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Radikale, die diese Welt verneinen

Pazifismus und Gewaltlosigkeit sind zwei Erscheinungsformen desselben religiösen Prinzips der Weltverneinung (oder Weltüberwindung). Beide sind Sache der Spiritualität, nicht der Politik.
Wer das versteht, wird die Vertreter dieses religiösen Prinzips im politischen Raum nicht einfach als „Träumer“ verspotten. Diese Einsicht sollte aber auch denen zu denken geben, die tatsächlich zu Spott Anlass geben, indem sie behaupten, ihre Religion sei die beste Politik – denn sie ist gar nicht Politik und verliert, als solche missverstanden, den heilsamen Einfluss einer spirituellen Weisheit.

Gewaltlosigkeit ist extrem und radikal

Gewaltlosigkeit ist nur dann die richtige moralische Haltung, wenn es niemals eine Rechtfertigung für Gewaltanwendung gibt. Und der Pazifismus ist nur dann die richtige politische Position, wenn es niemals eine Rechtfertigung für Kriegshandlungen gibt. Die Sachlogik des Pazifismus wie der Gewaltlosigkeit ist dieselbe; sie ist sowohl extrem als auch radikal, das heißt prinzipiell nicht kompromissfähig mit dem üblichen Diskurs.
Bei uns wird im Zwischenmenschlichen auch da, wo keine gesetzlichen Vorgaben bestehen, Gewaltanwendung im Allgemeinen nicht völlig verurteilt. Wird man körperlich bedrängt, so ist es moralisch in Ordnung, Gewalt anzuwenden, um sich zu schützen; eskalieren Wortwechsel in traumatisierender oder ehrabschneidender Weise, so sind verbale und gestische Drohungen, in krassen Fällen auch sanfte körperliche Gewalt wie Festhalten oder Schubsen akzeptiert, um ernsthafte Gewalt zu verhindern.
All das fällt in unserer Kultur unter Stichworte wie „auf den Tisch hauen“ oder „jemandem beistehen“; anlässlich von Videos aus dem Nahverkehr spricht die Presse auch schon mal von der „Rettung“ eines Fahrgastes durch einen „Helden“.
Der Pazifismus ist dem allgemeinen politischen Diskurs ebenso fremd wie das Prinzip der Gewaltlosigkeit den normalen moralischen Diskussionen. Schon der Aufbau unserer Staaten dreht sich nur darum, wer Zwangsgewalt auch gegen den Körper warum und wie ausüben darf. Die Gewaltenteilung ist die Zuteilung des Rechts, Gewalt über die Beherrschten auszuüben. Gewaltlose und Pazifisten können schon Staaten nicht mögen.
Trotz des zwischenstaatlichen Gewaltverbots der UN-Charta sind aktuell weltweit viele Dutzend kriegerische Konflikte im Gange. Und die politische Diskussion dreht sich etwa in Sachen Ukraine, Iran und Palästina darum, unter welchen Bedingungen die Kriegshandlungen beendet werden könnten – nicht darum, ob sie prinzipiell erlaubt sind. Alle meinen, dass es rechtmäßige Kriegshandlungen geben kann.

Sind Pazifisten dumm?

Ernsthafte Vertreter von Gewaltlosigkeit und Pazifismus sind folglich dieser sozialen Welt fremd und werden in diesem Sinne von ihren Einwohnern zu Recht als „weltfremd“ bezeichnet. Sie gehen an die Wurzel, die Grundvoraussetzung des üblichen Diskurses in Moral und Politik, dass nämlich Gewalt manchmal gerechtfertigt ist, und bestreiten das.
Sie können in privaten Konflikten außer durch ihr mildes Beispiel keinen Einfluss nehmen – denn jemand, der pauschal jede Gewalt ablehnt, kann auch ein harsches Wort von Eltern an ihre Kinder nicht akzeptieren, dürfte den Sonntagskrimi gar nicht erst einschalten und wird nicht im Fußballstadion darüber jubeln, dass die „eigene“ Mannschaft eine andere „besiegt“.
In einen politischen Diskurs, der nur die Modalitäten von Gewaltanwendung verhandelt, ja der im Kriegsfall zur Propaganda-Show wird, in der die einen Bombenwerfer „menschenverachtende Kriegsverbrecher“ und die anderen „Verteidiger der Freiheit“ sein sollen, kann der Pazifist gar nicht erst eintreten.
Redet er doch mit, wird er einen fairen Interessenausgleich als Voraussetzung für Frieden ansprechen und Tatsachen zum Konflikt anführen. Schon an dieser Stelle hat der Pazifist Glück, wenn er nur als „Diktatorenversteher“ oder „Knecht“ irgendeiner Imperialmacht bezeichnet wird; sein Friedensappell wird als Parteinahme interpretiert. Der Pazifist kann tatsächlich nichts anderes zur Kriegsdiskussion beitragen als die Bemerkung, dass es diese Diskussion gar nicht geben dürfte.
Gewaltlose geben, so scheint es, jeden realen Einfluss auf Verlauf und Ausgang aktueller Diskussionen auf. Warum tun sie das? Ist so etwas für den Frieden zu erreichen? Sind die Prediger der Gewaltlosigkeit einfach dumme Leute?
Nein. Pazifisten wissen etwas, was die Allgemeinheit nicht weiß. Deshalb haben sie eine vernünftige Begründung dafür, dass Gewalt niemals gerechtfertigt sein kann – während alle anderen bloß rationale Gründe für ihre Gewaltausübung finden.

Verbundenheit über alles

Pazifisten glauben, dass die Welt etwas ist, das überwunden werden muss – und dazu muss unser Handeln dem richtigen Prinzip folgen. Gewaltlosigkeit ist ein moralisches Prinzip. Damit beansprucht es, ein Maßstab der Maßstäbe zu sein – ein Kriterium, das sich an alle menschengemachten Situationen und Verhältnisse anlegen lässt, um ihre Rechtmäßigkeit zu beurteilen.
Der Pazifist ist also jemand, der für sich eine letztgültige Einsicht gewonnen hat, der sich nun alles in der Welt beugen soll. Und dazu muss er über das Ganze der Welt und seinen Sinn oder Unsinn zu einem Urteil gelangt sein. Dazu muss er philosophieren oder religiös glauben, oder aber – auch eine Möglichkeit – eine Philosophie für sich als Religion, als letzte Rückversicherung, gelten lassen.
Was ist die letztgültige Einsicht des Pazifisten? Wir können sie erschließen, indem wir uns fragen, welche Absicht hinter der Forderung nach Gewaltlosigkeit steht. Gewalt entsteht, wenn jemand sein Interesse nicht durch Überzeugen und Kooperation durchsetzen kann, und dies nicht akzeptieren will.
Normale Leute und Realpolitiker verhalten sich manchmal so: Sie finden rationale Gründe für die Anwendung von Gewalt im Zwischenmenschlichen und unter Staaten. Sie achten Kooperation und Überzeugung durch Gründe im Zweifel geringer als die Durchsetzung ihres Interesses. Sie bleiben mit dem anderen nur so lange in Verbundenheit, wie es ihnen nützt.
Das Grundprinzip ist hier egoistisch: Es geht ihnen zwar um Sachen, aber um Sachen für sich. Das Einzige, was sich in dieser Mentalität im Konfliktfall nicht zu rechtfertigen hat, was also absolut gesetzt wird, ist die Befriedigung der eigenen Interessen.
Was wäre das nun für ein Mensch, der, nachdem seine Argumente und Kooperationsangebote nicht gefruchtet haben, auf sein Interesse verzichtet? Und der jedem Staatslenker raten würde, im Zweifel einen Angriff auf sein Land nicht abzuwehren? Denn das bedeutet es, Gewaltanwendung konsequent abzulehnen und damit den Gewalttätigen im Begegnungsfall (der kein Konfliktfall sein würde) das Feld zu überlassen.
Es müsste jemand sein, der etwas für wichtiger erachtet als jedes seiner eigenen Interessen und als jedes denkbare Interesse eines Staates. Der Gewaltlose entscheidet sich, die Verbundenheit mit dem anderen nie aufzugeben, auch wenn dieser ihn zu etwas nötigt, ihn verletzt oder anders beeinträchtigt. Verbundenheit muss der absolut gesetzte Wert des Pazifisten sein, ja noch mehr, eine als motivierend, als erhebend, als beglückend empfundene Verbundenheit: Liebe.

In Liebe die Welt überwinden

Ein Pazifist ist jemand, der sich in der Liebe sieht und in ihr bleiben wird, es komme, was da wolle. Jemand, der sich existenziell sicher ist, dass, wie Jesus, Nietzsche und der Buddha es fast in denselben Worten sagen, „Hass nie durch Hass, sondern durch Liebe zu Ende kommt“ und dass er selbst entweder durch Gott geliebt ist oder – die buddhistische Variante – durch die Kultivierung von Liebe zu allen Wesen sein Leid überwinden kann.
Es geht Pazifisten um die Gestaltung einer liebenden Seele, eines liebevollen Geisteslebens und – soweit sie können – einer liebevollen Gemeinschaft. Sie sind nicht Parteipolitiker. Solche Menschen können wir immer an einer oder zwei Händen abzählen.
Sie sind Radikale, die diese Welt, wie sie ist, verneinen und sie zur Vernunft der Liebe ermahnen, um derentwillen sie ihre rationalen Gründe für ihre Gewalt vergessen sollen. Es gibt solche Menschen fast nicht. Und doch scheinen sie es zu sein, um deren Beispiel dafür, was möglich ist, sich die Geschichte dreht.
Und ersparen wir den „Weltlingen“ unter uns diese Wahrheit nicht: Unter Pazifisten gibt es keinen Krieg. Folglich lautet die sittlich richtige Frage nicht, wann die Pazifisten endlich Gewalt zu akzeptieren lernen, sondern wie lange ich noch brauche, Pazifist zu werden.
Vom Autor: Der Bestseller „Im Moralgefängnis: Spaltung verstehen und überwinden“ von Michael Andrick ist erhältlich im Epoch Times Shop.
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Klicks, Likes, Meinungsmacht – Wie soziale Medien uns steuern


In Kürze:

  • Ob wir etwas für richtig halten, basiert selten auf Fakten, sondern oft darauf, wer etwas sagt – und wie oft wir es schon gehört haben.
  • Ein Algorithmus muss unsere Gedanken nicht lesen, er beobachtet unser Verhalten. Aus tausenden kleiner Verhaltensmuster entsteht ein erstaunlich präzises Persönlichkeitsprofil.
  • Psychische Widerstandskraft beginnt daher mit bewusster Mediennutzung. Oft reichen bereits wenige Minuten Abstand, um einen Beitrag deutlich kritischer zu betrachten.

 
„Ich bilde mir meine Meinung selbst.“ Kaum ein Satz wird häufiger ausgesprochen, wenn es um soziale Medien geht. Die meisten Menschen sind überzeugt, sie könnten zwischen Wahrheit und Manipulation unterscheiden, Werbung erkennen und sich von emotionalen Botschaften nicht beeinflussen lassen. Genau darin liegt jedoch das eigentliche Problem.
Aus psychologischer Sicht gehören die sozialen Medien zu den wirksamsten Beeinflussungsinstrumenten, die der Mensch jemals entwickelt hat. Nicht, weil sie Menschen zwingen, etwas zu glauben oder zu kaufen. Sondern weil sie unser Gehirn genau dort ansprechen, wo wir besonders empfänglich sind: bei unseren Gefühlen, Bedürfnissen und unbewussten Denkprozessen.
Manipulation in sozialen Medien funktioniert selten durch offensichtliche Lügen. Sie wirkt subtil, schleichend und meist unbemerkt. Sie verändert nicht nur unsere Kaufentscheidungen, sondern auch unser Weltbild, unsere Beziehungen und sogar unser Selbstwertgefühl.

Unser Gehirn liebt einfache Lösungen

Das menschliche Gehirn verarbeitet täglich Millionen von Informationen. Um dabei nicht permanent überlastet zu sein, arbeitet es mit sogenannten Heuristiken – mentalen Abkürzungen. Diese ermöglichen schnelle Entscheidungen, machen uns aber gleichzeitig berechenbar.
Anstatt jede Information kritisch zu prüfen, orientieren wir uns häufig an einfachen Signalen:
  • Wie viele Menschen teilen einen Beitrag?
  • Wie viele Likes hat ein Video?
  • Wer hat den Inhalt veröffentlicht?
  • Passt die Botschaft zu dem, was ich ohnehin glaube?
Diese Denkabkürzungen sind grundsätzlich sinnvoll. Ohne sie könnten wir unseren Alltag kaum bewältigen. Doch genau diese Mechanismen machen soziale Medien so wirkungsvoll.

Aufmerksamkeit ist die eigentliche Währung

Viele Menschen glauben, soziale Netzwerke seien kostenlose Plattformen zum Austausch von Informationen. Tatsächlich verfolgen sie jedoch ein anderes Ziel: unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Je länger wir auf einer Plattform bleiben, desto mehr Werbung kann angezeigt werden.
Deshalb konkurriert jeder Beitrag mit tausenden anderen um einen begrenzten Rohstoff – unsere Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit gewinnt man nicht durch Sachlichkeit. Sie gewinnt, wer Emotionen erzeugt.
Angst, Empörung, Wut, Begeisterung oder Neugier aktivieren unser Gehirn wesentlich stärker als nüchterne Fakten. Deshalb verbreiten sich emotionale Inhalte meist schneller als differenzierte Erklärungen.

Das Smartphone und die sozialen Medien fesseln die Aufmerksamkeit vieler Menschen.

Foto: Visions/iStock

Der Dopamin-Effekt

Jeder Like, jeder Kommentar und jede neue Benachrichtigung aktiviert unser Belohnungssystem. Dabei spielt der Neurotransmitter Dopamin eine entscheidende Rolle. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme ist Dopamin weniger das „Glückshormon“ als vielmehr ein Botenstoff, der Erwartungen und Motivation beeinflusst.
Besonders stark reagiert unser Gehirn auf unvorhersehbare Belohnungen. Genau dieses Prinzip nutzen soziale Medien. Manchmal erhält ein Beitrag viele Reaktionen. Manchmal fast keine.
Diese Unvorhersehbarkeit hält uns am Bildschirm. Psychologisch ähnelt dieses Belohnungsmuster dem Prinzip eines Spielautomaten. Nicht jede Handlung wird belohnt – aber gerade deshalb prüfen wir immer wieder unser Smartphone.

Der Vergleich macht unglücklich

Der Mensch vergleicht sich ständig mit anderen. Früher beschränkte sich dieser Vergleich auf Familie, Freunde oder Kollegen. Heute vergleichen wir uns mit Millionen Menschen gleichzeitig.
Dabei sehen wir jedoch nicht deren Realität. Wir sehen deren Highlights. Perfekte Urlaubsbilder. Erfolgreiche Karrieren. Trainierte Körper. Glückliche Partnerschaften. Unser Gehirn vergisst dabei leicht, dass diese Bilder sorgfältig ausgewählt, bearbeitet und inszeniert wurden. Die Folge sind Selbstzweifel.
„Warum bin ich nicht so erfolgreich?“ „Warum sehe ich nicht so aus?“ „Warum scheint mein Leben weniger spannend zu sein?“ Besonders Jugendliche reagieren empfindlich auf diesen permanenten sozialen Vergleich.

Das, was wir in den sozialen Medien zu sehen bekommen, muss nicht immer die Realität sein.

Foto: Aziz Shamuratov/iStock

Der Algorithmus kennt uns besser, als wir glauben

Viele Nutzer entscheiden scheinbar selbst, welche Inhalte sie konsumieren. Tatsächlich entscheidet zunehmend der Algorithmus. Er analysiert:
  • welche Beiträge wir länger ansehen,
  • welche Videos wir bis zum Ende anschauen,
  • worauf wir klicken,
  • welche Themen uns emotional bewegen,
  • mit welchen Personen wir interagieren.
Aus tausenden kleiner Verhaltensmuster entsteht ein erstaunlich präzises Persönlichkeitsprofil. Der Algorithmus muss unsere Gedanken nicht lesen. Er beobachtet unser Verhalten und das ist oft aussagekräftiger als Worte.

Wiederholung schafft Glaubwürdigkeit

Ein besonders wirkungsvoller psychologischer Effekt ist die sogenannte Filterblase. Menschen bevorzugen Informationen, die ihre bestehende Meinung bestätigen. Psychologen sprechen vom Bestätigungsfehler (Confirmation Bias).
Algorithmen verstärken diesen Effekt zusätzlich. Wer sich für ein bestimmtes Thema interessiert, erhält mehr Beiträge dazu. Wer häufig politische Inhalte einer Richtung konsumiert, bekommt immer mehr ähnliche Meinungen angezeigt. Mit der Zeit entsteht der Eindruck: „Alle denken so“. Tatsächlich sieht man jedoch lediglich einen kleinen, algorithmisch ausgewählten Ausschnitt der Wirklichkeit.
Hinzu kommt, eine Aussage muss nicht wahr sein, um glaubwürdig zu wirken. Es genügt oft, sie häufig genug zu hören. Psychologen nennen dieses Phänomen den „Illusory Truth Effect“. Je vertrauter uns eine Behauptung erscheint, desto eher halten wir sie für richtig.
Soziale Medien verstärken auch diesen Effekt enorm. Ein Satz wird geteilt. Kommentiert. Als Bild veröffentlicht. Als Video erzählt. Oder als Meme verbreitet. Irgendwann erscheint er selbstverständlich. Nicht weil Beweise vorliegen. Sondern weil unser Gehirn Vertrautheit mit Wahrheit verwechselt.

Geschäftsmodelle mit Vertrauen und Angst

Influencer verkaufen selten nur Produkte. Sie verkaufen Beziehungen. Unser Gehirn entwickelt zu bekannten Gesichtern sogenannte parasoziale Beziehungen. Wir erleben das Gefühl, jemanden zu kennen, obwohl keinerlei persönliche Beziehung besteht.
Dadurch wirken Empfehlungen glaubwürdiger. Nicht, weil sie objektiver wären. Sondern weil Vertrauen entstanden ist. Deshalb können Produktempfehlungen oder Meinungsäußerungen von Influencern einen erstaunlich großen Einfluss entfalten.

Influencer verkaufen selten nur Produkte. Sie verkaufen Beziehungen und bauen Vertrauen auf.

Foto: pondsaksit/iStock

Großen Einfluss haben auch negative Nachrichten, die sich regelmäßig schneller verbreiten als positive. Das ist evolutionsbiologisch nachvollziehbar. Unsere Vorfahren mussten Gefahren möglichst schnell erkennen. Deshalb reagiert unser Gehirn besonders aufmerksam auf Bedrohungen.
Überschriften wie „Das verschweigt man Ihnen“, „Sie werden belogen“ und „Bevor es zu spät ist …“ aktivieren sofort unsere Aufmerksamkeit. Nicht jede alarmierende Überschrift ist falsch. Aber jede nutzt denselben psychologischen Mechanismus.

Die Macht der Empörung

Mit anderen Worten: Empörung erzeugt Reichweite. Je stärker wir emotional reagieren, desto eher kommentieren, teilen oder diskutieren wir Inhalte. Für Plattformen bedeutet das: Mehr Interaktion. Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Werbeeinnahmen. Dadurch entsteht ein Kreislauf, in dem extreme Meinungen häufig sichtbarer werden als ausgewogene Positionen.
Viele Menschen glauben, Fehlinformationen ließen sich einfach durch Fakten korrigieren. Psychologisch funktioniert das jedoch nur begrenzt. Meinungen sind eng mit Identität verbunden.
Greift man eine Überzeugung an, erleben viele Menschen dies als persönlichen Angriff. Dann verteidigen sie ihre Position häufig noch stärker. Veränderung gelingt deshalb eher durch respektvolle Fragen als durch bloße Konfrontation.

Digitale Selbstverteidigung

Niemand ist vollkommen immun gegen Beeinflussung. Doch Aufmerksamkeit schützt. Stellen Sie sich bei emotionalen Beiträgen folgende Fragen:
  • Wer profitiert davon, dass ich diesen Beitrag glaube?
  • Welche Gefühle löst der Inhalt in mir aus?
  • Wird mit Angst oder Empörung gearbeitet?
  • Werden Quellen genannt?
  • Gibt es nachvollziehbare Belege?
  • Würde ich denselben Inhalt auch glauben, wenn er meiner eigenen Meinung widersprechen würde?
Allein diese Fragen aktivieren das analytische Denken und reduzieren impulsive Reaktionen. Psychische Widerstandskraft beginnt daher mit bewusster Mediennutzung. Hilfreich sind unter anderem:
  • Benachrichtigungen reduzieren.
  • Bildschirmzeiten begrenzen.
  • Mehrere Informationsquellen nutzen.
  • Regelmäßig digitale Pausen einlegen.
  • Emotionale Inhalte nicht sofort teilen.
  • Vor dem Kommentieren kurz innehalten.
Oft reichen bereits wenige Minuten Abstand, um einen Beitrag deutlich kritischer zu betrachten.

Fazit

Soziale Medien sind weder gut noch schlecht. Sie informieren, verbinden Menschen und ermöglichen den Austausch von Wissen in einer Geschwindigkeit, die früher unvorstellbar gewesen wäre. Gleichzeitig nutzen sie psychologische Mechanismen, die tief in unserem Denken verankert sind. Aufmerksamkeit, soziale Bestätigung, Wiederholung, emotionale Aktivierung und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit machen uns beeinflussbar – oft, ohne dass wir es bemerken.
Soziale Medien beeinflussen alle Nutzer – auch unbewusst

Ein bewusster Umgang mit sozialen Medien kann helfen, weniger beeinflusst zu werden.

Foto: champpixs/iStock

Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht in einzelnen Plattformen oder Algorithmen, sondern in der Illusion, selbst gegen Manipulation immun zu sein. Wer glaubt, ausschließlich andere seien beeinflussbar, unterschätzt die Funktionsweise des eigenen Gehirns.
Medienkompetenz bedeutet deshalb weit mehr, als Falschmeldungen zu erkennen. Sie beginnt mit der Bereitschaft, die eigenen Gefühle, Denkmuster und spontanen Reaktionen zu hinterfragen. Denn Manipulation verliert in dem Moment an Macht, in dem wir sie erkennen. Zwischen einem Reiz und unserer Reaktion liegt ein kurzer Augenblick – und genau dort entsteht die Freiheit, selbstbestimmt zu entscheiden, wem wir unsere Aufmerksamkeit, unser Vertrauen und letztlich unsere Meinung schenken.
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Wenn Wahrheit zum Sprichwort wird

Die meisten von uns möchten doch „weise“ sein, oder? Oder zumindest wollen wir anderen als weise angesehen werden.
Weise zu wirken, verschafft einem zweifellos Ansehen. Doch woher kommt Weisheit? Das Alte Testament hat hier eine eindrucksvolle Antwort parat: „Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn.“ Das heißt, Weisheit beginnt nicht mit Intelligenz, Bildung oder Erfahrung, sondern mit Demut: mit der Erkenntnis, dass die Wirklichkeit größer ist als wir selbst. Mit anderen Worten: Weisheit erwächst aus einer bestimmten Haltung zur Wirklichkeit und nicht aus der bloßen Anhäufung von Wissen.
Einer der vielleicht merkwürdigsten Widersprüche zu dieser Vorstellung zeigte sich in der Reaktion des englischen Philosophen Herbert Spencer (1820–1903) auf eine Anmerkung der Schriftstellerin George Eliot (1819–1880). Spencer, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, galt als eines der größten Genies des 19. Jahrhunderts. In A. N. Wilsons Buch „God’s Funeral“ (1999) erfahren wir: „Als George Eliot Spencer ein Kompliment für seine faltenfreie Stirn machte, antwortete er, dass ihn noch nie wirklich etwas verblüfft habe.“

Gutes kommt in kleinen Paketen

Eine besonders seltsame Eigenschaft der Weisheit ist, dass sie oft in sehr kleinen Portionen zu uns kommt. Ein Satz, ein Sprichwort, ein Fragment, eine Zeile aus der Kindheit, ein Spruch aus der Heiligen Schrift, eine Maxime aus dem alten Orient: Diese können sich jahrzehntelang im Gedächtnis festsetzen. Tatsächlich können sie ganze Bücher, Vortragsserien und Denksysteme überdauern.
Wir leben im Informationszeitalter. Doch Information ist nicht gleichbedeutend mit Weisheit. Information sammelt sich an; Weisheit verdichtet sich. Information vermittelt uns immer mehr Wissen über die Welt; Weisheit zeigt uns, wie wir in ihr leben sollen. Information gibt es im Überfluss; Weisheit ist rar. Vielleicht hat die Antike deshalb so oft den Aphorismus, die Maxime, das Sprichwort und den einprägsamen Ausspruch bevorzugt. Sie wusste, dass eine Wahrheit, die es wert ist, bewahrt zu werden, leicht zu vermitteln sein muss.
Man denke an die berühmte Zeile aus dem „Tao Te King“: „Wer andre kennt, ist klug. Wer sich selber kennt, ist weise.“ Der Spruch ist kurz, hat aber eine überraschend tiefe Bedeutung. Er unterscheidet Klugheit von Selbsterkenntnis. Andere zu kennen, mag uns erfolgreich machen. Uns selbst zu kennen, beginnt uns ganz zu machen. Diese Erkenntnis ist nicht nur chinesisch oder östlich; sie steht in starkem Einklang mit dem griechischen Gebot von Delphi: „Erkenne dich selbst.“ Sie nimmt auch viele Aspekte der modernen Psychologie vorweg, in der Selbsttäuschung oft das erste Hindernis auf dem Weg zur Heilung ist.

Laozi bei der Verkündung des „Tao Te King“, 16. Jahrhundert, von einem Künstler der Ming-Dynastie. Handrolle, Tusche auf Papier. Freer Gallery of Art, Washington.

Das Buch der Sprüche erfüllt in der biblischen Tradition eine ähnliche Funktion. Es greift moralische Erfahrungen auf und fasst sie in einprägsamer Form zusammen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“, heißt es dort. Das ist keine Schwäche, sondern Selbstbeherrschung. Auf Zorn mit Zorn zu reagieren, ist leicht. Zorn mit innerer Ruhe und Disziplin zu begegnen, ist Weisheit. Das Sprichwort setzt etwas sehr Anspruchsvolles voraus: dass unsere unmittelbare emotionale Reaktion nicht immer unsere wahrhaftigste Antwort ist. Wer seinen Zorn besänftigen kann, hat es geschafft, etwas Aufgewühltes in sich selbst zu bezwingen.
Und dann ist da noch die bekannte Warnung: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Auch dieser Satz ist uns beinahe schon allzu vertraut geworden. Und doch bringt er eine der tiefsten Wahrheiten über den Menschen zum Ausdruck. Hochmut macht uns nicht nur unangenehm, er macht uns blind. Wer hochmütig ist, kann keine Kritik annehmen, nichts dazulernen, keine Reue zeigen und sein Gegenüber nicht wirklich sehen. Hochmut ist daher nicht nur ein moralischer, sondern auch ein intellektueller Fehltritt: Er verzerrt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Die vielleicht eindringlichste Darstellung dieser Blindheit, die je außerhalb religiöser Schriften verfasst wurde, findet sich in Dantes „Göttlicher Komödie“. Die Seelen in der Hölle sind genau in diesem Sinne blind. Sie können denken, argumentieren und sich erinnern, aber sie vermögen die Wirklichkeit nicht so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Tatsächlich gehört das Verb „sehen“ – abgesehen von den unverzichtbaren Verben „sein“ und „haben“ – zu den am häufigsten wiederkehrenden Verben des gesamten Gedichts. Dantes ganze Reise ist ein Prozess, in dem er lernt, richtig zu sehen; die Tragik der Hölle hingegen besteht darin, dass ihre Bewohner dazu nicht mehr in der Lage sind.

Dante mit seiner „Göttlichen Komödie“ in der Hand, neben dem Eingang zur Hölle, den sieben Terrassen des Fegefeuers und der Stadt Florenz, darüber die Himmelssphären, 1465, in einem Fresko von Domenico di Michelino. Kathedrale Santa Maria del Fiore, Florenz.

Foto: gemeinfrei

Die großen Fragen

Auch Jesus spricht häufig in Wendungen, die längst Teil des moralischen Wortschatzes unserer Zivilisation geworden sind. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Das ist ein geradezu entwaffnend einfacher Prüfstein. In einer Welt der äußeren Erscheinungen, Behauptungen, Rhetorik und Selbstdarstellung führt uns dieser Satz zurück zu den Folgen. Was bringt ein Leben hervor? Was entsteht aus dieser Lehre, dieser Führungspersönlichkeit, dieser Bewegung, dieser Handlung? Gute Absichten allein genügen nicht. Eindrucksvolle Worte ebenso wenig. Am Ertrag erkennen wir den Baum.
Oder noch einmal: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Es ist einer der berühmtesten Sätze der Welt und zugleich einer der am häufigsten missverstandenen. Er bedeutet nicht, dass Wahrheit immer angenehm ist oder uns sofort Trost spendet. Nicht selten verletzt uns die Wahrheit zunächst. Sie entlarvt Illusionen, Bindungen, falsche Selbstbilder und bequeme Lügen. Doch gerade dadurch befreit sie uns. Unwahrheit mag trösten, aber sie hält gefangen. Die Wahrheit mag uns beunruhigen, aber sie befreit uns.
Am eindringlichsten ist vielleicht die Frage: „Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ Hier nimmt Weisheit nicht die Form einer Aussage an, sondern die einer Frage. Einer Frage, die sich niemals abschließend beantworten lässt. Sie zwingt uns zu überlegen, was wir bereit sind, für Erfolg, Anerkennung, Reichtum, Einfluss, Bequemlichkeit oder auch nur das eigene Überleben preiszugeben. Dahinter steht die Annahme, dass es im Menschen etwas gibt, das kostbarer ist als jeder weltliche Gewinn. Man kann dieses Etwas Seele nennen, Gewissen, Integrität, Personsein oder Ebenbild Gottes.
Wie auch immer wir es nennen mögen, die Warnung ist eindeutig: Verkaufe nicht das Tiefste in dir für etwas, das weniger wert ist als du selbst. Der Schriftsteller Patrick Harpur hat es so ausgedrückt: „Auch wenn wir nicht ausdrücklich religiös sind, können wir wohl alle die Vorstellung nachempfinden, dass es einen Teil in uns gibt, der um keinen Preis verkauft, verraten oder verloren werden darf.“

Weisheit in Worten

Diese Aphorismen überdauern, weil sie mehrere Dinge zugleich leisten: Erstens sind sie einprägsam. Ihre sprachliche Form ist entscheidend. Eine unbeholfen formulierte Wahrheit gerät leicht in Vergessenheit; ein gut formulierter Ausspruch bleibt bestehen. Zweitens lassen sie sich weitergeben: von Eltern an Kinder, von Lehrenden an Lernende, von Älteren an die Gemeinschaft. Drittens sind sie auslegbar und entfalten mit der Zeit immer neue Bedeutung. Ein Sprichwort mag kurz sein, aber es ist nicht oberflächlich. Man kann in verschiedenen Lebensphasen zu ihm zurückkehren und darin mehr entdecken, als man zunächst dachte.
Das ist einer der Gründe, warum sich die Weisheit der Antike so deutlich von vielem unterscheidet, was heute als Lebensrat gilt. Moderne Ratschläge sind häufig therapeutisch, strategisch oder technisch ausgerichtet. Sie erklären uns, wie wir uns optimieren, mit Belastungen umgehen, Einfluss gewinnen, Netzwerke knüpfen, Erfolg haben oder uns besser fühlen können. Die klassische Weisheit blendet solche Fragen nicht aus, doch sie richtet den Blick meist auf Grundsätzlicheres: Was ist ein gutes Leben? Was ist die Seele? Was ist Tugend? Was ist Gerechtigkeit? Was schulden wir Gott, unseren Mitmenschen, unserer Familie, der Gemeinschaft und der Wahrheit
Aphoristische Weisheit ist daher weit mehr als eine Sammlung kluger Zitate. In ihrer besten Form ist sie quasi eine Schule der Wahrnehmung. Sie lehrt uns, die moralische Ordnung der Wirklichkeit zu erkennen. Sie mahnt uns: Hüte dich vor Hochmut, übe Sanftmut, strebe nach Selbsterkenntnis, verwechsle Reichtum nicht mit Wert, prüfe die Früchte und vergiss die Seele nicht.
Natürlich haben Aphorismen auch ihre Grenzen. Gerade weil sie so knapp sind, können sie leicht falsch verwendet werden. Ein Sprichwort kann zum Klischee verkommen, ein Ausspruch zitiert werden, ohne wirklich verstanden zu werden. Schlimmer noch: Weisheitssprüche können zu Waffen werden – eingesetzt, um andere zum Schweigen zu bringen, statt etwas zu erhellen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“ darf nicht dazu dienen, Feigheit angesichts des Bösen zu rechtfertigen. „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ sollte nicht zur bloßen Motivationsfloskel verkommen. Und „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ darf nicht als Vorwand für vorschnelle Urteile dienen, noch bevor sich überhaupt irgendwelche Früchte zeigen konnten.
Trotzdem bleibt der Aphorismus eines der großen Medien der Zivilisation. Eine Gesellschaft, die ihre Sprichwörter und Sinnsprüche verliert, verliert auch einen Teil ihres Gedächtnisses. Sie wird wortreicher, aber nicht zwangsläufig weiser. Sie mag unablässig reden und doch nichts sagen, was es wert wäre, wiederholt zu werden. Gerade in unserem zerstreuten Zeitalter brauchen wir solche Sätze vielleicht mehr denn je. Nicht als Parolen und nicht als dekorative Zitate in den sozialen Medien, sondern als Anstöße zum Nachdenken. Im richtigen Augenblick gesprochen, kann der richtige Satz Torheit Einhalt gebieten, Trost in der Trauer spenden, das Gewissen wachrütteln und uns zu uns selbst zurückführen.
Weisheit muss also nicht zwangsläufig in Form eines Systems auftreten. Manchmal kommt sie in Form eines einzigen Satzes. Wenn dieser wahr genug ist, verbringen wir vielleicht den Rest unseres Lebens damit, in ihn hineinzuwachsen.
In unserem nächsten Artikel dieser Reihe werden wir uns mit einer noch kraftvolleren Form verdichteter Weisheit befassen: der Parabel. Wir werden sehen, wie Geschichten noch tiefer in den Kern der Dinge vordringen und eine anregende, tiefgründige und unerschöpfliche Weisheit vermitteln.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Classical Wisdom: When Truth Becomes a Saying“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Warum manche Nutzer den Kommentarbereich mehr lieben als den Artikel

In den letzten Jahrzehnten hat sich ein relativ neues Genre von Internetinhalten herausgebildet. Man könnte es treffender als „Meta-Inhalte“ bezeichnen – also Inhalte über Inhalte. Ich beziehe mich auf die Kommentarbereiche unter YouTube-Videos, Nachrichtenartikeln und Social-Media-Beiträgen – eine chaotische Umgebung, die abwechselnd humorvoll, herzzerreißend und erschreckend ist.
„Ein Kommentar ist weit mehr als eine stille Erweiterung eines Beitrags – er offenbart das Wesen einer Community und deren Werte“, schrieb Laurent Francois, Kreativstratege und Social-Media-Experte für Luxus- und Lifestyle-Marken. „Er ist zu einem Medium innerhalb des Mediums geworden.“
Kommentarbereiche mit ihren schrägen Witzen, leidenschaftlichen Debatten und überraschenden Perspektiven sind zu einem so lebendigen Bestandteil des Online-Diskurses geworden, dass sie manchmal sogar den Hauptinhalt (den Nachrichtenbeitrag, den Social-Media-Beitrag oder das Video, aus dem sie hervorgegangen sind) in den Schatten stellen.

Was eine Studie herausfand

Eine aktuelle Studie der University of Texas at Austin belegte, was viele bereits vermutet hatten: Eine große Zahl von Internetnutzern interessiert sich mehr für den Kommentarbereich als für den Artikel oder das Video selbst.
Wie Corinne Purtill für das Magazin „Quartz“ berichtete: „Mehr als die Hälfte der Menschen, die Kommentare zu Nachrichtenbeiträgen hinterlassen, verbringen laut der Studie genauso viel oder mehr Zeit mit den Kommentaren als mit dem eigentlichen Beitrag. … Fast 20 Prozent geben zu, mehr Zeit im Kommentarbereich zu verbringen als mit dem Beitrag selbst.“
Zwar meiden die meisten Nutzer die Kommentarbereiche von Nachrichtenseiten (teilweise wegen ihrer potenziellen Boshaftigkeit), doch gibt es immer noch eine beträchtliche Minderheit, die den Artikel kaum liest, bevor sie sich in den Kommentarbereich stürzt, um ihre Meinung zu äußern. Nutzer, die mindestens einmal pro Woche Kommentare hinterlassen, waren der Studie zufolge eher Männer und Personen mit einem High-School-Abschluss.

Vom wertvollen Diskurs bis hin zur Schlangengrube

Der Kommentarbereich kann sogar für diejenigen attraktiv sein, die nicht vorhaben, ihre eigenen Ansichten zu teilen. Jeder dritte Nutzer überfliegt zumindest die Kommentare, auch wenn er nicht vorhat, selbst einen Kommentar zu hinterlassen. Ein Teil der Anziehungskraft hängt mit der Unvorhersehbarkeit dieser Bereiche zusammen. „Im besten Fall sind Kommentarbereiche blühende Beispiele für einen zivilisierten Diskurs“, schrieb Purtill. „Im schlimmsten Fall sind sie von Trollen befallene Gruben der Grausamkeit, Bigotterie und Ignoranz, in denen persönliche Angriffe und Beleidigungen als Dialog gelten.“
Als Autor bin ich sicherlich schon auf Fälle gestoßen, in denen Leser das, was ich geschrieben habe, völlig falsch interpretiert und mir die böswilligsten Absichten unterstellt haben. Gleichzeitig gab es zahlreiche Kommentatoren, die verstanden haben, was ich geschrieben habe, und mir dafür auf die freundlichste Art und Weise ihre Wertschätzung ausgedrückt haben. In Kommentarbereichen findet man beide Extreme.

Anonyme Offenheit

Die meisten von uns haben wahrscheinlich schon einmal einen Dialog in einem Kommentarbereich mit entsetztem Interesse, mit Gelächter oder vielleicht sogar mit einem echten Gefühl menschlicher Solidarität verfolgt. Manche Menschen zeigen sich in Kommentarbereichen überraschend verletzlich und berichten von tiefen persönlichen Kämpfen oder Verlusten.
Der Kommentarbereich wird teils auch dafür genutzt, ganz persönliche Einblicke zu geben. Foto: dusanpetkovic/iStock

Der Kommentarbereich wird teils auch dafür genutzt, ganz persönliche Einblicke zu geben.

Foto: dusanpetkovic/iStock

Wahrscheinlich gibt ihnen die relative Anonymität das Gefühl, sich online auf eine Weise öffnen zu können, wie sie es persönlich niemals könnten. Solche Kommentare sind kurz und gewähren flüchtige Einblicke in die verborgenen Sorgen, die wir mit uns tragen – normalerweise verborgen unter dem Mantel des Alltags und gesellschaftlicher Erwartungen. Online durchbrechen Offenheit und sogar Verletzlichkeit manchmal die Fassade.
Warum sind diese Online-Dialogräume so verlockend? Auf Reddit, dem „Kommentarbereich“ par excellence, schrieb ein Nutzer: „Warum willst du die Kommentare lesen? Wahrscheinlich, um menschliche Verbindung zu suchen, d. h., um die Leere der Einsamkeit zu füllen.“
Manche gehen aus Einsamkeit in die Welt der Kommentare. Foto: Aleksandr Golubev/iStock
Ein anderer Reddit-Nutzer meinte, der Grund, warum sich die Leute direkt den Kommentarbereichen zuwenden, sei, dass sie dadurch einen Dopamin-Kick bekommen. „Man wird durch das Neue belohnt (Dopamin-Schub!). Kommentare sind immer neu und anders, und manchmal sind sie sogar richtig, richtig gut (was EXTRA lohnend ist, da probabilistische Belohnungen beim Training noch besser wirken als sichere, kleine Belohnungen). Man wurde also darauf trainiert: ‚Wenn ich zu den Kommentaren nach unten scrolle, bekomme ich einen Dopamin-Schub.‘ Also scrollt man weiter.“
Eine andere weit verbreitete Meinung wird von einem dritten Kommentator in dem Reddit-Thread zum Ausdruck gebracht: „Mir ist klar geworden, dass ich in gewisser Weise sehen will, was andere denken, um meine eigenen Meinungen zu bestätigen, was völlig daneben ist.“

Der „Unterhaltungsteil“ unter dem Artikel

Manchmal sind die Kommentarbereiche einfach unterhaltsamer als der Inhalt selbst. Ein Beispiel dafür ist das Genre der absichtlich witzigen Amazon-Rezensionen. Dabei handelt es sich um offensichtlich übertriebene und absurde Scheinkritiken zu seltsamen Produkten auf Amazon, wie etwa einem UFO-Detektor, einer Pferdemaske und dem Buch „How to Avoid Huge Ships“ (dt. etwa: „Wie man großen Schiffen ausweicht“). Um diese Produkte hat sich eine kleine Kult-Anhängerschaft gebildet – nicht wegen der Produkte selbst, sondern wegen der zum Schreien komischen Kommentare dazu, bei denen jeder Nutzer versucht, die anderen an Kreativität und Humor zu übertreffen.
Für manche ist der Kommentarbereich eine ganz eigene Subkultur, in der sie Spaß mit Gleichgesinnten haben können. Foto: fizkes/iStock

Für manche ist der Kommentarbereich eine ganz eigene Subkultur, in der sie Spaß mit Gleichgesinnten haben können.

Foto: fizkes/iStock

Humor kann auch mit gesellschaftskritischen Anmerkungen, Satire oder politischem Widerstand verbunden sein. Ich habe einmal beobachtet, wie eine Gruppe von Tolkien-Fans die von Tolkien inspirierte Streaming-Serie von Amazon „The Rings of Power“, regelrecht verriss, indem sie abwegige Kommentare zu einer Reihe von YouTube-Trailern der Serie veröffentlichte.
Die Kommentatoren etablierten eine feste Formel, bei der sie eine absurde Sequenz, die in der eigentlichen Serie gar nicht vorkommt, als ihren „Lieblingsteil“ bezeichneten. Es war eine ausgeklügelte und spielerische Art, das zu verspotten, was Fans in der neuen Adaption als Untreue gegenüber Tolkiens Werk empfanden. Und es wurde unglaublich beliebt, sodass einige Kommentarbereiche unter „Rings of Power“-Videos fast ausschließlich aus diesen urkomischen, spöttischen Kommentaren bestanden.
„Der Rattenfänger von Hameln“ – eine alte deutsche Sage aus dem 13. Jahrhundert, wurde auch von den Gebrüdern Grimm aufgegriffen. Das Verschwinden von 130 Kindern der Stadt hatte in den ältesten Überlieferungen eher mit einem flötespielenden Verführer und später mit dem Teufel als mit einer Rattenplage zu tun. Märchen gehörten in der Vor-Internet-Ära zur Grundausstattung der Kindheit – eine Art Offline-Dopamin-Kick mit Lerneffekt. Heutzutage ist Unterhaltung oft mehr oberflächlicher Natur und schnelllebig. Foto: NGvozdeva/iStock

„Der Rattenfänger von Hameln“ – eine alte deutsche Sage aus dem 13. Jahrhundert, wurde auch von den Gebrüdern Grimm aufgegriffen. Das Verschwinden von 130 Kindern der Stadt hatte in den ältesten Überlieferungen eher mit einem flötespielenden Verführer und später mit dem Teufel als mit einer Rattenplage zu tun. Märchen gehörten in der Vor-Internet-Ära zur Grundausstattung der Kindheit – eine Art Offline-Dopamin-Kick mit Lerneffekt. Heutzutage ist Unterhaltung oft mehr oberflächlicher Natur und schnelllebig.

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Digitale „Brotkrumen“ sammeln

Während ich mich von Video zu Video klickte und die Gegenreaktion der Fans auf die Serie verfolgte, beschäftigte ich mich mit dem, was Laurent Francois als „Kommentar-Surfen“ bezeichnet: „die Praxis, einem Kommentar-Faden von einem Video zum nächsten, von einem Account zum nächsten zu folgen, so als würde man Brotkrumen durch einen digitalen Wald verfolgen.“ Er erklärt: „Es ist nicht der Beitrag, der uns in seinen Bann zieht, sondern der Kommentar, der Neugier weckt und uns dazu anregt, ‚den Kontext‘ zu ergründen.“
Die Meta-Inhalte rund um die „Rings of Power“-Videos boten Tolkien-Fans einen Raum, sich miteinander zu vernetzen, sich gegen die kommerzielle Ausbeutung geliebter Literatur zu wehren und für Lacher zu sorgen. Kommentarbereiche wie jene unter den „Rings of Power“-Videos sind zu Mikrogemeinschaften geworden, mit eigenen Sprachen und Bräuchen. Mit Francois’ Worten: „Ein Kommentar ist ein Medium innerhalb eines Mediums. … Der Kommentar ist nicht mehr nur eine Reaktion – er ist ein Teil der kulturellen Weitergabe.“ Diese Weitergabe umfasst das Reflektieren und sogar das Verändern der Botschaft oder Geschichte, die im Primärinhalt enthalten ist. Kommentare „bereichern den Kontext, verdrehen Bedeutungen und erzählen Geschichten innerhalb der Geschichte.“

„Kommentarkultur“ als Produkt

Clevere Marken und Influencer haben begonnen, diese neue Form des Diskurses zu ihrem Vorteil zu nutzen und eine für ihre Produkte spezifische „Kommentarkultur“ zu entwickeln. Aus Marketingsicht können Kommentare ein wirkungsvolles Instrument sein, um das Publikum einzubinden, Meinungen zu mobilisieren und Markenimages aufzubauen. (Das sollte sich „Rings of Power“ zu Herzen nehmen.)
Die Höhen und Tiefen der Kommentarbereiche spiegeln eine Form der kulturellen Teilhabe wider, die nur im Internetzeitalter existieren kann. In kurzen, oft grammatikalisch fehlerhaften Einwürfen sehen wir die Menschlichkeit oft lebendiger zum Ausdruck kommen, als wir es im realen Leben tun würden – sowohl das Gute als auch das Schlechte.
Online-Kommentarbereiche haben zweifellos die Qualität des öffentlichen Diskurses verschlechtert und zu voreiligen Urteilen, irrationalen persönlichen Angriffen und alarmistischen Klagen geführt. Aber sie bieten auch Raum für bürgerschaftliches Engagement, gesellschaftliche Kommentare sowie menschliche Solidarität und Mitgefühl in einem schrägen, unvorhersehbaren Format.
Es ist ein wilder Ort – der Dschungel der Internetkommentare. Aber es überrascht wohl kaum, dass manche Menschen sich mehr zu diesem widerspenstigen Gewirr hingezogen fühlen, in dem sowohl die Blumen als auch die Dornen der Menschheit zur Schau gestellt werden, als zu dem Artikel oder Video, um das es sich dabei eigentlich dreht.

Ob durch Influencer oder andere Unternehmen: Zunehmend wird auch die Kommentarwelt profitorientiert erschlossen.

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Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Some Users Care More About the Comments Section Than the Article“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Warum so viele junge Menschen den Kommunismus befürworten

Jede Generation sucht nach Antworten. Junge Menschen haben schon immer den Status quo infrage gestellt, Autoritäten hinterfragt und nach einer besseren Zukunft gestrebt als die, die sie geerbt haben.
Dieser Impuls ist nicht nur verständlich, sondern oft auch unverzichtbar für eine gesunde Demokratie. Auf diese Weise reformieren sich Gesellschaften, bringen Innovationen hervor und beseitigen Ungerechtigkeiten.

Führt Unzufriedenheit zu kommunistischen Ideen?

Doch eine Frage taucht an Hochschulen, in den sozialen Medien und im politischen Diskurs immer häufiger wieder auf: Warum bekennen sich manche junge Menschen zum Kommunismus oder bekunden offen Sympathie für sozialistische und kommunistische Ideen – trotz der erdrückenden historischen Bilanz kommunistischer Regierungen?
Die Antwort verdient mehr als nur Parolen oder politische Angriffe. Sie verdient Ehrlichkeit, Demut und historische Perspektive.
Die meisten jungen Menschen fühlen sich nicht zum Kommunismus hingezogen, weil sie sich eine Diktatur oder politische Unterdrückung wünschen. Sie fühlen sich von Idealen wie Gleichheit, Fairness, bezahlbarem Wohnraum, Chancengleichheit für alle und der Überzeugung angezogen, dass niemand zurückgelassen werden sollte.
Viele sind in einer Zeit von Finanzkrisen, steigenden Studiengebühren, erdrückenden Studienschulden, unerschwinglichen Wohnkosten, stagnierenden Löhnen und wachsenden Vermögensunterschieden aufgewachsen. Sie sehen, wie Milliardäre immer reicher werden, während viele Arbeiterfamilien Schwierigkeiten haben, ihre Miete zu bezahlen oder sich die Gesundheitsversorgung leisten zu können.
Diese Sorgen sind real. Sie zu ignorieren treibt junge Menschen nur noch weiter in Richtung Ideologien, die pauschale Lösungen versprechen. Doch die Geschichte lehrt uns, dass edle Absichten und erfolgreiche Ergebnisse nicht immer dasselbe sind.

Falsche Versprechen

Der Kommunismus versprach Gleichheit. In der Praxis hat er jedoch oft eher zu einer Konzentration politischer Macht als zu geteiltem Wohlstand geführt. Die Sowjetunion, Maos China, Kambodscha unter Pol Pot, Nordkorea und andere kommunistische Regime haben Ungerechtigkeit nicht beseitigt. Häufig ersetzten sie eine Form der Ungleichheit durch eine andere, in der der Staat enorme Macht über den Einzelnen ausübte, die Meinungsfreiheit kontrollierte, Religion unterdrückte, private Unternehmen einschränkte, politische Gegner inhaftierte und in vielen Fällen für unermessliches menschliches Leid verantwortlich war.
Dies sind keine parteipolitischen Argumente. Es handelt sich um historische Realitäten, die durch jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung belegt sind.
Warum finden diese Lehren dann bei jüngeren Generationen offenbar weniger Anklang? Ein Teil der Antwort liegt möglicherweise in der historischen Distanz. Für viele junge Amerikaner ist der Kalte Krieg ebenso weit entfernt wie der Zweite Weltkrieg für frühere Generationen.
Die Berliner Mauer existiert nur noch in Schulbüchern. Die sowjetischen Brotschlangen, Maos Kulturrevolution und die „Killing Fields“ in Kambodscha sind keine gelebten Erinnerungen, sondern historische Kapitel, die in einem Zeitalter, das von sozialen Medien und 20-Sekunden-Videoclips geprägt ist, um Aufmerksamkeit buhlen.
Geschichte verliert ihre Dringlichkeit, wenn sie nicht mehr persönlich ist.

Pro und Contra des Kapitalismus

Es gibt noch einen weiteren Faktor, den wir ehrlich anerkennen sollten. Der Kapitalismus selbst ist seinen höchsten Idealen nicht immer gerecht geworden. Freie Märkte haben außergewöhnliche Innovationen hervorgebracht, weltweit Milliarden Menschen aus der Armut befreit und Kreativität sowie Unternehmergeist belohnt.
Gleichzeitig kann der Kapitalismus Monopole, Unternehmensgier, Korruption, Umweltschäden und erschütternde Ungleichheit hervorbringen, wenn ethische Standards und wirksame Institutionen versagen.
Diese Mängel anzuerkennen, bedeutet nicht, freie Märkte aufzugeben. Es bedeutet, sie zu verbessern.
Die Antwort auf die Unvollkommenheiten des Kapitalismus ist nicht zwangsläufig der Kommunismus, genauso wenig wie die Versäumnisse der Demokratie den Autoritarismus rechtfertigen. Freie Gesellschaften verfügen über etwas, was zentralistisch geplante Systeme oft nicht haben: die Fähigkeit, sich durch offene Debatten, freie Wahlen, unabhängige Gerichte, unternehmerische Innovation und eine freie Presse selbst zu reformieren.
Diese Fähigkeit zur Selbstkorrektur ist eine der größten Stärken der Demokratie.

Wie junge Menschen geprägt werden

Auch unsere Bildungseinrichtungen tragen Verantwortung. Schülern sollte nicht beigebracht werden, dass der Kapitalismus über jede Kritik erhaben ist oder dass der Kommunismus keiner Überprüfung unterzogen werden darf. Sie sollten beides ehrlich kennenlernen. Sie sollten die Errungenschaften und Misserfolge von freien Marktwirtschaften ebenso studieren wie die dokumentierten Folgen kommunistischer Regierungen. Bildung sollte eher zum Hinterfragen anregen als zur Ideologisierung.
Auch Eltern spielen eine Rolle. Ebenso wie Glaubensgemeinschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen und die Medien. Junge Menschen brauchen Mentoren, die bereit sind, schwierige Fragen zu beantworten, anstatt sie abzuweisen. Herablassung ändert selten Meinungen. Gespräche tun dies oft. Vielleicht reicht das tiefer liegende Problem sogar über die Wirtschaft hinaus.
Viele junge Menschen suchen heute nach Sinn, Zweck, Zugehörigkeit und Identität. Politische Bewegungen werden oft zu Ersatz für die Gemeinschaften, die früher von Familien, Nachbarschaften, religiösen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen gebildet wurden. Wenn sich Menschen isoliert fühlen, fühlen sie sich naturgemäß zu Bewegungen hingezogen, die Gewissheit, Gerechtigkeit und Zugehörigkeit versprechen.
Dies ist nicht nur eine politische Herausforderung. Es ist eine kulturelle.
Unsere Reaktion sollte niemals darin bestehen, junge Menschen zu fürchten oder sie dafür zu verspotten, dass sie schwierige Fragen stellen. Neugier ist nicht der Feind der Freiheit. Unwissenheit ist es. Wir sollten eine intensive Debatte, sorgfältiges Lesen, historisches Verständnis und intellektuelle Bescheidenheit fördern. Wir sollten Meinungsverschiedenheiten begrüßen und gleichzeitig darauf bestehen, dass jede Ideologie – einschließlich unserer eigenen – an Fakten, Geschichte und der Achtung der Menschenwürde gemessen wird.

Eine bessere Gesellschaft benötigt Freiheiten

Jede Generation glaubt, eine bessere Gesellschaft aufbauen zu können. Dieses Streben ist eine der größten Stärken der Menschheit.
Doch die Geschichte erinnert uns auch daran, dass Gesellschaften nicht dann gedeihen, wenn der Staat allmächtig wird. Vielmehr geschieht dies, wenn die Freiheit geschützt wird, Chancen erweitert werden, Institutionen rechenschaftspflichtig bleiben und der Einzelne die Freiheit hat, sich zu äußern, seinen Glauben zu praktizieren, kreativ zu sein, anderer Meinung zu sein und seine eigenen Träume zu verfolgen.
Die Herausforderung, vor der wir stehen, besteht nicht darin, zwischen Mitgefühl und Freiheit zu wählen. Amerika ist am stärksten, wenn es auf beides besteht. Gerechtigkeit ohne Freiheit birgt die Gefahr der Unterdrückung. Freiheit ohne Verantwortung birgt die Gefahr der Gleichgültigkeit. Eine gesunde Republik erfordert die Weisheit, beides zu bewahren.
Das größte Geschenk, das wir der nächsten Generation machen können, ist nicht ideologische Gewissheit, sondern historische Wahrheit, moralischer Mut und das Selbstvertrauen, kritisch zu denken. Freiheit hing schon immer nicht von Menschen ab, die Ideen einfach nur akzeptieren, sondern von Bürgern, die bereit sind, sie ehrlich zu prüfen, sie respektvoll zu hinterfragen und aus der Geschichte zu lernen, bevor sie sich wiederholt.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Are So Many Young People Drawn To Communism?“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung mf)
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Wenn trotz ungeahnter Übereinstimmung alles aus dem Lot läuft

Das negative Mediensentiment gegen das Merz-Kabinett wird weniger.
Kaum hatte Schwarz-Rot im vergangenen Jahr gestartet, da dominierte schon der Vorwurf des „Betrugs“. Die sonst üblichen 100 Tage Einarbeitungszeit schienen nicht zu gelten. Zwölf Monate überboten sich die meisten Journalisten im Spiel „Wer findet die meisten Haare in der Suppe“. Das gipfelte im Mai dieses Jahres, als Kanzler Merz von deutschen Leitmedien selbst im Vergleich mit dem Medienimage von Russlands Präsident Wladimir Putin schlechter dargestellt wurde.
Doch jetzt nach der Sommerpause sind die Trenddaten in Sachen Wirtschaftsaufschwung nicht länger zu verdrängen – mit dem Resultat, dass dies am Ende natürlich auch auf das Konto der Amtsinhaber einzahlen wird.
Die spannende Frage: Erreicht dieser Umschwung in der Auswahl, welche Fakten und wie dem Wahlvolk präsentiert werden, den Souverän, der im September erst in Sachsen-Anhalt, dann in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern seine Entscheidung trifft?

Verblüffende Ergebnisse

Die aktuelle „Common Sense Index“-Umfrage verblüfft: Wer die Ergebnisse der Schlüsselfrage („Glauben Sie, dass Ihr Bundesland gesellschaftlich und politisch derzeit eher auf einem guten
Weg oder eher nicht auf einem guten Weg ist?“) nach Parteizugehörigkeit auswertet, sieht Zustimmung für den eingeleiteten Wandel von CDU über SPD, Grüne bis zur FDP. Im Verhältnis von 60:40.
Da die Anhänger der AfD dies jedoch extrem anders sehen (18:82) und dies von denen, die sich bislang noch nicht einer bestimmten Partei zuordnen lassen wollen, geteilt wird (26:74), liegt der Gesamtwert zum Sommer allerdings bei 39:61.

Foto: Institut für Medienwirkungsforschung Media Tenor International

Für alle Wahlkämpfer ist entscheidend: Seit dem Zweiten Weltkrieg hellen sich die Einschätzungen auf, sobald der Wahlkampf in die entscheidenden letzten zwei bis drei Wochen kommt.
Dann wird bei Umfragen mehr nachgedacht, weil es nicht mehr um Denkzettel, sondern um das reale eigene Leben in den kommenden Jahren geht. Dabei bieten die Ergebnisse der Medienanalyse wie auch der frischen Umfrage zu „Common Sense“ und Meinungsfreiheit weitere Überraschungen.

Foto: Institut für Medienwirkungsforschung Media Tenor International

Hohe Übereinstimmung

Zum einen zeigen die Daten, dass nicht nur die Menschen in Berlin, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, sondern alle Deutschen in wichtigen Fragen in hohem Maße übereinstimmen. Bei einer Zustimmung von über 90 Prozent legen alle beispielsweise höchsten Wert auf:
  1. Die Wahrnehmung der eigenen Ansichten wie auch die des politischen Gegners
  2. Die Sehnsucht, das eigene Leben sicher planen zu können
  3. Sicherheit sowie Gestaltungsfreiheit für das eigene Leben
  4. Heimatverbundenheit – so ist der Stolz auf die Heimat ungebrochen
Ob es um den Ausbau des Energieangebotes – unter anderem auch unter Einbeziehung moderner KKW (dem bundesweit inzwischen 59 Prozent der Deutschen zustimmen) – geht, um die Reduktion der Zahl gesetzlicher Krankenkassen von derzeit 93 auf 10 (bundesweit 64 Prozent Zustimmung), um die Reduktion der Gewalt gegen Frauen (bundesweit 60 Prozent Zustimmung), um die Intensivierung der Reformen im Gesundheitssektor (bundesweit 67 Prozent Zustimmung) oder um die Inflationsbekämpfung, Alterssicherung und soziale Sicherheit: Über 20 konkrete Politikfelder wurden vor der Wahl abgefragt und zeigen, dass die Deutschen mehr eint als trennt.

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Selbst die Umfragen zum Gesamtkomplex „Was ist typisch deutsch?“ liefern umfangreiche Impulsdaten, die eine gut vorbereitete Diskussion ermöglichen: Denn nahezu keine der vermeintlichen Bedrohungen (Migration, Globalisierung, Digitalisierung und demographischer Wandel) liefert besorgniserregende Werte.
Als Max Weber Politik als „das Bohren dicker Bretter“ umschrieb, warnte er nicht nur diejenigen, die für die unterschiedlichen Parteien als Repräsentanten nach errungenem Mandat über Kompromisse das Leben möglichst vieler zu verbessern versuchen. Er sprach auch diejenigen an, die über dieses Arbeiten informieren.

Dominanz des Negativen

Wenn insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen Medien seit Jahrzehnten mit einem Anteil von um die 40 Prozent Beitrag für Beitrag das Negative dominiert, wenn insbesondere die Volksvertreter, die als Repräsentanten der Menschen mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent vor allem als Versager und raffgierige Egoisten vermittelt werden, wenn die Leistungsträger in Medizin, Bildung und vor allem Wirtschaft kaum zu Wort kommen, dann entsteht ein Grundklima, das weder von gutem Willen noch von Hoffnung oder gar Respekt geprägt ist.
Nach über 40 Jahren in diesem Metier würde ich nicht so weit gehen, dass dies bewusst geschieht. Viele der ausgestrahlten Beiträge verdienen Aufmerksamkeit. Aber bei Wirkungsfragen gilt für Medien die Erfahrung aus der Medizin. Die Dosis entscheidet darüber, ob das beabsichtigte Ziel erreicht oder verfehlt wird. Und der Sound, den ARD, Deutschlandradio und ZDF ohne Not seit mehr als 20 Jahren verbreiten, ähnelt sehr den Sprüchen bei der AfD oder der Linke.

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Es geht aber nicht allein um den ÖRR, der seit 40 Jahren wissenschaftlich unterlegt seine Funktionsaufträge zu Vielfalt, Integration, Konvergenz und Vorbild eher verfehlt als erfüllt.

Vorwürfe gegen Springer

Es geht auch um Vorwürfe, die in den vergangenen Wochen gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE, Dr. Mathias Döpfner, laut wurden. Allein die Diskussion darüber, ob ein Verleger einen Politiker zu einem bestimmten Verhalten auffordert und bei Nichtberücksichtigung mit entsprechend negativer Berichterstattung bedroht, ist gefährlich.
Die Grafik zeigt jedoch, dass die Vorwürfe gegen Springer nicht zu 100 Prozent aus der Luft gegriffen sind. Mittlerweile rudert „BILD“ teilweise wieder zurück.

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Entsprechend gilt es – wie wie beim ÖRR – auch bei den privaten Medien das Gespräch zu starten, ob in den vergangenen Wochen und Monaten tatsächlich überall noch die Standards des Journalismus eingehalten wurden.
Das gilt insbesondere im Zusammenhang mit der Darstellung von Meinungsumfragen – die in den meisten Fällen eher Medienreflexe sind als Ergebnis eigenständiger Urteilsbildung. Dass der europäische Verband der Meinungsforscher auf vermehrte Fehldarstellungen hingewiesen hat, könnte ebenfalls zum Nachdenken beitragen.
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Rheuma: Warum eine Heilpflanze allein selten die Antwort ist


In Kürze:

  • Unter dem Begriff „Rheuma“ werden zahlreiche Erkrankungen zusammengefasst, die außer Schmerzen am Bewegungsapparat teils wenig gemeinsam haben.
  • So unterschiedlich die Ursachen sind, so unterschiedlichen sollten auch die Behandlungen sein – auch in der Naturheilkunde.
  • Naturheilverfahren werden zurückhaltend eingesetzt, dabei bedeuten fehlende Studien nicht „Es wirkt nicht“, sondern „Wir wissen es (noch) nicht“.
  • Kurkuma, Ingwer, Weihrauch, Arnika oder Brennnessel haben alle ihre Berechtigung im Praxisalltag, kommen aber selten an die wahren Probleme heran.

 
Manchmal erlebe ich sie noch: kleine Wunder in der Medizin. Eines davon besteht darin, dass eine rheumatologische Fachgesellschaft Weihrauch, Kurkuma, Ingwer und sogar Kohlwickel nicht einfach in die Schublade der „Alternativen“ steckt und diese anschließend fest verschließt.
Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie hat sich mit einer ganzen Reihe solcher Verfahren beschäftigt. Das Ergebnis fällt differenzierter aus, als man vielleicht erwarten würde: Für entzündlich-rheumatische Erkrankungen reicht die Studienlage nach Ansicht der Fachgesellschaft nicht aus, um die untersuchten Pflanzenpräparate als „krankheitsverändernde Therapie“ zu empfehlen.
Bei Arthrose, Rückenschmerzen und anderen degenerativen Beschwerden sieht die Sache anders aus. Dort müsse man von verschiedenen Verfahren bei entsprechendem Patientenwunsch keineswegs abraten. Das ist zunächst erfreulich. Aber man sollte die Sache auch nicht größer machen, als sie ist.

Eine Sache fehlt

Die Fachgesellschaft hat vorhandene Studien gesichtet und bewertet. Das ist wichtig und gehört zu ihrer Aufgabe. Studien lesen kann ich allerdings auch, und ich tue das seit Jahrzehnten. Mich würde deshalb der nächste Schritt viel mehr interessieren: Warum setzt man solche Verfahren nicht einmal konsequent in rheumatologischen Kliniken ein und untersucht anschließend, was tatsächlich mit den Patienten geschieht?
Interessant wäre eine vernünftige rheumatologische Behandlung, ergänzt um Ernährung, Fasten, Bewegung, Heilpflanzen und eine gezielte Versorgung mit Vitalstoffen. Und dann prüft man: Was geschieht mit Schmerzen oder Morgensteifigkeit? Wie entwickeln sich geschwollene Gelenke, Entzündungswerte, Beweglichkeit, Medikamentenbedarf und Lebensqualität?
Genau solche Untersuchungen würde ich gerne häufiger sehen. Denn in der Medizin gibt es eine eigentümliche Denkfalle. Für ein Verfahren fehlen angeblich gute Studien. Wissenschaftlich korrekt heißt das zunächst nur: Wir wissen es nicht ausreichend. Im medizinischen Alltag wird daraus jedoch erstaunlich schnell: Es wirkt nicht. Das ist allerdings nicht alles.

Laut dem Deutschen Rheuma-Forschungszentrum leben rund 1,8 Millionen Deutsche mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung.

Foto: seb_ra/iStock

Rheuma ist keine Krankheit

Schon die Frage „Was hilft bei Rheuma?“ führt eigentlich auf Glatteis. Unter dem Begriff werden zahlreiche Erkrankungen zusammengefasst, die jedoch außer Schmerzen am Bewegungsapparat teilweise ziemlich wenig miteinander gemeinsam haben.
Eine Arthrose ist etwas anderes als eine rheumatoide Arthritis. Bei der Arthrose spielen Knorpelveränderungen, Fehlbelastungen, fasziale Strukturen, frühere Verletzungen, Stoffwechsel und lokale Entzündungsprozesse zusammen. Bei der rheumatoiden Arthritis richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen. Gelenke schwellen an, die Morgensteifigkeit nimmt zu und unbehandelt können dauerhafte Schäden entstehen.
Vergleich von Rheuma oder Arthrose betroffenem Knie

Unterschied zwischen einem gesunden Knie sowie ein durch Arthrose oder rheumatoide Arthritis betroffenes Gelenk.

Foto: Epoch Times; nach elenabs/iStock

Wieder anders liegt der Fall bei Fibromyalgie. Hier steht keine klassische Gelenkentzündung im Vordergrund. Viele Betroffene leiden unter Schmerzen am ganzen Körper, Erschöpfung und Schlafstörungen. Das Nervensystem reagiert mitunter wie eine Alarmanlage, deren Empfindlichkeit viel zu hoch eingestellt wurde. Hinzu kommen Psoriasisarthritis, Morbus Bechterew, Gicht, Kollagenosen und Gefäßentzündungen.
Wer all diesen Patienten dasselbe Medikament empfiehlt, behandelt letztlich den Namen einer Erkrankung und nicht den Menschen. Dieser differenzierende Blick ist auch für eine naturheilkundliche Rheumatherapie aber entscheidend.

Was können die Pflanzen?

Kurkuma ist bei Arthrose durchaus interessant. Es gibt Hinweise auf Verbesserungen bei Schmerzen, Steifigkeit und Gelenkfunktion. Auch für Ingwer finden sich positive Signale. Die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) kommt vor allem bei degenerativen Gelenk- und Rückenbeschwerden infrage. Beim Weihrauch sind es insbesondere die Boswelliasäuren, die verschiedene Entzündungswege beeinflussen. Selbst äußerliche Anwendungen wie Beinwell, Arnika oder Kohlwickel verdienen mehr Aufmerksamkeit, als ihr etwas altbackenes Image vermuten lässt.
Ich habe nach einer schweren Knieverletzung Mitte der neunziger Jahre übrigens eine erheblich rustikalere Variante gewählt: frische Brennnesseln. Damit habe ich mein Knie täglich behandelt, bis die Haut rot und voller Quaddeln war. Man gewöhnt sich daran. Es gehört allerdings schon zu den heroischeren naturheilkundlichen Maßnahmen.
Würde ich das heute noch einmal machen? Vermutlich ja. Aber genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt: Wir können lange darüber diskutieren, welche Pflanze welchen Entzündungsbotenstoff beeinflusst. Spannender ist doch die Frage, weshalb im Organismus überhaupt ständig ein entzündliches Milieu unterhalten wird.

Pflanzen, die bei Gelenkbeschwerden helfen können: 1 Kurkuma, 2 Ingwer, 3 Teufelskralle, 4 Weihrauch, 5 Beinwell, 6 Arnika, 7 Wickel aus Kohl wie Wirsing oder Weißkohl, 8 Brennnesseln.

Foto: zusammengestellt von Epoch Times; mit Material von iStock

Der größere Hebel liegt auf dem Teller

Seit ich Ende der neunziger Jahre begonnen habe, Rheumapatienten zu behandeln, gehört die Ernährung deshalb zu meinen wichtigsten Ansatzpunkten. Bei entzündlichen Beschwerden streiche ich Schweinefleisch und Wurst konsequent und reduziere tierische Lebensmittel deutlich. Hintergrund ist unter anderem die Arachidonsäure, aus der der Organismus entzündungsfördernde Botenstoffe bilden kann.
Die einzelne Schweinshaxe verursacht natürlich keine rheumatoide Arthritis. Entscheidend ist das Milieu, in das sie hineinkommt. Viel Fleisch und Wurst, Zucker, Alkohol und hochverarbeitete Lebensmittel bei gleichzeitig geringer Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren sind für einen chronisch entzündeten Organismus keine glückliche Kombination.
Bei geeigneten Patienten arbeite ich deshalb für einige Wochen mit einer konsequent pflanzenbetonten Ernährung. Sechs Wochen halte ich für einen vernünftigen Zeitraum. Zwei freundliche Salattage sind noch keine Ernährungsumstellung. Danach wird verglichen: Was ist mit der Morgensteifigkeit geschehen? Sind Gelenke weniger geschwollen? Wie haben sich Schmerzen, Verdauung oder Schlaf verändert?
Manche Patienten reagieren auf Milchprodukte, andere auf Alkohol, Zucker oder bestimmte hochverarbeitete Lebensmittel. Pauschale Verbotslisten überzeugen mich dabei weniger als ein sauberer Auslassversuch mit anschließender kontrollierter Wiedereinführung.
Arachidonsäure: Das Schwein und die stille Entzündung

Der Hauptlieferant für Arachidonsäure in unserer heutigen Ernährung ist tierisches Fett – vor allem aus Schweinefleisch, Wurst, Eiern, Innereien und bestimmten Milchprodukten.

Foto: bit245/iStock

Fasten ist mehr als Nichtessen

Und dann gibt es eine Maßnahme, die ich bei geeigneten Patienten weiterhin für einen der stärksten naturheilkundlichen Impulse halte: das Heilfasten. Fasten verändert weit mehr als die Kalorienzufuhr. Insulinstoffwechsel, Fettsäurestoffwechsel und verschiedene Entzündungsvorgänge reagieren ebenfalls.
Bei rheumatoider Arthritis gibt es seit Jahrzehnten Untersuchungen, nach denen Fasten mit anschließender pflanzenbetonter Ernährung Beschwerden günstig beeinflussen kann. Dies deckt sich mit meiner Praxiserfahrung. Das ist keine Wunderheilung und erst recht keine Garantie. Aber es ist genügend Grund, Fasten nicht als Wellnessveranstaltung abzutun.
Bei schweren Erkrankungen, Untergewicht oder komplexer Medikation gehört eine solche Therapie selbstverständlich in erfahrene Begleitung. Rheumamedikamente werden übrigens während einer Fastenkur nicht eigenmächtig abgesetzt.

Bewegung braucht die richtige Dosis

Ähnlich verhält es sich mit Bewegung. Schmerzpatienten hören erstaunlich häufig: „Sie müssen sich mehr bewegen.“ Das ist ungefähr so präzise wie die Empfehlung an einen Schlaflosen, einfach mehr zu schlafen.
Ein entzündetes Gelenk braucht eine andere Belastung als ein steifes Gelenk. Und ein Fibromyalgiepatient, der nach zehn Minuten Training drei Tage lang kaum noch auf die Beine kommt, braucht nicht mehr Ehrgeiz, sondern eine andere Dosis.
Kurze Spaziergänge, sanfte Mobilisation, isometrische Übungen, Beweglichkeitstraining oder Bewegung im warmen Wasser können ein Anfang sein. Eine gute Trainingseinheit sollte Anpassungen erzeugen, keinen Zusammenbruch. Gerade hier wäre eine gute Physiotherapie Gold wert.

Art und Dauer einer Bewegung sollte an die Stärke der Gelenksentzündung angepasst werden, wobei eine gute Physiotherapie hilfreich sein kann.

Foto: SARINYAPINNGAM/iStock

Messen, verstehen, dann ergänzen

Zur naturheilkundlichen Rheumatherapie gehört auch eine vernünftige Labordiagnostik. Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Magnesium, Vitamin B12, Folat und Eisenstatus können je nach Patient relevant sein. Ein Grundsatz bei Vitalstoffen lautet deshalb: messen, verstehen, dann ergänzen.
Ebenso wichtig sind Darmfunktion, Schlaf und Stoffwechsel. Auch der Säure-Basen-Haushalt kann betrachtet werden. Damit meine ich ausdrücklich keine angebliche „Übersäuerung des Blutes“. Der Blut-pH wird innerhalb enger Grenzen reguliert. Interessant sind vielmehr Ernährung, Säurelast, Ausscheidung, Mineralstoffversorgung und Regulationsfähigkeit.
Und dann gibt es jene Fälle, bei denen man lange suchen muss. Ich erinnere mich an einen Patienten mit rheumatoider Arthritis, bei dem ich mir therapeutisch sprichwörtlich einen Wolf arbeitete. Vieles half ein wenig, der entscheidende Durchbruch blieb aus. Erst nachdem zwei auffällige Weisheitszähne saniert worden waren, veränderte sich das Krankheitsbild dramatisch.
Ist das der Beweis, dass rheumatoide Arthritis von den Zähnen kommt? Natürlich nicht. Aber solche Verläufe erinnern daran, nicht mit dem Denken aufzuhören, sobald die üblichen Laborwerte erhoben sind. Chronische Entzündungsherde, Zähne oder auch Narben können bei einzelnen Patienten Teil eines komplexeren Geschehens sein. Das rechtfertigt keine voreiligen Eingriffe, wohl aber sorgfältige Diagnostik.

Naturheilkunde ist keine grüne Pharmakologie

Und was ist mit Methotrexat, Cortison und Biologika? Bei schweren entzündlich-rheumatischen Erkrankungen können solche Medikamente Krankheitsaktivität senken und dauerhafte Gelenk- oder Organschäden verhindern. Wer sie einnimmt, sollte sie deshalb keinesfalls eigenmächtig absetzen.
Aber damit ist die Arbeit nicht beendet. Denn eine unterdrückte Entzündung beantwortet noch nicht automatisch die Frage, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist und was der Patient selbst verändern kann.
Vielleicht liegt genau darin das Missverständnis vieler Debatten über Naturheilkunde. Naturheilkunde bedeutet nicht, Methotrexat durch Kurkuma und Ibuprofen durch Weihrauch zu ersetzen. Dann hätten wir lediglich die Farbe der Kapseln gewechselt. Naturheilkunde fragt vielmehr nach dem Menschen, in dem die Krankheit stattfindet.
Wie ernährt er sich? Wie schläft er? Wie bewegt er sich? Wie steht es um Stoffwechsel, Darm und Vitalstoffversorgung? Gibt es dauerhafte Belastungen? Und an welcher Stelle hat der Organismus seine Fähigkeit zur Regulation verloren?

Individuelle und auf den Patienten zugeschnittene Behandlungen können für Schmerzfreiheit und eine glückliche Zukunft sorgen.

Foto: monkeybusinessimages/iStock

Deshalb begrüße ich es, wenn eine rheumatologische Fachgesellschaft Heilpflanzen nüchtern untersucht, statt sie reflexartig abzutun. Ich wünsche mir nur, dass wir eines Tages den nächsten Schritt gehen.
Nicht noch eine Diskussion darüber, ob Weihrauch nun „alternativ“ oder „wissenschaftlich“ ist. Sondern Kliniken, in denen man verschiedene sinnvolle Verfahren konsequent miteinander verbindet und anschließend ebenso konsequent misst, was dabei herauskommt.
Denn ein entzündeter Organismus braucht manchmal ein verschreibungspflichtiges Medikament. Manchmal eine Heilpflanze. Häufig braucht er mehrere Veränderungen gleichzeitig. Die interessante Frage ist deshalb nicht nur, was gegen Rheuma wirkt. Sondern warum dieser eine Mensch krank geworden ist und was seinem Organismus helfen könnte, wieder in eine „bessere Ordnung“ zu finden.
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Deutschlands Rentenproblem: Was Norwegen mit seinem Staatsfonds anders macht


In Kürze:

  • Der norwegische Staatsfonds gehört heute zu den größten der Welt und speist sich überwiegend aus Kapitalerträgen.
  • Deutschlands gesetzliche Rente wird dagegen aus laufenden Beiträgen und hohen Bundesmitteln finanziert, bei einer gleichzeitig alternder Bevölkerung.
  • Ein deutscher Staatsfonds könnte langfristig zusätzliche Erträge liefern, müsste dafür aber zunächst mit sehr hohen Summen aufgebaut werden und wäre Kapitalmarktrisiken ausgesetzt.

 
Als Norwegen 1996 erstmals Geld in seinen staatlichen Petroleumfonds einzahlte, waren es knapp 2 Milliarden Kronen. Ende 2025 war der daraus hervorgegangene Government Pension Fund Global 21.268 Milliarden Kronen wert, umgerechnet rund 1.795 Milliarden Euro. Der größte Teil dieses Vermögens stammt inzwischen aus Kapitalerträgen.
Seit der Gründung erwirtschaftete der Fonds bis Ende 2025 Anlageerträge von 13.457 Milliarden Kronen, umgerechnet rund 1.136 Milliarden Euro. Die staatlichen Nettozuflüsse beliefen sich auf 5.504 Milliarden Kronen oder rund 464 Milliarden Euro.
Laut dem norwegischen Gesetz über den Fonds soll das staatliche Sparen „die Finanzierung der Rentenausgaben im Rahmen des Sozialversicherungssystems unterstützen“ und zugleich sicherstellen, dass „der Erdölreichtum sowohl heutigen als auch künftigen Generationen zugutekommt“.
Für Deutschland könnte ein solcher Fonds und dessen Entwicklung aufgrund der Alterung der Bevölkerung und der Diskussion um die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung interessant sein.
Nach der jüngsten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird 2035 jede vierte Person mindestens 67 Jahre alt sein; 2024 war es jede fünfte. Bis 2038 soll die Zahl der Menschen im Rentenalter um mindestens 3,8 Millionen steigen.
Deutschland und Norwegen haben jedoch unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Die deutsche gesetzliche Rentenversicherung wird im Kern aus laufenden Beiträgen und Bundesmitteln finanziert. Norwegen investiert dagegen seit Jahrzehnten staatliche Rohstoffeinnahmen an internationalen Kapitalmärkten.

Aus Öl wird Finanzvermögen

Der Name „Government Pension Fund Global“ kann zu einem Missverständnis führen. Der Fonds ist keine kapitalgedeckte Rentenversicherung nach deutschem Verständnis, aus der individuelle Rentenansprüche finanziert werden.
Die Einnahmen aus der staatlichen Beteiligung an Gas- und Ölfeldern werden dabei dem Fonds zugeführt.
Die Erdölindustrie, die seit den 1970er-Jahren eine wachsende Rolle spielt, hat laut norwegischer Regierung „maßgeblich zum Wirtschaftswachstum in Norwegen und zur Finanzierung des norwegischen Sozialstaats beigetragen“.
Der Fonds geht auf den 1990 gegründeten Petroleumfonds zurück; die erste Einzahlung erfolgte 1996. Ende 2025 waren nach Angaben von Norges Bank, die den Fonds verwaltet, 71,3 Prozent des Vermögens in Aktien und 26,5 Prozent in festverzinslichen Wertpapieren investiert.
Weitere 1,7 Prozent entfielen auf nicht börsennotierte Immobilien und 0,4 Prozent auf Infrastruktur für erneuerbare Energien. Nach Angaben der Bank erzielte der Fonds im vergangenen Jahr eine Rendite von 15,1 Prozent.

Wie Norwegen seinen Fonds nutzt

Norwegen begrenzt die Verwendung der Erträge des Fonds.
Nach der sogenannten Handlungsregel soll die Nutzung des Fondsvermögens über längere Zeit der erwarteten Realrendite entsprechen, die das Finanzministerium mit 3 Prozent ansetzt. In „normalen Jahren“ sollen die Entnahmen sogar deutlich darunter liegen, um Spielraum für wirtschaftliche Abschwünge oder starke Wertverluste des Fonds zu erhalten.
Die 3-Prozent-Regel ist keine feste jährliche Obergrenze. Die Verwendung der Fondsmittel kann nach den Vorgaben der Regierung an die jeweilige Wirtschaftslage angepasst werden. Im Haushaltjahr 2026 veranschlagte die Regierung den Einsatz von Fondsmitteln mit 2,8 Prozent des Fondsvermögens.
Der Fonds finanziert dabei nicht unmittelbar individuelle Renten. Er ist in die staatliche Finanzpolitik eingebunden: Die Nettoerlöse des Staates aus der Erdölwirtschaft fließen in den Fonds; aus ihm werden wiederum Mittel zur Finanzierung des Nicht-Öl-Defizits des Staatshaushalts übertragen. Für 2026 sollen solche Transfers nach Angaben der Regierung rund 27 Prozent der staatlichen Haushaltsausgaben finanzieren.

Deutschlands Rente lebt von laufenden Einnahmen

Die deutsche Rentenversicherung verfügt über keinen vergleichbaren Kapitalstock. Ihre Finanzierung beruht im Wesentlichen auf Beiträgen und Bundesmitteln.
2025 nahm die Rentenversicherung nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung 321 Milliarden Euro an Beiträgen ein. Die gesamten Ausgaben beliefen sich auf rund 426 Milliarden Euro, darunter rund 379 Milliarden Euro Rentenausgaben.
Hinzu kommen erhebliche Mittel aus dem Bundeshaushalt. Das Bundesfinanzministerium beziffert sämtliche Leistungen des Bundes an die Rentenversicherung für 2025 auf gut 122,4 Milliarden Euro.
Die Alterung der Bevölkerung erhöht somit den Finanzierungsdruck.
Hier endet die unmittelbare Vergleichbarkeit mit Norwegen. Das Land konnte seinen Kapitalstock aus Öl- und Gaseinnahmen aufbauen.
Deutschland besitzt keine entsprechende Einnahmequelle. Ein großer deutscher Staatsfonds müsste deshalb aus Haushaltsmitteln, staatlichem Vermögen oder über Kredite finanziert werden.

Deutschland hat Kapitaldeckung bereits versucht

Die Idee, die gesetzliche Rente um Kapitalerträge zu ergänzen, ist auch in Deutschland nicht neu. Die Ampelregierung plante mit dem Generationenkapital einen staatlichen Kapitalstock.
Darlehen und Vermögensübertragungen des Bundes sollten investiert und die Erträge später zur Stabilisierung der Beitragssätze verwendet werden. Umgesetzt wurde das Vorhaben nicht. Nachdem im Herbst 2024 die Ampel auseinanderbrach, wurde das Gesetzesvorhaben nicht mehr vom Bundestag beschlossen.
Die heutige schwarz-rote Bundesregierung setzt mit der Frühstartrente auf einen anderen Ansatz. Nach dem im August 2026 vorgelegten Gesetzentwurf soll der Staat für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren monatlich 10 Euro in ein individuelles Altersvorsorgedepot einzahlen. Anders als beim norwegischen Modell entsteht dadurch kein staatlicher Fonds zur Mitfinanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung.
Welche Größenordnung ein deutscher Staatsfonds erreichen müsste, lässt sich anhand einer einfachen Modellrechnung zeigen. Als Rechengröße dienen 3 Prozent reale Rendite, also der Ertrag nach Abzug der Inflation. An diesem Wert orientiert sich auch die langfristige Entnahmeregel des norwegischen Staatsfonds.

Rechenbeispiel: 4,1 Billionen Euro großer Staatsfonds

Bei einem Kapitalstock von 100 Milliarden Euro entsprächen 3 Prozent einem jährlichen Ertrag von 3 Milliarden Euro. Ein Fonds mit 500 Milliarden Euro käme rechnerisch auf 15 Milliarden Euro, bei 1 Billion Euro wären es 30 Milliarden Euro.
Die Größenordnung wird im Vergleich mit den heutigen Bundesmitteln deutlich: 2025 flossen, wie bereits erwähnt, gut 122,4 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt an die Rentenversicherung.
Wollte man – rein rechnerisch und zu heutigen Preisen – einen Betrag dieser Größenordnung allein aus einer realen Rendite von 3 Prozent finanzieren, wäre ein Kapitalstock von rund 4,1 Billionen Euro erforderlich. Ein Fonds von 500 Milliarden Euro würde unter derselben Annahme 15 Milliarden Euro jährlich erwirtschaften. Das entspricht rund 12 Prozent der Bundesleistungen des Jahres 2025.
Die Modellrechnung zeigt damit vor allem, dass ein großer Kapitalstock aufgebaut werden müsste, bevor seine Erträge die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung in größerem Umfang ergänzen könnten.
Norwegen hatte dafür drei Jahrzehnte Zeit. Inzwischen übersteigen die seitdem erwirtschafteten Anlageerträge die Nettozuflüsse deutlich. Deutschland müsste einen solchen Kapitalstock dagegen erst aufbauen, während die geburtenstarken Jahrgänge bereits das Rentenalter erreichen.

Rendite gibt es nicht ohne Risiko

Kapitaldeckung garantiert keine stetigen Erträge. Im Jahr 2022 verlor der norwegische Fonds beispielsweise 1,637 Milliarden Kronen (rund 150 Millionen Euro) aus seinen Anlagen. Ein deutscher Staatsfonds wäre daher ebenfalls Aktienkurs-, Zins- und Währungsrisiken ausgesetzt.
Politisch müsste geregelt werden, wie viel Risiko zulässig ist, wann Erträge entnommen werden dürfen und wie unabhängig die Vermögensverwaltung arbeitet.
Norwegen trennt diese Aufgaben institutionell. Das Finanzministerium legt das Mandat fest, während Norges Bank die operative Verwaltung übernimmt. Hinzu kommt die langfristige Fiskalregel für die Verwendung der Erträge.
Deutschland kann keine jahrzehntelangen Öl- und Gaseinnahmen nachträglich erzeugen. Eine langfristige und breit gestreute Verwaltung staatlichen Kapitalvermögens wäre dagegen grundsätzlich auch ohne eigene Rohstoffvorkommen möglich.
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Verteidigungsabkommen von Mekka: Mehr Möglichkeiten für China, Unruhe zu stiften

Seit einiger Zeit bemüht sich China darum, eine postamerikanische Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten zu gestalten. Pekings Ziele könnten durch das kürzlich von Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan unterzeichnete gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka – auch „Mekka-Abkommen“ genannt – vorangebracht werden.
Im September 2020 vermittelte US-Präsident Donald Trump die Abraham-Abkommen, die eine Chance bieten, mehr Stabilität im Nahen Osten zu fördern, indem sie die regionalen Staaten dazu ermutigen, ihre Feindseligkeit gegenüber Israel in Anerkennung und Zusammenarbeit umzuwandeln.
Das kommunistische Regime in China hat die Stabilität im Nahen Osten, insbesondere den Frieden mit Israel, untergraben, indem es zum Hauptfinanzier des iranischen Regimes (durch den Kauf des Großteils seines Öls) wurde und damit den Stellvertreterkrieg des Iran gegen Israel durch die Finanzierung und Bewaffnung der Hamas, der Hisbollah und der Huthis ermöglichte.
Chinas Käufe iranischen Erdöls ermöglichten es dem Iran, den schrecklichen Krieg der Hamas gegen Israel am 7. Oktober 2023 zu finanzieren, zusätzlich zur Finanzierung des massiven Raketen- und Drohnenarsenals des Iran sowie seines Atomwaffenprogramms.

Alternative zu den USA – ohne Aussöhnung mit Israel

China hat jedoch auch militärisch-technische Beziehungen zu Saudi-Arabien, den Golfstaaten und Ägypten gepflegt, indem es den Saudis ab 1988 Mittelstreckenraketen verkaufte und Pakistan zu einer Atommacht und einer potenziellen zukünftigen Quelle „nuklearer Abschreckung“ oder sogar von Waffen ausbaute.
Durch die Erzeugung des doppelten Drucks eines nahezu atomar bewaffneten Irans und seines Angebots an fortschrittlichen Waffen, hat China eine Alternative zur von den USA geführten strategischen Architektur angeboten – eine, die ausdrücklich nicht auf einer Aussöhnung mit Israel beruht. Tatsächlich bemühte sich Peking Ende 2023, Tel Aviv zu isolieren.
Anfang 2023 versuchte China dann, seine Investitionen auf die Probe zu stellen, indem es eine erste diplomatische Annäherung zwischen Saudi-Arabien und dem Iran vermittelte. Es verlangte vom Iran nicht, seine nukleare Bedrohung zu beenden, beinhaltete aber sehr wahrscheinlich, dass China Saudi-Arabien über Pakistan künftig nukleare Abschreckung anbieten würde.
Doch diese chinesische Agenda wurde durch die wachsende Atomwaffenkapazität des Iran durchkreuzt, sodass Trump und Israel im Juni 2025 kaum eine andere Wahl hatten, als iranische Streitkräfte anzugreifen, was schließlich in den US-Luftangriffen „Midnight Hammer“ gegen iranische Produktionsanlagen für Atomwaffen gipfelte.

Pakistan bietet Saudi-Arabien seine (chinesischen) Atomwaffen an

China stellte jedoch seine militärtechnologische Unterstützung für den Iran nicht ein, insbesondere nicht die Bereitstellung von Raketen- und Drohnentechnologie. Es entschied sich sehr wahrscheinlich dafür, das begrenztere „Strategische Gegenseitige Verteidigungsabkommen“ zu fördern, welches Saudi-Arabien und Pakistan am 17. September 2025 unterzeichneten.
Pakistanische Regierungsvertreter erklärten rasch, dass Saudi-Arabien durch Pakistans Nuklearkapazitäten verteidigt werden würde – sie fügten jedoch nicht hinzu, dass dies durch Chinas jahrzehntelangen Transfer von Atomwaffen- und Raketentechnologie ermöglicht wurde.
Mit Blick auf eine neue Sicherheitsordnung im Nahen Osten erklärte der iranische Präsident Masoud Pezeshkian am 24. September 2025 vor den Vereinten Nationen: „Der Iran begrüßt den Verteidigungspakt zwischen den beiden brüderlichen Ländern, dem Königreich Saudi-Arabien und der Islamischen Republik Pakistan, als Beginn eines umfassenden regionalen Sicherheitssystems, das in Zusammenarbeit mit den muslimischen Staaten Westasiens im Bereich der politischen Sicherheit und Verteidigung entsteht.“

Der Irankrieg durchkreuzte iranische Pläne

Irans Beitritt zu einem solchen „umfassenden regionalen Sicherheitssystem“ wurde jedoch durch das erneute Bestreben des Iran, Atomwaffen zu bauen, verhindert. Das zwang Trump dazu, erneut mit Israel zusammenzuarbeiten, und am 28. Februar 2026 den Krieg zur Zerstörung der iranischen Nuklear- und Raketenstreitkräfte zu beginnen.
Die Reaktion des Iran auf den Angriff von USA und Israels bestand darin, mehr als 6.700 ballistische Raketen und Drohnen gegen Saudi-Arabien, Jordanien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Oman abzufeuern. Gleichzeitig sanktionierte das US-Außenministerium am 9. Mai 2026 drei chinesische Unternehmen, weil diese Satellitenaufklärungsdaten bereitgestellt hatten, die bei der Lenkung der iranischen Raketen geholfen hatten.
Doch offenbar haben für Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan ihre Feindseligkeit und ihr Misstrauen gegenüber Israel und den USA dazu beigetragen, ihr anhaltendes Interesse an einer postamerikanischen Sicherheitsarchitektur voranzutreiben. Und das trotz ihrer enormen Opfer an Waffen, Geld und Menschenleben. Hinzu kommt die mangelnde Bereitschaft, ihre militärischen Beziehungen zu China, dem Hauptfinanzier des iranischen Krieges, einzuschränken.
Als neue Ebene des saudisch-pakistanischen Verteidigungsabkommens unterzeichneten Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan am 7. August in der heiligen Stadt Mekka ihr „Mekka-Verteidigungsabkommen“. Zu diesem hieß es in ihrer gemeinsamen Erklärung an jenem Tag:
„Das Abkommen zielt darauf ab, die kollektive Abschreckung gegen jegliche Aggression zu stärken, und sieht vor, dass jeder bewaffnete Angriff gegen einen der drei Staaten als Angriff gegen alle drei Staaten betrachtet wird. Es sieht ferner die Intensivierung aller Aspekte der Verteidigungszusammenarbeit zwischen den drei Staaten vor.“

Chinesische Raketentechnologie – für Pakistan und die Türkei

Obwohl Pakistan keine unmittelbare öffentliche Erklärung abgab, dass seine Atomwaffen Saudi-Arabien und die Türkei verteidigen würden, könnte dies durch den Ausdruck „die kollektive Abschreckung stärken“ in ihrer gemeinsamen Erklärung sowie durch die Tatsache impliziert werden, dass sowohl Pakistan als auch die Türkei Interkontinentalraketen (ICBMs) entwickeln.
Pakistans ICBM-Programm wurde im Dezember 2024 von der ehemaligen US-Regierung unter Biden öffentlich bekannt gegeben. Angesichts der Tatsache, dass chinesische Technologie den Großteil der pakistanischen Programme für ballistische Raketen und Marschflugkörper unterstützt hat, wäre es logisch anzunehmen, dass chinesische Technologie auch Pakistans ICBM-Programm unterstützt oder dass chinesische Technologie auch über nordkoreanische ICBM-Systeme transferiert werden könnte.
Das Feststoffraketenprogramm der Türkei wurde durch ein Abkommen mit der China Aerospace Science and Industry Corporation aus dem Jahr 1998 zur gemeinsamen Produktion der Kurzstreckenrakete B-611 vorangetrieben.
Es ist unklar, ob das türkische Programm für die landgestützte, mit Flüssigtreibstoff betriebene Interkontinentalrakete „Yıldırım“ (Blitz) mit einer Reichweite von 3.700 Meilen, ebenfalls von chinesischer Technologie profitiert. Das Programm wurde Anfang Mai 2026 auf einer türkischen Rüstungsmesse vorgestellt.
Doch Chinas Start von vier elektro-optischen und einem hyperspektralen Überwachungssatelliten für Pakistan in den Jahren 2025 und 2026 dürfte eine weltweite Zielerfassung für Pakistans und möglicherweise auch der türkischen Interkontinentalraketen ermöglichen.
Daher wird es entscheidend sein, den Ausbau der Interkontinentalraketen Pakistans und der Türkei zu beobachten. Es muss festgestellt werden, ob ihr Ziel in einer grundlegenden „Abschreckung“ besteht oder darin, eine nukleare Raketenstreitmacht aufzubauen, die eine neue Bedrohung für Israel und die Vereinigten Staaten darstellt.

Stärkere Zusammenarbeit und Aufrüstung

Ein Aspekt des Mekka-Abkommens, der für seine Mitglieder besonders wichtig ist, ist die Entwicklung einer vertieften Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie. Dadurch hoffen Pakistan und die Türkei zunächst, sich größere saudische Investitionen in ihre wachsenden Sektoren der Waffenentwicklung und -produktion zu sichern.
Ihr Ziel ist es, sich stärker von amerikanischen Militärsystemen unabhängig zu machen. Doch dies könnte zu einer größeren Abhängigkeit von chinesischer Militärtechnologie führen.
Pakistan ist bereits in großem Umfang auf chinesische Technologie für Raketen, Drohnen, Panzer, Artillerie, Kriegsschiffe, U-Boote und Kampfflugzeuge angewiesen. Dazu gehört auch die gemeinsame Produktion des von der chinesischen Chengdu Aircraft Corporation entworfenen Kampfflugzeugs der 4,5. Generation vom Typ JF-17. Es wird erwartet, dass Pakistan auch das Kampfflugzeug der 5. Generation vom Typ J-35 der Shenyang Aircraft Corporation kaufen wird.
Pakistan wird zudem das chinesische konventionelle U-Boot vom Typ 039B mitproduzieren. Ein Bericht vom 19. Mai in der malaysischen Online-Publikation „Defense Security Asia“ behauptete jedoch, dass Pakistan den Erwerb von U-Booten mit ballistischen Atomraketen aus China anstrebe. Im Gegenzug dazu dürfe China den pakistanischen Luft- und Marinestützpunkt in Gwadar, der mit großzügiger chinesischer Finanzierung errichtet wurde, militärisch nutzen.
Es ist bemerkenswert, dass Pakistan möglicherweise erwog, chinesischen Luft- und Seestreitkräften den Zugang zu Gwadar zu gewähren, und damit das „abschreckende“ Potenzial des Mekka-Abkommens zu verstärken. Das geschah, während die Vereinigten Staaten versuchten, dem Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus zu entreißen. Gwadar liegt direkt neben der US-Blockadezone.

„Guancha“: „Werden sie China zum Beitritt einladen?“

Am 13. August berichtete „Reuters“, dass ein Vertreter des türkischen Verteidigungsministeriums darauf hingewiesen habe, das Mekka-Abkommen sehe „gemeinsame Militärübungen unter Einbeziehung von Land-, See- und Luftstreitkräften sowie Luftabwehr- und unbemannten Systemen vor, zusätzlich zu einer vertieften Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie“.
Die Entsendung von Streitkräften der chinesischen Volksbefreiungsarmee zur Teilnahme an im Rahmen des Mekka-Abkommens organisierten Übungen wäre eine logische Folge der Vollmitgliedschaft Pakistans in der von China dominierten Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), da der Schwerpunkt der Organisation auf groß angelegten multilateralen Militärübungen liegt. In der SCO fungieren auch Saudi-Arabien und die Türkei als „Dialogpartner“.
Die pro-Peking eingestellte „South China Morning Post“ stellte in einem Artikel vom 10. August fest, dass die Partner des Mekka-Abkommens „Schritte unternehmen, um ihre Abhängigkeit von der von den USA dominierten Sicherheitsarchitektur zu verringern und ein eigenes kollektives Verteidigungsgerüst aufzubauen“.
Und dann stellte ein Artikel der chinesischen Nachrichtenagentur „Guancha“ vom 14. August die Frage an die Partner des Mekka-Abkommens: „Werden sie China zum Beitritt einladen?“
In jenem Artikel wurde darauf hingewiesen, dass es nicht Chinas Praxis sei, formell Militärbündnissen beizutreten. Was das Mekka-Abkommen betrifft, ist China jedoch möglicherweise bereits dessen wichtigster Wegbereiter. Insbesondere über Pakistan könnte Peking als wichtige Quelle für chinesische Waffentechnologie und militärische „Abschreckungskraft“ dienen.
Pekings mittelfristige Agenda für das iranische Terrorregime – sollte es überleben – könnte darin bestehen, die Partner des Mekka-Abkommens dazu zu bewegen, den Iran als Mitglied aufzunehmen. Damit würde ein Bündnis entstehen, das für Israel und die Vereinigten Staaten eine weitaus größere Herausforderung darstellt.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Mecca Joint Defense Agreement: More Opportunities for Chinese Trouble-Making“. (deutsche Bearbeitung ks)
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„Ich weiß nicht mehr, wie ich denken soll“: Was hinter dem ständigen Rauschen im Kopf steckt

Ich erinnere mich an einen Patienten Mitte fünfzig, einen ruhigen Mann, dessen Stimme stets etwas von Müdigkeit trug. Als er an jenem Morgen mein Sprechzimmer betrat, wirkte er nicht krank im klassischen Sinne, sondern erschöpft auf einer sehr tiefen Ebene.
Er setzte sich, sah mich an und sagte: „Ich weiß nicht mehr, wie ich denken soll. Es ist, als würde mein Kopf rauschen.“
Während er sprach, fiel mir auf, dass seine Augen leicht gerötet waren, nicht durch Tränen, sondern durch Nächte, die ihm offenbar nicht gehörten. Er berichtete von Schlaf, der nicht erholte, von Gedanken, die sich nicht ordnen ließen, und von einer inneren Unruhe, die ihn selbst in stillen Momenten begleitete.
Ich begann nachzufragen, und je länger wir sprachen, desto deutlicher wurde, dass sein Problem nicht nur Müdigkeit war. Es war ein Verlust an geistiger Klarheit, ein Nachlassen der Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu sortieren und zu behalten. Er beschrieb es als „ein ständiges Hintergrundrauschen“, das ihn daran hinderte, sich zu konzentrieren.
Während ich ihm zuhörte, wurde mir bewusst, dass sein Zustand exemplarisch für etwas Größeres stand: für die Frage, warum Schlaf überhaupt existiert und warum das Gehirn ohne ihn aus dem Gleichgewicht gerät.

„Ich kann nicht mehr denken“ – ein stiller Hilferuf des Gehirns

Es gibt medizinische Fragen, die trotz jahrzehntelanger Forschung seltsam unberührt bleiben. Schlaf gehört dazu. Obwohl jeder Mensch ihn täglich braucht, obwohl Tiere ohne ihn sterben würden, obwohl das Gehirn im Schlaf mehr Aktivität zeigt als viele vermuten, wissen Schlafforscher bis heute nicht ganz genau, warum wir eigentlich schlafen.
Gängige Erklärungen reichen von Energieersparnis, nächtlicher Reinigung durch das glymphatische System, Gedächtniskonsolidierung bis hin zur emotionalen Verarbeitung. Doch keine dieser Theorien erklärt vollständig, warum der Körper den Zustand des nicht steuerbaren Bewusstseins überhaupt zulässt – und warum er ihn so dringend einfordert.
In der ganzheitsmedizinischen Praxis begegnet mir Schlaf nicht als hochkomplexes Forschungsfeld, sondern als existenzielles Bedürfnis, das Menschen aus dem Gleichgewicht bringen kann, wenn es fehlt. Schlaf ist kein Luxus, sondern eine stille Voraussetzung für geistige Klarheit, emotionale Stabilität und körperliche Regeneration.
Und dennoch behandeln wir ihn im Alltag oft wie eine variable Größe, die man verschieben, verkürzen oder ignorieren kann, wenn andere Dinge wichtiger erscheinen, ohne dass es Konsequenzen hat. So wie es sich auch in den Lebensalltag meines Mitte fünfzig Jahre alten Patienten eingeschlichen hat.
Doch das Gehirn verzeiht diese Ignoranz nicht. Es reagiert mit Unruhe, mit Überforderung, mit einem Verlust an innerer Ordnung.

Was das Gehirn im Schlaf wirklich tut

In der modernen Schlafforschung gibt es eine Hypothese, die seit Jahren diskutiert wird und die ich aus ganzheitlicher Sicht mit viel Interesse betrachte: die synaptische Homöostase.
Sie besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass das Gehirn im Wachzustand fortlaufend neue Reize verarbeitet, synaptische Verbindungen stärkt und dadurch eine Art neuronale Überladung erzeugt. Schlaf soll diese Überladung reduzieren, indem er die Synapsen wieder auf ein funktionales Niveau zurücksetzt.
Die Forschung zu diesem Thema ist aktuell und passiert sozusagen gerade in Echtzeit. Eine der jüngsten und präzisesten Forschungsarbeiten zu diesem Thema stammt aus Japan aus dem Jahr 2025. Die Studie von Fukuaki L. Kinoshita und Kollegen an der University of Tokyo deutet darauf hin, dass synaptische Verbindungen im Wachzustand tatsächlich an Stärke zunehmen und dass Schlafphasen notwendig sind, um diese Verstärkung wieder zu regulieren.
Die Forscher modellierten die Dynamik der Synapsen über den gesamten Schlaf-Wach-Zyklus und fanden Hinweise darauf, dass das Gehirn im Schlaf eine Art neuronale Ordnung wiederherstellt, die im Alltag verloren geht.
Diese wissenschaftliche Erkenntnis passte gut zu dem, was ich auch bei meinem Patienten sah: ein Gehirn, das zu lange wach war, zu viele Eindrücke aufgenommen hatte und nicht mehr in der Lage war, sie zu sortieren und Ordnung zu schaffen.

Wenn Wachheit das Gehirn überlädt und Schlafentzug messbar Spuren hinterlässt

Dass Schlafentzug die synaptische Last erhöht, wurde auch in einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2026 aus Deutschland bestätigt. Die Arbeitsgruppe um David Elmenhorst am Forschungszentrum Jülich konnte zeigen, dass schon eine einzige Nacht ohne Schlaf die Menge des synaptischen Dichte-Markers SV2A im menschlichen Gehirn erhöht.
Dieser Marker steht für die Anzahl funktioneller Synapsen. Mit einfachen Worten: Wer zu lange wach bleibt, baut synaptische Verbindungen auf, die das Gehirn am nächsten Tag belasten. Die Forscher konnten nachweisen, dass diese erhöhte synaptische Dichte mit einer Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit einhergeht.
Auch eine im August 2026 erschienene Studie aus den USA zeigt, dass Schlaf die synaptische Architektur im Gehirn nicht nur reduziert, sondern regional unterschiedlich moduliert. Manche Hirnareale profitieren also stärker von der nächtlichen Ordnung als andere. Das Gehirn scheint im Schlaf also nicht pauschal zu arbeiten, sondern differenziert. Es wird nicht einfach etwas entfernt, sondern vielmehr ausgewählt.

Warum selbst ein Nickerchen helfen kann, das Gehirn neu zu kalibrieren

Wenn man nachts aus verschiedenen Gründen nicht gut durchschlafen kann, gibt es auch die Möglichkeit, tagsüber die Hygiene des Gehirns zu unterstützen, wie eine kleine, aber besonders spannende europäische Studie aus dem Jahr 2026 von Kristoffer D. Fehér und Kollegen zeigt.
Die Untersuchung an zwanzig Teilnehmern ergab, dass selbst ein kurzer Mittagsschlaf die synaptische Plastizität neu kalibrieren kann. Ein Nickerchen von weniger als einer Stunde reichte dabei aus, um die neuronale Last zu reduzieren und eine bessere Vorbereitung des Gehirns auf nachfolgendes Lernen zu schaffen.
Für die ganzheitsmedizinische Perspektive ist das bedeutsam. Denn es zeigt, dass Schlaf nicht nur ein nächtlicher Prozess ist, sondern ein biologisches Werkzeug, das der Körper offenbar flexibel einsetzen kann. Der Mensch ist also nicht darauf angewiesen, ausschließlich nachts Ordnung zu schaffen. Er kann sie auch tagsüber gezielt nachholen.
In Bezug auf meinen Patienten kam ich zu folgendem Schluss: Sein Gehirn war nicht krank, sondern überlastet. Es brauchte meiner Ansicht nach keine Medikamente, um die Konzentration zu verbessern, sondern Ordnung. Und zu dieser Ordnung kann Schlaf als biologisches Werkzeug auf natürliche Weise verhelfen.

Perspektive aus der Ganzheitsmedizin

Mein Rat aus ganzheitsmedizinischer Sicht lautete deshalb: Schlaf sollte nicht erst dann stattfinden, wenn der Körper erschöpft ist oder man Zeit dafür findet. Er sollte bewusst gepflegt werden und als eine tägliche Hygiene für das Gehirn gelten.
Wer tagsüber kurze Pausen zulässt, abends digitale Reize reduziert und dem Körper die Chance gibt, entspannt in den Schlaf zu gleiten, unterstützt die nächtliche Ordnung, die das Gehirn dringend braucht.
Schlaf ist kein passiver Zustand, den man einnimmt, nachdem man alles Wichtige im Alltag erledigt hat, sondern ein aktiver Prozess der neuronalen Reinigung, der in die Lebensroutine eingeplant werden muss. Er ist die stille Arbeit des Gehirns, die wir nicht sehen, aber spüren. Und er ist eine der wenigen biologischen Funktionen, die wir medizinisch nicht ersetzen können.
Wer ihn vernachlässigt, verliert die Fähigkeit, klar zu denken. Wer ihn pflegt, kann die Ordnung zurückgewinnen, die das Leben jeden Tag aufs Neue durcheinanderbringt.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)
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Der blinde Fleck der Technologie: Trauen wir noch unseren eigenen Augen?

Vor ein paar Tagen fuhr ich etwa 3 Kilometer von der Ranch weg, um mich mit einem Amazon-Zusteller zu treffen. Er hatte ein Paket für mich. Mein Name stand auf dem Karton. Es lag direkt dort in seinem Lieferwagen, aber er durfte es mir nicht aushändigen. Er erklärte mir, dass er es erst scannen dürfe, wenn er genau an der Stelle angekommen sei, an der der Pin auf seinem Bildschirm angezeigt würde.
Ich schlug ihm vor, einen Blick auf meinen Führerschein zu werfen. Mein Name stimmte mit dem auf dem Paket überein. Ich stand auf meinem eigenen Grundstück. Ich war gern bereit, meine Identität nachzuweisen.
Er entschuldigte sich, sagte aber, dass er das leider nicht machen könne.
Also fuhren wir hintereinander zur Ranch zurück. Ich fuhr voraus und er folgte dem blauen Punkt.
Als wir den Ort schließlich erreichten, befand sich der Markierungspunkt nicht einmal bei meinem Haus. Er war beim Restaurant erschienen. Das Paket war an meine Privatadresse adressiert, aber auf der Karte war offenbar eine andere Adresse angegeben. Am Ende telefonierten wir mit dem Kundenservice und versuchten, dem Mitarbeiter zu erklären, wo ich tatsächlich wohne.
Vor fünf Jahren hätte mir derselbe Fahrer das Paket einfach an der Einfahrt übergeben und seinen Arbeitstag fortsetzen können.

Gefangen im Techsystem?

Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich glaube, der Fahrer hätte etwas falsch gemacht. Er tat genau das, was das System von ihm verlangte. Was mich jedoch verblüffte, war, dass ein Punkt auf einem Bildschirm vertrauenswürdiger geworden war als eine Frau, die vor ihm stand – auf ihrem eigenen Grundstück – und einen Ausweis in der Hand hielt, auf dem derselbe Name stand wie auf dem Paket.
Die Technologie, die uns eigentlich helfen sollte, einander zu finden, hatte uns nun voneinander getrennt.
Ein Freund von mir in New York erzählte mir kürzlich von einem Kollegen, der mit dem Auto voll in ein Haus gefahren war. Zu seiner Verteidigung sagte er, das Navi habe die Kurve in der Straße nicht angezeigt und es habe keine Schilder gegeben, die ihn davor gewarnt hätten.
Ich musste immer wieder daran denken.
Seit wann erwarten wir nicht mehr, dass Autofahrer tatsächlich fahren? Dass sie durch die Windschutzscheibe schauen, statt davon auszugehen, dass die Karte bereits alles für sie gesehen hat?
Auf unserer Ranch gibt es eine ähnliche Situation. Unser Grundstück hat mehrere Eingänge, aber nur einer ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Wir haben aus allen Richtungen mehr als 15 Schilder aufgestellt: mit Pfeilen, mit Firmennamen, mit der Aufschrift „Hofladen in Sicht“, „Restaurant kommt gleich“ oder „Sie sind fast da“.
Dennoch fährt fast jede Woche jemand selbstbewusst auf ein verschlossenes Tor einer benachbarten Ranch zu, weil das Handy ihm anzeigt, dass er angekommen ist. Er kann sehen, dass das Tor geschlossen ist. Er kann Schilder sehen, die in eine andere Richtung weisen. Und doch sitzt er da und wartet darauf, dass das Handy seine Meinung ändert.
Wir haben aber auch noch ein ganz anderes Problem. Eine der Karten-Apps leitet die Leute nicht nur zum falschen Tor, sondern sogar zu einem völlig anderen Haus, das fast 6 Kilometer entfernt ist.
Der Hausbesitzer ist verständlicherweise frustriert. Er hat mich wütend angerufen und die Polizei verständigt. Ich habe mich ihm gegenüber unzählige Male entschuldigt. Ich habe dem Unternehmen eine E-Mail geschrieben, mich an den Kundenservice gewandt und Stunden in Onlinechats damit verbracht, zu erklären, dass die Karte falsch ist. Aber ich habe keinen Einfluss auf die Karte. Ich kann den Pin nicht einfach verschieben. Ich bin genauso auf die Technologie angewiesen wie alle anderen auch.

Verschiedene Realitäten

So etwas ist mir auch schon in einem anderen Zusammenhang passiert.
Als ich das Angebot meiner kalifornischen Restaurants von veganer Küche auf tierische Produkte aus regenerativer und lokaler Erzeugung – Fleisch, Eier und Milchprodukte – umstellte, wurden diese auf Google und Yelp aufgrund koordinierter Onlinekampagnen wiederholt als „endgültig geschlossen“ gekennzeichnet.
Die Restaurants waren jedoch nicht geschlossen. Sie waren voller Gäste. Jedes Mal, wenn das geschah, verbrachte ich Tage damit, die Einträge zu korrigieren. Irgendwann wurden sie zwar wiederhergestellt, aber der Schaden war bereits angerichtet. Wenn das Smartphone anzeigt, dass ein Restaurant dauerhaft geschlossen ist, fahren die meisten Menschen nicht extra hin, um zu überprüfen, ob das stimmt. Sie glauben einfach, was auf dem Bildschirm steht.
Die digitale Version der Realität war mächtiger geworden als die Realität selbst.
Ich sage das nicht, weil ich Technologie für schlecht halte. Ich nutze Satellitennavigation (GPS) fast jeden Tag. Auf einer großen Ranch, auf der Gäste, Auftragnehmer, Lieferfahrer und Besucher kommen und gehen, ist sie unglaublich nützlich.
Aber langsam frage ich mich, was passiert, wenn ein Werkzeug mehr als nur ein Werkzeug wird.

Als man noch nach Straßenkarten fuhr …

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es noch kein GPS gab. Wer damals in Los Angeles mit dem Auto unterwegs war, hatte höchstwahrscheinlich irgendwo im Auto einen Straßenführer dabei. Ich jedenfalls hatte einen. Man lernte die Stadt kennen – eine falsche Abzweigung, ein Orientierungspunkt und eine Karte nach der anderen aus diesem Atlas. Irgendwann brauchte man ihn nicht mehr so oft, weil sich die Karte aus dem Buch in den Kopf eingeprägt hatte.
Mein Mann ist zwölf Jahre jünger als ich und hat erst nach mir das Autofahren gelernt. Eines Tages erwähnte ich, dass auf den meisten Straßen die geraden Hausnummern auf der einen Seite und die ungeraden auf der anderen Straßenseite liegen. Wenn man die gesuchte Adresse kennt, weiß man also bereits, auf welche Straßenseite man achten muss. Er sah mich an und gab zu, dass er noch nie darüber nachgedacht hatte. Da wurde mir klar, warum. Wenn man schon immer mit GPS gefahren ist, warum sollte man es dann selbst können? Das Handy weiß es ja, also gab es nie einen Grund, es selbst zu lernen.

Die analoge Navigation funktionierte noch mit Landkarte und Kompass.

Foto: betterinall/iStock

Über Fähigkeiten und Eigenverantwortung

Das ist der stille Preis einer Technologie, die wirklich gut funktioniert. Nicht, dass sie uns im Stich lässt, sondern dass sie so erfolgreich ist, dass wir aufhören, die Fähigkeiten zu entwickeln, die sie still und leise ersetzt.
Es gibt bereits Augmented-Reality-Brillen, die versprechen, digitale Informationen direkt vor unsere Augen zu projizieren. Die Navigation wird dann nicht mehr nur auf dem Armaturenbrett oder in unseren Händen stattfinden, sondern in die reale Welt eingeblendet werden.
Ich weiß nicht genau, wohin das alles führen wird. Vielleicht werden einige dieser Technologien unser Leben verbessern, vielleicht auch nicht. Aber eines ist klar: Wir müssen präsent bleiben und die Kontrolle behalten.
Wir müssen das Auto immer noch selbst fahren. Wir müssen immer noch die Schilder lesen. Und wir müssen immer noch merken, wenn etwas keinen Sinn ergibt. Wir müssen immer noch einem anderen Menschen in die Augen schauen und entscheiden, ob das, was wir vor uns sehen, vertrauenswürdiger ist als das, was uns ein Bildschirm sagt.
Auf einer Ranch kann etwas schiefgehen, wenn man nicht aufpasst. Ein Zaun bricht zusammen. Ein Kalb wird krank. Das Wasser fließt nicht mehr. Verantwortungsbewusstes Handeln beginnt damit, das wahrzunehmen, was direkt vor einem liegt. Und ich glaube nicht, dass das nur auf einer Ranch gilt.
Technologie sollte uns helfen, uns in der Welt zurechtzufinden, und uns nicht die Verantwortung abnehmen, die Welt selbst zu erleben.
Die Kurve in der Straße ist immer noch da. Das geöffnete Restaurant gibt es immer noch. Das richtige Tor befindet sich immer noch dort.
Und auf meiner Ranch gibt es mehr als 15 Schilder, die den Menschen genau den Weg weisen, den sie gehen müssen.
Wir müssen nur daran denken, aufzublicken.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „When Did We Stop Trusting Our Own Eyes?“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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„Genug gearbeitet“ – Kunden: Was interne Müdigkeit nach außen kostet

Kunden merken mehr, als Unternehmen glauben. Sie merken, wenn Aussagen wechseln. Sie merken, wenn Rückmeldungen zäh werden. Sie merken, wenn intern niemand wirklich zuständig ist. Und sie merken, wenn ein Team müde ist, auch wenn alle höflich bleiben.
Interne Müdigkeit wird extern selten als Müdigkeit wahrgenommen. Der Kunde nennt es Unzuverlässigkeit, Unprofessionalität oder mangelnde Aufmerksamkeit. Dabei liegt die Ursache oft nicht im Kundenkontakt selbst, sondern im Innenleben der Organisation.
Ein Unternehmen hatte steigende Reklamationen. Zunächst suchte man den Fehler im Service. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich: Der Vertrieb versprach Dinge, die die Produktion nicht sauber eingeplant hatte. Die Projektleitung wusste zu spät Bescheid. Der Kunde bekam drei Versionen derselben Wahrheit. Der Service musste es ausbaden.
Das Problem war nicht Freundlichkeit. Es war Übergabequalität.
Genug gearbeitet. Genug Energie in Beschwichtigung gesteckt, wenn interne Klarheit die Beschwerde verhindert hätte.
Kundenkontakt braucht innere Ordnung:
  • Wer ist für den Kunden wirklich verantwortlich?
  • Welche Zusagen dürfen gemacht werden?
  • Wo werden Änderungen dokumentiert?
  • Wann bekommt der Kunde einen Zwischenstand, auch wenn noch keine Lösung da ist?
Ein einfacher Satz wirkt oft stärker als Hochglanzservice: „Sie bekommen bis Donnerstag 12 Uhr eine Rückmeldung – auch wenn es nur ein Zwischenstand ist.“ Dieser Satz schafft Verlässlichkeit. Aber nur, wenn intern jemand dafür einsteht.
Kunden erleben Kultur. Wenn intern Schuld geschoben wird, klingt das außen nach Ausrede. Wenn intern sauber geklärt wird, klingt das außen nach Souveränität.
Deshalb lohnt ein wöchentliches Kunden-Review von 20 Minuten.
  • Was war ein guter Kundenmoment?
  • Wo wurde es kritisch?
  • Welche interne Ursache steckt dahinter?
  • Was ändern wir konkret?
Dieses Format ist keine Servicekosmetik. Es ist Organisationsentwicklung am Kunden entlang.
Gerade Unternehmer, die viel selbst retten, sollten aufmerksam werden. Wenn Kunden nur zufrieden sind, weil der Chef persönlich nacharbeitet, ist das kein Qualitätsbeweis. Es ist ein Engpass.
Genug gearbeitet. Welche Kundenbeschwerde wäre vermeidbar gewesen, wenn intern früher entschieden, sauberer übergeben oder klarer kommuniziert worden wäre?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Genies Geheimnis: Johann Sebastian Bachs musikalischer „Symbolismus“

Bachs Genie ist zugleich sein größtes Geheimnis. Johann Sebastian Bach hinterließ keine persönlichen Briefe, die Einblick in sein Privatleben gewähren, und kein Tagebuch, das seinen Kompositionsprozess erklärt.
Historiker suchen bis heute in seinen Werken nach verborgenen Botschaften. Manche vermuten numerische Muster, andere erkennen darin theologische Hinweise. Doch offenbaren diese Entdeckungen tatsächlich eine tiefere Bedeutung – oder sind sie lediglich das Produkt allzu fantasievoller Interpretationen?

Porträt von Johann Sebastian Bach, deutschem Organisten und Barockkomponisten, (1685–1750). Stich und Druck von Weger aus Leipzig, Mitte 19. Jahrhundert, nach einem Gemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1746.

Foto: FierceAbin/iStock

Ein Geburtstagslied für den Herzog

Als junger Mann war Bach Hoforganist von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar. Zu dessen 52. Geburtstag im Jahr 1713 komponierte Bach eine Arie. Dieses Werk, BWV 1127, enthält zu Ehren seines Gönners ein wiederkehrendes Grundthema mit 52 Tönen.
Als weitere versteckte Anspielung ergeben die Anfangsbuchstaben des dritten Wortes in der zweiten Zeile jeder Strophe zusammengenommen den Namen des Herzogs.
Diese raffinierte Komposition blieb bis 2005 unbekannt. Ein Forscher entdeckte sie in einer Kiste mit Dokumenten aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

Zehn Gebote, zehn Melodien

Im Eingangschor der Kantate 77 integriert Bach ein Werk von Martin Luther, „Dies sind die heil’gen zehn Gebot“, auf eine Weise, die viele als theologisch-symbolisch interpretiert haben.
Hier setzt zehnmal eine Trompete ein und spielt zehn verschiedene musikalische Phrasen aus dem Hymnus, die jeweils ein Gebot symbolisieren. Der Titel des Chors, „Du sollst Gott, deinen Herren, lieben“, stammt, wie auch der Text, den der Chor singt, aus dem Lukasevangelium.
Die Trompete symbolisiert das Gesetz des Alten Testaments und rahmt das neutestamentliche Gebot des Chors ein, Gott und den Nächsten zu lieben.

Moses bei der Verkündung der Zehn Gebote. Stich, Ende 16. Jahrhundert.

Die Dreifaltigkeit

Viele heben die besondere Symbolik in Bachs Präludium und Fuge in Es-Dur (BWV 552) hervor, die den Anfangs- und Schlusssatz seiner „Clavier-Übung III“ oder Deutschen Orgelmesse bilden.
Laut dem Organisten und Nobelpreisträger Albert Schweitzer sei die Tripelfuge des Werkes „ein Symbol der Dreifaltigkeit“. Schweitzer bemerkte, dass die erste Fuge „ruhig und majestätisch“ sei und die „gleichförmige“ Bewegung den Vater darstelle.
Die zweite Fuge verschleiere das Thema, das „nur gelegentlich in seiner wahren Gestalt erkennbar ist, als wolle man andeuten, dass das Göttliche eine irdische Form annimmt“ – den Sohn.
In der dritten Fuge werde das Thema durch raschen Kontrapunkt transformiert. Die Themen überlagern sich im Verlauf des Werkes und deuten so die Vereinigung von Vater und Sohn im Heiligen Geist an.

Tafelbild „Heilige Dreifaltigkeit“ in der Wegkapelle bei Irlahüll, Oberbayern.

Foto: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Symbol des Kreuzes

Das Wohltemperierte Klavier (BWV 849) enthält unter anderem die fünfstimmige Fuge in cis-Moll. Sie zeichnet sich durch zwei entgegengesetzte Melodielinien aus, die sich schließlich zu einem Kreuz vereinen.
Die visuelle Kontur dieses Kreuzmotivs im Notensystem korrespondiert mit seinem dissonanten Klang und vermittelt so einen Zustand der Qual. Dieses musikalische Motiv findet sich auch in der Matthäus-Passion, genauer im Chor „Er soll gekreuzigt werden“.

Name von mystischer Bedeutung

Unsere letzte numerische Erscheinungsform ist die außergewöhnlichste von allen. Wenn die Buchstaben BACH in Zahlen umgewandelt werden, die dem Alphabet entsprechen (A=1, B=2, C=3, H=8), ergibt die Summe 14. „JS BACH“ hat den Zahlenwert 41.
Diese Zahlen tauchen in Bachs Werken immer wieder als Kryptogramm auf. In mehreren Stücken, wie dem Brandenburgischen Konzert Nr. 2 (BWV 1047) und der Sinfonia in f-Moll (BWV 795), erscheint sein Name als musikalische Signatur, wobei die Note b für den Buchstaben B und h für H steht.
Im Jahr 1726 begann er mit der Veröffentlichung der sechs Partiten, die den ersten Teil seiner „Clavier-Übung“ bilden. Er war 41 Jahre alt, und das Werk umfasst 41 Sätze.

Titelseite der „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach.

Die Numerologie erscheint in „Die Kunst der Fuge“ mit schwindelerregender Komplexität.
In seinem Buch „Rethinking JS Bach’s ‚The Art of Fugue’“ (auf deutsch etwa: „,Die Kunst der Fuge“‘ von J. S. Bach neu betrachtet“) stellte Anatoly Milka, Professor für Musikwissenschaft am Staatlichen Rimski-Korsakow-Konservatorium in Sankt Petersburg und an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, etwas Bemerkenswertes fest: Die beiden Originalmanuskriptseiten der Fuge IV erzeugen, wenn sie zusammengelegt werden, einen visuellen Effekt, der einem Ambigramm ähnelt, eine Art Rätsel, das aus verschiedenen Perspektiven betrachtet eine jeweils andere Bedeutung annimmt.
Zunächst einmal besteht das Hauptthema der Sammlung, das hier erstmals als Melodie erscheint, aus 14 Noten. Milka entdeckte außerdem, dass, wenn man die beiden Seiten im Querformat liest, der üblicherweise als Takt 41 gelesene Takt zu Takt 14 wird. Darüber hinaus enthält dieser Takt 14 Noten, und die Buchstaben der ersten Noten im oberen Teil des Taktes ergeben das Alphabet BACH.
Ist das alles Zufall? Milka räumt diese Möglichkeit ein, sagt aber dennoch, dass es einfach zu viele Zeichen konzentriert auf einer Stelle gebe, als dass man von einem Zufall ausgehen könne.
Obwohl die Bedeutung dieser Zahlen für Bach unbestritten ist, bleiben Fragen nach ihrer genauen Bedeutung offen. Für manche sind sie lediglich ein spielerisches kleines Rätsel, das er in seine Werke einfließen ließ.
Für den Musikhistoriker Hans Heinrich Eggebrecht besitzt Bachs Selbstbezug in seiner eigenen Musik jedoch kosmische Bedeutung. Eggebrecht hebt den Zusammenhang zwischen dem Bach-Thema, das im letzten Satz der „Kunst der Fuge“ wiederkehrt, und dem unvollendeten Charakter des Werkes hervor, da es kurz vor dem Tod des Komponisten entstand.
So wollte Bach, laut Eggebrecht, mit der Verwendung seines Namens nicht hervorheben, dass er dies komponiert habe, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass er mit der Tonika – dem Grundton der Tonart – verbunden sei. Denn die Tonart d-Moll vereine das Werk mit Gott (Deo).
Er sah in Bach jemanden, der nach Vereinigung mit seinem Schöpfer strebte.

Auftritt der Skeptiker

Abgesehen von Beispielen mit einem konkreten musikalischen Zweck, wie etwa dem Geburtstag des Herzogs von Weimar, werden Behauptungen über eine tiefere Symbolik in den Werken des Komponisten von Kritikern oft zurückgewiesen.
Für den Musikwissenschaftler und Bach-Spezialisten Peter Williams ist das Kreuzmotiv lediglich ein Zufall, der eine gängige Kombination von Noten darstellt, und die Melodien der Zehn Gebote in der Kantate Nr. 77  sind für ihn eine einfache Anspielung, jedoch kein subtiler theologischer Hinweis.

Das autographe Manuskript des Eröffnungschors der Kantate „Du sollt Gott, deinen Herren, lieben“ (BWV 77) von Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 1723.

Fehlende Beweise sind jedoch kein Beweis für die Abwesenheit. Die vielleicht gewagteste Vermutung von allen ist, dass Bach – ein tief religiöser Mensch, der sich offensichtlich an Zahlenspielen und Rätseln erfreute – seine Musik niemals symbolisch strukturierte.
Was die Bedeutung sein könnte, erscheint ziemlich offensichtlich: Bach wollte Gott durch seine Musik preisen und um dies zu erreichen, strukturierte er seine Kompositionen auf tiefgründige Weise. Mehr noch – statt Bedeutung in der Musik zu verbergen, verlieh er der Musik Bedeutung.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Bach’s Musical Symbolism“. (redaktionelle Bearbeitung: so)
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Immer mehr Medikamente – Aber werden wir auch gesünder?


In Kürze:

  • Noch nie wurden so viele Medikamente verschrieben wie heute. Versicherte der Techniker Krankenkasse erhielten 2025 im Schnitt 292 Tagesdosen.
  • Zahlreiche Arzneimittel lindern gezielt Beschwerden oder verhindern Komplikationen – und schaffen durch Wechselwirkungen untereinander neue.
  • 2021 hat fast jeder zweite gesetzlich Versicherte ab 65 Jahren mindestens ein potenziell ungeeignetes Arzneimittel erhalten.
  • Das Bundesgesundheitsministerium ging im April 2026 von jährlich rund 250.000 Krankenhauseinweisungen infolge von Medikationsfehlern aus.
  • Veränderung ist möglich aber unbequem: Sie verlangt täglich neue Entscheidungen, zeigt sich oft aber erst nach Wochen oder Monaten.

 
Die Techniker Krankenkasse (kurz TK) meldete Anfang August einen neuen Höchstwert. Im Jahr 2025 bekamen die bei ihr versicherten Erwerbspersonen rund 34,3 Millionen Arzneimittelpräparate verschrieben. Insgesamt waren das 2,036 Milliarden Tagesdosen. Durchschnittlich entfielen damit 292 Tagesdosen auf jeden Versicherten.
Diese Auswertung betrifft wohlgemerkt Menschen im Erwerbsleben. Bewohner von Pflegeheimen und ein großer Teil der hochbetagten Patienten sind darin nicht enthalten. Gegenüber dem Vorjahr stieg das Verordnungsvolumen erneut um 2,6 Prozent. Bei den Herz-Kreislauf-Medikamenten hat sich die Zahl der Tagesdosen seit dem Jahr 2000 sogar um 129 Prozent erhöht.
Die TK nennt das einen Verordnungsrekord. Man kann dies als eine umfassende moderne medizinische Versorgung verkaufen. Schließlich gibt es heute für viele Erkrankungen wirksame Arzneimittel, die Beschwerden lindern, Komplikationen verhindern und Leben retten. Eine Frage bleibt trotzdem offen: Werden die Menschen dadurch gesünder?
Ein gesenkter Blutdruck gilt als Behandlungserfolg. Das gilt ebenso für einen besser eingestellten Blutzucker oder eine „beherrschte Entzündung“. Doch ein günstigerer Messwert beweist noch nicht, dass die Ursache einer Erkrankung beseitigt wurde. Der Patient kann laut Laborbericht gut eingestellt sein und sich dennoch keinen einzigen Tag gesund fühlen.

Polypharmazie und ihre Nebenwirkung

Hinzu kommt das Problem der Polypharmazie. Üblicherweise wird davon gesprochen, wenn ein Patient dauerhaft fünf oder mehr Medikamente einnimmt. Bei älteren und chronisch kranken Menschen sind acht, zehn oder noch mehr Präparate längst keine Seltenheit.
Wie ernst dieses Problem genommen werden muss, zeigt etwa die PRISCUS-Liste. Sie erfasst Arzneimittel, die bei Menschen ab 65 Jahren als potenziell ungeeignet gelten. Die aktuelle Fassung PRISCUS 2.0 enthält 177 Wirkstoffe und Wirkstoffklassen. Dazu gehören bestimmte Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Schmerzmittel, Muskelrelaxantien und weitere häufig eingesetzte Präparate.
Teilweise werden auch eine zu hohe Dosis oder eine zu lange Einnahmedauer problematisch. Protonenpumpenhemmer gelten beispielsweise bei einer Behandlungsdauer von mehr als acht Wochen als potenziell inadäquat.
Die PRISCUS-Liste ist keine Verbotsliste. Ein dort aufgeführtes Medikament kann im Einzelfall notwendig und sinnvoll sein. Es sollte jedoch besonders sorgfältig geprüft werden, ob Nutzen, Dosierung und Behandlungsdauer noch stimmen und ob eine verträglichere Alternative infrage kommt.
Die Verordnungswirklichkeit ist indes ernüchternd. Nach einer Auswertung von Abrechnungsdaten hatte 2021 fast jeder zweite gesetzlich Versicherte ab 65 Jahren mindestens ein potenziell ungeeignetes Arzneimittel erhalten. Polypharmazie bedeutet deshalb mehr, als „nur“ eine lange Liste auf dem Medikamentenplan. Sie kann zu einem eigenständigen Gesundheitsrisiko werden.

Patienten in der Medikamente-Wechselwirkung-Spirale

Wie sieht es denn in der Praxis aus? Der Internist behandelt die Herzerkrankung. Der Diabetologe kümmert sich um den Blutzucker. Der Orthopäde verordnet etwas gegen die Schmerzen. Der Psychiater behandelt Depressionen. Beim Hausarzt laufen die verschiedenen Verordnungen schließlich zusammen – sollten sie zumindest. Er soll den Überblick behalten, obwohl sein Wartezimmer voll ist und für den einzelnen Patienten nur begrenzt Zeit zur Verfügung steht.
Mit jedem zusätzlichen Präparat steigt die Zahl möglicher Wechselwirkungen. Auch die Gefahr einer Verordnungskaskade wächst. Dabei wird die Nebenwirkung eines Arzneimittels als neues Krankheitszeichen gedeutet und mit einem weiteren Mittel behandelt.
Beispiel: ein Medikament verursacht Schwindel, Wassereinlagerungen, Verstopfung, Müdigkeit oder Schlafprobleme. Statt die bestehende Medikation zu überprüfen, kommt eine neue Diagnose hinzu. Darauf folgt das nächste Rezept. Auf diese Weise wächst ein Medikamentenplan über Jahre, ohne dass dabei jemand leichtfertig oder mit böser Absicht gehandelt haben muss.

58.000 arzneimittelbedingte Todesfälle

Dass diese Risiken keineswegs theoretisch sind, zeigte bereits der Pharmakologe Professor Jürgen C. Frölich. Im Jahr 2003 errechnete er gemeinsam mit einem Kollegen auf Grundlage einer norwegischen Krankenhausstudie für Deutschland bis zu 58.000 Todesfälle durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen im stationären internistischen Bereich.
Die Zahl war eine Hochrechnung und wurde damals kontrovers diskutiert. Beunruhigend war vor allem der Befund, dass ungefähr die Hälfte dieser Todesfälle als potenziell vermeidbar galt. Nur etwa sechs Prozent der arzneimittelbedingten Todesfälle waren von den behandelnden Ärzten als solche erkannt worden.
Mehr als zwei Jahrzehnte später ist das Problem genauso aktuell. Das Bundesgesundheitsministerium ging im April 2026 von schätzungsweise 250.000 Krankenhauseinweisungen jährlich infolge von Medikationsfehlern aus. Viele dieser Fälle seien vermeidbar.
Die Bundesregierung beschloss dann einen neuen Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit. Aktionspläne sind immer gut und signalisieren „man ist bemüht“. Eine Frage bleibt aber: Warum lässt sich ein so offensichtliches Problem so schwer lösen?

Dilemma der Ärzte

Zur Rettung der Ärzteschaft muss man sagen: Ihnen sind in vieler Hinsicht die Hände gebunden. Eine sorgfältige Überprüfung eines umfangreichen Medikamentenplans benötigt Zeit. Sämtliche Präparate müssen erfasst, Dosierungen kontrolliert und mögliche Wechselwirkungen geprüft werden. Alter, Gewicht, Nierenfunktion, Leberleistung und weitere Erkrankungen sind ebenfalls zu berücksichtigen.
Eine solche Prüfung lässt sich bei einem multimorbiden Patienten kaum zwischen Tür und Angel erledigen. Genau das verlangt der Praxisalltag jedoch häufig. Patienten müssen versorgt, Befunde dokumentiert, Anträge bearbeitet und zahlreiche gesetzliche Vorgaben erfüllt werden.
Dazu kommen dann die medizinischen Leitlinien. Formal sind Leitlinien keine Gesetze. In der Praxis beschreiben sie jedoch den anerkannten Behandlungsstandard. Ein Arzt, der von ihnen abweicht, sollte dafür gute Gründe haben und diese dokumentieren können. Wer die „Leitlinien-Therapie“ verordnet, befindet sich fachlich und rechtlich meist auf sichererem Boden.
Daraus entsteht ein merkwürdiges Leitlinienparadox. Jede einzelne Erkrankung wird korrekt nach ihrer jeweiligen Leitlinie behandelt. Der Patient mit fünf Krankheiten erhält am Ende fünf „korrekte“ Behandlungen, die aber zusammen ein kaum noch beherrschbares Problem bilden können.

Was Sie tun können

Auch die Patienten tragen ihren Teil zur Entwicklung bei. Das ist keine moralische Anklage. Wer krank ist, sucht einen Fachmann auf und erwartet Hilfe. Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, möchte ich es repariert zurückbekommen. Ich möchte vorher keinen Grundkurs in Fahrzeugelektrik absolvieren. Ähnlich ergeht es dem Patienten. Er geht zum Arzt, weil dieser Medizin studiert hat. Kaum jemand hat neben Beruf und Familie die Zeit, sich durch Leitlinien, Beipackzettel, Fachartikel und Wechselwirkungsdatenbanken zu arbeiten.
Der Vergleich hat allerdings eine Grenze. Das Auto fährt nach der Reparatur „allein“ weiter. Der menschliche Körper hängt auch nach dem Arztbesuch davon ab, wie sein Besitzer lebt und ob die Ursachen überhaupt abgestellt wurden, die zur Erkrankung oder den Schmerzen geführt haben.
Die Grundregeln – nicht nur der Naturheilkunde – dürften hinlänglich bekannt sein: ausreichende Bewegung, vernünftige Ernährung, guter Schlaf, weniger (besser gar kein) Alkohol, kein Nikotin, ein gesundes Körpergewicht und ein angemessener Umgang mit Stress. Das alles könnte bei zahlreichen chronischen Erkrankungen einen erheblichen Unterschied machen.
Die Umsetzung ist allerdings unbequem. Eine Tablette einzunehmen, dauert wenige Sekunden. Das eigene Verhalten zu verändern, verlangt täglich neue Entscheidungen. Und der Nutzen zeigt sich oft erst nach Wochen oder Monaten.

Bequeme Medikamente statt Arbeit

Vielleicht sehen wir deshalb im Fernsehen so viele medizinische Jubelgeschichten über neue Medikamente, Operationsroboter und spektakuläre Eingriffe. Solche Berichte liefern eindrucksvolle Bilder. Ein schwer kranker Mensch wird behandelt und kann wenige Tage später die Klinik verlassen.
Evidenzbasierte Naturheilkunde ist weniger fernsehtauglich. Regelmäßiges Krafttraining, Gewichtsreduktion, Schlafverbesserung, eine sinnvoll zusammengestellte Ernährung, gezielt eingesetzte Heilpflanzen oder die Korrektur eines nachgewiesenen Vitalstoffmangels ergeben keine dramatischen Fernsehbilder. Außerdem verlangen sie Mitarbeit.
Vielleicht wollen viele Menschen solche Sendungen gar nicht sehen. Die Botschaft könnte lauten, dass Gesundheit auch etwas mit der eigenen Lebensführung zu tun hat. Das klingt erheblich anstrengender als die Aussicht auf ein neues Präparat.

Wer profitiert am Ende?

Und dann wäre da noch die Industrie. An einer dauerhaft eingenommenen Tablette lässt sich mehr verdienen als an einem täglichen Spaziergang. Das klingt schnell nach Verschwörung und der „bösen Pharmaindustrie“. Dafür benötigt es jedoch keine Verschwörung.
Pharmaunternehmen sind Wirtschaftsunternehmen, stehen unter Renditedruck und sind auch den Erwartungen ihrer Aktionäre verpflichtet. Prävention und die Vermeidung unnötiger Dauerverordnungen berühren bestehende Märkte und wirtschaftliche Interessen. Wer daran etwas ändern möchte, muss mit Gegenwind rechnen.
Ein sinnvolles Gesundheitssystem müsste seinen Erfolg daher anders messen. Entscheidend wäre nicht allein, wie viele Menschen behandelt werden. Interessanter wäre, wie viele nach einigen Jahren weniger Medikamente benötigen, belastbarer geworden sind und ihre Stoffwechsellage verbessert haben. Die 292 Tagesdosen je erwerbstätigem Versicherten erzählen nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte betrifft jeden von uns.

Fazit: Eine Frage kann helfen

Wie wollen Sie es künftig halten? Reicht es Ihnen, wenn Ihre Werte mit immer mehr Medikamenten einigermaßen stimmen? Oder möchten Sie wissen, weshalb Ihr Körper diese Unterstützung überhaupt benötigt und was Sie selbst verändern können?
Medikamente sollten niemals eigenmächtig abgesetzt werden. Fragen darf man trotzdem. Vielleicht wäre die wichtigste beim nächsten Arztbesuch: Benötige ich dieses Mittel noch? Und was kann ich tun, damit ich es eines Tages nicht mehr benötige?
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„Geh nach Westen, junger Mann“: Der Ruf des Yellowstone-Nationalpark hallt durch Generationen

YELLOWSTONE, Wyoming – Das gleichmäßige „Wisch-Wisch“ der Scheibenwischer war trotz des unaufhörlichen Prasselregens auf der Windschutzscheibe zu hören, während sich das Auto langsam dem Eingang des Yellowstone-Nationalpark näherte.
Das Erreichen der Parkgrenze war nur ein kurzlebiger Erfolg.
​Schon wenige Meilen innerhalb des Parks staute sich der Verkehr erneut auf der zweispurigen Straße, weil die Besucher neugierig am Straßenrand nach Bisons Ausschau hielten. Auch Sichtungen von Elchen und Bären führten im gesamten Park zu ähnlichen Verkehrsbehinderungen.

Ganz schön gefährlich …

​Der Westeingang verläuft parallel zum Madison River, der bei jedem Wetter herrlich anzusehen ist. Riesige Felsbrocken liegen malersich an seinen Ufern verstreut, sodass man sich leicht vorstellen kann, wie legendäre Riesen aus alter Zeit sie genau so angeordnet haben.
​Hier ist es kurz vor Sommeranfang kalt, die Temperaturen liegen unter zehn Grad Celsius, der Himmel ist regenschwer. Nebel verhüllt saftig grünes Gras und einen rauschenden, indigoblauen Fluss – erhaben in seiner traumhaften Schönheit.
​Doch diese wilde Landschaft kann ebenso gefährlich wie schön sein. Berichte über Angriffe von Bären und Bisons sowie über Besucher, die durch Geysire, Schlammtöpfe oder heiße Quellen starben oder schwere Verbrennungen erlitten, unterstreichen die Gefahren des Parks.
​Yellowstone, eine zeitlose Kathedrale der Natur, flüstert den Besuchern zu: So war es einst. So sollte es bleiben.

Der Pioniergeist einer Nation

​Während Amerika sein 250-jähriges Bestehen feiert, erinnert Yellowstone an den Pioniergeist der Nation.
​Daniel Williams, ein Parkbesucher aus Arizona, erklärte dies gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times folgendermaßen: „Das Nationalparksystem passt wirklich gut zu der Freiheit, die wir in Amerika haben, zu reisen, Abenteuer zu erleben, dieses Land frei zu durchqueren und all das zu sehen, was es zu bieten hat.“
​Vor etwa 150 Jahren beflügelte die Pracht des Yellowstone die Fantasie der Nation.
(Links) Autos fahren am 31. Mai 2026 auf der Panoramastraße zwischen Canyon Village und Tower-Roosevelt im Yellowstone-Nationalpark. (Mitte) Ein Regenbogen erscheint am 31. Mai 2026 durch eine Wolkenlücke im Yellowstone-Nationalpark. (Rechts) Ein Bison überquert am 31. Mai 2026 die US 212 im Yellowstone-Nationalpark. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

(Links) Autos fahren am 31. Mai 2026 auf der Panoramastraße zwischen Canyon Village und Tower-Roosevelt im Yellowstone-Nationalpark. (Mitte) Ein Regenbogen erscheint am 31. Mai 2026 durch eine Wolkenlücke im Yellowstone-Nationalpark. (Rechts) Ein Bison überquert am 31. Mai 2026 die US 212 im Yellowstone-Nationalpark.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

„Go West, young man“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein beliebter Spruch. Die Amerikaner glaubten an das „Manifest Destiny“, dass sich ihre Nation von Meer zu Meer erstrecken sollte.
Im Jahr 1872 wurde der Yellowstone zum ersten Nationalpark Amerikas und der Welt, nachdem Präsident Ulysses S. Grant den „Yellowstone National Park Protection Act“ unterzeichnet hatte.

Roosevelts Campingtour im Park

Doch es war Präsident Teddy Roosevelt, der den Park 1903 bekannt machte. Der als Großwildjäger bekannte Präsident ließ Reporter und den Großteil seines Gefolges zurück, um zwei Wochen lang im Park zu zelten. Eine kleine Abteilung von Soldaten der US-Kavallerie begleitete ihn, zusammen mit Parkführern, einem Naturforscher und dem Parkleiter.
Roosevelt staunte über den Reichtum an Wildtieren und bestand einmal darauf, allein wandern zu gehen, um eine Elchherde, die er am Vortag gesichtet hatte, aus nächster Nähe zu betrachten. Es gelang ihm, bis auf 50 Yards (etwa 46 Meter) an sie heranzukommen; anschließend kehrte er zum Lager zurück und hatte damit eine 18-Meilen-Solo-Wanderung (rund 29 Kilometer) durch die Wildnis absolviert.
​Das Nationalparksystem nimmt in der amerikanischen Seele einen besonderen Platz ein. Diese weiten, offenen Landschaften stehen für den ungebrochenen Individualismus der amerikanischen Vorfahren.
Heute umfasst der Park rund 8.900 Quadratkilometer Fläche und ist damit fast halb so groß wie das Bundesland Sachsen. Er nimmt einen beträchtlichen Teil des Nordwestens von Wyoming ein und erstreckt sich von dort bis nach Montana und Idaho.
Eine Karte zeigt den Yellowstone-Nationalpark und seine Umgebung. Der Park umfasst mehr als 3.400 Quadratmeilen. Foto: jldeines/iStock

Eine Karte zeigt den Yellowstone-Nationalpark und seine Umgebung. Der Park umfasst mehr als 3.400 Quadratmeilen.

Foto: jldeines/iStock

Seit 2015 besuchen jährlich mehr als vier Millionen Menschen aus aller Welt den Park – mit Ausnahme des Pandemie-Jahres 2020 während COVID-19. In den besucherstärksten Monaten – Juli und August – können bis zu eine Million Besucher gezählt werden.
Das amerikanische Nationalparksystem, das mit dem Yellowstone begann, umfasst mittlerweile insgesamt 63 Parks im ganzen Land. Zuletzt kam der New River Gorge National Park in West Virginia hinzu.
Der Roosevelt-Bogen ragt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark majestätisch empor. Das 15 Meter hohe Denkmal am Nordeingang wurde 1903 von Präsident Theodore Roosevelt eingeweiht. Foto: Bobby Sanchez /Epoch Times

Der Roosevelt-Bogen ragt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark majestätisch empor. Das 15 Meter hohe Denkmal am Nordeingang wurde 1903 von Präsident Theodore Roosevelt eingeweiht.

Foto: Bobby Sanchez /Epoch Times

„Feuer und Schwefel“

Amerika war gerade erst etwas mehr als 30 Jahre alt, als sich „Mountain Man“ John Colter in die Wildnis wagte, um Pelze zu jagen. Schließlich erreichte das einstige Mitglied der Lewis-und-Clark-Expedition die Yellowstone-Region.
Colters Abenteuer könnten direkt aus dem Drehbuch des Films „The Revenant – Der Rückkehrer“ aus dem Jahr 2015 stammen. Einmal, nachdem er von einer Gruppe der Blackfeet gefangen genommen worden war, wurde er nackt ausgezogen und musste um sein Leben rennen, während Krieger ihn verfolgten. Er schaffte es zu überleben, indem er sich unter einem Floß aus Treibholz im Fluss versteckte.
Im Winter 1807–1808 machte er sich allein auf den Weg, um Handelsbeziehungen mit dem Stamm der Crow aufzubauen. Sein Weg führte ihn zum Yellowstone-See, wo es heiße Quellen und Geysire gibt. Wissenschaftler stufen den Yellowstone heute als Supervulkan ein, der bei einem Ausbruch genug Partikel in die Atmosphäre schleudern könnte, um einen vulkanischen Winter auszulösen.
Für frühe Besucher wirkte es surreal, ein Land aus „Feuer und Schwefel“, so Colter, der erste Weiße, der das Gebiet erkundete. Zeitgenossen spotteten über seine Beschreibung und taten sie als Lügengeschichte ab.
Ein Schild warnt Besucher im Yellowstone-Nationalpark am 31. Mai 2026 davor, auf den Wegen zu bleiben, wenn sie hydrothermale Stätten besichtigen. Berichte über Bären- und Bisonangriffe sowie über Besucher, die an Geysiren, Schlammtöpfen oder heißen Quellen starben oder schwere Verbrennungen erlitten, unterstreichen die Gefahren des Parks. Foto: Darlene McCormick Sanchez/Epoch Times

Ein Schild warnt Besucher im Yellowstone-Nationalpark am 31. Mai 2026 davor, auf den Wegen zu bleiben, wenn sie hydrothermale Stätten besichtigen. Berichte über Bären- und Bisonangriffe sowie über Besucher, die an Geysiren, Schlammtöpfen oder heißen Quellen starben oder schwere Verbrennungen erlitten, unterstreichen die Gefahren des Parks.

Foto: Darlene McCormick Sanchez/Epoch Times

Andere folgten Colter. Im Jahr 1869 war die Cook–Folsom–Peterson-Expedition die erste organisierte, privat finanzierte Gruppe, die das Gebiet kartografierte.
Doch viele blieben skeptisch.
Charles Cook schickte einen Bericht über die Reise an das „Lippincott’s Magazine“ in Philadelphia, das antwortete: „Vielen Dank, aber wir drucken keine Fiktion.“
Cooks Expedition führte 1870 zur Washburn-Langford-Doane-Expedition und ein Jahr später zur Hayden-Geologischen Vermessung. Die Hayden-Expedition von 1871 war die erste staatlich finanzierte Erkundung und wissenschaftliche Vermessung des Yellowstone.
​Die Route der Expedition führte das 32-köpfige Team zum Yellowstone River, dem sie bis zu den Tower Falls folgten. Sie reisten auch ins Lamar Valley, bevor sie nach Westen in Richtung des Grand Canyon of the Yellowstone abbogen, der von dem gleichnamigen Fluss geformt wurde.
​Der Geologe Ferdinand Hayden nahm Fotografen und Maler mit, um die Region zu dokumentieren und die Bundesregierung von ihrer Legitimität und Einzigartigkeit zu überzeugen. Dies führte dazu, dass der Yellowstone zum ersten Nationalpark wurde.
Mitglieder des US-amerikanischen Hayden Geological Survey essen am 24. August 1870 in ihrem Lager in Red Buttes, Wyoming-Territorium, zu Mittag. Am Tisch, dem Betrachter zugewandt, sitzt der Geologe Ferdinand Vandeveer Hayden; rechts daneben der offizielle Fotograf des Surveys, William Henry Jackson. Die von Hayden geleitete Gruppe erkundete die Region im Nordwesten Wyomings, die später zum Yellowstone-Nationalpark wurde. Foto: ACME / AFP via Getty Images

Mitglieder des US-amerikanischen Hayden Geological Survey essen am 24. August 1870 in ihrem Lager in Red Buttes, Wyoming-Territorium, zu Mittag. Am Tisch, dem Betrachter zugewandt, sitzt der Geologe Ferdinand Vandeveer Hayden; rechts daneben der offizielle Fotograf des Surveys, William Henry Jackson. Die von Hayden geleitete Gruppe erkundete die Region im Nordwesten Wyomings, die später zum Yellowstone-Nationalpark wurde.

Foto: ACME / AFP via Getty Images

​Wintervergnügen Ende Mai

​Unterhalb des Mount Washburn tobte die Schlacht. Die Kinder schrien vor Freude, als sie am letzten Tag im Mai auf dem Parkplatz nahe dem Dunraven Pass herumtollten und lachende Erwachsene mit Schneebällen bewarfen.
​Der Winter lacht den Sommer im Yellowstone aus, wohl wissend, dass die Wärme der Sonne bald schwinden wird. Am Fuß des Wanderwegs lag die Temperatur um vier Grad Celsius. Der Gipfel des Mount Washburn ragt noch mehr als 600 Meter höher empor.
​Als Kevin Silvestrini-Cordero und Michelle O’Keeffe im späten Frühling auf einem Wanderweg den Berg hinaufgingen, begann es zu schneien.
​Reste des Winterschnees lagen noch auf dem Weg und machten ihn stellenweise tückisch. Dann klärte der Himmel wieder auf, während noch einige große Flocken die Wipfel der Kiefern küssten  – ein wunderschöner Anblick.
​Es war der erste Ausflug des Paares in den Park. Sie befanden sich auf einer Reise, bei der sie mehr von Amerika sehen wollten.
​„Ich habe das Gefühl, dass der Yellowstone-Nationalpark wirklich alles vereint“, sagte Silvestrini-Cordero gegenüber der Epoch Times und fügte hinzu, dass es einer der schönsten Orte der Welt sei.
Silvestrini-Cordero sagte, ihr Besuch im ersten Nationalpark der Nation habe sie beide noch stolzer gemacht, Amerikaner zu sein.
Als sie etwa eine Meile vom Ausgangspunkt des Wanderwegs entfernt fuhren, glaubte das Paar aus New Jersey, einen schwarzen Wolf gesehen zu haben. Als sie umdrehten, um genauer hinzuschauen, war er verschwunden – in den Schatten versunken.
In dieser Höhe erfüllt der Duft frischer Kiefern die kühle Luft, und der Wald ist so tief und dunkel wie in einem Märchen.
Die Stille des Waldes weckt Erinnerungen an Lagerfeuergeschichten von Ungeheuern mit lodernden gelben Augen und fernem Heulen in der Nacht.
Ganz in der Nähe des Aussichtspunkts der Washburn Hot Springs hielt der Pensionär Michael Melton aus Georgia an. Ein schneidender Wind fegte über die Ausflügler hinweg, was Melton zu der Bemerkung veranlasste, es sei ein schöner Ort für einen Besuch, während er sich nach den 27 Grad Wärme zu Hause sehnte.
„Wunderschön. Es ist einfach ein wunderschöner Ort für einen Besuch“, sagte er gegenüber der Epoch Times.
Der 67-jährige Michael Melton aus Georgia lacht, als er am 31. Mai 2026 im Yellowstone-Nationalpark eine Geschichte erzählt. Melton durchquerte Yellowstone im Rahmen einer großen Rundreise durch die USA, die ihn über Branson (Missouri), den Nordwesten der USA, den Grand Canyon und das Monument Valley an der Grenze zwischen Arizona und Utah führte. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Der 67-jährige Michael Melton aus Georgia lacht, als er am 31. Mai 2026 im Yellowstone-Nationalpark eine Geschichte erzählt. Melton durchquerte Yellowstone im Rahmen einer großen Rundreise durch die USA, die ihn über Branson (Missouri), den Nordwesten der USA, den Grand Canyon und das Monument Valley an der Grenze zwischen Arizona und Utah führte.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Yellowstone stand auf seiner Wunschliste, als er quer durch Amerika reiste. Er machte eine große Rundreise durch das Land – über Branson in Missouri, den Nordwesten, den Grand Canyon und das Monument Valley – all die Orte, die er schon als Kind sehen wollte.
Ebenso freute er sich darauf, Orte wie Tombstone zu sehen, „wo John Wayne all die alten Schwarzweißfilme gedreht hat“.
​Die heißen Quellen und Schlammgruben, die er im Yellowstone sah, beeindruckten ihn sehr.
​„Ich habe mich immer gefragt, was der erste Mensch wohl über diese Schlammgruben hier gedacht hat“, sagte er.
​Melton vermutete, dass der erste Mensch, der diese nach Schwefel riechenden heißen Quellen erblickte, vielleicht befürchtet hatte, der Teufel sei hinter ihm her.
​„Der hat wohl gedacht, er ist gestorben und in der Hölle gelandet oder so“, scherzte Melton.
Melton war froh, dass die amerikanischen Gründerväter es für angebracht hielten, Teile des Landes zu erhalten, damit sich jeder daran erfreuen kann. Er wies darauf hin, dass das Okefenokee National Wildlife Refuge nicht allzu weit von seinem Zuhause in Georgia entfernt sei.

Die amerikanische Serengeti

Die Straße ins Lamar Valley schlängelte sich in die Ferne, ein dunkles Band vor sanften, grünen Hügeln, die denen in J.R.R. Tolkiens Mittelerde in nichts nachstanden.
Der Abstieg in das weitläufige Tal, das sich bis in die Ferne erstreckte und in dem Hunderte von Bisons auf den Frühlingswiesen grasten, war atemberaubend.
Ausflügler sprangen aus ihren Fahrzeugen, um das grandioses Schauspiel zu bewundern. Kälber saugten an den Eutern ihrer Mütter und schienen die gaffenden Menschen kaum zu bemerken. Es fiel nicht schwer, sich vorzustellen, wie es vor mehr als 150 Jahren gewesen sein musste, als der Westen noch wild war und die Stämme der amerikanischen Ureinwohner diese Gebiete noch beherrschten.
Das Lamar Valley im Nordosten und das zentraler gelegene Hayden Valley gelten als die besten Orte, um Bären und Wölfe  zu beobachten – und Bisons, die man auch amerikanische Büffel nennt.
Im Lamar Valley berichteten Silvestrini-Cordero und O’Keeffe von dem Nervenkitzel, eine der begehrtesten Sehenswürdigkeiten des Yellowstone-Nationalpark zu sehen – Bären in ihrem natürlichen Lebensraum. Ein Tierkadaver lockte mehrere Raubtiere an, darunter einen Grizzlybären und später einen Schwarzbären.
Eine Karte zeigt die Eingänge zum Yellowstone-Nationalpark sowie die ungefähre Lage von Naturwundern und Gebieten, in denen häufig Wildtiere beobachtet werden. Foto: National Park Service

Eine Karte zeigt die Eingänge zum Yellowstone-Nationalpark sowie die ungefähre Lage von Naturwundern und Gebieten, in denen häufig Wildtiere beobachtet werden.

Foto: National Park Service

Artenschutz im Yellowstone

Doch es gab auch eine Zeit, in der einige Großtiere im Park fast bis an den Rand des Aussterbens getrieben wurden.
Einst durchstreiften 30 Millionen Bisons Nordamerika, doch die meisten wurden bis zur Wende zum 20. Jahrhundert ausgerottet. Auch innerhalb des Parks waren die Büffel fast vollständig ausgerottet. Bis Ende der 1880er Jahre hatten nur noch zwei Dutzend überlebt.
Die heutige Bisonpopulation von etwa 5.400 Tieren im Yellowstone gilt als Nachkomme der letzten wilden Herde des Westens.
Bisons grasen am 31. Mai 2026 im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Yellowstone ist der einzige Ort in den Vereinigten Staaten, an dem Bisons seit prähistorischen Zeiten ununterbrochen leben. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Bisons grasen am 31. Mai 2026 im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Yellowstone ist der einzige Ort in den Vereinigten Staaten, an dem Bisons seit prähistorischen Zeiten ununterbrochen leben.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

​Umstrittener war jedoch die Wiederansiedlung von Grauwölfen im Yellowstone, nachdem diese durch die Jagd fast vollständig ausgerottet worden waren.
Grauwölfe, die schwarz, grau und hellbraun sein können, wurden 1995 in den Yellowstone-Nationalpark gebracht. Bis 2017 wurden sie in Montana, Idaho und Wyoming aus dem Artenschutzgesetz gestrichen. Mittlerweile leben etwa 84 Wölfe im Park.
Da es jedoch keine Zäune gibt, die sie im Park halten, jagen Wölfe, die in die Umgebung streifen, häufig Vieh und Haustiere der Rancher.
Während Wölfe im Park geschützt sind, dürfen sie in Montana, Wyoming und Idaho legal geschossen und gefangen werden.
(Links) Ein Schwarzbär schnüffelt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Zwei Bärenarten leben im Yellowstone: Schwarzbären und Grizzlybären. (Mitte) Ein Kojote erkundet am 1. Juni 2026 ein Camp im Yellowstone-Nationalpark. Kojoten sind häufige Raubtiere im Yellowstone und werden oft in den Wiesen und Tälern des Parks beobachtet. (Rechts) Ein Bison säugt am 31. Mai 2026 sein Kalb im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Das Tal in der nordöstlichen Ecke des Parks gilt als einer der besten Orte, um Bären, Wölfe und Bisons zu beobachten. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

(Links) Ein Schwarzbär schnüffelt am 1. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Zwei Bärenarten leben im Yellowstone: Schwarzbären und Grizzlybären. (Mitte) Ein Kojote erkundet am 1. Juni 2026 ein Camp im Yellowstone-Nationalpark. Kojoten sind häufige Raubtiere im Yellowstone und werden oft in den Wiesen und Tälern des Parks beobachtet. (Rechts) Ein Bison säugt am 31. Mai 2026 sein Kalb im Lamar Valley im Yellowstone-Nationalpark. Das Tal in der nordöstlichen Ecke des Parks gilt als einer der besten Orte, um Bären, Wölfe und Bisons zu beobachten.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Roosevelt-Bogen

Am Ende des Campingausflugs von Roosevelts – um die Wende zum 20. Jahrhundert hin – hielt er eine Rede bei der Freimaurerzeremonie zur Grundsteinlegung für das, was später der steinerne Torbogen am nördlichen Eingang des Parks werden sollte. Heute ist das ein beliebtes Touristenziel.
Die Ehrfurcht des Präsidenten vor der einzigartigen Schönheit des Parks war während seiner Rede deutlich zu spüren. „Die Geysire, die außergewöhnlichen heißen Quellen, die Seen, die Berge, die Canyons und die Wasserfälle vereinen sich und machen diese Region zu etwas, das weltweit seinesgleichen sucht“, sagte Roosevelt. „Sie muss zum Wohle und zur Freude von uns allen erhalten bleiben.“
Richard Feltes, ein 77-jähriger Rentner aus Nashville, besuchte den Park mit Familienangehörigen. Für ihn war es etwas Besonderes, den Park aufzusuchen, während Amerika einen bedeutenden historischen Meilenstein erreichte.
„Was für ein Nervenkitzel, zum 250. Jubiläum hier zu sein“, sagte er gegenüber der Epoch Times.
Feltes’ ältere Brüder und sein Vater dienten beide im Zweiten Weltkrieg. Er selbst erkrankte kurz vor der Einführung eines Impfstoffs im Jahr 1955 an Kinderlähmung. Später vertrat er dennoch sein Land als Mitglied der US-amerikanischen Rollstuhl-Olympiamannschaft.
Er reiste um die ganze Welt und nahm an Wettkämpfen in Europa, im Nahen Osten und in Südamerika teil. Allerdings, so sagte er, gebe es keinen anderen Ort wie Amerika.
„Wir schätzen alles, was unser Land zu bieten hat“, sagte er.
Er lobte die Barrierefreiheit des Parks für Rollstuhlfahrer und erklärte, er habe die Attraktionen und historischen Stätten besuchen können.
„Roosevelt war hier, um das Bewusstsein der Führungsebene für den Park und alles, was er den Amerikanern zu bieten hat, wirklich zu unterstreichen“, sagte er am Torbogen.
Richard und seine Frau Anita schauen sich abends gerne gemeinsam mit ihren Enkelkindern Sonderbeiträge über den Yellowstone-Nationalpark an. Dann befragen sie sie zu dem, was sie während ihrer Reise gelernt haben.
Sein Enkel Jonathan (9) erklärte der Epoch Times freudig, Old Faithful (ein bekannter Geysir) – „hat gestern funktioniert“ und die Schluchten, Wasserfälle und bunten heißen Quellen seien „cool“.
Vor dem Park konnten sie „America 250“-Medaillen kaufen, die später an der Kühlschranktür ihren Platz finden sollten.
Im Park wurden Flaggen zu Ehren von America 250 gehisst, und online gab es Fanartikel zum Nationalfeiertag – doch eine beiläufige Suche in den Parkläden nach Gedenk-Souvenirs blieb erfolglos. Ein Parkranger erklärte gegenüber der Epoch Times, dass die meisten Feierlichkeiten des Parksystems an der Ostküste geplant seien.
Am 1. Juni 2026 wehte im Yellowstone Tower General Store im Yellowstone-Nationalpark eine Flagge zum 250. Jahrestag der Vereinigten Staaten. Der Park wurde 1872 als erster Nationalpark Amerikas gegründet. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Am 1. Juni 2026 wehte im Yellowstone Tower General Store im Yellowstone-Nationalpark eine Flagge zum 250. Jahrestag der Vereinigten Staaten. Der Park wurde 1872 als erster Nationalpark Amerikas gegründet.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

Staunende Menschen am Old Faithful-Geysir

Hunderte von Menschen warteten Anfang Juni geduldig auf den Ausbruch von Old Faithful. Sie plauderten in allen möglichen Fremdsprachen miteinander, während sie gespannt auf die Show warteten, die sich etwa alle 90 Minuten ereignet.
Studien zufolge kommen jedes Jahr etwa 600.000 bis 700.000 Besucher, hauptsächlich aus Deutschland, China, den Niederlanden und Kanada. Das sind etwa 15 Prozent der Gesamtbesucherzahl des weltweit ersten Nationalparks.
Als der berühmte Geysir dann plötzlich in den Himmel schoss, applaudierte die Menschenmenge und rief staunend „Ooh“ und „Aah“.
​Kanzul Fatima, eine pakistanische Dokumentarfilmerin und Expertin für Extended Reality, lebte in Los Angeles, bevor sie nach Deutschland zog. Sie besuchte den Park zum ersten Mal und war mit ihrer Schwester und ihren Eltern extra für diesen Moment 13 Stunden lang mit dem Auto aus Colorado angereist.
(Links) Der Kegelgeysir Old Faithful bricht am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark aus. Er ist der aktivste große Geysir des Parks. (Oben rechts) Zuschauer beobachten den Ausbruch des Kegelgeysirs Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Ein Ausbruch kann bis zu fünf Minuten dauern. (Mitte rechts) Ein Zuschauer fotografiert Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Die Mitglieder der Washburn-Expedition von 1870, die die Region kartierten, nannten den Geysir „Uhr der Ewigkeit“. (Unten rechts) Kanzul Fatima (rechts) und ihre Schwester dokumentieren den Ausbruch des Geysirs Old Faithful im Yellowstone-Nationalpark am 2. Juni 2026. Der Geysir schleudert bei seinem Ausbruch Wasser 27 bis 56 Meter hoch in die Luft. Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

(Links) Der Kegelgeysir Old Faithful bricht am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark aus. Er ist der aktivste große Geysir des Parks. (Oben rechts) Zuschauer beobachten den Ausbruch des Kegelgeysirs Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Ein Ausbruch kann bis zu fünf Minuten dauern. (Mitte rechts) Ein Zuschauer fotografiert Old Faithful am 2. Juni 2026 im Yellowstone-Nationalpark. Die Mitglieder der Washburn-Expedition von 1870, die die Region kartierten, nannten den Geysir „Uhr der Ewigkeit“. (Unten rechts) Kanzul Fatima (rechts) und ihre Schwester dokumentieren den Ausbruch des Geysirs Old Faithful im Yellowstone-Nationalpark am 2. Juni 2026. Der Geysir schleudert bei seinem Ausbruch Wasser 27 bis 56 Meter hoch in die Luft.

Foto: Bobby Sanchez/Epoch Times

„Yellowstone, die Redwoods und Yosemite stehen alle für den amerikanischen Westen“, bemerkte sie und fügte hinzu, dass ihre Mutter gesagt habe, diese Orte erinnerten sie an Hollywood-Filme, die sie in ihrer Kindheit gesehen habe.
„Ich würde sagen, es ist ziemlich ikonisch“, erklärte sie gegenüber der Epoch Times. „Die Weite dieses Parks kommt mir geradezu unwirklich vor.“
Auf die Frage, was sie davon halte, dass die Nation ihr 250-jähriges Jubiläum feiere, sagte Fatima, Amerika stehe für die Chance, dass sich jeder verwirklichen könne.
„Ich glaube, man kann erkennen, was Amerika so lange bestehen lässt“, sagte sie. „Weil es ein Schmelztiegel der Kulturen ist, aber auch so ein Ort, an dem man so groß träumen kann, wie man nur träumen kann.“

„Ich schätze, deshalb wandern immer noch so viele Menschen hierher ein. Ich will nicht sagen, dass es keine Herausforderungen gibt und keine Bruchpunkte, wie die meisten Demokratien sie haben – aber es hat länger gehalten als viele andere.“

Yellowstone, ein Symbol der Freiheit

Der Firehole River schlängelt sich am Mittleren Geysir-Becken (Midway Geyser Basin) vorbei, der Heimat der Grand Prismatic Spring einer der größten Thermalquellen der Welt. Der Fluss wurde so wegen des aufsteigenden Dampfes benannt, der aufgrund thermischer Abflüsse von seiner Oberfläche aufsteigt.
Heißer Nebel wehte über sprudelnde, türkisfarbene Becken, die von leuchtendem Gelb, Orange und Grün umrandet waren. Der Dampf zischte und war zeitweise so dicht, dass er die Menge der Besucher verdeckte, die eine Landschaft bestaunten, die die Zeit vergessen hatte.
Williams, ein Besucher aus Arizona, der mit einer Gruppe unterwegs war, sagte, Yellowstone und die Nationalparks stünden für den amerikanischen Geist, der auch nach 250 Jahren weiterlebe.
„Er symbolisiert diese Idee von Freiheit, die wir in diesem Land haben“, sagte er.
Roosevelt sei einzigartig gewesen, meinte Williams. „Er galt als liberal, wissen Sie, und ich denke, ehrlich gesagt könnten beide Parteien viel von ihm lernen, denn er hatte die Fähigkeit, beide Seiten zu betrachten und zu erkennen, dass beide notwendig waren“, fügte er hinzu.
Roosevelt war nicht nur ein bekannter Jäger, sondern auch ein Naturschützer, der fünf neue Nationalparks gründete: Crater Lake in Oregon, Wind Cave in South Dakota, Mesa Verde in Colorado und Platt in Oklahoma, das heute Teil der Chickasaw National Recreation Area ist. Ebenso wurde Sullys Hill in North Dakota zunächst in das Parksystem aufgenommen, später jedoch in ein Wildschutzgebiet umgewandelt.
Williams zeigte sich optimistisch, dass die USA trotz aller Herausforderungen „die freieste Gesellschaft der Welt“ bleiben würden.
„250 Jahre freie Gesellschaft, freie Regierung, eine Nation, die auf biblischen Prinzipien gegründet wurde … Ich denke, das hat einen sehr starken Einfluss darauf gehabt, wo wir heute stehen und warum wir immer noch eine Regierung haben, die so funktioniert, wie sie es tut“, sagte er.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘Go West, Young Man’: Yellowstone’s Call Echoes Across the Generations“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Bregenzer Festspiele: „Bei den Festspielen brauchte ich Mut“

Anahita Pasdar debütierte bei den Bregenzer Festspielen gleich mehrfach. Nicht nur, dass sie zum ersten Mal mit einem renommierten Orchester, den Wiener Symphonikern, zusammenarbeiten konnte, auch im Genre Oper zu musizieren, war für sie Neuland. Obendrein an einer elektronischen Orgel, anstatt an dem ihr vertrauten Klavier oder an der Kirchenorgel.
Die gebürtige Vorarlbergerin studierte am Landeskonservatorium ebendort sowie am Mozarteum in Salzburg. Sie arbeitet freischaffend als Komponistin und Musikinterpretin und unterrichtet Klavier.
Entscheidend in ihrer musikalischen Laufbahn sei wohl die Unterstützung durch ihren Lehrer Michael Floredo gewesen. Der Komponist und Organist war ihr wie ein Mentor, erzählt sie rückblickend im Gespräch mit Epoch Times. Ohne seine und die elterliche Unterstützung wäre sie heute nicht dort, wo sie ist.
Ihr Lehrer am Konservatorium, der Organist Helmut Binder, öffnete ihr die Tür zu den Bregenzer Festspielen, bei denen sie in zwei Inszenierungen mitwirkte: in der Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ von Leoš Janáček sowie in der Uraufführung des Musiktheaters „Passion of the Common Man“ von Daníel Bjarnason. Und auch bei den kommenden Festspielen darf mit Pasdars Mitwirkung gerechnet werden.
Wie war es für Sie, Frau Pasdar, mit so einem bekannten Orchester wie den Wiener Symphonikern zu arbeiten?
Als Pianist und Organist hat man nicht oft die Möglichkeit, Teil eines Orchesters zu sein. Man ist meistens entweder Solist oder man begleitet grundsätzlich andere Solisten. Aber dass man als Teil eines Orchesters mitdirigiert wird, ist eine ganz neue Situation für Pianisten und Organisten.
Es war herausfordernd, dem Dirigat zu folgen. Denn die Wiener Symphoniker haben ihre ganz eigene Art, dem Dirigenten zu folgen. Sie interagieren sehr kammermusikalisch, achten und hören sehr aufeinander. Das fand ich sehr schön: zu sehen, wie eingespielt sie miteinander sind.
Was kann man anders ausdrücken mit der elektronischen Orgel als mit einem akustischen Klavier?
Meine Erwartungen an die elektronische Orgel waren deutlich niedriger. Ich war positiv überrascht über den Klang der Orgel, die Spielweise und auch die Möglichkeiten der Register. Das Herausforderndste ist die Akustik der elektronischen Orgel, da sie über Lautsprecher verstärkt werden muss.
An maßgebenden Stellen, an denen nur die Orgel begleitet, hat man sie gar nicht gehört. Das musste dann gut abgesprochen werden mit den Akustikern, wo und wie die Orgel stark verstärkt werden muss.
Dadurch, dass die Orgel keinen Klangkörper hat, kann sich der Klang nicht entfalten. Er bleibt einfach an der Stelle, wo er ist. Bei akustischen Instrumenten wird der Klang durch den Klangkörper, durch die Vibration – zum Beispiel vom Holz der Geige – nach außen getragen.
Es ist überhaupt eine ganz seltene Angelegenheit, eine Orgel oder auch ein Klavier in der Oper dabei zu haben.

Auch die Füße sind im Einsatz: Organistin Anahita Pasdar bei den Bregenzer Festspielen 2026.

Foto: Bregenzer Festspiele

War es speziell, bei einer Oper mitzuwirken, im Vergleich zu konzertanten Aufführungen? 
Ja, das war wirklich spannend. Denn die Oper ist ein ganz anderes Genre in der klassischen Musik, eine ganz andere Abteilung. Musiker, die konzertant unterwegs sind, haben mit Opern nicht viel am Hut.
Das heißt, ich hatte dahingehend viele neue Situationen und viel zu lernen. Ich fand die Zusammenarbeit zwischen Musikern im Orchestergraben und den Sängern und Schauspielern auf der Bühne sehr spannend. Man ist eher der tragende Faktor im Hintergrund.
Auf der Bühne oder auch manchmal hinter der Bühne gab es den Chor, den wir [aus dem Orchestergraben heraus] begleiten mussten. Durch die Distanz der unterschiedlichen Locations (Orte), die dann aber zusammenarbeiten müssen, war es herausfordernd.
Denn es entsteht eine Latenzzeit (Verzögerung) der Akustik. Wir mussten alle sehr, sehr gut aufeinander hören und auf den Dirigenten achten. Es gab auch Bildschirme, die für den Chor einsehbar waren, wodurch der Dirigent auf die Bühne übertragen wurde.
Was hat Sie thematisch an der Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ angesprochen?
Ganz heruntergebrochen geht es in der Oper darum, dass Herr Brouček in neue Situationen geworfen wird. Er könnte theoretisch daraus lernen, tut es aber schlussendlich nicht und fällt wieder in seine alten Muster zurück.
Persönlich habe ich davon gelernt, dass man im Leben immer wieder Möglichkeiten bekommt, zu wachsen. Es ist ein ganz kleiner Moment, in dem man entscheiden kann, was man aus dieser Situation macht und ob man etwas Positives daraus nehmen möchte oder ob man sich wieder zurücklehnt und in die alten eigenen Muster verfällt.
Wir alle kennen das in unserem persönlichen Leben, dass wir Schwierigkeiten erleben und theoretisch schon wissen, dass wir mal neue Wege gehen könnten, die vielleicht Mut von uns brauchen. Im Nachhinein sind wir sehr froh, wenn wir diese neuen Wege gegangen sind.
Sie wirkten auch, dieses Mal mit Klavier, bei der Uraufführung des Musiktheaters „Passion of the Common Man“ mit. 
Ja, ein Musiktheater, kann man sagen. Da waren wir Orchestermusiker auf der Bühne. Der Chor war hinter uns und es gab noch vier Solisten, die ganz vorn standen.
Würden Sie sagen, die Verbindung zu Bach, dessen Passionsstrukturen es aufgreift, war zu spüren?
Man kann das schon heraushören. Auch inhaltlich glaube ich, dass es etwas Transzendentales hat. Bei Bach ging es immer um religiöse Themen.
Auf der Website der Festspiele steht: „das Bedürfnis nach Empathie in einer futuristischen Welt“. Gab es etwas, das Sie für sich persönlich mitnehmen konnten? 
Ja. Grundsätzlich ging es in dem Stück um Freuden und um Leiden im Leben. Und allein diese zwei Stichpunkte verweisen schon stark auf Bach, finde ich. Jeder beschäftigt sich irgendwann auf irgendeine Art und Weise mit dem Thema Leiden ertragen im Leben. Da kommt man einfach nicht drumherum.
Das Werk ist ein Anstoß dahingehend, dass es nicht möglich ist, dem Leiden im Leben zu entkommen. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als den besten Weg zu finden, damit umgehen zu können. Und das kann man nur, indem man an sich selbst arbeitet. Denn man kann nichts und niemanden ändern. Nicht das Leben und nicht andere Menschen, außer sich selbst.
Also mache ich es mir einfacher und arbeite an mir selbst. Ich denke, das war schon immer ein Thema für die Menschheit und wird für immer ein Thema bleiben. Egal, wie gut sich die Wissenschaft und die Technik entwickeln.
Sie sprachen von Mut. Wo in Ihrem Leben brauchten Sie als Musikerin Mut?
Ganz oft. Bei Soloauftritten braucht es grundsätzlich Mut. Da wächst man oft über sich hinaus. Ich brauchte auch jetzt bei den Festspielen Mut. Denn bevor ich für „Passion of the Common Man“ engagiert wurde, bin ich eigentlich nur gefragt worden, ob ich bei den Proben für diese Aufführung am Klavier korrepetieren könnte – direkt am Morgen des nächsten Tages.
Das bedeutete, an dem Abend, an dem ich angefragt wurde, noch 100 Seiten – die Begleitung für ein einstündiges Werk – einzustudieren. Es benötigte sehr viel Mut, Ja zu sagen.
Ich dachte, wenn ich diese Möglichkeit bekomme, heißt das, dass ich sie auch nehmen soll. Ich habe dann an demselben Abend noch die 100 Seiten einstudiert und am nächsten Tag einfach in der Probe korrepetiert. Den Rest habe ich dem Schicksal überlassen. Das war dann auch sehr nett zu mir.
Es stellte sich heraus, dass der erste Korrepetitor terminlich doch frei war und den Rest der Proben übernehmen konnte.
Dadurch aber, dass ich präsent war und schon meine Verfügbarkeit gezeigt hatte, wurde ich gefragt, ob ich bei den Aufführungen am Orchesterklavier mitspielen könnte. Was mich sehr freute.
Die Zusammenarbeit mit dem Orchester, mit dem Dirigenten bzw. dem Komponisten und mit dem Chor war sehr schön und wirklich bereichernd. Schlussendlich war ich sehr froh, dass ich bei dem Projekt dabei war und meine eigene Scham oder meine Angst vor Gesichtsverlust beiseitegelegt und mich dieser Schwierigkeit gestellt hatte.
Sie komponieren auch. Welche Qualitäten mussten Sie entwickeln, um von der Musikerin zur Komponistin zu werden?
Es ist lustig. Da sind wir wieder beim gleichen Wort: Mut. Ich habe vorhin erwähnt, dass mein erster Klavier- und Orgellehrer mich wirklich stark unterstützte. Er führte mich auch zur Komposition.
Komposition beginnt zunächst mit Improvisation: den Mut zu haben, frei am Instrument zu spielen und kreativ zu musizieren, was man in sich trägt. Wenn man aber das ganze Leben lang nur nach Noten spielt, ist das wirklich eine Überwindung, ganz frei und ohne Vorlagen zu spielen.
Man weiß oft gar nicht, wozu man in der Lage ist oder wie man anfangen soll. Doch mein Lehrer hat mich sehr stark unterstützt, meine eigene Klangsprache zu entwickeln.
Sie arbeiten als Komponistin bei einem Fernsehsender. Wie kam es zu diesem Engagement?
Nach meinem Studium habe ich entschieden, ein Praktikum beim Fernsehsender NTD TV in New York zu machen. Ich erinnere mich noch, dass ich auf dem Flug dorthin mir dachte: „Anahita, was machst du da eigentlich? Wieso gehst du da hin?“
Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was mich erwartete, und eigentlich gar keine Intention. Das Praktikum machte ich im Music Department, als Sound Engineer und auch als Komponistin.
Und dort, in New York, habe ich meine Liebe zu Medien und Filmkompositionen entdeckt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer nur klassische Komposition gemacht und ganz traditionell mit Stift und Papier gearbeitet. Oder vielleicht mal in einem Notationsprogramm am Computer. Aber ich hatte davor noch nie für Bilder oder Videos komponiert.
Ich merkte, dass mir das wahnsinnig Spaß macht, und bin dabei geblieben. Jetzt komponiere ich im Homeoffice für den Fernsehsender NTD, für verschiedene Programme und Dokumentationen.
Am schönsten und bereicherndsten ist es, wenn man eine Weile an einem Stück gearbeitet hat und langsam sieht – genauer gesagt hört –, wie alle Bausteine zusammenkommen und zu einem größeren Ganzen werden.
Was genau schenkt Ihnen die Musik?
Zu wachsen. Wenn ich am Klavier oder an der Orgel übe, findet gedanklich sehr viel in mir statt.
Ich glaube, als Mensch tendiert man oft dazu, in schwierigen Situationen angespannt und gestresst zu werden. So passiert mir das auch in der Musik. Vor allem, wenn wenig Zeit ist und ich etwas schnell einstudieren muss, tendiere ich dazu, mich selbst nicht mehr wahrzunehmen und mich selbst zu hetzen.
Ich merke immer wieder, wie es deutlich effizienter, einfacher und schöner ist, einen Schritt zurückzugehen und mich bewusst zu entspannen, sowohl mental als auch körperlich. Ich entspanne sowohl meine Hände, Arme und Schultern physisch als auch mich gedanklich – ich lehne mich zurück. Ich lasse das, was passiert, einfach passieren. Ich kann nicht beeinflussen, wie langsam oder schnell die Zeit vergeht. Ich kann nur mein Bestes geben, und es funktioniert deutlich besser und leichter, wenn ich mit Leichtigkeit an die Sache herangehe.
Das Gleiche gilt auch sonst im Leben. Also wenn Schwierigkeiten auftauchen, sich zu trauen, loszulassen und keine Kontrolle haben zu wollen. Während des Übens erkenne ich immer wieder, dass dies der einzige Weg ist, der funktioniert.
So lehrt mich die Musik, ein mutiger, offener und besserer Mensch zu werden. Es klingt klischeehaft, aber es ist tatsächlich der Fall.
Sie finden auch Zeit, sich mit nichtprofessionellen Musikern zu treffen: Sie sind Musikkoordinatorin der Tian Guo Marching Band, des Himmelsreichorchesters. Was motiviert Sie dazu?
Für mich ist das ein Herzensprojekt. Es sind alles motivierte Musiker, die in ihrer Freizeit sich die Zeit nehmen, ein Instrument zu lernen, und gezielt zu Paraden in unterschiedliche Städte Europas fahren. Ohne etwas Materielles dafür zurückzubekommen.
Was uns alle zusammenbringt, ist, dass wir Falun Dafa praktizieren, ein buddhistischer Kultivierungsweg, bei dem es um drei Prinzipien geht, nämlich um Wahrhaftigkeit, um Güte und um Nachsicht.
Wir versuchen, diese Werte in unserem Alltag umzusetzen. Und wir teilen natürlich die Liebe zur Musik. Jedes Mal, wenn ich zu Proben oder zu Aufführungen gehe, komme ich immer sehr positiv und gestärkt zurück, obwohl es eigentlich sehr anstrengend ist. Aber mir gibt es mental unglaublich viel.
Ist es nicht so, als ob ein Rennradfahrer mit Leuten zusammenarbeitet, die gerade erst Fahrradfahren lernen? Welche Qualität braucht es, um mit ihnen zusammenzuarbeiten?
Es braucht auf jeden Fall Geduld. Ich bin Klavierlehrerin und unterrichte deshalb auch Anfänger, auch Fortgeschrittene. Also ich habe ganz viele unterschiedliche Schüler. Geduld ist einer der wichtigsten Faktoren.
Wenn ein Schüler sich wirklich anstrengt und sein Bestes gibt und versucht, Fortschritte zu machen, ist man als Lehrer schon sehr zufrieden. Dann geht es nicht mehr um Talent oder um Können und um Leistung. Ganz im Gegenteil. Es geht als Lehrer meistens darum, dass man sieht, dass der Schüler es versucht.
Gibt es Zukunftspläne oder Ziele, die Sie sich gesteckt haben?
Ziele weiß ich bisher nicht genau. Da muss ich noch etwas konkreter nachdenken. Aber ja, ein paar Pläne. Im Herbst werde ich ein Konzert geben, mit meinem erwähnten ersten Klavier- und Orgellehrer Michael Floredo, ein Orgelkonzert mit Lesung. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wenn Bach käme“ und spricht viele gesellschaftliche Entwicklungen an. Ich finde das Buch sehr, sehr spannend und kann es jedem nur empfehlen.
Im September werde ich im Musiktheater Vorarlberg auch bei einer Aufführung mitwirken und am Klavier begleiten.
Und ich bin wahnsinnig gespannt auf das Programm nächstes Jahr bei den Bregenzer Festspielen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Silke Ohlert.

Anahita Pasdar, Pianistin und Komponistin, bei den Bregenzer Festspielen, 2026.

Foto: Bregenzer Festspiele

 
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Cicero: Fünf Schritte zu einem guten Gespräch

Wir alle kennen das: Wir treffen uns mit Freunden, unterhalten uns nach dem Gottesdienst oder nehmen an einer Netzwerkveranstaltung teil, doch trotz aller Bemühungen verläuft das Gespräch im Sande. Dafür kann es viele Gründe geben, aber im Allgemeinen liegt es entweder daran, dass unsere Gesprächspartner ins Stocken geraten, oder daran, dass uns selbst nichts einfällt, worüber wir reden könnten.
Solche Erfahrungen können entmutigend sein – vor allem für Menschen, die wissen, wie sehr ein gutes Gespräch das Leben verändern kann. Schließlich kann eine simple Unterhaltung jemanden ermutigen oder zu einem Umdenken bewegen, aber leider auch das Ansehen einer Person ruinieren.
Wie können wir gute Gesprächspartner sein, die mit ihren Worten etwas Positives bewirken? Der römische Philosoph und Staatsmann Marcus Tullius Cicero hat sich in seinem Werk „Von den Pflichten“ („De officiis“) mit einer ähnlichen Frage auseinandergesetzt und die folgenden fünf Tipps gegeben, die wir in unsere verbalen Interaktionen mit anderen einfließen lassen sollten:
„Der junge Cicero beim Lesen“ von Vincenzo Foppa (Fresko, 1464), heute in der Wallace Collection in London. Foto: Vincenzo Foppa, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

„Der junge Cicero beim Lesen“ von Vincenzo Foppa, Fresko, 1464, heute in der Wallace Collection in London.

Foto: gemeinfrei

Zuerst an andere denken

Es passiert unglaublich leicht, dass man im Gespräch in Selbstbezogenheit verfällt, sich auf Themen konzentriert, die einen selbst interessieren, oder – oft auf umständliche Weise – von den eigenen jüngsten Aktivitäten berichtet. Cicero riet jedoch dazu, langatmige und wortreiche Reden zu vermeiden, und betonte die Notwendigkeit von Höflichkeit im Gespräch. Das bedeutet, „andere nicht um ihr Wort zu bringen, als hätte man das alleinige Recht, gehört zu werden; sondern, wie in allen anderen Dingen auch […] den Wortwechsel nicht als ungerecht anzusehen.“
Wenn Sie also das nächste Mal in einem Gespräch sind, hören Sie sich selbst zu. Beurteilen Sie, ob Sie nur vor sich hin plappern oder ob Sie sich tatsächlich Zeit nehmen, Ihrem Gesprächspartner Fragen zu stellen und echtes Interesse an dem zeigen, was er zu sagen hat.

Klatsch und Tratsch vermeiden

Aus irgendeinem Grund neigen Gespräche oft dazu, in Gerede über andere abzugleiten. Eine solche Praxis ist in Ordnung, solange die Diskussion über andere lobenswert ist. Aber Gespräche, die andere herabsetzen, müssen laut Cicero um jeden Preis vermieden werden. Dies geschieht sowohl zum Wohl der anderen als auch um unseres eigenen Rufes willen. Menschen, die andere hinter deren Rücken verleumden oder diffamieren, so Cicero, „zeigen einen Mangel an moralischem Charakter“.

Themen mit Bedacht wählen

Wenn es tabu sein sollte, schlecht über andere zu reden, welche Themen sind dann erlaubt? Cicero schlug die Themen „private Angelegenheiten, Politik oder die Theorie und Praxis der Künste“ vor. Anders ausgedrückt: Wenn wir – selbstverständlich mit Bedacht – etwas über uns selbst preisgeben, sind aktuelle Nachrichten oder Filme, Sport, Bücher, Theaterstücke und andere Formen der Unterhaltung allesamt würdige Gesprächsthemen.
„Man muss jedoch Rücksicht auf die anwesenden Personen nehmen“, mahnte Cicero, „denn wir interessieren uns nicht alle zu jeder Zeit und in gleichem Maße für dieselben Dinge.“ Mit anderen Worten: Schätzen Sie Ihren Gesprächspartner ein und langweilen Sie ihn nicht mit Informationen, die ihn nicht interessieren.
Gutes Zuhören, das Vermeiden von Klatsch, die Wahl bedeutungsvoller Themen und das Wissen, wie man ein Gespräch beendet, können alltägliche Begegnungen in dauerhafte Verbindungen verwandeln. Foto: deepblue4you/iStock

Gutes Zuhören, das Vermeiden von Klatsch, die Wahl bedeutungsvoller Themen und das Wissen, wann ein Gespräch zu beenden ist, können aus alltäglichen Begegnungen dauerhafte Verbindungen machen.

Foto: deepblue4you/iStock

Das Gesprächsende nicht verpassen

Manche von uns sind Experten des „langen Abschieds“ – eine nette Umschreibung dafür, dass wir nie wissen, wie wir ein Gespräch beenden und taktvoll und würdevoll gehen sollen. Cicero ermahnte uns: „Beachtet stets […] die Dauer, über die sich die Freude am Gespräch erstreckt, und so wie es einen Grund für den Beginn gab, so soll es auch eine Grenze geben, an der ein Ende gesetzt wird.“ Das bedeutet, dass wir die Körpersprache unserer Gesprächspartner beobachten müssen. Wenn sie desinteressiert wirken oder es eilig haben, lassen Sie sie bereitwillig mit anderen sprechen, indem Sie sich verabschieden und jemanden anderen suchen, mit dem Sie sich unterhalten können.

Emotionen im Zaum halten

Auch wenn wir im Gespräch schnell erkennen, dass andere desinteressiert sind, sollten wir darauf achten, solches Desinteresse nicht in unserer eigenen Körpersprache preiszugeben. Cicero rät uns zudem, im Gespräch „übermäßige Emotionalität zu meiden“ – vor allem Emotionen wie Zorn. Denn, so Cicero, „mit Zorn lässt sich nichts richtig tun und nichts besonnen“.
Ciceros Schriften werden oft als Einflussquelle der amerikanischen Gründerväter angesehen, die neue Wege beschritten und eine Nation voller Würde, Respekt und Weisheit ins Leben riefen. Angesichts der derzeitigen Tendenz unserer Gesellschaft, gegeneinander zu wettern und sich nur auf sich selbst zu konzentrieren – sei es in Onlinedebatten oder in persönlichen Gesprächen –, scheinen seine Ratschläge für die Amerikaner von heute ebenso nützlich zu sein. Wir müssten uns nur die Zeit nehmen, sie zu studieren und uns zu Herzen zu nehmen.
Dieser Artikel erschien im Original auf „1819 News“  und theepochtimes.com unter dem Titel „Cicero’s 5 Steps to a Good Conversation“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Totgesagte leben länger – Gold ist zurück!

Die Warteschlangen an der Klagemauer wurden in den vergangenen Wochen immer länger – die Edelmetalle, insbesondere Gold und Silber, erlebten nach monatelanger Rallyephase starke Rücksetzer.
Im vergangenen Jahr war Gold noch einer der großen Überflieger und rückte in den Fokus vieler Anleger. Hätte man nun doch auf die Verbraucherzentrale hören sollen, die Gold nicht als sichere Geldanlage einstufte? Und Gold bringt ja ohnehin keine Zinsen und Renditen.
Zur Einordnung: Mit einem Plus von rund 60 Prozent lieferte der Goldpreis 2025 eine herausragende Performance. Vom Allzeithoch, das das Edelmetall Ende Januar 2026 mit 5.586,20 US-Dollar erreichte, liegt Gold aktuell circa 21 Prozent entfernt.
Aber ist dies die Anlegerrealität? Sicher nicht! Denn auf 12-Monats-Basis liegen wir im Euro bei einem satten Plus von knapp 34 Prozent. Also doch nicht so schlecht, wie es viele Aktienjunkies dem Edelmetall zurechnen wollen. Dabei werden auch die weiteren Anlagemetalle nicht vergessen. Silber verzeichnet mehr als 72 Prozent, Platin 32 Prozent und Palladium 19 Prozent auf Jahresbasis.
In den vergangenen 30 Tagen ist sich der Goldkurs um 9 Prozent gestiegen. Ist es nun kurzfristige Stärke oder langfristige Konsolidierung?
Die langfristigen Prognosen der globalen Banken zeigen, wie uneinig sich die Analysten über die Bandbreite und die weitere Richtung sind. So hat JPMorgan seine Prognose für das vierte Quartal von 6.000 auf 4.500 Dollar pro Feinunze gesenkt. Morgan Stanley prognostiziert für das zweite Halbjahr 5.200 Dollar. Goldman Sachs sieht Gold zum Jahresende bei 4.900 Dollar, die Commerzbank bei 4.500 Dollar.

An den Notenbanken orientieren?

Viele Einflussfaktoren spielen bei der Preisbildung eine Rolle. Aktuell ist die physische Nachfrage in China eingebrochen – die Zahl der Käufer von Investmentbarren hat laut „Börse Global“ um rund 60 Prozent abgenommen.
Anders soll sich das Bild bei der chinesischen Zentralbank darstellen: Laut chinesischen Medien hat die Chinesische Volksbank ihre Goldreserven im Mai um 320.000 Unzen aufgestockt. Das soll der 19. Monat in Folge mit Zukäufen gewesen sein. Der Goldanteil an Chinas Devisenreserven lag laut den Berichten somit Ende Mai bei 3,44 Billionen Dollar (2,97 Billionen Euro).
Zusätzlich berichtet die Europäische Zentralbank laut „Financial Times“, dass Gold US-Staatsanleihen als größten Bestandteil der offiziellen Reserven der Notenbanken Ende 2025 überholt hat. 27 Prozent bei Gold, 22 Prozent bei US-Staatsanleihen. Ein Jahr zuvor lag das Verhältnis noch bei 20 Prozent Gold und 25 Prozent Staatsanleihen.
Im zweiten Quartal 2026 kauften die Notenbanken der Welt laut dem World Gold Council 289 Tonnen Gold netto zu. Satte 62 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ausgerechnet in einem Zeitraum des stärksten Rücksetzers im Goldpreis seit einem Jahrzehnt.
Also an den Privatkäufern orientieren oder an den Notenbanken? Die globale Ebene bestimmt den Goldpreis!
Die London Bullion Market Association führte im Juli eine Umfrage zur Lage des Goldpreises durch. Die befragten 16 Marktexperten sehen beim Goldpreis weiteres Potenzial bis zum Jahreswechsel 2026. So berichte „Kitco News“.
Einige Experten sahen optimistisch nach vorn und erwarteten den Preis bei bis zu 5.100 Dollar – im Mittel lagen die Prognosen für das Gesamtjahr 2026 bei 4.604 Dollar pro Feinunze. Der Jahresdurchschnitt lag im Jahr 2025 bei rund 3.439,37 Dollar. Das würde wiederum ein Plus von mehr als 33 Prozent bedeuten.
Auf globaler Ebene sind auch weiterhin viele Faktoren maßgeblich. An erster Stelle sind da die geopolitischen Krisenherde zu nennen. Aber auch der Inflationsverlauf und die Arbeitsmarktdaten aus den USA und die Entscheidungen der US-Notenbank. Und nicht zuletzt die künftigen Goldkäufe der Zentralbanken und die globale Staatsverschuldung.

Schuldenorgie läuft ungebremst weiter

Anleger sollten immer im Fokus haben, dass Gold nach wie vor der sichere Anlagehafen in Phasen wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit ist. Die Schuldenorgie mit dem Sumpf der Defizite sollte uns allen Schweiß auf die Stirn treiben. In Frankreich und den USA wächst die Staatsverschuldung ungebremst weiter.
Die USA zahlen erstmals pro Tag 3 Milliarden Dollar (2,59 Milliarden Euro) Zinsen. Bei der Gesamtverschuldung – also Bundesstaat, Kommunen, Unternehmen und private Haushalte – ist die 50-Billionen-Dollar-Schulden-Marke (43 Billionen Euro) laut „FinanzNachrichten.de“ in Sichtweite. Das Land des omnipräsenten Präsidenten Donald Trump ist in die Schuldenfalle geraten. Das Land kann es sich nicht mehr leisten, die Zinsen anzuheben, um die Inflation zu bekämpfen.
Die Spirale von explodierenden Schulden und gefährlicher Gebundenheit an kurzfristige Finanzierungen kann das gesamte Finanzsystem ins Wanken bringen. Viele meiner Expertenkollegen sehen die USA ohne den KI-Boom in einer tiefen Rezession.
Die Vorzeichen für Gold sind weiterhin positiv. Anleger sollten aber auch die anderen Anlagemetalle wie Silber, Platin, Palladium und Technologiemetalle mit den Seltenen Erden nicht außer Acht lassen.
Die Prognosen für den weiteren Preisverlauf sehen bei Silber Kursziele von bis zu 150 Dollar.
Kein Wunder – die wachsende Nachfrage wird durch Photovoltaik, Elektrifizierung, Stromnetze, moderne Elektronik und zunehmend auch die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz befeuert. Gleichzeitig kann das Minenangebot die Nachfrage nicht decken. Seit mehreren Jahren sehen wir im Silber strukturelle Angebotsdefizite. Platin und Palladium profitieren vom allgemeinen Edelmetalltrend und ihrer industriellen Nutzung.
Für Gold sollten wieder Preise von 5.000 Dollar möglich sein. Allein im Juli sammelten laut dem World Gold Council weltweit mit Gold hinterlegte börsengehandelte Fonds (ETFs) 3 Milliarden Dollar (2,6 Milliarden Euro) ein. Mit einer Bestandssteigerung um 23 Tonnen halten sie inzwischen 4.068 Tonnen.
Schwächephasen können sich als Gelegenheit zum Aufbau und zur Erweiterung eines strategischen Portfolios erweisen. Eine nennenswerte Volatilität (Schwankungsbreite) ist inzwischen regelmäßiger Begleiter des Preises.
Wie bei vielen Anlageklassen bleibt laut „Plattform J“ die Entwicklung des Goldpreises letztlich von einer Vielzahl an Faktoren abhängig: „Physische Nachfrage, der Wunsch nach Sicherheit, die Entwicklung des Dollars sowie Inflation und Zinslandschaft werden den Preis weiter bestimmen.“
Weiterhin wird der Preis nachhaltig von den Zentralbanken beflügelt. Eine Umfrage durch das Investmenthaus Invesco weist aus, dass ein Drittel der Zentralbanken in den kommenden drei Jahren ihre Goldbestände weiter aufstocken wollen. Die drei Jahre zuvor waren es noch rund 50 Prozent der Zentralbanken.
Im Wettbewerb der Währungen hat das Edelmetall ohnehin den entscheidenden Vorteil: Es ist als einziges Zahlungsmittel physisch hinterlegt. Und mehr noch: Es ist ein effizienter Diversifikationsbaustein und bietet zusätzlich Enteignungsschutz.

Edelmetalle gehören ins Zollfreilager

Edelmetalle gehören nicht in den Garten. Depot statt Garten ist das Motto! Auch nicht in den Banktresor. Ich meine hier nicht Gelsenkirchen – ich meine die Enteignungsgelüste eines Staates im Verschuldungsstrudel.
In einem Zollfreilager, etwa in der Schweiz, können neben Gold auch Weißmetalle steuerfrei erworben und gelagert werden. Außerhalb der EU und der Brüssel-Regulierungen, zudem zugriffsgeschützt. Ein Metalldepot eignet sich besonders für alle, die Edelmetalle als Vermögensschutz, Wertspeicher und Depotbestandteil sicher lagern möchten. Es bietet vollen Versicherungsschutz und höchstmögliche Sicherheitsstandards. Somit ist ein optimaler Kundenschutz gewährleistet. Die Lagerung erfolgt professionell als „insolvenzgeschütztes Sondervermögen“.
Nur wenige Anbieter bieten im Idealfall auch Portfoliofunktion. Das bedeutet, dass die Metalle innerhalb des Lagers getauscht werden können – ohne zusätzliche Zahlungsströme. Somit kann die Allokation jederzeit verändert und neu gewichtet werden. Täglich liquide, diskret und im Bestfall analog durchgeführt – so muss ein Metalldepot ausgestattet sein!
Laut einer Studie aus dem Jahr 2024 besitzen die privaten Haushalte in Deutschland zusammen mehr als 9.000 Tonnen Gold. Das ist fast dreimal so viel wie der Bestand der Deutschen Bundesbank, die mit rund 3.400 Tonnen die zweitgrößten offiziellen Goldreserven der Welt verwaltet. Wie „FinanzNachrichten.de“ berichtet, sind das nach einer Studie der Reisebank mit dem Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule Berlin annähernd 6 Prozent aller weltweit vorhandenen Goldvorräte.
Wäre doch schade, wenn der Staat hier zugreift, wenn die Staatsschulden aus dem Ruder laufen und die politischen Akteure nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten suchen.
Und zusätzlich fügen sich die Zutaten für eine gigantische Finanzkrise mehr und mehr zusammen. Vielleicht kaschiert – ich sage sogar verstärkt – durch die KI-Blase. Ich sehe fundamentale Fehlentwicklungen in den Märkten. Und viele Warnzeichen. Die Risiken im System wachsen dynamisch an. In diesem brandgefährlichen Umfeld mit erhöhten geopolitischen Risiken sollten Anleger mit langfristigem Anlagehorizont bei der Portfoliozusammensetzung zunehmend physische Elemente wie die Edel- und Technologiemetalle zugriffsgeschützt einsetzen.
Absicherung vor Gier ist angesagt. Wer sein Portfolio gegen geopolitische Risiken und Marktschwankungen absichern möchte, kommt an Gold und den Edelmetallen jedenfalls nicht vorbei. Es bringt keine laufenden Erträge, aber es bringt Sicherheit – und das ist in unsicheren Zeiten unbezahlbar.
Der physische Besitz ermöglicht Ihnen eine große Unabhängigkeit von der Funktionsfähigkeit der Kapitalmärkte genauso wie von Emittenten und Finanzintermediären. Wahre Werte entstehen nicht durch Buchungssysteme oder Zahlungsversprechen, sondern durch ihre physische Masse. Machen Sie es einfach wie die Zentralbanken, die offen ihr Misstrauen in die Finanzmärkte zeigen.
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„Genug gearbeitet“ – Kommunikation: Weniger senden, mehr klären

Noch eine E-Mail. Noch ein Chat. Noch ein Hinweis. Noch eine Erinnerung. Kommunikation ist überall und trotzdem fehlt oft Klarheit. Das ist eines der großen Paradoxe der modernen Zusammenarbeit: Wir senden mehr als je zuvor und verstehen uns nicht automatisch besser.
Viele Konflikte entstehen nicht durch zu wenig Information, sondern durch zu wenig Klärung. Information sagt: „Hier ist etwas.“ Klärung sagt: „Das bedeutet es, das ist zu tun, das gilt, das ist offen.“
Ein Geschäftsführer beschwerte sich, dass sein Team wichtige Informationen ignoriere. Beim Blick auf die Kanäle zeigte sich: Teams-Chat, E-Mail, Projekttool, Zuruf, Telefon, Protokoll, spontane Sprachnachrichten – alles war Kommunikation, nichts war verlässlich.
Das Team war nicht unaufmerksam. Es war überversorgt und unterorientiert.
Genug gearbeitet. Genug Nachrichten geschrieben, die nur neue Rückfragen erzeugen.
Klare Kommunikation braucht wenige, aber verbindliche Regeln:
  • Wo stehen Aufgaben?
  • Wo stehen Entscheidungen?
  • Wo werden schnelle Fragen geklärt?
  • Was muss dokumentiert werden, damit es nicht wieder verloren geht?
Diese Fragen klingen banal. Doch sie entscheiden über Stunden im Alltag.
Ein Team hat vereinbart: Entscheidungen kommen nicht mehr nur in den Chat. Sie werden im Projektboard mit Verantwortlichem und Termin dokumentiert. Der Chat blieb für die schnelle Abstimmung erhalten. Nach drei Wochen sank die Zahl der Nachfragen deutlich. Das lag nicht daran, dass weniger gesprochen wurde, sondern daran, dass klar war, wo Verbindlichkeit entsteht.
Kommunikation erfordert außerdem den Mut zur Wiederholung. Führungskräfte denken oft: „Das habe ich doch gesagt.“ Entscheidend ist jedoch nicht, ob es gesagt wurde, entscheidend ist, ob es verstanden, eingeordnet und handlungsleitend umgesetzt wurde.
Ein guter Klärungssatz lautet: „Was heißt das jetzt konkret für diese Woche?“ Er übersetzt Informationen in Arbeit.
Gerade in Zeiten von KI, Homeoffice und hoher Taktung wird Kommunikationsdisziplin zur Führungsaufgabe. Wer jeden Kanal für alles nutzt, erzeugt Dauerrauschen. Wer Kanäle sauber führt, schafft Ruhe.
Prüfen Sie diese Woche eine Sache: Welche Ihrer Nachrichten hätte eine Entscheidung sein müssen? Und welche Entscheidung wurde nur als Nachricht verschickt?
Genug gearbeitet. Wo kommunizieren Sie viel, ohne wirklich etwas zu klären?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Gezählte oder gelebte Jahre?

Da flattert mir eine Frage als E-Mail auf den Computer, die mich überrascht. Eigentlich eine Frage, die jeder beantworten könnte, die aber offensichtlich immer beiseite geschoben wird: „Wie erleben Sie eigentlich das Älterwerden?“ Was hat mein Alter bis jetzt geprägt, das heißt, wie sieht denn meine Vergangenheit aus?
Jeder Mensch hat eine Vergangenheit. Lächerlich klingt in meinen Ohren immer die Melodie: Wir schauen nicht zurück, sondern nach vorne. Wenn ich aber nicht weiß, woher ich komme, weiß ich dann, wohin ich gehen werde? Also, was prägt mich heute als Ergebnis des Denkens und Handelns in den vergangenen Jahrzehnten?
Nur ein kleines, simples Beispiel. Schauen wir uns in der Wohnung um, entdecken wir da nicht auch manche Gegenstände, die nur der lieben Gewohnheit wegen herumstehen, die einem aber nichts mehr sagen?
Bei meinen Großeltern war ich immer fasziniert von einer Sammeltasse, die in der Küche auf dem Vertiko stand mit dem Spruch „In Bad Kissingen habe ich Dein’ gedacht und dir dies Tässchen mitgebracht.“ Welchen Sinn machte es für mich, diese Tasse aus der deutschen Kaiserzeit um 1900 aufzuheben?
Ist der Gegenstand nur ein Staubfänger, gehört also entsorgt oder hängt an ihm ein Sinn, eine liebe Erinnerung. Damit stellt sich für mich die Frage, gab es nur ein gezähltes Leben oder sollte es ein gelebtes Leben sein, auf das wir – ich – zurückblicke. So wird vermutlich jede alte Person sich vor die Frage stellen: war es das, war es sinnvoll, habe ich für mich oder auch für andere gelebt?
Faszinierend ist das Theaterstück von Molière „Der eingebildete Kranke“ (1673). Ihm machte Spaß, Menschen seiner Umgebung zu scheuchen, Schicksal zu spielen, zu befehlen, ihm doch in seiner „Krankheit“ zu helfen. Können wir in jungen Jahren diese wundervolle Charakterstudie verstehen, die einerseits die Laster und Schwächen des Menschen beschreibt, auch wenn wir noch keine eigene Erfahrung über dieses So-Sein des Menschen gemacht haben? Heißt das aber, dass zum Verstehen auch eine bestimmte Erfahrung notwendig ist, dass die Zwanzigjährige einen Sachverhalt anders beurteilt als eine erfahrene Rentnerin?
Lese ich Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ (1956) heute aufgrund meiner inzwischen erworbenen Kenntnisse anders? Lügner, geldgierige Betrüger und hohle Phrasendrescher gehören zum klassischen Personal einer Komödie.
Sollte ich aber nicht aufgrund der Wirklichkeit und meiner jahrzehntelangen Erfahrung mit der Realität von Politik und Gesellschaft der letzten Jahre hingewiesen werden? War Dürrenmatt ein Hellseher? Nur, was mache ich mit dieser Erkenntnis? Das ist eben das Fatale im Alter. Wem kann ich meine „Altersweisheiten“ mitteilen?
Wie oft habe ich schon Max Frischs Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ (1958) erlebt. In meinem ganzen Leben begegnete ich Menschen, die wegsahen, schwiegen oder aus Angst und Bequemlichkeit nicht handelten. Heute kann aus den Ereignissen der frühen 1930er-Jahren erneut geschlossen werden, wie zentrale gesellschaftliche Fragen wie Verantwortung, Verdrängung, Ignoranz und Tabus den Umgang mit extremen Ideologien und fehlgeleiteter Toleranz zerstörerisch sein können.
Obwohl immer wieder auf die drohende Gefahr hingewiesen wurde, wachte meine Generation erst nach 1968 auf, als Terroristen zehn Jahre später Menschen ermordeten.
Warum werden heute kritische Fragen zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung diskriminiert? Als Historiker kann ich es kaum fassen, dass seit 1968 Zustände und Entwicklungen festgestellt werden können, die sich schleichend in Politik und Gesellschaft eingenistet haben. Es gibt heute etwa 30–40 Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus.
Mein „Alter“ ist angefüllt mit Wissen, mit Informationen, die ich erst allmählich verstehen bzw. verarbeiten konnte.
Wer denkt wann schon ans Alter? Schon gar nicht an das eigene. Oder erst dann, wenn man meint, körperliche Beschwerden würden den Alltag beeinträchtigen? Wann ist man alt? So alt wie man sich fühlt? Ist man alt, wenn man an Jahren alt ist?
Was altert nach der Geburt? Der Körper. Äußerlich altern wir gleichmäßig. Aber das zählt nicht. Was zählt, ist das innerliche Altern. Der Geist wird hoffentlich weiterentwickelt bzw. sollte sich weiterentwickeln, meinte einmal Cicero.
Die Anregungen der Umwelt lassen den Geist, das Denken verändern. Wie kommt es, dass ich Mühe habe, viele Treppen zu steigen, aber wohl kaum ein Buch mit mehr als hundert Seiten zu schreiben? Für den Körper gibt es immer wieder Mittelchen, um der Welt zu beweisen, dass ich noch „kann“. Oft wird junges Aussehen bloß deshalb gerühmt, weil es sonst nichts mehr zu rühmen gibt. Muskeln, die nicht geübt werden, verkümmern, heißt es beim Physiotherapeuten gegenüber den Alten.
Gibt es „Botox“-Mittelchen auch für den Geist? Ja. Das nennt man Ideologie. Immer nur bestätigt, unverändert, da die Gewissheit, richtig zu denken, das Wesentliche einer Religion ist. Auswendiglernen wird seit der Bildungsreform (1964) verpönt. Dabei ist dieses „Botox“ für das Gedächtnis!
Was ist denn daran so schlimm, wenn ich in den Spiegel schaue und sehe, dass ich eben Ende 70 bin und nicht mehr 30? Erfahrungen, das Leben, Niederlagen und Erfolge haben mein Gesicht geprägt. Na und? Ja, ich habe gelebte Jahre hinter mir, nicht nur gezählte.
Ich merke leider immer mehr, wie in Gesellschaft, Kirche und Politik Selbstverständlichkeiten der früheren Jahre verloren gehen, aber nichts anderes an Werten den „Geist“ erfüllt.
Selbstverständlich kann diese Kritik kaum verallgemeinert werden, aber wichtig ist doch wohl, dass das frühere Können bei vielen Menschen in zunehmendem Alter nachlässt. Ich lehne meist ab, Termine und Telefonnummern aufzuschreiben. Wofür habe ich denn ein Gedächtnis? Da brauche ich mich nicht umstellen. Wie bei der Ideologie bzw. Religion. Keine Veränderung.
Aber Trägheit ist ein nicht zu unterschätzender Einfluss auf das zu gestaltende Leben. Je älter ich werde, umso mehr erstaune ich über diese sinnlose Lebenseintönigkeit anderer Personen. Manchmal ärgere ich mich über diese Eintönigkeit, da manche verantwortungslose Erwachsene ihren Kindern kaum die reichhaltige Welt erschließen können. Wollen sie dies überhaupt? Wissen sie eigentlich, wie wunderbar bereichernd ein Tag in einem fremden Land oder an der Ostseeküste ist, anstelle immer ins Allgäu zu fahren? Mein Beruf brachte es mit sich, dass ich mich um Ideen und Meinungen früherer Generationen kümmern musste. So gibt es eine hervorragende Aussage des Unternehmers Friedrich Harkort zu Beginn des 19. Jahrhunderts: „Bildung schafft Bedürfnisse, allein eben diese sind der Sporn des Fleißes … In jedem neugeborenen Armen, welcher unwissend bleibt, erwächst der Gesellschaft ein neuer Feind.“
Deshalb seine Bemühungen, Schulen in Dörfern zu errichten. Der Sozialist Ferdinand Lassalle kritisierte die „verfluchte Bescheidenheit im Geiste“. Ein Erwerbssinn und der Geist der freien Betätigung sollten sich entwickeln. Doch wo sehe ich im Rückblick die Verwirklichung dieser immer noch lobenswerten Gedanken?
Für mich gehören meine Studentinnen und Studenten zu einer betrogenen Generation. Sie hat auch nicht gelernt, Fragen zu stellen. Sie lebt nicht mit dem Wort „Warum“. Offenbar ist ihr vieles gleichgültig …
Als Frucht der seit den 1960er-Jahren um sich greifenden sozialistischen Gedanken nahm ich zur Kenntnis, dass ein besseres Leben durch die „neue“ Sozialpolitik des Staates auch ohne höhere Leistung möglich war. Und da soll der Alte ruhig bleiben? Der betreute Bürger im Hasenkasten, der täglich auf sein Futter wartet, ist heute das Ideal. Warum nicht fröhliche Sklaven sein?
Im 19. Jahrhundert rangen die Ideen des Liberalismus und der Demokratie miteinander, da sie sich grundlegend gegenseitig ausschlossen. Der Liberalismus war die treibende Kraft, sich durch Erwerb von Bildung politisch zu betätigen. Dagegen sah die Demokratie die Beteiligung einer jeden Person an der Politik als gegeben vor. Diesen Unterschied konnte ich an der Universität vermitteln. Je älter ich werde, desto mehr treibt mich die Frage nach dem Sinn eines freiheitlichen Lebens um.
Ein gescheiter Mann hat einmal gesagt: „Die ersten 50 Jahre des Lebens liefern den Text, die späteren den Kommentar dazu“. Kommentar heißt ja wohl, Rückblick. Erkenne ich jetzt im Alter eher Zusammenhänge, die heute mich bewerten lassen, ob die Entscheidung damals gut oder schlecht war?
Hatte ich Glück, so alt zu werden? Ich habe mich daran gewöhnt, mich im Alter  zur Lücke, zum Mangel und zum Unfertigen zu bekennen, da ich mich meist ohne Zwang als freies Wesen entscheiden konnte bzw. mich auch heute noch entscheiden kann.
Mein Alter kennt jetzt Zeit und Muse, um über vieles ohne Druck nachzudenken. Das führt mich zu der Frage, warum gibt es in Politik und Gesellschaft so selten die Frage nach dem Sinn unseres Daseins, unseres Lebens? Sicher, es gibt platte ideologisch aufbereitete wohlfeile Schlagworte dazu, die eher zum Un-Sinn führen. Weil Leben gegenüber früheren Zeiten leichter und sicherer geworden ist, sollten mich Fragen nach dem Sinn begleiten. Tun sie es?
Alter sollte als Chance verstanden werden, in einem letzten Stadium ein sinnvolles Leben zu erfahren. Wer definiert aber, was Sinn ist? Das, was der Mensch braucht – Essen, Trinken, Schlafen – oder etwas anderes? Ich machte im Alter die Erfahrung, dass die wichtigste Frage allzu selten gestellt wird: Warum?