Ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Rudolf von Arthaber und seine Kinder Rudolf, Emilie und Gustav“ von Friedrich von Amerling, 1837. - Foto: Gemeinfrei
Das Vatersein war schon immer schwer darzustellen. Es eignet sich kaum für großartige Inszenierungen und auffällige Symbolik. Die dahinterstehenden Gefühle sind nicht einfach zu vermitteln. Die hier präsentierten Gemälde beziehen ihre Kraft aus besonderen Momenten. Sie stammen aus drei Ländern und unterschiedlichen Zeitepochen, haben jedoch eines gemeinsam: Sie zeigen, wie es aussieht, wenn die Liebe eines Vaters im Gemälde das Beständigste ist.
„Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“
Das symbolträchtige Gemälde „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ ist Teil eines Zyklus, den der spanische Barockmaler Bartolomé Esteban Murillo (1617–1682) für die Kirche des Krankenhauses Saint George in Sevilla gemalt hat, einem Ort, an dem Arme und Obdachlose gepflegt wurden. Dabei prägte der Auftraggeber die theologische Botschaft dahinter. Jedes Motiv wurde so gestaltet, dass es eine der sieben Taten der Barmherzigkeit verkörpert. Hierzu gehören: Hungernde speisen, Dürstenden zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten.
Vier der Gemälde befinden sich noch immer in Sevilla: „Die wunderbare Brotvermehrung“ (auch bekannt als „Das Wunder von Broten und Fischen“), „Moses schlägt Wasser aus dem Felsen“, „Die heilige Elisabeth von Ungarn pflegt die Aussätzigen“ (auch bekannt als „Die heilige Elisabeth von Thüringen pflegt die Aussätzigen“) und „Der heilige Johannes trägt einen Kranken“ (auch bekannt als „Johannes der Barmherzige“).
„Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“. Murillo hätte jeden beliebigen Moment aus dem Gleichnis wählen können, doch er entschied sich für diesen: den Augenblick, in dem sich die bedingungslose Liebe eines Vaters stärker erweist als all das, womit ein Sohn sie auf die Probe stellen könnte. National Gallery of Art, Washington.
Im Mittelpunkt des Gemäldes stehen Vater und Sohn. Der Künstler lenkt den Blick des Betrachters auf das Wesentliche: ihre Beziehung zueinander. Murillo stellt Vergebung und Liebe in den Fokus, indem der Vater seinen Sohn mit einer liebevollen Umarmung begrüßt. Das ungepflegte Äußere des Sohnes wird mit demselben unverfälschten Realismus dargestellt, den Murillo auch in seinen Straßenszenen zum Ausdruck brachte – Details, welche die bedingungslose Begrüßung des Vaters umso lebendiger erscheinen lassen.
Murillos Gespür für Kleinigkeiten, wie etwa den hochspringenden Welpen, verleiht der Szene eine zusätzliche Tiefe. Rechts stehen zwei Bedienstete bereit, um den Sohn zu empfangen: Der eine hält edle Kleidung in den Händen, der andere einen Ring – ein Symbol, dass der Sohn seinen Platz in der Familie wieder vollständig eingenommen hat. Alle diese Details verwandeln den Moment in eine lebendige Geschichte, die den Betrachter in ihren Bann zieht.
„Rudolf von Arthaber und seine Kinder Rudolf, Emilie und Gustav“
„Rudolf von Arthaber und seine Kinder Rudolf, Emilie und Gustav“ von Friedrich von Amerling, 1837.
Vielleicht bringt nichts besser die Essenz des Vaterseins zum Ausdruck als der Mann, der seine Kinder immer wieder behutsam an seine Brust zieht. Dieses Gruppenporträt zeigt Rudolf von Arthaber, einen Wiener Textilfabrikanten und leidenschaftlichen Kunstsammler, mit seinen drei Kindern Rudolf, Emilie und Gustav – ein Werk von Friedrich von Amerling (1803–1887), einem der gefragtesten Porträtmaler seiner Zeit. Er schuf mehr als tausend Werke, fast ausschließlich Porträts. Der Künstler war in London bei Thomas Lawrence in die Lehre gegangen und später als k.k. Hofmaler des österreichischen Kaiserhauses tätig.
Die romantische Epoche, die sich intensiv mit der Kindheit sowie deren Unschuld und Lebensfreude auseinandersetzte, prägte Amerlings liebevolle Darstellung seiner Figuren. Er gestaltete ihre Gesichter individuell und sehr lebendig.
Der Maler zeigt Arthaber umgeben von seinen spielenden Kindern, die sich offensichtlich in seiner Gegenwart sehr wohlfühlen. In seinem Gesicht spiegelt sich eine Mischung aus Müdigkeit und Zuneigung wider. Sanftes Licht umhüllt Vater und Kinder – ein Stil, den Amerling von seinem Lehrer Lawrence übernommen hat.
Das Werk ist das Porträt einer Familie, die mit sich im Frieden ist – eine Szene, die von enger familiärer Bindung und Großzügigkeit beseelt ist.
„Francesco Sassetti und sein Sohn Teodoro“
„Francesco Sassetti und sein Sohn Teodoro“ von Domenico Ghirlandaio, um 1488, Metropolitan Museum of Art, New York City.
Im späten 15. Jahrhundert wurde Domenico Ghirlandaio (1448–1494) für seine erzählerischen Fresken gepriesen, in denen er häufig Porträts prominenter Florentiner Bürger einarbeitete. Vor allem die Florentiner Kaufleute vertrauten Ghirlandaio, wenn es darum ging, ihre gesellschaftliche Stellung künstlerisch einzufangen. Eines seiner häufigsten Motive war der Bankier Francesco Sassetti, Generaldirektor des Medici-Bankennetzwerks in der Schweiz und Frankreich.
Seinem Auftrag wurde der Künstler auch in dem Werk „Francesco Sassetti und sein Sohn Teodoro“ gerecht: Sassetti wirkt wohlhabend, gelassen und beständig. Sein kleiner Sohn neben ihm ist das Symbol dafür, dass sein Lebenswerk ihn überdauern wird.
Ghirlandaio bevorzugte die Technik der Freskomalerei, die sich gut für die großen Wandflächen eignete. Die Altarbilder für dieselben Kapellen erforderten jedoch kleinere Werke auf Holztafeln. Das vorliegende Porträt ist ein solches Werk. Ghirlandaio stellt Sassetti zusammen mit seinem kleinen Sohn Teodoro auf einer kleinen Tafel dar, wobei die Gestaltung formell und bedächtig wirkt.
Das Bild zeigt Sassetti mit dem „Lucco“, jenem langen roten Umhang, den wohlhabende Florentiner Männer üblicherweise trugen und der für Amtsträger gesetzlich vorgeschrieben war. Die tiefrote Farbe war an sich schon ein Zeichen von Wohlstand, da die dafür benötigten Färbemittel kostspielig und somit nur der Oberschicht vorbehalten waren.
Sassetti blickt nach vorn. Seine gesenkten Augen wirken nachdenklich, während Teodoro im Profil dargestellt ist – eine Gestaltung, die Unschuld und Reinheit vermitteln sollte. Im Hintergrund sieht man wie durch ein Fenster eine Kapelle, die Sassetti in Genf errichten ließ. Sie symbolisiert seinen Glauben, seinen Reichtum und seinen Einfluss innerhalb einer bestimmten Region.
Alle drei Werke umfassen verschiedene Genres aus verschiedenen Jahrhunderten, von frommen Erzählungen bis hin zu Porträts der oberen Schichten, doch in jedem einzelnen stehen Vater und Kind im Fokus. Aus den Gemälden wird deutlich, in welcher Form sich Künstler immer wieder mit dieser Beziehung auseinandergesetzt haben als ein Thema, das es verdient, genauer betrachtet zu werden.
Selbstporträt an der Staffelei, 1556, von Sofonisba Anguissola. Öl auf Leinwand, 66 × 57 cm. Schloss Łańcut, Polen. - Foto: gemeinfrei
Lange bevor das erste „Selfie“ entstand, gab es bereits das Selbstporträt. Seine Geschichte reicht Jahrhunderte zurück und entspringt denselben Impulsen, die auch heute noch digitale Schnappschüsse antreiben: die eigene Existenz festzuhalten, den eigenen Beruf hervorzuheben und den eigenen Platz in der Welt zu erkunden.
Diese Motivation ist über die Zeit erstaunlich konstant geblieben. Von den Werkstätten der Renaissance über die Ateliers des Barock bis weit darüber hinaus nutzten Künstlerinnen und Künstler ihr eigenes Abbild sowohl als Motiv als auch als Studienobjekt. Das Selbstporträt in all seinen Formen ist eine weltweit bedeutende Praxis künstlerischer Selbstreflexion, die sowohl die Persönlichkeit der Schaffenden als auch den historischen Moment, in dem sie lebten, offenbart.
Albrecht Dürer
Selbstbildnis im Pelzrock, 1500, von Albrecht Dürer. Öl auf Lindenholz, 67,1 × 48,9 cm. Alte Pinakothek, München.
Nach einer Ausbildung zum Goldschmied avancierte Albrecht Dürer (1471–1528) zu einem der einflussreichsten Künstler und Kunsttheoretiker seiner Zeit. Sein vielseitiges Werk umfasst Kupferstiche, Altargemälde, Porträts, Aquarelle und Bücher. Dürer pflegte Kontakte zu führenden italienischen Künstlern seiner Epoche, darunter Raphael, Giovanni Bellini und Leonardo da Vinci, was seine intensive Auseinandersetzung mit zentralen Ideen der Renaissance widerspiegelt.
In diesem eindrucksvollen Selbstporträt aus dem Jahr 1500 zeigt sich Dürer dem Betrachter frontal zugewandt, gekleidet in einen pelzbesetzten Mantel. Diese Komposition vermittelt Autorität und Selbstbewusstsein. Mit diesem Bild betont er nicht nur seine künstlerische und intellektuelle Identität, sondern auch seinen gehobenen gesellschaftlichen Status. Damit sichert er sich seinen Platz als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der nordischen Renaissance.
„Porträt eines Mannes in roter Kreide“, 1517–1518, von Leonardo da Vinci. Rote Kreide auf Papier, 33,3 × 21,6 cm. Königliche Bibliothek Turin, Italien.
Leonardo da Vinci (1452–1519) gilt oft als Inbegriff des universalen Künstlers der Renaissance. Er hinterließ ein einzigartiges Werk von nahezu 2.500 Zeichnungen aus den Bereichen Kunst, Anatomie und Ingenieurwesen. Unter ihnen befindet sich eine Rötelzeichnung, die allgemein als sein Selbstporträt akzeptiert wird.
Das „Porträt eines Mannes in roter Kreide“ zeigt da Vinci als alten Mann mit langem Bart und tief gezeichneten Gesichtszügen. Auch wenn die Zuschreibung dieser Selbstskizze aus jüngerer Zeit ungewiss bleibt, wurde das Bild zu seinem bekanntesten Porträt. Es spiegelt seine gründlichen Studien der menschlichen Anatomie und Mimik wider.
Catharina van Hemessen
Selbstporträt an der Staffelei, 1548, von Catharina van Hemessen. Öl auf Eichenholz, 32,4 × 25,2 cm. Kunstmuseum Basel, Schweiz.
Dieses kleine Selbstporträt zeigt die flämische Malerin Catharina van Hemessen (1528 bis nach 1567), wie sie mit Pinsel und Palette an ihrer Staffelei sitzt. Bemerkenswert ist ihr dunkles Samtkleid, das zum Malen ungeeignet gewesen wäre und vermutlich ihren gesellschaftlichen Status betonen sollte.
Das Werk gehört zu den frühesten Gemälden, die eine Künstlerin aktiv beim Malen zeigen. Van Hemessen war als professionelle Malerin anerkannt und arbeitete häufig für wohlhabende Auftraggeber in Nordeuropa.
Im Jahr 1554 forderte Michelangelo die damals 22-jährige italienische Malerin Sofonisba Anguissola auf, ein Werk zu schaffen, das Emotionen überzeugend vermittelt. Nachdem sie ihr Können unter Beweis gestellt hatte, begann eine etwa zweijährige informelle Lehrzeit bei ihm.
Gegen Ende dieser Zeit vollendete sie ein Selbstporträt, das sie an einer Staffelei zeigt (1556). Ihr sorgfältig geflochtenes Haar, ihre geschmackvolle Kleidung und ihr fester Blick strahlen Selbstbewusstsein und Würde aus. Das in Arbeit befindliche Gemälde unterstreicht ihre Identität und Autorität als Künstlerin.
Als ihr Ruf wuchs, wurde Anguissola im Jahr 1559 an den Hof Philipps II. von Spanien in Madrid eingeladen. Dort malte sie Porträts und diente als Begleiterin der Infantin Isabella Clara Eugenia sowie als Hofdame von Elisabeth von Valois. Sie malte bis ins hohe Alter weiter und wurde stolze 93 Jahre alt.
Rembrandt van Rijn
Selbstporträt, 1660, von Rembrandt. Öl auf Leinwand, 114,3 × 94 cm. Kenwood House, London.
Rembrandt van Rijn (1606–1669) nutzte das Selbstporträt wie ein visuelles Tagebuch, in dem er sein Leben dokumentierte. Über Jahrzehnte hinweg kehrte er immer wieder zu seinem eigenen Abbild zurück. Seine Werke zeichnen eine Entwicklung von Selbstsicherheit hin zu tiefer Selbstreflexion nach.
In diesem Selbstporträt vermittelt er mit seinem direkten Blick und seiner selbstbewussten Haltung sowohl Präsenz als auch innere Tiefe, was einen starken Kontrast zu seiner schlichten Arbeitskleidung bildet. Seine meisterhafte Beherrschung des Chiaroscuro, bei dem Figuren aus tiefem Schatten durch eine einzelne konzentrierte Lichtquelle hervortreten, verleiht seinen Porträts eine eindringliche emotionale Intensität.
Sir Godfrey Kneller
Selbstporträt, 1685, von Godfrey Kneller. Öl auf Leinwand, 75,5 × 62,9 cm. National Gallery, London.
Sir Godfrey Kneller (1646–1723) war als Hofmaler englischer und britischer Monarchen des 17. Jahrhunderts, darunter König Charles II. und König George I., eine zentrale Figur in der Entwicklung aristokratischer Porträtkunst.
In seinem Selbstporträt aus dem Jahr 1685 präsentiert er sich kultiviert und gefasst. In mehreren Selbstbildnissen, die im Laufe seines Lebens entstanden, formte Kneller sein eigenes Abbild bewusst als Ausdruck seines gesellschaftlichen Status. Er stellte sich so dar, wie er gesehen werden wollte: als angesehener und erfolgreicher Künstler.
Marie-Gabrielle Capet
Selbstporträt, um 1783, von Marie-Gabrielle Capet. Öl auf Leinwand, 77,5 × 59,5 cm. National Museum of Western Art, Tokio.
Marie-Gabrielle Capet (1761–1818) war eine französische Malerin aus einfachen Verhältnissen, über deren formale Ausbildung nur wenig bekannt ist. Dennoch entwickelte sie eine vielseitige Praxis im neoklassizistischen Stil und arbeitete mit Pastell-, Aquarell- und Ölmalerei.
In ihrem um 1783 entstandenen Selbstporträt zeigt sich Capet entsprechend den verfeinerten Schönheitsidealen ihrer Zeit: mit porzellanartiger Haut, zart geröteten Wangen und eleganter Kleidung. Mit zurückhaltender Selbstsicherheit hält sie einen Zeichenstifthalter in der Hand und schenkt dem Betrachter ein sanftes, wissendes Lächeln.
Capets Fähigkeiten verschafften ihr einen ausgezeichneten Ruf als Porträtistin und Historienmalerin. Zu ihrem Werk gehört eine große Anzahl von Miniaturporträts, von denen sich heute viele im Louvre befinden.
Joseph Ducreux
Selbstporträt, um 1790, von Joseph Ducreux. Öl auf Leinwand, 91 × 73 cm.
Joseph Ducreux (1735–1802) ist bekannt für seine Porträts aristokratischer Persönlichkeiten wie Marie Antoinette. Er verlieh seinen Werken jedoch häufig eine starke persönliche und humorvolle Note. So schuf er eine Reihe spielerischer Selbstporträts, die bewusst mit den formellen Konventionen seiner Zeit brachen.
Seine Faszination für die Physiognomik prägte seine Kunst maßgeblich. Sie schärfte seinen Blick für Details und half ihm, Porträts von großer Individualität und psychologischer Feinfühligkeit zu schaffen. Dies wird besonders in seinem „Selbstporträt als Spötter“ deutlich, in dem sein übertriebener Gesichtsausdruck durch eine lebhafte Pose verstärkt wird – der ausgestreckte Finger scheint den Betrachter neckisch direkt anzusprechen. Gerade dieser humorvolle Charakter ließ das Werk bis heute fortleben und verhalf ihm sogar zu neuer Popularität als weitverbreitetes Internetmeme.
„Selbstporträt als Spötter“, um 1793, von Joseph Ducreux. Öl auf Leinwand, 91 × 72 cm. Louvre, Paris.
Charles Willson Peale (1741–1827) malte dieses Selbstporträt im Alter von 81 Jahren. Darin präsentiert er das Vermächtnis, an das sich die Welt erinnern sollte: das eines US-amerikanischen Malers, Wissenschaftlers und hingebungsvollen Familienvaters. Im Laufe seiner Karriere porträtierte Peale zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten, darunter Benjamin Franklin, John Hancock, Thomas Jefferson, Alexander Hamilton und George Washington. Zudem gründete er zwei Kunstakademien, darunter die Pennsylvania Academy of the Fine Arts, sowie das erste Museum der USA.
In diesem Selbstporträt aus dem Jahr 1822 zieht Peale einen dramatischen roten Vorhang beiseite und gibt seine Sammlungen aus den Bereichen Kunst und Naturgeschichte frei. Der Blick fällt auf Reihen präparierter Tiere, das Skelett des Mastodons, dessen Ausgrabung er selbst unterstützt hatte, sowie auf Wände voller Porträts bedeutender US-amerikanischer Persönlichkeiten.
Über Jahrhunderte und Kulturen hinweg bot das Selbstporträt Kunstschaffenden die Möglichkeit, auszudrücken, wer sie in einem bestimmten Moment ihres Lebens waren. Durch Entscheidungen bezüglich Kleidung, Komposition und Lichtführung sind Selbstporträts – ebenso wie Selfies – sorgfältig inszenierte Darstellungen einer bestimmten Version des eigenen Selbst. Wenn Sie also das nächste Mal jemanden ein Selfie machen sehen, lohnt es sich, daran zu denken, dass diese Person Teil einer jahrhundertealten Tradition der visuellen Selbstdarstellung ist.
Wer ist die Unbekannte auf dem berühmtesten Gemälde des niederländischen Malers Johannes Vermeer? - Foto: gemeinfrei
Von allen jungen Frauen auf den Gemälden dieser Welt hat nur eine einzige den Anstoß zu einem Roman, einem Film sowie zu einer Ausstellung gegeben, die 650.000 Besucher anzog: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“. Ihre Identität bleibt jedoch ein Geheimnis. Als das Gemälde im Jahr 1696 erstmals versteigert wurde, lautete sein Titel schlicht „Een Tronie in Antique Klederen, ongemeen konstig“, übersetzt „Ein Tronie in antikem Gewand, ungewöhnlich kunstvoll“.
Der Begriff „Tronie“ stammt aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande. Er bezeichnet im Gegensatz zu einem Porträt eines bestimmten Modells oder Auftraggebers ein Gemälde einer fiktiven Figur. Obwohl viele Tronies nach lebendigen Vorbildern gemalt wurden, bestand die künstlerische Absicht darin, ein hypothetisches, idealisiertes Motiv zu erschaffen, ohne es einer bestimmten Person zuzuordnen. Und genau darin liegt das unwiderstehliche Geheimnis des Gemäldes.
Der im niederländischen Delft ansässige Maler Johannes Vermeer, der das Werk um 1665 erschuf, führte kein Luxusleben. Er hatte elf Kinder zu versorgen, hohe Schulden zu bedienen und konnte sich kein professionelles Modell leisten. Für seine Gemälde posierten oft seine eigenen Kinder, Bedienstete oder wer auch immer gerade verfügbar und bereit war, kostenlos Modell zu stehen. Aber wer stand für das Mädchen mit dem Perlenohrring Modell?
Ein Donnerschlag des Schicksals
Bis zum Herbst 1654 hatte das Goldene Zeitalter der Niederlande die Art und Weise, wie Kunstwerke erschaffen, gekauft und verkauft wurden, grundlegend verändert. In einer Republik ohne Monarchie, in der sich eine florierende Kaufmannsschicht die Verschönerung ihrer Häuser leisten konnte, wich der Bedarf an großformatigen, komplexen Gemälden mit historischen und mythologischen Szenen. Stattdessen stieg die Nachfrage nach Darstellungen aus dem Alltagsleben, auch als „Genrebilder“ bezeichnet.
In der Stadt Delft, etwas außerhalb von Den Haag, lebte der prominenteste Künstler, der diesen kulturellen Wandel meisterte: einer von Rembrandts begabtesten Schülern, Carel Fabritius. Seine künstlerische Entwicklung zeigt eine deutliche Abkehr von Bildnissen mit Lazarus, Johannes dem Täufer, Hera und Merkur hin zu Werken wie „Junger Mann mit Pelzmütze“ und „Der Distelfink“.
Leider fand sein Leben ein tragisches Ende, als bei einem routinemäßigen Rundgang ein Pulverlager mit etwa 30 bis 40 Tonnen Schwarzpulver explodierte. Die als „Delfter Donnerschlag“ bekannte Explosion war noch in 150 Kilometern Entfernung zu hören. Dabei wurde ein großer Teil der Stadt zerstört. Unter den Todesopfern war Carel Fabritius.
Vermeer hingegen überlebte. In den Folgejahren fand sein Talent Anerkennung und er wurde zum Vorsitzenden der Delfter Lukasgilde gewählt. Seine künstlerische Karriere begann mit einigen Historienbildern, gefolgt von zwei Landschaften, mehr als zwei Dutzend Genrebildern und einigen Tronies.
„Ansicht von Delft“, um 1660–1661, von Johannes Vermeer. Öl auf Leinwand, 96,5 × 115,5 cm. Mauritshuis, Den Haag.
Leider war die Anerkennung von Vermeers Genialität während seines kurzen, nur 43 Jahre währenden Lebens ganz auf seine Heimatregion beschränkt. Da er keine Schüler hatte, die seine unglaublich präzise Beherrschung von Perspektive und Licht weiterführten, und er zudem nur etwa 37 vollendete Gemälde hinterließ, findet sein Vermächtnis in der niederländischen Kunstgeschichte nur als Fußnote Erwähnung.
Wer das Gemälde bei jener Auktion im Jahr 1696 erwarb, ist nicht überliefert. Das Werk verschwand knapp zwei Jahrhunderte in der Versenkung. Erst 1881 kam es wieder zum Vorschein und wurde erneut im Amsterdamer „Venduehuis“, dem heute ältesten noch existierenden Auktionshaus der Niederlande, versteigert.
Der ursprünglich grüne Hintergrund war vollständig zu Schwarz verblasst. Das Gemälde war derart verschmutzt, dass Vermeers Signatur vollständig verschwunden war. In der Auktionsbeschreibung hieß es, das Gemälde befinde sich in einem „schrecklichen Zustand der Verwahrlosung“ und der Künstler sei unbekannt.
Seine heutige Berühmtheit verdankt das Gemälde zum großen Teil der Anwesenheit von Victor de Stuers, einem Kunsthistoriker und Denkmalpfleger. Er erkannte die mögliche Urheberschaft Vermeers und überzeugte seinen Freund und Nachbarn Arnoldus Andries des Tombe, ein Gebot für das Gemälde abzugeben. Das Meisterwerk wurde für einen Betrag verkauft, der heute rund 30 Euro entsprechen würde.
„Die Milchmagd“, um 1658, von Johannes Vermeer. Öl auf Leinwand, 45,2 × 40,6 cm. Mauritshuis, Den Haag.
150 Jahre und mehrere umfangreiche Restaurierungen später sind die Gesichtszüge des Mädchens mit dem Perlenohrring deutlicher und strahlender, doch ihre Identität bleibt nach wie vor ein Rätsel. Es wurden verschiedene Theorien aufgestellt, um die Besonderheiten ihres Aussehens zu erklären.
Bis zu seiner Umbenennung im Jahr 1995 durch das Mauritshuis, das berühmte Museum in Den Haag, war das Gemälde unter dem Titel „Das Mädchen mit dem Turban“ bekannt. Ihre Kleidung wurde oft als türkisch beschrieben, wobei im Europa des 17. Jahrhunderts alles, was aus dem Osmanischen Reich stammte, als türkisch bezeichnet werden konnte.
„Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, etwa 1665.
Foto: gemeinfrei
Die junge Frau auf dem Gemälde wirft einen Blick über ihre Schulter in Richtung des Betrachters. Ihre Augen und Lippen wirken feucht. Ihr Mund ist leicht geöffnet, was Überraschung oder eine andere Art Empfindung ausdrückt. Die Kombination so vieler Merkmale, die für ein formelles Porträt jener Zeit untypisch sind, erklärt die ursprüngliche Einstufung als Tronie, liefert jedoch keinen eindeutigen Grund für den Anlass dieses Gemäldes.
Im gleichnamigen Roman von Tracy Chevalier und der folgenden Verfilmung heißt es, dass Vermeer sein Dienstmädchen gemalt und damit eine romantische Verbindung zwischen den beiden entfacht habe. Diese These wird durch den Umstand gestützt, dass mehrere seiner Gemälde den Alltag von Dienstmädchen zeigten und das Gemälde kurz nach seiner Fertigstellung in den Besitz des Antagonisten des Romans, Vermeers häufigstem Mäzen Pieter van Ruijven, überging.
Chevaliers Erzählung liefert nicht nur eine Erklärung für den bemerkenswert intimen Ausdruck des Mädchens auf dem Gemälde, sondern auch einen fesselnden Dialog zwischen dem Künstler und seiner Muse, der Einblicke in das Genie hinter seinem Schaffensprozess gewährt. Was ihr Konzept jedoch außer Acht lässt, ist die weniger romantische Option, dass es sich bei dem Mädchen auch um die Tochter von Pieter van Ruijvens handeln könnte.
Neue Forschungen deuten darauf hin, dass die meisten der erhaltenen Gemälde Vermeers nicht in erster Linie von Pieter van Ruijven, sondern von dessen Frau Maria de Knuijt in Auftrag gegeben wurden. Beide waren Anhänger der Remonstrantischen Kirche. Die bemerkenswerte Verehrung des Paares für Maria Magdalena spiegelt sich auch im Namen ihrer Tochter wider: Magdalena. Im Jahr 1665 überließ de Knuijt dem Maler eine Summe von 500 Gulden (heute 30.000–38.000 Euro). Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes dürfte das Mädchen alt genug gewesen sein, um konfirmiert zu werden.
„Straße in Delft“, um 1658, von Johannes Vermeer. Öl auf Leinwand, 54,3 × 43,5 cm. Rijksmuseum, Amsterdam.
Nach der Theorie des britischen Kunsthistorikers Andrew Graham-Dixon verkörpert das Mädchen in Vermeers berühmtem Gemälde Maria Magdalena im Moment der Auferstehung, als sie sich vom leeren Grab abwendet und den auferstandenen Jesus erkennt, der sie fragt: „Frau, warum weinst du?“ Sollte diese stimmen, so läge darin eine dramatische Rückkehr von Vermeers häufigeren Genrebildern hin zu einem sakralen Motiv.
Kuratoren und Historiker haben zu dieser Theorie noch keinen Konsens gefunden. Unbestritten ist jedoch, dass vor dem Verschwinden des Gemäldes nach der Auktion von 1696 sein letzter bekannter Besitzer Jacob Abrahamsz Dissius, der Ehemann von Magdalena van Ruijven, war.
Da Vermeer keine Tagebücher, Skizzen oder Widmungen hinterließ, wird die Identität des Mädchens möglicherweise für immer ein Rätsel bleiben. Aus erhaltenen Aufzeichnungen von 1696 geht jedoch auch hervor, dass noch immer bis zu neun vollendete Vermeer-Gemälde verschollen sind. Möglicherweise ergeben sich aus ihnen weitere Beweise, die belegen, ob es sich bei der Muse und der Besitzerin des Gemäldes einst um ein und dasselbe Mädchen handelte.