Stuttgart, die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg. - Foto: Roksana Bashyrova/iStock
In Kürze:
Stuttgart verzeichnet 2025 mit 711,7 Millionen Euro das höchste Haushaltsdefizit seiner Geschichte.
Sinkende Gewerbesteuereinnahmen treffen auf steigende Ausgaben, während die Automobilindustrie einen tiefgreifenden Strukturwandel durchläuft.
Der Fall Stuttgart zeigt, wie eng die Finanzlage deutscher Industriestädte mit der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen verbunden ist.
Über Jahrzehnte galt Stuttgart als Musterbeispiel deutscher Wirtschaftskraft. Kaum eine andere Region ist so eng mit dem Erfolg der Industrie verbunden. Im „Regionalranking 2026“ zählt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Region erneut zu den wirtschaftsstärksten Deutschlands. Weltkonzerne wie Mercedes-Benz, Porsche und Bosch haben hier ihren Stammsitz. Dazu kommen Hunderte mittelständische Zulieferer und Maschinenbauer. Die Region erwirtschaftet seit Jahren einen erheblichen Teil der industriellen Wertschöpfung Baden-Württembergs und zählt zu den innovationsstärksten Standorten Europas.
Von diesem Erfolg profitierte nicht nur die Wirtschaft. Auch die Stadt selbst lebte von der Ertragskraft ihrer Unternehmen. Hohe Gewerbesteuereinnahmen verschafften ihr finanzielle Spielräume für Schulen, Kindertagesstätten, den öffentlichen Nahverkehr oder den Ausbau der Infrastruktur. Stuttgart gehörte damit zu den Kommunen, deren Haushalt lange als vergleichsweise solide galt. Dieses Bild hat sich innerhalb kurzer Zeit verändert.
Für das Haushaltsjahr 2025 weist die Landeshauptstadt Baden-Württembergs ein Defizit von 711,7 Millionen Euro aus. Nach Angaben der Stadtverwaltung ist dies das höchste Minus ihrer Geschichte. Noch 2023 hatte Stuttgart einen Rekordüberschuss von 1,5 Milliarden Euro erzielt. Inzwischen rechnet die Stadtverwaltung bis 2031 mit einem zusätzlichen Konsolidierungsbedarf von rund 700 Millionen Euro. Bereits für das laufende Jahr erwartet sie eine weitere Verschlechterung der Haushaltslage. Wie konnte sich die Finanzlage einer der wirtschaftsstärksten Städte Deutschlands innerhalb weniger Jahre so deutlich verschlechtern?
Wenn Unternehmen weniger verdienen, spüren es die Rathäuser
Die Gewerbesteuer ist die wichtigste eigene Einnahmequelle deutscher Städte. Sie hängt unmittelbar von der Ertragslage der Unternehmen ab. Entwickeln sich Betriebe erfolgreich, steigen in der Regel auch die Einnahmen der Kommunen. Gehen die Gewinne zurück, fällt meist auch die Gewerbesteuer geringer aus.
Genau das zeigt sich derzeit in Stuttgart. Nach außergewöhnlich hohen Gewerbesteuereinnahmen in den Jahren 2022 und 2023 sanken die Nettoerträge 2025 auf 732 Millionen Euro. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben der Stadt weiter. Seit 2021 erhöhten sich die ordentlichen Aufwendungen um rund 1,2 Milliarden Euro beziehungsweise 34 Prozent. Dazu zählen vorwiegend Personal-, Sozial- und Sachkosten. Damit konnte Stuttgart seine laufenden Ausgaben zum zweiten Mal in Folge nicht mehr vollständig aus den laufenden Erträgen finanzieren.
Für die Stadt hat das unmittelbare Folgen. Der finanzielle Spielraum schrumpft, Investitionen müssen stärker priorisiert und zusätzliche Einsparmöglichkeiten gesucht werden. Genau darauf zielt das „Haushaltssicherungskonzept 2030+“ ab, mit dem die Verwaltung den Haushalt bis Anfang der 2030er-Jahre wieder strukturell ausgleichen will.
Stuttgart stellt sich auf Jahre des Sparens ein
Mit dem Haushaltssicherungskonzept hat die Stadt auf die veränderte Finanzlage reagiert. Bis Anfang der 2030er-Jahre soll der Haushalt schrittweise wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Geplant sind unter anderem eine Überprüfung von Ausgaben, eine Neubewertung kommunaler Aufgaben und weitere Konsolidierungsmaßnahmen. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat den Doppelhaushalt zwar genehmigt, zugleich aber deutlich gemacht, dass der eingeschlagene Sparkurs fortgesetzt werden muss.
Für Stuttgart wird somit der finanzielle Spielraum kleiner. Künftige Ausgaben müssen stärker gegeneinander abgewogen werden als in den Jahren hoher Gewerbesteuereinnahmen.
Die eigentliche Ursache dieser Entwicklung liegt allerdings nicht in der Stadtverwaltung. Sie ist eng mit der wirtschaftlichen Lage der Region verbunden. Denn kaum ein anderer deutscher Ballungsraum hängt so stark vom Erfolg der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer ab wie Stuttgart.
Die Industrie im Umbruch
Die Probleme der Stadt fallen in eine Zeit, in der sich die Automobilindustrie neu erfinden muss. Jahrzehntelang verdienten die Hersteller vor allem mit Fahrzeugen, deren Technik kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Heute müssen sie Milliarden in Elektroantriebe, Batterien und Software investieren, und das in einem Markt, der deutlich härter umkämpft ist als noch vor wenigen Jahren.
Besonders spürbar ist der Wandel in China. Der Markt galt lange als wichtigster Wachstumsmotor deutscher Premiumhersteller. Inzwischen haben chinesische Autohersteller vor allem bei Elektroautos deutlich aufgeholt und gewinnen Marktanteile. Gleichzeitig drängen chinesische Hersteller nach Europa und verschärfen dort den Wettbewerb. Für Mercedes-Benz, Porsche und andere Hersteller bedeutet das: Sie müssen hohe Investitionen stemmen, während der Druck auf Preise und Gewinne wächst.
Wie die Unternehmen darauf reagieren, zeigt sich auch in der Region Stuttgart. Porsche und der Gesamtbetriebsrat vereinbarten Ende Juli ein Zukunftspaket. Der Sportwagenhersteller will rund 2,1 Milliarden Euro in die Standorte Zuffenhausen und Weissach investieren. Gleichzeitig sollen bis 2035 weitere 5.000 Stellen sozialverträglich abgebaut werden. Porsche begründet die Maßnahmen mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens nachhaltig zu stärken. Zudem solle das Zukunftspaket dazu beitragen, die Produktivität weiter zu steigern und die Personalkosten nachhaltig zu senken.
Auch Mercedes-Benz arbeitet daran, seine Kosten dauerhaft zu senken. Mit dem Programm „Next Level Performance“ plant der Konzern unter anderem, seine Fixkosten zu reduzieren, Produktionsabläufe effizienter zu gestalten und Investitionen gezielter zu steuern.
Auch Bosch reagiert mit einem umfangreichen Anpassungsprogramm auf den Wandel der Automobilindustrie. Der Zulieferer plant bis Ende 2030 den Abbau von rund 13.000 Stellen, insbesondere an deutschen „Mobility-Standorten“. Als Gründe nennt das Unternehmen die anhaltend schwache Entwicklung des weltweiten Fahrzeugmarktes, den verzögerten Hochlauf von Zukunftstechnologien wie Elektromobilität und Wasserstoff, den Strukturwandel der Branche sowie den hohen Preis- und Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig müsse Bosch umfangreiche Investitionen in seine Zukunft leisten und diese weitgehend aus eigener Kraft finanzieren.
Von einem Rückzug der Industrie kann dennoch keine Rede sein. Die Unternehmen investieren weiterhin Milliarden in Forschung, Entwicklung und neue Produktionsanlagen. Gleichzeitig richten sie ihre Strukturen auf einen Markt aus, der langsamer wächst und deutlich umkämpfter ist als noch vor wenigen Jahren.
Was Stuttgart über Deutschland verrät
Für Stuttgart bleibt dieser Wandel nicht ohne Folgen. Die Industrie prägt die Wirtschaftskraft der Region und stellt auch die wichtigste Einnahmequelle der Stadt dar. Das Rekorddefizit ist deshalb mehr als eine kommunale Haushaltszahl. Es verdeutlicht, wie eng die Finanzkraft vieler deutscher Industriestädte mit der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Unternehmen verbunden ist. Stuttgart macht diesen Zusammenhang besonders deutlich, weil kaum eine andere Großstadt so stark von einer Branche geprägt wird. Sollte sich der Strukturwandel der Automobilindustrie länger hinziehen als erwartet, dürfte diese Entwicklung auch für andere Industriestandorte an Bedeutung gewinnen.
Stuttgart ist damit mehr als ein Einzelfall. Die Entwicklung zeigt, wie unmittelbar sich wirtschaftliche Veränderungen auf die Finanzen einer Kommune auswirken können. Solange die Industrie wächst, profitieren auch die Städte. Gerät sie unter Druck, verändert sich dieser Zusammenhang.
Das Niedrigwasser legt am Mittelrhein große Kies- und Sandbänke frei. Sinkende Pegel schränken die Transportkapazität der Binnenschifffahrt erheblich ein. - Foto: Oliver Berg/dpa
In Kürze:
Das anhaltende Niedrigwasser schränkt die Schifffahrt auf dem Rhein massiv ein. Der Bund will mit Ausnahmen für Lkw und zusätzlichen Schienentransporten gegensteuern.
Rund 86 Prozent der Güter auf deutschen Binnenwasserstraßen werden über den Rhein transportiert. Besonders Chemie-, Stahl- und Raffinerieunternehmen sind auf den Fluss angewiesen.
Längere Transportzeiten und höhere Logistikkosten könnten sich bei anhaltendem Niedrigwasser auch auf die Verbraucher auswirken, etwa durch steigende Kraftstoffpreise.
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) hat Vertreter der Industrie, der Häfen und der Binnenschifffahrt am Donnerstag, 6. August, zu einem Spitzentreffen nach Bonn eingeladen. Anlass ist die anhaltende Niedrigwasserlage auf den deutschen Bundeswasserstraßen, die den Güterverkehr zunehmend beeinträchtigt.
Im Mittelpunkt der Beratungen stand dabei der Rhein, Deutschlands wichtigste Binnenwasserstraße, auf der die wirtschaftlichen Folgen der niedrigen Pegelstände derzeit besonders deutlich zu spüren sind. Ziel des Treffens war es, kurzfristige Maßnahmen gegen die Einschränkungen im Güterverkehr zu beraten.
Nach dem Spitzentreffen erläuterte Bilger die Maßnahmen der Bundesregierung. So wolle der Bund zusätzliche Transporte auf Straße und Schiene erleichtern, um die Folgen des Niedrigwassers für die Wirtschaft abzufedern. Konkret kündigte der Minister an, Ausnahmen vom Sonn- und Feiertagsfahrverbot für besonders betroffene Güter prüfen zu wollen.
„Wir werden darüber sprechen, dass wir Ausnahmen vom Sonn- und Feiertagsfahrverbot für besonders betroffene Güter vornehmen“, sagte Bilger. Er habe dazu bereits mit mehreren Verkehrsministern der Länder gesprochen und dabei „große Bereitschaft“ festgestellt.
Auch für Schwertransporte, die wegen der Einschränkungen auf den Wasserstraßen auf die Straße verlagert werden müssten, seien Erleichterungen geplant. Zugleich habe das Bundesverkehrsministerium die Autobahn GmbH angewiesen, alles daranzusetzen, Ausweichverkehr nicht durch zusätzliche, vermeidbare Baustellen auszubremsen.
Die Deutsche Bahn Bahn-Infrastruktursparte DB InfraGO werde zudem einen „Sonderkoordinator Niedrigwasser“ bereitstellen, der zusätzliche Schienentransporte in den betroffenen Regionen unterstützen soll.
Bilger betonte, die Maßnahmen sollten der Wirtschaft kurzfristig helfen. „Wir können das Wetter nicht beeinflussen, aber wir können dafür sorgen, dass unsere Wirtschaft besser durch diese schwierigen Wochen kommt“, sagte der Minister.
Bei den angekündigten Schritten handele es sich um „ganz konkrete Schritte, die Unternehmen jetzt helfen können“.
Der Rhein als Rückgrat der Industrie
Obwohl sich das Spitzentreffen mit der Niedrigwasserlage auf den Bundeswasserstraßen insgesamt befasste, richtete sich der Blick vorwiegend auf den Rhein. Keine andere Wasserstraße ist für die deutsche Wirtschaft so bedeutend. Der Fluss verbindet die Nordseehäfen Rotterdam und Antwerpen mit den Industriezentren im Ruhrgebiet, im Rheinland sowie bis nach Baden-Württemberg und in die Schweiz.
Entlang seines Verlaufs haben sich über Jahrzehnte Chemiewerke, Stahlhütten, Raffinerien und zahlreiche weitere Industriebetriebe angesiedelt. Für viele von ihnen ist der Rhein der wichtigste Transportweg für Rohstoffe und Vorprodukte.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) wurden auf den deutschen Binnenwasserstraßen im Jahr 2025 insgesamt 171,6 Millionen Tonnen Güter transportiert. Das Transportaufkommen lag damit 1,3 Prozent unter dem Vorjahreswert und erreichte den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.
Die Zahlen zeigen jedoch nicht, dass die Binnenschifffahrt an Bedeutung verliert. Vielmehr transportiert sie Güter, die für zentrale Industriezweige unverzichtbar sind und sich nur eingeschränkt auf andere Verkehrsträger verlagern lassen. Dazu gehören Mineralöl und andere Kraftstoffe, Chemikalien, Kohle, Steine und Erden, Eisenerz, Stahl, Sand, Kies sowie Container.
Welche Schlüsselrolle der Rhein dabei einnimmt, verdeutlichen Destatis-Daten aus dem letzten großen Niedrigwasserjahr 2022. Bereits in den ersten fünf Monaten des Jahres 2022 wurden 86,3 Prozent aller Güter, die auf deutschen Binnenwasserstraßen transportiert wurden, ganz oder teilweise über den Rhein befördert.
Keine andere Wasserstraße übernimmt eine vergleichbare Funktion für den Güterverkehr. Gerade die über den Rhein transportierten Massengüter stehen am Beginn vieler industrieller Wertschöpfungsketten.
Chemiewerke benötigen große Mengen flüssiger Rohstoffe, Stahlwerke sind auf Erz und Kohle angewiesen, Raffinerien auf kontinuierliche Öllieferungen. Fällt der Wassertransport aus oder wird erheblich eingeschränkt, geraten deshalb nicht nur Logistikunternehmen unter Druck, sondern ganze Produktionsprozesse.
Niedrigwasserlage kein Einzelfall
Niedrigwasser gehört grundsätzlich zum natürlichen Abflussgeschehen des Rheins. Besonders nach niederschlagsarmen Sommern können die Wasserstände über Wochen deutlich sinken.
In den Trockenjahren 2003, 2018 und 2022 kam es zu erheblichen Einschränkungen der Binnenschifffahrt.
Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) dokumentiert die Wasserstände an zahlreichen Rheinpegeln. Als wichtigste Referenz für die Rheinschifffahrt gilt der Pegel Kaub am Mittelrhein. Er entscheidet maßgeblich darüber, wie tief beladene Güterschiffe den besonders flachen Abschnitt zwischen Mainz und Koblenz passieren können. Deshalb orientieren sich Reedereien, Verlader und Industrieunternehmen regelmäßig an diesem Messpunkt.
Am Pegel Kaub wurde am 22. Oktober 2018 mit 25 Zentimetern der bisherige Niedrigwasserrekord gemessen und galt bis zum aktuellen Niedrigwasser im Sommer 2026 als historischer Tiefststand. Am Mittwoch gab die WSV den Pegelstand Kaub erstmals mit unter 20 Zentimeter an.
Der Ökonom Simon Gerards Iglesias vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sieht im aktuellen Niedrigwasser ein strukturelles Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Gerade Unternehmen entlang des Rheins seien in hohem Maße auf die Wasserstraße angewiesen. Als Beispiel nannte er den Chemiekonzern BASF, der nach seinen Angaben rund 40 Prozent seiner Güter über den Rhein transportiert. „Für ein Unternehmen wie BASF ist es lebensnotwendig, dass ein Rhein als Wasserstraße funktioniert“, sagte Iglesias im ZDF-„Morgenmagazin“.
Das Niedrigwasser zeige zugleich die begrenzte Krisenfestigkeit der deutschen Verkehrsinfrastruktur. Ein kurzfristiger Wechsel auf Straße oder Schiene sei nur eingeschränkt möglich.
Nach Ansicht des Ökonomen seien die Wasserstraßen, ähnlich wie Schiene und Straße, über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Um die Schiffbarkeit langfristig zu sichern, reichten einzelne Maßnahmen nicht aus. Er forderte eine umfassende Modernisierung der Wasserstraßen sowie deutlich schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte.
Auswirkungen könnten Verbraucher nach Einschätzung des IW-Experten schon bald auch an den Tankstellen spüren. Bereits während des Niedrigwassers 2018 hätten die eingeschränkten Liefermöglichkeiten für Mineralöl zu höheren Kraftstoffpreisen entlang des Rheins geführt. Wenn Raffinerien weniger Rohöl per Schiff erhielten oder ihre Produktion drosseln müssten, könne sich dies erneut auf die Preise auswirken.
Das VW-Werk in Emden produziert ausschließlich Elektrofahrzeuge. Der Wettbewerb um neue Investitionen in Europas Autoindustrie verschärft sich jedoch zunehmend. - Foto: Nigel Treblin/Volkswagen/Archiv/dpa
In Kürze:
Die Landkarte Europas Autoindustrie verändert sich.
EU-Ausgleichszölle auf Elektroautos aus China sollten Wettbewerbsverzerrungen begrenzen.
Tatsächlich haben sie die Strategien vieler Hersteller verändert.
Chinesische Unternehmen investieren zunehmend in Produktionskapazitäten innerhalb der EU.
Der Wettbewerb verlagert sich auf den Binnenmarkt Europas.
Vor wenigen Jahren stand das ehemalige Nissan-Werk bei Barcelona vor einer ungewissen Zukunft. Tausende Arbeitsplätze gingen verloren, die Produktionshallen waren verwaist. Heute kehrt dort wieder Leben ein. Gemeinsam mit der spanischen Traditionsmarke Ebro für Nutzfahrzeuge und Traktoren will der chinesische Autobauer Chery an dem Standort Fahrzeuge für den europäischen Markt produzieren. Was zunächst wie eine regionale Industriegeschichte wirkt, steht für einen weit größeren Wandel: Spanien entwickelt sich zunehmend zum wichtigsten Brückenkopf chinesischer Autohersteller in Europa.
So hat der chinesische Autokonzern SAIC Motor (MG) im Juni angekündigt, rund 200 Millionen Euro in den Bau des ersten europäischen Werks in Spanien zu investieren. Insgesamt sollen bis zu 2.000 neue Arbeitsplätze entstehen und jährlich bis zu 120.000 Fahrzeuge produziert werden, kündigte der Konzern an.
Die Entwicklung beschränkt sich jedoch nicht auf die Fahrzeugproduktion. Auch im Bereich der Zulieferer baut Spanien seine Rolle in der Elektromobilität aus. So kündigten der europäische Autokonzern Stellantis und der chinesische Batteriezellhersteller CATL Ende 2024 an, bis zu 4,1 Milliarden Euro in ein gemeinsames Batteriewerk im nordspanischen Saragossa zu investieren. Die Fabrik sollte ab Ende 2026 Lithium-Eisenphosphat-Batterien (LFP) für Elektrofahrzeuge produzieren und schrittweise eine Kapazität von bis zu 50 Gigawattstunden erreichen. Das Projekt befindet sich noch in der Rohbauphase, momentane Prognosen sehen 2027 bis 2028 als Fertigstellungshorizont.
Für CATL ist das Werk ein weiterer Baustein seiner europäischen Expansion, für Stellantis ein zentraler Bestandteil der Strategie, günstigere Elektroautos in Europa fertigen zu können. Zusammen mit den Investitionen von Chery und SAIC zeigt das Projekt, dass sich Spanien zunehmend als europäisches Zentrum für die Produktion von Elektrofahrzeugen und Batterietechnik etabliert.
Diese Entwicklung hat auch mit einer Entscheidung aus Brüssel zu tun. Ende Oktober 2024 führte die Europäische Union endgültige Ausgleichszölle auf batterieelektrische Fahrzeuge aus China ein. Die Europäische Kommission begründete den Schritt damit, dass chinesische Hersteller von umfangreichen staatlichen Subventionen profitieren und dadurch europäische Wettbewerber benachteiligt würden. Die Grundlage ist eine Verordnung der Europäischen Kommission.
Knapp zwei Jahre später zeigt sich jedoch, dass die Zölle den Wettbewerb nicht beendet, sondern verändert haben. Statt Fahrzeuge in großen Stückzahlen aus China nach Europa zu exportieren, investieren Hersteller wie SAIC Motor oder Chery zunehmend in Produktionsstandorte innerhalb der Europäischen Union. Fahrzeuge, die in Europa gefertigt werden, unterliegen nicht den zusätzlichen Ausgleichszöllen. Gleichzeitig sparen die Unternehmen Transportkosten, verkürzen Lieferwege und rücken näher an ihre Kunden.
Warum gerade Spanien?
Dass viele dieser Investitionen ausgerechnet nach Spanien fließen, ist kein Zufall. Spanien zählt, neben Deutschland, zu den größten Automobilstandorten Europas. Nach Angaben des Verbands der Europäischen Automobilhersteller (ACEA) wurden 2024 in Spanien rund 1,9 Millionen Autos gebaut. Damit belegt das Land nach Deutschland (rund 3,9 Millionen) im europäischen Vergleich den zweiten Platz. Entsprechend gut ausgebaut sind Zuliefernetzwerke, Logistik und die Ausbildung von Fachkräften.
Hinzu kommt ein Standortvorteil, über den in Deutschland seit Jahren diskutiert wird: Energie ist in Spanien günstiger. Laut Informationen des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) lag der Industriepreis in der zweiten Jahreshälfte 2025 in Spanien bei rund 13 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: In Deutschland lag der Preis im gleichen Zeitraum bei über 22 Cent.
Hinzu kommt, dass in Spanien auch die Politik offensiv um neue Investitionen wirbt. Mit dem Förderprogramm „PERTE“ unterstützt die spanische Regierung schon seit 2024 den Umbau der Automobilindustrie zur Elektromobilität mit Millionenbeträgen aus nationalen und europäischen Mitteln. Anfang dieses Jahres gab die EU-Kommission grünes Licht für weitere 200 Millionen Euro Förderung im Rahmen des Projekts.
Die Entscheidung chinesischer Hersteller für europäische Werke dürfte kein kurzfristiger Trend sein. Sie folgt einer Strategie, die internationale Autobauer schon früher verfolgten.
So laufen beispielsweise beim japanischen Autohersteller Toyota seit 1971 Autos aus europäischen Produktionsstätten vom Band. Der japanische Autohersteller Mitsubishi Motors startete im niederländischen Born 1991 die Produktion seiner Autos in Europa. 2012 zog sich der Konzern dann allerdings wieder aus Europa zurück und gab seine Produktion in Born auf.
Die Hyundai Motor Group (mit den Marken Hyundai und Kia) ist der wichtigste koreanische Hersteller, der Autos direkt in Europa baut. Das Werk in Nošovice (Tschechien) produziert Modelle wie den Tucson, den i30 und den Kona Electric. Das Kia-Werk in Teplička nad Váhom (Slowakei) baut die gesamte Ceed-Familie, den Sportage sowie neuere Elektroauto-Modelle wie den EV2 und den EV4.
Nun gehen chinesische Unternehmen denselben Weg. Sie wollen nicht mehr ausschließlich Autos nach Europa exportieren, sondern sie direkt innerhalb des europäischen Binnenmarktes bauen. Das erleichtert nicht nur den Marktzugang, sondern stärkt zugleich ihre Position gegenüber etablierten Wettbewerbern.
Damit verändert sich auch die europäische Industrielandschaft. Chinesische Hersteller verkaufen ihre Fahrzeuge künftig nicht mehr nur in Europa. Sie werden zunehmend selbst Teil der europäischen Automobilindustrie.
Was bedeutet das für Deutschland?
Für Deutschland ist diese Entwicklung vor allem deshalb von Bedeutung, weil die Automobilindustrie zu den bedeutendsten Industriezweigen des Landes gehört. Deutschland ist weiterhin der größte Pkw-Produktionsstandort innerhalb der Europäischen Union.
Gleichzeitig treiben die deutschen Hersteller den Umbau zur Elektromobilität weiter voran. Volkswagen entwickelt mit der Scalable Systems Platform (SSP) und einer neuen softwaredefinierten Fahrzeugarchitektur die nächste Generation seiner Elektrofahrzeuge weiter.
BMW bereitet mit der „Neuen Klasse“ seine neue Elektroplattform vor und Mercedes-Benz setzt auf das Betriebssystem MB.OS sowie neue Batterietechnologien. Die Strategien der drei Hersteller zeigen, dass sie trotz eines schwierigen Marktumfelds weiter auf Elektromobilität und Digitalisierung setzen.
Dennoch verschärft sich der Wettbewerb zwischen den europäischen Standorten. Während deutsche Hersteller ihre bestehenden Werke Schritt für Schritt modernisieren, entstehen in Spanien neue Produktionsstätten für Elektrofahrzeuge und Batterien.
Für internationale Investoren spielen dabei Faktoren wie Energiekosten, staatliche Förderprogramme, industrielle Infrastruktur und die Geschwindigkeit von Genehmigungsverfahren eine wichtige Rolle.
Davon bleibt auch die deutsche Zulieferindustrie nicht unberührt. Wo neue Fahrzeug- und Batteriewerke entstehen, siedeln sich häufig weitere Unternehmen an, etwa Hersteller von Batteriezellen, Elektronik, Kunststoffteilen oder Logistikdienstleister. Für deutsche Zulieferer können sich dadurch neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben.
Gleichzeitig wächst der Wettbewerb um Aufträge und Investitionen. Für Deutschland geht es deshalb um mehr als die Frage, wo künftig Elektroautos gebaut werden. Entscheidend ist auch, wo Forschung, Entwicklung und industrielle Wertschöpfung stattfinden. Die Investitionen in Spanien zeigen, dass sich der Wettbewerb um neue Industrieansiedlungen innerhalb Europas spürbar verschärft.
Welche Länder davon langfristig profitieren, wird deshalb nicht allein durch Zölle entschieden, sondern auch durch die Attraktivität der Standorte für Investitionen, Innovationen und qualifizierte Arbeitskräfte.
Polizeiermittler untersuchen eine Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle. Andreas Roßkopf von der GdP ordnet den Vorfall gegenüber Epoch Times ein. - Foto: Collage aus Bild 1: Jens Schlueter/Getty Images und Bild 2: Andreas Roßkopf (Archivbild)
Der Fund einer Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle und eine anschließende Kollision eines Verkehrsflugzeuges mit einem unbekannten Flugobjekt in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch sorgten für viel Wirbel. Die deutschen Sicherheitsbehörden zeigen sich besorgt. Warum?
Darüber sprachen wir mit dem Bundespolizisten Andreas Roßkopf von der Gewerkschaft der Polizei – Bereich Bundespolizei und Zoll.
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Nach dem gestrigen Vorfall spricht Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) von einer neuen Gefahrenqualität und einer hybriden Bedrohung. Was macht den Vorfall so besonders?
Wir sprechen hier von einer Drohnentechnik, von einem unbemannten Flugobjekt, das wir mit unserer Abwehrtechnik, mit unserer Detektion, zunächst nicht abwehren konnten. Und das ist schon mal etwas ganz Besonderes. Denn die Bundespolizei ist zum Schutz der Flughäfen vor Drohnenangriffen mittlerweile sehr gut und modern ausgerüstet. Ich habe mir vor drei Wochen am Frankfurter Flughafen selbst ein Bild davon gemacht. Dieses Mal konnten wir die Flugobjekte jedoch nicht erkennen. Es handelt sich nicht um eine Drohne, die man im Kaufhaus erwerben kann, sondern um Drohnen, die so konfiguriert wurden, dass sie unserer Abwehrtechnik ausweichen konnten.
Was den Fall noch besonders macht, ist, dass der Flughafen Leipzig, Europas größter Umschlagflugplatz für Frachtgüter, ausgewählt wurde. Er wird nämlich auch für Hilfsgütertransporte in die Ukraine genutzt. Zudem wurde die Drohne in einem Bereich festgestellt, in dem Frachtmaschinen aus der Ukraine abgestellt waren, um Güter dorthin zu transportieren. Ein weiterer Grund, warum ich den Fall als außergewöhnlich einstufe, ist der verwendete Sprengstoff. Diese Art von Sprengstoff kann nicht mal schnell selbst zusammengebastelt oder irgendwo gekauft werden. Er stammt aus dem militärisch-kommerziellen Bereich. Das heißt, daran kommt man nicht so einfach. Wir haben es hier mit Profis zu tun, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine terroristische Absicht hatten. Deshalb passt die Bezeichnung „hybride Bedrohungslage“ für diesen Fall sehr gut.
Ist die Bundespolizei an den wichtigen Flughäfen ständig präsent, um Drohnen abwehren zu können?
Ja, das ist tatsächlich so. Wir sind an allen Flughäfen in Deutschland – mit ganz wenigen Ausnahmen – für die Sicherheit verantwortlich. Das gilt auch für die Abwehr von Drohnen und unbemannten Flugobjekten, die in den Bereich von Flughäfen eindringen. Dazu haben wir ganz hervorragende moderne Technik, die die Masse der Drohnen bereits im Vorfeld erkennt. Beim Erkennen solcher Flugobjekte wird unmittelbar Kontakt mit der zuständigen Landespolizei und mit der Luftsicherheitsbehörde des Flughafens aufgenommen, um in Sekundenbruchteilen zu entscheiden, ob eingeschritten werden muss oder eine weitere Beobachtung ausreicht. Denn vielleicht ist es nur eine Drohne aus einer Nachbargemeinde, die etwas fotografiert. Das ist in diesem Bereich nicht erlaubt, stellt aber keine direkte Gefahr für den Flughafen dar. Solche Prozesse verlaufen sehr gut. Deswegen ist dieser Fall so absolut besonders und fast schon einzigartig, denn dieses Mal konnten wir die Flugobjekte im Vorfeld nicht erkennen.
Wenn die Drohnen so konfiguriert waren, dass sie durch die Drohnenabwehrtechnik der Bundespolizei nicht entdeckt werden konnten, heißt das doch, es muss jemand genau wissen, wie unsere Flughäfen gesichert werden. Ist das richtig?
Ja genau. Um Drohnen so zu verändern oder neu zu konfigurieren, dass man unsere Abwehrtechnik umgehen kann, bedarf es nicht nur Halbwissen, sondern hochprofessionelles Wissen. Ein solcher Wissensstand ist aus unserer Sicht nur im absolut hoch Militärischen, terroristischen Bereich vorhanden. Denn ansonsten könnte man eine solche Veränderung nicht vornehmen. Denn auch wir als Sicherheitsbehörden beherrschen mehrere Techniken, um Drohnen abzuwehren, die nicht so leicht auszutricksen sind. Und genau deswegen sprach Bundesinnenminister Alexander Dobrindt gestern von „größeren Mächten“ im Hintergrund. Wir als Bundespolizei gehen davon aus, dass man vielleicht sogar mit staatlicher, gezielter Organisation diese Drohnen so konfiguriert hat, um uns hybrid angreifen zu können.
Gibt es denn schon Erkenntnisse darüber, wer hinter diesem Anschlag stehen könnte?
Tatsächlich bleibt festzuhalten, dass dieser Vorfall sehr geheim und auch in einem sehr kleinen Kreis analysiert, ermittelt und besprochen wird. Es ist gar nicht auszumalen, was passieren würde, wenn wir jetzt einen großen Hype um die Ermittlungen machen würden. Jetzt muss mit sehr viel Verstand, mit sehr viel Fachwissen schnell ermittelt werden, um die wahren Hintergründe aufzuklären, sodass wir als Bundesrepublik Deutschland hochprofessionell darauf reagieren und aufrüsten können.
Was können wir denn tun, um uns für die Zukunft zu schützen? Was wollen Sie als Bundespolizei tun?
Ich möchte an den Anschlag auf unsere Nord-Stream-Pipelines im Jahr 2022 erinnern. Das war im Endeffekt nichts anderes als ein hybrider Anschlag. Und das erleben wir jetzt wieder. Die Verantwortlichen in der Politik müssen jetzt absolut wachgerüttelt sein. Es muss viel Geld und Know-how in die Hand genommen werden, um uns aufzurüsten. Denn es ist ein Wettlauf mit der Technik. Die Drohnentechnik unterliegt einem wahnsinnig schnellen Wandel. Wir müssen unsere Parameter so einstellen, dass wir dieser Bedrohung standhalten können. Das heißt, wir müssen viel Geld in die Hand nehmen, Spezialisten einstellen und spezielle Firmen mit an Bord holen, um auch reagieren zu können.
Bei wem liegt jetzt die Ermittlungsarbeit?
Es ermitteln jetzt das Landeskriminalamt, das Bundeskriminalamt, mit Sicherheit auch der Staatsschutz und wahrscheinlich auch der Militärische Abschirmdienst, denn alle Möglichkeiten müssen zumindest in Betracht gezogen werden. Die Aufklärung ist essenziell wichtig, um anschließend mit Konsequenzen reagieren zu können.
Aktuell sieht es so aus, als wäre ein funktionsfähiger, hochexplosiver Sprengstoff an der Drohne befestigt gewesen, die neben einer großen Frachtmaschine am Boden gefunden wurde. Der Zünder war wohl nicht mehr funktionsfähig. Das war absolutes Glück, wodurch wir einer großen Katastrophe, einem großen Anschlag entgangen sind.
Xi Jinping ist am 3. September 2025 während einer Militärparade zum 80. Jahrestag des Sieges über Japan und dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf einer Großleinwand in Peking zu sehen. - Foto: Greg Baker/AFP via Getty Images
In Kürze
Beim „1. August“-Bankett der KPCh war kein Mitglied der Zentralen Militärkommission anwesend.
Chinas Partei- und Militärchef Xi Jinping hat seit 2022 mehrere hochrangige Militärführer entfernt und Führungspositionen neu besetzt.
Analysten sehen darin Hinweise auf Spannungen innerhalb der chinesischen Militärführung.
Die chinesische Militärführung steht erneut im Fokus: Beim offiziellen Empfang zum 99-jährigen Bestehen der Volksbefreiungsarmee (PLA) fehlten erstmals die Mitglieder der Zentralen Militärkommission (CMC), des obersten Führungs- und Entscheidungsgremiums des chinesischen Militärs. Analysten sehen darin ein mögliches Zeichen für die Folgen der umfangreichen Säuberungen von Staats- und Militärchef Xi Jinping sowie für anhaltende Veränderungen innerhalb der Armeeführung.
Kein CMC-Mitglied beim wichtigen Militärtermin
Das chinesische Verteidigungsministerium veranstaltete am 31. Juli im Großen Saal des Volkes in Peking einen Empfang zum „Tag der Armeegründung am 1. August“. Die staatliche Nachrichtenagentur „Xinhua“ berichtete, dass Verteidigungsminister Dong Jun an der Veranstaltung teilnahm und eine Rede hielt.
Auffällig war jedoch, dass kein Mitglied der Zentralen Militärkommission erwähnt wurde. Auch Zhang Shengmin, stellvertretender Vorsitzender der CMC und neben Xi Jinping das einzige verbliebene Mitglied des Gremiums, wurde in der offiziellen Berichterstattung nicht genannt.
Der Bericht sprach lediglich von „Führungen verschiedener Abteilungen der Organe der Zentralen Militärkommission und relevanter, in Peking stationierter Militäreinheiten“, die an der Veranstaltung teilgenommen hätten.
Dong Jun übernahm im Dezember 2023 das Amt des Verteidigungsministers nach dem Sturz seines Vorgängers Li Shangfu. In einer ungewöhnlichen Abweichung von der bisherigen Praxis wurde Dong jedoch bislang nicht zum Mitglied der Zentralen Militärkommission ernannt.
Nach Einschätzung von Analysten steht diese ungewöhnliche Zusammensetzung der Militärführung im Zusammenhang mit den umfassenden Umbesetzungen, die Xi Jinping innerhalb der Volksbefreiungsarmee durchführte. Seit dem Parteitag der KPCh im Jahr 2022 wurden mehrere hochrangige Militärfunktionäre aus ihrem Amt entfernt, wodurch wichtige Positionen in der Führungsebene neu besetzt werden mussten.
Xi Jinping hat seit dem 20. Parteitag der KPCh im Oktober 2022 fünf der sieben Mitglieder der aktuellen Zentralen Militärkommission entlassen. Übrig geblieben sind nur noch Xi selbst und Zhang Shengmin. Zudem ließ Xi zahlreiche hochrangige Militärfunktionäre absetzen, darunter Kommandeure und politische Kommissare der Marine, der Luftwaffe und der Raketentruppe. Ihnen wurde nachgesagt, nicht ausreichend loyal gegenüber Xi zu sein.
Die Maßnahmen führten nach Einschätzung von Beobachtern zu einem Machtvakuum in der obersten Führung des chinesischen Militärs. Viele wichtige Positionen blieben bislang unbesetzt.
Analysten, die zuvor mit der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times gesprochen hatten, erklärten, dass Xis Vorgehen zu weitverbreiteter Unzufriedenheit im Militär und zu verstärktem Widerstand innerhalb der Partei geführt habe.
Chinas Präsident Xi Jinping (vorn) während der Eröffnungssitzung des 20. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas in der Großen Halle des Volkes in Peking am 16. Oktober 2022.
Foto: Noel Celis/AFP via Getty Images
Fehlende Generäle zeigen Veränderungen in der Führung
Der in den USA ansässige China-Analyst Li Linyi sagte gegenüber Epoch Times, dass gemäß der üblichen Praxis der KPCh nur Funktionäre mit dem Rang eines Mitglieds der Zentralen Militärkommission oder höher in offiziellen Berichten erwähnt werden, wenn sie an einer Veranstaltung teilnehmen.
Bei früheren Empfängen zum 1. August seien die amtierenden CMC-Mitglieder deshalb stets anwesend gewesen und von den staatlichen Medien aufgeführt worden.
„Die Abwesenheit aller Mitglieder der Zentralen Militärkommission hat den Status des ‚1. August‘-Banketts faktisch herabgestuft“, sagte Li. „Dies war vor allem das Ergebnis des Zusammenbruchs der Personalstruktur der Kommission durch Xi Jinpings Säuberungen.“
Immer weniger Spitzenfunktionäre beim Armee-Empfang
Frühere offizielle Berichte zeigen, wie stark sich die Zusammensetzung der Teilnehmer beim jährlichen Empfang zur Armeegründung verändert hat.
So nahmen im Jahr 2023 die vier CMC-Mitglieder Li Shangfu, Liu Zhenli, Miao Hua und Zhang Shengmin am Bankett teil. 2024 waren drei Mitglieder der Zentralen Militärkommission anwesend: Liu Zhenli, Miao Hua und Zhang Shengmin. Verteidigungsminister Dong Jun nahm ebenfalls teil und hielt eine Rede.
Beim Empfang im Jahr 2025 waren nur noch die CMC-Mitglieder Liu Zhenli und Zhang Shengmin vertreten, während Dong erneut anwesend war und eine Rede hielt. Im Jahr 2026 nahm schließlich nur noch Dong Jun teil und hielt die Ansprache.
Chinas Verteidigungsminister Dong Jun trifft am 31. Mai 2024 am Rande des Shangri-La-Dialogs in Singapur zu einem bilateralen Gespräch mit US-Verteidigungsminister Lloyd Austin ein.
Foto: Roslan Rahman / AFP via Getty Images.
Analysten sehen wachsende Probleme für Xi Jinping
„Dies ist eine wahre und konkrete Darstellung der Lage, in der sich Xi Jinping derzeit befindet. Xi ist isoliert und von seinen eigenen Verbündeten verlassen“, sagte Yuan Hongbing, ein chinesischer Rechtswissenschaftler im australischen Exil, der nach eigenen Angaben über Insiderinformanten der KPCh verfügt, gegenüber Epoch Times.
In Pekings offiziellen Kreisen kursiere laut Yuan das Gerücht: „Die Vereinigten Staaten mussten keinen Finger rühren. Xi Jinping selbst führte einen ‚Enthauptungsschlag‘ und eine vollständige Vernichtung gegen die Kommandostruktur der PLA [Volksbefreiungsarmee] – die ‚Parteiwache‘ der KPCh – durch.“
Am 30. Juli, kurz vor dem Armeegründungstag der KP in China, hielt das Politbüro des Zentralkomitees der KPCh, das oberste Führungsgremium der Partei, eine Gruppensitzung zum Thema nationale Verteidigung und Militär ab.
Bei dem Treffen bekräftigte Xi Jinping erneut die Notwendigkeit, „die uneingeschränkte Gehorsamkeit des Militärs gegenüber den Befehlen der Partei“ sicherzustellen.
Die Rhetorik der KPCh und die wiederholte Betonung ihrer Führung, dass „das Militär immer dem Kommando der Partei folgen muss“, haben öffentliche Kritik ausgelöst. Kritiker sehen darin einen Widerspruch zum allgemeinen Prinzip, dass die Streitkräfte eines Landes dem Staat und nicht einer einzelnen politischen Partei dienen sollten.
Im Jahr 2021 machte sich der chinesische Musikproduzent, Schriftsteller und Talkshow-Moderator Gao Xiaosong in seiner Sendung „Xiaosong Qitan“ über den Slogan der KPCh lustig. Er erklärte, ein Militär, das ausschließlich dem Kommando einer Partei folge, werde als „Schutzstaffel“ bezeichnet.
Die Schutzstaffel (SS) – im Chinesischen auch als „Parteiwache“ bezeichnet – war eine paramilitärische Organisation unter Adolf Hitler und der NSDAP im nationalsozialistischen Deutschland.
In der Folge wurde Gao nach Angaben der Epoch Times Ziel staatlicher Zensur. Seine Aussage, die PLA sei die „SS der KPCh“, wurde jedoch wiederholt von internationalen Medien aufgegriffen und fand bei Teilen der chinesischen Öffentlichkeit Zustimmung.
Kritik an der politischen Kontrolle der Armee
In einem Beitrag auf Pincong, einem chinesischsprachigen Online-Diskussionsforum im Ausland, wurden Regierungen und Medien weltweit dazu aufgefordert, den Begriff „SS der KPCh“ zur Bezeichnung der PLA zu verwenden. Dieser Vorschlag stieß bei mehreren Nutzern auf Zustimmung.
„‚Befreiung‘ ist ein positives Wort, [aber] die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass die KPCh dem chinesischen Volk keine Befreiung, sondern Sklaverei, Bedrohungen und Unterdrückung gebracht hat“, hieß es in dem Beitrag.
„Die PLA der KPCh ist sogar brutaler und bösartiger als die SS der Nazis im Zweiten Weltkrieg, dennoch kann man sich keinen passenderen Begriff vorstellen.“
Ehrengarden der chinesischen Volksbefreiungsarmee (PLA) während einer Begrüßungszeremonie für den russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Großen Halle des Volkes am 20. Mai 2026 in Peking, China.
Foto: Maxim Shemetov – China Pool/Getty Images
Xis Kampf um Loyalität
Rechtswissenschaftler Yuan zufolge sehe sich Xi Jinping verpflichtet, die absolute Führung der Partei über das Militär ständig zu betonen und zu verstärken, weil es in Wirklichkeit darum gehe, die uneingeschränkte Loyalität des gesamten KPCh-Apparats einschließlich der Streitkräfte gegenüber seiner eigenen Person weiter zu festigen.
„Es ist jedoch unmöglich, dass eine einzelne Person von anderen absolute Loyalität verlangen kann. Eine solche Forderung von Xi Jinping widerspricht sowohl der grundlegenden menschlichen Natur als auch der politischen Logik“, sagte er.
Dadurch sei Xi gezwungen, eine massive Säuberung nach der anderen durchzuführen, erklärte Yuan. „Was Xi Jinping jetzt erlebt, ist, dass er allein ist und von all seinen früheren Vertrauten getrennt wurde.“
Am diesjährigen „1. August“ habe Xi erneut die Notwendigkeit betont, die absolute Führung der Partei über das Militär zu stärken. Nach Yuans Einschätzung liege dies daran, dass „die KPCh nun die Partei der persönlichen absoluten Herrschaft von Xi Jinping“ sei.
Studien zeigen, dass das Auslassen des Frühstücks das Risiko für Übergewicht und schlechte Cholesterinwerte erhöhen kann. - Foto: VIKTORIIA DROBOT/ iStock
Viele Menschen lassen beim Fasten die falsche Mahlzeit aus. Da zeitlich begrenzte Ernährung immer beliebter wird, deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass das Auslassen des Frühstücks im Vergleich zum Abendessen der Biologie des Körpers zuwiderläuft.
Warum der Zeitpunkt wichtig ist
Eine Auswertung von 13 randomisierten kontrollierten Studien legt nahe, dass eine frühere Mahlzeit im Tagesverlauf im Allgemeinen besser für die Stoffwechselgesundheit ist.
Menschen, die ihre erste Mahlzeit vor 9 Uhr morgens zu sich nehmen, weisen tendenziell eine bessere Blutzuckerkontrolle und stärkere Verbesserungen der Insulinsensitivität auf als diejenigen, die bis nach 11 Uhr morgens warten.
„Frühes zeitlich begrenztes Essen ist im Allgemeinen metabolisch vorteilhafter als spätes zeitlich begrenztes Essen“, erklärte Dr. Muhammad Usama, Facharzt für Schlafmedizin und Adipositasmedizin, gegenüber Epoch Times.
Das Auslassen des Abendessens oder dessen frühere Einnahme passt besser zur circadianen Biologie, da Insulinsensitivität, Glukoseverwertung und ernährungsbedingte Thermogenese (der Energieverbrauch während der Verdauung) zu Beginn des Tages stärker ausgeprägt sind, fügte Usama hinzu.
„Das Auslassen des Frühstücks und spätes Essen mag bei manchen Menschen zwar zu einer Kalorienreduktion führen, aber aus metabolischer Sicht läuft man damit oft gegen die innere Uhr“, sagte Usama.
Das Auslassen des Frühstücks wurde zudem mit einem höheren Risiko für Übergewicht und Adipositas sowie höheren Gesamt- und LDL-Cholesterinwerten in Verbindung gebracht.
Die Biologie des früheren Essens
Warum scheint früheres Essen besser zu funktionieren? Die Antwort liegt in der Chrononahrung, also der Erforschung, wie der Zeitpunkt der Mahlzeiten mit dem zirkadianen Rhythmus des Körpers zusammenwirkt.
Eine Hauptuhr im Gehirn synchronisiert die Uhren im gesamten Körper, einschließlich derer in Leber, Darm, Bauchspeicheldrüse und Fettgewebe, die bei der Regulierung des Stoffwechsels helfen. Folglich kann der Zeitpunkt, zu dem wir essen, beeinflussen, wie effizient unser Körper Nahrung verarbeitet.
Die Glukosetoleranz erreicht morgens nach dem nächtlichen Fasten auf natürliche Weise ihren Höhepunkt und nimmt im Laufe des Tages ab, sodass der Morgen ein guter Zeitpunkt ist, um zu essen und Nahrung zu verstoffwechseln.
Melatonin, dessen Spiegel am Abend ansteigt, unterdrückt die Insulinausschüttung, während niedrigere Melatoninspiegel am Morgen mit einer höheren Insulinsensitivität in Verbindung gebracht werden.
Zudem sind die GLP-1-Hormone, die die Insulinreaktion auslösen, morgens von Natur aus höher.
„Die gleiche Mahlzeit, die um 8 Uhr morgens und um 21 Uhr abends eingenommen wird, hat nicht dieselben metabolischen Auswirkungen“, sagte Usama.
Wer sollte besonders darauf achten
Obwohl sich eine Ernährung im Einklang mit den natürlichen Rhythmen des Körpers für die meisten Menschen positiv auswirken kann, steht für Frauen, insbesondere für diejenigen, die mit Insulinresistenz, dem polyendokrinen metabolischen Ovarialsyndrom oder der Perimenopause zu tun haben, möglicherweise noch mehr auf dem Spiel.
Mpho Tshukudu, eine funktionelle Ernährungsberaterin, empfiehlt dieser Gruppe ein proteinreiches Frühstück, ein reichhaltiges Mittagessen und ein leichtes, frühes Abendessen. Ein proteinreiches Frühstück hilft, den Blutzuckerspiegel nach dem nächtlichen Fasten zu stabilisieren, und trägt gleichzeitig dazu bei, den natürlichen morgendlichen Anstieg des Cortisolspiegels zu dämpfen.
Das Auslassen des Frühstücks belastet hingegen auf Dauer die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, das wichtigste Stressreaktionssystem des Körpers, sowie die Fortpflanzungshormone zusätzlich.
„Frauen reagieren aufgrund der Wechselwirkung zwischen Stress und Fortpflanzungshormonen im Allgemeinen empfindlicher auf Energieeinschränkungen“, erklärte sie gegenüber Epoch Times.
Kinder, schwangere oder stillende Frauen, Menschen mit Essstörungen in der Vorgeschichte sowie Personen, die blutzuckersenkende Medikamente einnehmen, sollten vor dem Fasten professionellen Rat einholen.
„Vor allem kann der richtige Zeitpunkt eine qualitativ schlechte Ernährung nicht ausgleichen“, sagte Tshukudu. Es sei besser, fügte sie hinzu, innerhalb eines vernünftigen Fastenzeitraums ein gesundes Frühstück zu sich zu nehmen, als das Fasten zu verlängern, nur um es dann mit einer ungesunden Mahlzeit zu unterbrechen.
Eine alte Sichtweise auf den Zeitpunkt der Mahlzeiten
Die Idee, im Einklang mit den natürlichen Rhythmen des Körpers zu essen, ist nicht neu. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), ein jahrhundertealtes Heilsystem, kommt zu einer ähnlichen Schlussfolgerung, wenn auch aus einer anderen Perspektive.
Der TCM zufolge erreicht die Magenenergie zwischen 7 und 9 Uhr morgens ihren Höhepunkt, das ist dann die ideale Zeit für das Frühstück. Eine warme, nahrhafte Mahlzeit soll dem Körper Energie liefern und für eine gleichmäßige Energieversorgung über den Tag hinweg sorgen.
Da der Abend als Zeit gilt, in der sich der Körper beruhigen soll, empfiehlt die TCM ein leichteres, bescheideneres Abendessen, um die Verdauung vor dem Schlafengehen nicht unnötig zu belasten.
Die Ansätze unterscheiden sich, der eine stützt sich auf die Forschung zur zirkadianen Biologie, der andere auf ein traditionelles medizinisches System, doch beide weisen in dieselbe Richtung.
„Ich betrachte zeitlich begrenztes Essen weniger als magisches Fasten, sondern eher als Anpassung des Stoffwechsels“, sagte Usama. „Es funktioniert am besten, wenn es den Menschen hilft, zu den Zeiten zu essen, zu denen der Körper biologisch besser darauf vorbereitet ist, Nahrung zu verarbeiten.“
Entwarnung beim Morgenritual: Warum der tägliche Kaffee Ihrem Herzen sogar nützen kann – und was dabei zu beachten ist. - Foto: YakobchukOlena / iStock
Für Millionen Menschen ist der Griff zur Kaffeetasse am Morgen nicht nur ein Wachmacher, sondern ein unverzichtbares Ritual. Doch wie viel Koffein verträgt das menschliche Herz-Kreislauf-System, ohne Schaden zu nehmen?
Eine aktuelle wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association (AHA), veröffentlicht im Fachjournal „Circulation“, liefert folgende Richtlinie: Für die meisten gesunden Erwachsenen ist der Konsum von bis zu 400 Milligramm Koffein pro Tag unbedenklich – das entspricht etwa drei bis fünf normalen Tassen Filterkaffee (ca. 240 ml pro Tasse).
Mehr noch: Die Auswertung zahlreicher Studien zeigte laut der Stellungnahme, dass moderater Kaffeegenuss das Herz nicht belastet, sondern mit einem geringeren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit und Schlaganfälle sowie Typ-2-Diabetes einhergehen kann.
Schwarz und unverfälscht: Die Zubereitung entscheidet
Ein entscheidendes Detail der Untersuchung betrifft die Art des Kaffeekonsums. Die gesundheitlich vorteilhaften Effekte wurden vor allem bei schwarzem Kaffee beobachtet, also ohne zugesetzten Zucker, aromatisierte Sirups, Milch oder Sahne.
„Koffein aus Kaffee ist für viele Menschen ein fester Bestandteil des Alltags. Unsere Überprüfung der neuesten Daten zeigt, dass ein täglicher Konsum von bis zu 400 Milligramm Koffein das kardiovaskuläre Risiko nicht erhöht“, erläutert Dr. Gregory M. Marcus, Professor für Medizin an der University of California in San Francisco und Erstautor der kürzlich erschienenen Stellungnahme.
Warum Kaffee das Herz schützen kann, liegt nach Erkenntnissen der Forscher nicht zwingend am Koffein allein. Die Kaffeebohne enthält eine Vielzahl bioaktiver Substanzen mit antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften. In klinischen Studien zeigte sich beispielsweise, dass Kaffeekonsum das Risiko für Vorhofflimmern, eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen, senken kann, wenngleich er vereinzelt Herzklopfen begünstigen kann.
Vorsicht vor Energydrinks und Shots
Scharfe Kritik üben die Wissenschaftler hingegen an hochkonzentrierten Koffeinquellen wie Energydrinks und sogenannten Energy-Shots. Im Gegensatz zum schrittweisen Kaffeegenuss führen diese Produkte dem Körper in sehr kurzer Zeit extrem hohe Koffeindosen zu. Ein Energy-Shot kann pro Volumeneinheit drei- bis viermal so viel Koffein enthalten wie regulärer Kaffee.
Diese Dosen stehen laut Untersuchungen im Verdacht, akuten Bluthochdruck sowie gefährliche Herzrhythmusstörungen auszulösen. „Hohe Koffeindosen, wie sie in Energydrinks vorkommen, können schädliche Auswirkungen auf das Herz haben und sollten gemieden werden“, so Kardiologe Marcus.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Batteriespeicher sollen bei der deutschen Energiewende die Lösung für Hellbrisen darstellen.
Mehr Batteriespeicher könnten niedrige Marktwerte wieder anheben und Preisspitzen am Strommarkt dämpfen.
Laut dem Fraunhofer-Institut hätten 20 Gigawatt zusätzliche Speicherleistung im vergangenen Jahr 3,9 Milliarden Euro gespart.
Zuletzt legten Speicher deutlich zu, der Ausbau bleibt aber weit hinter dem ermittelten Bedarf der Studie zurück.
Einen möglichen Ausweg können Batteriespeicher an bestehenden Windkraft- und Solaranlagen darstellen. Sie kommen ohne neuen Netzanschluss aus.
Ein großes Problem bei der deutschen Energiewende ist die Wetterabhängigkeit von Windkraft und Photovoltaik. Für eine Entschärfung sollen der schnellere Ausbau netzdienlicher Batteriespeicher und mehr Flexibilität im Stromsystem sorgen.
Zu dieser Einschätzung kommt eine jüngst erschienene Analyse des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V. (BEE), des Bundesverbands Solarwirtschaft und des Bundesverbands WindEnergie. Die Kurzstudie mit dem Titel „Die nächste Phase der Energiewende: Flexibilität“ verspricht eine finanzielle Milliardenentlastung für Verbraucher und Marktteilnehmer.
Ein Problem: Hellbrisen
Stromspeicher sind für sogenannte Hellbrisen gedacht. Bei einer Hellbrise – dem Gegenteil der Dunkelflaute – erzeugen Solaranlagen bei starker Sonneneinstrahlung viel Strom, während gleichzeitig auch Windräder bei viel Wind viel Strom erzeugen.
Angesichts dieses Phänomens treten in Stunden mit hoher Erzeugung „immer häufiger und immer stärkere Preisausschläge von negativen Börsenstrompreisen“ auf, wie aus der Analyse hervorgeht.
Hellbrisen führen häufig zu folgenden Problemen im Stromsystem und -markt:
Starke Abregelungen: Um die Netze nicht zu überlasten, müssen Netzbetreiber immer häufiger Windkraft- und Solaranlagen per Fernzugriff drosseln oder komplett abschalten. Diese Maßnahmen gehören zum sogenannten Redispatch.
Extreme Preise: Der Börsenstrompreis fällt auf oder sogar unter null Euro. Zu Sonnenuntergang entstehen häufig positive Preisspitzen durch Strommangel. Dadurch entsteht eine für Deutschland ungünstige Kostenbilanz beim Stromhandel mit dem Ausland.
Als Ursache benennt das Fraunhofer-Institut die fehlende Flexibilität im Stromnetz. Dieser Umstand verhindere, dass Strom aus den „erneuerbaren“ Energiequellen zeitlich besser genutzt wird. Oder anders ausgedrückt: Diese erneuerbare, wetterabhängige Stromerzeugung weicht zu stark vom Strombedarf der Verbraucher ab.
Im Fokus der Studie stand der 17-monatige Zeitraum von Januar 2025 bis Ende Mai 2026. Die Autoren untersuchten, was hier eine zusätzliche kurzfristige Flexibilität von 20 Gigawatt (GW) an Speicherleistung mit 4 Stunden Speicherkapazität, also rund 80 GWh, bewirkt hätte.
Ende Mai 2026 lag die gesamte Speicherleistung aller Batteriespeicher hierzulande bei 18,9 GW, also die Leistung, die sie maximal gleichzeitig abgeben können. Im Januar 2025 waren es noch 13 GW. Die Kapazität stieg im Beobachtungszeitraum von 19,2 auf 29,0 GWh. Dies umfasst Heim-, Gewerbe- und Großspeicher.
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Ein Mitarbeiter montiert Batterieeinheiten am 19. August 2025 am Produktionsstandort von Voltfang, einem Entwickler und Hersteller von Batteriespeichersystemen in Aachen.
Foto: Ina Fassbender/AFP via Getty Images
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Ein Mitarbeiter montiert am 19. August 2025 ein Batteriespeichersystem am Produktionsstandort von Voltfang, einem Entwickler und Hersteller von Batteriespeichersystemen in Aachen.
Foto: Ina Fassbender/AFP via Getty Images
Heim- und Gewerbespeicher sind aktuell jedoch meist betreiberfreundlich, das heißt, sie können schon vormittags vollgeladen sein. Am späten Vormittag und frühen Nachmittag, wenn die Solarspitze am höchsten ist, können sie bereits nichts mehr aufnehmen. Für eine netzdienlichere Ladung fehlen meist die Anreize.
Wirklich systemdienlich sind damit nur die Großspeicher. Diese kommen heute auf eine Speicherleistung von 3,7 GW und 6,4 GWh Kapazität. Von Januar 2025 bis Mai 2026 wuchsen Leistung und Kapazität von 1,9 auf 3,4 GW, respektive 2,4 auf 5,6 GWh. Die Studie beruht somit auf etwa einer Verzehnfachung der netzdienlichen Speicher.
Diese Speichererweiterung hätte demnach die Probleme der Hellbrise ausgeglichen, die Marktwerte der erneuerbaren Energien erhöht und die EEG-Förderkosten gesenkt. Zugleich wären die Spotmarktpreise gedämpft und das Stromkosten-Saldo im europäischen Handel günstiger gewesen.
Aus volkswirtschaftlicher Sicht hätten die zusätzlichen 20 GW im Untersuchungszeitraum demnach Einsparungen von 5,6 Milliarden Euro ermöglicht. Auf ein Jahr gerechnet entspricht das rund 3,9 Milliarden Euro.
Niedriger Marktwert macht Solarstrom teuer
Den Effekt fehlender Speicher sieht man gut am Marktwert. Bei der Photovoltaik – und teils auch bei der Windkraft – fällt er gerade in den Sommermonaten unter die Einspeisevergütung. Diese lag 2025 bei der Photovoltaik für Neuanlagen bei rund 8 Cent pro Kilowattstunde (kWh).
Von März bis Oktober 2025 befand sich der solare Marktwert mit minimal knapp 2 Cent pro kWh jedoch teils deutlich darunter. Grund dafür ist das häufige Überangebot von Solarstrom, welches den Börsenstrompreis einbrechen lässt. Das bedeutet, dass diese Kraftwerksart ihre staatlich garantierten Kosten auf dem Markt nicht erwirtschaften kann. Solarstrom wird damit zum Zuschussgeschäft für die Bundesregierung.
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Marktwerte der Photovoltaikanlagen und die EEG-Vergütung für Anlagen bis 10 Kilowatt (kW) in Deutschland 2025.
Auch für 2026 sieht das Bild bisher ähnlich aus. Der monatliche Marktwert sank bereits im Februar unter die durchschnittliche Einspeisevergütung. Ebenso fiel der Marktwert im April auf ein neues Rekordtief von 1,3 Cent pro kWh. Je weiter der solare Marktwert unter dem Einspeisevergütungsbetrag liegt, desto teurer ist diese Energiequelle für den Steuerzahler.
Batteriespeicher können das zeitliche Überangebot der Photovoltaik, also die solaren Stromspitzen, senken. Das soll letztlich den solaren Marktwert wieder erhöhen. Gleichzeitig würden sich die extremen Ausschläge der Spotmarktpreise – sowohl mittags im negativen, als auch abends im positiven Bereich – reduzieren.
Nicht nur negative Börsenstrompreise, sondern auch marktliche Abregelungsmengen ließen sich laut Fraunhofer-Analyse reduzieren. Demnach seien bis zu 70 Prozent weniger negative Preise und um 3,3 Terawattstunden (TWh) und rund 55 Prozent weniger Abschaltungen möglich. Ersteres senkt die Zuzahlung zu produziertem Strom. Letzteres verringert die Strommenge, die nicht produziert, aber dennoch bezahlt werden muss.
Zugleich würden sich die Finanzierungsrisiken durch Paragraf 51 EEG deutlich verringern: bei Photovoltaik um rund 75 Prozent, bei Windenergie an Land um fast 55 Prozent und bei Offshore-Windenergie um fast 60 Prozent.
Für die kommenden Jahre sieht der BEE weiteren Handlungsbedarf. Um die von der Bundesregierung angestrebten Ausbauvolumina von jährlich 20 GW Photovoltaik und 15 GW Windenergie besser in das Stromsystem zu integrieren, sei ein stärkerer Speicherzubau erforderlich.
Die Analyse gibt einen zusätzlichen Bedarf von etwa 8 GW Speicherleistung beziehungsweise 32 Gigawattstunden Speicherkapazität pro Jahr an. Zum Vergleich: In den vergangenen zwölf Monaten entstand eine zusätzliche Speicherleistung von rund 4,4 GW – davon allerdings nur etwa 1,5 GW in Großspeichern. Ähnlich verhält es sich beim Kapazitätsausbau: Vom Gesamtplus in Höhe von 7,5 GWh entfallen lediglich 3,2 GWh auf Großspeicher.
Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie erklärte: „Die Analyse zeigt: Speicher sind ein Sparprogramm für Stromkunden und Bundeshaushalt. Die Politik muss Speicher und Flexibilität jetzt schneller ermöglichen.“
Der BEE fordert vor allem, regulatorische Hemmnisse beim Speicherausbau rasch abzubauen. Dazu nannte der Verband unter anderem beschleunigte und standardisierte Netzanschlussverfahren, den stärkeren Einsatz von Speichern bei Redispatch-Maßnahmen und Netzengpässen sowie vereinfachte Anschlussregeln für Speicher an bestehenden Netzanschlüssen.
„Die Zahl der Netzanschluss-Anfragen seitens der EE-Branche zeigt: Der Markt steht bereit“, so Heinen-Esser. „Jetzt muss die Politik dafür sorgen, dass aus Anfragen auch Projekte werden.“
Im Allgemeinen begrüße die Bundesregierung den Hochlauf von Stromspeichern für das Energiesystem. „Stromspeicher sind wichtig für die Energiewende, da fluktuierende EE-Erzeugung über die Zeit geglättet wird. Neben der Marktintegration ist auch die Netzintegration wichtig“, teilte Tim-Niklas Wentzel, Pressesprecher im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie der Epoch Times auf Anfrage mit.
Die Bundesregierung befürwortet besonders die sogenannten co-located Batteriespeicher. Diese Speicher liegen direkt neben einem Solar- oder Windpark und somit ebenfalls hinter dem bestehenden Netzanschlusspunkt der Erzeugungsanlage. „Hierfür ist kein zusätzlicher Netzausbau erforderlich. Das zentrale Instrument sind flexible Netzanschlussvereinbarungen zwischen Speicher- und Netzbetreibern“, erklärte Wentzel.
Knapp 50 Euro für jedermann?
Konkrete Ziele für den Ausbau von Speichern gebe es allerdings nicht. Daher sind vonseiten der Regierung in Berlin aktuell auch „keine zusätzlichen Förderungen oder Anreize geplant. Der Zubau erfolgt marktgetrieben ohne staatliche Förderung“, so Wentzel weiter. „Das Marktumfeld für Stromspeicher ist aktuell äußerst günstig“, begründete er. Die Kosten für Batteriespeicher seien in den vergangenen Jahren stark gesunken.
Mit anderen Worten: Künftige Betreiber können derzeit nicht auf Fördermilliarden hoffen, wie sie Windkraft- und Solarstromerzeuger erhalten. Das ist zumindest für die Steuerzahler eine gute Nachricht, denn dann bliebe die mögliche Einsparung tatsächlich bestehen, statt lediglich in andere Fördertöpfe umgeleitet zu werden.
Dennoch ist kaum zu erwarten, dass das ersparte Geld in den Portemonnaies der Menschen landet. Immerhin wären das knapp 50 Euro pro Person – vom Baby bis zum Rentner – jedes Jahr. Wahrscheinlicher wäre ein Einfließen in den Bundeshaushalt oder den entsprechenden Fonds. Eine Anfrage der Epoch Times an den BEE, was mit möglichen Milliarden geschehen würde, blieb bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unbeantwortet.
Während Deutschland bei einigen Produkten Überschüsse erzielt, ist es bei Obst, Gemüse und Eiern weiterhin stark auf Importe angewiesen. Symbolbild. - Foto: Goran Jakus Photography/iStock
Kann die deutsche Landwirtschaft die Grundversorgung der Bevölkerung noch gewährleisten? Ein Blick auf den Selbstversorgungsgrad (SVG) – also den Anteil des heimischen Verbrauchs, der durch heimische Produktion gedeckt wird – zeigt ein zweigeteiltes Bild.
Der Selbstversorgungsgrad von Getreide lag 2024 bei knapp 100 Prozent. Bei Zucker, Kartoffeln, Milch und vor allem Käse produziert Deutschland deutlich mehr, als es verbraucht. Auch bei Fleisch besteht eine Überversorgung – vor allem bei Schweinefleisch. Dennoch spielen Importe auch hier eine wichtige Rolle, da bestimmte Teilstücke wie Filets oder Schinken besonders stark nachgefragt werden.
Bei frischem Gemüse lag im Wirtschaftsjahr 2024/2025 der Selbstversorgungsgrad deutschlandweit bei rund 39 Prozent, bei Obst nur bei 18 Prozent. Auch bei Eiern klafft eine spürbare Lücke.
Foto: Epoch Times
Gerade bei den täglich frisch benötigten Grundnahrungsmitteln ist Deutschland also in erheblichem Maß auf Importe angewiesen – ein Umstand, der im Krisenfall, etwa bei Lieferkettenstörungen oder geopolitischen Spannungen, schnell zum Risiko werden kann.
Hinzu kommt, dass steigende Erzeugerpreise sowie strengere gesetzliche Vorgaben vor allem bei Stallhaltung und Aufzucht in den kommenden Jahren zu einem Rückgang der heimischen Produktion führen und den Bedarf an Importen erhöhen könnten.
Welche Folgen solche Abhängigkeiten haben können, zeigt das Beispiel der EU-Importbeschränkungen für tierische Lebensmittel aus Brasilien.
Ein Expertenausschuss der EU-Mitgliedstaaten beschloss Mitte Mai 2026, dass Brasilien ab dem 3. September 2026 keine Lebensmittel tierischen Ursprungs mehr in die EU exportieren darf – betroffen sind Rind- und Geflügelfleisch, Eier und Honig.
Hintergrund waren vor allem Zweifel der EU an den Kontroll- und Nachweissystemen Brasiliens bei Tierarzneimittelrückständen, insbesondere bei bestimmten antimikrobiellen Stoffen. Bereits zuvor hatten EU-Kontrolleure einzelne Auffälligkeiten festgestellt, darunter den Nachweis des Wachstumshormons Östradiol in Lieferungen von brasilianischem Rindfleisch.
Doch wie sieht es bei der Erzeugung selbst, aus? Günther Kapser, Nebenerwerbslandwirt aus Schechen (Bayern) und Laurentius Berger, Vollerwerbslandwirt mit einem Bio-Milchviehbetrieb in Rieden (Bayern), gewähren einen Einblick.
Die Landwirte Laurentius Berger
Foto: l.) und Günther Kapser (r.
Wie ist die Situation der Bauern in Deutschland?
Berger: Schwierig, die EU gibt Richtlinien vor, welche die Regierung in unserer Gesetzgebung hart verschärft. Zum Beispiel hat die EU eine Richtlinie zur Haltung von Nutztieren erlassen, die unsere Regierung besonders streng und detailliert in deutsches Recht umgesetzt hat.
Man könnte fast von einem „Gold-Platin-Standard“ sprechen, den Deutschland hier bei der Umsetzung von EU-Richtlinien setzt. Viele andere EU-Länder haben dieselbe Richtlinie dagegen gar nicht oder nur schwach umgesetzt, was zu einer deutlichen Wettbewerbsverzerrung führt und dem Tierwohl europaweit nicht wirklich zugutekommt.
Hinzu kommen unsere planwirtschaftlichen Probleme: In Deutschland gibt indirekt der Handel die Preise für die Erzeugung vor – konkret die vier großen Lebensmittelhändler Edeka, Schwarz-Gruppe (Lidl), Rewe und Aldi. Sie diktieren mehr oder weniger die Preise, die über die Molkereien an die Bauern weitergegeben werden. Den Rest bestimmt der Staat bzw. die Agrarpolitik der EU (GAP).
Der Bauer selbst hat kaum noch Spielraum, seine Arbeit frei zu gestalten, wenn er überleben will. Das Kartellamt lässt dieses Oligopol zu, während der Staat über seine Subventionspolitik indirekt mitbestimmt, was auf den Bauernhöfen zu geschehen hat und umgesetzt werden soll.
Wie sieht es bei den Betriebsmitteln aus, wie teuer sind sie geworden?
Kapser: Unsere Betriebsmittelpreise sind in den vergangenen 6 Jahren um ca. 35 Prozent gestiegen, überwiegend getrieben von der Energiekrise nach Ausbruch des Ukrainekrieges 2022.
Die Düngemittelerzeugung benötigt einen hohen Erdgasbedarf bei der Stickstoffherstellung, Erdgas, welches wir vorher günstig von Russland bekommen haben.
Hier sind die Preise um ca. das Doppelte gestiegen, was wir vor 2020 gehabt haben. Zeitgleich werden aber die Grundnahrungsmittel immer günstiger, welche die Lebensmittelindustrie beim Bauern kauft. Deswegen wird die Schere zwischen Einkommen und Ausgaben immer höher in der Landwirtschaft, dies ist neben der hohen Bürokratie von EU und Regierung auch der Grund, warum immer mehr Landwirte aufhören.
Damals haben in der Landwirtschaft Familie und Externe gearbeitet, dieses ist nicht mehr möglich. Eine Landwirtschaft kann nur im Familienbetrieb noch existieren, ansonsten ist es nicht mehr möglich. Man soll auch nicht außer Acht lassen, dass in der Landwirtschaft fast jeder 8. Arbeitsplatz davon abhängig ist und die Landmaschinenhersteller schon Probleme haben, weil weniger Maschinen gekauft werden als üblich.
Welche gesetzlichen Vorgaben belasten Landwirte derzeit besonders?
Berger: Je mehr die IT ermöglicht, desto höher und unsinniger werden die Gesetze. Oft müssen Doppelmeldungen gemacht werden, weil es keine hohe Vernetzung in den Ämtern gibt. Auch hat man permanent das Gefühl, unter Generalverdacht zu stehen, anstatt Vertrauen zu den Bauern zu haben.
Zum Beispiel, jeder Zukauf von Nutztieren, jede Geburt, muss tagesgenau in die staatliche Datenbank eingepflegt werden. Jeder Einsatz von Antibiotika muss gemeldet und in die Antibiotika-Datenbank der Tierärzte eingetragen werden.
Danach erfolgt nach einer gewissen Zeit eine Auswertung. Liegt der Antibiotika-Einsatz über dem Durchschnitt, muss der Bauer erklären, warum bei ihm der Antibiotika-Einsatz höher ist, anstatt Vertrauen in den Tierarzt und den Bauern zu haben, schon das Richtige für das Tierwohl zu entscheiden.
Wie wirkt sich das europäische Mercosur-Abkommen auf die deutsche Landwirtschaft aus?
Kapser: Wir haben die strengsten Tierschutzgesetze und die niedrigsten Grenzwerte im Herbizid-, Pestizid- und Wasserbereich. Unsere Verbraucher legen zu Recht Wert auf Tierwohl und unbelastete Lebensmittel – all das gibt es in Südamerika so nicht. Dort sind die Grenzwerte in wichtigen Bereichen um das Vielfache höher. Würde man unsere Lebensmittel bzw. Fleisch genauso wie in Südamerika herstellen, dürfte es nicht in Verkehr gebracht werden.
Was kann man verbessern, und was wird bereits getan?
Berger: Viel weniger Bürokratie und Überwachung, aber eine gezielte Regulierung durch den Staat, um den heimischen Markt zu schützen vor Dumpingpreisen durch das Ausland. Eine Auflösung des Oligopols durch das Kartellamt.
Ferner sollte unsere Politik den Frieden suchen mit Russland, die Sanktionen beenden und wieder Energie aus Russland beziehen. Unsere Industrie, unsere Bevölkerung, unsere Landwirtschaft benötigt wieder günstige und bezahlbare Energie, um wieder zu gedeihen und zu wachsen.
Ich wünsche mir auch von der Politik vor allem, dass sie uns zuhört, dass sie mit uns in einen ernsthaften Dialog tritt, dass sie versucht, die Anforderungen, Bedürfnisse und Wünsche sowohl der Lebensmittelerzeuger als auch der Verbraucher zu verstehen und im besten Sinne für alle auch umsetzt.
Kapser: Es sollten im Ausland dieselben Grenzwerte gelten wie bei uns – zum Wohle der Verbraucher, aber auch, damit für die heimische Landwirtschaft keine Wettbewerbsverzerrung entsteht.
Ferner sollten Subventionen nach Staffelung und Größe erfolgen, je mehr Milch z.B ein Bauer liefert, desto weniger Subventionen sollte er erfahren, um hier ein Ungleichgewicht zwischen den Klein- und Großbauern auszugleichen.
Die Bundesregierung rechnet durch die Streichung homöopathischer und anthroposophischer Leistungen mit etwa 50 Millionen Euro Ersparnis pro Jahr. Das eigentliche Finanzierungsproblem im Gesundheitssystem bleibt dabei unangetastet. - Foto: megakunstfoto/iStock
In Kürze:
Die Streichung der Homöopathie soll dabei helfen, eine finanzielle Lücke im deutschen Gesundheitssystem zu schließen.
Das ist jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Während das Einsparungspotenzial bei 40 Millionen Euro liegt, beträgt das Finanzloch 44 Milliarden Euro.
Bereits vor über 20 Jahren ist die Politik an der Pharmalobby gescheitert. Die preisgekrönte Doku darüber ist heute nicht mehr auffindbar.
Bundeskanzler Merz lobt seinen neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann als Mann, der im Gegenwind stehen bleibt.
Das „deutsche Gesundheitswesen“ steht angeblich vor einem Rätsel. Irgendwo zwischen Krankenhäusern, Arzneimittelpreisen, Verwaltung und einer Vergütungsmaschine, die selbst ihre Erfinder vermutlich nicht mehr vollständig verstehen, fehlen Milliarden. Das Bundesgesundheitsministerium erwartet für das Jahr 2030 inzwischen eine Finanzierungslücke von rund 44 Milliarden Euro. Also begann die Politik zu suchen und fand – unter anderem – die Homöopathie.
Die Bundesregierung rechnet durch die Streichung homöopathischer und anthroposophischer Leistungen mit einer Ersparnis von etwa 50 Millionen Euro im Jahr. Der Bundesrechnungshof kam bei seinen Prüfungen hingegen (nur) auf rund 40 Millionen Euro und überschrieb das entsprechende Kapitel seiner Stellungnahme bemerkenswert offen mit den Worten:
„Minderausgaben führen zu keinen nennenswerten Einsparungen.“
Beschlossen wurde die Streichung trotzdem. Somit spart man einen Betrag, von dem die Prüfer selbst sagen, dass er nicht nennenswert sei und das eigentliche Problem unberührt lasse. Nur weil hier gespart wird, werden andere Prozesse nicht effektiver.
Um die Größenordnung zu verdeutlichen: Im Jahr 2025 lagen die gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenkassen bei 336,41 Milliarden Euro. Der Anteil der beanstandeten Leistungen bewegt sich damit im Bereich eines Rundungsfehlers. Um das erwartete Loch auf diesem Weg zu schließen, müsste man die Homöopathie mehr als tausendmal abschaffen.
Und noch ein Vergleich: Die Leistungsausgaben der Kassen stiegen allein von 2024 auf 2025 um gut 24 Milliarden Euro. Die Krankenhäuser kosteten innerhalb eines Jahres rund 9,3 Milliarden Euro mehr und die Arzneimittel gut 3 Milliarden Euro. Der jährliche Zuwachs bei den Medikamenten war damit fast achtzigmal so hoch wie das gesamte angebliche Sparpotenzial bei Homöopathie und Anthroposophie.
An diesen großen Zahlen erkennt man das Problem. An den kleinen Zahlen demonstriert die Politik Haltung.
Ein Skandal in Höhe der beabsichtigen Einsparung
Klar ist: Die Homöopathie wurde in Deutschland schon immer kritisiert – das war bereits zu Hahnemanns Zeiten vor über 200 Jahren so. Neu ist allerdings der Wille, sie aus dem öffentlichen Raum zu drängen. Veronica Carstens, Ärztin, Homöopathin und Ehefrau von Bundespräsident Karl Carstens, gründete mit ihrem Mann eine Stiftung zur Erforschung der Naturheilkunde. Sie behandelte Patienten, schrieb Bücher und warb für eine Medizin, die Erfahrung nicht schon deshalb verwarf, weil sie nicht in das jeweils herrschende Modell passte.
Die Bundesrepublik ging daran nicht zugrunde. Der Bundespräsident wurde auch nicht wegen „homöopathischer Umtriebe“ aus Schloss Bellevue entfernt. Kein Verfassungsschutzbericht musste um ein Kapitel über verdächtige Kügelchen erweitert werden. Man konnte eine Methode ablehnen und zugleich hinnehmen, dass andere Bürger diese gern nutzten und die Krankenkassen die Kosten dafür erstatteten.
Veronica Carstens (r.), Ärztin, Homöopathin und Ehefrau von Bundespräsident Karl Carstens, gründete mit ihrem Mann eine Stiftung zur Erforschung der Naturheilkunde. Bremen, 1949.
Mittlerweile hat sich der Wind gründlich gedreht. Ausgerechnet die Partei, die jahrzehntelang mit dem Versprechen des „Alternativen“ auftrat, hat längst die Fronten gewechselt. Auf ihrem Bundesparteitag Ende 2025 beschlossen die Grünen, Homöopathie solle nicht mehr von den Krankenkassen erstattet werden. Aus der politischen Heimat von Naturkostläden, Heilpflanzen und Misstrauen gegenüber Großkonzernen scheint mittlerweile eine Art „wissenschaftspolitisches Ordnungsamt“ geworden zu sein.
Ökonomisch bleibt das Manöver lächerlich. Besonders deutlich wird das beim Blick auf einen älteren Kontrastmittelskandal:
Im Jahr 2019 deckten Journalisten auf, welche Gewinne Radiologen mit den Erstattungspauschalen erzielen konnten. Die AOK Bayern zahlte damals 3.900 Euro für einen Liter MRT-Kontrastmittel, während die Radiologen den Liter nur für 760 Euro einkauften. Die Differenz und somit der Gewinn betrug 3.140 Euro pro Liter. Nach der Veröffentlichung wurde die Erstattung auf „nur noch“ 970 Euro gesenkt. Beim CT-Kontrastmittel fiel die Erstattung von 470 auf 110 Euro. Die möglichen Einsparungen in mehreren Bundesländern summierten sich auf bis zu 50 Millionen Euro jährlich.
Ein einziger genauer Blick auf einige Kontrastmittelverträge brachte damit ungefähr so viel wie das bundesweite Ende der Homöopathie bringen soll.
Gesundheitsminister Horst Seehofer: „Kann nicht widersprechen“
Wer wirklich sparen will, landet zwangsläufig auch bei den Arzneimitteln. Dafür gab die gesetzliche Krankenversicherung im Jahr 2025 rund 58,3 Milliarden Euro aus. Man könnte annehmen, dass ein Gesundheitsminister dort besonders energisch auftreten würde. Horst Seehofer hat es versucht. Als ehemaliger Bundesgesundheitsminister wurde er 2006 von „Frontal 21“ gefragt, weshalb eine Positivliste für Arzneimittel immer wieder gescheitert sei. Auf einer solchen Positivliste sollten jene Medikamente stehen, die von den Kassen erstattet werden. Teure oder nutzlose Präparate hätten draußen bleiben können. Eigentlich ein richtiger Gedanke, könnte man meinen.
Seehofer erklärte jedoch, sinnvolle strukturelle Veränderungen seien „nicht möglich wegen des Widerstandes der Lobby-Verbände“. In der Sendung wurde sogar berichtet, dass sein damaliger Staatssekretär dem Chef des Pharmaverbandes ein geschreddertes Exemplar der Positivliste überreicht habe. Mehr Symbolik bekommt man selten für sein Rundfunkgeld.
Auf die Frage, ob die Industrie also stärker sei als die Politik, antwortete Seehofer: „Ja, ich kann Ihnen nicht widersprechen.“
Das Interview fand später Eingang in die ZDF-Dokumentation „Das Pharmakartell – Wie wir als Patienten betrogen werden“. Der Bericht aus dem Jahr 2008 zeigte Einflussnahme, Interessenkonflikte, problematische Vermarktung und eine Politik, die gegenüber der Branche auffällig schnell ihre Entschlossenheit verlor. Die Autoren wurden dafür ausgezeichnet.
Heute sucht man solche Sendungen im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm mit einer Ausdauer, die besser für die Suche nach einem Facharzttermin verwendet wäre. Weder das Seehofer-Interview noch die Doku sind in der ZDF-Mediathek noch auffindbar.
Wer kontrolliert eigentlich wen?
Die öffentlich-rechtliche Kritik hat sich zwar nicht völlig verabschiedet, allerdings verteilt sie ihre Aufmerksamkeit anders. Eine dreiviertel Stunde über das Machtgeflecht einer milliardenschweren Industrie ist kompliziert, teuer und konfliktträchtig. Ein Beitrag über Globuli lässt sich leichter herstellen: Man filmt ein Röhrchen, befragt einen bekannten Kritiker und legt Musik darunter, die dem Zuschauer signalisiert, wann und weshalb er überlegen lächeln darf. „Aufklärung“ beendet?
Nun muss man nicht jede Behauptung der alten Dokumentation übernehmen, dennoch bleibt eine zentrale Frage weiterhin berechtigt: Wer kontrolliert eigentlich wen? Die Pharmaindustrie ist kein Wohlfahrtsverband, sondern eine Branche mit Geschäftsinteressen und enormer politischer Schlagkraft. Das Problem beginnt, wenn der Staat diese Interessen nicht mehr begrenzt, sondern ihnen nur noch die Verwaltungsvorschriften hinterherträgt.
Bei den Globuli zeigt der Staat hingegen seine ganze Kraft. Es gibt keinen Konzern, der mit Standortverlusten droht, keine Industrie, die Milliardenumsätze verteidigt, und keine Lobby, vor der ein Minister kapitulieren müsste. Man kann beherzt durchgreifen.
Der „Reformmut“ reicht sogar noch weiter. So sollen psychotherapeutische Leistungen künftig wieder budgetiert werden. Gleichzeitig fallen die Schutzvorschriften, die eine angemessene Vergütung der Therapeuten sichern sollten. Fachverbände warnen vor weniger Therapieplätzen und noch längeren Wartezeiten. Wer heute anderthalb Jahre nach psychotherapeutischer Hilfe sucht, darf also aufatmen: Künftig wird nicht die Wartezeit, sondern die Behandlung begrenzt.
Ganz anders bei der Pharmaindustrie. Dort versprach die Bundesregierung noch während des Gesetzgebungsverfahrens zusätzliche Ausnahmen vom erhöhten Herstellerabschlag, damit die Unternehmen ausreichend Planungssicherheit für ihre „Vermarktungs-, Investitions- und Standortentscheidungen“ behalten. Großartig.
Sparen, wo der politische Widerstand am größten ist
Die therapeutische Grundidee der Reform ist damit klar: Der psychisch kranke Patient soll sich etwas gedulden. Der Pharmakonzern darf auf keinen Fall beunruhigt werden. Und schließlich hat man ja auch mehr als ausreichend verschreibungspflichtige Medikamente für psychische Erkrankungen.
Künftig zahlen die gesetzlich Versicherten die homöopathische Behandlung selbst, der Psychotherapeut erfährt womöglich erst nach Monaten, welcher Anteil seiner Arbeit überhaupt bezahlt wird, und die Pharmaindustrie erhält dafür eine weitere Beruhigungstablette aus dem Bundesgesundheitsministerium.
Am 29. Juli hat Carsten Linnemann das Gesundheitsministerium übernommen. Bundeskanzler Friedrich Merz lobt ihn als Mann, der im Gegenwind stehen bleibt. Das könnte in diesem Amt sehr nützlich sein. Bevor Linnemann die nächsten Kügelchen aus dem Leistungskatalog kehrt, sollte er sich allerdings die alte Seehofer-Aufnahme ansehen. Sie dauert nur wenige Minuten und enthält mehr Gesundheitspolitik als so mancher 400-seitige Kommissionsbericht.
Danach könnte er mit einer einfachen Übung beginnen: Er schreibt 40 Millionen und mehr als 40 Milliarden nebeneinander. Anschließend prüft er, wo der politische Widerstand am größten ist. „Folge dem Geld“, heißt es im Volksmund.
Das Gesundheitswesen hat kein Globuliproblem. Es hat ein Preis-, Struktur- und Machtproblem. Große Probleme verlangen Mut, Sachkenntnis und die Bereitschaft, sich mit mächtigen Verbänden anzulegen. Kleine Gegner verlangen nur eine Pressemitteilung. Die Patienten bezahlen weiter steigende Beiträge. Die Milliarden bleiben selbstverständlich im System. Aber immerhin ist ein unliebsamer Konkurrent weg.
Thomas L. Kemmerich am 29.01.2024. - Foto: Matthias Kehrein/Epoch Times
In Argentinien könnten Politiker bald zur Rechenschaft gezogen werden, wenn die öffentlichen Kassen über mehrere Monate hinweg im Minus liegen. In diesem Fall soll der Staatsapparat automatisch teilweise stillstehen. Präsident, Vizepräsident, Senatoren, Abgeordnete, Minister und Staatssekretäre würden dann keine Gehälter mehr erhalten. Nur wesentliche staatliche Bereiche wie Renten, Gesundheitsversorgung, Sicherheit und Verteidigung blieben aktiv. Ein entsprechendes Reformpaket hat Argentiniens Präsident Javier Milei kürzlich vorgestellt. Ist so eine „fiskalische Fußfessel“ auch für Deutschland denkbar? Darüber sprachen wir mit dem Politiker und Unternehmer Thomas L. Kemmerich.
Herr Kemmerich, wie bewerten Sie das Vorhaben einer „fiskalischen Fußfessel“ des argentinischen Präsidenten Milei? Wäre ein solcher Automatismus auch für Deutschland denkbar?
Milei greift, wie bei vielen Dingen, hier etwas auf, das viele Bürger spüren: dass Politiker weitere Schulden aufnehmen, ohne sich dafür verantworten zu müssen. Die von Bundeskanzler Friedrich Merz geführte Bundesregierung hat im Frühjahr 2025 eine historische Grundgesetzänderung beschlossen, um in den kommenden Jahren ein Kreditvolumen von fast 1 Billion Euro aufzunehmen. Somit wird heute jeder Säugling mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 33.000 Euro geboren. Das alles ist nicht mehr hinnehmbar.
Milei hat hier das richtige Gespür. Aber natürlich hat das alles zwei Pferdefüße. Seine Pläne sind in Deutschland nicht ohne Weiteres umsetzbar. Wir haben Vorschriften, die sich aus dem Grundgesetz ergeben und denen solche Maßnahmen entgegenstehen. So kann man Abgeordneten beispielsweise nicht einfach die Bezüge streichen. Das hat man bereits in der Weimarer Republik erlebt, denn andernfalls wären Politiker erpressbar.
Es gibt jedoch andere Mittel und Wege. Grundsätzlich finde ich es sehr begrüßenswert, dass diese Schuldenorgie gestoppt werden soll. Ich hoffe, wir müssen nicht erst so tief fallen wie Argentinien, bevor wir von den politischen Akteuren mehr Disziplin einfordern.
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Nun kursieren einige Vorschläge, wie Mileis Pläne in Deutschland umgesetzt werden könnten. Aber sehen Sie überhaupt einen politischen Willen, etwas zu ändern?
Angesichts der Aktionen der letzten Monate fehlt mir tatsächlich der Glaube daran. Was Herr Merz mit dem abgewählten Bundestag noch veranstaltet hat, spottet jeder Beschreibung. Ich bin ein großer Fan der Schuldenbremse. Jetzt werden wieder viele aufschreien und sagen, dass wir dann nicht investieren können. Nein, wir haben in Deutschland ein Ausgabeproblem, kein Einnahmeproblem. Wir schwimmen mehr oder weniger im Geld, geben es jedoch nur an den falschen Stellen aus.
Wir müssen die politisch Verantwortlichen endlich dazu zwingen, Geld zu investieren, statt es für Konsum zu zweckentfremden. In der Grundsicherung, in der Entwicklungshilfe und an vielen anderen Stellen verschwenden wir Geld. Viel zu viele Menschen nutzen den Sozialstaat aus, ohne wirklich bedürftig zu sein. Auf der anderen Seite sehen wir, wie Brücken marode sind, Autobahnen zerfallen, unser Internet immer noch nicht auf dem neuesten Stand ist und wir bei der Künstlichen Intelligenz hinterherhinken.
Unsere Energieversorgung haben wir einer ideologisch motivierten Energiewende geopfert. All dies wurde mit dem Geld der Bürger finanziert, und mehrere Generationen werden diese Schulden tilgen müssen. Allein die Zinslast wird in den kommenden Haushaltsjahren 2028/29 auf über 80 Milliarden Euro anwachsen.
Das Grundgesetz ist in die Jahre gekommen und sollte an einigen Stellen nachgeschärft werden. Der einzelne Abgeordnete trägt zwar mit seiner Stimme Verantwortung, aber in erster Linie ist die Regierung für die Haushaltspolitik verantwortlich. So wie bei Milei zu sagen, ein Ministerpräsident, ein Bundeskanzler oder das Kabinett bekommt dann kein Gehalt mehr, halte ich grundsätzlich für erwägenswert. Es ist jedoch fraglich, ob man das Problem beim einzelnen Abgeordneten abladen kann – insbesondere dann, wenn er in der Opposition ist.
Das Ziel muss sein, dass die Menschen wieder spüren, dass wir Politiker es ernst meinen mit dem Anspruch, nicht auf Kosten der nächsten Generationen heutige Haushaltslöcher zu stopfen.
Wenn die Regierung diese Verantwortung nicht von sich aus übernimmt, wie könnte man die Politiker mehr in die Verantwortung bringen?
Politiker sollten selbst so viel Verantwortung übernehmen, dass sie sorgsam mit dem Geld der Bürger umgehen. Viele kennen den Spruch der britischen „eisernen Lady“ aus den 1980er-Jahren, Margaret Thatcher: Das Problem von Sozialisten ist, dass ihnen irgendwann das Geld anderer Leute ausgeht. Diese Situation haben wir gerade.
Es gibt heute bereits Instrumente, um etwas zu ändern. Es gibt die Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht. Diese sollte jedoch früher greifen und nicht immer erst im Nachhinein wirken, wie im Fall des Klima- und Transformationsfonds vor einigen Jahren. Wir müssen diese Instrumente nur schärfen.
Es gibt Gesetze, die die Politik stärker in die Verantwortung nehmen können, aber sie müssen richtig ausgelegt und schneller angewandt werden. Ein Satz liegt mir noch wirklich auf der Seele: Wenn man diese Instrumente konsequent nutzt, hören auch die Wahlgeschenke auf, die permanent kurz vor Wahlen verteilt werden.
Nehmen wir die Mütterrente als Beispiel. Jeder Ökonom erklärt, dass sie volkswirtschaftlich unsinnig und gesellschaftspolitisch nicht geboten ist. Aber sie ist das Lieblingsprojekt des einen oder anderen Politikers. Das muss aufhören – und das würde es dann auch.
Sie sagen, Mileis Ansatz ist gut, aber nicht direkt auf Deutschland übertragbar. Wie sieht es da mit der Politikerhaftung aus? Also, dass man Politiker finanziell mehr in die Verantwortung nimmt. Wie denken Sie darüber?
Als Vorsitzender von Team Freiheit kann ich sagen, dass wir die Politikerhaftung in unser politisches Programm aufgenommen haben. Ich nenne hier nur die Maskenaffäre von Jens Spahn oder die Geschichte um Spahns Villa und das anschließende Beschäftigungsverhältnis. Oder die gescheiterte Pkw-Maut von Andreas Scheuer, der – obwohl jeder Experte darauf hingewiesen hatte, dass sie sich nicht mit europäischem Recht vereinbaren lässt – das Projekt trotzdem durchgezogen hat.
In solchen Fällen handelt es sich um grobe Fahrlässigkeit. Wer so handelt, muss zur Verantwortung gezogen werden. Gleichzeitig gibt es auch Politiker, die während der Corona-Zeit die Bevölkerung wider besseres Wissen einsperrten, wie die RKI-Protokolle zeigen. All das sind Vorgänge, die aufgearbeitet und gegebenenfalls geahndet werden müssten.
Hier wird es Politikern zu leicht gemacht. Dadurch erleben wir eine Entfremdung zwischen Bevölkerung und Politik. Kaum jemand traut den etablierten Parteien und der aktuellen Politik noch eine ausreichende Lösungskompetenz zu. Wir erleben das Erstarken extremer politischer Richtungen. Es ist also mehr als höchste Zeit, endlich zu handeln.
Nun gibt es ja Kritiker, die sagen, ein höherer Verantwortungsdruck auf Politiker könnte abschreckend wirken und zu Handlungsunwillen oder Nachwuchsproblemen in der Politik führen. Was halten Sie von diesen Argumenten?
Ich würde viel höhere Anforderungen an die politische Grundausbildung stellen, insbesondere im Hinblick auf die Krisenfähigkeit. Ein Politiker muss auch in Krisensituationen vernünftig reagieren können. Wir haben die Ölkrise und eine massive Rezession Anfang der 1980er-Jahre erlebt. Damals haben kluge Politiker kluge Entscheidungen getroffen.
Wir hatten mit Bundeskanzler Gerhard Schröder die Agenda 2010. Das waren weitreichende und gute Entscheidungen. Es geht also auch anders. Daher muss man sich wirklich fragen: Sind die heutigen Politiker krisenfähig?
Deshalb finde ich es gut, wenn einige davon abgeschreckt würden, eine politische Karriere zu ergreifen – insbesondere dann, wenn sie keine Berufserfahrung oder gar keine Berufsausbildung haben. Eine gewisse Selektion und mehr Respekt vor diesem Beruf, statt ihn nur als schnellen Weg, um an Geld zu kommen, zu sehen, würden dem gesamten System guttun.
Sehen Sie denn kein Problem darin, dass man die Politik womöglich für etwas verantwortlich macht, was sie nicht selbst verschuldet hat?
Natürlich muss man Notsituationen, die Deutschland unverschuldet treffen, davon abgrenzen. Zu einer vorsorglichen Haushaltsführung gehört, dass man Rücklagen bildet und Vorsorge trifft, um auf Krisensituationen vorbereitet zu sein.
Es gibt allerdings auch Krisen, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Nehmen wir zum Beispiel den Ukraine-Russland-Konflikt. Ich halte die Reaktion auf die dadurch ausgelöste Energiekrise für falsch. Erdgas wurde weiterhin weltweit gehandelt. Wir haben lediglich den Fehler gemacht, kein russisches Erdgas mehr zu beziehen. Die Preise gingen daraufhin durch die Decke.
Die Folgen sind bis heute spürbar: Inflation und steigende Kosten in allen Bereichen. Die Politik reagiert darauf unter anderem mit einer weiteren Erhöhung der CO₂-Abgabe. Würde diese gestrichen, würden wir an der Tankstelle bereits 17 Cent besser dastehen. Solche Beispiele könnte man endlos fortführen.
Und wenn man für die Bewältigung einer unverschuldeten Krise mehr finanzielle Mittel braucht, dann gibt es auch den Weg über eine Kreditermächtigung. Aber dafür sollte die Zustimmung von einem unabhängigen Institut, meinetwegen dem Bundesverfassungsgericht, eingeholt werden müssen, welches dann Ausnahmen von der Schuldenbremse zulassen kann. Aber es sollte nicht so laufen wie im Frühjahr 2025 unter Kanzler Merz.
Blick auf den Kaltwasserzulaufkanal des Kernkraftwerks Paks von der Donau aus am 31. Juli 2026 in Paks, Ungarn. - Foto: Janos Kummer/Getty Images
Die andauernde Dürre hat in mehreren Ländern Europas zu Waldbränden und Evakuierungen geführt. Nun droht als Folge der hohen Temperaturen und ausbleibender Niederschläge Energieknappheit in Ungarn und Rumänien.
Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar warnte am Montag, 3. August, auf einer Pressekonferenz, dass „die härtesten fünf Tage noch vor uns liegen“. Hintergrund ist, dass das einzige Kernkraftwerk des Landes, Paks, aufgrund niedriger Wasserstände in Teilen der Donau kurz vor der Abschaltung steht.
Bis Mittwoch könnten die Temperaturen auf 42 Grad steigen und der Pegelstand der Donau mehrere Zentimeter weiter absinken.
Das Kernkraftwerk Paks mit seinen vier Reaktorblöcken liegt etwa 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Budapest und bezieht sein für den Betrieb notwendiges Kühlwasser aus der Donau. Der Fluss hat an seinem Unterlauf stellenweise nur ein Drittel des durchschnittlich im Juli gemessenen Wasserstands.
Paks ist von russischer Bauart und erzeugt im Normalbetrieb fast die Hälfte des ungarischen Stroms. Selbst nach einer Abschaltung würde das Kraftwerk weiterhin große Mengen Wasser benötigen, um einen nuklearen Unfall abzuwenden.
Mehrere Hundert Unternehmen müssten ihren Energieverbrauch reduzieren, sagte Magyar weiter. Er deutete an, dass das Kernkraftwerk (KKW) möglicherweise wochenlang komplett abgeschaltet werden müsse.
Um einen Totalausfall zu verhindern, hat Ungarn seit vergangener Woche seine Stromimporte aus den Nachbarländern in etwa verdoppelt, wobei der größte Teil des zusätzlichen Stroms laut der Nachrichtenplattform „Euractiv“ aus Tschechien bezogen wird.
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Die täglichen Importe seien derzeit jedoch „mehr als dreimal so hoch wie im Juli 2025“, stellt das Medium weiter fest. Nach Einschätzung des stellvertretenden Vorsitzenden der Regierungspartei Tisza, Márk Radnai, könnte diese Krise Ungarn aufgrund der stark steigenden Preise für importierten Strom zwischen rund 100 und 200 Milliarden Forint (275 und 550 Millionen Euro) kosten.
Magyar wirft Orbán Versäumnis vor
Der neue Ministerpräsident Péter Magyar nimmt zudem die Energiekrise zum Anlass, seinen Vorgänger, Viktor Orbán, erneut zu kritisieren. Dieser habe die Infrastruktur des Landes nicht auf die Realitäten des Klimawandels vorbereitet, wird Magyar von der russischen Nachrichtenagentur „Viory“ zitiert.
Laut Magyar hätten frühere Investitionen den Betrieb der Anlage trotz der Dürre aufrechterhalten können. „Hätte sich die Fidesz-Regierung [von Orbán] statt auf eine prorussische Energiepolitik, die den Klimawandel leugnet und Windkraftanlagen verbietet, auf die tatsächliche Souveränität Ungarns konzentriert […], könnte Paks auch jetzt noch bei den derzeitigen Rekordtiefständen der Donau in Betrieb sein“, sagte Magyar.
Er warf der früheren Regierung vor, sich nicht auf steigende Temperaturen vorbereitet zu haben. Er argumentierte, dass eine bessere Pumptechnik für das KKW früher hätte installiert werden müssen. Auch hätten Windkraftanlagen „Tausende Megawatt“ zusätzlich ins ungarische Stromnetz einspeisen können.
„Während die vorherige Regierung die staatliche Unabhängigkeit predigte, […] waren ihr die Expansionsinteressen der russischen Atomindustrie und die damit verbundenen Interessen der heimischen Wirtschaftskreise wichtiger als die der ungarischen Verbraucher“, so Magyar.
Eine Vorbereitung auf Niedrigwasserstände und die Entwicklung entsprechender Pumpen für Paks hätten seiner Meinung nach kein russisches Fachwissen erfordert. Magyar macht damit den Mitbetreiber des Kernkraftwerks, die staatliche russische Kernenergiebehörde Rosatom, mitverantwortlich dafür, dass die Anlage im Bereich der Kühltechnik nicht auf dem neuesten Stand sei.
Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar nimmt am 31. Juli 2026 an einer Pressekonferenz im Kernkraftwerk Paks in Paks teil.
Foto: Attila Kisbenedek/AFP via Getty Images
Wie abhängig ist Ungarn von Russland?
Paks wird von vier in Russland hergestellten Reaktoren betrieben. Orbáns Regierung hatte ein weiteres Kernkraftwerk, „Paks II“, bei Rosatom in Auftrag gegeben.
Magyar kritisiert, dass dies die Souveränität Ungarns untergrabe und das Land stärker an Moskau binde. Die drohende Abschaltung von Paks verdeutlicht die Anfälligkeit Ungarns von einem Einzigen, mit Russland verbundenen KKW.
Die Orbán-Regierung habe „sechzehn Jahre Zeit gehabt“, das Land auf eine solche Situation vorzubereiten, habe „dies aber versäumt“. „Das haben wir also geerbt“, wird Magyar vom ungarischen Nachrichtenportal „Telex“ zitiert.
„Telex“ macht zudem darauf aufmerksam, dass im Dezember vergangenen Jahres János Lázár Fehler bezüglich der Wasserversorgung eingeräumt habe. Lázár war unter Orbán Minister für Bauwesen und Verkehr und wird von „Telex“ mit den Worten zitiert, die Regierung habe es „vor zehn Jahren versäumt, große Stauseen zu bauen, die für die Wasserspeicherung geeignet sind“.
Dies hat Lázár während einer Anhörung im Dezember vor den Ausschüssen für Wirtschaftsförderung und nachhaltiges Wachstum des Parlaments erklärt. „Telex“ beruft sich dabei unter anderem auf einen Video-Mitschnitt, der mittlerweile auf Facebook veröffentlicht wurde.
Auf einen Kommentar des damaligen Vorsitzenden des Ausschusses, László Lóránt Keresztes, hat Lázár des Weiteren gesagt: „Sie haben absolut recht, wenn Sie sagen, dass es töricht ist, viel mehr Süßwasser aus dem Land abfließen zu lassen, als hineinkommt; das ist schlichtweg unhaltbar.“
Lázár weiter: „Wir steuern auf eine totale Zerstörung zu. Es gibt geografische und natürliche Phänomene, die Anlass zu großer Sorge geben.“ Die Wasserknappheit sei „eine brutale Realität“, aber es sei noch nicht entschieden worden, „was wir tun wollen“, hat Lázár damals bei der Anhörung gesagt.
Bei Orbáns Fidesz-Partei nachgefragt, wie sie zu der Aussage von Lázár stehe, habe laut „Telex“ der Fraktionsvorsitzende János Bóka am Montag erklärt, „dass allein die Tisza-Regierung für die aktuelle Situation verantwortlich“ sei.
„Die Bilanz der Vorgängerregierung in den vergangenen Jahren ist nicht perfekt“, wird Bóka zitiert.
Man befinde sich inmitten „einer beispiellosen Energiekrise, aber es sei den energiepolitischen Maßnahmen der Orbán-Regierungen in den vergangenen 16 Jahren und den Opfern der Verbraucher zu verdanken, dass das Stromnetz derzeit überhaupt noch in Betrieb ist“, sagte Bóka.
Er fügte hinzu, dass die Vorgängerregierung zwar andere Prioritäten hätte setzen können, aber dennoch sei die derzeitige Regierung allein für den Umgang mit der aktuellen Situation verantwortlich.
In Rumänien bietet sich ein ähnliches Bild. Dort versuchen die Behörden mittels Sprengungen im Fluss, Wasser aus Teilen der Donau zu einem der wichtigsten Kernkraftwerke des Landes, Cernavodă, umzuleiten. Dort wurden bereits im vergangenen Monat zwei Kernreaktoren aufgrund des niedrigen Wasserstands der Donau abgeschaltet. Aufgrund des Rückgangs der Stromerzeugung wurde landesweit der Notstand ausgerufen.
Die Donau ist Europas zweitgrößter Fluss: Sie fließt von Deutschland aus durch neun weitere Länder, bevor sie in das Schwarze Meer mündet.
Das Donauwasser sank in allen zehn Staaten auf niedrige Pegelwerte. Ungarn trifft diese Wasserkrise besonders hart.
„In ganz Mittel- und Osteuropa zeigen schwere Dürren und Hitzewellen, dass Wasser ein ebenso wichtiger Energierohstoff ist wie Gas oder Uran“, schrieb Francesco Sassi, Professor an der Universität Oslo mit Schwerpunkt Energiesicherheit, in einem Beitrag auf X am 2. August.
„Bewegung für den Körper, Nahrung für die Seele – beides ist wichtig. Und laut dieser Studie wirken sich auch beide positiv auf die epigenetische Uhr aus“, so Dr. Carolyn Lam. - Foto: TanyaJoy / iStock
Einmal pro Woche eine Kunstgalerie zu besuchen oder zum Pinsel zu greifen, steht laut einer neuen Studie mit einem langsameren biologischen Alterungsprozess in Zusammenhang.
„Diese Ergebnisse belegen die gesundheitlichen Auswirkungen der Künste auf biologischer Ebene“, so die Hauptautorin Daisy Fancourt vom Institut für Epidemiologie und Gesundheitswesen des University College London in einer Stellungnahme.
Forscher befragten im Rahmen der kürzlich in der Fachzeitschrift „Innovation in Aging“ veröffentlichten Studie 3.556 Erwachsene im Vereinigten Königreich, wie oft und in welcher Weise sie sich mit Kunst beschäftigen, und führten umfassende Blutanalysen durch. Bei denjenigen, die sich regelmäßig künstlerisch und kulturell betätigten, wurden DNA-Veränderungen festgestellt, die darauf hindeuten, dass ihre Zellen und inneren Systeme langsamer altern.
Genetische Veränderungen, die den Alterungsprozess verlangsamen
Die Forscher verwendeten sieben verschiedene Tests zur Untersuchung der DNA-Methylierung, jener chemischen Markierungen an der DNA, deren Muster sich mit zunehmendem Alter verändern und als Indikatoren für das biologische Alter dienen.
Das biologische Alter wird daran gemessen, wie leistungsfähig die Zellen und inneren Systeme funktionieren, während das chronologische Alter die tatsächliche Zeit angibt, die der Mensch gelebt hat.
Menschen, die häufiger an verschiedenen künstlerischen Aktivitäten teilnahmen oder sich damit beschäftigten, zeigten Merkmale, die auf einen etwa 4 Prozent langsameren Alterungsprozess hinwiesen, im Vergleich zu denen, die dies selten taten, eine Rate, die laut den Forschern mit den Auswirkungen regelmäßiger körperlicher Betätigung vergleichbar ist.
Selbst eine Teilnahme dreimal im Jahr war mit einem um etwa 2 bis 4 Prozent langsameren Altersprozess verbunden.
Menschen, die wöchentlich künstlerischen und kulturellen Aktivitäten nachgingen, erschienen laut den Studiendaten biologisch gesehen etwa ein Jahr jünger als diejenigen, die dies selten taten. Im Vergleich dazu war die mindestens einmal wöchentliche Ausübung körperlicher Betätigung damit verbunden, biologisch etwa sechs Monate jünger zu sein als das chronologische Alter.
„Dies baut auf einer wachsenden Zahl von Belegen für die gesundheitlichen Auswirkungen der Künste auf, wobei sich gezeigt hat, dass künstlerische Aktivitäten Stress reduzieren, Entzündungen lindern und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Genau wie es auch von körperlicher Betätigung bekannt ist“, sagte die leitende Autorin Feifei Bu vom UCL Institute of Epidemiology & Health Care in der Erklärung.
Die Effekte waren bei Erwachsenen ab 40 Jahren stärker ausgeprägt und blieben auch nach Berücksichtigung von Faktoren wie Körpergewicht, Rauchen, Bildungsstand und Einkommen bestehen.
Zu den von den Teilnehmern genannten künstlerischen Aktivitäten zählten bildende Kunst (Malen, Zeichnen, Fotografie, Basteln), Musik (Singen, Instrumentalspiel, Musikhören) und Bewegungskunst (Tanzen).
Die Ergebnisse bauen auf vorherigen wissenschaftlichen Untersuchungen auf, die bereits zeigten, dass das Beschäftigen mit Kunst und Kultur den biologischen Alterungsprozess verlangsamen kann, indem es chronischen Stress und Entzündungen verringert, die bestimmte chemische Marker auf unserer DNA direkt verändern.
„Die Autoren selbst verweisen ausdrücklich auf die Verringerung psychosozialen Stresses, positive Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit und eine Senkung des kardiovaskulären Risikos durch eine gesunde Lebensweise, die damit Hand in Hand geht“, erklärte Dr. Carolyn Lam, stellvertretende Chefredakteurin des „Journal of the American College of Cardiology“ (JACC) und Co-Moderatorin des wöchentlichen Podcasts „JACC This Week“, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
Kunst und körperliche Betätigung sind jedoch nicht austauschbar
Künstlerische Betätigung und körperliche Bewegung seien jedoch nicht austauschbar, sondern ergänzten sich, so Lam.
„Regelmäßige körperliche Aktivität erhält Skelettmuskulatur und Knochen, stärkt die kardiorespiratorische Fitness [und] erhöht die maximale Sauerstoffaufnahme“, was in der Kardiologie zu den stärksten Prädiktoren für die Lebenserwartung zählt, ein Merkmal, das „durch den Besuch einer Kunstausstellung nicht gesteigert werden kann“, so Lam.
Die Forscher wiesen darauf hin, dass weitere Studien erforderlich sind, um festzustellen, ob der Beginn künstlerischer Aktivitäten im späteren Leben ebenfalls den Alterungsprozess verlangsamen kann und wie oft Menschen daran teilnehmen müssen, um einen tatsächlichen Nutzen zu erzielen.
Sie merkte außerdem an, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele, die an einer britischen Kohorte (Studiengruppe) mit überwiegend weißer europäischer Abstammung durchgeführt wurde und lediglich einen Zusammenhang zwischen verlangsamtem Altern und künstlerischem Engagement zeige, keinen kausalen Zusammenhang.
Dennoch sieht Lam einen echten Wert in den Ergebnissen, insbesondere für Menschen, denen herkömmliche körperliche Betätigung schwerfällt.
„Für ältere, gebrechliche Menschen oder solche mit mehreren Begleiterkrankungen, denen intensive körperliche Betätigung schwerfällt“, merkte sie an, „könnten die Künste einen parallelen und zugänglichen Weg zu einigen der gleichen biologischen Vorteile bieten.“
„Die Botschaft, die ich meinen Patienten vermitteln möchte, lautet nicht ‚entweder/oder‘, sondern ‚auf jeden Fall/und‘“, sagte Lam. „Bewegen Sie Ihren Körper und nähren Sie Ihre Seele – beides ist wichtig, und nach den Erkenntnissen dieser Studie scheinen beide positive Auswirkungen auf die epigenetischen Uhren zu haben.“
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „What Seeing and Doing Art Does to Your DNA“. (deutsche Bearbeitung cs)
Mehr als nur eine Kläranlage: Wie unsere Nieren Gehirn, Blutdruck und Abwehrkräfte steuern. - Foto: Rasi Bhadramani/ iStock
Auf einer großen Fachkonferenz der American Physiological Society haben Wissenschaftler überraschende Erkenntnisse vorgestellt. Auch wenn die meisten Experimente bisher an Tieren durchgeführt wurden, werfen sie ein völlig neues Licht auf die tägliche Arbeit unserer Nieren.
1. Heißhunger auf Salz? Die Niere funkt dem Gehirn
Wenn wir richtig Lust auf Salziges haben, schieben wir das meistens auf das Gehirn. Doch Forscher um den Wissenschaftler Babatunde Anidu haben herausgefunden, dass die Nieren dabei ein kräftiges Wörtchen mitreden.
Die Nieren messen rund um die Uhr, wie viel Salz und Wasser sich im Körper befinden. Über eine direkte Nervenleitung schicken sie diese Informationen wie ein heißer Draht ans Gehirn. In Versuchen mit Ratten zeigte sich: Wurde diese Nervenverbindung gekappt, verloren die Tiere nach einer salzarmen Phase das Verlangen nach Salzwasser. Das zeigt: Die Nieren sind also nicht nur emotionale Beobachter, sondern steuern unser Essverhalten aktiv mit.
Dass zu viel Salz den Nieren schadet, ist bekannt. Eine weitere auf der Konferenz präsentierte Untersuchung an Ratten mit Neigung zu Bluthochdruck bringt jedoch einen weiteren Faktor ins Spiel: die Uhrzeit.
Ratten, die ihr Futter nur innerhalb eines festen täglichen Zeitfensters fressen durften (Intervallfasten), wiesen deutlich weniger Entzündungen in den Nieren auf als Tiere, die rund um die Uhr snacken konnten. Der Grund: Das zeitweilige Fasten hilft dem Körper, den Blutdruck nachts natürlich abzusenken und Salz besser auszuscheiden. Die Nieren entlasten sich dadurch gewissermaßen von selbst.
3. Sport als Schutzschild für geschädigtes Gewebe
Dass Bewegung gut für Herz und Muskeln ist, weiß jeder. Doch Sport hilft den Nieren auch dabei, sich nach Verletzungen oder Durchblutungsstörungen schneller zu erholen.
In einer Untersuchung von Forscherin Sophia Sears erholten sich Mäuse, die sich regelmäßig im Laufrad bewegten, nach einer Nierenverletzung deutlich schneller. Bereits nach drei Tagen waren ihre Nierenwerte wieder nahezu normal – ganz im Gegensatz zu den inaktiven Tieren. Regelmäßiger Sport verbessert offenbar die Durchblutung der Nieren in Ruhephasen und sorgt dafür, dass körpereigene Aufräum- und Heilungszellen im Gewebe aktiv werden.
4. Die guten Helfer: Warum manche Abwehrzellen den Blutdruck senken
Das Immunsystem wird bei Bluthochdruck oft als Entzündungstreiber gesehen. Der Nierenforscher Josselin Nespoux hat jedoch gezeigt, dass bestimmte weiße Blutkörperchen genau das Gegenteil bewirken.
Als die Wissenschaftler diese speziellen Abwehrzellen bei Mäusen entfernten, stieg deren Blutdruck bei salzreicher Ernährung plötzlich noch stärker an. Normalerweise helfen die Zellen den Nieren dabei, Gefäße zu entspannen und überschüssiges Salz auszuscheiden. Das Immunsystem arbeitet bei Bluthochdruck also keineswegs nur gegen uns: Manche Abwehrzellen dienen als körpereigener Schutzschild.
Was bedeutet das für unseren Alltag?
Auch wenn diese Erkenntnisse erst noch beim Menschen bestätigt werden müssen, liefern sie spannende Impulse. Wer seinen Nieren etwas Gutes tun möchte, sollte also nicht nur auf den Salzstreuer achten, sondern auch auf regelmäßige Bewegung und ausreichende Essenspausen.
Der größte Teil der schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Migranten ist nach Angaben der spanischen Regierung nach Marokko zurückgekehrt. - Foto: Bernat Armangue/AP/dpa
In Kürze:
Bereits seit Mitte Juli gab es Versuche von Migrantengruppen, die Grenze zu Ceuta zu überwinden.
Die Masseneinreise fiel zeitlich mit offiziellen Feierlichkeiten in Marokko zusammen.
Die Krise verschärfte die diplomatischen Spannungen zwischen Spanien, Marokko und Algerien.
Die Krise von Ceuta Ende Juli/Anfang August entstand nicht plötzlich. Bereits seit Mitte Juli nahmen die Versuche von Migrantengruppen zu, an der Grenze zwischen Spanien und Marokko schwimmend nach Ceuta zu gelangen. Die spanischsprachige Ausgabe der Epoch Times berichtet von mehreren Vorfällen im Vorfeld:
Am 12. Juli begaben sich rund 50 junge Marokkaner ins Meer, um Ceuta zu erreichen. Laut dem Medium „Achamal Press“ griff die Königlich Marokkanische Marine ein und fing einen Großteil der Gruppe ab.
Während der spanischen Siegesfeiern zur Fußball-WM am 20. Juli versuchten rund 200 Menschen, Ceuta zu erreichen. Marokkos Marine setzte drei Boote ein, um diejenigen abzufangen, die sich bereits im Wasser befanden. Einem Teil gelang es, spanisches Hoheitsgebiet zu erreichen.
In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli registrierten die Behörden etwa 170 Einreiseversuche, darunter auch Menschen aus Ländern südlich der Sahara. Es wurden sowohl Gruppen abgefangen, die sich noch auf die Abfahrt vorbereiteten, als auch solche, die sich bereits im Meer befanden.
Am Wochenende des 27./28. Juli berichteten marokkanische Medien von rund 200 weiteren Menschen. Mehr als hundert sollen Ceuta erreicht haben, während andere abgefangen wurden.
Am 30. Juli erreichte die Entwicklung ihren Höhepunkt.
Fünf Kilometer lange Menschenkolonne
Die nationale spanische Polizeigewerkschaft JUPOL erklärte auf der Plattform X, sie habe seit Tagen davor gewarnt, dass an der Grenze in Ceuta nicht genügend Polizeikräfte präsent seien. Die derzeitige Personalausstattung reiche nicht aus, um die Situation zu bewältigen, hieß es damals. Ähnliche Warnungen gab es auch von der spanischen Guardia Civil.
Bereits in den frühen Morgenstunden des 30. Juli bewegten sich Tausende Menschen aus verschiedenen Teilen von Fnideq, einer marokkanischen Stadt direkt an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta, zu Fuß, auf Motorrädern und in Autos in Richtung Ceuta.
Nach Angaben der spanischen Nachrichtenagentur EFE bildete sich auf der Straße zwischen dem Ortszentrum und der spanischen Grenze eine etwa fünf Kilometer lange Menschenkolonne. Zahlreiche junge Männer überwanden Schutzbarrieren, die zu diesem Zeitpunkt nicht bewacht waren, während sich einige der marokkanischen Kräfte angesichts des Vorrückens der Menschenmenge zurückzogen.
Mit Schwimmreifen über die Grenze.
Foto: Marcos Moreno/EUROPA PRESS/dpa
Die von EFE befragten marokkanischen Beamten erklärten, sie wüssten nicht, wodurch diese Menschenansammlung ausgelöst worden sei. Die Bewegung wies ungewöhnliche Merkmale auf: Tausende Menschen aus verschiedenen Orten bewegten sich nahezu gleichzeitig auf bestimmte Abschnitte der Grenze zu.
Gegen 12:30 Uhr kam es zu einer ersten Einreisewelle, ab etwa 15:30 Uhr zu einer weiteren. Viele umgingen den Wellenbrecher von Tarajal über das Meer, während andere im Bereich des Zollübergangs die Grenze überquerten.
Unter den Eingereisten befanden sich junge Männer, Frauen, Familien und kleine Kinder. Die spanischen Sicherheitskräfte wiesen sie von der Straße weg, um zu verhindern, dass der Grenzübergang vollständig blockiert wurde.
Ceuta-Präsident: 60.000 illegale Einwanderer bei rund 83.000 Einwohnern
„Wir stehen vor einer Situation eines absoluten humanitären und sozialen Notstands“, sagte der Präsident der Enklave, Juan Jesús Vivas. Er forderte die spanische Regierung auf, einen Notstand von nationalem Interesse auszurufen und eine einheitliche Einsatzleitung einzurichten, um die Reaktion zu koordinieren.
Das Innenministerium hatte diese Möglichkeit jedoch mit dem Hinweis abgelehnt, dass die spanische Gesetzgebung eine solche Regelung nicht für Migrationskrisen vorsehe, sondern für bestimmte Natur- oder Technologierisiken wie Überschwemmungen, Erdbeben oder Waldbrände. Vivas schätzte später, dass rund 60.000 Migranten aus Marokko eingereist seien – die Stadt hat etwa 83.000 Einwohner.
Zur aktuellen Lage berichtet die spanische Nachrichtenagentur EFE, dass sich trotz der Rückkehr Tausender Menschen nach Marokko noch immer kleine Gruppen von Migranten in Ceuta aufhielten, die sich weigerten, freiwillig zurückzukehren.
Ihre Präsenz sei vor allem in Randgebieten und bewaldeten Zonen sichtbar, allerdings seien auch Gruppen in einigen Straßen des Stadtzentrums festgestellt worden. Polizeiquellen erklärten, es sei schwierig zu berechnen, wie viele Personen sich noch in der Stadt befänden, da sie sich in kleinen Gruppen von drei bis fünf Personen bewegten.
Am 2. August registrierte die Polizei etwa 73.500 Ausreisen nach Marokko, wies jedoch darauf hin, dass diese Zahl Einreisen aus den Vortagen sowie mehrfach erfasste Personen enthalten könne.
Die Rolle von Marokko
In den Wochen zuvor hatten marokkanische Sicherheitskräfte mehrfach eingegriffen, um kollektive Übertrittsversuche zu stoppen: Marokko setzte Schiffe der Königlich Marokkanischen Marine ein, fing Personen ab, die sich auf die Abfahrt vorbereiteten, und nahm andere fest, die sich bereits im Meer befanden.
Bereits im Januar hatte die Königlich Marokkanische Gendarmerie rund 140 Personen auf der Autobahn zwischen Larache und Tanger abgefangen, bevor sie Fnideq erreichen konnten. Die Behörden bezeichneten den Einsatz als vorbeugende Maßnahme gegen einen möglichen kollektiven Übertrittsversuch.
Im entscheidenden Moment Ende Juli fiel die Reaktion jedoch anders aus: Marokkanische Sicherheitskräfte griffen nicht ein. EFE berichtete, die Krise habe mit einem stetigen Zustrom junger Menschen begonnen, die seit Wochenbeginn versucht hätten, schwimmend nach Ceuta zu gelangen, ohne dass die marokkanischen Sicherheitskräfte dies verhindert hätten.
Spanische Sicherheitskräfte eskortieren Migranten am 1. August 2026 an der Grenze zwischen Ceuta und Marokko in der spanischen Enklave Ceuta in Nordafrika.
Foto: Henry Nicholls / AFP via Getty Images
Geopolitische Komponenten
Die Masseneinreise begann am 30. Juli und fiel zeitlich mit den offiziellen Feierlichkeiten zum Thronjubiläum von König Mohammed VI. zusammen. Einige der traditionellen Zeremonien vom 29. bis 31. Juli fanden zudem in der Stadt Tétouan statt. Diese befindet sich rund 30 Kilometer südlich von Ceuta.
Rubén Pulido, ein Analyst für Migrationsthemen und ehemaliger Kommunikationsdirektor einer Fraktion im andalusischen Parlament, analysierte aktuelle marokkanische Medienberichte und öffentliche Debatten. In der spanischen Epoch Times bezeichnet er die Debatte als „aufgeheizt“. In der marokkanischen Debatte wird gegenüber Spanien häufig der historische Anspruch erhoben, Ceuta und Melilla gehörten seit Jahrhunderten zu Marokko – eine Darstellung, die Spanien zurückweist.
Debattiert werde zudem eine weitere regionale Dimension mit Bezug auf einen diplomatischen Rivalen Marokkos: Algerien. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste am 20. Juli nach Algerien und traf sich mit Präsident Abdelmadjid Tebboune.
Beide Regierungen kündigten den Beginn einer neuen Phase ihrer Beziehungen an und vereinbarten für Oktober ein hochrangiges Treffen. Nähere sich Madrid nun Algerien an, könnte dies Marokko vor den Kopf stoßen, so Pulido.
Gletscher verursachten vor 2,7 Millionen Jahren einen Jo-Jo-Effekt für das Klima. (Symbolbild) - Foto: R.M. Nunes/iStock
In Kürze:
Die Neigung und das Taumeln der Erdachse sowie leichte Schwankungen der Umlaufbahn verändern das Klima der Erde in unterschiedlichen Zeiträumen.
Heute als Milankovitch-Zyklen bekannt, sorgten diese über Jahrmillionen für merkliche, aber gleichmäßige Klimaveränderungen.
Seit rund 2,7 Millionen Jahren ist das Klima wechselhafter und – bis heute – durch geologisch rasante Umbrüche gekennzeichnet.
Dieser Zeitraum spiegelt zugleich die Entwicklung des modernen Menschen wider, der sich seitdem den unterschiedlichen Bedingungen anpassen musste.
Vor etwa 2,7 Millionen Jahren geschah etwas Prägendes auf der Welt. Zu diesem Zeitpunkt sollen die Vorfahren der Menschen, die unsere heutige Zivilisation bilden, die Weltbühne betreten haben. Wie Forscher der Universität Cambridge herausfanden, fällt dieses Ereignis zudem mit einem abwechslungsreichen Weltklima zusammen, das von der Ausdehnung und dem Rückzug der kontinentalen Eisschilde auf der Nordhalbkugel geprägt war.
In der Folge schwankte das Klima der Erde zwischen warmen Zwischeneiszeiten und eisigen Eiszeiten hin und her. Doch besonders die Eiszeiten verliefen mit starken Temperaturschwankungen über geologisch kurze Zeiträume weitaus unregelmäßiger als bislang geahnt. Dazwischen lebte der Mensch, der es erfolgreich schaffte, sich regelmäßig an die neuen Bedingungen anzupassen.
Schwankungen in Sedimenten
Auf die Spur dieses wechselhaften Klimas kam das internationale Forscherteam um den Geowissenschaftsprofessor David Hodell von der Universität Cambridge durch die Analyse von Tiefseebohrkernen nahe Portugal. Diese enthalten feinste Schichten von Sedimenten, die sich seit 5,3 Millionen Jahren abgelagert haben. Sie liefern somit einen tieferen Einblick in die Vergangenheit als Eisbohrkerne, die nur bis in die glaziale Zeit zurückreichen.
Die chemischen Elemente in den Sedimenten, wie etwa Calcium, Titan, Zirkonium und Strontium, offenbarten, dass das Klima bis vor 2,7 Millionen Jahren stabil warm war. Erst danach gab es Hinweise auf starke Kälteeinbrüche, die die Vorboten der folgenden Eiszeit waren.
Ab vor 2,5 Millionen Jahren waren dann mehrere, aus geologischer Sicht schnelle Schwankungen innerhalb von tausend Jahren deutlich erkennbar. Von da an waren die Schwankungen ein beständiges Merkmal des eiszeitlichen Klimas. Untermauert wird das durch Beobachtungen in grönländischen Eiskernen.
„Glazialperioden waren nicht nur kalt, sie waren auch äußerst variabel mit starken Temperaturschwankungen über relativ kurze Zeiträume“, erklärt Prof. Hodell.
Eis stieß den Wandel des Klimas an
Eingeleitet wurde das Ganze durch die zyklischen Veränderungen der Erdumlaufbahn. Diese brachten eine neue Eiszeit und beeinflussten die Ausbreitung der irdischen Eisschilde. Belegt wird dies durch sogenanntes „Ice-Rafted Debris“, also Gesteinsmaterial, das von Eisbergen ins und über das Meer getragen wurde, bis diese schmolzen und sich in großen Mengen in den Ablagerungsschichten befanden.
Die Eisschilde seien dabei nicht nur groß genug gewesen, um den Ozean zu erreichen und Eisberge samt dem Geröll abzukalben, sondern auch, um mit dem zahlreichen geschmolzenen Eis die Ozeanzirkulation zu beeinflussen. Dies soll letztlich die abrupten Klimawendungen verursacht haben.
Laut Bohrkernen sei dies aber nur dann aufgetreten, wenn die Vergletscherung eine bestimmte Schwelle, den sogenannten „Sweet Spot“, überschritt. Dieser tritt ein, wenn die Eisschilde groß genug, die Meere kalt genug und die Ozeanzirkulation empfindlich genug sind, um instabil zu werden. Sobald dieser Punkt erreicht war, kam es zu einem wechselhaften Klima im Jahrtausendmaßstab.
Und dann kam der Mensch
Inmitten dieser Umbrüche entwickelte sich, was Wissenschaftler als Gattung Homo bezeichnen: der moderne Mensch. Möglicherweise spielte gerade dieser klimatische Wendepunkt eine entscheidende Rolle bei der späteren Entwicklung unserer Zivilisation.
So vermuten einige Forscher, dass rasche Veränderungen des Erdklimas und die damit einhergehenden eklatanten Veränderungen der Vegetation und Umwelt dazu führten, dass der Mensch kreative Wege finden musste, um zu dem zu werden, was er heute ist.
Die Studie erschien am 19. Februar 2026 im Fachmagazin „Science“.
Eine Kupfermine: Gold ist die Versicherung. Bitcoin ist die Rebellion. Und Kupfer ist die Wette auf die reale Welt. (Symbolbild) - Foto: James-photographer/iStock
Ich sage es seit Jahren: Wir stehen am Anfang eines neuen Rohstoffsuperzyklus. Gold hat geliefert. Silber hat geliefert. Uran hat geliefert. Und jetzt kommt das Metall, ohne das die gesamte moderne Welt stillsteht.
Kupfer.
Kein Stromnetz ohne Kupfer.
Kein E-Auto ohne Kupfer.
Kein Rechenzentrum, keine KI, keine Windkraftanlage, keine Wärmepumpe.
Wer Elektrifizierung sagt, muss Kupfer sagen. Punkt.
Und was macht der Preis? Er schreibt Geschichte. Und keiner bemerkt es. Still und leise erreicht er Rekord nach Rekord.
Im Jahr 2025 legte Kupfer an der Londoner Metallbörse (London Metal Exchange, LME) um rund 43 Prozent zu. Im Januar 2026 folgte das erste Allzeithoch bei rund 13.400 US-Dollar pro Tonne, im Mai folgte der nächste Rekord.
Und heute? Kupfer notiert bei rund 13.600 Dollar – nur wenige Prozent unter dem Hoch. Das ist keine Spekulationsblase, die kommt und geht.
Das ist ein Markt, der ein neues Preisniveau akzeptiert hat. Während alle auf Aktien und Tech starren, läuft hier im Hintergrund die eigentliche Story. Wie immer merken es die meisten erst, wenn es zu spät ist.
In meinem vorletzten Buch aus dem Jahr 2020 mit dem Titel „Die größte Chance aller Zeiten“ widmete ich Kupfer ein ganzes Kapitel, und kurze Zeit später startete der rasante Aufstieg des Kupferpreises. Auch in meinem letzten Kupfervideo vor einigen Monaten kündigte ich weitere Rekorde folgerichtig an.
Hier wird es spannend. Denn dieser Preisanstieg ist kein Zufall. Er ist Mathematik.
Die großen Minen werden alt. Die Erzgehalte sinken seit Jahren. Neue Minen? Fehlanzeige! Die Projektpipeline? Leer.
Chile – das Saudi-Arabien des Kupfers mit rund einem Viertel der globalen Minenproduktion – lieferte zuletzt die schwächste Produktion seit rund zwei Jahrzehnten.
Und dann kam auch noch das Wetter: Im Juli 2026 legte ein Wintersturm mit tagelangen Regenfällen die zentralen Bergbauregionen lahm – geflutete Gruben, beschädigte Transportwege, Notfallsitzungen der Regierung mit Codelco, Antofagasta und Teck. Die Mine Collahuasi meldete schon vorher ein Produktionsminus von über 19 Prozent – wegen Wassermangels. Erst sieben Jahre Dürre, dann Sturzfluten: Die Unwetter treffen das wichtigste Kupferland der Welt.
Kupferbleche.
Foto: Nordroden/iStock
Und eine neue Mine? Von der Entdeckung bis zur ersten Tonne vergehen locker 10, 15 oder gar 20 Jahre, je nach Jurisdiktion und Finanzierung. Man kann das Angebot nicht einfach hochfahren wie eine Druckerpresse.
Jetzt zur Kapitalseite – und die ist der eigentliche Skandal. Die Beratungsfirma Wood Mackenzie beziffert den Investitionsbedarf für neue Kupferkapazitäten bis 2035 auf über 210 Milliarden Dollar (etwa 182 Milliarden Euro). Investiert wurden in den letzten sechs Jahren gerade einmal 76 Milliarden Dollar (rund 66 Milliarden Euro). Es müsste also fast das Dreifache fließen – und zwar ab sofort. Eine einzige neue Großmine kostet 2 bis 5 Milliarden Dollar (1,7 bis 4,3 Milliarden Euro) und braucht im Schnitt 17 Jahre von der Entdeckung bis zur Produktion.
Wer soll das stemmen, wenn ESG-Vorgaben und Politik das Kapital jahrelang aus dem Bergbau getrieben haben? Der Finanzdienstleistungskonzern S&P Global warnt bereits vor einer Angebotslücke von 10 Millionen Tonnen bis 2040.
JPMorgan hat die Prognose für das Minenwachstum 2026 auf magere 1,4 Prozent zusammengestrichen. Eine halbe Million Tonnen weniger als noch zu Jahresbeginn erwartet. Die US-Großbank rechnet mit einem Defizit von rund 330.000 Tonnen raffiniertem Kupfer – allein 2026.
Jahrzehntelange Unterinvestition trifft jetzt auf explodierende Nachfrage. Das ist das Rezept für jeden Superzyklus der Geschichte. Und: Nach wie vor sind die Investoren unterinvestiert in die verhassten Rohstoffe, und da wittere ich als antizyklischer Investor wie immer eine Chance.
Auf der anderen Seite der Gleichung: ein unstillbarer Hunger.
Knapp 60 Prozent der Kupfernachfrage kommt aus Elektrotechnik und Energie. China und die USA stecken Billionen in die Erneuerung ihrer Stromnetze. Dazu Verteidigung, Infrastruktur – und der größte Elefant im Raum: Künstliche Intelligenz.
Jedes Rechenzentrum ist ein Kupferfresser. Die KI-Revolution wird nicht mit Software gebaut, sondern mit Kabeln, Transformatoren und Kühlung. Deshalb predige ich die Schaufelstrategie: Nicht der Goldgräber wird reich, sondern der Schaufelverkäufer.
Und dann die Mobilität:
Elektrifizierung frisst Kupfer.
Foto: Marc Friedrich
Ein E-Auto benötigt drei- bis viermal mehr Kupfer als ein Verbrenner. Ausgerechnet die Politik, die uns die Elektrifizierung per Dekret verordnet hat, hat vergessen, woher das Metall dafür kommen soll. Planwirtschaft ohne Rohstoffplan. Typisch.
Was die Banken sagen
Was die Banken sagen.
Foto: Marc Friedrich
Goldman Sachs rief für 2026 eine Spanne von 10.000 bis 11.000 Dollar aus. JPMorgan war deutlich bullisher: 12.500 Dollar für das zweite Quartal, im Jahresschnitt gut 12.000. Und die Realität? Sie steht bei 13.600.
Der Markt hat die Banken bereits überholt – schon wieder. Es sind übrigens dieselben Häuser, die Gold bei 2.000 Dollar für teuer hielten. Die Analysten laufen dem Preis hinterher, nicht umgekehrt. Das kennen wir aus jedem Superzyklus.
Die Risiken – denn ich bin kein Träumer
Wer euch nur die Bullenstory erzählt, will euch etwas verkaufen. Also Klartext:
Defizit oder Überschuss.
Foto: Marc Friedrich
Erstens: Die International Copper Study Group hat ihre Bilanz für 2026 revidiert – von 150.000 Tonnen Defizit auf 96.000 Tonnen Überschuss. Defizit oder Überschuss, je nachdem, wen man fragt. Kurzfristig kann das den Boden unter dem Preis wegziehen.
Zweitens: China schwächelt. Die Nachfrage nach raffiniertem Kupfer dürfte Ende 2025 um 8 Prozent gefallen sein. Der größte Käufer der Welt hustet – und der Kupfermarkt bekommt Fieber.
Drittens: Trumps Zollchaos. Section 232 – seit April 2026 gelten Zölle von 50 Prozent auf Kupferhalbzeuge, dazu Sonderregeln, Ausnahmen und laufende Folgeberichte zu raffiniertem Kupfer. Das verzerrt die Handelsströme, treibt Lagerbestände in die USA und entlastet paradoxerweise kurzfristig Europa durch umgeleitete Ware. Volatilität, die mit Fundamentaldaten nichts zu tun hat – und jederzeit in beide Richtungen ausschlagen kann.
Kurzfristig also: Achterbahn. Wer schwache Nerven hat, steigt besser gar nicht erst ein.
Langfristig ist der Fall glasklar. Physische Knappheit trifft auf monetäre Entwertung. Die Notenbanken werden weiter drucken, die Staaten weiter Schulden machen – und Sachwerte werden die Gewinner sein.
Gold ist die Versicherung. Bitcoin ist die Rebellion.
Und Kupfer? Kupfer ist die Wette auf die reale Welt. Die Angebotslücke ist keine Meinung, sie ist Geologie plus Mathematik. Und beides lässt sich nicht per Pressekonferenz wegregulieren.
Man kann Geld drucken. Kupfer nicht.
Wie investieren?
Physisch Kupfer zu kaufen ergibt keinen Sinn, allein schon wegen der Lagerung und der 19 Prozent Mehrwertsteuer.
Die beste Wette ist ein breit gestreuter ETF oder Einzelaktien. Diese sind auch ein Hebel auf den Kupferpreis. Mein Analystenteam und ich haben uns auf die Suche begeben und die besten Kupferaktien der Welt im „Friedrich Report“ gefunden.
Wir schauen uns die Aktien ganzheitlich – an nach Zyklus, Makrobild und Sentiment, sowohl fundamental als auch charttechnisch mit klaren Einstiegs- und Ausstiegskursen.
Dies ist ein Meinungsbeitrag und keine Anlageberatung. Prognosen und persönliche Einschätzungen können von der tatsächlichen Entwicklung abweichen. Der Autor bewirbt seinen eigens herausgegebenen „Friedrich Report“.
Straßenkünstler am Eröffnungstag des „Fleadh Cheoil na hÉireann 2026“ in der Nähe des Belfaster Rathauses am 2. August 2026 in Belfast, Nordirland an einer Bushaltestelle. - Foto: Charles McQuillan/Getty Images
In Kürze
KI-generierte Musik wächst rasant und erreicht Streamingplattformen in großer Menge.
Viele Hörer erkennen den Unterschied zwischen KI- und Menschenmusik kaum.
Branchenexperten fordern Kennzeichnung, Schutz von Künstlern und mehr Wertschätzung für echte Musik.
Timothy Trudeau, Geschäftsführer von Syntax Creative, kann sich noch gut daran erinnern: Als die ersten Drumcomputer in der Musik eingesetzt wurden, zogen viele Menschen eine klare Grenze. „Als das auf den Markt kam, hatten die Leute ein riesiges Problem damit“, sagte Trudeau der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times.
Er ist seit fast 30 Jahren in der Musikbranche tätig und kennt die verschiedenen Seiten des Geschäfts. Sein Unternehmen vertritt 150 Plattenlabels und 90.000 Songs.
„Ich erinnere mich, dass die Leute früher sagten, Drumcomputer seien der Teufel. Doch in den 1990er Jahren wurden sie in vielen erfolgreichen Musikproduktionen eingesetzt, obwohl sie damals umstritten waren. Dasselbe galt für Synthesizer“, sagte Trudeau.
KI könnte die gesamte Musikindustrie auf den Kopf stellen
Doch im Gegensatz zu Drumcomputern könnte Künstliche Intelligenz die gesamte Musikindustrie grundlegend verändern, sagen Brancheninsider. Sie markiert einen tiefgreifenden Wandel darin, wie musikalische Inhalte entstehen, konsumiert und vermarktet werden.
KI-generierte Inhalte überschwemmen täglich die Streaming-Dienste, so Trudeau. Dabei waren die Produktionskosten bereits vor dem Aufkommen generativer KI deutlich gesunken. Heute genügt eine einfache Texteingabe – und innerhalb kurzer Zeit entsteht ein kompletter Song.
Branchenexperten sehen die größte Herausforderung daher nicht mehr in der Erstellung von Musik, sondern darin, sicherzustellen, dass menschliche Musiker weiterhin Aufmerksamkeit erhalten und geschützt werden.
„Die Kosten für die Veröffentlichung digitaler Inhalte sind mittlerweile so niedrig, dass Menschen einfach alles hochladen, was sie haben“, sagte Trudeau.
Eine von Human Artistry gesponserte Werbung. Sie protestiert gegen das Start-up Suno während seiner Jahreshauptversammlung am 3. Juni 2026 in Santa Monica, Kalifornien. Suno entwickelt KI-Software zur Erzeugung von Musik aus Texteingaben.
Foto: Anna Webber/Getty Images für die Human Artistry Campaign
KI-generierte Musik hat sich innerhalb weniger Jahre von einem Nischenphänomen zu einem festen Bestandteil der Musiklandschaft entwickelt. Die Streaming-Plattform Deezer schätzte in diesem Jahr, dass 44 Prozent der täglich neu hochgeladenen Titel – rund 75.000 Songs – mithilfe von KI erstellt werden.
„Von KI generierte Musik ist längst kein Randphänomen mehr“, schreibt Deezer-CEO Alexis Lanternier in einer Pressemitteilung.
„Da die Zahl der täglichen Uploads weiter steigt, hoffen wir, dass sich das gesamte Musik-Ökosystem anschließt, um die Rechte von Künstlern zu schützen und mehr Transparenz für Hörer zu schaffen.“
Fast keiner erkennt, ob die Musik KI-generiert ist
Für Hörer bedeutet die Flut digitaler Inhalte eine scheinbar grenzenlose Auswahl. Menschliche Künstler stehen dadurch vor der Herausforderung, sich in der Masse abzuheben – obwohl Musik zu komponieren und zu produzieren so einfach geworden ist wie nie zuvor.
Doch sich in dieser neuen Flut von Musik hervorzuheben, könnte schwieriger sein, als viele denken. Die meisten Hörer können kaum unterscheiden, ob ein Song von einer KI oder von Menschen geschaffen wurde.
Eine Studie von Deezer und Ipsos aus dem Jahr 2025 mit 9.000 Teilnehmern in acht Ländern zeigt: 97 Prozent der Befragten konnten nicht erkennen, ob ein Lied vollständig durch KI erzeugt wurde. 52 Prozent gaben an, sich unwohl zu fühlen, weil sie den Unterschied nicht feststellen konnten.
Bei einer „Headphone-Disco“-auf dem Kennedyplatz in Essen am 9. Juli 2021. Der Platz wurde in 40 Bereiche unterteilt, in denen jeweils bis zu zehn Personen unter Corona-Bedingungen tanzen und feiern konnten. Alle hörten über ihre Kopfhörer die Musik des DJs.
Foto: Ina Fassbender/AFP via Getty Images
„Die Hörer hatten bereits mit dem Einfluss großer Plattenlabels zu kämpfen, die kommerziell erfolgreiche Künstler gegenüber unabhängigen Musikern bevorzugten“, sagte Chad Gerber der Epoch Times.
„Nun überschwemmt eine enorme Flut von KI-Uploads die Streaming-Plattformen. Dadurch wird es für Menschen noch schwieriger, die Musik zu entdecken, die sie tatsächlich hören möchten, statt der Inhalte, die ihnen durch Algorithmen vorgegeben werden.“
Musiker Chad Gerber, der mit Gold- und Platin-Auszeichnungen geehrt wurde, ist der kreative Kopf hinter den Technologieunternehmen ShadowGen und Meloscene. Seiner Einschätzung nach konkurrieren heute im Wesentlichen drei Gruppen um die Aufmerksamkeit des Publikums: etablierte Künstler mit Plattenverträgen, KI-generierte Musik und unabhängige Musiker.
Aus wirtschaftlicher Sicht könnte KI-Musik für digitale Musikdienste „zunehmend attraktiv“ werden, warnte Gerber. Unabhängige Künstler, die bereits mit etablierten Musikern konkurrieren, könnten durch die zusätzliche Konkurrenz von KI-Inhalten zum am stärksten „übersehenen Teil des KI-Musikbooms“ werden.
Digitale Musikdienste reagieren unterschiedlich auf die Debatte um KI-generierte Inhalte. Der Streaming-Anbieter Spotify hat Maßnahmen zum Schutz menschlicher Künstler eingeführt, darunter die Bekämpfung von Identitätsbetrug, die Filterung von Spam sowie KI-Kennzeichnungen nach branchenüblichen Urheberangaben. Auch große Plattformen wie Deezer verlangen eine Kennzeichnung von KI-Inhalten und setzen Erkennungstechnologien ein.
In der Deezer-Ipsos-Umfrage sprachen sich 80 Prozent der Teilnehmer dafür aus, dass vollständig durch KI erzeugte Musik klar als solche gekennzeichnet wird.
Die Spotify-Musik-App auf einem Smartphone.
Foto: Wachiwit/iStock
Doch die Erkennung von KI-Einsatz und der Schutz von Künstlern sind nur ein Teil der Debatte. Einige Experten warnen, dass Musik durch die zunehmende Flut an Inhalten künftig immer ähnlicher klingen könnte.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass KI-Modelle derzeit mit Musik trainiert werden, die zu niedrigen Lizenzkosten verfügbar ist. Das wird zu einer gewissen Verwässerung des Songwritings führen“, sagte Michael D’Oliveiro, Autor von „The Streaming Media Guide“.
Das Ergebnis dieses Trainings könne im schlimmsten Fall eine Verarmung der Inhalte und im besten Fall eine zunehmende Vereinheitlichung der Musik sein, erklärte D’Oliveiro der Epoch Times.
„Die Hörer könnten sich irgendwann von solchen Inhalten abwenden und nach authentischeren Erlebnissen suchen.“
D’Oliveiro, der seit fast zwei Jahrzehnten im Streaming-Bereich tätig ist, kennt die Auswirkungen digitaler Entwicklungen auf die Branche. Er spricht sich dafür aus, KI-generierte Inhalte zu kennzeichnen und Hörern eine Möglichkeit zum Opt-out zu geben.
„Menschen haben weiterhin starke Vorbehalte gegenüber KI, und die Debatte hat noch zu keinem Konsens geführt. KI-Kennzeichnungen sollten ähnlich betrachtet werden wie Hinweise auf explizite Liedtexte“, sagte D’Oliveiro.
Wie komponiert eine KI?
Die Sorge, dass KI die Musik verwässern könnte, ist nicht neu. Kritiker sehen darin eine mögliche Folge der Funktionsweise von KI-Modellen, da diese mit bereits vorhandener Musik trainiert werden und dadurch häufig bekannte Muster reproduzieren.
„KI kombiniert im Grunde Muster neu, die sie aus bestehender Musik gelernt hat“, sagte Gerber. „Ob Verbraucher daran letztlich Anstoß nehmen, ist eine andere Frage. Ich glaube jedoch, dass weiterhin ein Unterschied besteht zwischen echter Originalität und der bloßen Erzeugung von Variationen bereits vorhandener Werke.“
Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass viele Hörer dieser Entwicklung skeptisch gegenüberstehen. Eine im Januar veröffentlichte Studie von Luminate stellte ein wachsendes „Unbehagen“ gegenüber Musik fest, die ganz oder teilweise durch KI erzeugt wurde.
29 Prozent der Befragten gaben an, deutlich weniger Interesse an KI-generierter Musik zu haben. 35 Prozent erklärten, sie fühlten sich sehr unwohl bei einem KI-Song, der im Stil oder Klang eines menschlichen Künstlers erstellt wurde.
Mit KI kann ohne viel Aufwand jeder Musik erzeugen, wie hier mit Suno. Der Auftrag an die KI lautet: „Schreibe einen Song über einen vereisten Bürgersteig in Boston“ im Blues-Stil.
Foto: Screenshot durch Epoch Times, 03.08.2026
Tantiemenverbot für KI – Fehlanreize für Kreativität
Nathan Green, CEO von New Level Radio, warnt davor, dass auch die Einnahmen menschlicher Künstler durch den KI-Boom unter Druck geraten könnten. Die Entwicklung könne kreative Arbeit entmutigen und die wirtschaftlichen Grundlagen für Musiker schwächen.
„Die schiere Menge maschinell erzeugter Titel droht, die bestehenden Tantiemenpools zu verwässern und die Auszahlungen an menschliche Musiker drastisch zu verringern“, sagte Green der Epoch Times.
„Dadurch entsteht eine algorithmische Kontrollinstanz, bei der sich Kreative mit der effektivsten KI-Optimierung hervorheben, während unentdeckte menschliche Künstler darum kämpfen, den digitalen Lärm zu durchbrechen.“
Beim branchenüblichen Pro-rata-Modell werden sämtliche Streaming-Einnahmen gesammelt und anschließend nach dem Anteil eines Künstlers an den Gesamtstreams verteilt. Durch die wachsende Zahl KI-generierter Titel müssen sich menschliche Urheber denselben begrenzten Einnahmentopf mit Millionen künstlich erzeugter Songs teilen.
Einige Streamingdienste wie Tidal haben inzwischen Maßnahmen gegen rein KI-generierte Musik ergriffen und schließen solche Titel von Tantiemenzahlungen aus, um menschliche Künstler zu schützen. „Wir stehen erst am Anfang des Zeitalters der KI-generierten Musik“, schrieb Tidal in einer Pressemitteilung vom Juni.
Darin erklärte das Unternehmen, die Priorität liege darauf, „sicherzustellen, dass Tantiemen an Originalwerke gehen, die direkt von Menschen produziert, geschrieben und aufgeführt wurden“.
Heute übernimmt eine Musik-KI-App auch das Abmischen der Musik.
Foto: slkoceva/iStock
Da vollständig KI-generierte Musik nach geltendem Urheberrecht nicht als eigenständige menschliche Schöpfung geschützt werden kann, haben sich einige Branchenvertreter wie Trudeau dazu entschieden, ausschließlich mit „echten menschlichen Künstlern, die echte Musik geschrieben haben“, zusammenzuarbeiten.
Während Produzenten und Streaming-Dienste versuchen, Künstler und deren Einnahmen zu schützen, spürt Chad Gerber die Auswirkungen der Entwicklung bereits persönlich.
„Ich habe Aufträge verloren, weil Produzenten und Labels inzwischen Zeit und Geld sparen, indem sie einfach die KI anweisen, ihnen kostenlos das zu liefern, was sie benötigen“, sagte Gerber.
Ein Silberstreif am Horizont
Dennoch sind sich die für diesen Artikel befragten Branchenexperten einig, dass es für etablierte und aufstrebende Musiker weiterhin Hoffnung gibt. Sie gehen davon aus, dass von Menschen geschaffene und gespielte Musik künftig an Wert gewinnen könnte.
„Tatsache ist, dass die Entstehung großartiger Musik menschliche Interaktion, kreative Kontrolle, technische Bearbeitung und eine präzise Abstimmung des Klangs erfordert“, sagte Nathan Green.
„Reinen KI-Stücken fehlen häufig menschliche Dynamik, emotionale Aussagekraft und strukturelle Tiefe.“
Michael D’Oliveiro betonte, dass „die künstlerische Verarbeitung von Erfahrungen den Menschen einzigartig macht – nicht nur unter den Lebewesen, sondern auch unter allem auf diesem Planeten, das zu sinnvollem Schaffen fähig ist“.
Timothy Trudeau ist der Ansicht, dass neben menschlicher Urheberschaft auch Live-Auftritte an Bedeutung gewinnen werden: „Der Vorteil echter Künstler liegt darin, Live-Konzerte zu geben. Das kann man weiterhin nicht nachbilden.“
Auch Chad Gerber teilt diese Einschätzung. „Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war Musik vor allem ein Live-Erlebnis“, sagte er. „Aufgenommene Musik ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. KI könnte letztlich dazu führen, dass ein Teil der Branche wieder stärker auf Erlebnisse setzt, die Algorithmen nicht reproduzieren können.“
„Die Vorsteher der Tuchmacherzunft“ (1662) von Rembrandt van Rijn. - Foto: gemeinfrei
In den unruhigen Jahrhunderten nach dem Untergang des Römischen Reiches war die Wirtschaft in Europa vorwiegend landwirtschaftlich geprägt. Doch ab dem 11. Jahrhundert erlebten Städte, Handel und Gewerbe einen kräftigen Aufschwung – und mit ihnen die Zünfte und Gilden, die bis ins 16. Jahrhundert hinein ihre Blütezeit hatten. Diese Arbeiterverbände sicherten sich einen zentralen Platz im wirtschaftlichen, politischen, religiösen und gesellschaftlichen Leben des Mittelalters. Sie schafften es zumindest für eine gewisse Zeit, Stabilität und Qualität in den frühen Formen der Industrie aufrechtzuerhalten.
„Zünfte hatten einen wesentlichen Zweck: den Schutz vor Wettbewerb“, schrieb Paul Murray Kendall in dem Aufsatz „The Age of Chivalry and The Renaissance“. Detaillierte und streng durchgesetzte Vorschriften legten Arbeitszeiten, Preise, Qualitätsstandards sowie die Anzahl der Lehrlinge und Gesellen fest, die ein Meister beschäftigen durfte. Durch die Aufrechterhaltung von Qualitätsstandards, Lohnsätzen und Arbeitsvorschriften sowie durch die Einschränkung des Wettbewerbs sorgten die Zünfte für Stabilität und Gerechtigkeit in den diversen Wirtschaftszweigen. Henri Pirenne schrieb dazu in „Economic and Social History of Medieval Europe“: „Das Ideal waren stabile Verhältnisse in einer stabilen Wirtschaft.“
Es gab zwei Hauptarten mittelalterlicher Zünfte beziehungsweise Gilden: Kaufmannsgilden und Handwerkszünfte. Die Kaufmannsgilden entstanden zuerst. Gegen Ende des sogenannten dunklen Zeitalters schlossen sich umherziehende Händler zusammen, um sich gegenseitig Schutz zu bieten und ihre Interessen gemeinsam zu vertreten. Aus diesen zunächst lockeren Vereinigungen entwickelten sich nach und nach rechtlich anerkannte Körperschaften, die den Handel in ihrer jeweiligen Stadt regelten und überwachten. Aus den reisenden Händlern wurden schließlich wohlhabende Kaufleute, die ihre Waren durch Beauftragte vertreiben ließen, während sie selbst in den aufstrebenden Städten zunehmend wirtschaftlichen Einfluss und politische Macht gewannen.
Kontrolle, Qualität und Schutz vor Konkurrenz
Wie in der Ausgabe der „Catholic Encyclopedia“ von 1913 erläutert wird, ließen die Kaufmannsgilden das Recht auf den Kauf und Verkauf von Lebensmitteln offen, regulierten jedoch den Handel mit praktisch allen anderen Waren. Die Gilden schränkten den Handel mit den Waren ein, auf die sie sich spezialisiert hatten, und verhängten Geldstrafen gegen diejenigen, die beim Handel ohne Mitgliedschaft in der örtlichen Gilde erwischt wurden.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts begannen sich Zünfte von Handwerkern und Kunsthandwerkern zu bilden, die sich an den Kaufmannsgilden orientierten. Diese Berufsverbände entstanden unter dem Einfluss zweier gleichzeitig wirkender Faktoren: Einerseits wollten die Stadtverwaltungen das Handwerk in ihren Gebieten regulieren, andererseits suchten die Handwerker den Zusammenhalt, um sich gegenseitig zu unterstützen, wohltätige Aufgaben zu übernehmen und sich gegen die Konkurrenz neuer Marktteilnehmer zu behaupten.
„Die dringende Notwendigkeit, zusammenzuhalten, um dem Wettbewerb durch Neuankömmlinge standzuhalten, muss sich von Beginn des industriellen Zeitalters an bemerkbar gemacht haben“, schrieb Pirenne. Somit „lässt sich der Ursprung der Zünfte auf das Wirken zweier Faktoren zurückführen: staatliche Autorität und freiwilliger Zusammenschluss“.
Die Handwerkszünfte behielten die Ausübung ihres jeweiligen Handwerks ihren Mitgliedern und ausschließlich diesen vor. Die Zünfte wollten die Handwerker nicht nur vor äußerer Konkurrenz schützen, sondern auch vor Wettbewerb untereinander. Sie regelten, welche Arbeiten Handwerker ausführen durften und welche Qualitäts- und Preisvorgaben dabei einzuhalten waren.
Wie Pirenne hervorhob, „behielt sich die Zunft den städtischen Markt ausschließlich für lokale Handwerker vor, schloss ihn für ausländische Produkte aus und sorgte gleichzeitig dafür, dass kein Mitglied des Berufsstands auf Kosten der anderen reich wurde“. Somit stellte die strenge Regulierung der Arbeit der Handwerker nicht nur die Qualität der Produkte sicher, sondern bewahrte auch eine relative Gleichheit unter allen Mitgliedern des Berufsstands.
Diese Vorschriften wurden durch unangekündigte Besuche städtischer Aufseher sowie durch die ständige Beobachtung durch die Öffentlichkeit durchgesetzt: Die Zunftmitglieder waren verpflichtet, an ihrem Fenster zu arbeiten, sodass man sie dabei beobachten konnte. Bei Betrug oder Nachlässigkeit drohten strenge Strafen. Die Zünfte unterhielten eigene Gerichtssysteme, um Zunftmitglieder, die des Betrugs, der mangelhaften Ausführung, des unlauteren Wettbewerbs oder anderer Verstöße für schuldig befunden wurden, zu verurteilen und sie gegebenenfalls mit Geldstrafen zu belegen.
Heimat des Handwerks
Für nahezu jeden mittelalterlichen Handwerksberuf – Färber, Glasbläser, Goldschmiede, Pflasterer, Tischler, Kistenbauer, Sattler und Schneider – gab es eine entsprechende Zunft. Sie alle hatten ihre eigene Zunft.
Ein Färber, 1433.
Foto: gemeinfrei | Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band 1. Nürnberg 1426–1549. Stadtbibliothek Nürnberg
Diese Zünfte prägten die Identität der Arbeiter nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene. Oft verfügten sie über Zunfthäuser, in denen Bankette, Veranstaltungen und Versammlungen stattfanden. Die Zünfte wählten zudem Schutzheilige aus und verfügten unter Umständen sogar über eine eigene Kapelle für ihre Andachten. An religiösen Festtagen zogen die Zünfte gemeinsam in Prozessionen unter ihrem jeweiligen Banner oder Wappen.
Darüber hinaus erfüllten Zünfte wichtige soziale und karitative Aufgaben und bildeten eine Art Sicherheitsnetz für Bedürftige. Sie kümmerten sich um Kranke und Waisen und boten ihren Mitgliedern eine für die damalige Zeit bemerkenswerte soziale Absicherung. Im Krankheitsfall konnten sie mit Unterstützung rechnen, Witwen erhielten Versorgung und häufig wurden sogar die Bestattungskosten von der Zunft übernommen. Die Zünfte bemühten sich zudem darum, dass solche Unterstützungsleistungen gar nicht erst erforderlich wurden. So engagierten sich die Bergwerkszünfte beispielsweise für sichere und menschenwürdige Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder.
Einige Zünfte und Gilden übten auch politische Macht aus, insbesondere die Kaufmannsgilden. Manche Zünfte und Gilden waren selbstverwaltet und besetzten häufig wichtige Positionen in der Kommunalverwaltung mit ihren Mitgliedern, um die Interessen ihrer Branchen zu vertreten. Die Politik der Zünfte und Gilden selbst wurde von einer Handvoll Amtsträgern und einem Rat von Beratern bestimmt.
Aufstieg, Erstarrung und Niedergang
Im Zunftwesen kam es selten vor, dass ein einzelner Handwerker seine Kollegen in Bezug auf Reichtum oder Status in erheblicher Weise übertraf. Wie Pirenne es formulierte, verschaffte das Zunftwesen „den Arbeitern eine sichere Stellung und hinderte sie daran, darüber hinaus aufzusteigen“. Das Kapital eines Handwerkers bestand aus seinem eigenen Haus, seiner Werkstatt und seinen Werkzeugen. Hinsichtlich der Anzahl der Mitarbeiter, die er einstellen durfte, und der Größe des Betriebs, den er aufbauen konnte, gab es strenge Begrenzungen.
Dennoch bot das Zunftwesen Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg. Wer ein Handwerk erlernen wollte, trat in der Regel bereits als Jugendlicher, manchmal sogar als Kind, als Lehrling in die Werkstatt eines Meisters ein. Unter dessen Anleitung arbeitete er dann in seinem Gewerbe. Die Meister besaßen ihre eigene Werkstatt, verfügten über Werkzeuge und Materialien und galten als erfahrene, hoch angesehene Handwerker. Als selbstständige Unternehmer gehörten sie zum exklusiven Kreis der Zunftmitglieder und genossen sowohl fachliches Ansehen als auch gesellschaftliches Prestige. In ihrer Werkstatt arbeiteten in der Regel ein oder zwei Lehrlinge sowie ein Geselle.
Ein mittelalterlicher Bäcker mit seinem Lehrling. The Bodleian Library, Oxford, England.
Foto: gemeinfrei
Die Gesellen – bezahlte Arbeiter, die ihre Lehre abgeschlossen hatten, aber noch nicht den Meistertitel erlangt hatten – standen zwischen Lehrlingen und Meistern. Um diese Stufe zu erreichen, mussten sie ihre Kompetenz unter Beweis stellen, indem sie ein Werkstück anfertigten, das von den anderen Zunftmitgliedern geprüft und genehmigt wurde. Dieses Werkstück wurde als „Meisterstück“ bezeichnet und ermöglichte es einem angehenden Handwerker, vom Gesellen zum Meister aufzusteigen und eine eigene Werkstatt zu eröffnen.
Die „Encyclopedia Britannica“ stellte fest: „In ihrer Blütezeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert sorgten die mittelalterlichen Kaufmannsgilden und Handwerkszünfte in ihren Städten und Gemeinden für eine gute Verwaltung und eine stabile wirtschaftliche Grundlage. Sie unterstützten wohltätige Einrichtungen und bauten Schulen, Straßen und Kirchen.“
Gleichzeitig neigte das Zunftwesen dazu, technischen Neuerungen entgegenzustehen, da diese zu Ungleichheiten unter den Handwerkern führen konnten. Im Laufe der Zeit legten die Meister zudem immer höhere Hürden für den Aufstieg innerhalb der Zunft fest – vom Lehrling zum Gesellen und vom Gesellen zum Meister. Das System erstarrte zunehmend, wurde immer weniger praktikabel und immer ungerechter. Im Laufe der Jahrhunderte verlor es an Einfluss und Bedeutung. Als die Zünfte während und nach der Aufklärung offiziell abgeschafft wurden, besaßen sie längst nicht mehr die Macht und das Gewicht früherer Zeiten.
Alte Ordnung mit modernen Fragen
Trotz ihrer Mängel sind Zünfte ein interessantes historisches Beispiel für eine wirtschaftliche Einheit, die im besten Fall sowohl den Interessen der Produzenten als auch denen der Verbraucher dienen konnte. Sie dämpften die verheerenden Auswirkungen eines ungebremsten industriellen oder technologischen Wachstums, das oft mit der Ausbeutung von Arbeitern einherging, und wahrten gleichzeitig die Freiheit von Arbeitern und Unternehmern, ihre Situation zumindest bis zu einem gewissen Grad voranzubringen und zu verbessern. Durch ihre religiösen und sozialen Dimensionen erhielten die Arbeiter zudem eine Identität und ein Gemeinschaftsgefühl. In Zeiten der Not wurden ihre Bedürfnisse gedeckt, ohne dass sie auf Almosen angewiesen waren.
In der späteren Debatte zwischen Kapitalismus und Sozialismus nahmen die Zünfte eine interessante Zwischenposition ein. Durch das Zunftsystem wurde verhindert, dass einzelne Unternehmen so viel Macht und Reichtum erlangten, dass sie andere aus dem Geschäft drängten oder eine Vielzahl von Arbeitnehmern unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen ausbeuteten.
In einem Zunftsystem könnte es nie zu einer Situation kommen, in der Unternehmen so mächtig sind wie Regierungen, wie wir es derzeit bei den „Big Tech“-Unternehmen beobachten. Gleichzeitig übergaben die Zünfte die Produktionsmittel weder an den Staat noch an die Gemeinschaft. Die einzelnen Arbeiter behielten das Eigentum an ihren Betrieben und ein gewisses Maß an Freiheit, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Sie waren nicht vom Staat abhängig und, obwohl die Zunft den Arbeitern viel abverlangte, nicht von ihr versklavt. Sie gab ihnen ebenso viel, wie sie von ihnen verlangte.
Die Logos der sozialen Netzwerke Instagram und Threads, beide vom US-Konzern Meta, aufgenommen am 7. März 2024 in Nantes, Frankreich. - Foto: Loic Venance/AFP via Getty Images
In Kürze:
Rekordbußgeld: Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg verhängte gegen Hanadi Diab ein Bußgeld von 36.000 Euro wegen Verstößen gegen die Werbekennzeichnung auf Instagram – nach eigenen Angaben das höchste Bußgeld gegen einen Influencer im Land.
Insolvenz eröffnet: Wenige Tage nach Rechtskraft des Bußgelds wurde über das Vermögen der 39-Jährigen ein Regelinsolvenzverfahren eröffnet.
Arbeit geht weiter: Trotz der Insolvenz kann Diab ihre Arbeit als Influencerin fortsetzen. Sie ist nicht die erste Prominente, die wegen Schleichwerbung rechtliche Konsequenzen erfahren hat.
Die Stuttgarter Beauty-, Mode- und Lifestyle-Influencerin Hanadi Diab hat ein Regelinsolvenzverfahren eröffnet. Das bestätigte das Amtsgericht Stuttgart. Zuvor war bekannt geworden, dass gegen die 39-Jährige wegen Verstößen gegen die Werbekennzeichnung auf Instagram ein rechtskräftiges Bußgeld verhängt worden war. Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) setzte die Geldbuße auf 36.000 Euro fest. Einschließlich Gebühren und Auslagen beläuft sich die Forderung auf 37.803,50 Euro. Nach Angaben der Behörde handelt es sich um das bislang höchste Bußgeld, das in Baden-Württemberg gegen eine Influencerin verhängt wurde.
Die LFK teilte mit, dass die Behörde das Internet inzwischen mit einer eigens entwickelten KI nach möglichen Regelverstößen durchsucht. Laut LFK hatte Diab zwischen Mai und Juli 2025 mehrere bezahlte Kooperationen in ihren Instagram-Storys gar nicht oder nicht ausreichend als Werbung gekennzeichnet. Teilweise seien Werbehinweise für Nutzer nicht eindeutig erkennbar gewesen. Die Influencerin wies die Vorwürfe zurück und erklärte in einem TikTok-Video, sie kennzeichne sämtliche Kooperationen.
Strafe nach mehrfacher Ermahnung
Diab war bereits 2020 und 2022 mehrfach auf die gesetzlichen Anforderungen an die Werbekennzeichnung hingewiesen worden. Bei der Höhe der Geldbuße berücksichtigte die LFK laut dem Jura-Portal beck-aktuell.de unter anderem die wiederholten Verstöße, die hohe Reichweite des Instagram-Auftritts, den wirtschaftlichen Wert der Kooperationen sowie die früheren Hinweise der Behörde. Auf Instagram folgen der Influencerin mehr als 760.000 Menschen, auf TikTok knapp 139.000.
Trotz des Insolvenzverfahrens kann Diab ihre Tätigkeit als Influencerin fortführen. Der Geschäftsbetrieb wurde nach Angaben des Insolvenzverwalters aus der Insolvenzmasse freigegeben. Ein Insolvenzverfahren dauert häufig ein bis zwei Jahre, abhängig vom Umfang der Vermögensverhältnisse. Anschließend beginnt die Phase bis zur Restschuldbefreiung. Seit der Reform des Insolvenzrechts im Jahr 2020 können natürliche Personen bereits nach drei Jahren von ihren restlichen Schulden befreit werden, sofern sie ihre gesetzlichen Pflichten erfüllen. Dazu gehören unter anderem die Abführung pfändbarer Einkünfte und die Zusammenarbeit mit dem Insolvenzverwalter.
Der Fall unterscheidet sich von vielen bekannten Verfahren gegen Influencer. Anders als etwa bei Cathy Hummels oder Pamela Reif geht es hier nicht um eine wettbewerbsrechtliche Klage eines Wettbewerbsverbands, sondern um ein Bußgeldverfahren der Medienaufsicht wegen Verstößen gegen die Werbekennzeichnung.
Auch andere prominente Influencer mussten sich bereits wegen mutmaßlicher Schleichwerbung rechtlich verantworten.
Im Fall von Cathy Hummels beanstandete der Verband Sozialer Wettbewerb Markenverlinkungen in Instagram-Beiträgen. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied 2021, dass unbezahlte Beiträge mit reinen Markenverlinkungen grundsätzlich nicht als Werbung gekennzeichnet werden müssen. Erhält ein Influencer jedoch eine Gegenleistung, besteht eine Kennzeichnungspflicht. Gemeinsam mit dem Fall Hummels verhandelte der BGH damals auch Verfahren der Influencerinnen Leonie Hanne und Luisa-Maxime Huss.
Als weiterer wichtiger Fall gilt die Fitness-Influencerin Pamela Reif. Der Verband Sozialer Wettbewerb hatte ihr 2019 vorgeworfen, Produkte und Kleidung in Instagram-Beiträgen über sogenannte „Tap Tags“ mit Herstellern zu verlinken, ohne die Beiträge als Werbung zu kennzeichnen. Reif argumentierte, sie habe dafür keine Bezahlung erhalten, sondern lediglich häufige Fragen ihrer Follower beantwortet.
Der Fall landete schließlich vor dem Bundesgerichtshof. Mit seinem Grundsatzurteil vom 9. September 2021 stellte das Gericht klar: Erhält ein Influencer keine Gegenleistung für einen Beitrag, besteht grundsätzlich keine Kennzeichnungspflicht. Fließt dagegen Geld oder ein anderer wirtschaftlicher Vorteil, muss der Beitrag als Werbung gekennzeichnet werden. Das Urteil gilt bis heute als wichtiger Maßstab für Gerichte und Medienaufsichtsbehörden.