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Eine einstige Ruine im Einklang mit Stein, Wasser und einer frischen Brise

An den sonnigen Ufern des Flusses Guadiana in Andalusien, wo Spanien und Portugal aufeinandertreffen, steht ein außergewöhnliches Haus – das „Piedra y Agua“, was wörtlich übersetzt „Stein und Wasser“ bedeutet. Dieses kompakte, markante Refugium ohne Innentüren schafft eine meisterhafte Balance zwischen lebendig gewordener Geschichte, den klaren Linien des zeitgenössischen iberischen Designs und einer vom Fluss geprägten Lebensweise.
Das Haus befindet sich in Sanlúcar de Guadiana, einem Dorf mit etwas mehr als 400 Einwohnern, dessen Geschichte seit jeher vom Wasser geprägt ist. Als erster geschützter Ankerplatz landeinwärts des Atlantiks diente Sanlúcar als wichtiger Treffpunkt für Seeleute und Reisende. Über Generationen hinweg entschieden sich viele von ihnen, hier dauerhaft anzulegen und sich niederzulassen. Dadurch schufen sie nicht nur eine einzigartige Kultur, sondern auch eine tiefe Verbindung mit dem Fluss.
Für Olga, die Eigentümerin der Immobilie, ist das Projekt der Höhepunkt einer jahrzehntelangen Liebesbeziehung zum Fluss. Nachdem sie jahrelang mit dem Boot den Guadiana bereist und an seinen Ufern übernachtet hatte, sehnte sie sich nach einem dauerhaften Rückzugsort. Der perfekte Platz dafür schien ihr in den verfallenen Steinruinen eines alten Grenzpostens der Guardia Civil aus dem 19. Jahrhundert, der einst zur Überwachung des Flussverkehrs und zur Bekämpfung lokaler Schmuggler diente.
Für ihr Projekt beauftragte die Besitzerin zwei Architekturbüros: das in Sevilla ansässige Zurita Studio sowie das in Madrid und Padua tätige Kalibra Arquitectura. Statt das Gebäude historisch zu restaurieren, wurde die 150 Jahre alte Steinruine als strukturelles Gerüst genutzt. Die Steinmauern bilden das tragende Element und definieren die Grundfläche des Hauses. Das nicht nur optisch raue Mauerwerk des historischen Wachturms prägt Licht, Raum und den Charakter der zeitgenössischen Sanierung im Inneren des Gebäudes.
Dieses Zusammenspiel aus rauer, historischer Fassade und stilvoller Innenausstattung folgt einer konsequenten „Ökonomie der Mittel“. Trotz des begrenzten Budgets entstand so eine überzeugende Verbindung von historischer Bausubstanz und zeitgenössischer Gestaltung. Mit poetischem Pragmatismus haben sich die Architekten dem Kreislaufprinzip verschrieben: Wiederverwertung, Zurückhaltung und kreative Neuerfindung.
Die Materialpalette ist sorgfältig aufeinander abgestimmt. Aus der ursprünglichen Ruine wurden verwitterte Dachbalken aus Kiefernholz ausgebaut und zu einer schwebenden Treppe sowie minimalistischen Küchenelementen verarbeitet. Ein weicher, sandfarbener Mikrozement fließt nahtlos über die Böden und erhebt sich zu Arbeitsplatten, integrierten Spülbecken und offenen Duschwannen, wodurch eine ruhige, einheitliche Fläche entsteht.
Vor diesen sauberen, durchgehenden Flächen kommt die Struktur lokaler Handwerkskunst besonders gut zur Geltung. Eine großformatige, geflochtene Lampe aus Espartogras hängt eindrucksvoll von der hohen Kiefernholzdecke herab. Neben dem alten, freiliegenden Mauerwerk schaffen ein antiker Holzschrank und zeitgenössische Werke eines argentinischen Malers einen stillen Dialog zwischen der Geschichte der Grenzregion und modernem kreativem Ausdruck.
Die vielleicht radikalste gestalterische Entscheidung bei „Piedra y Agua“ ist jedoch das, was fehlt: Das Haus verfügt über keine Klimaanlage. Im Süden Andalusiens, wo die Sommertemperaturen regelmäßig in die Höhe schnellen, wird stattdessen auf eine alte Methode der Raumkühlung gesetzt.
Die fast einen Meter dicken Steinmauern wirken wie ein Wärmespeicher, die tagsüber die Sonnenwärme aufnehmen und nachts langsam wieder abgeben. Eine schräge Dachlinie erhebt sich eindrucksvoll zum Fluss hin und bildet einen doppelt so hohen Raum im Inneren, wo warme Luft auf natürliche Weise verteilt und nach oben abgeleitet wird, weg von den Wohnräumen. Strategisch platzierte Querlüftung, versenkte Westfenster, die als struktureller Sonnenschutz dienen, sowie eine kühlende Brise vom Guadiana runden das Konzept ab.
Durch den Verzicht auf Innentüren und Wände entfaltet das Haus seinen Charme als fließende Abfolge von Gemeinschaftsräumen. Diese gehen nahtlos ineinander über und laden zu einem Leben in ständiger Verbundenheit mit dem Wasser, der Brise und dem wechselnden Licht der Grenzregion ein.
Letztendlich liefert die „Piedra y Agua“ ein überzeugendes Beispiel für folgende Erkenntnis: Die luxuriösesten Häuser der Zukunft sind vielleicht nicht solche, die mit Technologie vollgestopft sind. Vielleicht sind es eher jene, die das uralte Wissen dieser Gegend respektieren.
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Juanca Lagares und Ulrich Stockhaus
Dieser Artikel erschien im Original auf magnifissance.com unter dem Titel „A House Without Doors: Embracing Stone, Water and River Breeze“. (redaktionelle Bearbeitung: sua)
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Willst die Welt du klar erschauen – von Joseph Victor von Scheffel

Willst die Welt du klar erschauen

Willst die Welt du klar erschauen,
Schaue erst, was vor dir liegt,
Wie aus Stoffen und aus Kräften
Sich ein Bau zusammenfügt.
Laß die Starrheit des Gewordnen
Künden, was belebend treibt;
In dem Wechsel der Erscheinung
Ahne das, was ewig bleibt.
Aus dem Dünkel eignen Meinens
Nie entkeimt die frische Saat,
Im Nachdenken nur erschwingt sich
Menschengeist zur Schöpfertat.
 
Joseph Victor von Scheffel (1826–1886)
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Kann Klang Steine versetzen?

Kann Klang Steine versetzen?
Aus heutiger Sicht erscheint diese Frage absurd. Zwar kann Klang Glas zerbrechen und ausreichend starke Schwingungen können physische Objekte beeinflussen, doch erwartet niemand ernsthaft, dass ein Musiker eine Leier in die Hand nimmt, einen Akkord anschlägt und dann dabei zusieht, wie sich Mauerblöcke zu Mauern auftürmen. Dennoch haben sich unsere Vorfahren immer wieder etwas sehr Ähnliches vorgestellt. In Mythen, Legenden und heiligen Geschichten besitzt Klang eine eigentümliche Macht über die Materie. Musik bewegt Steine. Worte erschaffen Welten. Trompeten lassen Mauern einstürzen. Am faszinierendsten ist jedoch, dass einige der geheimnisvollsten antiken Monumente der Welt bemerkenswerte akustische Eigenschaften aufweisen.
Was haben unsere Vorfahren über den Klang geglaubt?
Eines der eindrucksvollsten Beispiele stammt aus der griechischen Mythologie: Amphion, Sohn von Zeus und Antiope, war der legendäre Erbauer der Mauern von Theben. Während sein Bruder Zethus die Steine mit körperlicher Kraft trug, hatte Amphion eine andere Methode. Er spielte auf seiner Leier und die Steine folgten der Musik. Während er spielte, bewegten sich die großen Blöcke von selbst an ihren Platz und bildeten die Befestigungsanlagen der Stadt.
Es ist ein wunderschönes Bild, aber auch ein tiefgründiges. Die Zivilisation selbst entsteht durch Harmonie. Der Musiker zwingt die Materie nicht in eine Form; vielmehr reagiert die Materie auf ein in der Musik verkörpertes Ordnungsprinzip.
Eine ähnliche Überlieferung finden wir in Troja. Apollon und Poseidon sollen König Laomedon gedient und am Bau der prächtigen Mauern Trojas mitgewirkt haben. Spätere Überlieferungen haben die Geschichte weiterentwickelt und Apollons Musik mit dem wundersamen Aufrichten der Steine in Verbindung gebracht. Wieder einmal verschmelzen Musik und Mauerwerk auf geheimnisvolle Weise.
Diese antike Tradition inspirierte mich zu dem Gedicht namens „Apollon baut Troja mit seiner Leier“, das von der Society of Classical Poets veröffentlicht wurde. Ich stellte mir vor, wie der Gott spielt, während die Stadt vor seinen Augen Gestalt annimmt: „Die Mauer, die mit jeder Note, die er spielte, sichtbar emporragte, / das Entstehen dessen, was noch nicht war – / ganz Troja …“
Doch Apollon ist nicht nur ein Gott der Musik. Er ist auch ein Gott der Prophezeiung. So kann der göttliche Baumeister, der Trojas Entstehung sieht, auch über dessen Vollendung hinaus auf dessen Untergang blicken. Dieses Paradoxon – Klang, der aufbaut, und Klang, der zerstört – bringt uns an einen unerwarteten Ort.

Eine Illustration aus dem Jahr 1665, die Amphion zeigt, dessen Musik Steine bewegt, um Theben zu erbauen.

Foto: gemeinfrei

Im Buch Josua des Alten Testaments stehen die Israeliten vor der scheinbar uneinnehmbaren Stadt Jericho. Doch trotz aller Bemühungen gelingt es ihnen nicht, die Verteidigungsanlagen mit herkömmlichen Belagerungsmaschinen zu durchbrechen. Sechs Tage lang umkreisen die Israeliten die Stadt. Am siebten Tag blasen die Priester ihre Trompeten, das Volk jubelt, und die Mauern stürzen ein.
Egal, ob man dies nun in erster Linie als heilige Geschichte, als Wunder, als mythische Erzählung oder als eine Kombination aus all dem liest: Das fantasievolle Muster ist außergewöhnlich. In Theben errichtet Musik Mauern; in Jericho reißt Klang sie ein. Es scheint so, als würde der Klang den Stein beherrschen.

„Die sieben Trompeten von Jericho“, um 1896–1902, von James Jacques Joseph Tissot. Auf Karton, 18,7 × 30,7 cm, Jewish Museum, New York.

Foto: gemeinfrei

Ein wissenschaftlicher Zusammenhang

Vielleicht sind diese Geschichten nichts als Ergebnisse der menschlichen Vorstellungskraft. Doch ein faszinierendes modernes Forschungsgebiet – die Archäoakustik, also die Untersuchung akustischer Phänomene an antiken Stätten – macht das Bild nicht gerade einfacher. Man denke an Stonehenge.
Moderne akustische Untersuchungen, darunter Experimente mit einem Modell von Stonehenge im Maßstab 1:12, deuten darauf hin, dass der vollendete Steinkreis einen spürbaren Nachhall erzeugt hätte. Die innerhalb des Monuments erzeugten Klänge hatten eine Resonanz, die in der umgebenden offenen Landschaft fehlte: Die Forscher maßen eine Nachhallzeit von etwa 0,64 Sekunden und eine Verstärkung der Sprache um etwa 4,3 Dezibel. Sprache, Gesang, Trommeln oder Musik, die innerhalb des Kreises vorgetragen wurden, könnten daher ein ungewöhnlich kraftvolles Hörerlebnis geschaffen haben.
Das beweist nicht, dass Stonehenge als gigantischer Musikverstärker konzipiert wurde, geschweige denn, dass Schall die Steine irgendwie in ihre Position bewegt hätte. Wir sollten daher vorsichtig damit sein, aus noch so vielsagenden Hinweisen sensationelle Behauptungen zu machen.
Doch stellen Sie sich mal vor, Sie hätten vor viertausend Jahren einen solchen Ort betreten: Es gibt keine Motoren, keine Lautsprecher, keine aufgezeichnete Musik und keine elektronischen Verstärker. Den größten Teil Ihres Lebens verbringen Sie unter freiem Himmel, wo sich Schall schnell verflüchtigt. Dann betreten Sie einen riesigen Kreis aus aufgestellten Steinen. Ein Gesang setzt ein. Eine Trommel ertönt. Stimmen erheben sich gemeinsam – und plötzlich scheinen die Steine selbst den Klang zurückzuwerfen.
Würden Sie das einfach nur als einen interessanten akustischen Effekt erleben? Oder würden die Steine lebendig erscheinen?
In der Vorstellungswelt der Antike wurde sicherlich nicht so scharf zwischen belebter und unbelebter Natur unterschieden. Orpheus, der vielleicht größte Musiker der griechischen Mythologie, war in der Lage, Tiere, Bäume und sogar Felsen mit seiner Musik zu verzaubern. Sein Gesang drang bis in den Hades selbst vor und bewegte die Herrscher der Toten. Auch hier ist die Symbolik klar: Wahre Harmonie erreicht Orte, die rohe Gewalt nicht erreichen kann.
Hier nähern wir uns einer Idee, die noch elementarer ist als die musikalische Architektur. Die alten Griechen verwendeten den Begriff „Logos“, ein Wort, das Sprache und Vernunft umfasst; es ist das Prinzip, durch das die Dinge verständlich und geordnet werden. Jahrhunderte nach Amphion und Apollon stellte der Anfang des Johannesevangeliums eine der erstaunlichsten Behauptungen des westlichen Denkens auf: „Am Anfang war das Wort.“
Doch Johannes greift bewusst einen älteren Anfang auf. Das erste Kapitel der Genesis beschreibt Gott nicht so, als wäre er ein menschlicher Handwerker, der das Universum erschafft. Die Schöpfung geschieht vielmehr durch das Wort: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“
Gott spricht. Die Wirklichkeit gehorcht. Diese Abfolge hat auch etwas Merkwürdiges an sich, das unserer Intuition beinahe widerspricht: Bevor Licht zu sehen ist, gibt es das Wort, das zu hören ist. Auf eigenartige Weise spiegelt dies auch unsere eigene früheste menschliche Erfahrung wider. In der Dunkelheit des Mutterleibs, bevor wir die Welt sehen, begegnen wir ihr durch Klänge – den Rhythmus des Herzschlags der Mutter und den Klang ihrer Stimme.
Wir sind also über die Leier des Amphion hinausgegangen. Klang bewegt nicht bloß bereits vorhandene Steine zu Mauern; das göttliche Wort ruft das ins Dasein, was zuvor nicht existiert hat.

Eine italienische Renaissance-Kupferstichdarstellung der Sphärenharmonie von Guillaume Le Signerre.

Foto: gemeinfrei

Diese uralte Verbindung zwischen Klang, Ordnung und Schöpfung kann auch erklären, warum Musik so oft als mehr als bloße Unterhaltung angesehen wurde. Die pythagoreische Tradition stellte sich die kosmische Ordnung selbst in musikalischen Begriffen vor – die berühmte „Sphärenmusik“. Harmonie war nicht einfach nur etwas, das die Ohren erfreuen sollte; sie spiegelte die der Realität zugrunde liegenden mathematischen Proportionen wider.
Musik zu machen bedeutete also in gewisser Weise, die kosmische Ordnung nachzuahmen. Es ist auch nicht irrelevant, dass ein Dichter etymologisch gesehen ein „Schöpfer“ ist: Das griechische „poietes“ leitet sich von „poiein“ ab, was „machen“ oder „erschaffen“ bedeutet. Die Poesie selbst ist somit sprachlich in der Vorstellung verwurzelt, etwas zu erschaffen, das zuvor nicht existierte.
Vielleicht ist das der Grund, warum die entgegengesetzte Möglichkeit so beunruhigend ist. Wenn harmonischer Klang für Schöpfung und Ordnung steht, könnte Dissonanz auf Auflösung und Verfall hindeuten.
Als ich das Gedicht „Apollon baut Troja mit seiner Leier“ schrieb, fügte ich der antiken Geschichte bewusst einen modernen Schatten hinzu. Apollon sieht zu, wie Türme fast augenblicklich emporragen: „Wie lange? Höchstens 9 oder 11 Minuten? Wer weiß das schon genau?“
Dies ist eine Anspielung auf den 11. September 2001 und auf Türme, die nicht nur emporragten, sondern letztendlich einstürzten. Am Ende des Gedichts überwältigt Apollons prophetische Vision für einen Moment seine Zufriedenheit über das Geschaffene, und er vergießt eine einzelne Träne. Der Gott, der bauen kann, weiß, dass das Gebaute auch wieder zerstört werden kann.
Vielleicht sprechen uns diese alten Geschichten deshalb noch immer an. Die Zivilisation selbst ist eine Art Bauwerk. Sie erfordert Ordnung, Proportionen und Harmonie. Es braucht Generationen, um sie aufzubauen, und manchmal erstaunlich wenig Zeit, um sie zu zerstören.
Amphion spielt, und die Steine fügen sich zusammen; die Trompeten ertönen bei Jericho, und die Steine fallen.
Zwischen diesen beiden Bildern liegt eine der ältesten Vorahnungen der Menschheit: Die Welt wird nicht allein von Materie und Kraft geformt. Auch Worte, Musik, Bedeutung und Harmonie haben Konsequenzen.
Vielleicht ist das die uralte Weisheit, die wir vergessen haben: Bevor die Steine emporragen oder fallen, gibt es das Wort, die Musik, die Idee – die unsichtbare Ordnung, die die Welt, in der wir leben, erschafft oder zerstört.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Can Sound Move Stones? The Ancient Mystery of Building With Music“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Wyschehrad – wo die Geschichte Prags lebendig bleibt

In Kürze:

  • Wyschehrad ist eine historische Festung aus dem 10. Jahrhundert und ein bedeutendes Symbol Prags.
  • Die Kasematten und die Basilika St. Peter und St. Paul zeugen von seiner Geschichte.
  • Außerdem befinden sich dort der Friedhof Slavín und das Grab des Komponisten Antonín Dvořák.

Nur wenige Kilometer vom Trubel der Prager Altstadt entfernt liegt ein geschichtsträchtiger Ort mit dem Namen Wyscherhrad (Vyšehrad). So nennt man die Prager Hochburg, eine historische Festung aus dem 10. Jahrhundert. Sie liegt idyllisch auf einem felsigen Vorsprung oberhalb der Moldau und bietet einen einzigartigen Blick auf Prag.
Man sagt, dass Prag hier gegründet wurde, und hier lebte Ende des 11. Jahrhunderts auch der erste König von Böhmen, Vratislav II. Der Ort wurde schrittweise zu einer militärischen Festung und gilt heute als spirituelles und nationales Symbol.
Schon aus der Ferne sehen wir die beiden hohen, dunklen Türme der Kirche. Das Gelände ist von einer hohen Mauer umgeben. Hier, an einem großen Tor in der Mauer, beginnt eine Reise in die Vergangenheit der Prager Hochburg. Kühle Luft und der Geruch von Erdkellern strömen uns entgegen, als wir durch die Tür treten, die uns der Stadtführer Mikuláš Zima aufhält.
Wir betreten die Kasematten – ein verborgenes System aus Gängen, das entstand, als Wyschehrad auf Beschluss von König Ferdinand III. im 17. Jahrhundert zu einer modernen Barockfestung umgebaut wurde. Wir bewegen uns auf unebenen Lehmböden und folgen den Gängen innerhalb der Mauern und gelangen bis in die Katakomben unter der Basilika. Groß gewachsene Besucher müssen den Kopf einziehen, denn an manchen Stellen beträgt die Deckenhöhe weniger als zwei Meter. Die Wände werden durch eine elektrische Beleuchtung erhellt.

Licht und Wege aus der Besatzungszeit

„Bis zum Zweiten Weltkrieg waren Lüftungsschächte die einzige Lichtquelle. Dann installierten die Deutschen Elektrizität. Die Kabel über uns sind also ihr Werk“, erzählt unser Stadtführer.
Auch die Treppen in den Kasematten werden dem deutschen Militär zugeschrieben, das sie während der deutschen Besatzung der Tschechoslowakei errichtete.
Als wir ein Stück in den Gang hineingehen, sehen wir etwas Licht von oben hereinfallen, wenn wir hin und wieder an Lüftungsschächten vorbeikommen, deren Öffnungen 12 Meter weiter oben liegen. Zima warnt uns.
„Einige dieser Lüftungsschächte aus dem 17. Jahrhundert sind noch offen, daher ist es möglich, dass jemand, der auf dem Aussichtspunkt über uns vorbeigeht, das runde Gitter sieht und eine Zigarette auf uns herunterfallen lässt. Ich entschuldige mich dafür. Und manchmal sind es nicht nur Zigaretten, sondern auch Vögel, die sich dort niederlassen …“
Die Teilnehmer lachen, achten aber gleichzeitig darauf, nicht zu lange unter einer Öffnung zu stehen.

Im Dunkeln durch die Kasematten

Hier konnte sich das Militär sicher fortbewegen. „Die Soldaten zogen mit Pulver und Waffen in fast vollkommener Dunkelheit durch die Kasematten.“ Zima legt den Schalter um, damit wir sehen, wie finster es wird. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Kurz darauf macht er wieder Licht. Zima erzählt Historisches im Detail und erklärt, wie die Mauer angelegt wurde, um bei Beschuss mit Kanonenkugeln den Schaden zu begrenzen.
Obwohl man in Prag auf militärische Angriffe gefasst war, wurde die Stadt, so erfahren wir, nur ein einziges Mal bombardiert – aus Versehen. Am 14. Februar 1945 nahmen amerikanische Flugzeuge mehrere Stadtteile unter Beschuss.
„Die amerikanischen Piloten glaubten, sie flögen über Dresden, und begannen, Bomben abzuwerfen. Ich weiß nicht, wie ähnlich sich Dresden und Prag sehen, aber so ist es gewesen“, sagt er.
Wir kommen zu einer der Bastionen, in der Ausrüstung, Waffen, Schießpulver, Lebensmittel und Baumaterial gelagert wurden. Hier kann man leicht unter Klaustrophobie leiden – zwischen uns und der Außenwelt liegen 17 Meter.

Gorlice: Aus Versehen ein Saal

Nachdem wir eine Weile durch die Gänge gegangen sind, stehen wir plötzlich in einem Saal mit hoher Decke. Ein warmes, gelbes Licht erhellt den Saal und die Statuen, die dort stehen. Der Ort heißt Gorlice. Entlang der Karlsbrücke im Zentrum von Prag stehen Statuen, die verschiedene Heilige darstellen, doch die Statuen, an denen man heute auf der Brücke vorbeikommt, sind Nachbildungen. Einige der Originale stehen hier in Wyschehrad. Wir erfahren, dass wir uns nur dank eines Fehlers des italienischen Ingenieurs Giovanni de Capauli in diesem Saal befinden können.
„Vielleicht hatte er zu viel getrunken“, sagt Zima und erklärt, dass hier ursprünglich gar kein Raum geplant war.
Die Deutschen wollten ihn für die Waffenproduktion nutzen, doch dazu kam es nie. Von 1953 bis 1992 nutzte das kommunistische Regime der Tschechoslowakei den Saal als Kartoffellager. Die neue Regierung, die 1992 ihr Amt antrat, räumte die Kartoffeln aus und ließ Gorlice stattdessen zu einem Aufbewahrungsort werden, um die sechs Statuen vor Luftverschmutzung und Verwitterung zu schützen.

Alle Originale aus tschechischem Sandstein

„Alle diese Statuen stammen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und sind aus tschechischem Sandstein gefertigt“, sagt er und zeigt auf die Statuen, darunter die Heiligen Augustinus und Adalbert sowie die Heilige Anna und die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind und den knienden Heiligen Bernhard von Clairvaux. Laut Zima gibt es Pläne, sie umzusiedeln.
Weil Wasser von der Decke tropft, überlegt man nun, wie sich eine bessere Umgebung für ihre Aufbewahrung finden lässt.
In Gorlice werden sechs Originalstatuen verschiedener Heiliger aufbewahrt.

In Gorlice werden sechs Originalstatuen verschiedener Heiliger aufbewahrt.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Wir schlendern zwischen den Statuen umher, die in dieser stillen Umgebung einen beeindruckenden Anblick bieten. Hier finden gelegentlich Konzerte und Festivals statt, ebenso wie Hochzeiten.
Die Führung ist zu Ende, und wir gehen eine Treppe hinunter ins Tageslicht.
Ich frage Zima nach seiner Arbeit als Stadtführer. Er möchte, dass die Menschen die tschechische Geschichte kennenlernen und ein Bild vom Leben in Wyschehrad sowie von der Bombardierung Prags erhalten, bei der 700 Menschen starben.
„Ich möchte den Besuchern zeigen, welches Glück sie haben, diese Mauern völlig unversehrt sehen zu können, da weder Kanonenkugeln noch amerikanische Bomben die Mauern getroffen haben. Dies ist einer der großartigsten Abschnitte der tschechischen Geschichte.“

Spaziergang über Wyschehrad

Wir haben uns für eine weitere Führung angemeldet, um Wyschehrad besser kennenzulernen, aber zuerst schlendern wir auf eigene Faust durch die Gegend, um uns umzuschauen. Hier gibt es große Grünflächen, auf denen sich Menschen aufhalten. Es ist später Nachmittag und die Sonne scheint sanft. Wir begegnen Joggern und Familien mit Kinderwagen und hören jemanden, der auf seiner Trompete Jazz spielt. Eine Gruppe sitzt im Gras und spielt Trommel.
Die beiden Türme der Basilika St. Peter und Paul sind 63 Meter hoch.

Die beiden Türme der Basilika St. Peter und Paul sind 63 Meter hoch.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Von oben auf der Mauer haben wir einen schönen Blick über Prag – rote Dächer und alte Bebauung vermischen sich mit modernen Gebäuden. Die Moldau fließt nach Norden. Dort tummeln sich Ausflugsboote und Segelboote zusammen mit dem einen oder anderen Kajakfahrer.
Wir kommen zum Friedhof Slavín, der die Basilika St. Peter und St. Paul umgibt. Der Friedhof ist eine Attraktion für sich. Hier befinden sich die Gräber mehrerer berühmter Persönlichkeiten. Eines der bekanntesten Gräber gehört dem Komponisten Antonín Dvořák (1841–1904). An seiner Grabstätte liegen frische Blumen, sowohl in Töpfen als auch in Sträußen, die Besucher dort niedergelegt haben.
Auf dem Friedhof von Slavín sind mehrere berühmte Persönlichkeiten begraben. Zu den bekanntesten zählt der Komponist Antonín Dvořák (1841–1904).

Auf dem Friedhof von Slavín sind mehrere berühmte Persönlichkeiten begraben. Zu den bekanntesten zählt der Komponist Antonín Dvořák (1841–1904).

Foto: Eva Sagerfors / EpochTimes

Es ist Zeit, unseren Stadtführer Zima wiederzusehen, um einen weiteren Teil der Kasematten und einige der historischen Gebäude der Prager Hochburg zu besichtigen. Nun erzählt er mehr über den Fehler des Ingenieurs Giovanni de Capauli beim Bau im 17. Jahrhundert.
Er baute die Festung so schlecht, dass die Kasematten im Inneren nirgendwohin führten. Dabei ignorierte er den Plan des Architekten (Carlo Lugaro) und errichtete die Mauer ohne ein funktionsfähiges Tor. Zima zeigt auf das Leopoldstor, das im Barockstil verziert ist. Erst in den 1840er-Jahren konnte das Tor geöffnet werden.
„Es sah genauso aus wie heute, mit dem schönen Habsburger Adler und den tschechischen Löwen, aber ohne Eingang.“

Die „Dunkelheit des 17. Jahrhunderts“

Wir betreten die Kasematten von Sankt Martin. Hier herrscht das ganze Jahr über eine Temperatur von 10 bis 12 Grad. Unser Stadtführer meint, es wäre ein perfekter Weinkeller gewesen.
Man fragt uns, ob wir die Gänge unter denselben Bedingungen durchqueren möchten wie im 17. Jahrhundert. Wir sagen Ja, und Zima löscht das Licht. Zwar erkennen wir die hellen Lichtkreise auf dem Boden entlang des Gangs vor uns, doch wegen der Abstände dazwischen sieht man nicht durchgehend etwas, und das Licht ist ohnehin schwach. Eine aus der Gruppe nimmt das Licht ihres Handys zu Hilfe – sie will nicht stolpern.
„Sich hier nachts fortzubewegen, war unmöglich“, sagt Zima.
Als wir wieder draußen sind, äußert eine der Damen ihre Erleichterung. Doch das Erlebnis war spannend und hat uns bewusster gemacht, wie das Leben hier vor einigen hundert Jahren gewesen sein mag.
Der tschechische Löwe und das Jesus-Monogramm IHS – Iesus Hominum Salvator.

Der tschechische Löwe und das Jesus-Monogramm IHS – Iesus Hominum Salvator.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Wir stellen fest, wie lebendig Wyschehrad ist. An einigen Stellen gibt es Tennisplätze direkt vor den Mauern, und dort, wo wir die Kasematten verlassen, werden in Pflanzkübeln neben der Mauer Gemüse und Blumen angebaut. Zima erzählt, dass die Menschen, die hier unten wohnen, die Fläche zum Anbau nutzen dürfen.

Die Johannes-der-Täufer-Kirche

Das Letzte, was wir im Rahmen der Führung besichtigen, ist die dem heiligen Johannes dem Täufer geweihte Kirche, die heute nicht mehr genutzt wird. Eine kleine Treppe am Altar führt hinunter zu einer noch laufenden archäologischen Ausgrabung. In der angrenzenden Sakristei zeigt der Stadtführer Holzkopien der Waffen, die von der Infanterie vom Ende des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet wurden – Steinschlossgewehre.
Die Originalwaffen waren schwer und schwer zu handhaben. Zima zeigt und erklärt anschaulich, warum es schwierig war, mit der Waffe das Ziel zu treffen.
Ein guter Soldat des 18. Jahrhunderts gab während einer Schlacht ein- oder zweimal einen Schuss ab, und wenn das Ziel mehr als 50 Meter entfernt war, war es fast unmöglich, es zu treffen. Im Nahkampf benutzten sie das Bajonett oder drehten das Gewehr um und setzten den Kolben ein.
Die Führung ist zu Ende und wir bedanken uns für eine interessante Geschichtsstunde und spannende Erlebnisse.

Das Museum im ehemaligen Pulvermagazin

Wir gehen weiter zum ehemaligen Pulvermagazin, das heute ein Museum ist. Eine Ausstellung gibt einen Überblick über die lange Geschichte von Wyschehrad. In der Mitte steht eine Kanone aus dem 18. Jahrhundert, und in Vitrinen sind archäologische Funde ausgestellt. Hier sehen wir alte Pfeilspitzen zusammen mit „nordischen Kochgefäßen“.
Die Kanone im alten Pulvermagazin stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Die Kanone im alten Pulvermagazin stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Zum Schluss betreten wir die Kirche, die noch immer für Zeremonien wie Messen und Hochzeiten genutzt wird. Die Basilika St. Peter und St. Paul, das geistliche Symbol von Wyschehrad, wurde 1070 von Vratislav II. gegründet. Die Kirche hat zwei hohe Türme und ist im neugotischen Stil erbaut. Nach mehreren Umbauten und Renovierungen erhielt sie 1903 ihr heutiges Aussehen.
Was uns als Erstes auffällt, ist der goldene Altar, der in Gold glänzt. Wir betrachten die Malereien an der Decke. Hier gibt es viele Blumen, aber auch Szenen aus Erzählungen. Als wir weiter durch die Seitenschiffe gehen, werden unsere Blicke auf die Säulenmalereien gelenkt, die katholische Heilige zeigen.
Die heilige Elisabeth ist eine der Heiligen, deren Porträts die Säulen der Basilika schmücken.

Die heilige Elisabeth ist eine der Heiligen, deren Porträts die Säulen der Basilika schmücken.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Der Stil ist sanft und wirkt etwas vertraut. Die hellen, gedämpften Farben tragen zu diesem sanften Eindruck bei. Die Heiligen befinden sich oft in Umgebungen mit einer beeindruckenden Detailfülle und werden auf menschliche und natürliche Weise dargestellt. Die Heilige Alžbeta, auch bekannt als Elisabeth von Thüringen, wird unter anderem als Schutzpatronin von Krankenhäusern, Bäckern, Bräuten, sterbenden Kindern, Klöpplerinnen und Witwen verehrt. Auf der Darstellung wirkt sie besorgt oder traurig, während sie mit zwei Kindern dasteht, von denen eines sie auf die Wange küsst. Das andere Kind hält Blumen in der Hand. Auf dem Boden wächst ein Fliegenpilz.

Jugendstil in der Peter-und-Paul-Basilika

Als wir später mehr über die Künstler erfahren, wird uns klar, warum uns der Stil so vertraut vorkommt. Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická malte im Jugendstil und schuf zwischen 1900 und 1903 Decken- und Wandmalereien in der Basilika St. Petrus und St. Paulus. Er war bekannt für seine großformatigen architektonischen Gemälde, sie als Blumenmalerin. Seine Werke erinnern an den berühmten tschechischen Jugendstilkünstler Alfons Mucha.
Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická bemalte zwischen 1900 und 1903 die Decken und Wände der Peter-und-Paul-Basilika.

Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická bemalte zwischen 1900 und 1903 die Decken und Wände der Peter-und-Paul-Basilika.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

In einer der Seitenkapellen sehen wir ein Gemälde der Jungfrau Maria. Das Bild hat eine besondere Geschichte. Einer Überlieferung aus dem Jahr 1638 zufolge herrschte eine schwere Dürre, doch als das Gemälde ein kurzes Stück zur St.-Pankratius-Kirche in Prag getragen wurde, begann es endlich zu regnen. Daraufhin fanden hier zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert besondere Pilgerwanderungen statt, um Regen zu erbitten.
Zufrieden verlassen wir die Kirche mit einem Gefühl der Ruhe und des Staunens.
 
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.se unter dem Titel: „Vyšehrad – där Prags historia lever“ (redaktionelle Bearbeitung: vm)
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Weimer und Google fördern Projekt gegen KI-Fälschungen

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und Google.org – die gemeinnützige Stiftung des Technologiekonzerns Google – unterstützen gemeinsam ein Projekt gegen die Fälschung von historischen Ausstellungsstücken.
Mit der „Global Authentic Memory Initiative“ (GAMI) sollen historische Digitalbestände in Archiven, Museen und Gedenkstätten wirksam vor Fälschungen durch generative Künstliche Intelligenz geschützt werden.
Das Bundeskulturministerium stellt für das Projekt Fördermittel in Höhe von 100.000 Euro bereit, weitere 300.000 Euro steuert Google.org bei. GAMI bietet eine herstellerunabhängige und offene technische Lösung an, mit der sich die Echtheit historischer Dokumente digital nachweisen lässt.
Dazu werden die Dokumente mit einem digitalen Fingerabdruck mit Verschlüsselungstechnik, einem Zeitstempel sowie einer institutionellen Signatur versehen.

Besuch bei Google

Weimer, der sich in dieser Woche zu Gesprächen mit Vertretern großer US-Technologieunternehmen wie Google und YouTube in den USA aufhielt, betonte die Bedeutung des Projekts: Der Erhalt des kollektiven Gedächtnisses und der Schutz historischer Wahrheiten seien fundamentale Säulen einer wehrhaften Demokratie.
Man nehme die Sorgen von Gedenkstätten ernst und schütze wertvolle Archivbestände im digitalen Zeitalter dauerhaft.
Hintergrund der Initiative ist ein Hilferuf von NS-Gedenkstätten in einem offenen Brief vom 13. Januar 2026. Darin warnten die Einrichtungen vor der Gefahr der sogenannten „Lügner-Dividende“: Durch den Vormarsch generativer KI bestehe das Risiko, dass echte historische Dokumente fälschlicherweise als KI-Generat abgetan oder synthetische Fälschungen als Tatsachen verbreitet werden.
Im Gegensatz zu modernen Medien enthalten historische Objekte meist keine eingebetteten Herkunftsnachweise.

Projekt aus Bayern

GAMI ist ein Projekt des bayerischen Startups Authentic Memory gUG, einer Ausgründung der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilians-Universität München unter Leitung von Gründer Pablo Toussaint.
Erste erfolgreiche Testläufe des Verfahrens gab es bereits mit den KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg.
Ungeachtet der Zusammenarbeit dringt Kulturstaatsminister Weimer weiterhin auf eine regulatorische Verschärfung gegenüber großen Tech-Konzernen: Er plant eine Digitalabgabe für Plattformen wie Google und Meta, um mit den Einnahmen die heimische Medien- und Kulturlandschaft sowie den Lokaljournalismus zu stärken. (dpa/red)
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Das große Karussell – von Richard Dehmel

Das große Karussell

Im Himmel ist ein Karussell,
das dreht sich Tag und Nacht.
Es dreht sich wie im Traum so schnell,
wir sehn es nicht, es ist zu hell
aus lauter Licht gemacht;
still, mein Wildfang, gib acht!
Gib acht, es dreht die Sterne, du,
im ganzen Himmelsraum.
Es dreht die Sterne ohne Ruh
und macht Musik, Musik dazu,
so fein, wir hören′ s kaum;
wir hören′ s nur im Traum.
Im Traum, da hören wir′ s von fern,
von fern im Himmel hell.
Drum träumt mein Wildfang gar so gern,
wir drehn uns mit auf einem Stern;
es geht uns nicht zu schnell,
das große Karussell.
 
Richard Dehmel (1863–1920)
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Glück – von Ernst Stadler

Glück

Nun sind vor meines Glückes Stimme
alle Sehnsuchtsvögel weggeflogen.
Ich schaue still den Wolken zu,
die über meinem Fenster in die Bläue jagen –
Sie locken nicht mehr,
mich zu fernen Küsten fortzutragen,
Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne
wehrlos mich ins Weite zogen.
In deine Liebe bin ich
wie in einen Mantel eingeschlagen.
Ich fühle deines Herzens Schlag,
der über meinem Herzen zuckt.
Ich steige selig
in die Kammer meines Glückes nieder,
Ganz tief in mir, so wie ein Vogel,
der ins flaumige Gefieder
Zu sommerdunklem Traum
das Köpfchen niederduckt.
 
Ernst Stadler (1883–1914)
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Das Hexeneinmaleins – von Johann Wolfgang von Goethe

Das Hexeneinmaleins

Du mußt verstehn,
aus Eins mach Zehn
die Zwei laß gehn
die Drei mach gleich
so bist du reich
Verlier die Vier
Aus Fünf und Sechs
so sagt die Hex,
mach Sieben und Acht
so ist´s vollbracht.
Die Neun ist eins
die Zehn ist keins.
das ist das Hexeneinmaleins.
aus „Faust I“
 
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
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„Unbroken“ bewegt Dortmunder Publikum: „Freiheit ist nicht selbstverständlich“

Am Freitagabend, 9. Oktober 2026, wurde der Dokumentarfilm „Unbroken: The Untold Story of Shen Yun“ (Ungebrochen: Die unerzählte Geschichte von Shen Yun), der die grenzüberschreitende Verfolgung der Künstlergruppe durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) beleuchtet, im renommierten Schauburg-Kino in Dortmund gezeigt.
Der Film zog zahlreiche Vertreter der Dortmunder Kunst- und Kulturszene an, die sich für traditionelle chinesische Kultur interessieren.
Im Anschluss an die Filmvorführung gab es eine besondere Überraschung für das Publikum: Über eine Live-Schaltung sprachen ein Shen-Yun-Tänzer, seine Eltern sowie ein Moderator des Ensembles mit den Zuschauern.
Der Tänzer gab Einblicke in seinen Trainingsalltag und schilderte die außergewöhnliche Erfahrung, die traditionelle Kultur trotz massiver Widerstände wiederzubeleben.
Mehrere Zuschauer sagten anschließend, der Abend habe ihnen die Bedeutung von Menschenrechten und Glaubensfreiheit bewusst gemacht.
Ein Zuschauer sagte: „Freiheit ist nicht selbstverständlich; sie muss jederzeit und überall von uns allen gemeinsam verteidigt und bewahrt werden.“
Andere drückten ihre Dankbarkeit für den Einsatz der Shen-Yun-Künstler aus: „Im Schatten von Lügen und Gewalt erstrahlt die Kraft von Wahrheit und Kunst umso heller,“ sagte ein weiterer Zuschauer.

Bildende Künstlerin: „Ein solcher Film ist von enormer Bedeutung“

Die deutsche bildende Künstlerin Irmgard Manz besuchte die Vorführung gemeinsam mit ihrem Bekannten, dem Geiger Florian W., und dessen Mutter Irmtraut W. Alle drei zeigten sich tief bewegt.
Irmgard Manz ist Mitglied in mehreren bedeutenden norddeutschen Künstlerverbänden und ihre Einzelausstellungen werden von Medien und Publikum gleichermaßen geschätzt. „Ein solcher Film ist von enormer Bedeutung. Er sollte viel öfter gezeigt werden, damit ihn noch mehr Menschen sehen können“, betonte sie.
Der Geiger Florian W. pflichtete ihr bei: „Ja, das ist extrem wichtig. Ich hoffe, dass der Film in weiteren Kinos läuft und vielleicht sogar Begleitveranstaltungen organisiert werden, um ihn noch bekannter zu machen. Denn die ganze Welt ist vernetzt und jede Stimme zählt.“
Florians Mutter Irmtraut W., die sich intensiv mit traditioneller chinesischer Medizin befasst, ergänzte: „Ich fand den Film sehr informativ und hilfreich, denn wir haben das alles nicht mitbekommen. Jetzt haben wir auch die Motivation hinter dieser Kampagne gegen die Tänzer verstanden.“
„Der Film ist wunderbar, also sehr informativ“, fügte Florian hinzu. „Und es ist wichtig, auch so verschiedene direkte Stimmen aus der Gruppe zu hören, weil die Medien, das kennen wir ja von vielen Themen, oft sehr verzerrt berichten.“
Manz unterstrich, dass die Botschaft des Films auch in Deutschland hochaktuell sei: „Weil wir ähnliche Probleme haben, aber es ist nicht so bekannt. Und es war auch informativ zu erfahren, dass es solche Recherchen innerhalb der USA gibt, die das aufdecken. Das war auch sehr wichtig.“

Am Abend des 9. Oktober 2026 wurde der Dokumentarfilm „Unbroken“ im Schauburg-Kino in Dortmund gezeigt.

Foto: Qingyao Zhang/Epoch Times

Sie waren sich einig, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Manz erklärte: „Wir beobachten derzeit mit eigenen Augen, wie sich selbst innerhalb demokratischer Systeme Kräfte ausbreiten, die wir eigentlich überhaupt nicht wollen. Letztlich werden wir alle von solchen Phänomenen bedroht.“
Auf die Darstellung im Film, wonach die „New York Times“ Fake News über Shen Yun fabriziert habe, reagierte Manz deutlich: „Deutschland hat mit genau demselben Problem zu kämpfen. Es gibt viele Medien, die Desinformationen und Fake News eine viel zu große Bühne bieten. Die Möglichkeiten zur Manipulation haben massiv zugenommen – ebenso wie Verleumdung und Stigmatisierung.“ Sie betonte nachdrücklich: „Wir sehen das als ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft.“
„Aber dieser Film macht Mut“, warf Florian sofort ein. „Diese Veranstaltung ermutigt die Menschen, sich wieder zusammenzuschließen, gemeinsam gegen Falschinformationen vorzugehen und die Wahrheit zu verbreiten.“
Als Musiker konnte Florian eine tiefe Verbindung zum künstlerischen Ausdruck der Shen-Yun-Darsteller spüren: „Es ist wunderbar, wie sie durch ihre Kunst so schöne Botschaften und den wahren Sinn des Lebens vermitteln. Sie bringen diese Themen auf so ästhetische Weise auf die Bühne – umfassend und direkt ins Herz gehend.“
Irmgard Manz, die ebenfalls in der Kunstbranche tätig ist, stimmte zu: „Ja, das wurde in dem Film sehr überzeugend dargestellt. Ich habe bei den Tänzern gespürt, dass ihr Ausdruck wirklich tief aus dem Herzen kommt. Das ist einfach wunderschön!“
Alle drei versicherten, dass sie unbedingt eine Live-Aufführung von Shen Yun besuchen würden. Florian richtete noch persönliche Wünsche an die Künstler: „Bitte macht genau so weiter, immer weiter. Behaltet eure ursprüngliche Intention bei, bleibt mutig, voller Freude und Zuversicht. Solange man aufrichtig ist und aus dem Herzen handelt, wird man beschützt und alles wird gut. Mit einem reinen Herzen spürt das auch das Publikum. Ja, das [Shen Yun] ist das größte Geschenk.“

Ehemalige Balletttänzerin: „Wahre Kunst ist wie eine Religion“

Tatjana Mironova, die heute in der Pharmabranche arbeitet, war nach dem Film voller Bewunderung für die Künstler. „Ich verstehe vollkommen, worum es hier geht“, sagte sie. „Ich war selbst Tänzerin, habe in einem russischen Ballett-Ensemble getanzt und stamme ursprünglich aus Kirgisistan.“
Kirgisistan ist eine ehemalige Sowjetrepublik, die 1991 im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion unabhängig wurde. Mironova, die eine kommunistische Diktatur selbst miterlebt hat, erklärte: „Mir ist völlig klar, was die Ereignisse im Film bedeuten. Kultur ist von immenser Bedeutung, aber wenn ein [kommunistisches] Regime alles kontrolliert, setzen die Diktatoren natürlich auch die Kulturschaffenden unter Druck.“
„China geht auch in die Richtung der Sowjetunion, aber die ist schon seit 30 Jahren Geschichte. Wer weiß, wie lange es in China noch dauert. Das kommunistische Regime wird wahrscheinlich auch langsam zusammenbrechen. Vielleicht sind die Chinesen einfach leidensfähiger.“
Sie fügte hinzu: „[Durch die Unterdrückung der KPCh] leben die Menschen in China wie in einem Terrarium, was bedeutet, dass sie ein völlig anderes Leben führen. Aber ich spüre, dass die Chinesen bereit sind [für die Freiheit].“
Abschließend drückte Mironova den Shen-Yun-Künstlern ihren tiefen Respekt aus: „Als ehemalige Tänzerin weiß ich, wie hart diese Arbeit ist. Bitte haltet durch, denn die Kunst, die wahre Kunst, ist wie eine Religion. Es ist eine harte, innere Kultivierung, aber wer diesen Weg beharrlich weitergeht, wird sich letztendlich einen Weg bahnen.“

Ehemalige Softwareentwicklerin: „Wirklich schockierend“

Ursula Günther war vor ihrem Ruhestand als Softwareentwicklerin tätig, hegte aber schon immer ein großes Interesse an traditioneller chinesischer Kultur und Ballett. Als sie von der Dokumentation „Unbroken“ hörte, beschloss sie sofort, ins Kino zu gehen. Nach der Vorstellung beschrieb sie ihre Gefühle als gemischt – tief bewegt, aber auch schockiert.

Die ehemalige Balletttänzerin Tatjana Mironova.

Foto: Qingyao Zhang/Epoch Times

„Der Film ist sehr ergreifend. Man lernt viel über die östliche Kultur, Meditationspraxis und andere Lebensweisen. Das fand ich sehr inspirierend“, so Günther.
„Aber ich war auch schockiert und stelle mir eine große Frage“, fuhr sie fort. „Welche Macht hat die ‚New York Times‘ eigentlich, dass sie solche Propaganda-Artikel schreiben und veröffentlichen kann, um diese Tänzer zu diffamieren?“
Sie schüttelte den Kopf: „Ich muss sagen, heutzutage sind [falsche Berichterstattungen] fast zur Normalität geworden, aber dass eine so weltbekannte Zeitung so etwas tut, ist wirklich schockierend!“
Dass der Film die Methoden der grenzüberschreitenden Unterdrückung durch die KPCh aufzeigt, hält Günther auch für das deutsche Publikum für enorm wichtig. „Das ist absolut essenziell. Egal wo auf der Welt wir uns befinden, wir sollten viel wachsamer sein, was hinter den Kulissen geschieht. Filme wie dieser tragen wirklich dazu bei, die Aufmerksamkeit auf Menschenrechtsthemen zu lenken.“
Abschließend äußerte auch sie den Wunsch, Shen Yun live zu erleben: „Vielen Dank für die Gelegenheit, all das zu erfahren. Ich werde es im Auge behalten und unbedingt eine Gelegenheit finden, mir die Aufführung einmal komplett anzusehen.“

Shen-Yun-Zuschauer: „Ich halte den Film für sehr wichtig“

Stefan Rose hat Shen Yun in der Vergangenheit bereits live auf der Bühne gesehen und ist noch immer begeistert. „Vor ein paar Jahren habe ich Shen Yun in Frankfurt gesehen – wow, das hat mir wirklich die Augen geöffnet, das vergesse ich nie!“, erzählte er.
„Jetzt zu erfahren, in was für einer Notlage sich diese Künstler befanden, weckt in mir gemischte Gefühle. Ich halte den Film für sehr wichtig. Man erfährt, mit welchen Mitteln die chinesische Regierung versucht, diesen Glauben [Falun Gong] zu verbieten – und das ist eigentlich der springende Punkt.“

Stefan Rose hat bereits eine Aufführung von Shen Yun in Frankfurt besucht.

Foto: Qingyao Zhang/Epoch Times

Rose besuchte die Vorführung zusammen mit seiner Freundin und einigen Bekannten. Sie alle waren tief berührt.
Seine Freundin sagte: „Für mich war es sehr nachdenklich stimmend und unglaublich fesselnd. Was da passiert [die grenzüberschreitende Unterdrückung durch die KPCh], ist sehr traurig, und die Situation in China macht mich tief betroffen. Mir fehlen fast die Worte. Ich finde es extrem wichtig, darüber Bescheid zu wissen, und möchte mich nun weiter informieren. Außerdem habe ich jetzt große Lust, eine Shen-Yun-Aufführung zu besuchen.“
Ein Freund von Rose ergänzte: „Ich hatte Tränen in den Augen, als ich den Film ansah. Er hat mich tief bewegt und berührt. Ich werde diesen Film auf jeden Fall weiterempfehlen und hoffe, dass ihn so viele Menschen wie möglich sehen – auch die Journalisten hier in Deutschland.“
Er betonte eindringlich: „Es leiden und sterben Menschen, und das passiert leider in China – das ist schrecklich. Das [die KPCh] ist keine Regierung, das ist ein Regime, ein Terrorregime. Und bedauerlicherweise ist es das schlimmste Regime in der Geschichte der Menschheit. Wir in Deutschland hatten auch ein furchtbares Regime, aber das in China ist weitaus schlimmer. Die Nazi-Zeit war vergleichsweise kurz, aber das chinesische Regime hält sich schon seit Jahrzehnten an der Macht. Sie hatten so viel Zeit zu zerstören, zu morden und Kultur zu vernichten. Das ist natürlich sehr, sehr tragisch.“
Stefan Rose richtete zum Schluss noch direkte Worte an die Künstler: „Eure Vorstellungen sind einzigartig, bitte macht weiter so! Eure ursprüngliche Intention ist großartig, und das bewundere ich sehr. Lasst euch nicht von denen entmutigen, die versuchen, euch zu unterdrücken.“
Seine Freundin fügte hinzu: „Die Botschaft, die sie vermitteln, ist einfach wunderschön.“
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„Das ist das Gold“ – preisgekrönter Solotänzer des Staatsballetts Berlin über die Magie des Tanzes

Sein Terminkalender ist voll, die Tage lang. Als ich mich mit Kalle Wigle unterhalte, macht er gerade Pause zwischen den Proben für die Premiere des Ballettklassikers „Giselle“ beim Staatsballett Berlin. Erst vor kurzem hat er in dem Ensemble, in dem er nun seine vierte Saison verbringt, den Sprung zum Ersten Solotänzer geschafft.
Am 5. September durfte der Künstler zudem in Italien den „Positano Premia La Danza Léonide Massine“, den ältesten Tanzpreis der Welt, entgegennehmen. „Großartig, aber unwirklich“, sagt er und lacht. Nach der Anerkennung innerhalb des Ensembles seit dieser Preis eine „Bestätigung von außen“.
„Das ist ein Ansporn, weiterhin hart in dieselbe Richtung zu arbeiten“, so Wigle.
Der Léonide-Massine-Preis gehört zu den begehrtesten Preisen der Ballettszene weltweit. Zu den früheren Preisträgern zählen unter anderem Rudolf Nurejew und Michail Baryshnikov. Auch schwedische Tanzikonen wie Mats Ek, Ana Laguna und Mariko Kida wurden im Laufe der Jahre im Rahmen des Premio Positano ausgezeichnet.
„Viele meiner Idole, zu denen ich aufblickte, als ich die Königliche Schwedische Ballettschule oder die Royal Ballet School in London besuchte, haben diesen Preis erhalten. Allein schon in diesen Kreisen erwähnt zu werden, bedeutet mir viel.“
Als Kind hatte Wigle viele „Hummeln im Hintern“. Sein Interesse am Tanzen zeigte sich schon früh.
„Ich habe zu Hause Vorstellungen gegeben und meine Eltern gezwungen, mir zuzusehen, während ich im Wohnzimmer zu verschiedenen Musikrichtungen hin und her gerannt bin“, erinnert er sich mit einem Lachen.
Die Tanzschule von Lasse Kühler gab ihm dann den entscheidenden Anstoß. Das könnte er den Rest seines Lebens machen, dachte er. Seine Mutter fand eine Anzeige für die Königliche Schwedische Ballettschule. Wigle ging zum Vortanzen, ohne wirklich zu verstehen, worauf er sich einließ. Er kam in weiten Hosen und einer Mütze, so wie er es gewohnt war.
„Alle anderen trugen Strumpfhosen und Ballettschuhe. Ich erinnere mich, dass ich sagte: ‚Strumpfhosen – nur über meine Leiche. Das ziehe ich nicht an!‘“
Doch schon bald entdeckte er, dass das Ballett alles umfasste, was ihm gefiel.
„Die Technik, der Tanz und die Schauspielerei, all das verschmolz auf magische Weise.“
Seine Fortschritte motivierten ihn, noch besser zu werden. Sein Traum war, es den ganz großen Tänzern gleichzutun – etwa im Pas de deux, dem Duett, in dem zwei Tänzer aufeinandertreffen.
„Sie waren einfach magisch. Das war es, worauf ich hinarbeitete – und darauf, etwas zu hinterlassen, auf das ich und meine Lehrer stolz sein können.“

Kalle Wigle ist Erster Tänzer beim Staatsballett Berlin.

Foto: Anastasia Muna

Als Albrecht in „Giselle“ kehrt Wigle auf der Bühne zu einer Rolle zurück, die er schon zwei Spielzeiten lang getanzt hat. Doch eine vertraute Rolle bedeutet nicht, dass die Interpretation bereits feststeht.
„Man kann immer mit einer neuen Perspektive an die Rolle herangehen. Ich versuche, die Figur aus mir selbst heraus zu entwickeln, anstatt einfach etwas darzustellen, von dem man denkt, dass es so sein sollte. Dann wirkt es echter“, sagt er.
Für ihn ist Authentizität auch eine Voraussetzung für die Begegnung mit dem Publikum. Denn die Tänzer befinden sich ständig im Dialog mit dem Publikum, erklärt er:
„Je echter es wirkt, desto wahrhaftiger die Kommunikation. Die Menschen können das, was von der Bühne kommt, leichter aufnehmen und reagieren auch besser darauf.“
Wigle beschreibt Albrecht als einen ziemlich unsympathischen Kerl.
„Ich würde niemals so mit einem anderen Menschen umgehen wollen, aber in der Rolle muss ich mich trotzdem auf eine Weise gemein verhalten, die sich für mich echt anfühlt. Wie würde ich mich verhalten, wenn ich diese Gefühle für jemanden hätte? Ich mag es, tief zu graben und Gefühle hervorzubringen.“
Besonders die Schauspielerei und die starke Präsenz faszinieren ihn.
„Unschlagbar sind die Momente auf der Bühne, wenn es am authentischsten wirkt, wenn man wirklich in sich selbst verschwindet. Das ist das Gold. Solche Momente gibt es in ‚Giselle‘ und ich hoffe, dass das Publikum sie wahrnimmt.“
Zwar setzt das Ballett den Tänzern einen klaren Rahmen, aber Wigle sieht gerade darin eine Freiheit:
„Innerhalb des Rahmens malt man ein Bild, und dort gibt es die Freiheit, seine eigene Interpretation zu entwickeln, welche die eigene Persönlichkeit widerspiegelt. Wenn man technisch sicher ist, schafft das Raum für freie künstlerische Ausdruckskraft.“
Für ihn ist Ballett eine Sprache mit einem eigenen Vokabular.
„Fast jeder Schritt und jede Geste haben eine Bedeutung“, sagt er.
„Dann feilt man an den Details, um zu sehen, wie das Publikum die Gesten am besten lesen kann. Je nachdem, welche Reaktion man erzielen möchte, kann man den Kopf auf eine bestimmte Weise drehen. Das Kinn nach oben oder unten zu richten, kann zwei völlig unterschiedliche Dinge darstellen.“

Kalle Wigle und Haruka Sassa in Balanchines „Symphony in C“.

Foto: Carlos Quezada

Professionelles Tanzen ist intensiv und auf Dauer belastend. Die Ballettpositionen sind für den Körper unnatürlich. Wigle trainiert sowohl modern als auch klassisch. Er vollführt viele Hebefiguren, Sprünge und Drehungen. Die Tage sind lang und die Proben oft anstrengend.
„Es kommt darauf an, dass der Körper durchhält“, macht er klar.
Langfristig möchte er gern weiterhin Teil des schwedischen Balletts bleiben und junge Männer unterstützen. Vorbilder waren und sind für ihn noch immer wichtig.
„Manchmal, wenn es schwierig wird, schaue ich mir die Videos an, die ich in der Schule gesehen habe, und erinnere mich daran, warum ich das mache und warum ich so hart kämpfe.“
Vor allem aber ist er für den Augenblick dankbar. „Ich liebe es, mich in dem zu verlieren, was ich gerade tue“, so Wigle.
Dieser Artikel erschien im Original in der schwedischen Ausgabe der Epoch Times unter dem Titel „Han söker det äkta på scenen“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sua)
 
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„Talking Classics“: Eine faszinierende Reise zu den Wurzeln unserer Kultur

Mary Beard ist eine renommierte Altphilologin, die sich auf die Geschichte des antiken Roms spezialisiert hat. Nach ihrer Tätigkeit als Professorin für Klassische Philologie an der Universität Cambridge übernahm sie weitere hochrangige Aufgaben. Heute ist sie unter anderem als Kuratorin am British Museum und als Professorin für Alte Literatur an der Royal Academy of Arts in London tätig.
Zudem arbeitet sie als Redakteurin für Klassische Philologie beim angesehenen Times Literary Supplement. Darüber hinaus ist sie Autorin und trat als Folkloristin in BBC-Serien wie „Meet the Romans with Mary Beard“ (2012), „Julius Caesar revealed“ (2018) und „Meet the Romans with Mary Beard“ (2024) auf.
Beards Forschung beschränkte sich nie allein auf die Erforschung der Antike an sich. Sie versucht auch zu verstehen, wie wir die Antike nutzen und interpretieren, um unsere eigene Zeit zu begreifen – ein durchaus umfangreiches Forschungsfeld. Im Mittelpunkt stehen dabei die Menschen im Alltag und ihr Leben, nicht die großen historischen Ereignisse.
Daraus könnte man den Eindruck gewinnen, dass Beard ihre akademische Laufbahn mit einer Tätigkeit als populäre Geschichtsvermittlerin verbindet. Diese Bezeichnung greift jedoch zu kurz, selbst wenn man ihre Auftritte in verschiedenen Medien berücksichtigt. Vielmehr ist es Beard gelungen, ein breites Publikum zu erreichen, ohne dabei Abstriche bei ihrer wissenschaftlichen Expertise zu machen. Viele von Beards Büchern sind genauso populär geworden wie ihre Fernsehserien.
Ihre Bücher erfreuen sich international großer Beliebtheit und wurden vielfach aufgelegt. Zu ihren bekanntesten Werken zählt „SPQR: Die tausendjährige Geschichte Roms“ (2016). Nun ist auch ihr neuestes Buch „Talking Classics: The Shock of the Old“ erschienen.

„Talking Classics: The Shock of the Old“

Die zentrale Frage in Beards „Talking Classics: The Shock of the Old“ lautet: Warum sollten wir antike Klassiker lesen und uns dafür interessieren, wie die Menschen vor 2000 Jahren lebten? Diese alles andere als neue Frage wird oft mit offensichtlichen Antworten abgetan. Doch Beard nimmt uns in ihrem Buch mit auf eine lehrreiche Reise, die genauso faszinierend, bereichernd und überraschend ist, wie sie es in der Einleitung verspricht.
Beard konzentriert sich auf die alten Griechen und Römer, aber auch auf ihre unmittelbaren Nachbarn im Mittelmeerraum und den angrenzenden Gebieten. Das Buch behandelt den Zeitraum vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis 400 n. Chr. Die untersuchten Texte reichen von bekannten schriftlichen Zeugnissen wie Homers Epen und Platons Dialogen bis hin zu Wandinschriften an den Mauern von Pompeji.

„Talking Classics: The Shock of the Old“ von Mary Beard.

Beards Zugang zur antiken Geschichte lässt sich als unprätentiös beschreiben. „Talking Classics: The Shock of the Old“ bildet da keine Ausnahme. Auf die Frage, warum uns die Antike heute noch etwas angeht, lautet die Antwort häufig, dass sie ein Kulturerbe sei, das es zu würdigen gelte. Beard bestreitet nicht, dass wir die Antike als ein wichtiges und unschätzbar wertvolles Kulturerbe betrachten sollten. Sie ist jedoch der Ansicht, dass wir zugleich versuchen sollten, uns in ihr wiederzuerkennen und uns von ihr überraschen, verblüffen und bisweilen auch provozieren zu lassen.
 

Mary Beard wurde 1955 in Much Wenlock, England, geboren. (Archivbild)

Foto: Jeff Spicer/Getty Images

Mit dem Untertitel ihres Buches „The Shock of the Old“ (auf Deutsch etwa: Wie das Alte uns schockiert) meint Beard nicht in erster Linie, dass wir von der Tyrannei und Sklaverei der Antike oder davon schockiert sein sollen, wie vulgär und obszön die Menschen der Antike in ihren Schriften sein konnten. Der Untertitel hat eine doppelte Bedeutung. Der vermeintliche Schock liegt vielmehr in der Erkenntnis, wie fortschrittlich die antike Kultur tatsächlich war. Obwohl wir gern Redewendungen wie „Schon die alten Griechen“ verwenden, werten wir die Kultur der Antike häufig ab. Beard veranschaulicht dies am Beispiel von Homers „Odyssee“, indem sie hervorhebt, dass wir oft gar nicht erkennen, wie vielschichtig sie ist.
Wir können auch von der Erkenntnis überrascht werden, dass die antike Literatur uns noch immer etwas Grundlegendes zu sagen hat, obwohl sie dem heutigen Menschen fremd erscheinen mag. Man bedenke nur, dass die überlieferten Schriften aus der Antike für mehr als ein ganzes Leben als Lektüre ausreichen – Schriften, die man lesen und studieren und aus denen man immer wieder neue Inspiration und Erkenntnisse schöpfen kann.
Beard rät uns daher, die klassischen Werke nicht einfach nur aus der Ferne zu bewundern. Ein kluger Rat. Stattdessen sollten wir den antiken Werken mit Neugier begegnen, denn man gewinnt nichts von Wert, wenn man sie ausschließlich wie Denkmäler behandelt. Schließlich handeln diese Werke von Menschen und davon, was es bedeutet, Mensch zu sein. So wurden sie bereits in der Antike betrachtet – und vielleicht haben sie gerade deshalb überdauert und werden dies vermutlich auch weiterhin tun.
 
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.se unter dem Titel „Ny bok om den levande antiken“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: vm)
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Herbst – von Annette von Droste-Hülshoff

Herbst

Wenn ich an einem schönen Tag
Der Mittagsstunde habe acht,
Und lehne unter meinem Baum
So mitten in der Trauben Pracht:
Wenn die Zeitlose übers Tal
Den amethistnen Teppich webt,
Auf dem der letzte Schmetterling
So schillernd wie der frühste bebt:
Dann denk‘ ich wenig drüber nach,
Wie’s nun verkümmert Tag für Tag,
Und kann mit halbverschlossnem Blick
Vom Lenze träumen und von Glück.
Du mit dem frischgefallnen Schnee,
Du tust mir in den Augen weh!
Willst uns den Winter schon bereiten:
Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten,
Und bald, bald wälzt er sich herab
Von dir, o Säntis! ödes Grab!
 
aus „Der Säntis“
Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848)
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Du musst das Leben nicht verstehen – von Rainer Maria Rilke

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.
Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.
 
Rainer Maria Rilke (1875–1926)
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Vier Mythen über die Entstehung der Kunst


In Kürze:

  • Wenn ein Gemälde den besten Künstler davon überzeugen konnte, dass es ein Werk der Natur ist, galt es in der Antike als große Kunst.
  • Kreativität war bei den Griechen untrennbar mit Liebe, Hoffnung und Sehnsucht verbunden, wie die vier ausgewählten Mythen zeigen.
  • Sie handeln von dem fürsorglichen Töpfer Butades, dem verliebten Bildhauer Pygmalion, dem meisterhaften Maler Zeuxis und dem überheblichen Musiker Marsyas.

 
Die alten Griechen hinterließen spannende historische Abhandlungen, herzzerreißende Tragödien und komplexe philosophische Texte. Sie prägten den Westen mit kühnen Thesen darüber, was es bedeutet, die Meinungsfreiheit zu wahren, tiefgründig und sorgfältig zu denken und Mensch zu sein. Dasselbe gilt für die Römer, die vieles von den Griechen übernahmen.
Gemeinsam formulierten sie die ästhetischen Prinzipien, die über zwei Jahrtausende hinweg die westliche Kunst prägten. Als Liebhaber des Geschichtenerzählens überlieferten sie auch faszinierende Mythen über die Künste, wie die folgenden vier, die Liebe, Hoffnung und Sehnsucht in den Mittelpunkt der Kreativität stellen.

Liebe macht erfinderisch

Die meiste Zeit über war die mündliche Überlieferung die übliche Art des Geschichtenerzählens bei den antiken Griechen. Erst später schrieben römische Autoren wie der Dichter Ovid (um 43 v. Chr.–18 n. Chr.) oder der Historiker Plinius dem Älteren (um 23–79 n. Chr.) diese Mythen nieder.
Zu den sagenhaften Personen, die Plinius in ihren Bann zogen, gehörten Butades und seine liebeskranke Tochter. Butades war ein griechischer Töpfer aus Sicyon nahe Korinth und hatte eine Tochter, die er von ganzem Herzen liebte.
Eines Tages lernte sie einen jungen Mann kennen, verbrachte viel Zeit mit ihm und verliebte sich. Doch dann musste der Mann verreisen. Als er sich in ihrem Haus auf die Abreise vorbereitete, bemerkte sie seinen Schatten an der schwach beleuchteten Wand und zeichnete sein Profil nach.
Butades konnte es nicht ertragen, seine Tochter leiden zu sehen, und drückte den Ton auf die an der Wand gezeichneten Umrisse. So formte er das Gesicht des Mannes nach und schenkte seiner Tochter als Trost für ihr leidendes Herz das Abbild.
Es heißt, dass Butades um 600 v. Chr. lebte. Zu dieser Zeit war die Töpferkunst bereits weitverbreitet, hatte jedoch nur einen praktischen Charakter und bildete höchstens Pflanzen oder Tiere ab. Das änderte sich laut Plinius mit Butades:
„Des Butades Erfindung ist, der Masse Röthel hinzuzufügen oder den Röthel selbst in eine plastische Masse zu verwandeln.“
Noch wichtiger ist, dass Butades der Erste gewesen sein soll, der einen Menschen darstellte. Danach soll er begonnen haben, ähnliche Masken als Verzierungen an den Enden von Dachziegeln anzubringen. Diese Innovation leitete den stilistischen Wandel von floralen und tierischen Motiven hin zu menschlichen Darstellungen ein. Letztlich revolutionierte dies die gesamte griechische Kunst, die wir bis heute so bewundern.
Butades beabsichtigte mit dem Bild, den Herzschmerz seiner Tochter zu lindern. Auch wenn ein Gegenstand einen Menschen niemals ersetzen konnte, offenbarte das Werk des Töpfers den Glauben an die heilende Kraft der Schönheit.

Verliebt in eine Statue

Ovid erzählte eine ähnliche Geschichte über Pygmalion, einen legendären Bildhauer aus Zypern. Da er es leid war, von Frauen umgeben zu sein, die ein schamloses und laszives Leben führten, zog Pygmalion es vor, unverheiratet zu bleiben. Doch seine Sehnsucht nach Liebe blieb bestehen.
Eines Tages begann er, eine Statue aus Elfenbein zu formen. Laut Ovid war diese von so erlesener Schönheit, dass keine Frau auf der Welt ihr je gleichkam. Obwohl er wusste, dass es nur eine Statue war, konnte Pygmalion nicht anders, als sich in sein eigenes Werk zu verlieben. Je länger er sie betrachtete, desto mehr glich sie einer echten Frau. Voller Liebe und Bewunderung begann er, mit ihr zu sprechen, und streichelte sie liebevoll.
Dann war der Festtag der Aphrodite gekommen und die Menschen brachten der Göttin der Schönheit und Liebe Opfergaben dar. Auch Pygmalion stand mit Gaben und Gebet vor ihrem Altar: „Wenn ihr Himmlischen alles vermöget, werde mein Weib.“
Er brachte es nicht über sich, die Statue zu erwähnen, obwohl er genau das sagen wollte. Das Opferfeuer flammte dreimal auf. Auch wenn Pygmalion seinen Satz nicht zu Ende gesprochen hatte, hatte Aphrodite ihn verstanden.
Sobald er nach Hause zurückgekehrt war, suchte Pygmalion sein Werk auf. „Es muss Fleisch sein!“, rief er ungläubig aus, als die Verwandlung ihren Abschluss fand. Die hellhäutige Frau spürte die Küsse, die ihr gegeben wurden, und hob errötend ihren schüchternen Blick. So sah sie nicht nur das Licht und den Himmel über sich, sondern auch ihren verzückten Bewunderer. Neun Monate später bekam das Paar eine Tochter namens Paphos – benannt nach jenem Ort, der mit der Geburt von Aphrodite in Verbindung steht.
 
Ovids Geschichte inspirierte Theaterstücke, Opern und Filme, nicht zuletzt, weil sie die Beziehung zwischen Kunst, Begierde und Wahnsinn anschaulich schildert. Der Bildhauer liebte sein Handwerk, das für ihn zu einem Mittel wurde, der Welt jene Anmut und Schönheit zu verleihen, die ihr seiner Meinung nach fehlten. Seine Statue konnte sich nur deshalb in einen Menschen verwandeln, weil er sie mit großer Sorgfalt und Liebe geschaffen hatte.
Doch Pygmalion reagierte besessen. Er zog sich in die Behaglichkeit seiner Fantasie zurück, um ein idealistisches Verlangen zu stillen, und schwelgte in seinem Werk, während er den Bezug zur Welt verlor. Obwohl die Geschichte die Kraft großer Kunst betont, der Perfektion der Natur zu gleichen, wirft sie auch Fragen nach den Risiken auf, die entstehen, wenn man versucht, der Realität mit künstlichen Bildern zu entfliehen.

Täuschend echte Meisterwerke

Wenn die Griechen von Malerei sprachen, meinten sie damit meist das Auftragen von Farbe auf Stein, Keramik oder Holz. Zu den vielen legendären Malern der Griechen gehörte Zeuxis von Herakleia, der um 450 v. Chr. lebte. Seine Werke waren so beeindruckend, dass laut Plinius Gerüchte kursierten, er habe seinen Meistern „die Kunst entwendet und mit sich genommen“. Sein Spezialgebiet waren Stillleben, bei denen er kleine Details präziser darstellte als jeder andere. Zumindest war er davon überzeugt.
Zeuxis’ Werke verkauften sich so gut, dass er reich und selbstverliebt wurde. Er ließ seine Kleidung mit einem goldenen Monogramm besticken und begann, seine Gemälde als Geschenke zu verteilen, „weil er sie […] für keinen ihrer hinreichend würdigen Preis verkaufen könnte“.
Mit seinem Ruhm wuchs auch der seiner Konkurrenten. Einer davon war der ehrgeizige Parrhasios, der Zeuxis zu einem Malwettbewerb herausforderte. Plinius berichtete über den Wettstreit:
„Zeuxis habe nämlich Weintrauben so treffend gemalt, dass die Vögel der Schaubühne zugeflogen wären, Parrhasius aber einen so natürlich gemalten leinenen Vorhang aufgestellt, dass Zeuxis, durch das Urtheil der Vögel stolz gemacht, endlich darauf gedrungen sei, den Vorhang zu entfernen und das Gemälde zu zeigen; als er nun seinen Irrthum eingesehen, soll er aus aufrichtiger Schaam sich für besiegt gehalten und gesagt haben, er habe Vögel, Parrhasius aber ihn, den Künstler, getäuscht.“
Angetrieben vom Streben nach Größe schufen die beiden Maler ihre besten Werke. Zeuxis’ Kunstfertigkeit hatte Tiere getäuscht. Doch laut Zeuxis war das menschliche Auge der maßgebliche Richter, da es die ästhetische Sensibilität der Menschen verkörperte.
Für die Griechen und Römer war der Mensch das größte Geschöpf der Natur, zugleich geschaffen und schöpferisch. Wenn ein Gemälde den besten Künstler davon überzeugen konnte, dass es ein Werk der Natur sei, verdiente es, als große Kunst bezeichnet zu werden.

Kunst, die den Göttern gehört

Die Griechen würdigten generell das beeindruckende Können menschlicher Künstler. Jedoch nahmen sie sich auch vor der Überheblichkeit in Acht, sich für größer zu halten, als es gerechtfertigt war.
Eine beliebte Geschichte über die Tücken der Eitelkeit handelte von einem Flöte spielenden Satyr namens Marsyas. Satyrn waren männliche Wesen, die die ursprüngliche Natur der Menschheit verkörperten. Musik war ihre Kunst. Marsyas wollte der Welt beweisen, dass er der größte lebende Musiker war, und forderte daher Apollon – den Gott des Lichts, der Schönheit und der Musik – zu einem Wettstreit heraus.

Eine Marmorstatue von Apollon und Marsyas von Walter Magnus Runeberg (1838–1920).

In der ersten Runde spielte Apollon nur die Leier, sein charakteristisches Instrument. Marsyas begeisterte die Jury mit einer virtuosen Darbietung auf seiner doppelrohrigen Flöte. In der zweiten Runde begleitete Apollon sein Leierspiel mit einem bezaubernden Lied, das die Sympathie der Richter zurückgewann. Marsyas war wütend. Er beklagte sich, es sei ungerecht, zwei Fähigkeiten mit einer zu vergleichen, und beschimpfte den Gott wegen seiner angeblichen Hinterlist.
Apollon argumentierte kühl, dass Flötenspiel dasselbe sei wie Singen – bei beidem werde die Stimme eingesetzt. Von diesem Argument überzeugt, wies die Jury die Wettkämpfer an, nur eine Fertigkeit vorzuführen, bei der die Stimme keine Rolle spielte. Da Flötenspiel als Gesangsfertigkeit galt und Marsyas kein anderes Instrument beherrschte, war er besiegt.
Für die Dreistigkeit, zu glauben, er könne Apollon übertrumpfen, und die Unverschämtheit, dem Gott Unehrlichkeit vorzuwerfen, verlor Marsyas sein Leben.
Alle außer Apollon beklagten das traurige Schicksal von Marsyas – von den Göttern über die Satyrn bis zu den Menschen. „Aber das fruchtbare Land empfing die fallenden Tränen, durchgenetzt, und trank sie hinab in die innersten Adern: Wo sie, zu Wasser geseigt, aufquollen an freiere Lüfte. Jäh zu dem stürmischen Meer, im Hang abschüssiger Ufer, rollt der Marsyasstrom durch Phrygia lautere Wellen.“ – Johann Heinrich Voß, 4. Auflage von „Ovid. Metamorphosen“, Anaconda Verlag, 2016
Was auch immer wir von Marsyas’ grausamem Tod halten mögen: Die antiken Autoren waren sich fast einig, dass seine Strafe die direkte Folge seiner Hybris war. So begabt er auch war, Marsyas konnte Apollon niemals in den Schatten stellen. Die Musik und die Kunst im Allgemeinen gehörten letztlich den Göttern.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „4 Greco-Roman Myths About the Crucible of Art“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
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Prüfungen und Triumphe der Pflicht

Vor rund 15 Jahren sprach ich in einem meiner Homeschooling-Seminare mit einem Schüler der Oberstufe über Robert E. Lees Verständnis von Pflicht. „Ich mag dieses Wort nicht“, sagte er.
„Warum nicht?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich mag es einfach nicht.“
Doch diese Abneigung ist keineswegs nur eine typische Reaktion eines Jugendlichen. Viele Menschen in unserer Kultur dürften dieses Gefühl teilen, wenn auch oft unbewusst. Wir leben in einer stark auf das Individuum ausgerichteten Zeit, in der persönliche Rechte und Freiheiten einen hohen Stellenwert genießen und Selbstverwirklichung großgeschrieben wird. Stattdessen sprechen wir lieber von Verantwortung. Verantwortung bedeutet, für eine Aufgabe oder eine Handlung einzustehen, im Beruf ebenso wie im privaten Leben.

„Äneas berichtet Dido vom Untergang Trojas“, um 1815, von Pierre-Narcisse Guérin. Pflicht verlangt nicht selten große persönliche Opfer. In Vergils Epos zeigt sich dies besonders eindringlich an Äneas’ schmerzhafter Trennung von Dido, die er auf sich nimmt, um seiner Bestimmung zu folgen. Louvre, Paris.

Foto: gemeinfrei

Pflicht ist etwas anderes. Sie bezeichnet einen von außen an uns herangetragenen Maßstab – eine Verpflichtung, keine freie Entscheidung – und ist häufig in Tradition oder religiösem Glauben verankert. So gehört es zur Pflicht eines Soldaten, einem Vorgesetzten zu gehorchen, während Polizisten das Gesetz durchsetzen müssen. Das alttestamentliche Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ ist beispielsweise eine Forderung, keine Option – eine Pflicht, bei der lediglich die Auslegung und Umsetzung Spielraum lassen.
Dieses Verständnis von Pflicht stand im Zentrum des Lebens im antiken Rom. Das lateinische Wort, das diesen Gedanken wohl am umfassendsten zum Ausdruck bringt, ist „pietas“. Das „Oxford Classical Dictionary“ definiert den Begriff als „die für die Römer typische Haltung pflichtbewusster Ehrfurcht gegenüber den Göttern, dem Vaterland, den Eltern und anderen Angehörigen“.
Um unser Verständnis dieses Pflichtbegriffs zu vertiefen, brauchen wir nur einen Blick auf Vergils großes Epos „Äneis“ zu werfen, in dem die „pietas“ und die sich daraus ergebenden moralischen Anforderungen das Herzstück der Erzählung bilden.

Pietas in Person

„Waffen ertönt mein Gesang und den Mann.“
So beginnt Vergil sein Epos über den trojanischen Prinzen Äneas. Nach der Zerstörung und dem Brand Trojas durch die Griechen gelingt ihm die Flucht. Mit einer Schar von Flüchtlingen begibt er sich auf eine lange Irrfahrt, auf der ihm nicht nur Feinde, sondern auch die Göttin Juno das Leben schwer machen. Schließlich folgt er seinem Schicksal und seiner Mutter, der Göttin Venus, nach Italien. Dort legt er den Grundstein für ein Reich, aus dem später Rom hervorgehen wird.
Im zweiten Buch des Epos sind Äneas und seine Gefährten am Hof der karthagischen Königin Dido eingetroffen. Dort erzählt Äneas die Geschichte vom Untergang Trojas. Dabei zeichnet er in Worten ein eindrucksvolles Bild seiner Flucht aus der zerstörten Stadt – ein Bild, das seither zahlreiche Maler und Bildhauer inspiriert hat. Zugleich bringt diese Szene die Bedeutung der „pietas“ auf den Punkt.
Als die Griechen zu ihrem letzten Angriff auf Troja ansetzen, schläft Äneas. Im Traum erscheint ihm der tote trojanische Held Hektor. Er fordert ihn auf, aus der Stadt zu fliehen, und eröffnet ihm, dass es sein Schicksal sei, ein neues Troja zu errichten. Dennoch versucht Äneas, sich dem Widerstand anzuschließen. Da erscheint ihm auch Venus und macht ihm klar, dass Troja verloren ist und er die Stadt verlassen muss.
Und genau das tut er: Mit dem gebrechlichen, hochbetagten Vater auf dem Rücken, der seinerseits die Penaten, die Hausgötter, trägt, hält Äneas seinen kleinen Sohn Ascanius an der Hand. Hinter ihm folgt seine Frau Creusa. Gemeinsam entkommen sie der Stadt und schließen sich einer Gruppe anderer Trojaner an, die dem Gemetzel ebenfalls entflohen sind. Diese kurze Szene, in der Äneas die Vergangenheit (verkörpert durch seinen Vater) ebenso mit sich trägt wie die Zukunft (in Gestalt seines Sohnes und der Götter) bringt seine von Pflichtgefühl getragene Liebe zu seiner Familie und den Göttern zum Ausdruck.
Aber wie steht es mit seiner Pflicht gegenüber seinem Land?

Die Kosten der Pflicht

Äneas erkennt, dass Creusa während ihrer überstürzten Flucht verschwunden ist. Von Trauer überwältigt kehrt er in das eben erst verlassene Chaos zurück und sucht verzweifelt nach seiner Frau. Da erscheint Creusa ihm als Schatten. Sie sagt ihm, dass sie im Gemetzel den Tod gefunden hat, dass ihm ein langes Exil bevorsteht und dass er anschließend am Tiber ein Reich gründen wird, in dem er glücklich sein wird. Sie nimmt Abschied von ihm und bittet ihn, für ihren gemeinsamen Sohn zu sorgen.
Hier wird Äneas’ Schicksal erneut bekräftigt. Es ist seine Pflicht gegenüber Troja, die Götter der Stadt und ihre alten Blutlinien in einem neuen Land wiederzubegründen.
Doch auch hier zeigt sich, welch gewaltigen Preis die Erfüllung der Pflicht fordern kann. Als Creusa sich von ihrem Mann verabschiedet und ihn bittet, ihr gemeinsames Kind zu beschützen und zu lieben, versucht der weinende Äneas dreimal, den verblassenden Schatten zu umarmen. Dreimal entzieht Creusa sich ihm, als wäre sie ein flüchtiger Traum. Äneas hat nicht nur darin versagt, seine Frau vor dem Tod zu bewahren – nun muss er sich auch den schweren und unberechenbaren Aufgaben stellen, die die Zukunft für ihn bereithält.
Im weiteren Verlauf seiner Geschichte muss Äneas sich den Herausforderungen und Anforderungen seiner Pflicht stellen. So findet er bei Dido vorübergehend Zuflucht und Liebe. Doch als die Götter ihm befehlen, seinem Schicksal zu folgen und Karthago zu verlassen, beendet er die Beziehung und segelt davon. Dabei lässt er die verzweifelte und suizidgefährdete Königin zurück. Seine Abreise wirkt kaltblütig. Später, als er im Hades überrascht ist, ihr zu begegnen – Äneas hatte keine Ahnung, dass sie gestorben war –, nähert er sich ihr unter Tränen. Er fleht sie an, ihm zu glauben, dass er sie nicht aus eigenem Willen, sondern auf Geheiß der Götter verlassen habe. Sie weigert sich, mit ihm zu sprechen, und wendet sich voller Verachtung und Stolz ab.
Im gesamten Verlauf der „Äneis“ weint dieser Held oft über sein Unglück und die Verluste, die ihm widerfahren sind. Er begeht Fehler und wünscht sich sogar, der schreckliche Albtraum vom Untergang Trojas hätte ihn verschlungen und ihn von all diesen Lasten befreit. Doch immer wieder ruft ihn die Pflicht und lässt ihn unaufhörlich weitergehen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Trials and Triumphs of Duty: Faith, Family, and Country in the ‘Aeneid’ and Today“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Die Unruh kommt von dir – von Angelus Silesius

Die Unruh kommt von dir

Nichts ist, das dich bewegt,
du selber bist das Rad,
das aus sich selbsten läuft
und keine Ruhe hat.
 
Aus „Epigramme“ von Angelus Silesius (1624–1677)
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Siehst du die Stadt? – Hugo von Hofmannsthal

Siehst du die Stadt?

Siehst du die Stadt, wie sie da drüben ruht,
Sich flüsternd schmieget in das Kleid der Nacht?
Es gießt der Mond der Silberseide Flut
Auf sie herab in zauberischer Pracht.
So geisterhaft, verlöschend leisen Klang:
Sie weint im Traum, sie atmet tief und schwer,
Sie lispelt, rätselvoll, verlockend bang…
Der laue Nachtwind weht ihr Atmen her,
Die dunkle Stadt, sie schläft im Herzen mein
Mit Glanz und Glut, mit qualvoll bunter Pracht:
Doch schmeichelnd schwebt um dich ihr Widerschein,
Gedämpft zum Flüstern, gleitend durch die Nacht.
 
Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)
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Mürrisch sitzen sie und maulen – von Joseph von Eichendorff

Mürrisch sitzen sie und maulen

 
Mürrisch sitzen sie und maulen
Auf den Bänken stumm und breit,
Gähnend strecken sich die Faulen,
Und die Kecken suchen Streit.
 
Da komm ich durchs Dorf geschritten,
Fernher durch den Abend kühl,
Stell mich in des Kreises Mitten,
Grüß und zieh mein Geigenspiel.
 
Und wie ich den Bogen schwenke,
Ziehn die Klänge in der Rund
Allen recht durch die Gelenke
Bis zum tiefsten Herzensgrund.
 
Und nun geht’s ans Gläserklingen,
An ein Walzen um und um,
Je mehr ich streich, je mehr sie springen
Keiner fragt erst lang: warum? –
 
Jeder will dem Geiger reichen
Nun sein Scherflein auf die Hand –
Da vergeht ihm gleich sein Streichen,
Und fort ist der Musikant.
 
Und sie sehn ihn fröhlich steigen
Nach den Waldeshöhn hinaus,
Hören ihn von fern noch geigen,
Und gehn all vergnügt nach Haus.
 
Doch in Waldes grünen Hallen
Rast ich dann noch manche Stund,
Nur die fernen Nachtigallen
Schlagen tief aus nächt’gem Grund.
 
Und es rauscht die Nacht so leise
Durch die Waldeseinsamkeit,
Und ich sinn auf neue Weise,
Die der Menschen Herz erfreut.
 
Joseph von Eichendorff (1788–1857)
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„Final Hours“ – brillante Doku untersucht Nahtoderfahrung

Tricia ist viel zu schnell unterwegs. Mit hoher Geschwindigkeit rast die junge Studentin aus Texas auf die rote Ampel zu. Sie gibt Gas – und prallt frontal in ein anderes Fahrzeug. Dass sie noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Nach dem Verkehrsunfall wird Tricia mit mehreren Knochenbrüchen und schweren inneren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Während der anschließenden Operation zeigen die Überwachungsgeräte plötzlich eine Nulllinie. Herzstillstand. Sie ist klinisch tot.
In der auf EpochTV erschienenen Dokumentation „Final Hours – Ist der Tod wirklich das Ende?“ spricht der Gesundheitsjournalist Makai Allbert mit vier Menschen, die an der Schwelle zum Tod standen. Schon seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Thema Bewusstsein, getrieben von seinem Bestreben, Antworten zu finden – Antworten auf die Frage, warum er in seiner Kindheit plötzlich über seinem Körper schwebte und ein Gefühl erlebte, das nicht in Worte zu fassen ist. Bei seinen Recherchen stößt er auf einen Begriff: Nahtoderfahrung.

Berührende Szenen im Licht

Die Frage, was im Übergang zwischen Leben und Tod passiert, ist eines der größten Rätsel der Menschheit. Viele, die diese Schwelle passiert haben und zurückgekehrt sind, sprechen von außergewöhnlichen Erlebnissen und einem lichtvollen Ort, den sie „Zuhause“ nennen.
So geht es auch den vier Interviewpartnern von Allbert. Sie berichten über ihre unglaublichen Wahrnehmungen, faszinierende Begegnungen jenseits ihres Körpers, Gefühle von Reue, Verbundenheit sowie eine Liebe, die über jede zwischenmenschliche Zuneigung hinausgeht.
Mit seinem Film sprengt Allbert die Grenze des menschlichen Bewusstseins. Gemeinsam mit den vier Betroffenen, die ihre eigenen Erlebnisse sehr detailliert wiedergeben, taucht er in die Erinnerungen an ihre Nahtoderfahrungen ein.
Die junge Studentin ohne Lebenssinn, die mit ihrem Auto viel zu schnell unterwegs war, ein Neurochirurg aus Harvard, der ins Koma fiel und dessen Überlebenschancen auf nur 2 Prozent geschätzt wurden, ein Baseballspieler, der sich einer Routineoperation unterzog, sowie eine schwer krebskranke Frau mit Organversagen – sie alle eint das Schicksal, dass sie einen Blick hinter den Schleier des Jenseits werfen durften. Ein Blick, der ihr Leben grundlegend zum Positiven veränderte.

Grandiose Bilder aus dem Weltall

Mit viel Fingerspitzengefühl werden die geschilderten Szenen durch grandiose Bilder von kosmischen Dimensionen und mit feierlicher musikalischer Untermalung zum Leben erweckt. Sie versprechen einen Gänsehauteffekt.
Der Zuschauer wird Teil dieser berührenden Momente jener Menschen, die in der irdischen Welt ohne Puls und ohne Atem erscheinen, in anderen Dimensionen jenseits von Leid und Schmerz jedoch lebendiger als je zuvor Dinge wahrnehmen, die schwer in Worte zu fassen sind. Dabei wird auch die wissenschaftliche Studienlage zum Thema Nahtoderfahrung unter die Lupe genommen.
Um die wirkliche Tiefe dieses Werkes zu erfassen, empfiehlt es sich, den Film mehrfach anzuschauen. Man wird immer wieder neue Facetten entdecken, die das eigene Leben bereichern können. Zu den Botschaften, die durch den Film vermittelt werden, gehören folgende Erkenntnisse der Betroffenen:
Du brauchst keine Angst vor dem Tod zu haben.
Der Tod ist nicht dein Ende.
Lebe das bestmögliche Leben, damit du später nichts bereust.
 
„Final Hours“
Eine Produktion von The Epoch Times und NTD
Filmlänge: 50 min
Executive Producers: Japser Fakkert, Ariel Sun
Moderation: Makai Allbert
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„Ein Roman gegen Gleichgültigkeit“– Buchpreis für Bazyar

Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an die Autorin Shida Bazyar für „Die Lücken“. Der Roman reflektiere anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens, heißt es in der Begründung der Jury. Die Autorin wähle dabei überzeugende literarische Strategien. Und: Es sei ein „Roman gegen Gleichgültigkeit“.
Die 1988 in Rheinland-Pfalz geborene Bazyar hat „Die Lücken“ in einem fiktiven Ort namens Heimesbach im Hunsrück angesiedelt, der an den Heimatort der Autorin angelehnt ist. Die Ich-Erzählerin ist tot. Sie starb bei einem Verkehrsunfall. Seither gelangte sie an Wissen über den Ort aus der Nazi-Zeit. Sie wird von „Göttern“ wieder dorthin geschickt, wohin sie als zehn Jahre altes Mädchen mit ihrer älteren Schwester und Eltern kam – als Flüchtlingsfamilie.
Erzählt wird von jüdischen Familien, von NS-Profiteuren sowie von kurdischen und iranischen Menschen, die in Deutschland Schutz und Zuflucht suchen. Es werden verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit zur Sprache gebracht. So dreht sich der rund 500 Seiten lange Roman um Lügen, Rassismus und Verdrängung. Nie habe jemand zugegeben, „noch immer das Bild des Führers in seiner Schublade liegen zu haben“, heißt es etwa.

Was hat die Jury begeistert?

Über einen Zeitraum von rund hundert Jahren verändert sich die Sprache zwischen den Zeitebenen und verleiht jeder ihren eigenen Ton. Und: Es sei ein Roman, der mit seinem transnationalen Blick die Grenzen des Heimatromans auslotet und ihn neu definiere, erklärte die Jury bereits bei der Bekanntgabe der Shortlist.
Autorin Shida Bazyar hat ihren Roman in einem fiktiven Ort im Hunsrück angesiedelt.

Autorin Shida Bazyar hat ihren Roman in einem fiktiven Ort im Hunsrück angesiedelt.

Foto: Hannes P. Albert/dpa

Und was hat noch überzeugt? „Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes ermöglichen es, zwischen den Zeiten zu springen sowie Nähe und Distanz zu erzeugen“, hieß es nun in der Begründung. „Auch die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen, erzeugen den starken Nachhall des Textes.“

Warum passt der Roman in die Zeit?

Bazyars neues Werk – sie hatte 2016 ihr Debüt mit „Nachts ist es leise in Teheran“ vorgelegt, gefolgt von „Drei Kameradinnen“ 2021, das damals auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand – fällt in eine Zeit, in der die Nazi-Vergangenheit und die Verflechtung mit Familien in Deutschland wieder an Aktualität gewinnt.
So hatten dieses Jahr etwa mehrere Medien eine neu veröffentlichte Datenbank des US-Nationalarchivs aufbereitet, mit Hilfe derer man prüfen kann, ob die eigenen Vorfahren Teil der Nazi-Maschinerie waren oder nicht.
Vom „Roman der Stunde“ war mancherorts zu lesen. Es sei ein hochaktuelles und zugleich zeitloses Buch, „das wir genau jetzt brauchen und immer brauchen werden“, hieß es bei „MDR Kultur“. Und die „Frankfurter Rundschau“ befand: „Wer „Die Lücken“ gelesen hat, weiß wirklich etwas über Land und Leute. Gestern und heute.“
Der Deutsche Buchpreis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen der Branche und wird traditionell am Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Im vergangenen Jahr gewann Dorothee Elmiger mit ihrem Roman „Die Holländerinnen“.

Wer geht leer aus?

Neben Bazyar waren noch fünf weitere Kandidaten in der engeren Auswahl: Franziska Gänsler („Orca“), Valeria Gordeev („Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“), Elias Hirschl („Schleifen“), Peggy Mädler („Selbstregulierung des Herzens“) sowie Dana Vowinckel („Anton und Alma“).
Insgesamt hatte die Jury 205 Titel gesichtet, die zwischen Herbst 2025 und Anfang September 2026 erschienen sind. Zunächst wurden 20 Bücher für die Longlist ausgewählt, diese wurde dann auf die sechs Titel umfassende Shortlist gekürzt. Insgesamt ist der Buchpreis mit 37.500 Euro dotiert: Bazyar erhält 25.000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro.
Für die Autorin bleibt es nicht nur bei dem Deutschen Buchpreis. Am 7. November erhält sie für „Die Lücken“ den Wilhelm Raabe-Literaturpreis – der vom Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig gestiftete Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Bazyar habe „einen der brisantesten Romane unserer Zeit geschaffen“, erklärte die Jury. Der Ort Heimesbach werde „zum exemplarischen Schauplatz individueller Verstrickungen in die Verbrechen des Holocausts und einer schleichenden Normalisierung von Antisemitismus, Entrechtung und Ausgrenzung, die sich bis in die Gegenwart fortschreibt“. (dpa/red)