Kanzul Fatima (rechts) und ihre Schwester dokumentieren den Ausbruch des Geysirs Old Faithful im Yellowstone-Nationalpark am 2. Juni 2026. Der Geysir schleudert bei seinem Ausbruch Wasser 27 bis 56 Meter hoch in die Luft. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

(Links) Der Kegelgeysir Old Faithful bricht am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark aus. Er ist der aktivste große Geysir des Parks. (Oben rechts) Zuschauer beobachten den Ausbruch des Kegelgeysirs Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Ein Ausbruch kann bis zu fünf Minuten dauern. (Mitte rechts) Ein Zuschauer fotografiert Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Die Mitglieder der Washburn-Expedition von 1870, die die Region kartierten, nannten den Geysir „Uhr der Ewigkeit“. (Unten rechts) Kanzul Fatima (rechts) und ihre Schwester dokumentieren den Ausbruch des Geysirs Old Faithful im Yellowstone-Nationalpark am 2. Juni 2026. Der Geysir schleudert bei seinem Ausbruch Wasser 27 bis 56 Meter hoch in die Luft.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

„Yellowstone, die Redwoods und Yosemite stehen alle für den amerikanischen Westen“, bemerkte sie und fügte hinzu, dass ihre Mutter gesagt habe, diese Orte erinnerten sie an Hollywood-Filme, die sie in ihrer Kindheit gesehen habe.
„Ich würde sagen, es ist ziemlich ikonisch“, erklärte sie gegenüber der Epoch Times. „Die Weite dieses Parks kommt mir geradezu unwirklich vor.“
Auf die Frage, was sie davon halte, dass die Nation ihr 250-jähriges Jubiläum feiere, sagte Fatima, Amerika stehe für die Chance, dass sich jeder verwirklichen könne.
„Ich glaube, man kann erkennen, was Amerika so lange bestehen lässt“, sagte sie. „Weil es ein Schmelztiegel der Kulturen ist, aber auch so ein Ort, an dem man so groß träumen kann, wie man nur träumen kann.“

„Ich schätze, deshalb wandern immer noch so viele Menschen hierher ein. Ich will nicht sagen, dass es keine Herausforderungen gibt und keine Bruchpunkte, wie die meisten Demokratien sie haben – aber es hat länger gehalten als viele andere.“

Yellowstone, ein Symbol der Freiheit

Der Firehole River schlängelt sich am Mittleren Geysir-Becken (Midway Geyser Basin) vorbei, der Heimat der Grand Prismatic Spring einer der größten Thermalquellen der Welt. Der Fluss wurde so wegen des aufsteigenden Dampfes benannt, der aufgrund thermischer Abflüsse von seiner Oberfläche aufsteigt.
Heißer Nebel wehte über sprudelnde, türkisfarbene Becken, die von leuchtendem Gelb, Orange und Grün umrandet waren. Der Dampf zischte und war zeitweise so dicht, dass er die Menge der Besucher verdeckte, die eine Landschaft bestaunten, die die Zeit vergessen hatte.
Williams, ein Besucher aus Arizona, der mit einer Gruppe unterwegs war, sagte, Yellowstone und die Nationalparks stünden für den amerikanischen Geist, der auch nach 250 Jahren weiterlebe.
„Er symbolisiert diese Idee von Freiheit, die wir in diesem Land haben“, sagte er.
Roosevelt sei einzigartig gewesen, meinte Williams. „Er galt als liberal, wissen Sie, und ich denke, ehrlich gesagt könnten beide Parteien viel von ihm lernen, denn er hatte die Fähigkeit, beide Seiten zu betrachten und zu erkennen, dass beide notwendig waren“, fügte er hinzu.
Roosevelt war nicht nur ein bekannter Jäger, sondern auch ein Naturschützer, der fünf neue Nationalparks gründete: Crater Lake in Oregon, Wind Cave in South Dakota, Mesa Verde in Colorado und Platt in Oklahoma, das heute Teil der Chickasaw National Recreation Area ist. Ebenso wurde Sullys Hill in North Dakota zunächst in das Parksystem aufgenommen, später jedoch in ein Wildschutzgebiet umgewandelt.
Williams zeigte sich optimistisch, dass die USA trotz aller Herausforderungen „die freieste Gesellschaft der Welt“ bleiben würden.
„250 Jahre freie Gesellschaft, freie Regierung, eine Nation, die auf biblischen Prinzipien gegründet wurde … Ich denke, das hat einen sehr starken Einfluss darauf gehabt, wo wir heute stehen und warum wir immer noch eine Regierung haben, die so funktioniert, wie sie es tut“, sagte er.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘Go West, Young Man’: Yellowstone’s Call Echoes Across the Generations“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Bregenzer Festspiele: „Bei den Festspielen brauchte ich Mut“

Anahita Pasdar debütierte bei den Bregenzer Festspielen gleich mehrfach. Nicht nur, dass sie zum ersten Mal mit einem renommierten Orchester, den Wiener Symphonikern, zusammenarbeiten konnte, auch im Genre Oper zu musizieren, war für sie Neuland. Obendrein an einer elektronischen Orgel, anstatt an dem ihr vertrauten Klavier oder an der Kirchenorgel.
Die gebürtige Vorarlbergerin studierte am Landeskonservatorium ebendort sowie am Mozarteum in Salzburg. Sie arbeitet freischaffend als Komponistin und Musikinterpretin und unterrichtet Klavier.
Entscheidend in ihrer musikalischen Laufbahn sei wohl die Unterstützung durch ihren Lehrer Michael Floredo gewesen. Der Komponist und Organist war ihr wie ein Mentor, erzählt sie rückblickend im Gespräch mit Epoch Times. Ohne seine und die elterliche Unterstützung wäre sie heute nicht dort, wo sie ist.
Ihr Lehrer am Konservatorium, der Organist Helmut Binder, öffnete ihr die Tür zu den Bregenzer Festspielen, bei denen sie in zwei Inszenierungen mitwirkte: in der Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ von Leoš Janáček sowie in der Uraufführung des Musiktheaters „Passion of the Common Man“ von Daníel Bjarnason. Und auch bei den kommenden Festspielen darf mit Pasdars Mitwirkung gerechnet werden.
Wie war es für Sie, Frau Pasdar, mit so einem bekannten Orchester wie den Wiener Symphonikern zu arbeiten?
Als Pianist und Organist hat man nicht oft die Möglichkeit, Teil eines Orchesters zu sein. Man ist meistens entweder Solist oder man begleitet grundsätzlich andere Solisten. Aber dass man als Teil eines Orchesters mitdirigiert wird, ist eine ganz neue Situation für Pianisten und Organisten.
Es war herausfordernd, dem Dirigat zu folgen. Denn die Wiener Symphoniker haben ihre ganz eigene Art, dem Dirigenten zu folgen. Sie interagieren sehr kammermusikalisch, achten und hören sehr aufeinander. Das fand ich sehr schön: zu sehen, wie eingespielt sie miteinander sind.
Was kann man anders ausdrücken mit der elektronischen Orgel als mit einem akustischen Klavier?
Meine Erwartungen an die elektronische Orgel waren deutlich niedriger. Ich war positiv überrascht über den Klang der Orgel, die Spielweise und auch die Möglichkeiten der Register. Das Herausforderndste ist die Akustik der elektronischen Orgel, da sie über Lautsprecher verstärkt werden muss.
An maßgebenden Stellen, an denen nur die Orgel begleitet, hat man sie gar nicht gehört. Das musste dann gut abgesprochen werden mit den Akustikern, wo und wie die Orgel stark verstärkt werden muss.
Dadurch, dass die Orgel keinen Klangkörper hat, kann sich der Klang nicht entfalten. Er bleibt einfach an der Stelle, wo er ist. Bei akustischen Instrumenten wird der Klang durch den Klangkörper, durch die Vibration – zum Beispiel vom Holz der Geige – nach außen getragen.
Es ist überhaupt eine ganz seltene Angelegenheit, eine Orgel oder auch ein Klavier in der Oper dabei zu haben.

Auch die Füße sind im Einsatz: Organistin Anahita Pasdar bei den Bregenzer Festspielen 2026.

Foto: Bregenzer Festspiele

War es speziell, bei einer Oper mitzuwirken, im Vergleich zu konzertanten Aufführungen? 
Ja, das war wirklich spannend. Denn die Oper ist ein ganz anderes Genre in der klassischen Musik, eine ganz andere Abteilung. Musiker, die konzertant unterwegs sind, haben mit Opern nicht viel am Hut.
Das heißt, ich hatte dahingehend viele neue Situationen und viel zu lernen. Ich fand die Zusammenarbeit zwischen Musikern im Orchestergraben und den Sängern und Schauspielern auf der Bühne sehr spannend. Man ist eher der tragende Faktor im Hintergrund.
Auf der Bühne oder auch manchmal hinter der Bühne gab es den Chor, den wir [aus dem Orchestergraben heraus] begleiten mussten. Durch die Distanz der unterschiedlichen Locations (Orte), die dann aber zusammenarbeiten müssen, war es herausfordernd.
Denn es entsteht eine Latenzzeit (Verzögerung) der Akustik. Wir mussten alle sehr, sehr gut aufeinander hören und auf den Dirigenten achten. Es gab auch Bildschirme, die für den Chor einsehbar waren, wodurch der Dirigent auf die Bühne übertragen wurde.
Was hat Sie thematisch an der Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ angesprochen?
Ganz heruntergebrochen geht es in der Oper darum, dass Herr Brouček in neue Situationen geworfen wird. Er könnte theoretisch daraus lernen, tut es aber schlussendlich nicht und fällt wieder in seine alten Muster zurück.
Persönlich habe ich davon gelernt, dass man im Leben immer wieder Möglichkeiten bekommt, zu wachsen. Es ist ein ganz kleiner Moment, in dem man entscheiden kann, was man aus dieser Situation macht und ob man etwas Positives daraus nehmen möchte oder ob man sich wieder zurücklehnt und in die alten eigenen Muster verfällt.
Wir alle kennen das in unserem persönlichen Leben, dass wir Schwierigkeiten erleben und theoretisch schon wissen, dass wir mal neue Wege gehen könnten, die vielleicht Mut von uns brauchen. Im Nachhinein sind wir sehr froh, wenn wir diese neuen Wege gegangen sind.
Sie wirkten auch, dieses Mal mit Klavier, bei der Uraufführung des Musiktheaters „Passion of the Common Man“ mit. 
Ja, ein Musiktheater, kann man sagen. Da waren wir Orchestermusiker auf der Bühne. Der Chor war hinter uns und es gab noch vier Solisten, die ganz vorn standen.
Würden Sie sagen, die Verbindung zu Bach, dessen Passionsstrukturen es aufgreift, war zu spüren?
Man kann das schon heraushören. Auch inhaltlich glaube ich, dass es etwas Transzendentales hat. Bei Bach ging es immer um religiöse Themen.
Auf der Website der Festspiele steht: „das Bedürfnis nach Empathie in einer futuristischen Welt“. Gab es etwas, das Sie für sich persönlich mitnehmen konnten? 
Ja. Grundsätzlich ging es in dem Stück um Freuden und um Leiden im Leben. Und allein diese zwei Stichpunkte verweisen schon stark auf Bach, finde ich. Jeder beschäftigt sich irgendwann auf irgendeine Art und Weise mit dem Thema Leiden ertragen im Leben. Da kommt man einfach nicht drumherum.
Das Werk ist ein Anstoß dahingehend, dass es nicht möglich ist, dem Leiden im Leben zu entkommen. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als den besten Weg zu finden, damit umgehen zu können. Und das kann man nur, indem man an sich selbst arbeitet. Denn man kann nichts und niemanden ändern. Nicht das Leben und nicht andere Menschen, außer sich selbst.
Also mache ich es mir einfacher und arbeite an mir selbst. Ich denke, das war schon immer ein Thema für die Menschheit und wird für immer ein Thema bleiben. Egal, wie gut sich die Wissenschaft und die Technik entwickeln.
Sie sprachen von Mut. Wo in Ihrem Leben brauchten Sie als Musikerin Mut?
Ganz oft. Bei Soloauftritten braucht es grundsätzlich Mut. Da wächst man oft über sich hinaus. Ich brauchte auch jetzt bei den Festspielen Mut. Denn bevor ich für „Passion of the Common Man“ engagiert wurde, bin ich eigentlich nur gefragt worden, ob ich bei den Proben für diese Aufführung am Klavier korrepetieren könnte – direkt am Morgen des nächsten Tages.
Das bedeutete, an dem Abend, an dem ich angefragt wurde, noch 100 Seiten – die Begleitung für ein einstündiges Werk – einzustudieren. Es benötigte sehr viel Mut, Ja zu sagen.
Ich dachte, wenn ich diese Möglichkeit bekomme, heißt das, dass ich sie auch nehmen soll. Ich habe dann an demselben Abend noch die 100 Seiten einstudiert und am nächsten Tag einfach in der Probe korrepetiert. Den Rest habe ich dem Schicksal überlassen. Das war dann auch sehr nett zu mir.
Es stellte sich heraus, dass der erste Korrepetitor terminlich doch frei war und den Rest der Proben übernehmen konnte.
Dadurch aber, dass ich präsent war und schon meine Verfügbarkeit gezeigt hatte, wurde ich gefragt, ob ich bei den Aufführungen am Orchesterklavier mitspielen könnte. Was mich sehr freute.
Die Zusammenarbeit mit dem Orchester, mit dem Dirigenten bzw. dem Komponisten und mit dem Chor war sehr schön und wirklich bereichernd. Schlussendlich war ich sehr froh, dass ich bei dem Projekt dabei war und meine eigene Scham oder meine Angst vor Gesichtsverlust beiseitegelegt und mich dieser Schwierigkeit gestellt hatte.
Sie komponieren auch. Welche Qualitäten mussten Sie entwickeln, um von der Musikerin zur Komponistin zu werden?
Es ist lustig. Da sind wir wieder beim gleichen Wort: Mut. Ich habe vorhin erwähnt, dass mein erster Klavier- und Orgellehrer mich wirklich stark unterstützte. Er führte mich auch zur Komposition.
Komposition beginnt zunächst mit Improvisation: den Mut zu haben, frei am Instrument zu spielen und kreativ zu musizieren, was man in sich trägt. Wenn man aber das ganze Leben lang nur nach Noten spielt, ist das wirklich eine Überwindung, ganz frei und ohne Vorlagen zu spielen.
Man weiß oft gar nicht, wozu man in der Lage ist oder wie man anfangen soll. Doch mein Lehrer hat mich sehr stark unterstützt, meine eigene Klangsprache zu entwickeln.
Sie arbeiten als Komponistin bei einem Fernsehsender. Wie kam es zu diesem Engagement?
Nach meinem Studium habe ich entschieden, ein Praktikum beim Fernsehsender NTD TV in New York zu machen. Ich erinnere mich noch, dass ich auf dem Flug dorthin mir dachte: „Anahita, was machst du da eigentlich? Wieso gehst du da hin?“
Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was mich erwartete, und eigentlich gar keine Intention. Das Praktikum machte ich im Music Department, als Sound Engineer und auch als Komponistin.
Und dort, in New York, habe ich meine Liebe zu Medien und Filmkompositionen entdeckt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer nur klassische Komposition gemacht und ganz traditionell mit Stift und Papier gearbeitet. Oder vielleicht mal in einem Notationsprogramm am Computer. Aber ich hatte davor noch nie für Bilder oder Videos komponiert.
Ich merkte, dass mir das wahnsinnig Spaß macht, und bin dabei geblieben. Jetzt komponiere ich im Homeoffice für den Fernsehsender NTD, für verschiedene Programme und Dokumentationen.
Am schönsten und bereicherndsten ist es, wenn man eine Weile an einem Stück gearbeitet hat und langsam sieht – genauer gesagt hört –, wie alle Bausteine zusammenkommen und zu einem größeren Ganzen werden.
Was genau schenkt Ihnen die Musik?
Zu wachsen. Wenn ich am Klavier oder an der Orgel übe, findet gedanklich sehr viel in mir statt.
Ich glaube, als Mensch tendiert man oft dazu, in schwierigen Situationen angespannt und gestresst zu werden. So passiert mir das auch in der Musik. Vor allem, wenn wenig Zeit ist und ich etwas schnell einstudieren muss, tendiere ich dazu, mich selbst nicht mehr wahrzunehmen und mich selbst zu hetzen.
Ich merke immer wieder, wie es deutlich effizienter, einfacher und schöner ist, einen Schritt zurückzugehen und mich bewusst zu entspannen, sowohl mental als auch körperlich. Ich entspanne sowohl meine Hände, Arme und Schultern physisch als auch mich gedanklich – ich lehne mich zurück. Ich lasse das, was passiert, einfach passieren. Ich kann nicht beeinflussen, wie langsam oder schnell die Zeit vergeht. Ich kann nur mein Bestes geben, und es funktioniert deutlich besser und leichter, wenn ich mit Leichtigkeit an die Sache herangehe.
Das Gleiche gilt auch sonst im Leben. Also wenn Schwierigkeiten auftauchen, sich zu trauen, loszulassen und keine Kontrolle haben zu wollen. Während des Übens erkenne ich immer wieder, dass dies der einzige Weg ist, der funktioniert.
So lehrt mich die Musik, ein mutiger, offener und besserer Mensch zu werden. Es klingt klischeehaft, aber es ist tatsächlich der Fall.
Sie finden auch Zeit, sich mit nichtprofessionellen Musikern zu treffen: Sie sind Musikkoordinatorin der Tian Guo Marching Band, des Himmelsreichorchesters. Was motiviert Sie dazu?
Für mich ist das ein Herzensprojekt. Es sind alles motivierte Musiker, die in ihrer Freizeit sich die Zeit nehmen, ein Instrument zu lernen, und gezielt zu Paraden in unterschiedliche Städte Europas fahren. Ohne etwas Materielles dafür zurückzubekommen.
Was uns alle zusammenbringt, ist, dass wir Falun Dafa praktizieren, ein buddhistischer Kultivierungsweg, bei dem es um drei Prinzipien geht, nämlich um Wahrhaftigkeit, um Güte und um Nachsicht.
Wir versuchen, diese Werte in unserem Alltag umzusetzen. Und wir teilen natürlich die Liebe zur Musik. Jedes Mal, wenn ich zu Proben oder zu Aufführungen gehe, komme ich immer sehr positiv und gestärkt zurück, obwohl es eigentlich sehr anstrengend ist. Aber mir gibt es mental unglaublich viel.
Ist es nicht so, als ob ein Rennradfahrer mit Leuten zusammenarbeitet, die gerade erst Fahrradfahren lernen? Welche Qualität braucht es, um mit ihnen zusammenzuarbeiten?
Es braucht auf jeden Fall Geduld. Ich bin Klavierlehrerin und unterrichte deshalb auch Anfänger, auch Fortgeschrittene. Also ich habe ganz viele unterschiedliche Schüler. Geduld ist einer der wichtigsten Faktoren.
Wenn ein Schüler sich wirklich anstrengt und sein Bestes gibt und versucht, Fortschritte zu machen, ist man als Lehrer schon sehr zufrieden. Dann geht es nicht mehr um Talent oder um Können und um Leistung. Ganz im Gegenteil. Es geht als Lehrer meistens darum, dass man sieht, dass der Schüler es versucht.
Gibt es Zukunftspläne oder Ziele, die Sie sich gesteckt haben?
Ziele weiß ich bisher nicht genau. Da muss ich noch etwas konkreter nachdenken. Aber ja, ein paar Pläne. Im Herbst werde ich ein Konzert geben, mit meinem erwähnten ersten Klavier- und Orgellehrer Michael Floredo, ein Orgelkonzert mit Lesung. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wenn Bach käme“ und spricht viele gesellschaftliche Entwicklungen an. Ich finde das Buch sehr, sehr spannend und kann es jedem nur empfehlen.
Im September werde ich im Musiktheater Vorarlberg auch bei einer Aufführung mitwirken und am Klavier begleiten.
Und ich bin wahnsinnig gespannt auf das Programm nächstes Jahr bei den Bregenzer Festspielen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Silke Ohlert.

Anahita Pasdar, Pianistin und Komponistin, bei den Bregenzer Festspielen, 2026.

Foto: Bregenzer Festspiele

 
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Cicero: Fünf Schritte zu einem guten Gespräch

Wir alle kennen das: Wir treffen uns mit Freunden, unterhalten uns nach dem Gottesdienst oder nehmen an einer Netzwerkveranstaltung teil, doch trotz aller Bemühungen verläuft das Gespräch im Sande. Dafür kann es viele Gründe geben, aber im Allgemeinen liegt es entweder daran, dass unsere Gesprächspartner ins Stocken geraten, oder daran, dass uns selbst nichts einfällt, worüber wir reden könnten.
Solche Erfahrungen können entmutigend sein – vor allem für Menschen, die wissen, wie sehr ein gutes Gespräch das Leben verändern kann. Schließlich kann eine simple Unterhaltung jemanden ermutigen oder zu einem Umdenken bewegen, aber leider auch das Ansehen einer Person ruinieren.
Wie können wir gute Gesprächspartner sein, die mit ihren Worten etwas Positives bewirken? Der römische Philosoph und Staatsmann Marcus Tullius Cicero hat sich in seinem Werk „Von den Pflichten“ („De officiis“) mit einer ähnlichen Frage auseinandergesetzt und die folgenden fünf Tipps gegeben, die wir in unsere verbalen Interaktionen mit anderen einfließen lassen sollten:
„Der junge Cicero beim Lesen“ von Vincenzo Foppa (Fresko, 1464), heute in der Wallace Collection in London. Foto: Vincenzo Foppa, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

„Der junge Cicero beim Lesen“ von Vincenzo Foppa, Fresko, 1464, heute in der Wallace Collection in London.

Foto: gemeinfrei

Zuerst an andere denken

Es passiert unglaublich leicht, dass man im Gespräch in Selbstbezogenheit verfällt, sich auf Themen konzentriert, die einen selbst interessieren, oder – oft auf umständliche Weise – von den eigenen jüngsten Aktivitäten berichtet. Cicero riet jedoch dazu, langatmige und wortreiche Reden zu vermeiden, und betonte die Notwendigkeit von Höflichkeit im Gespräch. Das bedeutet, „andere nicht um ihr Wort zu bringen, als hätte man das alleinige Recht, gehört zu werden; sondern, wie in allen anderen Dingen auch […] den Wortwechsel nicht als ungerecht anzusehen.“
Wenn Sie also das nächste Mal in einem Gespräch sind, hören Sie sich selbst zu. Beurteilen Sie, ob Sie nur vor sich hin plappern oder ob Sie sich tatsächlich Zeit nehmen, Ihrem Gesprächspartner Fragen zu stellen und echtes Interesse an dem zeigen, was er zu sagen hat.

Klatsch und Tratsch vermeiden

Aus irgendeinem Grund neigen Gespräche oft dazu, in Gerede über andere abzugleiten. Eine solche Praxis ist in Ordnung, solange die Diskussion über andere lobenswert ist. Aber Gespräche, die andere herabsetzen, müssen laut Cicero um jeden Preis vermieden werden. Dies geschieht sowohl zum Wohl der anderen als auch um unseres eigenen Rufes willen. Menschen, die andere hinter deren Rücken verleumden oder diffamieren, so Cicero, „zeigen einen Mangel an moralischem Charakter“.

Themen mit Bedacht wählen

Wenn es tabu sein sollte, schlecht über andere zu reden, welche Themen sind dann erlaubt? Cicero schlug die Themen „private Angelegenheiten, Politik oder die Theorie und Praxis der Künste“ vor. Anders ausgedrückt: Wenn wir – selbstverständlich mit Bedacht – etwas über uns selbst preisgeben, sind aktuelle Nachrichten oder Filme, Sport, Bücher, Theaterstücke und andere Formen der Unterhaltung allesamt würdige Gesprächsthemen.
„Man muss jedoch Rücksicht auf die anwesenden Personen nehmen“, mahnte Cicero, „denn wir interessieren uns nicht alle zu jeder Zeit und in gleichem Maße für dieselben Dinge.“ Mit anderen Worten: Schätzen Sie Ihren Gesprächspartner ein und langweilen Sie ihn nicht mit Informationen, die ihn nicht interessieren.
Gutes Zuhören, das Vermeiden von Klatsch, die Wahl bedeutungsvoller Themen und das Wissen, wie man ein Gespräch beendet, können alltägliche Begegnungen in dauerhafte Verbindungen verwandeln. Foto: deepblue4you/iStock

Gutes Zuhören, das Vermeiden von Klatsch, die Wahl bedeutungsvoller Themen und das Wissen, wann ein Gespräch zu beenden ist, können aus alltäglichen Begegnungen dauerhafte Verbindungen machen.

Foto: deepblue4you/iStock

Das Gesprächsende nicht verpassen

Manche von uns sind Experten des „langen Abschieds“ – eine nette Umschreibung dafür, dass wir nie wissen, wie wir ein Gespräch beenden und taktvoll und würdevoll gehen sollen. Cicero ermahnte uns: „Beachtet stets […] die Dauer, über die sich die Freude am Gespräch erstreckt, und so wie es einen Grund für den Beginn gab, so soll es auch eine Grenze geben, an der ein Ende gesetzt wird.“ Das bedeutet, dass wir die Körpersprache unserer Gesprächspartner beobachten müssen. Wenn sie desinteressiert wirken oder es eilig haben, lassen Sie sie bereitwillig mit anderen sprechen, indem Sie sich verabschieden und jemanden anderen suchen, mit dem Sie sich unterhalten können.

Emotionen im Zaum halten

Auch wenn wir im Gespräch schnell erkennen, dass andere desinteressiert sind, sollten wir darauf achten, solches Desinteresse nicht in unserer eigenen Körpersprache preiszugeben. Cicero rät uns zudem, im Gespräch „übermäßige Emotionalität zu meiden“ – vor allem Emotionen wie Zorn. Denn, so Cicero, „mit Zorn lässt sich nichts richtig tun und nichts besonnen“.
Ciceros Schriften werden oft als Einflussquelle der amerikanischen Gründerväter angesehen, die neue Wege beschritten und eine Nation voller Würde, Respekt und Weisheit ins Leben riefen. Angesichts der derzeitigen Tendenz unserer Gesellschaft, gegeneinander zu wettern und sich nur auf sich selbst zu konzentrieren – sei es in Onlinedebatten oder in persönlichen Gesprächen –, scheinen seine Ratschläge für die Amerikaner von heute ebenso nützlich zu sein. Wir müssten uns nur die Zeit nehmen, sie zu studieren und uns zu Herzen zu nehmen.
Dieser Artikel erschien im Original auf „1819 News“  und theepochtimes.com unter dem Titel „Cicero’s 5 Steps to a Good Conversation“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Totgesagte leben länger – Gold ist zurück!

Die Warteschlangen an der Klagemauer wurden in den vergangenen Wochen immer länger – die Edelmetalle, insbesondere Gold und Silber, erlebten nach monatelanger Rallyephase starke Rücksetzer.
Im vergangenen Jahr war Gold noch einer der großen Überflieger und rückte in den Fokus vieler Anleger. Hätte man nun doch auf die Verbraucherzentrale hören sollen, die Gold nicht als sichere Geldanlage einstufte? Und Gold bringt ja ohnehin keine Zinsen und Renditen.
Zur Einordnung: Mit einem Plus von rund 60 Prozent lieferte der Goldpreis 2025 eine herausragende Performance. Vom Allzeithoch, das das Edelmetall Ende Januar 2026 mit 5.586,20 US-Dollar erreichte, liegt Gold aktuell circa 21 Prozent entfernt.
Aber ist dies die Anlegerrealität? Sicher nicht! Denn auf 12-Monats-Basis liegen wir im Euro bei einem satten Plus von knapp 34 Prozent. Also doch nicht so schlecht, wie es viele Aktienjunkies dem Edelmetall zurechnen wollen. Dabei werden auch die weiteren Anlagemetalle nicht vergessen. Silber verzeichnet mehr als 72 Prozent, Platin 32 Prozent und Palladium 19 Prozent auf Jahresbasis.
In den vergangenen 30 Tagen ist sich der Goldkurs um 9 Prozent gestiegen. Ist es nun kurzfristige Stärke oder langfristige Konsolidierung?
Die langfristigen Prognosen der globalen Banken zeigen, wie uneinig sich die Analysten über die Bandbreite und die weitere Richtung sind. So hat JPMorgan seine Prognose für das vierte Quartal von 6.000 auf 4.500 Dollar pro Feinunze gesenkt. Morgan Stanley prognostiziert für das zweite Halbjahr 5.200 Dollar. Goldman Sachs sieht Gold zum Jahresende bei 4.900 Dollar, die Commerzbank bei 4.500 Dollar.

An den Notenbanken orientieren?

Viele Einflussfaktoren spielen bei der Preisbildung eine Rolle. Aktuell ist die physische Nachfrage in China eingebrochen – die Zahl der Käufer von Investmentbarren hat laut „Börse Global“ um rund 60 Prozent abgenommen.
Anders soll sich das Bild bei der chinesischen Zentralbank darstellen: Laut chinesischen Medien hat die Chinesische Volksbank ihre Goldreserven im Mai um 320.000 Unzen aufgestockt. Das soll der 19. Monat in Folge mit Zukäufen gewesen sein. Der Goldanteil an Chinas Devisenreserven lag laut den Berichten somit Ende Mai bei 3,44 Billionen Dollar (2,97 Billionen Euro).
Zusätzlich berichtet die Europäische Zentralbank laut „Financial Times“, dass Gold US-Staatsanleihen als größten Bestandteil der offiziellen Reserven der Notenbanken Ende 2025 überholt hat. 27 Prozent bei Gold, 22 Prozent bei US-Staatsanleihen. Ein Jahr zuvor lag das Verhältnis noch bei 20 Prozent Gold und 25 Prozent Staatsanleihen.
Im zweiten Quartal 2026 kauften die Notenbanken der Welt laut dem World Gold Council 289 Tonnen Gold netto zu. Satte 62 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ausgerechnet in einem Zeitraum des stärksten Rücksetzers im Goldpreis seit einem Jahrzehnt.
Also an den Privatkäufern orientieren oder an den Notenbanken? Die globale Ebene bestimmt den Goldpreis!
Die London Bullion Market Association führte im Juli eine Umfrage zur Lage des Goldpreises durch. Die befragten 16 Marktexperten sehen beim Goldpreis weiteres Potenzial bis zum Jahreswechsel 2026. So berichte „Kitco News“.
Einige Experten sahen optimistisch nach vorn und erwarteten den Preis bei bis zu 5.100 Dollar – im Mittel lagen die Prognosen für das Gesamtjahr 2026 bei 4.604 Dollar pro Feinunze. Der Jahresdurchschnitt lag im Jahr 2025 bei rund 3.439,37 Dollar. Das würde wiederum ein Plus von mehr als 33 Prozent bedeuten.
Auf globaler Ebene sind auch weiterhin viele Faktoren maßgeblich. An erster Stelle sind da die geopolitischen Krisenherde zu nennen. Aber auch der Inflationsverlauf und die Arbeitsmarktdaten aus den USA und die Entscheidungen der US-Notenbank. Und nicht zuletzt die künftigen Goldkäufe der Zentralbanken und die globale Staatsverschuldung.

Schuldenorgie läuft ungebremst weiter

Anleger sollten immer im Fokus haben, dass Gold nach wie vor der sichere Anlagehafen in Phasen wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit ist. Die Schuldenorgie mit dem Sumpf der Defizite sollte uns allen Schweiß auf die Stirn treiben. In Frankreich und den USA wächst die Staatsverschuldung ungebremst weiter.
Die USA zahlen erstmals pro Tag 3 Milliarden Dollar (2,59 Milliarden Euro) Zinsen. Bei der Gesamtverschuldung – also Bundesstaat, Kommunen, Unternehmen und private Haushalte – ist die 50-Billionen-Dollar-Schulden-Marke (43 Billionen Euro) laut „FinanzNachrichten.de“ in Sichtweite. Das Land des omnipräsenten Präsidenten Donald Trump ist in die Schuldenfalle geraten. Das Land kann es sich nicht mehr leisten, die Zinsen anzuheben, um die Inflation zu bekämpfen.
Die Spirale von explodierenden Schulden und gefährlicher Gebundenheit an kurzfristige Finanzierungen kann das gesamte Finanzsystem ins Wanken bringen. Viele meiner Expertenkollegen sehen die USA ohne den KI-Boom in einer tiefen Rezession.
Die Vorzeichen für Gold sind weiterhin positiv. Anleger sollten aber auch die anderen Anlagemetalle wie Silber, Platin, Palladium und Technologiemetalle mit den Seltenen Erden nicht außer Acht lassen.
Die Prognosen für den weiteren Preisverlauf sehen bei Silber Kursziele von bis zu 150 Dollar.
Kein Wunder – die wachsende Nachfrage wird durch Photovoltaik, Elektrifizierung, Stromnetze, moderne Elektronik und zunehmend auch die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz befeuert. Gleichzeitig kann das Minenangebot die Nachfrage nicht decken. Seit mehreren Jahren sehen wir im Silber strukturelle Angebotsdefizite. Platin und Palladium profitieren vom allgemeinen Edelmetalltrend und ihrer industriellen Nutzung.
Für Gold sollten wieder Preise von 5.000 Dollar möglich sein. Allein im Juli sammelten laut dem World Gold Council weltweit mit Gold hinterlegte börsengehandelte Fonds (ETFs) 3 Milliarden Dollar (2,6 Milliarden Euro) ein. Mit einer Bestandssteigerung um 23 Tonnen halten sie inzwischen 4.068 Tonnen.
Schwächephasen können sich als Gelegenheit zum Aufbau und zur Erweiterung eines strategischen Portfolios erweisen. Eine nennenswerte Volatilität (Schwankungsbreite) ist inzwischen regelmäßiger Begleiter des Preises.
Wie bei vielen Anlageklassen bleibt laut „Plattform J“ die Entwicklung des Goldpreises letztlich von einer Vielzahl an Faktoren abhängig: „Physische Nachfrage, der Wunsch nach Sicherheit, die Entwicklung des Dollars sowie Inflation und Zinslandschaft werden den Preis weiter bestimmen.“
Weiterhin wird der Preis nachhaltig von den Zentralbanken beflügelt. Eine Umfrage durch das Investmenthaus Invesco weist aus, dass ein Drittel der Zentralbanken in den kommenden drei Jahren ihre Goldbestände weiter aufstocken wollen. Die drei Jahre zuvor waren es noch rund 50 Prozent der Zentralbanken.
Im Wettbewerb der Währungen hat das Edelmetall ohnehin den entscheidenden Vorteil: Es ist als einziges Zahlungsmittel physisch hinterlegt. Und mehr noch: Es ist ein effizienter Diversifikationsbaustein und bietet zusätzlich Enteignungsschutz.

Edelmetalle gehören ins Zollfreilager

Edelmetalle gehören nicht in den Garten. Depot statt Garten ist das Motto! Auch nicht in den Banktresor. Ich meine hier nicht Gelsenkirchen – ich meine die Enteignungsgelüste eines Staates im Verschuldungsstrudel.
In einem Zollfreilager, etwa in der Schweiz, können neben Gold auch Weißmetalle steuerfrei erworben und gelagert werden. Außerhalb der EU und der Brüssel-Regulierungen, zudem zugriffsgeschützt. Ein Metalldepot eignet sich besonders für alle, die Edelmetalle als Vermögensschutz, Wertspeicher und Depotbestandteil sicher lagern möchten. Es bietet vollen Versicherungsschutz und höchstmögliche Sicherheitsstandards. Somit ist ein optimaler Kundenschutz gewährleistet. Die Lagerung erfolgt professionell als „insolvenzgeschütztes Sondervermögen“.
Nur wenige Anbieter bieten im Idealfall auch Portfoliofunktion. Das bedeutet, dass die Metalle innerhalb des Lagers getauscht werden können – ohne zusätzliche Zahlungsströme. Somit kann die Allokation jederzeit verändert und neu gewichtet werden. Täglich liquide, diskret und im Bestfall analog durchgeführt – so muss ein Metalldepot ausgestattet sein!
Laut einer Studie aus dem Jahr 2024 besitzen die privaten Haushalte in Deutschland zusammen mehr als 9.000 Tonnen Gold. Das ist fast dreimal so viel wie der Bestand der Deutschen Bundesbank, die mit rund 3.400 Tonnen die zweitgrößten offiziellen Goldreserven der Welt verwaltet. Wie „FinanzNachrichten.de“ berichtet, sind das nach einer Studie der Reisebank mit dem Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule Berlin annähernd 6 Prozent aller weltweit vorhandenen Goldvorräte.
Wäre doch schade, wenn der Staat hier zugreift, wenn die Staatsschulden aus dem Ruder laufen und die politischen Akteure nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten suchen.
Und zusätzlich fügen sich die Zutaten für eine gigantische Finanzkrise mehr und mehr zusammen. Vielleicht kaschiert – ich sage sogar verstärkt – durch die KI-Blase. Ich sehe fundamentale Fehlentwicklungen in den Märkten. Und viele Warnzeichen. Die Risiken im System wachsen dynamisch an. In diesem brandgefährlichen Umfeld mit erhöhten geopolitischen Risiken sollten Anleger mit langfristigem Anlagehorizont bei der Portfoliozusammensetzung zunehmend physische Elemente wie die Edel- und Technologiemetalle zugriffsgeschützt einsetzen.
Absicherung vor Gier ist angesagt. Wer sein Portfolio gegen geopolitische Risiken und Marktschwankungen absichern möchte, kommt an Gold und den Edelmetallen jedenfalls nicht vorbei. Es bringt keine laufenden Erträge, aber es bringt Sicherheit – und das ist in unsicheren Zeiten unbezahlbar.
Der physische Besitz ermöglicht Ihnen eine große Unabhängigkeit von der Funktionsfähigkeit der Kapitalmärkte genauso wie von Emittenten und Finanzintermediären. Wahre Werte entstehen nicht durch Buchungssysteme oder Zahlungsversprechen, sondern durch ihre physische Masse. Machen Sie es einfach wie die Zentralbanken, die offen ihr Misstrauen in die Finanzmärkte zeigen.
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„Genug gearbeitet“ – Kommunikation: Weniger senden, mehr klären

Noch eine E-Mail. Noch ein Chat. Noch ein Hinweis. Noch eine Erinnerung. Kommunikation ist überall und trotzdem fehlt oft Klarheit. Das ist eines der großen Paradoxe der modernen Zusammenarbeit: Wir senden mehr als je zuvor und verstehen uns nicht automatisch besser.
Viele Konflikte entstehen nicht durch zu wenig Information, sondern durch zu wenig Klärung. Information sagt: „Hier ist etwas.“ Klärung sagt: „Das bedeutet es, das ist zu tun, das gilt, das ist offen.“
Ein Geschäftsführer beschwerte sich, dass sein Team wichtige Informationen ignoriere. Beim Blick auf die Kanäle zeigte sich: Teams-Chat, E-Mail, Projekttool, Zuruf, Telefon, Protokoll, spontane Sprachnachrichten – alles war Kommunikation, nichts war verlässlich.
Das Team war nicht unaufmerksam. Es war überversorgt und unterorientiert.
Genug gearbeitet. Genug Nachrichten geschrieben, die nur neue Rückfragen erzeugen.
Klare Kommunikation braucht wenige, aber verbindliche Regeln:
  • Wo stehen Aufgaben?
  • Wo stehen Entscheidungen?
  • Wo werden schnelle Fragen geklärt?
  • Was muss dokumentiert werden, damit es nicht wieder verloren geht?
Diese Fragen klingen banal. Doch sie entscheiden über Stunden im Alltag.
Ein Team hat vereinbart: Entscheidungen kommen nicht mehr nur in den Chat. Sie werden im Projektboard mit Verantwortlichem und Termin dokumentiert. Der Chat blieb für die schnelle Abstimmung erhalten. Nach drei Wochen sank die Zahl der Nachfragen deutlich. Das lag nicht daran, dass weniger gesprochen wurde, sondern daran, dass klar war, wo Verbindlichkeit entsteht.
Kommunikation erfordert außerdem den Mut zur Wiederholung. Führungskräfte denken oft: „Das habe ich doch gesagt.“ Entscheidend ist jedoch nicht, ob es gesagt wurde, entscheidend ist, ob es verstanden, eingeordnet und handlungsleitend umgesetzt wurde.
Ein guter Klärungssatz lautet: „Was heißt das jetzt konkret für diese Woche?“ Er übersetzt Informationen in Arbeit.
Gerade in Zeiten von KI, Homeoffice und hoher Taktung wird Kommunikationsdisziplin zur Führungsaufgabe. Wer jeden Kanal für alles nutzt, erzeugt Dauerrauschen. Wer Kanäle sauber führt, schafft Ruhe.
Prüfen Sie diese Woche eine Sache: Welche Ihrer Nachrichten hätte eine Entscheidung sein müssen? Und welche Entscheidung wurde nur als Nachricht verschickt?
Genug gearbeitet. Wo kommunizieren Sie viel, ohne wirklich etwas zu klären?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Gezählte oder gelebte Jahre?

Da flattert mir eine Frage als E-Mail auf den Computer, die mich überrascht. Eigentlich eine Frage, die jeder beantworten könnte, die aber offensichtlich immer beiseite geschoben wird: „Wie erleben Sie eigentlich das Älterwerden?“ Was hat mein Alter bis jetzt geprägt, das heißt, wie sieht denn meine Vergangenheit aus?
Jeder Mensch hat eine Vergangenheit. Lächerlich klingt in meinen Ohren immer die Melodie: Wir schauen nicht zurück, sondern nach vorne. Wenn ich aber nicht weiß, woher ich komme, weiß ich dann, wohin ich gehen werde? Also, was prägt mich heute als Ergebnis des Denkens und Handelns in den vergangenen Jahrzehnten?
Nur ein kleines, simples Beispiel. Schauen wir uns in der Wohnung um, entdecken wir da nicht auch manche Gegenstände, die nur der lieben Gewohnheit wegen herumstehen, die einem aber nichts mehr sagen?
Bei meinen Großeltern war ich immer fasziniert von einer Sammeltasse, die in der Küche auf dem Vertiko stand mit dem Spruch „In Bad Kissingen habe ich Dein’ gedacht und dir dies Tässchen mitgebracht.“ Welchen Sinn machte es für mich, diese Tasse aus der deutschen Kaiserzeit um 1900 aufzuheben?
Ist der Gegenstand nur ein Staubfänger, gehört also entsorgt oder hängt an ihm ein Sinn, eine liebe Erinnerung. Damit stellt sich für mich die Frage, gab es nur ein gezähltes Leben oder sollte es ein gelebtes Leben sein, auf das wir – ich – zurückblicke. So wird vermutlich jede alte Person sich vor die Frage stellen: war es das, war es sinnvoll, habe ich für mich oder auch für andere gelebt?
Faszinierend ist das Theaterstück von Molière „Der eingebildete Kranke“ (1673). Ihm machte Spaß, Menschen seiner Umgebung zu scheuchen, Schicksal zu spielen, zu befehlen, ihm doch in seiner „Krankheit“ zu helfen. Können wir in jungen Jahren diese wundervolle Charakterstudie verstehen, die einerseits die Laster und Schwächen des Menschen beschreibt, auch wenn wir noch keine eigene Erfahrung über dieses So-Sein des Menschen gemacht haben? Heißt das aber, dass zum Verstehen auch eine bestimmte Erfahrung notwendig ist, dass die Zwanzigjährige einen Sachverhalt anders beurteilt als eine erfahrene Rentnerin?
Lese ich Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ (1956) heute aufgrund meiner inzwischen erworbenen Kenntnisse anders? Lügner, geldgierige Betrüger und hohle Phrasendrescher gehören zum klassischen Personal einer Komödie.
Sollte ich aber nicht aufgrund der Wirklichkeit und meiner jahrzehntelangen Erfahrung mit der Realität von Politik und Gesellschaft der letzten Jahre hingewiesen werden? War Dürrenmatt ein Hellseher? Nur, was mache ich mit dieser Erkenntnis? Das ist eben das Fatale im Alter. Wem kann ich meine „Altersweisheiten“ mitteilen?
Wie oft habe ich schon Max Frischs Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ (1958) erlebt. In meinem ganzen Leben begegnete ich Menschen, die wegsahen, schwiegen oder aus Angst und Bequemlichkeit nicht handelten. Heute kann aus den Ereignissen der frühen 1930er-Jahren erneut geschlossen werden, wie zentrale gesellschaftliche Fragen wie Verantwortung, Verdrängung, Ignoranz und Tabus den Umgang mit extremen Ideologien und fehlgeleiteter Toleranz zerstörerisch sein können.
Obwohl immer wieder auf die drohende Gefahr hingewiesen wurde, wachte meine Generation erst nach 1968 auf, als Terroristen zehn Jahre später Menschen ermordeten.
Warum werden heute kritische Fragen zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung diskriminiert? Als Historiker kann ich es kaum fassen, dass seit 1968 Zustände und Entwicklungen festgestellt werden können, die sich schleichend in Politik und Gesellschaft eingenistet haben. Es gibt heute etwa 30–40 Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus.
Mein „Alter“ ist angefüllt mit Wissen, mit Informationen, die ich erst allmählich verstehen bzw. verarbeiten konnte.
Wer denkt wann schon ans Alter? Schon gar nicht an das eigene. Oder erst dann, wenn man meint, körperliche Beschwerden würden den Alltag beeinträchtigen? Wann ist man alt? So alt wie man sich fühlt? Ist man alt, wenn man an Jahren alt ist?
Was altert nach der Geburt? Der Körper. Äußerlich altern wir gleichmäßig. Aber das zählt nicht. Was zählt, ist das innerliche Altern. Der Geist wird hoffentlich weiterentwickelt bzw. sollte sich weiterentwickeln, meinte einmal Cicero.
Die Anregungen der Umwelt lassen den Geist, das Denken verändern. Wie kommt es, dass ich Mühe habe, viele Treppen zu steigen, aber wohl kaum ein Buch mit mehr als hundert Seiten zu schreiben? Für den Körper gibt es immer wieder Mittelchen, um der Welt zu beweisen, dass ich noch „kann“. Oft wird junges Aussehen bloß deshalb gerühmt, weil es sonst nichts mehr zu rühmen gibt. Muskeln, die nicht geübt werden, verkümmern, heißt es beim Physiotherapeuten gegenüber den Alten.
Gibt es „Botox“-Mittelchen auch für den Geist? Ja. Das nennt man Ideologie. Immer nur bestätigt, unverändert, da die Gewissheit, richtig zu denken, das Wesentliche einer Religion ist. Auswendiglernen wird seit der Bildungsreform (1964) verpönt. Dabei ist dieses „Botox“ für das Gedächtnis!
Was ist denn daran so schlimm, wenn ich in den Spiegel schaue und sehe, dass ich eben Ende 70 bin und nicht mehr 30? Erfahrungen, das Leben, Niederlagen und Erfolge haben mein Gesicht geprägt. Na und? Ja, ich habe gelebte Jahre hinter mir, nicht nur gezählte.
Ich merke leider immer mehr, wie in Gesellschaft, Kirche und Politik Selbstverständlichkeiten der früheren Jahre verloren gehen, aber nichts anderes an Werten den „Geist“ erfüllt.
Selbstverständlich kann diese Kritik kaum verallgemeinert werden, aber wichtig ist doch wohl, dass das frühere Können bei vielen Menschen in zunehmendem Alter nachlässt. Ich lehne meist ab, Termine und Telefonnummern aufzuschreiben. Wofür habe ich denn ein Gedächtnis? Da brauche ich mich nicht umstellen. Wie bei der Ideologie bzw. Religion. Keine Veränderung.
Aber Trägheit ist ein nicht zu unterschätzender Einfluss auf das zu gestaltende Leben. Je älter ich werde, umso mehr erstaune ich über diese sinnlose Lebenseintönigkeit anderer Personen. Manchmal ärgere ich mich über diese Eintönigkeit, da manche verantwortungslose Erwachsene ihren Kindern kaum die reichhaltige Welt erschließen können. Wollen sie dies überhaupt? Wissen sie eigentlich, wie wunderbar bereichernd ein Tag in einem fremden Land oder an der Ostseeküste ist, anstelle immer ins Allgäu zu fahren? Mein Beruf brachte es mit sich, dass ich mich um Ideen und Meinungen früherer Generationen kümmern musste. So gibt es eine hervorragende Aussage des Unternehmers Friedrich Harkort zu Beginn des 19. Jahrhunderts: „Bildung schafft Bedürfnisse, allein eben diese sind der Sporn des Fleißes … In jedem neugeborenen Armen, welcher unwissend bleibt, erwächst der Gesellschaft ein neuer Feind.“
Deshalb seine Bemühungen, Schulen in Dörfern zu errichten. Der Sozialist Ferdinand Lassalle kritisierte die „verfluchte Bescheidenheit im Geiste“. Ein Erwerbssinn und der Geist der freien Betätigung sollten sich entwickeln. Doch wo sehe ich im Rückblick die Verwirklichung dieser immer noch lobenswerten Gedanken?
Für mich gehören meine Studentinnen und Studenten zu einer betrogenen Generation. Sie hat auch nicht gelernt, Fragen zu stellen. Sie lebt nicht mit dem Wort „Warum“. Offenbar ist ihr vieles gleichgültig …
Als Frucht der seit den 1960er-Jahren um sich greifenden sozialistischen Gedanken nahm ich zur Kenntnis, dass ein besseres Leben durch die „neue“ Sozialpolitik des Staates auch ohne höhere Leistung möglich war. Und da soll der Alte ruhig bleiben? Der betreute Bürger im Hasenkasten, der täglich auf sein Futter wartet, ist heute das Ideal. Warum nicht fröhliche Sklaven sein?
Im 19. Jahrhundert rangen die Ideen des Liberalismus und der Demokratie miteinander, da sie sich grundlegend gegenseitig ausschlossen. Der Liberalismus war die treibende Kraft, sich durch Erwerb von Bildung politisch zu betätigen. Dagegen sah die Demokratie die Beteiligung einer jeden Person an der Politik als gegeben vor. Diesen Unterschied konnte ich an der Universität vermitteln. Je älter ich werde, desto mehr treibt mich die Frage nach dem Sinn eines freiheitlichen Lebens um.
Ein gescheiter Mann hat einmal gesagt: „Die ersten 50 Jahre des Lebens liefern den Text, die späteren den Kommentar dazu“. Kommentar heißt ja wohl, Rückblick. Erkenne ich jetzt im Alter eher Zusammenhänge, die heute mich bewerten lassen, ob die Entscheidung damals gut oder schlecht war?
Hatte ich Glück, so alt zu werden? Ich habe mich daran gewöhnt, mich im Alter  zur Lücke, zum Mangel und zum Unfertigen zu bekennen, da ich mich meist ohne Zwang als freies Wesen entscheiden konnte bzw. mich auch heute noch entscheiden kann.
Mein Alter kennt jetzt Zeit und Muse, um über vieles ohne Druck nachzudenken. Das führt mich zu der Frage, warum gibt es in Politik und Gesellschaft so selten die Frage nach dem Sinn unseres Daseins, unseres Lebens? Sicher, es gibt platte ideologisch aufbereitete wohlfeile Schlagworte dazu, die eher zum Un-Sinn führen. Weil Leben gegenüber früheren Zeiten leichter und sicherer geworden ist, sollten mich Fragen nach dem Sinn begleiten. Tun sie es?
Alter sollte als Chance verstanden werden, in einem letzten Stadium ein sinnvolles Leben zu erfahren. Wer definiert aber, was Sinn ist? Das, was der Mensch braucht – Essen, Trinken, Schlafen – oder etwas anderes? Ich machte im Alter die Erfahrung, dass die wichtigste Frage allzu selten gestellt wird: Warum?
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Die „Legende“ von Winnie Puuh – Heilung für kranke Herzen im Hundert-Morgen-Wald

Es naht der 100. Geburtstag von Winnie Puuh, dem Protagonisten einer Kinderbuchreihe von Alan Alexander Milne (1882–1956). Die Bücher erschienen in einer Zeit, die unserer heutigen sehr ähnlich war, und sie vermitteln eine Grundhaltung und Botschaft, auf die wir uns wieder besinnen sollten.
In einer Zeit des Zynismus sowie des sozialen und kulturellen Zerfalls müssen wir die Unschuld der Kindheit wiederentdecken und neu erleben.
Die Bücher bescherten England und der gesamten englischsprachigen Welt nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs eine Art Wiedergeburt. 2017 erschien mit „Goodbye Christopher Robin“ ein Film über den Autor und seine Biografie.
Es ist ein brillanter Film über die Hintergründe, die auf das Kriegstrauma des Autors zurückzuführen sind. Jahrelang arbeitete er daran, die Öffentlichkeit dazu zu bringen, sich der schrecklichen Wahrheit zu stellen. Doch er schrieb für ein Publikum, das vergessen wollte. Seine Antwort fand er in der Fantasie seines Sohnes Christopher Robin.
Hartfield, England, am 7. Juli 2026 – Eine Torte zum 100-jährigen Jubiläum von „Winnie-the-Pooh“ im Ashdown Forest, der als Inspiration für den „Hundert-Morgen-Wald“ in A.A. Milnes Winnie-Puuh-Kinderbüchern diente. Foto: Chris Jackson/Getty Images

Hartfield, England, am 7. Juli 2026: Eine Torte zum 100-jährigen Jubiläum von „Winnie-the-Pooh“ im Ashdown Forest, der als Inspiration für den „Hundert-Morgen-Wald“ in A.A. Milnes Winnie-Puuh-Kinderbüchern diente.

Foto: Chris Jackson/Getty Images

Ein Zeitalter des Fortschritts

Es ist wichtig, den Kontext zu verstehen. Vor dem Ersten Weltkrieg erlebte die Menschheit jahrzehntelang einige der größten technologischen und sozialen Fortschritte ihrer Geschichte. Das Tempo der technologischen Entwicklung war atemberaubend.
Die Stadtbilder veränderten sich dramatisch, Gebäude ragten bis in die Wolken. Stahl ermöglichte den Bau von Brücken wie nie zuvor. Elektrizität erhellte die Dunkelheit. Die Telefonie revolutionierte die Kommunikation. Fliegen war nun möglich.
Daher entstand im späten 19. Jahrhundert die Ideologie, dass Frieden und Wohlstand nun unvermeidlich seien, da die Menschheit endlich das Geheimnis großer Gesellschaften verstanden habe. Das Britische Empire befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, und es schien, als könne nichts den Marsch des Fortschritts aufhalten. Man konnte es in all der Literatur jener Zeit spüren, den alles durchdringenden Drang nach Perfektionismus in menschlichen Angelegenheiten.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerschmetterte alles. Er machte auf erschreckende Weise die Brutalität der neuen Technologie deutlich, die in den Händen von Staatsmännern lag, die keine Ahnung hatten, was sie taten. Und jede Gemeinschaft und jede Familie bekam das zu spüren. Das Blutvergießen war schockierend. Ebenso war es die Art und Weise, wie die gesamte Zivilbevölkerung der meisten Länder Europas sowie vieler Länder in Amerika mit in den Krieg hineingezogen wurde.

Die Grauen des Krieges

Milne wurde in London geboren und besuchte eine von seinem Vater geleitete Schule. Er studierte Mathematik am Trinity College in Cambridge und arbeitete als Redaktionsassistent und Autor bei der Satirezeitschrift „Punch“. Nachdem er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte – er wäre ohnehin eingezogen worden –, veränderte ihn diese Erfahrung für immer.
Im Juli 1916 wurde er an die Westfront in Frankreich geschickt, wo er in der Anfangsphase der Schlacht an der Somme – einer der blutigsten Schlachten des Krieges – als Fernmeldeoffizier diente. Zu seinen Aufgaben gehörte das Verlegen und Warten von Telefonkabeln unter gefährlichen Bedingungen – manchmal an oder nahe der Frontlinie oder im Niemandsland.
Er wurde Zeuge heftiger Kämpfe und schwerer Verluste. Enge Freunde kamen ums Leben. Einer von ihnen war Ernest Pusch, der von einer Granate zerfetzt wurde, als er sich gerade zum Tee niederlassen wollte. Den Bruder von Pusch erwischte später ein Scharfschütze. Mindestens einmal unternahm seine Einheit einen Angriff, der durch deutsches Maschinengewehrfeuer niedergemäht wurde. Keiner der Männer gelangte näher als etwa 20 Yards an die deutschen Schützengräben heran. Bei diesem Einsatz erlitt das Bataillon Dutzende Tote und über 100 Verwundete.
Im November 1916 befand sich das Bataillon in ruhigeren Schützengräben bei Loos in Nordfrankreich. Zuvor war es von den Hauptkämpfen an der Somme abgezogen worden. Dort erkrankte Milne an Schützengrabenfieber, einer durch Körperläuse übertragenen bakteriellen Infektion, die wiederkehrendes hohes Fieber und anhaltende Schwäche verursacht. Man evakuierte ihn nach England, wo er wochenlang im Krankenhaus lag.

Vom Kriegsministerium in eine Fantasiewelt

Nach seiner Genesung wurde er ans Kriegsministerium versetzt, genauer gesagt zur Abteilung für Militärgeheimdienst und Propaganda, wo er Propagandamaterial verfasste. Das heißt, seine Aufgabe war es, zu lügen.
Später beschrieb er diese Erfahrung in drastischen Worten und schrieb, dass ihm „vor lauter geistigem und moralischem Verfall fast übel wurde“. Wie alle anderen auch litt er unter einem extremen „Shell Shock“, heute als PTBS bezeichnet, was keine Krankheit ist, sondern ein Trauma, das aus moralischem Entsetzen entsteht. Nichts davon ergab einen Sinn, was es übrigens nie tut.
Später versuchte er verzweifelt, seine Talente einzusetzen, um zu beschreiben, zu erklären und zu warnen. Er fand jedoch kein Publikum und litt sehr darunter. Deprimiert und verloren stürzte er sich in die Vaterschaft. Jeder Elternteil versteht genau, was er in seinem kleinen Jungen sah. Er sah einen Neuanfang, ein neues Leben, das in Unschuld geboren und bereit für ein großartiges Leben war. Dem Kind blieb das Trauma seines Vaters erspart. Sein Vater erkannte, dass seine wichtigste Aufgabe im Leben darin bestand, die Welt durch das Leben seines Sohnes zu inspirieren.
Konkret erfanden er und sein Sohn magische Fantasiewelten mit Stofftieren. Sie schufen eine friedliche, glückliche und vielfältige Gemeinschaft der Freundschaft, voller Exzentrik und Abenteuer. Als Milne spürte, wie diese Erfahrung zu einer Quelle seiner eigenen Heilung wurde, gab er das Schreiben schrecklicher Kriegsgeschichten auf und schlug einen anderen Weg ein – hin zur Feier der Unschuld der Kindheit.

Der Bär, das Schweinchen und der Tiger

Aus den Spielsachen seines Sohnes entstanden Winnie Puuh sowie Ferkel, I-Aah, Ruh, Tigger, Eule und Hase.
Der Hundert-Morgen-Wald, der Schauplatz der Geschichten, ist dem Ashdown Forest in der Nähe der Cotchford Farm, dem Landhaus der Familie Milne in East Sussex, nachempfunden.
Milne ließ den Bären erstmals in einer Version des Gedichts „Teddy Bear“ auftreten, das im Magazin „Punch“ und in der Gedichtsammlung „When We Were Very Young“ aus dem Jahr 1924 veröffentlicht wurde. Die erste vollständige Geschichte „The Wrong Sort of Bees“, in der es um Poohs Versuch geht, mit einem Ballon an Honig zu gelangen, erschien am Heiligabend 1925 in der „London Evening News“. Es folgten die Hauptbücher, alle illustriert von E.H. Shepard, dessen Zeichnungen – teilweise basierend auf dem Bären seines eigenen Sohnes – sich untrennbar mit dem Text verbanden.
Der Ton ist sanft, humorvoll und zurückhaltend – voller Wortspiele, wörtlich genommener Logik und kleiner „Abenteuer“, die die alltägliche Fantasie feiern. Die Hauptwerke erschienen Mitte bis Ende der 1920er-Jahre.
Ein Winnie-Puuh-Plüschtier im Archiv der Walt Disney Studios in Burbank, Kalifornien. Winnie Puuh, der sich selbst als Bär mit „sehr wenig Verstand“ bezeichnet und Generationen mit seiner bodenständigen und herzlichen Weisheit verzaubert hat, wird 100 Jahre alt. Foto: Patrick T. Fallon / AFP via Getty Images

Ein Winnie-Puuh-Plüschtier im Archiv der Walt Disney Studios in Burbank, Kalifornien. Winnie Puuh, der sich selbst als Bär mit „sehr wenig Verstand“ bezeichnet und mit seiner bodenständigen und herzlichen Weisheit Generationen verzaubert hat, wird 100 Jahre alt.

Foto: Patrick T. Fallon/AFP via Getty Images

Erfolg auf ganzer Linie

Die Bücher waren auf Anhieb sowohl kommerziell als auch bei den Kritikern ein großer Erfolg. „Winnie Puuh“ verkaufte sich in Großbritannien rasch zehntausendfach und in den Vereinigten Staaten bis Ende 1926 150.000 Mal. Seither werden die Bücher immer wieder gedruckt und in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Es gibt sogar eine lateinische Fassung mit dem Titel „Winnie ille Pu“, die es auf die Bestsellerliste der New York Times schaffte. Weltweit wurden viele Millionen der Bücher verkauft.
Das Merchandising begann schon früh. So erwarb Stephen Slesinger in den 1930er-Jahren die Rechte und Disney kaufte 1961 die Lizenz für die Figuren. 1966 veröffentlichte Disney auch den ersten Zeichentrickkurzfilm „Winnie the Pooh and the Honey Tree“ und baute ein riesiges globales Franchise auf – aus Filmen, Fernsehserien, Attraktionen in Freizeitparks und Produkten. So wurde Winnie Puuh zu einer der weltweit bekanntesten Figuren.
Die originalen Plüschtiere sind in der New York Public Library ausgestellt. Die Bücher beeinflussten spätere Werke, darunter Benjamin Hoffs „The Tao of Pooh“, philosophische Diskussionen und die Populärkultur. Sie sahen sich aber auch gelegentlich moderner Kritik oder politischer Instrumentalisierung ausgesetzt, zum Beispiel in Form von Memes.

Genesung im Hundert-Morgen-Wald

Warum ist das in unserer heutigen Zeit von Bedeutung? Die letzten sechs Jahre – beginnend mit der verfehlten Reaktion auf die Pandemie – waren vergleichbar mit unserem eigenen Großen Krieg: Die versprochene Ausrottung einer Krankheit wurde zu einem Angriff auf Grundrechte und Freiheiten, der in einer aus der Laborwissenschaft hervorgegangenen biologischen Invasion gipfelte. Das Ganze endete in einem Trauma.
Durch das Leben von Kindern können Erwachsene eine Flucht vor den Traumata des Lebens finden. Das ist einer der größten Segen, die das Kinderhaben mit sich bringt. Kinder vermitteln die Hoffnung, dass das Leben neu beginnen kann – frisch und unberührt von den Verwüstungen und Grausamkeiten der Welt. Sie öffnen uns ein Fenster zu der Freude, die möglich ist. Insbesondere Winnie Puuh feiert die kleinen Freuden des häuslichen Lebens und der eigenen Umgebung – das Einzige, was wir letztlich selbst in der Hand haben.
Milne fand seine Antwort auf das Trauma und teilte sie mit der Welt. Sein Gesamtwerk ist für uns noch immer so frisch und aktuell wie am Tag seiner Entstehung. Und wir alle brauchen diesen Hundert-Morgen-Wald in unserem eigenen Leben.

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Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Triumph of Winnie-the-Pooh“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Schuppenflechte: Warum Salben oft versagen – und was wirklich hinter den Ausbrüchen steckt

Ich erinnere mich gut an Frau M., eine 42-jährige Patientin, die eines Morgens in meine Praxis kam, die Hände verkrampft ineinander verschränkt. Ihre Schuppenflechte-Erkrankung (Psoriasis) war außer Kontrolle geraten.
Die Haut an ihren Ellenbogen war entzündet, die Stellen am Kopf brannten; nachts wachte sie auf, weil die Schuppen sich lösten und das Kissen blutig wurde. Den Juckreiz beschrieb sie als unerträglich. Doch während sie sprach, wurde mir klar, dass die Haut nur die Oberfläche war.
Sie erzählte von der Pflege ihrer demenzkranken Mutter, von einem Job, der sie überforderte, von einer Ehe, die seit Jahren unter Schweigen litt. Sie schlief kaum noch, aß unregelmäßig und fühlte sich ständig gehetzt.
„Ich habe das Gefühl, mein Körper schreit“, sagte sie. Und so wusste ich: Die Haut war nicht das Problem. Sie war der Bote.

Die Haut als Spiegel eines überlasteten Systems

Schuppenflechte (Psoriasis) ist eine chronisch-entzündliche, nicht ansteckende Erkrankung, die sich schubweise als gerötete, schuppende, schmerzhafte und juckende Hautstellen manifestiert. Die Erkrankung ist genetisch bedingt und kann verschiedene Auslöser haben.
Dazu zählen in klassischen Fällen verschiedene Hautreizungen, oft unter dem Namen Köbner-Phänomen zusammengefasst. Darunter fällt beispielsweise ein Aufflammen der Psoriasis nach Schnitten, Insektenstichen, Sonnenbrand oder als Reaktion auf Shampoos oder Kosmetik.
Bei schwerwiegenden Schüben, wie bei Frau M., beginnt es meiner Erfahrung nach aber selten mit Reizen auf der Haut. Viele Patienten berichten von einer Phase der Überlastung, von Konflikten, Schlafmangel, beruflichem Druck oder familiären Belastungen vor den Schüben. Erst danach erscheinen die roten, schuppenden Stellen, die brennen, jucken und sich ausbreiten.
Früher galt Schuppenflechte als reine Hautkrankheit. Doch aus ganzheitsmedizinischer Sicht wurde sie schon lange als das Endprodukt eines überlasteten Immunsystems, eines gestörten Stresssystems und einer Lebensrealität, die den Körper permanent überfordert, betrachtet.
Die moderne Forschung bestätigt, dass Schuppenflechte weit mehr ist als eine dermatologische Erkrankung. Mehrere Studien belegen, dass Patienten deutlich erhöhte systemische Entzündungsmarker aufweisen – unabhängig davon, wie die Haut aussieht.

Die Rolle der Darm-Haut-Achse

Auch die Darm-Haut-Achse spielt eine wichtige Rolle beim Auftreten von Schuppenflechte. Die im Jahr 2015 veröffentlichte Studie von Scher und Kollegen zeigt, dass Patienten charakteristische Veränderungen der Darmflora aufweisen, die dafür bekannt sind, immunologische Fehlregulationen zu begünstigen. Der Darm ist ein immunologisches Zentrum – wenn er aus dem Gleichgewicht gerät, kann eine Reaktion der Haut die Folge sein.
Es ist aus umfangreichen Forschungen zudem bekannt, dass sich das Darmmikrobiom durch Stress ebenfalls verändert, was bei Psoriasis-Patienten, wie bei Frau M., die einer großen Stressbelastung im Alltag ausgesetzt sind, zu einer Verschlechterung der Erkrankung beitragen kann.
Daher sollte meiner Empfehlung nach eine Darmsanierung in Form einer gezielten Unterstützung der Darmflora eine Basistherapie für Betroffene sein.
Hinzu kommt die stille Entzündung, die viele Patienten begleitet. Forscher konnten in einer im Jahr 2017 im Fachjournal Journal of the American Academy of Dermatology erschienenen Studie zeigen, dass Schuppenflechte eng mit metabolischen Störungen wie Insulinresistenz und chronischer Low-Grade-Inflammation (was umgangssprachlich als „stille Entzündung“ bezeichnet wird) verknüpft ist.
Auch in diesen Fällen kann es eine wichtige Unterstützung sein, die Darmflora wieder gezielt ins Gleichgewicht zu bringen.

Stress als unsichtbarer Brandbeschleuniger

Was mich in der Praxis immer wieder beeindruckt, ist die Macht des Stresssystems. Frau M. ist ein typisches Beispiel dafür: Ihre Haut entzündete sich nicht infolge eines äußeren Reizes, sondern wegen eines Lebens, das sie überforderte. Die Psoriasis war nicht nur eine schmerzende Krankheit auf der Haut – sie war ein Stressbarometer.
Frau M. ist in diesem Zusammenhang kein Einzelfall. Viele Patienten berichten, dass Schübe nach Konflikten, Schlafmangel, Überlastung oder emotionalen Krisen auftreten. Die Haut reagiert nicht isoliert – sie reagiert auf das Nervensystem.
Studien zeigen, dass Stress die Entzündungen fördert und Schuppenflechte-Schübe bei einem Teil der untersuchten Patienten verstärkt. Chronischer Stress verändert die Immunantwort, begünstigt Schwankungen des Stresshormons Cortisol und destabilisiert die natürliche Schutzschicht der Haut.

Die Kraft alter Heilmethoden im modernen Entzündungszeitalter

Klassische schulmedizinische Therapien bei Schuppenflechte umfassen je nach Schweregrad topische Anwendungen wie Cremes, die Kortison, Vitamin-D3-Analoga oder Salicylsäure enthalten, Lichtbehandlungen und in schwerwiegenderen Fällen systemische immunsuppressive oder immunmodulierende Medikamente.
In der ganzheitsmedizinischen Perspektive geht es darum, das Ganze zu betrachten. Nicht nur die entzündete und juckende Haut und die systemische Entzündung, sondern den ganzen Menschen, seine Belastungen, seine Lebensgeschichte, seine physiologischen und emotionalen Muster. Und genau hier finden traditionelle Heilmethoden ihren Platz – nicht als Ersatz für schulmedizinische Therapien, sondern als Erweiterung des Blicks.
Akupunktur etwa wird in modernen Studien zunehmend als regulierender Einfluss auf das Stress- und Immunsystem beschrieben. Untersuchungen zeigen, dass Akupunktur für viele Patienten zur Entspannung, Beruhigung des vegetativen Nervensystems und Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens beitragen kann.
Eine im Jahr 2018 veröffentlichte Tierstudie liefert Hinweise, dass Akupunktur auch neuroendokrine Achsen beeinflussen kann, die unter anderem auch bei Schuppenflechte überaktiv sind. Größere klinische Studien am Menschen dazu werden derzeit durchgeführt.
Auch die Homöopathie verdient in diesem Zusammenhang eine differenzierte Betrachtung. Viele Patienten berichten, dass homöopathische Behandlungen ihnen helfen, Stress zu reduzieren, den Schlaf zu verbessern und emotionale Belastungen zu verarbeiten – alles Faktoren, die im Zusammenhang mit dem Auftreten von Schuppenflechte stehen und, wie im Fall von Frau M., maßgeblich zur Verbesserung der Symptome beitrugen.
Forschungen in Bezug auf den Placeboeffekt zeigen, dass schon die therapeutische Begegnung selbst, wie beispielsweise persönliche Gespräche mit einem Arzt ohne aktive Medikamentengabe, physiologische Prozesse aktiviert, die Entzündung und Stress modulieren können. In der ganzheitsmedizinischen Sichtweise wird Homöopathie deshalb nicht nur aufgrund dieses Placeboeffekts eigesetzt, sondern als ein Schritt zu einem strukturierten Heilraum, der Körper und Psyche in einen Zustand bringt, in dem Heilung beginnen kann.

Vier Cremes, aber keine ganzheitliche Veränderung

Für eine nachhaltige Verbesserung der Schuppenflechte ist ein vollständiges Bild des Patienten aus Sicht der Ganzheitsmedizin unverzichtbar. Ein umfassender Fachbericht aus dem Jahr 2019 bestätigte ebenfalls, dass Psoriasis-Patienten, die interdisziplinär betreut werden, deutlich bessere Therapieerfolge erzielen.
Wenn mehrere Fachrichtungen zusammenarbeiten und sich austauschen, entsteht ein vollständigeres Bild des Menschen, das über einzelne Symptome hinausgeht. Doch in der Realität bleibt diese umfassende Zusammenarbeit trotz mehrerer Arztbesuche und elektronisch zugänglicher Patientendaten oft aus.
Frau M. war, bevor sie zu mir in die Praxis kam, bereits beim Hausarzt, Dermatologen, Rheumatologen und Gastroenterologen. Sie hatte drei Diagnosen und vier verschiedene Cremes. Die Symptome auf ihrer Haut wurden bereits behandelt, aber erst der ganzheitliche Blick auf ihre Lebensumstände, gezielte Stressreduktion und die Unterstützung ihres Darmmikrobioms brachten einen Durchbruch.

Fazit

Psoriasis ist keine reine Hautkrankheit. Sie ist eine Systemkrankheit, die im Immunsystem beginnt, vom Nervensystem beeinflusst wird, im Darm verstärkt wird und sich auf der Haut zeigt.
Mein Rat für Betroffene lautet: Beobachten Sie nicht nur Ihre Haut, sondern Ihr Leben.
Schübe entstehen oft dort, wo Stress, Schlafmangel, Konflikte oder Überlastung beginnen. Aus Sicht der Ganzheitsmedizin ist die Reaktion der Haut die Botschaft. Und diese Botschaft lautet: Der Körper braucht Entlastung, Balance, Stabilität und Zeit. Eine ganzheitliche Heilung beginnt daher nicht auf der Haut – sie beginnt im System.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)
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Schweden: Wie die Schulwahl die Gesellschaft prägt

Gebt mir eine Kristallkugel, und ich werde vorhersagen, welche Entscheidungen die heutigen schwedischen Schüler beim Wechsel in die Oberstufe später im Leben treffen werden. Es geht um ihr Studium, ihre Arbeitsplätze, ihre Rentenentwicklung und nicht zuletzt ihr zukünftiges Wahlverhalten. Natürlich handelt es sich dabei nur um grobe Trends auf Makroebene, und es gibt Einzelpersonen, die aus dem Muster ausbrechen. Das war schon immer so. Doch die Grundzüge scheinen sowohl in Schweden als auch in Finnland, zwei vergleichbaren Ländern mit ähnlichen Schulsystemen, dieselben zu sein. Interessant ist, dass sich diese Trends offenbar im letzten Jahrzehnt, vielleicht sogar noch länger, gehalten haben.

Der erste Trend

Dieser betrifft die Wahl des Gymnasialzweigs. Als besonders anspruchsvoll gelten die Gymnasialzweige Naturwissenschaften und Technik. In Finnland sind es die Fächer „Mathematik für Fortgeschrittene“ und „Physik“, die die höchsten Anforderungen stellen.
Neben den auf ein Hochschulstudium vorbereitenden Zweigen gibt es in Schweden berufsbildende Gymnasien und in Finnland entsprechende Berufsschulen. In Schweden besteht der Ausbildungsgang „Pflege und Betreuung“ zu etwa 14 Prozent aus Männern und zu 86 Prozent aus Frauen. Der Ausbildungsgang „Elektrotechnik und Energie“ weist 96 Prozent Männer und nur 4 Prozent Frauen auf. Die berufliche Bildung der Sekundarstufe II in Finnland weist entsprechende Unterschiede auf: 15–20 Prozent Männer und 80–85 Prozent Frauen im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens. In den technischen Berufsausbildungen sind etwa 75–80 Prozent Männer und 20–25 Prozent Frauen. Auch die Ausbildungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) werden von Männern dominiert: 75 Prozent.
Nach dem hochschulvorbereitenden Gymnasium nehmen etwa 70–85 Prozent der Schüler in Schweden und 75–85 Prozent in Finnland ein Studium an einer Universität oder Hochschule auf. Die übrigen treten direkt ins Berufsleben ein, wobei etwa drei Viertel im privaten Sektor und ein Viertel im öffentlichen Sektor arbeiten.
Aus internationaler Sicht gehören sowohl Schweden als auch Finnland zu den OECD-Ländern mit der stärksten geschlechtsspezifischen Segregation bei der Berufswahl. Gleichzeitig gehören sie aber auch zu den Ländern mit der größten Gleichstellung beim Bildungsniveau. Das bedeutet, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in erster Linie damit zusammenhängen, welche Ausbildungsgänge die Menschen wählen – und nicht mit dem Zugang zu Bildung.
In Finnland absolvieren weniger Männer eine Ausbildung im Gesundheitswesen als in Schweden, während in Schweden etwas mehr Frauen eine technische Ausbildung absolvieren als in Finnland. Dennoch ist die Geschlechterverteilung deutlich ungleicher als in vielen südeuropäischen Ländern. Dies wird gemeinhin als das nordische Gleichstellungsparadoxon bezeichnet und stellt ein interessantes Forschungsgebiet dar.
Junge schwedische Absolventen im Sommer 2017. Foto: HasseChr/iStock

Junge schwedische Absolventen im Sommer 2017.

Foto: HasseChr/iStock

Die Wahl des Arbeitsplatzes

Bei der Berufswahl sowie der Lohn- und Rentenentwicklung zeigen sich ebenfalls Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Nach dem Abschluss einer Ausbildung im Gesundheitswesen arbeitet der Großteil der Absolventen sowohl in Schweden als auch in Finnland im öffentlichen Sektor. In Schweden ist diese Dominanz am größten: Über 80 Prozent sind im öffentlichen Sektor tätig. Ärzte beider Geschlechter arbeiten etwas häufiger im privaten Sektor: 20–30 Prozent in beiden Ländern.
Es ist überraschend, dass das Wahlverhalten so stark von Geschlecht und Tätigkeit im öffentlichen oder privaten Sektor abhängt.
In den Bereichen Technik und Informations- und Kommunikationstechnologie zeigt sich ein gegenteiliges Bild: Diplom-Ingenieure und Technologie-Magister arbeiten sowohl in Schweden als auch in Finnland zu 85–90 Prozent im privaten Sektor, unter anderem in der Industrie, in Technologieunternehmen, in der IT, in Beratungsunternehmen und in der Telekommunikation. Der öffentliche Sektor umfasst das Verteidigungswesen, Universitäten sowie staatliche und kommunale Behörden. Etwa 4–5 Prozent der Absolventen sind Diplom-Ingenieure.
Das Gehaltsniveau liegt im öffentlichen Sektor im Allgemeinen niedriger, während die Privatwirtschaft je nach Branche deutlich höhere Gehälter für Hochqualifizierte sowie größere Möglichkeiten zum Branchen- oder Unternehmenswechsel bietet, wodurch sich andere Aufstiegsmöglichkeiten ergeben. Entsprechend verläuft natürlich auch die Rentenentwicklung anders: Die Männer und die wenigen Frauen, die in der Privatwirtschaft tätig sind, können tendenziell mit höheren Einkommen und damit auch besseren Renten rechnen. Die Frauen und die wenigen Männer, die sich für das Gesundheits- und Pflegewesen – oder den Lehrerberuf, der mit dem Gesundheitswesen vergleichbar ist – entschieden haben, arbeiten dagegen in stark regulierten Vergütungssystemen mit geringeren Aufstiegsmöglichkeiten und vergleichsweise niedrigeren Renten, obwohl die Studiendauer bei akademischen Berufen ähnlich lang sein kann.
Pia Heikkilä vom „Hufvudstadsbladet“, der auflagenstärksten schwedischsprachigen Tageszeitung in Finnland, sieht Gefahren darin, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung bestimmte Bereiche meidet. Denn es geht potenzielles Fachwissen verloren, wenn das Geschlecht die Berufswahl bestimmt. Der dadurch segregierte Arbeitsmarkt ist weniger flexibel und trägt zum Lohngefälle zwischen Frauen und Männern bei. Da weniger Frauen IT und Technik studieren, haben sie weniger Einfluss auf die rasante digitale Entwicklung, auch im Bereich der KI, während gleichzeitig Kindern, Patienten und Senioren männliche Pädagogen und Pflegekräfte fehlen. Ihre Schlussfolgerungen sind zutreffend und verdienen sowohl in Schweden als auch in Finnland Beachtung.

Unterschiede bei den nationalen Wahlen

Betrachten wir die Unterschiede bei den nationalen Wahlen auf allen drei Ebenen: Laut dem schwedischen Statistikamt (SCB) wählt eine deutliche Mehrheit der Beschäftigten im öffentlichen Dienst in Schweden die linken Parteien. Da der öffentliche Sektor stark von Frauen dominiert wird, ist dies ein deutliches Muster.
In Finnland verteilen sich die Stimmen der Beschäftigten im öffentlichen Dienst ziemlich gleichmäßig auf die Sozialdemokratische Partei Finnlands (SDP) und die Nationale Sammlungspartei (KOK), gefolgt von den Grünen, der Linkspartei sowie den kleineren Parteien. Blockübergreifende Regierungen sind eher die Regel als die Ausnahme.
In Schweden tendieren die Beschäftigten im privaten Sektor und Unternehmer größtenteils zu den Moderaten, dicht gefolgt von den Schwedendemokraten und den Sozialdemokraten. Die Zentrumspartei genießt unter Unternehmern nach wie vor eine stärkere Unterstützung als in vielen anderen Gruppen, doch historisch gesehen hat die Partei ihre frühere Sonderstellung eingebüßt. Gleichzeitig gewinnen die Schwedendemokraten bei den Kleinunternehmern an Boden.

Ein Blick in die Zukunft

Was bedeutet dies langfristig für die Entwicklung dieser Länder? Was bedeutet es für den Fachkräftemangel im Vergleich zum Mangel an hochtechnologischen Fachkräften, für die Ambivalenz der freien Wahl und für den Grundsatz, dass jeder Einzelne das Recht auf Wahlfreiheit und Selbstverwirklichung hat?
Schweden und Finnland sind nicht das autokratische China oder kommunistische Diktaturen, in denen die familiäre Herkunft und der Bedarf des Staates an hochtechnologischen Ausbildungen und fachkundigen Fachkräften die Zulassung zu Ausbildungsgängen bestimmen könnten. Doch auch in demokratischen Ländern kann der Staat die Studienplätze in Ausbildungsgängen für Berufe mit hohem Arbeitskräftebedarf erhöhen und ebenso beschließen, die Plätze in gefragten Ausbildungsgängen für Berufe zu reduzieren, bei denen eine verstärkte Ausbildung von der Gesellschaft nicht als Priorität angesehen wird.
Der Staat soll in einer Demokratie die freie Wahl der Schüler oder Studenten nicht lenken, kann aber vielleicht durch Anreize einen größeren Teil von ihnen in Mangelberufe und hochtechnologische Fachrichtungen lenken. Dies erfordert jedoch andere Wahlmöglichkeiten als die derzeitigen Entscheidungen in der Oberstufe. Wir müssen zudem berücksichtigen, wie KI die Spielregeln verändert. Bestimmte Berufe könnten dezimiert oder ersetzt werden, während Handwerksberufe, Pflegeberufe und die Medizin stets handwerkliches Geschick und berufliche Fachkompetenz erfordern werden. Eine solche Steuerung birgt zudem die Gefahr, dass Schüler von den Geisteswissenschaften und den bildenden Künsten abgehalten werden, die seit der Antike als Garanten einer kulturell und gesellschaftlich hochstehenden Gesellschaft gelten.
Tragen die Wahl der Oberstufe und des Berufs sowie künftige Arbeitsplätze im öffentlichen oder privaten Sektor zu einer zunehmenden Polarisierung in Schweden und Finnland bei? Gibt es einen Einfluss auf das Wahlverhalten, der sich von dem in den mittel- oder südeuropäischen Ländern und wahrscheinlich auch von der Entwicklung in Norwegen und Dänemark unterscheidet?
Es ist überraschend, dass das Wahlverhalten so stark nach Geschlecht und Tätigkeit im öffentlichen oder privaten Sektor gespalten ist. Schweden nimmt dabei aufgrund der langen Regierungszeit der Sozialdemokraten eine besondere Stellung ein. Vor der bevorstehenden Wahl hält die SAP zudem eine Einparteienregierung für möglich, die sich im Parlament auf wechselnde Mehrheiten stützen würde. Dass eine solche Regierung vermutlich schwächer ist als eine Mehrheitsregierung, versteht sich von selbst, doch mit Blockaden und roten Linien entstehen Probleme, ebenso wie durch die Polarisierung in der heutigen schwedischen Gesellschaft.
Das Wahlsystem mit den von den Parteihierarchien aufgestellten Listen ist an sich schon ein demokratisches Problem. In einigen vergleichbaren europäischen Ländern ermöglichen stärker personenbezogene Wahlsysteme eine größere persönliche Rechenschaftspflicht der gewählten Abgeordneten. Dort können Wähler stärker über die persönliche Unterstützung einzelner Kandidaten Einfluss auf die Zusammensetzung des Parlaments nehmen, anstatt ausschließlich über von den Parteien vorgegebene Listen.
Der Artikel erschien im Original auf epochtimes.se unter dem Titel „Elevers skolval formar samhället“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Die Kraft des Spielens: Warum Erwachsene das genauso brauchen wie Kinder

Kinder verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit Spielen. Und das zu Recht. Laut dem National Institute for Play (NIP) mit Sitz in Kalifornien ist „das Spielen entscheidend dafür, wie sich Menschen und andere Spezies entwickeln, funktionieren und innovativ sind“.
Das NIP erklärt, dass das Spielen tief in unseren Nervenstrukturen verankert ist. Es ist fest in unserer Biologie verwurzelt. Affektive Neurowissenschaftler haben sieben primäre emotionale Systeme identifiziert, mit denen wir geboren werden. Dazu gehört auch das Spielen. Spielkreisläufe im Mittelhirn aktivieren weitreichende neuronale Netzwerke und stärken somit die neuronalen Verbindungen, die mit Sozialisation, Bewegung und emotionaler Regulierung zusammenhängen.

Das Gehirn entwickelt sich spielend

Für Kinder ist die Spielzeit entscheidend für ihre Entwicklung und ihr Lernen – vom Kleinkind bis in die Jugend hinein und darüber hinaus. Spielen hilft Säuglingen dabei, ihre Koordination und ihre Blickverfolgungsfähigkeiten zu entwickeln, während Kleinkinder dadurch sowohl körperliche als auch emotionale Widerstandsfähigkeit aufbauen. Kinder, denen beim Spielen ein angemessenes Maß an Freiheit gewährt wird, entwickeln zudem Kreativität. Denn ihre grenzenlose Vorstellungskraft kann dann frei schweifen und sie können an allem in ihrer Umgebung Spaß haben. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Förderung spielerischer Neugier die Lernergebnisse verbessert, während ein Mangel an Spiel mit emotionalen und Verhaltensproblemen in Verbindung gebracht wird.
Durch Fantasie und Spiel beginnen Kinder, die Welt zu begreifen, zu träumen, zu gestalten und zu experimentieren. Sie lernen, dass einige der wichtigsten menschlichen Aktivitäten Dinge sind, die wir um ihrer selbst willen tun – aus purer Freude daran und nicht unbedingt, um praktische Ergebnisse zu erzielen. Das Spielen weckt zudem Interessen und Neigungen, die den Charakter prägen und sich zu lebenslangen Beschäftigungen oder sogar Berufen entwickeln können. Das Kind, das sich leidenschaftlich für Ritterspiele begeistert, studiert später vielleicht Geschichte, während dasjenige, das von Legosteinen fasziniert ist, einen Weg in Richtung Ingenieurwesen einschlägt. Auf diese Weise kann das Spielen zu einem Tor zur Berufung werden.

Auch Erwachsene dürfen spielen

Aber nicht nur Kinder brauchen Verspieltheit in ihrem Leben. Die biologische Veranlagung zum Spielen verschwindet nicht einfach mit dem Alter; wir alle brauchen ein gewisses Maß an Spaß im Leben. Das NIP stellt fest: „Spielen ist ein grundlegender biologischer, psychologischer und sozialer Mechanismus, der prägt, wie wir über die gesamte Lebensspanne hinweg lernen, uns anpassen, Beziehungen knüpfen und uns entfalten. […] Wenn Spielen fehlt oder dauerhaft unterdrückt wird, sehen Forscher einen Zusammenhang zwischen diesem Mangel und Depressionen, einer beeinträchtigten sozialen Entwicklung sowie Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und beim Lernen.“
Die konkreten Vorteile für Erwachsene sind vielfältig. Unter anderem regt das Spielen die Kreativität an, baut stressbedingte Anspannung ab, verbessert die Gehirnfunktion und vertieft die Beziehungen zu anderen.
In seinem Buch „Essentialism: The Disciplined Pursuit of Less“ („Essentialismus: Die konsequente Suche nach Weniger“) empfiehlt der US-amerikanische Autor und Unternehmensstratege Greg McKeown Erwachsenen, insbesondere Berufstätigen, regelmäßig Zeit zum Spielen einzuplanen. Dazu müssen wir die Vorstellung ablehnen, dass Spielen trivial sei – ein Konzept, das wir uns aneignen, wenn wir die Kindheit hinter uns lassen.
Warum legt McKeown so großen Wert auf das Spielen? Zum einen hilft es uns, neue Denkweisen zu entwickeln. Das kann uns dabei unterstützen, Probleme zu lösen und in jedem Unterfangen herausragende Leistungen zu erbringen. McKeown schrieb über eine Studie mit Grizzlybären, die ergab, dass die Bären, die am meisten spielten, im Allgemeinen am längsten überlebten, da das Spielen sie darauf vorbereitet hatte, kreativ zu denken und Probleme zu lösen. Das Gleiche gilt für uns.
McKeown schreibt: „Spielen erweitert unseren Horizont auf eine Weise, die es uns ermöglicht, Neues zu erkunden: neue Ideen zu entwickeln oder alte Ideen in einem neuen Licht zu betrachten. Es macht uns neugieriger, aufgeschlossener für Neues und engagierter.“
Spielen ermöglicht es Menschen jeden Alters, neue Fähigkeiten zu erlernen und fördert gleichzeitig Experimentierfreude und lebenslange Neugier. Foto: Jevtic/iStock

Spielen ermöglicht es Menschen jeden Alters, neue Fähigkeiten zu erlernen, und fördert gleichzeitig Experimentierfreude und lebenslange Neugier.

Foto: Jevtic/iStock

Spielen für mehr Wohlbefinden

Aristoteles sagte bekanntlich: „Wir arbeiten, um Muße zu haben.“ Spiel und Muße sind zwar etwas unterschiedliche Kategorien, stehen aber in Zusammenhang, da beide als Ziel der Arbeit verstanden werden können – und nicht nur als Pausen von der Arbeit. Aristoteles vertritt hier die Ansicht, dass die wichtigsten, zutiefst menschlichen Dinge, die wir tun – zum Beispiel nach Wahrheit streben, mit anderen in Verbindung treten oder Schönheit schätzen –, nicht direkt mit den praktischen Aspekten der Arbeit verbunden sind. Vielmehr arbeiten wir, um die Möglichkeit zu haben, uns diesen befreienden, humanisierenden Aktivitäten zu widmen.
Das Spiel – auch wenn es weniger ernst ist als das, was Aristoteles als „Muße“ betrachtete – hilft uns dennoch dabei, uns daran zu erinnern, dass das Leben mehr zu bieten hat, als nur Ein- und Ausstempeln und sich anschließend auf das Sofa fallen zu lassen.
Beim Spielen geraten wir oft in einen „Flow-Zustand“, in dem die Zeit verschwindet und praktische Sorgen, Nöte und Ziele in den Hintergrund treten. Wir sind, wie ein Kind, einfach nur lebendig.
Spielen ist keine Frage des Alters. Foto: koldo studio/iStock

Spielen ist keine Frage des Alters.

Foto: koldo studio/iStock

Auch der gemeinschaftliche Aspekt des Spielens verdient besondere Beachtung. Die Teilnahme an interaktiven, unbeschwerten Aktivitäten bietet etwas, das eine Familie oder eine Gruppe von Freunden gemeinsam erleben kann. Aufgrund dieser Interaktivität entstehen durch das Spielen viel leichter Bindungen als durch das gemeinsame Starren auf einen Bildschirm oder, was wahrscheinlicher ist, auf getrennte Bildschirme.
Wie könnte das in der Praxis aussehen? Hier ein paar Ideen:
  • Organisieren Sie einen Spieleabend mit der Familie oder Freunden.
  • Verbringen Sie Zeit nicht nur damit, Ihre Kinder oder Enkelkinder zu beobachten, sondern tatsächlich mit ihnen zu spielen.
  • Nehmen Sie eine Sportart wieder auf, die Sie in Ihrer Jugend ausgeübt haben, oder probieren Sie eine neue aus.
  • Nehmen Sie sich Zeit, einfach nur mit jemandem, den Sie lieben, zusammen zu sein – ganz ohne geplante Aktivitäten – und schauen Sie, was Ihnen gemeinsam einfällt.
  • Probieren Sie ein neues Hobby oder Handwerk aus.
  • Spielen oder hören Sie Musik.
  • Erkunden Sie die Natur.
  • Erzählen Sie sich Geschichten und lachen Sie gemeinsam.
Spielen ist die wilde Welt, in der man sich skurrilen und unnötigen Dingen hingibt – was sich letztlich doch als ziemlich notwendig für unser Wohlbefinden herausstellt. Ein gewisses Maß an Freude an den Dingen um ihrer selbst willen, einfach das Leben durch Aktivitäten zu genießen, die Freude bereiten, bleibt unser ganzes Leben lang unverzichtbar.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Power of Play: Why Adults Need Play as Much as Kids“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Wagners Ring zwischen KI und Klangzauber

Eine geniale Parabel um Macht und Liebe ist Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die auf das mittelalterliche Nibelungenlied und andere mythologische Texte zurückgeht, aber doch eine ganz eigene Schöpfung ist.
Und von allen Opern, die je geschrieben wurden, ist er womöglich diejenige, die unmissverständlich aufzeigt, dass die Welt an der grenzenlosen Gier nach Macht und Geld krankt. Sie vereitelt die Chancen der Liebe, macht aus denen, die die Herrschaft erlangen wollen, üble und finstere Gestalten. Und so stehen in der Oper die Zwillinge Sieglinde und Siegmund in ihrer unschuldigen inzestuösen Liebe füreinander und Brünnhilde in ihrer wahrhaftigen Liebe zu Siegfried auf verlorenem Posten.

Zeit für einen Rückblick

Wie unterschiedlich sich dieses Drama in seiner Zeitlosigkeit auf die Bühne bringen lässt, haben Generationen von Regisseuren facettenreich aufgefächert. Allein in der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden jüngeren Aufführungsgeschichte der Bayreuther Festspiele ließen sich zahlreiche packende Deutungen erleben, angefangen von den auf Abstraktion zielenden Arbeiten Wieland Wagners auf halb leerer Bühne.
Eine der bedeutendsten Inszenierungen schuf 1976 der damals noch sehr junge Patrice Chéreau mit seinem kapitalismuskritischen „Jahrhundertring“, der die Mythenwelt in das Zeitalter der frühen Industrialisierung verlegte.
Ab den späten 1980er-Jahren interpretierte Harry Kupfer das Werk – inspiriert von der Katastrophe in Tschernobyl – als einen ewigen zerstörerischen Kreislauf der Menschheitsgeschichte. Die jüngere Bayreuther Aufführungsgeschichte brachte zusehends weniger Sehenswertes zuwege, allenfalls an den sogenannten farbenprächtigen „Designer“-Ring von Alfred Kirchner und der Bühnenbildnerin Rosalie, der aus visuellen Formen eigenständige Kunst formte, wird sich manch einer noch erinnern.
In den Arbeiten von Jürgen Flimm und Tankred Dorst ließ sich das Epos noch wiedererkennen, danach wurde es zusehends abenteuerlicher und absurder, bildeten Musik und Szene so gar keine Einheit mehr.

KI: Ziemlich beliebige Chose

In der Situation erschien jedenfalls die Idee einer semiszenischen Zeitreise durch die lange Aufführungsgeschichte zum 150-jährigen Bestehen der Festspiele gar nicht so abwegig. Wie sich herausstellen sollte, war die Festspielleiterin Katharina Wagner nur nicht gut beraten gewesen, diese Unternehmung Künstlicher Intelligenz zu überlassen.
Denn die bringt keinen Sinn in die Optik, überblendet per Video Landschaften, abstrakte Kunst, Porträts von Politikern und Personen der Zeitgeschichte sowie allerhand Ramsch und Schrott. Eine ziemlich beliebige Chose also, auch wenn hier und da Poesie aufflackert. Ein roter Faden aber lässt sich in dem undefinierbaren Bilderwust nicht ausmachen.
Und wiewohl sich diese visuelle Show ein bisschen anfühlt wie im Kino, wurden die Möglichkeiten des Kinos nicht genutzt, die einen szenischen Mehrwert hätten bieten können: Das Ungeheuer, in das sich Alberich verwandelt, um Loge stolz seine Verwandlungskunst unter der Tarnkappe demonstrieren zu können, wird zwar in Gestalt einer monströsen Echse mit spitzen Zähnen kurzzeitig sichtbar. Die kleine Kröte aber, als die sich Alberich kurz darauf präsentiert, durfte man vergebens in einem abstrakten Musterbild suchen.
Wesentlich gezielter hätte ein Filmemacher die Bildfolgen auf die Musik abstimmen – und im Idealfall mit dem Dirigenten Hand in Hand arbeiten können. Aber dafür reichte vermutlich das Geld nicht; die Idee mit der KI kam ja doch ins Spiel, weil die Festspiele sparen mussten.

Klangsinnlich, feinfühlig, berührend

Immerhin musikalisch schreibt dieser Jubiläumsring Geschichte. Dafür steht allen voran der Name des Dirigenten, Christian Thielemann. Der durchlebt das Drama mit dem Bayreuther Festspielorchester hoch emotional, packend in den dramatischen Momenten, berührend und unendlich zärtlich im Lyrischen, wie es aktuell in der Wagnerrezeption einmalig ist.
Allein schon das Vorspiel zur „Walküre“ mit seinen stürmischen Bewegungen in den Celli, die mit einem Mal so leise werden, dass man die Ohren spitzen muss, um sie überhaupt noch zu hören, ließ sich selten so unheimlich vernehmen.

„Brünnhilde brennt“, mit Catherine Foster (Hermine/Brünnhilde), Mandla Mndebele (Wotan) und Sungho Kim (Siegfried) sowie Jonathan Stockhammer (musikalische Leitung) und weiteren.

Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Der Graben mit seiner besonderen Akustik hat daran freilich seinen Teil: Anderswo würde man dieses vier- oder fünffache (?) Pianissimo gar nicht mehr hören. Und das ohne optische Ablenkung. Bei den Vorspielen immerhin bleibt der Vorhang geschlossen, als würde Thielemann sagen, die gehörten ihm.
Seinem Ruf als „Zauberer“ wird der Bayreuther Publikumsliebling aber auch gerecht in der Weise, wie sich die Musik unter seiner Leitung über alle Schwächen der szenischen Konzeption hinwegsetzt sowie über die unvorteilhafte Idee, den Chor, blendend einstudiert von Thomas Eitler-de Lint, vor den Augen des Publikums zu verbergen.
Als wäre der nicht aktiv in die Handlung eingebunden, insbesondere in einem so spannungsvollen Moment, in dem Brünnhilde den für sie unerklärlichen Verrat Siegfrieds bemerkt („Ist sie entrückt?“). Schließlich weiß sie nicht, dass der abgrundtief böse Hagen mit einem speziellen Trunk dafür gesorgt hat, dass Siegfried sie vergessen musste.
Nur wer von tiefer Liebe für Wagners Musik erfüllt ist, vermag sie derart klangsinnlich, feinfühlig und berührend zu durchleben. Bei Thielemann spürt man das von der ersten bis zur letzten Note.

Auch stimmlich ein Fest

Auch was die Sänger anlangt, ist dieser Jubiläumsring ein Fest. Zwei Protagonisten sind dabei besonders hervorzuheben: Michael Volle und Klaus Florian Vogt.
Groß und profund tönt Volles Wotan, textsicher und verständlich, schön im Timbre, agil in allen Lagen und bewegend als ein in seinem Handeln von Zwängen bestimmter, wirklich trauriger Gott. Genervt von Fricka, seiner Gemahlin (eine dunkle, glühend prächtige Stimme wie ein gereifter Rotwein: Anna Kissjudit), die darauf dringt, dass die Zwillinge Siegmund und Sieglinde (etwas eng und spitz in der Höhe: Elza van den Heever) nicht einander lieben dürfen und durch Tod voneinander getrennt werden müssen. Von Zorn erfüllt gegenüber der Wunschmaid Brünnhilde, die es gewagt hat, entgegen seinen Anweisungen Siegmund im Zweikampf Schutz zu bieten. Und dennoch erfüllt von großem Schmerz, wenn es nach zähem Ringen um die „richtige Strafe“ darum geht, von dem „herrlichen, kühnen Kind“ Abschied zu nehmen.
Mit Klaus Florian Vogt ist wiederum einer der wenigen heutigen Sänger an Bord, die über eine markante, helle, unverwechselbare Stimme und schier endlose Reserven verfügen. Insgesamt zwölf Vorstellungen mit ihm als Loge, Siegmund und Siegfried sind angesetzt; acht davon hat er am Ende des zweiten Zyklus mit großer Strahlkraft ohne den geringsten Anflug von Ermüdung bewältigt.
Camilla Nylund ist als Brünnhilde die dritte große Protagonistin. Dass sich in den großen Beifall für sie nach Ende der „Götterdämmerung“ auch einige Buhrufe mischten, lässt sich schwer erklären.

Stürmisch brausender Applaus für Thielemann

Gerade in den letzten beiden Teilen der Tetralogie präsentiert sich die Finnin in Topform. Die so liebliche, entsprechend vom Festspielorchester grundierte Stelle „Ewig war ich, ewig bin ich“ (Siegfried, dritter Akt) gelingt ihr mit besonders schönen lyrischen Stimmgaben. Und wie sie in ihrem kraftzehrenden Schlussgesang „Starke Scheite schichtet mir dort“ ihre Spitzentöne imposant abliefert – alle Achtung!
Auch alle übrigen Figuren, nur etwas unterschiedslos und zum Verwechseln ähnlich gekleidet (prachtvolle Silberkostüme: Pia Maria Mackert), sind überwiegend solide bis trefflich besetzt.
Sind die visuellen Kreationen der KI bisweilen auch zum Fremdschämen: Musikalisch übertrifft dieser Jubiläumsring die hohen Erwartungen an den Dirigenten und sein Sängerensemble. So lautstarker Jubel bei einem „Ring“ war an diesem Ort lange nicht mehr.
Als sich Christian Thielemann am Ende ganz allein vor dem Vorhang zeigt, wird er derart emphatisch gefeiert, dass man hätte meinen können, das Festspielhaus stürze ein. Es ist hoffentlich nicht seine letzte Einstudierung dieses Werks an diesem Ort.
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Warum immer mehr Amerikaner ihre Lebensmittel direkt beim Bauern kaufen

Joel Salatin möchte die Amerikaner durch den Handel mit Lebensmitteln von Nachbar zu Nachbar von übermäßiger Regulierung befreien. Salatin betreibt die „Polyface Farm“ in den Hügeln des Shenandoah-Tals in Virginia. Er wirbt für das Konzept einer „Erklärung zur Lebensmittelbefreiung“.
Es wäre eine Erklärung auf Bundesebene. Sie würde mündigen Erwachsenen gestatten, selbst hergestellte und bäuerlich erzeugte Lebensmittel direkt zu kaufen und zu verkaufen. Dabei würde man die kostspielige kommerzielle Infrastruktur und die derzeit geltenden schwerfälligen staatlichen Vorschriften umgehen.
Salatins Mission spiegelt das Bestreben von Selbstversorgern und unabhängigen Landwirten wider, lokale Lebensmittelnetzwerke aufzubauen. Es sollen Lebensmittel ohne Chemikalien angebaut und gezüchtet und Verbrauchern ein transparenter Einblick in die Produktionsweise geboten werden.

Anstehende Veränderungen

Im Kern geht es bei der Lebensmittelbefreiung und lokalen Lebensmittelnetzwerken darum, dass Nachbarn Nachbarn versorgen und so ein System umgehen, dem viele nicht mehr vertrauen.
Salatin erklärte gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times, dass sich das amerikanische Ernährungssystem an einem historischen Wendepunkt befinde. Er verweist auf alternde Landwirte; der durchschnittliche amerikanische Landwirt ist mittlerweile etwa 60 Jahre alt.
Etwa die Hälfte des landwirtschaftlichen Vermögens in den USA werde voraussichtlich in den nächsten 15 Jahren den Besitzer wechseln. „Das ist ein historisch beispielloser friedlicher Übergang in der modernen Geschichte“, sagte er.

Mehr Einkommen für die Landwirtschaft

Im Jahr 2025 gaben die Amerikaner 56,3 Prozent ihrer Lebensmittelkosten in Restaurants, bei Fast-Food-Ketten oder Lieferdiensten aus. Insgesamt erreichten die Ausgaben für Außer-Haus-Verpflegung einen Rekordwert von 1,41 Billionen US-Dollar. Landesweit lagen die Lebensmittelausgaben bei insgesamt 2,51 Billionen US-Dollar (rund 2,18 Billionen Euro), so das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) .
Menschen stehen am 12. März 2026 bei „Raising Cane’s Chicken Fingers“ in Washington Schlange. Im Jahr 2025 gaben die Amerikaner rund 55 Prozent ihrer Ausgaben für Lebensmittel für Speisen aus, die sie außer Haus in Restaurants und Fast-Food-Ketten aßen oder über Lieferdienste bezogen. Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Menschen stehen am 12. März 2026 bei „Raising Cane’s Chicken Fingers“ in Washington Schlange. Im Jahr 2025 gaben die Amerikaner rund 55 Prozent ihrer Ausgaben für Lebensmittel für Speisen aus, die sie außer Haus in Restaurants und Fast-Food-Ketten aßen oder über Lieferdienste bezogen.

Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Unterdessen ist der Anteil der Landwirte am Lebensmittel-Dollar im Einzelhandel nach Abzug der Produktionskosten laut USDA heute auf etwa 5,8 Cent gesunken. Mitte des 20. Jahrhunderts lag dieser Wert noch bei 40 Cent. Die Idee der „Lebensmittelbefreiung“ ist einfach: Kleine Erzeuger sollen legal und frei direkt an die Menschen verkaufen dürfen, die ihre Lebensmittel kaufen möchten. Salatin merkt an, dass das eigentliche Hindernis für junge Menschen, in die Landwirtschaft einzusteigen, nicht allein der Zugang zu Land ist, sondern die Unmöglichkeit, unter den bestehenden Vorschriften mit einer kleinräumigen, wertschöpfenden Lebensmittelproduktion Gewinne zu erzielen.
Er veranschaulicht diese Kluft mit einer einfachen Rechnung.
Auf ein paar Hektar könnte ein Landwirt 1.200 Freilandhühner aufziehen und diese als ganze Tiere oder zerlegt zu einem Durchschnittspreis von etwa 30 Dollar (ca. 26 Euro) pro Tier verkaufen, was ein Bruttoeinkommen von 36.000 Dollar (ca. 31.300 Euro) einbringen würde, sagte er. Könnte derselbe Landwirt diese Hühner legal zu hausgemachten Hühnerpasteten verarbeiten – frei von Farbstoffen, Saatöl und industriellen Zusatzstoffen – und sie als hochwertige Fertiggerichte vermarkten, könnte der durchschnittliche Wert pro Tier auf rund 200 Dollar (ca. 175 Euro) steigen, wodurch dieselbe Herde auf derselben Fläche einen Umsatz von 240.000 Dollar (ca. 208.500 Euro) erzielen würde.
Sobald jedoch ein Landwirt von Rohzutaten auf Fertiggerichte umsteigt, steigen die regulatorischen Anforderungen deutlich an – von einer privaten Küche mit vorhandener Ausstattung hin zu dem, was er als „eine halbe Million Dollar, die man aufbringen muss, um eine Hühnerpastete zu verkaufen“ beschrieb.
Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, setzt sich vehement für eine naturnahe Landwirtschaft ein. Foto: Mit freundlicher Genehmigung der „Polyface Farm“

Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, setzt sich vehement für eine naturnahe Landwirtschaft ein.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung der „Polyface Farm“

Rettung des Familienbetriebs

Der Milchbauer Edwin Shank aus Pennsylvania berichtete der Epoch Times, dass seine Familie beinahe einen seit vier Generationen bestehenden Betrieb verloren hätte, nachdem sie auf Anraten der Universität, die Quantität über alles gestellt und ihre Herde von 40 auf 300 Kühe vergrößert hatte.
Obwohl sie alle zwei Tage einen Sattelzug mit Milch füllten, standen die Shanks kurz vor dem Bankrott.
Die Milchschecks kamen einmal im Monat – je nachdem, wie viel der Verarbeiter gerade zahlen wollte. Sein Bankberater warnte, dass der Hof verloren sei, wenn sich in drei bis vier Monaten nichts ändere.
Ein Familienporträt aus dieser Zeit, so sagte er, wirke idyllisch – Blumen, sechs Kinder, ein gepflegter Hof – doch hinter dem Lächeln „verloren sie gerade den Hof“.
Edwin Shank, Inhaber von „Family Cow“, und seine Familie auf diesem Archivfoto. Das Unternehmen aus Chambersburg, Pennsylvania, liefert Weidefleisch vom Rind, Schweine- und Geflügelfleisch aus Freilandhaltung, Rohmilchprodukte und andere regenerative Produkte an Tausende von Haushalte. Mit freundlicher Genehmigung von „Family Cow“.

Edwin Shank, Inhaber von „Family Cow“, und seine Familie auf diesem Archivfoto. Das Unternehmen aus Chambersburg, Pennsylvania, liefert Weidefleisch vom Rind, Schweine- und Geflügelfleisch aus Freilandhaltung, Rohmilchprodukte und andere regenerative Produkte an Tausende von Haushalten. Mit freundlicher Genehmigung von „Family Cow“.

„Innerhalb des Zauns liegt die Hoffnung auf die Welt außerhalb des Zauns“, sagte er und zitierte damit einen konventionellen Milchbauern, der die Situation als „schwere Zeiten für Landwirte heutzutage“ beschrieb.
Die Antwort der Shanks bestand darin, den Zaun zu öffnen.
Sie stellten ihren Betrieb auf zertifizierten Bio-Anbau um; dann begannen sie mit geliehenem Geld und wenig Eigenkapital, Rohmilch direkt vom Hof im Rahmen des Genehmigungssystems von Pennsylvania zu verkaufen. Da sie sich keine moderne Verarbeitungsanlage leisten konnten, kauften sie gebrauchte Kühl-Sattelauflieger – sogenannte „Reefer“ – für jeweils ein paar tausend Dollar und verbanden sie zu einem provisorischen Kühlkomplex.
Das Geschäft begann zu florieren, nachdem ein Anruf aus dem Nachbarstaat New Jersey eingegangen war. Eine Mutter aus Trenton fragte, ob Shank Rohmilch über die Staatsgrenze hinweg liefern könne. Rechtlich gesehen war das nicht erlaubt, aber er nahm sich Salatin als Beispiel.
„Ich sagte ihr: ‚Ich kann nicht nur für Sie allein liefern, aber wenn Sie genug Freunde haben, kann ich Sie an der Staatsgrenze treffen’“, erinnerte sich Shank. Die Kundin organisierte fünf Familien. Das reichte Shank, um seinen Minivan zu beladen und die dreistündige Fahrt anzutreten.
Er fuhr auf der I-95-Autobahn – der großen Nord-Süd-Lebensader der Ostküste – nordwärts und erreichte die Ausfahrt zu dem kleinen Grenzort New Hope.„Genau in diesem Moment ging es mir durch und durch“, sagte er. „Gott, willst du mir damit etwas sagen?“
Aus dieser ersten Abholstelle entwickelte sich ein Netzwerk von 55 Lieferorten. Shanks Unternehmen, „The Family Cow“, liefert an fünf Tagen in der Woche Rohmilchprodukte, grasgefüttertes Rindfleisch, Schweinefleisch und Geflügel aus Weidehaltung sowie weitere Produkte aus regenerativer Landwirtschaft an Tausende Haushalte.

„Das Überleben der Kooperierenden“

Etwa 90 Prozent des Geschäfts laufen mittlerweile online, erklärte Shank, während etwa zehn Prozent über einen neuen Hofladen und ein Café verkauft werden. Dort gibt es auch Sauerteig-Sandwichs, noch mit echter Butter bestrichen und deftig belegt mit Bio-Fleisch aus Weidehaltung.
Shank gab die Vorstellung auf, dass sein Hof alles selbst produzieren müsse, was er verkauft. Er entschied sich dafür, das zu entwickeln, was er „Überleben der Kooperierenden“ nennt.
Mehrere Familienbetriebe teilen sich die Produktion.
Zwei Milchviehbetriebe liefern Rohmilch, sieben Familien produzieren Eier aus Freilandhaltung und elf Familien ziehen Rinder in Weidehaltung auf. Andere Familien haben sich auf Schweinefleisch aus Freilandhaltung, Puten und Ferkel spezialisiert.
„The Family Cow“ holte drei junge Familien mit ins Boot, um Geflügel aus Freilandhaltung zu züchten. Der Hof stellte den Markt, die Schlachtung und das Marketing-Know-how zur Verfügung, während die Familien die Arbeitskraft und das Land beisteuerten. Im ersten Jahr produzierte die Gruppe 10.000 Hühner.
Shank ist offen für Vorschläge von Unternehmern. Eine Mutter und ihre Tochter kamen auf ihn zu und boten Wasserkefir zum Preis von fünf Dollar pro Einmachglas an. Shank räumte ein, dass er anfangs bezweifelte, dass die Kunden diesen Preis zahlen würden.
Innerhalb von sechs Monaten verkauften sie 10.000 Gläser über das Netzwerk von „The Family Cow“.
Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, hält im Juni 2024 auf dem „Food Independence Summit“ in Walnut Creek, Ohio, einen Kurs zum Thema Hühnerschlachtung ab. Foto: Everitt Townsend

Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, hält im Juni 2024 auf dem „Food Independence Summit“ in Walnut Creek, Ohio, einen Kurs zum Thema Hühnerschlachtung ab.

Foto: Everitt Townsend

Gesund durch Rückzug aus dem industriellen Lebensmittelsystem

Max Kane, ein Rohmilch-Aktivist und Landwirt aus Wisconsin, hat durch eine Ernährungsumstellung eine lebensbedrohliche Krankheit überwunden und sich zu einer führenden Stimme im Kampf für Ernährungssouveränität, den Zugang zu Rohmilch und lokale, auf landwirtschaftlichen Betrieben basierende Wirtschaftssysteme entwickelt. Mit 11 Jahren wurde bei ihm eine degenerative Form von Morbus Crohn diagnostiziert; mehr als ein Jahrzehnt lang durchlief er einen Kreislauf aus Operationen, Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten, ohne dass sich sein Zustand nennenswert verbesserte.
Kane lehnte den konventionellen medizinischen Weg ab und stellte auf eine ausschließlich unverarbeitete Ernährung um, die er direkt von lokalen Erzeugern bezog. Seinen Angaben zufolge stellte die Ernährungsumstellung seine Gesundheit wieder her. Sie habe ihm ermöglicht, die staatliche Erwerbsunfähigkeitshilfe aufzugeben und Mitte 20 wieder zu dem zu werden, was er als „ein funktionsfähiges, beitragendes Mitglied der Gesellschaft“ bezeichnet. Heute betreibt Kane einen rund 85 Hektar großen Bauernhof im Südwesten von Wisconsin und einen Rohmilch-Einkaufsclub, der seit rund zwei Jahrzehnten Familien im Großraum seiner Geburtsstadt Chicago versorgt.
Im Jahr 2009, so berichtete er, versuchten das US-Landwirtschaftsministerium (USDA), die Food and Drug Administration (FDA) und staatliche Behörden, ihn wegen seiner Rohmilchlieferungen nach Chicago für 18 Monate ins Gefängnis zu bringen. Diese Erfahrung beflügelte sein Engagement für die Legalisierung von Rohmilch und bestärkte ihn in seiner Ansicht, dass Amerikaner die Freiheit haben müssen, sich aus dem industriellen Lebensmittelsystem zurückzuziehen und private Lebensmittelnetzwerke zwischen Landwirten und Verbrauchern zu bilden.
Er gründete „Farm Match“, einen Online-Marktplatz, den er als „Etsy für lokale Lebensmittel“ bezeichnete. Die Plattform verbindet Verbraucher direkt mit geprüften Bauernhöfen und Einkaufsgemeinschaften.
„Selbstversorgung in jeglicher Form – sei es auf vollständigen ländlichen Gehöften, in Balkongärten in städtischen Hochhäusern oder in Vorstadtgärten – nimmt aufgrund der Versäumnisse des derzeitigen industriellen Lebensmittelsystems zu, das durch hochverarbeitete Lebensmittel und unberechenbare Lieferketten gekennzeichnet ist,“ erklärte Kane gegenüber der Epoch Times. Industriellen Lieferketten mangelt es an echter Transparenz und Rückverfolgbarkeit, was es ermöglicht, Inhaltsstoffe legal auf Etiketten zu verbergen, und es den Verbrauchern erschwert, zu verstehen, was sie essen, oder die Quelle einer Kontamination zurückzuverfolgen, wenn etwas schiefgeht, merkte Kane an.
Wirtschaftlich gesehen „entzieht dies der lokalen Wirtschaft Geld und leitet es weit weg, was ländliche Gemeinden und kleine Erzeuger untergräbt“, sagte er. „Einfach ausgedrückt: Die Lebensmittel, die Menschen zu sich nehmen, sind der wichtigste Einzelfaktor für ihre Lebensfähigkeit, ganz gleich, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen“, sagte Kane. „Wenn Bürger nicht legal private Ernährungssysteme aufbauen können, die Körper und Geist nähren, laufen sie Gefahr, dauerhaft von einer Infrastruktur abhängig zu werden, die sie krank, machtlos und wirtschaftlich an den Rand drängt.“

Basis-Strategie zur Umgehung der Konzern-Lieferketten

Sally Fallon Morell stimmt dem zu. Die Gründungspräsidentin der Weston A. Price Foundation – einer gemeinnützigen Organisation, die traditionelle Ernährungsweisen, Vollwertkost und den Verzehr von tierischen Fetten fördert – stellte in ihrem Gespräch mit der Epoch Times eine einfache Basisstrategie vor, die die Lieferketten der Konzerne umgeht und kleine, auf Weidehaltung setzende Erzeuger stärkt.
„Wenn wir die Menschen dazu auffordern würden, die Hälfte ihres Lebensmittelbudgets für Direktkäufe bei Bauernhöfen auszugeben, würde das alles verändern, und wir würden zu der Art der Landwirtschaft zurückkehren, die wir fördern wollen“, sagte Fallon Morell. Zu ihrer Vision gehört es, Rohmilch, Eier und Fleisch direkt von regenerativ wirtschaftenden Landwirten zu kaufen und lokale Handwerker sowie Kleinproduzenten von Sauerteigbrot, Sauerkraut und anderen traditionell zubereiteten Lebensmitteln zu unterstützen.
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Dies fördere gegenseitige Unterstützung und lokale Netzwerke, fügte sie hinzu.
„Das Ziel ist ein widerstandsfähiges lokales Netzwerk aus Erzeugern und Verbrauchern, nicht ein von der Außenwelt abgeschnittener Selbstversorgerhof“, sagte sie.
Im Rahmen ihrer „Campaign for Real Milk“ setzt sich die Weston A. Price Foundation für einen universellen Zugang zu zertifizierter, roher, unverarbeiteter Milch ein.
Fallon Morell ist außerdem Autorin des Ernährungs-Kochbuchs „Nourishing Traditions“. Sie plädiert für eine Rückkehr zu nährstoffreicher Ernährung, die tierische Fette, Knochenbrühen, Innereien, milchsauer vergorene Lebensmittel und Rohmilch umfasst.
Die Stiftung unterhält rund 500 lokale Ortsgruppen, die über aktuelle Listen lokaler Lebensmittelanbieter verfügen.
„Nehmen wir an, Sie sind nach Akron, Ohio, gezogen und möchten Rohmilch, Hähnchen und Eier finden. Dann rufen Sie einfach Ihren Ortsverband an, und der weiß, wo es all das gibt“, sagte sie.

Investition in die Ernährung

Ruth Ann Zimmerman und ihr Ehemann Elvin leben auf einem Gehöft von rund 8,5 Hektar im Nordosten von Iowa. Als Autorin mehrerer Bücher zum Thema Selbstversorgung, darunter „The Heart of the Homestead“, wuchs sie in einer Kultur auf, in der die Familie mit der Pferdekutsche in die Stadt fuhr und ihre Lebensmittel noch selbst anbaute.
Später verließen die Zimmermans die mennonitische Gemeinschaft und nahmen moderne Annehmlichkeiten wie Auto, Fernsehen und Fertiggerichte an.
Als ihre 5-jährige Tochter krank wurde und der Arzt eine Mandelentfernung empfahl, stellte die Familie ihre Ernährung komplett um und verzichtete auf Fertiggerichte zugunsten dessen, was sie als „echte Lebensmittel“ bezeichnet.
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Nach Angaben der Familie verbesserte sich der Gesundheitszustand des Kindes. Seitdem haben sich die Zimmermans gesunder Ernährung und der Selbstversorgung verschrieben.
„Unser Bauernhof dient nicht dem Gewinn, sondern der Ernährung“, erklärte Zimmerman gegenüber der Epoch Times. „Nichts verlässt den Hof, bevor es nicht zuerst die Familie ernährt hat.“
Die Lebensprinzipien der Zimmermans drehen sich darum, „saisonal und regional zu essen, Zeit statt Geld für die Beschaffung von Nährstoffen aufzuwenden und teure Nahrungsergänzungsmittel durch traditionelle Lebensmittel zu ersetzen“.
„Unsere Hauptnahrungsquelle, der Großteil unserer Mahlzeiten, stammt vom Hof, ebenso wie unsere Vitamine und Mineralstoffe, die im Laden viel kosten würden“, sagte Zimmerman.
Selbst eingelegtes Sauerkraut und fermentierte Gurken ersetzen teure probiotische Nahrungsergänzungsmittel, fügte sie hinzu. Geschmorte Hühnerfüße und Knochenbrühe ersetzen Kollagenpeptide. Anstatt Proteinpulver zu bestellen, gewinnt die Familie Molke aus Käse und Joghurt.
Eine Auswahl an Käse und Wurstwaren in der Metzgerei „Main Street Meats“ in Chattanooga, Tennessee. Das Geschäft bezieht seine Produkte von lokalen Bauernhöfen. Das Foto entstand am 23. Juni 2017. Foto: Crystal Shi/Epoch Times

Eine Auswahl an Käse und Wurstwaren in der Metzgerei „Main Street Meats“ in Chattanooga, Tennessee. Das Geschäft bezieht seine Produkte von lokalen Bauernhöfen. Das Foto entstand am 23. Juni 2017.

Foto: Crystal Shi/Epoch Times

Eine Kuh als „Lehrer“ des Lebens

Die Kinder der Zimmermans lernen durch das Vorbild und entwickeln eine Mentalität der Selbstversorgung.
Zum Beispiel hält die Familie zwei Milchkühe, vor allem damit die Söhne früh aufstehen und Verantwortung übernehmen.
„Wenn wir nur eine Milchkuh hätten, würde ich sie melken“, sagte Zimmerman. „Die andere Kuh dient einfach dem Zweck, aus unseren Jungen Männer zu machen.“
Neue Selbstversorger seien oft irgendwann mit Burnout konfrontiert, so Zimmerman, weil sie versuchten, zu viel anzubauen. Sie forderte Familien dazu auf, ihre Ernährung zu vereinfachen und weniger auf Fertigprodukte zurückzugreifen.
„Wenn ich in Versuchung gerate, das Unkrautjäten zu überspringen oder fertige Nudelsauce im Laden zu kaufen, schalte ich in den ‚Kein-Plan-B‘-Modus um und stelle mir vor, es gäbe keinen Rückgriff auf den Supermarkt. Mich nicht um den Garten zu kümmern, bedeutet, meiner Familie mit Herbiziden behandelte Kartoffeln und hochverarbeitete Saucen zu servieren“, sagte sie.
„Was wäre, wenn ein Gehalt nicht immer ausreicht, um eine Familie zu ernähren? Was wäre, wenn wir für gesunde Familien die Fähigkeit brauchen, unsere eigenen Lebensmittel anzubauen, mehr noch als die Fähigkeit, ein Gehalt zu verdienen?“
Eine Frau kauft am 7. Januar 2024 in einem Lebensmittelgeschäft in Columbia, Maryland, ein. Die Expertin für Selbstversorgung, Ruth Ann Zimmerman, ermutigt Supermarktkunden, zu fragen: „Wo ist das gewachsen, wer hat es angebaut und wie wurde es angebaut?“ Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Eine Frau kauft am 7. Januar 2024 in einem Lebensmittelgeschäft in Columbia, Maryland, ein. Die Expertin für Selbstversorgung, Ruth Ann Zimmerman, ermutigt Supermarktkunden, zu fragen: „Wo ist das gewachsen, wer hat es angebaut und wie wurde es angebaut?“

Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Zimmerman ermutigt Verbraucher im Supermarkt, zu fragen: „Wo ist das gewachsen, wer hat es angebaut und wie wurde es angebaut?“, und jeden Einkauf nicht als Routinekauf im Supermarkt, sondern als Investition in die Ernährung zu betrachten.
Geld, so schlug sie vor, sollte als „Kauf von Ernährung“ betrachtet werden und nicht als „gedankenloses Auf-den-Tisch-Bringen von Essen“. Dieser Mentalitätswandel kann Familien dazu inspirieren, ihre Abhängigkeit von Lieferketten zu minimieren und auf den Anbau sowie die lokale Beschaffung von Lebensmitteln umzusteigen.
„Es ist wichtig zu wissen, wie man seine eigenen Lebensmittel anbaut, und es ist ebenso wichtig, Beziehungen zu lokalen Landwirten und Selbstversorgern aufzubauen, damit man gesunde Lebensmittel bekommt, die man nicht selbst anbaut“, sagte sie.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Behind America’s Growing ‘Food Freedom’ Movement“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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5 unscheinbare Schritt-Veränderungen, die auf schwere Hirnerkrankungen hinweisen können

Erste Anzeichen für neurologische Erkrankungen, wie Demenz oder Parkinson, können sich statt im Gedächtnis in den Beinen zeigen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme ist ein unsicherer oder verlangsamter Gang im Alter kein reines Verschleißsymptom.

Denn das Gehen erfordert die blitzschnelle Zusammenarbeit zahlreicher Gehirnareale. Das Gehirn steuert nicht nur die Schritte, sondern analysiert kontinuierlich Umwelt, Balance und Körperhaltung. Subtile Abweichungen in Koordination und Geschwindigkeit können deshalb Jahre vor Gedächtnisstörungen auf Probleme im Hirn hinweisen. Sobald das neuronale Zusammenspiel gestört ist, verlangsamt sich der Schritt.

3 Hirnerkrankungen, die sich zuerst auf Ihren Gang auswirken können

Wenn der Körper altert, einen Mini-Schlaganfall erleidet oder degenerative neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Demenz entwickelt, ist das erste Anzeichen ein instabiler Gang.

1. Frühe Demenz

Eine 2023 in „Scientific Reports“ veröffentlichte Studie analysierte die Gehgeschwindigkeit von fast 2.000 älteren Menschen und stellte fest, dass diejenigen mit eingeschränkter kognitiver Funktion im Alltag langsamer gingen. Selbst Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung zeigten zu bestimmten Zeitpunkten eine Abnahme der Gehgeschwindigkeit, noch bevor es zu einer signifikanten Verschlechterung des Gedächtnisses kam.

2. Parkinson-Krankheit

Das Gehirn von Patienten mit der Parkinson-Krankheit verliert allmählich seine Fähigkeit, Dopamin zu produzieren, was zu schmaleren Schritten, einem schleppenden Gang und einem verminderten Armschwung führt. Viele Menschen glauben fälschlicherweise, dass dies lediglich ein Zeichen des Alterns ist, und verpassen so die Gelegenheit für eine frühzeitige Behandlung.

3. Kleingefäßerkrankung

Ein Schlaganfall in den tiefen Kleingefäßen des Gehirns kann die Leitungsbahnen der weißen Substanz beeinträchtigen, wodurch die Signalübertragung gestört wird und es zu einem langsamen und unsicheren Gang kommt. Da jedoch keine offensichtlichen Symptome einer einseitigen Lähmung vorliegen, wird diese Erkrankung oft übersehen.

Auch chronische Entzündungen beeinträchtigen das Gehen

Neben Hirnerkrankungen wie Demenz und Parkinson „verbrennt“ eine chronische Entzündung still und leise das Gehirn, erklärt Dr. Ping-Hsien Hsieh, leitender Neurochirurg am National Chiao Tung University Hospital in Taiwan, gegenüber Epoch Times.
Studien haben ergeben, dass ältere Erwachsene mit höheren Konzentrationen von Entzündungsfaktoren im Blut tendenziell langsamer gehen und ein höheres Risiko für zukünftige motorische Beeinträchtigungen haben. Eine chronische, schwach ausgeprägte Entzündung ist wie ein kleines, anhaltendes Feuer, das im Gehirn brennt. Man spürt es normalerweise nicht, aber der Schaden summiert sich täglich:
  • Schädigung von Nervenzellen: Entzündungsfaktoren wie die proinflammatorischen Zytokine IL-6 und TNF-α können Nervenzellen angreifen und so die Übertragung von Nervensignalen verlangsamen.
  • Läsionen der weißen Substanz: Die „Leitungen“ im Gehirn, die für die Übertragung motorischer Befehle zuständig sind, werden geschädigt, was die Gangsteuerung beeinträchtigt.
  • Dopaminmangel: Chronische Entzündungen hemmen die Dopaminausschüttung, wodurch die Einleitung von Bewegungen langsamer und mühsamer wird.
  • Störungen der Muskelkoordination: Verzögerte Signale aus dem Gehirn stören das Timing der Muskelkontraktionen, was zu einem langsameren und unsicheren Gang führt.
Es gibt eine Reihe von Ursachen, die zu chronischen Entzündungen führen, darunter anhaltender Schlafmangel, das metabolische Syndrom, ein Ungleichgewicht der Darmflora und langfristiger psychischer Stress – all dies kann, ohne dass man es merkt, die Degeneration des Gehirns und den Rückgang der motorischen Fähigkeiten beschleunigen, sagte Hsieh.

5 Veränderungen beim Gehen, die Sie nicht ignorieren sollten

Eine Verlangsamung des Gehens tritt in der Regel nicht plötzlich auf, so Hsieh. Das Gehirn sendet oft schon im Vorfeld viele Warnsignale, wie zum Beispiel:
  • Beim Gehen auf den Boden zu schauen: Normalerweise sollte der Blick beim Gehen ganz natürlich nach vorne gerichtet sein. Wenn Sie anfangen, gewohnheitsmäßig auf den Boden zu schauen, kann dies auf eine Verschlechterung des Gleichgewichts und des räumlichen Urteilsvermögens hindeuten.
  • Mehr Schritte zum Abbiegen benötigen: Da die Reaktion des Gehirns auf Richtungswechsel langsamer wird, muss das Abbiegen in mehrere kleine Schritte unterteilt werden.
  • Schwierigkeiten, beim Gehen und Sprechen das Gleichgewicht zu halten: Wenn Sie beim Gehen und Sprechen leicht das Gleichgewicht verlieren, spricht man von einer „Dual-Task-Störung“; dies deutet auf eine nachlassende Fähigkeit des Gehirns hin, zwei Dinge gleichzeitig zu verarbeiten. Es ist ein deutliches Warnzeichen für einen kognitiven Rückgang.
  • Zunehmend kürzere Schritte: Wenn Ihre Schritte merklich kürzer und langsamer werden, insbesondere morgens oder in ungewohnter Umgebung, könnte dies ein Warnzeichen sein.
  • Asymmetrischer Armschwung: Wenn ein Arm normal schwingt, der andere jedoch nicht, kann dies auf ein Problem mit der einseitigen Nervenleitung hindeuten.
Wenn Sie eines dieser Symptome bemerken, insbesondere wenn Sie kürzlich eine Kopfverletzung, einen Sturz oder heftiges Schütteln erlitten haben, sollten Sie sich so schnell wie möglich von einem Neurochirurgen untersuchen lassen, so Hsieh.

Förderung der Gehirngesundheit durch den Lebensstil

Zwar lässt sich nicht jede neurologische Erkrankung verhindern, doch gesunde Lebensgewohnheiten, die Entzündungen reduzieren und die Gehirnfunktion unterstützen, können dazu beitragen, die Mobilität im Alter zu erhalten.
Der japanische Neurowissenschaftler Nobusada Shinoura empfiehlt Knoblauchöl als wirksames Nahrungsergänzungsmittel für kognitive Langlebigkeit und Neuroprotektion.
Eine in „ACS Chemical Neuroscience“ veröffentlichte Übersichtsarbeit ergab, dass verschiedene chemische Bestandteile des Knoblauchs, insbesondere Organoschwefelverbindungen, therapeutisches Potenzial bei der Parkinson-Krankheit haben. Diese Komponenten können oxidativen Stress reduzieren, die Mitochondrienfunktion wiederherstellen und neuroinflammatorische Reaktionen verringern, was zum Schutz der Nervenzellen im Gehirn beiträgt.
Knoblauchöl kann über Gemüsesalate, Miso-Suppe oder gekühlten Tofu geträufelt oder mit Brot verzehrt werden. Shinoura pflegt seit vielen Jahren die Gewohnheit, vor Operationen Knoblauchöl einzunehmen. Nach der Einnahme habe er das Gefühl, dass seine Nervenaktivität lebhafter werde und er sich insgesamt energiegeladener fühle, schrieb er.
Der Schutz des Gehirns könne nicht allein auf ein einziges Lebensmittel beruhen; eine ganzheitliche Ernährung sei wichtiger, meint Shinoura.
Die Ernährung sollte in erster Linie aus Gemüse und Vollkornprodukten bestehen, ergänzt durch reichlich fermentierte Lebensmittel, Meeresfrüchte und Pilze. Er empfiehlt insbesondere Blauflossenbrasse, Makrelenhecht und Sardinen, die reich an den Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA sind, da diese der Gesundheit des Gehirns zuträglich sind.
Neben der Ernährungstherapie schlägt Shinoura auch Ausdauertraining wie Tai Chi und zügiges Gehen vor. Die Intensität der Bewegung sollte so sein, dass man leicht ins Schwitzen kommt und der Puls unter 110 bis 120 Schlägen pro Minute bleibt; übermäßig anstrengende Übungen sind nicht erforderlich.
Gedächtnisverlust ist nicht immer der erste Hilferuf des Gehirns. Manchmal zeigen sich die frühesten Anzeichen in der Art, wie man geht.
Wenn Sie bemerken, dass Sie langsamer gehen, ungewöhnlich kurze Schritte machen, Schwierigkeiten beim Wenden haben oder häufiger das Gleichgewicht verlieren, sollten Sie diese Veränderungen nicht einfach als Zeichen des Älterwerdens abtun.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Before Memory Fades, Your Walk May Reveal 5 Hidden Brain Disorders“. (deutsche Bearbeitung kr)
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Alexander Solschenizyn: Die Reden eines Weisen und vorausschauenden Sehers

Am 8. Juni 1978 hielt der im Exil lebende Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn eine Abschlussrede an der Harvard-Universität. Seine Ausführungen lösten damals eine Welle der Kritik aus und würden wahrscheinlich auch heute noch die gleiche Reaktion hervorrufen.
Die Rede, die später den Titel „Eine gespaltene Welt“ erhielt, dauerte etwa eine Stunde – deutlich länger als die üblichen Abschlussreden, sowohl wegen ihres Umfangs als auch weil Solschenizyn auf Russisch sprach und die Dolmetscherin Irina Ilovaiskaya-Alberti seine Worte während des Vortrags übersetzte.
Doch es war nicht die Länge der Rede, die bei den Anwesenden und Kommentatoren heftige Reaktionen auslöste, sondern ihr Inhalt. Anstatt die Sowjetunion anzugreifen und jene Freiheit zu preisen, die er in den Vereinigten Staaten gefunden hatte, richtete Solschenizyn eine Flut von Kritik sowohl gegen den Kommunismus als auch gegen die liberalen westlichen Demokratien. Er warf dem Westen, seinen Führern und Bürgern „Schwäche und Feigheit“ vor, eine legalistische Gesellschaft geworden zu sein, die die Moral aufgegeben habe – eine Gesellschaft, deren Bürger Freiheit ohne Verantwortung forderten, deren Medien sensationslüstern und schlampig über das Geschehen berichteten und deren Seelenverfall durch den Verlust des Willens und die Hinwendung zum säkularen Humanismus verursacht worden sei.
Hätten jene Kritiker, die sich über diese Kritik schockiert zeigten, die Reden gelesen, die Solschenizyn in den sechs Jahren zuvor gehalten hatte – wie beispielsweise seine Nobelpreisrede, seine Dankesrede anlässlich der Verleihung der American Friendship Medal oder seinen BBC-Radiobeitrag –, hätten sie vielleicht besser vorhersehen können, was er sagen würde.

Eine Sammlung wiederkehrender Themen

Der von Notre Dame Press veröffentlichte und von Solschenizyns mittlerem Sohn Ignat herausgegebene Band „We Have Ceased to See the Purpose“ (dt. etwa: Wir haben aufgehört, den Sinn zu erkennen) ist eine Sammlung von zehn Reden Solschenizyns aus den Jahren 1972 bis 1997. Es ist ein schlanker Band, was zum Teil daran liegt, dass Solschenizyn der Ansicht war, Schriftsteller sollten schreiben und keine Worte mit Reden verschwenden.
Beim Durchlesen dieser Texte stellen wir fest, dass die „Harvard-Rede“ nicht nur ein Warnschuss war. Die darin enthaltenen Themen ziehen sich durch alle Reden Solschenizyns. Er hatte ganz offensichtlich eine Botschaft, die er der modernen Welt vermitteln wollte. In seinen Reden stellte er verschiedene Themen in den Vordergrund. Es ging beispielsweise um den Niedergang Großbritanniens oder um die Würdigung des Widerstands der Landbevölkerung im westfranzösichen Département Vendée gegen die radikale linke Herrschaft während der Französischen Revolution. Solche und andere Themen lagen Solschenizyn am Herzen.
Bevor wir drei dieser Themen näher betrachten, sollten wir uns des „Entweder-oder“-Trugschlusses bewusst machen – jener falschen Dichotomie, die nur zwei Alternativen aufzeigt. Einige derjenigen, die sich – vielleicht aus gutem Grund – durch Solschenizyns „Harvard-Rede“ beleidigt fühlten, betrachteten sie als Verrat an der Etikette gegenüber einem Gastland, das ihm Zuflucht gewährt hatte. Andere hingegen verfielen einer klassischen falschen Dichotomie: Sowjetrussland schlecht, Amerika gut.

„Es gibt einen dritten Weg“

„Nein“, sagte Solschenizyn. Es gibt einen dritten Weg, eine bessere Alternative. Sowohl der Materialismus des Westens als auch der Materialismus des kommunistischen Russlands sind Sackgassen, die die Tugend und das tiefe Verlangen der Menschheit nach dem Geistigen herabsetzen. In seiner „Harvard-Rede“ erklärte er:
„[Die Aufgabe besteht] nicht darin, sich am Alltag zu überfressen, nicht darin, nach den besten Wegen zu suchen, materielle Güter zu erwerben und sie dann gierig zu konsumieren, sondern darin, eine beständige, ernsthafte Pflicht zu erfüllen, damit der gesamte Lebensweg vor allem zu einer Erfahrung moralischen Aufstiegs wird – das Leben als besserer Mensch zu verlassen, als man es begonnen hat.“
Wenn genügend Männer und Frauen diesen Aufstieg vollzögen, so Solschenizyn, könne die Menschheit „sich über die weltweite Strömung des Materialismus erheben“.
Dies ist das erste der drei Themen, die wir hier untersuchen werden, ein Hauptgrund für den Verfall der geistigen und menschlichen Werte und Tugenden zugunsten materieller Güter und finanziellen Reichtums.
Alexander Solschenizyn verlor seine sowjetische Staatsbürgerschaft, weil er sich gegen das Sowjetimperium aussprach. Solschenizyn im Jahr 1974. Foto: Bert Verhoeff für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

Alexander Solschenizyn verlor seine sowjetische Staatsbürgerschaft, weil er sich gegen das Sowjetimperium aussprach. Solschenizyn im Jahr 1974.

Foto: Bert Verhoeff für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

„Die Menschen haben Gott vergessen“

1983 hielt Solschenizyn seine „Templeton-Vorlesung“ in London, wo er den Templeton-Preis für Fortschritte in der Religion entgegennahm – ein Name, der angesichts der konservativen Haltung des Schriftstellers zum Glauben reich an Ironie ist. Er begann mit dieser Feststellung:
„Vor mehr als einem halben Jahrhundert, als ich noch ein Kind war, hörte ich mehrere ältere Leute eine Erklärung für die große Katastrophe, die Russland heimgesucht hatte, abgeben: ‚Die Menschen haben Gott vergessen; deshalb ist all dies geschehen.‘“
In diesem Vortrag gab Solschenizyn einen kurzen Überblick über die Geschichte der religiösen Verfolgung unter dem sowjetischen Kommunismus und über die vielen Menschen, die den Märtyrertod starben, weil sie sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören. Wie schon in der „Harvard-Rede“ wandte er sich dann Europa und Nordamerika zu:
„Unmerklich, durch jahrzehntelange schleichende Aushöhlung, wird der Sinn des Lebens im Westen nicht mehr als etwas Erhabeneres angesehen als das ‚Streben nach Glück‘. … Die Begriffe von Gut und Böse werden seit mehreren Jahrhunderten verspottet; aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verbannt, wurden sie durch politische oder klassenbezogene Kategorisierungen von kurzlebigem Wert ersetzt.“
Auch hier, wie in anderen Ansprachen, ging Solschenizyn auf die schädlichen Auswirkungen des Verlustes des Glaubens auf die Künste ein.
„Im Osten ist die Kunst im Niedergang begriffen, weil sie niedergeschlagen und mit Füßen getreten wurde, aber im Westen ist sie freiwillig untergegangen, zu einem gekünstelten und prätentiösen Streben geworden, bei dem der Künstler, anstatt zu versuchen, den göttlichen Plan zu enthüllen, versuchte, Gott durch sich selbst zu ersetzen.“
In einer Rede, die der Schriftsteller 1993 in Liechtenstein anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde hielt, wies er auf den zweischneidigen Charakter der Technik hin: „Sicherlich bereichern uns ihre Errungenschaften, doch sie versklaven uns zugleich. … Alles ist ein Kampf um materielle Dinge; doch eine innere Stimme flüstert uns leise zu, dass wir etwas Reines, Erhabenes – und Zerbrechliches – verloren haben. Wir haben aufgehört, den Sinn zu erkennen.“
Darauf folgte eine Frage: „Geben wir es zu, wenn auch nur flüsternd und nur vor uns selbst: Wofür leben wir eigentlich in dieser Hektik des Lebens, das in rasendem Tempo voranschreitet?“

Eine Mahnung gegen die Dekadenz

Eng verbunden mit dieser allgemeinen Amnesie ist Solschenizyns Sicht auf die Dekadenz.
In der „Harvard-Rede“ verwendete er den Begriff nur einmal, als er eine legalistische Kultur im Gegensatz zu einer auf Wahrheit und Moral basierenden beschrieb:
„Es hat sich herausgestellt, dass die Gesellschaft kaum Abwehrkräfte gegen den Abgrund menschlicher Dekadenz besitzt … wie zum Beispiel Filme voller Pornografie, Verbrechen und Horror. All dies wird als Teil der Freiheit angesehen und theoretisch durch das Recht der jungen Menschen ausgeglichen, nicht hinzuschauen und es nicht zu akzeptieren.“
In anderen Reden sprach er direkter über die moderne Dekadenz – das ständige Verlangen nach Freiheit, Vergnügen und Bequemlichkeit bei gleichzeitiger Flucht vor der Verantwortung. Bei einer Rede in London im Jahr 1976 sagte er: „Und wie steht es heute um Europa? Es ist nichts weiter als eine Ansammlung von Pappkulissen, die alle miteinander feilschen, um zu sehen, wie wenig für die Verteidigung ausgegeben werden kann, damit mehr für die Annehmlichkeiten des Lebens übrig bleibt.“
Obwohl er im Allgemeinen ein Schriftsteller war, der seine Prosa und seine Emotionen unter Kontrolle hatte, griff er in „The Shallowing of Freedom“ zu schärferer Rhetorik und verurteilte die Auswüchse der ungezügelten Freiheit:
„Freiheit! – für Verleger und Filmproduzenten, die jungen Generationen mit verderbendem Schmutz zu vergiften. Freiheit! – für Teenager, sich in Muße und Vergnügungen zu ergehen, anstatt sich dem konzentrierten Studium und der moralischen Entwicklung zu widmen. Freiheit! – für junge Erwachsene, nach Müßiggang zu streben und auf Kosten der Gesellschaft zu leben.“

Geschichte und tiefgreifende Kultur – ignoriert oder vergessen

Solschenizyn bezieht sich in seinen Reden häufig auf die Geschichte, insbesondere auf das 20. Jahrhundert, das sich seiner Ansicht nach „als grausamer erwiesen hat als seine Vorgänger“. Er berichtete beispielsweise von der brutalen Zwangsrückführung russischer Bürger und Soldaten durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg, wodurch diese Männer und Frauen mit fast sicherer Folge in den Tod oder in den Gulag geschickt wurden. Jahrelang, so merkte er an, habe die westliche Presse diese Geschichte verschwiegen.
In seiner Nobelpreisrede hob er zudem die Unkenntnis der Jugend in Bezug auf Geschichte und Politik hervor: „Die sich in jüngster Zeit manifestierende Erniedrigung von Menschen zu Nichtigkeiten, wie sie in China von den Roten Garden praktiziert wird, wird von der Jugend als freudiges Vorbild angesehen. Was für ein leichtfertiges Unverständnis der zeitlosen menschlichen Natur, was für ein naives Vertrauen unerfahrener Herzen.“
In „Der Verfall der Kultur“, seiner Rede von 1997 in Moskau, griff Solschenizyn Themen seiner Nobelpreisrede von vor 25 Jahren wieder auf. Obwohl er sich an die Russische Akademie der Wissenschaften wandte, bleibt die Botschaft universell. Er argumentierte, dass „der Kern historischer Prozesse nicht an der sichtbaren Oberfläche, sondern in der geistigen Tiefe liegt“ und dass „die Kultur uns ihre unverfälschten Tiefen erst dann wieder erschließen wird, wenn die Erneuerung eines moralisch empfänglichen Bodens stattfindet.“
Er warnte, dass bis zum Eintreten dieser Erneuerung „das Überleben oder Aussterben unseres Volkes von jenen abhängen wird, die in diesen dunklen Zeiten beharrlich daran festhalten, … das innere Leben unseres Geistes und unserer Seelen vor dem Untergang zu bewahren, es zu erheben, zu stärken und weiterzuentwickeln – jenes Leben, das die Kultur ist.“
Rosen am Grab des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyn in Moskau am 6. August 2008. Foto: Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Rosen am Grab des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyn in Moskau am 6. August 2008. Foto:_ Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Aktueller denn je

Schon eine flüchtige Betrachtung von Solschenizyns Reden zeigt, dass ihr Inhalt und ihre Ratschläge für unsere Zeit nach wie vor genauso relevant sind, vielleicht sogar noch mehr. Ersetzt man die Namen und Daten, passt man die Umstände an, so stellen wir fest, dass unsere Kultur – und wir selbst – von denselben Winden und demselben Regen gebeutelt werden, die er vor einem halben Jahrhundert beschrieb.
Dass einige von uns in seinen Reden noch immer Weisheit und Orientierung finden, ist eine Hommage an seine Weitsicht. Solschenizyns Analyse vertieft unser Verständnis der heutigen verarmten und oft groben Kultur. Auf seltsame Weise bringt dieses Verständnis Hoffnung. Wir mögen zwar nicht in der Lage sein, die stürmischen Gewässer um uns herum zu beruhigen, aber wir können zum Ufer der Wahrheit, Schönheit und Güte schwimmen, auf das er hinweist. Auf diese Weise können wir mehr Mensch werden.
Wir können uns denen anschließen, die „in diesen dunklen Zeiten durchhalten“.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Seer and Sage: The Speeches of Aleksandr Solzhenitsyn“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Nolans Odysseus zweifelt

Christopher Nolans „Die Odyssee“ mit Matt Damon in der Hauptrolle ist zum meistdiskutierten Film des Jahres geworden. Das knapp dreistündige IMAX-Epos dürfte schon bald die Marke von einer Milliarde US-Dollar knacken und damit sogar „The Dark Knight“ (2008) als Nolans erfolgreichsten Film ablösen. Vermutlich ist es die größte Literaturverfilmung seit „Vom Winde verweht“ (1939) – und zugleich so mitreißend, dass selbst diejenigen ihren Spaß daran haben dürften, die mit Literaturunterricht nie sonderlich viel anfangen können.
Doch die Einspielergebnisse erzählen längst nicht die ganze Geschichte. Viel auffälliger ist, wie radikal Nolan den Geist des Gedichts, das er adaptiert hat, auf den Kopf gestellt hat. Wo Homer von einem Helden erzählt, der sich durch Ausdauer, Frömmigkeit, Weisheit und Autorität auszeichnet, kommt Nolans Odysseus eher als Antiheld daher: voller Selbstzweifel, rational und passiv. Obwohl die Verfilmung der Handlung relativ treu bleibt, wurden die Themen komplett umgekehrt.

Christopher Nolans Odysseus (Matt Damon) hat wenig mit dem Odysseus aus dem Originalgedicht gemeinsam.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Von Standhaftigkeit zur Ernüchterung

Das Originalgedicht, vor rund 2700 Jahren entstanden, spiegelt die Wertvorstellungen seiner Zeit wider. Manche davon unterscheiden sich deutlich von denen unserer heutigen Zeit. Doch Odysseus verkörpert zugleich viele Tugenden, die uns bis heute vertraut sind. Vor allem lässt er sich in seinem Entschluss, nach Hause zurückzukehren, durch nichts beirren.
Als Odysseus und seine Gefährten auf der Insel der Lotophagen (auch Lotosesser) landen, essen einige seiner Männer von einer Pflanze, die sie jede Erinnerung an ihre Heimat verlieren lässt. Odysseus selbst bleibt nüchtern, schleppt sie zurück zu den Schiffen, bindet sie fest und segelt weiter. Später, als er seine gesamte Mannschaft verliert und sieben Jahre lang auf Kalypsos Insel festsitzt, verbringt er seine Tage weinend am Ufer.
Nolans Odysseus hingegen befindet sich von Anfang an in einer völlig anderen Lage. Als wir ihm auf Kalypsos Insel (Ogygia) begegnen, sehnt er sich keineswegs nach seiner Heimat. Im Gegenteil: Er weiß nicht einmal mehr, wo er ist – oder wer er ist. Kalypso hat ihm die Lotusfrucht zu essen gegeben. Desillusioniert von den Schrecken, die er in Troja erlebt hat, und gezeichnet von einer posttraumatischen Belastungsstörung, ist Odysseus nur allzu froh, sich in der Sucht zu verlieren und sein Trauma zu vergessen.

Von der Gottesfurcht zum Zweifel

Homers Odysseus steht – von Poseidon einmal abgesehen – in der Gunst der Götter, weil er ihnen treu die gebührende Ehre erweist. Gleich zu Beginn des Epos erinnert Athene ihren Vater Zeus empört daran:
„Brachte Odysseus
Nicht bei den Schiffen der Griechen in Trojas weitem Gefilde
Sühnender Opfer genug? Warum denn zürnest du so, Zeus?“
(Erster Gesang aus „Odyssee“ von Homer)
Zeus würdigt daraufhin die Gottesfurcht des Helden und beschließt, Odysseus nach Hause zu bringen.
In Nolans Verfilmung ist von all dem nichts mehr übrig. Ähnlich wie Wolfgang Petersen in „Troja“ (2004) wählt der Regisseur eine stärker auf den Menschen zentrierte Lesart der Geschichte – Matt Damon verkörpert Odysseus als modernen Rationalisten. Nachdem Troja gefallen ist und Odysseus’ Männer ihre Schiffe besteigen, drängen sie ihn, vor der Abfahrt den Göttern Opfer darzubringen. Doch er winkt ab: Er habe den Göttern bereits genug Ehre erwiesen, weitere Rituale seien nicht nötig.
Die griechischen Götter, die bei Homer eine so zentrale Rolle beim Vorantreiben der Handlung spielen, tauchen im Film nirgends auf. Zwar ist eine Figur zu sehen, die als Athene ausgewiesen ist und von Zendaya gespielt wird, wie sie an Odysseus’ Seite geht und mit ihm spricht; eine entscheidende Rückblende im Film stellt jedoch Athenes Identität in Frage und lässt vermuten, dass sie lediglich eine Halluzination ist, die aus Odysseus’ Schuldgefühlen entsteht.

Odysseus (Matt Damon) mit Athene (Zendaya), in „Die Odyssee“.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Von Göttinnen zu Opfern

Zu den weniger rühmlichen Zügen von Homers Odysseus gehört seine Untreue. Während die treue Penelope zwei Jahrzehnte lang auf Ithaka auf ihn wartet, lässt Odysseus sich mit Kirke und Kalypso ein. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings sagen: Viel Wahl lassen ihm die betörend schönen Göttinnen nicht. Sie halten ihn in der Pracht ihrer mit Dienern gefüllten Paläste fest.
Nolans Film lässt diese Dimension vollständig verschwinden. Kalypso (Charlize Theron) liebt Odysseus zwar, doch ihre Beziehung bleibt rein emotional. Odysseus ist viel zu sehr mit seiner Drogensucht beschäftigt, als dass Intimität für ihn eine Rolle spielen würde; auch deutet der Film zu keinem Zeitpunkt eine eindeutige Liebesbeziehung an. Das Verhältnis des Protagonisten zu Kirke (Samantha Morton) hingegen ist von offener Feindseligkeit geprägt. Beide Frauen leben in ärmlichen Verhältnissen, in einer einfachen Hütte beziehungsweise in einem Verschlag aus Treibholz, und wirken nicht im Geringsten wie Göttinnen.
Und sie sind nicht die einzigen Frauenfiguren, die Nolan von Verführerinnen zu Opfern umdeutet. Helena von Troja (Lupita Nyong’o) – jene Frau, deren Gesicht sprichwörtlich „tausend Schiffe in See stechen ließ“ – ist entstellt. Ihr Ehemann Menelaos (Jon Bernthal) spottet daraufhin, ihr Gesicht sei inzwischen vielleicht noch „fünfhundert“ wert.
Sinon (Elliot Page), der eigentliche Täuscher hinter dem Trojanischen Pferd – eine Figur, die erst später von Vergil und nicht von Homer eingeführt wurde –, wird bei Nolan selbst zum Getäuschten. Als er die Trojaner dazu bringt, das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu ziehen, weiß er nicht, dass sich darin überhaupt Menschen verbergen. Als Sinon Odysseus später in der Unterwelt begegnet, wirft er ihm vor, ein Lügner zu sein. In dieser Version der „Odyssee“ gibt es kaum eine Figur, die sich nicht in irgendeiner Weise als Opfer von Unterdrückung versteht.

Die Geschichte vom Trojanischen Pferd kam in Homers „Odyssee“ zwar nicht vor, aber Christopher Nolan hat sie in seine Neuerzählung aufgenommen.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschied von der Führungsrolle

Die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“ zu stehen, ist zum Sinnbild für eine ausweglose Entscheidung geworden. Bei Homer zeigt sich Odysseus an dieser Stelle von seiner entschlossensten Seite. Er entscheidet sich dafür, auf Skylla zuzusteuern und einige wenige Männer zu opfern, statt das gesamte Schiff im Strudel der Charybdis aufs Spiel zu setzen.
Nolan kehrt diese Konstellation um. Als das Schiff auf die Meerenge zutreibt, wartet die Mannschaft auf einen Befehl von Odysseus. Doch der bleibt aus. Odysseus verstummt, während das Schiff weiter auf Charybdis zusteuert. Stattdessen übernimmt sein Stellvertreter Eurylochos (Himesh Patel) das Kommando und lenkt die Männer in Richtung Skylla – mit dem Tod von sechs Seeleuten als Folge. Nolans „Held“ trifft die schwere Entscheidung also gar nicht. Ein anderer trifft sie für ihn.
Am deutlichsten treten Nolans Eingriffe im Höhepunkt des Films hervor, beim Massaker an den Freiern. Bei Homer kehrt Odysseus nach Hause zurück, um mit unerbittlicher Härte Recht zu sprechen. Er befiehlt Telemachos, die untreuen Sklavinnen des Palastes hinzurichten. Telemachos geht dabei noch weiter: Statt sie unmittelbar zu töten, lässt er sie langsam erhängen. Es ist eine der verstörendsten Passagen des gesamten Epos.

Telemachus (Tom Holland), in „Die Odyssee“.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Nolan streicht diese Szene vollständig. Sein Odysseus ist zudem bereit, jene Freier zu verschonen, die sich ihm unterwerfen, statt gegen ihn zu kämpfen. Und am Ende beansprucht er nicht etwa seine Königsherrschaft zurück, sondern verzichtet auf sie. Er überlässt Telemachos den Thron und segelt mit Penelope nach Westen, unbekannten Ländern entgegen – mit der Klage, „die Bronzezeit bricht zusammen“. Diese Formulierung ist ein Anachronismus: Niemand zu Odysseus’ Zeiten hätte von der eigenen Epoche als „Bronzezeit“ gesprochen.
Dieses Ende greift eine spätere Erweiterung des Odysseus-Mythos auf. Der italienische Dichter Dante Alighieri prägte die berühmte Vorstellung von einer letzten Reise des Odysseus, auf der dieser die Säulen des Herakles passierte und über die Grenzen der bekannten Welt hinausfuhr – eine Tradition, an die Alfred Lord Tennyson in seinem berühmten Gedicht „Ulysses“ anknüpfte. Dort beklagt Tennysons Held zunächst, dass „wir auch die Kraft nicht mehr [sind], die Erd’ und Himmel / vordem bewegte“, bevor das Gedicht in einer trotzig-grandiosen Geste endet:
„Was wir sind, das sind wir! Ein einz’ger Wille heldenhafter Herzen, durch Zeit und Schicksal schwach gemacht, doch stark im Ringen, Suchen, Finden, Nimmerweichen!“
Doch auch wenn das äußere Geschehen mehr oder weniger dasselbe bleibt, strebt Nolans Antiheld nie nach einer solchen Größe. Seine Reise endet nicht im Triumph, sondern im Verzicht – verbunden nur mit der leisen Hoffnung, dass „die Zivilisation eines Tages wieder auferstehen wird“.

Eine andere Art von Held

Die meisten Kommentare zu dem Film kreisen bislang darum, wie weit sich dieser filmische Odysseus von seinem homerischen Vorbild entfernt. Doch für genau diese Art von Protagonisten gibt es ein anderes literarisches Vorbild – und das findet sich nicht bei dem blinden Sänger Homer.
In der „Argonautika“, dem Epos des Apollonios von Rhodos über Jason und die Argonauten aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., unterscheidet sich Jason deutlich von den Helden Odysseus und Achill. Er ist unentschlossen, neigt zur Verzweiflung und wirkt alles andere als heldenhaft. Verglichen mit dem unbesiegbaren Herakles, der ebenfalls an Bord der Argo ist, besitzt Jason keinerlei herausragende Eigenschaften. Tatsächlich bestimmt die Mannschaft zunächst Herakles zu ihrem Anführer. Der lehnt jedoch ab und schlägt stattdessen Jason vor. Apollonios geht sogar so weit, seinen Protagonisten als „amēchanos“ zu bezeichnen – ein Wort, das sich ungefähr mit „hilflos“, „ratlos“ oder „ohne Ausweg“ wiedergeben lässt. Das steht in bewusstem Gegensatz zu Homers Bezeichnung des Odysseus als „polytropos“: „vielgewandt“, „listenreich“ oder besonders einfallsreich und findig.
Jason steht dem modernen Antihelden damit deutlich näher als den epischen Helden, die ihm vorausgingen. Bemerkenswert ist dabei, dass die eigentliche treibende Kraft der Handlung in der „Argonautika“ gar nicht Jason ist – und auch keiner der anderen Helden an Bord der Argo –, sondern eine Frau. Medeas Zauberkünste versetzen den niemals schlafenden Drachen in einen tiefen Schlummer, und dank ihrer List gelingt es Jason, das Goldene Vlies zu rauben und auch die übrigen Prüfungen zu bestehen, die ihm auferlegt werden.
Diese Umkehrung war kein Zufall. Apollonios schrieb rund fünf Jahrhunderte nach Homer – in einer grundlegend anderen Gesellschaft. Das von den Ptolemäern beherrschte Alexandria war Teil eines multikulturellen Reiches, das aus den Eroberungen Alexanders des Großen hervorgegangen war. Im politischen System des Hellenismus beruhte Führung stärker auf Zustimmung, Aushandlung und Anerkennung – und Jasons Charakter spiegelt genau diese Welt wider.
Vor diesem Hintergrund steht Nolans „Odyssee“ dem Epos des Apollonios von Rhodos weit näher als Homers „Odyssee“. Die Frauenfiguren des Films erweisen sich durchweg als fähiger und einflussreicher als die meisten Männer in ihrem Umfeld – selbst wenn der Film sie vordergründig als Arme oder Gefangene darstellt.

In Nolans „Die Odyssee“ spielen Frauen eine größere Rolle als in seiner anderen Filmen.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

So wie Apollonios den epischen Helden für die politischen Verhältnisse seiner eigenen Zeit neu schrieb, tut Nolan dasselbe für die unsere Zeit. Doch ist das wirklich der „Held“, den wir heute brauchen? An Geschichten über schwache, von Selbstzweifeln geplagte Männer, die das Opfersein verklären, herrscht jedenfalls kein Mangel. Nolans Version ist nur ein weiteres Spiegelbild dessen, wohin sich unsere Kultur entwickelt hat. Man könnte sogar sagen: Mit Nolans demonstrativem Zaudern sinken wir noch ein wenig schneller.
Wie auch immer man zu diesen Änderungen stehen mag – Nolan ist etwas Ungewöhnliches, wenn nicht gar Beispielloses gelungen: Er hat das Publikum dazu gebracht, sich wieder mit einem Klassiker auseinanderzusetzen, und sei es auch nur für einen Sommer.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Antihero’s Odyssey: How Christopher Nolan Rewrote Homer for a Skeptical Age“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)