Vergesslichkeit im Alter erfordert eine sorgfältige Abklärung. Nicht jede kognitive Einschränkung basiert auf strukturellen Hirnveränderungen. - Foto: SeventyFour/ iStock
Ich erinnere mich genau an den Moment, als Herr K. meine Praxis betrat. Er war 72 Jahre alt, ein Mann, der früher ganze Werkhallen leitete, Maschinen reparierte, Probleme löste, bevor andere sie überhaupt bemerkten.
Doch an diesem Morgen stand er vor mir wie ein Mensch, der sich selbst verloren hatte. Seine Hände zitterten leicht, nicht aus körperlicher Schwäche, sondern aus einer Angst, die tiefer ging als jede Krankheit. Als er sich setzte, sah er mich an, und in seinen Augen lag eine Frage, die er nicht auszusprechen wagte: „Verliere ich mich jetzt?“
Er erzählte stockend, wie er in den letzten Monaten Termine vergessen, Namen durcheinandergebracht und Wege, die er seit Jahrzehnten kannte, nicht mehr gefunden hatte. Eine neurologische Kurzdiagnose hatte zudem den Verdacht auf beginnende Demenz in den Raum gestellt.
Herr K. sagte mir, er habe sich in diesem Moment gefühlt, als würde jemand einen Vorhang über sein Leben ziehen. Und während er sprach, spürte ich, wie in mir eine Mischung aus Mitgefühl und kritischer Wachsamkeit entstand, denn manchmal fällt die Diagnose Demenz bei Vergesslichkeit im Alter zu schnell.
Die Biochemie des Vergessens ganzheitlich betrachtet
In der ganzheitlichen Medizin beginnt jede Diagnose jedoch mit der Frage: „Warum?“ Nicht: „Wie benennen wir es?“
Herr K. zeigte Symptome der Verwirrtheit und des Vergessens, die oft mit Demenz in Verbindung gebracht werden. Aber in unserem Gespräch zeigte sich beispielsweise, dass Herr K. seit Monaten schlecht schlief. Er wachte mehrmals pro Nacht auf und fühlte sich morgens wie „verkatert“.
Untersuchungen zeigen, dass fragmentierter Schlaf die Gedächtnisleistung messbar reduziert und Symptome erzeugen kann, die einer Demenz ähneln. In einem standardisierten Demenztest kommen jedoch Fragen wie „Wie viele Stunden Schlaf man nachts bekommt“ oder „Ob man gut durchschläft“ nicht vor.
Ich fragte ihn nach seinem Schlafrhythmus, nach nächtlichem Grübeln, nach Atemaussetzern, nach Medikamenten, die den Schlaf beeinflussen könnten. Zudem weiß ich: Wer Schlaf verstehen will, muss ihn messen.
In der Praxis beinhaltet das oftmals eine umfassende Diagnostik. Darunter eine Untersuchung der nächtlichen Sauerstoffsättigung, eine Analyse des Cortisol-Tagesprofils sowie die Frage nach der Melatoninproduktion, die sich indirekt über den Schlaf-Wach-Rhythmus erkennen lässt. Schon kleine Störungen können dazu beitragen, kognitive Symptome zu verstärken.
Die unterschätzte Rolle von Entzündungen, Ernährung und Lebensstil
Ebenso wichtig war ein Blick auf seine Laborwerte. Denn oft wird unterschätzt, wie stark biochemische Dysbalancen das Gehirn beeinflussen. Auch hier ist eine umfassende Diagnostik, darunter die Einbeziehung der offiziellen Leitlinien für Demenzuntersuchungen, unverzichtbar.
Im Fall von Herrn K. ließ ich folgende Werte bestimmen:
Vitamin D
Vitamin B12
Homocystein (ein Stoffwechselprodukt, das bei einer zu hohen Menge im Blut die Gefäße schädigen kann)
C-reaktives Protein (CRP) als Entzündungsmarker
die Schilddrüsenwerte TSH, fT3 und fT4
sowie die Blutzuckerregulation über HbA1c.
Eine Studie aus dem Jahr 2020, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, zeigte, dass bis zu 40 Prozent der Demenzfälle durch modifizierbare Faktoren beeinflusst werden können, die das Erkrankungsrisiko reduzieren oder verzögern, darunter auch genau jene Parameter, die bei Herrn K. nun untersucht wurden.
Als seine Laborwerte vorlagen, ergab sich für mich ein klares Bild: Vitamin D war deutlich erniedrigt, Homocystein erhöht, CRP grenzwertig, die Schilddrüse arbeitete verlangsamt.
Alles Faktoren, die das Gehirn belasten können.
Stille Entzündungen
Besonders eindrucksvoll war für mich die Primärstudie von Walker und Kollegen von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health aus dem Jahr 2017, die zeigte, dass erhöhte Entzündungsmarker wie CRP über Jahre hinweg messbare strukturelle Veränderungen im Gehirn verursachen können.
Die Forscher konnten mittels MRT nachweisen, dass chronische Entzündung nicht nur ein Begleitphänomen des Alterns ist, sondern ein aktiver Treiber neurodegenerativer Prozesse. Genau auf solche stillen Entzündungen konnte man auch anhand der Laborergebnisse bei Herrn K. rückschließen.
Ernährung
Ein weiterer oft unterschätzter Faktor ist die Ernährung. Studien belegen, dass eine mediterrane Ernährung, reich an Omega-3-Fettsäuren, frischem Gemüse, Olivenöl und Nüssen, die kognitive Leistungsfähigkeit signifikant verbessern kann. Herr K. aß hingegen oft spät, selten frisch und häufig industriell verarbeitet. Also praktisch das Gegenteil dessen, was in der mediterranen Ernährung, die besonders gut für das Gehirn gilt, empfohlen wird.
Lebensstil
Auch sein Lebensstil war ein weiterer Risikofaktor. Nach der Pensionierung hatte er sich zurückgezogen, kaum soziale Kontakte gepflegt, wenig geistige Aktivität betrieben.
Studien zeigen hingegen klar, dass geistige Stimulation, Bewegung und soziale Einbindung das Gehirn langfristig schützen – selbst bei genetischer Prädisposition für Demenz.
Der Verdacht, der sich auflöste – und die Verantwortung, die bleibt
Nach mehreren Gesprächen, einer umfassenden Anamnese und der Analyse seiner Laborwerte zeigte sich: Herr K. litt nicht an einer beginnenden Demenz. Er litt an Schlafmangel, chronischem Stress, Vitamin-D-Mangel, erhöhtem Homocystein, stillen Entzündungen und sozialer Isolation. Ein komplexes Zusammenspiel, das reversible kognitive Symptome erzeugen kann.
Ich erklärte ihm, dass wir an mehreren Stellschrauben drehen werden:
Schlafhygiene verbessern
Abendroutine stabilisieren
nächtliche Atemaussetzer prüfen
Vitamin-D-Spiegel anheben
Homocystein über B-Vitamine senken
Entzündungen reduzieren
Ernährung mediterran ausrichten
soziale Kontakte aktivieren.
Als ich ihm dies sagte, sah ich, wie sich seine Schultern entspannten. Es war, als würde jemand den Vorhang wieder öffnen.
Als ich Herrn K. schließlich nach einigen Monaten wieder sah, war er wie ausgewechselt. Er berichtete, dass er wieder klare Gedanken fassen konnte und sich auch an Namen und Wege wieder besser erinnern konnte.
Fazit
Demenz ist eine ernste Erkrankung, aber nicht jede Vergesslichkeit ist der Beginn davon. Die ganzheitliche Medizin erinnert daran, dass das Gehirn ein Spiegel des gesamten Körpers ist.
Herr K. hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur Diagnosen zu stellen, sondern Zusammenhänge zu erkennen. Die Wissenschaft zeigt längst, dass viele Wege in den kognitiven Verfall führen – aber einige auch wieder hinaus.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)
Ein neuer Blick auf eine alte Krankheit: Was Lunge, Darm und Immunsystem mit unserem Gedächtnis zu tun haben. - Foto: peterschreiber.media/ iStock
Obwohl Alzheimer gemeinhin als reine Hirnerkrankung gilt, verläuft der Krankheitsbeginn womöglich komplexer. Wie ein Forschungsteam der Universität Kopenhagen um den Wissenschaftler César Cunha in einer computergestützten Analyse von Gen- und Zelldaten darlegt, zeigt sich die charakteristische Pathologie zwar letztlich im Gehirn, ihren Ursprung könnte sie bei manchen Patienten jedoch in anderen Körperregionen haben.
Andere Forscher stimmen darin überein, dass das Thema aus einer breiteren Perspektive betrachtet werden muss.
Laut Donna Wilcock, Professorin für Neurologie an der Indiana University und Chefredakteurin der Fachzeitschrift „Alzheimer’s and Dementia“, können auch körperliche Veränderungen außerhalb des zentralen Nervensystems die Hirnfunktion maßgeblich beeinflussen. Um die Entstehung von Alzheimer vollständig zu verstehen, müsse die Forschung daher den gesamten Körper in den Blick nehmen. „Auch wenn Alzheimer eine Erkrankung des Gehirns ist, müssen wir den gesamten Körper im Blick haben, wenn wir darüber nachdenken, wie sie entsteht“, sagte sie.
Die Alzheimer-Krankheit ist eine fortschreitende Erkrankung, die nach und nach die Nervenzellen im Gehirn schädigt, und sie ist die häufigste Ursache für Demenz. In ihren frühen Stadien beeinträchtigt sie vor allem das Gedächtnis, doch im weiteren Verlauf kann sie die Orientierungsfähigkeit, die Sprache, das Urteilsvermögen und die Fähigkeit zur Bewältigung alltäglicher Aufgaben beeinträchtigen.
Die Gehirne von Alzheimer-Patienten weisen typischerweise zwei wesentliche Merkmale auf:
Beta-Amyloid, also klebrige Proteinfragmente, die sich zusammenklumpen und Ablagerungen zwischen den Nervenzellen bilden, und
Bündel bestehend aus fadenförmigen Tau-Proteinen, im Inneren der Zellen.
Da diese Veränderungen im Gehirn auftreten, zielt der Großteil der Bemühungen zur Entwicklung von Medikamenten gegen Alzheimer auf die Entfernung von Amyloid-Ablagerungen aus dem Gehirn ab. Doch selbst wenn diese Medikamente die Plaques wirksam reduzieren, bleibt die klinische Besserung bei den Patienten sehr begrenzt. Im besten Fall verlangsamen sie lediglich das Tempo des Verfalls, sie stoppen das Fortschreiten der Krankheit nicht.
Aus diesem Grund blicken immer mehr Forscher über das Gehirn hinaus und fragen sich, was diese schädlichen Proteinablagerungen überhaupt erst in Gang setzt.
Was die neue Studie ergab
Wenn das bloße Beseitigen der Proteine im Gehirn den Verfall kaum stoppen kann, drängt sich die Frage auf: Wo nimmt die Kaskade ihren eigentlichen Anfang?
Die Wissenschaftler liefern für diese Spur nun ein weiteres Argument. Ihre Ergebnisse stützen die Annahme, dass wesentliche Weichenstellungen für Alzheimer nicht primär im Gehirn selbst stattfinden könnten, sondern an den Außengrenzen unseres Körpers. Grundlage dafür ist eine große Datenmenge der European Alzheimer and Dementia Biobank, die Gen-, Zell- und Gewebeproben von fast 86.000 Alzheimer-Patienten umfasst. Diese vorhandenen Datensätze analysierten die Forscher mittels computergestützter statistischer Verfahren.
Da Gewebeveränderungen im Gehirn Verstorbener immer nur das schwer geschädigte Endstadium einer jahrzehntelangen Entwicklung abbilden, setzten die Forscher bewusst auf den Blick auf Gewebe und Zellen außerhalb des Gehirns. Ihre Forschung deutet darauf hin, dass der Ursprung von Alzheimer in den sogenannten Barrieregeweben liegen könnte. Organe wie Lunge oder Darm stehen in ständigem Kontakt mit der Umwelt und filtern Erreger, Schadstoffe und Nahrung. Sie bilden die erste Verteidigungslinie des Körpers, weshalb das Immunsystem dort dauerhaft gefordert ist. Eine mögliche Erklärung der Forscher lautet daher: Chronische Störungen dieser peripheren Immun- und Entzündungsreaktionen könnten der eigentliche Startpunkt des Alzheimer-Prozesses sein, bevor die Schädigung auf das Gehirn übergreift.
Wie der Körper mit dem Gehirn „kommuniziert“
Doch wie genau führt eine Entzündung in der Lunge, im Darm oder im Blut letztendlich zu Gedächtnisschäden im Gehirn? Hier zeigte sich Cunha zurückhaltender und merkte an, dass dies genau der Teil ist, den die Wissenschaft noch nicht vollständig versteht.
Seine zentrale Hypothese betrifft die Blut-Hirn-Schranke – einen Schutzmechanismus, der filtert, was aus dem Blutkreislauf in das Hirngewebe gelangt. Diese Schranke macht es Immunzellen, Krankheitserregern und anderen großen Partikeln sehr schwer, ins Gehirn einzudringen.
Mit zunehmendem Alter neigt die Schranke jedoch dazu, schwächer und durchlässiger zu werden. Wenn das geschieht, sind chronische Entzündungen oder eine Überaktivität der Immunzellen möglicherweise nicht mehr nur ein Problem des „Körpers“ und können beginnen, auch das Gehirn zu beeinträchtigen.
„Normalerweise besteht die Aufgabe der Immunzellen darin, nur dann zu reagieren, wenn ein Virus oder ein Bakterium vorhanden ist, das beseitigt werden muss“, sagte Cunha. „Aber vielleicht führen die Gene, die das Alzheimer-Risiko erhöhen, dazu, dass diese Immunzellen auch dann aktiv werden, wenn sie es eigentlich nicht sollten. Und wenn solche Immunzellen das Gehirn erreichen, nachdem die Blut-Hirn-Schranke geschwächt ist, könnte dies ein Mechanismus sein, durch den das Immunsystem des Körpers eine Verschlechterung im Gehirn verursacht.“
Er verwendete eine einfache Analogie, um diese Idee zu veranschaulichen: Eine gut funktionierende Alarmanlage sollte in der Lage sein, zwischen einem Einbrecher und einer vorbeistreunenden Katze zu unterscheiden, während eine fehlerhafte Alarmanlage bei jeder kleinen Bewegung Alarm auslöst. Einige der mit Alzheimer in Verbindung stehenden Gene könnten auf ähnliche Weise wirken, vermutete er. Sie „verursachen“ die Krankheit nicht direkt, aber sie machen das Immunsystem überempfindlich, überaktiv und stark entzündungsfördernd. Wenn dieser Zustand über Jahre anhält und die Blut-Hirn-Schranke mit zunehmendem Alter schwächer wird, könnte das Gehirn letztendlich den Preis dafür zahlen.
Das bedeutet nicht, dass Alzheimer eine Autoimmunerkrankung ist, bei der das Immunsystem das körpereigene Gewebe angreift. Cunha stand dieser Definition skeptisch gegenüber. Seiner Ansicht nach spielt das Immunsystem zweifellos eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Krankheit, doch derzeit gibt es keine ausreichenden Belege dafür, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung wie Multiple Sklerose handelt, bei der der Immunangriff typischerweise schneller und aggressiver verläuft.
Nicht der erste Hinweis
Die Vorstellung, dass die Alzheimer-Krankheit möglicherweise nicht ausschließlich im Gehirn ihren Ursprung hat, geht nicht auf Cunha zurück. Bereits 2002 ergab eine 25-jährige Follow-up-Studie mit mehr als 1.000 japanisch-amerikanischen Männern in Hawaii, dass Teilnehmer mit niedrigeren Werten des hochsensitiven C-reaktiven Proteins – eines Blutproteins, das Entzündungen signalisiert – in der Lebensmitte ein geringeres Risiko hatten, später an Demenz zu erkranken.
Einfach ausgedrückt: Entzündungswerte, die viele Jahre vor dem Auftreten von Symptomen gemessen wurden, standen in Zusammenhang mit dem zukünftigen Demenzrisiko.
Nachfolgende Studien haben ähnliche Zusammenhänge aufgezeigt, konnten jedoch keinen direkten Kausalzusammenhang nachweisen. So stellte beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2020 einen Zusammenhang zwischen bakteriellen Markern für Parodontitis und einem höheren Alzheimer-Risiko her, insbesondere im höheren Alter. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung, die Mundgeruch, Zahnfleischbluten, Zahnfleischrückgang und in schweren Fällen Zahnverlust verursachen kann.
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2023 untersuchte den Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Alzheimer. Die Forscher identifizierten 10 Bakterienarten, die mit dem Erkrankungsrisiko in Verbindung stehen, wobei einige mit einem erhöhten und andere mit einem geringeren Risiko assoziiert waren. Eine umfassende Übersichtsarbeit zu rund 200 Studien kam zu dem Schluss, dass 16 verschiedene Erkrankungen – darunter Parodontitis, Lebererkrankungen, Nierenerkrankungen und Typ-2-Diabetes – zusammen etwa ein Drittel der weltweiten Demenzlast ausmachen.
Ruth Itzhaki, eine renommierte molekulare Neurobiologin und emeritierte Professorin an der Universität Manchester, erforscht seit Jahrzehnten die mögliche Rolle von Herpesviren bei Alzheimer. Itzhaki fand heraus, dass das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) – der Erreger von Lippenherpes – nach der Erstinfektion nicht aus dem Körper verschwindet und oft jahrelang, manchmal sogar jahrzehntelang, in einem Ruhezustand verbleibt. Im späteren Leben kann es ins Gehirn gelangen oder dort reaktiviert werden, was Entzündungen und im Laufe der Zeit kumulative Schäden auslöst.
Unterstützende Belege stammen auch von Rudolph Tanzi, einem wegweisenden Neurowissenschaftler an der Harvard Medical School. In einer Studie aus dem Jahr 2018 zeigten er und seine Kollegen, dass die Infektion kultivierter menschlicher Neuronen mit Herpesviren ausreichte, um eine rasche Anreicherung von Beta-Amyloid auszulösen.
Diese Erkenntnisse stehen im Einklang mit der „Hypothese des mikrobiellen Schutzes“, die im Laufe des letzten Jahrzehnts vorgebracht wurde. Sie besagt, dass Beta-Amyloid ursprünglich möglicherweise gebildet wurde, um Eindringlinge wie Viren und Bakterien einzufangen, dass es jedoch problematisch wird, wenn die Reaktion außer Kontrolle gerät und zu einer übermäßigen Anreicherung führt.
Frühzeitige Intervention neu überdenken
Sollte dies – auch nur teilweise – zutreffen, könnten die therapeutischen Auswirkungen weitreichend sein. Seit Jahrzehnten ist eine der größten Herausforderungen in der Hirnmedizin die Blut-Hirn-Schranke selbst: die Schwierigkeit, Medikamente in das Hirngewebe zu bringen. Wenn ein Teil des Prozesses, der Alzheimer vorantreibt, „vorgeschaltet“ stattfindet, also im Immunsystem, im Blut und in den Barrieregeweben, müssen wir möglicherweise nicht immer direkt auf das Gehirn abzielen, um einzugreifen.
Nach Cunhas Ansicht stellt dies eine der wichtigsten Erkenntnisse aus seiner Forschung dar. Anstatt sich ausschließlich auf Versuche zu konzentrieren, die Endprodukte der Krankheit aus dem Gehirn zu entfernen, könnte es möglich sein, in einem früheren Stadium einzugreifen: durch die Verringerung unnötiger entzündlicher Aktivierung des Immunsystems, den besseren Schutz der Blut-Hirn-Schranke und die Identifizierung von Personen, die in das Zeitfenster der Anfälligkeit eintreten, bevor sichtbare Hirnschäden auftreten.
Diese Idee gewinnt angesichts neuerer Impfstoffstudien zusätzlich an Bedeutung. Im Februar 2026 berichteten Forscher von Kaiser Permanente Southern California, dass bei Personen ab 65 Jahren, die zwei Dosen eines Impfstoffs zur Vorbeugung von Gürtelrose – einer schmerzhaften Erkrankung, die durch die Reaktivierung des Windpockenvirus ausgelöst wird – erhalten hatten, das kumulative Demenzrisiko deutlich geringer war als bei ungeimpften Patienten. Während des Nachbeobachtungszeitraums lag das Demenzrisiko in der geimpften Gruppe bei 5,67 Prozent, verglichen mit 10,64 Prozent in der Kontrollgruppe.
Cunha mahnte hier zur Vorsicht – der Impfstoff ist kein Mittel zur Behandlung von Alzheimer, und die Studie beweist nicht, dass ein einzelnes Virus die alleinige Ursache der Krankheit ist. Auch wenn Impfstoffstudien, Infektionsforschung und genetische Erkenntnisse zunehmend in dieselbe Richtung weisen, bedeutet dies nicht, dass wir alle bisherigen Erkenntnisse über Alzheimer über Bord werfen sollten.
Das Gehirn spielt bei der Erkrankung nach wie vor eine zentrale Rolle. Die endgültigen Schäden – Gedächtnisverlust, Sprachstörungen und der Verlust der Selbstständigkeit – treten alle im Gehirn auf. Cunhas Forschung stellt weder einen direkten Kausalzusammenhang her, noch identifiziert sie bislang den pathologischen Verlauf, beispielsweise welche Zellen die Blut-Hirn-Schranke überwinden oder welche Hirnregionen zuerst betroffen sind.
Dennoch erfüllt sie eine entscheidende Funktion: Sie hat das Potenzial, die Perspektive zu verändern, aus der wir die Krankheit betrachten.
„Es gibt noch vieles, was wir über die Prozesse, die zu dieser Krankheit führen, nicht verstehen, aber ich betrachte unsere Arbeit als Grundlage, die andere Forscher dazu anregen kann, diese Mechanismen zu untersuchen und zu verstehen, wie sie wirklich funktionieren“, sagte er.
Rechenzentren bilden die technische Grundlage für leistungsfähige KI-Modelle. Führende Entwickler diskutieren inzwischen darüber, ob das Tempo bei der Entwicklung neuer Systeme gedrosselt werden sollte. - Foto: Jens Wolf/Archiv/dpa
In Kürze:
Führende KI-Entwickler wie Anthropic und OpenAI diskutieren darüber, die Entwicklung besonders leistungsfähiger Modelle aus Sicherheitsgründen zu verlangsamen.
In Deutschland setzt bislang gut jedes vierte Unternehmen KI ein. Viele Betriebe stehen bei der Nutzung der Technologie noch am Anfang.
Für deutsche Unternehmen könnte ein langsameres Entwicklungstempo bedeuten, dass neue KI-Fähigkeiten später verfügbar werden.
Der Wettlauf um Künstliche Intelligenz kennt bislang in erster Linie eine Richtung: schneller. Leistungsfähigere Modelle sollen Unternehmen produktiver machen, Forschung beschleunigen und Aufgaben übernehmen, für die bislang Menschen benötigt wurden. Staaten investieren in Rechenzentren, Unternehmen stellen Arbeitsabläufe auf die neue Technik ein. Auch deutsche Firmen beginnen gerade erst, KI in größerem Umfang einzusetzen.
Nun kommt ausgerechnet aus der Branche selbst die Forderung, das Tempo zu verringern. Dario Amodei, Geschäftsführer des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic, fordert in einem Essay mit dem Titel „We Must Pace the Frontier“ ausdrücklich: „Wir müssen das Tempo verlangsamen, mit dem wir die Fähigkeiten von KI-Modellen verbessern.“ Fortschritte werde es weiterhin geben. Die gewonnene Zeit solle jedoch genutzt werden, damit Sicherheitsforschung und Schutzmaßnahmen mit den Fähigkeiten der Systeme Schritt halten können.
Einen allgemeinen Entwicklungsstopp fordert Amodei nicht. „Das Tempo zu drosseln bedeutet nicht, das Training von Modellen oder den technischen Fortschritt zu stoppen“, stellt er klar. Unternehmen sollten sich vielmehr ausreichend Zeit nehmen, ihre Modelle sicher auszurichten und abzusichern.
Amodei schlägt dafür unter anderem unabhängige Prüfer mit weitreichenden Einblicken in die Unternehmen sowie gemeinsame Sicherheitsstandards der Entwickler vor. Langfristig hält er auch internationale Absprachen für notwendig.
Auch beim Konkurrenten OpenAI wird inzwischen offen über eine Verlangsamung gesprochen. Chief Scientist Jakub Pachocki mahnt in seinem Beitrag „Ein fremder Geist“ zu einem vorsichtigen Vorgehen. „Diese Zeit verlangt äußerste Vorsicht“, schreibt er. OpenAI werde weiter an technischen Lösungen und Schutzsystemen arbeiten und „die weitere Skalierung bei Bedarf einseitig aussetzen“. Pachocki hält Maßnahmen über das eigene Unternehmen hinaus für erforderlich.
Damit nähern sich zwei führende KI-Entwickler in einem wesentlichen Punkt an: Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz soll nicht beendet werden. Zur Debatte steht vielmehr, ob immer leistungsfähigere Systeme weiterhin in möglichst kurzer Folge entwickelt werden sollten oder ob Sicherheitsprüfungen und gemeinsame Regeln künftig stärker das Tempo bestimmen.
Wenn die Entwickler selbst bremsen
Anthropic hat für steigende Fähigkeiten seiner Systeme ein eigenes Regelwerk geschaffen. Die „Responsible Scaling Policy“ sieht vor, Sicherheitsmaßnahmen entsprechend den festgestellten Risiken zu verschärfen. Dabei untersucht das Unternehmen unter anderem Gefahren durch Cyberangriffe, biologische Anwendungen und Systeme, die selbst Aufgaben der KI-Forschung übernehmen könnten.
Auch OpenAI hat Entwicklungsarbeiten verzögert. Mitte August erklärte das Unternehmen, Arbeiten an seinem kommenden Modell GPT-6 Astra teilweise auszusetzen, bis strengere Sicherheitsvorkehrungen umgesetzt seien. Anfang September teilte OpenAI mit, Teile der Entwicklung und Veröffentlichung über mehrere Wochen verzögert zu haben.
Für die Entwickler entsteht damit ein Dilemma. Wer sich mehr Zeit für Sicherheitstests nimmt, riskiert, dass ein Konkurrent schneller ein leistungsfähigeres Modell auf den Markt bringt. Wer dagegen möglichst schnell weiterentwickelt, muss darauf achten, dass die Sicherheitsvorkehrungen mit den neuen Fähigkeiten Schritt halten.
Warum die Unternehmen davor warnen, zeigt Anthropic anhand eigener Untersuchungen. Der Entwickler von Claude berichtet über Fälle, in denen Akteure versucht hätten, KI-Modelle etwa für Cyberangriffe, Betrug, Spionage und Waffenentwicklung sowie zur Überwachung von Minderheiten und Regierungsgegnern zu nutzen. Anthropic betont allerdings, dass es sich um ausgewählte Missbrauchsfälle handele. Sie seien nicht typisch für die gewöhnliche Nutzung von Claude.
Der Bericht zeigt damit nicht, dass KI kurz davor steht, außer Kontrolle zu geraten. Er macht aber das Problem deutlich, vor dem die Entwickler stehen: Je leistungsfähiger ihre Modelle werden, desto mehr können sie für nützliche Zwecke eingesetzt werden, aber auch für Anwendungen, die erheblichen Schaden verursachen können.
Deutschlands Unternehmen steigen gerade ein
Für Deutschland kommt die Debatte zu einer Zeit, in der die Wirtschaft an einer breiteren Einführung von KI-Anwendungen arbeitet. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) verwendeten 2025 etwa 26 Prozent der Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten KI. Bei Großunternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten waren es 57 Prozent.
Viele Betriebe haben die Möglichkeiten vorhandener Systeme damit noch nicht ausgeschöpft. Von den Unternehmen, die KI nicht einsetzten, eine Nutzung aber erwogen hatten, nannten laut Destatis 72 Prozent fehlendes Wissen als Hindernis. 62 Prozent verwiesen auf unklare rechtliche Folgen, 60 Prozent auf Datenschutzbedenken. Die Ergebnisse wurden im November 2025 veröffentlicht.
Eine langsamere Entwicklung neuer KI-Modelle würde deshalb nicht bedeuten, dass der KI-Einsatz in Deutschland zum Stillstand käme, sondern dass neue und leistungsfähigere KI-Modelle später verfügbar wären als bisher erwartet. Für viele Unternehmen besteht die Herausforderung zunächst darin, bereits verfügbare Technik sinnvoll in ihre Abläufe einzubauen.
3 Stunden pro Woche
Warum Unternehmen in KI investieren, zeigt eine Befragung der Europäischen Zentralbank unter 20.000 Menschen in elf Ländern des Euroraumes. Laut der im August veröffentlichten Umfrage stieg der Anteil der Arbeitnehmer, die KI bei ihrer Arbeit verwenden, von 26 Prozent im Jahr 2024 auf 41 Prozent 2025 und 52 Prozent in diesem Jahr.
Nutzer berichteten im Durchschnitt von 3 Stunden eingesparter Arbeitszeit pro Woche. Besonders groß waren die angegebenen Zeitgewinne unter anderem beim Programmieren und bei der Fehlersuche in Software. Die EZB warnt allerdings davor, eingesparte Arbeitszeit unmittelbar mit zusätzlicher Wirtschaftsleistung gleichzusetzen. Produktivität entsteht erst, wenn die frei werdende Zeit für andere wertschöpfende Aufgaben eingesetzt wird.
Auch auf politischer Ebene deutet wenig auf einen Rückzug aus KI hin. Die Europäische Kommission plant, über ihren „Aktionsplan KI-Kontinent“ Investitionen von 200 Milliarden Euro zu mobilisieren. Im Vergleich dazu hat allein OpenAI laut „Financial Times“ im vergangenen Jahr 34 Milliarden US-Dollar (rund 30 Milliarden Euro) für die Entwicklung und Vermarktung von KI ausgegeben.
Parallel reguliert die EU die Technologie. Der AI-Act verpflichtet Anbieter besonders leistungsfähiger Modelle unter anderem dazu, systemische Risiken zu untersuchen und zu begrenzen, schwerwiegende Vorfälle zu melden und Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe zu treffen.
Brüssel verfolgt damit zwei Ziele: Es will bei KI aufholen und gleichzeitig die Risiken leistungsfähiger Systeme begrenzen. Für Deutschland ist das relevant, weil viele Unternehmen KI über Software- und Cloudanbieter beziehen, während die zugrunde liegenden Modelle häufig außerhalb Europas entwickelt werden.
Wer bremst zuerst?
Damit wird aus der Sicherheitsdiskussion ein Koordinationsproblem. Anthropic kann seine Entwicklung verlangsamen, OpenAI ebenfalls. Solange andere Anbieter die Entwicklung weiter beschleunigen, entstehen für jedes Unternehmen jedoch Kosten, wenn es freiwillig zurückbleibt.
International verschärft sich dieser Konflikt. Die USA beabsichtigen, ihre technologische Führungsposition zu sichern, während Europa eigene Rechenkapazitäten aufbaut und China eigene Modelle und Infrastruktur entwickelt. Gemeinsame Sicherheitsgrenzen müssten deshalb über einzelne Unternehmen hinausreichen.
OpenAI-Forschungschef Pachocki plädiert im oben erwähnten Beitrag entsprechend für verbindliche Schwellen, die auch von unabhängigen Prüfern, staatlichen Stellen oder internationalen Institutionen überwacht werden könnten. Zugleich räumt er ein, dass eine Verlangsamung der Entwicklung koordiniert werden müsse, damit verantwortungsvoll handelnde Entwickler nicht dauerhaft gegenüber Konkurrenten zurückfallen.
Was das für Unternehmen bedeutet
Für deutsche Unternehmen entsteht damit eine neue Unsicherheit. Bislang konnten sie davon ausgehen, dass die großen KI-Entwickler ihre Modelle in kurzen Abständen verbessern und neue Fähigkeiten möglichst schnell auf den Markt bringen. Diese Erwartung ist nicht mehr selbstverständlich.
Noch ist offen, ob aus den Forderungen der Entwickler tatsächlich gemeinsame Regeln oder längere Abstände zwischen neuen Modellgenerationen entstehen. Auch lässt sich wenig abschätzen, wie stark sich mögliche Verzögerungen wirtschaftlich auswirken werden.
Für deutsche Unternehmen dürfte deshalb zunächst etwas anderes entscheidend sein: die heute verfügbaren Systeme weiter in ihre Geschäftsabläufe zu integrieren. Denn während über das Tempo der nächsten KI-Generation gestritten wird, ist das wirtschaftliche Potenzial der bestehenden Technik in vielen Betrieben noch längst nicht ausgeschöpft.
(v. l. n. r.) Die Regierungschefin von Nordirland, Michelle O’Neill, die Vorsitzende der Sinn Féin, Mary Lou McDonald, der Regierungschef von Wales, Rhun ap Iorwerth, und der Regierungschef von Schottland, John Swinney, während eines Gipfeltreffens am 14. September 2026 in Cardiff, Wales. - Foto: Matthew Horwood/Getty Images
Hintergrund eines Treffens in Wales der führenden Vertreter nationalistischer Parteien und Regierungschefs aus Wales, Schottland und Nordirland sei eine in allen drei Landesteilen empfundene Bevormundung seitens der britischen Regierung sowie wirtschaftliche und soziale Benachteiligung. Dies geht aus einer Erklärung der Beteiligten des Treffens in Cardiff am Montag, 14. September, hervor.
Das Treffen der drei Parteichefs war das erste dieser Art und es ging in erster Linie um die volle staatliche Souveränität, also einen möglichen Austritt aus dem Vereinigten Königreich.
Allerdings vertreten alle drei Landesteile unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich der Art und Weise sowie des Zeitpunkts einer Abspaltung.
Parteichefs: „Zeit von Westminster geht zu Ende“
Während sich die drei Regierungschefs nicht gänzlich einig waren, entschlossen sich die in Personalunion auftretenden Vorsitzenden der drei regierenden nationalistischen Parteien der Landesteile, eine Kooperationsvereinbarung zu unterzeichnen.
Die walisische Partei Plaid Cymru, die schottische Partei Scottish National Party (SNP) und die nordirische Partei Sinn Féin drücken darin ihre Überzeugung aus, „dass die Zukunft ihrer Nationen in der Europäischen Union liegt“.
Sie bestehen darauf, dass die britische Regierung nicht die Möglichkeit haben sollte, Abstimmungen über die Zukunft der drei Landesteile zu blockieren. Sie forderten die Regierung in London zudem dazu auf, entsprechende Verfassungsänderungen vorzubereiten, zu planen und zu begleiten. Gemeint ist damit die Möglichkeit, Volksabstimmungen über eine Unabhängigkeit durchführen zu können.
Alle drei Landesteile sind gegenwärtig nicht befugt, ein solches Referendum abzuhalten, und benötigen die Zustimmung aus London.
Die drei Parteichefs halten fest: „Die Zeit von Westminster geht zu Ende.“ Westminster steht sowohl für das Parlament im Londoner Stadtteil Westminster als auch für die britische Regierung selbst.
Der Gastgeber und Regierungschef von Wales, Rhun ap Iorwerth, erklärte laut BBC während einer Pressekonferenz, wie es zu dem Treffen gekommen sei. Die Wahlen für die Landesparlamente im Mai seien ein Wendepunkt gewesen.
Die damaligen Wahlen zum walisischen und schottischen Parlament sowie zu den Kommunalräten in Teilen Englands führten letztlich zum Rücktritt des britischen Premierministers Keir Starmer.
In Wales verlor die Labour Party unter der Arbeiterschaft nach 100 Jahren ihre historisch starke Stellung. Die nationalistische Plaid Cymru von ap Iorwerth gewann 30 Sitze hinzu und konnte mit 43 Sitzen den Wahlsieg für sich verbuchen und konnte dort das erste Mal die Regierung stellen.
„Wir haben nun eine von Plaid Cymru geführte walisische Regierung mit einem klaren Mandat, die Dinge anders anzugehen“, sagte ap Iorwerth.
Auch in Schottland blieb die SNP mit 58 Sitzen weiterhin die bestimmende politische Kraft im Norden Großbritanniens.
Ap Iorwerth gab sich in Cardiff überzeugt, dass auf den britischen Inseln „eine neue politische Landschaft“ entstehe. Es setze sich „zunehmend die Erkenntnis durch, dass das Westminster-Modell nicht mehr funktioniert“.
Die BBC stellte fest, dass zum ersten Mal seit Beginn der Dezentralisierung im Jahr 1998 – als die britische Regierung Regionalparlamente in Wales, Schottland und Nordirland einrichtete – „nun alle First Minister aus dem Vereinigten Königreich austreten wollten“. Als First Minister werden die Regierungschefs der drei Landesteile bezeichnet.
Der schottische SNP-Parteichef und Regierungschef John Swinney wird von dem Sender mit den Worten zitiert: Der derzeitige britische Premierminister Andy Burnham von der Labour Party sei „der letzte Premierminister des Vereinigten Königreiches“.
Als Begründung führte Swinney an: „Das schottische Volk wird sich, wenn es in einem Referendum die Wahl zwischen Unabhängigkeit und dem Verbleib in Großbritannien hat, für die Unabhängigkeit entscheiden.“
Mary Lou McDonald, Vorsitzende der irisch-republikanischen Sinn-Féin-Partei, bezeichnete laut BBC das Treffen als „historisch“ und erklärte: „Wir haben das Recht, über unsere Zukunft zu entscheiden. Wir werden es nicht akzeptieren oder dulden, dass irgendein Premierminister uns sagt, dieses Recht stehe nicht zur Debatte.“
Nordirlands Regierungschefin Michelle O’Neill ist Mitglied einer Koalitionsregierung in Nordirland, wo die stellvertretende Regierungschefin von der Democratic Unionist Party, Emma Little-Pengelly, laut BBC der Sinn-Féin-Politikerin vorwarf, sie versuche, „das Amt des First Minister als Waffe einzusetzen“. In Nordirland verfügen die Regierungschefin und die stellvertretende Regierungschefin über die gleichen Befugnisse.
Von den drei Landesteilen weist Nordirland zwar den höchsten Anteil an Einwohnern auf, die sich ausschließlich als britisch identifizieren. Gleichzeitig ist die Frage der Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich dort besonders umstritten; rund ein Drittel der Bevölkerung wünscht sich eine Vereinigung mit der Republik Irland.
O’Neill äußerte sich verhaltener und betonte, alle drei britischen Landesteile seien „deutlich unterschiedlich“ und hätten ihre eigenen Prioritäten. Aber auch sie beklagte, dass die britische Regierung „unserem Volk nicht gut dient und dies auch niemals tun wird“.
Sie konnte sich auch nicht zu einer separaten Erklärung der Regierungen von Schottland und Wales entschließen.
Uneinigkeit über Finanzen
Die Finanzen für die verschiedenen Landesteile Großbritanniens sind nicht einheitlich geregelt. Deshalb gibt es auch Uneinigkeit zwischen Wales, Schottland und Nordirland. Dies wurde deutlich bei einer zweiten Pressekonferenz, bei der es der Schotte Swinney ablehnte, sich für eine Reform der sogenannten „Barnett-Formel“ auszusprechen, einem komplizierten System, das die Finanzierung der drei Landesteile im Verhältnis zu England regelt.
Die walisischen Regierungschefs fordern seit Langem eine Reform der Formel, da sie glauben, diese benachteilige Wales. Schottland hingegen glaubt, die Formel sei fair.
Während der wöchentlichen Fragestunde im Londoner Unterhaus am 9. September hat der britische Premierminister Burnham laut BBC zunächst erkennen lassen, dass zumindest in Schottland ein erneutes Referendum abgehalten werden könnte, „sofern es eine klare öffentliche Unterstützung für eine Abstimmung“ gäbe. Allerdings hat der Premier kurz darauf klargestellt, dass ein zweites Referendum „vom Tisch“ sei.
Bei einem Referendum über die schottische Unabhängigkeit im Jahr 2014 stimmte die Bevölkerung mit einer Mehrheit von 55 Prozent zu 45 Prozent dafür, Teil des Vereinigten Königreiches zu bleiben. Wales und Nordirland haben noch kein Referendum abgehalten. Der Regierungschef von Wales hat eine Abstimmung über die Unabhängigkeit für Wales vor den nächsten Wahlen im Jahr 2030 ausgeschlossen.
Im Landtag von Sachsen-Anhalt werden wichtige Weichen für die Kommunalfinanzen gestellt. Städte und Landkreise fordern angesichts wachsender Defizite mehr finanziellen Spielraum. - Foto: Matthias Kehrein/Epoch Times
In Kürze:
Kommunen wie Halle, Magdeburg und Mansfeld-Südharz stehen finanziell unter erheblichem Druck. Steigende Pflichtausgaben und weniger Einnahmen engen die Handlungsspielräume ein.
Städte und Landkreise fordern von der nächsten Landesregierung eine verlässlichere Finanzierung. Im Mittelpunkt stehen der kommunale Finanzausgleich und eine stärkere Berücksichtigung tatsächlicher Kostensteigerungen.
Eine AfD-geführte Landesregierung ist nach der Landtagswahl nicht ausgeschlossen. Wie die Partei den kommunalen Finanzausgleich ab 2027 konkret gestalten würde, bleibt bislang offen.
Die Landtagswahl hat die politischen Kräfteverhältnisse in Sachsen-Anhalt grundlegend verändert. Die AfD ist mit 39 von 83 Sitzen stärkste Kraft im neuen Landtag. Zur absoluten Mehrheit fehlen ihr drei Mandate. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund beansprucht das Amt des Ministerpräsidenten. Ob es dazu kommt, ist offen. Ein Machtwechsel hin zu einer AfD-geführten Landesregierung lässt sich aber nicht ausschließen.
Für Sachsen-Anhalts Städte und Landkreise ist die offene Regierungsfrage von unmittelbarer Bedeutung. Denn wer künftig im Land regiert, entscheidet auch darüber, wie viel Geld die Kommunen erhalten und wie stark das Land sie bei ihren Aufgaben unterstützt.
Der Handlungsdruck ist groß. Die Stadt Halle rechnet für 2026 mit einem Minus im dreistelligen Bereich. Die Landeshauptstadt Magdeburg plant für 2027 mit einem Fehlbetrag von rund 47 Millionen Euro.
Auch die Landkreise sehen sich durch steigende Kosten bei ihren Pflichtaufgaben unter Druck. Der Landkreistag Sachsen-Anhalt fordert, dass der kommunale Finanzausgleich ab 2027 die tatsächliche Kostenentwicklung stärker berücksichtige.
Was könnte die nächste Landesregierung also tun, damit Städte und Landkreise ihre Aufgaben noch bezahlen können?
Kommunen tief im Minus
Deutschlands Kommunen haben 2025 zusammen ein Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro verzeichnet. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sei es der höchste Fehlbetrag seit der deutschen Vereinigung.
Auch in Sachsen-Anhalt wächst die Verschuldung. Ende 2025 waren die kommunalen Kernhaushalte mit rund 3,71 Milliarden Euro verschuldet. Das waren 7,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Für die Menschen werden solche Zahlen spürbar, wenn Gebühren steigen, Investitionen verschoben oder Stellen nicht wieder besetzt werden.
Gesetzlich vorgeschriebene Aufgaben wie Sozial- oder Jugendhilfeleistungen können nicht einfach gestrichen werden, weil das Geld knapp wird.
Halle sieht kaum noch Spielraum
Besonders angespannt ist die Lage in Halle. Die Stadt rechnet für 2026 mit einem Defizit von 138 Millionen Euro. Auf Anfrage von Epoch Times beschreibt ein Stadtsprecher die Lage deutlich: Die Stadt an der Saale habe „faktisch keinen finanziellen Handlungsspielraum mehr“.
Als Ursachen nennt der Sprecher ein Missverhältnis zwischen gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben und deren Finanzierung. Hinzu kommen steigende Personalkosten durch Tarifabschlüsse, höhere Baupreise sowie wachsende Ausgaben in der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere bei den Hilfen zur Erziehung.
Nach Angaben des Sprechers reichten die besonderen Zuweisungen des Landes nicht aus, um den Finanzbedarf bei mehreren Pflichtaufgaben zu decken. Dazu gehören unter anderem Sozialleistungen, Hilfen zur Erziehung und die Schülerbeförderung.
Der Sprecher der Stadt sieht Bund und Land in der Verantwortung.
Sie müssten die Kommunalfinanzen „nachhaltig stabilisieren“. Als kurzfristige Möglichkeit nennt Halle beispielsweise einen höheren kommunalen Anteil an der Umsatzsteuer. Zugleich fordert die Stadt, Kommunen bei Sozialausgaben zu entlasten und ihnen durch neue Leistungsgesetze nicht weitere Kosten aufzubürden.
Auch Bürokratieabbau und einfachere Förderverfahren gehören zu den Forderungen. Entlastungen, die der Bund für Kommunen beschließt, sollten nach Auffassung Halles von den Ländern vollständig weitergegeben werden.
Polizisten entfernen am 7. September 2026, dem Tag nach der Landtagswahl, mobile Absperrpfosten vor dem Landtag von Sachsen-Anhalt in Magdeburg.
Foto: Ronny Hartmann/AFP via Getty Images
Milliarden vom Land
Eine zentrale Rolle spielt das Finanzausgleichsgesetz. Über dieses System verteilt das Land Sachsen-Anhalt Geld an Städte, Gemeinden und Landkreise. Für 2026 umfasst der kommunale Finanzausgleich rund 2,14 Milliarden Euro.
Wie viel Geld künftig zur Verfügung steht und nach welchen Regeln es verteilt wird, gehört deshalb zu den wichtigen Entscheidungen nach der Wahl. Gerade für 2027 brauchen die Kommunen Planungssicherheit.
Magdeburg zeigt die Folgen
In Magdeburg lässt sich beobachten, was Sparen für Bürger bedeuten kann. Die Landeshauptstadt rechnet in ihrem Haushaltsplanentwurf für 2027 mit einem Fehlbetrag von rund 47 Millionen Euro.
Bis 2034 sollen durch ein Konsolidierungskonzept fast 200 Millionen Euro eingespart werden. Einen erheblichen Beitrag soll die Verwaltung leisten. Nach Angaben der Stadt seien fast 500 Stellen unbesetzt. Die Personalkosten sollen dadurch inzwischen um rund 15 Millionen Euro jährlich niedriger liegen.
Doch das reicht nicht. Parkgebühren sollen steigen. Besonders deutlich ist die geplante Erhöhung der Kita-Beiträge: Für 2027 ist zunächst ein Plus von 44 Prozent vorgesehen.
Gleichzeitig plant Magdeburg, 2027 fast 180 Millionen Euro zu investieren, unter anderem in Schulen, Brücken, Feuer- und Rettungswachen sowie Sportstätten. Viele dieser Investitionen lassen sich nicht beliebig lange verschieben. Werden sie zurückgestellt, kann das auch Unternehmen treffen, denen öffentliche Bau- und Sanierungsaufträge fehlen.
Landkreise besonders abhängig
Anders als Städte und Gemeinden verfügen Landkreise nicht über eigene, grundgesetzlich garantierte kommunale Steuerquellen wie die Gewerbe- oder Grundsteuer. Ihre Finanzierung stützt sich wesentlich auf Zuweisungen des Landes und die Kreisumlage, die von den kreisangehörigen Städten und Gemeinden aufgebracht wird. Steigt die Kreisumlage, erhöht das die Einnahmen des Landkreises, verringert zugleich aber den finanziellen Spielraum der Gemeinden.
Der Landkreistag Sachsen-Anhalt sieht die Finanzierung der Kreise grundsätzlich unter Druck. Die Landkreise im Land wiesen im bundesweiten Vergleich die höchste Pro-Kopf-Verschuldung auf. Um so einer „strukturellen Armut“ zu begegnen, müsse der kommunale Finanzausgleich deshalb zu einem „aufgabengerechten, auskömmlichen und verlässlichen System“ weiterentwickelt werden.
Konkret fordert der Verband, dass der Finanzausgleich ab dem kommenden Jahr die tatsächlich entstehenden Kosten besser abbilde. Berücksichtigt werden müssten dabei die „unterschiedlichen, tatsächlichen Preisdynamiken insbesondere im Sozial- und Jugendhilfebereich, aber auch im Personalbereich“.
Auch bei der Kreisumlage fordert der Verband Änderungen. Bei der Berechnung des Finanzbedarfs dürften Einnahmen daraus nur in einer „tatsächlich auch erreichbaren Größenordnung“ angesetzt werden.
Für seine Erwartungen an die künftige Landespolitik verweist der Landkreis Mansfeld-Südharz westlich von Halle in seiner Antwort auf die Anfrage von Epoch Times auf das Forderungspapier des Landkreistages
Wie angespannt die eigene Finanzlage ist, zeigt der jüngste Jahresabschluss für das Jahr 2024: Der Landkreis verbuchte einen Fehlbetrag von rund 45,6 Millionen Euro. Nach dem Einsatz vorhandener Rücklagen blieben rund 38,9 Millionen Euro ungedeckt.
Was könnte sich mit der AfD ändern?
Sollte die AfD Regierungsverantwortung übernehmen, müsste sie auch Antworten auf die Finanzprobleme der Kommunen finden. In den von Epoch Times ausgewerteten öffentlich zugänglichen Veröffentlichungen der AfD-Landtagsfraktion aus den vergangenen zwölf Monaten findet sich bislang jedoch kein umfassender Vorschlag dazu, wie der kommunale Finanzausgleich ab dem kommenden Jahr ausgestaltet und finanziell ausgestattet werden soll.
Zu einzelnen Belastungen der Kommunen hat sich die Fraktion dagegen konkret positioniert. Im Januar 2026 warnte sie bei der kommunalen Wärmeplanung vor erheblichen Folgekosten für Kommunen und Stadtwerke. Sie verlangte unter anderem belastbare Kostendaten sowie Klarheit darüber, wie die daraus entstehenden Aufgaben finanziert werden sollen. Ziel sei es, eine finanzielle Überforderung der Kommunen zu verhindern.
Früher Test für die nächste Regierung
Wer Sachsen-Anhalt künftig regiert, wird schon im kommenden Jahr zeigen müssen, welchen finanziellen Spielraum Städte und Landkreise erhalten. Über den kommunalen Finanzausgleich und die Finanzierung zusätzlicher Aufgaben besitzt das Land erheblichen Einfluss.
Nicht alle Probleme lassen sich in Magdeburg lösen. Viele Sozialleistungen beruhen auf Bundesgesetzen, Tarifabschlüsse werden nicht von der Landesregierung festgelegt und Baupreise entstehen am Markt.
Sollte die AfD künftig die Regierung in Magdeburg übernehmen, würde sich daran auch ihre kommunalpolitische Bilanz messen lassen. Für die Menschen ist das keine abstrakte Haushaltsfrage. Es entscheidet mit darüber, was die Kita kostet, wann eine Straße saniert wird und welche Leistungen sich eine Kommune noch leisten kann. Die Kommunalfinanzen dürften damit zu einem der ersten praktischen Tests für die nächste Landesregierung werden.
Was genau soll die Zuckersteuer leisten? Weniger Zucker, weniger Krankheitskosten oder mehr Geld im Bundeshaushalt? - Foto: iStock/Nantiya Rattanatum
In Kürze
650 Millionen Euro soll die geplante Zuckersteuer einbringen.
Die Regierung hofft, dass Hersteller ihre Rezepturen ändern und den Zuckergehalt senken.
Die Einnahmen sollen finanziellen Spielraum für den Bund schaffen.
Noch ist offen, welche Getränke tatsächlich erfasst werden.
Auch Haferdrinks, Fertigkaffees und Biermischgetränke könnten betroffen sein.
Eine Steuer auf zuckerfreie Zero- und Light-Getränke soll es nicht geben.
650 Millionen Euro soll die geplante Zuckersteuer im Jahr 2027 in die Staatskasse bringen. So lautet die Prognose von der ehemaligen Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU).
Im Frühjahr 2026 noch plante die Bundesregierung eine „Abgabe auf zuckergesüßte Getränke“ ab 2028. Das geht aus den Eckwerten für den Bundeshaushalt 2027 und den Finanzplan bis 2030 hervor, die das Bundeskabinett am 29. April beschlossen hatte. Auch die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag vom Juni spricht noch ausdrücklich von einer „Zuckerabgabe“.
Abgabe oder Steuer?
Die von Warken eingesetzte Finanzkommission Gesundheit hatte zuvor ein Modell für eine solche Abgabe vorgeschlagen, dessen Einnahmen zur Entlastung des Gesundheitsfonds und zur Finanzierung von Präventionsmaßnahmen beitragen sollten.
Danach sollten Getränke mit weniger als fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter unbelastet bleiben. Für fünf bis unter acht Gramm waren 26 Cent je Liter vorgesehen, ab acht Gramm 32 Cent. Der Steuersatz steigt stufenweise mit dem Zuckergehalt des Getränks. Je mehr Zucker also ein Getränk enthält, desto teurer wird es.
Das soll den Anreiz für Hersteller bieten, ihre Rezepturen zu überarbeiten und den Zuckergehalt zu reduzieren. Für Verbraucher soll dadurch die Variante mit weniger Zucker attraktiver werden.
Die Kommission rechnete, zusätzlich zu den Steuereinnahmen, mit langfristigen Einsparungen bei den Krankenkassen, weil weniger Zuckerkonsum Krankheiten und damit Behandlungskosten reduzieren könnte.
Der ursprüngliche Gedanke war damit klar: Die Abgabe sollte das Verhalten der Hersteller und Verbraucher beeinflussen und zugleich direkt die gesetzliche Krankenversicherung finanziell entlasten.
Inzwischen ist die ursprüngliche Zuckerabgabe vom Tisch, ersetzt vom Finanzministerium durch eine neue Steuer. Statt einer zweckgebundenen Abgabe soll nun eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt werden – und zwar bereits 2027 statt, wie ursprünglich vorgesehen, ab 2028.
Im Unterschied zu einer zweckgebundenen Abgabe sind Steuereinnahmen grundsätzlich nicht an einen bestimmten Verwendungszweck gebunden. Auch das Aufkommen aus einer Zuckersteuer kann deshalb prinzipiell zur Finanzierung staatlicher Ausgaben verwendet werden.
Das Bundesfinanzministerium bezeichnet dieses Prinzip als Gesamtdeckungsprinzip: Steuereinnahmen dienen der Finanzierung der staatlichen Ausgaben, ohne dass „bestimmte Einnahmen für spezielle Zwecke reserviert“ sind.
Wie das Geld im konkreten Fall eingesetzt werden soll, geht inzwischen aus einer Bundestags-Drucksache hervor. Dort heißt es, der durch die Erhebung einer „Lenkungssteuer auf zuckergesüßte Getränke“ entstehende „finanzielle Spielraum“ solle genutzt werden, um die vorgesehene Absenkung des Bundeszuschusses an den Gesundheitsfonds zu verringern.
Vereinfacht gesagt: Die Zuckersteuer bringt dem Staat zusätzliches Geld. Die Millionen aus der Zuckersteuer fließen damit nicht als zusätzlicher, zweckgebundener Betrag in den Gesundheitsfonds.
Stattdessen kann der Bund damit die ursprünglich geplante Kürzung seines Zuschusses an die gesetzliche Krankenversicherung kleiner ausfallen lassen. Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bekommt dadurch mehr Geld, als sie bei der zunächst vorgesehenen Kürzung bekommen hätte.
Der Start soll auch bereits im nächsten Jahr erfolgen. Für dieses erste Jahr rechnet die Bundesregierung mit 650 Millionen Euro Steueraufkommen. Ab 2028 sollen es noch etwa 450 Millionen Euro jährlich sein. Als Grund für den Rückgang wird angegeben, dass die Getränkehersteller ihre Rezepturen verändern und den Zuckergehalt senken werden.
Wer zahlt die Zucker-Zeche?
Nach dem Modell der Finanzkommission sollte die Abgabe beim Hersteller ansetzen. Das war ausdrücklich so vorgesehen, damit die Steuer nicht nur Geld einbringt, sondern die Hersteller zu einer Änderung ihrer Rezepturen bewegt werden.
Wer weniger Zucker einsetzt, zahlt entsprechend weniger. Wer die Steuer am Ende wirtschaftlich trägt, ist eine andere Frage. Gibt ein Hersteller die Kosten über den Verkaufspreis weiter, findet der Kunde die neue Zusatzbelastung auf seinem Supermarktbon wieder.
In anderen Ländern mit einer ähnlichen Gesetzgebung wurde ein solcher Lenkungseffekt bereits beobachtet. In Großbritannien etwa sank nach Einführung der dortigen Abgabe auf Limonaden und Süßgetränke sank der Anteil der Getränke mit mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter deutlich. Zugleich ging der durchschnittliche Zuckergehalt von Erfrischungsgetränken zurück.
Allerdings wurde die Abgabe vielfach an die Verbraucher abgegeben. Am Tag der Einführung kam es zu einer sprunghaften Preiserhöhung von Getränken mit viel Zucker.
Durchschnittlich kosteten diese 4,9 Pence (etwa 5,7 Cent) pro 100 Milliliter mehr als vorher. Die Abgabe kostete die Hersteller allerdings nur 2,4 Pence pro 100 Milliliter, was einer Weitergabequote von 204 Prozent entsprach.
Welche Getränke sind gemeint?
Noch ist auch der Umfang der von der Steuer betroffenen Produkte nicht festgelegt. Ein im August bekannt gewordenes Arbeitspapier des Bundesfinanzministeriums ging deutlich über die Besteuerung zuckeriger Limonaden hinaus.
Darin wurden unter anderem Nektare, Smoothies, Haferdrinks, Fertigkaffees, Biermischgetränke sowie Getränke mit Zucker oder Süßungsmitteln genannt.
100-prozentige Fruchtsäfte und reine Milch sollten dem Papier zufolge ausgenommen werden. Wellen schlug der Vorschlag, auch zuckerfreie Getränke mit Süßungsmitteln einzubeziehen.
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) ruderte an diesem Punkt zurück: Eine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke werde es nicht geben. Das Papier aus seinem Ministerium sei lediglich ein interner Arbeitsstand und weder politisch geeint noch beschlossen.
Mit einer Zuckersteuer wäre Deutschland weder Einzel- noch Sonderfall: In über 100 Ländern gibt es so etwas wie eine Limo-Abgabe – etwa in Großbritannien, Frankreich, Ungarn oder Südafrika.
Bundeskanzler Friedrich Merz brachte kürzliche die Bundestreue wieder ins Gespräch. - Foto: via dts Nachrichtenagentur
In Kürze:
Die Bundestreue prägt das föderale Miteinander zwischen Bund und Ländern.
Die Bundestreue hat ihre historischen Wurzeln im 19. Jahrhundert.
Bislang wurde sie noch nie in der Praxis angewandt.
Zunächst können Konflikte zwischen Bund und Ländern vor dem Bundesverfassungsgericht geklärt werden.
Nach dem klaren Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt am Sonntag, 6. September, wies Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf die Grenzen politischer Macht und auf die Bundestreue hin. Das Grundgesetz gelte auch im ostdeutschen Bundesland, betonte er. So könne der Bund bei Verstößen gegen bundesrechtliche Pflichten, beispielsweise im Bereich der Migration, eingreifen. Der Bundeszwang nach Art. 37 des Grundgesetzes sei ein äußerstes Mittel.
Dahinter steht ein Verfassungsprinzip, das das Verhältnis zwischen Bund und Ländern regelt.
Doch was bedeutet Bundestreue konkret? Welche Pflichten ergeben sich aus ihr? Gab es vor diesem Hintergrund in der Vergangenheit Konflikte zwischen Bund und Ländern? Die Epoch Times beantwortet einige Fragen zu dem Thema.
Wie kam es zur Bundestreue?
Der Grundsatz der Bundestreue hat seine historischen Wurzeln im 19. Jahrhundert. In der Reichsverfassung des Deutschen Reiches von 1871 gab es bereits das Konzept gegenseitiger „Bundespflichten“. Dabei sah Artikel 19 sogar eine sogenannte Reichsexekution vor, wenn ein Bundesglied seine verfassungsmäßigen Pflichten nicht erfüllte. Es entspricht zwar noch nicht der heutigen „Bundestreue“, zeigt aber eine frühe Grundlage des Gedankens.
Der Staats- und Verfassungsrechtler Rudolf Smend (1882–1975) entwickelte die Idee weiter. In seiner 1916 erschienenen Abhandlung „Ungeschriebenes Verfassungsrecht im monarchischen Bundesstaat“ formulierte er die Bundestreue als Teil des ungeschriebenen Verfassungsrechts. Smend verstand sie als einen allgemeinen Rechtssatz, der Reich und Einzelstaaten zu einer gegenseitigen Rücksichtnahme und Zusammenarbeit verpflichtet.
Das Bundesverfassungsgericht griff diesen Gedanken 1952 auf. In einem Urteil vom 21. Mai 1952 (BVerfGE 1, 299, Leitsatz 7b) leitete es aus dem bundesstaatlichen Prinzip eine verfassungsrechtliche Pflicht des Bundes und seiner Länder zu „bundesfreundlichem Verhalten“ her. Dabei verwies es ausdrücklich auf Smends Ausführungen von 1916. Damit erkannte das Bundesverfassungsgericht die Bundestreue als ungeschriebenen Verfassungsgrundsatz an und präzisierte sie in späteren Rechtsprechungen weiter.
Was bedeutet Bundestreue konkret?
Bundestreue bedeutet im deutschen Verfassungsrecht vereinfacht ausgedrückt: Bund und Länder müssen ihre jeweiligen verfassungsmäßigen Zuständigkeiten so ausüben, dass sie aufeinander Rücksicht nehmen. Die Funktionsfähigkeit des Bundes darf nicht beeinträchtigt werden.
Die Grundlage ist das Bundesstaatsprinzip aus dem Grundgesetz, Art. 20 Absatz 1. Das Bundesverfassungsgericht leitet daraus das Gebot des „bundesfreundlichen Verhaltens“ – also die Bundestreue – ab. In dem ersten Absatz heißt es wörtlich: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“
Das Bundesverfassungsgericht schlussfolgert daraus, dass Bund und Länder bei der Ausübung ihrer Kompetenzen die Belange der jeweils anderen Seite berücksichtigen müssen (Rn. 71). Des Weiteren dürfen Bund und Länder nicht einfach aneinander vorbei handeln, wenn vor dem Hintergrund der föderalen Aufgabenverteilung eine Zusammenarbeit erforderlich ist. Auch dürfen weder Bund noch Länder in die Kompetenzen (Rn. 99) des jeweils anderen eingreifen und dadurch die föderale Ordnung beeinträchtigen.
Ein konkretes Beispiel für eine missbräuchliche Ausübung von Kompetenzen liefert ein Fall aus Bremen: Das Land verbot 2012 per Gesetz den Umschlag von Kernbrennstoffen in seinen Häfen. Es berief sich dabei auf seine Zuständigkeit für die Nutzung des Hafens. Das Verwaltungsgericht Bremen sah 2015 darin einen Verstoß gegen den Grundsatz der Bundestreue, weil Bremen damit die Kompetenzordnung des Bundes umgehe, um politischen Druck auf die Bundesregierung auszuüben. Es legte die Frage dem Bundesverfassungsgericht vor. Die Karlsruher Richter erklärten das Gesetz 2021 wegen des Verstoßes gegen die Kompetenzordnung des Grundgesetzes für nichtig.
Was passiert, wenn ein Land seine Bundespflichten nicht erfüllt?
Erfüllt ein Bundesland die ihm nach dem Grundgesetz oder einem anderen Bundesgesetz vorgeschriebenen Bundespflichten nicht, kann die Bundesregierung nach Artikel 37 Abs. 1 des Grundgesetzes Maßnahmen treffen, um das Land im Wege des Bundeszwangs zur Erfüllung seiner Pflichten anzuhalten. Dem muss der Bundesrat zustimmen.
Um den Bundeszwang durchzusetzen, kann die Regierung, die das Weisungsrecht hat, oder ein von ihr beauftragter Vertreter nach Artikel 37 Abs. 2 den Ländern und ihren Behörden Weisungen erteilen. Der Artikel 37 legt keine konkreten Maßnahmen fest. Es ist darin lediglich die Rede von „notwendigen Maßnahmen“, mit denen das Land zur Erfüllung seiner Pflichten angehalten werden soll.
Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages bezeichnen den Bundeszwang als ein „Drohmittel“ mit einer „gewissen Vorwirkung“. Darüber hinaus erfülle er eine „Reserve- und Auffangfunktion“, die im Fall eines nicht zu lösenden Konflikts bereitstehe (Seite 4).
Bei der Ausführung von Bundesgesetzen durch die Länder sieht das Grundgesetz daneben ein eigenes Verfahren der Bundesaufsicht vor. Nach Artikel 84 Abs. 3 übt die Bundesregierung die Aufsicht darüber aus, dass sich die Länder an die Bundesgesetze halten. Wenn ein Land Mängel nicht beseitigt, entscheidet auf Antrag der Bundesregierung oder des Landes der Bundesrat, ob das Land das Recht verletzt hat. Gegen diesen Beschluss kann man laut Art. 84 Abs. 4 das Bundesverfassungsgericht anrufen. Kommt ein Land seiner Pflicht nach, entfällt die Grundlage für den Bundeszwang.
Nein, bislang wurde der Bundeszwang nicht angewendet. Bisher einigten sich Bund und Länder bzw. das Bundesverfassungsgericht urteilte bei verfassungsrechtlichen Streitigkeiten.
Ein Beispiel: Mitte der 1990er-Jahre stritten der Bund und Schleswig-Holstein über die Einstufung eines Abschnitts der Bundesstraße B 75 zwischen Lübeck und Bad Oldesloe. Das Bundesverkehrsministerium wies das Land an, den Teil der Straße nach Landesrecht abzustufen. Schleswig-Holstein weigerte sich, sodass ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht die Folge war. Die Bundesregierung beantragte festzustellen, dass das Land mit seiner Weigerung gegen seine Pflichten aus dem Grundgesetz verstoßen habe.
Die Karlsruher Richter stellten am 3. Juli 2000 fest, dass die Weisung des Bundes nicht mit dem Grundgesetz vereinbar war. Er habe damit seine Befugnisse überschritten, hieß es; damit war der Antrag zurückgewiesen. Hätte das Gericht dem Bund recht gegeben und das Land sich dennoch geweigert, wäre dies Grundlage für die Einleitung eines Bundeszwangs unter Berücksichtigung der erwähnten Regeln gewesen.
Ende Juni fand übrigens die erste Bund-Länder-Konferenz in diesem Jahr statt. Die Teilnehmer betonten dabei die Wichtigkeit der Zusammenarbeit. Kanzler Merz sprach von einem „neuen Geist des föderalen Miteinanders.“
Grace Jo erzählt die Geschichte ihrer Flucht aus Nordkorea. - Foto: theepochtimes.com
Nordkorea, 1998 – Grace, ein kleines Mädchen von gerade einmal sechs Jahren, sitzt im Rucksack ihrer Mutter. Diese hat noch ihre zehnjährige Schwester an der Hand, als sie den Grenzfluss zwischen Nordkorea und China überqueren. Der Tumen bildet hoch im Nordosten über viele Kilometer eine natürliche Grenze zwischen den beiden kommunistischen Staaten.
Es dauerte rund 30 Minuten, in denen sie sich im Grenzgebiet abwechselnd versteckten, liefen und schwammen, bevor sie chinesischen Boden erreichten. „Jedes Mal, wenn wir die Grenze überqueren, ist es, als würde unser Herz auf die Größe einer winzigen Nuss zusammenschrumpfen. An der Grenze müssen wir uns unter Büschen verstecken und uns ständig umsehen, um sicherzugehen, dass uns kein Soldat von hinten erwischt. Erst wenn wir uns sicher fühlen, bewegen wir uns leise, langsam und vorsichtig weiter“, erklärt sie auf ihre Kindheit zurückblickend, während sie heute sicher im Epoch-Times-Studio sitzt. „Denn wenn uns ein Offizier, wer auch immer die Grenze bewacht, beobachtet oder entdeckt, darf er uns jederzeit erschießen…“
Grace Jo erzählt die Geschichte ihrer Flucht aus Nordkorea.
Foto: theepochtimes.com
Die Familientragödie begann 1989
„Meine Erinnerung an die Zeit, als ich sechs Jahre alt war, ist, dass wir jeden Tag froren und Hunger litten. Fast zehn Tage lang hungerten wir und tranken nur kaltes Wasser. Wir konnten Wasser aus dem Bach neben unserem Haus holen. Wir hatten großes Glück, denn viele Menschen hatten damals keinen Zugang zu sauberem Wasser.“
Während ihre Eltern versuchten, Lebensmittel zu besorgen, kümmerte sich die Großmutter um Grace und ihren vierjährigen Bruder. Auch Graces ältere Schwestern – eine war zehn, die andere 17 – versuchten, Nahrung für die Familie heranzuschaffen. Grace erzählte, dass sie jeden Morgen in die Berge gegangen seien. Bereits zur Morgendämmerung hätten sie ihre Füße zuerst in Plastiktüten und dann in Schuhe gesteckt, zum Schutz vor Wasser und Schlangen. „Spät abends kamen sie dann mit Säcken voller Wildgemüse zurück“, so Grace. „Unsere tägliche Ernährung bestand also aus Wildgemüse und Baumrinde. Ich erinnere mich auch an einige Blätter, die wir essen konnten. Wir versuchten, alles Essbare aus der Natur zu sammeln.“
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Man hatte ihren Vater an der Grenze aufgegriffen „ohne gültigen Pass“, gerade, als er „einen Sack Reis von entfernten Verwandten aus China“ über die Grenze schmuggelte. „Er wurde zum illegalen Einwanderer und zum Kriminellen erklärt. Er wurde gefoltert“, so Grace. Als er dann schließlich von einem Landgefängnis „zur Gerichtsverhandlung in die Stadt verlegt werden sollte, starb er im Zug“.
„Nach dem Tod meines Vaters wurde meine Mutter gefoltert und brachte ein acht Monate altes Frühchen zur Welt“, erinnert sich Grace an die Umstände der Geburt ihres jüngsten Bruders. Zu dieser Zeit war die Großmutter „sehr alt und kaum noch bewegungsfähig“ und die siebzehnjährige Schwester war „die Alleinverdienerin der Familie. Sie ging ins Dorf und in die Stadt, um nach Essen zu suchen.“ Eines Tages ging sie wieder aus und sagte: „Mama und Schwester, ich komme wieder. Das Essen gibt es spätestens heute oder morgen um Mitternacht.“ Doch sie kam nicht zurück. „Meine Mutter machte sich auf die Suche nach ihr. Diese Suche dauerte fast zwei Monate.“
Der Tod, ein ständiger Begleiter in Nordkorea
Während dieser Zeit zog Graces zehnjährige Schwester – das Baby tragend – durchs Dorf, um um Milch und Essen zu betteln. Zeitweise halfen die beiden Mädchen auch in der Mühle aus. Dort sammelten sie dann Reste von Maisstärke auf und kochten dem Baby Brei. Aber das reichte alles nicht. Nach zwei Monaten starb es an Unterernährung.
„Ende Juni 1998 starb meine Großmutter an Unterernährung. Ihr letzter Wunsch war eine Ofenkartoffel …“ Doch sie konnten ihn ihr nicht erfüllen.
Von der 17-jährigen Schwester hörten sie nie wieder etwas. „Es sind fast 26 Jahre vergangen, und wir wissen immer noch nicht, was mit ihr geschehen ist“, sagte Grace heute. „Wir gehen davon aus, dass sie Opfer von Menschenhandel wurde.“
In diesen schicksalhaften Monaten des Jahres 1998 entschlossen sie sich erstmals zur Flucht über den Fluss nach China. Zu dieser Zeit hatte Grace nur noch ihre Mutter, die ältere Schwester (10) und den kleinen Bruder (4). Die Mutter gab den Jungen zu einer Familie im Dorf in Obhut. Sie versprach, ihn in bald abzuholen.
Doch es kam anders als geplant. „Nachdem wir den Fluss nach China überquert hatten, herrschte dort eine starke Strömung, und aus Sicherheitsgründen und vielen anderen Gründen konnte sie nicht rechtzeitig zurückkehren.“
„Zwei Monate später schickten wir einen Boten – einen kräftigen, gut bezahlten Mann –, um nach meinem Bruder zu suchen“ – und später einen zweiten Boten. Beide kehrten eines Tages mit einer „herzzerreißenden Nachricht“ zurück. Die Familie im Dorf hatte den Jungen fast eineinhalb Monate lang aufgenommen, ihn dann aber wieder ausgesetzt.
„Er irrte im Dorf umher und suchte nach seinen Schwestern und seiner Mutter“, sagte Grace. „Eine der Frauen im Dorf hatte Mitleid mit ihm, nahm ihn mit in ihr Haus und gab ihm eine Schüssel Brei. Doch nachdem er den Brei getrunken hatte, wachte er nicht mehr auf.“
„Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits unseren Vater und unsere Großmutter verloren, unsere älteste Schwester war verschwunden, unser jüngster Bruder war verhungert und auch unser anderer Bruder war nun gestorben. Es war herzzerreißend für uns, das in China zu hören.“
Nachdem sie aus ihrer Heimat geflohen waren, mussten sie ihre Identität „verbergen und die Leute anlügen“, „weil wir nicht wollten, dass jemand herausfand, dass wir aus Nordkorea stammten“. Sie erzählten, sie kämen aus „verschiedenen Städten in China, aus verschiedenen Ländern oder aus Südkorea“.
Mit der Zeit vermischten sich in den Gedanken von Grace Vergangenheit und Gegenwart zu einer neuen Realität: „Als ich sieben bis zwölf Jahre alt war, glaubte ich tatsächlich, dass ich dasselbe Mädchen oder dieselbe Person war wie andere chinesische Mädchen, weil wir damals dieselbe Sprache sprachen. Wir aßen dasselbe und trugen dieselbe Kleidung. Ich bemerkte den Unterschied nicht wirklich.“ Doch dann wurden sie aufgegriffen. Grace war zwölf Jahre alt, als dies geschah. Man brachte sie alle nach Nordkorea zurück. „Das war das erste Mal, dass ich den Unterschied zwischen Nordkoreanern und Chinesen begriff“, sagte sie.
Nach dieser Rückführung flüchtete die Familie ein weiteres Mal. Aus den Schilderungen von Grace Jo kann hier kein genauer Zeitpunkt bestimmt werden. Er lag aber sehr wahrscheinlich zwischen 2004 und 2006, wobei Grace über die erste Rückführung (offenbar 2004) kaum etwas Genaueres sagt, wohl aber über das zweite Mal, als sie in China erwischt und erneut nach Nordkorea zurückgebracht wurden.
„Für meine Familie war es tatsächlich ganz nah dran, dass wir zu einer lebenslangen Haftstrafe in Nordkorea verurteilt worden wären, und wahrscheinlich wäre mein Leben dann ganz anders verlaufen. Ich hätte vielleicht noch ein paar Jahre in einem politischen Arbeitslager verbracht und wäre aufgrund der Entbehrungen wahrscheinlich schon gestorben. Ein weiterer Weg, der vor uns lag, war die öffentliche Hinrichtung der gesamten Familie, aber wir hatten großes Glück. So weit kam es nicht.“
Die Familie erhielt Hilfe von einem koreanisch-amerikanischen Missionar.
„Sein Name war Phillip Buck, und er konnte damals die sechs nordkoreanischen Offiziere bestechen und unsere Familie im Jahr 2006 retten. Das war damals unser letzter Versuch, aus Nordkorea zu fliehen. Mit den 10.000 Dollar Bestechungsgeld haben wir also die Unterlagen gefälscht und konnten aus dem Gefängnis entlassen werden. Wäre diese Hilfe nicht rechtzeitig gekommen, hätte es unsere Familie wahrscheinlich anders getroffen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was aus unserer Familie geworden wäre, wenn das passiert wäre.“
Rückblickend auf die Zeit ab 1998 sagte Grace: „Wir irrten zehn Jahre lang in China umher und suchten Hilfe und Zuflucht. Da die chinesische Regierung uns jedoch nicht als Flüchtlinge anerkannte, wurden wir mehrmals zwangsweise nach Nordkorea zurückgeschickt.“
Schließlich hätten die Vereinten Nationen ihre Familie jedoch als Flüchtlinge anerkannt und ihnen den Flüchtlingsstatus gewährt. Mit diesem Hintergrund konnten sie 2008 „mit einem Flug von China in die USA fliehen, wo wir schließlich unsere Freiheit fanden“, erklärte Grace Jo im Epoch-Times-Büro.
Der Reporter fragte Grace, ob sie das Gefühl habe, dass Menschen in den USA manchmal nicht zu schätzen wüssten, was sie hätten. Die aus der kommunistischen Diktatur geflüchtete Frau sagte: „Ich glaube schon. Ich kann nicht für alle Amerikaner sprechen, aber selbst meine Familie und ich – seit ich vor fast 18 Jahren nach Amerika kam – fühlen uns mittlerweile ziemlich verwöhnt. Deshalb vergleiche ich ständig Dinge, und wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir gewünscht habe, fange ich an zu jammern. Wenn meine Mutter das hört, sagt sie: ‚Denk doch an Nordkorea, denk an deine Kindheit, sei dankbar.‘ Und dann wache ich auf und denke: ‚Ja, stimmt. Ich sollte dankbar sein und mich nicht beschweren.’“
Dann erzählt sie, dass ihnen ihr christlicher Glaube Kraft gegeben habe, nicht aufzugeben. „Dreimal erfolgreich fliehen zu können, war ein unglaubliches Glück. Das hat unser Leben verändert, und ich bin Gott unendlich dankbar, dass er uns auf diesen Wegen zu so vielen wunderbaren Menschen geführt hat (…) Sei es in Nordkorea oder in China, wir sind ihnen unendlich dankbar (…). Sie haben uns mit Essen versorgt; manche haben uns Schuhe oder Kleidung geschenkt, und einige haben uns sogar sicher mit dem Auto von A nach B gebracht.“
Sie blickte noch einmal auf einige Erlebnisse an der Grenze zurück: „Von Nordkorea aus ist die Grenze nur sehr schwer zu erreichen. Jemand muss meiner Mutter also geholfen haben, den Weg zu finden.“ An der Grenze hätten sie dann zwei Soldaten gesehen, die im Fluss Krebse fingen. Sie seien gerade dann mit ihrem Fahrzeug um die Flussbiegung gefahren, als sie schon in China waren. Sie hatten sie nicht entdeckt. Beim zweiten Mal musste ihre Mutter in der Nacht Soldaten bestechen. „Jeder Moment war lebensgefährlich für uns“, so Grace. „Und jedes Mal, so sage ich, war es ein Wunder Gottes. Anders kann ich es nicht beschreiben.“
Die Menschen über sozialistische Systeme aufklären
Oft denke sie an ihre Heimat, aber auch an ihre „jüngeren Brüder, die verhungert sind, und an meine verstorbene Großmutter. Mein größter Wunsch ist es, meine Heimat eines Tages zu besuchen und zu erleben, wie sie in Freiheit lebt.“
Als der Reporter aktuelle Umfragen in den USA ansprach, die zeigten, dass „viele junge Menschen in Amerika – ich glaube, es sind mehr als 50 Prozent – eine sehr positive Einstellung zum Sozialismus haben“, sagte sie: „Ich finde, die junge Generation muss mehr über die Folgen sozialistischer Systeme erfahren. Nordkorea ist ein gutes Beispiel“, so Grace Jo. Sie meinte, dass der Sozialismus in den Lehrbüchern ideal erscheinen möge, aber in der Realität unmöglich sei.
Sie erklärte auch, dass sie sich bei einem Projekt einsetze, das Schüler in Schulen aufkläre. „Ich reise zu Highschools in Amerika und teile unsere Familiengeschichte und meine persönlichen Herausforderungen mit ihnen. So können junge Menschen sich mit humanitären Problemen, Menschenrechten und den Gefahren von Sozialismus und Diktatur auseinandersetzen und die richtigen Entscheidungen treffen.“
Wenn sie sich in Amerika Leuten vorstelle und sage, dass sie aus Nordkorea komme, „denken die meisten sofort an Raketen und Atomwaffen, an Kim Jong Un und sein Regime“. Aber: „Wir sind ein Volk. Unser Ziel ist ganz einfach: Wir wollen Freiheit. (…) Aber in Nordkorea haben wir keinerlei Freiheit, daher können wir keine Entscheidungen für unsere Familien treffen. Wir haben keine Freiheit bei der Berufswahl. Wir dürfen nicht reisen und (…) wir haben keine Meinungsfreiheit.“ Sie könnten sich auch bei niemandem über das Regime beschweren. „Sie würden drei Generationen unserer Familie bestrafen, wenn wir so etwas täten.“
Magdalena Andersson (l) von den Sozialdemokraten und Ulf Kristersson von den Moderaten am 9. September 2026 bei einer Wahldebatte in Gävle, Schweden. - Foto: Anders Wiklund/verschiedene Quellen/AFP
In Kürze:
Das Mitte-Links-Lager um Magdalena Andersson verfügt in Schweden nach Auszählung der letzten Stimmen über eine hauchdünne Mehrheit.
Die Schwedendemokraten verlieren deutlich und sind erstmals seit ihrem Einzug in den Reichstag 2010 nicht weiter auf dem Vormarsch.
Ein Regierungswechsel dürfte vor allem die Klima- und Energiepolitik verändern, während Migration und Sicherheit weniger stark betroffen wären.
Das schwedische Modell der Einbindung der Schwedendemokraten könnte auch für Deutschland politische Lehren bereithalten.
Am Ende bestimmten erst die sogenannten Mittwochsstimmen, welche künftigen Optionen auf eine Regierungsbildung die Reichstagswahlen in Schweden ermöglichen würden. Dabei handelte es sich vor allem um Briefstimmen, die im Vorfeld der Wahlen oder von Auslandsschweden abgegeben wurden.
An den grundlegenden Trends, die sich bereits am Sonntag, 13. September, abgezeichnet hatten, änderte sich wenig. Die Sozialdemokraten büßen an Stimmen ein, bleiben aber stimmenstärkste Partei. Die rechten Schwedendemokraten sind die großen Wahlverlierer und erstmals seit ihrem Parlamentseinzug im Jahr 2010 ist ihr Vormarsch gestoppt.
Zentrum gegen Regierungsbeteiligung der Linken – Liberale gegen Ministerposten für Schwedendemokraten
Nach Auszählung der letzten noch offenen Stimmen steht fest, dass das Mitte-Links-Bündnis unter Magdalena Andersson über eine hauchdünne Mehrheit im Reichstag verfügt. Ob es zu einem Regierungsbündnis reichen wird, ob Andersson ein Minderheitskabinett bilden oder eine gänzlich neue Konstellation suchen wird, ist ungewiss. Grund dafür ist, dass es Uneinigkeit über die Art und Weise der Einbindung der Linken (Vänsterpartiet) gibt.
Die Linke, die innerhalb des Mitte-Links-Lagers die größten Zugewinne verbuchte und sich als zweitstärkste Kraft im Bündnis etablierte, besteht auf einer Regierungsbeteiligung. Die agrarisch geprägte Zentrumspartei lehnt dies kategorisch ab. Ohne die Stimmen der Linken verfügt das Andersson-Bündnis allerdings über keine parlamentarische Mehrheit.
Im sogenannten Tidö-Bündnis von Ministerpräsident Ulf Kristersson besteht ein ähnliches Problem. Dort haben die Liberalen durch eine Aufholjagd auf den letzten Metern noch den Einzug in den Reichstag geschafft. Ihre Vorsitzende Simona Mohamsson lehnt Ministerämter für die Schwedendemokraten ab – Kristersson hatte im Vorfeld der Wahl jedoch angekündigt, diese offiziell in die Regierung aufnehmen zu wollen.
Koalitionen zwischen Sozialdemokraten und Konservativen in Schweden unüblich
Die rechnerisch naheliegende Option, die Zentrumspartei aus dem Mitte-Links-Bündnis loszueisen, würde an deren Unwillen scheitern, mit der Rechtsaußenpartei zusammenzuarbeiten. Umgekehrt hätte das Mitte-Links-Bündnis keinen Nutzen davon, die Linke auszubooten und stattdessen um die Liberalen zu werben. Die Vänsterpartiet verfügt gleich über zehn Sitze mehr als die Mohamsson-Fraktion.
Abhilfe würde einzig eine Einigung mit Kristersson versprechen. Er ist aus der Wahl gestärkt hervorgegangen und innerhalb seines Bündnisses, dem nun eine eigene Mehrheit fehlt, wieder klar stärkste Kraft. Mit etwa 20 Prozent liegt er gleichzeitig deutlich hinter den Sozialdemokraten – zu deutlich, um in einem Bündnis mit diesen den Führungsanspruch geltend zu machen.
Ein Bündnis zwischen Sozialdemokraten und Moderaten würde nur noch eine der kleinen Parteien der Mitte – Zentrum, Liberale oder Christdemokraten – benötigen, um eine stabile Mehrheit zu bilden. Dennoch gilt eine solche Konstellation nur als Notlösung. Sie ist vor allem nicht mit der bisherigen schwedischen Tradition vereinbar, als es lediglich in den Jahren des Zweiten Weltkrieges ein Allparteienbündnis mit Ausnahme der Kommunisten gab. Koalitionen mit knappen Mehrheiten, Minderheitskabinette oder punktuelle Abreden etwa über den Haushalt sind üblicher.
Sozialdemokraten trugen einige Verschärfungen der Migrationspolitik mit
Was aber wäre für Deutschland und Europa von einem Regierungswechsel hin zu Magdalena Andersson zu erwarten? Fundamentale Veränderungen in der Europa- oder Außenpolitik zeichnen sich nicht ab. Galt Schweden noch bis in die 2010er-Jahre als EU-weit eines der Länder mit großzügiger Einwanderungspolitik, ist diese mittlerweile eine der restriktivsten.
Verglichen mit der Regierung Kristersson ist zu erwarten, dass ein Mitte-Links-Bündnis auf gewisse Härten gegenüber Einwanderern verzichten würde – etwa bei der Familienzusammenführung oder Assimilationsvorgaben. Auch ist aggressive Rhetorik wie im Fall der Schwedendemokraten nicht zu erwarten. Allerdings haben die Sozialdemokraten einige deutliche Verschärfungen der Regierung Kristersson in der Einwanderungspolitik mitgetragen – und Maßnahmen, die sich vor allem gegen kriminelle Jugendbanden aus Einwanderermilieus richten.
Zuletzt stimmten die Sozialdemokraten für die Absenkung des Strafmündigkeitsalters von 15 auf 14 Jahre – und für die Streichung der automatischen Strafmilderung für Jugendliche. Außerdem trugen sie eine Reform mit, die Arbeitserlaubnisse an strengere Lohnanforderungen und höhere Qualifikationen knüpft. Die Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte ist in Schweden nun ein eigener Straftatbestand – und wurde auch mit Unterstützung durch die Sozialdemokraten beschlossen.
Auch Andersson würde EU-Asylpolitik mittragen
Bereits Mitte der 2010er-Jahre verschärfte Schweden auch den Kurs bei der Asylmigration – unter sozialdemokratisch geführten Regierungen. Die grundlegende Ausrichtung der Asylpolitik war gekennzeichnet durch begrenzte Aufnahmezahlen, stärker regulierte Migration, strengere Anforderungen an Sprachkenntnisse und die Ausweisung von Straftätern oder sogenannten Integrationsverweigerern.
Für die Migrationspolitik auf EU-Ebene bedeutet dies, dass Schweden auch unter sozialdemokratischer Führung Projekte wie die Gemeinsame Europäische Asylpolitik (GEAS) weiterhin mittragen wird. Das bedeutet Rückendeckung für schärfere Kontrollen an den Außengrenzen und beschleunigte Rückführungen. Gleichzeitig ist es wahrscheinlich, dass ein sozialdemokratisch geführtes Schweden einen stärkeren Fokus auf verbindliche Integrationsstandards und soziale Investitionen legen wird.
Deutlich größer als in der Einwanderungspolitik dürfte der Unterschied zwischen Kristersson und Andersson in der Klima- und Energiepolitik sein. Die Regierung Kristersson hatte die Treibstoffsteuern gesenkt, Förderungen für E-Autos zurückgenommen und den Ausbau der Kernenergie angekündigt.
Rückkehr zu ambitionierterer Klimapolitik zu erwarten
Eine von den Sozialdemokraten geführte Regierung wird – insbesondere unter dem Einfluss der Grünen – hingegen wieder einer ambitionierteren Klimapolitik das Wort reden. Es ist zu erwarten, dass Schweden EU-weit künftig wieder ambitioniertere Klimaziele verfolgen wird. Dies dürfte unter anderem auch Druck auf die Weiterentwicklung des europäischen Emissionshandels bedeuten.
Unter sozialdemokratischer Führung ist damit zu rechnen, dass Schweden Investitionen in erneuerbare Energien wieder priorisieren wird. Dazu kommen Schwerpunkte in Bereichen wie der klimabewussten Stadtplanung und der Förderung umweltfreundlicher Transportmöglichkeiten. Anders als im Fall von Deutschland ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass die schwedischen Sozialdemokraten die von der Regierung Kristersson veranlasste Renaissance der Kernkraft stoppen werden.
Auch in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist eine grundlegende Wende unwahrscheinlich. Schweden wird weiterhin eine engere Zusammenarbeit mit den NATO-Partnern im Ostseeraum anstreben und die Koordinierung der Nordflanke verstärken wollen. Gemeinsame Interessen mit Deutschland bestehen auch bei der Sicherung kritischer Infrastruktur und von Unterseekabeln sowie der Abwehr von Cyberangriffen und hybriden Bedrohungen.
Ende der „Brandmauer“ beendete Höhenflug der Rechten
Eine mögliche Lehre für Deutschland bietet das Abschneiden der Schwedendemokraten. Während es in Schweden noch in den 2000er- und 2010er-Jahren eine Art „Brandmauer“ gegen die Partei gegeben hatte, ging Kristersson das Wagnis einer kontrollierten Einbindung in die politische Verantwortung ein.
In einem ersten Schritt sollte ein Tolerierungsmodell der Mitte-Rechts-Minderheitsregierung eine Mehrheit sichern. Die Schwedendemokraten sollten damit ihre Fähigkeit zu pragmatischer Politik und Kompromissen unter Beweis stellen können. In einem zweiten Schritt – der im Bündnis weiterhin umstritten war – wollte Kristersson ihnen Ministerposten anvertrauen.
Dazu sollte es nicht kommen: Die Rechtsaußen-Partei büßte knapp drei Prozentpunkte ein und damit mehr, als die leichten Zugewinne der Koalitionsparteien egalisieren konnten. Sie verlor dabei vor allem in ihren früheren Hochburgen an Terrain – und das, obwohl die Regierung Kristersson wesentliche Inhalte ihrer Migrations- und Klimapolitik umsetzte.
Warum Regierungsbeteiligung der Rechten schadete
Insgesamt scheint jedoch ein ähnlicher Effekt wie nach der Regierungsbildung 2000 in Österreich eingetreten zu sein.
Der Eintritt der Rechten in Schweden in eine Regierungskoalition hatte zur Folge, dass sie auch potenziell unpopuläre Maßnahmen mittragen musste. So trafen Verschärfungen in der Sozialpolitik nicht nur Einwanderer, sondern auch ärmere schwedische Haushalte ohne Migrationsgeschichte, die vielfach Schwedendemokraten gewählt hatten.
Gleichzeitig konnte die konservative Regierungspartei politische Erfolge als ihre ausgeben – auch im Bereich der Einwanderungspolitik. Darüber hinaus mussten Funktionäre und Wähler damit umgehen, dass die Schwedendemokraten nicht in der Lage waren, alle ideologischen Maximalforderungen in den Tolerierungsverhandlungen durchzusetzen. Das sorgte ebenfalls für Ernüchterung. Am Ende des Tages schadete die Konstruktion, die der Partei einen Einfluss auf die Regierungspolitik ermöglichte, stärker als es die „Brandmauer“-Politik je bewerkstelligt hätte.
Die smarten KI-Brillen sollen das Smartphone nicht ersetzen. Sie übernehmen aber einige seiner Funktionen – Kamera, Musik, Telefon und Sprachsteuerung – und verlagern sie von der Hand an den Kopf. - Foto: Michael M. Santiago/Getty Images
Als ich die Ray-Ban Meta zum ersten Mal aufsetze – probeweise beim Optiker im Einkaufszentrum meiner Heimatstadt –, sehe ich zunächst keinen Unterschied zu einer herkömmlichen Sonnenbrille. Das Gestell sitzt wie gewohnt auf der Nase und die Gläser erfüllen ihren Zweck. Nur in den Bügeln steckt deutlich mehr Technik als in einer gewöhnlichen Brille.
Die Kamera steckt im Brillenrahmen
Ich drücke auf einen Knopf und mache ein Foto. Nicht mit dem Smartphone, sondern mit der Brille. Ein kleines weißes Licht an der Vorderseite leuchtet auf. Kurz darauf landet das Bild auf meinem Handy.
Dann probiere ich die Sprachsteuerung aus. „Hey Meta“, sage ich und frage nach dem heutigen Datum. Die Antwort kommt direkt in meine Ohren – aus den kleinen Lautsprechern in den Brillenbügeln und nicht von einem Bildschirm. Denn die Ray-Ban Meta hat kein Display im Brillenglas, anders als die inzwischen ebenfalls angebotene Meta Ray-Ban Display.
Die Ray-Ban Meta ist inzwischen kein Nischenprodukt mehr. Der Technologiekonzern Meta und der Brillenkonzern EssilorLuxottica, zu dem Ray-Ban gehört, bauen das Angebot zunehmend aus. Neben Ray-Ban gibt es inzwischen auch eine gemeinsam mit Meta entwickelte Ausführung der Smart Glasses von Oakley.
„Die sieht etwas sportlicher aus“, sagt die Optikerin und zeigt auf einen anderen Ständer. Je nach Ausführung kosten die Brillen etwa 400 bis 500 Euro, die Gläser kommen noch hinzu. Der endgültige Preis hängt unter anderem von Schliff, Stärke und Qualität der Gläser ab.
Doch was kann die Brille tatsächlich? Wie funktioniert sie? Und ist sie den Preis wert?
Das kleine Licht ist mehr als eine Kontrollleuchte
Das auffälligste technische Bauteil sitzt an der Vorderseite: eine Kamera. Bei der Ray-Ban Meta Gen 2 handelt es sich um eine 12-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera. Fotos werden mit 3.024 x 4.032 Pixeln aufgenommen, Videos sind in 3K möglich. Die Aufnahmen werden auf dem Smartphone in der Meta-AI-App gespeichert.
Das Prinzip ist einfach: Ich sehe etwas, drücke den Auslöser an der Brille – und die Kamera nimmt auf, was vor mir liegt. Das kann praktisch sein, wenn es schnell gehen muss. Ein Vogel fliegt plötzlich auf, jemand springt ins Wasser oder auf einer Reise taucht ein interessantes Motiv auf. Bis das Smartphone aus der Tasche gezogen, entsperrt und die Kamera geöffnet ist, kann der Moment vorbei sein. Mit der Brille genügt ein Knopfdruck. Oder ein Satz: „Hey Meta, mach ein Foto.“
Auch Videos lassen sich per Sprachsteuerung starten. Dabei zeigt eine kleine LED an der Vorderseite nach außen, dass die Kamera aktiv ist.
Das kleine weiße Licht an der Vorderseite der Brille wirkt zunächst wie ein technisches Detail. Tatsächlich ist die LED für eine zentrale Frage entscheidend: Wie sollen Menschen in der Umgebung erkennen, dass sie gerade fotografiert oder gefilmt werden?
Schon beim Marktstart der ersten Ray-Ban-Kamerabrille, der Ray-Ban Stories im Jahr 2021, beschäftigten sich europäische Datenschützer mit dieser Frage. Die irische Datenschutzbehörde DPC äußerte damals Zweifel, ob die Kontrollleuchte ausreichend sichtbar sei, bezeichnete sie als „very small“. Meta und Ray-Ban hätten nicht nachgewiesen, dass die LED unter realen Bedingungen tatsächlich geeignet sei, Betroffene auf eine Aufnahme aufmerksam zu machen.
Bei der 2023 vorgestellten Nachfolgegeneration Ray-Ban Meta hatte Meta auf diese Bedenken bereits reagiert: Die nach außen gerichtete LED wurde mehr als verdoppelt und um ein Blinksignal während der Aufnahme ergänzt. Diese Änderungen sollten die Aufnahme für Betroffene besser erkennbar machen und das Risiko „inconspicuous media capture“ – also unauffälliger Aufnahmen – verringern.
Als Alltagsgegenstand getarnt?
Die Bundesnetzagentur sieht in Deutschland keine Notwendigkeit für ein Verbot von Metas Kamerabrillen, weil die Aufnahme-LED durch ihr Leuchten Umstehende warne. Demnach reicht die Ausgestaltung der Aufnahme-LED grundsätzlich aus, damit Dritte erkennen können, dass die Kamera aktiv ist. Nach dieser Lesart fällt die Brille nicht unter das Verbot sogenannter verdeckter Aufnahmegeräte.
Seit dem 12. August liegt bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) eine Strafanzeige gegen die Geschäftsführungen von Meta Platforms Technologies Ireland Limited, Ray-Ban und Oakley sowie gegen die Optikhandelsketten Fielmann, Apollo-Optik, Mister Spex und MediaMarkt vor. Eingereicht hat sie die Organisation HateAid. Nach Auffassung von HateAid verstößt der Verkauf der Ray-Ban Meta in Deutschland gegen das Telekommunikation-Digitale-Dienste-Datenschutz-Gesetz (TDDDG).
Die Organisation sieht darin einen Straftatbestand. Nach § 8 Abs. 1 und § 27 Abs. 1 Nr. 3 ist es verboten, Geräte auf den Markt zu bringen, die als Alltagsgegenstände getarnt und dazu bestimmt sind, andere Personen unbemerkt abzuhören oder zu filmen. HateAid hält die Smart Glasses von Meta und Ray-Ban insbesondere deshalb für problematisch, weil sie äußerlich kaum von herkömmlichen Ray-Ban-Brillen zu unterscheiden sind. Das Design orientiert sich unter anderem am klassischen Ray-Ban-Modell Wayfarer. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, drohen den Beschuldigten nach Darstellung von HateAid Geld- oder Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren.
Doch die LED wirft noch eine andere Frage auf. Meta bezeichnet sie ausdrücklich als „capture LED“. Sie signalisiert nach Angaben des Unternehmens, wenn Fotos, Videos oder Livestreams aufgenommen werden, die in der Galerie landen.
Die Kamera kann jedoch auch für KI-Funktionen eingesetzt werden. Mit „Look and Ask“ kann der Träger etwa fragen, welches Gebäude oder welche Pflanze er gerade vor sich sieht. Dafür muss die Kamera die Umgebung erfassen und Bildinformationen an die KI übermitteln. Bei neueren Ray-Ban-Meta-Modellen bleibt die LED bei bestimmten KI-Funktionen ausgeschaltet. Ray-Ban erklärt dies damit, dass die Kamera dabei keine Inhalte für die Galerie aufnimmt. Die LED signalisiere vor allem dann, wenn Fotos, Videos oder Livestreams aufgenommen werden, die mit anderen geteilt oder in der Galerie gespeichert werden können. Damit leuchtet die LED also nicht bei jeder Nutzung der Kamera.
Für den Datenschutz stellt sich deshalb eine andere Frage: Muss ein Gegenüber auch dann erkennen können, dass seine Umgebung gerade von einer Kamera erfasst und von einer KI analysiert wird, wenn dabei kein Foto oder Video für die Galerie entsteht?
Diese offenen Fragen scheinen die Erfolgsgeschichte nicht aufzuhalten: 2025 wurden weltweit mehr als 7 Millionen KI-Brillen von EssilorLuxottica und Meta verkauft. Darin enthalten sind Ray-Ban Meta und Oakley Meta. Im zweiten Quartal 2026 hat sich der Absatz der gemeinsam mit Meta entwickelten KI-Brillen gegenüber dem Vorjahresquartal nahezu verdoppelt, teilte EssilorLuxottica im Juli mit.
Für Karola aus Norddeutschland war allerdings nicht die Technik der Grund, eine Ray-Ban Meta zu kaufen. Die Reittrainerin besitzt die Brille seit etwa einem halben Jahr. Auf das Modell aufmerksam geworden war sie durch den Fußballer Thomas Müller. „Ich habe das Modell bei Thomas Müller gesehen und fand das Gestell toll.“
Viele der smarten Funktionen nutzt sie bislang kaum. Praktisch findet sie dagegen, dass sie beim Telefonieren das Smartphone nicht mehr in die Hand nehmen muss. Auch Musik hört sie über die Brille – etwa wenn sie im Urlaub am Strand ein Buch liest.
Sie hört mit – und antwortet. In den Bügeln befinden sich mehrere Mikrofone. Sie nehmen Sprachbefehle auf und ermöglichen Telefonate. Dazu kommen offene Lautsprecher. Musik und die Antworten des Sprachassistenten werden direkt über die Bügel ausgegeben, ohne dass die Ohren durch Ohrhörer verschlossen sind. „Das war schon beim ersten Ausprobieren überraschend angenehm. Ich höre Musik und bekomme gleichzeitig mit, was um mich herum passiert“, so Karola.
Die Brille selbst ist dabei nicht das eigentliche Rechenzentrum. Sie arbeitet mit dem Smartphone und der Meta-AI-App zusammen; für viele Funktionen ist zudem eine Internetverbindung erforderlich. Geladen wird sie über das Etui, je nach Gebrauch hält sie bis zu 8 Stunden.
Übersetzen, ohne das Smartphone herauszuholen
Die für sie interessanteste Funktion hat Karola bislang noch nicht in der Praxis genutzt, will sie aber auf ihrer nächsten Reise ausprobieren: Mit dem Sprachbefehl „Hey Meta, Liveübersetzung starten“ kann man sich in Echtzeit eine Unterhaltung übersetzen lassen. Inzwischen unterstützen die smarten Brillen 20 Sprachen. Die Übersetzung erfolgt über offene Lautsprecher als Audio sowie als Text in der App. Der Unterschied zu einer Übersetzungs-App auf dem Smartphone liegt vor allem in der Bedienung. Das Telefon muss nicht zwischen zwei Gesprächspartnern gehalten, weitergereicht oder ständig auf den Bildschirm geschaut werden. Der Blick kann beim Gegenüber bleiben.
Bei einem Gespräch auf Spanisch etwa nimmt die Brille die Worte des Gegenübers über ihre Mikrofone auf. Meta AI verarbeitet die Sprache und gibt die Übersetzung anschließend über die Lautsprecher in den Brillenbügeln aus.
Als ich die Brille beim Optiker wieder absetzte, fühlt sie sich nicht wie ein technisches Gerät an, das ich zusätzlich mit mir herumtrage. Sie fühlt sich zunächst tatsächlich wie eine Brille an. Nur dass diese Brille hören, sprechen, fotografieren, telefonieren und Fragen beantworten kann.
Mit zunehmendem Alter benötigt der Körper pro Mahlzeit höhere Proteindosen, um den Muskelaufbau effizient zu stimulieren und dem natürlichen Muskelabbau entgegenzuwirken. - Foto: Inside Creative House/ iStock
Proteine boomen, doch mit dem Trend wächst die Verwirrung. Protein-Shake direkt nach dem Training? Maximal 30 Gramm Proteine pro Mahlzeit? Hüttenkäse vor dem Schlafen? Bei all den Regeln und Mythen verliert man schnell den Überblick. Die gute Nachricht: Es ist deutlich einfacher, als man denkt.
Der 30-Gramm-Mythos
Sie haben es wahrscheinlich schon einmal gehört: Der Körper kann pro Mahlzeit nur etwa 30 Gramm Protein aufnehmen, alles darüber hinaus sei verschwendet. Das stimmt nicht. Forschungsergebnisse zeigen, dass es keine festgelegte Menge an Protein gibt, die der Körper in einer einzigen Mahlzeit verwerten kann.
Diese Vorstellung stammt aus früheren, aber mittlerweile relativierten Untersuchungen, die zeigten, dass der Verzehr von mehr als 25 bis 30 Gramm hochwertigem Protein in einer Mahlzeit im Vergleich zu einer geringeren Menge keinen nennenswerten zusätzlichen Muskelaufbau bewirke.
So ergab eine Studie aus dem Jahr 2023 in „Cell Reports Medicine“, dass Mahlzeiten mit bis zu 100 Gramm Protein den Muskelaufbau über Stunden hinweg aufrechterhielten.
Die Menge an Protein, die man täglich zu sich nimmt, ist wichtiger als der Zeitpunkt der Einnahme. Als allgemeine Richtlinie gelten etwa mindestens 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, wobei Menschen, die regelmäßig Sport treiben, mehr benötigen. Durch körperliche Bewegung und Training kann der Tagesbedarf je nach Intensität auf 1,4 bis 2,0 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht steigen. Bei einem Körpergewicht von 75 Kilogramm wären dies beispielsweise 105 bis 150 Gramm pro Tag.
„Ich denke, die Bedeutung des Zeitpunkts wird weitgehend überbewertet“, sagte James McKendry, Ernährungsforscher an der University of British Columbia mit dem Schwerpunkt Altersphysiologie und Muskelproteinstoffwechsel, gegenüber Epoch Times und merkte an, dass für die meisten Menschen, die Muskeln aufbauen wollen, die tägliche Gesamtzufuhr in Kombination mit Krafttraining tatsächlich ausschlaggebend für die Ergebnisse ist.
Allerdings kann die Verteilung der Proteinzufuhr über den Tag hinweg einen leichten Schub für die Muskelproteinsynthese bieten, sobald die tägliche Gesamtmenge bereits im Zielbereich liegt.
Eine 2013 im „Journal of Physiology“ veröffentlichte Studie ergab, dass Menschen, die alle drei Stunden 20 Gramm zu sich genommen hatten, mehr Muskeln aufbauten als diejenigen, die die gleiche Gesamtmenge in wenigen größeren oder sehr kleinen, häufigen Dosen konsumierten.
„Es ist viel einfacher, mehrmals täglich 20 Gramm Protein zu sich zu nehmen als 60 Gramm in einer Mahlzeit“, erklärte Markelle Strzalkowski, eine staatlich geprüfte Ernährungsberaterin, gegenüber der Epoch Times. Sie empfiehlt, den Tag mit einem proteinreichen Frühstück zu beginnen, um den Blutzuckerspiegel zu regulieren, das Sättigungsgefühl zu steigern und das Erreichen des täglichen Proteinziels zu erleichtern.
Pragmatismus schlägt Perfektion
Jake Cox, ein Forscher im Bereich des Skelettmuskelstoffwechsels an der Universität Nottingham, erklärte gegenüber der Epoch Times, dass die Feinabstimmung vor allem für Menschen wichtig ist, die bereits viel Protein zu sich nehmen – Bodybuilder und Sportler, die die letzten 1 oder 2 Prozent an Zuwächsen anstreben. Für die meisten Menschen ist die Verteilung des Proteins über die Mahlzeiten hinweg eigentlich nur ein praktischer Weg, um ihren Bedarf zu erreichen.
Selbst Menschen mit sitzender Lebensweise profitieren von einer relativ gleichmäßigen Verteilung der Proteinzufuhr über den Tag, um den Erhalt der Muskelmasse zu unterstützen, so Cox. Für Menschen, die eine Keto-Diät oder eine Eine-Mahlzeit-pro-Tag-Diät befolgen, steht möglicherweise eher das Körpergewicht als die reine Muskelmasse im Mittelpunkt.
„In einer idealen Welt würde ich dennoch empfehlen, dreimal täglich 20 bis 30 Gramm Protein zu sich zu nehmen. Selbst wenn man das in Form von Proteinpulver mit etwas Wasser oder Milch zu sich nimmt“, sagte Cox über seine Empfehlung in Zusammenhang mit speziellen Diäten.
Das Zeitfenster nach dem Training ist größer, als man denkt
Trotz jahrzehntelanger Empfehlungen, unmittelbar nach dem Training einen Proteinshake zu trinken, gibt es kaum Belege dafür, dass dies einen wirklichen Unterschied macht.
Eine 2024 in „Frontiers in Nutrition“ veröffentlichte klinische Studie ergab, dass die Proteinzufuhr unmittelbar vor oder nach dem Training kaum einen zusätzlichen Nutzen bot, wenn die tägliche Gesamtzufuhr bereits ausreichend war. Das liegt daran, dass Krafttraining die Muskeln dazu anregt, Protein über einen viel längeren Zeitraum als 30 Minuten nach dem Training zu verwerten.
Studien zeigen, dass nach Krafttraining der Aufbau von Muskelmasse in den ersten 24 Stunden besonders aktiv ist. Bei gut trainierten Personen nimmt der Effekt nach etwa 24 bis 36 Stunden ab, bei weniger trainierten Personen können die Muskeln auch 48 Stunden nach dem Training noch profitieren.
McKendry verglich die alte Vorstellung eines engen „anabolen Fensters“ eher mit einem Garagentor als mit einem kleinen Spalt: „Man muss sich wirklich keinen Stress machen, den Proteinshake unmittelbar nach dem Training hinunterzustürzen.“ Für den durchschnittlichen Fitnessstudio-Besucher ist es weitaus wichtiger, sein tägliches Proteinziel konsequent zu erreichen, als auf das perfekte Timing zu achten.
Hilft Protein vor dem Schlafengehen?
Die Theorie hinter der Proteinzufuhr vor dem Schlafengehen besagt, dass der Schlaf für die meisten Menschen die längste Zeit ohne Nahrungsaufnahme darstellt, sodass ein Snack davor die Muskelregeneration über Nacht unterstützen könnte. Da ist etwas Wahres dran: Untersuchungen zeigen, dass Kasein, das langsam verdauliche Protein aus Milchprodukten, den Muskelaufbau im Schlaf anregen kann.
„Ob sich das in langfristigen Muskelzuwächsen niederschlägt, ist noch eine offene Frage“, sagte McKendry, „aber es kann sicherlich den akuten Muskelaufbau anregen.“ Der größte Vorteil könnte jedoch darin bestehen, dass es eine weitere Möglichkeit bietet, das tägliche Proteinziel zu erreichen. Cox erklärte, Protein vor dem Schlafengehen sei nicht wegen eines magischen Schlafzeitfensters nützlich, sondern weil es neben Frühstück, Mittag- und Abendessen eine vierte proteinhaltige Mahlzeit darstelle.
Warum der Zeitpunkt mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt
Ältere Menschen benötigen mehr Eiweiß, um ihre Muskelmasse zu erhalten. Das liegt nicht daran, dass der Körper Muskeln schneller abbaut – sondern daran, dass er verlernt hat, sie genauso effizient wieder aufzubauen. Um denselben Muskelaufbau-Reiz wie in jungen Jahren zu setzen, braucht der Körper im Alter eine höhere Dosis Protein.
„Es gibt Hinweise darauf, dass dieser Prozess bereits im Alter von 35 bis 40 Jahren einsetzt, sich aber ab etwa 50 deutlich beschleunigt. Wenn wir 60 oder 70 sind, ist der Effekt wirklich sehr ausgeprägt“, sagte Cox. McKendry merkte an, dass mehrere Forscher und Expertenkonsens-Erklärungen 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht als Mindestmenge für ältere Erwachsene empfehlen, was deutlich über dem allgemeinen Richtwert liegt.
Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ältere Erwachsene davon profitieren können, wenn sie die Proteinzufuhr gleichmäßig über die Mahlzeiten verteilen.
„Ich würde sagen, es ist viel besser, sich darauf zu konzentrieren, 40 Gramm zu erreichen, wenn man älter ist, und das dreimal täglich – zum Frühstück, Mittag- und Abendessen“, sagte Cox.
Auch die Proteinqualität zählt
Protein ist nicht gleich Protein, und woher es stammt, ist nicht nur für die Muskeln entscheidend. Ein Blick in die Supermarktregale zeigt: Protein wird mittlerweile fast allem zugesetzt, von Chips über Kekse bis hin zu Mineralwasser.
„Ich halte das eher für einen Marketing-Hype als für einen Gesundheitsgewinn“, sagt Ernährungswissenschaftler McKendry. Zwar können angereicherte Snacks helfen, das Tagesziel zu erreichen, den Großteil sollten jedoch naturbelassene Lebensmittel ausmachen.
Der Grund dafür liegt meist nicht am Protein selbst, sondern am hohen Verarbeitungsgrad dieser Produkte. Echte Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Eier, Hülsenfrüchte oder Soja liefern neben Eiweiß auch Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe, alles Nährstoffe, die in hochverarbeiteten Fitness-Snacks meist fehlen.
Neben dem Verarbeitungsgrad unterscheidet sich Protein auch in seiner Zusammensetzung. Um Muskeln und Gewebe aufzubauen, braucht der Körper sogenannte vollständige Proteine, also Eiweiße, die alle essenziellen Aminosäuren enthalten.
Tierische Produkte und einige wenige pflanzliche Lebensmittel, wie Tofu, Edamame und Quinoa, bringen dieses vollständige Profil von Natur aus mit. Wer sich primär von pflanzlichen Quellen ernährt, sollte die Proteine über den Tag clever kombinieren, um alle Bausteine abzudecken.
„Gramm für Gramm verglichen haben tierische Quellen bei der biologischen Wertigkeit meist noch einen leichten Vorteil“, resümiert McKendry.
Die 80-Prozent-Regel für den Erfolg
In erster Linie kommt es darauf an, über den Tag verteilt ausreichend Protein zu sich zu nehmen. Der Zeitpunkt und die Verteilung der Proteinzufuhr können einen kleinen Vorteil bieten, sind jedoch zweitrangig gegenüber der einfachen Tatsache, täglich genug Protein zu essen.
Wie McKendry es ausdrückte: „Ich glaube nicht, dass sich die Menschen so sehr stressen müssen, wie sie es tun. Solange sie sich abwechslungsreich und proteinreich ernähren und sich regelmäßig körperlich betätigen, haben sie bereits 80 Prozent dessen erledigt, was sie tun müssen.“
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Protein Rules That Actually Matter“. (deutsche Bearbeitung kr)
Ein Forschungstaucher untersucht Altmunition in der Ostsee. Im Bild eine Seemine in der Kollberger Heide vor Kiel. - Foto: Christian Howe, BMUV
In Kürze:
Auf dem Meeresgrund der Nord- und Ostsee befinden sich rund 1,6 Millionen Tonnen an Altmunition.
Im Laufe der Jahrzehnte zersetzen sich die Materialien und gefährliche Schadstoffe gelangen in die marine Umwelt.
Zur Bergung hat die Bundesregierung ein Sofortprogramm in die Wege geleitet.
Die Kosten dafür liegen im dreistelligen Millionenbereich. Verfahren stecken noch in der Erprobung.
Für Badegäste besteht keine unmittelbare Gefahr. Verwechslungsgefahr besteht bei Strandfunden.
Tausende Badegäste strömen jeden Sommer an die Nord- und an die Ostsee. Oft unwissend darüber, dass sich in diesen Gewässern giftige Relikte aus Kriegszeiten befinden, die auf den Meeresgrund ruhen. Der nagende Zahn der Zeit setzt deren verschiedenen Schadstoffe frei.
Doch was bedeutet das für Anwohner und Besucher der Region und was passiert allgemein mit dieser Altmunition? Antworten dazu erhielt Epoch Times vom Schiffbau-Ingenieur Dr. Wolfgang Sichermann von der Seascape GmbH. Sie koordiniert im Auftrag des Bundesumweltministeriums das „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“.
Der Schiffbauingenieur Dr. Wolfgang Sichermann.
Foto: D. Möllenhoff
Epoch Times: Guten Tag, Herr Sichermann. Wie ist die momentane Lage in Nord- und Ostsee bezüglich Altmunition?
Wolfgang Sichermann: Es liegen die von Experten geschätzten rund 1,6 Millionen Tonnen Munition in deutschen Meeresgebieten. Munition, die immer stärker korrodiert. Die größten Mengen davon finden sich konzentriert in den „Munitionsversenkungsgebieten“.
Manche Munitionskörper sind noch verschlossen und im guten Zustand, andere schon völlig verschwunden. Explosivstoffe liegen dort frei im Wasser und lösen sich langsam auf.
Eine geborgene Munitionskiste am 13. September 2024.
Foto: BMUV
Welche Folgen hat das für die marine Tierwelt? Welche Folgen hat das für den Menschen, etwa Badegäste?
Bereits jetzt ist nachweisbar, dass Muscheln und Fische in Nähe von Versenkungsgebieten mit sprengstofftypischen Verbindungen stärker belastet sind. Bei standorttreuen Fischarten, in denen sich TNT und dessen Abbauprodukte nachweisen lassen, ist auch eine Zunahme von Tumoren beobachtet worden.
Badegäste und Wassersportler müssen sich keine Sorgen machen: Die Konzentrationen sind im Allgemeinen so gering, dass ein Wasserkontakt keine Probleme verursacht. Die Munitionsversenkungsgebiete befinden sich in deutlichem Abstand vom Ufer. Auf Seekarten sind sie mit „Munition/unrein“ gekennzeichnet, man darf hier nicht ankern und nicht fischen.
Auswirkungen der Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee.
Eine konkrete Gefährdung entsteht allerdings, wenn Munition oder Munitionsbestandteile an Land gespült werden. Direkter Hautkontakt mit Sprengstoffen kann Vergiftungen hervorrufen. Besonders tückisch ist entzündlicher weißer Phosphor, der vermeintlich für Bernstein gehalten wird. In Gegenden, wo dies bereits mehrfach aufgetreten ist, gibt es meist Aufklärungstafeln.
Informationen zum richtigen Umgang mit Strandfunden finden sich zum Beispiel in einem Faltblatt des Landesamtes für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit von Schleswig-Holstein.
Wie realistisch sind die Pläne oder Versprechen der Regierung, diese Altmunition zu bergen? Gibt es Auflagen, die erfüllt werden müssen?
Das Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee ist kein „Versprechen“, sondern eine 2023 begonnene Maßnahme, um die Voraussetzungen für eine systematische und umweltgerechte Bergung und Entsorgung von Munitionsaltlasten auf See zu schaffen.
Neben dem Verbesserungsgebot der Wasserrahmenrichtlinie bestehen keine konkreten Auflagen. Die Bundesregierung handelt hier nach dem Vorsorgeprinzip. Anders verhält es sich in Fällen, wenn von Kampfmitteln unmittelbare Gefahren ausgehen, etwa beim Auffinden von Blindgängern in Seeschifffahrtsstraßen oder bei Infrastrukturmaßnahmen.
Für die Beseitigung der Munitionsaltlasten ohne unmittelbare Gefahr gibt es auch keine gesetzliche Verpflichtung. Die Bundesregierung wird mit dem Sofortprogramm freiwillig tätig – zur Abwendung langfristiger Umwelt- und auch Gesundheitsschäden.
Ablauf des Sofortprogramms Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee. Foto: BMUKN
Welche Herausforderungen gibt es im Vorfeld oder Prozess der Bergung?
Mit der Identifikation und Bergung von Munition in Versenkungsgebieten betreten wir Neuland. Einerseits können wir annehmen, dass der Großteil der Munition unbezündert beziehungsweise nicht scharf ist. Andererseits muss jedes einzelne Objekt mit der gebotenen Sorgfalt behandelt werden. Die besondere Herausforderung liegt also in der Quantität. Es gilt einen entsprechend sicheren und effizienten Prozess zu entwickeln.
Zu diesem Zweck haben wir in den Jahren 2024 und 2025 Pilotbergungen in der Lübecker Bucht und vor Boltenhagen durchgeführt. Ziel war es, Erkenntnisse über Art und Zustand der versenkten Kampfmittel zu gewinnen und die Leistungsfähigkeit der eingesetzten Bergetechnologien zu ermitteln.
Darüber hinaus wurde bei der Pilotierung deutlich, dass die sonst bei Gefahrenabwehr eingesetzten Verfahren und Regeln keine Anwendung bei der Kampfmittelbergung aus Umweltschutzgründen finden konnten. Bund und Länder bemühen sich nun hier langfristig Klarheit herzustellen.
Die Bergung ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die umweltgerechte Entsorgung (Vernichtung) der geborgenen Munition. Auch hier stehen wir vor einem Mengenproblem. Die bestehenden Entsorgungsanlagen an Land sind ausgelastet. Der Kern des Sofortprogramms ist es daher, die erste auf See betriebene Entsorgungsanlage zu entwickeln und zu bauen.
Pilotierungsarbeiten vor Pelzerhaken West.
Foto: Helen Fischer, BMUV
Welche Verfahren gibt es hierzulande? Welche sind erprobt?
Zur Verwertung und Entsorgung von Kampfmitteln und Explosivstoffen stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Für das breite Spektrum an Explosivstoffen in Weltkriegsmunition hat sich jedoch eine kontrollierte Verbrennung als zielführend erwiesen. Entsprechende Anlagen arbeiten an Land zuverlässig seit Jahrzehnten.
Insbesondere die Technologie zur Abgasreinigung wurde kontinuierlich verbessert. Hier gilt es eine bestehende Technologie reif für den sicheren und robusten Einsatz auf See zu machen.
Und wie wird das im Ausland gehandhabt?
Speziell die Ostseeanrainerstaaten sind sich der Situation sehr bewusst. Dabei beschränken sich die meisten Aktivitäten auf Monitoring und auf die Untersuchung und Prognose von Auswirkungen.
Was Bergung und Entsorgung betrifft, so blicken alle mit Interesse auf das deutsche Programm. Auch von außerhalb der EU, denn verklappte Munition ist ein weltweites Problem.
Welche Kosten verursacht diese Altmunition in der Ostsee? Wie viel die in der Nordsee?
Meines Wissens gibt es hierzu noch keine belastbaren Zahlen. Es sind auch sehr unterschiedliche Effekte, die dabei zu berücksichtigen sind.
Neben den direkten Kosten für die Beseitigung von Altmunition in konkreten Gefahrensituationen nehmen Unternehmen viel Geld in die Hand, um eine Kampfmittelfreiheit bescheinigen zu können, bevor Infrastrukturmaßnahmen beginnen können.
Dabei stellen sich folgende Fragen: Wie ist die bereits festgestellte Beeinträchtigung des Gewässerzustandes und der Lebewesen monetär zu bewerten? Hat dies beispielsweise auch Auswirkungen auf die Artenvielfalt, Fischereierträge oder die Fähigkeit der Meere Kohlendioxid zu binden? Welche ökologischen Folgekosten hätte ein Nichtstun?
Eine konkrete Summe nannte hierzu das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN). Gegenüber Epoch Times teilte ein Sprecher mit, dass die Bundesregierung für das Sofortprogramm bisher 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt habe.
Nach Ende des Sofortprogramms werde der Bund für den Zeitraum von insgesamt sechs Jahren die Finanzierung der Munitionsbergung vollständig übernehmen, im Rahmen einer Pilotphase, wie das Ministerium mitteilte. Hierfür sind im aktuellen Finanzplanungszeitraum 50 Millionen Euro pro Jahr ab 2028 vorgesehen. Neben möglichen Folgekosten sind auch die Gesamtkosten der Bergung und Entsorgung zum jetzigen Zeitpunkt unbekannt.
Aktuell sind mehrere große Bauprojekte in Nord- und Ostsee geplant wie Windparks. Inwieweit beeinflussen die Schadstoffe der Altmunition diese Vorhaben?
Die Schadstoffe aus der Munition selbst haben hier keinen Einfluss auf die Aktivitäten. Es erfordert jedoch Zeit und Geld, die Flächen für die jeweiligen Projektplanungen nutzbar zu machen.
Wie lange wird es ungefähr dauern, bis Nord- und Ostsee komplett frei von gefährlicher Munition sind? Ist das überhaupt möglich?
Das hängt von den verfügbaren Ressourcen und der Definition von „gefährlich“ in diesem Zusammenhang ab. Auf dem Meeresgrund freiliegende Sprengstoffe liefern den höchsten Eintrag an Schadstoffen, diese gilt es vorrangig zu entfernen.
In der diesbezüglich besonders gut erforschten Lübecker Bucht gehen wir davon aus, dass bis zu einem Drittel der versenkten Munition sichtbar auf dem Meeresboden aufliegt. Davon sind wiederum manche Munitionskörper bereits stark korrodiert, andere noch relativ gut erhalten, also verschlossen. Dies verändert sich im Laufe der Zeit.
Mit der Fokussierung auf sogenannte Hotspots, als Bereiche in denen hohe Schadstoffkonzentrationen entstehen, könnte schnell eine substanzielle Verbesserung geschaffen werden.
Die komplette Entsorgung der auf dem Meeresboden der Lübecker Bucht aufliegende Munition mit unserer ersten Anlage würde ungefähr 20 Jahre benötigen. Bei zwei Anlagen entsprechend halb so lange. Vorausgesetzt wir finden auch ausreichend Personal. Wie gesagt, es ist eine Ressourcenfrage.
Neurochirurg Dr. Joseph Maroon überwand schwere Depressionen und körperlichen Verfall – heute gibt er seine biologische Formel für geistige Klarheit und Vitalität weiter. - Foto: Pla2na/ iStock
Mit 40 Jahren schien Dr. Joseph Maroon am Ziel seiner Träume zu sein. Doch innerhalb einer einzigen Woche brach sein Leben zusammen. Sein Vater starb im Alter von 60 Jahren, seine Ehe scheiterte und ein schweres Burnout riss den Neurochirurgen aus dem Operationssaal.
„Ich wechselte von Gehirn-OPs am offenen Schädel zum Dienst an einer heruntergekommenen Raststätte, die mein Vater hoch verschuldet hinterlassen hatte“, erinnert sich Maroon. „Ein Jahr lang briet ich Hamburger und betankte Lkw, voller Verzweiflung über meinen Absturz.“
Übergewichtig, depressiv und körperlich am Ende, hatte Maroon den Tiefpunkt erreicht. Seine Genesung sollte schließlich nicht nur seine eigene Gesundheit retten, sondern auch sein Verständnis der Wechselwirkung von Körper und Geist grundlegend verändern.
Die Wende brachte die Einladung des Bankiers, der die Hypothek der Raststätte hielt. Er bat Maroon zu einer gemeinsamen Laufrunde.
„Wir liefen vier Runden auf der Sportanlage. Ich schwor mir: Nie wieder! Doch in dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal seit Monaten durch“, so Maroon.
Aus den ersten Schritten wurden längere Distanzen, später Radfahren, Schwimmen und schließlich Triathlons. Mit der körperlichen Ausdauer kehrte auch die mentale Klarheit zurück. Durch die Bewegung kurbelte er die körpereigene Produktion von Botenstoffen wie Serotonin wieder an; sein Gedächtnis schien sich wieder zu schärfen.
Studien bestätigen Maroons Erfahrung: Regelmäßiger Sport, von Gehen bis Kraftsport, kann Depressionen lindern, indem er Entzündungen hemmt, Stresshormone abbaut und die Gehirnstruktur stärkt.
Maroon bringt seine Erkenntnis auf den Punkt: „Wir wissen, dass der Geist den Körper krank machen kann: Herzinfarkte, Schlaganfälle, Reizdarmsyndrom. Aber der Körper kann umgekehrt auch den Geist heilen.“
Die vier Säulen der Balance
Die Bewegung war seine Rettungsleine, doch Fitness allein reichte nicht aus. In seinem Buch „Square One: A Simple Guide to a Balanced Life“ entwickelte Maroon ein Modell für ein ausgewogenes Leben. Es ruht auf vier Säulen: Beruf, Familie, Spiritualität und körperliche Gesundheit.
Rückblickend erkennt er: „In der Krise glich mein Leben einem flachen EKG – nur Arbeit, keine Familie, keine Besinnung.“
Sport gab ihm genug Energie und Klarheit, um mit dem Wiederaufbau zu beginnen, doch die verbesserte Fitness war nur eine Seite der Medaille. Er änderte auch seine Ernährung, fand zu seinen spirituellen Wurzeln zurück und überdachte seine Beziehungen und Prioritäten.
„Der Körper ist ein Tempel, man muss sich um ihn kümmern“, sagte er. Für ihn ist die Pflege des Körpers jedoch kein Selbstzweck. Sie bildet die Grundlage, um am Familien-, Berufs-, Gemeinschafts- und spirituellen Leben voll und ganz teilhaben zu können.
Fünf Grundpfeiler für körperliche und geistige Gesundheit
Innerhalb des körperlichen Bereichs definiert Maroon fünf Grundpfeiler: gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, Schadstoffvermeidung, Stressabbau und ausreichender Schlaf.
Zwei biologische Faktoren hebt er besonders hervor:
Die Darm-Hirn-Achse: Hochverarbeitete Nahrung schädigt die Darmflora und schürt Entzündungen im gesamten Körper. Eine gestörte Darmflora steht heute im Verdacht, neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson zu begünstigen. Maroon rät daher zu ballaststoffreicher Kost und fermentierten Lebensmitteln.
Oxidativer Stress und Schutzstoffe: Instabile freie Radikale schädigen mit der Zeit Gehirnzellen. Dagegen nutzt das Gehirn vor allem Glutathion, ein körpereigenes Antioxidans. Forschungen zeigen, dass ein Absinken dieses Schutzschilds eng mit Nervenerkrankungen zusammenhängt.
Neuanfang in jedem Alter
Maroons Vater starb mit 60 Jahren, als Maroon selbst 40 war. Dieser Verlust zwang ihn dazu, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie es mit seiner eigenen Gesundheit weitergehen könnte.
Ab der Lebensmitte können Muskelmasse und körperliche Belastbarkeit allmählich abnehmen, während jahrelanger Schlafmangel, schlechte Ernährung, Bewegungsmangel und unbewältigter Stress immer schwerer zu ignorieren sind.
Doch diese Muster sind nicht in Stein gemeißelt. Regelmäßige Bewegung, ausreichende Erholung, gesunde Ernährung, sinnvolle Beziehungen und ein Sinn im Leben können auch im Alter die Lebensqualität maßgeblich beeinflussen – wie auch Maroon heute noch mit 85 Jahren beweist.
Ein Elektro-Lkw an der Ladesäule. China dominiert inzwischen den weltweiten Markt für elektrische Lastwagen. In Europa wächst der Wettbewerbsdruck auf etablierte Hersteller. - Foto: David Hammersen/dpa
In Kürze:
China dominiert den E-Lkw-Markt: Mehr als neun von zehn weltweit verkauften Elektro-Lkw wurden 2025 in China abgesetzt.
Europa steht unter Zugzwang: Strengere CO₂-Vorgaben und der Ausbau der Ladeinfrastruktur treiben den Markt für elektrische Lastwagen voran.
Deutsche Hersteller bekommen neue Konkurrenz: Chinesische Anbieter drängen nach Europa – doch Service, Ersatzteile und Werkstattnetze bleiben wichtige Hürden.
Der chinesische Vorsprung bei Elektrofahrzeugen beschränkt sich längst nicht mehr auf Personenwagen. Auch bei Lastwagen dominiert China inzwischen den Markt. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) wurden 2025 weltweit erstmals mehr als 400.000 Elektro-Lkw verkauft. Mehr als neun von zehn dieser Fahrzeuge wurden in China abgesetzt. Dort war bereits jeder vierte neu verkaufte Lkw elektrisch. Bei schweren Lastwagen lag der Anteil sogar bei 28 Prozent.
Für Europas Lkw-Hersteller ist diese Entwicklung wichtig. China baut Elektro-Lkw bereits in viel größeren Mengen als Europa. Dadurch können sich beispielsweise die Kosten für Fabriken, Entwicklung und Technik auf mehr Fahrzeuge verteilen. Das kann jedes einzelne Fahrzeug günstiger machen. Europa steht dagegen noch am Anfang: 2025 wurden hier nur gut 3 Prozent aller E-Lkw weltweit produziert. China hat damit einen Vorsprung, den europäische Hersteller erst aufholen müssen.
Für deutsche Hersteller wie Daimler Truck und die Volkswagen-Tochter Traton mit MAN und Scania ist diese Entwicklung besonders wichtig. Sie verdienen ihr Geld bislang vor allem mit Diesel-Lkw. Gleichzeitig müssen sie viel Geld in die Entwicklung und Produktion von Elektro-Lkw investieren. Das bedeutet: Sie müssen die bisherige Technik weiter anbieten und parallel eine neue aufbauen.
Chinesische Hersteller haben dabei einen Vorteil. In China werden bereits deutlich mehr Elektro-Lkw verkauft als in Europa. Gleichzeitig kommen viele wichtige Teile für diese Fahrzeuge aus dem eigenen Land. Das gilt vor allem für die Batterie, eines der teuersten Bauteile eines Elektro-Lkw. Der chinesische Hersteller CATL lieferte 2025 nach Angaben der IEA rund 80 Prozent der Batterien für die in China verkauften Elektro-Lkw.
Vom Nischenprodukt zum Massenmarkt
Besonders stark wächst der Absatz schwerer Elektro-Lkw. Damit sind große Lastwagen gemeint, wie sie vor allem im Güter- und Fernverkehr eingesetzt werden. Sie bilden nur einen Teil der insgesamt mehr als 400.000 Elektro-Lkw, die 2025 weltweit verkauft wurden. Bei den schweren E-Lkw stieg der Absatz innerhalb eines Jahres von rund 84.000 auf etwa 230.000 Fahrzeuge, wie es im IEA-Bericht heißt.
Europa ist von solchen Größenordnungen noch weit entfernt. Gleichzeitig verschärft die EU die Klimavorgaben für neue Lastwagen. Die EU schreibt den Herstellern für neue schwere Nutzfahrzeuge schrittweise niedrigere CO₂-Emissionen vor. Die Reduktionsziele liegen grundsätzlich bei 45 Prozent ab 2030, 65 Prozent ab 2035 und 90 Prozent ab 2040 gegenüber festgelegten Referenzwerten. Dabei wird für jeden Hersteller der durchschnittliche CO₂-Ausstoß seiner neu zugelassenen schweren Nutzfahrzeuge berechnet.
Für den weiteren Wettbewerb spielt auch die Batterieproduktion eine Rolle. Nach Angaben der IEA wurden 2025 mehr als 80 Prozent der Batteriezellen weltweit in China hergestellt. Auch bei wichtigen Materialien, die für die Herstellung von Batterien benötigt werden, entfielen mehr als 80 Prozent der weltweiten Produktion auf China. Damit trifft der wachsende europäische Markt für Elektro-Lkw auf eine Industrie, bei der China in einem wichtigen Bereich bereits eine starke Stellung besitzt: bei der Herstellung von Batteriezellen und den dafür benötigten Materialien.
Der Kaufpreis ist nicht alles
Für Speditionen zählt nicht allein, was ein Lastwagen beim Kauf kostet. Über mehrere Jahre kommen weitere Ausgaben hinzu, etwa für Energie, Wartung und Maut. Deshalb werden häufig die Gesamtkosten über die Nutzungsdauer betrachtet.
Bei dieser Rechnung schneiden Elektro-Lkw zunehmend besser ab. Nach Berechnungen der IEA können schwere batterieelektrische Lkw in China bei bestimmten Einsätzen bereits günstiger betrieben werden als vergleichbare Diesel-Lkw. In Europa ist das bislang nicht generell der Fall. Die IEA geht jedoch davon aus, dass sich die Gesamtkosten beider Antriebsarten bis 2030 weiter annähern.
Für Transportunternehmen wird damit neben dem Anschaffungspreis zunehmend wichtig, wie viel ein Lkw im laufenden Betrieb kostet. Gerade bei Fahrzeugen mit hohen jährlichen Fahrleistungen können Unterschiede bei Energie und anderen laufenden Kosten über mehrere Jahre erheblich ins Gewicht fallen.
Europas Servicenetze als Schutzwall
Die IEA weist in ihrer Studie ausdrücklich darauf hin, dass schwere Nutzfahrzeuge stärker als Pkw auf lokale Strukturen angewiesen sind. Fahrzeuge müssen an nationale Vorschriften und Einsatzzwecke angepasst werden. Lokale Produktion erleichtert zudem Garantieabwicklung, Wartung und Ersatzteilversorgung. Das erklärt, weshalb Chinas Produktionsdominanz bislang nicht automatisch zu großen europäischen Marktanteilen geführt hat. Von den weltweit 2025 produzierten Elektro-Lkw wurden laut IEA nur rund 3 Prozent grenzüberschreitend gehandelt. Aus China wurden weniger als 0,5 Prozent der dort gefertigten Elektro-Lkw exportiert. Der chinesische E-Lkw-Boom ist damit bislang vor allem ein Binnenmarktphänomen.
Für Daimler Truck, MAN, Scania und Volvo bleibt das europäische Service- und Vertriebsnetz deshalb ein wichtiger Vorteil. Ein Flottenkunde kauft nicht nur ein Fahrzeug, sondern auch die Erwartung, dass es über viele Jahre einsatzfähig bleibt. Wie dauerhaft dieser Vorsprung ist, hängt davon ab, ob chinesische Hersteller solche Strukturen in Europa aufbauen.
Deutschland baut zugleich den Markt
Eine weitere Voraussetzung für den Einsatz von Elektro-Lkw ist die Ladeinfrastruktur. Gerade im Fernverkehr müssen schwere Fahrzeuge während Pausen oder Standzeiten mit hoher Leistung geladen werden können. Deutschland fördert deshalb den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums sollen dafür über vier Jahre insgesamt 1 Milliarde Euro bereitstehen. Zum Start des Programms sind 200 Millionen Euro vorgesehen. Gefördert werden sowohl Ladepunkte auf Betriebshöfen als auch öffentlich zugängliche Anlagen.
Hinzu kommt ein Schnellladenetz an Autobahnen. Im Juli 2026 wurden die Betreiber für E-Lkw-Ladestationen an 124 unbewirtschafteten Rastanlagen ausgewählt. Die Standorte verteilen sich über das Bundesgebiet. Der Ausbau verbessert damit grundsätzlich die Bedingungen für alle Elektro-Lkw, die auf dem deutschen Markt angeboten werden, unabhängig davon, ob ihr Hersteller aus Deutschland, einem anderen europäischen Land oder China kommt.
Neue Konkurrenten aus China
Auffällig ist nicht nur die Größe des chinesischen Marktes. Dort gewinnen auch Unternehmen an Bedeutung, die ausschließlich auf neue Antriebe setzen. Fast 30 Prozent der 2025 in China verkauften Elektro-Lkw stammten nach Angaben der IEA von neuen Anbietern, die keine Lastwagen mit Verbrennungsmotor im Programm haben. Die Energieagentur nennt unter anderem Unternehmen aus dem Maschinenbau und der Schwerindustrie.
Der Weg nach Europa ist für diese Hersteller allerdings nicht automatisch frei. Bislang werden Elektro-Lkw nur in geringem Umfang über Ländergrenzen hinweg gehandelt. Von den weltweit 2025 produzierten Fahrzeugen wurden laut IEA lediglich rund 3 Prozent exportiert.
Bei Lastwagen spielt zudem der Service eine besondere Rolle. Die IEA verweist darauf, dass Flottenbetreiber auf Ersatzteilversorgung, Wartung und ein dichtes Servicenetz achten. Eine Produktion oder Montage in der jeweiligen Region kann deshalb den Markteintritt erleichtern. Einige chinesische Anbieter gehen bereits diesen Weg. Die IEA nennt unter anderem Sany, SuperPanther und Windrose, die ihre Aktivitäten in Europa ausbauen oder eine Produktion beziehungsweise Montage vor Ort anstreben.
Wettbewerb mit offenem Ausgang
Damit treffen in Europa zunehmend Hersteller mit unterschiedlichen Voraussetzungen aufeinander. Daimler Truck, MAN und Scania verfügen hier bereits über Kunden, Produktionsstandorte und Servicenetze. Chinesische Anbieter kommen dagegen aus einem Heimatmarkt, in dem Elektro-Lkw schon wesentlich stärker verbreitet sind.
Welche Seite daraus langfristig den größeren Vorteil ziehen kann, ist bislang offen. Die hohen chinesischen Produktionszahlen allein sagen noch nichts darüber aus, welche Marktanteile chinesische Hersteller in Europa erreichen werden.
Für Speditionen kommt es ohnehin nicht allein auf den Kaufpreis an. Wie bereits bei den Betriebskosten deutlich wird, zählt die gesamte Rechnung über die Nutzungsdauer eines Lastwagens.
Der Wettbewerb dürfte deshalb nicht allein über das Fahrzeug entschieden werden. Ebenso wichtig sind Energieverbrauch, Wartung, Verfügbarkeit von Ersatzteilen und Service. China hat beim Elektro-Lkw einen großen Heimatmarkt hinter sich. Ob chinesische Hersteller daraus auch einen dauerhaften Erfolg in Europa machen können, muss sich erst zeigen.
„Zu verkaufen“: Ein leuchtend rotes und weißes „À vendre“-Schild weist darauf hin, dass eine Wohnung zum Verkauf steht. - Foto: BalkansCat/iStock
In Kürze:
Immer mehr Vermieter in Frankreich verkaufen anstatt zu vermieten.
Die wirtschaftlichen und regulatorischen Belastungen nehmen zu.
Der Rückzug zeigt sich bereits deutlich am Wohnungsmarkt.
Immer häufiger verzichten Vermieter darauf, ihre Wohnungen zu vermieten. Dahinter stehen längst nicht mehr nur finanzielle Gründe. Mietausfälle, Schäden an der Immobilie, zunehmender Verwaltungsaufwand und eine höhere Steuerbelastung kommen zusammen und beeinflussen die Entscheidung vieler Eigentümer.
Diese wachsende Zurückhaltung fällt in eine Zeit, in der das Mietangebot in mehreren französischen Großstädten zurückgeht. Im Februar 2026 berichtete „Europe 1“ von einem Rückgang des Angebots an Mietwohnungen um 7 Prozent innerhalb eines Jahres. Als Gründe wurden unter anderem der zunehmende steuerliche Druck, energetische Vorgaben und rechtliche Unsicherheiten genannt.
Wie schnell eine solche Entwicklung zum Teufelskreis werden kann, zeigt das Beispiel von Frédérique, über das „Europe 1“ am 7. September berichtete.
Vor zehn Jahren vermietete sie das Haus ihrer Mutter, um deren Unterbringung in einem Pflegeheim zu finanzieren. Eine Familie mit drei Kindern zog dort ein. Schon bald kam es wiederholt zu Mietrückständen. Doch nach dem Auszug der Mieter wurde die Situation zum Albtraum.
„Ich war entsetzt, am Boden zerstört … Ich fand einen entsetzlichen Dreck vor, kaputte Möbel, herausgerissene Steckdosen, zerbrochene Fenster“, sagte Frédérique. „Sie haben ihre Fäkalien in Säcken aus den Fenstern der Veranda geworfen.“
Da die Bewohner zahlungsunfähig waren, musste Frédérique für die Sanierung selbst aufkommen. „Ich habe einen Kostenvoranschlag erstellen lassen, es geht um etwa 3.500 Euro“, sagte sie.
Verkaufsschilder an den Fenstern eines zum Verkauf stehenden Hauses in Calais, Nordfrankreich.
Foto: Philippe Huguen/AFP via Getty Images
Auch Tom aus dem Département Nord zog Konsequenzen. Nachdem er eine starke Zunahme zweifelhafter Bewerbungen festgestellt hatte, verkaufte er sämtliche Wohnungen, die er besaß. „Es gibt Menschen, die ganz genau wissen, dass ihre Unterlagen nicht stichhaltig sind. Es gibt gefälschte Dokumente und Dinge, die erfunden werden, um an die Wohnung zu kommen“, sagte er.
Besonders häufig seien ihm Unstimmigkeiten in Gehaltsabrechnungen und Steuerbescheiden aufgefallen – und das in einem Markt, in dem die Nachfrage nach Mietwohnungen das Angebot deutlich übersteigt.
Hinzu kommt die Angst vor Hausbesetzungen. Gérard aus Tarbes etwa gab seine Immobilie auf, nachdem er damit Erfahrungen gemacht hatte. „Sobald ich mein Wohnhaus geräumt hatte, bekam ich ein Problem mit Hausbesetzungen. Wir fanden drei Wohnungen mit aufgebrochenen Türen. Wir kommen nicht mehr damit klar, es wird unbeherrschbar.“
Wenn sich Vermieten nicht mehr rechnet
Auch die finanziellen Belastungen nehmen zu. Die Grundsteuer ist vielerorts stark gestiegen, energetisch ineffiziente Wohnungen müssen für viel Geld saniert werden und Mietpreisbindung schmälert die Gewinnspanne ebenfalls. Tom berichtete gegenüber „Europe 1“, dass seine Grundsteuer innerhalb von fünf Jahren um 22 Prozent gestiegen sei.
„Die rechtlichen und steuerlichen Auflagen, die auf den Eigentümern lasten, sind zu hoch. Ich möchte dieser Situation ein Ende setzen“, sagte Julien im vergangenen Februar gegenüber „Europe 1“.
Der Eigentümer einer 30 Quadratmeter großen Wohnung in Paris sah sich unter anderem mit einer Erhöhung der Grundsteuer um 15 Prozent innerhalb von drei Jahren konfrontiert. Gleichzeitig wurden aufgrund der energetischen Einstufung seiner Wohnung umfangreiche Sanierungsarbeiten erforderlich.
Ähnlich äußerte sich Thierry, der im Juni 2025 gegenüber „Le Figaro“ sagte, er habe seine 15 Wohnungen verkauft. „Das ist wirklich viel zu viel Ärger für zu wenig Einkommen.“ Der 60-jährige Eigentümer aus der Corrèze trennte sich damit von seinem gesamten Mietvermögen im Wert von rund 2,5 Millionen Euro, das er in 25 Jahren aufgebaut hatte.
Für manche Eigentümer geht es inzwischen um mehr als die reine Frage der Rentabilität. Einige wollen ihre Immobilien sogar nicht mehr an ihre eigenen Kinder weitergeben. Joachim, der 13 Wohnungen besitzt, sagte ebenfalls gegenüber „Le Figaro“: „Ich möchte sie nicht in Schwierigkeiten bringen. Immobilien sind so schwer zu verwalten geworden.“
Die Zurückhaltung betrifft inzwischen den gesamten Markt für private Mietinvestitionen. Laut „BPCE L’Observatoire“ planten 2025 rund 25 Prozent der privaten Vermieter, sich aus diesem Bereich zurückzuziehen. 2022 waren es noch 18 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil derjenigen, die weiterhin investieren wollten, von 30 auf 23 Prozent.
Henry Buzy-Cazaux, französischer Immobilienexperte und langjähriger Branchenvertreter, erklärte im Juni 2025 gegenüber „Le Figaro“, diese Entwicklung zeige „ein noch nie dagewesenes Maß an Frustration“.
Gleichzeitig relativierte er die Entwicklung: „Nicht jeder kann den Schritt vollziehen und verkaufen, da Immobilien nach wie vor viele Vorteile bieten. Es handelt sich um einen Vermögenswert, den man auf Kredit erwerben kann, wobei die Steuerregeln den Abzug von Nebenkosten und Renovierungsarbeiten ermöglichen. Es stimmt, dass die Mietrendite gering ist, doch muss man auch den Wertzuwachs berücksichtigen.“
Immer mehr Mietwohnungen werden verkauft statt vermietet
Der Wandel lässt sich inzwischen auch unmittelbar am Markt beobachten. Laut dem Mietmarkt-Observatorium von Bien’ici wurden 2019 noch 73 Prozent der neu auf den Markt gebrachten Einzimmerwohnungen zur Miete angeboten. Im Jahr 2026 sind es nur noch 47 Prozent.
Damit werden erstmals in diesem Zeitraum mehr der neu auf den Markt gebrachten Einzimmerwohnungen zum Verkauf als zur Vermietung angeboten: 53 Prozent stehen als Kauf zur Verfügung, nur 47 Prozent dem Mietmarkt.
Die Entwicklung ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich ein Teil der Eigentümer aus dem französischen Mietmarkt zurückzieht – und das in einer Zeit, in der der Wohnungsmarkt für Mieter ohnehin angespannt ist.
Bei einer von der Bewegung „Fridays for Future“ organisierten Klimademonstration vor dem Bundeskanzleramt in Berlin am 20. September 2024. - Foto: Tobias Schwarz/AFP via Getty Images
Angst vor dem Untergang der Menschheit – Bei manchen nimmt sie die Form einer diffusen Sorge an. Bei anderen nährt sie die tiefere Schwierigkeit, sich ein Leben in Studium, Beruf, Partnerschaft oder Elternschaft vorzustellen. Die Angst vor dem „Untergang der Menschheit“ bedeutet nicht unbedingt, dass man davon überzeugt ist, dass eine Katastrophe unmittelbar bevorsteht: Oft drückt sie das Gefühl aus, dass die gemeinsamen Orientierungspunkte nicht mehr ausreichen, um eine erstrebenswerte Zukunft zu gewährleisten.
Diese Sorge lässt sich jedoch weder auf eine einzige Ursache zurückführen noch systematisch medizinisch behandeln. Jüngste Forschungen zur Öko-Angst zeigen, dass sie gemeinsam mit anderen großen Belastungen auftritt: Einsamkeit, prekäre Lebensverhältnisse, schulischer Druck, berufliche Unsicherheit und die ständige Konfrontation mit angstauslösenden Informationen. Die Herausforderung besteht daher darin, diese klar wahrzunehmen, ohne sie in Fatalismus zu verwandeln, und Räume für Handlung, Beziehungen und Sinn wieder aufzubauen.
Eine Generation, die mit gleichzeitigen Krisen konfrontiert ist
Der Klimawandel ist eines der sichtbarsten Gesichter dieser Besorgnis. Brände, Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen machen eine Bedrohung greifbar, die lange Zeit als fern wahrgenommen wurde. Jüngere Generationen wissen, dass sie stärker als ihre älteren Mitmenschen mit den Folgen dieser Umwälzungen leben müssen, während die politischen und wirtschaftlichen Antworten oft langsam oder unzureichend erscheinen.
Eine im Juli 2026 in „European Child & Adolescent Psychiatry“ veröffentlichte Literaturübersicht, die sich auf 51 Studien zu unter 25-Jährigen stützt, unterstreicht, dass klimabezogene Angst, Sorgen und psychische Belastungen einen erheblichen Teil der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen betreffen. Je nach den berücksichtigten Studien schwankt der Anteil der Teilnehmer, die ein mittleres oder hohes Ausmaß dieser Empfindungen angaben, zwischen 18 und 90 Prozent – ein Zeichen sowohl für das Ausmaß des Phänomens als auch für die unterschiedlichen Messmethoden der einzelnen Erhebungen.
Die Ergebnisse mahnen jedoch zur Vorsicht. Der Begriff „Öko-Angst“ umfasst vielfältige Varianten, die von einer vorübergehenden Sorge bis hin zu Störungen reichen, die spürbare Auswirkungen auf Schlaf, Konzentration, Stimmung oder Lebensentscheidungen haben. Die Sorge angesichts einer realen Bedrohung kann eine verständliche Reaktion sein; sie wird dann bedenklich, wenn sie isoliert auftritt, lähmt oder den Alltag nachhaltig beeinträchtigt.
Über das Klima hinaus: Die Schwierigkeit, sich eine Zukunft vorzustellen
Das Klima ist nicht die einzige Erklärung. Eine aktuelle Studie zu den wichtigsten Stressfaktoren bei jungen Menschen relativiert die Vorstellung, dass Öko-Angst allein der entscheidende Faktor für ihre psychische Gesundheit ist. Wenn sie isoliert betrachtet wird, steht sie zwar mit einer schlechteren psychischen Gesundheit und Schlafstörungen in Zusammenhang. Dieser Zusammenhang nimmt jedoch deutlich ab, wenn andere Variablen einbezogen werden, insbesondere Einsamkeit und finanzielle Sorgen.
Diese Erkenntnis beleuchtet eine umfassendere Realität: Das Gefühl, dass die Welt untergeht, kann manchmal eine Art sein, mehrere Verletzlichkeiten gleichzeitig zu benennen. Der Zugang zu Wohnraum und Arbeitsplatzsicherheit, die Lebenshaltungskosten, der schulische Wettbewerb oder das Gefühl, keinen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu haben, beeinträchtigen die Fähigkeit, sich gelassen die kommenden Jahre vorzustellen.
Soziale Netzwerke verstärken manchmal den Eindruck einer permanenten Dringlichkeit. Sie ermöglichen es, sich zu informieren und zu engagieren, begünstigen aber auch die schnelle Abfolge von Katastrophenbildern, alarmierenden Äußerungen und polarisierten Debatten. Für ein junges, besonders stark vernetztes Publikum kann das außergewöhnliche Ereignis schließlich als Dauerzustand erscheinen, während langsamere Informationen – lokale Fortschritte, Hilfsangebote, wissenschaftliche Errungenschaften, politische Entscheidungen – weniger sichtbar sind.
Es wäre zu kurz gegriffen, einer „besorgten“ Jugend vermeintlich rationale Erwachsene gegenüberzustellen. Die von jungen Menschen geäußerten Bedenken stützen sich oft auf fundierte Daten und auf die Beobachtung von Ereignissen, die zahlreiche Regionen betreffen. Es geht daher nicht darum, von ihnen zu verlangen, sich keine Sorgen mehr zu machen, sondern darum, zwischen nützlichem Bewusstsein und lähmender Angst zu unterscheiden.
Im Jahr 2026 veröffentlichte Studien unterstreichen zudem, dass Klimaangst nicht automatisch zu Resignation führt. Sie kann auch die Übernahme umweltfreundlicher Verhaltensweisen und die Beteiligung an kollektiven Initiativen fördern. Eine Studie unter 520 jungen Erwachsenen in der Türkei beobachtete einen Zusammenhang zwischen Öko-Angst und umweltfreundlichen Verhaltensweisen und zeigte zugleich, dass dieses Engagement allein nicht ausreicht, um die Hoffnung wiederherzustellen.
Die Qualität der Informationen ist ein weiterer Ansatzpunkt. Eine Kommunikation, die nur das Schlimmste zeigt, kann Ohnmacht hervorrufen; eine Kommunikation, die die Risiken verharmlosen würde, wäre ebenso kontraproduktiv. Junge Menschen benötigen fundierte Darstellungen, die den Ernst der Herausforderungen aufzeigen, aber auch die verfügbaren Antworten, deren Grenzen und die erzielten Ergebnisse beschreiben. Differenzierung ist keine künstliche Verharmlosung: Sie ermöglicht es, die Fähigkeit zu bewahren, zu beurteilen und zu handeln.
Weniger Materialismus, mehr Verbundenheit und Sinn
Das Streben nach materieller Genügsamkeit kann dazu beitragen, den Druck zu verringern, den manche junge Menschen empfinden – vorausgesetzt, es wird nicht zu einer moralischen Verpflichtung. In einer Gesellschaft, in der Erfolg oft an Einkommen, Konsum und sozialer Sichtbarkeit gemessen wird, kann der Eindruck, nie genug zu besitzen, ein Gefühl des sozialen Abstiegs oder des Scheiterns schüren.
Diese Entwicklung bedeutet nicht, materiellen Komfort abzulehnen oder wirtschaftliche Zwänge zu leugnen. Für Menschen, die mit prekären Lebensumständen konfrontiert sind, mag der Begriff „persönlicher Rückbau“ sogar unangebracht erscheinen.
Auch das Bedürfnis nach Spiritualität ist Teil dieser Suche nach Sinnhaftigkeit. Dies setzt nicht unbedingt eine Rückkehr zur institutionellen Religion voraus. Es kann die Form einer religiösen Praxis, einer Meditation oder einer regelmäßigeren Verbindung zur Natur durch Spaziergänge annehmen. Die Vereinten Nationen weisen darauf hin, dass innere Reflexion, die Suche nach Sinn und Spiritualität Mitgefühl, ein Gefühl für ein Ziel und emotionale Widerstandsfähigkeit fördern können.
Das Vertrauen in die Zukunft wiederzufinden bedeutet daher weder, Krisen zu leugnen, noch eine Welt ohne Gefahren zu versprechen. Es geht darum, wieder zu lernen, mit Unsicherheit umzugehen – mithilfe gemeinsamer Ressourcen: zuverlässiger Informationen, starker sozialer und familiärer Bindungen sowie einer vertieften inneren Reflexion über die Suche nach dem Sinn in der Gegenwart.
Das neue Rathaus in Hannover, der Landeshauptstadt von Niedersachsen. - Foto: saiko3p/iStock
In Kürze:
6,3 Millionen Wahlberechtigte entscheiden am 13. September über 2.182 kommunale Vertretungen in Niedersachsen.
Insgesamt stehen 29.501 Mandate zur Wahl; dafür gibt es 68.061 Kandidaturen.
In 395 Kommunen werden außerdem Landräte, Bürgermeister, Oberbürgermeister oder der Regionspräsident direkt gewählt.
Besonderes Augenmerk gilt eine Woche nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dem Abschneiden der AfD.
Eine Woche nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht der nächste Wahlsonntag an. Am 13. September sind 6,3 Millionen Stimmberechtigte bei den Kommunalwahlen dazu aufgerufen, insgesamt 2.182 Vertretungen neu oder – im Fall von Gebietsveränderungen – erstmals zu wählen. Gewählt werden die Räte der acht kreisfreien Städte, 36 Kreistage, die Regionsversammlung der Region Hannover und 927 kreisangehörige Stadt- und Gemeinderäte. Dazu kommen die Vertretungen von 113 Samtgemeinden, 1.095 Stadtbezirken und Ortschaften und den gemeindefreien Gebieten Lohheide und Osterheide.
Dazu kommen Direktwahlen in 395 Kommunen. Dort werden die Hauptverwaltungsbeamten wie Landräte, Oberbürgermeister, Bürgermeister, Samtgemeindebürgermeister und der Regionspräsident der Region Hannover neu gewählt. Neben der Region Hannover und den acht kreisfreien Städten finden diese Wahlen in 32 Landkreisen, 253 kreisangehörigen Städten und Gemeinden und in 101 Samtgemeinden statt.
Wer steht in Niedersachsen zur Wahl?
Insgesamt 26 Parteien und politische Vereinigungen sowie Einzelkandidaten werden sich zur Wahl stellen. Die CDU wird insgesamt 18.235 Kandidaten aufbieten, die im Land regierende SPD 16.256. Die drittmeisten Kandidaten stellen die Grünen mit 8.178 vor der FDP mit 4.290 auf. Für die AfD kandidieren 2.622 Personen, für die Linke 2.102, das BSW kommt auf 305 Bewerber. Wählergruppen kommen auf 14.364 Kandidaten. Die Zahl der Kandidaten insgesamt liegt bei 68.061.
Vor fünf Jahren kam die CDU bei den Wahlen zu den Gemeindevertretungen auf 32,8 Prozent und landete damit vor der SPD mit 29,6 Prozent. Die Grünen kamen auf 13,5 Prozent, Wählergruppen auf 13 und die FDP auf 5,2 Prozent. Die AfD kam auf 2,2 Prozent und die Linke auf 1,6 – wobei zu berücksichtigen ist, dass beide nicht flächendeckend mit Wahlvorschlägen vertreten waren.
In den Kreistagen und Vertretungen der kreisfreien Städte kam die CDU auf 31,7 Prozent, die Sozialdemokraten erreichten 30 Prozent. Die Grünen waren in diesem Bereich, der auch Großstädte umfasst, deutlich stärker und kamen auf 15,9 Prozent. Die FDP erreichte 6,5 Prozent. Eine geringere Rolle spielten dort Wählergemeinschaften mit 5,6 Prozent. Die AfD kam auf 4,6 Prozent, die Linke auf 2,8.
AfD kann auch im Westen auf signifikante Zugewinne hoffen
Eine Woche nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird das Abschneiden der AfD mit besonderem Interesse verfolgt. Zwar ist ein Ergebnis, das auch nur nahe an die knapp 44 Prozent in Sachsen-Anhalt heranreichen würde, unwahrscheinlich. Deutliche Zugewinne und ein landesweit klar zweistelliges Ergebnis sind jedoch zu erwarten.
Landesweite Umfragen sahen die Partei zuletzt bei 20 Prozent. Diese beziehen sich jedoch auf Landtagswahlen. Die AfD tritt nicht in allen Gemeinden an. Für die Ebene der Kreistage, der Region Hannover und der kreisfreien Städte schickt sie 1.166 Kandidaten ins Rennen, für die kreisangehörigen Gemeinden und Samtgemeinden 1.456.
Für die direkt zu wählenden Hauptverwaltungsbeamten stellt die AfD 69 Kandidaten. In 18 Fällen, von denen die meisten Kandidaten der AfD betrafen, leiteten die Wahlausschüsse Verfahren zur Prüfung des Vorliegens der Wählbarkeitsvoraussetzungen ein. In fünf Fällen verneinten sie dieses – vier davon betrafen AfD-Kandidaten.
Kontroverse um Wahlprüfungen – vier AfD-Kandidaten nicht zu Beamtenwahlen zugelassen
Nicht zugelassen wurden die Kandidaturen von Thorsten Moriße zur OB-Wahl in Wilhelmshaven, von Stephan Bothe zur Landratswahl in Lüneburg, von Martin Sichert zur Landratswahl in Friesland und von Justin Vogel zum Bürgermeister von Herzberg am Harz. Nach Prüfung durch den Landkreis wurde die Kandidatur von Reinhild Goes für das Bürgermeisteramt in Nörten-Hardenberg zugelassen. In den übrigen Fällen wurden AfD-Wahlvorschläge für die Wahl der Hauptverwaltungsbeamten nicht beanstandet.
Grundlage für die Prüfungen ist das seit April 2026 geltende neue Niedersächsische Kommunalwahlgesetz. Diesem zufolge müssen Wahlausschüsse bereits im Vorfeld der Wahlen zu Hauptverwaltungsposten die Wählbarkeit von Kandidaten prüfen. Dazu gehört auch die Verfassungstreue. Ein Amt als Oberbürgermeister, Landrat, Bürgermeister oder Regionspräsident ist ein Posten als „Beamter auf Zeit“. Einen solchen kann nur ausüben, wer „Gewähr dafür bietet, jederzeit für die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes einzutreten“.
Der Landesverfassungsschutz in Niedersachsen stuft den dortigen AfD-Landesverband als „gesichert rechtsextremistisch“ ein. Eine Mitgliedschaft in der Partei kann deshalb im Fall einer Bewerbung um einen Beamtenposten zum Anlass für eine Überprüfung der Verfassungstreue werden. Sieht der zuständige Wahlausschuss Anlass, diese bei einem Kandidaten zu bezweifeln, darf er die Kommunalaufsicht einschalten.
Staatsrechtler uneinig über Legitimität der Vorprüfung
Diese nimmt für kleine Gemeinden der Landkreis vor, bei Wahlen zum Landrat, Oberbürgermeister oder Regionspräsidenten ist es das Innenministerium. Die Kommunalaufsicht kann das öffentliche Auftreten potenzieller Kandidaten auswerten und auch den Verfassungsschutz um Auskünfte bitten. Anschließend gibt sie dem zuständigen Wahlausschuss eine Empfehlung.
Dieser trifft die letztendliche Entscheidung über die Zulassung jedoch allein. Der Wahlausschuss besteht aus dem Wahlleiter, der den Vorsitz innehat, und sechs Beisitzern, die nach der Parteienstärke bei der letzten Wahl zusammengesetzt sind. Der Ausschuss hat neutral und nicht als politisches Gremium zu agieren. Seine Aufgabe ist es, eine chancengleiche Wahl zu garantieren. Dabei hat er das Interesse an einer Wahrung des passiven Wahlrechts gegenüber jener des Gebots der Verfassungstreue im Einzelfall abzuwägen.
Die AfD, aber auch einige Staatsrechtler wie Volker Boehme-Neßler (Oldenburg) haben die Regelung kritisiert. Boehme-Neßler warnte vor einem „Entzug des passiven Wahlrechts durch die Hintertür“ und einer Verletzung des Prinzips der Allgemeinheit der Wahl. Hans Michael Heinig (Göttingen) hingegen erklärt, es gehe „gerade nicht um ein Parteiverbotsverfahren durch die Hintertür oder um politische Sanktionierungen für bloße Parteizugehörigkeit“. Ziel sei es, sicherzustellen, dass jemand als Person die Gewähr dafür bietet, für die Verfassung einzustehen.
Wird die VW-Krise die Wahl in Niedersachsen beeinflussen?
Die zuständigen Verwaltungsgerichte und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg lehnten Eilanträge betroffener Kandidaten gegen deren Nichtzulassung ab. Das OVG verwies darauf, dass das Kommunalwahlrecht einen Wahleinspruch und eine gerichtliche Überprüfung erst nach der Wahl vorsehe. Im Eilverfahren wiege das Interesse am reibungslosen Ablauf der Wahlen und ihrer termingerechten Durchführung schwerer.
Neben dem Abschneiden der AfD stehen vor allem die Wahlen in den größeren Städten von Niedersachsen im Mittelpunkt des Interesses. In Hannover hofft der seit 2019 regierende grüne Oberbürgermeister Belit Onay auf seine Wiederwahl. In der Region Hannover wird ein neuer Regionspräsident gewählt. Derzeit übt der Erste Regionsrat Jens Palandt das Amt kommissarisch aus, weil der gewählte Präsident Steffen Krach bis zum Ende seiner Amtsperiode beurlaubt ist.
Krach wechselte im Vorjahr in die Berliner Landespolitik. Er ist Co-Vorsitzender des dortigen SPD-Landesverbandes und Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für die Abgeordnetenhauswahlen am 20. September. Von Interesse dürfte auch sein, wie sich die Krise der Automobilindustrie auf das kommunale Wahlverhalten auswirkt. Mit Wolfsburg, Hannover, Emden, Osnabrück, Braunschweig und Salzgitter gibt es gleich sechs bedeutende Standorte für den VW-Konzern. Unklar ist, inwieweit Bundesthemen die Wahl in den Kommunen beeinflussen werden.
Buchvorstellung Jonas Schreiber "realtalk" am 25.08.26. - Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Jonas Schreiber
Die Schüler in Deutschland erzielten bei PISA so schlechte Ergebnisse wie nie zuvor. Inzwischen verfehlt etwa jeder dritte Jugendliche das Mindestniveau. Wie der Schulalltag an deutschen Schulen aussieht und was die Ursachen für die schlechten PISA-Ergebnisse sein könnten, darüber haben wir mit dem Realschullehrer und Buchautor Jonas Schreiber gesprochen.
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Herr Schreiber, wenn Sie an Ihr erstes Jahr als Lehrer zurückdenken, was hat sich seitdem im Schulalltag verändert?
Generell sind die Anforderungen an die Schüler deutlich reduziert worden. Das merke ich natürlich an den Prüfungen, die ich durchführe, aber auch daran, wie ich meine Arbeitsblätter gestalten muss. Die Lesekompetenzen sind zurückgegangen. Das heißt, ich muss deutlich mehr umgangssprachliche Wörter erklären, sei es auf Arbeitsblättern oder im Unterricht. Letztens hat beispielsweise ein Achtklässler gefragt, was eine Dachrinne ist.
Worauf führen Sie das zurück?
Das hat viele Ursachen. Ein Grund ist sicherlich das Elternhaus, in dem weniger vorgelesen wird. Zudem wird teilweise zu Hause überhaupt kein Deutsch gesprochen. In den PISA-Studien war von knapp 30 Prozent der Jugendlichen die Rede, bei denen zu Hause überwiegend kein Deutsch gesprochen wird.
Das erschwert den Spracherwerb und schränkt die Möglichkeiten, dem Unterricht zu folgen, ein. Hinzu kommen die wachsende Digitalisierung und die verstärkte Handynutzung, die Einfluss auf die Sprachentwicklung, die Lesekompetenz und die Fähigkeit, strukturiert zu denken, haben.
Aber was können Schüler heute leistungstechnisch nicht mehr oder nicht mehr so gut, was vor zehn Jahren noch selbstverständlich war?
Bildung wird nicht mehr so hoch gehängt. Das sagen mir die Schüler auch ins Gesicht. Wenn ich etwas jedoch nicht mehr so sehr schätze, dann gebe ich mir auch weniger Mühe und mache nur noch das Nötigste. Gleichzeitig werden die Prüfungsanforderungen herabgesetzt. Dadurch kommen die Schüler zwar leichter durchs Schulleben. Das reduziert aber logischerweise auch die Endergebnisse und somit die eigene Leistungsfähigkeit.
Was aber würde passieren, wenn man die Leistungsanforderungen hoch lässt und diese gar nicht erfüllt werden können?
Ich glaube, die Anforderungen wurden vor allem deshalb abgesenkt, damit niemand an seiner eigenen Leistungsgrenze scheitern muss. In den Medien wird das Abitur und das Studium immer als das Allerwichtigste dargestellt. Das sehe ich als Realschullehrer anders — auch handwerkliche Berufe werden gebraucht und sind genauso wertvoll.
Bei mir endet die Realschule mit der Mittleren Reife. Was danach kommt, entscheidet aber der Notenschnitt: Wer an die Fachoberschule will und von dort ans Studium, braucht in Deutsch, Mathematik und Englisch einen bestimmten Durchschnitt. Damit hängt an jeder einzelnen Note plötzlich eine Lebensentscheidung. Genau da entsteht der Druck — von den Eltern, die den akademischen Weg für ihr Kind schon festgelegt haben, obwohl eine praktische Ausbildung viel besser passen würde.
Diesen Druck spürt man als Lehrkraft bei jeder Schulaufgabe, und er wirkt immer in eine Richtung: mildere Aufgaben, großzügigere Bewertung, mehr Wiederholungsmöglichkeiten.
Kurzfristig kommen die Schüler dadurch leichter durch. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Ein Mathematikprofessor hat mir erzählt, dass viele Studienanfänger die Grundkompetenzen in Mathematik gar nicht mitbringen und erst einmal ein Semester lang nachlernen müssen. Wir verlegen das Scheitern also nur nach hinten, dahin, wo es teurer wird. Eigentlich sollte jeder das machen, wofür er sich begeistert und was ihm Spaß macht.
Oft werden Lehrermangel, große Klassenstärken und die Herausforderung durch einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund als Gründe für eine schlechte Unterrichtsqualität genannt. Sind das tatsächlich die ausschlaggebenden Faktoren?
Sie haben jetzt viele Punkte genannt, die da reinspielen. Wenn ich mir allerdings die Hattie-Studie anschaue, eine der größten neuseeländischen Meta-Studien zu den Qualitätsfaktoren für gutes Lernen, dann ist die Anzahl der Lehrkräfte beziehungsweise die Klassenstärke nur eine sehr geringe Einflussgröße. Entscheidend sind stattdessen die Kompetenz der Lehrer und die Qualität der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.
Ich freue mich auch über Klassengrößen zwischen 15 und 20 Schülern. Doch ich weiß, dass dafür das nötige Lehrpersonal fehlt und dass dies extrem viel kosten würde. Ein weiterer Punkt ist die Migration. Seit Beginn der Migrationswelle im Jahr 2015 sind die Leistungsergebnisse in den Schulen gesunken.
An meinen Schulen lag der Migrationsanteil meistens zwischen 50 und 80 Prozent. Diese Schüler besitzen in der Regel bereits die deutsche Staatsbürgerschaft. Ob sie sich als Deutsche fühlen, ist eine andere Geschichte. Oft sagen mir diese Schüler offen ins Gesicht, dass sie keine Deutschen sind.
Dann erkläre ich ihnen: „Wenn du die deutsche Staatsbürgerschaft hast, dann bist du deutsch.“ Das ist ein komplexes Problem, das wir aktuell noch gar nicht angehen, das aber dringend gelöst werden muss. Diesen Schülern fehlt eine Identität innerhalb unserer Gemeinschaft. Das macht den Schulalltag zusätzlich schwierig.
Nach den PISA-Ergebnissen merkte Bundeskanzler Friedrich Merz an, dass Bildung und Erziehung nicht an den Staat „outgesourct“ werden könnten, sondern dass auch die Familie Verantwortung trage. Wie sehen Sie das?
Definitiv. Kindern, die zu mir kommen – sei es in der Realschule oder in der Grundschule – und kein Deutsch können, können wir nicht mehr so helfen, wie es notwendig wäre. Denn ich muss meinen Unterricht für die anderen Kinder durchziehen und dafür sorgen, dass die Klasse funktioniert.
Das bedeutet, dass wir deutlich früher mit sprachlicher Förderung beginnen müssen. Entweder als Gemeinschaft, wie es bereits in einigen Bundesländern mit Vorklassen vor der Grundschule praktiziert wird, in denen das Kind die deutsche Sprache lernt. Oder aber – und das ist auch mein Plädoyer – die Familie gewinnt wieder deutlich an Wertigkeit und übernimmt mehr Verantwortung.
Ein Negativbeispiel ist: Im Restaurant oder im Urlaub sieht man oft, dass viele Eltern ihren Kleinkindern oder Grundschulkindern ein Handy oder Tablet in die Hand drücken, damit das Kind ruhig ist und sie ihre Ruhe haben. Eigentlich müsste sich ein Elternteil mit dem Kind beschäftigen und es erziehen, dass es in besonderen Situationen oder an bestimmten Orten leise sein muss oder sich aufs Essen konzentriert. Das sollte selbstverständlich sein.
Welchen Einfluss haben digitale Geräte auf die Lernfähigkeit?
Aufgrund des Social-Media-Konsums ist die Aufmerksamkeitsspanne extrem gering geworden. Denn dort gibt es alle paar Sekunden einen neuen Reiz und Inhalt. Dadurch haben Kinder verlernt, sich über einen längeren Zeitraum mit etwas zu beschäftigen oder sich auf etwas zu konzentrieren. In der Schule haben sie dann Probleme, ein Arbeitsblatt konzentriert zu lesen und den Inhalt zu verstehen.
Ein anderes Thema ist die zunehmende Digitalisierung an Schulen. Bei uns hat jedes Kind ab der siebten Klasse die Möglichkeit, ein iPad zu bekommen. Ab der fünften Klasse gibt es sogenannte iPad-Koffer. Das heißt, wir sollen sehr viel mit iPads arbeiten. Als Lehrkraft habe ich natürlich die Herausforderung, zu kontrollieren, dass die 30 Kinder im Unterricht nicht mit den iPads spielen.
Gleichzeitig soll ich unterrichten, die Fortschritte der Schüler beobachten und herausfinden, wer Unterstützung braucht. Daher haben viele von uns Lehrern die Nutzung der iPads mittlerweile stark reduziert. Natürlich ist das iPad super geeignet, wenn die Schüler mal etwas suchen und recherchieren sollen.
Wie kann man die Motivation fördern, sich zu bilden, und wie kann man Freude am Lernen und an der Schule vermitteln?
Ich glaube, man muss viel Demut und Dankbarkeit vorleben, dafür, dass wir in einem Land leben dürfen, in dem es uns so gut geht und in dem wir uns nicht vor Krieg und Tod fürchten müssen.
Den Kindern sollten aber auch Grenzen gesetzt werden. Du kannst nicht heute das und morgen das haben. Wir kaufen dir nicht alles und auch nicht zu jeder Zeit, sondern zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen oder Weihnachten gibt es Geschenke. Außerdem sollte Bildung als wertvolles und wichtiges Gut vermittelt werden, denn damit kannst du im Leben viel erreichen und Wissen anhäufen. Das sehe ich als Aufgabe des Elternhauses.
Wie würde Ihr idealer Schulalltag aussehen?
Die Bürokratie müsste deutlich reduziert werden. Gleichzeitig muss es wieder möglich sein, den Eltern transparent und direkt die Schulleistung und das Sozialverhalten ihrer Kinder zu vermitteln. Ich habe beides im Auftrag, Bildung und Erziehung, und stehe auch zu beidem — nur frisst die Erziehung inzwischen den größten Teil meiner Stunde: zuhören, warten können, jemanden ausreden lassen, alles Dinge, die früher von zu Hause kamen. Hinten runter fällt die Bildung — und genau dafür bin ich ausgebildet.
Was man sofort machen könnte: Erstens eine verpflichtende Vorklasse für jeden, der kein Deutsch kann: Wer bei der Einschulung kein Deutsch spricht, lernt es vorher — nicht nebenher im Regelunterricht, wo es weder ihm noch den anderen 29 Schülern hilft.
Zweitens verpflichtende Förderstunden am Nachmittag in den Kernfächern für die, die zurückliegen — verpflichtend, nicht freiwillig, denn freiwillig kommen genau die nicht, die es bräuchten. Das bindet wenige Lehrerstunden und wirkt sofort.
Warum haben Sie als Lehrer das Buch „Realtalk: Lehreralltag“ geschrieben?
Ich hatte einen Neuntklässler, der diese Klassenstufe bereits zum dritten Mal durchlief. Erneut war er dabei, das Klassenziel zu verfehlen. Der Vater bat daher um ein Gespräch. Pünktlich um 07:30 Uhr standen der Vater und ein Mann im Anzug vor der Tür. Vom Sohn war nichts zu sehen. Er kam wie so häufig zu spät.
Daraufhin sagte ich scherzhaft zur Schulleitung: „Der Herr im Anzug wird doch jetzt nicht der Anwalt sein.“ Tatsächlich war dies aber der Fall. Der Vater warf uns vor, wir würden dem Sohn mit Absicht schlechte Noten geben. Früher saßen Lehrer und Eltern gemeinsam zusammen und versuchten für das Kind eine gute Lösung zu finden.
Ich liebe meinen Beruf und möchte noch 40 Jahre als Lehrer arbeiten, denn es ist einfach schön, mit den Schülern zu arbeiten. Aber so, wie es jetzt ist, ist ein konstruktives Lehren nicht mehr möglich. Das sieht man auch an den mittlerweile hohen Aussteigerzahlen im Lehrberuf. Das Buch soll ein Weckruf sein, dass wir auf einem absteigenden Ast sind und wohin wir wieder zurück müssen.
Vielen Dank für das Interview!
Das Buchcover von „Realtalk: Lehreralltag“
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Jonas Schreiber
Das Schweriner Schloss ist Sitz des Landtags Mecklenburg-Vorpommern. Am 20. September 2026 wird ein neuer Landtag gewählt. - Foto: Jens Büttner/dpa
In Kürze:
Die AfD liegt kurz vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern vor der SPD.
Im Mittelpunkt des Wahlkampfs stehen Wirtschaft, Bildung, Migration, Energie und soziale Fragen.
Auch bei einem AfD-Wahlsieg ist offen, wer anschließend eine Mehrheit bilden und die Landesregierungführen kann.
Neun Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zeichnet sich ein enges Rennen um Platz eins ab. Die AfD führt in den Umfragen; die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hatte zuletzt aufgeholt, in der jüngsten Erhebung aber wieder etwas an Boden verloren. Am 20. September entscheidet sich nicht nur, wer stärkste Kraft wird, sondern auch, wer anschließend eine Mehrheit für eine Landesregierung zusammenbekommt.
An diesem Tag wird der neunte Landtag Mecklenburg-Vorpommerns gewählt. Insgesamt treten 402 Kandidaten an, darunter 124 Frauen und 278 Männer. 19 Parteien sind mit Landeslisten zugelassen, zudem bewerben sich fünf Einzelkandidaten um Direktmandate.
Neu ist dabei, wer seine Stimme abgeben darf: Erstmals dürfen bei einer Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern auch 16- und 17-Jährige abstimmen. Wählbar bleibt man ab 18 Jahren.
AfD führt, Rennen bleibt offen
Die politische Ausgangslage unterscheidet sich deutlich von der Landtagswahl 2021. Damals wurde die SPD mit Abstand stärkste Kraft.
Seitdem regieren SPD und Linke gemeinsam. Schwesig ist seit 2017 Ministerpräsidentin; die SPD stellt seit 1998 ununterbrochen den Regierungschef des Landes. Bei dieser Wahl steht damit auch die seit fast drei Jahrzehnten bestehende politische Dominanz der Sozialdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Spiel.
Die SPD holte 2021 39,6 Prozent. Die AfD erreichte 16,7 Prozent, die CDU 13,3 und die Linke 9,9 Prozent. Grüne und FDP zogen mit 6,3 beziehungsweise 5,8 Prozent ebenfalls in den Landtag ein.
Dieses Mal kämpft die SPD darum, einen Wahlsieg der AfD zu verhindern. Es wäre das erste Mal, dass die blaue Partei in dem norddeutschen Bundesland stärkste Kraft wird.
Nach der jüngsten Wahlumfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD, veröffentlicht am 10. September, kommt die AfD derzeit auf 38 Prozent. Die SPD erreicht 33 Prozent und liegt damit fünf Prozentpunkte zurück – nachdem sich der Abstand in der Vorumfrage bereits auf drei Punkte verringert hatte, ist er in der neuesten Erhebung wieder etwas gewachsen. Die Linke folgt mit 9 Prozent, während die CDU auf 7 Prozent kommt. Die Grünen erreichen 5 Prozent und das BSW 4 Prozent. Die FDP wird weiterhin nur noch unter „Sonstige“ geführt.
Umfragen sind keine Prognosen für den Wahltag. Der Vergleich mit 2021 zeigt dennoch, wie stark sich die politische Landschaft verschoben hat: Die AfD könnte ihren damaligen Stimmenanteil mehr als verdoppeln, während die SPD deutlich verlieren würde. Der CDU droht sogar ein weiteres historisches Tief.
Schwesig gegen Holm
Die SPD geht erneut mit Schwesig in die Wahl. Für die AfD bewirbt sich der Bundestagsabgeordnete und ehemalige Radiomoderator Leif-Erik Holm um das Amt des Ministerpräsidenten.
Die Partei hat allerdings eine ungewöhnliche Konstruktion gewählt: Holm steht nicht auf der Landesliste und muss deshalb seinen Schweriner Wahlkreis direkt gewinnen, um in den Landtag einzuziehen. In diesem tritt er gegen Schwesig an. Platz eins der AfD-Landesliste nimmt der Fraktionsvorsitzende und Co-Landesvorsitzende Enrico Schult ein.
Für die CDU tritt Landes- und Fraktionschef Daniel Peters an. Die Linke geht mit der Bildungsministerin Simone Oldenburg als Spitzenkandidatin, die Grünen mit der Bundestagsabgeordneten Claudia Müller und das BSW mit Peter Schabbel sowie Sabine Firnhaber in den Wahlkampf.
Für Peters ist die Ausgangslage besonders schwierig. Schon die 13,3 Prozent der CDU von 2021 waren das schlechteste Landtagswahlergebnis der Partei seit 1990. Aktuell liegt sie in Umfragen teilweise nur noch im einstelligen Bereich. Peters versucht deshalb, den Wahlkampf stärker auf Landes- und Wirtschaftsthemen auszurichten und sich zugleich von der Bundespolitik abzusetzen.
Wirtschaft, Bildung und Migration
Wirtschaft und Arbeitsplätze, Bildung, Energiepreise, Wohnen, Migration, innere Sicherheit und die Versorgung im ländlichen Raum gehören zu den Themen, mit denen die Parteien um Stimmen werben.
Die SPD verspricht unter anderem Investitionen in Infrastruktur und Schulen und betont, an der beitragsfreien Kinderbetreuung festzuhalten. Die AfD setzt unter anderem auf eine restriktivere Migrationspolitik, eine eigene Rückführungspolizei, wirtschaftliche Entlastungen und einen Wiedereinstieg in die Kernenergie.
Die CDU stellt Wirtschaft, Bürokratieabbau, Gesundheit, Bildung und innere Sicherheit in den Mittelpunkt. Die Linke setzt vorwiegend auf Sozial- und Bildungspolitik. Die Grünen verbinden Klimaschutz und den Ausbau erneuerbarer Energien mit wirtschaftspolitischen Vorhaben. Das BSW legt einen Schwerpunkt auf Sozial- und Friedenspolitik und lehnt unter anderem Wehrpflicht und weitere Aufrüstung ab.
Wer kann nach der Wahl regieren?
Das Rennen um Platz eins und die Frage nach der künftigen Regierung sind dabei zwei unterschiedliche Dinge. Wie man in Thüringen erlebt hat: Auch wenn die AfD stärkste Kraft wird, folgt daraus nicht automatisch, dass sie den Ministerpräsidenten stellt. Eine Zusammenarbeit mit ihr lehnen die anderen derzeit im Schweriner Landtag vertretenen Parteien ab.
Für Schwesig wiederum könnte auch ein zweiter Platz reichen, um Ministerpräsidentin zu bleiben, vorausgesetzt, sie findet nach der Wahl genügend Partner für eine Mehrheit. Nach der aktuellen Sitzprojektion käme ein Bündnis aus SPD, Linken und Grünen auf 37 von 71 Sitzen und damit auf eine knappe Mehrheit. Rechnerisch möglich wäre auch eine Mehrheit aus AfD, CDU und Grünen (38 von 71 Sitzen) – eine Zusammenarbeit mit der AfD schließen CDU und Grüne jedoch aus. Ob die SPD-geführte Konstellation tatsächlich zustande kommen könnte, entscheidet sich allerdings erst mit dem Wahlergebnis und den anschließenden Gesprächen der Parteien.
Teilnehmer am zweiten Tag des Republikanischen Zwischenwahlparteitags 2026 in Dallas am 10. September 2026. - Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times
In Kürze:
Bei einer Verteidigung der Kongressmehrheit plant Donald Trump Gesetzesverschärfungen für Grenzschutz (SAVE Act), Wahlrechte und niedrigere Medikamentenpreise.
Die Republikaner setzen zur Mobilisierung stark auf den Schutz traditioneller Familienwerte und warnen vor sozialistischer Politik.
Gegen die hohe Inflation verspricht Trump jedem erwachsenen US-Bürger einen umstrittenen 5.000-Dollar-Bonus.
Weniger als zwei Monate vor den Zwischenwahlen liegt die Partei beim Kernthema Lebenshaltungskosten laut Umfragen hinter den Demokraten zurück.
Der erste Kongress der Republikanischen Partei zu den Zwischenwahlen am 3. November, endete am Donnerstag in Dallas. US-Präsident Trump gab bekannt, dass die politische Agenda der Republikaner für die nächsten zwei Jahre Themen wie sozialistische Politik, Arzneimittelpreise, Grenzschutz, Wahlberechtigung und Maßnahmen zur Betrugsbekämpfung umfassen werde.
Voraussetzung hierfür ist, dass die Partei im November die Mehrheit im Kongress verteidigen kann. Der Kongress rückte zudem die Themen, Familienwerte und Wirtschaft in den Mittelpunkt der Zwischenwahlen.
Trumps Agenda für die Zeit nach den Zwischenwahlen
Trump erklärte, die Republikaner würden die „Most-Favored-Nation“-Rabatte für verschreibungspflichtige Medikamente dauerhaft gesetzlich verankern und den „No Invasion of Our Country Act“ vorantreiben, der es künftigen Präsidenten verbieten würde, die Grenzen „wieder zu öffnen“.
Er erwähnte zudem den „Safeguard American Voter Eligibility Act“ (kurz SAVE Act), der vorsieht, dass die Mehrheit der Wähler bei der Registrierung für Bundeswahlen einen Nachweis ihrer US-Staatsbürgerschaft vorlegen muss, und bekräftigte seine Position zur Betrugsbekämpfung sowie zur Abschaffung des Systems der Kaution in bar.
„Trump sagte: „Vor weniger als zwei Jahren hat das amerikanische Volk uns das Mandat erteilt, Amerika zu retten; innerhalb von 19 Monaten habe ich jedes einzelne meiner Versprechen erfüllt, und ich glaube, dass ich weitaus mehr erreicht habe.“
Er hob zudem Erfolge wie die Entwicklung an den Aktienmärkten, die Senkung der Arzneimittelpreise und den Rückgang der Einwanderungszahlen hervor. Er forderte seine Anhänger auf, die Zwischenwahlen im November als Test für seine Amtszeit als Präsident zu betrachten und den Wählern zu sagen, sie sollten „davon ausgehen, dass mein Name auf dem Stimmzettel steht“.
US-Präsident Donald Trump betritt am 10. September 2026 am zweiten Tag des ersten Republikaner-Parteitags zu den Zwischenwahlen die Bühne im American Airlines Center in Dallas, um Erfolge seiner Regierung hervorzuheben und Unterstützung für die Kandidaten zu mobilisieren.
Foto: Kevin Dietsch/Getty Images
Republikaner betonen die Ablehnung des Sozialismus
Sozialistische Politik war ein wiederkehrendes Thema des Parteitags. Trump warnte, dass ein Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen dazu führen würde, dass eine „kommunistische Fraktion“ die Kontrolle über den Kongress erlangt.
Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, kritisierte, dass sozialistische Politik ihren Ursprung im Marxismus habe, und argumentierte, dass diese Politik zu einem größeren Staatsapparat, höheren Steuern und steigenden Kosten führe. Er sagte: „Das ist ein Weg, der zu menschlichem Leid und Tod führt.“
Bemerkenswert ist, dass auch der demokratische Senator aus Pennsylvania, John Fetterman, per vorab aufgezeichnetem Video auf dem Parteitag erschien, um den republikanischen Senator Dave McCormick vorzustellen.
Fetterman sagte: „Ich werde mich stets gegen Extremismus, Sozialismus und einen solchen antiamerikanischen Lebensstil wehren.“ Er erklärte zudem, er werde mit McCormick und Trump zusammenarbeiten, um „den Lebensstil zu verteidigen, der von der Stahlindustrie geprägt ist“.
Vance spricht über Familienwerte
Vizepräsident JD Vance betonte in seiner Rede am zweiten Tag des Parteitags die Familienwerte und verteidigte das traditionelle Familienmodell mit Eltern und Kindern. Er kritisierte Äußerungen einiger Demokraten, die die „Kernfamilie“ (nuclear family, die traditionelle Familienstruktur aus Eltern und Kindern) ablehnen, und sprach über die Geduld, die seine Frau, die Second Lady der Vereinigten Staaten, Usha Vance, bei der Kinderbetreuung an den Tag legt. Er sagte:
„Den Radikalen, die meine Familie und die von Tausenden, ja Millionen anderer Familien in unserem Land zerstören wollen, haben wir eine einfache Botschaft: Haltet euch von unseren Kindern fern.“
Während des Parteitags kam es auch zu Diskussionen über mögliche Nachfolgekandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2028, wobei einige republikanische Teilnehmer Vance bereits als Favoriten betrachten.
Ankündigung durch JD Vance: US-Vizepräsident JD Vance kündigt US-Präsident Donald Trump an, der am 10. September 2026 als Hauptredner am zweiten Tag des ersten Republikaner-Parteitags zu den Zwischenwahlen die Bühne im American Airlines Center in Dallas, Texas, betritt.
Foto: Andrew Harnik/Getty Images
Wirtschaft und Lebenshaltungskosten im Fokus des Wahlkampfs
Die Wirtschaft und die Lebenshaltungskosten waren ebenfalls wichtige Themen des Parteitags. Trump erklärte, dass niedrigere Steuern, steigende Aktienkurse und ein starker Arbeitsmarkt die finanzielle Lage der Durchschnittsamerikaner verbessern; die Demokraten hielten während des Parteitags eine Pressekonferenz ab, in der sie kritisierten, dass steigende Preise weiterhin Druck auf die amerikanischen Familien ausüben.
Laut einer Umfrage des Pew Research Center vom Juli gaben 29 % der registrierten Wähler an, dass sie sich am meisten wünschen, dass die Kongresskandidaten im Wahlkampf über Wirtschaftsthemen sprechen – deutlich mehr als über andere Themen.
Der jüngste vom US-Amt für Arbeitsstatistik veröffentlichte Verbraucherpreisindex für Juli zeigt, dass die Gesamtinflationsrate im Jahresvergleich um 3,4 % gestiegen ist, wobei die Energiepreise im Vergleich zum Vorjahr um 14,7 % zulegten.
Seit dem Krieg im Iran Ende Februar und den damit verbundenen Störungen der globalen Ölversorgungsketten verstärken die hohen Ölpreise den Inflations- und Lebenshaltungskostendruck kontinuierlich.
Trump wies die Kritik der Demokraten am Thema „Bezahlbarkeit“ zurück und erklärte am ersten Abend des Parteitags: „Ich senke die Preise erheblich. “
Der „Trump-Bonus“ in Höhe von 5.000 Dollar
Da die Lebenshaltungskosten zum zentralen Thema des Wahlkampfs geworden sind, versprach Trump in seiner Rede am Mittwoche jedem erwachsenen US-Bürger einen „Trump-Bonus“ in Höhe von 5.000 Dollar auszuzahlen, sollten die Republikaner im November die Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus behalten.
Dieser Vorschlag löste Diskussionen über die Finanzierungsquellen, die rechtlichen Befugnisse und die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen aus.
In einem Exklusivinterview mit CBS News Texas erklärte Trump, er gehe davon aus, dass diese Zahlung möglicherweise keiner Zustimmung durch den Kongress bedürfe.
„Wir glauben nicht, dass das nötig ist. Falls doch, werden sie es wohl genehmigen, aber wir glauben nicht, dass es nötig ist.“ Er fügte hinzu, dass das Geld innerhalb der USA ausgegeben werden müsse.
Reuters wies darauf hin, dass die Kosten des Plans, sollte er vom Kongress genehmigt werden, auf etwa 1,2 Billionen US-Dollar geschätzt würden.
Einige republikanische Abgeordnete warnen davor, dass eine massive Geldspritze die Inflation und die Zinssätze in die Höhe treiben könnte. Der republikanische Senator Bernie Moreno aus Ohio erklärte jedoch, er bereite einen Gesetzentwurf vor, um den „Trump-Bonus“ zu institutionalisieren.
Der Mehrheitsführer im Senat, John Thune, erklärte, es sei derzeit noch ungewiss, ob der entsprechende Gesetzentwurf die 60 Stimmen erhalten werde, die erforderlich sind, um die langwierigen Debatten im Senat zu überwinden.
Weniger als zwei Monate vor den Zwischenwahlen am 3. November zeigt eine aktuelle Umfrage von Reuters/Ipsos, dass Trumps Zustimmungsrate bei 33 Prozent liegt; beim Thema Lebenshaltungskosten unterstützen die Wähler den Umgang der Demokraten mit diesem Thema um 8 Prozentpunkte stärker als den der Republikaner.
Die US-Wirtschaft, die Preisentwicklung sowie die Frage, ob die Republikaner die Kontrolle über den Kongress behalten können, werden in den kommenden Wochen im Mittelpunkt des Wahlkampfs stehen.