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Ein Schuss positive Energie und Hoffnung

Es gibt noch so schreckliche Kapitel in der jüngeren spanischen Geschichte, die bis heute nicht aufgearbeitet wurden. Aus deutscher Sicht mag das besonders befremden, hat sich doch das deutsche Kino dem dunkelsten Kapitel seiner Geschichte verschrieben wie kein anderes.
Anders gesagt: Schafft es eine deutsche Produktion in den Internationalen Wettbewerb eines Filmfestivals, dann geht es darin vielfach um die NS-Zeit. Einer von zwei deutschen Beiträgen im Wettbewerb des 74. Festivals in San Sebastián, immerhin ein sehr guter, steht dafür beispielhaft. Aber dazu später.
Das spanische Kino hat analog quantitativ weniger Geschichten über den Faschismus unter Franco hervorgebracht – zumindest unter Berücksichtigung der Filme, die einen deutschen Verleih fanden –, dafür aber so herausragende wie „Der Lehrer, der uns das Meer versprach“ (2023) um einen vorbildlich mutigen Pädagogen, der für das Wohl seiner Schüler sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, oder „Pans Labyrinth“ (2006) um ein Mädchen, das sich in eine von bizarren Geschöpfen bevölkerte Traumwelt flüchtet.
Aber wer hat in Mittel- oder Nordeuropa schon mitbekommen, dass es in Spanien über die Franco-Zeit hinaus bis 1985 schaurige Erziehungsheime gab, in denen „gefallene“ junge Frauen von Nonnen misshandelt wurden?

Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis

Nicht, dass dieses Thema gänzlich neu wäre. Von ähnlich schmerzhaften Zuständen in sogenannten „Magdalenenheimen“ in Irland erzählte 2002 Peter Mullans preisgekrönter Film „Die unbarmherzigen Schwestern“, und in Pedro Almodóvars Drama „La mala educación – Schlechte Erziehung“ (2004) wie auch in dem deutschen Drama „Freistatt“ (2015) geht es um Jungen, die Missbrauch in kirchlichen Erziehungsanstalten erlitten.
Die Geschichte um die Martyrien zweier bildhübscher, mutiger, kluger Mädchen, von denen Daniel Monzón erzählt, ist aber alles andere als ein Abklatsch der genannten Filme, ergreift und verstört vielmehr tiefgehend, als hätte man Vergleichbares noch nicht gesehen. „Pray for us“ überragte das Festival in San Sebastián, lief aber leider außer Konkurrenz.
Das vor allem auch dank der Hauptdarstellerinnen Zoe Bonafonte und Manuela Calle, famose Entdeckungen, die mit aparten Gesichtszügen, facettenreichem Spiel und einem für ihr junges Alter ungewöhnlichen Charisma bestechen. Dies auch in der Weise, wie sie trotz schlimmster Erfahrungen nicht aufgeben. Nicht nur die Nonnen, allen voran die fiese Vorsteherin, erwecken dabei große Abscheu, da sie die ihnen anvertrauten jungen Frauen wechselweise wie Sklavinnen hart für sich arbeiten lassen und in unfassbarer Weise wie Schwerverbrecherinnen wegsperren, sollten sie einmal aus ihrer Sicht nicht gehorsam gewesen sein, sondern auch die Eltern der Gepeinigten.
Wiewohl von ihren Kindern über deren albtraumhafte Erlebnisse in Kenntnis gesetzt, glauben sie den Lügen der Nonnen und unternehmen nichts, um sie den Sadistinnen zu entziehen, bezahlen sogar noch Geld für die „Betreuung“. Dabei handelt es sich noch nicht einmal um schwer erziehbare, sondern um ganz normale junge Frauen, die nichts verbrochen haben, außer dass sie einen Freund und vorehelichen Sex hatten.

Szenenbild aus „Pray for us“.

Foto: Ruegapornosotras_Filmpicture

Fataler Gehorsam

In „Krux“, dem Debütfilm von Tony Vahl, erscheinen die Grausamkeiten kaum weniger skurril, wenngleich aus gänzlich anderen Gründen. In einem Dorf im Nordosten Deutschlands heiratet wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs eine Frau (Jella Haase) ihren gefallenen, toten Verlobten, von dem nur noch ein Soldatenhelm übrig geblieben ist, der neben ihr steht.
In der Schule lernen die Kinder unbedingten Gehorsam an das Vaterland, der Bürgermeister schürt Angst vor der anrückenden Roten Armee und gibt Befehl, dem Feind weder lebende Menschen noch Tiere zu überlassen. Nur eine schon ältere, taffe Bäuerin (Steffi Kühnert) und der den Selbstmord verurteilende Pfarrer (Martin Wuttke), wagen ihre Stimme gegen so viel Menschenhass zu erheben.
Die Bereitwilligkeit der Übrigen, die Anweisung zu befolgen, erscheint noch gruseliger als der Befehl selbst. Der fatale Gehorsam steht mithin in diesem Drama auf dem Prüfstand.
Wenngleich auch die große Selbstmordwelle, die kurz vor der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg einsetzte, den historischen Ausgangspunkt für die Geschichte bildet, so erzählt sie doch unweigerlich bestürzend real und zeitloser, als man wahrhaben möchte, von einem Volk, das – in Angst versetzt und erstarrt – widerstandslos bis zur Selbstaufgabe alles mit sich machen lässt.

Hochwertige Produktionen ohne Auszeichnungen

Einen weiteren bemerkenswerten deutschen, thematisch einmal gänzlich anders ausgerichteten Film, zeigte San Sebastián mit „Geister“ von Fatih Akin. Dessen Stil hat sich gegenüber früheren Werken wie „Gegen die Wand“ (2004), „Kebab Connection“ (2004) oder „Chiko“ (2008) stark verändert. Ist doch hier eine spirituell angehauchte Tragödie in eleganten Schwarz-Weiß-Bildern und Dialogen zu erleben, die sich sprachlich – dies freilich auch milieubedingt – auf einem höheren Niveau bewegen.
Die Geschichte selbst erinnert dabei in ihrer spirituell-surrealen Ausrichtung an Christian Petzolds „Gespenster“. Nur dass sich hier nach einem tragischen Unfall der überlebende Fahrer und seine tote Freundin wieder begegnen, von der er sich nicht trennen kann.
Stark vertreten unter den 17 Beiträgen, die in San Sebastián um die Goldene Muschel konkurrierten, waren traditionell das spanische und südamerikanische Kino. Es sind freilich auch die Produktionen, die für ein auswärtiges Publikum besonders interessant erscheinen, zumal die wenigsten darunter einen deutschen Verleih finden, man diese Filme also selten anderswo zu sehen bekommt.
Der hohe Anspruch einiger dieser Produktionen seitens Drehbuch, Darstellern, Kamera, Musik und Dramaturgie spiegelte sich leider in der Preisverleihung nicht wider. Dabei hätte alleine schon „El mal padre“, das sehr lebensnahe Porträt eines narzisstischen Literaturprofessors, gleichermaßen einen Regie- und Darstellerpreis verdient.
Alt und krank geworden und das Lebensende vor Augen, hat dieser Santiago seine erwachsenen Kinder nach langer Funkstille in seinem Haus am Meer versammelt, die ihn – vorsichtig formuliert – so uncharmant erleben wie ihr ganzes bisheriges Leben. Schließlich macht der Alte keinen Hehl daraus, dass sie ihm mit ihren Bedürfnissen stets nur im Wege standen, er sich nur seiner Kunst widmen und bewundert werden wollte.
Bis ihm schließlich im Streit mit einem seiner Söhne, der selbst gerade Vater wird, kurz vor seinem Tod bewusst wird, was für ein „Monster“ er war. Eduard Fernández gibt diesen „schlechten Vater“ fulminant als selbstverliebten, launischen Maestro mit Allüren, süffisant, scharfzüngig, selbstironisch und auch ein bisschen larmoyant.

Foto: @LaiaLluch

Einen packenden Thriller zeigte San Sebastián mit dem argentinischen Beitrag „Glaxo“, der in bestem Stil des Film noir mit einem fiesen ehemaligen Kommissar und einer Femme fatale im Zentrum schildert, wie Mitte der 1950er Jahre die Freundschaft von vier jungen Männern zerbricht, die sich in Rivalität um die Schöne gegeneinander ausspielen lassen.
Der Sturz des populistischen Präsidenten Juan Perón, und die Machtübernahme des Militärs im instabilen Land bilden den historischen, im Film nur an den Rändern angedeuteten Hintergrund.

Femme fatale in „Glaxo“.

Foto: Glaxo_Filmpicture

Wohltuende optimistische Note

Das Filmfestival im Baskenland zählt neben denen in Cannes, Venedig, Berlin, Locarno und Karlovy Vary europaweit zu den bedeutendsten. Ein gewisser Trend hin zu düsteren, bedrückenden, schwermütigen Filmen ließ sich in diesem Jahr zuvor schon in Karlovy Vary ausmachen. Aber ganz so pessimistisch gab sich San Sebastián trotz vieler solcher desolater Bestandsaufnahmen nicht.
Mit dem jüngsten und vermutlich auch letzten Werk des 83-jährigen Briten Mike Leigh kam vielmehr eine wohltuende optimistische Note in den Wettbewerb. Er gewann allemal verdient sowohl die Goldene Muschel für den besten Film als auch eine Silberne für das beste Drehbuch!
Entgegen üblicher Sozialdramen fokussiert „Tender Loving Care“ nicht auf die Unterprivilegierten der Gesellschaft, sondern auf diejenigen, die ihnen zu helfen versuchen, gerüstet mit Humor und familiärem Rückhalt.
Amy (verdienter Darstellerpreis: Kate O’Flynn) und ihre Freundin Rosie sind die Protagonistinnen in diesem Konversationsfilm. Die beiden kümmern sich um Menschen in prekären Lebenssituationen: Ein obdachloser, resignierter alter Mann, dem es egal ist, was aus ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wird, findet sich ebenso darunter wie ein aggressiv aufgeladener Jugendlicher oder eine überforderte, alleinerziehende Mutter, der das Sorgerecht für ihr Kind entzogen wurde.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die positive Energie in diesem Film, von der sich Publikum und Jury gleichermaßen mitreißen ließen, nährt sich keineswegs aus purer Sozialromantik. Eine unbeschwerte Existenz führen die Heldinnen keineswegs, ihre Bemühungen laufen nicht selten ins Leere, auch ihr eigenes Liebesleben liegt im Argen.
Amys Beziehung ist gerade gescheitert, nachdem der Mann zu seiner Ehefrau zurückgekehrt ist, Rosie macht gar nicht erst Bekanntschaften, die für eine ernsthafte Beziehung in Betracht kämen. Einzig Amys Eltern, die rührend an dem anstrengenden Leben ihrer Tochter Anteil nehmen, führen als Vertreter einer älteren Generation eine glückliche Ehe. Ein Hauch von Melancholie legt sich aber auch über dieses liebenswerte Paar, machen sich doch bei Amys Vater die Schwächen des Alters sorgenvoll bemerkbar.
Und doch nährt der Film die Hoffnung, dass sich alles einfacher verkraften lässt, wenn Menschen zueinander halten und aufeinander Acht geben wie Amy, ihre liebenswerten Eltern und Rosie.

Wie glaubwürdig sind die Geschehnisse auf der Bühne?

Und noch einen Schuss positiver Energie verströmte die Komödie „The Debut“ aus den USA. Julianne Moore ist hier eine Hausfrau, die nach einem zunächst erfolglosen Vorsingen doch noch zu einer Rolle in einem Musical kommt. Ihr Regisseur bringt sie zunächst in ungewöhnliche, stressreiche Situationen, die ihr dabei helfen sollen, in die Welt der von ihr verkörperten Hausmeisterin einzutauchen.
Aber im Laufe der Proben identifiziert sich Mona zusehends stärker mit ihrer Figur als erwünscht, indem sie Dialoge aus ihrem Textbuch verweigert, die ihr nicht stimmig erscheinen. Damit wirft Eisenberg grundsätzlich interessante Fragen danach auf, wie weit ein Schauspieler hinsichtlich der Authentizität seiner Rolle gehen darf. Und weitergesponnen letztlich vielleicht sogar: Was eigentlich passieren würde, wenn im Theater einmal Zuschauer die Bühne entern und den Akteuren mitteilen würden, wenn sie ihnen nicht glauben, was sie sagen.
Denn streng genommen berührt Mona ein Thema, das vor allem angesichts desolater Tendenzen in Schauspiel und Oper zusehends beschäftigt – die Unglaubwürdigkeit der Geschehnisse auf der Bühne angesichts großer Diskrepanzen zwischen Text, Aktion und Musik.
Dass insgesamt einmal mehr die Mischung aus künstlerisch hochwertigen, aber auch prominent besetzten aufwendigeren Produktionen stimmte – als Stars liefen Naomi Watts und Brad Pitt über den roten Teppich –, war freilich das Verdienst des scheidenden Festivalchefs José Luis Rebordinos.
Schade, dass er mit seinem Abschied nicht zumindest noch bis 2028 warten konnte. Dann hätte zumindest noch die Jubiläumsausgabe zum 75-jährigen Bestehen im kommenden Jahr seine überzeugende künstlerische Handschrift getragen.

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