Month: September 2026
Der Konflikt um den verschärften Sparkurs bei VW geht in die nächste Runde: Der Autobauer will Kosten sparen – und hat daher eine Reihe von Tarifverträgen gekündigt. Sie sollen neu verhandelt werden. Im Winter zeichnet sich daher ein harter Arbeitskampf ab – und Einschnitte für die Beschäftigten. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Gekündigt sind der IG Metall zufolge insgesamt zehn Tarifverträge – und damit ein Großteil. Ein Konzernsprecher wollte sich zur genauen Zahl nicht äußern. Der VW-Haustarif besteht im Kern aus rund einem Dutzend einzelner Verträge.
Der Manteltarifvertrag bündelt unter anderem Regeln zu Arbeitszeit und Urlaub. Er enthält der IG Metall zufolge auch Schutzrechte für ältere Beschäftigte und Menschen, die ihre bisherige Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können. Andere Verträge regeln zum Beispiel die Eingruppierung in Gehaltsgruppen sowie Zulagen und Zusatzvergütungen.
Bei den gekündigten Abschnitten des Ausbildungstarifvertrags geht es um die Übernahme von Auszubildenden und dual Studierenden. Welche Änderungen Volkswagen konkret durchsetzen will, ist noch offen.
Es geht um die Beschäftigten der Volkswagen AG in Deutschland. Dazu zählen die Marken Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeuge, die Komponentensparte und zentrale Konzernbereiche. Der Haustarif bei Volkswagen gilt für rund 130.000 Beschäftigte in Deutschland. Von dem Schritt nicht betroffen sind VW-Töchter wie Audi oder der Sportwagenbauer Porsche.
Die Verträge sind zum 31. Dezember 2026 gekündigt. Aber: Nicht sämtliche darin enthaltene Regelungen fallen unmittelbar weg. VW und die IG Metall verweisen auf die gesetzliche Nachwirkung. Die konkreten Einschnitte hängen ohnehin von Verhandlungen ab. Die Gewerkschaft betont aber: „Würde sich der Vorstand durchsetzen, bekämen die Beschäftigten das ab Januar 2027 in den Einkommen zu spüren“. Es gehe um konkrete finanzielle Verluste.
Tarifverträge zum Ende ihrer Laufzeit zu kündigen, ist nicht ungewöhnlich. So können die Parteien neue Regeln verhandeln. Auffällig ist aber der Umfang. Bei der Tarifrunde 2024 hat Volkswagen deutlich weniger Tarifverträge gekündigt. Auch der Manteltarifvertrag blieb unangetastet.
VW will den Angaben nach seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern und Kosten senken. Aus Sicht des Unternehmens seien verschiedene Regelungen in diesen Verträgen mit Blick auf den aktuellen Kostendruck anzupassen, hieß es. Mit der Kündigung werde ein Verhandlungsraum geöffnet. Ziel sei, bisher vereinbarte Maßnahmen konsequent umzusetzen und alle weiteren Möglichkeiten eines sozialverträglichen Personalabbaus vollständig auszuschöpfen.
Das wirtschaftliche Umfeld hat sich nach Angaben des Personalvorstands der Marke Volkswagen, Arne Meiswinkel, für die Autoindustrie und damit auch für VW gravierend verschärft. „Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend. Unter anderem drängen chinesische Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa“, teilte er mit. Die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan 2030 müssen ihm zufolge schnell und konsequent umgesetzt werden.
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat sich angesichts der Probleme in der Branche auf diesen Plan des Vorstands geeinigt. Dieser soll Volkswagen deutlich profitabler machen. Das Management um VW-Chef Oliver Blume hat seitdem ein Mandat, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen.
Weltweit will der Vorstand in den kommenden Jahren unter anderem 50.000 Stellen streichen – zusätzlich zu bisherigen Abbauprogrammen im Konzern. Marken und Gesellschaften sind demnach beauftragt, das auszuplanen. Die Hälfte könnte auf deutsche Standorte entfallen. Konkrete Programme müssen aber erst mit den Arbeitnehmern verhandelt werden. Darüber hinaus ist die Zukunft der VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm über die Jahre 2031 bis 2034 hinaus offen.
Möglicherweise. Bei anderen Autobauern gibt es bereits eine Debatte über eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Nach dpa-Informationen sieht auch das VW-Management in längeren Arbeitszeiten eine Möglichkeit, die Kosten zu senken. Eine konkrete Forderung gibt es noch nicht. Das Thema könnte aber zu einem späteren Zeitpunkt auf den Tisch kommen, hieß es aus Konzernkreisen. Für die VW-Beschäftigten in Deutschland gilt bislang eine 35-Stunden-Woche.
Nein. Der Zukunftstarifvertrag 2024, in dem die Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 festgehalten ist, ist nicht betroffen. Betriebsbedingte Kündigungen sind also weiter ausgeschlossen. Das bedeutet aber nicht, dass keine Stellen wegfallen: 2024 war auch ein sozialverträglicher Abbau von 35.000 Stellen in Deutschland bis 2030 vereinbart worden. Er soll etwa über Altersteilzeit und Abfindungen erfolgen.
Das VW-Management stellt nach Ansicht der Arbeitnehmer zentrale tarifliche Errungenschaften infrage. „Das ist ein übles Foul an der Belegschaft und erneut ein schamloser Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen“, teilte Niedersachsens IG-Metall-Chef Thorsten Gröger mit. VW versuche, die wirtschaftlichen Herausforderungen des Konzerns bei denen abzuladen, die das Unternehmen jeden Tag am Laufen hielten. „Während Gewinne privatisiert werden, sollen unternehmerische Kosten und Risiken nun auf die Belegschaft verlagert werden. Das werden wir nicht hinnehmen“.
VW-Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo warf dem Management einen Erpressungsversuch vor: Zunächst würden Werke mit dem Aus bedroht – um dann die nächsten Tarifeinschnitte durchsetzen zu können.
Das Treffen in Hannover, bei dem VW die Kündigungen übergeben hat, war ein sogenanntes Überprüfungsgespräch zum Zukunftstarifvertrag. Das hatten die Arbeitnehmer anberaumt, weil sie die damals getroffenen Zusagen angesichts der verschärften VW-Sparpläne in Gefahr sehen. Es handelte sich nicht um Verhandlungen. Beide Seiten wollen in der zweiten Oktoberhälfte weiterreden.
Die Gewerkschaft warf VW vor, mit den Kündigungen ein neues Feld für die Tarifauseinandersetzung zu eröffnen. Denn im Winter wird bei VW auch über mehr Geld verhandelt. Die Gewerkschaft fordert ein Plus von fünf Prozent. Das Unternehmen hält diese Forderung angesichts der Lage für nicht angemessen. Die Kosten müssten gesenkt werden.
Zunächst nicht. Die Friedenspflicht endet am 31. Dezember 2026. Danach sind aber Ausstände möglich – und nicht unwahrscheinlich. „Volkswagen hat mit seinen Kündigungen eine erhebliche Auseinandersetzung über die Zukunft der tariflichen Arbeitsbedingungen eröffnet“, sagte Gröger. Sie markierten einen tiefen Bruch mit der jahrzehntelangen VW-Kultur und seien zugleich eine klare Kampfansage an die Belegschaft.
Betriebsratschefin Cavallo ging davon aus, dass die Belegschaft sehr wütend auf den Schritt reagieren – und mit einer entsprechenden Gefühlslage in die anstehenden Tarifverhandlungen gehen wird. Ihr zufolge droht eine „heftige Auseinandersetzung zum Jahreswechsel“. (dpa/red)
Nach tagelangem Streit haben Union und SPD kurz vor der Kabinettssitzung eine Einigung zur Pflegeversicherung erzielt. Das Bundeskabinett verabschiedete am Mittwoch den Entwurf eines Pflegeneuordnungsgesetzes. Ziel ist vor allem die kurzfristige Stabilisierung der klammen Pflegekassen. Eine tiefer greifende Strukturreform soll erst Mitte 2027 greifen. Dafür soll kommende Woche eine Expertenkommission eingesetzt werden.
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) sprach von einem „ersten wichtigen Schritt“. Der generelle Beitragssatz soll im kommenden Jahr stabil bleiben. Einschnitte für Pflegebedürftige und Pflegende fallen geringer aus als ursprünglich geplant. Die zentralen SPD-Forderungen – ein Deckel für Heim-Eigenanteile und ein Ausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung – bleiben zunächst unberücksichtigt.
Pflegekassen stehen vor der Zahlungsunfähigkeit
2025 erhielten rund sechs Millionen Menschen Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung. Die Zahl hat sich in zehn Jahren verdoppelt. Die Ausgaben stiegen von rund 24 Milliarden Euro 2013 auf mehr als 73,8 Milliarden im vergangenen Jahr. Die Einnahmen kommen dem nicht hinterher.
Ohne weitere Zuschüsse droht den Kassen nach Angaben des GKV-Spitzenverbands schon ab Oktober die Zahlungsunfähigkeit. Für 2026 wird ein Defizit von 4,4 Milliarden Euro erwartet, für 2027 eines von zehn Milliarden Euro. Der Bund hat die Versicherung bereits mit Darlehen gestützt: 2025 mit 0,5 Milliarden Euro, 2026 mit 3,2 Milliarden Euro.
Die Pflegeversicherung ist eine Teilversicherung: Sie übernimmt nur einen Teil der Kosten. Im ersten Jahr im Heim zahlen Betroffene im Schnitt 3364 Euro monatlich selbst, im zweiten Jahr rund 3000 Euro, ab dem vierten Jahr 2100 Euro. Die Eigenanteile sind seit 2018 um 76 Prozent gestiegen, vor allem wegen besserer Bezahlung der Pflegekräfte. Bis 2034 könnten laut Deutschem Pflegerat bis zu 500.000 Beschäftigte fehlen.
Was auf Beitragszahlende zukommt
Der paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragene Beitragssatz bleibt bei 3,6 Prozent. Der Zuschlag für Kinderlose steigt ab 1. Januar von 0,6 auf 0,9 Prozent. Bei Kinderlosen liegt der Satz damit bei 4,2 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen. Das soll zunächst 3,3 Milliarden Euro Mehreinnahmen bringen.
Die Beitragsbemessungsgrenze steigt um 300 Euro pro Monat – plus 500 Millionen Euro im Jahr. Zum 1. Januar 2028 soll ein Zuschlag von 0,52 Prozent für die Mitversicherung von Ehe- oder Lebenspartnern kommen, mit Ausnahmen etwa für pflegende Angehörige. Auch für Minijobs sollen künftig Pflegebeiträge fällig werden; das soll jährlich 1,4 Milliarden Euro bringen.
Wo gespart werden soll
Eine für 2028 vorgesehene Leistungsanhebung entfällt. Das mindert die Ausgaben um 4,7 Milliarden Euro. Der Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen soll durch Änderungen bei der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst begrenzt werden. Die Pflegegrade 1 bis 3 sollen „zielgenauer“ vergeben, Leistungen bei Pflegegrad 1 auf Prävention konzentriert werden. Prävention und Rehabilitation sollen generell gestärkt werden.
Weitere Einsparungen sollen eine Verschiebung der Rückzahlung von Bundesdarlehen und eine schlankere Verwaltung bringen.
Was Betroffenen erspart bleibt
Anders als ursprünglich geplant übernimmt die Pflegeversicherung weiter vollständig die Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige. Fallengelassen wurde auch eine zeitliche Streckung der Entlastungszuschläge für Heimkosten. Diese sollen weiter jeweils nach zwölf Monaten Verweildauer steigen. Ursprünglich sollten so 2,6 Milliarden Euro gespart werden.
Ab 2029 sollen die Leistungsbeträge jährlich an die Inflation angepasst werden. Die private Pflegeversicherung wird vorerst nicht an der Finanzierung beteiligt.
Kommission soll Strukturreform bis 2027 vorbereiten
Kommende Woche soll das Kabinett die Pflegestrukturkommission einsetzen. Sie soll bis Ende Januar 2027 Vorschläge vorlegen. Angestrebt ist ein Kabinettsbeschluss bis Ostern und ein Inkrafttreten zum 1. Juli 2027. Linnemann sprach von einem Plan, der die Pflege „fit machen soll für die 30er-Jahre“.
Geprüft werden sollen Ausgleichsmechanismen innerhalb und außerhalb der Pflegeversicherung. Linnemann kündigte an, Zuschüsse zu Heimkosten sozialer auszugestalten – weniger Wohlhabende könnten stärker entlastet werden als Menschen mit mehr Geld. Ein Sprecher von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) nannte als Ziel, die Pflege „gerechter“ zu machen.
Geplante Verbesserungen
Versicherte ab 60 sollen Anspruch auf einen „Check-up 60+“ erhalten. Ein Online-„Pflege-Cockpit“ soll Informationen bündeln. Geplant sind Akut-Kurzzeitpflegeplätze und bessere Angebote in Notsituationen. Familien mit pflegebedürftigen Kindern und anerkannte Bekannte könnten ein Budget von rund 3600 Euro im Jahr nutzen.
Kritik: Stabilisierung ja, Reform nein
Aus der SPD kam weiter Kritik. Fraktionsvize Dagmar Schmidt sagte, die schlimmsten Leistungskürzungen seien verhindert und die Versicherung kurzfristig stabilisiert worden. „Das war wichtig, ist aber noch keine Reform.“ Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger nannte den Beschluss „erstmal nur ein weiter so“. Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig sagte dem „Spiegel“, Pflege dürfe nicht zu Armut führen; nötig seien ein Pflegedeckel und eine Reform der unterschiedlichen Finanzierung durch gesetzliche und private Kassen.
Linken-Fraktionschef Sören Pellmann sagte, der Entwurf bleibe in weiten Teilen so, wie Linnemann ihn gewollt habe. Die Grünen nannten den Kompromiss „ein politisches Geschäft zulasten Dritter“. Janosch Dahmen warf der Koalition vor, Strukturentscheidungen erneut zu vertagen. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sprach von einem „Kürzungsprogramm“. Ähnlich äußerte sich der Paritätische Gesamtverband: Nicht einmal ein Pflegedeckel finde sich als Gegengewicht. Der VDAB warnte, Leistungskürzungen in der ambulanten Pflege blieben bestehen und setzten den Grundsatz „ambulant vor stationär“ unter Druck.
Der GKV-Spitzenverband sieht einen „ersten Schritt“, kritisiert aber Belastungen zulasten von Pflegebedürftigen und Beitragszahlenden.
Arbeitgeber und PKV begrüßen den Kurs
BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter erklärte, eine generelle Beitragssatzerhöhung sei vorerst abgewendet. Die Zugeständnisse an die SPD hätten aber einen Preis: Die Maßnahmen reichten nicht, um das Defizit 2027 zu schließen. Handwerkspräsident Jörg Dittrich nannte den Entwurf hinter dem zurück, was zur Stabilisierung nötig sei.
Die privaten Krankenkassen lobten, die Regierung habe sich nicht auf eine aus ihrer Sicht verfassungswidrige Finanzierung durch Privatversicherte eingelassen. PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther forderte, den Beschluss im parlamentarischen Verfahren nicht aufzuweichen.
Als Nächstes befasst sich der Bundestag mit dem Gesetzentwurf. Die SPD-Fraktion kündigte an, ihn genau zu prüfen. (dpa/afp/dts/red)
In Kürze:
- Spaniens Mieten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, während bezahlbarer Wohnraum knapp wird.
- Die Banco de España sieht ein erhebliches Angebotsdefizit als zentrale Ursache der Preissteigerungen.
- Forscher widersprechen und verweisen auf Millionen leer stehende Wohnungen und den geringen Bestand an Sozialwohnungen.
- Tourismus, Saisonvermietungen und ausländische Nachfrage verschärfen die Probleme vor allem in besonders gefragten Regionen.
- Die Regierung von Pedro Sánchez will mit neuen Maßnahmen gegen steigende Mieten und Wohnungsmangel vorgehen.
Nicht nur Berlin ist mit dem Problem eines strukturellen Wohnungsmangels konfrontiert. Auch in Spanien ist die Wohnungsnot in mehreren Teilen des Landes zum politischen Hauptthema geworden. Die 87-jährige Maricarmen Abascal hatte 70 Jahre lang in ihrer Wohnung in Madrid gelebt und musste sie am Mittwoch, 23. September, verlassen. Nachdem ein Investor das Haus erworben und eine deutliche Erhöhung der Miete angekündigt hatte, musste sie ausziehen. Der Fall löste in Spanien Proteste aus und rückte das Thema Wohnraum in den Fokus der Öffentlichkeit. Inzwischen hat sich Abascal laut ihrer Anwältin mit dem Eigentümer geeinigt und soll nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus in die Wohnung zurückkehren.
Zentralbank: In Spanien fehlen rund 700.000 Wohnungen
Nach einer Analyse von idealista sind die Mieten in Spanien seit Ende 2020 deutlich gestiegen. Im April 2026 meldete das Immobilienportal, dass die angebotenen Mieten im Durchschnitt rund 40 Prozent über dem Niveau von Ende 2020 lagen. Gleichzeitig war das Angebot an Mietwohnungen um 61 Prozent zurückgegangen.
Die spanische Zentralbank Banco de España sieht ein deutliches Missverhältnis zwischen Wohnungsangebot und Nachfrage. In einer im September 2025 vorgestellten Schätzung bezifferte sie das kumulierte Wohnungsdefizit auf rund 700.000 Wohnungen. Für den Zeitraum 2022 bis 2024 ging die Zentralbank von einem Fehlbestand von 400.000 bis 450.000 Wohnungen aus. Für 2025 erwartete sie ein zusätzliches Defizit von mehr als 100.000 Wohnungen. Rund die Hälfte des Fehlbestands entfiel demnach auf die besonders angespannten Wohnungsmärkte in den Provinzen Madrid, Barcelona, Valencia, Alicante und Málaga.
Selbst Personen mit gutem Einkommen stoßen auf immer größere Schwierigkeiten, eine eigene Wohnung zu kaufen oder zu mieten. Auch für junge Menschen ist es in vielen Städten und Regionen zunehmend schwierig geworden, eine eigene Wohnung zu finanzieren.
Das Problem ist mittlerweile im Zentrum der öffentlichen Debatte angekommen. Allerdings besteht kein Konsens über Ursachen und mögliche Auswege aus der Krise. Die Banco de España sieht die Preisentwicklung im Kern als Folge eines Missverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage.
Einer Studie der Polytechnischen Universität von Katalonien (UPC) zufolge ist die Zahl der Haushalte zwischen Januar 2021 und Januar 2025 deutlich gestiegen. Nach Angaben des spanischen Statistikamts INE kamen in diesem Zeitraum 957.903 Haushalte hinzu. Der Anstieg der Haushaltszahl allein erklärt jedoch nicht die regional sehr unterschiedlichen Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt. Besonders stark stiegen die Preise in Regionen und Städten mit hoher Nachfrage.
UPC: Vor allem erschwinglicher Wohnraum fehlt
Die Zunahme der Haushalte, von denen viele aus nur einer Person bestehen, kann den zusätzlichen Bedarf an Wohnraum erhöhen. Das Angebot an Wohnungen zu Preisen, die sich durchschnittliche Haushalte leisten können, hält damit jedoch nicht überall Schritt.
Im Alltag kann sich die angespannte Lage unter anderem darin zeigen, dass junge Menschen länger bei ihren Eltern leben, in Wohngemeinschaften ziehen oder trotz Beschäftigung Schwierigkeiten haben, eine eigene Wohnung zu finanzieren. Wer eine Wohnung findet, muss teilweise einen erheblichen Anteil seines Einkommens für die Miete aufbringen.
Die UPC-Forscher Blanca Arellano und Josep Roca betrachten die Erklärung eines generellen Wohnungsmangels als zu einfach. Sie sind die Autoren der Studie mit dem Titel „Fünf Thesen zur Wohnungspolitik in Spanien“. Die erste These, die sie aufstellen, lautet: „Es gibt kein gravierendes Wohnungsdefizit.“ Die Forscher verweisen auf die Entwicklung des Wohnungsbestandes zwischen 2011 und 2021. Dieser sei um 959.554 Einheiten stärker gestiegen als die Zahl der Haushalte.
Der spanische Zensus von 2021 habe zudem landesweit etwa 3,84 Millionen leer stehende Wohnungen ausgewiesen. Dies entspreche einem Anteil von etwa 14,4 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes. Allerdings bedeutet dies nicht automatisch, dass diese Immobilien unmittelbar als günstiger Wohnraum zur Verfügung stünden.
Keine eindimensionalen Erklärungen für die Gesamtsituation
Die Gründe, warum die Wohnungen leer stehen, können vielfältig sein. Die Wohnungen können renovierungsbedürftig sein, sich in einer strukturschwachen Region mit geringer Nachfrage befinden, als Zweitwohnung dienen oder aus sonstigen Gründen nicht dauerhaft vermietet werden. Die Zahl theoretisch vorhandener Wohnungen sagt für sich allein wenig darüber aus, ob eine Wohnung an einem bestimmten Ort oder zu einem bestimmten Preis verfügbar ist.
Arellano und Roca stehen vor diesem Hintergrund auf dem Standpunkt, dass es keine Lösung sei, den Markt lediglich mit möglichst vielen neuen Wohnungen zu versorgen. Mit Blick auf die Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre könne man nicht davon ausgehen, dass mehr Neubau und mehr ausgewiesenes Bauland automatisch niedrigere Preise nach sich ziehen würden.
Die UPC-Forscher schreiben außerdem, dass es vor der Finanzkrise der späten 2000er-Jahre einen Immobilienboom gegeben habe. In der Zeit zwischen 1996 und 2007, die zum Großteil in die Regierungszeit von José María Aznar (1996–2004) fiel, sei eine Vielzahl an Flächen als Bauland ausgewiesen worden. Darauf seien Wohnungen errichtet worden. Zwischen 2000 und 2018 sei Spanien sogar EU-weit das Land mit den meisten Umwidmungen von Flächen für Siedlungs- und Infrastrukturzwecke gewesen.
Forscher plädieren für die Schaffung von deutlich mehr geschütztem Wohnraum
Arellano und Roca schreiben, mehr Bauland allein garantiere keinen bezahlbaren Wohnraum. Neubau sei zwar nicht überflüssig. Allerdings stelle sich die Frage, welche Wohnungen für wen gebaut würden – und unter welchen Bedingungen sie auf den Markt kämen.
Und hier liegt nach Auffassung der UPC-Forscher auch der Grund für die Fehlentwicklung. Was vor allem fehle, sei sozial gebundener beziehungsweise geschützter Wohnraum. Lediglich 17 Prozent der zwischen 2007 und 2023 errichteten Wohnungen seien dem sozialen Wohnungsbau zuzuordnen. Dieser helfe dabei nicht nur den Haushalten mit niedrigem Einkommen selbst. Ein größerer Bestand an preisgebundenen Wohnungen nehme auch Druck vom freien Wohnungsmarkt – so Arellano und Roca.
Anders als es die reine Angebotslogik nahelegt, plädieren die UPC-Forscher dafür, nicht nur die Frage aufzuwerfen, wie viele Wohnungen es insgesamt gebe. Vielmehr solle man sich die Frage stellen, wie viele Wohnungen zu Preisen verfügbar seien, die sich durchschnittliche Haushalte leisten könnten. Arellano und Roca empfehlen die deutliche Ausweitung des Baus von Sozialwohnungen. Dabei solle auch bereits erschlossenes Bauland einbezogen werden.
Eigene Dynamiken in den Tourismusgebieten
Die Entwicklung des Wohnungsmarktes unterscheidet sich regional deutlich. Besonders angespannt ist die Lage in Städten wie Madrid, Barcelona und Málaga sowie in stark vom Tourismus geprägten Regionen wie den Balearen. Dort konkurriert Wohnraum unter anderem mit der Nachfrage nach Ferien- und zeitlich begrenzten Mietangeboten.
Die Zahl der beim INE erfassten Ferienwohnungen ist von August 2024 bis Mai 2026 zwar von 403.267 auf 341.001 zurückgegangen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die rund 62.000 Einheiten anschließend dem regulären Mietmarkt zur Verfügung standen. Sie können beispielsweise aus dem Markt genommen oder für andere Formen der Vermietung genutzt worden sein.
Eine solche zeitlich begrenzte Vermietung kann für Eigentümer wirtschaftlich attraktiv sein. Gleichzeitig steht der Wohnraum dann nicht dauerhaft für reguläre Mietverhältnisse zur Verfügung. Zu den möglichen Zielgruppen gehören etwa Studenten oder Arbeitnehmer mit befristetem Aufenthalt, beispielsweise für die Dauer eines Bauprojekts oder einer landwirtschaftlichen Saison.
Hohe Immobilienpreise auf den Balearen
Auch beim Immobilienkauf spielt die internationale Nachfrage auf den Balearen eine wichtige Rolle. Im ersten Quartal 2026 entfielen dort nach den verfügbaren Marktdaten 28,9 Prozent der Immobilienkäufe auf ausländische Käufer. Im vierten Quartal 2025 waren es 31,5 Prozent. Für das Gesamtjahr 2025 stellten deutsche Staatsangehörige mit 39,1 Prozent den größten Anteil unter den ausländischen Käufern.
Auch bei den Besichtigungen von Verkaufsangeboten sind Interessenten aus Deutschland besonders stark vertreten. Nach Daten von idealista entfielen im ersten Quartal 2026 auf den Balearen 43,5 Prozent der ausländischen Besichtigungen auf Interessenten aus Deutschland. Dabei handelt es sich um ein Maß für die Nachfrage nach angebotenen Immobilien und nicht um den tatsächlichen Anteil deutscher Käufer an allen Kaufabschlüssen.
Im Mai 2026 lag der durchschnittliche Angebotspreis für eine gebrauchte Wohnimmobilie auf den Balearen laut Fotocasa bei 5.359 Euro pro Quadratmeter. Für eine 80-Quadratmeter-Wohnung ergibt das rechnerisch rund 428.700 Euro. In Gemeinden wie Calvià und Andratx lagen die Preise deutlich höher; für das erste Quartal 2026 wurden dort durchschnittliche Angebotspreise von 7.037 beziehungsweise 9.606 Euro pro Quadratmeter ausgewiesen.
Die internationale Nachfrage ist jedoch nur ein Faktor für die Entwicklung des Wohnungsmarktes. Hinzu kommen die touristische Nutzung von Wohnraum, das begrenzte Angebot in besonders gefragten Regionen und die allgemeine Preisentwicklung. Wie stark die einzelnen Faktoren ins Gewicht fallen, unterscheidet sich von Region zu Region.
Streit über den richtigen Weg aus der Wohnungsnot
Die Politik sieht sich durch die Entwicklung zunehmend mit der Frage konfrontiert, wie bezahlbarer Wohnraum geschaffen und bestehender Wohnraum langfristig gesichert werden kann.
Am Dienstag, 29. September, beschloss das spanische Kabinett zwei Gesetzesdekrete (Reales Decretos-leyes). Die spanische Regierung strebt damit unter anderem einen erweiterten Schutz vor Zwangsräumungen bis 2030 an. Hinzu kommen Regelungen für Saison- und Zimmervermietungen sowie eine bis Ende 2028 befristete Einschränkung bestimmter Immobilienkäufe durch Fonds.
Ob die Dekrete im Parlament bestätigt werden, ist noch unklar. Die Oppositionsparteien Partido Popular und Vox haben bereits Ablehnung signalisiert. Auch innerhalb des politischen Lagers, das die Regierung unterstützt, gibt es unterschiedliche Einschätzungen zum Umfang der geplanten Maßnahmen.
Es gibt noch so schreckliche Kapitel in der jüngeren spanischen Geschichte, die bis heute nicht aufgearbeitet wurden. Aus deutscher Sicht mag das besonders befremden, hat sich doch das deutsche Kino dem dunkelsten Kapitel seiner Geschichte verschrieben wie kein anderes.
Anders gesagt: Schafft es eine deutsche Produktion in den Internationalen Wettbewerb eines Filmfestivals, dann geht es darin vielfach um die NS-Zeit. Einer von zwei deutschen Beiträgen im Wettbewerb des 74. Festivals in San Sebastián, immerhin ein sehr guter, steht dafür beispielhaft. Aber dazu später.
Das spanische Kino hat analog quantitativ weniger Geschichten über den Faschismus unter Franco hervorgebracht – zumindest unter Berücksichtigung der Filme, die einen deutschen Verleih fanden –, dafür aber so herausragende wie „Der Lehrer, der uns das Meer versprach“ (2023) um einen vorbildlich mutigen Pädagogen, der für das Wohl seiner Schüler sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, oder „Pans Labyrinth“ (2006) um ein Mädchen, das sich in eine von bizarren Geschöpfen bevölkerte Traumwelt flüchtet.
Aber wer hat in Mittel- oder Nordeuropa schon mitbekommen, dass es in Spanien über die Franco-Zeit hinaus bis 1985 schaurige Erziehungsheime gab, in denen „gefallene“ junge Frauen von Nonnen misshandelt wurden?
Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis
Nicht, dass dieses Thema gänzlich neu wäre. Von ähnlich schmerzhaften Zuständen in sogenannten „Magdalenenheimen“ in Irland erzählte 2002 Peter Mullans preisgekrönter Film „Die unbarmherzigen Schwestern“, und in Pedro Almodóvars Drama „La mala educación – Schlechte Erziehung“ (2004) wie auch in dem deutschen Drama „Freistatt“ (2015) geht es um Jungen, die Missbrauch in kirchlichen Erziehungsanstalten erlitten.
Die Geschichte um die Martyrien zweier bildhübscher, mutiger, kluger Mädchen, von denen Daniel Monzón erzählt, ist aber alles andere als ein Abklatsch der genannten Filme, ergreift und verstört vielmehr tiefgehend, als hätte man Vergleichbares noch nicht gesehen. „Pray for us“ überragte das Festival in San Sebastián, lief aber leider außer Konkurrenz.
Das vor allem auch dank der Hauptdarstellerinnen Zoe Bonafonte und Manuela Calle, famose Entdeckungen, die mit aparten Gesichtszügen, facettenreichem Spiel und einem für ihr junges Alter ungewöhnlichen Charisma bestechen. Dies auch in der Weise, wie sie trotz schlimmster Erfahrungen nicht aufgeben. Nicht nur die Nonnen, allen voran die fiese Vorsteherin, erwecken dabei große Abscheu, da sie die ihnen anvertrauten jungen Frauen wechselweise wie Sklavinnen hart für sich arbeiten lassen und in unfassbarer Weise wie Schwerverbrecherinnen wegsperren, sollten sie einmal aus ihrer Sicht nicht gehorsam gewesen sein, sondern auch die Eltern der Gepeinigten.
Wiewohl von ihren Kindern über deren albtraumhafte Erlebnisse in Kenntnis gesetzt, glauben sie den Lügen der Nonnen und unternehmen nichts, um sie den Sadistinnen zu entziehen, bezahlen sogar noch Geld für die „Betreuung“. Dabei handelt es sich noch nicht einmal um schwer erziehbare, sondern um ganz normale junge Frauen, die nichts verbrochen haben, außer dass sie einen Freund und vorehelichen Sex hatten.

Szenenbild aus „Pray for us“.
Foto: Ruegapornosotras_Filmpicture
Fataler Gehorsam
In „Krux“, dem Debütfilm von Tony Vahl, erscheinen die Grausamkeiten kaum weniger skurril, wenngleich aus gänzlich anderen Gründen. In einem Dorf im Nordosten Deutschlands heiratet wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs eine Frau (Jella Haase) ihren gefallenen, toten Verlobten, von dem nur noch ein Soldatenhelm übrig geblieben ist, der neben ihr steht.
In der Schule lernen die Kinder unbedingten Gehorsam an das Vaterland, der Bürgermeister schürt Angst vor der anrückenden Roten Armee und gibt Befehl, dem Feind weder lebende Menschen noch Tiere zu überlassen. Nur eine schon ältere, taffe Bäuerin (Steffi Kühnert) und der den Selbstmord verurteilende Pfarrer (Martin Wuttke), wagen ihre Stimme gegen so viel Menschenhass zu erheben.
Die Bereitwilligkeit der Übrigen, die Anweisung zu befolgen, erscheint noch gruseliger als der Befehl selbst. Der fatale Gehorsam steht mithin in diesem Drama auf dem Prüfstand.
Wenngleich auch die große Selbstmordwelle, die kurz vor der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg einsetzte, den historischen Ausgangspunkt für die Geschichte bildet, so erzählt sie doch unweigerlich bestürzend real und zeitloser, als man wahrhaben möchte, von einem Volk, das – in Angst versetzt und erstarrt – widerstandslos bis zur Selbstaufgabe alles mit sich machen lässt.
Hochwertige Produktionen ohne Auszeichnungen
Einen weiteren bemerkenswerten deutschen, thematisch einmal gänzlich anders ausgerichteten Film, zeigte San Sebastián mit „Geister“ von Fatih Akin. Dessen Stil hat sich gegenüber früheren Werken wie „Gegen die Wand“ (2004), „Kebab Connection“ (2004) oder „Chiko“ (2008) stark verändert. Ist doch hier eine spirituell angehauchte Tragödie in eleganten Schwarz-Weiß-Bildern und Dialogen zu erleben, die sich sprachlich – dies freilich auch milieubedingt – auf einem höheren Niveau bewegen.
Die Geschichte selbst erinnert dabei in ihrer spirituell-surrealen Ausrichtung an Christian Petzolds „Gespenster“. Nur dass sich hier nach einem tragischen Unfall der überlebende Fahrer und seine tote Freundin wieder begegnen, von der er sich nicht trennen kann.
Stark vertreten unter den 17 Beiträgen, die in San Sebastián um die Goldene Muschel konkurrierten, waren traditionell das spanische und südamerikanische Kino. Es sind freilich auch die Produktionen, die für ein auswärtiges Publikum besonders interessant erscheinen, zumal die wenigsten darunter einen deutschen Verleih finden, man diese Filme also selten anderswo zu sehen bekommt.
Der hohe Anspruch einiger dieser Produktionen seitens Drehbuch, Darstellern, Kamera, Musik und Dramaturgie spiegelte sich leider in der Preisverleihung nicht wider. Dabei hätte alleine schon „El mal padre“, das sehr lebensnahe Porträt eines narzisstischen Literaturprofessors, gleichermaßen einen Regie- und Darstellerpreis verdient.
Alt und krank geworden und das Lebensende vor Augen, hat dieser Santiago seine erwachsenen Kinder nach langer Funkstille in seinem Haus am Meer versammelt, die ihn – vorsichtig formuliert – so uncharmant erleben wie ihr ganzes bisheriges Leben. Schließlich macht der Alte keinen Hehl daraus, dass sie ihm mit ihren Bedürfnissen stets nur im Wege standen, er sich nur seiner Kunst widmen und bewundert werden wollte.
Bis ihm schließlich im Streit mit einem seiner Söhne, der selbst gerade Vater wird, kurz vor seinem Tod bewusst wird, was für ein „Monster“ er war. Eduard Fernández gibt diesen „schlechten Vater“ fulminant als selbstverliebten, launischen Maestro mit Allüren, süffisant, scharfzüngig, selbstironisch und auch ein bisschen larmoyant.

Foto: @LaiaLluch
Einen packenden Thriller zeigte San Sebastián mit dem argentinischen Beitrag „Glaxo“, der in bestem Stil des Film noir mit einem fiesen ehemaligen Kommissar und einer Femme fatale im Zentrum schildert, wie Mitte der 1950er Jahre die Freundschaft von vier jungen Männern zerbricht, die sich in Rivalität um die Schöne gegeneinander ausspielen lassen.
Der Sturz des populistischen Präsidenten Juan Perón, und die Machtübernahme des Militärs im instabilen Land bilden den historischen, im Film nur an den Rändern angedeuteten Hintergrund.

Femme fatale in „Glaxo“.
Foto: Glaxo_Filmpicture
Wohltuende optimistische Note
Das Filmfestival im Baskenland zählt neben denen in Cannes, Venedig, Berlin, Locarno und Karlovy Vary europaweit zu den bedeutendsten. Ein gewisser Trend hin zu düsteren, bedrückenden, schwermütigen Filmen ließ sich in diesem Jahr zuvor schon in Karlovy Vary ausmachen. Aber ganz so pessimistisch gab sich San Sebastián trotz vieler solcher desolater Bestandsaufnahmen nicht.
Mit dem jüngsten und vermutlich auch letzten Werk des 83-jährigen Briten Mike Leigh kam vielmehr eine wohltuende optimistische Note in den Wettbewerb. Er gewann allemal verdient sowohl die Goldene Muschel für den besten Film als auch eine Silberne für das beste Drehbuch!
Entgegen üblicher Sozialdramen fokussiert „Tender Loving Care“ nicht auf die Unterprivilegierten der Gesellschaft, sondern auf diejenigen, die ihnen zu helfen versuchen, gerüstet mit Humor und familiärem Rückhalt.
Amy (verdienter Darstellerpreis: Kate O’Flynn) und ihre Freundin Rosie sind die Protagonistinnen in diesem Konversationsfilm. Die beiden kümmern sich um Menschen in prekären Lebenssituationen: Ein obdachloser, resignierter alter Mann, dem es egal ist, was aus ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wird, findet sich ebenso darunter wie ein aggressiv aufgeladener Jugendlicher oder eine überforderte, alleinerziehende Mutter, der das Sorgerecht für ihr Kind entzogen wurde.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die positive Energie in diesem Film, von der sich Publikum und Jury gleichermaßen mitreißen ließen, nährt sich keineswegs aus purer Sozialromantik. Eine unbeschwerte Existenz führen die Heldinnen keineswegs, ihre Bemühungen laufen nicht selten ins Leere, auch ihr eigenes Liebesleben liegt im Argen.
Amys Beziehung ist gerade gescheitert, nachdem der Mann zu seiner Ehefrau zurückgekehrt ist, Rosie macht gar nicht erst Bekanntschaften, die für eine ernsthafte Beziehung in Betracht kämen. Einzig Amys Eltern, die rührend an dem anstrengenden Leben ihrer Tochter Anteil nehmen, führen als Vertreter einer älteren Generation eine glückliche Ehe. Ein Hauch von Melancholie legt sich aber auch über dieses liebenswerte Paar, machen sich doch bei Amys Vater die Schwächen des Alters sorgenvoll bemerkbar.
Und doch nährt der Film die Hoffnung, dass sich alles einfacher verkraften lässt, wenn Menschen zueinander halten und aufeinander Acht geben wie Amy, ihre liebenswerten Eltern und Rosie.
Wie glaubwürdig sind die Geschehnisse auf der Bühne?
Und noch einen Schuss positiver Energie verströmte die Komödie „The Debut“ aus den USA. Julianne Moore ist hier eine Hausfrau, die nach einem zunächst erfolglosen Vorsingen doch noch zu einer Rolle in einem Musical kommt. Ihr Regisseur bringt sie zunächst in ungewöhnliche, stressreiche Situationen, die ihr dabei helfen sollen, in die Welt der von ihr verkörperten Hausmeisterin einzutauchen.
Aber im Laufe der Proben identifiziert sich Mona zusehends stärker mit ihrer Figur als erwünscht, indem sie Dialoge aus ihrem Textbuch verweigert, die ihr nicht stimmig erscheinen. Damit wirft Eisenberg grundsätzlich interessante Fragen danach auf, wie weit ein Schauspieler hinsichtlich der Authentizität seiner Rolle gehen darf. Und weitergesponnen letztlich vielleicht sogar: Was eigentlich passieren würde, wenn im Theater einmal Zuschauer die Bühne entern und den Akteuren mitteilen würden, wenn sie ihnen nicht glauben, was sie sagen.
Denn streng genommen berührt Mona ein Thema, das vor allem angesichts desolater Tendenzen in Schauspiel und Oper zusehends beschäftigt – die Unglaubwürdigkeit der Geschehnisse auf der Bühne angesichts großer Diskrepanzen zwischen Text, Aktion und Musik.
Dass insgesamt einmal mehr die Mischung aus künstlerisch hochwertigen, aber auch prominent besetzten aufwendigeren Produktionen stimmte – als Stars liefen Naomi Watts und Brad Pitt über den roten Teppich –, war freilich das Verdienst des scheidenden Festivalchefs José Luis Rebordinos.
Schade, dass er mit seinem Abschied nicht zumindest noch bis 2028 warten konnte. Dann hätte zumindest noch die Jubiläumsausgabe zum 75-jährigen Bestehen im kommenden Jahr seine überzeugende künstlerische Handschrift getragen.
Der Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak gibt nach der Kritik an seinen Kontakten zum Berliner Remmo-Clan seinen Sitz im Innenausschuss ab. Dies gab Kocak am Mittwoch, den 30. September im Onlinedienst X bekannt.
In seiner Nachricht beklagte Kocak zunächst, Teile der Debatte über seine Person seien „verletzend, diskriminierend und von Unterstellungen geprägt“. Zugleich verwies er auf den am Mittwoch von ihm veröffentlichten Kommunikationsverlauf zur Familie Remmo. Daraus gehe hervor, dass er Menschen, denen Verbindungen zur organisierten Kriminalität zugeschrieben würden, weder Vorteile gewährt noch von ihnen Vorteile erhalten habe.
Fehler eingeräumt
Kocak räumte zugleich eigenes Fehlverhalten ein. „Ich habe einen Fehler gemacht“, erklärte er. Im Umgang mit seinem Kontakt zur Familie Remmo sei er „naiv und mit der Situation überfordert“ gewesen. Sein Verhalten habe Fragen aufgeworfen und werde seinem „Anspruch an einen Abgeordneten im Innenausschuss nicht gerecht“.
Die Linksfraktion solle ihre Arbeit in dem Gremium „unbelastet von der Debatte um meine Person“ fortsetzen können, erklärte Kocak zur Begründung seines Rückzugs. Sein Bundestagsmandat behält er.
Hintergrund der Vorwürfe
Kocak hatte zuvor Kontakte zum Remmo-Clan eingeräumt, darunter einen Austausch mit Firas Remmo, einem Sohn von Clanchef Issa Remmo.
Ebenfalls war Kocak auf Fotos in sozialen Medien auf einer Wahlparty der Linken auch neben Ibrahim Ibrahim zu sehen. Nach Angaben des Vereins democ, der sich mit demokratiefeindlichen Bewegungen beschäftigt, ist dieser ein langjähriger Aktivist der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), die in der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft ist.
Gleichzeitig werden Mitgliedern des Remmo-Clans zahlreiche schwere Straftaten vorgeworfen. Dazu zählen unter anderem eine Beteiligung am Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum sowie der Einbruch in das Grüne Gewölbe in Dresden.
Wegen der Vorwürfe hatte Kocak seine Parlamentsfunktionen ruhen lassen und war Sitzungen des Innenausschusses ferngeblieben. Die Grünen forderten daraufhin seinen Ausschluss aus der Linksfraktion.
Berliner Koalitionsgespräche laufen an
Die Linke in Berlin strebt nach dem Gewinn der Abgeordnetenhauswahl am 20. September eine Koalition mit Grünen und SPD an. Die drei Parteien kommen am Donnerstag zu einem ersten Gespräch vor möglichen Sondierungen zusammen. (afp/dpa/red)
Eine Maschine der Fluggesellschaft Flydubai ist nach Einschätzung der israelischen Regierung nur knapp einem Terroranschlag entgangen. Der Copilot habe das Flugzeug mit vielen Israelis an Bord zum Absturz bringen wollen, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Mittwoch, den 30. September.
Verteidigungsminister Israel Katz sprach von einem „versuchten dschihadistischen Terroranschlag“. Der in Dubai gestartete Flug FZ 1073 musste in Saudi-Arabien notlanden. Die Passagiere blieben unverletzt und setzten nach einigen Stunden ihre Reise nach Tel Aviv fort, wo sie am Nachmittag ankamen.
Abrupter Höhenverlust nach zwei Stunden Flug
Das Flugzeug hatte am Morgen um 07.05 Uhr (Ortszeit, 05.05 Uhr MESZ) in Dubai abgehoben und nach rund zwei Stunden Flug plötzlich an Höhe verloren. Daten der Website Flightradar zufolge sackte die Maschine innerhalb einer Minute abrupt von einer Flughöhe von fast 34.000 Fuß auf weniger als 17.000 Fuß ab. Laut israelischen Medien waren 166 der insgesamt 174 Passagiere an Bord der Maschine Israelis.
Netanjahu: Copilot stach Piloten nieder
„Während des Fluges, als sie sich unserem Land näherten, hat einer der Piloten den anderen Piloten niedergestochen und offenbar versucht, das Flugzeug mit allen an Bord zum Absturz zu bringen“, sagte Netanjahu in einem Video. Der Copilot sei festgenommen worden und werde nun von den Behörden in Saudi-Arabien vernommen. Netanjahu lobte die eingreifenden Passagiere als „Helden“, die „eine große Katastrophe“ verhindert hätten.
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz sprach von einem „versuchten dschihadistischen Terroranschlag“, der durch den „heldenhaften Einsatz mehrerer israelischer Passagiere“ vereitelt worden sei. Konkrete Anhaltspunkte nannte Katz jedoch nicht. Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir sprach ebenfalls von einem „Terroristen“, der die Israelis an Bord „ermorden“ wollte.
Flydubai warnt vor Spekulationen
Die Fluggesellschaft Flydubai erklärte hingegen, der Hintergründe der Auseinandersetzung im Cockpit seien noch unbekannt. Es seien Ermittlungen eingeleitet worden. „Wir bitten alle Beteiligten dringend, von voreiligen Spekulationen abzusehen, während die Behörden den Sachverhalt aufklären“, erklärte ein Sprecher der Fluggesellschaft.
Passagiere schildern Angriff im Cockpit
Miriam Shira Ohayon befand sich an Bord von Flug FZ 1073 Richtung Tel Aviv. „Der Copilot hat versucht, den Piloten zu töten und im Grunde einen Selbstmordanschlag auf das Flugzeug auszuführen“, berichtete sie Journalisten per Telefon. Das Flugzeug sei kurz davor gewesen, abzustürzen.
„Nur durch die Geistesgegenwart vieler Menschen, die den Copiloten überwältigten und unschädlich machten, konnte das verhindert werden“, betonte sie.
Die israelische Nachrichtenseite „Ynet“ veröffentlichte ein Video, auf dem ein blutverschmierter Mann zu sehen ist. „Wir sind gerade einer Attacke an Bord des Flugzeugs ausgesetzt“, sagt er. „Alle, die mich hören können, wir brauchen Hilfe.“
Es habe sich angefühlt wie eine Fahrt in einer „Achterbahn“, sagte ein weiterer Passagier der Nachrichtenagentur AFP. Es sei gewesen, „als hätten wir sehr starke Turbulenzen, aber es gab keine Turbulenzen“. Weiter bemerkte er, dass es trotz des Gerangels im Cockpit zu keiner „Hysterie“ an Bord gekommen sei.

Passagiere des umgeleiteten Flydubai-Flugs nach der Landung in Tel Aviv am 30. September 2026. Die Maschine war nach einem Vorfall im Cockpit zuvor in Saudi-Arabien notgelandet.
Foto: Jack Guez / AFP via Getty Images
Notlandung in Tabuk – Passagiere flogen weiter nach Tel Aviv
Die Passagiermaschine musste im saudiarabischen Tabuk notlanden. Alle Passagiere waren nach Angaben von Flydubai wohlauf. Der Pilot und der Copilot seien verletzt ins Krankenhaus gebracht worden. Die gestrandeten Passagiere konnten noch am Mittwoch ihre Reise nach Tel Aviv fortsetzen, wo sie am späten Nachmittag landeten.
Israelische Medien zufolge war infolge des Handgemenges im Cockpit ein Notsignal ausgelöst worden. Laut Fernsehberichten stiegen israelische Kampfjets auf. Den Medienberichten zufolge übernahmen zwei Piloten, die sich als Passagiere an Bord befanden, die Kontrolle über das Flugzeug und führten die Notlandung in Saudi-Arabien aus.
Keine Angaben aus den Emiraten und Saudi-Arabien
Die Emirate und Saudi-Arabien machten zunächst keine Angaben zu den Vorfällen an Bord der Maschine. Auch zu der Nationalität der Piloten äußerten sie sich nicht. Israelischen Medienberichten zufolge stammt einer aus dem Oman, der andere aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Ein AFP-Korrespondent im saudiarabischen Tabuk berichtete von einer erhöhten Präsenz von Sicherheitskräften in der Nähe des Flughafens. Auf Fotos, die AFP von einem der Passagiere geschickt wurden, sind Reisende zu sehen, die sich in einer Flughafen-Lounge versammelt haben. Auf dem weißen T-Shirt und der Jeans eines Mannes sind Blutflecken zu sehen.
Vorfall vor dem Hintergrund regionaler Spannungen
Der Vorfall ereignet sich vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs und erhöhter Spannungen in der Region. Zudem finden in Israel Ende Oktober Wahlen statt. Erst am Dienstag hatte Ministerpräsident Netanjahu vor möglichen Angriffen von Feinden Israels im Vorfeld der Wahl gewarnt. Die Opposition warf dem Regierungschef daraufhin Angstmacherei vor. (afp/red)
Gut ein Jahrzehnt nach dem Brexit-Referendum hat Großbritanniens Premierminister Andy Burnham eine Rückkehr des Landes in die EU ins Spiel gebracht und damit die heikle Debatte neu entfacht. Möglich seien ein Beitritt zum EU-Binnenmarkt und zur Zollunion „oder wir könnten noch einen Schritt weiter gehen“, sagte Burnham am Mittwoch, den 30. September in einem Interview mit der BBC. Frankreich und Spanien begrüßten den Vorstoß ausdrücklich.
Es gebe mehrere Optionen für die künftigen Beziehungen zur EU, sagte Burnham der BBC weiter. „Wir müssen schauen, was machbar ist und welche Vor- und Nachteile sie haben.“ Es sei nicht ausreichend, „diese Frage einfach offen zu lassen“. Auf eine der Möglichkeiten legte sich der Labour-Chef allerdings nicht fest.
Macron: „Welcome back!“
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron reagierte auf die Äußerungen Burnhams mit den englischen Worten „Welcome back!“ („Willkommen zurück!“). „Wenn die Briten zurückkommen wollen und wenn sich der Premierminister in diese Richtung bewegt, dann halte ich das für eine sehr gute Nachricht“, sagte Macron in Madrid. Burnham habe „recht mit diesem Mut“.
Macron warnte zugleich, Großbritannien könne sich nicht nur einzelne Vorteile auswählen. „Man kann sich nicht zwischen den Freiheiten der Union entscheiden und sich aussuchen, was einem passt und was nicht“, sagte er.
Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez nannte den Brexit einen „enormen Verlust“ für Großbritannien und das europäische Projekt. Sollte London einen Wiederbeitritt zur EU anstreben, werde Spanien „einem brüderlichen Volk wieder die Arme öffnen“.
Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez nannte den Brexit einen „enormen Verlust“ für Großbritannien und das europäische Projekt. Sollte London einen Wiederbeitritt zur EU anstreben, werde Spanien „einem brüderlichen Volk wieder die Arme öffnen“.
Reaktionen in Großbritannien
Burnham hatte bereits am Dienstag auf dem Labour-Parteitag angekündigt, vor dem nächsten EU-Großbritannien-Gipfel „verschiedene Optionen“ für die langfristigen Beziehungen vorzulegen. „Der Brexit hat mehr geschadet als genutzt“, sagte er. Das Brexit-Votum von 2016 habe „ein Jahrzehnt niedrigen Wachstums“ ausgelöst.
Auch in Großbritannien löste der Vorstoß umgehend Reaktionen aus. Die Labour-Abgeordnete Stella Creasy erklärte, Kollegen in Europa könnten nun sehen, dass „endlich die roten Linien beseitigt worden sind“. Der Vizechef der rechten Partei Reform UK, Richard Tice, warf Burnham dagegen „Verrat“ vor und beschuldigte ihn, Großbritannien „durch die Hintertür“ nach Brüssel zurückführen zu wollen. Tory-Vize Alex Burghart warf dem Premier vor, „rückwärts“ zu blicken.
Wie realistisch ist ein Wiederbeitritt?
Wie realistisch ein Wiederbeitritt ist, bleibt offen. EU-Experte David Henig sieht Burnham bislang nicht auf eine Rückkehr festgelegt. Der Premier scheue offenbar auch die politische Spaltung, die eine erneute erbitterte Brexit-Debatte auslösen könnte. Zugleich vermute er, dass Burnham zu der Einschätzung gelangen könnte, es gebe langfristig „keine andere realistische Option“, sagte Henig der Nachrichtenagentur AFP.
Zur Vorsicht mahnte dagegen Anand Menon vom Institut UK in a Changing Europe. Burnham habe im Grunde lediglich gesagt: „Wir werden jetzt darüber reden.“ In seinem Kabinett gebe es mehrere Mitglieder, die kaum Interesse daran hätten, viel politische Energie auf die Europafrage zu verwenden.
In einer im Juni veröffentlichten Umfrage des Instituts Survation erklärten 55 Prozent der Befragten in Großbritannien, sie würden bei einem erneuten Referendum für einen EU-Beitritt stimmen. 2016 hatten 51,9 Prozent für den Austritt gestimmt.
Bruch mit bisherigen Labour-Positionen
Ein Wiederbeitritt wäre zugleich ein deutlicher Bruch mit bisherigen Labour-Positionen. Die Partei hatte die Unterhauswahl im Jahr 2024 mit einem Programm gewonnen, das eine Rückkehr in Zollunion und Binnenmarkt sowie zur Personenfreizügigkeit ausschloss. Burnham selbst hatte vor seinem Amtsantritt im Juli noch erklärt, er wolle die Brexit-Debatte nicht erneut führen.
Ein neuer EU-Großbritannien-Gipfel soll bis Jahresende stattfinden. Ein EU-Vertreter nannte den November als möglichen Termin. Beide Seiten wollen dort unter anderem über Lebensmittel- und Tiergesundheitsstandards, ein Mobilitätsprogramm für junge Menschen und eine Verknüpfung ihrer Emissionshandelssysteme sprechen. (afp/red)
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Anhörung zu AfD-Verbot
Heute diskutiert der Thüringer Landtag über das Für und Wider eines möglichen AfD-Verbotsverfahrens. Unter den Teilnehmern sind der Entertainer Hape Kerkeling und der ehemalige Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen. Befürworter sehen in der AfD eine Gefahr für die Demokratie. AfD-Politiker sprechen dagegen von einem Versuch, die Oppositionspartei auszuschalten, die in den aktuellen Sonntagsumfragen vorn liegt.
Pflegereform
Das Bundeskabinett hat den Gesetzentwurf zur Pflegeversicherung verabschiedet. Zentrale Streitthemen wurden dabei in eine Kommission ausgelagert, die bis Ende Januar 2027 Vorschläge vorlegen soll. Ab Januar 2027 steigt der Beitragszuschlag für Kinderlose von 0,6 auf 0,9 Prozent. Bei häuslicher Pflege sollen die zentralen Leistungen erhöht werden.
Neue Typklassen für Autoversicherung
Die Versicherungsbranche hat für zahlreiche Automodelle neue Typklassen für die Kfz-Haftpflichtversicherung festgelegt. Davon sind mehr als 12 Millionen Autofahrer betroffen. Rund 7,4 Millionen werden in eine höhere und rund 5,1 Millionen in eine niedrigere Typklasse eingestuft. Als Faustregel gilt: Je teurer ein Auto und dessen Ersatzteile sind, desto höher fällt in der Regel die Kasko-Typklasse aus.
Schülerproteste in Frankreich
In Frankreich sind die Schülerproteste eskaliert. Laut Regierung wurden am Dienstag 440 Menschen festgenommen und 79 verletzt, darunter 48 Polizisten. Hunderte Gymnasien waren betroffen. Die Schüler fordern mehr Personal und bessere Lernbedingungen. Linke Politiker stellen sich hinter die Proteste.
Notlandung wegen Gewaltfall
An Bord eines Flugzeugs von Dubai nach Tel Aviv kam es zu einem gewaltsamen Zwischenfall im Cockpit zwischen Pilot und Copilot. Der Angreifer wurde überwältigt. Passagiere berichten von Panik und Schreien an Bord. Das Flugzeug sackte binnen einer Minute von einer Flughöhe von über 10.300 Metern auf unter 5.200 Meter ab. Nach einem Notruf landete es in Saudi-Arabien. Es gab keine weiteren Verletzten.
In Kürze:
- Der Thüringer Landtag befasst sich in einer Anhörung mit einem Antrag der Linken zu einem möglichen AfD-Verbotsverfahren.
- Ein Verbot könnten nur Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung beim Bundesverfassungsgericht beantragen.
- Befürworter und Skeptiker bewerten, ob ein Verfahren rechtlich tragfähig und politisch verantwortbar wäre.
Im Thüringer Landtag hat am Mittwoch, 30. September, eine öffentliche mündliche Anhörung vor dem Justizausschuss zu einem möglichen AfD-Verbotsverfahren begonnen. Grundlage ist ein Antrag der Linken-Fraktion vom Mai 2025. Darin wird die Landesregierung aufgefordert, sich gegenüber der Bundesregierung und im Bundesrat für die Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen die AfD einzusetzen.
Eine Entscheidung über ein Parteiverbot fällt in Erfurt nicht. Die Anhörung der geladenen Experten soll den im Landtag vertretenen Parteien unter anderem Aufschluss darüber geben, wie aussichtsreich ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht wäre.
Geladen waren mehrere Sachverständige und weitere zu befragende Personen, darunter Juristen, Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie Personen des öffentlichen Lebens.
Die Anhörung war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Block wurden die Juristen Chan-Jo Jun, Christian Conrad und Hendrik Cremer gehört. Im zweiten Block folgten die Gesellschaft für Freiheitsrechte und die Rechtswissenschaftlerin Kathrin Groh. Für den dritten Block waren der Unterhalter Hape Kerkeling, der frühere Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, der Rechtswissenschaftler Kyrill-Alexander Schwarz und der Staatsrechtler Ulrich Vosgerau vorgesehen.
Der Landesverband der AfD in Thüringen stellt seit der Wahl 2024 die größte Fraktion im Erfurter Landtag.
Erfurt entscheidet nicht über ein Verbot
Der rechtliche Rahmen setzt der Landespolitik enge Grenzen. Ein Parteiverbotsverfahren gegen eine bundesweit organisierte Partei können nach dem Bundesverfassungsgerichtsgesetz nur Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung beantragen.
Eine Landesregierung ist nur dann antragsberechtigt, wenn sich die Organisation einer Partei auf ihr eigenes Land beschränkt. Der Thüringer Antrag der Linksfraktion zielt deshalb nicht auf einen Alleingang des Landes. Er soll die Landesregierung politisch dazu bewegen, über den Bundesrat und gegenüber der Bundesregierung auf ein Verfahren hinzuwirken.
Nach Artikel 21 des Grundgesetzes sind Parteien verfassungswidrig, wenn sie „nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden,“. Über diese Frage entscheidet allein das Bundesverfassungsgericht.
Das Gericht hat diese Vorgaben in früheren Parteiverbotsverfahren präzisiert. Ein Verbot setzt nicht nur verfassungsfeindliche Ziele voraus. Eine Partei muss auch aktiv darauf hinarbeiten, diese Ziele zu erreichen.
Im NPD-Urteil von 2017 verlangte Karlsruhe zudem konkrete und gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass ein Erfolg zumindest möglich erscheint. Die NPD wurde damals trotz verfassungsfeindlicher Zielsetzung nicht verboten, weil ihr nach Einschätzung des Gerichts die tatsächliche Durchsetzungskraft fehlte. Genau diese Frage der „Potentialität“ wäre auch bei einem möglichen AfD-Verfahren zentral.
AfD sieht Verfahren als aussichtslos
Der Landtagsabgeordnete Daniel Haseloff von der AfD hält ein mögliches Verbotsverfahren für „völlig aussichtslos“. Im Interview mit Epoch Times begründete er dies mit juristischen und gesellschaftlichen Einwänden. Aus seiner Sicht beruhe die Debatte in Thüringen wesentlich auf den Einstufungen des Landesverbandes durch den Verfassungsschutz aus dem Jahr 2021.
Genau dieses Fundament stellt Haseloff infrage. Er verwies auf den Untersuchungsausschuss zum Thüringer Verfassungsschutzpräsidenten Stephan Kramer (SPD). Dort sei aus Sicht der AfD deutlich geworden, dass die Einstufung des Landesverbandes „völlig rechtswidrig“ erfolgt sei. Das gesamte Fundament, auf dem ein Verbotsverfahren beruhen solle, sei deshalb „bröselig“.
Ein Vorgehen gegen einzelne Landesverbände sei nicht möglich. Für ein Verbot der Gesamtpartei gebe es zudem keine ausreichende Beweislast.
Jurist warnt vor vorschneller Bewertung
Deutlich zurückhaltender äußerte sich Ralph Hutschenreuther. Hutschenreuther ist Jurist und sitzt seit 2024 im Thüringer Landtag, eingezogen für das BSW. Inzwischen hat er zusammen mit anderen ehemaligen BSW-Abgeordneten die Fraktion Thüringen Gerecht gegründet.
Im Interview mit Epoch Times sagte Hutschenreuther die Erfolgsaussichten eines Verfahrens ließen sich nicht abschließend bewerten. Auch die Anhörung könne kein „abschließendes Ergebnis“ liefern, weil dort nicht alle Beweise gesichtet und bewertet würden.
Es gehe zunächst um rechtliche Grundlagen, mögliche Antragswege und die Frage, wer antragsberechtigt sei. Auch ein Verbot rechtlich oder organisatorisch selbstständiger Teilstrukturen sei umstritten. Ein solches Teilverbot habe es nach seiner Kenntnis bislang nicht gegeben. Am Ende müsse darüber das Bundesverfassungsgericht entscheiden.
CDU sieht offene Fragen
Auch die CDU-Abgeordnete Marion Rosin betonte im Interview mit Epoch Times, dass Thüringen nicht selbst über ein Parteiverbot entscheide. Man stehe am „Anfang eines Prozesses“. Die CDU-Fraktion wolle sich zunächst durch die Anhörung informieren und anschließend bewerten, wie weiter damit umzugehen sei.
Rosin verwies auf die Einschätzungen des Verfassungsschutzes, aber auch auf den Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag.
Gleichzeitig betonte sie, die Verfassung sei das „höchste Gut“ des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sollten Parteien diese Grundlage nicht achten, könne ein Verbotsverfahren eine Lösung sein. Ob diese Voraussetzungen vorliegen, müsse jedoch sorgfältig geklärt werden.
Was ein Verbot für Wähler und Gesellschaft bedeuten könnte
Haseloff warnte, ein erfolgreiches Verbot würde vielen Bürgern die politische Alternative nehmen, die sie inzwischen wählten. Er bezweifelte, dass diese Wähler anschließend einfach zu anderen Parteien zurückkehren würden. Aus seiner Sicht werde ein Verbot zu einer „massiven Verdrossenheit“ führen.
Hutschenreuther sieht ebenfalls Gesprächsbedarf nach einem möglichen Verbot. Entscheidend sei die öffentliche Erklärung, dass nicht einzelne Wähler oder Meinungen verboten würden. Ein Parteiverbot treffe eine Organisation, nicht die politische Haltung jedes einzelnen Unterstützers.
Nach einem erfolgreichen Verfahren müsse der Bevölkerung deshalb erklärt werden, dass nicht Protest oder politische Unzufriedenheit verboten würden, sondern eine Organisation, die nach Karlsruher Bewertung gegen Grundwerte des Grundgesetzes verstößt. Gleichwohl räumte er ein, dass ein solches Verfahren das politische Klima komplizierter machen könne.
Rosin sagte, mögliche Spannungen seien selbstverständlich zu berücksichtigen. Gerade wegen der hohen Zustimmungswerte der AfD müsse die Politik sehr genau prüfen, ob der Zeitpunkt und der Weg richtig seien. Aufgrund der Wahlerfolge der AfD müsse geprüft werden, ob ein Verbotsverfahren die gesellschaftliche Polarisierung weiter verstärken könne.
Entscheidung liegt nicht in Erfurt
Das Deutsche Institut für Menschenrechte kommt in seiner schriftlichen Stellungnahme zu dem Ergebnis, die AfD habe sich seit ihrer Gründung fortlaufend radikalisiert und ziele darauf ab, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beseitigen. Die Voraussetzungen für ein Verbot nach Artikel 21 des Grundgesetzes lägen demnach vor.
Damit stehen zwei Ebenen nebeneinander: politisch die Frage, wie ein Verbot auf Wähler und Gesellschaft wirken würde; verfassungsrechtlich die Frage, ob die Voraussetzungen eines Parteiverbots erfüllt sind.
Ein mögliches Verfahren läge am Ende nicht in Erfurt, sondern beim Bundesverfassungsgericht. Der Thüringer Landtag kann mit der Anhörung Argumente sammeln und den Antrag der Linken-Fraktion weiter beraten. Ob daraus eine Initiative gegenüber Bundesregierung oder Bundesrat wird, bleibt offen.
In Kürze:
- Bei den Schülerprotesten in Frankreich wurden nach Regierungsangaben am Dienstag 440 Menschen festgenommen und 79 verletzt, darunter 48 Polizisten.
- Hunderte Schulen waren von Protesten oder Störungen betroffen, 45 wurden blockiert.
- Die Protestierenden fordern mehr Personal, Vertretungen für fehlende Lehrkräfte und bessere Lernbedingungen.
Die Proteste an Frankreichs Gymnasien sind am Dienstag, 29. September, in mehreren Städten eskaliert. Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez wurden 440 Menschen festgenommen, überwiegend Minderjährige. Zudem seien 31 Schüler und Beschäftigte verletzt worden. Nach Angaben des Innenministers wurden außerdem 48 Polizisten verletzt. Die Protestierenden fordern seit vergangener Woche unter anderem mehr Personal, bessere Lernbedingungen und Vertretungen für fehlende Lehrkräfte.
Unter den verletzten Beschäftigten seien ein Lehrer, der im Norden des Landes geschlagen worden sei, sowie ein Schulleiter, der im Département Hauts-de-Seine durch einen Feuerwerkskörper verletzt worden sei, schrieb Bildungsminister Édouard Geffray im Onlinedienst X. Ein weiterer Schulleiter sei im Département Essonne mit dem Tod bedroht worden. „Diese Gewalt ist unsäglich“, so der Minister.
Nach Angaben des Bildungsministeriums waren am Dienstag insgesamt 416 Schulen von Protesten oder Störungen betroffen. Am Abend galt das demnach noch für 338 Schulen, 45 davon waren blockiert. An 46 weiteren Schulen gab es Blockadeversuche.
Blockaden und Ausschreitungen in mehreren Städten
In Lille, Rennes, Lyon, Marseille, Bordeaux und im Großraum Paris beeinträchtigten Blockadeaktionen den Zugang zu mehreren Gymnasien. In einigen Gegenden wurden das Werfen von Gegenständen, brennende Mülltonnen, der Einsatz von Feuerwerksmörsern und Beschädigungen an Stadtmobiliar gemeldet.
In Lille wurden unter anderem Bushaltestellen und Werbetafeln in der Umgebung des Gymnasiums César-Baggio beschädigt. Nach Angaben der AFP wurden Flaschen, Pflastersteine und andere Gegenstände in Richtung der Ordnungskräfte geworfen, die Tränengas einsetzten. In Rennes sollen etwa hundert Jugendliche vor dem Gymnasium Bréquigny Gegenstände geworfen haben.
Forderungen nach mehr Personal und besseren Bedingungen
Die Proteste hatten in der vergangenen Woche im Großraum Paris begonnen und sich anschließend auf andere Landesteile ausgeweitet. Die Schülergewerkschaft Union syndicale lycéenne verweist auf Personalmangel, nicht vertretene Lehrkräfte, volle Stundenpläne und die materiellen Bedingungen an einigen Schulen.
Ihr Vorsitzender Ryad Rani sprach von Gymnasien, an denen Aufsichtspersonal, Schulkrankenschwestern, Sozialarbeiter oder Lehrkräfte in bestimmten Abiturfächern fehlen würden. Die Proteste richten sich damit auch gegen die aus Sicht der Organisatoren unzureichende personelle Ausstattung der Schulen.
Das Demonstrationsrecht sei eine grundlegende Freiheit, dürfe aber nicht als Rechtfertigung für solche Taten dienen, schrieb Bildungsminister Geffray auf X. „Wer sie legitimiert oder in diesem Zusammenhang zur Ausweitung der Blockaden aufruft, bringt unsere Schüler ebenso wie die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Gefahr. Das ist unverantwortlich.“
Bürgermeister von Saint-Denis unterstützt Proteste
In Saint-Denis im Département Seine-Saint-Denis versammelten sich mehrere Hundert Schüler vor dem Gymnasium Paul-Éluard. Die Feuerwehr rückte an, nachdem am Fuß des Eingangstors ein Feuer entzündet worden war.
Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko (La France insoumise), begab sich zum Ort des Geschehens und bekundete seine „volle Unterstützung“ für die protestierenden Schüler. Im Sender BFM sagte er mit Blick auf Jugendliche, die mit dem Einsatz von Gummigeschosswerfern der Polizei konfrontiert seien: „Gewalt kann an einem gewissen Punkt legitim sein.“ Zugleich fügte er hinzu: „Wann immer man sie vermeiden kann, ist es besser.“
Bagayoko wies zudem Vorwürfe zurück, wonach er selbst daran beteiligt gewesen sei, eine Mülltonne in Brand zu setzen. Er sagte, er habe versucht, das Feuer zu löschen, um die anwesenden Jugendlichen zu schützen und den Einsatz der Feuerwehr zu erleichtern.
Mélenchon ruft zum Einschreiten auf
Die Proteste haben inzwischen auch eine politische Dimension angenommen. Der Gründer von La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, schrieb im Onlinedienst X, die protestierenden Gymnasiasten seien „harmlos“, und warf der Regierung vor, „die Repression angeordnet“ zu haben.
Er rief Abgeordnete und Aktivisten von La France insoumise dazu auf, sich überall dort, wo sie könnten, zwischen die Schüler und die Ordnungskräfte zu stellen.
Mit Material von AFP
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Blocage des lycées : des incendies et des violences dans toute la France contre les forces de l’ordre“. (deutsche Bearbeitung: zk)
Angesichts der aktuell niedrigen Füllstände deutscher Gasspeicher hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) das bundeseigene Energieunternehmen Sefe zur vermehrten Einspeicherung angewiesen. Der zentrale Grund dafür liege „in den weiter andauernden geopolitischen Risiken“, erklärte eine Ministeriumssprecherin am Mittwoch in Berlin. Aus Sicht der Krisenvorsorge sei dieser Schritt „ein wichtiger zusätzlicher Beitrag, um die Resilienz der deutschen Gasversorgung zu erhöhen“.
Speicherstände deutlich unter früheren Jahren
Die Füllstände deutscher Gasspeicher sind derzeit deutlich geringer als in den Vergleichszeiträumen früherer Jahre. Nach Angaben der Bundesnetzagentur vom Dienstag lagen sie zuletzt bei 57,6 Prozent, wobei die täglichen Einspeicherungen in den vergangenen Tagen „zum Teil weiterhin recht niedrig“ gewesen seien. Grund dafür ist insbesondere, dass sich Import und Speicherung von Erdgas derzeit wegen der hohen Preise am Weltmarkt infolge des Iran-Kriegs kaum lohnen.
Sefe soll zusätzliche Mengen beschaffen
Wie die Sprecherin des Wirtschaftsministeriums ausführte, entschied Reiche nun in Absprache mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), „dass die bundeseigene Sefe Securing Energy for Europe GmbH angewiesen wird, vermehrt Erdgas einzuspeichern“. Sefe wird demnach „selber entscheiden, welche Mengen zu welchem Zeitpunkt eingespeichert werden und die Mengen durch zusätzliche Lieferungen beschaffen, um die Einspeicherungen der anderen Marktteilnehmer nicht zu beeinträchtigen“.
Klar müsse zugleich sein, dass die Erwartung an alle anderen Marktakteure, ihrer Verpflichtung nachzukommen, Gas für den Winter einzuspeichern, „ohne Wenn und Aber bestehen“ bleibe, erklärte die Ministeriumssprecherin weiter. „Die von Sefe einzuleitenden Schritte sollen daher auch ein klares Signal an weitere Unternehmen sein.“
Vorbereitetes Instrument kommt zum Einsatz
Reiche habe „stets deutlich gemacht, dass wir die Entwicklung am Gasmarkt eng verfolgen und für unterschiedliche Szenarien Instrumente vorbereitet haben, die bei Bedarf eingesetzt werden können – gerade mit Blick auf die geopolitische Lage“. Dieser Bedarf sei nun eingetreten. Die Beauftragung von Sefe mit zusätzlicher Beschaffung sei eines dieser vorbereiteten Instrumente und komme jetzt zur Anwendung.
Für die Zukunft werde die Bundesregierung zudem „eine strategische Gasreserve zur Abdeckung der genannten Risiken einrichten“, führte die Sprecherin aus. „Der Aufbau der Gasreserve wird nach der entsprechenden Gesetzesänderung im Jahr 2027 beginnen.“
BDEW begrüßt Schritt
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) begrüßte die Anweisung zur vermehrten Einspeicherung. „Mit der angekündigten Maßnahme schafft die Bundesregierung eine zusätzliche Absicherung der Gasversorgung für den kommenden Winter“, erklärte BDEW-Chefin Kerstin Andreae. „Das ist vor dem Hintergrund der sehr unsicheren geopolitischen Lage und der noch fehlenden strategischen Gasreserve sinnvoll.“
Zugleich hob sie hervor, dass die Gasversorgung in Deutschland „zuverlässig“ sei und dies auch bleibe. Mit dem Aufbau der inländischen LNG-Terminals und diversifizierten Importen sei eine „weitere tragende Säule der Versorgung gestärkt“ worden, erläuterte sie.
Grüne werfen Reiche Planlosigkeit vor
Die Vizechefin der Grünen-Bundestagsfraktion, Julia Verlinden, kritisierte hingegen, dass Wirtschaftsministerin Reiche genug Zeit gehabt habe, „sich auf den Winter vorzubereiten und Deutschlands Abhängigkeit von teuren Gasimporten zu verringern“, wie sie den Zeitungen der Funke Medien sagte.
„Dass sie jetzt in letzter Sekunde zu hohen Preisen die Gasspeicher füllen will, zeigt wie planlos und ideologiegetrieben sie agiert.“ Reiche müsse die „dramatische Abhängigkeit“ von fossilen Energien verringern, forderte Verlinden. Dazu gehörten auch der Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie die Elektrifizierung von Verkehr, Wärmesektor und Wirtschaft.
Kommunen fordern Absicherung möglicher Mehrkosten
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) begrüßte den staatlichen Eingriff zur Befüllung der deutschen Gasspeicher indes ebenfalls – mahnte aber auch eine gezielte Unterstützung der Kommunen an, falls die Kosten bei der Wärmeversorgung künftig steigen sollten.
„Eine staatliche Befüllung der Gasspeicher führt nicht unmittelbar zu höheren Gaspreisen für die Bürgerinnen und Bürger und die Kommunen“, sagte DStGB-Präsident Ralph Spiegler der „Rheinischen Post“ (Donnerstagsausgabe). Ob und in welchem Umfang sich solche Maßnahmen auf die kommunalen Energiekosten auswirken würden, hänge maßgeblich von den jeweiligen Beschaffungsverträgen der Kommunen ab.
„Gleichwohl kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich höhere Kosten auch bei der Wärmeversorgung von Schulen, Kitas und Verwaltungsgebäuden bemerkbar machen“, fügte er hinzu. Für die Städte und Gemeinden sei deshalb entscheidend, „dass Eingriffe in den Markt sorgfältig abgewogen werden und mögliche Mehrkosten für die kommunalen Haushalte erfasst und berücksichtigt werden“, mahnte der DStGB-Präsident. Wo es tatsächlich zu zusätzlichen Belastungen komme, brauche es „gezielte Unterstützung für die betroffenen Kommunen“. (afp/red)
Tee- und Kaffeetrinker, die ihre Getränke sehr heiß, über 65 Grad Celsius, trinken, haben laut einer aktuellen Studie ein fast dreimal so hohes Risiko, an Speiseröhrenkrebs zu erkranken, wie diejenigen, die ihre Getränke abkühlen lassen.
Der Konsum von sechs oder mehr sehr heißen Getränken pro Tag erhöhte das Risiko noch weiter.
Die Studie, die kürzlich im „International Journal of Cancer“ veröffentlicht wurde, begleitete 977.282 Teilnehmer aus Großbritannien über einen Zeitraum von durchschnittlich 11 bis 14 Jahren.
Wie könnte Hitze Krebs verursachen?
Sehr heiße Flüssigkeiten können die Schleimhaut der Speiseröhre schädigen, sagte Dr. Jason Korenblit, Facharzt für Gastroenterologie (Magen-Darm-Heilkunde) am Center for Digestive Health in Orlando, USA, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber der Epoch Times.
„Wiederholte Einwirkung kann einen Kreislauf aus Schädigung, Entzündung und Regeneration auslösen. Im Laufe der Zeit kann eine anhaltende Entzündung die DNA schädigen“, so Korenblit. „Und dies kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass abnormale Zellen überleben und sich schließlich zu Krebs entwickeln.“
Er betonte, dass es sich hierbei um eine vorgeschlagene Erklärung für den Zusammenhang handelt, da die britische Studie diesen Prozess nicht direkt gemessen hat. Die Forscher verfolgten Trinkgewohnheiten und Krebsdiagnosen. Sie führten keine Biopsie des Speiseröhrengewebes durch, um den Entzündungsprozess direkt zu beobachten.
Bei dem in dieser Studie mit der Getränketemperatur in Verbindung gebrachten Krebs handelte es sich um ein Plattenepithelkarzinom, das sich aus den Zellen der Speiseröhrenschleimhaut entwickelt.
Ein Befund, der die Hitzetheorie stützt: „Die Forscher fanden ähnliche Muster bei Menschen, die hauptsächlich Tee tranken, und solchen, die hauptsächlich Kaffee tranken“, sagte Korenblit. „Das spricht dafür, dass die Hitzeeinwirkung das wahrscheinliche Problem ist.“
Cancer Research UK empfiehlt, mit dem Trinken zu warten, bis sich ein heißes Getränk angenehm anfühlt, um mögliche Schäden zu vermeiden.
Die Autoren der Studie wiesen darauf hin, dass weitere Untersuchungen erforderlich sind, um festzustellen, welche Temperaturen das größte Risiko darstellen.
Im Vergleich dazu sind Rauchen und Alkohol gefährlichere Auslöser für Speiseröhrenkrebs als die Temperatur von Getränken. „Beides verursacht nachweislich Krebs. Wer raucht und trinkt, steigert sein Risiko noch einmal um ein Vielfaches“, erklärt Korenblit.
Sicherste Temperatur für Kaffee
Die Forscher definierten Temperaturen unter 60 Grad Celsius als sicheren Temperaturbereich.
Eine andere Studie mit 118 jungen Erwachsenen ergab, dass die meisten schwarzen Kaffee nur dann als zu heiß empfanden, wenn er mindestens 65 Grad Celsius hatte.
Zu den frühen Symptomen von Speiseröhrenkrebs können Sodbrennen, Verdauungsstörungen, Hals- oder Brustschmerzen sowie Gewichtsverlust gehören, so Korenblit; das Warnzeichen, das jedoch besondere Aufmerksamkeit verdient, sind neu auftretende oder sich verschlimmernde Schluckbeschwerden, insbesondere das Gefühl, dass die Nahrung im Hals stecken bleibt.
„Weitere Symptome können Schmerzen beim Schlucken, unerklärlicher Gewichtsverlust, Beschwerden hinter dem Brustbein, anhaltende Heiserkeit oder Husten sowie Sodbrennen oder Verdauungsstörungen sein“, fügte er hinzu. „Diese Symptome haben oft andere Ursachen, sollten aber abgeklärt werden.“
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Drinking Very Hot Tea or Coffee Triples Esophageal Cancer Risk“. (deutsche Bearbeitung kr)
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Drinking Very Hot Tea or Coffee Triples Esophageal Cancer Risk“. (deutsche Bearbeitung kr)
Die Wirtschaftsinitiative „Made in Germany“ will das Vertrauen in den Standort Deutschland stärken – und dabei hunderte Milliarden Euro investieren. Wie die branchenübergreifende Unternehmensinitiative am Mittwoch mitteilte, belaufen sich die gesamten Investitionspläne der Mitgliedsunternehmen für die Jahre 2025 bis 2028 inzwischen auf mehr als 850 Milliarden Euro. Allein 2025 seien in Deutschland bereits mehr als 200 Milliarden Euro investiert worden.
„Wir glauben an Deutschland“ – mit Bedingungen
Die zentrale Botschaft bleibe: „Wir glauben an Deutschland. Wir wollen hier investieren“, erklärte die Initiative, der insgesamt 147 Unternehmen und Investoren angehören. Um die geplanten und auch zukünftige Investitionen umzusetzen, seien allerdings „bessere und verlässliche Rahmenbedingungen von zentraler Bedeutung“, mahnte die Wirtschaftsinitiative.
„Die aktuellen Reformpläne der Bundesregierung sind ein erster wichtiger Schritt, müssen aber konsequent umgesetzt werden und dürfen nicht die letzten sein.“
Hoher Reformbedarf bleibt
Denn der Reformbedarf bleibe hoch: Deutschland brauche „wettbewerbsfähige Energiekosten, weniger Bürokratie und beschleunigte Genehmigungsverfahren“. Notwendig seien Reformen, „die Unternehmen und Bürger gleichsam entlasten, neue Technologien fördern und die Kapitalmärkte stärken, damit privates Kapital schneller in Innovation, Infrastruktur und neue Arbeitsplätze fließt“. Dies sei „die Grundvoraussetzung für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit“.
Merz und Klingbeil beim Jahrestreffen
Am Jahrestreffen der Wirtschaftsinitiative wollte am Mittwoch auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) teilnehmen. Später war ein gemeinsames Pressestatement von Merz und Siemens-Chef Roland Busch sowie Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing geplant. Vor Merz sollte am Nachmittag bereits Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) eine Rede halten. (afp/red)
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hat Bereitschaft signalisiert, ihre Elterngeldreform noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Sie plädiere nach den Debatten des Sommers dafür, „dass wir uns nochmal zusammensetzen und schauen, ob die Sparmaßnahmen beim Elterngeld in diesem Umfang zielführend und gerechtfertigt sind“, sagte sie den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom Mittwoch, den 30. September. Offen zeigte sie sich auch dafür, die maximale Bezugsdauer von 14 Monaten doch beizubehalten.
500 Millionen Euro sollen beim Elterngeld eingespart werden
Wie alle anderen Ressorts muss auch das Familienministerium zu den Sparvorgaben der Regierung beitragen. Allein beim Elterngeld, dem mit Abstand größten Posten im Etat, soll das Ministerium jährlich 500 Millionen Euro einsparen.Prien will daher das Elterngeld reformieren und dabei eigentlich die maximale Bezugsdauer von derzeit 14 auf zwölf Monate senken.
Die sogenannten Vätermonate sollen von zwei auf drei Monate erhöht werden. Nur dann kann die komplette Dauer des Elterngelds ausgeschöpft werden. Die Beträge sollen im Zuge der Reform leicht steigen. An den Reformplänen gab es heftige Kritik.
Bezugsdauer und Aufteilung noch offen
Zu der Frage, ob sie sich vorstellen könne, die Bezugsdauer von 14 Monaten beizubehalten, antwortete die Ministerin nun dem RND: „Dafür bin ich offen.“ Die Koalition berate derzeit noch über verschiedene Modelle. „Die müssen wir durchrechnen und schauen, was wir mit einer moderateren Reform an Einsparungen erreichen können.“
Auch die Aufteilung der Elterngeldmonate zwischen den Partnern könnte sich laut Prien noch ändern. „Wir reden über alle Stellschrauben und haben uns in der Koalition noch auf kein Modell festgelegt“, sagte sie. Die Bedürfnisse der Eltern müssten stärker in den Blick genommen werden. Die Verkürzung auf zwölf Monate bei einer anderen Aufteilung der Partnerschaftsmonate sei für viele Familien „nur schwer zu realisieren“.
Reaktionen von DGB und Grünen
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) begrüßte die Überlegungen der Ministerin. Prien nehme die Proteste gegen die Reform „zu Recht ernst“, erklärte die Vize-Vorsitzende Elke Hannack. Eltern sollten Sorgearbeit und Beruf partnerschaftlich aufteilen können und dabei dürften ihre individuellen Ansprüche nicht eingeschränkt werden.
Die Grünen zeigten sich skeptisch: Sollten Priens Einsicht „keine konkreten Taten folgen, wäre es lediglich ein weiterer Strohhalm, an den sich die Hoffnung der Familien klammern kann, bis sie von Union und SPD letztlich doch fallengelassen werden“, sagte Fraktionsvize Misbah Khan der „Rheinischen Post“. Familien bräuchten „konkrete, spürbare Entlastungen und die Bundesregierung ist in der Verantwortung, diese zu liefern“.
Weitere Kürzungspläne stehen infrage
Seit den jüngsten Wahlschlappen für CDU und SPD in den Ländern diskutieren die Koalitionspartner Kurskorrekturen bei verschiedenen Reformvorhaben. Auch die umstrittenen Kürzungspläne beim Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende stehen in der Regierung in Frage.
Prien kritisiert Tankrabatt bei gleichzeitigen Kürzungen
Kritik äußerte Familienministerin Prien daran, dass sie wegen der strikten Sparvorgaben von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) an verschiedenen Stellen Kürzungen verkünden und dafür Kritik einstecken müsse, während andererseits plötzlich Geld zur Senkung der Spritpreise da sei. „Das ärgert mich sehr“, sagte Prien.
„Der Tankrabatt ist nur eine vorübergehende Maßnahme, deren Wirkung schnell verpufft. Die kostet aber sehr viel Geld“, monierte Prien. Außerdem würden die Mittel hier mit der Gießkanne verteilt. „Ich verstehe es, wenn Menschen es als ungerecht empfinden, dass dafür Geld da ist, während wir beim Unterhaltsvorschuss kürzen.“ (afp/red)
In Kürze:
- Polen ändert seine Einsatzregeln für den Umgang mit Drohnen und anderen potenziell feindlichen Flugobjekten.
- Künftig soll unter bestimmten Bedingungen eine positive Identifizierung anhand von Radar-, Sensor- und Flugdaten statt eines zwingenden Sichtkontakts ausreichen.
- Auslöser sind wiederholte Drohnenvorfälle nahe der polnischen Grenze, zuletzt der Absturz einer russischen Gerań-5-Drohne am 28. September.
Polens Regierung hat auf einen erneuten Drohnenvorfall in unmittelbarer Nähe zur polnischen Grenze mit einer Änderung ihrer Einsatzregeln reagiert. Fortan wird die Einsatzdoktrin für polnische Luftstreitkräfte in einer Weise abgeändert, die üblicherweise nur im Kriegs- oder Ausnahmezustand zum Tragen kommt.
Auslöser der Maßnahme ist der Absturz einer strahlgetriebenen russischen Gerań-5-Drohne auf ukrainischem Gebiet nahe dem Grenzübergang Jahodyn–Dorohusk. Diese hat sich am Montag, 28. September ereignet. Nach Angaben des polnischen Verteidigungsministers Władysław Kosiniak-Kamysz war es zu keiner Verletzung des polnischen Luftraums gekommen. Allerdings habe sich die Einschlagstelle nur maximal zwei Kilometer vom Grenzübergang entfernt befunden.
Zunehmende Sorge in Polen
Todesopfer gab es infolge des Vorfalls keine. Allerdings ist es durch die Druckwelle zu Beschädigungen am Gebäude des ukrainischen Grenzpostens gekommen. Auf polnischer Seite löste der Vorfall erhebliche Sicherheitsreaktionen aus. So kam es zu einer Evakuierung des Grenzübergangs, Kontrollen wurden zeitweilig unterbrochen. Kampfjets starteten und die Luftverteidigung wurde in erhöhte Bereitschaft versetzt.
Der Zwischenfall ist nicht der Erste seiner Art in jüngster Zeit. Bereits am 13. September hatte es nahe dem Grenzübergang Jahodyn–Dorohusk einen Drohneneinschlag gegeben. Damals traf das russische Kriegsgerät einen Lkw. Einigen Quellen zufolge habe sich der Einschlagsort nur 800 Meter von der polnischen Grenze entfernt befunden.
An jenem Tag hatte man auf polnischer Seite ebenfalls mit Grenzschließungen und Alarmierungen reagiert. Damit ist es im September im Kontext mit Kampfhandlungen des Ukrainekrieges gleich zu mehreren Vorfällen in polnischer Grenznähe gekommen. In Polen wachsen nun Befürchtungen, Russland habe seine vormalige Zurückhaltung bei Offensiven entlang der ukrainischen Westgrenzen aufgegeben.
Positive Identifizierung anhand von Kriterienliste
Polens stellvertretender Verteidigungsminister Cezary Tomczyk verkündete am Montag die Änderung der Einsatzregeln für Piloten der polnischen Luftwaffe. Auf X begründete er den Schritt mit der als gestiegen wahrgenommenen Bedrohung durch Russland und den Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg. Ihm zufolge müsse Polen inzwischen täglich mit der Möglichkeit rechnen, dass Drohnen in sein Staatsgebiet eindringen.
Bislang galt in Friedenszeiten, dass ein Pilot ein unbekanntes Flugobjekt üblicherweise visuell identifizieren musste, bevor er befugt war, es zu bekämpfen. Er musste sich entsprechend dem Objekt nähern, um nachsehen zu können, worum es sich handelt.
Künftig soll eine sogenannte positive Identifizierung ausreichen. Dazu sollen Piloten ein Bündel an Informationen zusammenführen und berücksichtigen. Diese reichen von Radarerfassung, Geschwindigkeit, Flughöhe und Flugbahn über Einflugrichtung, fehlender oder fehlerhafter Freund-Feind-Kennung und Informationen anderer Sensoren bis zu Hinweisen verbündeter Staaten und Quellen. Dabei soll auch Informationen aus der Ukraine eine entsprechende Relevanz zugemessen werden.
Neue Doktrin soll verkürzter Reaktionszeit Rechnung tragen
Über das weitere Vorgehen soll der Pilot oder operative Kommandeur entscheiden. Es gibt dem Ministerium zufolge keinen Automatismus, wonach diese jedes unbekannte Flugobjekt automatisch abschießen dürften. Es solle vielmehr eine Gesamtschau aller relevanten Indikatoren stattfinden.
Erst, wenn aus dieser eine hinreichend eindeutige Einschätzung entstehe, dass es sich um ein feindliches oder bedrohliches Objekt handele, sei es gestattet, den Waffeneinsatz freizugeben. Zur Begründung hieß es, es sei bei Drohnen und Marschflugkörpern potenziell problematisch, von einem Kampfflugzeug erst das Herstellen von Sichtkontakt zu verlangen. Dies verkürze die mögliche Reaktionszeit.
Tomczyk erklärte, die nunmehrigen Möglichkeiten seien bislang eher für Kriegs- oder Ausnahmezustände vorgesehen gewesen. Allerdings wolle man verhindern, dass Piloten ein potenziell gefährliches Ziel erst verfolgen müssten, um es optisch bestätigen zu können.
Die Übernahme von 178 Tegut-Supermärkten durch den Handelsriesen Edeka ruft bei Branchenexperten Bedenken hervor. „Für den Wettbewerb ist es schmerzlich, dass ein weiterer Händler vom Markt verschwindet“, sagte der Präsident der Monopolkommission, Tomaso Duso, und warnte vor einer zu hohen Marktkonzentration und damit Nachteilen für die Verbraucher.
„Die Behörden werden jetzt noch intensiver darauf achten müssen, dass die großen Vier die Preise nicht hochtreiben oder Innovationen verhindern.“ Mit den großen Vier gemeint sind Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland zählen.
Das Bundeskartellamt hatte in dieser Woche grünes Licht gegeben für die Übernahme zahlreicher Tegut-Standorte durch Edeka. Allerdings musste Edeka sein Vorhaben etwas abspecken – die Handelskette darf sich zunächst nur 178 Tegut-Märkte einverleiben und damit 24 weniger als geplant.
Nach Einschätzung des Kartellamts wird dadurch verhindert, dass es in den betroffenen Regionen durch die Übernahme zu Verschlechterungen für die Verbraucher kommt. Die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich hatte im März angekündigt, Tegut verkaufen zu wollen.
Edeka reagiert auf Äußerungen
Der Lebensmittelhändler Edeka wies die Kritik auf Nachfrage zurück. „Das Bundeskartellamt hat die Übernahme in jedem einzelnen regionalen Absatzmarkt sorgfältigst geprüft und für alle freigegebenen Tegut-Filialen festgestellt, dass der Wettbewerb in ihrem Umfeld nicht beeinträchtigt wird“, sagt ein Sprecher. Dabei sei ein strengerer Maßstab angelegt worden als in der Vergangenheit.
„Mit der Übernahme sichern wir rund 3.700 Arbeits- und Ausbildungsplätze und erhalten die wohnortnahe Nahversorgung.“
Philipp Hennerkes, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, sagt: „Wenn Händler die Verbraucher nicht ausreichend überzeugen, scheiden sie aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit aus dem Markt aus.“ Dann sei es zum Vorteil aller, wenn andere Händler Märkte weiter betrieben.
Zum Edeka-Übernahmepaket gehören auch das Tegut-Logistikzentrum in Hünfeld-Michelsrombach, die Bäckerei Herzberger sowie die 41 personallosen „Teo“-Minimärkte.
Vier Große dominieren den Lebensmitteleinzelhandel
Die Monopolkommission hat dennoch Zweifel. Die vier großen Handelsketten in Deutschland vereinten schon heute mehr als 90 Prozent der Umsätze des hiesigen Lebensmitteleinzelhandels auf sich, heißt es von dem unabhängigen Beratungsgremium. „Ein zentraler Bereich der Versorgung in Deutschland ist damit in den Händen von nur vier Unternehmen“, sagt Professor Duso.
Bei einem Teil des Sortiments seien die Preise weitgehend gleich, die Unternehmen könnten sich in einem sehr transparenten Markt recht leicht aufeinander einstellen. Die Lieferanten wiederum seien abhängig von den vier Großen, es könne zu „Missbräuchen von Nachfragemacht“ kommen. Die Lieferanten scheuten den Konflikt mit den vier Großen. Das mache es für Behörden schwierig, solche Missbräuche abzustellen.
Die Monopolkommission hatte bereits Ende 2025 in einem Sondergutachten vor einer hohen und zunehmenden Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel gewarnt.
Entscheidung für Rewe steht noch aus
Das Bundeskartellamt hat die geplante Übernahme von Tegut-Filialen seit März untersucht. Im Laufe des Verfahrens hatten die Wettbewerbshüter bereits darauf hingewiesen, dass die hohe Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel allein kartellrechtlich nicht ausreiche, um einen Zusammenschluss zu untersagen.
„Auch lässt sich hieraus allein nicht ableiten, dass die vier großen Handelskonzerne den Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland kollektiv beherrschen“, sagte Präsident Andreas Mundt Ende Juli. Die Ermittlungen hätten keine Hinweise auf fehlenden wirksamen Wettbewerb ergeben.
Tegut hat hierzulande rund 300 Standorte. Auch andere deutsche Handelsketten wollen Filialen erwerben und weiterbetreiben. Die Smart-Store-Kette Tante Enso erhielt im Juni bereits die Freigabe für 36 Supermärkte. Auch die Rewe-Gruppe möchte bis zu 40 Filialen übernehmen. Die Entscheidung steht noch aus. Was aus den übrigen Tegut-Standorten wird, ist noch unklar.
Tegut wurde 1947 in Fulda gegründet und gehört seit 2013 zur Migros-Gruppe. Die Kette ist in sechs Bundesländern vertreten, die meisten Märkte befinden sich in Hessen. Laut Migros beschäftigt Tegut knapp 7.500 Menschen. Die Marke soll aufgegeben werden. (dpa/red)
Die Innenministerkonferenz (IMK) hat sich von ihrem Prinzip der einstimmigen Beschlüsse verabschiedet. Wie die Deutsche Presse-Agentur aus dem Kreis der Innenministerinnen und Innenminister erfuhr, wurde diese Entscheidung bereits vor einigen Tagen per Umlaufbeschluss getroffen. Demnach gilt ab sofort als beschlossen, was in dem Gremium eine Mehrheit von mindestens 13 der 16 Stimmen erhält.
Bund ist nur als Gast dabei
Die Frage, ob dieses Prinzip mit Blick auf einen möglichen AfD-Innenminister beibehalten werden sollte oder nicht, war in der IMK schon länger diskutiert worden. Die IMK hat keine Geschäftsordnung. Vielmehr beruht das Prinzip der Einstimmigkeit, das die Möglichkeit eines Beschlusses auch bei Enthaltungen vorsieht, auf langjähriger Praxis.
Die Innenministerkonferenz ist die ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren der Bundesländer, in der diese ihre Politik koordinieren und gemeinsame Beschlüsse fassen. Der Bundesinnenminister nimmt an ihren Treffen als ständiger Gast mit Rede- und Antragsrecht, jedoch ohne Stimmrecht teil und bringt die Interessen des Bundes in die Beratungen ein. Das Spitzenpersonal der Sicherheitsbehörden des Bundes trägt bei den regulären Sitzungen, die zweimal pro Jahr stattfinden, zur aktuellen Lage vor.
Blockade verhindern
Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) hatte bei der Herbstkonferenz 2025 gesagt, sie gehe im Falle einer Regierungsbeteiligung der AfD in einem Bundesland davon aus, dass die IMK in einem solchen Fall dafür Sorge trage, „dass wir weiterhin beschlussfähig sind, damit die AfD keine wichtigen Beschlüsse blockieren könnte“. Der hessische Innenminister, Roman Poseck (CDU) hatte damals gesagt:
„Ein AfD-Vertreter an einer Stelle, die für die Sicherheit so wichtig ist, wäre fatal.“ Die IMK würde in einem solchen Fall alles dafür tun, um handlungsfähig zu bleiben.
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September war die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten, Ulrich Siegmund, mit 43,8 Prozent stärkste Kraft vor der CDU mit 17,2 Prozent geworden. Für eine absolute Mehrheit fehlen der AfD drei Stimmen.
Siegmund möchte sich dennoch nach eigenen Worten im Dezember zum ersten AfD-Ministerpräsidenten wählen lassen. Vor der Landtagswahl hatte er noch mehrfach ausgeschlossen, ohne eigene Mehrheit zu regieren. (dpa/red)
Das Deutschlandticket wird im kommenden Jahr teurer. Statt 63 Euro wie bisher kostet es vom 1. Januar 2027 an 66,80 Euro, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Kreisen des sogenannten Koordinierungsrats erfuhr. Dieser legte den neuen Preis auf seiner Sitzung am Mittwoch demnach fest. In dem Rat sitzen die Abteilungsleiter der Verkehrsministerien der Länder und des Bundes.
Das Jobticket, eine rabattierte Variante des Deutschlandtickets, kostet demnach künftig 63,46 Euro. Das Semesterticket steigt auf 40,08 Euro.
Das Deutschlandticket ist ein bundesweit gültiges Monatsabo für Busse und Bahnen im öffentlichen Nah- und Regionalverkehr. Es ist monatlich kündbar. Aktuell nutzen es dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen zufolge rund 14,5 Millionen Menschen. Zu seiner Einführung im Jahr 2024 kostete es noch 48 Euro. Der Preis stieg 2025 auf 58 Euro und in diesem Jahr auf 63 Euro.
Erstmals kein politischer Streit um Preis
Der Abo-Preis wurde erstmals nicht politisch ausgehandelt, sondern mit Hilfe einer bestimmten Formel berechnet. Der Preisindex bildet auf Basis statistischer Daten die Kostenentwicklung etwa von Personal und Energie nach, die die Unternehmen schultern müssen.
Je stärker also die Inflation ausfällt, umso teurer wird auch das Deutschlandticket. Außerdem wird berücksichtigt, dass die Ausgleichszahlungen von Bund und Ländern in Höhe von 3 Milliarden Euro jedes Jahr fix sind und nicht dynamisch steigen.
Mit diesem Vorgehen soll verhindert werden, dass jedes Jahr ein politischer Streit über die Finanzierung des Deutschlandtickets ausbricht. Nutzerinnen und Nutzer sollen so sicher sein können, dass das Angebot fortbesteht.
„Der heutige Beschluss des Koordinierungsrats schafft frühzeitig Klarheit“, teilte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen mit. „Fahrgäste, Verkehrsunternehmen und Verbünde können sich ab sofort auf den neuen Preis von 66,80 Euro ab dem 1. Januar 2027 einstellen.“
Es sei verständlich, dass die Preiserhöhung in Zeiten steigender Verbraucherpreise für manche Fahrgäste schmerzhaft sei. „Zugleich treffen die allgemeinen Kostensteigerungen auch die Verkehrsunternehmen hart.“ (dpa/red)
Bis zuletzt hatten Union und SPD um die Pflegereform gerungen. Nun wurde sie im Bundeskabinett verabschiedet. Sie blieb dabei größtenteils so, wie sie Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) geplant hatte. Dieser sprach am Mittwoch von einem „ersten wichtigen Schritt“ zur Stabilisierung des Pflegesystems. Die Hauptforderungen der SPD blieben hingegen unberücksichtigt – um sie soll sich eine neue Kommission kümmern.
Linnemann: System steht massiv unter Druck
Das Pflegesystem stehe „massiv finanziell unter Druck“, sagte Linnemann in Berlin. Die Zahl der zu Pflegenden habe sich innerhalb von 20 Jahren auf sechs Millionen verdreifacht. Es seien deshalb Einsparungen notwendig. „Einnahmen und Ausgaben müssen in eine Balance gebracht werden“, betonte der CDU-Politiker.
Der Minister wollte bei seinem Entwurf für ein Pflegeneuordnungsgesetz aber „nicht allein von einem Spargesetz sprechen“. Es gebe „auch viele strukturelle Komponenten“.
Höhere Beiträge und Leistungseinschnitte
Auf die Versicherten kommen trotzdem teils höhere Beiträge und Leistungseinschnitte zu. So soll der Beitragszuschlag für Kinderlose um 0,3 Punkte auf 0,9 Prozent steigen. Für bislang beitragsfrei mitversicherte Ehepartner ist künftig ein Zuschlag von 0,52 Punkten geplant. Zudem soll die Beitragsbemessungsgrenze in der Pflegeversicherung um 300 Euro pro Monat angehoben werden.
Pflegeversicherung in den roten Zahlen
Die gesetzliche Pflegeversicherung steckt tief in den roten Zahlen. Dem Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung (GKV) zufolge könnte ihr ohne weitere Zuschüsse schon ab Oktober die Zahlungsunfähigkeit drohen. Die Koalition will deshalb eine Reform auf den Weg bringen. Mit dem nun beschlossenen Gesetzentwurf befasst sich als Nächstes der Bundestag.
SPD-Forderungen und neue Kommission
Der Pflege-Gesetzentwurf von Linnemann stieß im Vorfeld auf breite Kritik. Die SPD sah die strukturellen Probleme nicht gelöst und drohte mit einer Blockade des Kabinettsbeschlusses. Bis zuletzt liefen deshalb noch Verhandlungen innerhalb der Koalition.
Die SPD forderte vor allem einen Deckel für die Pflegeheim-Eigenanteile und einen Ausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung. Beide Forderungen blieben aber unberücksichtigt. Mit dem Ausgleich soll sich stattdessen die geplante neue Kommission befassen.
Diese solle das Pflegesystem „für die 30er Jahre fit“ machen, betonte Linnemann. Das Kabinett werde den Auftrag dazu nächste Woche beschließen. Das Expertengremium soll demnach bis Ende Januar 2027 Vorschläge vorlegen. Sein Ziel sei dann ein Kabinettsbeschluss bis Ostern, so dass die Strukturreform zum 1. Juli 2027 in Kraft treten könne, sagte der Minister.
Kritik aus der SPD
Trotz angeblicher Einigung innerhalb der Koalition kommt aus der SPD weiter Kritik. Es seien zwar „die schlimmsten geplanten Leistungskürzungen verhindert“ worden, erklärte SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt. Auch sei die Pflegeversicherung kurzfristig stabilisiert worden. „Das war wichtig, ist aber noch keine Reform.“ So müsse ein Ausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung umgesetzt werden. Die SPD-Fraktion werde sich den Entwurf „sehr genau anschauen“, kündigte Schmidt an.
„Das ist leider keine Reform, das ist erstmal nur ein weiter so“, sagte Saarlands Ministerpräsidentin und SPD-Vizechefin Anke Rehlinger der „Rheinischen Post“. „Die CDU in der Bundesregierung hat eine Entlastung bei den Pflegekosten vorerst verhindert.“ Sie hoffe, dass die geplante Kommission zu anderen Ergebnissen komme.
Kritik von Opposition und Verbänden
Kritik kommt auch aus der Opposition und von Verbänden. Das Kabinett habe „eine Pflegereform beschlossen, die in weiten Teilen genau so bleibt, wie Gesundheitsminister Linnemann sie haben wollte“, sagte Linken-Fraktionschef Sören Pellmann der Nachrichtenagentur AFP. „Die zentrale Forderung der SPD nach einer Beteiligung der privaten Pflegeversicherung ist hingegen vom Tisch.“
Die Grünen nennen den Koalitions-Kompromiss „ein politisches Geschäft zulasten Dritter“. Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen sagte der „Augsburger Allgemeinen“: „Die Koalition einigt sich auf kurzfristige Kürzungen, während sie die eigentlichen Strukturentscheidungen erneut vertagt.“
„Auf die zentralen Zukunftsfragen konnte sich die Koalition nicht verständigen“, kritisierte auch Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz in der „Rheinischen Post“ den Beschluss. „Wer nicht mehr weiter weiß, bildet eine Kommission.“
Der Streit der Koalition „war fruchtlos“, erklärte der Paritätische Gesamtverband. „Am Ende ist das Kürzungspaket für Millionen Betroffene genau das geblieben, was es war: ein Kürzungspaket, vor dem seit Wochen gewarnt wurde“, betonte Verbands-Hauptgeschäftsführer Joachim Rock. „Noch nicht mal ein Pflegedeckel findet sich als minimales Gegengewicht.“
Der GKV-Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung sieht zwar einen „ersten Schritt“ bei der Pflegereform, fordert aber weitere Maßnahmen. Der Verband kritisiert zudem im aktuellen Entwurf „Belastungen einseitig zulasten von Pflegebedürftigen und Beitragszahlenden“. (afp/red)
Der Vorstand des Autobauers Volkswagen greift zu drastischen Maßnahmen in der laufenden Krise. Nach Angaben der Gewerkschaft IG Metall hat die Konzernspitze angekündigt, zahlreiche Verträge aus dem Haustarif zu kündigen. Die Arbeitgeberseite wolle die Kündigungen noch am Mittwoch übermitteln. Welche Tarifverträge genau betroffen sind, blieb zunächst unklar.
Der Konzern selbst reagierte vorerst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
Beschäftigungssicherung bis 2031 bleibt bestehen
Trotz der angekündigten Vertragskündigungen gibt es für die Stammbelegschaft vorerst Entwarnung beim Thema Jobverlust. Die Beschäftigungssicherung ist nach Angaben der IG Metall von den aktuellen Kündigungsplänen nicht betroffen.
In der Volkswagen AG sind betriebsbedingte Kündigungen damit weiterhin bis zum Jahr 2031 unmöglich. Dennoch kündigten sowohl die Gewerkschaft als auch der Betriebsrat sofort ihren entschiedenen Widerstand gegen die Pläne des Vorstands an.
Gewerkschaft spricht von „üblem Foul“
Scharfe Kritik kam umgehend von der Arbeitnehmerseite. Der Verhandlungsführer der IG Metall, Thorsten Gröger, sprach von einem „üblen Foul“ an der Belegschaft und einem „schamlosen Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen“.
Er warf dem Management vor, die wirtschaftlichen Herausforderungen des Konzerns bei denen abzuladen, die das Unternehmen jeden Tag am Laufen halten. Die Gewerkschaft werde es nicht hinnehmen, dass unternehmerische Kosten und Risiken auf die Belegschaft verlagert werden.
Krisentreffen in Hannover als Auslöser
Die Eskalation ist das Ergebnis eines sogenannten Überprüfungsgesprächs, zu dem sich Vertreter von IG Metall, Betriebsrat und VW-Management am Mittwoch in Hannover getroffen hatten.
Die Arbeitnehmervertreter hatten dieses Treffen Mitte September über eine Klausel des Tarifvertrags von 2024 erzwungen, nachdem der Konzernvorstand seinen verschärften Sparkurs vorgestellt hatte. Wie die gesamte deutsche Automobilbranche steckt auch Volkswagen derzeit in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. (afp/red)






































