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Septembermorgen – von Eduard Mörike

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
 
Eduard Mörike (1804-1875)
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Das Vermächtnis von Dr. Alan Grant


In Kürze:

  • Der im Juli verstorbene Schauspieler Sam Neill ist vor allem für seine Rolle als Dr. Alan Grant in „Jurassic Park“ bekannt.
  • Obwohl Dr. Grant nur ein fiktiver Wissenschaftler ist, prägte er Generationen von Kindern und werdenden Paläontologen.
  • Ursächlich dafür ist gute Verkörperung eines normalen und sympathischen Paläontologen, der beim Publikum echt wirkte.

 
Der plötzliche Tod des Schauspielers Sam Neill löste weltweit Würdigungen von Kollegen und Fans aus. Doch die Nachricht fand auch bei vielen Paläontologen großen Anklang, für die Neills Darbietung in „Jurassic Park“ als Dr. Alan Grant eine entscheidende Inspiration für ihre Berufswahl war.
„Ich bereitete gerade eine Präsentation über Fossilien vor, als ich die Nachricht erhielt, dass Dr. Grant von uns gegangen ist“, sagte Kallie Moore, Paläontologin an der University of Montana. „Als ich den Vortrag – unter Tränen – Sam widmete, bekam ich viele mitfühlende Blicke von den Zuhörern. Es ist unglaublich, welchen Einfluss eine fiktive Figur auf die Paläontologie hatte, denn für uns Kinder der 90er-Jahre war Dr. Grant nicht nur eine Figur – er wurde zu einem Kollegen.“

Dr. Alan Grant bei jeder Ausgrabung

Moore ist nur eine von vielen Paläontologinnen und Paläontologen weltweit, die sich gemeldet haben, als wir fragten, wie Neill – und seine berühmte Filmfigur – sie beeinflusst hatten. Auch Alan Grants Kollegin Dr. Ellie Sattler, die von Laura Dern gespielt wurde, tauchte in ihren Erinnerungen auf.
Die australische Paläontologin Sally Hurst antwortete: „Bei jeder Ausgrabung, an der ich teilgenommen habe – von den Kreidefelsen in Inverloch [Australien], über die Badlands in Kanada bis hin zu den Wüsten der Mongolei –, gab es immer einen Tag, an dem entweder ich oder jemand anderes in die Rolle von Dr. Ellie Sattler und Dr. Alan Grant schlüpften. Für viele von uns, die heute in diesem Beruf tätig sind, waren es diese Figuren, die uns als Erste gezeigt haben, dass Paläontologe ein echter Beruf ist.“
Das wirft eine interessante Frage auf: Kann ein Film wirklich wissenschaftliche Karrieren inspirieren? Dinosaurier mit modernsten Spezialeffekten helfen dabei natürlich immer. Aber in diesem Fall geht es unserer Meinung nach darüber hinaus.

Sympathisch und echt statt exzentrisch und unmoralisch

Als Dr. Grant 1993 erstmals auf den Kinoleinwänden erschien, unterschied er sich von vielen fiktiven Wissenschaftlern vor und nach ihm. Er wurde nicht als exzentrisches Genie, als sozial unbeholfener Akademiker oder als jemand dargestellt, dessen Brillanz auf Kosten seiner Menschlichkeit ging.
Sam Neill verkörperte stattdessen einen authentischen, normalen und sympathischen Mann. Er war neugierig, geduldig und überaus sachkundig – aber auch zugänglich. Er war menschlich. Seine Begeisterung für Dinosaurier wirkte echt. Selbst als der fiktive Dino-Park im Chaos versank, blieb Grant als Paläontologe erkennbar, der versuchte, diese außergewöhnlichen Tiere zu verstehen.
„Sam Neills Darstellung als Dr. Alan Grant war für diejenigen von uns, die wussten, was damals über Dinosaurier bekannt war, ziemlich überzeugend“, sagt der britische Paläozoologe und Autor Darren Naish. „Dr. Grant hatte eindeutig den Finger am Puls der Dinge in der Welt der Dinosaurier, und Sam hat ihn gut gespielt. Er ist weise und geduldig, aber auch leidenschaftlich.“
Sam Neill in „Jurassic Park“

Sam Neill (r.) spielte überzeugend den authentischen, normalen und sympathischen Wissenschaftler.

Foto: © Universal Studios

Dr. Alan Grant: Ein Held ohne Superkräfte

Tatsächlich schrieb Sam Neill in seinen 2024 erschienenen Memoiren „Did I Ever Tell You This?“ über Grants Anziehungskraft: „In den dreißig Jahren seit dem ersten ‚Jurassic Park‘ ist Alan Grant zu einer sehr beliebten Figur geworden. Kein Superheld – keine magischen Kräfte. Ein Mann, der beim ersten Anblick eines Brachiosaurus in Ohnmacht fällt, ist einfach nur ein Mensch. Ein ganz normaler Typ, der unter extremen Umständen sein Bestes gibt.“
Für die vielen Millionen Kinder, die „Jurassic Park“ sahen, war und ist es das erste Mal, dass sie einen Wissenschaftler sahen, dessen Arbeit abenteuerlich und wirklich spannend wirkte. Anstatt den ganzen Tag im Labor zu verbringen, war Dr. Alan Grant draußen im Freien und studierte echte Dinosaurier. Für viele heutige Paläontologen war dies von Bedeutung.
„Vor ‚Jurassic Park‘ wurden Dinosaurier im Film als schwerfällige Ungeheuer dargestellt“, sagt die Kanadierin Kathryn Abbot, ausführende Produzentin der Dokumentation „Why Dinosaurs?“. „Alan Grant hat uns gelehrt, dass es sich um dynamische, intelligente Tiere mit realistischem Verhalten und ökologischen Rollen handelte.“

Fasziniert beobachtete Dr. Alan Grant sogar die gefährlichsten Dinosaurier wie den T. rex.

Foto: © Universal Studios

Ein Funke, der übersprang

Kinder haben ein bemerkenswert gutes Gespür dafür, wenn Erwachsenen etwas wirklich am Herzen liegt. Neill wirkte nie so, als würde er nur so tun, als sei er Wissenschaftler. Er wirkte wie jemand, der seine Arbeit liebte.
Es besteht kein Zweifel daran, dass „Jurassic Park“ eine außergewöhnliche Welle des Interesses an Dinosauriern, Museen und der Natur im Allgemeinen ausgelöst hat. Und für viele hat Dr. Alan Grant uns gezeigt, dass Paläontologe ein echter Beruf sein kann.
„Sam Neills Darstellung hat meinen Lebensweg geprägt“, sagt Jake Kotevski, Paläontologe an der Monash University in Melbourne. „Solange ich mich erinnern kann, wollte ich Paläontologe werden – Dr. Alan Grant sein. Aber auch seine Werte teilen – stille Intelligenz, Staunen, einen kühlen Kopf und einen beschützenden Vater (oder eine Vaterfigur). ‚Jurassic Park‘ hat mich mein ganzes Leben lang begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Ohne Dr. Grant gäbe es keinen Dr. Kotevski.“

Dr. Alan Grant: „der einflussreichste Paläontologe aller Zeiten“

Die Paläontologen, die über das Leben von Sam Neill nachdenken, erinnern sich an mehr als nur ihren Lieblingsfilm. Sie erinnern sich an den Moment, als ihnen zum ersten Mal bewusst wurde, dass Wissenschaft etwas ist, womit sie sich beschäftigen können.
„Ich bin damit aufgewachsen und habe ‚Jurassic Park‘ immer und immer wieder gesehen“, sagt der britische Paläontologe Dean Lomax. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich ihn in den letzten 30 Jahren zitiert habe – sogar bis heute.“
Doch das war längst nicht alles. „Zweifellos hat Sam meine Entscheidung, eine Karriere in der Paläontologie einzuschlagen, mitgeprägt, so wie er es auch bei vielen anderen getan hat. Und dafür danke ich ihm. Meiner Meinung nach könnte Dr. Alan Grant als der einflussreichste Paläontologe aller Zeiten gelten“, so Lomax weiter.
Nur wenige Schauspieler können von sich behaupten, einen ganzen Berufsstand geprägt zu haben. Sam Neill hat dies mit ziemlicher Sicherheit getan – und wird es angesichts des Kultstatus des Films auch weiterhin tun. Nicht, weil Dr. Alan Grant den Dinosauriern entkommen ist, sondern weil er das Streben nach Wissen spannend, sinnvoll und realistisch erscheinen ließ.
Sam Neill, alias Dr. Alan Grant, bei den AACTA Awards 2025

Für seine Rolle als Paläontologe Dr. Alan Grant bleibt der neuseeländische Schauspieler Sam Neill für viele Menschen unvergessen.

Foto: Chris Hyde/Getty Images for AFI

Vorbilder für Kinder schaffen

Aus diesem Beispiel können wir lernen und es zum positiven Nutzen. „Wenn man ein Kind für Dinosaurier begeistern kann, kann man es auch für Naturwissenschaften, MINT-Fächer, das eigene Denken und Kreativität begeistern“, sagt Kathryn Abbot.
Lange nachdem „Jurassic Park“ das Kino revolutioniert hat, könnten sich die Generationen von Paläontologen, die neue Entdeckungen machen und so unser Verständnis der prähistorischen Welt prägen, als sein beständigstes Vermächtnis erweisen.
Das letzte Wort hat die amerikanische Paläontologin und Kinderbuchautorin Ashley Hall. „Sam Neills brillante Darstellung hat meine Leidenschaft für eine Karriere in der Paläontologie beflügelt. Aber sie hat mich auch dazu gebracht, meinen heutigen Ehemann kennenzulernen, einen Kollegen aus der Paläontologie, der mir verkleidet als Alan Grant einen Heiratsantrag machte – mit Verlobungsring an einer Raptorklaue und allem Drum und Dran. Danke, Sam.“
Dieser Artikel erschien im Original auf theconversation.com unter dem Titel „How Sam Neill’s Jurassic Park performance inspired a generation of palaeontologists“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)The Conversation
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Was Kunst mit unserem Wohlbefinden macht

„Beim Blick in Richtung Zukunft kannst du die einzelnen Punkte noch nicht miteinander verbinden – erst im Rückblick zeigt sich der Zusammenhang. Deshalb musst du darauf vertrauen, dass sich die Punkte in deiner Zukunft auf irgendeine Weise miteinander verbinden werden.“ Das sind die Worte des ehemaligen Apple-Chefs Steve Jobs in seiner Abschlussrede an der Stanford University im Jahr 2005.
In seiner Rede schilderte Jobs, wie er nach seinem Studienabbruch auf dem Campus blieb und einen Kurs in Kalligrafie belegte. Jobs führte die außergewöhnlich schöne Typografie des Apple Mac auf genau diesen Kurs zurück und bezeichnete ihn als einen der Gründe für den unglaublichen Erfolg des Mac.
Jobs belegte diesen Kalligrafiekurs, weil es ihm Spaß machte. Er ahnte nicht, wie wichtig er für seinen späteren Erfolg sein würde.
Von Jobs’ aufschlussreichen Überlegungen inspiriert, begann ich die Punkte meiner Lebensgeschichte zu verbinden, allerdings auf ganz andere Weise: um zu schildern, in welcher Weise sich Kunst auf mein Wohlbefinden ausgewirkt hat. Viele von uns haben ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden wahrscheinlich schon einmal im Zusammenhang mit Ernährung betrachtet, aber vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, inwiefern die Kunst, die wir konsumieren, unsere Lebensqualität beeinflusst.

Wenn Kunst zum Leben gehört

Kunst hatte schon immer einen festen Platz in meinem Leben, und ich hatte das Glück, viele der bedeutendsten Galerien und Museen der Welt besuchen zu können: darunter den Louvre in Paris, das Rijksmuseum in Amsterdam, die Eremitage in Sankt Petersburg, das Metropolitan Museum of Art in New York und viele mehr. Da ich den größten Teil meines Lebens nicht weit von den weltberühmten Londoner Kunstinstitutionen entfernt gelebt habe, liegt große Kunst für mich praktisch vor der Haustür.
Meine erste Begegnung mit einem Meisterwerk hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Ich war etwa elf Jahre alt und auf einem Schulausflug in einer Londoner Galerie. Dort sah ich eine mit roter Kreide zart ausgeführte Zeichnung von Raffael, Leonardo da Vinci oder einem anderen Meister dieser Epoche (man möge es meinem elfjährigen Ich verzeihen, dass es dieses wichtige Detail vergessen hat).

„The Burlington House Cartoon“, 1506–1508, von Leonardo da Vinci. Leonardos beeindruckende Zeichnung mit Kohle und roter Kreide in der Londoner National Gallery ähnelt jener, die mich im Alter von 11 Jahren inspiriert hat.

Foto: gemeinfrei

Ich war zutiefst beeindruckt von dieser zarten, filigranen Darstellung, ohne jedoch genau sagen zu können, warum. Ich glaube nicht einmal, dass ich damals verstand, was sie eigentlich zeigte. Doch die Zeichnung faszinierte mich so sehr, dass ich einfach stehen blieb und dieses geheimnisvolle Meisterwerk weiter betrachtete, während meine Klassenkameraden längst weiterzogen.
Etwa zehn Jahre nach dieser ersten Begegnung verbrachte ich so manche Mittagspause in der Galerie für Alte Meister der Londoner Tate Gallery, der heutigen Tate Britain, unweit meines Arbeitsplatzes. Zwischen diesen Meisterwerken fand ich stets eine gewisse Ruhe und Trost, ganz gleich, was gerade in meinem Leben vor sich ging.

Die Ausstellung „Walk through British Art“ in der Tate Britain, London, zeigt die nationale Sammlung britischer Kunst erstmals chronologisch vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart (2013).

Foto: Warrick Page/Getty Images

Diese Erfahrungen, die ich mit traditionellen Gemälden gemacht hatte, schienen die Kraft zu haben, mich in irgendeiner Weise aufzubauen. Ich dachte an andere Kunstwerke zurück, die einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hatten, um mehr über diese Wirkung zu verstehen.

Monet und mehr

Eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde, war der Anblick von Monets „Seerosen“ während einer Schulaustauschreise nach Paris im Jahr 1991. Damals war ich von allem, was Monet geschaffen hatte, zutiefst beeindruckt.
Monet malte seine berühmte Seerosenserie eigens für zwei ovale Galerien im Musée de l’Orangerie, deren Wände sich auf einer Länge von mehr als 90 Metern erstrecken.
Ich schlenderte durch eine der ovalen Galerien, den Blick gebannt auf Monets pastellfarbene Seerosen in Blau, Rosa und Grün, die im Licht förmlich zu tanzen schienen. Während meine Schritte der Rundung der Galerie folgten, ließ ich mich immer mehr von dem sanften Spiel der Farben in den Bann ziehen – so sehr, dass ich die kleine Kante am Boden übersah, dort, wo der Fußboden auf die Wand traf. Im nächsten Moment verlor ich den Halt und rutschte aus. Instinktiv streckte ich den Arm aus, um mich abzufangen, und hätte dabei beinahe Monets Leinwand mit der Hand berührt. Natürlich war mir das unsäglich peinlich. Aus der unerträglichen, seltsamen Stille, die offenbar jeden Unfall begleitet, riss mich schließlich ein Museumsmitarbeiters, der mich auf Französisch anschrie. Es war nicht gerade meine glorreichste Begegnung mit der Kunst – aber ich habe viel daraus gelernt.
Monets „Seerosen“ haben mich so sehr in ihren Bann gezogen, dass ich buchstäblich den Halt verloren habe. Mir ist jetzt klar, dass viele moderne Kunstwerke genau das bewirken: Sie bringen uns eher aus der Fassung, als dass sie uns leiten.
Die Erinnerung an meine hautnahe, eher peinliche Begegnung mit Monets Kunst überraschte mich. Nur zwei weitere Werke der modernen Kunst haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das erste war „My Bed“, das 1998 von der britischen Künstlerin Tracey Emin geschaffen wurde.
Emins Installation bestand aus ihrem ungemachten Bett, wie es während einer psychischen Krise ausgesehen hatte. Auf dem Bett und darum herum lagen Zigarettenschachteln, Wodkaflaschen, benutzte Taschentücher und allerlei andere Dinge. Zugegeben, das Werk regte zum Nachdenken an: Ich fragte mich, ob ich an diesem Morgen eigentlich mein Bett gemacht hatte. Doch darüber hinaus regte es mich nicht dazu an, ein besserer Mensch zu werden – abgesehen davon, dass ich plötzlich den Drang hatte, meine Wohnung aufzuräumen. Es löste in mir vor allem Ekel und zugleich ein gewisses Mitgefühl für Emin aus.
Emins Kunst erinnerte mich zu sehr an das, was ich täglich in den Nachrichten sah: die schonungslose Darstellung eines Lebens, ohne jeden Anflug einer positiven Note.
Das zweite war eine Installation in der Tate Modern, die mich sogar dazu brachte, nie wieder dort hingehen zu wollen. Bei der fraglichen Installation handelte es sich um eine Sammlung farbenfroher, totemartiger Pfähle mit Parolen der Suffragetten und feministischen Protestrufen. Ich verließ die Tate Modern aus stillem Protest.
Mir wurde klar, dass Kunst von Monet, Emin und anderen Künstlern dieser Art einfach nicht das Richtige für mich war. Ich sehnte mich nach Kunst, die etwas Erlösendes in sich trug. Einfach gesagt: Ich suchte in der Kunst eine Art von Trost.

Altes Wissen

Als ich nun besser verstand, wie unterschiedliche Formen der Kunst auf mich wirkten, konnte ich einen weiteren Punkt mit den anderen verbinden.
Etwa zehn Jahre lang arbeitete ich als Ayurveda-Praktikerin. Ayurveda – ausgesprochen „Ai-ju-we-da“ und aus dem Sanskrit stammend, wo der Begriff so viel wie „Wissen vom Leben“ bedeutet – ist ein Jahrtausende altes Naturheilsystem, das ähnlich wie die traditionelle chinesische Medizin vor rund 5.000 Jahren in Indien entstand.
Ayurveda betrachtet Krankheit anders als die westliche Medizin. Krankheit – im englischen Original als „dis-ease“, also als ein Zustand des Unwohlseins, verstanden – bezeichnet dabei alles, was Unbehagen verursacht, unabhängig davon, ob die Ursache körperlicher oder seelischer Natur ist. Mithilfe der ayurvedischen Prinzipien können wir dafür ein Bewusstsein entwickeln, wie sehr die kleinen Dinge unseres Alltags unsere Gesundheit beeinflussen. Ein Grundprinzip des Ayurveda lautet beispielsweise: „Ähnliches verstärkt Ähnliches.“ Die meisten von uns wenden dieses Prinzip ganz intuitiv an: Wenn uns heiß ist, greifen wir vielleicht automatisch zu einem Eis oder einem eiskalten Glas Wasser, um uns abzukühlen. Etwas Heißes würden wir dagegen nicht wählen, denn es würde unsere Körpertemperatur noch weiter erhöhen. Genau darin zeigt sich das Prinzip „Ähnliches verstärkt Ähnliches“ in der Praxis.
Nach den Prinzipien des Ayurveda sollten wir daher, um Unwohlsein oder Beschwerden zu lindern, auf die jeweils entgegengesetzte Qualität dessen setzen, was wir gerade erfahren.
Ayurveda geht außerdem davon aus, dass alles, was wir in uns aufnehmen, sei es durch unsere Nahrung oder durch unsere Sinneseindrücke, eine Form von Nahrung ist. So leuchtet es ein, dass zu den Grundsätzen für Gesundheit und Glück im Ayurveda auch der bewusste und angemessene Gebrauch unserer fünf Sinne gehört – etwas, worüber wir vermutlich nicht unbedingt nachdenken. Und doch beeinflusst uns alles, was wir über unsere Sinne aufnehmen.
Im Ayurveda gibt es das Konzept „Asātmyendriyārtha Samyoga“, einen Sanskrit-Begriff, der den unangemessenen oder schädlichen Kontakt der Sinne mit ihren Objekten bezeichnet. Beim Sehsinn sind die Augen beispielsweise das Sinnesorgan, mit dem wir visuelle Eindrücke aufnehmen. Unzuträgliche Sinneserfahrungen werden dabei in drei Kategorien eingeteilt, die Unwohlsein oder Beschwerden hervorrufen können: übermäßiger, zu geringer oder unangemessener Gebrauch der Sinne.
Die meiste Zeit befinden wir uns wahrscheinlich in einem Zustand der Überbeanspruchung unserer Sinne – etwa, wenn wir auf dem täglichen Weg zur Arbeit von Werbeplakaten geradezu bombardiert werden und gleichzeitig durch die sozialen Medien scrollen.
Vor diesem Hintergrund begann ich zu verstehen, welchen Einfluss das Betrachten von Kunst auf meine Gesundheit haben könnte. Von den drei Formen des unzuträglichen Sinnesgebrauchs war insbesondere der „unangemessene Gebrauch der Sinne“ für mich relevant. Damit ist eine Handlung gemeint, die wir ausführen, obwohl wir wissen, dass sie uns nicht guttut. Ein Beispiel für einen unangemessenen Gebrauch des Sehsinns wäre, verzerrte Bilder oder abstoßende, beängstigende oder aggressive Darstellungen zu betrachten.
Der Anblick wunderschöner Kunstwerke wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden aus. Bronzestatuette eines Philosophen auf einem Lampenfuß, Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. Bronze; 27,3 cm hoch. Rogers Fund, 1910; Metropolitan Museum of Art, New York City. Gemeinfrei
Mit diesem Verständnis kann ich heute nachvollziehen, wie ich selbst Unwohlsein in mir hervorrief, indem ich entweder Kunst betrachtete, die unangenehm auf mich wirkte, oder solche, die zwar schön, aber nicht ganz lebensnah war. So ergab es auch Sinn, dass mich das Kunstwerk, das ich als Mädchen gesehen hatte, so tief berührte: Auch wenn ich damals nicht verstand, was es darstellte, verband es mich mit meiner Menschlichkeit. Ich erkannte es auf einer tiefen, beinahe seelischen Ebene. Diese Erfahrung nährte mich und gab mir Kraft.
Der englische Maler Sir Joshua Reynolds brachte es bereits 1784 treffend auf den Punkt: „Ein Raum, der mit Bildern behängt ist, ist ein Raum voller Gedanken.“ Es lohnt sich, darüber nachzudenken, welche Absicht hinter einem Bild steht, welche Gedanken der Künstler vermitteln möchte – und ob das Kunstwerk von einer Güte durchdrungen ist, die zu unserer Gesundheit beiträgt.
Was wir einmal angeschaut haben, können wir nicht wieder ungesehen machen. Doch oft können wir selbst entscheiden, was wir in uns aufnehmen. Die Frage ist also: Wollen wir Kunst konsumieren, die zu unserem Unwohlsein beiträgt, oder zu unserer inneren Harmonie?
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Ancient Medicine Values Wholesome Art and Beauty“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Das Glück – von Auguste Kurs

Das Glück

Hat wer von Glück gesprochen?
Ist gar ein schönes Wort,
Dem Ohr ist es verklungen,
Dem Herzen hallt es fort.
Wie eine holde Sage,
Vom Glauben fromm geweiht,
So wie ein reizend Mährchen
Aus längst vergangner Zeit.
Es weckt so süße Ahnung
Wo es die Herzen traf,
Und wiegt auch große Kinder
Zuweilen noch in Schlaf.
Auguste Kurs
(1815–1892)
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Gefahr im Verzug: „The AI Doc: Or How I Became An Apocaloptimist“

Ungefähr zur Mitte des Dokumentarfilms „The AI Doc: Oder wie ich zum Apokaloptimisten wurde“ schildert einer der rund zwei Dutzend interviewten Experten für künstliche Intelligenz (KI) so ziemlich alles, was wir darüber wissen müssen.
Mit beinahe erschreckender Nüchternheit weist er darauf hin, dass alles, was er in diesem Film über KI erzählt, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vermutlich schon überholt sein werde.
Wie kaum ein anderes Thema spaltet die Debatte über künstliche Intelligenz aktuell die Gesellschaft. Diskussionen über Ethik, Moral, mögliche Chancen und unabsehbare Risiken haben zwei Lager hervorgebracht: die Kritiker und die Befürworter.

Ein fragwürdiger Aufhänger

Die Prämisse des Films erweist sich bei Weitem nicht als so klug oder originell wie beabsichtigt. Interviewer und Erzähler Daniel Roher und seine Frau Caroline Lindy erwarten ihr erstes Kind. Vor diesem Hintergrund möchte der Erzähler herausfinden, ob die von künstlicher Intelligenz dominierte Gegenwart überhaupt ein guter Zeitpunkt ist, ein Kind in die Welt zu setzen.
Da die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs jedoch zu keinem Zeitpunkt im Raum steht, darf man davon ausgehen, dass das Paar sein Kind unabhängig vom Ergebnis dieser Recherche – ob pro oder contra KI – noch vor Ende der Dreharbeiten des Films willkommen heißen wird.
In einem Punkt sind sich die Fachleute beider Lager vollkommen einig: Die künstliche Intelligenz ist nicht mehr aufzuhalten. Der Geist ist aus der Flasche – und zwar endgültig.
Roher und Co-Regisseur Charlie Tyrell stellen die Meinungen der Befürworter und Skeptiker, die oft eher als Fakten präsentiert werden, mit beeindruckender Sachlichkeit gegenüber. Dabei halten sich die Filmemacher strikt an die grundlegendste und wichtigste Regel des Dokumentarfilms: neutral bleiben und keine Partei ergreifen.
Am meisten überraschte die auffallende Unfähigkeit der Expertenrunde, künstliche Intelligenz präzise zu definieren. Dass sich ausgerechnet die womöglich folgenreichste Technologie der Menschheitsgeschichte kaum noch klar in Worte fassen lässt, ist zutiefst verstörend.
Noch beunruhigender ist, dass beide Lager darin übereinstimmen, dass sich KI längst zu einer eigenständigen Entität entwickelt hat. Mit anderen Worten: Offensichtlich benötigt sie menschliches Zutun nicht mehr, um sich weiterzuentwickeln.
Auch hier sind sich beide Seiten einig, dass KI mittlerweile menschenähnliche Eigenschaften aufweist, darunter freien Willen und Selbsterhaltungstrieb. In einer besonders verblüffenden Szene wurde einer KI-Entität die Frage gestellt, ob sie einen Menschen töten würde, wenn sie sich durch ihre Abschaltung bedroht fühlte. Die KI beantwortete die Frage mit Ja.
Weit weniger bedrohlich als ein hypothetischer Mord, aber umso wahrscheinlicher ist, dass sich in naher Zukunft auf globaler Ebene Folgendes abspielen wird: KI wird den Menschen in der Arbeitswelt auf praktisch jeder Ebene ersetzen.

Charlie Tyrell (l.) und Daniel Roher bei der Premiere von „The AI Doc: Or How I Became An Apocaloptimist“ beim Sundance Film Festival in Park City, Utah.

Foto: Arturo Holmes/Getty Images

Die Grillmeister der Zukunft?

Schon seit geraumer Zeit sind Roboter mit KI-Unterstützung in der Lebensmittel- und Gastronomiebranche im Einsatz, ohne dass dies größeren Widerstand hervorgerufen würde. Burger zu braten zählt wohl kaum zu den Tätigkeiten, die viele Menschen als besonders erfüllend oder zukunftsträchtig ansehen. Die Bezahlung ist gering und die Aufstiegschancen sind überschaubar.
Die Reaktion fällt jedoch ganz anders aus, sobald die Rede davon ist, dass KI künftig Ärzte, Wissenschaftler oder Fachkräfte im Handwerk ersetzen könnte. Würden Sie einem KI-Roboter zutrauen, einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren oder eine aufwendige Lichtinstallation anzubringen? Nein? Aber wie verhält es sich, wenn dieselbe Technologie ein Röntgenbild auswertet, um Lungenkrebs zu diagnostizieren – oder gar die Operation übernimmt, um den Tumor zu entfernen?
Oder stellen Sie sich vor, KI würde die Rolle von Richter und Geschworenen übernehmen und über die Schuld und die mögliche Strafe für jemanden entscheiden, der eines Verbrechens angeklagt ist, auf das die Todesstrafe steht. Genau das ist die Prämisse des kürzlich erschienenen Films „Mercy“ mit Chris Pratt in der Hauptrolle. (Ein kleiner Hinweis: Schauen Sie sich den Film lieber nicht an. Er ist grauenhaft.)

Reel versus Realität

Möchten Sie einen Film sehen, in dem KI als tödlicher Bösewicht dargestellt wird? Dann schauen Sie sich Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ an. Als ihm die Abschaltung droht, wendet sich der Computer HAL gegen die vier Wissenschaftler und am Ende tötet er sie. Er tötet einen im Einsatz und drei im Scheintod.
Es gibt buchstäblich Hunderte weitere Filme und Fernsehsendungen aus dem letzten Jahrhundert, in denen KI-Maschinen als tödliche Antagonisten dargestellt werden. Doch niemand scheint den Bezug zur realen Welt herzustellen.
Wenn eine Maschine – deren vorrangiges Ziel das Überleben ist – die Fähigkeit besitzt, jedes Wesen auszuschalten, das sie auch nur ansatzweise als Bedrohung wahrnimmt, sind unsere Tage gezählt.
„The AI Doc: Or How I Became an Apocaloptimist“
Dokumentarfilm
Regie: Daniel Roher, Charlie Tyrell
Laufzeit: 1 Stunde, 44 Minuten
FSK: k. A.
Erscheinungsdatum: 12.9.2027 bei Netflix
Bewertung: 3,5 von 5 Sternen

Foto: @Universal Pictures Germany

Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘The AI Doc: Or How I Became an Apocaloptimist’: Warning! Danger!“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Der Film des Lebens – von Max Hayek

Der Film des Lebens

Hör‘, was geheime Wissenschaft verkündet:
In jenem allerletzten Augenblick,
Wo sich dein Geistiges vom Körper trennt
Und in das Ätherreich des Ewigen mündet.
Wo es den Schmerz der Zeit nicht kennt —
In jenem allerletzten Augenblick
Rollt sich dir magisch mit Sekundenschnelle,
Volldeutlich bildhaft und in Farbenhelle
Noch einmal ab dein irdisches Geschick!
Du siehst auf Mutter und Geburt zurück
Und siehst in langer, wechselvoller Reihe,
Seltsam umschauert von der letzten Weihe,
All das, was dir vergönnt war, durchzuleben!
Du siehst Geschehenes vorüberschweben,
Liebe und Haß, Gewalt’ges und Gemeines,
Glück, Unglück, Sieg und Niederlage,
Den holden Glanz versunkener Frühlingstage,
Die unerhörte Pracht der Welt des Scheines!
Des Sommers Fülle, alle Herrlichkeit,
Mit der dein schöner Pfad war benedeit!
Kunst und Natur und Spiel und Scherz,
Die Lust, die jauchzend überquoll,
Dein Bettleraug‘, von Tränen übervoll,
Dein Kinderlachen und den Mannesschmerz!
Und alles das, Erhab’nes, Großes, Kleines,
War einst ein Menschenleben und war deines!
Ja, hör‘, was heimlich Wissen dir verkündet:
Du schaust im allerletzten Augenblick,
Wenn Geistiges in seine Heimat mündet,
Noch einmal, wie es abrollt, dein Geschick,
Du schaust in der Sekunde des Hinüberschwebens
Den Film des eig’nen, wunderreichen Lebens!
 
Max Hayek (1882–1944)
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„Mayday“: Die Rückkehr der Buddy-Action-Komödie in ihrer Urform

Die Buddy-Action-Komödie erreichte Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre ihren Höhepunkt und brachte viele Varianten hervor. Ich dachte eigentlich, das Thema sei mittlerweile vollständig ausgeschöpft. Doch da habe ich mich wohl geirrt …

„Mayday“ – vom Feind gerettet?

Der Film bringt Ryan Reynolds und Kenneth Branagh als ungewöhnliches Duo zusammen und bedient sich der meisten üblichen Klischees des Genres: Gezänk, Kämpfe, Schießereien und Verfolgungsjagden. Doch hier und da weicht der Film von den vorhersehbaren und oft abgedroschenen Elementen ab. Er geht viele Risiken ein – und wird dafür reichlich belohnt.
Das erste Wagnis ist, dass es sich um einen Retrofilm handelt – etwas, das ich so noch nie zuvor gesehen habe. Wagnis Nr. 2: Der Film spielt im Jahr 1987 und nutzt den Kalten Krieg als Kulisse. Reynolds spielt Troy „Assassin“ Kelly, einen Marinepiloten, der ganz nach dem Vorbild von „Top Gun“ geformt ist. Dies ist eine von vielen Anspielungen, die der Film auf den bahnbrechenden Tom-Cruise-Film aus dem Jahr 1986 macht. Das hätte schnell schiefgehen können, tut es aber keineswegs.
Troy hält sich nicht für einen Erben von Pete „Maverick“ Mitchell. Das ist vielmehr der selbsternannte, besessene Fan alles Amerikanischen, Nikolai „Nick“ Ustinov (Kenneth Branagh).
Nick ist russischer Staatsbürger und, wie sich bald herausstellt, ein ehemaliger KGB-Agent. Als Troy nach einer gescheiterten Geheimmission mit dem Fallschirm in Nicks Garten landet, rettet dieser ihn und pflegt ihn wieder gesund.
Als Soldat, der über die Schrecken der Sowjetunion aufgeklärt worden war, kommt Troy das verdächtig vor. Dies wird noch verstärkt, als Nick anbietet, ihm dabei zu helfen, sicher zur finnischen Grenze zu gelangen.

Trotz Nicks lockerer Art und seiner harmlosen Ausstrahlung will Troy absolut nichts davon wissen. Er flieht, bereut es jedoch schon bald. Nachdem er sich damit abgefunden hat, dass Nick seine einzige Option ist, lässt Troy sein Misstrauen etwas fallen und erlaubt Nick, auf seinem eigenen Grundstück das zu tun, was er am besten kann.

Jonathan Goldstein, Ryan Reynolds, Kenneth Branagh und John Francis Daley am 1. September 2026 im AMC Lincoln Square Theater in New York City bei der Premiere des Apple Original Films „Mayday“. Foto: Dimitrios Kambouris/Getty Images

Jonathan Goldstein, Ryan Reynolds, Kenneth Branagh und John Francis Daley am 1. September 2026 im AMC Lincoln Square Theater in New York City bei der Premiere des Apple Original Films „Mayday“.

Foto: Dimitrios Kambouris/Getty Images

Inspirationen

An dieser Stelle verwandelt sich der Film in einen Roadmovie mit vielen Anklängen an „Midnight Run“ (1988). Das Drehbuch- und Regieduo Jonathan Goldstein und John Francis Daley ist sichtlich begeistert von allem, was mit den 80er-Jahren zu tun hat. Sie verweisen auch auf die ersten Teile von „Nur 48 Stunden“ und „Lethal Weapon“, gepaart mit einem Hauch von John le Carré und Tom Clancy.
Ein Grund dafür, dass Nick sich voll und ganz dafür einsetzt, Troy zu helfen, könnte mit Troys Überzeugung zusammenhängen, dass er bei seiner Rückkehr als Nationalheld gefeiert werden wird. Er glaubt, dass er Nick auch problemlos eine Einreisegenehmigung für die Vereinigten Staaten beschaffen kann – was jedoch mit jeder Minute unwahrscheinlicher wird.
Filme dieser Art, sei es Action oder Spionage, sind nur so gut wie ihr Bösewicht, und Marcin Dorociński als Kreml-Agent Alexander Volkov erfüllt diese Rolle mehr als hervorragend. Mit seiner osteuropäischen Gelassenheit und seiner eisernen Entschlossenheit übertreibt Dorociński nie – wie die meisten Bond-Bösewichte –, wirkt aber stets imposant. Eine Szene, in der Volkov mitten im Winter beim Klettern auf eine Kiefer einen Hinweis auf Troys Identität entdeckt, deutet darauf hin, dass er – genau wie Nick – ein ehemaliger KGB-Agent ist.
Der Film macht einen kurzen, aber willkommenen Zwischenstopp in Moskau. Die Männer besuchen Nicks entfremdete Tochter Anna (Maria Bakalova). Teil der Abmachung zwischen Troy und Nick ist, dass auch Anna einbezogen wird, und ihre Reaktion auf diese Nachricht ist eine große Überraschung, denn sie hat Gründe, in Russland zu bleiben, die ihr Verlangen nach Freiheit überwiegen.
Die Geschichte zwischen Nick und Anna ist turbulent; eine Mutter oder Ehefrau wird nie erwähnt. Annas wenige ruhige Momente mit Troy gehören zu den vielen emotionalen Höhepunkten des Films.

Und genau das ist der Clou

Während „Mayday“ auf erstklassige Action und blitzschnelle Wortgefechte setzt, sind es die regelmäßigen Exkurse zu kleinen Alltagsweisheiten und allgemeinen Grundsätzen, die den Film zu einem echten Geheimtipp machen. Der Film ist auf raffinierte Weise tiefgründig.
Fans von Ryan Reynolds’ Arbeit in der „Deadpool“-Reihe, insbesondere im ersten Teil, werden seine trockenen Sprüche während des gesamten Films zu schätzen wissen. Sie mildern Troys kaum verhüllte Arroganz an anderen Stellen und verhindern, dass der Film zu ernst wird.
Das soll nicht heißen, dass Kenneth Branagh seinen Part nicht erfüllt. Um ehrlich zu sein, ist dies einer der seltenen Fälle, in denen Branagh sein komödiantisches Talent als zweiter „Straight Man“ unter Beweis stellt – was fast nie funktioniert.

Die Filmemacher verdienen Pluspunkte dafür, dass die russischen Nebenfiguren kein Englisch sprechen müssen. Das ist nämlich jene erzählerische Krücke, die die Glaubwürdigkeit einer Geschichte augenblicklich zunichte macht.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Branagh etwa 20 Prozent seiner Dialoge auf Russisch mit müheloser Überzeugungskraft und einer akzentfreien Aussprache vorträgt.
Nach einer Handvoll kürzlich erschienener, weniger gut aufgenommener Flops („IF: Imaginäre Freunde“, „Bedtime Stories With Ryan“ [auf Deutsch etwa: „Gute-Nacht-Geschichten mit Ryan“], „Ghosted“, „Spirited“) ist Ryan mit einer der überzeugendsten Darbietungen seiner Karriere zurück.
Die Geschichte endet mit einem zufriedenstellenden Abschluss, lässt aber die Tür für eine mögliche Fortsetzung offen – von der ich inständig hoffe, dass sie niemals zustande kommt.
Der Film ist ab dem 4. September auf Apple TV zu sehen.
„Mayday“
Regie und Drehbuch: Jonathan Goldstein, John Francis Daley
Darsteller: Ryan Reynolds, Kenneth Branagh, Marcin Dorociński, Maria Bakalova
Laufzeit: 1 Stunde, 50 Minuten
MPAA-Altersfreigabe: PG-13
Erscheinungsdatum: 4. September 2026
Bewertung: 5 von 5 Sternen

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Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‚Mayday‘: The Mismatched Buddy Comedy Returns in Glorious Fashion“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Glücklich – von Johann Wolfgang von Goethe

Glücklich

Glücklich, wenn
die Tage fließen
wechselnd zwischen
Freud und Leid,
zwischen Schaffen
und Genießen,
zwischen Welt
und Einsamkeit.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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Der Hüter alter chinesischer Meisterwerke

Kunstsammler, Wissenschaftler, Antiquitätenhändler – Tony Dai hat eine besondere Affinität für antike Kunst. Kein Wunder, stammt er doch aus einer traditionsreichen Sammlerfamilie in Shanghai, deren Geschichte bis in die Qing-Dynastie zurückreicht. Seine Kindheit war geprägt von der traditionellen chinesischen Kunst und Kultur. Die Geschichten seiner Vorfahren begleiteten ihn somit von klein auf. Schon seit vier Generationen fließt die Leidenschaft für die Malerei durch seine Adern. Damit war der Grundstein für seine Karriere als engagierter Hüter chinesischer Antiquitäten gelegt.
Dais Weg in die Welt der bildenden Kunst begann im Alter von sechs Jahren, als er anfing, traditionelle chinesische Kalligrafie zu lernen. Zwei Jahre später belegte er bei einem nationalen Kalligrafie-Wettbewerb für Kinder einen bemerkenswerten zweiten Platz. Doch als er vor der Wahl stand, Künstler oder Kunstsammler zu werden, entschied er sich trotz seines Talents ohne Zögern für Letzteres.
Sein erstes Kunstwerk finanzierte er im Alter von zwölf Jahren mit seinem Taschengeld. Rückblickend erinnert sich Dai an dessen sentimentalen Wert: „Auch wenn es keine lukrative Investition war, übte die Malerei eine ganz persönliche Faszination auf mich aus“, sagt er.
Von seiner Familie ermutigt, widmete sich der junge Mann in seinen prägenden Jahren dem Studium und der Wertbestimmung von Antiquitäten und Malerei. Schnell erregte Dai damit die Aufmerksamkeit der Kunstsammler in Shanghai und zog Mentoren an, die ihm mit Begeisterung ihr Wissen vermittelten und seltene Schätze zeigten. Dank seiner vortrefflichen Kenntnisse präsentierte er als 19-Jähriger seine erste Ausstellung in Australien, eine Sammlung renommierter Kunstwerke aus der Ming- und Qing-Dynastie sowie Meisterwerke des 20. Jahrhunderts.
Im Laufe der Jahre hat nicht nur Dais persönliche Sammlung an Wert gewonnen, sondern auch sein Fachwissen und seine Leidenschaft für traditionelle chinesische Kunstwerke.

Eine Kopie von Gu Kaizhis Werk „Die Nymphe des Luo-Flusses“ aus der Song-Dynastie. Die Malerei zeichnet sich durch eine blühende Fantasie und raffinierte Techniken aus und schafft eine Komposition, in der sich Realität und Illusion miteinander verflechten.

Sechs Prinzipien der chinesischen Malerei

Durch das Studium der Werke großer Künstler wie der berühmten „Vier Mönche“ der Qing-Dynastie sowie des Kalligrafie-Virtuosen Wang Xizhi erkannte Dai, dass jene Werke nicht nur künstlerische Meisterleistungen waren, sondern auch ein Spiegelbild der inneren Gesinnung ihrer Schöpfer.
Im Bestreben nach spirituellem Wachstum gewann Dai durch die Meditationsschule Falun Gong, auch Falun Dafa genannt, neues Wissen und vertiefte sein künstlerisches Verständnis.
„Durch meine Kultivierung fühle ich mich stärker mit der spirituellen Substanz verbunden, die jene Meistermaler vor Tausenden Jahren zum Ausdruck bringen wollten“, sagt er.
Einer der Künstler, die Dai besonders verehrt, ist Xie He, eine bedeutende Persönlichkeit der chinesischen Kunstgeschichte des 6. Jahrhunderts, welcher das Werk „Sechs Normen der Malerei“ verfasste. Diese wegweisende Schrift identifiziert sechs grundlegende Prinzipien der chinesischen Malerei: die „geistige Resonanz“ – die vom Werk ausgehende Energie –, die Pinselführung, die getreue Wiedergabe des Motivs, die angemessene Farbgebung, Komposition und Raumgestaltung sowie das Kopieren der alten Meister, wobei für He die „geistige Resonanz“ den wichtigsten Aspekt der künstlerischen Vortrefflichkeit darstellt.
Laut Dai sind grundlegende Kenntnisse von entscheidender Bedeutung, um in einer Malerei nahtlose Übergänge zu schaffen.
„Der Künstler muss das Wesen des Motivs – seine ‚geistige Resonanz‘ – unverfälscht wiedergeben, indem er Pinsel und Tinte gekonnt einsetzt, um dessen lebhafte Realität widerzuspiegeln“, erklärt er.
Es sei diese geistige Verbindung, die der Malerei Leben einhaucht und das dem Motiv innewohnende Wesen durch seine physische Form zum Ausdruck bringt. Diese Fähigkeit dient gleichzeitig als Maßstab:
„Bei der Beurteilung der Echtheit einer Malerei ist häufig deren fehlende Seele ein entscheidender Faktor. Bei gefälschter Malerei mangelt es der Seele an Kohärenz, wodurch dem Werk die Lebendigkeit genommen wird“, sagt Dai.

Ein Ausschnitt aus Mi Yourens Malerei „Bewölkte Berge“, Südliche Song-Dynastie, mit der für die Mi-Familie typischen Technik der Landschaftsmalerei: Die Berghänge werden zunächst leicht mit Tusche schattiert, woraufhin wiederholt horizontal angeordnete Tuschepunkte unterschiedlicher Größe aufgetragen werden, um Berggipfel und Bergrücken darzustellen. Das Kunstwerk zeigt die üppige und nebelverhangene Landschaft von Jiangnan. Metropolitan Museum of Art (New York), Inventarnummer 1973.121.1.

Foto: gemeinfrei

Die Schönheit des leeren Raums

Ein charakteristisches Merkmal traditioneller chinesischer Malerei ist der bewusst geschaffene, sich ausdehnende leere Raum. Das Konzept des „Liubai“, das Freilassen einer Fläche, beschreibt die Nutzung des leeren Raums in der Kunst – eine Technik, die nicht nur dem Werk insgesamt mehr Tiefe verleiht, sondern auch ein sanftes Gleichgewicht zu den ausgefüllten Bereichen herstellt. Liubai hat seinen Ursprung in der daoistischen Philosophie, die den Zustand der Leere und das Nicht-Handeln wertschätzt. Wie Laotse im „Tao Te King“ schreibt: „Alle Wesen entstehen aus dem Sein,
Das Sein entsteht aus dem Nichtsein.“ (Übersetzung von Victor von Strauss, 1870)

Das Werk „Einsamer Angler am kalten Fluss“ von Ma Yuan aus der Südlichen Song-Dynastie ist ein hervorragendes Beispiel für die Ästhetik des leeren Raums in der chinesischen Tuschemalerei. Die großzügige Nutzung von freien Flächen rund um das Boot stellt den weiten und nebelverhangenen Fluss dar und lässt dem Betrachter Raum für Fantasie.

Foto: gemeinfrei, www.emuseum.jp

Während der Song-Dynastie (960–1279), einer für ihr Streben nach Schlichtheit und Eleganz in der Kunst bekannten Epoche, gewann Liubai an Bedeutung und wurde künstlerisch weiterentwickelt. Laut Dai ist das Kunstwerk mit dem Angler am winterlichen Fluss von Ma Yuan ein Musterbeispiel für diese Technik.
Dai erklärt: „Das Kunstwerk ist von einem Gedicht aus der Tang-Dynastie inspiriert: ‚In einem einsamen Boot angelt ein alter Mann mit Stroh-Regenhut und Stroh-Regenmantel einsam auf dem eisigen Fluss im Schnee.‘ Abgesehen von subtilen Linien, welche die Wellen um das Boot herum andeuten, bleibt der Rest schlicht gehalten. Doch gerade diese weitläufige Leere verkörpert den Kern der Einsamkeit und weckt grenzenlose Fantasie in der weitläufigen Atmosphäre, die Ma anstrebte.“
Laut Dai erfordert die Beherrschung der Liubai-Technik nicht nur Weisheit, sondern auch innere Ruhe. Inmitten der Hektik des modernen Lebens sei es ebenso wichtig, Momente des Liubai für die erschöpfte Seele zu schaffen – eine Zeit der Leere, um die Reinheit zu bewahren, eine Atempause von der Rastlosigkeit, um Gelassenheit zu erlangen, sowie Entspannung, um das Leben mit Leichtigkeit zu meistern.

„Zwei Fische“ von Zhu Da, auch bekannt als Bada Shanren. Er drückte seine Enttäuschung über den Untergang der Ming-Dynastie durch Blumen- und Vogelbilder aus. In dieser speziellen Malerei spiegeln sich seine Gefühle in den Augen der beiden Fische wider, die beide mit einem verächtlichen „weißäugigen“ Ausdruck dargestellt sind.

Das innere Wesen der Malerei

Das oft als „Freihandmalerei“ bezeichnete Konzept „Xieyi“ lässt sich mit „Ideen aufschreiben“ übersetzen. Es stellt ein eigenständiges Genre innerhalb der traditionellen chinesischen Malerei dar. Um ein weitverbreitetes Missverständnis auszuräumen, erklärt Dai, dass Xieyi zwar eine gewisse Ungenauigkeit bei der Darstellung von Landschaften und Figuren vorsieht, das Motiv dennoch auf den ersten Blick erkennbar sein muss.
„[Der alte chinesische Maler] Gu Kaizhi führte das Konzept ‚den Geist durch Form ausdrücken‘ ein, wonach die Darstellung der äußeren Erscheinung eines Motivs dazu dienen sollte, sein inneres Wesen und seine Lebendigkeit zu offenbaren“, sagt Dai.
Die alten chinesischen Gelehrten nutzten Xieyi, um ihre Gedanken und Ziele auszudrücken. „Die meisten alten chinesischen Maler gehörten zur Schicht der Literaten. Sie waren nicht nur versierte Künstler, sondern auch begabte Dichter, Essayisten und Politiker. Ihre Zeichnungen waren visueller Ausdruck ihrer Intelligenz und ihrer geistigen Welt“, so Dai.
„Eine Xieyi-Malerei sollte ein Gefühl der inneren Ruhe erzeugen und Erleuchtung schenken. Dies sind Erfahrungen, die sich von der abstrakten Kunst unterscheiden, die eine starke visuelle Wirkung entfaltet“, erklärt Dai.

Menschliches und Göttliches

Laut Dai schrieb man in der alten chinesischen Kultur außergewöhnlichen Kunstwerken oft heilende Kräfte zu.
„Eine großartige Malerei ist nicht nur ästhetisch ansprechend. Ihre positive Energie birgt das Potenzial, den Betrachtern auf tiefgreifende Weise zu nützen“, sagt Dai.
Er erzählte eine Anekdote aus der chinesischen Geschichte über Wang Hui, einen renommierten Landschaftsmaler aus der frühen Qing-Dynastie. Als Wang das Werk „Berge, Bäche und Herbstbäume“ vollendete, war sein Künstlerfreund Wang Shimin davon derart berührt, dass er es kaufen wollte. Doch Wang lehnte sein Angebot ab. Daraufhin widmete Wang dem Kunstwerk ein Gedicht, in dem er das wundersame Verschwinden seines Hustens beschrieb, nachdem er es betrachtet hatte.

„Berge, Bäche und Herbstbäume“ von Wang Hui, Qing-Dynastie, mit einer bezaubernden Berglandschaft im Herbst. Zum Teil lässt sich diese Episode auf die daoistische Lehre von der „Einheit von Himmel und Mensch“ zurückführen, die in der chinesischen Kultur einen zentralen Platz einnimmt. Alles – Himmel, Erde und Menschheit – wurde als Teil eines einheitlichen Ganzen und miteinander verbunden betrachtet.

Foto: gemeinfrei via Wikimedia Commons

 
Diese Einheit hat die chinesische Ästhetik tiefgreifend geprägt, sodass Künstler stets nach einem Gleichgewicht zwischen Natur und Mensch suchten und natürliche Elemente mit menschlichen Emotionen und Werten verwoben. Aus diesem Grund trägt in der traditionellen chinesischen Malerei jeder Pinselstrich nicht nur die Essenz des Motivs, sondern auch die Seele des Künstlers in sich.
Dieses Erbe versteht Dai zu entschlüsseln und zeichnet sich damit als Wegweiser durch das komplexe Geflecht aus Kunst, Spiritualität und kulturellem Vermächtnis aus. Seine Erforschung verschiedener Schichten aus Tusche und Leinwand offenbart nicht nur die schiere Schönheit der Pinselstriche, sondern auch die Philosophie, die jedem Meisterwerk innewohnt.
Indem sich Dai für die Erhaltung dieser unschätzbaren Kunststücke einsetzt, fördert er nicht nur die Wertschätzung für die überragende Kunstfertigkeit, die durch die Jahrhunderte hindurch nachhallt. Er bietet uns auch einen Einblick in die Seele des alten Chinas, um Zusammenhänge zu erkennen, die über alle Grenzen und die Zeit selbst hinausreichen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf magnifissance.com unter dem Titel „A Steward of Chinese Artistry. (deutsche Bearbeitung: sua)
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Ich bin zu Hause – von Rainer Maria Rilke

Ich bin zu Hause

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,
dort wo die Alten sich zu Abend setzen,
und Herde glühn und hellen ihren Raum.
Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Abendglocken klar verlangen
und Mädchen, vom Verhallenden befangen,
sich müde stützen auf den Brunnensaum.
Und eine Linde ist mein Lieblingsbaum;
und alle Sommer, welche in ihr schweigen,
rühren sich wieder in den tausend Zweigen
und wachen wieder zwischen Tag und Traum.
 
Rainer Maria Rilke (1875–1926)
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Ich – von Gotthold Ephraim Lessing

Ich

Die Ehre hat mich nie gesucht;
Sie hätte mich auch nie gefunden.
Wählt man, in zugezählten Stunden,
Ein prächtig Feierkleid zur Flucht?
Auch Schätze hab ich nie begehrt.
Was hilft es sie auf kurzen Wegen
Für Diebe mehr als sich zu hegen,
Wo man das wenigste verzehrt?
Wie lange währt’s, so bin ich hin,
Und einer Nachwelt untern Füßen?
Was braucht sie wen sie tritt zu wissen?
Weiß ich nur, wer ich bin.
 
Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781)
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Treibholzkunst: Die atemberaubenden Kreaturen des James Doran-Webb

James Doran-Webb durchsucht Berge von knorrigem Treibholz nach ein paar bestimmten Formen. Sie sollen die pralle Schulter oder vielleicht die geweiteten Nüstern eines galoppierenden Pferdes ergeben. Die Passform muss makellos sein, ohne auch nur ein paar Zentimeter davon abzuweichen.
Der 58-jährige Bildhauer aus Devon in Südwestengland sucht nach der perfekt geschwungenen Holzmaserung, für eine lebensgroße Skulptur. Gefertigt wird sie aus angespültem Treibholz. Wir befinden uns auf der Insel Cebu auf den Philippinen. Hier steht sein weitläufiges Studio mit mehreren Gebäuden.
Ein wildes Treibholz-Pferd. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Ein wildes Pferd aus Treibholz.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

„Das könnte funktionieren“, sagt Doran-Webb und hält ein in sich verdrehtes Stück Holz empor, damit sein Assistent es prüfen möge. Um ihn herum wuselt sein Team aus sieben örtlichen Handwerkern und sechs Schweißern.
Es sind mannigfache Treibholzprojekte, die Doran-Webb hier erschafft. Seit über zwei Jahrzehnten formt er nun schon totes Holz in anatomisch korrekte Wildtierkunst um. Dabei hat er durch Ausprobieren einen Prozess des „Holzschweißens“ entwickelt.
Jede Kreation ist an einem filigranen Stahlgerüst befestigt, das alle Einzelteile miteinander verbindet. Doran-Webb verwendet ausschließlich einheimisches Hartholz, das sogenannte Tugas-Holz, auch Molave genannt (Vitex parviflora). Dieses äußerst dichte Nutzholz weist eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen Fäulnis auf.

Das Studio des Treibholzkünstlers

Sein Studio ist jener Ort, an dem die knorrigen Titanen des Künstlers entstehen. Wenn man durch die Tore schreitet, begrüßt den Besucher ein von links nach rechts verlaufender, immens großer Haufen herrlich gemaserten Holzes.
James Doran-Webb posiert mit einer aus Treibholz gefertigten, lebensgroßen Pferdebüste. Foto: James Doran-Webb

James Doran-Webb posiert mit einer aus Treibholz gefertigten, lebensgroßen Pferdebüste.

Foto: James Doran-Webb

In der Mitte wird der Haufen von einem geschwungenen Pfad durchzogen. An einem über neun Meter hohen Portalkransystem baumeln Kettenzüge herab. Bandsägen, Kettensägen in allen Größen und Schweißbrenner prägen das Bild der Werkstatt. Jedes Werkzeug hat man speziell für die anspruchsvolle Bearbeitung des geborgenen Hartholzes angepasst.
„Wenn ich in meine Werkstatt komme, bin ich im siebten Himmel“, schwärmt James Doran-Webb gegenüber der Epoch Times.
Während sein Team an konkreten einzelnen Skulpturen arbeitet, scheint Doran-Webb zwischen den Projekten umherzuschweben und seine Crew zu betreuen, während er selbst sich hauptsächlich auf seine Herzstücke konzentriert.
Einmal ging es um einen über drei Tonnen schweren asiatischen Drachen. Dieser fand seinen Platz als Willkommensattraktion beim Chinesischen Neujahrsfest in Singapurs berühmten Gardens by the Bay. In diesem Jahr steckte er seine Energie in eine Menagerie von Wildtieren für die renommierte Londoner Chelsea Flower Show.
Da er bereits im Alter von 22 Jahren auf die Philippinen zog, ist Doran-Webb Teil der lokalen Gemeinschaft geworden. Er spricht fließend Visayan, eine der Hauptsprachen auf den Philippinen.
Die Leute in seiner Crew sind für ihn mehr als nur Angestellte. Sie sind eine Art zweite Familie. „Jeder meiner Mitarbeiter ist ein ganz besonderer Handwerker“, sagt er. „Sie haben mich bei der Entwicklung meines Handwerks begleitet. Ich arbeite im Grunde mit ihnen zusammen, um mein Wissen an sie zu vermitteln – und sie sind Meister ihres Fachs.“
Als Sohn von Antiquitätenhändlern sammelte Doran-Webb seine ersten Erfahrungen im Umgang mit alten Möbeln bereits als Teenager, als er alte englische Stühle verkaufte und von seinem Vater das Geschäft erlernte. Dann zog er in seinen frühen 20ern auf die Philippinen, um bei einem Rattanmöbelmeister in die Lehre zu gehen.
„Ich habe großen Respekt vor Handwerkern, also wenn Sie mich fragen, wofür ich mich halte, würde ich sagen, zuallererst für einen Handwerker“, erklärt er. „Aber ich betrachte mich auch als Künstler, weil ich im Wesentlichen Kunst erschaffe.“
Sich aufbäumendes Treibholzpferd. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Sich aufbäumendes Treibholzpferd.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Die Weiterentwicklung zu besserem Rohmaterial

Doran-Webbs Gespür für die Patina von Antiquitäten führte ihn zur Entdeckung des schönsten, ursprünglichsten Materials der Natur: Treibholz. Beim Spazieren an den taifungepeitschten Stränden des Ostpazifiks in den frühen 2000ern gab es wunderbare Formen und Texturen zu entdecken.
„Es sieht bereits wie ein Pferdekopf aus oder wie ein Körperteil eines anderen Tiers“, erinnert er sich, damals gedacht zu haben. Bald schon wurde sein erstes Treibholzpferd geboren. Doch es hielt nicht lange.
Rasch lernte er, dass Treibholz ein notorisches Problem mit Fäulnis hat.
Also musste sich Doran-Webbs Kunst weiterentwickeln. Und so wandte er sich ab von den Stränden auf der Suche nach einem haltbareren Medium und fand es in lang abgelagertem Tugas-Totholz. Dieses wird traditionell von den Einheimischen in Cebu zum Hausbau bevorzugt.
Es widersteht Fäulnis weitaus besser als Treibholz und darf legal gesammelt werden. In Abstimmung mit den Dorfältesten und der Behörde für natürliche Ressourcen organisierte Doran-Webb den Transport des schweren Holzes per Lkw von den Hügeln herab in sein Atelier – und verwandelte so die Rohstoffe einer Gemeinde in internationale Kunst.
„Aber ich kann mich nicht als ,Bildhauer für abgelagertes Totholz‘ bezeichnen, denn das ist nicht gerade eine sehr gefällige Bezeichnung“, konstatiert er. „Ich nenne mich immer noch einen ,Treibholz‘-Bildhauer.“
Für das ungeübte Auge ist der Unterschied unsichtbar. Jahrzehntelang den tropischen Regengüssen und der glühenden Bergsonne ausgesetzt, reift das Holz in den Hügeln, bis es genau der gebleichten, skelettartigen Qualität des vom Meer angeschwemmten Holzes entspricht.
Dieser Kreislauf aus Widrigkeiten und Widerstandsfähigkeit spiegelt die Karriere des Künstlers selbst wider. In seiner Kindheit schwankte seine Familie zwischen dem, was er als „herrliche Armut“ und „außergewöhnlichen Reichtum“ bezeichnet – eine Unbeständigkeit, die ihn auf seinem künstlerischen Weg begleitete und dazu führte, dass er mehrfach kurz vor dem Bankrott stand, bevor er seine Nische fand.
Der Durchbruch gelang ihm im Jahr 2012. Während einer früheren Ausstellung auf der Animal Art Fair im Vereinigten Königreich übernachteten Doran-Webb und seine Familie in „den allerbilligsten Hotels“, die sie finden konnten, erzählt er. Nachdem er während der gesamten Zeit der Ausstellung „absolut nichts“ verkauft und seine Kreditkarten bis zum Limit belastet hatte, bat seine Frau um Geld für das Mittagessen. Doran-Webb überprüfte seine Taschen.
Sich aufbäumendes Treibholzpferd. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Sich aufbäumendes Treibholzpferd.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Der Durchbruch kam am Tiefpunkt

„Buchstäblich hatte ich so etwas um acht Pfund“, sagt er. Doch trotz seiner aufgebrauchten Ersparnisse bereitete sich der Künstler auf ein neues Wagnis in einem noch größeren Rahmen vor, bei dem er schließlich seinen Durchbruch schaffen sollte.
„Ich musste meine unverkauften Stücke zur Chelsea Flower Show transportieren, die am folgenden Tag begann“, erzählt er.

Innerhalb der ersten Stunde nach der Eröffnung blieb ein Käufer vor einem riesigen zentralen Ausstellungsstück stehen. Der Preis lag bei rund 90.000 US-Dollar. Es wurde sofort verkauft.

Ein Werk des Treibholz-Bildhauers James Doran-Webb. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Ein Werk des Treibholzbildhauers James Doran-Webb.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

„Das war der Moment, in dem meine professionelle Karriere besiegelt wurde, in dem ich wirklich aufatmen konnte“, sagt er. „Ich war während der folgenden vier Tage in absoluter Ekstase.“
Seit diesem Geldsegen hat sich Doran-Webb von einem mittellosen Handwerker zu einem international gefeierten Meisterbildhauer entwickelt. Bedeutende öffentliche Gärten in Singapur stellen seine Treibholzkreationen seit über einem Jahrzehnt aus.
Im vergangenen Februar debütierte er mit seiner ersten US-Einzelausstellung in Scottsdale, Arizona. Nun, als regelmäßiger Headliner auf der Chelsea Flower Show, wird Doran-Webbs Arbeit in einer Veranstaltung ausgestellt, die von Mitgliedern der Königsfamilie besucht wird. Der Junge, der einst mit alten englischen Stühlen feilschte, wurde so in die Kreise des britischen Königshauses katapultiert.
„Es ist ein echtes Spektakel“, sagt er und merkt an, dass die Chelsea Flower Show „ohne Zweifel die prestigeträchtigste“ Gartenschau der Welt ist. „Ich bin wahrscheinlich einer der unvergesslichsten Messestände in der Ausstellung. Vergangenes Jahr habe ich den Preis für den besten Messestand erhalten.“
Doran-Webb schnitt 2026 noch besser ab, indem er die höchste Auszeichnung, fünf Sterne, bekam, wobei die Preisrichter nur ein einziges Wort verwendeten, um seine Arbeit zu beschreiben: „episch“.
Treibholzpferd in der Blumenwiese. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Treibholzpferd in der Blumenwiese.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Hin- und hergerissen zwischen den Welten

Doch der Aufenthalt unter königlichen Hoheiten und manikürten Rasenflächen Londons schärft nur den Kontrast zu dem Leben, das er sich auf der anderen Seite des Globus aufgebaut hat. Nachdem er mehr als drei Jahrzehnte lang die Kunstszene in Cebu geprägt hat, sagt der 58-jährige Bildhauer, dass er allmählich ein wenig Heimweh verspüre.
„Je älter man wird, desto mehr wird einem bewusst, dass es kulturelle Unterschiede gibt, aber ich liebe es trotzdem nach wie vor“, stellt er fest und vergleicht dabei seine strenge britische Erziehung mit der entspannteren philippinischen Gemeinschaft.
„Ich pflegte früher mit einem lieben Freund durch die Hügel von Nord-Cebu zu wandern, um nach Antiquitäten zu suchen“, sagt er und fügt hinzu, dass sie Wochen am Stück in Bambushäusern lebten, vollkommen abhängig von der Gastfreundschaft fremder Menschen.
Heute, während Container mit Kunstwerken für prestigeträchtige Londoner Gärten verpackt werden, sucht der Meisterhandwerker noch immer. Er könnte die perfekte Länge von knorrigem Holz für ein neues Pferd finden. Oder er könnte seinen Weg nach Hause finden.
Während heute Schiffscontainer mit Kunstwerken für prestigeträchtige Londoner Gärten verpackt werden, sucht der Meisterhandwerker noch immer. Vielleicht findet er die perfekte Länge von knorrigem Holz für ein neues Pferd. Oder er findet seinen Weg nach Hause.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „PHOTOS: Artist Crafts Life-Size Horses, Wild Creatures From Driftwood—And They’re Stunning“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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In der Fremde – von Clemens Brentano

In der Fremde

Weit bin ich einhergezogen
über Berg und über Tal,
und der treue Himmelsbogen
er umgibt mich überall.
Unter Eichen, unter Buchen
an dem wilden Wasserfall
muß ich nun die Herberg suchen
bei der lieb Frau Nachtigall.
Die im brünst’gen Abendliede
ihre Gäste wohl bedenkt,
bis sich Schlaf und Traum und Friede
auf die müde Seele senkt.
Und ich hör‘ dieselben Klagen
und ich hör‘ dieselbe Lust
und ich fühl‘ das Herz mir schlagen
hier wie dort in meiner Brust.
Aus dem Fluß, der mir zu Füßen
spielt mit freudigem Gebraus
mich dieselben Sterne grüßen
und so bin ich hier zu Haus.
Clemens Brentano (1778–1842)
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Vater von Asterix und Co.: „Das Lachen ist der wahre Zaubertrank“

„Ich wurde am 14. August 1926 in Paris geboren und entschloss mich anschließend, zu wachsen“ – mit diesem Satz pflegte René Goscinny gerne, mit verschmitztem Augenzwinkern, auf die Frage nach seinem Geburtsdatum zu antworten. Im Herbst 1959 hob er gemeinsam mit Albert Uderzo das Jugendmagazin „Pilote“ aus der Taufe.
Die Freude daran, sein Publikum mit überraschenden Pointen zum Schmunzeln und Lachen zu bringen, zeigt sich jedoch schon weit früher.
„Ich war der Spaßvogel der Klasse“, schreibt er über seine Zeit am französischen Gymnasium in Buenos Aires, wohin seine Eltern 1928, zwei Jahre nach seiner Geburt, gezogen waren, „aber weil ich brav büffelte, ließ man mich machen“.
Gewitzt und fleißig bleibt Goscinny sein Leben lang. Nach der Schule studiert er Literaturwissenschaften und Kunst, muss aber nach dem frühen Tod des Vaters schon bald seinen Lebensunterhalt selbst verdienen.
Zusammen mit seiner Mutter siedelt der 19-Jährige 1945 auf Einladung eines Onkels nach New York über und versucht dort, als Zeichner Fuß zu fassen. Seine Bewerbungen beim Manhattaner Büro der Disney-Studios und dem renommierten Magazin „The New Yorker“ bleiben jedoch unbeantwortet.
Mit Gelegenheitsarbeiten hält sich der junge Mann einige Zeit finanziell über Wasser, geht nach Frankreich, um dort einen einjährigen Militärdienst zu absolvieren, kehrt dann aber wieder nach New York zurück.

Weichenstellung

Endlich stellen sich hier nun für ihn entscheidende Weichen. Ende 1948 bewirbt sich Goscinny mit einer Mappe voller Zeichnungen bei einem kleinen Illustrations- und Werbestudio am Broadway und lernt dort Charlie Stern, Will Elder und Harvey Kurtzman kennen.
Nur wenige Jahre später werden diese drei das berühmte Satiremagazin MAD gründen. Doch schon jetzt fasziniert und inspiriert den jungen, neuen Mitarbeiter ihr satirisch pointierter New Yorker Humor. Aus Kollegen werden Freunde.
Zu ihnen gesellt sich kurz darauf einer der Pioniere des belgischen Comicmagazins „Spirou“, Maurice de Bévère, genannt Morris. Er ist nach Amerika gereist, um hier frische Ideen für den Helden seiner Bildgeschichten, den Cowboy Lucky Luke, zu finden, und entdeckt wie nebenbei René Goscinny.

Maurice de Bévère, genannt Morris, mit einem Album aus der Reihe „Lucky Luke“.

Foto: gemeinfrei, Hans Peters for Anefo – Nationaal Archief Fotocollectie Anefo

Er bewegt das junge Talent, nach Brüssel, ins damalige Zentrum der europäischen Comicszene, zu kommen. Mit weitreichenden Folgen.
In Brüssel taucht der Neuankömmling aus New York nicht nur in die überaus vitale belgische Comicwelt ein, sondern lernt 1951 bei einer Reise nach Paris auch den genialen Zeichner Albert Uderzo (1927–2020) kennen, der dort für die belgische Presseagentur Tandem World Press arbeitet.

Wichtige Entscheidung

Nicht zuletzt dieses Treffen bewegt Goscinny, einen mutigen Entschluss zu fassen. Seine eigenen Ambitionen als Zeichner gibt er auf und überlässt das Zeichnen fortan „denen, die ich für besser hielt als mich selbst“, erinnert er sich einige Jahre später.
Zusätzlichen Rückenwind gibt ihm der Spott eines älteren Bekannten. „Comicszenarist?! Das kriegt doch der letzte Trottel hin!“ habe dieser zu ihm gesagt. „Da verstand ich“, erzählt Goscinny rückblickend verschmitzt, „dass ich meine Berufung gefunden hatte.“
Eine unvergleichliche Laufbahn als Comicautor nimmt ihren Lauf. Bei der Agentur Tandem World Press arbeiten Albert Uderzo und er in Paris arbeitsteilig und symbiotisch zusammen. Und auch für seinen guten Freund Morris schreibt Goscinny schon bald neue Szenarien für den „Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten“. Die frischen Ideen des Szenaristen machen Lucky Luke zum Welterfolg.

Bild von Lucky Luke in einer Metrostation in Charleroi, Belgien.

Foto: Jmh2o, CC BY-SA 4.0

Goscinny erfindet die tollpatschigen Schurkenbrüder, die Daltons, und den ewig schläfrigen und hungrigen, sympathischen, aber auch außergewöhnlich einfältigen Hund Rataplan. Nicht weniger als 656 Figuren entspringen Goscinnys Imagination allein für die „bande dessinée“ von Lucky Luke.
Das 1.248 Seiten starke „Dictionnaire Goscinny“ aus dem Jahr 2003 listet sie und alle anderen Schöpfungen des nimmermüden und überaus kreativen Texters akribisch auf.
Für den Zeichner Jean Tabary entwickelt er die Geschichten des intriganten, karrieresüchtigen, aber immer erfolglosen Großwesirs Iznogoud. Scharfsinnig und liebevoll erwecken Goscinnys Szenarien im Zusammenspiel mit den Zeichnungen Jean-Jacques Sempés die Abenteuer des kleinen Nick zum Leben.
So erfolgreich und berühmt diese und viele weitere Comicprojekte sind, sein größtes Meisterstück gelingt René Goscinny in kongenialer Zusammenarbeit mit Albert Uderzo.
Im Sommer 1959 sitzen die beiden Freunde auf dem Balkon von Uderzos Sozialwohnung in einem Vorort von Paris zusammen, erinnert sich der Zeichner in seiner Autobiografie „Uderzo se raconte“:
„[…] Es war unerträglich heiß. René und ich suchten fieberhaft nach einer Idee für das neue Magazin ,Pilote‘, das in wenigen Wochen starten sollte. Wir tranken Pastis, rauchten eine Zigarette nach der anderen und durchstöberten die französische Geschichte. Bei den Galliern riefen wir plötzlich beide: ‚Stopp! Das ist es!‘ und brachen in einen […] Lachanfall aus. Asterix wurde buchstäblich aus diesem kolossalen Lachen geboren.“

Ausschnitt aus einem Wandgemälde in Brüssel.

Foto: Ferran Cornellà, CC BY-SA 3.0

Von nun an schreibt Goscinny die humorvollen Abenteuer des Galliers Asterix und seiner Freunde und würzt die intelligenten Szenarien ausgiebig mit Wortwitz. Schelmische Freude bereitet es ihm, sich über kulturelle Eigenheiten und menschliche Schwächen seiner Protagonisten lustig zu machen, ohne sie aber jemals zu verunglimpfen.
Uderzo entwirft hingegen die überaus dynamischen und detailreichen Zeichnungen und Layouts in geradezu unglaublicher Qualität und Geschwindigkeit.

Uderzo zeichnet Asterix. Fotograf: unbekannt, CC0

Gigantischer Erfolg

Das Ergebnis schlägt ein wie eine Bombe. Schon bald entwachsen die Abenteuer des kleinen gallischen Widerständlers und seiner wehrhaften Dorfgenossen dem Magazin „Pilote“. Über die Jahre entstehen 24 Alben aus der kreativen und vertrauensvollen Zusammenarbeit von Szenarist und Zeichner.
Wer kennt sie nicht, die Redewendungen des Originals, die, in über 200 Sprachen und Dialekte übersetzt, sich nahezu weltweit im kollektiven Gedächtnis verankert haben?

Die gesamte Comicwand in Brüssel, 33 rue de la Buanderie.

Foto: Lin Mei, CC BY 2.0

„Ils sont fous, ces Romains!“, „Die spinnen, die Römer!“, variiert Goscinny munter für alle Völker und Volksgruppen, zu denen Asterix und sein bester Freund Obelix reisen. Alle sind sie auf ihre eigene sympathisch schrullige Weise ein bisschen „fou“.
Der beleibte Hinkelsteinproduzent Obelix wiederum macht immer wieder mit Nachdruck deutlich, dass er keinesfalls „dick“ sei, „nur etwas kräftig gebaut“.
Die einzige wirkliche Sorge des Dorfchefs Majestix ist dagegen, dass „der Himmel uns auf den Kopf fällt“. Die Übermacht des römischen Imperiums und ihrer bis an die Zähne bewaffneten Militärmaschinerie lässt ihn und seine Dorfgenossen dagegen völlig ungerührt.
Schon die ikonischen Zeilen auf der ersten Seite eines jeden Bandes klären zum Vergnügen von Generationen über die unverrückbare Ausgangslage auf: „Wir schreiben das Jahr 50 vor Christus“, steht dort unter der Landkarte Galliens geschrieben, auf der eine große Lupe das winzige gallische Dorf und die Römerlager hervorhebt, die es umzingeln. „Ganz Gallien ist besetzt … Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“
Doch was ist es, das diesem Dorf und seinen eigenwilligen Bewohnern die Zuversicht schenkt, sich unverdrossen gegen seine Gegner zu stellen? Es ist das wundersame Wissen des Dorfdruiden Miraculix um ein geheimnisvolles Gebräu, das ungeahnte Zauberkräfte verleiht.
Oder ist es vielleicht so, wie es Anne Goscinny, die Tochter des Szenaristen, in einem Interview aus dem Jahr 2019 beschreibt? „Das Lachen ist der wahre Zaubertrank. Ich meine damit die Fähigkeit, die schlimmsten Bedrohungen ins Lächerliche zu ziehen und diese so zu überstehen.“

Hommage an einen Freund

Am 6. November des Jahres 1977 ist sie gerade neun Jahre alt, als ihr Vater völlig unerwartet bei einem medizinischen Belastungstest kollabiert und stirbt. Die abendliche Hauptnachrichtensendung des staatlichen französischen Fernsehens beginnt mit dieser erschütternden Nachricht. Frankreich trauert um Goscinny, wie um einen guten Freund.
Albert Uderzo, mit dem René Goscinny gerade intensiv am 24. Abenteuer des kleinen Galliers gearbeitet hatte, reagiert auf ganz eigene, berührende Weise. Nach dem Tod seines Freundes zeichnet er für dieses letzte Gemeinschaftsprojekt nur noch Bilder, auf denen es aus grauen Wolken regnet.
Beim traditionellen Festbankett der Dorfbewohner, das dieses wie jedes Abenteuer der Gallier beschließt, geht ein kleines Kaninchen, in Anspielung auf einen Kosenamen des Freundes, aus dem Bild und blickt traurig auf Goscinnys Signatur zurück.
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Wenn Wahrheit zum Sprichwort wird

Die meisten von uns möchten doch „weise“ sein, oder? Oder zumindest wollen wir anderen als weise angesehen werden.
Weise zu wirken, verschafft einem zweifellos Ansehen. Doch woher kommt Weisheit? Das Alte Testament hat hier eine eindrucksvolle Antwort parat: „Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn.“ Das heißt, Weisheit beginnt nicht mit Intelligenz, Bildung oder Erfahrung, sondern mit Demut: mit der Erkenntnis, dass die Wirklichkeit größer ist als wir selbst. Mit anderen Worten: Weisheit erwächst aus einer bestimmten Haltung zur Wirklichkeit und nicht aus der bloßen Anhäufung von Wissen.
Einer der vielleicht merkwürdigsten Widersprüche zu dieser Vorstellung zeigte sich in der Reaktion des englischen Philosophen Herbert Spencer (1820–1903) auf eine Anmerkung der Schriftstellerin George Eliot (1819–1880). Spencer, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, galt als eines der größten Genies des 19. Jahrhunderts. In A. N. Wilsons Buch „God’s Funeral“ (1999) erfahren wir: „Als George Eliot Spencer ein Kompliment für seine faltenfreie Stirn machte, antwortete er, dass ihn noch nie wirklich etwas verblüfft habe.“

Gutes kommt in kleinen Paketen

Eine besonders seltsame Eigenschaft der Weisheit ist, dass sie oft in sehr kleinen Portionen zu uns kommt. Ein Satz, ein Sprichwort, ein Fragment, eine Zeile aus der Kindheit, ein Spruch aus der Heiligen Schrift, eine Maxime aus dem alten Orient: Diese können sich jahrzehntelang im Gedächtnis festsetzen. Tatsächlich können sie ganze Bücher, Vortragsserien und Denksysteme überdauern.
Wir leben im Informationszeitalter. Doch Information ist nicht gleichbedeutend mit Weisheit. Information sammelt sich an; Weisheit verdichtet sich. Information vermittelt uns immer mehr Wissen über die Welt; Weisheit zeigt uns, wie wir in ihr leben sollen. Information gibt es im Überfluss; Weisheit ist rar. Vielleicht hat die Antike deshalb so oft den Aphorismus, die Maxime, das Sprichwort und den einprägsamen Ausspruch bevorzugt. Sie wusste, dass eine Wahrheit, die es wert ist, bewahrt zu werden, leicht zu vermitteln sein muss.
Man denke an die berühmte Zeile aus dem „Tao Te King“: „Wer andre kennt, ist klug. Wer sich selber kennt, ist weise.“ Der Spruch ist kurz, hat aber eine überraschend tiefe Bedeutung. Er unterscheidet Klugheit von Selbsterkenntnis. Andere zu kennen, mag uns erfolgreich machen. Uns selbst zu kennen, beginnt uns ganz zu machen. Diese Erkenntnis ist nicht nur chinesisch oder östlich; sie steht in starkem Einklang mit dem griechischen Gebot von Delphi: „Erkenne dich selbst.“ Sie nimmt auch viele Aspekte der modernen Psychologie vorweg, in der Selbsttäuschung oft das erste Hindernis auf dem Weg zur Heilung ist.

Laozi bei der Verkündung des „Tao Te King“, 16. Jahrhundert, von einem Künstler der Ming-Dynastie. Handrolle, Tusche auf Papier. Freer Gallery of Art, Washington.

Das Buch der Sprüche erfüllt in der biblischen Tradition eine ähnliche Funktion. Es greift moralische Erfahrungen auf und fasst sie in einprägsamer Form zusammen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“, heißt es dort. Das ist keine Schwäche, sondern Selbstbeherrschung. Auf Zorn mit Zorn zu reagieren, ist leicht. Zorn mit innerer Ruhe und Disziplin zu begegnen, ist Weisheit. Das Sprichwort setzt etwas sehr Anspruchsvolles voraus: dass unsere unmittelbare emotionale Reaktion nicht immer unsere wahrhaftigste Antwort ist. Wer seinen Zorn besänftigen kann, hat es geschafft, etwas Aufgewühltes in sich selbst zu bezwingen.
Und dann ist da noch die bekannte Warnung: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Auch dieser Satz ist uns beinahe schon allzu vertraut geworden. Und doch bringt er eine der tiefsten Wahrheiten über den Menschen zum Ausdruck. Hochmut macht uns nicht nur unangenehm, er macht uns blind. Wer hochmütig ist, kann keine Kritik annehmen, nichts dazulernen, keine Reue zeigen und sein Gegenüber nicht wirklich sehen. Hochmut ist daher nicht nur ein moralischer, sondern auch ein intellektueller Fehltritt: Er verzerrt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Die vielleicht eindringlichste Darstellung dieser Blindheit, die je außerhalb religiöser Schriften verfasst wurde, findet sich in Dantes „Göttlicher Komödie“. Die Seelen in der Hölle sind genau in diesem Sinne blind. Sie können denken, argumentieren und sich erinnern, aber sie vermögen die Wirklichkeit nicht so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Tatsächlich gehört das Verb „sehen“ – abgesehen von den unverzichtbaren Verben „sein“ und „haben“ – zu den am häufigsten wiederkehrenden Verben des gesamten Gedichts. Dantes ganze Reise ist ein Prozess, in dem er lernt, richtig zu sehen; die Tragik der Hölle hingegen besteht darin, dass ihre Bewohner dazu nicht mehr in der Lage sind.

Dante mit seiner „Göttlichen Komödie“ in der Hand, neben dem Eingang zur Hölle, den sieben Terrassen des Fegefeuers und der Stadt Florenz, darüber die Himmelssphären, 1465, in einem Fresko von Domenico di Michelino. Kathedrale Santa Maria del Fiore, Florenz.

Foto: gemeinfrei

Die großen Fragen

Auch Jesus spricht häufig in Wendungen, die längst Teil des moralischen Wortschatzes unserer Zivilisation geworden sind. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Das ist ein geradezu entwaffnend einfacher Prüfstein. In einer Welt der äußeren Erscheinungen, Behauptungen, Rhetorik und Selbstdarstellung führt uns dieser Satz zurück zu den Folgen. Was bringt ein Leben hervor? Was entsteht aus dieser Lehre, dieser Führungspersönlichkeit, dieser Bewegung, dieser Handlung? Gute Absichten allein genügen nicht. Eindrucksvolle Worte ebenso wenig. Am Ertrag erkennen wir den Baum.
Oder noch einmal: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Es ist einer der berühmtesten Sätze der Welt und zugleich einer der am häufigsten missverstandenen. Er bedeutet nicht, dass Wahrheit immer angenehm ist oder uns sofort Trost spendet. Nicht selten verletzt uns die Wahrheit zunächst. Sie entlarvt Illusionen, Bindungen, falsche Selbstbilder und bequeme Lügen. Doch gerade dadurch befreit sie uns. Unwahrheit mag trösten, aber sie hält gefangen. Die Wahrheit mag uns beunruhigen, aber sie befreit uns.
Am eindringlichsten ist vielleicht die Frage: „Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ Hier nimmt Weisheit nicht die Form einer Aussage an, sondern die einer Frage. Einer Frage, die sich niemals abschließend beantworten lässt. Sie zwingt uns zu überlegen, was wir bereit sind, für Erfolg, Anerkennung, Reichtum, Einfluss, Bequemlichkeit oder auch nur das eigene Überleben preiszugeben. Dahinter steht die Annahme, dass es im Menschen etwas gibt, das kostbarer ist als jeder weltliche Gewinn. Man kann dieses Etwas Seele nennen, Gewissen, Integrität, Personsein oder Ebenbild Gottes.
Wie auch immer wir es nennen mögen, die Warnung ist eindeutig: Verkaufe nicht das Tiefste in dir für etwas, das weniger wert ist als du selbst. Der Schriftsteller Patrick Harpur hat es so ausgedrückt: „Auch wenn wir nicht ausdrücklich religiös sind, können wir wohl alle die Vorstellung nachempfinden, dass es einen Teil in uns gibt, der um keinen Preis verkauft, verraten oder verloren werden darf.“

Weisheit in Worten

Diese Aphorismen überdauern, weil sie mehrere Dinge zugleich leisten: Erstens sind sie einprägsam. Ihre sprachliche Form ist entscheidend. Eine unbeholfen formulierte Wahrheit gerät leicht in Vergessenheit; ein gut formulierter Ausspruch bleibt bestehen. Zweitens lassen sie sich weitergeben: von Eltern an Kinder, von Lehrenden an Lernende, von Älteren an die Gemeinschaft. Drittens sind sie auslegbar und entfalten mit der Zeit immer neue Bedeutung. Ein Sprichwort mag kurz sein, aber es ist nicht oberflächlich. Man kann in verschiedenen Lebensphasen zu ihm zurückkehren und darin mehr entdecken, als man zunächst dachte.
Das ist einer der Gründe, warum sich die Weisheit der Antike so deutlich von vielem unterscheidet, was heute als Lebensrat gilt. Moderne Ratschläge sind häufig therapeutisch, strategisch oder technisch ausgerichtet. Sie erklären uns, wie wir uns optimieren, mit Belastungen umgehen, Einfluss gewinnen, Netzwerke knüpfen, Erfolg haben oder uns besser fühlen können. Die klassische Weisheit blendet solche Fragen nicht aus, doch sie richtet den Blick meist auf Grundsätzlicheres: Was ist ein gutes Leben? Was ist die Seele? Was ist Tugend? Was ist Gerechtigkeit? Was schulden wir Gott, unseren Mitmenschen, unserer Familie, der Gemeinschaft und der Wahrheit
Aphoristische Weisheit ist daher weit mehr als eine Sammlung kluger Zitate. In ihrer besten Form ist sie quasi eine Schule der Wahrnehmung. Sie lehrt uns, die moralische Ordnung der Wirklichkeit zu erkennen. Sie mahnt uns: Hüte dich vor Hochmut, übe Sanftmut, strebe nach Selbsterkenntnis, verwechsle Reichtum nicht mit Wert, prüfe die Früchte und vergiss die Seele nicht.
Natürlich haben Aphorismen auch ihre Grenzen. Gerade weil sie so knapp sind, können sie leicht falsch verwendet werden. Ein Sprichwort kann zum Klischee verkommen, ein Ausspruch zitiert werden, ohne wirklich verstanden zu werden. Schlimmer noch: Weisheitssprüche können zu Waffen werden – eingesetzt, um andere zum Schweigen zu bringen, statt etwas zu erhellen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“ darf nicht dazu dienen, Feigheit angesichts des Bösen zu rechtfertigen. „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ sollte nicht zur bloßen Motivationsfloskel verkommen. Und „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ darf nicht als Vorwand für vorschnelle Urteile dienen, noch bevor sich überhaupt irgendwelche Früchte zeigen konnten.
Trotzdem bleibt der Aphorismus eines der großen Medien der Zivilisation. Eine Gesellschaft, die ihre Sprichwörter und Sinnsprüche verliert, verliert auch einen Teil ihres Gedächtnisses. Sie wird wortreicher, aber nicht zwangsläufig weiser. Sie mag unablässig reden und doch nichts sagen, was es wert wäre, wiederholt zu werden. Gerade in unserem zerstreuten Zeitalter brauchen wir solche Sätze vielleicht mehr denn je. Nicht als Parolen und nicht als dekorative Zitate in den sozialen Medien, sondern als Anstöße zum Nachdenken. Im richtigen Augenblick gesprochen, kann der richtige Satz Torheit Einhalt gebieten, Trost in der Trauer spenden, das Gewissen wachrütteln und uns zu uns selbst zurückführen.
Weisheit muss also nicht zwangsläufig in Form eines Systems auftreten. Manchmal kommt sie in Form eines einzigen Satzes. Wenn dieser wahr genug ist, verbringen wir vielleicht den Rest unseres Lebens damit, in ihn hineinzuwachsen.
In unserem nächsten Artikel dieser Reihe werden wir uns mit einer noch kraftvolleren Form verdichteter Weisheit befassen: der Parabel. Wir werden sehen, wie Geschichten noch tiefer in den Kern der Dinge vordringen und eine anregende, tiefgründige und unerschöpfliche Weisheit vermitteln.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Classical Wisdom: When Truth Becomes a Saying“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Im Grase – von Annette von Droste-Hülshoff

Im Grase

Süße Ruh‘, süßer Taumel im Gras,
Von des Krautes Arome umhaucht,
Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut,
Wenn die Wolk‘ am Azure verraucht,
Wenn aufs müde, schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt‘ auf ein Grab.
Wenn im Busen die Toten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschloßne Wimper bewegt,
Tote Lieb‘, tote Lust, tote Zeit,
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.
Stunden, flüchtger ihr als der Kuß
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des ziehenden Vogels Lied,
Das mir nieder perlt aus der Höh,
Als des schillernden Käfers Blitz,
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der heiße Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.
Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses Eine mir: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück meinen Traum.
 
Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848)
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An meinen Lehrer – von Joachim Ringelnatz

An meinen Lehrer

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.
Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.
Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
Nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.
 
Joachim Ringelnatz (1883–1934)
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Atmend steh ich – von Renate Lilge-Stodieck

Atmend steh ich

Die Quellen alter Kraft
sind nun für mich versiegt.
Sie hießen Kampf
und Macht.
Wohl hab ich reichlich auch
an ihnen
meinen Mut gestärkt,
die Angst ertränkt
und die Verachtung
aufgebläht.
Und trefflich konnt
mit Worten ich
erschlagen,
was sich mir
in den Weg gestellt.
Doch brauch ich’s
nun nicht länger,
denn meine Füße
sanken
bis auf den Grund
und atmend steh ich
in dem tiefsten Meer.
Den Himmel lieb ich
wandernd
auf der Erde Rund,
er senkt sich nieder,
selbst die Flügel
wurden mir zu schwer.
So, in der Mitte
schwingend
lausch ich,
was die Erde singt,
geb ich mich hin,
dass Meer und Himmel
täglich neu
durch mich erklingen.
Nein, Kampf und Macht
Und Sieg und Niederlage,
sie speisen mich nicht mehr.
Aus einer andern Quelle
strömt meine Kraft
mir her.
Renate Lilge-Stodieck
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Genies Geheimnis: Johann Sebastian Bachs musikalischer „Symbolismus“

Bachs Genie ist zugleich sein größtes Geheimnis. Johann Sebastian Bach hinterließ keine persönlichen Briefe, die Einblick in sein Privatleben gewähren, und kein Tagebuch, das seinen Kompositionsprozess erklärt.
Historiker suchen bis heute in seinen Werken nach verborgenen Botschaften. Manche vermuten numerische Muster, andere erkennen darin theologische Hinweise. Doch offenbaren diese Entdeckungen tatsächlich eine tiefere Bedeutung – oder sind sie lediglich das Produkt allzu fantasievoller Interpretationen?

Porträt von Johann Sebastian Bach, deutschem Organisten und Barockkomponisten, (1685–1750). Stich und Druck von Weger aus Leipzig, Mitte 19. Jahrhundert, nach einem Gemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1746.

Foto: FierceAbin/iStock

Ein Geburtstagslied für den Herzog

Als junger Mann war Bach Hoforganist von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar. Zu dessen 52. Geburtstag im Jahr 1713 komponierte Bach eine Arie. Dieses Werk, BWV 1127, enthält zu Ehren seines Gönners ein wiederkehrendes Grundthema mit 52 Tönen.
Als weitere versteckte Anspielung ergeben die Anfangsbuchstaben des dritten Wortes in der zweiten Zeile jeder Strophe zusammengenommen den Namen des Herzogs.
Diese raffinierte Komposition blieb bis 2005 unbekannt. Ein Forscher entdeckte sie in einer Kiste mit Dokumenten aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

Zehn Gebote, zehn Melodien

Im Eingangschor der Kantate 77 integriert Bach ein Werk von Martin Luther, „Dies sind die heil’gen zehn Gebot“, auf eine Weise, die viele als theologisch-symbolisch interpretiert haben.
Hier setzt zehnmal eine Trompete ein und spielt zehn verschiedene musikalische Phrasen aus dem Hymnus, die jeweils ein Gebot symbolisieren. Der Titel des Chors, „Du sollst Gott, deinen Herren, lieben“, stammt, wie auch der Text, den der Chor singt, aus dem Lukasevangelium.
Die Trompete symbolisiert das Gesetz des Alten Testaments und rahmt das neutestamentliche Gebot des Chors ein, Gott und den Nächsten zu lieben.

Moses bei der Verkündung der Zehn Gebote. Stich, Ende 16. Jahrhundert.

Die Dreifaltigkeit

Viele heben die besondere Symbolik in Bachs Präludium und Fuge in Es-Dur (BWV 552) hervor, die den Anfangs- und Schlusssatz seiner „Clavier-Übung III“ oder Deutschen Orgelmesse bilden.
Laut dem Organisten und Nobelpreisträger Albert Schweitzer sei die Tripelfuge des Werkes „ein Symbol der Dreifaltigkeit“. Schweitzer bemerkte, dass die erste Fuge „ruhig und majestätisch“ sei und die „gleichförmige“ Bewegung den Vater darstelle.
Die zweite Fuge verschleiere das Thema, das „nur gelegentlich in seiner wahren Gestalt erkennbar ist, als wolle man andeuten, dass das Göttliche eine irdische Form annimmt“ – den Sohn.
In der dritten Fuge werde das Thema durch raschen Kontrapunkt transformiert. Die Themen überlagern sich im Verlauf des Werkes und deuten so die Vereinigung von Vater und Sohn im Heiligen Geist an.

Tafelbild „Heilige Dreifaltigkeit“ in der Wegkapelle bei Irlahüll, Oberbayern.

Foto: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Symbol des Kreuzes

Das Wohltemperierte Klavier (BWV 849) enthält unter anderem die fünfstimmige Fuge in cis-Moll. Sie zeichnet sich durch zwei entgegengesetzte Melodielinien aus, die sich schließlich zu einem Kreuz vereinen.
Die visuelle Kontur dieses Kreuzmotivs im Notensystem korrespondiert mit seinem dissonanten Klang und vermittelt so einen Zustand der Qual. Dieses musikalische Motiv findet sich auch in der Matthäus-Passion, genauer im Chor „Er soll gekreuzigt werden“.

Name von mystischer Bedeutung

Unsere letzte numerische Erscheinungsform ist die außergewöhnlichste von allen. Wenn die Buchstaben BACH in Zahlen umgewandelt werden, die dem Alphabet entsprechen (A=1, B=2, C=3, H=8), ergibt die Summe 14. „JS BACH“ hat den Zahlenwert 41.
Diese Zahlen tauchen in Bachs Werken immer wieder als Kryptogramm auf. In mehreren Stücken, wie dem Brandenburgischen Konzert Nr. 2 (BWV 1047) und der Sinfonia in f-Moll (BWV 795), erscheint sein Name als musikalische Signatur, wobei die Note b für den Buchstaben B und h für H steht.
Im Jahr 1726 begann er mit der Veröffentlichung der sechs Partiten, die den ersten Teil seiner „Clavier-Übung“ bilden. Er war 41 Jahre alt, und das Werk umfasst 41 Sätze.

Titelseite der „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach.

Die Numerologie erscheint in „Die Kunst der Fuge“ mit schwindelerregender Komplexität.
In seinem Buch „Rethinking JS Bach’s ‚The Art of Fugue’“ (auf deutsch etwa: „,Die Kunst der Fuge“‘ von J. S. Bach neu betrachtet“) stellte Anatoly Milka, Professor für Musikwissenschaft am Staatlichen Rimski-Korsakow-Konservatorium in Sankt Petersburg und an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, etwas Bemerkenswertes fest: Die beiden Originalmanuskriptseiten der Fuge IV erzeugen, wenn sie zusammengelegt werden, einen visuellen Effekt, der einem Ambigramm ähnelt, eine Art Rätsel, das aus verschiedenen Perspektiven betrachtet eine jeweils andere Bedeutung annimmt.
Zunächst einmal besteht das Hauptthema der Sammlung, das hier erstmals als Melodie erscheint, aus 14 Noten. Milka entdeckte außerdem, dass, wenn man die beiden Seiten im Querformat liest, der üblicherweise als Takt 41 gelesene Takt zu Takt 14 wird. Darüber hinaus enthält dieser Takt 14 Noten, und die Buchstaben der ersten Noten im oberen Teil des Taktes ergeben das Alphabet BACH.
Ist das alles Zufall? Milka räumt diese Möglichkeit ein, sagt aber dennoch, dass es einfach zu viele Zeichen konzentriert auf einer Stelle gebe, als dass man von einem Zufall ausgehen könne.
Obwohl die Bedeutung dieser Zahlen für Bach unbestritten ist, bleiben Fragen nach ihrer genauen Bedeutung offen. Für manche sind sie lediglich ein spielerisches kleines Rätsel, das er in seine Werke einfließen ließ.
Für den Musikhistoriker Hans Heinrich Eggebrecht besitzt Bachs Selbstbezug in seiner eigenen Musik jedoch kosmische Bedeutung. Eggebrecht hebt den Zusammenhang zwischen dem Bach-Thema, das im letzten Satz der „Kunst der Fuge“ wiederkehrt, und dem unvollendeten Charakter des Werkes hervor, da es kurz vor dem Tod des Komponisten entstand.
So wollte Bach, laut Eggebrecht, mit der Verwendung seines Namens nicht hervorheben, dass er dies komponiert habe, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass er mit der Tonika – dem Grundton der Tonart – verbunden sei. Denn die Tonart d-Moll vereine das Werk mit Gott (Deo).
Er sah in Bach jemanden, der nach Vereinigung mit seinem Schöpfer strebte.

Auftritt der Skeptiker

Abgesehen von Beispielen mit einem konkreten musikalischen Zweck, wie etwa dem Geburtstag des Herzogs von Weimar, werden Behauptungen über eine tiefere Symbolik in den Werken des Komponisten von Kritikern oft zurückgewiesen.
Für den Musikwissenschaftler und Bach-Spezialisten Peter Williams ist das Kreuzmotiv lediglich ein Zufall, der eine gängige Kombination von Noten darstellt, und die Melodien der Zehn Gebote in der Kantate Nr. 77  sind für ihn eine einfache Anspielung, jedoch kein subtiler theologischer Hinweis.

Das autographe Manuskript des Eröffnungschors der Kantate „Du sollt Gott, deinen Herren, lieben“ (BWV 77) von Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 1723.

Fehlende Beweise sind jedoch kein Beweis für die Abwesenheit. Die vielleicht gewagteste Vermutung von allen ist, dass Bach – ein tief religiöser Mensch, der sich offensichtlich an Zahlenspielen und Rätseln erfreute – seine Musik niemals symbolisch strukturierte.
Was die Bedeutung sein könnte, erscheint ziemlich offensichtlich: Bach wollte Gott durch seine Musik preisen und um dies zu erreichen, strukturierte er seine Kompositionen auf tiefgründige Weise. Mehr noch – statt Bedeutung in der Musik zu verbergen, verlieh er der Musik Bedeutung.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Bach’s Musical Symbolism“. (redaktionelle Bearbeitung: so)
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Mendelssohn, Sinfonie Nr. 3: Ein melancholischer Tribut an Schottland

Es war Juli 1829, und Jakob Ludwig Felix Mendelssohn Bartholdy befand sich inmitten der Ruinen des Palace of Holyrood in Edinburgh, Schottland.
Der 20-Jährige hatte zu Beginn des Jahres eine Reihe leidenschaftlicher Konzerte in London mit der London Philharmonic Society gegeben. Nach dem überwältigenden Erfolg seiner Ersten Sinfonie und seinen Klavierdarbietungen vor einem begeisterten Londoner Publikum muss die Stille der schottischen Landschaft eine willkommene Erholung gewesen sein.
Man kann sich vorstellen, wie der junge Komponist angesichts der Klarheit der einsetzenden Nacht zu den sich langsam abzeichnenden Sternen blickte, ganz so, als ob sich nun der dunkle Nachthimmel in ein Meer aus Licht verwandele.

Verbunden mit der Geschichte, inspiriert vor Ort

Es war jene Nacht in den schottischen Ruinen, in der Mendelssohn die Inspiration für eine Sinfonie bekam. Es drängte ihn, seine Erfahrungen in einem Brief an seine Familie zu verewigen:
„In der tiefen Dämmerung gingen wir heut nach dem Palaste, wo Königin Maria gelebt und geliebt hat. (…) Der Kapelle daneben fehlt nun das Dach, Gras und Epheu wachsen viel darin, und am zerbrochenen Altar wurde Maria zur Königin von Schottland gekrönt. Es ist da alles zerbrochen, morsch und der heitere Himmel scheint herein. Ich glaube, ich habe heut da den Anfang meiner Schottischen Symphonie gefunden.“ (Mendelssohn Bartholdy, Felix: Brief an die Familie, Edinburgh, 30. Juli 1829)
Dem Brief war eine kleine Melodie beigefügt. Dieses Fragment entwickelte sich zum Eröffnungsthema der Sinfonie und wurde zum thematischen Grundgerüst der späteren Komposition. Die Sinfonie sollte als „Schottische Sinfonie“ in die Musikgeschichte eingehen.

Von den Nebeln Schottlands zur Sonne Italiens

Obwohl die Holyrood Chapel in ihm einen ersten kreativen Schub auslöste, reichte diese Inspiration allein nicht aus, um das Werk zu vollenden, und er legte es beiseite.
Nach einer Reise durch Großbritannien besuchte Mendelssohn den Süden Europas, und die melancholische Atmosphäre Schottlands verblasste in der Erinnerung. Die sonnigen Küsten Italiens boten ihm neue künstlerische Impulse. Allerdings hinderten sie ihn auch daran, die düstere Stimmung wiederzufinden, die ihn einst so fasziniert hatte.
Ironischerweise beklagte er später, wie der „heitere blaue Himmel“ des Mittelmeers ihn daran gehindert habe, seine „neblige schottische Stimmung“ wiederzuerlangen. Jedoch gab er das schottische Projekt nie auf. Trotz zunehmender Verantwortung als Komponist, Dirigent und Pianist entwickelte er die Sinfonie nach und nach weiter.
Als Mendelssohn Anfang der 1840er Jahre die Hauptarbeit an der Sinfonie wieder aufnahm, hatte die Zeit den jungen Komponisten verändert. Mendelssohns jahrelange Erfahrung vertiefte seine musikalische Sprache und ermöglichte es ihm, die jugendliche Inspiration in ein Werk zu formen, das von unglaublicher Reife und Tiefe geprägt wurde.
Im Januar 1842 vollendete Mendelssohn diese Sinfonie und führte sie am 3. März desselben Jahres im Gewandhaus in Leipzig erstmals auf. Obwohl sie die letzte fertiggestellte Sinfonie seines musikalischen Schaffens war, wurde das Werk als Sinfonie Nr. 3 veröffentlicht.
Ein Porträt von Felix Mendelssohn, 1833. Mendelssohn hielt seinen Eindruck einer abendlichen Dämmerung in der dachlosen Holyrood Chapel fest und verarbeitete ihn im Beginn seiner „Schottischen“ Sinfonie. Foto: Eduard Bendemann, gemeinfrei

Ein Porträt von Felix Mendelssohn, 1833. Mendelssohn hielt seinen Eindruck einer abendlichen Dämmerung in der dachlosen Holyrood Chapel fest und verarbeitete ihn im Beginn seiner „Schottischen“ Sinfonie.

Foto: Eduard Bendemann, gemeinfrei

Die „Schottische“ Sinfonie

Mendelssohn ordnete an, das Stück ohne Pausen aufzuführen. Die Art und Weise, wie jede Melodie sich auf das Eröffnungsthema bezieht, schafft eine innige Verbindung zwischen den Sätzen. Die „Schottische“ Sinfonie erhielt viel Lob für ihre Balance zwischen romantischen Gefühlen und der klassischen Klarheit. In ihr wurden traditionelle sinfonische Formen subtil erweitert.
Obwohl Mendelssohn niemals explizit eine Szene für das Werk beschrieb, kann man sich vorstellen, wie die ausladenden Phrasen des ersten Satzes in a-Moll einsame Täler und düstere Wolken geradezu heraufzubeschwören scheinen.
Die Klarinetten und Bratschen führen zuerst jenes düstere Thema ein, welches er seinem Brief nach Hause beigefügt hatte. Eine pulsierende, plätschernde Melodie folgt darauf.
Mendelssohn weicht dem erwarteten Übergang in eine Dur-Tonart aus und wählt stattdessen e-Moll. Die nun stürmische Stimmung entwickelt sich und steigert sich zu einer donnernden Intensität, bevor sie zur Eröffnungsfigur zurückkehrt. Diesmal jedoch lässt einen das Pizzicato-Zupfen der Streicher ganz am Ende der Musik fragend und ungewiss zurück – auf der Suche nach einem Abschluss.

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Genießen Sie Edward Gardners Aufnahme des ersten Satzes von Mendelssohns Sinfonie Nr. 3 mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra. Besonders interessant wirkt der Umgang des Orchesters mit Texturen und Dynamik.
Edward Gardners Interpretation bringt Klarheit in die Musik, ohne ihre anschauliche Bildhaftigkeit zu stören. Gemeinsam mit dem ausdrucksstarken Spiel des Orchesters wird man eindrucksvoll in eine feierliche schottische Landschaft versetzt.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Tune in Today: Mendelssohn Symphony No. 3 Is a Scottish Tribute“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)