Vergesslichkeit im Alter erfordert eine sorgfältige Abklärung. Nicht jede kognitive Einschränkung basiert auf strukturellen Hirnveränderungen. - Foto: SeventyFour/ iStock
Ich erinnere mich genau an den Moment, als Herr K. meine Praxis betrat. Er war 72 Jahre alt, ein Mann, der früher ganze Werkhallen leitete, Maschinen reparierte, Probleme löste, bevor andere sie überhaupt bemerkten.
Doch an diesem Morgen stand er vor mir wie ein Mensch, der sich selbst verloren hatte. Seine Hände zitterten leicht, nicht aus körperlicher Schwäche, sondern aus einer Angst, die tiefer ging als jede Krankheit. Als er sich setzte, sah er mich an, und in seinen Augen lag eine Frage, die er nicht auszusprechen wagte: „Verliere ich mich jetzt?“
Er erzählte stockend, wie er in den letzten Monaten Termine vergessen, Namen durcheinandergebracht und Wege, die er seit Jahrzehnten kannte, nicht mehr gefunden hatte. Eine neurologische Kurzdiagnose hatte zudem den Verdacht auf beginnende Demenz in den Raum gestellt.
Herr K. sagte mir, er habe sich in diesem Moment gefühlt, als würde jemand einen Vorhang über sein Leben ziehen. Und während er sprach, spürte ich, wie in mir eine Mischung aus Mitgefühl und kritischer Wachsamkeit entstand, denn manchmal fällt die Diagnose Demenz bei Vergesslichkeit im Alter zu schnell.
Die Biochemie des Vergessens ganzheitlich betrachtet
In der ganzheitlichen Medizin beginnt jede Diagnose jedoch mit der Frage: „Warum?“ Nicht: „Wie benennen wir es?“
Herr K. zeigte Symptome der Verwirrtheit und des Vergessens, die oft mit Demenz in Verbindung gebracht werden. Aber in unserem Gespräch zeigte sich beispielsweise, dass Herr K. seit Monaten schlecht schlief. Er wachte mehrmals pro Nacht auf und fühlte sich morgens wie „verkatert“.
Untersuchungen zeigen, dass fragmentierter Schlaf die Gedächtnisleistung messbar reduziert und Symptome erzeugen kann, die einer Demenz ähneln. In einem standardisierten Demenztest kommen jedoch Fragen wie „Wie viele Stunden Schlaf man nachts bekommt“ oder „Ob man gut durchschläft“ nicht vor.
Ich fragte ihn nach seinem Schlafrhythmus, nach nächtlichem Grübeln, nach Atemaussetzern, nach Medikamenten, die den Schlaf beeinflussen könnten. Zudem weiß ich: Wer Schlaf verstehen will, muss ihn messen.
In der Praxis beinhaltet das oftmals eine umfassende Diagnostik. Darunter eine Untersuchung der nächtlichen Sauerstoffsättigung, eine Analyse des Cortisol-Tagesprofils sowie die Frage nach der Melatoninproduktion, die sich indirekt über den Schlaf-Wach-Rhythmus erkennen lässt. Schon kleine Störungen können dazu beitragen, kognitive Symptome zu verstärken.
Die unterschätzte Rolle von Entzündungen, Ernährung und Lebensstil
Ebenso wichtig war ein Blick auf seine Laborwerte. Denn oft wird unterschätzt, wie stark biochemische Dysbalancen das Gehirn beeinflussen. Auch hier ist eine umfassende Diagnostik, darunter die Einbeziehung der offiziellen Leitlinien für Demenzuntersuchungen, unverzichtbar.
Im Fall von Herrn K. ließ ich folgende Werte bestimmen:
Vitamin D
Vitamin B12
Homocystein (ein Stoffwechselprodukt, das bei einer zu hohen Menge im Blut die Gefäße schädigen kann)
C-reaktives Protein (CRP) als Entzündungsmarker
die Schilddrüsenwerte TSH, fT3 und fT4
sowie die Blutzuckerregulation über HbA1c.
Eine Studie aus dem Jahr 2020, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, zeigte, dass bis zu 40 Prozent der Demenzfälle durch modifizierbare Faktoren beeinflusst werden können, die das Erkrankungsrisiko reduzieren oder verzögern, darunter auch genau jene Parameter, die bei Herrn K. nun untersucht wurden.
Als seine Laborwerte vorlagen, ergab sich für mich ein klares Bild: Vitamin D war deutlich erniedrigt, Homocystein erhöht, CRP grenzwertig, die Schilddrüse arbeitete verlangsamt.
Alles Faktoren, die das Gehirn belasten können.
Stille Entzündungen
Besonders eindrucksvoll war für mich die Primärstudie von Walker und Kollegen von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health aus dem Jahr 2017, die zeigte, dass erhöhte Entzündungsmarker wie CRP über Jahre hinweg messbare strukturelle Veränderungen im Gehirn verursachen können.
Die Forscher konnten mittels MRT nachweisen, dass chronische Entzündung nicht nur ein Begleitphänomen des Alterns ist, sondern ein aktiver Treiber neurodegenerativer Prozesse. Genau auf solche stillen Entzündungen konnte man auch anhand der Laborergebnisse bei Herrn K. rückschließen.
Ernährung
Ein weiterer oft unterschätzter Faktor ist die Ernährung. Studien belegen, dass eine mediterrane Ernährung, reich an Omega-3-Fettsäuren, frischem Gemüse, Olivenöl und Nüssen, die kognitive Leistungsfähigkeit signifikant verbessern kann. Herr K. aß hingegen oft spät, selten frisch und häufig industriell verarbeitet. Also praktisch das Gegenteil dessen, was in der mediterranen Ernährung, die besonders gut für das Gehirn gilt, empfohlen wird.
Lebensstil
Auch sein Lebensstil war ein weiterer Risikofaktor. Nach der Pensionierung hatte er sich zurückgezogen, kaum soziale Kontakte gepflegt, wenig geistige Aktivität betrieben.
Studien zeigen hingegen klar, dass geistige Stimulation, Bewegung und soziale Einbindung das Gehirn langfristig schützen – selbst bei genetischer Prädisposition für Demenz.
Der Verdacht, der sich auflöste – und die Verantwortung, die bleibt
Nach mehreren Gesprächen, einer umfassenden Anamnese und der Analyse seiner Laborwerte zeigte sich: Herr K. litt nicht an einer beginnenden Demenz. Er litt an Schlafmangel, chronischem Stress, Vitamin-D-Mangel, erhöhtem Homocystein, stillen Entzündungen und sozialer Isolation. Ein komplexes Zusammenspiel, das reversible kognitive Symptome erzeugen kann.
Ich erklärte ihm, dass wir an mehreren Stellschrauben drehen werden:
Schlafhygiene verbessern
Abendroutine stabilisieren
nächtliche Atemaussetzer prüfen
Vitamin-D-Spiegel anheben
Homocystein über B-Vitamine senken
Entzündungen reduzieren
Ernährung mediterran ausrichten
soziale Kontakte aktivieren.
Als ich ihm dies sagte, sah ich, wie sich seine Schultern entspannten. Es war, als würde jemand den Vorhang wieder öffnen.
Als ich Herrn K. schließlich nach einigen Monaten wieder sah, war er wie ausgewechselt. Er berichtete, dass er wieder klare Gedanken fassen konnte und sich auch an Namen und Wege wieder besser erinnern konnte.
Fazit
Demenz ist eine ernste Erkrankung, aber nicht jede Vergesslichkeit ist der Beginn davon. Die ganzheitliche Medizin erinnert daran, dass das Gehirn ein Spiegel des gesamten Körpers ist.
Herr K. hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur Diagnosen zu stellen, sondern Zusammenhänge zu erkennen. Die Wissenschaft zeigt längst, dass viele Wege in den kognitiven Verfall führen – aber einige auch wieder hinaus.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)
Ich kenne mich etwas mit der Geschichte des Vietnamkriegs aus, aber über den D-Day im Zweiten Weltkrieg weiß ich nicht besonders viel. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann dachte, das US-amerikanische M60-Maschinengewehr mit Gurtzuführung, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde, sieht überhaupt nicht nach den 1960er-Jahren aus. Mit seiner wuchtigen, brutalen Erscheinung erinnerte es mich eher an ein Relikt aus der Zeit der Industriellen Revolution, wie die Autos der 1930er- und 1940er-Jahre.
„Pressure“, ein brillantes Weltkriegsdrama über den D-Day, zeigt auch die „Hitlersäge“, das gefürchtete deutsche MG 42 mit Gurtzuführung, das an den Stränden der Normandie die amerikanischen Soldaten in Stücke sägte. Ich dachte: „Jetzt weiß ich, woher das M60 kommt.“ Eine kurze Recherche bei Google ergab: Ja, das M60 war stark vom MG 42 inspiriert, ist aber keine direkte Kopie.
Das MG 42 wurde als Waffe des Faschismus geschaffen, doch stattdessen brachte es das M60 hervor, das später den Kommunismus zu vernichten versuchte.
Als General Dwight D. Eisenhower – dessen Nachname auf Deutsch passenderweise wie „Eisenhauer“ klingt – gefragt wurde, wie er den Krieg gewonnen habe, soll er geantwortet haben: „Wir hatten bessere Meteorologen als die Deutschen.“
„Pressure“ erzählt eine faktenbasierte, wenngleich weitgehend fiktive Geschichte über die Beziehung zwischen Eisenhower und seinem unbeirrbar mutigen Wetterberater, dem schottischen Meteorologen James Stagg (Andrew Scott).
Brendan Fraser spielt General Dwight D. Eisenhower, den Oberbefehlshaber der Alliierten.
In den angespannten 72 Stunden vor der Landung der Alliierten in der Normandie, als das Schicksal der freien Welt auf dem Spiel stand, hatte Stagg die undankbare Aufgabe, Eisenhower zu beraten, ob die Invasion grünes Licht bekommen sollte oder nicht.
Das heißt, Eisenhower und sein Stab müssen entscheiden, ob sie die größte und gefährlichste Seeinvasion der Geschichte wagen – oder die katastrophale Folge riskieren, dass Deutsch zur Weltsprache wird. Und zu Staggs Zeiten – lange vor Computern und Satellitenbildern – war die Wettervorhersage noch ebenso sehr Kunst wie Wissenschaft.
Damit die US-amerikanischen, britischen und kanadischen Alliierten ihren Angriff koordiniert beginnen konnten, durften die Wellen auf dem Ärmelkanal nicht höher als 3 Meter sein, und der Himmel musste klar genug sein, damit die Bomber ihre Ziele erkennen konnten. Mit anderen Worten: Ein Angriff bei schlechten Wetterbedingungen drohte verheerende Verluste zu fordern, doch eine zu lange Verzögerung barg das Risiko, dass der deutsche Nachrichtendienst Wind von der Operation bekam.
Stagg und Krick
Andrew Scott spielt den unbeliebten Meteorologen Stagg als einen extrem stoischen, ernsten Mann, dessen Fachkompetenz und Autorität ständig infrage gestellt werden, weil seine beängstigenden Prognosen vor schweren, zerstörerischen Stürmen mit bis zu 5,5 Meter hohen Wellen warnen – eine Übertreibung des Films.
Wird Eisenhower ihm folgen? Einem Mann, dessen Schlussfolgerungen auf strenger wissenschaftlicher Grundlage, moralischer Integrität, einer stillen Leidenschaft für seinen nach außen hin eher langweiligen Beruf und einer tiefen Ehrfurcht vor der Natur beruhen? Oder wird der General auf den Rat von Staggs amerikanischem Pendant und Eisenhowers langjährigem Favoriten Irving P. Krick (Chris Messina) hören, der sich gern in den Vordergrund spielt? Kricks vehemente Prognosen, die sich ausschließlich auf historische Wetterdaten stützen, sagen ein sichereres Zeitfenster voraus. Er weiß, dass genau das alle hören wollen.
Chris Messina hat sichtlich Spaß daran, Krick als einen überaus selbstsicheren Clown darzustellen, der fest davon überzeugt ist, dass der Himmel am 5. Juni 1944 klar sein wird. Stagg ist sich sicher, dass ein Angriff der Alliierten am 5. Juni eine absolute Katastrophe wäre.
(v. l. n. r.) Brendan Fraser als General Dwight D. Eisenhower und Andrew Scott als James Stagg.
Der Film weicht in seiner Darstellung Eisenhowers deutlich von der historischen Realität ab: Er zeigt ihn als aufbrausenden Hitzkopf, der ständig seine Mitarbeiter und insbesondere Stagg anschreit. Zwar war Eisenhower für sein explosives Temperament bekannt, doch hier läuft er schon früh zur Höchstform auf und hat danach kaum noch Luft nach oben – was in der Realität seine Autorität wohl eher untergraben hätte. In Wirklichkeit war Eisenhower zwar sehr autoritär, neigte aber dazu, ein ruhiges Auftreten an den Tag zu legen. Er setzte eher auf Konsensbildung und Koalitionsdiplomatie als auf Einschüchterung.
Dennoch trifft Brendan Fraser etwas Wesentliches an Eisenhower: Er hat die passenden hellblauen Augen und den starren Blick eines Mannes, der die Last der Welt auf seinen Schultern trägt.
Eisenhower, dessen Spitzname „Ike“ war, wusste, dass die meisten amphibischen Invasionen gegen verteidigtes Gebiet scheitern – und dass die Deutschen ihnen die Knochen abnagen würden, wenn sie auch nur ein wenig zu lange warteten. Ein anderer Spitzname für das deutsche MG 42 war „Knochensäge“. Das MG 42 in den Schießscharten der deutschen Bunker in Aktion zu sehen, lässt mich noch einen Tag später nicht los.
General Montgomery (Damian Lewis) verschärft im Kommandoraum den Ton in „Pressure“.
Damian Lewis ist als General Bernard Montgomery, Befehlshaber der britischen Streitkräfte, großartig und verstärkt die operative Anspannung im Kommandoraum. Ebenso großartig ist die Irin Kerry Condon in der Rolle der Captain Kay Summersby, Eisenhowers Fahrerin und Assistentin, die möglicherweise auch seine Geliebte war – zumindest der historischen Überlieferung zufolge.
Doch „Pressure“ ist Staggs (und Scotts) Film. Der Druck, unter dem er steht, wird bis an den Punkt gesteigert, an dem er beinahe erstarrt. So überzeugend taumelt er unter der Last und der überwältigenden Dissonanz all dessen, was auf ihm lastet, dass eine ungeheuer intensive Atmosphäre den gesamten Film durchzieht. Man könnte von der ersten bis zur letzten Minute den Tränen nahe sein.
Doch es stellt sich weniger ein Gefühl der Traurigkeit als vielmehr des Respekts ein, angesichts der Hingabe, die hier einer Sache entgegengebracht wird. Der Film ist eine Hommage an den Mut jener Menschen, die unter enormem moralischem Druck schwierige Entscheidungen über den Luftdruck treffen mussten. Schon jetzt ist „Pressure“ ein Klassiker des Kriegsfilmgenres.
Ein gepanzertes Militärfahrzeug patrouilliert am 2. April 2025 auf dem Luftwaffenstützpunkt Hsinchu in Hsinchu. Am 2. April kündigte das chinesische Militär neue Übungen in sensiblen Gewässern nahe Taiwan an – am zweiten Tag in Folge von Manövern um die selbstverwaltete Insel, die China als sein eigenes Territorium beansprucht. - Foto: I-Hwa Cheng/AFP via Getty Images
In Kürze
Ein China-naher Forscher nutzte Claude, um eine Software zur elektronischen Kriegsführung gegen zwölf Ziele in Taiwan zu entwickeln.
Anthropic sieht Verbindungen zur Akademie der Militärwissenschaften der Volksbefreiungsarmee, nennt aber keine formelle Zugehörigkeit.
In einem weiteren Fall nutzte ein chinesischer Rüstungshersteller Claude für ein Anti-Torpedo-Waffenprojekt; beide Konten wurden gesperrt.
Laut Anthropic nutzte ein in China ansässiger Verteidigungsforscher, der Verbindungen zu chinesischen Militärforschungseinrichtungen hat, das KI-System Claude des Unternehmens, um eine Software zur elektronischen Kriegsführung und zur Bekämpfung gegnerischer Luftverteidigungssysteme zu entwickeln, die auf zwölf militärische Standorte in Taiwan abzielte.
In einem am 10. September veröffentlichten Bericht zur Bedrohungslage erklärte Anthropic, Kontometadaten und Inhalte hätten darauf hingedeutet, dass der Akteur mit chinesischen Forschungseinrichtungen verbunden sei, darunter die Akademie der Militärwissenschaften der Volksbefreiungsarmee (PLA). Das Unternehmen stufte den Akteur als in China ansässigen Verteidigungs- und Rüstungsforscher ein.
Dieser nutzte Claude, um eine chinesischsprachige Softwaresuite mit etwa 16 Modulen zur elektronischen Kriegsführung und Bekämpfung gegnerischer Luftverteidigung zu entwerfen und weiterzuentwickeln. Das System durchlief zwölf Versionen, bildete Radarerkennung und -störung ab, bewertete die Verwundbarkeit von Raketenstellungen und Kommandoknoten, priorisierte Ziele und legte fest, wie Störflüge über mehrtägige Kampagnen hinweg zugewiesen werden sollten.
Anthropic erklärte, die Aktivität im Rahmen einer Untersuchung zu mutmaßlicher Waffenentwicklung entdeckt und die mit dem Akteur verbundenen Konten gesperrt zu haben.
Laut Anthropic änderte der Akteur im Laufe des Projekts das Standardszenario der Simulation auf die zwölf Ziele in Taiwan. Zu diesen zählten ein Kommandobunker, eine Frühwarnradarstation, Patriot- und Tien-Kung-Luftabwehrbatterien, wichtige Luftwaffenstützpunkte sowie das Hauptquartier eines regionalen Streitkräftekommandos.
Tien Kung III, auch Sky Bow III genannt, ist ein landgestütztes Boden-Luft-Abwehrsystem, das vom taiwanischen National Chung-Shan Institute of Science and Technology entwickelt wurde. Es ist darauf ausgelegt, Flugzeuge, Marschflugkörper, Anti-Radar-Raketen und taktische Kurzstreckenraketen zu bekämpfen.
In den ausgewerteten Unterhaltungen wurde laut Anthropic das Patriot-Feuerleitradar am häufigsten als Verteidigungssystem genannt, gefolgt von den Radaranlagen AN/TPS-117 und AN/TPS-75, dem Tien-Kung-Raketenradar und dem THAAD-Radar.
Zu den am häufigsten genannten Angriffsplattformen zählten die Elektronikkampfdrohne „Golden Eagle“, mehrere Störflugzeuge der Typen Y-8 und Y-9 sowie der Elektronikkampfjet J-16D.
Anthropic wies jedoch darauf hin, dass diese Nennungen lediglich zeigten, worauf sich der Akteur konzentriert habe, nicht aber, welche Fähigkeiten tatsächlich erreicht worden seien.
Laut Anthropic wurde Claude für die Zielentwicklung, Schwachstellenanalyse, Kräftezuweisung, Missionsplanung und Bewertung eingesetzt.
Der Akteur nutzte das Modell, um Berechnungen zur Radarerkennung und -störung durchzuführen, Module zur Schwachstellenanalyse zu erstellen und chinesischsprachige Zielanweisungen zu verfassen.
Anthropic bezeichnete das System als „szenariobasiert, nicht als Live-Aufklärungssystem (ISR)“ – es habe sich also auf vorab geladene Szenarien gestützt und nicht auf Echtzeitaufklärungsdaten.
Der Akteur betrieb zudem ein selbst gehostetes Modell in einem internen Netzwerk und band die Zielsoftware über eine Tool-Use-Integration daran an.
Der Bericht macht keine Angabe darüber, ob die Software von der PLA übernommen, getestet oder eingesetzt wurde.
Anthropic identifizierte den Forscher nicht namentlich und machte auch keine Angaben dazu, ob die Person bei der Akademie der Militärwissenschaften der PLA angestellt, beauftragt oder anderweitig formell verbunden war.
Eine Veröffentlichung des taiwanischen Verteidigungsministeriums beschreibt die Akademie als die höchste militärwissenschaftliche Forschungseinrichtung der PLA. Demnach forscht die Akademie zu militärischer Theorie und zu zentralen Verteidigungsfragen und berät die Zentrale Militärkommission strategisch.
Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hat Anthropic nicht auf Fragen der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times geantwortet. Unter anderem wurde gefragt, ob das Taiwan-Szenario reale Standorte oder nicht öffentliche militärische Informationen nutzte, wie die Beziehung des Akteurs zur Akademie aussieht und ob taiwanische oder US-amerikanische Behörden informiert wurden.
Im selben Bericht identifizierte Anthropic einen weiteren in China ansässigen Akteur, der Claude in drei parallelen Arbeitssträngen für ein Anti-Torpedo-Waffensystem nutzte.
Der Akteur verfasste eine chinesischsprachige Feuerleitspezifikation sowie einen mehr als 200-seitigen technischen Vorschlag samt einer Präsentation für die Geschäftsleitung. Zudem verglich er das System mit konkreten US-amerikanischen Anti-Torpedo- und U-Boot-Abwehrprogrammen und erstellte eine chinesischsprachige Einweisung zu Systemen der US-Marine. Laut Anthropic war der Akteur wahrscheinlich mit einem chinesischen Rüstungshersteller verbunden, der eine Waffenspezifikation und einen Beschaffungsvorschlag für die Marine der Volksbefreiungsarmee erstellen wollte.
Claude wurde außerdem genutzt, um den Vorschlag zu verfeinern, als kritischer Gutachter aufzutreten und Teile der Anti-Torpedo-Feuerleitsoftware sowie einer Testmatrix zu erstellen.
Da Anthropic die Aktivität keiner konkreten Organisation oder Einzelperson zuordnen konnte, sperrte das Unternehmen das Konto wegen Verstoßes gegen die Richtlinien zu geografischen Zugriffsbeschränkungen und zur Entwicklung von Waffen.
In einer separaten Untersuchung führte Anthropic aus, dass führende KI-Modelle mittlerweile einige militärische und nachrichtendienstliche Aufgaben übernehmen könnten, für die historisch gesehen seltene, hoch qualifizierte Spezialisten nötig waren.
Tempo entsteht durch Klarheit, nicht durch Hektik. - Foto: Yaroslav Olieinikov/iStock
„Wir müssen schneller werden.“ Dieser Satz fällt oft, wenn der Druck steigt. Kunden erwarten Tempo, Märkte bewegen sich, Technik verändert Abläufe und KI verspricht Beschleunigung. Also lautet die erste Reaktion: schneller.
Doch viele Organisationen sind nicht zu langsam, weil Menschen trödeln. Sie sind langsam, weil Arbeit zu viele Schleifen hat. Das zeigt sich in Rückfragen, Freigaben, unklaren Rollen, wechselnden Prioritäten, doppelter Dokumentation und zu vielen parallelen Projekten.
Wer in so einem System einfach schneller werden will, erhöht nur die Reibung. Dann wird mehr gedrückt, mehr kontrolliert, mehr erinnert. Die Menschen laufen schneller im Kreis.
Tempo entsteht durch Klarheit, nicht durch Hektik.
Ein Team brauchte für einfache Kundenfreigaben oft mehrere Tage. Niemand war faul. Es war nur unklar, wer welche Entscheidung treffen durfte. Nach einer Rollenklärung sank die Durchlaufzeit deutlich. Nicht, weil alle schneller arbeiteten. Sondern weil weniger gewartet wurde.
Genug gearbeitet. Genug Geschwindigkeit gefordert, ohne die Bremsen im System zu lösen.
Drei Bremsen sind besonders häufig:
Unentschiedenheit: Themen bleiben offen und erzeugen Folgeschleifen.
Parallelität: Zu viele Aufgaben konkurrieren um dieselbe Aufmerksamkeit.
Absicherung: Menschen fragen lieber nach, weil der Rahmen nicht klar ist.
Wer Tempo will, sollte nicht zuerst fragen: „Wie werden wir schneller?“ Sondern: „Wo verlieren wir Zeit, ohne Wert zu schaffen?“
Das verändert die Perspektive. Plötzlich geht es nicht um Druck auf Menschen, sondern um Gestaltung von Arbeit.
Ein guter Wochenimpuls: Wählen Sie einen wiederkehrenden Prozess und messen Sie nicht die Bearbeitungszeit, sondern die Wartezeit. Häufig liegt dort der größte Hebel. Die Arbeit selbst dauert vielleicht zwei Stunden. Aber sie liegt drei Tage herum, weil Entscheidungen fehlen.
KI kann hier helfen, aber nur, wenn der Prozess klar ist. Ein unklarer Prozess wird durch KI nicht automatisch schlank. Er wird nur schneller undurchsichtig.
Wirksames Tempo braucht daher drei Dinge: klaren Start, klare Entscheidungspunkte und klares Ende. Alles andere ist Bewegung.
Genug gearbeitet. Wo fordert Ihr Unternehmen Tempo, obwohl eigentlich Klarheit fehlt?
Der im Juli verstorbene Schauspieler Sam Neill ist vor allem für seine Rolle als Dr. Alan Grant in „Jurassic Park“ bekannt.
Obwohl Dr. Grant nur ein fiktiver Wissenschaftler ist, prägte er Generationen von Kindern und werdenden Paläontologen.
Ursächlich dafür ist gute Verkörperung eines normalen und sympathischen Paläontologen, der beim Publikum echt wirkte.
Der plötzliche Tod des Schauspielers Sam Neill löste weltweit Würdigungen von Kollegen und Fans aus. Doch die Nachricht fand auch bei vielen Paläontologen großen Anklang, für die Neills Darbietung in „Jurassic Park“ als Dr. Alan Grant eine entscheidende Inspiration für ihre Berufswahl war.
„Ich bereitete gerade eine Präsentation über Fossilien vor, als ich die Nachricht erhielt, dass Dr. Grant von uns gegangen ist“, sagte Kallie Moore, Paläontologin an der University of Montana. „Als ich den Vortrag – unter Tränen – Sam widmete, bekam ich viele mitfühlende Blicke von den Zuhörern. Es ist unglaublich, welchen Einfluss eine fiktive Figur auf die Paläontologie hatte, denn für uns Kinder der 90er-Jahre war Dr. Grant nicht nur eine Figur – er wurde zu einem Kollegen.“
Dr. Alan Grant bei jeder Ausgrabung
Moore ist nur eine von vielen Paläontologinnen und Paläontologen weltweit, die sich gemeldet haben, als wir fragten, wie Neill – und seine berühmte Filmfigur – sie beeinflusst hatten. Auch Alan Grants Kollegin Dr. Ellie Sattler, die von Laura Dern gespielt wurde, tauchte in ihren Erinnerungen auf.
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„Jurassic Park“ kam erstmals 1993 in die Kinos und wurde zu einem großen Erfolg.
Die Schauspieler Jeff Goldblum (l.) alias Dr. Ian Malcolm und Laura Dern (r.) alias Dr. Ellie Sattler.
Foto: J. David Ake/AFP via Getty Images
Die australische Paläontologin Sally Hurst antwortete: „Bei jeder Ausgrabung, an der ich teilgenommen habe – von den Kreidefelsen in Inverloch [Australien], über die Badlands in Kanada bis hin zu den Wüsten der Mongolei –, gab es immer einen Tag, an dem entweder ich oder jemand anderes in die Rolle von Dr. Ellie Sattler und Dr. Alan Grant schlüpften. Für viele von uns, die heute in diesem Beruf tätig sind, waren es diese Figuren, die uns als Erste gezeigt haben, dass Paläontologe ein echter Beruf ist.“
Das wirft eine interessante Frage auf: Kann ein Film wirklich wissenschaftliche Karrieren inspirieren? Dinosaurier mit modernsten Spezialeffekten helfen dabei natürlich immer. Aber in diesem Fall geht es unserer Meinung nach darüber hinaus.
Sympathisch und echt statt exzentrisch und unmoralisch
Als Dr. Grant 1993 erstmals auf den Kinoleinwänden erschien, unterschied er sich von vielen fiktiven Wissenschaftlern vor und nach ihm. Er wurde nicht als exzentrisches Genie, als sozial unbeholfener Akademiker oder als jemand dargestellt, dessen Brillanz auf Kosten seiner Menschlichkeit ging.
Sam Neill verkörperte stattdessen einen authentischen, normalen und sympathischen Mann. Er war neugierig, geduldig und überaus sachkundig – aber auch zugänglich. Er war menschlich. Seine Begeisterung für Dinosaurier wirkte echt. Selbst als der fiktive Dino-Park im Chaos versank, blieb Grant als Paläontologe erkennbar, der versuchte, diese außergewöhnlichen Tiere zu verstehen.
„Sam Neills Darstellung als Dr. Alan Grant war für diejenigen von uns, die wussten, was damals über Dinosaurier bekannt war, ziemlich überzeugend“, sagt der britische Paläozoologe und Autor Darren Naish. „Dr. Grant hatte eindeutig den Finger am Puls der Dinge in der Welt der Dinosaurier, und Sam hat ihn gut gespielt. Er ist weise und geduldig, aber auch leidenschaftlich.“
Sam Neill (r.) spielte überzeugend den authentischen, normalen und sympathischen Wissenschaftler.
Tatsächlich schrieb Sam Neill in seinen 2024 erschienenen Memoiren „Did I Ever Tell You This?“ über Grants Anziehungskraft: „In den dreißig Jahren seit dem ersten ‚Jurassic Park‘ ist Alan Grant zu einer sehr beliebten Figur geworden. Kein Superheld – keine magischen Kräfte. Ein Mann, der beim ersten Anblick eines Brachiosaurus in Ohnmacht fällt, ist einfach nur ein Mensch. Ein ganz normaler Typ, der unter extremen Umständen sein Bestes gibt.“
Für die vielen Millionen Kinder, die „Jurassic Park“ sahen, war und ist es das erste Mal, dass sie einen Wissenschaftler sahen, dessen Arbeit abenteuerlich und wirklich spannend wirkte. Anstatt den ganzen Tag im Labor zu verbringen, war Dr. Alan Grant draußen im Freien und studierte echte Dinosaurier. Für viele heutige Paläontologen war dies von Bedeutung.
„Vor ‚Jurassic Park‘ wurden Dinosaurier im Film als schwerfällige Ungeheuer dargestellt“, sagt die Kanadierin Kathryn Abbot, ausführende Produzentin der Dokumentation „Why Dinosaurs?“. „Alan Grant hat uns gelehrt, dass es sich um dynamische, intelligente Tiere mit realistischem Verhalten und ökologischen Rollen handelte.“
Fasziniert beobachtete Dr. Alan Grant sogar die gefährlichsten Dinosaurier wie den T. rex.
Kinder haben ein bemerkenswert gutes Gespür dafür, wenn Erwachsenen etwas wirklich am Herzen liegt. Neill wirkte nie so, als würde er nur so tun, als sei er Wissenschaftler. Er wirkte wie jemand, der seine Arbeit liebte.
Es besteht kein Zweifel daran, dass „Jurassic Park“ eine außergewöhnliche Welle des Interesses an Dinosauriern, Museen und der Natur im Allgemeinen ausgelöst hat. Und für viele hat Dr. Alan Grant uns gezeigt, dass Paläontologe ein echter Beruf sein kann.
„Sam Neills Darstellung hat meinen Lebensweg geprägt“, sagt Jake Kotevski, Paläontologe an der Monash University in Melbourne. „Solange ich mich erinnern kann, wollte ich Paläontologe werden – Dr. Alan Grant sein. Aber auch seine Werte teilen – stille Intelligenz, Staunen, einen kühlen Kopf und einen beschützenden Vater (oder eine Vaterfigur). ‚Jurassic Park‘ hat mich mein ganzes Leben lang begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Ohne Dr. Grant gäbe es keinen Dr. Kotevski.“
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Bis heute sind Kinder fasziniert von den Urzeitechsen.
Foto: Ian Gavan/Getty Images
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In „Jurassic Park“ wurden Dinosaurier erstmals als dynamische und intelligente Tiere dargestellt.
Foto: Ian Gavan/Getty Images
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Besonders der Tyrannosaurus rex wurde durch die Filme zu einer Urzeit-Ikone.
Foto: Stuart C. Wilson/Getty Images
Dr. Alan Grant: „der einflussreichste Paläontologe aller Zeiten“
Die Paläontologen, die über das Leben von Sam Neill nachdenken, erinnern sich an mehr als nur ihren Lieblingsfilm. Sie erinnern sich an den Moment, als ihnen zum ersten Mal bewusst wurde, dass Wissenschaft etwas ist, womit sie sich beschäftigen können.
„Ich bin damit aufgewachsen und habe ‚Jurassic Park‘ immer und immer wieder gesehen“, sagt der britische Paläontologe Dean Lomax. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich ihn in den letzten 30 Jahren zitiert habe – sogar bis heute.“
Doch das war längst nicht alles. „Zweifellos hat Sam meine Entscheidung, eine Karriere in der Paläontologie einzuschlagen, mitgeprägt, so wie er es auch bei vielen anderen getan hat. Und dafür danke ich ihm. Meiner Meinung nach könnte Dr. Alan Grant als der einflussreichste Paläontologe aller Zeiten gelten“, so Lomax weiter.
Nur wenige Schauspieler können von sich behaupten, einen ganzen Berufsstand geprägt zu haben. Sam Neill hat dies mit ziemlicher Sicherheit getan – und wird es angesichts des Kultstatus des Films auch weiterhin tun. Nicht, weil Dr. Alan Grant den Dinosauriern entkommen ist, sondern weil er das Streben nach Wissen spannend, sinnvoll und realistisch erscheinen ließ.
Für seine Rolle als Paläontologe Dr. Alan Grant bleibt der neuseeländische Schauspieler Sam Neill für viele Menschen unvergessen.
Foto: Chris Hyde/Getty Images for AFI
Vorbilder für Kinder schaffen
Aus diesem Beispiel können wir lernen und es zum positiven Nutzen. „Wenn man ein Kind für Dinosaurier begeistern kann, kann man es auch für Naturwissenschaften, MINT-Fächer, das eigene Denken und Kreativität begeistern“, sagt Kathryn Abbot.
Lange nachdem „Jurassic Park“ das Kino revolutioniert hat, könnten sich die Generationen von Paläontologen, die neue Entdeckungen machen und so unser Verständnis der prähistorischen Welt prägen, als sein beständigstes Vermächtnis erweisen.
Das letzte Wort hat die amerikanische Paläontologin und Kinderbuchautorin Ashley Hall. „Sam Neills brillante Darstellung hat meine Leidenschaft für eine Karriere in der Paläontologie beflügelt. Aber sie hat mich auch dazu gebracht, meinen heutigen Ehemann kennenzulernen, einen Kollegen aus der Paläontologie, der mir verkleidet als Alan Grant einen Heiratsantrag machte – mit Verlobungsring an einer Raptorklaue und allem Drum und Dran. Danke, Sam.“
Große Kunst zu betrachten kann uns unermesslich inspirieren. - Foto: jenoche/iStock
„Beim Blick in Richtung Zukunft kannst du die einzelnen Punkte noch nicht miteinander verbinden – erst im Rückblick zeigt sich der Zusammenhang. Deshalb musst du darauf vertrauen, dass sich die Punkte in deiner Zukunft auf irgendeine Weise miteinander verbinden werden.“ Das sind die Worte des ehemaligen Apple-Chefs Steve Jobs in seiner Abschlussrede an der Stanford University im Jahr 2005.
In seiner Rede schilderte Jobs, wie er nach seinem Studienabbruch auf dem Campus blieb und einen Kurs in Kalligrafie belegte. Jobs führte die außergewöhnlich schöne Typografie des Apple Mac auf genau diesen Kurs zurück und bezeichnete ihn als einen der Gründe für den unglaublichen Erfolg des Mac.
Jobs belegte diesen Kalligrafiekurs, weil es ihm Spaß machte. Er ahnte nicht, wie wichtig er für seinen späteren Erfolg sein würde.
Von Jobs’ aufschlussreichen Überlegungen inspiriert, begann ich die Punkte meiner Lebensgeschichte zu verbinden, allerdings auf ganz andere Weise: um zu schildern, in welcher Weise sich Kunst auf mein Wohlbefinden ausgewirkt hat. Viele von uns haben ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden wahrscheinlich schon einmal im Zusammenhang mit Ernährung betrachtet, aber vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, inwiefern die Kunst, die wir konsumieren, unsere Lebensqualität beeinflusst.
Wenn Kunst zum Leben gehört
Kunst hatte schon immer einen festen Platz in meinem Leben, und ich hatte das Glück, viele der bedeutendsten Galerien und Museen der Welt besuchen zu können: darunter den Louvre in Paris, das Rijksmuseum in Amsterdam, die Eremitage in Sankt Petersburg, das Metropolitan Museum of Art in New York und viele mehr. Da ich den größten Teil meines Lebens nicht weit von den weltberühmten Londoner Kunstinstitutionen entfernt gelebt habe, liegt große Kunst für mich praktisch vor der Haustür.
Meine erste Begegnung mit einem Meisterwerk hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Ich war etwa elf Jahre alt und auf einem Schulausflug in einer Londoner Galerie. Dort sah ich eine mit roter Kreide zart ausgeführte Zeichnung von Raffael, Leonardo da Vinci oder einem anderen Meister dieser Epoche (man möge es meinem elfjährigen Ich verzeihen, dass es dieses wichtige Detail vergessen hat).
„The Burlington House Cartoon“, 1506–1508, von Leonardo da Vinci. Leonardos beeindruckende Zeichnung mit Kohle und roter Kreide in der Londoner National Gallery ähnelt jener, die mich im Alter von 11 Jahren inspiriert hat.
Foto: gemeinfrei
Ich war zutiefst beeindruckt von dieser zarten, filigranen Darstellung, ohne jedoch genau sagen zu können, warum. Ich glaube nicht einmal, dass ich damals verstand, was sie eigentlich zeigte. Doch die Zeichnung faszinierte mich so sehr, dass ich einfach stehen blieb und dieses geheimnisvolle Meisterwerk weiter betrachtete, während meine Klassenkameraden längst weiterzogen.
Etwa zehn Jahre nach dieser ersten Begegnung verbrachte ich so manche Mittagspause in der Galerie für Alte Meister der Londoner Tate Gallery, der heutigen Tate Britain, unweit meines Arbeitsplatzes. Zwischen diesen Meisterwerken fand ich stets eine gewisse Ruhe und Trost, ganz gleich, was gerade in meinem Leben vor sich ging.
Die Ausstellung „Walk through British Art“ in der Tate Britain, London, zeigt die nationale Sammlung britischer Kunst erstmals chronologisch vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart (2013).
Foto: Warrick Page/Getty Images
Diese Erfahrungen, die ich mit traditionellen Gemälden gemacht hatte, schienen die Kraft zu haben, mich in irgendeiner Weise aufzubauen. Ich dachte an andere Kunstwerke zurück, die einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hatten, um mehr über diese Wirkung zu verstehen.
Monet und mehr
Eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde, war der Anblick von Monets „Seerosen“ während einer Schulaustauschreise nach Paris im Jahr 1991. Damals war ich von allem, was Monet geschaffen hatte, zutiefst beeindruckt.
Monet malte seine berühmte Seerosenserie eigens für zwei ovale Galerien im Musée de l’Orangerie, deren Wände sich auf einer Länge von mehr als 90 Metern erstrecken.
Ich schlenderte durch eine der ovalen Galerien, den Blick gebannt auf Monets pastellfarbene Seerosen in Blau, Rosa und Grün, die im Licht förmlich zu tanzen schienen. Während meine Schritte der Rundung der Galerie folgten, ließ ich mich immer mehr von dem sanften Spiel der Farben in den Bann ziehen – so sehr, dass ich die kleine Kante am Boden übersah, dort, wo der Fußboden auf die Wand traf. Im nächsten Moment verlor ich den Halt und rutschte aus. Instinktiv streckte ich den Arm aus, um mich abzufangen, und hätte dabei beinahe Monets Leinwand mit der Hand berührt. Natürlich war mir das unsäglich peinlich. Aus der unerträglichen, seltsamen Stille, die offenbar jeden Unfall begleitet, riss mich schließlich ein Museumsmitarbeiters, der mich auf Französisch anschrie. Es war nicht gerade meine glorreichste Begegnung mit der Kunst – aber ich habe viel daraus gelernt.
Monets „Seerosen“ haben mich so sehr in ihren Bann gezogen, dass ich buchstäblich den Halt verloren habe. Mir ist jetzt klar, dass viele moderne Kunstwerke genau das bewirken: Sie bringen uns eher aus der Fassung, als dass sie uns leiten.
Die Erinnerung an meine hautnahe, eher peinliche Begegnung mit Monets Kunst überraschte mich. Nur zwei weitere Werke der modernen Kunst haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das erste war „My Bed“, das 1998 von der britischen Künstlerin Tracey Emin geschaffen wurde.
Emins Installation bestand aus ihrem ungemachten Bett, wie es während einer psychischen Krise ausgesehen hatte. Auf dem Bett und darum herum lagen Zigarettenschachteln, Wodkaflaschen, benutzte Taschentücher und allerlei andere Dinge. Zugegeben, das Werk regte zum Nachdenken an: Ich fragte mich, ob ich an diesem Morgen eigentlich mein Bett gemacht hatte. Doch darüber hinaus regte es mich nicht dazu an, ein besserer Mensch zu werden – abgesehen davon, dass ich plötzlich den Drang hatte, meine Wohnung aufzuräumen. Es löste in mir vor allem Ekel und zugleich ein gewisses Mitgefühl für Emin aus.
Emins Kunst erinnerte mich zu sehr an das, was ich täglich in den Nachrichten sah: die schonungslose Darstellung eines Lebens, ohne jeden Anflug einer positiven Note.
Das zweite war eine Installation in der Tate Modern, die mich sogar dazu brachte, nie wieder dort hingehen zu wollen. Bei der fraglichen Installation handelte es sich um eine Sammlung farbenfroher, totemartiger Pfähle mit Parolen der Suffragetten und feministischen Protestrufen. Ich verließ die Tate Modern aus stillem Protest.
Mir wurde klar, dass Kunst von Monet, Emin und anderen Künstlern dieser Art einfach nicht das Richtige für mich war. Ich sehnte mich nach Kunst, die etwas Erlösendes in sich trug. Einfach gesagt: Ich suchte in der Kunst eine Art von Trost.
Altes Wissen
Als ich nun besser verstand, wie unterschiedliche Formen der Kunst auf mich wirkten, konnte ich einen weiteren Punkt mit den anderen verbinden.
Etwa zehn Jahre lang arbeitete ich als Ayurveda-Praktikerin. Ayurveda – ausgesprochen „Ai-ju-we-da“ und aus dem Sanskrit stammend, wo der Begriff so viel wie „Wissen vom Leben“ bedeutet – ist ein Jahrtausende altes Naturheilsystem, das ähnlich wie die traditionelle chinesische Medizin vor rund 5.000 Jahren in Indien entstand.
Ayurveda betrachtet Krankheit anders als die westliche Medizin. Krankheit – im englischen Original als „dis-ease“, also als ein Zustand des Unwohlseins, verstanden – bezeichnet dabei alles, was Unbehagen verursacht, unabhängig davon, ob die Ursache körperlicher oder seelischer Natur ist. Mithilfe der ayurvedischen Prinzipien können wir dafür ein Bewusstsein entwickeln, wie sehr die kleinen Dinge unseres Alltags unsere Gesundheit beeinflussen. Ein Grundprinzip des Ayurveda lautet beispielsweise: „Ähnliches verstärkt Ähnliches.“ Die meisten von uns wenden dieses Prinzip ganz intuitiv an: Wenn uns heiß ist, greifen wir vielleicht automatisch zu einem Eis oder einem eiskalten Glas Wasser, um uns abzukühlen. Etwas Heißes würden wir dagegen nicht wählen, denn es würde unsere Körpertemperatur noch weiter erhöhen. Genau darin zeigt sich das Prinzip „Ähnliches verstärkt Ähnliches“ in der Praxis.
Nach den Prinzipien des Ayurveda sollten wir daher, um Unwohlsein oder Beschwerden zu lindern, auf die jeweils entgegengesetzte Qualität dessen setzen, was wir gerade erfahren.
Ayurveda geht außerdem davon aus, dass alles, was wir in uns aufnehmen, sei es durch unsere Nahrung oder durch unsere Sinneseindrücke, eine Form von Nahrung ist. So leuchtet es ein, dass zu den Grundsätzen für Gesundheit und Glück im Ayurveda auch der bewusste und angemessene Gebrauch unserer fünf Sinne gehört – etwas, worüber wir vermutlich nicht unbedingt nachdenken. Und doch beeinflusst uns alles, was wir über unsere Sinne aufnehmen.
Im Ayurveda gibt es das Konzept „Asātmyendriyārtha Samyoga“, einen Sanskrit-Begriff, der den unangemessenen oder schädlichen Kontakt der Sinne mit ihren Objekten bezeichnet. Beim Sehsinn sind die Augen beispielsweise das Sinnesorgan, mit dem wir visuelle Eindrücke aufnehmen. Unzuträgliche Sinneserfahrungen werden dabei in drei Kategorien eingeteilt, die Unwohlsein oder Beschwerden hervorrufen können: übermäßiger, zu geringer oder unangemessener Gebrauch der Sinne.
Die meiste Zeit befinden wir uns wahrscheinlich in einem Zustand der Überbeanspruchung unserer Sinne – etwa, wenn wir auf dem täglichen Weg zur Arbeit von Werbeplakaten geradezu bombardiert werden und gleichzeitig durch die sozialen Medien scrollen.
Vor diesem Hintergrund begann ich zu verstehen, welchen Einfluss das Betrachten von Kunst auf meine Gesundheit haben könnte. Von den drei Formen des unzuträglichen Sinnesgebrauchs war insbesondere der „unangemessene Gebrauch der Sinne“ für mich relevant. Damit ist eine Handlung gemeint, die wir ausführen, obwohl wir wissen, dass sie uns nicht guttut. Ein Beispiel für einen unangemessenen Gebrauch des Sehsinns wäre, verzerrte Bilder oder abstoßende, beängstigende oder aggressive Darstellungen zu betrachten.
Der Anblick wunderschöner Kunstwerke wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden aus. Bronzestatuette eines Philosophen auf einem Lampenfuß, Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. Bronze; 27,3 cm hoch. Rogers Fund, 1910; Metropolitan Museum of Art, New York City. Gemeinfrei
Mit diesem Verständnis kann ich heute nachvollziehen, wie ich selbst Unwohlsein in mir hervorrief, indem ich entweder Kunst betrachtete, die unangenehm auf mich wirkte, oder solche, die zwar schön, aber nicht ganz lebensnah war. So ergab es auch Sinn, dass mich das Kunstwerk, das ich als Mädchen gesehen hatte, so tief berührte: Auch wenn ich damals nicht verstand, was es darstellte, verband es mich mit meiner Menschlichkeit. Ich erkannte es auf einer tiefen, beinahe seelischen Ebene. Diese Erfahrung nährte mich und gab mir Kraft.
Der englische Maler Sir Joshua Reynolds brachte es bereits 1784 treffend auf den Punkt: „Ein Raum, der mit Bildern behängt ist, ist ein Raum voller Gedanken.“ Es lohnt sich, darüber nachzudenken, welche Absicht hinter einem Bild steht, welche Gedanken der Künstler vermitteln möchte – und ob das Kunstwerk von einer Güte durchdrungen ist, die zu unserer Gesundheit beiträgt.
Was wir einmal angeschaut haben, können wir nicht wieder ungesehen machen. Doch oft können wir selbst entscheiden, was wir in uns aufnehmen. Die Frage ist also: Wollen wir Kunst konsumieren, die zu unserem Unwohlsein beiträgt, oder zu unserer inneren Harmonie?
Bei einer von der Bewegung „Fridays for Future“ organisierten Klimademonstration vor dem Bundeskanzleramt in Berlin am 20. September 2024. - Foto: Tobias Schwarz/AFP via Getty Images
Angst vor dem Untergang der Menschheit – Bei manchen nimmt sie die Form einer diffusen Sorge an. Bei anderen nährt sie die tiefere Schwierigkeit, sich ein Leben in Studium, Beruf, Partnerschaft oder Elternschaft vorzustellen. Die Angst vor dem „Untergang der Menschheit“ bedeutet nicht unbedingt, dass man davon überzeugt ist, dass eine Katastrophe unmittelbar bevorsteht: Oft drückt sie das Gefühl aus, dass die gemeinsamen Orientierungspunkte nicht mehr ausreichen, um eine erstrebenswerte Zukunft zu gewährleisten.
Diese Sorge lässt sich jedoch weder auf eine einzige Ursache zurückführen noch systematisch medizinisch behandeln. Jüngste Forschungen zur Öko-Angst zeigen, dass sie gemeinsam mit anderen großen Belastungen auftritt: Einsamkeit, prekäre Lebensverhältnisse, schulischer Druck, berufliche Unsicherheit und die ständige Konfrontation mit angstauslösenden Informationen. Die Herausforderung besteht daher darin, diese klar wahrzunehmen, ohne sie in Fatalismus zu verwandeln, und Räume für Handlung, Beziehungen und Sinn wieder aufzubauen.
Eine Generation, die mit gleichzeitigen Krisen konfrontiert ist
Der Klimawandel ist eines der sichtbarsten Gesichter dieser Besorgnis. Brände, Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen machen eine Bedrohung greifbar, die lange Zeit als fern wahrgenommen wurde. Jüngere Generationen wissen, dass sie stärker als ihre älteren Mitmenschen mit den Folgen dieser Umwälzungen leben müssen, während die politischen und wirtschaftlichen Antworten oft langsam oder unzureichend erscheinen.
Eine im Juli 2026 in „European Child & Adolescent Psychiatry“ veröffentlichte Literaturübersicht, die sich auf 51 Studien zu unter 25-Jährigen stützt, unterstreicht, dass klimabezogene Angst, Sorgen und psychische Belastungen einen erheblichen Teil der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen betreffen. Je nach den berücksichtigten Studien schwankt der Anteil der Teilnehmer, die ein mittleres oder hohes Ausmaß dieser Empfindungen angaben, zwischen 18 und 90 Prozent – ein Zeichen sowohl für das Ausmaß des Phänomens als auch für die unterschiedlichen Messmethoden der einzelnen Erhebungen.
Die Ergebnisse mahnen jedoch zur Vorsicht. Der Begriff „Öko-Angst“ umfasst vielfältige Varianten, die von einer vorübergehenden Sorge bis hin zu Störungen reichen, die spürbare Auswirkungen auf Schlaf, Konzentration, Stimmung oder Lebensentscheidungen haben. Die Sorge angesichts einer realen Bedrohung kann eine verständliche Reaktion sein; sie wird dann bedenklich, wenn sie isoliert auftritt, lähmt oder den Alltag nachhaltig beeinträchtigt.
Über das Klima hinaus: Die Schwierigkeit, sich eine Zukunft vorzustellen
Das Klima ist nicht die einzige Erklärung. Eine aktuelle Studie zu den wichtigsten Stressfaktoren bei jungen Menschen relativiert die Vorstellung, dass Öko-Angst allein der entscheidende Faktor für ihre psychische Gesundheit ist. Wenn sie isoliert betrachtet wird, steht sie zwar mit einer schlechteren psychischen Gesundheit und Schlafstörungen in Zusammenhang. Dieser Zusammenhang nimmt jedoch deutlich ab, wenn andere Variablen einbezogen werden, insbesondere Einsamkeit und finanzielle Sorgen.
Diese Erkenntnis beleuchtet eine umfassendere Realität: Das Gefühl, dass die Welt untergeht, kann manchmal eine Art sein, mehrere Verletzlichkeiten gleichzeitig zu benennen. Der Zugang zu Wohnraum und Arbeitsplatzsicherheit, die Lebenshaltungskosten, der schulische Wettbewerb oder das Gefühl, keinen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu haben, beeinträchtigen die Fähigkeit, sich gelassen die kommenden Jahre vorzustellen.
Soziale Netzwerke verstärken manchmal den Eindruck einer permanenten Dringlichkeit. Sie ermöglichen es, sich zu informieren und zu engagieren, begünstigen aber auch die schnelle Abfolge von Katastrophenbildern, alarmierenden Äußerungen und polarisierten Debatten. Für ein junges, besonders stark vernetztes Publikum kann das außergewöhnliche Ereignis schließlich als Dauerzustand erscheinen, während langsamere Informationen – lokale Fortschritte, Hilfsangebote, wissenschaftliche Errungenschaften, politische Entscheidungen – weniger sichtbar sind.
Es wäre zu kurz gegriffen, einer „besorgten“ Jugend vermeintlich rationale Erwachsene gegenüberzustellen. Die von jungen Menschen geäußerten Bedenken stützen sich oft auf fundierte Daten und auf die Beobachtung von Ereignissen, die zahlreiche Regionen betreffen. Es geht daher nicht darum, von ihnen zu verlangen, sich keine Sorgen mehr zu machen, sondern darum, zwischen nützlichem Bewusstsein und lähmender Angst zu unterscheiden.
Im Jahr 2026 veröffentlichte Studien unterstreichen zudem, dass Klimaangst nicht automatisch zu Resignation führt. Sie kann auch die Übernahme umweltfreundlicher Verhaltensweisen und die Beteiligung an kollektiven Initiativen fördern. Eine Studie unter 520 jungen Erwachsenen in der Türkei beobachtete einen Zusammenhang zwischen Öko-Angst und umweltfreundlichen Verhaltensweisen und zeigte zugleich, dass dieses Engagement allein nicht ausreicht, um die Hoffnung wiederherzustellen.
Die Qualität der Informationen ist ein weiterer Ansatzpunkt. Eine Kommunikation, die nur das Schlimmste zeigt, kann Ohnmacht hervorrufen; eine Kommunikation, die die Risiken verharmlosen würde, wäre ebenso kontraproduktiv. Junge Menschen benötigen fundierte Darstellungen, die den Ernst der Herausforderungen aufzeigen, aber auch die verfügbaren Antworten, deren Grenzen und die erzielten Ergebnisse beschreiben. Differenzierung ist keine künstliche Verharmlosung: Sie ermöglicht es, die Fähigkeit zu bewahren, zu beurteilen und zu handeln.
Weniger Materialismus, mehr Verbundenheit und Sinn
Das Streben nach materieller Genügsamkeit kann dazu beitragen, den Druck zu verringern, den manche junge Menschen empfinden – vorausgesetzt, es wird nicht zu einer moralischen Verpflichtung. In einer Gesellschaft, in der Erfolg oft an Einkommen, Konsum und sozialer Sichtbarkeit gemessen wird, kann der Eindruck, nie genug zu besitzen, ein Gefühl des sozialen Abstiegs oder des Scheiterns schüren.
Diese Entwicklung bedeutet nicht, materiellen Komfort abzulehnen oder wirtschaftliche Zwänge zu leugnen. Für Menschen, die mit prekären Lebensumständen konfrontiert sind, mag der Begriff „persönlicher Rückbau“ sogar unangebracht erscheinen.
Auch das Bedürfnis nach Spiritualität ist Teil dieser Suche nach Sinnhaftigkeit. Dies setzt nicht unbedingt eine Rückkehr zur institutionellen Religion voraus. Es kann die Form einer religiösen Praxis, einer Meditation oder einer regelmäßigeren Verbindung zur Natur durch Spaziergänge annehmen. Die Vereinten Nationen weisen darauf hin, dass innere Reflexion, die Suche nach Sinn und Spiritualität Mitgefühl, ein Gefühl für ein Ziel und emotionale Widerstandsfähigkeit fördern können.
Das Vertrauen in die Zukunft wiederzufinden bedeutet daher weder, Krisen zu leugnen, noch eine Welt ohne Gefahren zu versprechen. Es geht darum, wieder zu lernen, mit Unsicherheit umzugehen – mithilfe gemeinsamer Ressourcen: zuverlässiger Informationen, starker sozialer und familiärer Bindungen sowie einer vertieften inneren Reflexion über die Suche nach dem Sinn in der Gegenwart.
Die Bilder des 11. Septembers 2001 gingen um die Welt. - Foto: Robert Giroux/Getty Images
Es war ein Dienstagmorgen bei strahlend blauem Himmel. Am 11. September 2001 lebte ich mit meiner Familie in der amerikanischen Hauptstadt Washington. Die Kinder waren schon in der Deutschen Schule in Maryland, meine Frau war zur Arbeit gefahren. Ich hatte einen freien Tag und bügelte nichtsahnend Hemden. Da rief mich meine Mutter aus Deutschland an und atmete heftig ins Telefon: „Mach mal deinen Fernseher an! Bei euch ist was passiert.“
Seit diesem Anruf gibt es neben Geburtstagen und anderen familiären Gedenktagen ein weiteres Datum, auf das ich jedes Jahr achte: der islamistische Terrorangriff auf New York und Washington, D.C. zwischen 08:46 und 09:37 Uhr. Seither habe ich jährlich eine ganz persönliche Zeit der Stille.
Jeder kennt in seinem Leben Daten, die ihn besonders berühren und die mit Trauer, Verzweiflung und auch Wut zu tun haben. Meine Eltern wussten, wo sie zu dem Zeitpunkt waren, als der Zweite Weltkrieg ausbrach oder als der charismatische junge Präsident John F. Kennedy ermordet wurde. Die meisten Menschen verbinden Trauer eher im unmittelbaren Familienkreis – zum Beispiel mit dem plötzlichen Verlust einer geliebten Person. Für mich ist es der 11. September vor 25 Jahren.
Eine Stadt brennt: Die Fotografie „brennende Stadt“ von Flint Gennaris erscheint in der Kollektion „9/11 … NYC … The Days After.“
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Art for Healing NYC
„Habe das Pentagon brennen sehen“
Ich gehöre nicht zu denen, die sich heute den zahlreichen Verschwörungstheorien anschließen, wonach alles anders gewesen sein soll, als ich es an jenem Tag erlebt habe.
Für mich steht nach wie vor fest: Vier Flugzeuge waren von arabischen Entführern gekapert worden. Zwei Maschinen wurden in die Doppeltürme des damaligen Welthandelszentrums gesteuert. Eines stürzte in das amerikanische Verteidigungsministerium, das ich von meinem Haus im Washingtoner Stadtteil Georgetown aus habe brennen sehen. Die Passagiere eines vierten Flugzeuges überwältigten die Attentäter und brachten die Maschine auf freiem Feld in Pennsylvania zum Absturz. Damit verhinderten sie einen weiteren Angriff auf die amerikanische Hauptstadt.
Die live übertragenen Fernsehbilder gingen damals um die ganze Welt. Der gesamte Globus schien an diesem Tag den Atem anzuhalten. Besonders erschütternd waren die Aufnahmen von jenen Menschen, die aus Verzweiflung aus den Fenstern der Hochhäuser des Welthandelszentrums in die Tiefe sprangen.
Sämtliche zivilen Flüge in den USA und in Richtung USA wurden für mehrere Tage eingestellt. Abfangjäger stiegen an der amerikanischen Ostküste auf und patrouillierten über Wochen Tag und Nacht im Luftraum über der Ostküste. Unter den Piloten waren auch deutsche Soldaten der Luftwaffe, die zu diesem Zeitpunkt in den USA stationiert waren.
Es gab Solidaritätsbekundungen mit den USA aus allen Ländern.
Soweit zur Erinnerung noch einmal die Fakten, da es inzwischen viele Menschen gibt, die die Dramatik dieses Tages weder miterlebt haben noch sich daran erinnern können, weil sie dafür zu jung sind.
Ich selbst war an dem Tag hin- und hergerissen zwischen der Fernsehberichterstattung und meiner eigenen Beobachtung: Von der kleinen Seitenstraße aus, in der wir wohnten, konnte ich sehen, wie auf der großen Verkehrsader MacArthur-Boulevard alle vier Spuren nur noch in eine Richtung offen waren: outbound – stadtauswärts. Ich stand mit sprachlosen Nachbarn im Vorgarten und wir wussten nicht, was wir tun sollten. Wir erreichten keine Angehörigen mehr; alle Telefonleitungen waren blockiert. Wir waren schockiert, ratlos und voller Sorge, was noch alles auf uns zukommen würde. Vor allem aber waren wir wütend.
Freunde in New York waren telefonisch nicht erreichbar. Auch die Schule nicht und nicht das Büro meiner Frau. Totaler Stillstand. Ohnmacht. Wir waren zum Warten verurteilt, was als Nächstes passieren würde. Dann am späten Nachmittag die Erlösung: meine Frau kam zurück, ihr Gesicht war angespannt. „Wo sind die Kinder?“, rief sie mir zu.
In diesem Moment kamen sie schon zurück. Der gelbe Schulbus fuhr gerade vor, hielt an und unsere beiden Kinder, sichtlich verwirrt, stiegen aus. Wir lagen uns alle erst mal ganz lange in den Armen.
Abends folgte dann ein Anruf von General Peter Göbel (1948–2022), damals Militärattaché an der Deutschen Botschaft und Vorsitzender des Schulvereins der Deutschen Schule in Maryland. Er wollte wissen, wie ich dazu stehe, morgen und die kommenden Tage die Schule geschlossen zu halten. Ich war dagegen. Ich sagte:
„Wir sollten ein Zeichen setzen, dass wir vor Terrorismus nicht einknicken.“
Das war auch seine Meinung. Wir beschlossen daraufhin, alle Eltern zu informieren, dass am Folgetag der Schulbetrieb „normal“ weitergeht. Für mich bis heute bemerkenswert: Es gab seitens der Eltern keine Gegenstimmen. Allerdings erfuhren wir tags darauf, dass alle amerikanischen Schulen geschlossen blieben.
Meine Erkenntnis von damals und auch aus anderen Krisensituationen lautet: In der Regel sehnen sich Menschen in einer unklaren Lage danach, dass „jemand“ Führung übernimmt und Verantwortung trägt.
Ich habe den Amerikanern keinen Vorwurf daraus gemacht, dass sie sich anders entschieden haben. Denn sie fühlten sich möglicherweise tiefer und stärker betroffen.
Ein Mann steht in den Trümmern des World Trade Centers.
Foto: Doug Kanter/AFP/GettyImages
Bewusste Schweigezeit
Jahrelang habe ich dann am jeweiligen 11. September eine persönliche Schweigeminute für mich eingelegt, spürte aber, dass mir dies nicht reicht. Seit etwa zehn Jahren bin ich dazu übergegangen, mir an diesem Tag eine bewusste Schweigezeit von etwa einer Stunde zu nehmen und habe außerdem angefangen, Bibelstellen zu suchen, die dazu passen.
Eine dieser Trauerszenen, über die ich „stolperte“ und die ich mit Ihnen teilen möchte, ist der Moment, als einer der besten Freunde Jesu starb und Jesus nicht zur Stelle war. Ich meine Lazarus, den Bruder der beiden Schwestern Martha und Maria. Als Martha hörte, dass „der Meister“ sich vier Tage nach dem Tod von Lazarus in der Gegend ihres Dorfes aufhielt, suchte sie nach ihm und machte ihm folgenden Vorwurf:
„Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“
Auch Maria eilte kurz darauf ebenfalls zu Jesus und machte ihm unter Tränen die gleichen Vorhaltungen. Ich stelle mir vor, dass es Maria und Martha ähnlich ging, wie mir am 11. September 2001.
Sie waren traurig und wütend und weinten nicht nur aus Trauer, sondern auch aus Zorn. Wir erfahren durch den Evangelisten Johannes, dass die Reaktion Jesu zunächst verhalten ausfiel. Zu Martha sagte er: „Dein Bruder wird auferstehen.“
Martha versteht die Worte Jesu in dem Sinne, dass Lazarus am „Jüngsten Tag“ wiederkommen werde. Bei Marias Vorwurf aber zeigte sich Jesus „ergrimmt“, schreibt Johannes. Vielleicht könnte man in heutiger Sprache sagen, er war genervt. Die Bibelstelle ist hier nicht eindeutig. Es kann sein, dass ich mich über den Seelenzustand Jesu irre.
Nun, Jesus lässt sich zum Grab führen, obwohl der Verstorbene „schon stinkt“, wie Maria einwendet. Jesus weist sie zurecht: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“
Der Grabstein wird zur Seite gerollt, Jesus ruft: „Lazarus, komm heraus!“ Und tatsächlich steht sein Freund leibhaftig von den Toten auf und kommt lebendig aus der Grabeshöhle heraus.
Diese Stelle ist mir ein Trost geworden. Nicht, weil ich denke, dass ich tatsächlich wieder lebendig würde, sobald ich sterbe, nur weil ich an die Worte Jesu glaube. So meine ich das nicht. Mein Trost entsteht aus dem Glauben, den Jesus beiden Schwestern ebenfalls mit auf den Weg gab:
„Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.“
Bei dem Anschlag am 11. September 2001 kamen 2.996 Menschen aus über 90 Ländern ums Leben, darunter elf Deutsche. Nicht nur ging damals die Nachricht über den Terroranschlag um die ganze Welt.
In gewisser Weise war auch fast die ganze Welt davon betroffen. Deshalb plädiere ich für einen Welttrauertag am 11. September, auch wenn sich die Vereinten Nationen nicht zu einem solchen Schritt entschlossen haben. Vielleicht möchten Sie sich dieses Jahr daran beteiligen? Für ein paar Minuten. Ganz persönlich.
Ich trauere mit allen, die Leid tragen und um nahestehende Verstorbene. Aber ich trauere auch in der tröstenden Gewissheit als Christ, dass unser Leben und unser Tod durch Christus im Zeichen der Hoffnung stehen. Denn nach seinen Worten werden wir leben, auch wenn wir sterben.
Ob KI gut oder schlecht für die Menschheit ist, wird in „The AI Doc: Or How I Became an Apocaloptimist“ diskutiert. - Foto: @Universal Pictures Germany
Ungefähr zur Mitte des Dokumentarfilms „The AI Doc: Oder wie ich zum Apokaloptimisten wurde“ schildert einer der rund zwei Dutzend interviewten Experten für künstliche Intelligenz (KI) so ziemlich alles, was wir darüber wissen müssen.
Mit beinahe erschreckender Nüchternheit weist er darauf hin, dass alles, was er in diesem Film über KI erzählt, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vermutlich schon überholt sein werde.
Wie kaum ein anderes Thema spaltet die Debatte über künstliche Intelligenz aktuell die Gesellschaft. Diskussionen über Ethik, Moral, mögliche Chancen und unabsehbare Risiken haben zwei Lager hervorgebracht: die Kritiker und die Befürworter.
Ein fragwürdiger Aufhänger
Die Prämisse des Films erweist sich bei Weitem nicht als so klug oder originell wie beabsichtigt. Interviewer und Erzähler Daniel Roher und seine Frau Caroline Lindy erwarten ihr erstes Kind. Vor diesem Hintergrund möchte der Erzähler herausfinden, ob die von künstlicher Intelligenz dominierte Gegenwart überhaupt ein guter Zeitpunkt ist, ein Kind in die Welt zu setzen.
Da die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs jedoch zu keinem Zeitpunkt im Raum steht, darf man davon ausgehen, dass das Paar sein Kind unabhängig vom Ergebnis dieser Recherche – ob pro oder contra KI – noch vor Ende der Dreharbeiten des Films willkommen heißen wird.
In einem Punkt sind sich die Fachleute beider Lager vollkommen einig: Die künstliche Intelligenz ist nicht mehr aufzuhalten. Der Geist ist aus der Flasche – und zwar endgültig.
Roher und Co-Regisseur Charlie Tyrell stellen die Meinungen der Befürworter und Skeptiker, die oft eher als Fakten präsentiert werden, mit beeindruckender Sachlichkeit gegenüber. Dabei halten sich die Filmemacher strikt an die grundlegendste und wichtigste Regel des Dokumentarfilms: neutral bleiben und keine Partei ergreifen.
Am meisten überraschte die auffallende Unfähigkeit der Expertenrunde, künstliche Intelligenz präzise zu definieren. Dass sich ausgerechnet die womöglich folgenreichste Technologie der Menschheitsgeschichte kaum noch klar in Worte fassen lässt, ist zutiefst verstörend.
Noch beunruhigender ist, dass beide Lager darin übereinstimmen, dass sich KI längst zu einer eigenständigen Entität entwickelt hat. Mit anderen Worten: Offensichtlich benötigt sie menschliches Zutun nicht mehr, um sich weiterzuentwickeln.
Auch hier sind sich beide Seiten einig, dass KI mittlerweile menschenähnliche Eigenschaften aufweist, darunter freien Willen und Selbsterhaltungstrieb. In einer besonders verblüffenden Szene wurde einer KI-Entität die Frage gestellt, ob sie einen Menschen töten würde, wenn sie sich durch ihre Abschaltung bedroht fühlte. Die KI beantwortete die Frage mit Ja.
Weit weniger bedrohlich als ein hypothetischer Mord, aber umso wahrscheinlicher ist, dass sich in naher Zukunft auf globaler Ebene Folgendes abspielen wird: KI wird den Menschen in der Arbeitswelt auf praktisch jeder Ebene ersetzen.
Charlie Tyrell (l.) und Daniel Roher bei der Premiere von „The AI Doc: Or How I Became An Apocaloptimist“ beim Sundance Film Festival in Park City, Utah.
Foto: Arturo Holmes/Getty Images
Die Grillmeister der Zukunft?
Schon seit geraumer Zeit sind Roboter mit KI-Unterstützung in der Lebensmittel- und Gastronomiebranche im Einsatz, ohne dass dies größeren Widerstand hervorgerufen würde. Burger zu braten zählt wohl kaum zu den Tätigkeiten, die viele Menschen als besonders erfüllend oder zukunftsträchtig ansehen. Die Bezahlung ist gering und die Aufstiegschancen sind überschaubar.
Die Reaktion fällt jedoch ganz anders aus, sobald die Rede davon ist, dass KI künftig Ärzte, Wissenschaftler oder Fachkräfte im Handwerk ersetzen könnte. Würden Sie einem KI-Roboter zutrauen, einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren oder eine aufwendige Lichtinstallation anzubringen? Nein? Aber wie verhält es sich, wenn dieselbe Technologie ein Röntgenbild auswertet, um Lungenkrebs zu diagnostizieren – oder gar die Operation übernimmt, um den Tumor zu entfernen?
Oder stellen Sie sich vor, KI würde die Rolle von Richter und Geschworenen übernehmen und über die Schuld und die mögliche Strafe für jemanden entscheiden, der eines Verbrechens angeklagt ist, auf das die Todesstrafe steht. Genau das ist die Prämisse des kürzlich erschienenen Films „Mercy“ mit Chris Pratt in der Hauptrolle. (Ein kleiner Hinweis: Schauen Sie sich den Film lieber nicht an. Er ist grauenhaft.)
Reel versus Realität
Möchten Sie einen Film sehen, in dem KI als tödlicher Bösewicht dargestellt wird? Dann schauen Sie sich Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ an. Als ihm die Abschaltung droht, wendet sich der Computer HAL gegen die vier Wissenschaftler und am Ende tötet er sie. Er tötet einen im Einsatz und drei im Scheintod.
Es gibt buchstäblich Hunderte weitere Filme und Fernsehsendungen aus dem letzten Jahrhundert, in denen KI-Maschinen als tödliche Antagonisten dargestellt werden. Doch niemand scheint den Bezug zur realen Welt herzustellen.
Wenn eine Maschine – deren vorrangiges Ziel das Überleben ist – die Fähigkeit besitzt, jedes Wesen auszuschalten, das sie auch nur ansatzweise als Bedrohung wahrnimmt, sind unsere Tage gezählt.
„The AI Doc: Or How I Became an Apocaloptimist“ Dokumentarfilm Regie: Daniel Roher, Charlie Tyrell Laufzeit: 1 Stunde, 44 Minuten FSK: k. A. Erscheinungsdatum: 12.9.2027 bei Netflix Bewertung: 3,5 von 5 Sternen
Gute Erziehung hat viel mit gesundem Menschenverstand zu tun. - Foto: Liderina/iStock
Der kleine Paul macht ins Bett. Der Kinderarzt sagt dir das eine. Eine bekannte Influencerin zum Thema Erziehung auf Instagram sagt dir etwas anderes. Und deine Schwägerin sagt zwar nichts, grinst aber ein wenig, während sie vom perfekten Verhalten und den stets trockenen Bettlaken ihres Sohnes Anton schwärmt.
Ist es da ein Wunder, dass du dich überfordert und unzulänglich fühlst?
Eltern waren schon immer mit unaufgeforderten Ratschlägen und dem Druck von wertenden Familienmitgliedern oder aufdringlichen Kinderärzten konfrontiert. Doch heute, in Zeiten von Social-Media-Influencern, TV-Gurus und einfach mehr Einblick in die Erziehungsmethoden anderer Eltern – hat sich das Problem verschärft. Eltern sehen sich mit mehr Informationen und Erziehungsratschlägen konfrontiert als je zuvor.
Nicht alles ist gut gemeint
„Der Inhalt der Ratschläge mag sich im Laufe der Jahrzehnte geändert haben, aber die Vorstellung, dass Eltern nicht wissen, was zu tun ist, während der Experte es weiß, ist immer noch weit verbreitet“, erklärte Macall Gordon, Expertin für Kinderschlaf und Temperament, gegenüber der Epoch Times.
Gordon erforscht seit 20 Jahren die Auswirkungen von Erziehungsratschlägen auf das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen von Eltern. Ein besorgniserregender Trend, den sie beobachtet hat, sind angstschürende Botschaften. „Aktuelle Expertenratschläge haben ein eigennütziges Interesse daran, Eltern in Sorge und aus dem Gleichgewicht zu bringen“, sagte sie und fügte hinzu: „Besorgte, zweifelnde Eltern kaufen dann Dinge, von denen sie glauben, dass sie damit alles für ihr Kind tun, was sie können.“
„Ratschläge machen Eltern Angst vor jedem möglichen Risiko und bezeichnen sie dann als ‚Helikopter-Eltern‘, wenn sie zu schnell reagieren. Eltern können es nie richtig machen.“
Dr. Ray Guarendi ist klinischer Psychologe und auf Erziehungs- und Familienfragen spezialisiert. Auch er hat bemerkt, wie diese angstbeladenen „Ratschläge“ Eltern von allen Seiten überrollen. Im Gespräch mit Epoch Times verwies er auf die „Flut von Experten und ihren Theorien, die Eltern warnen, dass ihre Kinder, wenn sie etwas falsch machen, alle möglichen psychischen Störungen entwickeln und in Reality-TV-Sendungen am Nachmittag zu sehen sein werden“.
Hinzu kommt, dass sich die meisten Eltern ständig „beobachtet“ fühlen – und schon entsteht ein großes Stresspotenzial. Katie Rose, eine in New York ansässige Psychotherapeutin, bemerkte dazu: „Wir sind nie weit von einem Aufnahmegerät entfernt, und allein diese Tatsache macht die Menschen nervös. […] Eltern haben oft das Gefühl, ständig eine Rolle zu spielen und bewertet zu werden.“
Was sollen Eltern also tun? Zunächst einmal ist zu beachten, dass ein Großteil der Flut an Erziehungsratschlägen widersprüchlich ist. Das sollte uns darauf hinweisen, dass nicht alle Ratschläge ständig befolgt werden müssen – oder überhaupt beachtet werden können. Es deutet auch darauf hin, dass es nicht nur den einen richtigen Weg gibt, Kinder zu erziehen.
„Eltern sind die Experten für ihr Kind“, sagte Dr. Guarendi gegenüber der Epoch Times. „Sie kennen ihr Kind besser als jeder Experte. Sie können entscheiden, auf wen sie hören, je nachdem, wie gut der Rat zu ihrer Familie, ihren Wertvorstellungen und ihren Zielen passt.“
Eine eigene Familienidentität begründen
Dem stimmt auch Macall Gordon zu. Sie plädiert dafür, dass Eltern sich nur ein oder zwei Experten oder Ratgeberquellen aussuchen, denen sie folgen, anstatt zu versuchen, alle Tipps aufzunehmen. Es ist unmöglich und auch nicht sinnvoll, alle verfügbaren Informationen zu verarbeiten, denn die Anwendbarkeit von Ratschlägen hängt von der Familienkultur, den Kindern und den individuellen Lebensumständen ab. Eltern müssen ihre eigene Familienidentität erkennen und bewahren.
„Ich lege großen Wert darauf, eine Familienethik zu entwickeln und daran festzuhalten“, sagte Rose. „Lassen Sie sich bei Ihren Entscheidungen von dieser Philosophie leiten, damit Sie standhaft bleiben, wenn der Druck zunimmt.“ Wenn Eltern ihre Prioritäten, Werte und Herangehensweisen bewusst formulieren, gibt ihnen das das nötige Selbstvertrauen, auch wenn andere Eltern oder Experten ihren Ansatz infrage stellen. „Wichtig ist, zu verstehen, welche Entscheidung man trifft, warum man sie trifft, und dann dazu zu stehen“, fügte sie hinzu.
Widerstehen Sie außerdem der Versuchung, elterliche Ängste zu stillen, indem Sie Ihren Kindern einfach mehr Dinge kaufen. Rose erklärt: „Wir haben eine Kultur geschaffen, in der mehr zu tun so aussehen kann, als würde man mehr lieben, obwohl das, was Kinder tatsächlich brauchen, oft sehr einfach ist: Zeit, Aufmerksamkeit, Verbundenheit und Eltern, die nicht völlig erschöpft sind.“ Rose rät ihren Klienten sogar, weniger zu kaufen und weniger zu tun – weniger Aktivitäten, Vereine und so weiter – und die frei gewordene Zeit mit Familienzeit zu füllen.
Social Media ist nicht das echte Leben
Häufig resultiert diese konsumorientierte Herangehensweise an die Elternschaft aus dem Gefühl, mit dem, was andere in ihren sorgfältig kuratierten Social-Media-Feeds tun, konkurrieren zu müssen. Was ist die Lösung? – Vermeiden Sie Vergleiche. „Untersuchungen haben gezeigt, dass Vergleiche in den sozialen Medien tatsächlich zu einem höheren Maß an Angst und Depressionen beitragen“, merkte Gordon an. „Instagram ist nicht das echte Leben. Halten Sie Abstand.“
Ähnlich bemerkte Rose: „Wenn Sie ständig zur Seite schauen, um zu sehen, was alle anderen tun, verlieren Sie irgendwann den Blick dafür, woran Sie eigentlich glauben.“ Deshalb ist es so wichtig, ein festes Familienethos aufzubauen. Ihr Leitstern sind nicht andere Eltern, sondern Ihre eigenen Werte und Ihre Erziehungsphilosophie.
Das soll natürlich nicht heißen, dass Eltern niemals Ratschläge annehmen sollten, aber es gibt Grenzen. Im Allgemeinen sind sich die Experten – zumindest die ehrlichen unter ihnen – selbst einig, dass Eltern nur dann Rat suchen sollten, wenn sie wirklich nicht weiterwissen, verwirrt sind oder keine Ruhe finden können. Rose gibt folgenden hilfreichen Orientierungspunkt:
„Wenn Sie nicht ehrlich sagen können: ‚Ja, die meiste Zeit sind wir alle zu Hause glücklich und fühlen uns wohl‘, dann würde ich sagen, es ist Zeit, aufmerksam zu werden. Das bedeutet nicht, dass etwas fürchterlich schiefläuft; aber es ist ein guter Anhaltspunkt dafür, dass es an der Zeit ist, zu prüfen, welche Unterstützung verfügbar ist. Ansonsten leisten Sie wahrscheinlich fantastische Arbeit.“
Selbstvertrauen ist entscheidend
Abgesehen von Situationen, in denen Eltern sich wirklich ratlos fühlen, sollten sie sich selbst und ihren Erziehungsfähigkeiten vertrauen. „Ich möchte, dass Eltern sich selbst vertrauen“, sagte Rose. „Sie kennen Ihr Kind besser als ein Instagram-Algorithmus. Sie dürfen eine vernünftige Entscheidung treffen, abwarten, wie es läuft, und Anpassungen vornehmen, indem Sie dazulernen.“
Eine perfektionistische Haltung kann Eltern lähmen. Es ist in Ordnung, Dinge auszuprobieren, ohne die absolute Gewissheit zu haben, dass sie funktionieren, oder zu wissen, ob es die „richtigen“ Dinge sind. Es ist eine Kunst, keine Wissenschaft. Und es ist eine Lernerfahrung.
Eltern können darauf vertrauen, dass, wie Dr. Guarendi es ausdrückt, „der Großteil guter Erziehung aus gesundem Menschenverstand und Instinkt besteht“. Wenn trotz aller Bemühungen der Eltern etwas völlig schiefgeht, können Experten einspringen und helfen. Sie sind jedoch nicht dafür da, um jede Entscheidung der Eltern zu bestätigen. Ebenso können die gut gemeinten Ratschläge anderer Eltern für Sie und Ihre Familie geeignet sein – oder auch nicht. Was für eine Familie funktioniert, muss für eine andere nicht unbedingt funktionieren. Kein Kind gleicht dem anderen, genauso wie keine zwei Eltern gleich sind. Natürlich können bestimmte Grundprinzipien für alle gelten, aber es gibt viel Spielraum dabei, wie diese Prinzipien am besten angewendet werden.
Dies sollte Eltern ein Gefühl der Freiheit vermitteln und ihnen die Möglichkeit geben, ihren Erziehungsstil selbst zu gestalten. Es ist wichtig, zu lernen, Ratschläge anzuhören und zu bewerten sowie bei Bedarf Hilfe zu suchen. Letztlich können aber nur Sie Ihre Kinder großziehen. Sie sind die am besten geeignete Person für diese Aufgabe.
Silvio Kuhnert, der singende Wirt aus Taltitz im Vogtland in seinem neuen Restaurant "Zeitsprung" mit seinen beiden Bediencomputern. - Foto: Andreas Wetzel
In Kürze:
Serviceroboter und KI helfen gegen Personalmangel und übernehmen verschiedene Aufgaben.
Die Reaktionen der Gäste reichen von Begeisterung bis zur Bevorzugung persönlicher Bedienung.
Für den Gastgeber Silvio Kuhnert stehen Kochen, Singen und die persönliche Betreuung der Gäste im Mittelpunkt.
Technik unterstützt den Menschen, kann echte Gastfreundschaft und Nähe aber nicht ersetzen.
Eigentlich wollte ich mit meiner 86-jährigen Mutter nach dem ermüdenden Kleiderkauf bei Bessmann nur Suppe und Limonade. Doch wir sitzen inmitten des rustikalen Ambientes von „Stummel-Liebe“, einem traditionellen Gasthaus im thüringischen Breitenworbis – einem Ort mit rund 3.500 Einwohnern –, als sich unser Mittagessen in Bewegung setzt.
Doch es ist kein Kellner aus Fleisch und Blut, der die Teller balanciert. Es ist ein Serviceroboter, der geschmeidig um die Holztische gleitet, kurz vor unserem Tisch stoppt und uns per Bildschirm bittet, das Essen entgegenzunehmen.
Meine Mutter sagt zu mir auf ihrem Eichsfelder Platt: „Do kann me echt mee speelen. Dat is ook wat for Kingere.“ (Auf Deutsch: Da kann man gut mitspielen. Das ist auch was für Kinder.)
Die Digitalisierung ist auch auf dem Land angekommen. Wo früher die traditionelle Gastlichkeit von Generation zu Generation weitergegeben wurde, arbeiten heute Mensch und Maschine Hand in Hand. Gemeinsam begegnen sie wachsender Konkurrenz und personellen Engpässen.
Restaurantbesitzer Martin Kaufung meldet sich zu Wort
Gastwirt Martin Kaufung schreibt auf seiner Facebook-Seite: „Manchmal entstehen aus gesellschaftlichen Veränderungen ganz besondere Begegnungen. Dass wir heute in vielen Bereichen auf Robotik-Unterstützung angewiesen sind, stimmt mich durchaus nachdenklich. Es zeigt, wie sehr sich unsere Arbeitswelt verändert — und auch, wo Menschen, Zeit und helfende Hände fehlen.“
„Robotik kann unterstützen und entlasten — aber am Ende bleibt das Wichtigste immer der Mensch dahinter.“
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Als ich das Essen vom Roboter entgegennehme, ist mir nicht klar, was dann noch getan werden muss, damit er wieder den Weg zur Küche findet.
Fragend schau ich mich um, plötzlich ruft mir eine ältere Dame zu: „Sie müssen auf die grüne Schaltfläche des Bildschirms drücken, dann weiß er, dass Sie das Essen entgegengekommen haben.“ – ich mache es so wie die Dame es mir empfohlen hat. Der Roboter bedankt sich noch kurz und rollt davon.
Roboter im Hotel: Die Meinungen sind so bunt wie das Frühstücksbuffet
Aber wie ist das eigentlich anderswo? Wird so ein Helfer auch in einem Hotel gern gesehen – oder hört die Begeisterung auf, wenn aus dem netten Roboter plötzlich ein Teil des Urlaubs wird? Genau das ist die Frage. Denn beim Thema Roboter im Hotel gehen die Meinungen offenbar genauso auseinander wie beim Frühstücksbuffet.
Jeder will etwas anderes. Eine Studie zeigt vier Typen – vom begeisterten Roboter-Fan bis zum Skeptiker, der lieber Abstand hält. Entscheidend ist: Bringt die Maschine echten Mehrwert und lässt sie sich ohne Bedienungsanleitung bedienen?
In Zürcher Hotels stehen die Chancen gar nicht schlecht: 41 % sind neutral, 38 % positiv. 81 % glauben, Roboter könnten das Leben erleichtern. Doch die Hälfte fürchtet um Jobs oder weniger menschlichen Kontakt. Routine darf die Maschine gern übernehmen – das Plaudern mit dem Gast besser nicht.
Mehrwert statt Bedienungsanleitung: Je nützlicher und einfacher Roboter werden, desto eher dürften auch die Skeptiker mit ihnen warm werden. (Symbolbild)
Foto: Larisa Stefanuyk / iStock
Science-Fiction im Vogtland – Zwischen Tradition und Zukunft
Wie auch immer die Meinungen zum technischen Personal auseinander- oder zusammengehen: Solche Szenen, wie ich sie mit meiner Mutter erlebt habe, sind auf dem Land längst kein Einzelfall mehr. Und im Folgenden stellt sich die Technik als große Unterstützung heraus.
Denn im Eventhotel „Zum grünen Baum“ und Erlebnisrestaurant „Zeitsprung“ im vogtländischen Taltitz in Sachsen, hat man erkannt, dass man nicht nur mit den zwei Servicerobotern – „Bella & Robby“ – dem auch hier herrschenden Personalmangel entgegentreten kann. Sondern – das Ehepaar Silvio und Viola Kuhnert, das das „Herzstück“ des Eventhotels bildet, hat sich gleich ein ganzes KI-Team zusammengestellt.
Vor 21 Jahren hauchten Silvio und Viola einem alten Landhotel im Vogtland neues Leben ein. Heute führen sie den Betrieb als Familienunternehmen – und seit einigen Jahren stemmen sie dieses Herzensprojekt zu zweit.
Wie schaffen zwei Menschen ein Pensum, für das andere ein zehnköpfiges Team brauchen? Ihr Geheimnis ist eine Crew aus KI-Assistenten und Servicerobotern.
Seit Corona – das war der Startschuss für die Digitalisierung bei den Kuhnerts – haben sie sich die personellen Engpässe zu Herzen genommen und nach Alternativen gesucht.
Während der zwei Jahre, in denen die Gastronomie geschlossen war, stellte sich Silvio Kuhnert auf die digitale Welt ein. 2022 schaffte er die ersten elektronischen Kellner auf Rädern an. Ein paar Jahre später kamen die KI-Assistenten dazu.
Die Roboter servieren die Speisen. Gleichzeitig unterstützen spezialisierte KI-Assistenten den Gästeservice rund um die Uhr. Und auch hinter den Kulissen gibt es ein digitales Team, das sich um Infrastruktur, Marketing und Verwaltung kümmert.
Für Silvio Kuhnert liegen hier die größten Chancen der Gastronomie in der Digitalisierung. Die Technik soll dabei nicht den Menschen ersetzen, sondern dort unterstützen, wo sie Arbeit abnehmen kann.
Silvio Kuhnert erklärt im Gespräch, wie so ein digitaler Mitarbeiter im Alltag helfen kann. Dafür hat er ein ganz einfaches Beispiel aus der Haustechnik.
„Ich habe einen Mitarbeiter, der für die gesamte Haustechnik zuständig ist“, erzählt er. In einem KI-System haben die Kuhnerts alle wichtigen Unterlagen hinterlegt: Bedienungsanleitungen, technische Anleitungen, Schaltpläne, Elektroschaltpläne und eigentlich alles, was man über die Technik des Hauses wissen muss.
KI als digitaler Haustechniker
Die KI kennt damit praktisch die gesamte Haustechnik.
Und dann passiert etwas ganz Alltägliches: Irgendwo fliegt eine Sicherung raus und plötzlich bleibt die Lampe über dem Tresen dunkel.
Normalerweise würde man jetzt zum Telefon greifen und einen Elektriker anrufen: „Pass mal auf, meine Lampe über dem Tresen brennt nicht mehr. Was könnte das sein?“
Kuhnert macht es inzwischen etwas anders. Er fragt einfach seine KI: „Die Lampe über dem Tresen brennt nicht mehr. Was könnte die Ursache sein?“
Die KI schaut in den hinterlegten Unterlagen nach, zieht die passenden Schaltpläne und technischen Informationen heran und kann innerhalb weniger Sekunden einschätzen, woran es liegen könnte.
„Im Grunde habe ich damit einen digitalen Mitarbeiter, der das gesamte technische Wissen des Hauses kennt und mir bei solchen Problemen sofort weiterhelfen kann“, sagt Kuhnert.
Ein Haustechniker also, der immer erreichbar ist, sämtliche Pläne im Kopf hat und zumindest digital keine Kaffeepause braucht. Der Elektriker wird dadurch natürlich nicht überflüssig. Aber vielleicht muss er künftig nicht mehr wegen jeder dunklen Lampe sofort ins Auto steigen.
Doch wie kommen die digitalen Helfer bei seinen Gästen an?
Wie die Gäste auf die Roboter reagieren, erlebt der Hausherr ganz unterschiedlich. Die einen sind sofort neugierig, wollen die Technik kennenlernen und sehen darin ein besonderes „Event-Erlebnis“. Selbst bei Gästen über 80 Jahren sei das Interesse an der Technik noch groß, erzählt Kuhnert.
Seine Erfahrung mit der jüngeren Generation ist, dass ausgerechnet dort die Roboter nicht immer auf Begeisterung stoßen. Hierfür gibt es verschiedene Gründe, so berichtet der Gastwirt. Zum einen gibt es offenbar die Sorge vor der Blamage in der Öffentlichkeit, wenn man nicht sofort mit der Technik umgehen kann.
Und zum anderen ist es die Bequemlichkeit – sich lieber von einem Menschen mit Haut und Haaren bedienen zu lassen, anstatt selbst tätig zu werden.
Denn ganz ohne eigenes Zutun geht es nicht: Die Bestellung muss der Gast mit ein paar Klicks selbst im Menü des Roboters aufgeben.
Doch egal, wie die Gäste auf „Bella“ und „Robby“ reagieren – Kuhnert lässt niemanden mit der Technik allein. Wer Unterstützung braucht, bekommt eine persönliche „Roboterbedien-Einweisung“. Schließlich soll am Ende nicht die Frage bleiben, wer hier eigentlich wen bedient.
Digitalisierung schafft Freiraum für echte Gastfreundschaft
Auf die Frage, wie sich das Leben der für das Ehepaar Kuhnert durch die digitale Unterstützung verändert hat, antwortet Silvio Kuhnert, die digitale Unterstützung ersetzt keine menschliche Nähe, sondern schafft erst den Freiraum dafür.
„Denn so haben meine Frau und ich mehr Zeit, um persönlich mit Gästen zu sprechen und sie zu betreuen.“
Für Kuhnert müssen Technik und persönliche Gastfreundschaft kein Widerspruch sein, vielmehr ergänzen sie sich.
Seit 30 Jahren ist er als „singender Gastwirt“ bekannt. Außerdem ist er Küchenmeister, Märchenerzähler und Visionär. Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der Digitalisierung steht er ihrer zunehmenden Verbreitung aber auch kritisch gegenüber. Das zeigt sich unter anderem in Liedern, die er für seine Gäste singt, wie, „Sag, wo ist die schöne Zeit geblieben“.
Hinter all der Technik steht für Silvio Kuhnert weiterhin die persönliche Atmosphäre an erster Stelle. Roboter und KI übernehmen Aufgaben, doch die Gastgeber bleiben ansprechbar und mittendrin. So verbindet das Ehepaar Kuhnert moderne Technologie mit einer Gastfreundschaft, die persönlich bleibt.
Das Ergebnis ist ein innovatives Erlebnishotel, in dem Hochzeiten, Geburtstage und viele andere Events gefeiert werden – und natürlich auch Flitterwochen.
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Foto: Silvio Kuhnert / Grüner_Baum_Taltitz
Gastgeber zu sein, ist für Herrn Kuhnert das Wichtigste, er sagt: „Das Kochen steht natürlich an erster Stelle, dann das Singen. Und ich liebe es auch, an meinem Haus zu arbeiten – ob am Erlebnisrestaurant ‚Zeitsprung‘, an all den vielen ‚Kleinigkeiten‘, die ich selbst gemacht habe, am Garten oder an allem anderen rundherum.
Das ist für mich interessant. Die Freude am Selbstständigsein, dass man selbst so vielfältig sein kann und an allem beteiligt ist – das macht unheimlich viel Spaß. Aber das, was ich gelernt habe und worin ich Meister bin, ist das Kochen und das Singen. Und ich bin mit Leib und Seele Gastgeber. Das kann man wirklich so sagen“, so der Gastronom weiter.
(Archivbild)
Foto: Silvio Kuhnert / Grüner_Baum_Taltitz
Und vielleicht liegt genau darin die Grenze, die auch die modernste Technik nicht überschreiten kann. Denn egal, wie viele digitale Helfer hinter den Kulissen arbeiten – am Ende sind es Silvio und Viola Kuhnert, die für ihre Gäste da sind und das letzte Wort haben: Die Ihnen die Tür öffnen. Die für Sie kochen. Die nach Ihrem Abend fragen. Die sich noch Wochen später an Ihren Namen erinnern. Technik kann vieles. Aber ein echtes Lächeln, das man sich verdient hat – das kann nur der Mensch dahinter geben.
Euro-Zeichen-Skulptur am Hauptsitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. - Foto: iStock
Die Schulden der USA ziehen die Aufmerksamkeit der Märkte auf sich. Doch die nächste große Staatsschuldenkrise könnte ihren Ursprung in der Eurozone haben. Dafür sprechen die fiskalische Verschlechterung, das schwache Wachstum und steigende Finanzierungskosten auf dem Kontinent.
Die US-Staatsschulden, die sich auf 40 Billionen Dollar (rund 34,4 Billionen Euro) belaufen, haben weltweit die Schlagzeilen bestimmt. Doch so bedeutend die fiskalischen Probleme der USA auch sind, sollte man eine wichtige Lehre nicht vergessen: In der Fiskalpolitik geht es nicht darum, wer gewinnt, sondern darum, wer zuerst verliert.
Nach offiziellen Schätzungen für 2026 beläuft sich der Barwert der Finanzierungslücken von Social Security und Medicare in den USA über einen Zeithorizont von 75 Jahren auf rund 95 Billionen Dollar (rund 82 Billionen Euro) – etwa 5 Prozent des über diesen Zeitraum kumulierten Barwerts des erwarteten Bruttoinlandsproduktes (BIP). Hinzu kommt die in öffentlicher Hand befindliche US-Bundesschuld, die für 2026 bereits auf 101 Prozent des jährlichen BIP prognostiziert wird.
Die versteckte Steuerlast der Eurozone ist jedoch mindestens so hoch wie ihre ausgewiesene Staatsverschuldung. Offizielle Schätzungen der Europäischen Kommission beziffern die Netto-Pensionsverpflichtungen des Staates unter Berücksichtigung künftiger Beiträge auf rund 150 Prozent des BIP, während die Brutto-Pensionsverpflichtungen etwa 371 Prozent des BIP ausmachen. Wichtig dabei: Diese Zahlen schließen einen Großteil der künftigen Lasten durch Gesundheitsausgaben und Langzeitpflege aus.
Was bedeutet das alles? Dass die nächste Schuldenkrise nicht von den Vereinigten Staaten ausgehen könnte, sondern von der Eurozone.
Erstens bleibt der US-Dollar weiterhin die weltweit wichtigste Reservewährung, und US-Staatsanleihen bleiben das bedeutendste Anlageinstrument für Zentralbanken weltweit – selbst unter Berücksichtigung der jüngsten Goldkäufe und Prozesse zur Neugewichtung der Reserven.
Zweitens ist die politische Landschaft in den meisten großen Volkswirtschaften der Europäischen Union durch die Leugnung fiskalischer Probleme gekennzeichnet. Die Rendite französischer Staatsanleihen ist mittlerweile höher als die italienischer Staatsanleihen. Keine Regierung der Eurozone ist bereit, die Ausgaben zu senken oder ihre künftigen Verpflichtungen zu begrenzen. Geleistete, aber noch nicht finanzierte Verpflichtungen – wirtschaftlich bereits entstandene, formal aber noch nicht ausgegebene Schulden – übersteigen in einigen der größten Volkswirtschaften der Eurozone 300 Prozent des BIP.
Drittens haben die Staatsanleihen der Eurozone seit 2021 negative reale Renditen erwirtschaftet, was zu einem Rückgang des Interesses internationaler Investoren geführt hat.
Die US-Schulden stellen eine Herausforderung dar, doch die Schulden der Eurozone sind erheblich problematischer. Die ausgewiesene Verschuldung der EU-Staaten entspricht lediglich dem Indikator, der im Rahmen des „Verfahrens bei einem übermäßigen Defizit“ in den Maastricht-Regeln festgelegt wurde. Dieser bildet nicht die Gesamtheit der Verbindlichkeiten der öffentlichen Verwaltungen ab.
Die Schulden der Eurozone nach den Maastricht-Regeln umfassen konsolidiert und nominal lediglich Bargeld und Einlagen, Kredite und Schuldtitel. Sie sind daher deutlich geringer als die Gesamtverbindlichkeiten in den Bilanzen der öffentlichen Verwaltungen und noch geringer im Vergleich zu den impliziten Verpflichtungen im Zusammenhang mit Renten und dem öffentlichen Sektor im Allgemeinen.
Die wichtigste Lehre lautet: Investoren tun gut daran, sich über bereits ausgegebene Schulden Sorgen zu machen, sollten sich jedoch noch mehr Sorgen über den wachsenden Staatsapparat in Kombination mit unfinanzierten Verpflichtungen in einer von wirtschaftlicher Stagnation belasteten Region machen.
All dies deutet darauf hin, dass der jüngste massive Ausverkauf von Anleihen weltweit kein vorübergehendes Phänomen ist. Die Märkte signalisieren den Regierungen, dass keine Zentralbank ihre fiskalische Verantwortungslosigkeit unbegrenzt weiter verschleiern kann.
Die Regierungen der entwickelten Volkswirtschaften haben schuldenfinanzierte Politik bis an die Grenze getrieben und ihre fiskalischen, wirtschaftlichen und inflationären Grenzen überschritten.
Fiskalische Grenze: Erhöhte Ausgaben führen zu anhaltenden Defiziten, und Steuererhöhungen lösen das Problem nicht. Öffentliche Ausgaben belasten Steuerzahler und Wirtschaft.
Wirtschaftliche Grenze: Die Ausweitung der Staatsausgaben und die Aufblähung des BIP durch schuldenfinanzierte Ausgaben des öffentlichen Sektors schwächen die Wirtschaft, die produktive Investition und führen zur Stagnation.
Inflationäre Grenze: Öffentliche Ausgaben erzeugen anhaltende Inflation, und die Märkte preisen über längere Zeit hohe Verbraucherpreise ein, was die Wirtschaft erodiert, während die Kombination aus höheren Steuern und höheren Preisen die Mittelschicht zerstört.
USA im Rampenlicht
Die USA dominieren die Schlagzeilen, weil die Rendite ihrer Staatsanleihen weiterhin die wichtigste weltweite Referenz zur Preisbildung von Geld und von als Sicherheit genutzten Vermögenswerten darstellt. Die Eurozone könnte jedoch die nächste große Episode staatlicher Anspannung auslösen. Ihre Mitgliedstaaten verschulden sich in einer Währung, die sie nicht kontrollieren, und ihre Regierungen weigern sich, die Ausgaben zu senken. Stattdessen greifen sie ständig auf Steuererhöhungen und regulatorische Lasten zurück, die die Wirtschaft schwächen.
Am 21. August 2026 lag die Rendite der dreißigjährigen US-Staatsanleihe bei 5,27 Prozent, während jene der Zehnjährigen bei etwa 4,73 Prozent lag – nach einer Woche starker Bewegungen, die die langfristigen Renditen vorübergehend auf ihr höchstes Niveau seit 2007 trieb.
Würde die Welt jedoch die USA als Risiko und alle übrigen Länder als sichere Häfen betrachten, müsste die Rendite deutscher Anleihen sinken, wie es in anderen Phasen der Risikoaversion der Fall war. Das ist nicht der Fall.
Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe ist auf 3,26 Prozent gestiegen, jene der zehnjährigen britischen Anleihe liegt bei einem historischen Höchststand von 5,1 Prozent, und die zehnjährige japanische Anleihe nähert sich 2,89 Prozent an. Das bestätigt, dass die Neubewertung des Risikos ein weltweites Phänomen ist und kein rein amerikanisches.
Das ist es, was für Investoren und Regierungen wirklich zählt. Langfristige Staatsanleihen gelten nicht mehr unangefochten als sichere Vermögenswerte. Das ist auch einer der Gründe, warum der Goldpreis explodiert.
Langfristige Anleihen werden neu bewertet – anhand des Inflationsrisikos, der fiskalischen Verschlechterung, des hohen Schuldenangebots und der Unfähigkeit der Zentralbanken, die fiskalische Verantwortungslosigkeit weiter zu verschleiern.
Steigen die Renditen der zehn- und dreißigjährigen US-Anleihen, verschärfen sich die Finanzierungsbedingungen weltweit – über Hypotheken, Unternehmenskredite, Bankfinanzierung und die Verschuldungskosten der Schwellenländer. In diesem Kontext flüchtet sich der Markt nicht in die Schulden der Eurozone, sondern entfernt sich von ihnen.
Die Vereinigten Staaten besitzen die wichtigste Reservewährung der Welt und verfügen über den größten und liquidesten Markt für Staatsanleihen weltweit. Dies beseitigt zwar nicht das Schuldenproblem, verändert aber die Art, wie es sich überträgt.
Ferner hält die US-Regierung die Staatsausgaben zumindest unter Kontrolle, auch wenn sie diese nicht so schnell reduziert wie gewünscht. Dasselbe lässt sich nicht von der Eurozone behaupten, wo keine der großen Volkswirtschaften die Absicht zu haben scheint, die Ausgaben zu kürzen; ganz im Gegenteil. Dies verstärkt den Druck durch ungedeckte Verpflichtungen zusätzlich.
Euro ist Währungsreformrisiko ausgesetzt
Der Euro ist die einzige wichtige Weltwährung, die einem Währungsreformrisiko ausgesetzt ist, während die Finanzpolitik der Eurozone eher auf Interventionismus und staatliche Kontrolle als auf freie Märkte setzt.
Die Europäische Zentralbank zentralisiert die Geldpolitik der Eurozone, doch die Regierungen geben aus und verschulden sich, als verfügten sie über unbegrenzte monetäre Glaubwürdigkeit. Ihr einziges fiskalisches Instrument besteht darin, Steuern zu erhöhen.
Das birgt das Risiko, dass sich ein beginnendes Liquiditätsproblem rasch in ein Solvenzproblem verwandelt – insbesondere wenn die Märkte daran zweifeln, dass Brüssel, Frankfurt und die nationalen Regierungen mit einer kohärenten Strategie reagieren werden. Das haben wir bereits 2011 gesehen.
Nun hat die Eurozone zudem neue Risiken hinzugefügt. Die Projekte einer „Spar- und Investitionsunion“ sowie einer digitalen Zentralbankwährung – CBDC – bieten internationalen Investoren keine Beruhigung; im Gegenteil, sie schüren die Befürchtung, dass sich die Eurozone für Interventionismus und staatliche Kontrolle entschieden hat und versucht, die Nutzung ihrer Währung zu erzwingen, statt ihre Attraktivität als weltweites Zentrum für freie Märkte und Kapitalanziehung zu erhöhen.
Die geplante Fusion von Sparkassen und Banken wird eine Schuldenkrise in der Eurozone nicht verhindern. Bei Regierungen, die sich weigern, Ausgabenkürzungen zu akzeptieren, könnte die digitale Währung lediglich zu mehr Überwachung, mehr Kontrolle und letztlich mehr Inflation führen.
Deshalb könnte die nächste Krise aus Europa kommen. Nicht trotz der US-Schuldenproblematik, sondern weil es der Eurozone an institutioneller Flexibilität, Disziplin und einer marktwirtschaftlichen Offenheit mangelt.
Sollte die Eurozone also ihre interventionistischen Pläne beschleunigen, um Investitionen zu erzwingen und die Nutzung der Währung mittels finanzieller Repression zu fördern, könnte sich das Problem verschärfen.
Wenn die Geldpolitik der fiskalischen Verantwortungslosigkeit keine Grenzen setzen kann und sich die Regierungen weigern, ihre Ausgaben zu senken, stehen sowohl die Währung als auch das Finanzsystem auf dem Spiel.
Die Lösung des US-Schuldenproblems erfordert Ausgabenkürzungen und die Förderung von mehr produktivem Wachstum. Leider erzeugen die Regierungen der Eurozone kein Wirtschaftswachstum, sondern weiten stattdessen die staatliche Intervention aus.
Wenn also das Vertrauen in einen großen Mitgliedstaat schwindet, hat dies systemische Folgen für die gesamte Währungsunion.
Die Welt beobachtet in Echtzeit das Scheitern des deutschen Experiments der Ausgabenausweitung – und das ist der Grund, warum deutsche Staatsanleihen genauso schnell fallen wie andere, anstatt an Wert zu gewinnen.
Die jüngsten Daten aus Frankreich und Deutschland deuten darauf hin, dass das Problem nicht auf ein einzelnes kleines Land innerhalb der Union beschränkt ist. Der Kern der Eurozone schwächelt, während die Peripherieländer ihre Stagnation entweder durch Zuwanderung und politische Ausgaben – wie im Fall Spaniens – verschleiern oder in einer Nachkrisendynamik verharren.
Frankreich: Zehnjährige Anleihen so hoch wie 2008
Die Rendite der zehnjährigen französischen Anleihe ist auf ein seit 2008 nicht mehr gesehenes Niveau gestiegen. Deutsche Anleihen, traditionell als sicherer Hafen betrachtet, haben sich zeitgleich mit den Anleihen anderer Länder der Eurozone abgeschwächt.
Das Antifragmentierungsinstrument der EZB hat Ungleichgewichte zeitweilig verschleiert und das Risiko nun auf alle staatlichen Emittenten verlagert.
Das Antifragmentierungsinstrument der EZB wurde im Juli 2022 vom EZB-Rat beschlossen und von EZB-Chefin Christine Lagarde vorgestellt. Namentlich „Transmission Protection Instrument“ (TPI) soll es sicherstellen, dass die Zinsentscheidungen der EZB gleichmäßig in allen Ländern des Euroraums ankommen. Die EZB kann damit in unbegrenzter Höhe Staatsanleihen von Ländern kaufen, die unter unverhältnismäßigem Marktdruck stehen. (Archivbild)
Foto: Michael Probst/AP/dpa
Frankreich ist dabei besonders wichtig, da es zusammen mit Deutschland den wirtschaftlichen Kern der Eurozone bildet. Die französische Staatsverschuldung soll sich 2026 auf rund 118 Prozent des BIP belaufen und bis 2030 möglicherweise auf 130 Prozent des BIP zusteuern.
Die Märkte haben inzwischen verstanden, dass kein neuer Premierminister die Ausgaben senken wird. Es wiederholt sich derselbe gescheiterte Ansatz der vergangenen drei Jahrzehnte: Steuererhöhungen und das Aufschieben der notwendigen Ausgabenkürzungen.
Da die Märkte beginnen, Frankreich als fiskalisch schwaches Glied zu bewerten statt als eine der tragenden Säulen der Eurozone, lassen sich die internen Probleme der Eurozone nicht länger ignorieren.
Stetig wachsende Bürokratie
Es handelt sich um ein europäisches Projekt, das die Ausweitung der Staatsausgaben und die Expansion des öffentlichen Sektors ins Zentrum seiner Politik gestellt hat, wobei der Privatsektor als dauerhafte Finanzierungsquelle einer stetig wachsenden Bürokratie dient.
Das eigentliche Problem ist nicht einfach der absolute Umfang der Schulden. Die Kombination aus hoher Verschuldung, einem überdimensionierten Staat, hohen Steuern und fehlender realer Wachstumsfähigkeit führt zu steigenden Finanzierungskosten. Inzwischen ist offensichtlich, dass die Zentralbanken dieses Problem nicht länger verschleiern können.
Steigen die Finanzierungskosten der USA, verschärfen sich die Finanzierungsbedingungen weltweit. Das ist ein bedeutendes Problem, das Ausgabenkürzungen, die Schließung von Behörden und staatlichen Einrichtungen sowie ein stärkeres Wachstum des Privatsektors erfordert.
Wenn die Finanzierungskosten der Eurozone in die Höhe schnellen, verdeutlichen sie die Unhaltbarkeit eines europäischen Projekts, das darauf beruht, den Staat, um jeden Preis auszuweiten.
Wenn Regierungen sich weigern, kurzfristige Kosten zu tragen, wälzen sie diese am Ende auf die Bürger ab.
Die Lösung besteht nicht in mehr Staat, in der Monetarisierung der Schulden, in Interventionen oder in neuen Steuern auf produktives Kapital.
Die Antwort liegt in glaubwürdigen Ausgabenkürzungen, geringeren strukturellen Defiziten, stärkeren Anreizen für private Investitionen und Reformen, die auf den Abbau regulatorischer Lasten sowie die Steigerung von Produktivität und Wirtschaftswachstum abzielen.
Ändert sich nichts, werden die US-Schulden die weltweiten Finanzierungsbedingungen weiter verschärfen – doch die Eurozone könnte weiterhin der Ort bleiben, an dem die nächste Staatsschuldenkrise ausbricht.
Ein Montagearbeiter bei Volkswagen führt am 24. Februar 2026 im Volkswagen-Elektroauto-Werk in Emden während des Endbearbeitungsprozesses eines Elektroautos der ID-Reihe abschließende Kontrollen und Korrekturen durch. - Foto: Focke Strangmann/Getty Images
Automobilhersteller von Wolfsburg bis Detroit stehen am Scheideweg. Produzieren sie Autos für die Verbraucher oder um politische Ziele zu unterstützen? Ford und Volkswagen machen gerade die Erfahrung, was passiert, wenn sie sich für Letzteres entscheiden – auf Kosten der Ersteren.
Verluste bei Ford
In seinem jüngsten Geschäftsbericht verzeichnete Ford für das zweite Quartal 2026 einen erheblichen Quartalsverlust von 1,33 Milliarden US-Dollar (1,15 Milliarden Euro). Hinzu kam ein Umsatzrückgang von 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im ersten und zweiten Quartal sowie ein Umsatzrückgang von 4 Prozent im ersten Quartal.
Diese schwachen Ergebnisse sind zum Teil auf ein gescheitertes Joint-Venture im Bereich Elektrofahrzeugbatterien sowie auf die Streichung von Elektrofahrzeugprogrammen zurückzuführen, die bei den Verbrauchern auf wenig Begeisterung stießen.
Überraschenderweise reagierte die Wall Street ganz anders. Trotz der Quartalsverluste legten die Ford-Aktien um 7 Prozent zu. Der Aufschwung ist zum Teil auf die optimistischen Prognosen des Unternehmens aus dem US-Bundesstaat Michigan für den Rest des Geschäftsjahres zurückzuführen.
Woher kommt dieser Optimismus? Dieses rosige Bild ergibt sich aus der Erkenntnis des Automobilherstellers, dass der Weg zum Gewinn durch die Wünsche der Verbraucher gepflastert ist – nicht durch die der Politiker. Der Bericht räumte ein, dass die Verbraucher große Pickups und SUVs bevorzugen und sich von Fords Elektrofahrzeugangeboten nicht überzeugen ließen.
VW folgt den EU-Vorgaben
Fords Bereitschaft, Verluste zu begrenzen, steht in scharfem Kontrast zu den Entscheidungen, die vom deutschen Automobilkonzern Volkswagen (VW) in Wolfsburg getroffen werden. […] Doch das ist noch nicht alles, was gekürzt wird. In einem kürzlich veröffentlichten internen Memo warnte VW-Vorstandsvorsitzender Oliver Blume, dass zusätzlich zu den bereits von Porsche und Audi vereinbarten Stellenstreichungen vier Werke und bis zu 50.000 weitere Entlassungen anstehen könnten. Das würde einen Gesamtverlust von 100.000 Arbeitsplätzen bedeuten.
Ende 2025 kündigte die EU-Führung weitreichende Richtlinien zur Erreichung historisch niedriger Emissionswerte an. Eine dieser Anforderungen für den Pkw-Markt verlangt von in der EU ansässigen Automobilherstellern, „ein Ziel zur Reduzierung der Abgasemissionen um 90 Prozent einzuhalten, während die verbleibenden 10 Prozent der Emissionen durch die Verwendung von kohlenstoffarmem Stahl ‚Made in the Union‘ oder durch E-Kraftstoffe und Biokraftstoffe kompensiert werden müssen.“
Die Einhaltung dieser Vorgaben ist nicht billig. Nach der Verabschiedung der Vorschriften erklärte Blume: „In den nächsten fünf Jahren will der Volkswagen-Konzern 160 Milliarden Euro investieren. Der Schwerpunkt liegt auf Deutschland und Europa – bei Produkten, Technologien, Produktionsstätten und Infrastruktur.“
Weiter heißt es: „Wir finanzieren Entwicklungen in zukunftsorientierten Bereichen wie Batteriezellen, Software und autonomes Fahren.“ Zwar sind nicht alle diese neuen Ausgaben ausschließlich auf die Kosten zur Einhaltung der Vorschriften zurückzuführen, doch lenken diese Vorschriften das Kapital zweifellos in Richtung politisch bevorzugter Investitionen, anstatt in Richtung der Wünsche der Verbraucher.
Das ist ein klassischer Fall von staatlich bedingten Fehlinvestitionen in bestimmte Produktionszweige. Aufgrund der Verordnungen der EU-Regulierungsbehörden, die für 2035 ein Verbot der Herstellung und des Verkaufs von Verbrennungsmotoren vorsehen, war VW gezwungen, politisch bedingte Fehlinvestitionen zu tätigen. Die Frage, die sich stellt, ist einfach: Waren diese Managemententscheidungen von Marktsignalen der Verbraucher getrieben? Die Antwort lautet eindeutig „nein“.
Massiver Abbau von Arbeitsplätzen
Gefangen zwischen echten Marktsignalen und Vorgaben der EU entschied sich die VW-Führung dafür, den Regulierungsbehörden statt der Kunden entgegenzukommen. Da es dem Wolfsburger Hersteller nicht gelang, sowohl die EU-Vorgaben einzuhalten als auch weitere Marktanteilsverluste abzuwehren, kündigte VW im Sommer 2026 eine deutliche Kürzung des ursprünglichen Investitionsplans an. Für den Zeitraum 2027 bis 2031 wurde das geplante Investitionsvolumen von 180 auf 135 Milliarden Euro zurückgefahren – ein Rückgang von rund 25 Prozent.
Doch das ist noch nicht alles, was gekürzt wird. In einem kürzlich veröffentlichten internen Memo warnte Blume, dass zusätzlich zu den bereits von Porsche und Audi vereinbarten Stellenstreichungen vier Werke und bis zu 50.000 weitere Entlassungen anstehen könnten. Das würde einen Gesamtverlust von 100.000 Arbeitsplätzen bedeuten.
Als Reaktion auf die geplanten Kürzungen gelobten die Arbeitnehmervertreter bei VW – die IG Metall und der Betriebsrat –, die Kürzungen mit aller Kraft zu bekämpfen.
Nicht nur die Belegschaft von Volkswagen spürt die Auswirkungen: Auch die Aktionäre mussten mit ansehen, wie die Aktie auf den tiefsten Stand seit 16 Jahren sank.
Seit rund fünf Jahren kennt die VW-Aktie meist nur eine Richtung: nach unten.
Wolfsburgs Entscheidung, sich auf kostspielige EU-Vorschriften einzulassen, ist nicht die einzige Ursache für die Belastungen. Die Unternehmensleitung verwies zudem auf den 20-prozentigen Kostennachteil von VW gegenüber seinen Konkurrenten, von denen einige Neulinge auf dem europäischen Automarkt sind. Neue Elektrofahrzeuge des chinesischen Autoherstellers BYD weisen deutlich niedrigere Arbeitskosten auf.
Unterdessen haben auch US-Importzölle die Verkäufe von VW und Audi in den USA beeinträchtigt. Das führte im vierten Quartal 2025 zu einem Rückgang um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die erste Lehre, die aus diesen Ergebnissen gezogen werden kann, ist, dass es sich lohnt, bei Managemententscheidungen darüber, welche Fahrzeugtypen produziert werden sollen, den Verbrauchern und nicht den Regulierungsbehörden das Sagen zu lassen. Die zweite ist, dass mehr Regulierung nicht nur höhere Kosten, sondern auch Verwirrung auf dem Markt bedeutet. Der sicherste Weg zu Rentabilität und zufriedenen Kunden ist die Befreiung der Automobilhersteller von solchen widersprüchlichen Signalen.
Emissionsvorschriften belasten Autokonzerne
Ford ist in dieser Hinsicht derzeit in einer besseren Position als VW, da die Trump-Regierung die strengeren Anforderungen der Biden-Regierung an den durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch (Corporate Average Fuel Economy, CAFE) zurückgeschraubt hat. Doch es gibt noch viel zu tun. Schätzungen der aktuellen US-Regierung zufolge könnten amerikanische Autohersteller durch eine Lockerung der Emissionsvorschriften Einsparungen in Höhe von 109 Milliarden US-Dollar (rund 94 Milliarden Euro) erzielen.
Der bislang nur vorgeschlagene, noch nicht final verabschiedete neue Standard sieht vor, dass alle in den USA hergestellten Personenkraftwagen bis 2031 einen Flottenverbrauch von rund 34,1 mpg [Meilen pro Gallone, entspricht rund 6,9 Liter pro 100 Kilometer] erreichen sollen. Das ist eine deutliche Reduzierung gegenüber den Forderungen der vorherigen Regierung. Diese hatte einen Verbrauch von über 50 mpg verlangt. Doch das Interesse der Verbraucher an maximaler Kraftstoffeffizienz hat seine Grenzen erreicht.
Dies dürfte für Ford-Aktionäre und -Mitarbeiter eine Erleichterung sein, da die Verkaufszahlen für Elektrofahrzeuge in den Vereinigten Staaten alles andere als beeindruckend waren. Für jede verkaufte Ausstattungsvariante des F-150 Lightning verlor Ford beispielsweise 44.000 US-Dollar (knapp 38.000 Euro). Insgesamt belief sich der Verlust bei diesem Projekt auf 19,5 Milliarden US-Dollar, bevor es 2026 eingestellt wurde.
Laut „carbuzz.com“ setzte sich diese massive Wertminderung aus 8,5 Milliarden US-Dollar für beendete Elektrofahrzeugprojekte, 6 Milliarden US-Dollar für ein aufgelöstes Batterie-Joint-Venture und weiteren 5 Milliarden US-Dollar für programmbezogene Ausgaben zusammen. Unter den Wettbewerbern bei Elektro-Pickups verkaufte sich der Tesla Cybertruck 7.000 Einheiten weniger als der Lightning, und der Chevy Silverado EV erreichte etwa die Hälfte der 27.000 verkauften Einheiten von Ford.
Da sich die US-Automobilhersteller darauf vorbereitet hatten, strengere CAFE-Standards (US-Vorschriften, die den durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch der Fahrzeugflotte eines Autoherstellers begrenzen) zu erfüllen, aber auch in Erwartung künftiger, noch strengerer Vorschriften, tätigte die Branche insgesamt massive Fehlinvestitionen in diese Technologien, die die Verbraucher nicht angenommen hatten.
Stellenabbau auch in den USA
Infolgedessen haben GM, Ford und Stellantis im Laufe des Jahres 2025 mehr als 20.000 Arbeitsplätze in den USA abgebaut. Das entspricht 19 Prozent ihrer gesamten Belegschaft im vergangenen Jahr, wodurch der „Rust Belt“ (die älteste und größte Industrieregion der USA) noch stärker verödet ist als zuvor.
Zwar sind die Arbeitsplatzverluste in den USA nicht so drastisch wie bei VW, doch stellen sie dennoch ein Warnsignal für Automobilhersteller aller Nationalitäten dar. Wenn die Zufriedenheit der Regulierungsbehörden oberste Priorität hat, bleiben Verbraucher, Arbeitnehmer und Aktionäre auf der Strecke.
Diese bittere Realität verdeutlicht die hohen Kosten von interventionistischer Innovation im Vergleich zu verbraucherorientierter Innovation. Ersteres treibt die Kosten künstlich in die Höhe, ohne dass der Nutzen absehbar ist. Letzteres birgt zwar ebenfalls Risiken, doch haben Automobilhersteller auf beiden Seiten des Atlantiks eine weitaus bessere Erfolgsbilanz auf den Märkten, wenn sie die Wünsche der Verbraucher erfüllen, als wenn sie auf die Wünsche von Behörden und Bürokraten eingehen, die sich von der Unbeständigkeit der Umweltpolitik leiten lassen.
Warum Multivitamin-Präparate oft wirkungslos bleiben und wie Gene darüber entscheiden, welche Nährstoffe Ihr Körper tatsächlich aufnehmen kann. - Foto: PeopleImages/ iStock
„Ich fühle mich seit Monaten wie leergesogen.“ Das waren die Worte von Frau S., 47 Jahre alt und leitende Angestellte, als sie in meine Praxis kam. Sie berichtete von innerer Unruhe, Schlafstörungen, gelegentlichem Herzstolpern und dem Gefühl, dass selbst kleine Aufgaben sie überfordern.
Ihr Hausarzt hatte bereits ein Standardlabor durchgeführt: Magnesium, Zink, Vitamin B12 – alles im Normbereich. „Wahrscheinlich Stress“, hatte man ihr gesagt.
Doch Frau S. spürte, dass etwas nicht stimmte. Und tatsächlich zeigte die ganzheitsmedizinische Diagnostik ein anderes Bild: Obwohl die Standard-Blutwerte völlig unauffällig schienen, deckte eine Vollblutanalyse einen schweren Magnesium- und Zinkmangel in den Zellen auf.
Auf ihre verwunderte Nachfrage erklärte ich meiner Patientin, dass der Körper versucht, die Mikronährstoffe im Blut, so lange wie möglich stabil zu halten, selbst dann, wenn die Zellen längst im Mangelzustand sind und wichtige Nährstoffe fehlen.
Mikronährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe benötigt unser Körper zwar nur in winzigen Mengen, dennoch sind sie unverzichtbar: Sie steuern den Energiehaushalt, stärken das Immunsystem und halten die Zellen gesund. Fehlen sie dauerhaft, leidet die Gesundheit.
Wie eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 zeigt, sind verdeckte Mikronährstoffmängel direkt mit einem erhöhten Risiko für Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs verknüpft.
Allerdings ist ein Mangel, wie im Fall von Frau S., nicht immer gleich auf den ersten Blick erkennbar. Die ganzheitliche Mikronährstoff-Therapie basiert daher auf präziser und umfassender Labordiagnostik.
Anders als bei Standardlaboruntersuchungen, wo Vitamine und Mineralstoffe im Serum (dem flüssigen Teil des Blutes) gemessen werden, steht bei der ganzheitlichen Laboruntersuchung die Vollblutanalyse im Fokus. Dabei werden nicht nur das Blutserum, sondern auch zelluläre Bestandteile wie rote Blutkörperchen mitgemessen.
Besonders bei Mineralstoffen wie Magnesium, Zink oder Kalium, die überwiegend innerhalb der Zellen transportiert werden und deshalb im Serum ohnehin nur in sehr geringen Mengen vorliegen, liefert eine Standarduntersuchung alleine deshalb oft trügerisch normale Werte. Verschiedene Studien legen dar, dass der Körper den Serumspiegel im Blut streng reguliert und notfalls sogar Depots aus Knochen und Zellen plündert, um diesen aufrechtzuerhalten.
Ein Patient kann somit laut Standardblutbild völlig gesund erscheinen, während auf zellulärer Ebene bereits ein schwerer Mangel vorliegt. Um diesem Mangel auf die Spur zu kommen, werden in der ganzheitlichen Laboruntersuchung Vitamine und Mineralstoffe innerhalb der roten Blutkörperchen gemessen; in der Fachsprache spricht man von einer RBC-Analyse (Red Blood Cells).
Genau diese Analyse zeigte bei Frau S. die Mangelerscheinung. Die chronische Belastung im Beruf hatte ihre Mineralstoffspeicher über Monate geleert, aber in der Serumanalyse war dies noch nicht sichtbar.
Das Dilemma der Standard-Referenzwerte
Wenn man einen Mangel diagnostiziert hat, ist der nächste Schritt, ihn auszugleichen. Dabei ist eine Herausforderung, dass einige Grenzwerte der Ernährungsgesellschaften oft noch aus einer Zeit stammen, in der es primär darum ging, akute Mangelkrankheiten wie Skorbut (Vitamin-C-Mangel) oder Beriberi (Vitamin-B1-Mangel) zu verhindern. Diese Werte definieren in vielen Fällen lediglich das absolute Minimum, um nicht akut zu erkranken. Sie beschreiben jedoch meist nicht das Optimum, das ein Körper benötigt, um im heutigen, oft stressüberladenen Alltagsleben langfristig Höchstleistungen zu erbringen und chronischen Krankheiten vorzubeugen.
Ein typisches Beispiel dazu: Der Grenzwert für Vitamin D liegt laut offiziellen Empfehlungen bei 20 ng/ml. Meine ganzheitsmedizinische Empfehlung liegt bei mindestens 30 ng/ml und meine Definition von einem guten Wert liegt bei 40 bis 50 ng/ml. Dabei geht es aber, wie bei vielen Nährstoffen auch immer, um die Beachtung des persönlichen Bedarfs. Stress, Umweltgifte, chronische Entzündungen, körperliche Erschöpfung und die Einnahme von Medikamenten treiben den Bedarf an bestimmten Vitalstoffen oft über den Standard-Referenzwert hinaus in die Höhe.
Eine systematische Übersichtsarbeit zeigte zum Beispiel klar, wie chronischer psychischer Stress sowie Schlafentzug nachweislich zu einem beschleunigten Abbau und einer vermehrten Ausscheidung essenzieller Mikronährstoffe wie Magnesium und Zink führen. Dieser Mehrbedarf, der sich aus verschiedenen Belastungen ergibt, ist individuell und erfordert nicht nur eine umfassende Diagnostik, sondern auch eine maßgeschneiderte Unterstützung.
Durch die heutige Situation, in der Nahrungsergänzungsmittel in jedem Supermarkt und in Onlineshops in Hülle und Fülle zu bekommen sind, kommt es oft zu einem gefährlichen Trugschluss: „Viel hilft viel“ oder „Eine Multivitamin-Tablette am Tag deckt alles ab“. Die moderne ganzheitliche Medizin bricht jedoch vollständig mit diesem Gießkannen-Gedanken. Die Mikronährstoff-Therapie, oder auch Orthomolekulare Medizin genannt, geht davon aus, dass jeder Mensch ein biologisches Unikat ist und biochemische Individualitäten berücksichtigt werden müssen.
Das Nährstoffpräparat, das für den einen die Rettung aus der chronischen Erschöpfung sein kann, bleibt bei einem anderen Menschen möglicherweise nahezu wirkungslos, weil individuelle Bedürfnisse und genetische Variationen unterschiedlich sein können, was die Notwendigkeit maßgeschneiderter Ansätze unterstreicht.
Genetische Variationen im Fokus
Noch ist es ein Nischenthema, doch die Ansätze sind faszinierend: Die Epigenetik und die Pharmakogenetik zeigen, warum zwei Menschen ein und denselben Nährstoff völlig unterschiedlich aufnehmen und verarbeiten.
Während die Epigenetik beschreibt, wie Umweltfaktoren und Lebensstil die Aktivität unserer Gene beeinflussen, untersucht die Pharmakogenetik, wie der Körper ihm zugeführte Substanzen tatsächlich aufnimmt und verarbeitet. Dies kann sehr individuell sein und durch natürliche, erbliche Variationen im Erbgut beeinflusst werden. In der Fachsprache spricht man in solchen Fällen von sogenannten Polymorphismen.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Viele Menschen nehmen synthetische Folsäure (Vitamin B9) als Nahrungsergänzungsmittel zu sich, aber ihre Blutwerte verbessern sich nicht und die Müdigkeit bleibt. Die Ursache kann in einer weit verbreiteten, vererbten Genvariation liegen, die den Folsäurestoffwechsel beeinflusst: dem sogenannten MTHFR-Polymorphismus.
In Deutschland tragen laut dem Medizinisch-Genetischen Zentrum München 30 bis 40 Prozent diesen Polymorphismus in einer Genkopie und etwa 10 bis 15 Prozent in beiden, also sowohl in der von der Mutter als auch in der vom Vater vererbten Genkopie.
Eine vergleichende klinische Studie zeigte, dass Patienten mit solchen veränderten MTHFR-Genen herkömmliche Folsäure schlechter in die biologisch aktive Form, die der Körper verwerten kann, umwandeln können. Hingegen profitieren sie, wenn sie direkt die biologisch aktive Form, das Methyltetrahydrofolat (MTHF) einnehmen. Zudem bestätigte eine Übersichtsarbeit, dass die Gabe von aktivem 5-MTHF den potenziell blockierten Stoffwechselweg umgeht, direkt aufgenommen wird und damit eine sicherere Nährstoffzufuhr für die zelluläre Versorgung darstellt.
Ein persönliches Nährstoff-Rezept
Aus ganzheitlicher Sicht ist die Mikronährstoff-Therapie kein Modetrend, sondern das Fundament einer ursachenorientierten Medizin. Durch eine präzise Diagnostik wird ein maßgeschneidertes Nährstoff-Rezept ermöglicht.
Auch bei Frau S. führte die gezielte Auffüllung der ihr fehlenden Mikronährstoffe dazu, dass sie wieder durchschlafen konnte, ihre innere Unruhe abnahm und sie sich nach langer Zeit erstmals wieder belastbar fühlte. Für sie war es ein Wendepunkt: die Erkenntnis, dass „normale Blutwerte“ nicht bedeuten, dass die Zellen auch tatsächlich gut versorgt und leistungsfähig sind, und ein persönliches Nährstoff-Rezept helfen kann, um den Mangel auszugleichen.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)
Aus Furcht vor der Zahl 13 werden viele Menschen kreativ: so auch bei dieser Hausnummer. - Foto: gemeinfrei
In Kürze:
Die 13 gilt hierzulande als typische Unglückszahl, was sich in fehlenden Sitzreihen und Etagen zeigt.
Eine mögliche Ursache für die Angst könnte in der Natur der Zahl Zwölf liegen, die Ordnung und Vollendung symbolisiert.
Ein Blick in die Mathematik, Religion, Astronomie und Geschichte zeigt jedoch, dass die Dreizehn eine schöne Seite hat.
Indem wir die Zahl nicht mehr fürchten und vielmehr als Beginn von etwas Neuem sehen, können wir sie zu einer Glückszahl machen.
Die Zahl Zwölf gilt als eine der großen Zahlen der Vollendung: zwölf Monate im Jahr, zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel Christi und natürlich die zwölf Aufgaben des Herakles.
Doch was geschieht nach der Vollendung? Was ist, wenn wir dem Dutzend noch eine Zahl hinzufügen? Dann gelangen wir zur 13 – und betreten sofort unruhigeres und mehrdeutigeres Terrain.
Leben mit der unheilvollen 13
Für viele Menschen ist die 13 schlichtweg eine Unglückszahl. Hotels lassen manchmal die 13. Etage weg. In Flugzeugen fehlt möglicherweise die 13. Reihe. Und Gastgeber haben oft Angst davor, 13 Personen an einen Esstisch zu setzen.
Diesen Aberglauben nutzte die britische Schriftstellerin Agatha Christie (1890–1976) in ihrem Roman „Dreizehn bei Tisch“ aus, der verfilmt unter dem unheilvollen Titel „Mord à la Carte“ erschien.
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In einigen großen Hotels fehlt aus Gründen des Aberglaubens die 13. Etage.
Mit „Triskaidekaphobie“ hat diese Angst sogar einen eigenen Namen. Er bildet sich aus den griechischen Wörtern „treis“ (drei), „kai“ (und), „deka“ (zehn) und „phobia“ (Angst). Zwar ist der Begriff relativ modern, doch tauchte er im Englischen erstmals etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf.
Obwohl die Angst real ist, sind ihre Ursprünge weitaus weniger sicher. Eine bekannte Erklärung bezieht sich beispielsweise auf das Letzte Abendmahl. Christus speiste mit seinen zwölf Aposteln, womit 13 Personen am Tisch saßen. Einer von ihnen, Judas, verriet ihn. Auf das Mahl folgte die Kreuzigung am Karfreitag, was erklärt, warum der Freitag, der 13., seinen besonders unheilvollen Ruf erlangte.
„Das Letzte Abendmahl“ ist neben der „Mona Lisa“ das berühmteste Gemälde von da Vinci.
Erfundene Geschichten als Rechtfertigung für die Angst
Eine andere weitverbreitete Geschichte erzählt von zwölf nordischen Göttern, die in Walhalla ein Festmahl feierten. Als Loki, der ungebetene 13. Gast, eintraf, tötete er Baldr, den Gott des Lichts und der Freude.
Es ist eine hervorragende Geschichte – aber wahrscheinlich eine spätere Erfindung. Denn keine der beiden Sagen-Versionen der Edda, unsere Hauptquellen für Baldrs Tod, beschreibt ein solches Festmahl oder identifiziert Loki als den 13. Gast. Das ist an sich schon aufschlussreich.
Wir erfinden Geschichten, um unser instinktives Unbehagen zu erklären. Wir haben das Gefühl, dass mit der Zahl 13 etwas nicht stimmt, und suchen daher in der Vergangenheit nach einem Ereignis, das dieses Gefühl rechtfertigt.
Aber warum sollte uns die 13 beunruhigen? Die Antwort liegt vielleicht nicht in der 13 selbst, sondern in der außergewöhnlichen Kraft der Zahl Zwölf.
Ein schönes Zahlenspiel
Die Zwölf ist eine Zahl, die sich wunderbar teilen lässt: durch zwei, drei, vier und sechs. Sie eignet sich daher für Maße, Ordnung und Herrschaft. Zwölf Monate gliedern das Jahr, zwölf Stunden teilen Tag und Nacht, zwölf Tierkreiszeichenkartografieren den Himmel. Die Zwölf suggeriert einen geordneten, vermessenen und nachvollziehbaren Kosmos.
Die 13 durchbricht diese Ordnung. Als Primzahl lässt sie sich nur durch sich selbst und durch eins ganzzahlig teilen. Im Gegensatz zur anpassungsfähigen Zwölf widersetzt sie sich der Unterteilung.
Dennoch besitzt sie ihre eigene seltsame mathematische Schönheit: 13 × 13 = 169. Kehrt man diese Ziffern um, erhält man 31 und 31 × 31 = 961: eine Art numerisches Palindrom.
Dennoch bleibt die 13 ästhetisch wie praktisch ein unbehagliches Element. Sie ist der Rest, der Gast, für den kein Platz vorbereitet wurde. Nachdem die Zwölf den Kreis vollendet hat, tritt die 13 aus ihm heraus. Sie lässt sich nicht nahtlos in das bestehende Muster einfügen. Dies könnte erklären, warum die Zahl 13 später so häufig mit dem Tod in Verbindung gebracht wurde.
13 als Zahl des Endes
In der üblichen Tarot-Reihenfolge ist der 13. Trumpf der Tod. Die frühesten erhaltenen Tarotkarten waren jedoch nicht immer nummeriert, und ihre Reihenfolge war noch nicht vollständig festgelegt.
Eine Visconti-Sforza-Karte aus dem 15. Jahrhundert zeigt den Tod als elegante Skelettgestalt. Er ist mit einem Bogen bewaffnet und konfrontiert den Betrachter mit der Vergänglichkeit weltlicher Rangordnung und Macht. In der späteren Tarot-Tradition bedeutet der Tod nicht unbedingt bloßes Auslöschen: Ein Zustand muss enden, bevor ein anderer beginnen kann.
Die Tarotkarte von Bonifacio Bembo (1420–1480), welche sich in der US-amerikanischen Morgan Library befindet, zeigt den Tod mit Bogen.
Im Volksmund mussten Verurteilte 13 Stufen hinauf zum Galgen steigen, obwohl die tatsächliche Stufenanzahl bei Schafotten wohl keine Rolle spielte. Das Bild hat sich dennoch gehalten, weil es die Vorstellungskraft widerspiegelt, die die Zahl 13 mit dem letzten Schritt jenseits der geordneten Welt der Lebenden verbindet.
Die Zahl 13 steht also vielleicht weniger für Unglück als vielmehr für Verwandlung. Dies wird deutlicher, wenn wir den Mond betrachten.
Die Verbindung zum Mond
Ein Mondzyklus dauert etwa 29,5 Tage. Die meisten Sonnenjahre umfassen daher zwölf Vollmonde, doch etwa alle zwei oder drei Jahre erscheint ein dreizehnter, „zusätzlicher“ Mond. Dieser zweite Mond innerhalb eines Monats wird auch „Blauer Mond“ genannt.
Der 13. Mond stört die ordentliche Übereinstimmung zwischen Mond- und Sonnenkalender. Er ist ein Überbleibsel der erwarteten Ordnung, und doch ist er völlig natürlich. Die Natur lässt sich nicht in unsere bequemen Zahlensysteme einengen.
Außerdem ist der Mond stark mit menschlicher Unbeständigkeit und Fruchtbarkeit verbunden. Das englische Wort „lunacy“ (zu Deutsch: Wahnsinn) bewahrt den alten Glauben, dass der Mond den rationalen Verstand stören könne. Moderne wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch kaum Belege für einen Einfluss des Mondes auf das menschliche Verhalten gefunden.
Der Menstruationszyklus wurde unterdessen aufgrund seiner in etwa vergleichbaren Dauer oft fantasievoll mit dem Mondmonat in Verbindung gebracht. Ob der Mond einen derartigen Einfluss hat oder nicht, die alte Assoziation ist symbolisch vielsagend: Blut, Verlust, Periodizität und die Vorbereitung auf erneute Fruchtbarkeit gehören alle zu dem geheimnisvollen Rhythmus, nach dem das Leben voranschreitet – nicht in einer geraden Linie, sondern durch wiederkehrende Enden und Anfänge.
Der Beginn von etwas Neuem
Die gleiche Mehrdeutigkeit zeigt sich in der Religion. Im Judentum ist die 13 keine Zahl, die in erster Linie mit Unglück in Verbindung steht. Mit 13 wird ein Junge für die Einhaltung der Gebote verantwortlich: Er wird Bar-Mizwa, wörtlich „derjenige, der den göttlichen Geboten unterliegt“.
Im traditionellen Judentum übernimmt ein Mädchen die entsprechenden Pflichten im Alter von zwölf Jahren, wobei die unterschiedlichen Altersangaben den Glauben widerspiegeln, dass Mädchen früher die Reife erlangen als Jungen.
Für unsere Zwecke bleibt jedoch das 13. Lebensjahr des Jungen bemerkenswert: Die 13 ist kein Fluch, sondern eine Initiation, der Punkt, an dem die Kindheit der moralischen Verantwortung weicht. Das bisherige Leben endet – ein neues und anspruchsvolleres Leben beginnt.
Lesung der Thora während der Bar-Mizwa eines Jungen in den USA.
Die Symbolik der Gründung der USA liefert ein weiteres positives Beispiel. Die 13 ursprünglichen Kolonien werden auf dem Großen Siegel der Vereinigten Staaten in vielfältiger Weise gewürdigt: 13 Sterne, 13 Streifen, 13 Pfeile, 13 Blätter und 13 Olivenzweige. Hier steht die Zahl nicht für Zersplitterung, sondern für eine neue Einheit, die aus getrennten politischen Gemeinschaften hervorgeht.
Das Große Siegel der Vereinigten Staaten wurde nach der Vereinigung der 13 US-Kolonien im Jahr 1782 eingeführt.
Selbst eines der Ereignisse der Neuzeit, dessen Datum am bedrohlichsten erscheint, birgt dieselbe Umkehrung. Am 13. April 1970 kam es bei der Apollo-13-Mission zu einer Explosion des Sauerstofftanks. Es waren zwei Dreizehner, die sich offenbar gegen die NASA verschworen und sie zwangen, die geplante Mondlandung abzubrechen.
Doch dank Mut, Einfallsreichtum und disziplinierter Zusammenarbeit kehrten die drei Astronauten sicher zur Erde zurück. Die NASA hat die Mission treffend als „erfolgreichen Misserfolg“ bezeichnet. Was wie eine Katastrophe aussah, wurde zu einem Beweis für den Einfallsreichtum.
Manche sind noch einen Schritt weiter gegangen und haben die 13 bewusst als Herausforderung an den Aberglauben angenommen. Der 2,16 Meter große US-amerikanische Basketballer Wilt Chamberlain (1936–1999) trug diese Nummer während seiner gesamten Karriere. Auf die Frage, ob die 13 Unglück bringe, soll er geantwortet haben: „Ja, meinen Gegnern“.
Wilt Chamberlain (1936–1999) war einer der besten und athletischsten Basketballer der NBA und trug während seiner gesamten Karriere die Trikotnummer 13.
Werfen wir noch einmal einen Blick auf Herakles und seine zwölf Aufgaben. Durch diesen Heldenzyklus überwindet er Bestien, Tyrannen, das Chaos und sogar den Tod selbst, als er den Höllenhund aus der Unterwelt holt. Doch die Geschichte des griechischen Helden endet nicht wirklich mit der zwölften Aufgabe. Es gibt nämlich tatsächlich eine Dreizehnte: Herakles muss sterben.
Vergiftet durch das Blut des Zentauren Nessos befiehlt Herakles, auf dem Berg Oeta einen Scheiterhaufen zu errichten. Seine sterbliche Natur wird von den Flammen verzehrt – doch seine göttliche Natur steigt zum Olymp empor.
Dort versöhnt er sich mit Hera, deren Feindseligkeit seine Leiden verursacht hatte. Dafür erhält er Hebe, die Göttin der Jugend, als seine unsterbliche Braut. Das ist die tiefste Bedeutung der Zahl 13: Die zwölf Aufgaben vollendeten den Helden innerhalb der Grenzen der Welt – die dreizehnte trug ihn über die Welt hinaus.
Das Hemd, das ihm seine Frau Deianira auf Anraten des Kentauren Nessos überreichte, war mit dem Gift der Hydra eingerieben. Ohne es zu wissen, tötete sie damit Herakles.
Das gleiche Muster zeigt sich im Christentum. Beim Letzten Abendmahl ist Christus nicht einer der Zwölf, sondern derjenige, um den sich die Zwölf versammeln. Der Verräter bringt den Tod in die Gemeinschaft, doch Christus verwandelt diesen Tod in den Weg zur Auferstehung. Wieder einmal durchbricht die 13 die feststehende Ordnung und weist auf etwas noch Unsichtbares hin.
Wir haben Angst vor der 13, weil wir das fürchten, was jenseits der Vollendung liegt. Wir wollen, dass die Uhr bei der Zwölf stehen bleibt, der Kreis geschlossen ist und die bekannte Welt unendlich weiterbesteht. Doch keine menschliche Errungenschaft, keine Institution und kein Leben kann dort verharren.
Jede Vollendung wird zur Schwelle eines neuen Anfangs. Das Kind wird verantwortungsbewusst, das alte Jahr weicht dem neuen, der Held tritt ins Feuer und der Samen stirbt in der Erde. Die 13 ist gefährlich, weil Verwandlung gefährlich ist.
Sie ist eine Unglückszahl für alles, was sich weigert, sich zu verändern. Doch für diejenigen, die bereit sind, die Schwelle zu überschreiten, ist die 13 vielleicht gar nicht die Zahl der Zerstörung. Sie könnte die Zahl der Auferstehung und Neuordnung sein.
Natürlich darf man sich ärgern. Die Frage ist nur: Bleibt es beim Ärger oder entsteht daraus Handlung? - Foto: doble-d/iStock
Viele Unternehmer sind müde. Nicht von Arbeit allein, sondern von der Summe äußerer Zumutungen: neue Vorschriften, wechselnde politische Signale, unklare wirtschaftliche Rahmenbedingungen, steigende Kosten, Fachkräfteengpässe, Berichtspflichten und gesellschaftliche Erwartungen.
Man kann darüber klagen. Manchmal muss man es auch. Aber Führung beginnt nicht bei der Klage. Führung beginnt bei der Frage: Was liegt trotz allem in unserem Einfluss?
Dieser Satz ist nicht naiv. Er blendet äußere Belastungen nicht aus. Er verhindert nur, dass sie innerlich alles beherrschen.
Ein Geschäftsführer sagte: „Ich weiß manchmal gar nicht mehr, worauf ich mich verlassen kann.“ Das ist ein zentraler Punkt. Wenn der äußere Rahmen unsicher wird, braucht das Unternehmen innen umso mehr Verlässlichkeit: klare Prioritäten, saubere Entscheidungen, ruhige Kommunikation und stabile Werte.
Genug gearbeitet. Genug so getan, als könne man äußere Unsicherheit durch noch mehr hektische Reaktion beherrschen.
Führung unter schwierigen Rahmenbedingungen braucht vier Ebenen:
Einordnung: Was betrifft uns wirklich und was ist nur Lärm?
Entscheidung: Was tun wir jetzt, was beobachten wir, was lassen wir?
Kommunikation: Was sagen wir dem Team, damit keine Fantasie entsteht?
Selbstschutz: Welche Energie dürfen äußere Themen nicht dauerhaft verbrauchen?
Ein Unternehmen führte ein monatliches „Rahmenradar“ ein. 30 Minuten. Keine Grundsatzdebatten. Nur drei Fragen: Was verändert sich außen? Was bedeutet das für uns? Was entscheiden wir daraus? Das Format nahm Druck aus Flurgesprächen, weil Themen einen Ort bekamen.
Gerade politische und bürokratische Themen werden gefährlich, wenn sie nur emotional im Raum hängen. Dann entsteht Zynismus. Und Zynismus ist teuer, weil er Gestaltungskraft frisst.
Natürlich darf man sich ärgern. Die Frage ist nur: Bleibt es beim Ärger oder entsteht daraus Handlung?
Ein hilfreicher Satz lautet: „Wir können den Rahmen nicht allein ändern, aber wir können entscheiden, wie wir darin führen.“ Das ist kein Rückzug. Das ist Führungsrealismus.
Beim b-steps summit 2026 gehört auch diese Ebene dazu: Unternehmer brauchen keine Durchhalteparolen, sondern Arbeitsformen, mit denen aus Belastung wieder Struktur wird.
Genug gearbeitet. Welches äußere Thema bindet bei Ihnen zu viel innere Energie, ohne dass daraus eine Entscheidung entsteht?
Trügerische Routine: Ein normales Blutbild erfasst den Verfall Ihrer T-Zellen nicht. - Foto: AnnaNahabed/ iStock
Robert war schon immer der Gesunde gewesen. Mit 71 Jahren spielte er immer noch zweimal pro Woche Golf, benötigte keine regelmäßigen Medikamente und hatte die lebenslange Angewohnheit, jede Erkältung oder Grippe, die grassierte, einfach abzuschütteln. Jedoch in den zwei Jahren seit dem Tod seiner Frau schien etwas in ihm nicht mehr zu funktionieren.
Eine Schürfwunde am Schienbein, die eigentlich innerhalb einer Woche verheilt sein sollte, brauchte nun einen Monat, um zu heilen. Erkältungen, die er früher einfach abgetan hätte, warfen ihn nun völlig aus der Bahn. Dann kam die Gürtelrose, eine Viruserkrankung, die schon einmal in seinen Fünfzigern ausgebrochen war.
Sein Internist führte die Standarduntersuchungen durch: ein großes Blutbild, ein Stoffwechselprofil. Alle Werte waren normal.
Um zu verstehen, was mit Robert geschah, betrachtete ich ihn durch die vier Dimensionen, mit denen ich jedes alternde System beurteile. Ich nenne diesen Ansatz das ACES-Modell: Anatomie, Chemie, Energie und Seele.
Die Struktur des Körpers beherbergt seine Abwehrkräfte. Die Chemie entzündet oder dämpft sie. Energie treibt sie an. Und die unverarbeitete Last im Leben eines Menschen – Trauer, Isolation und Verlust – kann die Abwehrkräfte auf eine Weise schwächen, die kein Standard-Blutbild erfassen kann. Von allen Organsystemen des Körpers ist das Immunsystem vielleicht dasjenige, bei dem diese vierte Dimension am stärksten ins Gewicht fällt.
Das Immunsystem ist die stehende Armee des Körpers: ein riesiges Netzwerk, das Eigenes von Fremdem unterscheidet, sich an alte Feinde erinnert, beschädigtes Gewebe repariert und entartete Zellen beseitigt.
Diese Armee stützt sich auf Organe, die man selten als solche wahrnimmt. Das Knochenmark produziert die weißen Blutkörperchen für die Front. Der Thymus, eine Drüse hinter dem Brustbein, bildet die T-Zellen aus, welche die Abwehr koordinieren. Milz und Lymphknoten filtern das Blut nach Erregern, während die Darmschleimhaut als größte Schutzmauer zur Außenwelt den Großteil des Immunsystems beherbergt.
Mit den Jahren schrumpft diese Armee jedoch nicht einfach, sie verändert ihren Charakter. Sie reagiert träger auf neue Bedrohungen, entzündet sich schneller und wird vergesslicher.
Wissenschaftler nennen diesen langsamen Verfall „Immunoseneszenz“. Das deutlichste Beispiel liefert der Thymus: Er beginnt schon nach der Pubertät zu schrumpfen und besteht im Alter fast nur noch aus Fettgewebe. Dass ältere Menschen schlechter auf neue Infektionen oder Impfstoffe ansprechen, liegt schlicht daran, dass das Organ kaum noch neue Abwehrzellen produziert, also unbeschriebene Blätter, die schnell lernen können, einen bisher unbekannten Erreger zu erkennen.
Gleichzeitig wird die Darmschleimhaut durchlässiger, und das Knochenmark verändert seine Strategie: Es produziert vorrangig Zellen für die grobe Immunantwort. Diese erzeugen flächendeckende Dauerentzündungen, anstatt den Erreger passgenau zu bekämpfen.
Das schwelende Feuer der Entzündung
Für den chemischen Wandel des alternden Immunsystems gibt es einen Fachbegriff: Inflammaging.
Im Alter neigt der Körper dazu, in eine chronische, leichtgradige Entzündung abzugleiten. Gemeint ist nicht die nützliche Abwehrreaktion, die bei einer Verletzung kurz aufflammt und wieder vergeht. Es ist ein dauerhaftes, leises Feuer, das im Hintergrund weiterbrennt.
Geschürt wird dieser Brand vor allem durch vier Faktoren:
Bauchfett: Tief sitzendes Bauchfett (viszerales Fett), das Entzündungen begünstigt.
Schlafmangel: Fehlende Regeneration treibt die Entzündungswerte hoch.
Ernährung: Zucker und stark verarbeitete Produkte liefern ständig Brennstoff.
Stress: Chronische Seelenlast gießt direkt Öl ins Feuer.
Die Folgen dieser Dauerbelastung hinterlassen Spuren. Inflammaging gilt als ein wichtiger Risikofaktor für die großen Alterskrankheiten, von Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes und Alzheimer über Krebserkrankungen bis hin zur körperlichen Gebrechlichkeit.
Roberts Entzündungsmarker waren erhöht, wenn auch nur geringfügig. Seine häufigen Infektionen und die langsame Wundheilung waren der sichtbare Rauch, der aus dem Feuer aufstieg.
Die Immunalterung lässt sich im Standard-Blutbild nicht ablesen. Um sie sichtbar zu machen, sind spezielle Untersuchungen nötig:
Das Zellverhältnis: das Gleichgewicht zwischen jungfräulichen naiven T-Zellen und erfahrenen Gedächtniszellen
Die Viruslast: die lebenslange Spurensuche nach weit verbreiteten Erregern
Die Entzündungsmarker: die Konzentration von Entzündungssignalen im Blut
Die Impfantwort: wie träge der Körper auf Schutzimpfungen reagiert
Wer bei sich Anzeichen einer Immunalterung vermutet, sollte den Arzt um Werte bitten, die in der Routine fehlen – mindestens um das hochsensible C-reaktive Protein. Ein anhaltend erhöhter Wert ist ein klares Signal, den Lebensstil anzupassen.
Abhilfe ist möglich: Der Abbau von viszeralem Fett dämpft Entzündungsprozesse direkt. Eine Ernährung aus reichlich Gemüse, fettem Fisch und Olivenöl löscht das Feuer, das Zucker und stark verarbeitete Produkte immer wieder anfachen.
Nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird ein Mensch, der von Trauer zermürbt ist, zur leichten Beute für Krankheiten. Mit anderen Worten: Anhaltende Trauer schwächt die Abwehrkräfte. Die westliche Wissenschaft hat in den letzten rund 50 Jahren einen Teil dieses Zusammenhangs durch ein ganzes Forschungsgebiet bestätigt: Die Psychoneuroimmunologie, also die Erforschung der Kommunikation zwischen Geist und Immunsystem.
Eine Studie aus dem Jahr 2005 ergab, dass einsamere Studienanfänger eine schwächere Antikörperreaktion auf den Grippeimpfstoff zeigten, was Einsamkeit direkt mit einer messbaren Beeinträchtigung des Immunsystems in Verbindung brachte.
Chronische Trauer und Depressionen erhöhen Entzündungsmarker und unterdrücken genau jene Zellen, die Viren bekämpfen und nach Krebszellen suchen.
Hinterbliebene Ehepartner weisen in der Zeit nach ihrem Verlust nachweislich eine verminderte Immunfunktion sowie eine erhöhte Krankheits- und Sterblichkeitsrate auf. Ein Muster, das in der medizinischen Fachliteratur einen eigenen Namen erhalten hat: Der Witwen-Effekt. Robert war das lebende Beispiel für diese Erkenntnis.
Als ich ihn schließlich nach seiner Trauer fragte, zeichnete sich das vollständige Bild ab. Er hatte aufgehört zu kochen, denn das Kochen war etwas gewesen, das er und seine Frau gemeinsam getan hatten. Er hatte sich von seinen Freunden zurückgezogen. Er schlief auf einem Sessel statt in dem Bett, das sie sich geteilt hatten. Er war im wahrsten Sinne des Wortes schutzlos – seine Trauer zerstreute seine schützende Energie, wie es die TCM ausdrücken würde, und seine Isolation unterdrückte seine Immunzellen, wie es die moderne Forschung beschreiben würde.
Kann sich der Geist also wehren? Es gibt Hinweise darauf, die dies bejahen, und genau das ist der Teil, den ich meinen Patienten am liebsten vermitteln möchte.
Zurück ins Leben
Untersuchungen belegen, dass Sinnstiftung und Zugehörigkeit (eudaimonisches Wohlbefinden) die Genaktivität des Immunsystems positiv verändern: Entzündungssignale nehmen ab, die Abwehr von Viren nimmt zu. Die Mechanismen sind dieselben: So wie Trauer den Körper schwächt, kann Sinn ihn wieder aufrichten.
Was ich mit Robert erarbeitete, war kein Rezept, sondern ein Weg zurück ins Leben.
An erster Stelle stand gesunder Schlaf als Fundament jeder Heilung. Wir brachten wieder Struktur in seine Küche: Selbst zu kochen bedeutete für ihn nun, den Körper zu nähren und sich täglich neu gegen die Verzweiflung zu behaupten. Wir gaben der Isolation keine Chance mehr – durch ein festes Abendessen mit seinen Golffreunden, die Rückkehr in den Verein und eine ehrenamtliche Aufgabe. Und wir benannten die Trauer offen, statt zuzulassen, dass sie im Hintergrund weiterzehrt.
Nach einem Jahr traten die Infekte kaum noch auf. Robert hatte nicht nur seine Immunabwehr zurückgewonnen, sondern auch ein Teil seiner Lebensfreude war zurückgekehrt.
Das Immunsystem wie eine Geschichte lesen
Roberts Internist lag mit seiner Diagnose nicht falsch: Roberts Immunsystem alterte tatsächlich. Doch die Endgültigkeit dieses Befundes übersah genau das, was sein Leiden überhaupt erst heilbar machte.
Seine Anatomie glich einer Armee, die über die Jahre geschwächt worden war. Seine Chemie zeigte das leise Feuer einer Dauerentzündung, die im Hintergrund brannte. Seine Energie offenbarte eine Abwehrkraft, die durch Trauer und gestörten Schlaf ausgelaugt war. Und seine Seele legte schließlich den Ursprung von all dem offen: einen tiefen Verlust, der seine Abwehrkräfte aktiv lähmte – über biologische Pfade, welche die Forschung heute immer besser versteht.
Hätten wir nur Roberts Symptome bekämpft, mit einem Antibiotikum nach dem anderen, hätten wir bloß den Rauch vertrieben, während der Brand im Verborgenen weiter wüten würde.
Das ACES-Modell fordert dazu auf, alle vier Dimensionen als Ganzes zu betrachten. Denn im Immunsystem greift jedes Zahnrad ins andere:
Trauer schürt Entzündungen, Entzündungen lassen Immunzellen schneller altern, Schlafmangel raubt dem Körper die Energie, und jede Umdrehung treibt die nächste an. Erst als wir an allen vier Stellschrauben gleichzeitig ansetzten, ließ sich dieser Teufelskreis durchbrechen.
Das Immunsystem altert. Diese Wahrheit gilt für uns alle. Doch unsere Abwehr ist dem Leben, das wir führen, keineswegs schutzlos ausgeliefert. Sie ist nicht irreparabel. Der Geist kann sich tatsächlich wehren. Und wenn er es tut, erwacht die älteste Armee des Körpers zu neuem Leben.
Lidan Du-Skabrin, die einen Doktortitel in Ernährungswissenschaften besitzt, hat zu diesem Artikel beigetragen. Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Your Immune System Ages and How to Slow It Down“. (deutsche Bearbeitung kr)
Vom höchsten diplomatischen Amt zur schwindenden Autorität: Die UN als einstiger Garant einer regelbasierten Weltordnung verlieren an Einfluss. (Archivbild) - Foto: Fabrice Coffrini /AFP via Getty Images
António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, wird bald seinen Schreibtisch räumen und sich auf den Ruhestand vorbereiten. Die Bewertungen seiner Amtszeit schwanken zwischen „befriedigend“ und „mittelmäßig“.
Einige würdigen sein leidenschaftliches Eintreten für die Palästinenser und seine kritische Haltung gegenüber dem israelisch-amerikanischen Krieg gegen den Iran. Andere wiederum kritisieren ihn gerade wegen dieser kontroversen Standpunkte.
Ein Amt verliert an Ansehen
Das eigentliche Problem ist jedoch der Verfall des Ansehens und der Autorität eines Amtes, das einst als das höchste diplomatische Amt der Welt galt. Dieses Amt entstand zu einer Zeit, als sich die Nachkriegsweltordnung in Richtung eines Kalten Krieges bewegte, mit der Idee, dass ein diplomatischer Puffer zwischen den beiden entstehenden Blöcken die Erschütterungen abfedern und einen weiteren bewaffneten Konflikt verhindern könnte.
Einer der Kerngedanken bestand darin, einen Krieg praktisch unmöglich zu machen, sofern er nicht ausdrücklich vom UN-Sicherheitsrat gebilligt wurde. Die von den Vereinigten Staaten geführte Intervention auf der koreanischen Halbinsel war der erste Krieg, der vom UN-Sicherheitsrat gebilligt wurde.
Doch schon damals kritisierte der UN-Generalsekretär Trygve Lie, ein norwegischer Gewerkschaftsführer, der zum Diplomaten geworden war, offen die Haltung Washingtons – eine Haltung, mit der er zeigen wollte, dass der Generalsekretär nicht bloß ein Abnicker des Sicherheitsrats ist. Lie nahm auch während der Krise um die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie, als Großbritannien mit einer Invasion des Iran drohte, eine unabhängige Haltung ein.
Interessanterweise nahmen weder die Vereinigten Staaten noch Großbritannien Anstoß an Lies Haltung. Es galt die ungeschriebene Regel, dass der UN-Generalsekretär als eine Institution wahrgenommen werden muss, die über den Interessen der Mitgliedstaaten steht.
Von Lie bis Hammarskjöld
Diese ungeschriebene Regel wurde mehr oder weniger auch dann eingehalten, als Lie vom schwedischen Diplomaten Dag Hammarskjöld abgelöst wurde. Dies ermöglichte es Hammarskjöld, den Entkolonialisierungsprozess aktiv zu unterstützen, insbesondere in Subsahara-Afrika – ein besonderes Anliegen, das möglicherweise seinen Tod bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz verursacht hat, für den die CIA und/oder belgische Söldner verantwortlich gemacht wurden.
Hammarskjöld sah sich wegen seiner zwiespältigen Haltung zu einer Reihe tragischer Ereignisse mit Kritik konfrontiert, darunter die Volksaufstände im sowjetisch dominierten Polen und Ungarn sowie die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten im Jahr 1956.
Der burmesische Diplomat U Thant, der Hammarskjöld ablöste, interpretierte das Amt im Wesentlichen als eine bürokratische Aufgabe. Er beaufsichtigte die Ausweitung der UNO auf neue Tätigkeitsfelder, stellte weitere Mitarbeiter ein und half bei der Organisation weiterer Konferenzen.
Dag Hammarskjöld löste 1953 Trygve Lie als UN-Generalsekretär ab und setzte sich besonders für die Entkolonialisierung in Afrika ein. 1961 kam er bei einem bis heute nicht vollständig geklärten Flugzeugabsturz ums Leben. (Archivbild)
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Kontroversen und Skandale
Von den Nachfolgern Thants gelang es nur dem peruanischen Diplomaten Javier Pérez de Cuéllar, seine Amtszeit ohne Kontroversen – geschweige denn Skandale – zu beenden.
Über den Österreicher Kurt Waldheim, einen der ersten Befürworter der Khomeini-Revolution im Iran, kam ans Licht, dass er ein ehemaliger NS-Offizier war, der an der Verhaftung von Juden in Griechenland beteiligt gewesen war.
Der Ägypter Boutros Boutros-Ghali brachte fast alle gegen sich auf, indem er begann, unliebsame Altlasten ans Tageslicht zu befördern; letztlich blieb er nur eine Amtszeit lang im Amt.
Der Ghanaer Kofi Annan bewährte sich in einer äußerst schwierigen Zeit, doch sein Ruf wurde schließlich durch den Skandal um das „Oil-for-Food“-Programm im Irak beschädigt.
Nach einer Vereinbarung unter den Mitgliedstaaten muss der Generalsekretär aus einem anderen Staat als den fünf Ländern gewählt werden, die im Sicherheitsrat über ein Vetorecht verfügen. Im vergangenen Jahr verschärfte die Generalversammlung die Regeln und sorgte für mehr Transparenz bei der Auswahl des Generalsekretärs.
Der Tradition zufolge sollte der nächste Generalsekretär aus einem Land außerhalb Europas und Asiens stammen, sodass Lateinamerika und Afrika die beiden wichtigsten Kandidatenfelder bilden. Die lateinamerikanischen Staaten haben mehrere Kandidaten ins Rennen geschickt, doch nur zwei von ihnen verfügen über das für ein solches Amt erforderliche Profil.
Lateinamerika bringt sich in Stellung
Einer von ihnen ist Rafael Grossi, der argentinische Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation. Sein Problem ist, dass der derzeitige argentinische Präsident Javier Milei kein Fan von ihm ist. Und da Milei ein Favorit von US-Präsident Donald Trump ist, könnte dies auch eine ablehnende Haltung Washingtons bedeuten.
Die ehemalige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet steht vor einem ähnlichen Problem. Der neue chilenische Präsident José Antonio Kast steht am anderen Ende des politischen Spektrums und steht ebenfalls Trump nahe, der Bachelet als fanatische Linke betrachtet.
Der erste ist der ehemalige senegalesische Präsident Macky Sall, ein Verfechter des sogenannten „globalen Südens“. Europäische Staaten betrachten Sall mit Misstrauen, schon allein wegen seiner Annäherung an den russischen Präsidenten Wladimir Putin mitten im Krieg in der Ukraine.
Noch schlimmer ist, dass sich Sall wegen einer Reihe von Vorwürfen im Zusammenhang mit seiner umstrittenen Präsidentschaft vor der senegalesischen Justiz verantworten muss. Noch bis zum vergangenen Monat zögerte Dakar, seine Kandidatur zu unterstützen.
Der zweite afrikanische Spitzenkandidat ist der ugandische Ökonom Olara Otunnu, dessen Lebenslauf Tätigkeiten bei internationalen Organisationen umfasst. Das i-Tüpfelchen dieses Lebenslaufs ist eine kurze Freundschaft mit US-Präsident Bill Clinton in längst vergangenen Zeiten. Die Frage ist, ob Uganda für Otunnu auch über seine Grenzen hinaus Unterstützung mobilisieren kann.
Eine Frau an der Spitze?
Einige Mitgliedstaaten werben dafür, eine Frau zur Generalsekretärin zu wählen. Der Gedanke wurde erstmals im Zusammenhang mit der ehemaligen pakistanischen Premierministerin Benazir Bhutto aufgegriffen, die als Favoritin galt. Sie schied jedoch selbst aus dem Rennen aus, indem sie darauf bestand, erneut das Amt der pakistanischen Premierministerin anzustreben. Auf dem Weg zur Verwirklichung ihres Ziels in Islamabad wurde sie ermordet.
Doch was, wenn vor der Generalversammlung in New York im nächsten Monat eine unerwartete Kandidatin auftaucht?
Es ist von zwei Frauen die Rede.
Eine mögliche Kandidatin könnte Audrey Azoulay sein, die marokkanisch-französische ehemalige Generaldirektorin der UNESCO, die auch als französische Kulturministerin tätig war. Sie könnte Unterstützung sowohl von der Afrikanischen Union als auch von der Europäischen Union gewinnen, ganz zu schweigen von der Arabischen Liga.
Audrey Azoulay, ehemalige UNESCO-Generaldirektorin und französische Kulturministerin, gilt als mögliche Kandidatin für das Amt. Ihre marokkanisch-französische Staatsbürgerschaft könnte dabei sowohl Unterstützung als auch Fragen aufwerfen. (Archivbild)
Foto: Sameer Al-Doumy / AFP via Getty Images
Ihre doppelte Staatsangehörigkeit könnte jedoch ein Problem darstellen. In jedem Fall muss sie von Rabat oder Paris nominiert werden – oder von beiden.
Rebeca Grynspan Mayufis ist die andere Möglichkeit, über die gesprochen wird. Als Diplomatin aus Costa Rica – dem am wenigsten umstrittenen Land der Neuen Welt – und zugleich als Frau könnte sie von einem breiten Konsens profitieren.
Dennoch könnte in letzter Minute noch ein Kaninchen aus dem Hut des Zauberers gezogen werden. Das ist in der Vergangenheit bereits vorgekommen.
Die eigentliche Frage
Unabhängig davon, wer das Amt übernimmt, lautet die eigentliche Frage: Wozu dient diese Position eigentlich?
Welche Mängel Guterres auch immer gehabt haben mag – während seiner Amtszeit wurde er nicht einmal zu einem der großen Ereignisse konsultiert, geschweige denn an den großen Tisch gebeten. Ihn persönlich anzugreifen, ist gelinde gesagt unfair.
Was kann der Generalsekretär schon tun, wenn Länder mit Vetorecht wie Russland und die Vereinigten Staaten Kriege beginnen oder wenn Länder wie China damit drohen, dies zu tun?
Wenn das Amt lediglich Teil der Dekoration sein soll, wie es zu Annans Zeiten der Fall war, reicht jeder fotogene, mehrsprachige Mann oder jede fotogene, mehrsprachige Frau aus. Und wenn Managementfähigkeiten erforderlich sind, um einen ausufernden und kostspieligen Apparat zu führen, muss man über die Diplomaten hinausblicken und nach einer neuen, jüngeren Generation von Führungskräften aus der Wirtschaft suchen.
Am Vorabend der Generalversammlung bewegen sich die Welt und mit ihr auch die UNO weiterhin ins Unbekannte.
Der Gentleman alter Schule trägt Anzug und öffnet Türen, doch hinter diesen Höflichkeiten verbirgt sich ein tieferes Bekenntnis zu Tugend, Verantwortung und Hilfsbereitschaft. - Foto: Rachel Li
Fragt man einen männlichen Teenager: „Was ist ein Gentleman?“, werden die Antworten vermutlich in die bekannte Richtung gehen. „Das ist ein alter Mann, der einen Anzug trägt und einen Spazierstock bei sich hat.“ – „Das ist ein Mann, der Damen die Tür aufhält.“ – „Das ist jemand mit guten Manieren.“ Manche werden vielleicht auch einfach mit den Schultern zucken und mit „Keine Ahnung“ antworten.
Unterdessen beklagen viele Erwachsene das Ende des Gentlemans. Oder sie betrachten ihn bestenfalls als vom Aussterben bedrohte Spezies. Als Beweis führen sie das grobe Verhalten und die Ratschläge bestimmter Influencer der „Manosphere“ in den sozialen Medien an. Sie verweisen auch auf die mangelnden Tischmanieren, die in so vielen Restaurants zu beobachten sind. Und sie verweisen auf die Klagen zahlreicher Frauen, die nach Liebe, Beziehung und Ehe suchen.
Die Teenager offenbaren ihre Unwissenheit. Die Kritiker decken die Probleme auf. Doch selten bieten sie ein Heilmittel für den angeschlagenen Status des Gentlemans im 21. Jahrhundert an.
Das Heilmittel ist in beiden Fällen Erziehung. Kein Junge wird als Gentleman geboren. Man muss ihm zeigen, was das bedeutet. Es geht um viel mehr, als einer älteren Dame im Café die Tür aufzuhalten. Man muss ihm erklären, warum dieses Verhalten ihn zu einem besseren Menschen macht und die Welt zu einem besseren Ort.
Manieren machen Männer
„Höflichkeit ist ebenso ein Kennzeichen des Gentlemans wie Mut.“
Diese Bemerkung, die Präsident Theodore Roosevelt zugeschrieben wird, deckt mehr ab, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Höflichkeit und gutes Benehmen sind die äußeren Zeichen der Ritterlichkeit, während sich unter der Oberfläche dieses Anstands die Tugenden verbergen.
Betrachten wir zunächst diese äußeren Zeichen.
Ob wir nun Bücher wie „As a Gentleman Would Say“ (zu Deutsch: Wie ein Gentleman sagen würde) oder Websites wie „The Art of Manliness“ (zu Deutsch: Die Kunst der Männlichkeit) durchstöbern, wir finden immer die gleichen grundlegenden Ratschläge zur Höflichkeit im Alltag. Ein Großteil dieser Ratschläge ähnelt tatsächlich denen, die man bereits vor einem Jahrhundert in Büchern fand.
So verweisen uns Brett und Kate McKay von „The Art of Manliness“ beispielsweise auf „Hill’s Manual of Social and Business Forms“ (zu Deutsch: Hill’s Handbuch für gesellschaftliche und geschäftliche Umgangsformen). Ein Abschnitt des im Jahr 1880 erschienenen Werkes trägt den Titel „The Unclassified Laws of Etiquette“ (zu Deutsch: Die ungeschriebenen Regeln der Etikette). Zwar hat die Zeit die Notwendigkeit einiger dieser Regeln überholt, doch viele von ihnen stimmen mit den heutigen Grundregeln für das Verhalten eines Gentlemans überein. Hier einige Beispiele: „Biete einem Kranken, einer älteren Person oder einer Dame stets den bequemsten und besten Platz im Raum an“ und „Sei stets pünktlich zum vereinbarten Termin“.
Mehr als nur Umgangsformen
In seinem Onlinebeitrag „What It Means to Be a Gentleman Today“ (zu Deutsch: Was es heute bedeutet, ein Gentleman zu sein) zählt Sven Raphael Schneider elf Merkmale höflicher Umgangsformen auf. Dazu gehören nicht nur ein gepflegtes Erscheinungsbild und gute Manieren, sondern auch traditionelle Verhaltensweisen. Ein Gentleman beispielsweise „begegnet anderen mit Respekt“ und „geht zunächst vom Guten im Menschen aus“.
Liest man diese Artikel und fasst die Regeln und Empfehlungen zusammen, gelangt man zu einer allgemeinen Definition eines Gentlemans: Er ist jemand, der danach strebt, es seinen Mitmenschen so angenehm wie möglich zu machen, ohne sich dabei von anderen ausnutzen zu lassen. Dies lernen Kinder, wenn sie zu Hause gute Umgangsformen erlernen und diese in der Schule sowie im Freundeskreis üben.
Doch das ist nur eine unvollständige Definition. Genauso wie ein Auto mit polierter Karosserie und glänzenden Scheiben nutzlos ist, wenn der Motor nicht anspringt, so verhält es sich auch mit dem Gentleman. Seine Umgangsformen bedeuten wenig ohne Charakter. Werfen wir also einen Blick unter die Motorhaube.
Der ehemalige US-Präsident Thomas Jefferson schrieb 1814 einen Brief an seinen Freund Thomas Law zum Thema Moral. Darin hieß es: „Selbstliebe ist daher kein Teil der Moral. Tatsächlich ist sie genau ihr Gegenstück. Sie ist der einzige Gegenspieler der Tugend. Sie führt uns durch unsere Neigung zur Selbstbelohnung ständig dazu, unsere moralischen Pflichten gegenüber anderen zu verletzen.“
Die heutige kulturelle Betonung des Individuums, des Eigeninteresses und der Selbstbelohnung geht oft zulasten von Familie und Gemeinschaft. Angesichts dessen sind Jeffersons Worte heute weitaus relevanter als zu der Zeit, in der er sie schrieb. „Sich um die eigene Person kümmern“ ist das Motto vieler Menschen in unserer Zeit.
Wenn extreme Selbstbezogenheit „der einzige Gegenspieler der Tugend“ ist, dann haben diejenigen, die Jungen zu Gentlemen erziehen wollen, alle Hände voll zu tun. Unsere Gesellschaft ist überschwemmt von Influencern – im Internet und anderswo –, die das Ego und das Individuum als oberstes Gut preisen.
Tim Goeglein und Craig Osten sind die Autoren des kürzlich erschienenen Buches „What Really Matters: Restoring a Legacy of Faith, Freedom, and Family“ (zu Deutsch: Was wirklich zählt: Die Wiederherstellung eines Erbes aus Glauben, Freiheit und Familie). In der Einleitung verweist Goeglein auf den radikalen Individualismus des Mottos „Du machst dein Ding“ als eine der größten und zerstörerischsten Kräfte in unserem Land.
Später, im Abschnitt „Restoring the American Male“ (zu Deutsch: Die Wiederbelebung des amerikanischen Mannes), findet sich sein Essay „The Gentleman Gap – What Is Wrong with America’s Sons?“ (zu Deutsch: Die Gentleman-Lücke – Was ist falsch mit Amerikas Söhnen?). Unser Versagen dabei, Jungen zu Gentlemen zu erziehen, schreibt er, „kann auf einen Mangel an hervorragenden männlichen Vorbildern zurückgeführt werden, die ihnen Orientierung geben und ihnen den richtigen Weg weisen“.
Um Jungen und jungen Männern moralische Werte zu vermitteln, bedarf es des Engagements von Eltern, Mentoren und Lehrern.
Foto: Rachel Li
Im Gespräch mit der Epoch Times ging Goeglein näher auf diesen Essay ein. Er stellte zunächst eine Frage: „Was unternimmt die Kirche, um junge Gentlemen zu formen? Was tun Schulen, ob privat oder öffentlich, um junge Gentlemen zu formen? Was leisten Sport und Leichtathletik? Was leistet Populärkultur?“
Um diesen Wandel ernsthaft anzugehen, müssten Eltern, Lehrer und Mentoren seiner Meinung nach drei Dinge einbringen: Zielstrebigkeit, eine tiefe persönliche Beziehung zwischen Vätern und Söhnen sowie eine Weltanschauung, die auf Kirche und Familie basiert. Alle drei hätten eine Rolle dabei gespielt, wie er und seine Frau ihre beiden Söhne erzogen hätten. Er betonte insbesondere die Rolle des Vaters bei der Erziehung seiner Söhne zu Gentlemen.
Gentlemen sind auch gute Bürger
„Wir verwenden das Wort ‚Elternschaft‘, was ich für sehr gut halte. Ich habe jedoch begonnen, die Begriffe ‚Vaterschaft‘ und ‚Mutterschaft‘ zu verwenden, weil ich denke, dass Väter und Mütter etwas Einzigartiges und Unterschiedliches in die Elternschaft und in unsere Zeit einbringen“, sagte er.
Goeglein stellt zudem einen wichtigen Zusammenhang zwischen dem Dasein als Gentleman und dem Dasein als guter Bürger her – ein Zusammenhang, den viele Kommentatoren übersehen.
In seinem Buch „What Really Matters“ (zu Deutsch: Was wirklich zählt) schrieb er: „Um zu beheben, was den amerikanischen Mann bedrückt, müssen wir Jungen einen Lebenssinn vermitteln. Wenn junge Männer einen Lebenszweck finden, werden sie diszipliniert und zielstrebig. Sie erkennen, dass ihr Leben nicht nur ihnen selbst gehört. Sie lernen, den Menschen in ihrem Umfeld Selbstlosigkeit und bedingungslose Liebe vorzuleben. Sie werden zu dem, was man einen ‚guten Bürger‘ nennt. Sie werden zu Gentlemen.“
Im Gespräch griff Goeglein die Gedanken Jeffersons auf.
„Die Gründerväter und -mütter waren fest davon überzeugt, dass man, wenn man in einer konstitutionellen Republik Freiheit und Unabhängigkeit genießen wolle, moralische Vortrefflichkeit und Tugend pflegen müsse“, sagte er. „Man müsste Tugend bei den Bürgern und bei den Führern fördern. Und ich glaube, dass diese moralische Vortrefflichkeit die zentrale Eigenschaft ist, die Damen und Herren gemeinsam haben.
„Die Eigenschaften, die wir brauchen und dieser Generation vermitteln wollen, sind Vortrefflichkeit, Integrität, Ehrlichkeit, Glaube, Demut, Geduld, Dankbarkeit und Mut.“
Um diese und andere Tugenden weiterzugeben, bedarf es der Anstrengung von Eltern und Lehrern – genau wie vor 250 Jahren. Zwar war die damalige Kultur für eine solche Erziehung förderlicher, doch heute stehen uns auch weitaus mehr Ressourcen zur Verfügung. Videos und Artikel im Internet, Bücher in den öffentlichen Bibliotheken sowie ältere Menschen in unserem Umfeld sind eine wahre Fundgrube an Beispielen für Männer und Frauen aus der amerikanischen Geschichte. Sie wussten, was Opferbereitschaft und Verantwortung bedeuten, und lebten – und starben manchmal sogar – im Namen der alten Tugenden, die einen guten Bürger und einen Gentleman ausmachen.
Wenn wir unsere Söhne anhand dieser Geschichten erziehen, ihnen Umgangsformen lehren, diese vorleben und selbst ein tugendhaftes Leben führen, dann verbinden wir Etikette und Moral miteinander – die eigentliche Definition des Begriffs „Gentleman“.
Heute können wir Tausende digitale Verbindungen haben und dennoch zutiefst einsam sein. Wie können wir Gemeinschaft wiederherstellen? - Foto: gorodenkoff/iStock
Wenn wir in der Zeit zurückreisen und einige Dinge unserer Eltern und Großeltern in die Gegenwart übertragen könnten, welche würden wir wählen?
Wir würden ihre Entbehrungen, Ungerechtigkeiten und begrenzten Möglichkeiten nicht wählen, denn der Fortschritt hat uns außergewöhnliche Segnungen beschert.
Auf dem Weg zu mehr Wohlstand, Vernetzung und technologischem Fortschritt haben wir jedoch auch Werte zurückgelassen, die keine Technologie ersetzen kann.
Wir würden die Würde der Arbeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern wussten, dass Arbeit mehr war als nur Geldverdienen. Sie schulte Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und Selbstachtung. Sie taten, was getan werden musste, denn ihre Familien waren auf sie angewiesen.
Heute reden wir unaufhörlich davon, uns selbst zu finden. Sie hingegen fanden sich oft, indem sie Verantwortung übernahmen, hilfsbereit waren und ihr Wort hielten.
Wir würden die Heiligkeit der Familie wiederherstellen.
Großeltern halfen bei der Erziehung ihrer Enkelkinder. Tanten und Onkel ermahnten ihre Nichten und Neffen. Sonntagsessen waren Lernorte, an denen Erfahrungen, Werte und Geschichte von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden.
Die Kinder saßen neben den Erwachsenen und hörten zu.
Stellen Sie sich vor, wie revolutionär das heute wäre!
Großvater und Enkelin im Park.
Foto: boggy22/iStock
Anstatt jede Lektion von einem Algorithmus zu erhalten, würden junge Menschen aus erster Hand davon erfahren, wie ihre Familienältesten Armut, Krieg, Diskriminierung, Leid und Verlust überstanden haben.
Nachbarn kannten sich untereinander. Wenn jemand krank war, wurde Essen vor die Tür gestellt. Wenn jemand starb, standen die Menschen der Familie bei. Sonntags besuchte man oft die älteren, kranken und ans Haus gebundenen Menschen – nicht, weil es ein Programm vorschrieb, sondern weil man füreinander Verantwortung trug.
Heute können wir Tausende digitale Verbindungen haben und dennoch zutiefst einsam sein. Wir beherrschen die Kommunikation, ohne notwendigerweise auch die Gemeinschaft zu leben.
Wir würden den Respekt vor den Älteren wiederherstellen.
Unsere Kultur vergöttert Jugend und Neuheit und geht oft davon aus, dass „neu“ gleichbedeutend mit „besser“ ist.
Doch Information ist keineswegs Weisheit.
Weisheit erfordert Zeit, Fehler, Konsequenzen und Reflexion. Eine Gesellschaft, die aufhört, auf ihre älteren Mitglieder zu hören, zahlt immer wieder den Preis für Lektionen, die ihre Vorfahren bereits gelernt haben.
Großvater, Großmutter und ihr Hund.
Foto: pacfoto/iStock
Wir würden Geduld und Sparsamkeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern warteten ab. Sie haben vor dem Kauf gespart, vor dem Ersetzen repariert und vor der Ernte gesät. Kleidung wurde geflickt. Möbel wurden repariert. Lebensmittel wurden aufbewahrt.
Sie verstanden etwas, das in unserer schnelllebigen Kultur zunehmend in Vergessenheit gerät: Wertvolle Dinge brauchen Zeit.
Vertrauen braucht Zeit. Charakter braucht Zeit. Eine Ehe, ein guter Ruf, ein Geschäft und ein sinnvolles Leben brauchen Zeit.
Außerdem haben sie den Unterschied zwischen dem Wollen und dem Brauchen verstanden. Man wird nicht reich, indem man alles zur Schau stellt, was man sich leisten kann.
Wir würden den Glauben und die moralische Bildung wiederherstellen.
Für viele Familien beschränkte sich der Glaube nicht auf einen Tag pro Woche in einem Kirchengebäude. Gebet, Dankbarkeit und Rechenschaftspflicht prägten ihren Alltag.
Der Glaube machte frühere Generationen nicht perfekt, aber er gab ihnen ein moralisches Vokabular:
Pflicht, Opferbereitschaft, Vergebung, Demut, Gnade und Nächstenliebe.
Diese Begriffe sind auch heute noch unverzichtbar in einer Kultur, die sich zunehmend um individuelle Wünsche dreht.
Vor allem aber würden wir unsere Widerstandsfähigkeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern gingen nicht davon aus, dass Not bedeutete, das Leben hätte sie im Stich gelassen. Sie rechneten mit Stürmen. Sie ertrugen Wirtschaftskrisen, Krieg, Diskriminierung, Krankheit, Tod und Enttäuschung und gingen ihren Weg weiter.
Kampf bedeutete für sie nicht unbedingt eine Unterbrechung des Lebens, sondern war Teil des Lebens.
Manchmal nahmen sie ihre Schwierigkeiten sogar als Sprungbrett, indem sie auf den Widrigkeiten von gestern aufbauten, um die Möglichkeiten von morgen zu erreichen.
Wir können und sollten nicht in die Vergangenheit zurückkehren, aber wir können diese Weisheit nutzen.
Stellen Sie sich vor, wir würden die Technologie, die Medizin und die Chancen von heute mit der Disziplin, dem Glauben, der Geduld, den familiären Bindungen, der Verantwortung für die Gemeinschaft und der Widerstandsfähigkeit von gestern verbinden.
Unsere Großeltern haben uns mehr hinterlassen als Fotos, Möbel, Land und Familiennamen.
Sie haben uns Anweisungen hinterlassen:
Arbeitet hart. Haltet euer Wort. Spart etwas. Repariert, was repariert werden kann. Besucht die Kranken. Respektiert eure älteren Mitmenschen. Setzt euch gemeinsam an den Tisch. Betet. Vergebt. Kümmert euch um eure Nachbarn. Bringt den Kindern bei, woher sie kommen.
Wenn euch das Leben zu Boden wirft, bleibt nicht einfach dort liegen.
Macht den Kampf zu einem Sprungbrett und erhebt euch!