Kolibris sind dank ihrer einzigartigen Flügelstruktur die einzigen Vögel, die sogar dauerhaft rückwärts fliegen können. - Foto: Dominick/iStock
„Der späte G. K. Chesterton sagt in einem Lebensrückblick, er habe seit jeher die Überzeugung gehabt, ‚die fast mystische Überzeugung von dem Wunder in allem, was existiert, und von der aller Erfahrung wesenhaft innewohnenden Entzückung‘“, schrieb Josef Pieper in „Glück und Kontemplation“.
Der deutsche Philosoph sah tiefgreifende Weisheit und Wahrheit in Chestertons Beobachtung. Er fuhr fort: „Diese herzhafte Formulierung besagt mehreres: Jedes Ding birgt und verbirgt auf seinem Grunde ein göttliches Ursprungszeichen; wer es zu Gesicht bekommt, ‚sieht‘, daß dieses und alle Dinge über jegliches Begreifen ‚gut‘ sind; er sieht es und ist glücklich.“
Dennoch kann es schwierig sein, dieses Wunder zu erkennen, das in allen Dingen existiert. Wir werden mit dem Leben vertraut, und es verliert seinen Glanz. Routine dämpft unsere Aufmerksamkeit für das Wunderbare.
Um dieses Gefühl des Staunens und das Bewusstsein für das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen wiederzuerwecken, gibt es hier 25 Fakten.
Wenn sterbende Sterne wiedergeboren werden
Sowohl die Implosion von Sternen als auch deren Verschmelzung lösen Fusionsreaktionen aus, die Unmengen von Edelmetallen und schweren Elementen in den interstellaren Raum freisetzen.
Sterbende Sterne liefern die Rohmaterialien, die benötigt werden, um alles zu erschaffen, was wir im Universum sehen. Es ist ein kosmischer Prozess von Tod und Wiedergeburt. Im Grunde genommen sind wir Sternenstaub.
Die Erde ist in vielerlei komplexer Hinsicht fein auf das Leben abgestimmt. Als sie entstand, herrschten genau die richtigen Bedingungen, um Leben zu ermöglichen. Auf der Erdkruste waren Stickstoff und Phosphor in den richtigen Mengen vorhanden. Zudem erzeugt der Erdkern ein Magnetfeld, das die Erde vor schädlichen Sonnenpartikeln und kosmischer Strahlung schützt.
Die Erde verfügt außerdem über die magische Flüssigkeit, die wir als Wasser bezeichnen – und die gar nicht so häufig vorkommt, wie man vielleicht denken könnte. Wasser ist für die chemischen Prozesse, die das Leben ermöglichen, unerlässlich. Schließlich befindet sie sich in Bezug auf die Sonne in der sogenannten „Goldlöckchen-Zone“, der bewohnbaren Zone eines Sterns, die weder zu heiß noch zu kalt ist.
Die Erdatmosphäre, das Magnetfeld und das reichliche Vorkommen von flüssigem Wasser sorgen gemeinsam dafür, dass der Planet Leben ermöglicht.
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Der Soundtrack des Universums
Die Alten glaubten an eine wunderschöne und harmonische Musik, die als Ausdruck der Ordnung des Universums durch den Weltraum strahlt. Wie sich herausstellte, ist die „Sphärenmusik“ nicht nur eine poetische Idee oder ein bloßer Mythos. Tatsächlich bewegen sich viele Resonanzen und Radiowellen, die für das menschliche Ohr unhörbar sind, durch den Weltraum.
Moderne wissenschaftliche Geräte können einige dieser Wellen in hörbaren Schall umwandeln. Der tiefste je entdeckte Ton (57 Oktaven unter dem mittleren C) stammt aus dem supermassereichen Schwarzen Loch im Kern von NGC 1275, einer Galaxie im Perseus-Haufen.
Objekte im Weltraum sind nicht die einzigen Dinge, die kosmische Klänge erzeugen. Auch die Erde „singt“.
Die Schumann-Resonanz ist eine Reihe von elektromagnetischen Resonanzen, die durch Blitze im Hohlraum zwischen der Erde und der Ionosphäre erzeugt werden. Sie wird manchmal als „Herzschlag der Erde“ beschrieben. Erste Forschungsergebnisse deuten sogar darauf hin, dass die Schumann-Resonanz eine wohltuende Wirkung auf die menschliche Gesundheit haben könnte.
Wissenschaftlern ist es gelungen, Protonen dazu zu bringen, in einem „Teilchen-Hymnus“ „wie eine Glocke zu läuten“, wie sie es kurz nach dem Urknall getan haben könnte. Jeden Morgen geht die Sonne auf, und wir erleben eine kleine Auferstehung, wenn aus einem Zustand der Unbewusstheit neues Leben zurückkehrt.
Nein, der Mond ist nicht grau
Der Mond weist auf seiner Oberfläche mehr Farben auf, als das menschliche Auge wahrnehmen kann.
Der Mond, geheimnisvoller Erd-Trabant.
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Die Neigung der Erdachse verursacht die Jahreszeiten
Die Jahreszeiten leiten sich aus der 23,5-Grad-Achsenneigung der Erde ab. Das führt dazu, dass Sonnenlicht einige Teile des Globus direkter trifft als andere.
Dieser Bereich verschiebt sich mit der Bewegung der Erde um die Sonne.
Das Geheimnis der unsterblichen Qualle
Man nennt sie die „Unsterbliche Qualle“ („Immortal Jellyfish“) oder wissenschaftlich „Turritopsis dohrnii“. Wenn dieses Lebewesen verletzt wird oder ausgehungert ist, kehrt es in ein früheres Lebensstadium zurück, anstatt zu sterben.
Bei ungünstigen Bedingungen oder Stress kann die adulte Turritopsis dohrnii ihre adulten Zellen wieder in Jugendzellen umwandeln. Dieser Prozess, die sogenannte Transdifferenzierung, ermöglicht es der Qualle, ihren Lebenszyklus neu zu beginnen.
Der Rubinkehlkolibri ist ein Winzling in der Vogelwelt. Bei einer Größe von rund 8 Zentimetern wiegt er gerade einmal 3 Gramm – so viel wie eine 2-Cent-Münze. Doch er ist ein Hochgeschwindigkeitsathlet in der Natur.
Sein kleines Herz schlägt 20 Mal pro Sekunde, und dieses wunderschöne Vöglein vermag es, seine Flügel mit einer Frequenz von 50 Schlägen pro Sekunde in der Form einer Acht zu bewegen. Dabei kann er nicht nur auf der Stelle „schweben“, sondern auch vorwärts, rückwärts oder kopfüber fliegen.
Wer jetzt denkt, dass der kleine Kerl solche Höchleistung nur kurzfristig erzielen kann, wird eines Besseren belehrt. Der Rubinkehlkolibri schreckt auch nicht vor Langstreckenflügen zurück. Er kann durchaus bis zu 800 Kilometer ohne Zwischenlandung zurücklegen.
Es ist nicht nur eine erschreckend schöne Vorstellung aus J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“: Bäume sprechen wirklich miteinander. Die Ökologin Suzanne Simard entdeckte, dass Bäume Informationen und Nährstoffe über ein unterirdisches Netzwerk aus gitterartigen Pilzen austauschen.
In einigen Fällen nutzen die Bäume dieses Netzwerk sogar, um „Warnungen“ zu senden, nach Verwandten zu suchen oder Nährstoffe an andere Bäume zu übertragen, bevor sie sterben.
Unterirdische Pilznetzwerke verbinden Bäume und ermöglichen ihnen den Austausch von Nährstoffen und chemischen Signalen.
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Licht lässt Blumen blühen
Temperatur- und Lichtsignale aktivieren ein Pflanzenhormon namens Florigen, das in den Blättern produziert und zu den Triebspitzen transportiert wird.
Dann beginnt die Blume mit der Bildung von Blütenknospen.
Oktopusse haben keine Knochen. Was sie haben, sind drei verschiedene Herzen, kupferbasiertes blaues Blut und Minigehirne in ihren Tentakeln.
Oktopusse können die Farbe und Beschaffenheit ihrer Haut verändern, um sich ihrer Umgebung anzupassen.
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Fotosynthese verwandelt Licht in Energie
Überall um uns herum ist der Prozess der Fotosynthese ständig am Werk. Grüne Pflanzen wandeln Lichtenergie in chemische Energie um. Sie produzieren auch Kohlenhydrate aus Kohlendioxid und einer Wasserstoffquelle.
Bäume, zahlreicher als Sterne in der Galaxy
Es gibt mehr Bäume auf der Erde als Sterne in der Galaxie. Sie alle arbeiten daran, unsere Luft zu reinigen.
Das älteste Restaurant der Welt steht in Spaniens Hauptstadt Madrid. Doch es hat noch eine Besonderheit: Im Küchenofen des „Sobrino de Botín“ brennt seit 300 Jahren eine Flamme – ohne Unterbrechung. Während Napoleon, der Spanische Bürgerkrieg und auch COVID-19 kamen und gingen, die Flamme blieb – und sie brennt immer noch.
3. März 2014: Das „Sobrino de Botín“ (Calle de los Cuchilleros, 17), das älteste Restaurant der Welt (1725), wurde von dem Franzosen Jean Botín gegründet. Ernest Hemingway besuchte das „Botín“ auf seinen Reisen nach Spanien häufig.
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Wie David gegen Goliath
Im Juni 1694, in der Schlacht von Hodów (in der heutigen Ukraine), errichteten 400 Soldaten der Adelsrepublik Polen-Litauen eilig provisorische Befestigungen auf offenem Feld, um sich den anrückenden 40.000 Krimtataren entgegenzustellen.
Sie hielten nicht nur die Stellung, sondern zwangen die Angreifer sogar zum Rückzug. Mit einer Quote von – je nach Quelle – 100 : 1 war dies einer der unaugeglichensten Kämpfe der Geschichte, bei dem die zahlenmäßig deutlich unterlegene Seite siegte.
Babys wachsen von der Empfängnis bis zur Geburt in ihrer Zellzahl beziehungsweise biologischen Masse um einen Milliardenfaktor. Doch irgendwie scheinen all diese sich vermehrenden Zellen im Körper eines Säuglings ganz genau zu wissen, wie sie sich ausrichten müssen, um ein Herz, ein Gehirn, zwei Augen, zwei Nieren, zwei Hände, zwei Füße und den ganzen übrigen Körper zu bilden.
Obwohl das Baby bekanntlich kein Meerestier ist, entwickelt es sich neun Monate lang im Fruchtwasser seiner Mutter. Erst dann „betritt“ es das Tageslicht und beginnt mit seinen kleinen Lungen den Sauerstoff in der Luft zu atmen. Dieser unvergleichlich komplexe Prozess, hat sich schon viele Milliarden Male in der Menschheitsgeschichte wiederholt.
Babys kommen mit 300 Knochen zur Welt, Erwachsene hingegen haben nur 206. Viele der zusätzlichen Knochen bestehen aus Knorpel, um die Geburt zu erleichtern. Später verschmelzen sie zu den 206 Knochen eines Erwachsenen.
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Die Organisation des menschlichen Körpers
Wussten Sie, dass es 7.000.000.000.000.000.000.000.000.000 (~ 7 x 10²⁷) Atome erfordert – alle an ihrem richtigen Platz –, um Ihren Körper zu bilden?
Gehirne sind besser als Technologie?
Die 86 Milliarden Neuronen in Ihrem Gehirn verarbeiten in 30 Sekunden mehr Informationen als das Hubble-Weltraumteleskop in 30 Jahren. Zudem vermag das Gehirn 200 Exabytes an Informationen zu speichern.
Würde man die gesamte DNA in Ihrem Körper von einem Ende zum anderen ausstrecken, würde sie sich über eine Entfernung von 10 Milliarden Meilen erstrecken.
Wie Bill Bryson in „Der Körper: Eine Anleitung für Insassen“ (Originaltitel: „The Body: A Guide for Occupants“) schreibt: „Es ist genug von Ihnen vorhanden, um das Sonnensystem zu verlassen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes kosmisch.“ (x0132There is enough of you to leave the solar system. You are in the most literal sense cosmic.x0147)
Die Heilkraft von Musik
Musik aktiviert das gesamte Gehirn, setzt Endorphine frei, lindert Schmerzen und kann den Zugang zu verlorenen Erinnerungen wiederherstellen. In Shakespaers „Viel Lärm um nichts“ (englischer Originaltitel: „Much Ado About Nothing“) sagt die Figur Benedikt in Bezug auf ein gängiges Material für die Saiten von Musikinstrumenten: „Ist es nicht seltsam, daß Schafdärme die Seele aus eines Menschen Leibe ziehn können?“
Der größte Indikator für ein glückliches und gesundes Leben ist nicht Ruhm oder Geld, sondern die Qualität Ihrer Beziehungen. Das hat die längste Studie über menschliches Glück herausgefunden, die jemals durchgeführt wurde.
Starke soziale Beziehungen stehen in einem nachweislichen Zusammenhang mit besserer körperlicher Gesundheit und höherer Lebenserwartung.
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Unsere Herzen können sich synchronisieren
Wenn sich zwei Liebende in die Augen schauen, synchronisieren sich ihre Herzfrequenzen. Und das Betrachten eines Bildes eines geliebten Menschen lindert körperliche Schmerzen.
Etwa 15 Prozent der Patienten auf Intensivstationen berichten über Nahtoderfahrungen. Beim Vergleich und der Analyse verschiedener NTEs wurden einige gemeinsame Merkmale festgestellt: Sinneswahrnehmung außerhalb des physischen Körpers, das Durchqueren eines Tunnels, die Begegnung mit mystischem Licht, eine Rückschau auf das eigene frühere Leben und die Begegnung mit verstorbenen geliebten Menschen.
Menschen, die von NTEs berichten, bezeugen oft Ereignisse, von denen sie unmöglich hätten wissen können – es sei denn, sie wären von ihren physischen Körpern getrennt gewesen.
Nahtoderfahrungen geben einen Einblick in eine weitere Dimension des Mysteriums von Leben und Tod.
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Ehrfurcht liegt in unserer Reichweite
Laut Dacher Keltners Buch „Awe: The New Science of Everyday Wonder and How It Can Transform Your Life“ (zu Deutsch etwa: „Ehrfurcht: Die neue Wissenschaft des alltäglichen Staunens und wie sie Ihr Leben verändern kann) sind Erfahrungen, die Ehrfurcht hervorrufen, nicht schwer zu erlangen. Über die Teilnehmer seiner Forschung schrieb Keltner:
„Menschen erleben Ehrfurcht zwei- bis dreimal pro Woche, das ist alle paar Tage einmal. Sie finden das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen: die Großzügigkeit eines Freundes gegenüber einer obdachlosen Person auf der Straße; den Duft einer Blume; den Anblick eines belaubten Baumes, dessen Licht und Schatten auf dem Gehweg spielt; das Hören eines Liedes, das sie zurückversetzt in die Zeit ihrer ersten Liebe … Alltägliche Ehrfurcht.“
„People experience awe two to three times a week, that’s once every couple of days. They find the extraordinary in the ordinary: a friend’s generosity to a homeless person in the streets; the scent of a flower; looking at a leafy tree’s play of light and shadow on a sidewalk; hearing a song that transported them back to a first love … Everyday awe.“
Ehrfurcht zu fühlen macht uns glücklicher
Ehrfurcht zu erfahren – eine überwältigende Emotion des Staunens, der Angst und der Begeisterung angesichts von etwas Schönem und Mächtigem – hat tatsächlich nachweisbare physiologische Wirkungen. Die Forschung deutet darauf hin, dass Erfahrungen von Ehrfurcht uns glücklicher, gesünder und sozial stärker verbunden machen. Sie kann uns sogar dabei helfen, altruistischer zu handeln.
Wie der letzte Punkt auf dieser Liste zeigt, ist Ehrfurcht ein entscheidender Aspekt des menschlichen Lebens. Von der Schönheit bewegt und in uns selbst versunken zu sein – sei es eine Blume, ein Stern, ein geliebter Mensch, oder das Universum selbst –, was könnte zutiefst menschlicher sein als das? Was könnte erfüllender sein?
Wieviel Schönheit ist auf Erden unscheinbar verstreut; möcht‘ ich immer mehr des inne werden; wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut, in bescheidnen alt und jungen Herzen! Ist es auch ein Duft von Blumen nur, macht es holder doch der Erde Flur, wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.
Der Wagen ähnelt einer kunstvoll verzierten Kutsche oder einem Karren mit geschwungenen Metallverzierungen in Form von Efeu und Blättern, die an Filigranarbeit erinnern. Durch die Berührung vieler Hände war das Holz glatt geschliffen. Es handelte sich um eine sehr frühe Form des Feuerwehrautos, im Wesentlichen eine große, von Pferden gezogene Pumpe mit einem Schlauch zur Brandbekämpfung. Doch man könnte es für ein Kunstwerk halten, was durchaus verständlich wäre.
In der Mitte des Wagens war eine Pumpe angebracht, die wie ein kleiner Baum emporragte. Ihre „Äste“ waren die langen Griffe, die ein Team von Männern auf beiden Seiten betätigt hatte, indem sie diese auf und ab hoben. So wurde Wasser aus einem nahegelegenen See oder Fluss in den Schlauch gepumpt, der dann auf die Flammen gerichtet werden konnte.
Feuerwehrfahrzeuge aus dem 19. Jahrhundert, ausgestellt im „Hall of Flame Museum of Firefighting“ in Phoenix.
Im selben Museum konnte ich auch eine Muskete aus dem 18. Jahrhundert sehen. Ihr Schaft war lang und schlank wie der Stamm eines jungen Baums. Sie wirkte so leicht wie Luft, eine Waffe, die so geschmeidig war, dass man sie mit den Gedanken richten konnte. Sowohl das Holz als auch das Metall waren filigran und mit wunderschönen botanischen Motiven graviert.
Der Drang, Werkzeuge des Todes mit Schönheit zu schmücken, reicht weiter zurück als die Entstehungszeit dieser Muskete. Man muss sich nur einen römischen Gladius oder das mit Gold eingelegte Breitschwert eines mittelalterlichen Königs ansehen. Ihre tödliche Pracht muss im Herzen ihrer Träger Mut entfacht haben – und Angst in denen ihrer Feinde.
Warum haben wir uns im Westen von dieser Philosophie der Handwerkskunst, die Kunstfertigkeit mit Nützlichkeit und Schönheit verbindet, entfernt? Ist es an der Zeit, die utilitaristische (oder nutzenorientierte) Denkweise hinter uns zu lassen und zu einer früheren Art des Handwerks zurückzukehren?
Eine aufwendig verzierte Vorderladerpistole mit elfenbeinfarbenem Griff aus dem 18. Jahrhundert, die in Lìege, Belgien, hergestellt wurde.
Foto: stitched photography/iStock
Was uns verloren gegangen ist
Die Einstellung unserer Vorfahren war zutiefst menschlich: Die Handwerkskunst jener Zeit wusste, dass die menschliche Seele mehr als nur Funktionalität schätzt. Wir sehnen uns nach vermeintlich „unnötigen“ Eigenschaften wie Schönheit, Anmut und Beständigkeit, da sie unseren spirituellen Anteil ansprechen.
Ein eher alltägliches Beispiel sind Laternenpfähle. Vergleichen wir einen Laternenpfahl aus dem 19. Jahrhundert, wie er einst die prächtigen Straßen Londons säumte, mit einem modernen Laternenpfahl: Der Laternenpfahl aus der viktorianischen Zeit erhebt sich anmutig und majestätisch über die Straße wie ein märchenhafter Baum, dessen Früchte Flammen sind. Der alte Laternenpfahl ist mit verspielten Metallornamenten in organischen Formen verziert – eigentlich völlig überflüssig. Der moderne Laternenpfahl hingegen konzentriert sich auf Effizienz und Zweckmäßigkeit: Es gibt keinerlei Verzierungen – lediglich eine LED-Leuchte an einem Mast.
Londoner Laternenpfähle mit Drachen auf ihren Spitzen.
Foto: bycostello/iStock
Heutige Straßenlaternen sind ausschließlich auf ihre Funktion ausgelegt, nicht auf Ästhetik.
Foto: Christopher Snape/iStock
Zwar gibt es Ausnahmen, doch insgesamt trifft dies auf die meisten modernen Versionen von Werkzeugen, Maschinen, Möbeln, Gebäuden und anderen Dingen zu. Dabei fällt auf, dass zeitgenössischen Gegenständen die Verzierungen, organischen Formen sowie das Gespür für Symmetrie und Proportionen fehlen, die ihre historischen Vorläufer auszeichneten.
Unsere Vorfahren waren sehr darauf bedacht, Nützlichkeit und Schönheit miteinander zu verbinden. Sie wollten, dass ihre Werkzeuge nicht nur gut verarbeitet und effektiv, sondern auch schön anzusehen sind. So fand die Schönheit Eingang in den Alltag. Bemerkenswerterweise investierten diese Menschen zusätzliche Zeit, Materialien und Geld in die Verschönerung ihrer Umgebung und ihrer Gegenstände, obwohl ihnen weitaus weniger Ressourcen zur Verfügung standen als uns heute.
Ein Grund für den Rückgang der Handwerkskunst liegt auch in den Designbewegungen der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Bauhaus-Designschule nach dem Ersten Weltkrieg beispielsweise stellte Funktionalität und Erschwinglichkeit über Schönheit. Diese sozialistisch geprägte utilitaristische Bewegung hinterfragte die klassischen „bürgerlichen“ Ideale von Schönheit und Symmetrie und strebte gleichzeitig danach, Kunst, Architektur und Möbel zu schaffen, die sich leicht in Massenproduktion herstellen ließen, um den Wiederaufbau und die Erneuerung der Ruinen im Europa der Nachkriegszeit zu unterstützen.
In ähnlicher Weise setzte der Brutalismus der 1950er-Jahre auf karge, freiliegende, raue Formen und Texturen und schloss bewusst jegliche Aspekte der Schönheit aus seinen Entwürfen aus. Wir leben noch immer in den Nachwehen des Bauhaus, des Brutalismus und ähnlicher Designbewegungen mit ihrer kargen, industriellen Ästhetik.
Gebäude aus verschiedenen Epochen in der Innenstadt von Prag verdeutlichen die starken Veränderungen in der Architektur im Laufe der Jahre.
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Demgegenüber spiegelt die Verbindung von Schönheit und Produktivität eine von Sensibilität gegenüber der Welt geprägte Haltung wider. Schönheit spricht unsere Vernunft an und vermittelt uns Zugang zu Sinn. Handwerker und Künstler erkennen in der Welt Schönheit und Ordnung, die über die bloßen materiellen Gegebenheiten hinausgehen. Sie finden darin Sinn. Sie sehen beispielsweise, dass ein Baum mehr ist als nur Rinde, Blätter und Wurzeln – er besitzt Ganzheitlichkeit, Harmonie, Verständlichkeit und eine Fülle sinnlicher Anziehungskraft, die nur als schön bezeichnet werden kann.
Handwerker erkennen solche Muster in der Welt und möchten sie ganz selbstverständlich in ihren eigenen Werken nachbilden. Sie möchten, dass ihre Werke mehr sind als eine Anordnung nützlicher Teile. Sie möchten, dass sie eine tiefere Bedeutung haben und etwas von der geheimnisvollen „überflüssigen“ Schönheit einfangen, die der Welt innewohnt.
Selbst das Automobildesign ist mittlerweile weitgehend funktionaler und weniger auf Ästhetik ausgerichtet.
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Die Wiederbelebung bewusster Handwerkskunst
Historische Artefakte zeigen, dass ästhetisches Empfinden und ein tiefes Gefühl für natürliche Harmonie einst die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen maßgeblich bestimmt haben. Dieses Empfinden ist auch heute noch in uns lebendig, wenngleich es die Produktion von Waren längst nicht mehr prägt wie einst.
So erkennen wir intuitiv den besonderen Wert einer handgefertigten Bambus-Fliegenrute mit kunstvoll eingelegtem Fischgrätmuster im Griff gegenüber einer schlichten, industriell gefertigten Fiberglasrute. Beide erfüllen denselben Zweck, doch die eine zeugt von sorgfältiger handwerklicher Vollendung. Menschen sind bereit, für ein solches Objekt mehr zu bezahlen – nicht wegen eines funktionalen Vorteils, sondern weil seine Gestaltung ihm eine zusätzliche, immaterielle Qualität verleiht.
Die menschliche Natur hat sich darin kaum verändert; vielmehr scheint unser Bewusstsein für die Bedeutung dieser Eigenschaft mit der Zeit verblasst zu sein.
Hochwertige Handwerkskunst kann zwar etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen, aber dafür schafft sie wunderschöne Produkte.
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Dass der in uns innewohnende Hang zur Schönheit nachgelassen hat, ist das Ergebnis einer langen und komplexen Entwicklung. Es hängt jedoch eng mit der Denkweise zusammen, die heute die industrielle Fertigung prägt, nämlich der „Logik der Fabrik“. Diese unterscheidet sich grundlegend vom Geist des Handwerks. Während die industrielle Sichtweise die Welt vor allem als Rohstoff begreift, der geformt und verwertet werden soll, verstand das traditionelle Handwerk sie als geordnete Wirklichkeit, an der man sich orientieren konnte. Im Vordergrund stehen hier Maßstab, Effizienz, Erschwinglichkeit und Funktionalität – eine stark vom Materiellen geprägte Haltung.
Die Handwerksmentalität legt hingegen weniger Wert auf Quantität als auf Qualität. Erschwinglichkeit tritt hinter Bewunderungswürdigkeit zurück. Das Handwerk hat ein spirituelles Bewusstsein für Eigenschaften, die über den materiellen Nutzen hinaus erstrebenswert sind.
Zweifellos bringt die „Logik der Fabrik“ zahlreiche Vorteile mit sich. Nie zuvor hatten wir Zugang zu so vielen Gütern zu so günstigen Preisen wie heute. Es lohnt sich jedoch, darüber nachzudenken, was verloren gegangen ist, als die Werkstätten der kleinen Handwerker von Fabriken abgelöst wurden.
Der Verlust der Harmonie zwischen Schönheit und Nützlichkeit geht eng mit dem Aufkommen des Industrialismus einher. Als Waren nicht länger das Ergebnis menschlicher Handwerkskunst, sondern maschineller Produktion geworden sind, haben sie ihre menschliche Note verloren.
Maschinen haben keinen Bedarf an Schönheit. Wir jedoch schon.
Der Mythos von Theseus und dem Minotaur (r.) machte den Bildhauer Antonio Canova berühmt (l.). - Foto: gemeinfrei, Yair Haklai/Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0; Montage und Bearbeitung: Epoch Times
In Kürze:
Der italienische Bildhauer Antonio Canova galt im 18. Jahrhundert wegen seines großen Talentes als „moderner Phidias“.
Vor allem seine Skulptur „Theseus und der Minotaur“, angelehnt an einen griechischen Mythos, machte Canova berühmt.
Das 18. Jahrhundert war die Geburtsstunde eines großen Künstlers: des italienischen Bildhauers Antonio Canova (1757–1822). Heute ist Canova dafür bekannt, dass er das Erbe der antiken griechischen Bildhauerkunst wiederbelebte.
Manche bezeichneten ihn damals sogar als den „modernen Phidias“. Phidias (ca. 480–430 v. Chr.) war einer der größten Bildhauer der Antike und einer der Verantwortlichen beim Ausbau der berühmten Akropolis von Athen.
Der Legende nach soll der herausragende Bildhauer als Einziger jemals die griechischen Götter gesehen haben. Phidias verewigte das Antlitz der Götter schließlich mit den Skulpturen des Parthenon und machte es so für alle Griechen greifbar.
Canova dürfte dieser Gedanke gefallen haben, denn der italienische Künstler sagte einmal: „Die Werke des Phidias sind wahrhaftig aus Fleisch und Blut, wie die schöne Natur selbst“, so die Kunsthistorikerin Jane Martineau in ihrem Buch „The Glory of Venice: Art in the Eighteenth Century“.
Selbstportrait von Antonio Canova aus dem Jahr 1790.
Im Jahr 1779, als er Anfang 20 war, schuf Canova die Marmorskulptur „Daedalus und Ikarus“ im barocken Stil. Diese zeigt den mythischen griechischen Erfinder, Architekten und Bildhauer Daidalos mit seinem Sohn Ikaros.
In der Momentaufnahme ist Daidalos zu sehen, wie er sorgfältig seinen Sohn mit Flügeln ausstattet, indem er Federn mit Wachs an dessen Rücken befestigt. Daidalos fertigte auch für sich selbst gefiederte Flughilfen an, die beiden halfen, den Fängen von König Minos zu entfliehen.
Die Skulptur „Daedalus und Ikarus“ im Museo Correr, dem städtischen Museum von Venedig.
Bekanntlich kam Ikaros dabei ums Leben. Sein Vater hatte ihn gewarnt, nicht zu hoch zu fliegen, doch er ignorierte den Rat. Sein Übermut verleitete ihn dazu, näher an die Sonne heranzufliegen, wodurch das Wachs schmolz, das seine provisorischen Flügel zusammenhielt. Der junge Mann stürzte vor den Augen seines Vaters ins Meer und ertrank.
Das Gemälde „Der Sturz des Ikarus“ von Jacob Peter Gowy aus dem Jahr 1636.
Vater und Sohn flohen vor König Minos, nachdem Daidalos geholfen hatte, das Leben des jungen athenischen Prinzen Theseus zu retten. Zusammen mit Ariadne, der Tochter von König Minos, half Daidalos dem jungen Helden und verriet ihm, wie er erfolgreich aus dem Labyrinth des gefürchteten Minotaur entkommt. Das Fabelwesen hatte den Körper eines Menschen und den Kopf eines Stiers. Und tatsächlich: Theseus besiegte den Minotaur und fand den Weg aus dem Labyrinth.
Die künstlerische Darstellung von 1861 zeigt den athenischen Prinzen Theseus im Labyrinth mit dem Minotaur.
Canova stellte Theseus und den Minotaur im Jahr 1782 dar. In der neoklassizistischen Skulptur überragt Theseus den Minotaur, den er gerade getötet hat. Das Werk verkörpert den zielgerichteten Geist, für den Theseus steht, der über den materiellen Körper triumphiert, der durch den toten Minotaur repräsentiert wird, so der Kunsthistoriker David Bindman in einer Vorlesung über italienische Kunst im Jahr 2015.
Die Skulptur „Theseus und der Minotaur“ von Antonio Canova (1757–1822) aus dem Jahr 1782 im britischen Victoria and Albert Museum.
Den Betrachtern jener Zeit fiel es schwer zu glauben, dass „Theseus und der Minotaur“ ein zeitgenössisches Werk und keine Kopie einer antiken griechischen Skulptur war. Dieses Werk trug zusammen mit Canovas erstem päpstlichen Auftrag in Rom – dem Grabmal von Papst Clemens XIV. (fertiggestellt 1787) – dazu bei, seinen Ruhm in ganz Europa zu festigen.
Als sich am Abend des 28. Juni im Four Seasons Centre for the Performing Arts in Toronto zum letzten Mal in dieser Saison der Vorhang für Shen Yun hob, schloss sich ein Kreis, der Ende März mit einer Bombendrohung begonnen hatte. Seitdem stand unausgesprochen die Frage im Raum, ob sich eine Bühne in einem freien Land per E-Mail aus der Ferne lahmlegen lässt.
Am 29. März schien genau das zu geschehen. Eine Stunde vor einer Nachmittagsvorstellung erreichte das renommierte Theaterhaus eine Drohung: Im Gebäude sowie am Parlamentshügel seien Sprengsätze platziert. Rund 2.000 Menschen wurden daraufhin aus dem Saal gebracht. Die Polizei rückte an und durchsuchte das Gebäude, stufte die Drohung jedoch als unbegründet ein. Dennoch sagte das Four Seasons Centre die Vorstellung ab. Zwei Tage später wurden unter Verweis auf „eskalierende Drohungen“ auch die übrigen fünf Aufführungen gestrichen. Damit blieb für fast 10.000 Ticketinhaber unklar, ob und wann die Vorstellungen stattfinden würden.
Nach Angaben der Veranstalter war Toronto der erste Fall, in dem eine solche Drohung tatsächlich zur Absage von Shen-Yun-Aufführungen führte. Die 2006 in New York von chinesischen Künstlern gegründete Kompanie war in den vergangenen zwei Jahren über 150-mal Ziel ähnlicher Falschdrohungen, ohne dass es an einem anderen Ort zu Absagen kam – weder in Washington noch in Paris noch in Berlin. Nur in Toronto hatte die Drohung Konsequenzen.
Wer den Trubel um Shen Yun verstehen will, muss einen Blick ins Programm werfen. Die Kompanie zeigt nach eigenen Angaben ein „China vor dem Kommunismus“: 5.000 Jahre Kultur, klassischen chinesischen Tanz, Legenden und historische Szenen, begleitet von einem Orchester, das chinesische und westliche Instrumente verbindet. Ergänzt wird das durch animierte Bühnenbilder, in denen die Tänzer scheinbar zwischen Himmel und Erde wechseln.
Dargestellt wird ein China, das älter ist als die Volksrepublik: geprägt von Dynastien, Mythen, moralischen Erzählungen und religiösem Glauben. Genau darin liegt auch der Konfliktpunkt mit Peking. Shen Yun präsentiert ein China ohne Parteiparolen, ohne Mao-Kult und ohne kommunistische Ideologie – und verweist zugleich auf die Verfolgung der spirituellen Gruppe, die das Regime seit Jahren aus dem öffentlichen Leben verdrängen will.
Drehbuchautor Peter Campbell bei Shen Yun im Four Seasons Centre for the Performing Arts in Toronto. Daniella Wollensak/The Epoch Times
Erfahrung des Publikums und persönliche Geschichte einer Falun-Gong-Praktizierenden
Wie der Abend beim Publikum ankam, beschrieb der Drehbuchautor Peter Campbell, der die letzte Vorstellung besuchte: „Es ist großartig, vom ersten Moment an. Sobald sich der Vorhang hebt, ist es schön – ich habe jede Sekunde geliebt.“ Besonders beeindruckt habe ihn die Kombination aus Tanz und animierten Bühnenbildern, durch die die Darsteller scheinbar aus der Projektion heraustreten und wieder in sie hineingehen. Campbell weiter: „Der Hintergrund ist mehr als nur ein Hintergrund.“
Die meisten der Künstler praktizieren Falun Gong, eine spirituelle Disziplin, die auf den Prinzipien Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht basiert und in China seit 1999 verfolgt wird. Für Nancy Zhang, die Moderatorin des Shen-Yun-Ensembles, das ursprünglich in Toronto auftreten sollte, ist diese Verfolgung keine abstrakte Geschichte. Sie war acht Jahre alt, als ihre Eltern nach der Arbeit nicht nach Hause kamen. Beide waren verhaftet worden, weil sie Falun Gong praktizierten. Der Vater wurde in ein Umerziehungslager gebracht und die Mutter zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. „Für ein Kind wird diese Art von Angst normal“, sagte sie später, „aber so sollte das nicht sein.“
Dass sie diese Angst nun auch im Ausland wieder erlebt – wenn auch nicht durch direkte staatliche Repression, sondern durch Drohungen gegen Theater, Veranstalter und Publikum –, empfindet sie als besonders beunruhigend. Ihre Frage zielt auf einen größeren Zusammenhang ab: „Wenn wir nicht einmal in Übersee frei sprechen können, verwandelt sich dann nicht der Westen in China?“
Nancy Zhang ist Moderatorin eines der insgesamt acht Shen-Yun-Ensembles und weiß, was Verfolgung in einem kommunistischen Land wie China bedeutet.
Foto: Frederico Vidovix/The Epoch Times
Internationale Einflussnahme und politische Reaktionen auf Shen Yun
Kanada behandelt solche Vorgänge inzwischen als Sicherheits- und Demokratiethema. Im Hintergrund steht der lange Arm eines autoritären Staates: Druck auf Exilgruppen, Drohungen gegen Kritiker, Überwachung von Diaspora-Gemeinschaften, Desinformation und diplomatische Interventionen. Bei Shen Yun führte diese Strategie zu einem Theaterabend mit evakuiertem Saal. Dieselbe E-Mail-Adresse, die das Four Seasons bedrohte, ging auch an das Theater in Vancouver. Die dortige Cybercrime-Einheit verortete eine mit dem Konto verknüpfte Telefonnummer in China. Schon im letzten Jahr hatten taiwanische Ermittler eine ähnliche Drohung in die nordchinesische Stadt Xi’an zurückverfolgt, in die Nähe einer Forschungseinrichtung des Konzerns Huawei.
Der sichtbarste politische Hinweis kam jedoch nicht aus einer E-Mail, sondern aus einem Sitzungszimmer: In Vancouver trafen sich Vertreter des chinesischen Konsulats mit einem städtischen Mitarbeiter und sprachen über Shen Yun. Quellen zufolge hätten die Diplomaten eine Absage der Aufführungen gewünscht; die Stadt erklärte dagegen, es habe keinen Druck gegeben, musste später jedoch Teile ihrer Darstellung korrigieren. Shen Yun spielte in Vancouver schließlich dennoch.
Auch in Deutschland ist Shen Yun bereits zum Gegenstand chinesischer Intervention geworden. Schon im Februar 2014 versuchte ein Vertreter der chinesischen Botschaft, einen Auftritt in Berlin zu verhindern. Jörg Seefeld, der damalige Leiter der Eventabteilung des Stage-Theaters am Potsdamer Platz, schilderte, wie der Diplomat zunächst Interesse am Haus zeigte und anschließend fragte, ob sich der Vertrag mit der Kompanie nicht annullieren lasse; stattdessen könnten politisch unbedenkliche Ensembles vermittelt werden. Seefelds Antwort fiel knapp aus: „Ich bin aus der DDR. Bei den Chinesen ist es wie damals bei unseren Machthabern: Die haben Angst.“ Die Aufführung fand dennoch statt – ebenso wie 2026 in der Deutschen Oper Berlin.
Die Bundesregierung hat die Verfolgung von Falun Gong wiederholt thematisiert. Die Menschenrechtsbeauftragte Bärbel Kofler erklärte zum 20. Jahrestag der Kampagne, China gehe „mit äußerster Härte“ gegen die Bewegung vor, und forderte Peking zur Einhaltung der Menschenrechte auf.
Dass Shen Yun im Juni im Four Seasons Centre auftreten konnte, war das Ergebnis von Gesprächen, öffentlicher Unterstützung und politischer Rückendeckung. Die Veranstalter verhandelten, Abgeordnete setzten sich für Nachholtermine ein und Bürger wandten sich mit Petitionen und Briefen an die Verantwortlichen. Das Theater setzte schließlich fünf Vorstellungen neu an, dieses Mal mit Metalldetektoren, Spürhunden und verstärkter Polizeipräsenz.
Die Podcasterin Tammy Peterson sah Shen Yun im Four Seasons Center for the Performing Arts in Toronto, Kanada.
Foto: Allen Zhou/The Epoch Times
Abschluss der Aufführung und Reaktionen auf Shen Yun
Der kanadische Menschenrechtsanwalt David Matas, der sich seit Jahrzehnten mit der Lage in China befasst, sah das Besondere des jüngsten Shen-Yun-Auftritts in Toronto in der Verbindung von künstlerischer Schönheit und menschenrechtlichem Zeugnis. Die Aufführung spreche nicht nur über Freiheit, sondern mache sichtbar, was verloren gehe, wenn sie verschwinde. Die Podcasterin Tammy Peterson, die der Show beiwohnte, sprach von einer hoffnungsvollen Botschaft auch für den Westen: „Es liegt an uns, einander zu lehren, dass es ein Fundament unserer Kultur gibt, das unverzichtbar ist, wenn wir überleben wollen.“
Der Vorhang, der im März geschlossen blieb, hob sich schließlich im Juni. An diesem letzten Abend der Aufführungen in Toronto war nicht die Drohung das letzte Bild, sondern der tosende Applaus.
In Deutschland Straßenfest, in Amerika Blockparty – Menschen in seiner eigenen Nachbarschaft zu kennen, kann zu mehr Lebenszufriedenheit und einem Gefühl der Zugehörigkeit führen. - Foto: monkeybusinessimages/iStock
„Es ist nicht unsere Aufgabe, alle Strömungen der Welt zu beherrschen, sondern das zu tun, was in unserer Macht steht, um in den Jahren, in die wir gestellt sind, Hilfe zu leisten und das Böse auf den Feldern, die wir kennen, auszurotten, damit diejenigen, die nach uns kommen, sauberen Boden zum Bebauen vorfinden.“ „It is not our part to master all the tides of the world, but to do what is in us for the succour of those years wherein we are set, uprooting evil in the fields that we know so that those who come after may have clean earth to till.“ Diese wunderschönen Zeilen aus J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ geben uns sowohl Hoffnung als auch Orientierung in schweren Zeiten. Es ist leicht, sich von dem Bösen in der Welt überwältigen zu lassen, von den Problemen der Welt verwirrt und bedrängt zu werden.
Wir wünschen uns Veränderungen. Vielleicht wünschen wir uns sogar die Macht, das zu heilen, woran die Welt krankt. Doch allzu oft fühlen wir uns machtlos.
Tolkiens Zitat hebt zwei wichtige Wahrheiten hervor. Erstens können wir nicht die Last der ganzen Welt auf uns nehmen. Wir können nicht versuchen, „alle Strömungen zu beherrschen“. Aber gleichzeitig sind wir nicht machtlos. Wir mögen vielleicht nicht in der Lage sein, geopolitische Probleme zu lösen, aber wir können unseren Blick auf „die Felder, die wir kennen“ richten – unsere örtlichen Gemeinschaften – und die Probleme angehen, die wir dort vorfinden.
Wer Einfluss auf sein Umfeld nehmen möchte, sollte in seiner eigenen Nachbarschaft beginnen.
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Das ist ein Lichtblick in dunklen Zeiten. Indem wir uns den Aufgaben in unserem unmittelbaren Umfeld widmen, ebnen wir den Weg zu einem kulturellen Wandel, der durchaus erreichbar ist. Wenn genügend Menschen Zeit, Energie und Geld in die Verbesserung und den Wiederaufbau ihrer lokalen Gemeinschaften investieren, könnte die ganze Welt zum Besseren verändert werden.
Vielleicht ist die Zeit gekommen, sich wieder dem eigenen Umfeld zu widmen, statt den nationalen und internationalen Schauplätzen. „Normale Menschen wollen Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen“, schreibt Dale Ahlquist in der Einleitung zu seinem Buch „Localism“ aus dem Jahr 2024, „doch sie fühlen sich zunehmend frustriert und entfremdet, weil alles außerhalb ihrer Kontrolle liegt und sie nicht einmal wissen, wer die Kontrolle ausübt. … Lokalismus bedeutet, bei den Dingen mitreden zu können, die das eigene Leben betreffen.“
„Normal people want to take responsibility for their own lives, and they are increasingly frustrated and alienated by the fact that everything is out of their control and they cannot really say who is in control. …Localism means having a say in what happens to you.“
Unser größter Einflussbereich liegt vor unserer Haustür. Dort wirken sich Entscheidungen am unmittelbarsten auf uns und unsere Familien aus. Die wahre Gestaltungskraft gewöhnlicher Menschen entfaltet sich in ihrer Gemeinde, ihrer Nachbarschaft und ihrem direkten Umfeld. Ob sie davon Gebrauch machen, liegt bei ihnen selbst.
Dies ist einer der Grundgedanken des Lokalismus (Anm. d. Red.: Orientierung an lokalen Gemeinschaften). Er beruht auf der Überzeugung, dass sich das wirtschaftliche, kulturelle, soziale und religiöse Engagement eines Menschen in erster Linie auf seine unmittelbare Gemeinschaft und Region richten sollte.
Größere Institutionen und staatliche Ebenen sollten diese lokalen Strukturen achten, fördern und stärken. Auf vielfältige Weise schaffen solche Gemeinschaften die Kraft, Widerstände zu überwinden, und sie spielen eine entscheidende Rolle dabei, Gesellschaften zu bewahren, zu erneuern und lebendig zu halten.
G. K. Chesterton schrieb in einem Artikel vom 21. Juli 1928 für seine Zeitung „G.K.’s Weekly“:
„Es kommt in der Geschichte oft vor, dass sich extrem kleine und lokale oder gar rückständige und barbarische Dinge mit großem Erfolg gegen Imperien und Konzerne verteidigen, einfach weil sie zu abgelegen sind, um sich von bloßen kosmopolitischen Gerüchten und Reputationen einschüchtern zu lassen. Es gibt einige glückliche Gemeinschaften, die zu unwissend sind, um eingeschüchtert zu werden, zu abergläubisch, um sich erschrecken zu lassen, zu arm, um bestochen zu werden, und zu klein, um zerstört zu werden. Wahrscheinlich wird gerade an diesen winzigen und verborgenen Orten der Same der Zivilisation für künftige Zeitalter bewahrt bleiben – inmitten der stümperhaften Gesetzlosigkeit von großen, wahrscheinlich auf uns zukommenden Veränderungen.“
„It often happens in history that things intensely small and local, or even backward and barbaric, defend themselves with great success against empires and combines, simply because they are too remote to have been overawed by mere cosmopolitan rumour and reputation. There are some fortunate communities that are too ignorant to be bullied, too superstitious to be frightened, too poor to be bribed, and too small to be destroyed. It is probably in these minute and secret places that the seed of civilization will be preserved for future ages, through the blundering anarchy of big things which seems to be coming upon us.“
Ehrenamtliches Engagement auf Gemeindeebene steht in Zusammenhang mit einem verbesserten sozialen Zusammenhalt und messbaren Vorteilen für die öffentliche Gesundheit und das Wohlbefinden.
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Wie sieht Lokalismus in der Praxis aus?
Wie sieht Lokalismus in der Praxis aus? Einige allgemeine Merkmale lassen sich hier skizzieren. Ahlquist hilft uns, einige der zugrunde liegenden Prinzipien zu verstehen: „Unter Lokalismus verstehen wir eine Wirtschaft und ein politisches System, das auf der Familie basiert.“
„By localism, we mean an economy and a political system based on the family.“
Die Familie ist die unmittelbarste und lokalste Form der Gesellschaft. Lokalismus sollte sich darauf konzentrieren, ein soziales und wirtschaftliches Umfeld zu schaffen, das die Familie begünstigt. Ahlquist schreibt:
„Wenn wir damit beginnen, die Würde darin zu sehen, für unsere eigenen Familien zu sorgen, sie zu schützen und zu lieben, dann ist der nächste natürliche Schritt, auch unseren Nachbarn mit derselben Achtung und Nächstenliebe zu begegnen, damit ihre Familien das genießen können, was auch wir genießen.“
„If we begin with the dignity of providing for and protecting and loving our own families, the next natural step is to treat our neighbors with the same respect and charity so that their families can enjoy what we enjoy.“
Wenn Familien glücklich sind und sich geborgen fühlen, ist der Grundstein für eine starke Gesellschaft gelegt.
Der familiäre Aspekt des Lokalismus ermutigt Eltern, auf die Einflüsse auf ihre Kinder zu achten. So könnte Bildung im „lokalen Stil“ beispielsweise darin bestehen, dass sich Eltern zusammenschließen, um eine eigene Schule oder Mikroschule zu gründen. Ziel wäre es, Kinder unter Nutzung lokaler Ressourcen zu unterrichten und dabei lokale Werte, Geschichte und Bräuche zu respektieren.
Leere Gasse in Stolberg im Harz, 2024.
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Vielleicht betrifft der herausforderndste, aber auch transformativste Teil einer lokalen Vision die Wirtschaft. In der globalisierten Wirtschaft fließt Geld typischerweise aus lokalen Gemeinschaften heraus und in die Kassen entfernter Unternehmen.
Selten bleibt dieses Geld in der lokalen Gemeinschaft, um sie zu stärken und ihre Bewohner zu erhalten. Ein Ziel des Lokalismus ist es, stärkere lokale Wirtschaftskreisläufe zu schaffen. Denn wo wir unsere Geschäfte erledigen, ist ein großer Teil unseres Lebens.
Wendell Berry stellte in seinem Aufsatz „The Work of Local Culture“ den Zusammenbruch der lokalen Kultur fest. Teilweise liege das daran, dass aufgrund unseres globalen Wirtschaftsmodells kaum noch Menschen ihren Lebensunterhalt in ihren lokalen Gemeinschaften verdienen können.
Dale Ahlquist sah die Wiederherstellung der lokalen Wirtschaft als zentral für das Vorhaben, lokaler zu werden. Er sagt: „[Lokalismus] bedeutet, deine Dollars in deiner Gemeinschaft zu behalten, von deinem Nachbarn zu kaufen und dadurch deinen Nachbarn zu unterstützen. Es bedeutet, dein eigenes Stück der Gemeinschaft zu besitzen. Es bedeutet, dein eigener Chef zu sein.“
„[Localism] means keeping your dollars in your community, buying from your neighbor, and thereby supporting your neighbor. It means owning your own piece of the community. It means being your own boss.“
Das lokal-regionale Modell ermutigt zahlreiche Kleinunternehmer, Landwirte und lokale Hersteller, miteinander Geschäfte zu machen. Dadurch entsteht eine autarke und in sich selbst investierende Gemeinschaft.
Zusammen statt allein: vier ältere Frauen in einem italienischen Dorf.
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Örtliche Gemeinschaften und Kultur im Mittelpunkt
Im Mittelpunkt des Ganzen steht natürlich die örtliche Gemeinschaft und ihre Kultur. Der Lokalismus versucht, Nachbarn wieder miteinander in Verbindung zu bringen. Er versucht, örtliche Vereine, Sportklubs, Glaubensgemeinschaften und gemeinnützige Organisationen neu zu beleben. [Anmerkung der Redaktion: So wie es heute in manchen ländlichen Gegenden Deutschlands noch gelebt wird.]
Lokalismus hat zum Ziel, das soziale Gefüge von Grund auf wieder zu knüpfen. Der Lokalismus misst echten Begegnungen von Mensch zu Mensch einen hohen Wert bei. Menschliche Beziehungen bilden das Herzstück des Lokalismus.
Das lokalistische Ideal klingt in unserer Zeit ein wenig veraltet. Doch es ist gar nicht so weit entfernt von den ursprünglichen Idealen der Unabhängigkeit, Nachbarschaftlichkeit, des Unternehmertums, der Resilienz und des Respekts vor der Tradition. Diese haben alle dazu beigetragen, unsere Nation überhaupt erst groß zu machen.
Es gab eine Zeit in Amerika, als ein Mann durch die Straßen seiner Stadt gehen und ein Gefühl von Stolz und Zufriedenheit empfinden konnte, dass alles, was er brauchte, genau hier war, direkt vor seinen Füßen, sowohl wirtschaftlich als auch sozial.
Er fühlte sich keinen entfernten, unpersönlichen finanziellen oder industriellen Kräften verpflichtet. Er kannte die Gesichter und die Namen der Männer und Frauen, die viele der Dinge herstellten, die er im täglichen Leben benutzte. Und er kannte sowohl die Menschen als auch die Philosophie der Menschen, die seine Kinder unterrichteten. Ihre Philosophie war seine eigene.
Er konnte zu Fuß zu seiner Kirche gehen, wo er dieselben Gesichter sah, mit denen er Geschäfte machte oder Baseball spielte. Er kannte die Leute, die in der Stadt- und Kreisverwaltung tätig waren; er hatte ihnen geholfen und sie ihm.
Die Geschichte seiner Stadt und der darin lebenden Familien war ihm auch bekannt. Er konnte auch den Zweig seiner Familie am Stammbaum seiner Gemeinschaft zurückverfolgen, der in der Gegend und Landschaft verwurzelt war. Er war Teil von etwas Lebendigem und Ganzem.
So könnte es wieder sein.
Der persönliche Kontakt ist nach wie vor einer der stärksten Indikatoren für Vertrauen in der Gemeinschaft und bürgerschaftliches Engagement.
Jungen lernen durch starke Vorbilder verantwortungsbewusstes Erwachsensein. Dies können ihnen Eltern und Mentoren vermitteln. - Foto: Tom Merton/iStock
Jungen zu Männern zu erziehen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit sind in den vergangenen Jahrzehnten stark in den Hintergrund getreten, was zu einem scheinbaren Dilemma geführt hat: entweder toxische Männlichkeit oder bloße Verweichlichung.
Natürlich entspricht keines von beiden wahrer Männlichkeit. Und Jungen in diese falschen Lösungen zu drängen, schadet sowohl ihnen selbst als auch der Gesellschaft.
Wie können wir wieder ein angemessenes Verständnis von Männlichkeit und Mannsein erlangen, das die beiden genannten Extreme vermeidet? Ein Ansatzpunkt ist die klassische Literatur.
Der britische Schriftsteller und Dichter Rudyard Kipling lebte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hierzulande wurde er unter anderem durch sein Werk „Das Dschungelbuch“ und den Roman „Kim“ bekannt. Sein gefeiertes Gedicht „If“ („Wenn“) gibt uns eine Momentaufnahme der traditionellen Ideale des Mannseins. Es wurde teilweise durch einen Freund Kiplings, Leander Starr Jameson, und dessen erfolglosem Militäreinsatz in Südafrika inspiriert.
In seinen Memoiren schrieb Kipling: „Unter den Versen in ,Rewards‘ war eine Reihe namens ‚If‘. … Sie waren durch Jamesons Charakter inspiriert und enthielten hohe moralische Maßstäbe, die sich leichter aussprechen als verwirklichen lassen.“ (“Among the verses in Rewards was one set called ‘If.’ […] They were drawn from Jameson’s character, and contained counsels of perfection most easy to give.”)
Das Gedicht ist an einen ungenannten Jungen oder Sohn gerichtet. Es listet eine Reihe von Bedingungen auf, um ein Mann zu werden. Die grundlegende Struktur lautet: „Wenn du all diese Dinge tun kannst, wirst du ein Mann sein.“ Hier sind einige der im Gedicht enthaltenen Lektionen, die uns helfen können, authentische Männlichkeit wiederzuerlangen.
Selbstvertrauen
Wenn du den Kopf bewahrst, da rings die Massen Längst kopflos sind und geben Dir die Schuld, Dir treu sein kannst, wenn alle Dich verlassen, Und siehst ihr Zweifeln dennoch mit Geduld;
If you can keep your head when all about you Are losing theirs and blaming it on you, If you can trust yourself when all men doubt you, But make allowance for their doubting too;
Hier erinnert Kipling junge Männer an die Notwendigkeit, ein stilles Vertrauen in ihre eigenen Werte, Fähigkeiten und Ideen zu bewahren. Und das selbst dann, wenn andere sie infrage stellen.
Mannsein erfordert ein Gefühl der Identität, das darin wurzelt, wofür man steht und wovon man weiß, dass man es zu leisten imstande ist. Ein maskuliner Mann hat Prinzipien und weiß, dass er in der Lage ist, ihnen gerecht zu werden. Das verleiht ihm Charakterstärke, selbst in den chaotischsten Situationen.
Selbstvertrauen ist keine Arroganz. Letztere ist oft genug nur eine Maske, die verwendet wird, um innere Unsicherheit zu verbergen. Ein Mann, der aufrichtig auf sich selbst vertraut, muss es anderen nicht ständig beweisen. Gleichzeitig weiß selbst der selbstbewusste Mann, dass er nicht alles weiß. Er besitzt die Demut, den Perspektiven anderer zuzuhören und diese zu berücksichtigen.
Eines der zentralen Themen Kiplings ist emotionale Stabilität – die Fähigkeit, gelassen und prinzipientreu zu bleiben, selbst wenn andere es nicht tun.
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Das Überwinden der Gefallsucht
Kannst warten du und langes Warten tragen, Läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein, Kannst du dem Hasser deinen Hass versagen Und doch dem Unrecht unversöhnlich sein –
If you can wait and not be tired by waiting, Or being lied about, don’t deal in lies, Or being hated, don’t give way to hating, And yet don’t look too good, nor talk too wise:
Durch sein ruhiges Selbstvertrauen und seine Überzeugungen kann ein Mensch falschen Anschuldigungen oder Verdrehungen anderer standhalten. Er ist kein Sklave der Gefallsucht. Selbst wenn andere schlecht über ihn denken oder Unwahrheiten über ihn verbreiten, verliert er nicht seine Ruhe. Er weiß, dass sein Wert als Mensch nicht davon abhängt, was andere von ihm halten.
Deshalb kann er ungerechtfertigter Kritik oder sogar offenen Lügen mit Gelassenheit begegnen. Wie ein Mann, der durch trockene Blätter schreitet, lässt er sich von belanglosen Dingen nicht von seinem Weg abbringen.
Kipling deutet zudem an, dass der wahre Mann sich nicht zu rachsüchtigen Taktiken herablässt. Er wird beispielsweise Lüge nicht mit Lüge und Hass nicht mit Hass vergelten. Frei von der Tyrannei der Gefallsucht zu bleiben, hilft einem Mann, ihm angetanes Unrecht zu akzeptieren, ohne dem Drang nachzugeben, andere im Gegenzug ungerecht zu behandeln.
Ziele setzen und Rückschlägen ins Auge sehen
Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden, Nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein; Wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden, Weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;
If you can dream — and not make dreams your master, If you can think — and not make thoughts your aim; If you can meet with Triumph and Disaster And treat those two impostors just the same;
Die ersten beiden Zeilen dieser Strophe enthalten je zwei ausgewogene Hälften. Hier weist Kipling auf die Notwendigkeit des Gleichgewichts bei einem Mann von wahrem Charakter hin. Beispielsweise sollte er ehrgeizig sein und in der Lage sein, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.
Dies sollte jedoch nicht bis zu dem Punkt gehen, an dem er zulässt, dass seine Ambitionen ihn dominieren oder seine Prinzipien außer Kraft setzen. Ebenso ist ein Mann von Charakter ein Mann des Denkens, aber nicht nur des Denkens. Er muss auch ein Mann der Tat sein, dessen Gedanken und Ideale in der greifbaren Welt Früchte tragen.
Diese Strophe führt auch eine Idee ein, die sich durch den Rest des Gedichts ziehen wird. Es geht um Beharrlichkeit angesichts von Rückschlägen und Enttäuschungen. Ob er nun Erfolg oder Scheitern, Triumph oder Katastrophe gegenübersteht: Ein wahrer Mann erfüllt seine Pflicht unbeirrt.
Kipling verwendet den seltsamen Begriff „impostors“ – zu Deutsch „Schwindler“ –, um sowohl „Triumph“ als auch „Disaster“ zu beschreiben. Dies deutet darauf hin, dass ein Mann von Charakter weder durch Erfolg noch durch Scheitern definiert wird. Sie sollten nicht zu seiner gesamten Identität werden oder das ersetzen, was er im Grunde seines Wesens ist.
Viktorianische Ideale von Disziplin, Pflicht und Entschlossenheit prägen das Männlichkeitsbild bis heute.
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Beharrlichkeit und Mut
Kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen, Verdreht zum Köder für den Pöbelhauf, Siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen Und baust mit letzter Kraft es wieder auf –
If you can bear to hear the truth you’ve spoken Twisted by knaves to make a trap for fools, Or watch the things you gave your life to, broken, And stoop and build ’em up with worn-out tools:
Wenn du auf EINES Loses Wurf kannst wagen die Summe dessen, was du je gewannst, es ganz verlieren und nicht darum klagen, nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;
If you can make one heap of all your winnings And risk it on one turn of pitch-and-toss, And lose, and start again at your beginnings And never breathe a word about your loss;
In diesen Strophen führt Kipling den Gedanken von Erfolg, Scheitern und einer männlichen Reaktion darauf weiter. Die Haupttugend, die er hier preist, ist Beharrlichkeit. Man bleibt dabei, selbst wenn all deine Arbeit ungeschehen gemacht wird und deine größten Errungenschaften zerfallen.
Der wahre Mann macht sich erneut an die Arbeit. Und wieder. So oft er muss, mit derselben ungebrochenen Entschlossenheit. Selbst die katastrophalsten Rückschläge treiben einen Mann nicht dazu, das aufzugeben, woran er glaubt. Sie bringen ihn auch nicht dazu, seine Hand vom Pflug zu nehmen, wenn er begonnen hat, die Furche zu ziehen.
Wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet, Sie doch zu deinem Dienst zu zwingen weißt Und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet Als nur dein Wille, der „Durchhalten!“ heißt –
If you can force your heart and nerve and sinew To serve your turn long after they are gone, And so hold on when there is nothing in you Except the Will which says to them: „Hold on!“
Als eine der inspirierendsten Strophen des Gedichts konzentriert sich diese ganz auf die Notwendigkeit der Entschlossenheit. Ein wahrer Mann ist fähig, Verpflichtungen einzugehen und an ihnen festzuhalten. Denn er besitzt die Willensstärke, „durchzuhalten“, selbst wenn „Herz und Sehne“ nachgegeben haben – selbst wenn sein eigener Gefühlszustand und sein Körper gegen ihn rebellieren.
Er bleibt durch die Kraft seines Willens Herr seiner selbst. Wenn er erst einmal einem edlen Zweck verschrieben ist, gibt er unter keinem Ausmaß an Druck nach.
Teilzeitarbeit und Haushaltsverantwortung sind wichtige Möglichkeiten für Jungen, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit zu entwickeln.
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Ein wahrer Mann besitzt einen inneren Zufluchtsort. Eine Kraftquelle, auf die er zurückgreifen kann. Er hat die Fähigkeit, sich zusammenzureißen, den Schmerz zu überwinden und die letzte Hürde zu meistern, wenn alle anderen aufgegeben haben.
Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen, Und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht; Läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen, Schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;
If you can talk with crowds and keep your virtue, Or walk with Kings—nor lose the common touch, If neither foes nor loving friends can hurt you, If all men count with you, but none too much;
In dieser letzten Strophe greift Kipling einen Gedanken auf, den er bereits zu Beginn formulierte: die Treue zu sich selbst und seinen Werten. Ein wahrer Mann lässt sich nicht durch sein Umfeld von seinem Weg der Tugend abbringen. Er lässt sich weder von der Masse erniedrigen noch von selbsternannten „Königen“ zu Arroganz aufblähen. Er verachtet andere nicht, lässt sich aber auch nicht vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat.
Dies schenkt ihm wiederum eine gewisse Freiheit, sodass er seine Identität nicht daran bindet, Freunden zu gefallen oder Feinde zu bekämpfen.
Ein charakterstarker Mann identifiziert sich weder übermäßig mit seinen Erfolgen noch mit seinen Misserfolgen.
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Kipling schließt das Gedicht mit den Worten:
Füllst jede unerbittliche Minute Mit sechzig sinnvollen Sekunden an: Dein ist die Erde dann mit allem Gute, Und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann!
If you can fill the unforgiving minute With sixty seconds’ worth of distance run, Yours is the Earth and everything that’s in it, And—which is more—you’ll be a Man, my son!
Ein paar abschließende Anmerkungen sind angebracht. Kipling schließt mit einem indirekten Hinweis auf die Wichtigkeit der Zeit. Der weise Mann weiß, wie man selbst in einer einzigen Minute Fortschritte in Richtung seiner Ziele erzielt. Dies ist das letzte „Wenn“ vor dem Schluss: „Dein ist die Erde dann mit allem Gute“.
Der Punkt hierbei ist, dass ein Mann von Tugend und Charakter eine Art Meisterschaft über die Welt erlangt, nicht im Sinne einer buchstäblichen Beherrschung von allem, sondern in dem Sinne, dass er in der Lage ist, Ziele zu erreichen, unabhängig von der Wankelmütigkeit der menschlichen Meinung zu bleiben und jede Herausforderung zu meistern.
Doch von noch größerem Wert als diese Meisterschaft über die Welt ist das, was der Junge werden wird, der diesen Rat befolgt: ein „Mann“. Wichtiger als all die weltlichen Errungenschaften, die aus wahrer Männlichkeit folgen, ist der Wert, der darin liegt, ein Leben in Tugend zu führen und ein Mann von Charakter zu werden.
Natürlich drückt die Bedingtheit dieses durchdringenden „Wenn“, das sich durch das ganze Gedicht zieht, die Schwierigkeit aus, das hier dargelegte Ideal zu erreichen. Doch es deutet auch darauf hin, dass dieses Ideal für diejenigen, die bereit sind, mit Integrität zu leben, nicht außer Reichweite ist.
„Die Nachtwache“, 1642, Rembrandt van Rijn. Rijksmuseum in Amsterdam, Niederlande. - Foto: gemeinfrei
Von allen niederländischen Malereien ist das am meisten verehrte Werk zugleich eines, das am stärksten angegriffen, beschädigt und fehlinterpretiert wurde. Es wurde nicht nur deutlich in seiner Größe beschnitten, sondern auch dreimal durch Kunstvandalen beschädigt und aufgrund von Schmutz und verwitterter Lasur, die seine Farben verdunkelten, falsch benannt: Rembrandts „Die Nachtwache“, das eine der berühmtesten Comeback-Geschichten der Kunstwelt erzählt.
350 Jahre nach seiner Entstehung ermöglichen die zahlreichen aufwendigen Restaurierungsarbeiten den Millionen Besuchern, die das Gemälde jährlich bewundern, einen neuen Blick auf die ursprüngliche Gestaltung. Bis heute jedoch existieren auch nach jahrhundertelangen Analysen und sorgfältigen Untersuchungen hinter der rätselhaften Bildgestaltung umstrittene Interpretationen und Geheimnisse.
„Selbstporträt“, 1660, von Rembrandt, Kenwood House, London.
Im Jahr 1602 fusionierten mehrere Handelsgesellschaften zur Niederländischen Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie, VOC), wodurch sich Amsterdam rasch zur Finanzhauptstadt der Welt entwickelte. Dieses Monopol ermöglichte es nicht nur Kaufleuten, sondern allen niederländischen Einwohnern, zu investieren und an den Gewinnen des Verbunds teilzuhaben. So entstand die weltweit erste Aktiengesellschaft, die dafür sorgte, dass Amsterdams Bevölkerungszahl in den folgenden 50 Jahren von 50.000 auf 175.000, auf mehr als das Dreifache, anstieg.
Vom Schulabbrecher zum Magier
Vier Jahre nach der Gründung der VOC, die das sogenannte Goldene Zeitalter der Niederlande einläutete, wurde Rembrandt van Rijn geboren.
Rembrandt (1606–1669) wuchs in der Stadt Leiden auf, rund 40 Kilometer von Amsterdam entfernt. Sein Studium an der Lateinschule brach er vorzeitig ab. Er begann eine Lehre bei dem niederländischen Maler und Kunsthändler Jacob van Swanenburg (1571–1638), dessen Stil von der italienischen Kunstszene geprägt wurde. Da der junge Künstler nach Abschluss seiner dreijährigen Ausbildung mit den erworbenen Fähigkeiten noch immer unzufrieden war, absolvierte er weitere Lehrjahre, darunter einen sechsmonatigen Aufenthalt in Amsterdam bei dem bekannten Historienmaler Pieter Lastman (1583–1633).
Eine der vier Szenen aus Rembrandts „Die fünf Sinne“.
Obwohl Rembrandt bei seinen Auftraggebern den Eindruck eines ruppigen und arroganten Künstlers hinterließ, zeugte seine Bereitschaft, weiterhin von verschiedenen Meistern zu lernen, von einer unbestreitbaren Disziplin und Selbstwahrnehmung, die sein Selbstbewusstsein untermauerten.
Anstatt die Gemälde mit seinen Initialen zu signieren, fügte er seinem Vornamen ein „d“ hinzu und nannte sich fortan „Rembrandt“ – ein Wortspiel mit den niederländischen Begriffen „rem“ („Hindernis“) und „brandt“ („Licht“).
Seine allmähliche Abkehr von lebhaften, farbenfrohen Paletten hin zu einer zurückhaltenden, monochromen Ästhetik ermöglichte ihm ein geniales Zusammenspiel von Licht und Schatten, mit denen er narrative Spannung zwischen seinen Motiven erzeugte. Seine Faszination für das Licht veranlasste ihn, seine Fenster mit geöltem Papier zu verdecken, um direktes Sonnenlicht zu dämpfen und eine diffuse Beleuchtung zu erzeugen.
Ein Vergleich seiner frühesten erhaltenen Werke „Die fünf Sinne“ (1625) und „Grablegung Christi“ (um 1633) zeigt seine deutliche Abkehr von einer farbenfrohen Sprache hin zu einer Technik dramatischer Kontraste. Auf der Grundlage der barocken Tradition des „Chiaroscuro“ (italienisch für hell-dunkel) entwickelte Rembrandt diese Technik im Laufe des folgenden Jahrzehnts weiter und setzte sie in dem Werk um, das der wichtigste Auftrag seines Lebens werden sollte.
Gegen Ende des Achtzigjährigen Krieges hatten sich die Amsterdamer Milizen längst aus dem Kampfgeschehen zurückgezogen. Eine Möglichkeit, ihren hohen gesellschaftlichen Status zu wahren, bestand darin, große Gruppenporträts in Auftrag zu geben, um ihre glorreichen Tage im Kampf zu verewigen. Diese Porträts waren in der Regel formelle, statische Darstellungen, die das Gesicht jedes einzelnen Mitglieds deutlich zeigten. Als die Amsterdamer Bürgerwehr, die Kloveniers, im Jahr 1640 mit einem solchen Auftrag an Rembrandt herantrat, fiel seine Antwort ausgesprochen untypisch aus.
Obwohl die Kloveniers aus 18 Mitgliedern bestanden, sind auf Rembrandts Gemälde 32 Männer zu erkennen, dazu zwei Frauen und noch ein Hund. Die Szene, in der sich die Figuren in einer turbulenten Atmosphäre aus dynamischer Bewegung und Lärm vor einem Triumphbogen versammelt haben, hat seit ihrer Enthüllung zu keiner einheitlichen Deutung geführt – ein abgefeuertes Gewehr, Trommelklänge, eine geschwenkte Fahne und unterschiedlichste Figuren, die alle in eine andere Richtung blicken oder zeigen.
Die beiden zentralen Figuren sind Hauptmann Frans Banninck Cocq und sein Leutnant Willem van Ruytenburch, nach dem das Gemälde ursprünglich benannt war. Der Hauptmann hat seinen Handschuh ausgezogen und streckt seine linke Hand dem Betrachter entgegen, wobei er einen auffälligen, kontrastreichen Schatten auf das hell leuchtende, prächtige Gewand seines Leutnants und hinunter auf dessen Lanze wirft. Hinter dem herabhängenden Handschuh des Hauptmanns trägt eine Frau in einem goldenen Kleid ein Huhn an ihrem Gürtel, vermutlich ein Symbol für das Vogelklauen-Wappen der Kloveniers und ein Wortspiel mit dem Namen des Hauptmanns. Nur wenige Zentimeter neben dem Kopf des Leutnants geht ein Musketenschuss fehl und hüllt seinen Federhut in eine Rauchwolke.
„Die Nachtwache“, 1642, Rembrandt van Rijn. Rijksmuseum in Amsterdam, Niederlande.
Rembrandts meisterhafte Lichtführung verteilt sich über sämtliche Figuren, wobei einige im Rampenlicht stehen, während der Rest in tiefen Schatten gehüllt ist. Jedes noch so kleine Detail ist eine bewusste und wahrscheinlich ironische Anspielung.
Warum? Aus der Mitte der sich drängenden Figuren blickt ein kaum wahrnehmbares einzelnes beobachtendes Auge hervor, das von Wissenschaftlern als Rembrandt selbst interpretiert wird – eine weitere provokante Signatur des Künstlers, der sich selbst in das Geschehen einfügt.
Ein mysteriöses Rätsel
Die Spekulationen über die Bedeutung der vielschichtigen Andeutungen in Rembrandts Werk reißen auch lange nach dem Ende seiner Schaffenszeit nicht ab. Im Jahr 1715 wurde das Gemälde vom Hauptquartier der Kloveniers ins Amsterdamer Rathaus verlegt. Um es an den neuen Aufstellungsort anzupassen, wurde es sowohl in der Höhe als auch in der Breite beschnitten, wobei zwei Figuren auf der linken Seite entfernt wurden.
Der Filmregisseur Peter Greenaway vermutet, dass es sich bei diesen Figuren um Floris und Clement Cocq handeln könnte. Ihre Entfernung habe die Andeutung Rembrandts, die Miliz sei in einen Mordkomplott verwickelt gewesen, möglicherweise abgeschwächt. Diese entfernten Teile wurden nie wiedergefunden. Es wurde auch vermutet, dass dieser vermeintliche Affront gegen einflussreiche Familien dazu beitrug, dass Rembrandt nach 1642 immer weniger Großaufträge erhielt und schließlich in den Bankrott getrieben wurde. [Anm. d. Red.: Greenaway widmete Rembrandts berühmtem Gemälde „Die Nachtwache“ besondere Aufmerksamkeit. In seinem Film „Nightwatching“ interpretiert er das Bild als verschlüsselte Anklage gegen ein Verbrechen und entwickelt daraus eine historische Kriminalgeschichte.]
So spannend diese Hypothese auch sein mag und so provokativ Rembrandts Darstellungen offensichtlich auch sein sollten, die Miliz lehnte das Gemälde nicht ab und weigerte sich auch nicht, ihn dafür zu bezahlen. Das Werk blieb die nächsten 73 Jahre stolzer Blickfang in der Kloveniershalle, bevor es in das Amsterdamer Rathaus und schließlich in das Rijksmuseum gebracht wurde. Nur dank einer kleineren Kopie, die wahrscheinlich von Frans Banninck Cocq in Auftrag gegeben wurde, konnten die entfernten Teile 2021 mithilfe von KI rekonstruiert werden.
Trotz der Restaurierung des Gemäldes, die ihm seine ursprüngliche Größe und Leuchtkraft zurückgab, ist es nach wie vor liebevoll als „Die Nachtwache“ bekannt.
Rembrandts finanzielle Schwierigkeiten wurden zweifellos durch seine zwanghafte Vorliebe für Antiquitäten und Kuriositäten sowie durch seine Weigerung, von seinem unverwechselbaren Stil abzuweichen, noch verschärft – selbst als sich der Geschmack in den Niederlanden in eine andere Richtung entwickelte.
Doch sein unerschütterliches Selbstvertrauen gab ihm am Ende recht: Im Jahr 1915 entwickelte der Filmregisseur Cecil B. DeMille für seinen Film „The Warrens of Virginia“ („Der Held der Prärie“) eine neue Beleuchtungstechnik. Seine bahnbrechende Innovation von Hell und Dunkel – die „Rembrandt-Beleuchtung“ – prägte die Regisseure und Fotografen des 20. Jahrhunderts nachhaltig.
Moses zeigt die Zehn Gebote,1865, von Gustave Doré. - Foto: gemeinfrei
Manche Zahlen wirken zufällig und fast schon beliebig, andere hingegen wirken unausweichlich. Doch nur wenige von Letzteren verfügen über eine stille Autorität wie die Zehn. Sie begegnet uns im menschlichen Leben so selbstverständlich, dass wir kaum bemerken, wie tiefgreifend sie unser Denken prägt. Wir zählen in Zehnern, strukturieren in Zehnern und erstellen Top-10-Listen. Eine „glatte Zehn“ bedarf keiner Erklärung.
Ein universelles Muster
Hinter dieser Vertrautheit verbirgt sich möglicherweise etwas Tiefgründigeres, denn jenseits ihres praktischen Nutzens steht die Zehn für eine reichhaltige symbolische Geschichte. In Mathematik, Religion, Philosophie und Kultur präsentiert sie Ordnung in vollendeter Form – sie ist nicht nur das Ende einer Abfolge, sondern die Erschaffung eines stabilen und begreifbaren Ganzen.
Während die Neun an der Schwelle zur Transformation steht, fühlt sich die Zehn wie ein Ankommen an – der Moment, in dem sich die Teile schließlich zu einer erkennbaren Struktur zusammenfügen. Betrachten wir beispielsweise den menschlichen Körper: Wir besitzen zehn Finger, und es lässt sich kaum in Worte fassen, wie sehr diese einfache Tatsache unsere Zivilisation geprägt hat. Unser Dezimalsystem ist höchstwahrscheinlich aus dem Zählen an den Händen entstanden. Die Zehner wurden zu natürlichen Maßeinheiten, da der Körper selbst als Vorbild diente.
Ein Symbol der Harmonie: die 10-Punkte-Tetraktys, die auf Pythagoras zurückgehen soll.
In diesem Sinne ist die Zehn zutiefst menschlich. Sie schlägt eine Brücke zwischen der abstrakten Welt der Mathematik und der physischen Realität des Lebens. Wir tragen diese Zahl buchstäblich mit uns. Vielleicht symbolisiert sie deshalb häufig nicht nur eine Menge, sondern steht auch für Meisterschaft. „Bis zehn zählen“ bedeutet, die Fassung wiederzugewinnen.
Eine Top-10-Liste impliziert Wertigkeit und ein Popsong gilt erst dann wirklich als Hit, wenn er es in die Top 10 geschafft hat. In Umfragen werden wir regelmäßig dazu aufgefordert, Leistung, Zufriedenheit oder Wahrscheinlichkeit auf einer 10-Punkte-Skala zu bewerten. Auch bei der berühmten Frage zur Kundenzufriedenheit – „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie … weiterempfehlen?“ – liegt die Skala von null bis zehn. Eine perfekte Punktezahl wird üblicherweise mit 10 angegeben. Die Zahl steht dabei nicht für Übermaß, sondern für Ausgewogenheit, einen Zustand, in dem die Dinge ihre angemessene Form erreicht haben.
Dieser Ansatz findet sich auch in der antiken Philosophie wieder. Die Pythagoreer betrachteten die Zehn als die vollkommenste aller Zahlen, dargestellt durch die Tetraktys (griechisch für „Vierheit“): ein Dreieck aus zehn Punkten, die in vier Reihen angeordnet sind. Für die Pythagoreer spiegelte die Tetraktys die Harmonie selbst wider, also die verborgene numerische Struktur hinter Musik, Geometrie und dem Kosmos. Darauf schworen sie ihre Eide.
Dabei handelte es sich nicht um Aberglauben. Auch die Griechen ahnten, dass Ordnung nicht willkürlich ist. Die Realität war von Mustern, Symmetrie und Begreifbarkeit geprägt. Die Zahl zehn stand für die Vollendung dieses Musters: Die Einheit entfaltete sich zur Fülle.
Die Zehn in der Religion
Derselbe Gedanke erscheint auch in religiösen Traditionen. In den hebräischen Schriften findet man die Zehn Gebote – keine Empfehlungen, sondern grundlegende Prinzipien, die sowohl das individuelle Verhalten als auch das Gemeinschaftsleben ordnen sollen. Bezeichnenderweise sind es genau zehn und nicht sieben oder zwölf. Diese Zahl vermittelt Vollständigkeit. In ihrer Gesamtheit bilden die Zehn Gebote ein lückenloses moralisches Regelwerk.
In der biblischen Geschichte über Ägypten wirden zehn Plagen beschrieben, die der Erlösung vorausgehen. Diese Abfolge ist nicht zufällig. Sie ist vielmehr Ausdruck eines umfassenden Urteils über ein korruptes System. Erst nach der zehnten Plage bricht ein neues Kapitel an. Auch in der biblischen Genealogie zeigt sich dieses Muster: Die Genesis beschreibt zehn Generationen von Adam bis Noah und weitere zehn bis Abraham, was darauf hindeutet, dass sich die Geschichte in geordneten Etappen und nicht in zufälliger Abfolge entfaltet.
In der hinduistischen Tradition wird Vishnu traditionell mit zehn Avataren, das heißt Erscheinungsformen, die im Laufe der Zeitalter auftauchen, um das kosmische Gleichgewicht von Gut und Böse wiederherzustellen, in Verbindung gebracht. Auch hier steht die Zehn für Vollkommenheit – jedoch nicht im Sinne von Starre, sondern als vollständige Entfaltung der Ordnung im Laufe der Geschichte.
Im Christentum gibt es das Gleichnis der zehn Jungfrauen, in dem es um Wachsamkeit und Vorsorge angesichts eines nahenden Tages der Abrechnung geht. Die Zehn steht hier für die Gesamtheit der Menschen, die auf ein Urteil warten – einige klug und vorbereitet, die anderen töricht.
Vollendung ohne Beständigkeit
Die symbolische Kraft der Zehn besteht zudem außerhalb eindeutig religiöser Zusammenhänge ungebrochen. Im Sport wird sie oft mit Führungsstärke und Kreativität in Verbindung gebracht. Im Fußball gehört das Trikot mit der „10“ traditionell dem Spielmacher, also jener Person, durch die das Spiel gestaltet und geordnet wird – wie Pelé, Maradona, Messi und Platini.
Im Turnen und Wasserspringen steht eine Zehn für eine fehlerfreie Ausführung, für die perfekte Leistung ohne sichtbaren Fehler, wie bei Nadia Comăneci. Die 14-jährige Rumänin erntete für ihre Darbietung am Stufenbarren als erste Turnerin überhaupt bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 eine glatte Zehn.
Und doch birgt die Zehn einen subtilen Warnhinweis. Denn sobald Perfektion erreicht ist, kann sie zur Starre verleiten. Systeme, die umfassend ausgereift sind, stehen Veränderungen oft im Weg. Strukturen, die Ordnung schaffen sollen, können zu Formen der Kontrolle verhärten. Der Wunsch nach einer perfekten Bewertung, einer perfekten Gesellschaft oder einem perfekt geordneten Leben kann die Unfähigkeit verschleiern, mit Unsicherheit oder Veränderungen zurechtzukommen. Tatsächlich wurden die Zehn Gebote, so wunderbar sie auch sind, in den Händen der jüdischen Sadduzäer, Gelehrten und Pharisäer zu genau jenen Hindernissen im Leben, denen sich Christus entgegenstellte.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Zehn von der Neun. Die Neun bleibt dynamisch und steht am Rande des Wandels. Die Zehn hingegen strebt nach Beständigkeit. Sie möchte, dass die Dinge geordnet, geklärt und gesichert sind. Genau darin liegen sowohl ihre Stärke als auch ihre Gefahr.
Wir Menschen brauchen Ordnung. Ohne sie versinkt das Leben im Chaos. Sprache, Recht, Architektur, Musik und Wissenschaft hängen alle von stabilen Strukturen ab. Die Zivilisation selbst benötigt einen Rahmen, der die Zeit überdauert. Doch das Leben geht über alle von uns geschaffenen Rahmenbedingungen hinaus. Im Glauben endgültige Vollkommenheit erreicht zu haben, werden wir von der Realität eines Besseren belehrt. Neue Probleme tauchen auf und plötzlich stehen Fragen im Raum. Die Menschen verändern sich. Die Geschichte schreitet voran.
Vielleicht ist dies der Grund, warum die Zehn oft nicht nur für ein Ende, sondern zugleich auch für den Beginn eines neuen Zyklus steht. In der Arithmetik kehren wir, sobald wir die Zehn erreichen, zur Eins zurück – jedoch auf einer höheren Ebene. Die Abfolge beginnt von Neuem, wiederholt sich jedoch nicht einfach. Vielmehr wurde etwas weitergetragen.
Mit anderen Worten: Die Zehn verkörpert ein Paradoxon – sie steht für Vollendung, aber nicht für Beständigkeit; für Errungenschaft, aber nicht für ein endgültiges Ziel. Genau wie das Leben selbst, zumindest hier auf der Erde.
Die alten Griechen haben das besser verstanden, als wir es manchmal tun. Ihr Wort „Kosmos“ bezeichnete nicht nur „das Universum“, sondern eine geordnete und schöne Anordnung – daher auch der Begriff „Kosmetik“ in unserer Sprache. Ordnung war wichtig, da das Chaos stets zurückzukehren drohte. Harmonie musste gepflegt werden und galt nicht als selbstverständlich, ebenso wie in unserem Alltag, in dem das Schminken Ordnung symbolisiert: Schönheit muss gepflegt werden.
Unsere heutige Zeit schwankt oft unruhig zwischen diesen beiden Polen hin und her. Einerseits sehnen wir uns nach Ordnung, nach klaren Systemen, messbaren Ergebnissen und stabilen Identitäten. Andererseits fürchten wir, in zu starren Systemen gefangen zu sein, in denen es keinen Raum für unerwartete Ereignisse gibt. Die Zehn erinnert uns leise daran, dass wahre Ordnung nicht mechanisch ist. Sie ist lebendig. Eine gute Struktur sperrt Energie nicht ein, sondern lenkt sie. Eine gute Gesellschaft schränkt die Freiheit nicht ein, sondern ermöglicht Entfaltung. Ein gutes Leben ist kein Leben, in dem es keine Unsicherheit gibt, sondern ein Leben, in dem Sinnhaftigkeit und Offenheit nebeneinander bestehen.
All dies könnte erklären, warum die Zehn nach wie vor so viel Beachtung findet. Sie spricht eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen an: die Hoffnung, dass das Leben einen sinnvollen Verlauf nehmen kann. Nicht perfekt im Sinne von unveränderlich oder fehlerfrei, sondern vollkommen genug, um Bestand zu haben und als Fundament für die Zukunft zu dienen.
Denn letzten Endes liegt die Bedeutung der Zehn nicht in der Zahl selbst, sondern in der Erkenntnis, was sie über uns offenbart – dass wir Menschen Wesen sind, die sich nach Ordnung inmitten des Ungewissen sehnen. Wir zählen, klassifizieren, ordnen, messen und bauen, weil wir danach streben, Muster zu entdecken, die das Dasein begreifbar machen. Die Zehn ist eines der großen Symbole dieser Sehnsucht. Sie ist die Zahl, die uns sagt, dass die Teile zusammenpassen können, auch wenn die Geschichte selbst noch nicht abgeschlossen ist.
Ausschnitt aus einer Abbildung einer Qualle (Tafel 98) aus „Kunstformen der Natur“ von Ernst Haeckel, 1904. - Foto: gemeinfrei
Wer sich für die Schönheit der Natur begeistert, den wird Ernst Haeckels Werk ganz besonders faszinieren. Seine Kunstwerke offenbaren eine Naturwelt voller Symmetrie und Kuriositäten, in der jeder Organismus mit einer beeindruckenden Detailtreue und kompositorischen Anmut dargestellt wird. Nur wenige wissenschaftliche Illustratoren erreichen dieses Niveau. Doch trotz seiner großen Hingabe, die Natur zu ordnen und zu klassifizieren, wirken seine Illustrationen so lebendig und stilisiert, dass sich die dargestellten Organismen jeder Kategorie zu entziehen scheinen.
Ernst Heinrich Philipp August Haeckel (1834–1919) war ein deutscher Zoologe und Philosoph.
Foto: gemeinfrei
Basierend auf direkten Beobachtungen – oft mithilfe eines Mikroskops – schuf Haeckel im Laufe seines Lebens fast 1.000 wissenschaftliche Illustrationen. Viele davon zeigen Arten, die er selbst erstmals identifizierte.
Der deutsche Wissenschaftler und Illustrator widmete seine Karriere mit ungewöhnlicher Intensität und Präzision der Darstellung der Vielfalt und Struktur des Lebens. Seine Zeichnungen und Gemälde organischer Formen zeichnen sich besonders durch ihre ausgeprägte Symmetrie, ihre filigranen Details und ihre sorgfältige Anordnung aus. Oft offenbaren sie Muster, die sowohl wissenschaftlich als auch bewusst komponiert wirken.
Das berühmteste Werk von Ernst Haeckel ist „Kunstformen der Natur“, eine Sammlung von Illustrationen, die ursprünglich im Jahr 1904 veröffentlicht wurde. Sie zeigt eine Vielzahl von Organismen in Lithografien und Halbtondrucken. Im Gegensatz zu den meisten Kunstsammlungen wurden diese Werke nicht als Einzelstücke geschaffen.
Titelblatt von Ernst Haeckels „Kunstformen der Natur“ von 1904.
Foto: gemeinfrei
Sie waren dazu bestimmt, zu Bildungszwecken vervielfältigt und weit verbreitet zu werden. Dennoch ist eine klare künstlerische Absicht erkennbar. Von zarten Blumen bis hin zu federartigen Moosen sind die Motive sorgfältig arrangiert, um sowohl ihre visuelle Schönheit als auch ihre biologische Harmonie hervorzuheben.
Der Weg in die Biologie
Haeckel war außerordentlich gebildet und fühlte sich schon immer stark zu den Naturwissenschaften hingezogen, insbesondere zur Meeresbiologie. Diese Leidenschaft wurde durch frühe Beobachtungen der Lebensformen an der Nordsee geweckt. Er wurde 1834 in Potsdam (damals Preußen) geboren, studierte an der Universität Berlin und promovierte im Alter von 23 Jahren im Bereich Medizin.
Da ihn die praktische klinische Arbeit nicht erfüllte, kehrte er zu seinem ursprünglichen Interesse an der Natur zurück. Später, im Jahr 1861, schloss er seine Dissertation in Zoologie ab. Dies war ein entscheidender Schritt in Richtung seiner lebenslangen wissenschaftlichen Karriere, die er mit Schwerpunkt auf Biologie und Meeresleben ausrichtete.
Im Jahr 1862 heiratete Ernst Haeckel Anna Sethe – ein glücklicher neuer Lebensabschnitt, der obendrein mit dem Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere zusammenfiel. Ihre Ehe soll von wahrer Glückseligkeit geprägt gewesen sein. Doch nur 18 Monate später endete dieses Lebensglück plötzlich. Im Jahr 1864 starb Anna im Alter von 29 Jahren – an Haeckels 30. Geburtstag. Ihr Tod erschütterte ihn zutiefst. Er zog sich fast vollständig zurück und verbrachte teilweise tagelang in einem Zustand des Deliriums im Bett.
Haeckel verarbeitete seine Trauer in seiner Arbeit. Während eines Aufenthalts in Nizza verschaffte ihm der Anblick einer Qualle in der Brandung einen kurzen Moment der Ablenkung. Er war fasziniert von der Bewegung ihrer Tentakel, die „wie die blonden Haare einer Prinzessin“ herabhingen. Nachdem er sie sorgfältig skizziert hatte, benannte er die Art in Erinnerung an seine Frau „Mitrocoma annae“ – „Annas Stirnband“. Diese Verflechtung von persönlichem Verlust und wissenschaftlicher Forschung wurde zu einem prägenden roten Faden in seinem Werk und weckte seine nachhaltige Begeisterung für Quallen.
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Clone – Abbildung von „Desmonema annasethe“ (Tafel 8) aus „Kunstformen der Natur“, 1904, von Ernst Haeckel. Haeckels Erforschung der „Discomedusae“, der Quallen, war sowohl von tiefem persönlichem als auch von wissenschaftlichem Interesse geprägt. Dabei benannte er zwei Arten zu Ehren seiner ersten, verstorbenen Frau. Biodiversity Heritage Library.
Foto: lolaleeloo2 from Bay Area, Ca. – Flickr | CC BY 2.0
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Clone – Abbildung von „Muscinae“ (Tafel 72) aus „Kunstformen der Natur“, 1904, von Ernst Haeckel. „Muscinae“, ein heute veralteter Begriff, der einst zur Beschreibung von Moosen verwendet wurde, bietet eine faszinierende Vielfalt an Formen, von farnartigen Wedeln über blütenartige Rosetten bis hin zu zarten grasartigen Strängen. Biodiversity Heritage Library.
Foto: gemeinfrei
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Clone – Abbildung von „Ascidiae“ (Tafel 85) aus „Kunstformen der Natur“, 1904, von Ernst Haeckel. Haeckel verwandelt unscheinbare marine Filtrierer in lebendige Gestalten, indem er Rot-, Gold- und Grüntöne vor einem dunklen, dramatischen Hintergrund einsetzt. Biodiversity Heritage Library.
Foto: gemeinfrei
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Clone – Illustrierte Tafel mit Kolibris aus „Kunstformen der Natur“, 1904, von Ernst Haeckel.
Foto: gemeinfrei
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Clone – Abbildung von „Orchidae“ (Tafel 74) aus „Kunstformen der Natur“, 1904, von Ernst Haeckel. „Orchidae“ verwandelt die Pflanzenkunde in eine Hommage an die Geometrie der Natur und wird bis heute häufig als Druck reproduziert. Es ist ein fester Bestandteil botanischer Kunstsammlungen. Biodiversity Heritage Library.
Foto: gemeinfrei
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Clone – Abbildung von „Actiniae“ (Tafel 49) aus „Kunstformen der Natur“, 1904, von Ernst Haeckel. In dieser lebhaften Darstellung der Seeanemone bringt Haeckel seine Verbundenheit mit dem Meer zum Ausdruck. Dabei vermitteln die leuchtenden Farben und die fließende Form ein Gefühl wissenschaftlicher Faszination. Biodiversity Heritage Library.
Foto: gemeinfrei
Mit seinen Arbeiten verwischte Haeckel kontinuierlich die Grenze zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und künstlerischem Ausdruck. Nachdem er eine umfangreiche zweibändige Studie über Quallenmedusen fertiggestellt hatte, ließ er in Jena ein Haus errichten, das den Namen „Villa Medusa“ trug, und schmückte es mit Motiven, die von denselben Formen inspiriert waren, die er erforscht hatte.
Seine Trauer zeigte sich auch in der Art und Weise, wie er Arten benannte. Als er auf eine weitere auffällige Quallenart stieß, deren komplizierte Tentakel dramatisch hinter ihrem Glockenkörper herflossen, nannte er sie „Desmonema annasethe“ – „in Annas Andenken“. Diese Qualle, die später den Namen „Cyanea annasethe“ erhielt, wurde zu einem der bekanntesten Bilder in „Kunstformen der Natur“. Ihre fließenden, haarähnlichen Tentakel verleihen einem der berühmtesten Werke wissenschaftlicher Illustration eine zutiefst persönliche Dimension.
Eine Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft
Ähnlich wie seine Bildsprache lässt sich sein Vermächtnis nicht einfach so in eine Schublade stecken. Als Zoologe, Meeresbiologe und wissenschaftlicher Illustrator schuf er Werke, die Kunst und Wissenschaft auf einzigartige Weise verbinden. „Kunstformen der Natur“ wurde im Laufe der Jahre mehrfach neu aufgelegt. Die jüngsten Ausgaben kombinieren ausgewählte Bilder mit herunterladbaren Dateien, die für den Einsatz im zeitgenössischen Design gedacht sind.
Seine Reichweite hat sich weit über den Druck hinaus ausgeweitet und zeigt sich auf kommerziellen Produkten, von Postern bis hin zu Textilien. Diese weitläufige Verbreitung hat die Bilder häufig aus ihrem ursprünglichen wissenschaftlichen und historischen Kontext genommen und sie zu rein dekorativen Motiven gemacht.
Der Einfluss des Buches war jedoch nie allein auf die Wissenschaft beschränkt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte die Verbindung aus sorgfältiger Beobachtung und visueller Schönheit Kunst, Architektur und Design nachhaltig. Dieser Einfluss ist bis heute erstaunlich nachhaltig und in der bildenden Kunst wohl am stärksten spürbar. So prägt Haeckels Sichtweise der Natur bis heute, wie organische Formen dargestellt und verstanden werden.
Erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: der französisch-britische Jurist und Autor Philippe Sands. - Foto: Daniel Karmann/dpa-Pool/dpa
Der französisch-britische Jurist und Autor Philippe Sands bekommt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2026. Das teilte der Stiftungsrat mit.
„Als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen unserer Zeit“ setze sich Sands für Gerechtigkeit, Frieden „und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts ein“, heißt es zur Begründung.
Der Nachkomme von Holocaustüberlebenden zeige entlang der eigenen Familiengeschichte, wie dieses Recht entstanden sei und welche Erfahrungen hinter den Tatbeständen „Genozid“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ stünden.
Er verbinde persönliche Lebensgeschichten mit den großen Fragen des Völkerrechts. In „Rückkehr nach Lemberg“ und „Die Rattenlinie“ schreibt er gegen das Vergessen an. Zwei Strafverfahren, an denen er am Internationalen Gerichtshof beteiligt war, bilden die Grundlage für „Die letzte Kolonie“ und „Die Verschwundenen von Londres 38“.
Sands arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag und wirkte an bedeutenden Verfahren des internationalen Rechts mit.
Foto: Samuel Kirszenbaum/Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V./dpa
Sachbücher und juristische Fachbücher
In seinem literarischen Werk blickt Philippe Sands sowohl auf die Motive der Täter als auch auf das Leid und die Leben der Opfer. Durch seine Darstellung erhält sie nach Ansicht des Stiftungsrats „eine Stimme und erfahren Respekt“.
Philippe Sands, geboren 1960 in London, ist Professor für Internationales Recht am University College London sowie Gastprofessor an der Harvard Law School. Er arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag und wirkte als Menschenrechtsanwalt an bedeutenden Verfahren des internationalen Rechts mit.
Neben der Veröffentlichung juristischer Fachbücher und Aufsätze ist Philippe Sands seit 2016 auch als literarischer Sachbuchautor tätig.
Die Verleihung des Friedenspreises findet am Sonntag, 11. Oktober 2026, in der Frankfurter Paulskirche statt. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. (dts/red)
Die große Sonne ist versprüht, der Sommerabend liegt im Fieber, und seine heiße Wange glüht. Jach seufzt er auf: „Ich möchte lieber …“ Und wieder dann: „Ich bin so müd …“
Die Büsche beten Litanein, Glühwürmchen hangt, das regungslose, dort wie ein ewiges Licht hinein; und eine kleine weiße Rose trägt einen roten Heiligenschein.
„Begegnung Leos des Großen mit Attila“, 1514 von Raffael. Apostolischer Palast, Vatikanstadt. - Foto: gemeinfrei
Ein Meisterwerk der Renaissance im Vatikan wird aufwendig restauriert: Die Arbeiten an den Fresken der Raffael-Loggia im Herzen des Apostolischen Palastes sollen fünf Jahre dauern, mit moderner Laser-Technik ausgeführt werden und etwa 20 Fachleute beschäftigten, wie die Vatikanischen Museen bei der Präsentation des Vorhabens am Mittwoch, 24. Juni, mitteilten.
Damit bei der Restaurierung die Fresken und der Stuck nicht beschädigt werden, sollen sie „trocken“ gereinigt werden.
Der 65 Meter lange und vier Meter breite Säulengang befindet sich im zweiten Stock des Palastes und wurde zwischen 1517 und 1519 von dem Meistermaler Raffael für Papst Leo X. ausgestaltet.
Für das Publikum ist sie nicht zugänglich, hohe Besucher des Papstes werden hier durchgeführt. Die letzte Teilrestaurierung liegt etwa 50 Jahre zurück.
Verschmutzungen verdecken Originalfarben
Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind die Fresken und der Stuck stark verschmutzt. Die Schichten aus tierischem Leim, Wachsen und Fixiermitteln, die über die Jahrhunderte aufgetragen wurden, sind vergilbt und haben Ablagerungen eingeschlossen, die zarten Pastelltöne des ursprünglicher Werkes sind überdeckt.
Laut Chef-Restaurator Paolo Violini zeigte die Untersuchung der Oberfläche, dass es notwendig sei, eine „trockene Reinigungsmethode“ anzuwenden, um die empfindlichen Original-Schichten zu erhalten, die sehr empfindlich auf chemische Vorgänge reagierten.
Deshalb sei die Laser-Technologie „die einzige Möglichkeit“, um die gewünschte Präzision bei der Reinigung zu erzielen und die Oberflächen trocken zu lassen, sagte Violini vor Journalisten.
Die Direktorin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta, sprach von einem „entscheidenden Moment sowohl für die Geschichte der Restaurierung als auch für die der italienischen Renaissance“.
Die im April begonnenen Arbeiten umfassen etwa 1300 Quadratmeter Fläche. Die Kosten werden in Höhe von 5,5 Millionen Dollar (rund 4,8 Millionen Euro) von internationalen Gebern der Nichtregierungsorganisation World Monuments Fund unterstützt, die sich der Erhaltung außergewöhnlicher Werke des Welterbes widmet. (afp/red)
Obwohl es sich um eine der am wenigsten bekannten und unterschätzten Unterkategorien des Kinos handelt, gehören Filme, die historische Ereignisse aus einer neuen Perspektive erzählen, zu meinen Favoriten. In diese Unterkategorie fallen Filme, die ein oder mehrere historische Ereignisse im Rahmen einer originellen, fiktiven Geschichte neu interpretieren.
Nach Angaben der Online-Filmdatenbank IMDb gibt es fast 100 solcher Filme, aber nur wenige sind wirklich sehenswert, wie „Forrest Gump“, „Braveheart“, „Inglourious Basterds“, „Argo“ und „Once Upon a Time in … Hollywood“.
Robin Hood (Hugh Jackman) wird in „The Death of Robin Hood“ von Schwester Brigid (Jodie Comer) gepflegt.
Gern würde ich auch den gerade angelaufenen Film „The Death of Robin Hood“ als eine Neuinterpretation der bekannten Geschichte bezeichnen, aber das ist er nicht.
Die Figur des Robin Hood, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, hat in der Literatur, auf der Bühne und auf der Leinwand zahlreiche Varianten durchlaufen – allesamt reine Fiktion. Seit 1908 gab es weit über 100 Spielfilme, Kurzfilme und Fernsehproduktionen, die sich mit dieser Figur befassten. Das Bemerkenswerte ist, dass all diese Versionen Robin Hood als einen kontaktfreudigen, selbstlosen Verfechter des einfachen Volkes darstellen, nach dem Motto „Nimm von den Reichen und gib den Armen“.
Diese Darstellung entspricht jedoch nicht dem Robin Hood Ihrer Eltern oder gar Ihrer Großeltern. In den erfahrenen Händen des Drehbuchautors und Regisseurs Michael Sarnoski („Pig“), der bereits zum dritten Mal ein Drehbuch verfasst und Regie geführt hat, bricht „The Death of Robin Hood“ mit allen bisherigen Interpretationen dieses legendären Helden.
Der Film beginnt im Jahr 1247 an einem nicht näher bezeichneten Ort (wahrscheinlich in England; gedreht wurde jedoch in Nordirland) und erinnert sofort an den Anfang von „Braveheart“. Inmitten von felsigen Bergen, die in eisigen Nebel gehüllt sind, erbarmt sich der ergraute, langhaarige und vom Kampf gezeichnete Robin (Hugh Jackman) einer hungernden und erschöpften Seele. Der Geruch des Lagerfeuers hat ihr Interesse geweckt, und sie bittet um ein Stück von dem, was gerade am Spieß brät – es scheint Kaninchen zu sein.
Robin erfüllt diesen Wunsch – und wird dafür im Gegenzug fast im Schlaf getötet. Doch er kommt der Person zuvor. Der Körpergeruch sowie der auffällige, unsichere Gang hätten sie verraten, sagt Robin. Dann beseitigt er sie auf eine Art, wie die meisten von uns Ungeziefer im Haushalt vernichten würden.
Robin Hood (Hugh Jackman) in „The Death of Robin Hood“.
Dies ist das erste Anzeichen dafür, dass der von Jackman gespielte Robin ein Mann ist, der sich ganz auf das Wesentliche konzentriert, ganz ohne Schnickschnack. Wer offen und dankbar ist, bleibt am Leben. Wer ihm vertraut, genießt seine Gastfreundschaft. Wer ihn jedoch nur im Geringsten bedroht, wird von ihm gnadenlos und ohne Zögern erledigt.
Wie sich herausstellt, gibt es noch viele andere, die sich an Robin rächen wollen. Die Angehörigen seiner früheren Opfer sind aktiv und unermüdlich auf der Suche nach ihm. Dessen ist sich Robin nur allzu bewusst, sodass er ständig in Alarmbereitschaft ist.
Nach einer besonders heftigen Begegnung mit einem solchen Clan wird Robin schwer verletzt und fällt in Ohnmacht. Als er erwacht, befindet er sich auf einer scheinbar fernab gelegenen Insel in der Obhut einer Nonne, Schwester Brigid (Jodie Comer).
Schwester Brigid (Jodie Comer) in „The Death of Robin Hood“.
Schnell wird klar, dass Brigid Robin helfen will, wieder zu Kräften zu kommen – allerdings auf schonungslose Weise. Dass sie nicht gerade Samthandschuhe anlegt, trifft auf seine Bewunderung. Wenn Robin also dortbleiben wolle, müsse er sich seinen Platz erst verdienen. Auch das findet er an ihr beeindruckend. So entwickelt sich zwischen den beiden ein gegenseitiger, wenn auch noch etwas zurückhaltender Respekt.
Das relativ idyllische Leben währt jedoch nur kurz. Zunächst taucht ein problembehaftetes Mädchen namens Margaret (Faith Delaney) auf, dann kommt der unheilvolle, verwundete Landstreicher Godwyn (Noah Jupe) dazu. Beide haben bereits in dem historischen Drama „Hamnet“ mitgespielt. Diese neuen Figuren werfen Robin wieder in seine ursprüngliche Achtsamkeit zurück.
Auch die letzte Hauptfigur, lediglich als „der Aussätzige“ (Murray Bartlett) bezeichnet, hat eine Verbindung zu Robin aus der Vergangenheit, wie sich jedoch erst im dritten Abschnitt deutlich herausstellt.
Keine Reue, aber ein Lichtblick
Sarnoski begibt sich während des gesamten Films auf eine Gratwanderung, indem er Robin als einen Mann darstellt, der nicht danach strebt, seine Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen. Seine zahlreichen Sünden sind ihm gleichgültig, er zeigt keinerlei Reue. Zwar gesteht Robin seine Sünden ein, bittet jedoch weder um Vergebung noch um Absolution.
Robin Hood (Hugh Jackman) in „The Death of Robin Hood“.
Wer sich für den Film interessiert, sollte beachten: Das Werk ist sehr gewalttätig, jedoch nicht drastischer als das, was in gleichartigen früheren Produktionen wie „Erbarmungslos“, „The Green Knight“, „Braveheart“ und „Gladiator“ gezeigt wurde.
In seinem Wesen und seinem Ansatz ähnelt Jackmans Robin Hood stark seiner Rolle in „Logan: The Wolverine“: Er ist unzufrieden mit dem Mann, zu dem er geworden ist, hinterfragt seine früheren Entscheidungen jedoch nicht. Zwar zeigt er keine Reue, ist sich jedoch durchaus der schwerwiegenden Folgen seiner fragwürdigen Taten aus der Vergangenheit bewusst.
Zu Beginn der zweiten Hälfte scheint Robin einen Neuanfang zu wagen. Er kehrt seinen kriminellen Machenschaften den Rücken zu und wird zum Beschützer von Brigid, dem Aussätzigen, Margaret und mehreren anderen heimatlosen Kindern.
Der einstige Bösewicht beschließt, wenn schon kein guter, zumindest ein ehrenhafter Mensch zu sein – für einen Mann mit einer derart dunklen Vergangenheit ist dies zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung.
„The Death of Robin Hood“ Regie und Drehbuch: Michael Sarnoski Darsteller: Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård Altersfreigabe: FSK 16 Laufzeit: 2 Stunden, 3 Minuten Bewertung: 4 von 5 Sternen
Nellia und Dietmar Ehrentraut bei einer Tanzvorführung. - Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Luca Damien Cheung
Sie sagen, das Tanzen habe sie nicht nur körperlich fit gehalten, sondern auch ihre Ehe gestärkt. Nellia und Dietmar Ehrentraut sind jetzt in ihren Siebzigern, in einem Alter, in dem man nicht mehr jedes Lebensjahr so genau zählt. „Wir tanzen eigentlich schon ewig, 54 Jahre“, erklärt Frau Ehrentraut gegenüber der Epoch Times.
Das Paar hat auf seiner über fünf Jahrzehnte währenden Tanzreise „viele schöne Momente erlebt“ und sagt, dass Tanzen heutzutage Menschen, die es wirklich brauchen, Lebensfreude und Glück schenken kann.
„Wenn die Menschen mehr tanzen würden, gäbe es definitiv weniger Ärger“, sagt Frau Ehrentraut. „Tanzen erweitert den Horizont. Es gibt keine Nationalgrenzen, keine Vorurteile, wenn man tanzt. Jeder ist Teil der großen Tanzfamilie.“
Die passionierten Tänzer sind schon um die ganze Welt gereist. Ihr schönstes Erlebnis war jedoch eine Reise nach Amerika, wo sie die legendären Tänzer des Films „Rock Around the Clock“ trafen.
Die Liebesgeschichte der Ehrentrauts begann im Jahr 1968. Nellia war gerade 15 Jahre alt und ihr zukünftiger Gatte Dietmar 21. Man braucht nicht lange zu fragen, wo sie sich getroffen haben. „Natürlich beim Tanzen“, erinnert sich die Seniorin.
Das Paar heiratete 1970 und legte bis 1979, als ihre Kinder zehn und elf Jahre alt waren, eine Tanzpause ein.
Nellia und Dietmar Ehrentraut als junges Paar mit ihren Kindern.
„Wir suchten nach einem gemeinsamen Hobby, und ein Rock-’n’-Roll-Kurs, der an der Tanzschule angeboten wurde, war genau richtig“, sagt Frau Ehrentraut, die in Durmersheim, nur wenige Kilometer südwestlich von Karlsruhe, zu Hause ist.
Später wechselten sie zum Boogie-Woogie, da Rock ’n’ Roll zu „akrobatisch“ geworden sei, erinnert sie sich. Sie hatten ihre neue Tanzleidenschaft gefunden. Bis heute sind sie vom Boogie-Woogie begeistert.
„Im Gegensatz zu klassischen Standardtänzen erlaubt der Boogie-Woogie es einem, zu improvisieren und die Musik zu interpretieren“, erklärt Nellia Ehrentraut.
Das Paar feierte viele Erfolge bei Tanzturnieren auf der ganzen Welt: vier österreichische Meisterschaften, eine deutsche Meisterschaft, den zweiten Platz beim Weltcup im Jahr 1999 und einiges mehr.
Der Tanz hat sie auf eine Reise rund um den Globus geführt.
„Wir entdeckten die Musikszene der 40er-/50er-Jahre und fanden Gleichgesinnte bei Konzerten und Festivals auf der ganzen Welt“, schildert Nellia Ehrentraut, während sie in Erinnerungen an ihre besonderen Begegnungen mit Koryphäen des Swing-Tanzes wie dem legendären Frank Manning und der charismatischen Jean Veloz schwelgt.
Im Jahr 2017 ging ein Video des älteren Ehepaars viral, aufgenommen bei einem Tanzwettbewerb im bayerischen Landshut. Bald schon hatte das Video auf YouTube über 65 Millionen Aufrufe.
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Wie Frau Ehrentraut sagt, sei sogar der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran auf sie aufmerksam geworden.
Nellia Ehrentraut wurde in der österreichischen Stadt Schruns geboren. Schon damals war sie nicht allzu weit von ihrem zukünftigen Ehemann entfernt, der aus dem nur 13 Kilometer entfernten Bludenz kommt.
Der Tanz war und ist die gemeinsame Liebe ihres Lebens. Frau Ehrentraut sagt, selbst heute noch, wenn sie zusammen tanzen, konzentrieren sie sich darauf, „zusammen zu sein“ – im Moment. „Das Tanzen hat uns als Paar immer zusammengebracht. Das war sehr gut für unsere 54-jährige Ehe“, sagt sie.
Doch ihr gemeinsamer Tanzweg verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Auf die Herausforderungen angesprochen, die das Paar beim Tanzen bewältigen musste, antwortete Frau Ehrentraut offen.
„Es ist völlig normal, sich mal zu ärgern, aber man sollte darauf achten, dem nicht zu viel Raum zu geben“, sagt sie. „Wir bewältigen die Herausforderungen des Alltags mit Tanzen, zumindest meistens, denn es hilft uns, Stress und schlechte Laune, aber auch die kleinen Wehwehchen des Alters, in Grenzen zu halten.“
Körperliche Aktivität ist für sie der Schlüssel dafür, schnelle Tänze wie Boogie-Woogie genießen zu können.
„Wir machen zweimal pro Woche Fitnesstraining, zweimal Tanztraining und genießen Radfahren und Wandern“, erzählt Frau Ehrentraut.
Eines stellt sie jedoch klar: Das Paar mache keine Diät, weil „das Leben zu kurz ist, um die schönen Dinge zu verpassen“. Die Begründung ist einleuchtend.
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„Es ist nie zu spät“
Nellia und Dietmar Ehrentraut genießen es, ihre Freude am Tanz mit anderen Menschen zu teilen. Sie verbreiten ihre Videos über verschiedene Medien wie den YouTube-Kanal @SwingNellia von Frau Ehrentraut.
„Es freut uns immer sehr, zu hören, dass wir mit unseren Tanzvideos viele Menschen zum Tanzen animieren konnten“, sagt Frau Ehrentraut. „Wir erhalten immer wieder liebe Nachrichten und Briefe aus aller Welt.“
Für all jene älteren Menschen, die mit dem Tanzen anfangen möchten, hat Nellia Ehrentraut einen ganz einfachen Tipp: „Es ist nie zu spät“, sagt sie.
„Du solltest dir selbst eine Chance geben – im Hier und Jetzt –, denn das ist das Leben!“
„Es ist eine großartige Reise. Wir sind alle dabei. Lass dich von niemandem davon abhalten, auf andere zuzugehen und etwas Positives in diese Welt zu bringen, selbst wenn es nur ein Tanz ist. Wir brauchen das mehr denn je.“
Zwischen goldenen Äpfeln und der Schulterung der Welt lernt Herakles, weise zu handeln. - Foto: hipproductions/nitrub/iStock; Montage: Epoch Times
In Kürze:
Weisheit lässt sich nicht durch Kraft gewinnen, das muss Herakles in seiner vorletzten Aufgabe erkennen.
Um seine Prüfung zu meistern, muss der griechische Held einen Schritt zurücktreten und die Last der Welt schultern.
Elternschaft, Führung, moralische Pflicht: Jeder Erwachsene stößt irgendwann auf Verantwortung, die sich nicht vermeiden lässt und einfach getragen werden muss.
Sie lehren uns, dass die größten Schätze nicht diejenigen sind, die wir dauerhaft besitzen, sondern jene Momente, in denen wir über uns hinauswachsen.
Als Herakles seine elfte Aufgabe in Angriff nimmt, hat sich die Atmosphäre der Mythen grundlegend gewandelt. Die früheren Prüfungen erforderten Mut, Einfallsreichtum, Geduld, Selbstbeherrschung, Vernunft und die Wiederherstellung der Ordnung im Kampf gegen verschiedene Formen des Chaos.
Doch nun nähert sich Herakles etwas weitaus Geheimnisvollerem. Dies ist eine logische Folge aus seiner Reise in den Westen, die er im Rahmen seiner zehnten Aufgabe antrat. Seine neue Prüfung betrifft nun nicht mehr nur Kraft oder Ausdauer, sondern die Weisheit selbst.
Götter, ein Drache und die Nacht
König Eurystheus’ neue Aufgabe klingt wiederholt trügerisch einfach: Herakles soll die goldenen Äpfel der Hesperiden beschaffen. Doch dies sind keine gewöhnlichen Früchte. Sie hängen in einem heiligen Garten, der sich am äußersten westlichen Rand der Welt befindet. Dieser Ort liegt somit jenseits der Grenzen der bekannten Geografie, nahe dem Punkt, an dem sich Himmel und Erde fast zu berühren scheinen.
Die Äpfel werden mit Hera, der Königin der Götter, in Verbindung gebracht. Diese mächtige Frau hegt bekanntlich einen Groll gegen Herakles, da er der uneheliche Sohn ihres Mannes Zeus ist.
Wie so oft werden die Früchte strengstens bewacht. Zu ihren Beschützern zählen die Hesperiden. Ihr Name bedeutet „Töchter des Westens“ und leitet sich wahrscheinlich von „hespera“ ab, was „Abend“ bedeutet. Die Hesperiden werden von einem großen Schlangendrachen namens Ladon unterstützt, der sich schlaflos um den heiligen Baum windet.
Die Hesperiden waren je nach antiken Schriften drei, vier oder sieben Nymphen, also weibliche Naturgeister. Als möglicher Vater wird unter anderem der Titan Atlas genannt.
Herakles begibt sich auf seiner neuen Reise buchstäblich in die Nacht. Schon hier ist die Symbolik enorm. Der Westen ist mythologisch betrachtet niemals nur eine Himmelsrichtung. Er ist das Reich des Sonnenuntergangs, des Endes, der Sterblichkeit und der geheimnisvollen Grenzgebiete, in denen die bekannte Welt der Transzendenz weicht. Nach Westen zu reisen bedeutet, sich dem Rand der gewöhnlichen menschlichen Existenz selbst zu nähern.
Doch im Gegensatz zu seiner vorherigen Aufgabe ist das gesuchte Objekt nicht Vieh, sondern Unsterblichkeit. Die goldenen Äpfel besitzen in der gesamten antiken Mythologie eine außerordentliche Bedeutung.
Fruchttragende Bäume symbolisieren immer wieder Leben, Weisheit, Erneuerung und göttliche Ordnung. In der antiken griechischen Tradition stehen die goldenen Äpfel oft für ewige Jugend oder göttliche Vitalität.
In der nordischen Mythologie bewahren die Götter rund um Odin ihre Unsterblichkeit durch magische Äpfel. In der biblischen Tradition wird die Frucht von Eden mit Wissen, Versuchung und der Sehnsucht der Menschheit, ihre festgelegten Grenzen zu überschreiten, in Verbindung gebracht. Paradoxerweise bedeutet dies gleichzeitig den Einzug des Todes in die Welt der Lebenden.
„Das irdische Paradies mit dem Sündenfall von Adam und Eva“ von Peter Paul Rubens (1577–1640) und Jan Brueghel der Ältere (1568–1625).
Diese Gemeinsamkeiten sind kaum zufällig. Auf symbolischer Ebene gehört die elfte Aufgabe zum Schützen, jenem Sternzeichen, das mit der Suche, höherem Wissen, fernen Reisen, Philosophie und spirituellem Streben assoziiert wird. Der Schütze ist der Reisende des Tierkreises, der Suchende, der über das Unmittelbare und Sichtbare hinaus auf eine größere Wahrheit zielt.
Im Gegensatz zum Steinbock, der durch Disziplin Entbehrungen erträgt, bewegt sich der Schütze durch Sehnsucht und visionäre Kraft nach außen, was sich symbolisch in der Figur des Bogenschützen selbst widerspiegelt. Herakles selbst ist bekanntlich im Umgang mit Pfeil und Bogen versiert. Ein Bogenschütze muss immer etwas haben, das über ihn selbst hinausgeht, auf das er zielen kann. Dieser Unterschied ist entscheidend.
Diese künstlerische Darstellung zeigt Herakles als Bogenschützen im Kampf gegen den Drachen Ladon. Je nach Schriftquelle stammt das Wesen unter anderem von den Monstern Typhon und Echidna ab.
Während Herakles zuvor durch Stärke, Mut oder Ausdauer siegte, lassen sich die Äpfel der Hesperiden nicht einfach mit Gewalt an sich reißen. Die elfte Aufgabe vereitelt wiederholt direktes Handeln.
Der Garten selbst ist verborgen. Sein Standort ist ungewiss. Der Held muss Reisende befragen, mit Gestaltwandlern ringen, Wüsten durchqueren und Rat bei obskuren Wesen suchen, bevor er sich dem heiligen Ort überhaupt nähern kann. Das Erlangen von Wissen selbst wird zur Herausforderung.
Rätsel, Verwandlungen und Wahrheit
Das Streben nach Erkenntnis ist ein Grund dafür, dass sich diese neue Aufgabe im Vergleich zu den vorherigen seltsam traumhaft anfühlt. Herakles betritt eine Welt voller Rätsel, Verwandlungen und kosmischer Wesen. Ein Orakel gibt Herakles schließlich den wichtigen Tipp, ein Mann namens Nereus könne ihm bei der Suche nach dem Garten helfen.
Nereus ist ein uralter Meeresgott, der manchmal auch als „der Alte des Meeres“ bezeichnet wird. Auch er ist gar nicht so leicht zu finden, denn er kann seine Gestalt ständig wechseln – mal ist er ein Fisch, mal ein Seelöwe.
Künstlerische Darstellung von Nereus auf einem griechischen Tongefäß.
So versucht der Meeresgott, sich dem Griff des Herakles zu entziehen. Nur indem der Held all diesen Verwandlungen standhaft widersteht, schafft er es, dass Nereus ihm die wichtigen Informationen offenbart.
Die Symbolik ist tiefgründig: Die Wahrheit ist nicht leicht zu erlangen. Stattdessen wandelt sie ihre Gestalt vor unseren Augen – die Realität selbst erscheint instabil. Dieses Konzept ist in ähnlicher Weise von den Mayas bekannt, bei denen Erscheinungen eine tiefere Realität verschleiern. Nur Beharrlichkeit, verbunden mit Einsicht, ermöglicht es dem Suchenden, das zu erfassen, was ihm ständig entgleitet.
Zurückgehen für Fortschritt
Tatsächlich schickt der Rat des Nereus unseren Helden nach Osten, fort von den Hesperiden. Als Erstes führt ihn der Weg zu Prometheus, der ihn wiederum zu Atlas führt. Kurz gesagt: Der Held muss zuerst zurückgehen, um voranzukommen – eine Sichtweise, die aus der Zen-Philosophie bekannt ist.
Was wie ein Umweg erscheint, ist von großer Bedeutung, denn Herakles befreit Prometheus aus seiner misslichen Lage. Der Titan hatte den Göttern das Feuer gestohlen und es der Menschheit geschenkt. Dafür hatte Zeus ihn an einen Berg gekettet, wo jeden Tag ein Adler herabstieg, um seine Leber zu verschlingen. Da Prometheus unsterblich ist, regenerierte sich seine Leber jede Nacht und der Kreislauf begann von Neuem.
Herakles tötet den Adler und befreit Prometheus von seiner Qual – ein zutiefst bedeutungsvoller Moment. Prometheus hatte gelitten, weil er den Menschen aus ihrem primitiven Zustand half. Nun hilft Herakles, der Sohn des Zeus, diese Strafe zu beenden. Symbolisch gesehen ist es, als würde ein Teil des alten Fluchs, der über der Menschheit lastet, aufgehoben.
Herakles (l.) befreit Prometheus (r.) von seiner göttlichen Strafe, indem er die Ketten sprengt und den Adler mit einem Pfeil tötet (u.).
Der befreite Prometheus bringt Herakles nun einen Schritt näher an den geheimnisvollen Garten, indem er die Begegnung mit einem zweiten Titanen ermöglicht: Atlas. Dieser ist dazu verdammt, den Himmel auf seinen Schultern zu tragen.
Hier erreicht die Aufgabe ihre tiefste symbolische Ebene. Atlas ist kein bloßer Titan. Er verkörpert die kosmische Last selbst: das Gewicht des Himmels, die erdrückende Verantwortung, die Ordnung vor dem Zusammenbruch zu bewahren.
Kosmische Last – wie sie jeder kennt
Frühere Aufgaben haben diese Last bereits sinnbildlich thematisiert, doch nun begegnet Herakles ihr in universellem Ausmaß. In einer Version des Mythos willigt Herakles ein, den Himmel vorübergehend zu tragen, während Atlas die Äpfel aus dem Garten holt. Das Bild ist außergewöhnlich. Für einen kurzen Moment nimmt der Held die Last des Kosmos selbst auf sich.
Dies ist nicht mehr nur ein heroisches Abenteuer, sondern eine metaphysische Symbolik von höchster Ordnung. Unweigerlich ruft diese Szene den Vergleich mit dem christlichen Bild von Christus am Kreuz hervor: Der Sohn, der das Gewicht der Sünde, des Leidens und der Gebrochenheit der Welt trägt und dennoch bis zur Erlösung und zum Sieg durchhält.
Die Kreuzigung Jesu, gemalt von Francesco Trevisani (1656–1746).
Diese Szene hat über Jahrhunderte hinweg Relevanz, weil sie etwas Bekanntes in der menschlichen Erfahrung anspricht. Jeder Erwachsene stößt irgendwann auf Verantwortung, die sich nicht vermeiden lässt, und auf Lasten, die einfach getragen werden müssen.
Elternschaft, Führung, künstlerische Berufung, politische Verantwortung, moralische Pflicht – all dies beinhaltet in der einen oder anderen Form das „Halten des Himmels“. Vereinfacht ausgedrückt heißt das, Ordnung zu schaffen und diese aufrechtzuerhalten.
Gewinn durch Weisheit statt Gewalt
Doch der Mythos enthält noch eine weitere subtile Erkenntnis. Sobald Atlas mit den Äpfeln zurückkehrt, versucht er, die erneute Schulterung der Last zu vermeiden. Er schlägt vor, dass Herakles den Himmel weiterträgt, während er selbst die Früchte an König Eurystheus überbringt.
Herakles reagiert jedoch nicht mit Gewalt, sondern mit Klugheit. Er gibt vor, dem Vorschlag zuzustimmen, und bittet Atlas, den Himmel kurz wieder zu übernehmen, damit er seinen Umhang als Kissen zurechtlegen kann. Doch sobald Atlas die Last wieder auf sich nimmt, geht Herakles mit den Äpfeln davon. Der endgültige Sieg wird also nicht durch Gewalt, sondern durch Weisheit errungen.
Dies markiert eine entscheidende Wandlung in der Entwicklung des Helden. Der Herakles, der den Nemeischen Löwen mit bloßen Händen erwürgte, ist nachdenklicher, strategischer und spirituell bewusster geworden. Die Kraft bleibt, aber sie steht nicht mehr im Vordergrund. Intelligenz, Urteilsvermögen und Selbstbeherrschung bestimmen nun sein Handeln.
„Atlas und die Hesperiden“ von John Singer Sargent (1856–1925).
Die Äpfel selbst unterstreichen diese Bedeutung. Gold symbolisiert traditionell Vollkommenheit, Unvergänglichkeit und Beständigkeit. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Früchten verfaulen diese nicht.
Sie stehen für die uralte Sehnsucht des Menschen nach Beständigkeit in einer vergänglichen Welt – den Wunsch, irgendwie an der Ewigkeit teilzuhaben. Und doch verbirgt sich im Kern dieser Aufgabe ein Paradoxon.
Zwar gelingt es Herakles, die Äpfel zu erlangen, doch er behält sie nicht. In vielen Versionen des Mythos bringt Athene sie schließlich in den heiligen Garten zurück, da solche göttlichen Schätze nicht dauerhaft in die gewöhnliche menschliche Sphäre gehören.
„Herkules stiehlt die Äpfel aus dem Garten der Hesperiden“ von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553).
Dieses Ende ist von enormer Bedeutung. Die Aufgabe legt nahe, dass Unsterblichkeit und Weisheit nicht einfach als Eigentum besessen oder mit Gewalt erobert werden können. Menschen mögen einen Blick auf das Transzendente erhaschen, an Höherem teilhaben oder für einen Moment das Gewicht des Himmels selbst tragen, doch Beständigkeit bleibt jenseits vollständiger menschlicher Aneignung.
Weisheit als höchster Preis
Die moderne Kultur behandelt Erfüllung oft als etwas, das man erwerben kann: mehr Erfolg, mehr Reichtum, mehr Sichtbarkeit, mehr Kontrolle. Doch der Mythos untergräbt stillschweigend diese Annahme, denn das Wertvollste, das man besitzen kann, sind keine Waren. Die Weisheit selbst lehrt Demut vor dem, was uns übersteigt.
Für uns moderne Leser liegt die Relevanz dieser Aufgabe genau hier. Viele unserer tiefsten Bestrebungen – Wahrheit, Schönheit, Weisheit und Sinn – ähneln dem Garten der Hesperiden. Sie lassen sich weder schnell erreichen noch allein durch Gewalt meistern. Sie erfordern Ausdauer, Unterscheidungsvermögen, Demut und die Bereitschaft, die vertrauten Grenzen des Selbst zu überschreiten.
In diesem Sinne wird die elfte Aufgabe zu einer der philosophischsten des gesamten Zyklus. Herakles besiegt nicht mehr nur Monster oder stellt die öffentliche Ordnung wieder her. Er ist zu einem Suchenden geworden, der an der Schwelle zwischen Sterblichkeit und Transzendenz steht.
Und das ist vielleicht die bleibende Lehre der Erzählung: Die größten Schätze sind nicht diejenigen, die wir dauerhaft besitzen, sondern jene Momente, in denen wir – wenn auch nur kurz – das berühren, was jenseits von uns selbst liegt.
Nach der Meisterung dieser Aufgabe, steht Herakles nun vor seiner zwölften, letzten und gefährlichsten Prüfung. Dafür muss er die dunkle Grenze überschreiten und in die Unterwelt hinabsteigen – einen Ort, von dem noch nie ein Lebender zurückgekehrt ist.
Das im Februar entdeckte Musikheft wirft neues Licht auf Mozarts letzten Aufenthalt in Paris. - Foto: Jérémy Halkin/Französische Nationalbibliothek/dpa
Ein französischer Musikwissenschaftler hat ein bislang unbekanntes Mozart-Manuskript entdeckt.
Das 44-seitige Notenheft enthalte sieben Stücke für Harfe und Flöte sowie Kompositionsübungen, erklärte François-Pierre Goy, Konservator in der Musikabteilung der französischen Nationalbibliothek.
Sie stammten aus dem Jahr 1778, als Wolfgang Amadeus Mozart die französische Harfenistin Marie-Louise-Philippine de Bonnières de Guînes im Komponieren unterrichtete.
Stücke für Harfe und Flöte
Die Stücke für Harfe und Flöte, die insgesamt etwa 20 Minuten lang sind, sollen am Sonntag beim traditionellen Musikfest am 21. Juni bei einem Konzert in der Nationalbibliothek vorgetragen werden.
Der auf anonyme Manuskripte spezialisierte Musikwissenschaftler Goy hatte die in marmoriertes Papier eingefasste Kladde untersucht, nachdem er sich andere Unterrichtsmaterialen von Mozart angesehen hatte. Ihm fielen die „rundlichen, leicht nach vorn geneigten Violinschlüssel“ und die „anders als in Frankreich notierten Bassschlüssel“ auf.
Mozarteum bestätigt Echtheit
Vergleiche mit anderen Manuskripten und das verwendete Papier sprachen ebenfalls für die Autorschaft des österreichischen Komponisten. Diese wurde später vom Mozarteum in Salzburg bestätigt.
Das Manuskript war während der Französischen Revolution bei dem Herzog von Guînes beschlagnahmt worden und fand sich später in der französischen Nationalbibliothek. In Leipzig war 2024 ein bis dahin unbekanntes Jugendwerk Mozarts entdeckt worden, das den Titel „Ganz kleine Nachtmusik“ erhielt. (afp/red)