In Kürze:
- Mit AccelerateEU setzt Brüssel auf Zentralisierung und Elektrifizierung in der Energiepolitik.
- Die Einfuhr von russischem Gas wird ab Herbst 2027 verboten.
- Deutschland erreichte am 1. Mai nicht die Mindestforderung der EU an die eingelagerten Gasvorräte.
Am 22. April legte die EU-Kommission vor dem Hintergrund der aktuellen Energiekrise mit
AccelerateEU einen neuen Aktionsplan vor, der den Umbau der Energiepolitik innerhalb der EU beschleunigen soll.
Der Plan kommt vier Jahre nach der Veröffentlichung des REPowerEU-Pakets, das Maßnahmen zur Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland in die Wege leitete.
Beide Programme dienen laut der Kommission dazu, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaneutralität miteinander zu verbinden. Ein zentrales Element bleibt dabei die Reduktion der Importe von fossilen Energieträgern aus Russland. Laut Eurostat entfallen 57 Prozent des Energieverbrauchs in der EU auf importierte fossile Brennstoffe.
Die fünf Säulen von „AccelerateEU“
Die Kommission schreibt, dass diese „Verbrauchern, die mit steigenden Energiepreisen konfrontiert sind, sofortige Erleichterung verschaffen“ würden.
Fünf Säulen des Programms sollen „den Übergang zu sauberer, sicherer und bezahlbarer Energie beschleunigen“.
Ausstieg aus russischem Erdgas bis Herbst 2027
Seit dem Beginn des Ukrainekriegs Anfang 2022 plant die EU, den Import von Erdgas in jeglicher Form aus Russland schrittweise zu beenden. Ein
Verbot der Einfuhr von Flüssigerdgas (LNG) aus Russland beginnt im Januar 2027 und ein vollständiges Verbot von russischen Gasimporten soll spätestens im Herbst desselben Jahres in Kraft treten.
Als Reaktion auf die Beschlüsse aus Brüssel drohte der russische Präsident Wladimir Putin Anfang März damit, alle Gaslieferungen an EU-Länder schon davor einzufrieren.
EU-Länder importieren nach wie vor große Mengen LNG aus der russischen Yamal-Anlage in der Arktis. So gingen im ersten Quartal 2026 rund 98 Prozent des von der Jamal-Halbinsel verschifften LNG in die EU.
Statistiken des US-Thinktanks IEEFA zeigen auch, dass im gleichen Zeitraum die EU-Importe von russischem LNG im ersten Quartal den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht haben.
Kriege, Corona, Dekarbonisierung
Werden die vergangenen fünf Jahre betrachtet, dann lassen sich mehrere Ursachen für die Preisentwicklung bei Energie finden. Der Ukraine- und Irankrieg, die Corona-Zeit, die Dekarbonisierung sowie die energiepolitischen Maßnahmen der EU sind einige davon.
Mit dem Aktionsplan AccelerateEU plant die EU-Kommission, die Umsetzung bestehender energiepolitischer Strategien wie den Europäischen Green Deal und REpowerEU zu beschleunigen.
Dass diese auch zu zeitweiligem Energiemangel in verschiedenen Regionen und stark schwankenden Preisen geführt haben, wird in dem
16-seitigen Dokument der Kommission nicht erwähnt.
Saubere Energie
Die EU-Exekutive verweist auf Länder, die „einen hohen Anteil an sauberer Energie – in erster Linie erneuerbare Energien und Kernkraft – in ihrem Strommix aufweisen, in Kombination mit einem flexiblen Stromnetz“. Diese Staaten hätten „im Allgemeinen“ niedrigere Strompreise, die unter dem EU-Durchschnitt liegen, und seien „weniger von der aktuellen Energiekrise betroffen“.
Eines der Länder, das lange Zeit einen stabilen Strommarkt mit niedrigen Strompreisen hatte, ist Schweden. Nach der Stilllegung von sechs Kernkraftwerken und hohen Investitionen in Windkraft erlebte das Land einen sehr raschen Preisanstieg und die Gefahr von Stromengpässen.
Spanien hat auch einen hohen Anteil an Solar- und Windenergie, was 2025 zu einem größeren Stromausfall führte. Auch Deutschlands Ausstieg aus der Kernenergie und der umfangreiche Ausbau von Wind- und Solarstrom haben zu großen Problemen im Stromnetz geführt.
Daher sei es laut der EU-Kommission notwendig, „die Elektrifizierung, den Ausbau weiterer heimischer Erzeugung sauberer Energie und die Energiewende zu beschleunigen“.
Gasverbrauch in Deutschland
Im Jahr 2024 hat Deutschland laut der
Bundesnetzagentur insgesamt 844 Terawattstunden (TWh) Erdgas verbraucht. Davon entfielen rund 61 Prozent auf die Industrie und 39 Prozent auf Haushalts- und Gewerbekunden.
Im Vergleich mit dem Durchschnittsverbrauch der Jahre 2018 bis 2021 ist der deutsche Gasverbrauch um 14 Prozent zurückgegangen. Das meiste Erdgas wurde mit 48 Prozent aus Norwegen importiert. Ein Viertel stammt aus den Niederlanden, rund 18 Prozent aus Belgien.
Durch inländische Förderstätten wurden im Jahr 2024 36 TWh erzeugt. Deutschland sei in der Lage, das EU-Verbot von russischem Erdgas ab 2027 zu kompensieren, so die Behörde. Die fehlenden Gasmengen hätten keine unmittelbaren Auswirkungen auf die deutsche Gasversorgung.
Aktuell stammen LNG-Lieferungen im Wesentlichen aus den USA. Weitere Importmöglichkeiten über Frankreich und Belgien wurden erschlossen.
Gasvorräte unter den Zwischenzielen
Die Auswirkungen der hohen Energiepreise sind in den EU-Mitgliedstaaten unterschiedlich. Gleichzeitig wird die aktuelle Lage als Hinweis auf potenzielle Probleme bei der Gasversorgung in der Wintersaison 2026/27 gesehen.
In mehreren EU-Ländern, die stark vom Erdgas abhängig sind, liegen die Gasvorräte derzeit unter dem vorgesehenen Mindestniveau von 30 Prozent. Die deutschen Gasspeicher sind derzeit zu 29 Prozent gefüllt.
Die 30-Prozent-Vorgabe ist Teil der EU-Verordnung zur Gasspeicherung aus dem Jahr 2022, die später bis 2027 verlängert wurde. Spätestens am 1. November jedes Jahres muss der Füllstand dann mindestens 95 Prozent betragen.
Mehrere EU-Länder wie die Binnenstaaten Slowakei und Ungarn beziehen weiterhin Gas und Öl über Pipelines aus Russland. Alternative Bezugsquellen sind mit umfangreichen Investitionen in neue Infrastruktur verbunden.