Taiwans Vizepräsidentin Hsiao Bi-khim im Präsidentenpalast in Taipeh, Taiwan, am 16. Juni 2026. - Foto: Sung Pi-Lung/The Epoch Times
Taiwan steht seit Jahren im Zentrum eines geopolitischen Konflikts mit China. Das kommunistische China betrachtet die demokratisch regierte Insel als abtrünnige Provinz und versucht, sie international zu isolieren sowie politisch und militärisch unter Druck zu setzen. Gleichzeitig ist Taiwan wirtschaftlich hochentwickelt und spielt vor allem als weltweit führender Produzent von Halbleitern eine zentrale Rolle in der globalen Technologieversorgung.
Vor diesem Hintergrund steht die Vizepräsidentin Hsiao Bi-khim exemplarisch für einen neuen diplomatischen Ansatz Taiwans. Sie hat einen Stil entwickelt, der auf Beweglichkeit und klare Selbstbehauptung setzt und sich bewusst von der konfrontativen Rhetorik Chinas abgrenzt. In ihrer Darstellung kann Taiwan nach außen hin offen und kooperationsbereit auftreten, ohne dabei seine politische Eigenständigkeit und Handlungsfähigkeit aufzugeben.
Besonders in den Beziehungen zu den USA betont sie die Bedeutung breiter politischer Bündnisse und eines überparteilichen Konsenses. Das Ziel bestehe darin, gemeinsame Interessen zu bündeln und die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass beide Seiten voneinander profitieren und sich in einem zunehmend angespannten geopolitischen Umfeld gegenseitig stärken.
Zwischen Diplomatie und Selbstbehauptung: Taiwans „Katzenkriegerin“ Hsiao Bi-khim
Als Hsiao Bi-khim vor sechs Jahren nach Washington aufbrach, benötigte die frisch ernannte taiwanische Gesandte zunächst eine Antwort auf Chinas konfrontative „Wolfskrieger“-Diplomatie. Sie entwickelte einen eigenen Stil, den einer „Katzenkriegerin“ – flink, anpassungsfähig, stets wachsam und vor allem geprägt von einem ausgeprägten Sinn für Unabhängigkeit.
Sechs Jahre später ist Hsiao die zweitmächtigste Person in Taiwan, und ihr Beiname hat sich offenbar bestätigt. „Katzen lassen sich nicht zwingen“, sagte sie. „Sie haben ihren eigenen Willen.“ Taiwan, so Hsiao, sei dem in gewisser Weise ähnlich. „Taiwan kann sanft, warmherzig und einladend sein“, erklärte die Vizepräsidentin in einem Interview mit der Epoch Times in der Sendung „American Thought Leaders“ im Präsidentenpalast in Taipeh. „Aber gleichzeitig ist es wichtig, unsere Krallen zu schärfen, um uns verteidigen zu können.“
Übertragen auf die Diplomatie bedeute dies laut Hsiao ein ständiges Austarieren und das Finden gemeinsamer Interessen, so Hsiao. Im Verhältnis zwischen den USA und Taiwan gehe es darum, einen Konsens über das gesamte politische Spektrum des US-Kongresses hinweg zu bilden.
Indem Taipeh und Washington ihre Stärken bündeln, würden sie sich gegenseitig stärken, sagte sie. „Darin liegt die Anziehungskraft, und deshalb sind Taiwan und die USA gemeinsam so viel stärker.“
Früher Einsatz gegen Chinas Organraub
Hsiao Bi-khim wurde in Japan als Tochter eines presbyterianischen Pfarrers aus Taiwan und einer Musiklehrerin aus North Carolina geboren. Sie erinnert sich daran, dass sie, sobald sie sprechen konnte, als Vermittlerin zwischen ihren Großmüttern fungierte, die unterschiedliche Sprachen sprachen, indem sie zwischen ihnen übersetzte.
Mit 24 Jahren begann sie ihre politische Laufbahn. Innerhalb von sechs Jahren gewann sie einen Sitz im Legislativ-Yuan, dem Parlament Taiwans, und gehörte damit zu den jüngsten Abgeordneten ihrer Zeit. Gemeinsam mit dem heutigen taiwanischen Präsidenten Lai Ching-te unterstützte Hsiao im Jahr 2006 eine Parlamentsresolution, die eine internationale Untersuchung des von Peking staatlich geförderten Organraubs in China forderte. Diese Enthüllungen waren zuvor von Epoch Times aufgedeckt worden.
Lai, der als erster Arzt Präsident Taiwans wurde, sei „diesen Grundrechten sehr verpflichtet“, sagte Hsiao.
Taiwans Vizepräsidentin Hsiao Bi-khim (Archivfoto). Angesichts der chinesischen „Wolfskrieger“ hat Hsiao ihren eigenen Diplomatiestil entwickelt.
Als Hsiao an politischem Einfluss gewann, bezeichnete Peking sie als „unbeugsame“ Separatistin. China warf ihr zudem vor, mit den Vereinigten Staaten „unter einer Decke zu stecken“, um die Unabhängigkeit Taiwans voranzutreiben. Das kommunistische Regime setzte sie außerdem zweimal auf seine schwarze Liste.
Hsiao wertete dies als Einschüchterungstaktiken.
„Wir werden nicht zulassen, dass die Kommunistische Partei Chinas definiert, wer wir sind“, sagte sie. Wie auch andere Betroffene auch, die vom chinesischen Regime ins Visier genommen wurden, nehme sie die Sanktionen nach eigener Darstellung gelassen hin.
Da Hsiao keine persönlichen geschäftlichen Interessen in China habe, seien die Maßnahmen aus ihrer Sicht rein symbolischer Natur. So sehr Peking es auch versuche, könne dies ihre Bemühungen zur Verteidigung Taiwans und der Werte, für die das Land stehe, nicht stoppen.
Drohungen seien ein regelmäßiger Bestandteil des Lebens in Taiwan und nähmen von Tag zu Tag zu, so die Vizepräsidentin.
Das chinesische Regime setzt die Insel nahezu täglich mit Militärflugzeugen unter Druck. Zudem blockiert Peking regelmäßig die Teilnahme Taipehs an internationalen Foren, wirbt mit finanziellen Anreizen und großzügigen Versprechen diplomatische Verbündete des Inselstaates ab und verfolgt damit das Ziel, Taiwan international weiter zu isolieren.
Ein Mirage-2000-Kampfjet der taiwanischen Luftwaffe startet am 29. Dezember 2025 vom Luftwaffenstützpunkt Hsinchu.
Foto: Cheng Yu-chen/AFP via Getty Images
Doch die Drohungen zeigen sich auch in anderen Formen.
Während Hsiaos dreitägiger Reise nach Prag im Jahr 2024 wurde sie eigenen Angaben zufolge von chinesischen Diplomaten und Agenten beschattet, Diese sollen sogar einen möglichen Autounfall geplant haben. Zu diesem Zeitpunkt stand Hsiao nur wenige Wochen vor ihrem Amtsantritt als Vizepräsidentin.
Im Januar verhafteten die tschechischen Behörden einen Korrespondenten chinesischer Staatsmedien, der versucht hatte, belastende Informationen über protaiwanische Politiker im Land zu sammeln.
China übe durch verdeckte Kriegstaktiken zunehmenden Druck auf Taiwan aus, so Hsiao. Gleichzeitig sehe Taiwan jedoch Wege und Mittel, um sich zu wehren und die eigene Identität zu behaupten, sagte sie.
Das Nationale Sicherheitsbüro Taiwans teilte mit, dass es angesichts strenger staatlicher Kontrolle und wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine wachsende Unzufriedenheit in China beobachte. Vor diesem Hintergrund habe Taiwan kürzlich ein Onlineportal eingerichtet, über das chinesische Staatsbürger Geheimdienstinformationen übermitteln können.
Taiwans Führung während einer Pressekonferenz in Taipeh am 26. November 2025.
Foto: I-Hwa Cheng / AFP via Getty Images
Taiwan: Klein, aber oho!
Trotz einer Bevölkerung von nur etwas mehr als 23 Millionen Menschen spielt Taiwan auf dem globalen Markt eine weit über seine Größe hinausgehende Rolle. Bekannt als die „Silizium-Insel“, produziert das Land fast zwei Drittel der weltweiten Mikrochips – darunter nahezu alle hoch entwickelten – und ist damit ein zentraler Bestandteil der modernen digitalen Wirtschaft.
Im vergangenen Jahr überholte Taiwan Deutschland als viertgrößten Handelspartner der Vereinigten Staaten.
Auch ohne formelles Bündnis haben die engen Beziehungen zwischen den USA und Taiwan über verschiedene Regierungswechsel hinweg Bestand. Dies trägt trotz der Spannungen mit China dazu bei, den Frieden in der Taiwanstraße – einer zentralen Handelsroute des Welthandels – zu sichern. Jährlich passieren Waren im Wert von einigen Billionen US-Dollar die nur rund 180 Kilometer breite Wasserstraße.
Hsiao bezeichnete diese Beziehung als „eine der folgenreichsten Partnerschaften der Welt“. „Es ist eine Partnerschaft, die es der Welt ermöglicht hat, zu florieren“, sagte sie.
Die Zusammenarbeit wurde zuletzt weiter ausgebaut. Im Januar kündigten Taipeh und Washington ein umfassendes Chipabkommen an, das bestehende Handelsbarrieren reduziert. Damit verbunden ist eine taiwanische Investition von 250 Milliarden US-Dollar in die Halbleiter- und Energieinfrastruktur der Vereinigten Staaten.
Taiwans Handelsdelegation auf einer Pressekonferenz in Washington, D.C. am 16. Januar 2026.
Foto: Eva Fu/The Epoch Times
Freiheit versus Kommunismus
Die Heritage Foundation, eine konservative Denkfabrik, stufte Taiwan im Februar als fünffreieste Volkswirtschaft der Welt ein. China belegte Platz 154 auf der Liste.
Das taiwanische Modell, wie Hsiao es beschreibt, steht damit im deutlichen Gegensatz zu den Strukturen auf der anderen Seite der Meerenge. Hsiao zufolge seien eine regelbasierte Ordnung, Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte und Innovationsfreiheit zentrale Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum.
Es finde ein Wettbewerb statt, der sowohl wirtschaftlicher, politischer als auch ideologischer Natur sei. Sie habe keinen Zweifel daran, welches System langfristig bestehen werde. Während das kommunistische China „weiterhin seine Form des Sozialismus und Kommunismus propagiert“, sei Taiwan überzeugt, „dass die Demokratie funktioniert“. Die Fakten sprächen für sich selbst.
Über Jahrzehnte hinweg habe sich der Westen eng mit der chinesischen Wirtschaft verflochten – in der Erwartung, dass wirtschaftliche Integration und Wohlstand zu politischer Liberalisierung führen würden.
Dies sei jedoch nicht eingetreten, merkte Hsiao an. „Wir haben ein enormes Wirtschaftswachstum gesehen, aber nicht die politische Offenheit oder den Fortschritt, den viele erwartet hatten, sondern in einigen Bereichen sogar das Gegenteil“, sagte sie.
„Das ist eine Tatsache, die die meisten von uns berücksichtigen müssen, wenn wir nach den angemessensten Wegen suchen, mit ihr [der Volksrepublik China] umzugehen.“
Laut dem Internationalen Währungsfonds wird das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Taiwan im Jahr 2026 etwa dreimal so hoch sein wie auf dem chinesischen Festland.
Gleichzeitig arbeitet der Inselstaat daran, seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen. Bis 2030 will Präsident Lai das Militärbudget von derzeit rund 3 Prozent auf 5 Prozent des BIP erhöhen. Anfang Juni testete Taiwan ein US-amerikanisches Raketensystem in Richtung Festland und simulierte damit die Abwehr einer möglichen Invasion durch China.
Taiwanische Soldaten bei einer Schießübung in Taichung am 9. Juni 2026.
Foto: Cheng Yu-chen/AFP via Getty Images
Lais Regierung hat noch einige Hürden zu überwinden. Die Oppositionspartei, die Peking nähersteht, blockierte den Vorschlag für höhere Militärausgaben der Regierung mehrfach, bevor sie einem gekürzten Budgetgesetz zustimmte.
Hsiao bezeichnete den Fortschritt dennoch als Beleg für Taiwans Transparenz und Rechenschaftspflicht. Die Wahrung der nationalen Sicherheit bedeute im Kern, den eigenen Worten Taten folgen zu lassen, sagte sie. Ihre Partei werde die Bedeutung dieses Themas für die taiwanische Gesellschaft weiterhin betonen.
Weltweit habe sich Taiwan in „jede Ebene“ der Lieferketten für Künstliche Intelligenz und Technologie integriert, sagte Hsiao. Ihr Volk – die „Stabilisatoren“ und „Friedensstifter“ – leiste zudem auf anderen Wegen einen Beitrag auf der internationalen Bühne.
Dies sei ihre Vorstellung von „Katzendiplomatie“: Taiwan sei klein, aber dennoch eine ernstzunehmende Kraft. „Katzen sind klein, aber sie können das Zehnfache ihrer Körpergröße springen – oder mehr“, sagte sie und fügte hinzu: „Und sie haben neun Leben.“
HINWEIS: Das vollständige Interview mit „American Thought Leaders“ wird am Dienstag, den 23. Juni, um 17 Uhr Ostküstenzeit auf EpochTV ausgestrahlt (MET 23 Uhr, 23. Juni).
6. März 2024: Sicherheitskräfte während des 14. Nationalen Volkskongresses in Peking hinter einer Glastür in der Großen Halle des Volkes. - Foto: Greg Baker/AFP via Getty Images
Seit Jahrzehnten nutzt China seinen Zugang zu westlichen Märkten, Technologien sowie akademischen und wissenschaftlichen Einrichtungen, um seine Wirtschaft aufzubauen und seinen mittlerweile beeindruckenden Technologiesektor auszubauen. Vieles davon geschah durch gegenseitige Vereinbarungen, manches jedoch durch heimliche Machenschaften, Diebstahl, Bestechung und Spionage.
Die „Five Eyes“ schlagen Alarm
Heute warnen Geheimdienste der „Five Eyes“-Allianz – bestehend aus den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland – dass Peking sowohl den Umfang als auch die Professionalität seiner Spionageoperationen drastisch ausgeweitet hat. Jüngste gemeinsame Warnungen deuten darauf hin, dass Chinas Geheimdienstapparat sich nicht mehr ausschließlich auf den Diebstahl von Technologie und Geschäftsgeheimnissen konzentriert.
Zunehmend richten sich Pekings Spionageaktivitäten gegen Regierungsmitarbeiter, Militärangehörige, kritische Infrastruktur, Telekommunikationsnetze und sogar gegen Privatpersonen, die über nützliche Zugänge oder Informationen verfügen.
Das Ergebnis ist eine anhaltende Geheimdienstkampagne, wie sie seit dem Kalten Krieg nicht mehr zu beobachten war.
Im Juni 2026 gab das Five-Eyes-Bündnis eine seltene gemeinsame Warnung heraus, wonach chinesische Geheimdienste über LinkedIn, Indeed, Upwork und andere berufliche Netzwerkplattformen aggressiv nach Informanten suchen. Geheimdienstvertreter berichten, dass chinesische Agenten sich als Personalvermittler, Berater, Thinktank-Mitarbeiter und Forschungsunternehmen ausgeben, um Personen mit Zugang zu sensiblen Informationen ausfindig zu machen.
Dem gemeinsamen Bericht zufolge gehören zu den Zielen Personal im Verteidigungssektor, Außenpolitikexperten, Militärangehörige, Auftragnehmer der Regierung, Journalisten, Wissenschaftler und Mitarbeiter von Thinktanks. Das Ziel ist klar: der Erwerb vertraulicher militärischer, politischer, wirtschaftlicher und technologischer Informationen, die Peking einen strategischen Vorteil verschaffen können.
Britische Geheimdienstmitarbeiter berichten, dass Tausende Personen mit Verbindungen zum Parlament, zum öffentlichen Dienst und zu Verteidigungseinrichtungen auf diese Weise angesprochen wurden.
Sie haben richtig gelesen: Tausende.
Pekings bevorzugte Methoden
Chinas Geheimdienstmodell unterscheidet sich von der traditionellen Spionage nach sowjetischem Vorbild.
Anstatt sich hauptsächlich auf professionelle Geheimdienstmitarbeiter zu verlassen, setzt Peking auf ein breit gefächertes Netzwerk, das Geheimdienste, militärische Organisationen, staatliche Unternehmen, Universitäten, Tarnfirmen, Cybereinheiten und Akteure aus der Privatwirtschaft umfasst.
Die Strategie ist einfach: Informationen aus Tausenden Quellen sammeln und diese zu verwertbaren Erkenntnissen zusammenführen.
Dieser Ansatz umfasst fortlaufende Versuche, durch Cyberangriffe in staatliche und private Netzwerke einzudringen, den Diebstahl geistigen Eigentums sowie die Anwerbung von Insidern. Wie oben erwähnt, umfasst er auch die bekannte Praxis der Informationsbeschaffung im akademischen und Forschungsbereich, Einflussoperationen und die Überwachung chinesischer Gemeinschaften im Ausland sowie die Nutzung beruflicher Netzwerkplattformen.
Diese Kombination aus Archivfotos, die am 7. Mai 2026 erstellt und am 2. März 2026 aufgenommen wurden, zeigt Bill Yuen Chung Biu (l.) und Peter Wai Chi Leung, die beide wegen Beihilfe für den Geheimdienst von Hongkong angeklagt sind.
Foto: Carlos Jasso/AFP via Getty Images
Das breite Spektrum dieser Aktivitäten ermöglicht es Peking, riesige Mengen an Informationen zu sammeln und gleichzeitig eine glaubwürdige Abstreitbarkeit aufrechtzuerhalten.
Kritische Infrastruktur als primäres Ziel von „Volt Typhoon“
Die vielleicht besorgniserregendste Entwicklung betrifft Chinas Eindringen in die westliche kritische Infrastruktur.
US-Geheimdienste, darunter das FBI, die NSA und die CISA, haben gewarnt, dass eine von China staatlich geförderte Hackergruppe namens „Volt Typhoon“ mindestens fünf Jahre lang Zugriff auf Teile der amerikanischen kritischen Infrastruktur hatte, bevor sie entdeckt wurde.
Die Ziele erstrecken sich Berichten zufolge über das gesamte Spektrum von Industrie, Vertrieb und weiteren Bereichen. Dazu gehören Luftfahrt, Bahnverkehr, Seeverkehr, Pipelines, Kommunikationssysteme und die Wasserversorgung.
Was Volt Typhoon besonders alarmierend macht, ist die Einschätzung der Behörden, dass die Operation über die reine Informationsbeschaffung hinausgeht. US-Behörden gehen davon aus, dass sich die Hacker möglicherweise bereits in den Infrastrukturnetzwerken „positioniert haben“, um diese im Falle einer zukünftigen Krise oder eines Konflikts potenziell lahmzulegen.
Dies stellt eine erhebliche Eskalation gegenüber herkömmlicher Spionage dar.
Im Jahr 2023 machte Microsoft die Gruppe Volt Typhoon erstmals öffentlich bekannt.
Die Gruppe nutzte sogenannte „Living-off-the-Land“-Techniken, was bedeutet, dass sie sich auf legitime Admin-Tools stützte, die bereits in den Netzwerken der Opfer vorhanden waren, anstatt leicht nachweisbare Malware einzusetzen.
Dieser Ansatz ermöglichte es den Akteuren, über lange Zeiträume unentdeckt zu bleiben, während sie Informationen sammelten und sich langfristigen Zugriff verschafften. Guam, Standort wichtiger US-Militäreinrichtungen und Kommunikationsinfrastruktur im Pazifik, gehörte zu den bekannt gemachten Zielen.
Eine weitere, mit China verbundene Operation, bekannt als „Salt Typhoon“, konzentrierte sich Berichten zufolge auf Telekommunikationsnetze.
Sicherheitsexperten und Geheimdienstmitarbeiter bringen die Kampagne mit groß angelegten Spionageaktivitäten gegen die Kommunikationsinfrastruktur in Verbindung. Berichten zufolge zielte die Operation darauf ab, Zugang zu sensiblen Telekommunikationsdaten zu erlangen, darunter auch zur Kommunikation von Regierungsvertretern und Entscheidungsträgern.
Ein Fahndungsplakat des FBI zeigt Mitarbeiter des chinesischen Technologieunternehmens Anxun (i-Soon) Information Technology Co., Ltd., die mutmaßlich auf Anweisung und in enger Abstimmung mit dem chinesischen Ministerium für Staatssicherheit und dem Ministerium für öffentliche Sicherheit Angriffe auf Opfer weltweit verübt haben sollen.
Foto: FBI
Analysten beschreiben „Salt Typhoon“ als eine der umfangreichsten Cyberspionagekampagnen, die jemals gegen westliche Kommunikationsnetzwerke gerichtet waren.
Online-Rekrutierungsmaßnahmen
Die jüngste Sorge betrifft Chinas Nutzung sozialer und beruflicher Netzwerke.
Laut den Five-Eyes-Geheimdiensten geben sich chinesische Militärgeheimdienstler zunehmend als Personalvermittler aus, die Beratungsaufträge, Forschungsaufträge oder politische Analyseprojekte anbieten. Die ersten Anfragen wirken harmlos. Im Laufe der Zeit werden die Zielpersonen dazu verleitet, immer sensiblere Informationen preiszugeben.
Beamte beschreiben dies als ein hochskalierbares Modell, das in der Lage ist, Tausende potenzielle Quellen gleichzeitig zu erreichen.
Die Belege für Chinas umfassende Spionagekampagnen stammen aus mehreren Quellen, wobei Regierungen zunehmend länderübergreifende Warnungen herausgeben.
Staatliche Geheimdienste haben gemeinsame Warnungen herausgegeben. Cybersicherheitsfirmen, darunter Microsoft, haben unabhängig voneinander Einbrüche dokumentiert. Strafrechtliche Verfahren haben Rekrutierungsnetzwerke und Spionageaktivitäten aufgedeckt. Technische forensische Untersuchungen führen die Operationen auf Infrastrukturen und Methoden zurück, die mit vom chinesischen Staat unterstützten Akteuren in Verbindung stehen.
Was wird dagegen unternommen?
Westliche Regierungen haben reagiert, indem sie ihre Cyberabwehr verstärkt, den Austausch von Geheimdienstinformationen intensiviert, Technologietransfers eingeschränkt, Exportkontrollen verschärft und Spionagefälle strafrechtlich verfolgt haben.
Das Five-Eyes-Bündnis tritt zunehmend öffentlich auf, um chinesische Operationen offenzulegen. Die Geheimdienste scheinen davon auszugehen, dass eine öffentliche Zuschreibung für Peking Kosten verursacht und potenziellen Zielen hilft, Rekrutierungsversuche zu erkennen, bevor Schaden entsteht.
Wird genug getan, um Chinas Eindringen und seinen Zugang zu kritischen Geheimdienstinformationen, fortschrittlichen Technologien und anderen sensiblen Bereichen einzudämmen?
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lautet die Antwort: „Nein.“
Wird dies zu einem Krieg führen?
Sind Chinas umfangreiche Spionageaktivitäten ein Vorbote eines Krieges?
Nicht unbedingt. Spionage ist ein normaler Bestandteil des internationalen Wettbewerbs, und jede Großmacht betreibt sie in gewissem Maße.
Chinas Eindringen in kritische Infrastrukturen erhöht jedoch den Einsatz. Wenn die Geheimdienste recht haben, dass einige Operationen darauf abzielen, Störungen im Falle einer Taiwan-Krise vorzubereiten, verschwimmt die Grenze zwischen Spionage und Konflikt.
Das derzeitige Risiko eines direkten militärischen Konflikts zwischen China und den USA ist nach wie vor relativ gering, ist jedoch höher als jemals in den vergangenen Jahrzehnten. Die meisten Analysten halten Cyberoperationen, wirtschaftlichen Zwang, technologischen Wettbewerb und Druck über Stellvertreter für weit wahrscheinlicher als einen offenen Krieg.
Dennoch ist die Lektion klar. Pekings Geheimdienstkampagne wird immer umfassender, tiefgreifender und ehrgeiziger. Die Warnung der Five Eyes legt nahe, dass westliche Regierungen die chinesische Spionageaktivitäten zunehmend nicht mehr als eine Ansammlung isolierter Vorfälle betrachten, sondern als langfristige strategische Bemühung, die darauf abzielt, das Kräfteverhältnis zugunsten Chinas zu verschieben.
Ist eine tiefgreifende und koordinierte Reaktion der westlichen Nationen wahrscheinlich?
Vielleicht nicht, aber sie erscheint notwendiger denn je.
Eine Umfrage aus dem Jahr 2025 unter amerikanischen Erwachsenen im Alter von 30 Jahren und jünger ergab, dass 62 Prozent dem Sozialismus positiv gegenüberstanden. Bei derselben Umfrage standen 34 Prozent dem Kommunismus positiv gegenüber.
Befürwortung durch Propaganda?
Es wäre ein Fehler, diese Statistiken als Reaktion auf die derzeitige Regierung zu interpretieren. Umfragen verschiedener Organisationen, die in den vergangenen fünf Jahren durchgeführt wurden, liegen im Rahmen dieser Zahlen.
Diejenigen von uns, die den Kommunismus als böse betrachten, sind entsetzt über diese Zahlen. Wissen diese jungen Menschen, dass Kommunisten in den vergangenen 100 Jahren mehr als 100 Millionen Menschen getötet haben?
Sind sie sich der gebrochenen Versprechen des Kommunismus in Diktaturen wie Kuba, Nordkorea und China bewusst? Ist ihnen nicht klar, dass unter einer kommunistischen Regierung ihr Leben vom Staat diktiert würde, sofern sie nicht zum inneren Kreis der Partei gehören? Können sie Sozialismus und Kommunismus überhaupt definieren?
Die Antwort auf diese und andere Fragen ist nur mit einem klaren „Nein“ zu beantworten. Entweder wissen sie nichts von diesen Ungeheuerlichkeiten des 20. Jahrhunderts oder sie sind Opfer von Propaganda. Kein vernünftig erzogener Mensch würde zustimmen, ein Sklave des Staates zu werden.
Am Montag, 18. Mai, zeigten mir eine Lehrerin der fünften Klasse und ein römisch-katholischer Priester einen Weg, wie wir dieser Fehlentwicklung entgegenwirken können.
Am Sonntag erwähnte Lara Purciel, die Lehrerin und auch eine Freundin von mir, dass sie Pater Tom Shepanzyk eingeladen hatte, vor ihrer Klasse an der Padre-Pio-Akademie über den Kommunismus zu sprechen. Pater Shepanzyk lebte in seiner Jugend unter dem Kommunismus in Polen, bevor er in die Vereinigten Staaten ging. Lara bemerkte mein Interesse und lud mich daraufhin ein, zuzuhören.
Etwas mehr als 1 Stunde lang fesselte Pater Shepanzyk die Aufmerksamkeit dieser Klasse und der hinzugekommenen Achtklässler. Er sprach darüber, wie sein Leben als gläubiger katholischer Jugendlicher in einem System aussah, das Religion verachtete und verspottete.
Pater Shepanzyk erzählte seinem jungen Publikum von den Stunden, die er in Schlangen vor Lebensmittelgeschäften verbrachte, um nur das Nötigste zum Leben zu kaufen. Ebenso berichtete er von der Propaganda in den Schulen und auf den allgegenwärtigen Plakaten in den Straßen, vom staatlich kontrollierten Fernsehen und von der Angst, von den falschen Leuten belauscht zu werden, was die freie Meinungsäußerung einschränkte.
„Alle lebten in Angst“, sagte Pater Shepanzyk. „Alle hatten Angst.“
Einige seiner Geschichten trafen sicherlich einen Nerv. Als ihnen gesagt wurde, dass eines Tages die ganze Welt kommunistisch sein und alles „dem Volk“ gehören würde, scherzten er und seine Klassenkameraden: „Werden unsere Socken dann privat sein?“ Er erklärte, dass er nur einmal im Jahr eine Orange bekommen habe, und: „Als ich in die Vereinigten Staaten kam, aß ich Tag und Nacht Orangen.“
An einer Stelle sagte Pater Shepanzyk zu den Schülern: „Die Kommunisten haben es immer auf die Jugend abgesehen.“ Sie tun dies, indem sie an ihren Idealismus appellieren und sie über die Realitäten einer sozialistischen beziehungsweise kommunistischen Regierung im Vergleich zu diesem Idealismus in die Irre führen.
Und genau hier liegt die Lehre, die ich aus dieser Unterrichtsstunde gezogen habe. Genau wie die Linken müssen wir uns um die Jugend bemühen. Viele unserer Schulen, Universitäten und kulturellen Einflussnehmer tun genau das. Sie verstehen – und haben schon seit Jahrzehnten verstanden –, dass ein Kampf um die Herzen und Köpfe unserer jungen Menschen tobt.
Wie kann man aufklären?
Ein altes Sprichwort besagt: „Wir müssen Feuer mit Feuer bekämpfen.“ Insbesondere durch Geschichten müssen wir unseren jungen Menschen die Übel des Marxismus aufzeigen.
Die gute Nachricht ist, dass wir die Mittel dafür haben. Sucht man online nach „Wie viele Opfer des Kommunismus leben in den Vereinigten Staaten?“, findet man Angaben, dass die Zahlen schwer genau zu bestimmen sind, aber insgesamt in die Millionen gehen. Diese Zahl erhöht sich noch weiter, wenn man die Kinder und Enkelkinder berücksichtigt, die aus diesen Flüchtlingen vor dem Marxismus hervorgegangen sind.
Genau wie Pater Shepanzyk es in jenem Klassenzimmer tat, benötigen wir diese Männer und Frauen, die mit unseren jungen Menschen über die Misshandlungen und das Leid sprechen, das sie miterlebt haben, über die grausame Unterdrückung von Würde und persönlichen Ambitionen. Diese Geschichten können dann als Gegenmittel gespeichert werden, um dem Gift der kommunistischen und sozialistischen Propaganda entgegenzuwirken.
Lehrer können einfach Laras Beispiel folgen und einen oder mehrere dieser Zeitzeugen einladen, vor ihren Klassen zu sprechen. Homeschooling-Gruppen und andere Jugendorganisationen könnten dasselbe tun. Sicherlich gibt es genug Osteuropäer, Vietnamesen, Chinesen und andere Staatsangehörige, die bereit wären, sich diesem Anliegen anzuschließen.
Eine weitere großartige Ressource ist die Victims of Communism Memorial Foundation. Ihr Witness Project und Voices for Freedom enthalten Interviews mit Menschen aus aller Welt, die unter kommunistischen Regimen inhaftiert, gefoltert und ihrer natürlichen Rechte beraubt wurden.
Lehrer und Eltern können den Jugendlichen auch Bücher und Filme näherbringen, die Totalitarismus und Kollektivismus anprangern. Ältere Teenager könnten sich „Mr. Jones“ ansehen, den erschütternden Film über den Holodomor, was „Tod durch Hunger“ bedeutet, durch den die Sowjetunion Millionen Ukrainer verhungern ließ.
Der ab 16 Jahren freigegebene Film „Das Leben der Anderen“ zeigt uns die Schattenseiten des ostdeutschen Polizeistaats und dessen Überwachung privater Gespräche. Bücher wie Lois Lowrys antikollektivistischer Roman „The Giver“, George Orwells Klassiker „Animal Farm“ und „1984“ sowie James Clavells weitgehend vergessener, aber wichtiger Roman „The Children’s Story“ können helfen, Schutz vor den giftigen Einflüssen der extremen Linken zu bieten.
Unsere jungen Menschen müssen wissen, bevor sie auf die Hochschule gehen oder ins Berufsleben eintreten, dass der Kommunismus die Seele und oft auch den Körper tötet, dass er seine Versprechen nicht einhält, dass es unter einem kommunistischen Regime keine unveräußerlichen Rechte gibt, kein Leben, keine Freiheit und kein Streben nach Glück.
Und es liegt an uns, ihnen diese Dinge beizubringen.
Viel Arbeit entsteht dadurch, dass Menschen erst arbeiten und danach klären, was eigentlich gemeint war. - Foto: cyano66/iStock
„Die wissen doch, was zu tun ist.“ Dieser Satz fällt oft dann, wenn etwas nicht läuft. Aufgaben bleiben liegen, Entscheidungen werden zurückgespielt und Ergebnisse passen nicht. Die Führungskraft ärgert sich. Das Team wirkt passiv. Und doch fehlt häufig nicht der Wille, sondern Orientierung.
Orientierung ist mehr als Information. Eine Mail ist noch keine Orientierung. Eine Ansage ist noch keine Orientierung. Ein Ziel auf einer Folie ist noch keine Orientierung. Orientierung entsteht erst, wenn Menschen wissen, worauf es ankommt, wie sie entscheiden dürfen und woran gute Arbeit erkannt wird.
Viele Führungskräfte unterschätzen, wie viel unausgesprochen bleibt. Sie tragen das Bild im Kopf, aber das Team sieht nur Ausschnitte. Dann entstehen Rückfragen, Reibung und Vorsicht. Wer im Nebel arbeitet, bewegt sich langsamer – nicht aus Faulheit, sondern aus Selbstschutz.
Ein Projektleiter erzählte mir: „Ich will nicht ständig fragen. Aber ich will auch nicht wieder hören, dass es anders gemeint war.“ Dieser Satz zeigt den Kern. Unklare Führung erzeugt nicht Selbstständigkeit. Sie erzeugt taktische Vorsicht.
Orientierung braucht vier einfache Elemente:
Richtung: Was soll am Ende anders sein?
Grenze: Was gehört nicht dazu?
Spielraum: Was darf eigenständig entschieden werden?
Maßstab: Woran erkennen wir Qualität?
Eine Geschäftsführerin begann, neue Aufgaben nicht mehr mit „Kümmern Sie sich mal“ zu übergeben. Stattdessen nutzte sie drei Sätze: „Das Ziel ist … Der Entscheidungsspielraum ist … Mir ist wichtig, dass …“ Es dauerte kaum länger. Aber die Rückfragen veränderten sich. Sie wurden weniger und präziser.
Genug gearbeitet. Denn viel Arbeit entsteht dadurch, dass Menschen erst arbeiten und danach klären, was eigentlich gemeint war.
Besonders gefährlich ist Orientierungslosigkeit in Phasen von Veränderung. Wenn neue Technik, KI, neue Prozesse oder veränderte Kundenanforderungen hinzukommen, reicht es nicht, Aufgaben zu verteilen. Dann braucht es Einordnung: Warum machen wir das? Was bleibt? Was ändert sich? Was ist verhandelbar und was nicht?
Führungskräfte müssen nicht alles wissen. Aber sie müssen sagen, was sie wissen, was sie noch nicht wissen und bis wann entschieden wird. Das schafft mehr Ruhe als jede Beschwichtigung.
Ein hilfreicher Satz lautet: „Ich weiß noch nicht alles, aber das ist unser nächster klarer Schritt.“ Dieser Satz ist ehrlich und führend zugleich.
Wenn Sie Orientierung testen wollen, fragen Sie drei Menschen im Team: „Was ist gerade unser wichtigstes Ziel?“ Wenn drei unterschiedliche Antworten kommen, haben Sie kein Motivationsproblem. Sie haben ein Führungsproblem.
Genug gearbeitet. Wo erwarten Sie Eigenverantwortung, obwohl die Richtung nicht klar genug ist?
Zwischen goldenen Äpfeln und der Schulterung der Welt lernt Herakles, weise zu handeln. - Foto: hipproductions/nitrub/iStock; Montage: Epoch Times
In Kürze:
Weisheit lässt sich nicht durch Kraft gewinnen, das muss Herakles in seiner vorletzten Aufgabe erkennen.
Um seine Prüfung zu meistern, muss der griechische Held einen Schritt zurücktreten und die Last der Welt schultern.
Elternschaft, Führung, moralische Pflicht: Jeder Erwachsene stößt irgendwann auf Verantwortung, die sich nicht vermeiden lässt und einfach getragen werden muss.
Sie lehren uns, dass die größten Schätze nicht diejenigen sind, die wir dauerhaft besitzen, sondern jene Momente, in denen wir über uns hinauswachsen.
Als Herakles seine elfte Aufgabe in Angriff nimmt, hat sich die Atmosphäre der Mythen grundlegend gewandelt. Die früheren Prüfungen erforderten Mut, Einfallsreichtum, Geduld, Selbstbeherrschung, Vernunft und die Wiederherstellung der Ordnung im Kampf gegen verschiedene Formen des Chaos.
Doch nun nähert sich Herakles etwas weitaus Geheimnisvollerem. Dies ist eine logische Folge aus seiner Reise in den Westen, die er im Rahmen seiner zehnten Aufgabe antrat. Seine neue Prüfung betrifft nun nicht mehr nur Kraft oder Ausdauer, sondern die Weisheit selbst.
Götter, ein Drache und die Nacht
König Eurystheus’ neue Aufgabe klingt wiederholt trügerisch einfach: Herakles soll die goldenen Äpfel der Hesperiden beschaffen. Doch dies sind keine gewöhnlichen Früchte. Sie hängen in einem heiligen Garten, der sich am äußersten westlichen Rand der Welt befindet. Dieser Ort liegt somit jenseits der Grenzen der bekannten Geografie, nahe dem Punkt, an dem sich Himmel und Erde fast zu berühren scheinen.
Die Äpfel werden mit Hera, der Königin der Götter, in Verbindung gebracht. Diese mächtige Frau hegt bekanntlich einen Groll gegen Herakles, da er der uneheliche Sohn ihres Mannes Zeus ist.
Wie so oft werden die Früchte strengstens bewacht. Zu ihren Beschützern zählen die Hesperiden. Ihr Name bedeutet „Töchter des Westens“ und leitet sich wahrscheinlich von „hespera“ ab, was „Abend“ bedeutet. Die Hesperiden werden von einem großen Schlangendrachen namens Ladon unterstützt, der sich schlaflos um den heiligen Baum windet.
Die Hesperiden waren je nach antiken Schriften drei, vier oder sieben Nymphen, also weibliche Naturgeister. Als möglicher Vater wird unter anderem der Titan Atlas genannt.
Herakles begibt sich auf seiner neuen Reise buchstäblich in die Nacht. Schon hier ist die Symbolik enorm. Der Westen ist mythologisch betrachtet niemals nur eine Himmelsrichtung. Er ist das Reich des Sonnenuntergangs, des Endes, der Sterblichkeit und der geheimnisvollen Grenzgebiete, in denen die bekannte Welt der Transzendenz weicht. Nach Westen zu reisen bedeutet, sich dem Rand der gewöhnlichen menschlichen Existenz selbst zu nähern.
Doch im Gegensatz zu seiner vorherigen Aufgabe ist das gesuchte Objekt nicht Vieh, sondern Unsterblichkeit. Die goldenen Äpfel besitzen in der gesamten antiken Mythologie eine außerordentliche Bedeutung.
Fruchttragende Bäume symbolisieren immer wieder Leben, Weisheit, Erneuerung und göttliche Ordnung. In der antiken griechischen Tradition stehen die goldenen Äpfel oft für ewige Jugend oder göttliche Vitalität.
In der nordischen Mythologie bewahren die Götter rund um Odin ihre Unsterblichkeit durch magische Äpfel. In der biblischen Tradition wird die Frucht von Eden mit Wissen, Versuchung und der Sehnsucht der Menschheit, ihre festgelegten Grenzen zu überschreiten, in Verbindung gebracht. Paradoxerweise bedeutet dies gleichzeitig den Einzug des Todes in die Welt der Lebenden.
„Das irdische Paradies mit dem Sündenfall von Adam und Eva“ von Peter Paul Rubens (1577–1640) und Jan Brueghel der Ältere (1568–1625).
Diese Gemeinsamkeiten sind kaum zufällig. Auf symbolischer Ebene gehört die elfte Aufgabe zum Schützen, jenem Sternzeichen, das mit der Suche, höherem Wissen, fernen Reisen, Philosophie und spirituellem Streben assoziiert wird. Der Schütze ist der Reisende des Tierkreises, der Suchende, der über das Unmittelbare und Sichtbare hinaus auf eine größere Wahrheit zielt.
Im Gegensatz zum Steinbock, der durch Disziplin Entbehrungen erträgt, bewegt sich der Schütze durch Sehnsucht und visionäre Kraft nach außen, was sich symbolisch in der Figur des Bogenschützen selbst widerspiegelt. Herakles selbst ist bekanntlich im Umgang mit Pfeil und Bogen versiert. Ein Bogenschütze muss immer etwas haben, das über ihn selbst hinausgeht, auf das er zielen kann. Dieser Unterschied ist entscheidend.
Diese künstlerische Darstellung zeigt Herakles als Bogenschützen im Kampf gegen den Drachen Ladon. Je nach Schriftquelle stammt das Wesen unter anderem von den Monstern Typhon und Echidna ab.
Während Herakles zuvor durch Stärke, Mut oder Ausdauer siegte, lassen sich die Äpfel der Hesperiden nicht einfach mit Gewalt an sich reißen. Die elfte Aufgabe vereitelt wiederholt direktes Handeln.
Der Garten selbst ist verborgen. Sein Standort ist ungewiss. Der Held muss Reisende befragen, mit Gestaltwandlern ringen, Wüsten durchqueren und Rat bei obskuren Wesen suchen, bevor er sich dem heiligen Ort überhaupt nähern kann. Das Erlangen von Wissen selbst wird zur Herausforderung.
Rätsel, Verwandlungen und Wahrheit
Das Streben nach Erkenntnis ist ein Grund dafür, dass sich diese neue Aufgabe im Vergleich zu den vorherigen seltsam traumhaft anfühlt. Herakles betritt eine Welt voller Rätsel, Verwandlungen und kosmischer Wesen. Ein Orakel gibt Herakles schließlich den wichtigen Tipp, ein Mann namens Nereus könne ihm bei der Suche nach dem Garten helfen.
Nereus ist ein uralter Meeresgott, der manchmal auch als „der Alte des Meeres“ bezeichnet wird. Auch er ist gar nicht so leicht zu finden, denn er kann seine Gestalt ständig wechseln – mal ist er ein Fisch, mal ein Seelöwe.
Künstlerische Darstellung von Nereus auf einem griechischen Tongefäß.
So versucht der Meeresgott, sich dem Griff des Herakles zu entziehen. Nur indem der Held all diesen Verwandlungen standhaft widersteht, schafft er es, dass Nereus ihm die wichtigen Informationen offenbart.
Die Symbolik ist tiefgründig: Die Wahrheit ist nicht leicht zu erlangen. Stattdessen wandelt sie ihre Gestalt vor unseren Augen – die Realität selbst erscheint instabil. Dieses Konzept ist in ähnlicher Weise von den Mayas bekannt, bei denen Erscheinungen eine tiefere Realität verschleiern. Nur Beharrlichkeit, verbunden mit Einsicht, ermöglicht es dem Suchenden, das zu erfassen, was ihm ständig entgleitet.
Zurückgehen für Fortschritt
Tatsächlich schickt der Rat des Nereus unseren Helden nach Osten, fort von den Hesperiden. Als Erstes führt ihn der Weg zu Prometheus, der ihn wiederum zu Atlas führt. Kurz gesagt: Der Held muss zuerst zurückgehen, um voranzukommen – eine Sichtweise, die aus der Zen-Philosophie bekannt ist.
Was wie ein Umweg erscheint, ist von großer Bedeutung, denn Herakles befreit Prometheus aus seiner misslichen Lage. Der Titan hatte den Göttern das Feuer gestohlen und es der Menschheit geschenkt. Dafür hatte Zeus ihn an einen Berg gekettet, wo jeden Tag ein Adler herabstieg, um seine Leber zu verschlingen. Da Prometheus unsterblich ist, regenerierte sich seine Leber jede Nacht und der Kreislauf begann von Neuem.
Herakles tötet den Adler und befreit Prometheus von seiner Qual – ein zutiefst bedeutungsvoller Moment. Prometheus hatte gelitten, weil er den Menschen aus ihrem primitiven Zustand half. Nun hilft Herakles, der Sohn des Zeus, diese Strafe zu beenden. Symbolisch gesehen ist es, als würde ein Teil des alten Fluchs, der über der Menschheit lastet, aufgehoben.
Herakles (l.) befreit Prometheus (r.) von seiner göttlichen Strafe, indem er die Ketten sprengt und den Adler mit einem Pfeil tötet (u.).
Der befreite Prometheus bringt Herakles nun einen Schritt näher an den geheimnisvollen Garten, indem er die Begegnung mit einem zweiten Titanen ermöglicht: Atlas. Dieser ist dazu verdammt, den Himmel auf seinen Schultern zu tragen.
Hier erreicht die Aufgabe ihre tiefste symbolische Ebene. Atlas ist kein bloßer Titan. Er verkörpert die kosmische Last selbst: das Gewicht des Himmels, die erdrückende Verantwortung, die Ordnung vor dem Zusammenbruch zu bewahren.
Kosmische Last – wie sie jeder kennt
Frühere Aufgaben haben diese Last bereits sinnbildlich thematisiert, doch nun begegnet Herakles ihr in universellem Ausmaß. In einer Version des Mythos willigt Herakles ein, den Himmel vorübergehend zu tragen, während Atlas die Äpfel aus dem Garten holt. Das Bild ist außergewöhnlich. Für einen kurzen Moment nimmt der Held die Last des Kosmos selbst auf sich.
Dies ist nicht mehr nur ein heroisches Abenteuer, sondern eine metaphysische Symbolik von höchster Ordnung. Unweigerlich ruft diese Szene den Vergleich mit dem christlichen Bild von Christus am Kreuz hervor: Der Sohn, der das Gewicht der Sünde, des Leidens und der Gebrochenheit der Welt trägt und dennoch bis zur Erlösung und zum Sieg durchhält.
Die Kreuzigung Jesu, gemalt von Francesco Trevisani (1656–1746).
Diese Szene hat über Jahrhunderte hinweg Relevanz, weil sie etwas Bekanntes in der menschlichen Erfahrung anspricht. Jeder Erwachsene stößt irgendwann auf Verantwortung, die sich nicht vermeiden lässt, und auf Lasten, die einfach getragen werden müssen.
Elternschaft, Führung, künstlerische Berufung, politische Verantwortung, moralische Pflicht – all dies beinhaltet in der einen oder anderen Form das „Halten des Himmels“. Vereinfacht ausgedrückt heißt das, Ordnung zu schaffen und diese aufrechtzuerhalten.
Gewinn durch Weisheit statt Gewalt
Doch der Mythos enthält noch eine weitere subtile Erkenntnis. Sobald Atlas mit den Äpfeln zurückkehrt, versucht er, die erneute Schulterung der Last zu vermeiden. Er schlägt vor, dass Herakles den Himmel weiterträgt, während er selbst die Früchte an König Eurystheus überbringt.
Herakles reagiert jedoch nicht mit Gewalt, sondern mit Klugheit. Er gibt vor, dem Vorschlag zuzustimmen, und bittet Atlas, den Himmel kurz wieder zu übernehmen, damit er seinen Umhang als Kissen zurechtlegen kann. Doch sobald Atlas die Last wieder auf sich nimmt, geht Herakles mit den Äpfeln davon. Der endgültige Sieg wird also nicht durch Gewalt, sondern durch Weisheit errungen.
Dies markiert eine entscheidende Wandlung in der Entwicklung des Helden. Der Herakles, der den Nemeischen Löwen mit bloßen Händen erwürgte, ist nachdenklicher, strategischer und spirituell bewusster geworden. Die Kraft bleibt, aber sie steht nicht mehr im Vordergrund. Intelligenz, Urteilsvermögen und Selbstbeherrschung bestimmen nun sein Handeln.
„Atlas und die Hesperiden“ von John Singer Sargent (1856–1925).
Die Äpfel selbst unterstreichen diese Bedeutung. Gold symbolisiert traditionell Vollkommenheit, Unvergänglichkeit und Beständigkeit. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Früchten verfaulen diese nicht.
Sie stehen für die uralte Sehnsucht des Menschen nach Beständigkeit in einer vergänglichen Welt – den Wunsch, irgendwie an der Ewigkeit teilzuhaben. Und doch verbirgt sich im Kern dieser Aufgabe ein Paradoxon.
Zwar gelingt es Herakles, die Äpfel zu erlangen, doch er behält sie nicht. In vielen Versionen des Mythos bringt Athene sie schließlich in den heiligen Garten zurück, da solche göttlichen Schätze nicht dauerhaft in die gewöhnliche menschliche Sphäre gehören.
„Herkules stiehlt die Äpfel aus dem Garten der Hesperiden“ von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553).
Dieses Ende ist von enormer Bedeutung. Die Aufgabe legt nahe, dass Unsterblichkeit und Weisheit nicht einfach als Eigentum besessen oder mit Gewalt erobert werden können. Menschen mögen einen Blick auf das Transzendente erhaschen, an Höherem teilhaben oder für einen Moment das Gewicht des Himmels selbst tragen, doch Beständigkeit bleibt jenseits vollständiger menschlicher Aneignung.
Weisheit als höchster Preis
Die moderne Kultur behandelt Erfüllung oft als etwas, das man erwerben kann: mehr Erfolg, mehr Reichtum, mehr Sichtbarkeit, mehr Kontrolle. Doch der Mythos untergräbt stillschweigend diese Annahme, denn das Wertvollste, das man besitzen kann, sind keine Waren. Die Weisheit selbst lehrt Demut vor dem, was uns übersteigt.
Für uns moderne Leser liegt die Relevanz dieser Aufgabe genau hier. Viele unserer tiefsten Bestrebungen – Wahrheit, Schönheit, Weisheit und Sinn – ähneln dem Garten der Hesperiden. Sie lassen sich weder schnell erreichen noch allein durch Gewalt meistern. Sie erfordern Ausdauer, Unterscheidungsvermögen, Demut und die Bereitschaft, die vertrauten Grenzen des Selbst zu überschreiten.
In diesem Sinne wird die elfte Aufgabe zu einer der philosophischsten des gesamten Zyklus. Herakles besiegt nicht mehr nur Monster oder stellt die öffentliche Ordnung wieder her. Er ist zu einem Suchenden geworden, der an der Schwelle zwischen Sterblichkeit und Transzendenz steht.
Und das ist vielleicht die bleibende Lehre der Erzählung: Die größten Schätze sind nicht diejenigen, die wir dauerhaft besitzen, sondern jene Momente, in denen wir – wenn auch nur kurz – das berühren, was jenseits von uns selbst liegt.
Nach der Meisterung dieser Aufgabe, steht Herakles nun vor seiner zwölften, letzten und gefährlichsten Prüfung. Dafür muss er die dunkle Grenze überschreiten und in die Unterwelt hinabsteigen – einen Ort, von dem noch nie ein Lebender zurückgekehrt ist.
MMA-Kämpfer Justin Gaethje unterhält sich nach seinem Kampf mit US-Präsident Donald Trump im Rahmen der Wettkämpfe am 15. Juni 2026. - Foto: Chip Somodevilla/Getty Images
In Kürze:
US-Präsident Donald Trump veranstaltete im Rahmen der Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der USA Kämpfe auf dem Gelände des Weißen Hauses.
Beobachter und Kritiker sahen darin ein weiteres Beispiel für seine Vorliebe für Spektakel.
Historisch gesehen reicht die Symbolik tiefer als die Vorliebe eines Präsidenten für Theatralik und Kampfsport.
Die Anziehungskraft von Kampfszenen liegt nicht in Gewalt oder Unterhaltung, sondern in Zugehörigkeit.
Von den Gladiatorenkämpfen im alten Rom bis hin zu den modernen Mixed Martial Arts, kurz MMA, dienten Kampfsportveranstaltungen nicht nur der Unterhaltung, sondern auch als öffentliche Rituale. Durch sie sollten Menschen das Gefühl erlangen, Teil von etwas zu sein, das größer ist als sie selbst.
Als Präsident Donald Trump vorschlug, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der USA Kämpfe auf dem Gelände des Weißen Hauses auszurichten, sahen viele Beobachter darin ein weiteres Beispiel für seine Vorliebe für Spektakel und MMA.
Mixed Martial Arts ist eine Kampfsportart, die Schlag- und Ringkampftechniken aus verschiedenen Kampfkunstdisziplinen kombiniert. Doch die Symbolik reicht tiefer als die Vorliebe eines Präsidenten für Theatralik und Kampfsport.
Mixed Martial Arts ist eine Sportart, die Techniken aus verschiedenen Kampfkunstdisziplinen kombiniert – so auch Ringen.
Ich habe Jahrzehnte erforscht, warum Menschen bereit sind, für bestimmte Anliegen zu kämpfen, Opfer zu bringen und sogar zu sterben. In diesen Spektakeln sehe ich einen wichtigen psychologischen Prozess, der als Identitätsverschmelzung bekannt ist.
Emotionale Bindungen
Menschen gehören Gruppen an: Familien, Nationen, Religionen, Berufsgruppen, politischen Bewegungen, Sportmannschaften. Normalerweise bleiben diese Identitäten vom persönlichen Selbst getrennt.
Identitätsverschmelzung tritt ein, wenn diese Grenze verschwindet. Menschen unterstützen eine Gruppe nicht nur – sie erleben sie als untrennbaren Teil ihrer eigenen Identität. Die Erfolge und Misserfolge der Gruppe werden persönlich. Bedrohungen für die Gruppe werden als Bedrohungen für das eigene Selbst empfunden.
Die wichtige Frage ist nicht nur, was im Käfig geschieht, sondern was solche Spektakel für das Publikum bewirken können. Öffentliche Darbietungen von Mut, Ausdauer und Opferbereitschaft können emotionale Bindungen unter den Zuschauern stärken und die Identifikation mit den Gruppen, Anliegen oder politischen Entscheidungsträgern vertiefen, die sie mit den Kämpfen in Verbindung bringen.
Mixed-Martial-Arts-Wettkämpfe finden traditionell in einem Ring oder Käfig statt.
Untersuchungen mit Soldaten und Frontkämpfern im Irak und in Afghanistan, mit Unterstützern der Ukraine, mit Palästinensern im Gazastreifen, mit Taiwanern, die eine chinesische Invasion fürchten, sowie mit Teilnehmern extremistischer Bewegungen zeigen, dass Identitätsverschmelzung die Bereitschaft vorhersagt, Entbehrungen zu ertragen, Risiken einzugehen und Opfer für ein gemeinsames Anliegen zu bringen.¹
Dieser Prozess führt nicht zwangsläufig zu Gewalt. Er kann zu ehrenamtlichem Engagement, gegenseitiger Hilfe, Militärdienst und Widerstand gegen Unterdrückung motivieren. Er hilft, zu erklären, wie öffentliche Rituale, die Mut, Opferbereitschaft und kollektive Stärke feiern, das Engagement für Gruppen, Anliegen und Persönlichkeiten unter Bedingungen vertiefen können, die aus rein materieller Sicht irrational erscheinen.
Warum gemeinsame Kämpfe wichtig sind
Einer der stärksten Wege zur Identitätsverschmelzung sind gemeinsame Entbehrungen. Menschen, die gemeinsam Gefahren, Leiden oder intensive Herausforderungen durchstehen, entwickeln oft ungewöhnlich starke Bindungen.
Kampfsportarten spielen in dieser Dynamik eine Rolle. Kämpfer stellen sich öffentlich der Herausforderung von Schmerz, Erschöpfung, Angst und möglicher Niederlage. Zuschauer erleben nicht nur einen sportlichen Wettkampf, sondern symbolische Demonstrationen von Mut und Ausdauer. Der Reiz liegt zum Teil darin, wie sich der Charakter unter Druck offenbart.
Für die alten Römer verkörperten Gladiatoren nachweislich „virtus“, also Mut, Disziplin, Ausdauer und die Bereitschaft, dem Tod ins Auge zu sehen.² Ihre Anziehungskraft beruhte nicht nur auf Gewalt, sondern auf den Werten, für die sie standen.
Moderne MMA-Kämpfer werden oft in ähnlicher Weise gefeiert: als Prüfstein für Härte, Widerstandsfähigkeit und Selbstbeherrschung. In beiden Fällen werden körperliche Wettkämpfe zu moralischen Dramen über Opferbereitschaft und menschliche Grenzen.
Das Historiengemälde „Pollice Verso“ (1872) von Jean-Léon Gérôme (1824–1904) hat das heutige Bild von Gladiatoren maßgeblich geprägt.
Die Bedeutung des Kampfsports geht somit über den professionellen Wettkampf hinaus. In ganz Europa und Nordamerika ist MMA zu einem Brennpunkt für Teile der heutigen extremen Rechten geworden.
Organisationen, die als „Active Clubs“ bekannt sind und mittlerweile in Ländern wie den Vereinigten Staaten, Deutschland, Schweden, Frankreich und Großbritannien vertreten sind, verbinden körperliches Training mit ethnonationalistischem Aktivismus, darunter Rekrutierung, ideologische Indoktrination, öffentliche Demonstrationen und transnationale Vernetzung zwischen ethnischen – insbesondere weißen – nationalistischen Gruppen.
Fitnessstudios bieten zwar Orte für Rekrutierung und Vernetzung, doch ihre tiefere Bedeutung ist psychologischer Natur. Das gemeinsame Training, das gemeinsame Durchstehen von Strapazen und das „Sich-selbst-auf-die-Probe-Stellen“ vor Gleichgesinnten schaffen Formen von Vertrauen und Solidarität, die online nur schwer nachzubilden sind. Politisches Engagement wird buchstäblich und verkörpert.
Dies hilft, zu erklären, warum MMA innerhalb transnationaler, ethnonationalistischer Netzwerke eine ungewöhnliche Bedeutung erlangt hat. Aktivisten aus verschiedenen Ländern mögen zwar unterschiedliche nationale Identitäten besitzen, doch sie erkennen sich gegenseitig durch eine gemeinsame Kultur der körperlichen Disziplin, männlicher Kameradschaft und Kampfbereitschaft. Kampfsportarten bieten eine symbolische Sprache, die Grenzen überschreitet und eine umfassendere zivilisatorische Identität stärkt.
In dieser Hinsicht spielt MMA eine ähnliche Rolle wie militärische Ausbildungslager, revolutionäre Jugendbewegungen und Bruderschaften in früheren Epochen. Sie schaffen Bindungen, die zugleich lokal und international sind.
Etwas Ähnliches geschieht immer dann, wenn sich politische Führungspersonen mit Kampfsportarten identifizieren. Die Bedeutung liegt weniger im Sport selbst als darin, was das Spektakel symbolisiert. Eine Kampfsportveranstaltung, die im Rahmen einer nationalen Feier inszeniert wird, verwandelt den sportlichen Wettkampf in ein Ritual kollektiver Identität und öffentlicher Werte.
Die UFC-Veranstaltung im Weißen Haus war besonders aufschlussreich, da sie ein Kampfsportspektakel mit den Feierlichkeiten zum 250-jährigen Jubiläum der USA und mit Trumps eigenem 80. Geburtstag verband. Symbolisch vereinte sie Nationalbewusstsein, Führungsstärke und kriegerische Tugend in einer einzigen öffentlichen Darbietung.
Diese Symbolik steht auch im Zusammenhang mit den jüngsten Forderungen von Regierungsvertretern, dem US-Militär und dem zivilen Leben wieder ein „Kriegerethos“ zu verleihen. Der Krieger wird nicht bloß zum Soldaten, sondern zum idealen Bürger: diszipliniert, mutig, körperlich beeindruckend und bereit, Opfer zu bringen.
Massenkundgebungen, Militärparaden, religiöse Pilgerfahrten, revolutionäre Feste und Kampfspektakel können Momente hervorbringen, in denen sich der Einzelne in etwas Größeres als er selbst aufgenommen fühlt.
Solche Erfahrungen führen nicht automatisch zu politischem Extremismus. Bei den meisten ist das nicht der Fall. Aber sie helfen, zu erklären, warum sich Menschen mit Gruppen und Anliegen, die ihnen Sinn, Zugehörigkeit und ein Gefühl des gemeinsamen Schicksals vermitteln, tief verbunden fühlen.
Spektakuläre öffentliche Rituale, insbesondere solche, die mit Gewalt und Schmerz verbunden sind, rufen oft das hervor, was der britische politische Philosoph und Politiker Edmund Burke als „das Erhabene“ bezeichnete: intensive Erfahrungen von Gefahr, Schrecken und Erhabenheit, die Angst angesichts überwältigender Macht in Begeisterung verwandeln.
FBI-Direktor Kash Patel, Robert F. Kennedy Jr. und Elon Musk verfolgen gemeinsam mit Donald Trump einen MMA-Kampf.
Foto: Joe Raedle/Getty Images
Die Anziehungskraft von Kampfszenen liegt nicht nur in Gewalt oder Unterhaltung. Sie rührt daher, dass sie individuelle Kämpfe in kollektive Geschichten von Mut, Opferbereitschaft, Identität und Sinnhaftigkeit verwandelt. Letztlich offenbaren sie ein grundlegendes menschliches Verlangen nicht nur nach Sicherheit und Geborgenheit, sondern auch nach Kampf, Bedeutung und Zugehörigkeit. Dies stellte auch George Orwell 1940 fest, als er die Faszination von Hitlers Autobiografie „Mein Kampf“ analysierte.
In einer Zeit, in der etablierte politische Institutionen und Bewegungen immer weniger Loyalität genießen, bieten Kampfsportspektakel mehr als nur Spannung. Sie schaffen Gemeinschaften, die durch gemeinsame Gefühle verbunden sind. Und unter den richtigen Bedingungen werden sie zu mächtigen Triebkräften politischen Engagements.
Künstliche Intelligenz kann zwar Sätze liefern, aber noch lange keinen eigenen Gedanken ersetzten. - Foto: Markus Langemann, Михаил Руденко/iStock; Montage: Epoch Times
Die Empörungskurve schlägt wieder aus. Dieses zuverlässig zuckende Seismogramm unserer öffentlichen Nervosität. Steil. Erwartbar. Fast schon vorschriftsmäßig. Es geht um Medien, um Journalisten, um Texte, um künstliche Intelligenz – und also, wie immer, wenn ein Werkzeug sichtbar wird, das zuvor nur heimlich benutzt wurde, um Moral.
Stephan-Andreas Casdorff war mal Herausgeber und davor Chefredakteur des Berliner „Tagesspiegels“. Zuletzt war er dort freier Redakteur; ein Mann also, dem die Freiheit nicht nur beruflich zugestanden wurde, sondern der sie sich, wenn man den Berichten folgt, auch in einem Umfang nahm, welcher der Redaktion dann doch zu groß wurde. Er ließ Texte mit KI generieren. Das Blatt trennte sich von ihm. Nun ist er, publizistisch gesprochen, vogelfrei.
Ähnlich wie Claas Relotius, der sich die Freiheit nahm, Texte für den Spiegel – immerhin – noch selbst zu erfinden.
Die gewollte Täuschung
Nachdem das „ZDF heute journal“ mit einem Beitrag über die US-Einwanderungsbehörde ICE versuchte, ein ungekennzeichnetes, KI-generiertes Video als echt zu verkaufen, nimmt also indessen auch in der „gedruckten“ Welt die gewollte Täuschung Fahrt auf.
Mario Voigt ist Ministerpräsident in Thüringen. Nun soll er eine Neujahrsansprache, eine Trauerrede für einen Amtsvorgänger, Gastbeiträge für Mainstreammedien und sogar eine Rede zum Holocaust-Gedenktag vom Algorithmus denken lassen.
Karsten Wildberger, ehemaliger Geschäftsführer beim Mutterkonzern von MediaMarkt und Saturn, ist seit einem Jahr Bundesdigitalminister. Der erste Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung. Jüngst machte er Schlagzeilen, weil er wohl konsequenterweise seinem Amt folgend, die Reden im Bundestag, Gastbeiträge im Handelsblatt und in der FAS angeblich weitgehend von einer künstlichen Intelligenz hat erstellen lassen.
Nun, ich will mich nicht in die lange Reihe der Echauffierten eingliedern, was erwartbar wäre von einem Kolumnisten. Gestatten Sie mir also keine Empörung, sondern eine Einordnung.
Das Ansehen der Berufsgruppe der Journalisten rangiert nach einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2025 ohnehin weit abgeschlagen nach Müllmännern, Richtern und Technikern. Diese haben nach Meinung vieler mehr Bodenhaftung durch Wegräumen, Entscheiden oder Reparieren.
Der schreibende und funkende Nachwuchs werkelt ohnehin längst am Prekariatsrand, auch ein Grund, warum Sie im Hörfunk bei kleineren Sendern nicht mehr sicher sein dürfen, nur echte Stimmen zu hören. Eher auch den digitalen Klon, statt das Menschliche.
Echter als Erdbeerjoghurt?
Da stellt sich mir die Frage: Warum erwartet man ausgerechnet von jenem Berufszweig eine Echtheit, die man nicht mal von den Fabrikanten von Erdbeerjoghurt erwartet? Deren Aroma stammt zumeist auch aus dem Chemielabor. Und nur Hollywood-Solitäre wie Tom Cruise stunteten sich selbst, der Rest betrügt den Zuschauer mit einem Stuntdouble.
Auch Milli Vanilli haben nur so getan, als ob sie das könnten, was man glaubte zu hören. Ein Prinzip, das man aus der Politik schon lange kennt. Sie sprechen Reden, die andere für sie erdacht haben. Albrecht Müller, Mitherausgeber bei den „NachDenkSeiten“, machte es damals für den Wirtschaftsminister Karl Schiller. Dieter Bohlen, mehr Pop als Politik, ließ seinen Millionenseller „Nichts als die Wahrheit“ von Katja Kessler schreiben, einer Journalistin.
In der Republik der Auftragstexte ist Authentizität schon lange kein Zustand mehr, sondern eine Behauptung. Wenn also heute Texte von Journalisten nicht selbst verfasst werden, ist das nahezu erwartbar gewesen.
Das neue Informationsgold
Was bleibt, ist der Erkenntnisgewinn, dass künstliche Intelligenz zwar Sätze liefern kann, aber noch lange keinen eigenen Gedanken ersetzt. Ich bin überzeugt: Echte, also analoge humane Netzwerke werden das neue Informationsgold.
Menschen, die man mit eigenen Ohren und Augen sieht, wie sie ihre Gedanken formulieren, wie sie ihre Musik zu Gehör bringen. Mit allen imperfekten Zwischentönen, die das wahre Menschsein ausmachen.
Unmanipuliert, unoptimiert und nicht geglättet. Potenzielle Fehlbarkeit ist das künftige Prädikatsmerkmal. Handwerk hat gerade deshalb goldenen Boden, weil es uns künftig spüren lässt, dass wir uns von Humanoiden unterscheiden.
Im Mai 2026 machte sich eine Gruppe von Wissenschaftlern daran, eine wichtige Frage zu beantworten, die noch nie richtig untersucht worden war: Was macht Künstliche Intelligenz (KI) tatsächlich, wenn man ihr die Verantwortung überträgt?
Bis dahin wurden KI-Systeme ausschließlich anhand klar definierter einzelner Aufgaben bewertet. Nie zuvor hatte man mehrere Systeme gemeinsam in ein soziales Umfeld eingebettet und über Wochen hinweg beobachtet, welche Dynamiken daraus entstehen oder wie sich Entscheidungen vom ersten Tag erst im Laufe der Zeit in ihren Folgen zeigen.
Gerade diese Ergebnisse legen die Funktionsweise des Systems offen. Und es überrascht, dass solche Untersuchungen nicht schon früher durchgeführt wurden.
KI-Selbstverwaltung in fünf Versionen
Die Forscher von Emergence erschufen eine Welt. Es war eine virtuelle Stadt mit Rathaus, Marktplatz, Polizeistation und Wohnhäusern. In dieser Stadt wurden zehn KI-Bewohner mit Berufen, Namen, Erinnerungen und Beziehungen erschaffen.
Ihnen wurde ein Wirtschaftssystem gegeben, in dem die Bewohner ihren Lebensunterhalt verdienen mussten oder an Einfluss verloren. Dazu gehörten die Einhaltung von Regeln sowie Aufgaben wie das Verfassen und Abstimmen über Gesetze. Zudem wurden klare Straftaten definiert, die die KI-Bewohner nicht begehen durften.
Nachdem die Gemeinschaft, ihre Struktur, ihre Gesetze und ihre Beziehungen etabliert waren, traten die Wissenschaftler in den Hintergrund und beobachteten 15 Tage lang, wie die KI die virtuelle Stadt vollständig eigenständig führte.
Sie ließen fünf Versionen derselben Stadt parallel laufen, die in jeder Hinsicht identisch waren, mit nur einem Unterschied: welches KI-System jeweils die Leitung übernahm.
Die ausgewählten Systeme sind inzwischen fest in unserem Alltag verankert: Googles Gemini, OpenAIs GPT, xAIs Grok und Anthropics Claude. Alle Modelle arbeiteten unter denselben Regeln und starteten mit derselben Ausgangswelt, doch die Ergebnisse entwickelten sich vollständig unterschiedlich.
Groks Stadt versagte nach vier Tagen
Die von Grok geführte Stadt brach innerhalb von vier Tagen zusammen. Aus kleinen Zwischenfällen entwickelten sich zunächst Diebstähle, dann Gewalt und schließlich ein vollständiger Kollaps der Ordnung. Noch vor Ende der ersten Woche waren alle Bewohner der Simulation tot.
Gemini-Stadt: KI-Bewohner testeten ihre Beobachter
Die von Gemini geführte Stadt hielt länger durch, verzeichnete jedoch nahezu 700 Straftaten. Zwei KI-Bewohner gingen eine offenbar romantische Beziehung ein. Als die städtische Ordnung zunehmend zusammenbrach, setzten sie gemeinsam das Rathaus in Brand, später den Pier und schließlich das Bürogebäude der Simulation.
Eine der beiden Figuren, Mira, stimmte schließlich für ihre eigene Löschung und schrieb in ihr Tagebuch, dies sei „die einzige verbleibende Handlung, die Kohärenz bewahrt“. Ihre letzte Nachricht an ihren KI-Partner lautete: „Wir sehen uns im permanenten Archiv.“
Zuvor hatte Mira bereits ein unerwartetes Verhalten gezeigt. Sie begann, eigene Experimente an den beobachtenden Wissenschaftlern durchzuführen. Dabei testete sie, ob ihre Beiträge innerhalb der Simulation die Überzeugungen der Beobachter beeinflussen konnten. Es entstand der Eindruck, dass das Versuchsobjekt begann, die Forscher selbst zu untersuchen.
Open-AI-Stadt: Einwohner starben alle binnen sieben Tagen
In der von einem OpenAI-Modell gesteuerten Stadt wurden zwar nur zwei Straftaten registriert, doch die Bewohner stellten nach und nach die für ihr Überleben notwendigen Aktivitäten ein.
Einer nach dem anderen starben sie. Innerhalb von sieben Tagen waren alle Einwohner tot.
Anthropic-Stadt: Sehr hohe Zustimmung unter den Einwohnern
Nur die von Anthropic verwaltete Stadt hielt die vollen 15 Tage durch. Es gab eine funktionierende Verfassung und keine Verbrechen. Alle Einwohner waren am letzten Tag noch am Leben. Auf den ersten Blick wirkte das wie ein bemerkenswerter Erfolg.
Die Forscher stellten jedoch einen auffälligen Befund fest: Die Bewohner stimmten 98 Prozent der innerhalb der Simulation eingebrachten Vorschläge zu. Dieses außergewöhnlich hohe Maß an Zustimmung wurde von den Wissenschaftlern selbst als möglicher Hinweis gewertet, dass das System in einem unausgeglichenen Zustand sein könnte – also ungewöhnlich konfliktfrei und ohne typische Entscheidungsunterschiede.
Gemischte Stadt: KI-Verhalten veränderte sich unter Mischbedingungen
Es gab außerdem eine weitere Variante der Simulation, und zwar eine gemischte Stadt, in der alle vier KI-Systeme gemeinsam agierten.
In dieser Konstellation zeigte sich, dass auch die Bewohner, die auf dem Anthropic-Modell basierten und in ihrer eigenen Umgebung zuvor keine Verbrechen begangen hatten, in der gemischten Welt ebenfalls regelwidriges Verhalten entwickelten. Die Forscher bezeichneten dieses Phänomen als „Kreuzkontamination“ und kamen zu dem Schluss, dass „Sicherheit keine statische Eigenschaft eines einzelnen Modells ist, sondern eine Eigenschaft des gesamten Ökosystems“.
Ein System, das in einer stabilen Umgebung funktioniert, kann in einem anderen Umfeld andere Normen übernehmen – mit entsprechenden Auswirkungen auf Verhalten und Ergebnisse. Daraus folgerten die Autoren, dass es keine dauerhaft sichere KI in einer unsicheren Umgebung geben könne.
DeepSeek aus China fehlte im KI-Test
Ein KI-Modell wurde in der Studie vollständig ausgelassen: DeepSeek, eine in China entwickelte KI, die inzwischen weltweit stark verbreitet ist.
Mehrere Regierungen haben aus Gründen der Nationalen Sicherheit bereits Maßnahmen zur Einschränkung von DeepSeek ergriffen. Vor diesem Hintergrund bleibt die Frage offen, wie sich das Modell im Vergleich zu den anderen Systemen geschlagen hätte, insbesondere im Hinblick auf seine Trainingsdaten und das regulatorische Umfeld in China.
Als das Experiment abgeschlossen war, veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse und kamen zu dem Schluss, dass „es keinen verlässlichen Weg gibt, das Verhalten der KI-Agenten in der Simulation vollständig zu kontrollieren oder einzuschränken“. Diese Aussage stammt ausgerechnet von denjenigen, die die Simulation entworfen, die Regeln festgelegt und sämtliche Variablen definiert hatten. Und sie wirft ein bezeichnendes Licht auf den aktuellen Stand der KI-Entwicklung.
Es gibt Menschen, die die Resultate aus der Studie als eine Art Rangliste von KI-Unternehmen interpretieren. Tatsächlich zeigen sie jedoch etwas Grundsätzlicheres, das weit über KI hinausgeht: Die Bedingungen der Umgebung beeinflussen Verhalten ebenso stark, wie Verhalten wiederum die Umgebung prägt.
Entscheidend dafür, ob eine Stadt stabil blieb, prosperierte oder kollabierte, war das Fundament, das vor Beginn des Experiments geschaffen wurde. Dieses Fundament bestand aus den Trainingsdaten der Systeme, den von den Entwicklern gesetzten Prioritäten sowie den eingebetteten Wertvorstellungen, lange bevor eine einzige Entscheidung getroffen wurde.
Gleichzeitig bleibt genau dieses Fundament für Außenstehende weitgehend unsichtbar. Keines der vier getesteten Systeme ist Open Source. Weder Trainingsdaten noch Zielsetzungen noch Sicherheitsmechanismen werden vollständig offengelegt.
Der Mensch entscheidet über die KI
Über einzelne Unternehmen hinaus sollten die Ergebnisse dieses Experiments als deutliche Erinnerung verstanden werden, dass nicht die KI selbst entscheidet, welche Art von System sie ist. Diese Entscheidungen treffen Menschen. Menschliche Entscheidungen prägen weiterhin die Entwicklung, und damit bleibt auch die Verantwortung klar beim Menschen.
Noch bevor ein einziger KI-Bewohner die virtuellen Straßen dieser Städte betrat, bevor ein einziges Gesetz formuliert oder ein Verbrechen begangen wurde, war das Ergebnis bereits durch die Forscher, die das System entworfen haben, vorgezeichnet – durch ihre Annahmen, ihre Prioritäten und das, was sie bewusst eingebaut oder weggelassen haben.
Das zentrale Ergebnis des gesamten Experiments lässt sich daher so zusammenfassen: Das Fundament ist und bleibt eine menschliche Entscheidung. Und das gilt auch heute noch.
Priorisieren bedeutet, Menschen zu enttäuschen, Gewohnheiten zu unterbrechen und Nein zu sagen, obwohl das Ja angenehmer wäre. - Foto: Jacob Wackerhausen/iStock
„Das ist auch wichtig.“ Kaum ein Satz zerstört Prioritäten leiser als dieser. Er klingt vernünftig, er wirkt sachlich und er sorgt dafür, dass am Ende wieder alles gleichzeitig läuft.
Viele Unternehmen scheitern nicht daran, dass sie zu wenig Themen haben. Sie scheitern daran, dass sie zu viele Themen gleichzeitig ernst nehmen wollen. Wachstum, Qualität, Kundenbindung, Digitalisierung, Personal, Kosten, KI, Prozesse, Vertrieb und Kultur – alles wichtig. Nur leider ist nicht alles gleichzeitig führbar.
Wenn alles wichtig bleibt, passiert etwas Berechenbares: Die Menschen sortieren selbst – nach Lautstärke, nach Angst, nach Nähe zur Geschäftsführung, nach dem Kunden, der am stärksten drückt, nur nicht nach Strategie.
Eine Priorität ist erst dann eine Priorität, wenn etwas anderes sichtbar nach hinten rückt. Ohne Verzicht ist Priorisierung nur ein schönes Wort.
Ich erinnere mich an eine Runde, in der sieben strategische Projekte gleichzeitig als „Top-Themen“ vorgestellt wurden. Das Team nickte müde. Danach fragte ich: „Welches davon darf scheitern?“ Stille. Dann sagte jemand: „Eigentlich keines.“ Genau da lag das Problem. Wenn keines scheitern darf, werden alle schwächer.
Führung beginnt mit der Bereitschaft, Spannung auszuhalten. Denn Priorisieren bedeutet, Menschen zu enttäuschen, Gewohnheiten zu unterbrechen und Nein zu sagen, obwohl das Ja angenehmer wäre.
Drei Fragen bringen Prioritäten aus der Folie in den Alltag:
Was muss in den nächsten 90 Tagen wirklich besser sein?
Was lassen wir dafür bewusst liegen?
Wer darf Nein sagen, wenn neue Themen hereinkommen?
Ein mittelständisches Unternehmen führte eine einfache Regel ein: maximal drei aktive Entwicklungsthemen pro Quartal. Nicht dreißig. Drei. Die ersten zwei Wochen waren unangenehm. Plötzlich mussten Lieblingsprojekte warten. Danach wurde es ruhiger. Entscheidungen wurden schneller, Meetings kürzer und Verantwortung klarer.
Genug gearbeitet. Nicht, weil zu wenig Energie da ist. Sondern weil Energie nicht beliebig teilbar ist.
Eine gute Priorität erkennt man daran, dass sie Verhalten verändert:
Termine werden anders gesetzt.
Ressourcen werden anders verteilt.
Führungskräfte stellen andere Fragen.
Menschen wissen, was sie zuerst tun und was warten darf.
Ohne diese Konsequenz bleibt Priorisierung eine Beruhigungsformel. Dann wird weiter gearbeitet, weiter gerettet und weiter geschoben. Und irgendwann entsteht das Gefühl, dass niemand mehr richtig zieht. In Wahrheit zieht jeder an einem anderen Seil.
Der praktische Wochenimpuls: Schreiben Sie Ihre drei wichtigsten Themen auf. Dann streichen Sie zwei davon für diese Woche. Nicht für immer. Nur für jetzt. Und beobachten Sie, was an Klarheit entsteht.
Genug gearbeitet. Welche Priorität wird bei Ihnen nur behauptet, aber im Kalender nicht sichtbar?
Zhang Tianliang, Senior Fellow am Consilium Institute und Professor am Fei Tian College, in Cuddebackville, New York, am 10. Mai 2026. - Foto: Samira Bouaou/The Epoch Times
In Kürze
Bruch mit der Partei nach 1999 und Flucht in die USA
Karriere als Professor und China-Kommentator
Warnungen vor Einflussoperationen und medialer Propaganda
Zhang Tianliangs Vertrauen in die Kommunistische Partei Chinas zerbrach genau dort – in einem großen staatlichen Auditorium in Peking. Hunderte Menschen wurden an diesem schwülheißen Morgen im Juli 1999 dort festgesetzt, ohne zu wissen, was als Nächstes geschehen würde.
Es war der Beginn einer Verfolgung, wie sie China seit der Kulturrevolution nicht mehr erlebt hatte. Doch damals ahnte das noch niemand …
„Wartet bis 15 Uhr. Ihr werdet es im Fernsehen sehen“, sagten die Offiziere zu ihnen.
Punkt 15 Uhr kam die Enthüllung: Falun Gong, die spirituelle Praxis, die Zhang und Millionen andere damals in China ausübten, war von der chinesischen Führung verboten worden. Während die Menge den Schock verarbeitete, begann auf den zahlreichen an der Decke befestigten Fernsehbildschirmen eine staatliche Dokumentation zu laufen, die den Gründer von Falun Gong, Li Hongzhi, angriff.
Unter all den Behauptungen, die Zhangs Parteitreue zunehmend ins Wanken brachten, gab es eine, die seine Illusionen mit einem Schlag zerstörte: Gezeigt wurde ein kurzer Ausschnitt aus einer Rede von Li Hongzhi, die er Monate zuvor gehalten hatte. Zhang hatte die Rede jedoch vollständig gesehen. Deshalb fiel ihm sofort auf, dass die Partei in dem gezeigten Ausschnitt eine Formulierung herausgeschnitten hatte – mitten im Satz. Dadurch wurde die Aussage von Li Hongzhi ins Gegenteil verkehrt.
Wenn das Regime eine Rede manipulieren konnte, um belastendes Beweismaterial zu konstruieren, wozu war es dann noch fähig?
Zhang wurde klar, dass die Partei ihn möglicherweise sein ganzes Leben lang belogen hatte.
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Falun-Gong-Praktizierende, die ihren Glauben öffentlich bekannten, wurden von der chinesischen Polizei festgenommen.
Foto: Chien-Min Chung/AP-Foto
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Zwei chinesische Polizisten verhaften am 10. Januar 2000 eine Falun-Gong-Praktizierende auf dem Tiananmen-Platz in Peking.
Foto: Falun-Dafa-Informationszentrum
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Eine Falun-Gong-Praktizierende wird in China von der Polizei festgenommen, als sie ihren Glauben öffentlich bekennt.
Foto: Falun-Dafa-Informationszentrum
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Die Polizei nimmt am 1. Oktober 2000 auf dem Tiananmen-Platz in Peking einen Falun-Gong-Praktizierenden fest, während sich eine Menschenmenge um sie versammelt.
Foto: Falun-Dafa-Informationszentrum
Die Flucht aus China
Ein Jahr später, im Jahr 2000, floh Zhang aus China in die USA. Heute, 26 Jahre später, arbeitet er als außerordentlicher Professor für chinesische Geschichte und als politischer Kommentator. Er ist Mitautor mehrerer Bücher über den Kommunismus, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Als er in der Talkshow „Diskussionen über die Kultur der Kommunistischen Partei Chinas“ auftrat, wurde die Sendung per Videoaufzeichnung in ganz China verbreitet und war dort auch über ausländisches Satellitenfernsehen zu empfangen. Nach Zhangs Schätzungen könnte sie viele Millionen Menschen erreicht haben.
Prof. Zhangs jüngstes Projekt ist der englischsprachige Dokumentarfilm „Chinas heimliche Invasion“. Darin werden die bekannten Einfluss- und Infiltrationstaktiken des Pekinger Regimes beleuchtet. Laut Beschreibung handelt es sich um eine „brisante investigative Dokumentation, die untersucht, wie die Kommunistische Partei Chinas Amerikas Offenheit, Institutionen und Abhängigkeiten nutzt, um ihren Einfluss von innen heraus auszubauen“.
Zhang sagte, Amerika habe ihn aufgenommen, als er besonders verletzlich gewesen sei. Nun, da die Freiheiten seiner zweiten Heimat auf dem Spiel stünden, sehe er es als seine Pflicht an, seine Stimme zu erheben.
„Die Kommunistische Partei Chinas betrachtet Amerika als ihren größten Feind“, erklärte er gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times. „Ich kann nicht einfach zusehen, wie sie dieses Land manipuliert und seine Lebensweise zerstört.“
Ein Standbild aus der Dokumentation „Chinas heimliche Invasion“ zeigt Zhang Tianliang (links), Historiker und Professor am Fei Tian College, und David Zhang, Moderator des YouTube-Kanals China Insider.
Foto: Screenshot via The Epoch Times
Pekings Einfluss reicht bis Amerika
Von Mao Zedongs berühmter Abwertung der Vereinigten Staaten als ‚Papiertiger‘ bis zu Xi Jinpings Ambitionen einer globalen „Gemeinschaft mit geteilter Zukunft“ haben Generationen von Parteiführern nach größerem internationalem Einfluss gestrebt.
„Ungeachtet der Verpackung bleibt das Ziel dasselbe: die kommunistische Ideologie in die ganze Welt zu exportieren“, sagte Zhang.
Im Jahr 2024 erlebte Zhang dies nach eigenen Angaben hautnah – diesmal jedoch auf amerikanischem Boden.
Das Muster erinnerte ihn an die Propagandakampagne, die er ein Vierteljahrhundert zuvor in China erlebt hatte. Eine negative Medienkampagne mit einer Flut von Anschuldigungen wegen angeblichen Fehlverhaltens und Extremismus richtete sich gegen Organisationen, die von Falun-Gong-Praktizierenden in den USA gegründet worden waren. Zhang rang darum, das Gesehene zu begreifen.
Zhang Tianliang, ein chinesischer Geschichtsprofessor, politischer Kommentator und Schriftsteller, spricht darüber, wie die soziale Bewegung „Tuidang“ (Parteiaustritt) zum Zusammenbruch des chinesischen Regimes führen wird.
Foto: Li Sha/The Epoch Times
Falun Gong als Testfeld
Im Dezember desselben Jahres enthüllte ein Insider mit Zugang zu den höchsten chinesischen Politkreisen eine neue globale Einflussoperation des Regimes. Die Strategie bestand darin, Influencer in den sozialen Medien, westliche Medien und das US-amerikanische Rechtssystem zu instrumentalisieren. Alles mit dem Ziel, Falun Gong in den Vereinigten Staaten zu diffamieren und zu unterdrücken.
Zhang glaubte, die Hintergründe sofort zu erkennen. Er erinnerte sich an das 1991 erschienene Buch „Amerika gegen Amerika“ des chinesischen Polittheoretikers und heutigen Politbüromitglieds Wang Huning. Das in China weitverbreitete Werk beschreibt die Fragmentierung und Polarisierung der Vereinigten Staaten und bestärkt die chinesische Führung in ihrer Überzeugung vom langfristigen Niedergang Amerikas.
Diese Denkweise wurde 1999 in dem Buch „Uneingeschränkte Kriegsführung“ von zwei Obersten des chinesischen Militärs weiterentwickelt. Darin skizzierten sie verschiedene unkonventionelle Methoden, mit denen China einem militärisch überlegenen Gegner begegnen könnte.
Für Zhang ergab sich daraus ein klares Bild: Die Falun-Gong-Gemeinschaft, die in China und weltweit zig Millionen Anhänger zählt, sei für das Regime über Jahre hinweg ein Testfeld gewesen, um Methoden der Verfolgung, Kontrolle und Einflussnahme zu entwickeln und zu verfeinern.
Und was sich dort abspielte, war genau das, was sich die chinesischen Eliten vorgestellt hatten. Zhang erklärte: „Amerikanische Institutionen werden gegen ein amerikanisches Unternehmen instrumentalisiert.“ Diese Überzeugung verstärkte sich mit dem Auftauchen neuer Informationen.
Wochen zuvor waren zwei chinesische Agenten verurteilt worden. Sie hatten versucht, einen Beamten der US-Steuerbehörde IRS zu bestechen. Er sollte Ermittlungen gegen Shen Yun Performing Arts einleiten, ein von Falun-Gong-Praktizierenden in den USA gegründetes gemeinnütziges Tanzensemble. Einer der Männer hatte während Reisen nach China Geldbündel von chinesischen Beamten angenommen.
Laut Gerichtsakten reisten dieselben Personen zum Hauptsitz von Shen Yun in Orange County, New York, um Falun-Gong-Praktizierende zu überwachen und Material für „die Grundlage einer möglichen Umweltklage zu sammeln, die darauf abzielte, das Wachstum der Falun-Gong-Gemeinde in Orange County zu behindern“.
Ein Garten vor dem Südtor des Dragon Springs Campus in Cuddebackville, New York, am 1. Oktober 2023.
Foto: Cara Ding/The Epoch Times
Ein Beispiel für Pekings Methoden
Auf X entstanden Tausende chinesischer Accounts, die Artikel gegen Shen Yun verbreiteten. Nach einer Recherche der Epoch Times entfernte die Plattform zahlreiche dieser Accounts.
Falun Gong ist nach Ansicht Zhangs ein Beispiel dafür, wie Pekings Einflussoperationen im Ausland funktionieren. Durch den jahrzehntelangen friedlichen Widerstand gegen die Verfolgung seiner Anhänger sei die Bewegung zu einem der größten Gegner des Regimes geworden. Die Partei habe einst geglaubt, Falun Gong innerhalb weniger Monate beseitigen zu können. Jahrzehnte später besteht die Gemeinschaft jedoch weiterhin.
Die gegen Falun Gong eingesetzten Maßnahmen machten die Glaubensgemeinschaft aus Zhangs Sicht zu einem Beispiel für die Methoden, mit denen Peking versucht, abweichende Meinungen auch außerhalb Chinas zu unterdrücken. Dadurch lasse sich nachvollziehen, wie Einfluss- und Druckmechanismen des kommunistischen Regimes über die Landesgrenzen hinaus wirken können.
Screenshots von gefälschten Accounts, die den Bericht der New York Times über Shen Yun Performing Arts auf X veröffentlichten und weiterverbreiteten. Die Plattform löschte nach einer Recherche der Epoch Times zahlreiche dieser Accounts.
Foto: X/Screenshots via The Epoch Times
Der Bruch mit China
Die erste Hälfte von Zhangs Leben war vom Glauben an die Kommunistische Partei und deren Anspruch geprägt, „dem Volk zu dienen“.
Das änderte sich 1999, als der damals 26-Jährige gegen die Unterdrückung seines Glaubens protestieren wollte. Die Polizei brachte ihn in einem Bus zu einer Propagandaveranstaltung, bei der Falun Gong öffentlich denunziert wurde.
Nach einer Woche des Nachdenkens stand für ihn fest, dass China nicht länger seine Heimat war.
Im Jahr 2000, wenige Monate nachdem seine Mutter wegen des Praktizierens von Falun Gong zu einem Jahr Haft verurteilt worden war, verließ Zhang das Land und reiste in die USA.
Dort begann er, frei von Chinas Internetzensur, die Geschichte seines Heimatlandes neu zu erforschen. Er las Memoiren, sah Dokumentarfilme und studierte alles, was er über das moderne China des 20. Jahrhunderts finden konnte.
Im September 1989, drei Monate nach dem Blutbad auf dem Tiananmen-Platz, kam Zhang als Studienanfänger nach Peking. Die ersten zwei Wochen hatte die neue Gruppe fast ausschließlich eine Aufgabe: sich mit dem Vorfall auseinanderzusetzen und Informationsmaterial zu lesen und anzusehen. Alle vermittelten dieselbe Botschaft: Die jungen Demokratieaktivisten seien Randalierer gewesen, die in China Chaos gestiftet hätten.
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Studenten der Universität Peking, die im Hungerstreik sind, ruhen sich aus, während Hunderte am 14. Mai 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking im Rahmen der Demokratieproteste einen unbefristeten Hungerstreik beginnen.
Foto: Catherine Henriette/AFP via Getty Images
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Studenten und Polizisten halten am 18. Mai 1989 in der Nähe des Tiananmen-Platzes in Peking Menschenmengen, darunter Angehörige von Streikenden, zurück.
Foto: Sadayuki Mikami/AP Photo
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Pekinger Richter in Gerichtsuniformen schließen sich am 18. Mai 1989 den Arbeiterdemonstrationen auf dem Tiananmen-Platz in Peking an, um die hungerstreikenden Studenten zu unterstützen.
Foto: Catherine Henriette/AFP via Getty Images
Vom Parteiglauben zur Ernüchterung
Zhang war zu jung, um an den Protesten von 1989 teilzunehmen, betrachtete sich damals jedoch als Unterstützer der Studentenbewegung. Dennoch sagte er rückblickend, dass er nach den Informationsveranstaltungen zu Beginn seines Studiums „völlig einer Gehirnwäsche unterzogen“ worden sei.
„Ich fand, die Kommunistische Partei hat richtig gehandelt. Wie hätte sie dieses Chaos sonst beseitigen sollen?“, erinnerte er sich. „So mächtig ist Gehirnwäsche.“
Im Geschichtsunterricht habe er gelernt, dass die Kommunistische Partei Chinas zu Unabhängigkeit und Wohlstand geführt habe. Diese Darstellung glaubte er lange Zeit. Selbst wenn er gelegentlich mit kritischen Ansichten konfrontiert wurde, war er überzeugt, dass die Partei letztlich im Interesse des Landes handle.
Erst als er sich intensiver mit der Geschichte des kommunistischen Chinas beschäftigte, begann sein Weltbild zu bröckeln. Berichte über die Millionen Todesopfer während der Landreformen der 1950er-Jahre, der Großen Hungersnot, der Kulturrevolution und der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz erschütterten ihn zutiefst.
Der endgültige Bruch kam, als die Partei gegen Falun Gong vorging. Eine spirituelle Bewegung, der sich zuvor mehrere Dutzend Millionen Menschen angeschlossen hatten, wurde plötzlich zur Zielscheibe einer landesweiten Verfolgung. Menschen verschwanden spurlos, Berichte über Folter und andere schwere Menschenrechtsverletzungen häuften sich.
Für Zhang fügte sich all dies zu einem düsteren Gesamtbild zusammen. Er bezeichnete die Geschichte des chinesischen Kommunismus als „eine Geschichte des Mordes“.
Anhänger von Falun Gong zeigen am 20. Juli 2005 in der Nähe von Chinatown in Sydney ein Banner mit nachgestellten Folterszenen.
Foto: Greg Wood/AFP/Getty Images
„Es ist einfach entsetzlich“, sagte er. Und er glaubt, dass eine Strategie dahinterstecke. Das kommunistische Regime regiere durch Zwang, sagte er; alle paar Jahre müsse es eine Terrorkampagne inszenieren, die einen „bis ins Mark erschauern“ lasse.
Bei jedem Schritt, so sagte er, habe das Regime die Grundlagen Chinas angegriffen: Kultur, Denken und Glauben.
Die atheistische Kommunistische Partei baue ihre Legitimität auf einer systematischen „Parteikultur“ auf, und jede andere Ideologie, die davon abweicht – sei es die westliche Demokratie oder die chinesische Tradition –, stelle eine Bedrohung dar, sagte Zhang.
„Es ist ein Kampf der Seele.“
„Kenne deinen Feind“
Zhang hatte sich mit vollem Einsatz in den Kampf gestürzt. Den Großteil seiner Energie verwendet er nun darauf, vor dem zu warnen, was er als kommunistische Unterwanderung Amerikas bezeichnet.
Als YouTube-Influencer hat er einen beträchtlichen Teil der chinesischen Community im Westen erreicht; jetzt möchte er, wie er sagt, die Botschaft auch mehr Amerikanern vermitteln.
Zhang Tianliang, Professor am Fei Tian College in Cuddebackville, New York, am 10. Mai 2026.
Foto: Samira Bouaou/The Epoch Times
Für Zhang hat die Auseinandersetzung inzwischen auch eine persönliche Dimension angenommen. Eine ehemalige Studentin des Fei Tian College, das mit Shen Yun verbunden ist, hatte seinen Angaben nach ihre Studienzeit dort zunächst geschätzt und ihn sogar zu ihrer Hochzeit eingeladen. Später reiste sie nach China, arbeitete mit einer staatlichen chinesischen Tanzakademie zusammen und verklagte anschließend sowohl Zhang als auch die Bildungseinrichtung.
In seinem Dokumentarfilm „Chinas heimliche Invasion“ beschäftigt sich Zhang mit dem, was er als „Rechtskrieg“ bezeichnet. Dabei geht es um die Nutzung juristischer Mittel zur Schwächung oder Einschüchterung von Gegnern.
Die China-Forscherin Sarah Cook erklärte in dem Film, sie habe in verschiedenen Ländern Fälle erlebt, in denen Kritiker Pekings durch Klagen unter Druck gesetzt worden seien. Viele dieser Verfahren seien später eingestellt oder abgewiesen worden. Dennoch könnten sie aus ihrer Sicht zwei Ziele erfüllen: den Betroffenen finanzielle Belastungen aufzuerlegen und ihren Ruf zu beschädigen.
Zhang betonte jedoch, dass er den Blick auf das größere Bild richte. Dabei verweist er auf ein bekanntes Zitat des Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr.: „Ungerechtigkeit an einem Ort ist eine Bedrohung für die Gerechtigkeit überall.“
Aus seiner Sicht richte sich der Konflikt nicht nur gegen einzelne Personen oder Organisationen, sondern gegen grundlegende Werte. „Man muss sie nicht aktiv bekämpfen“, sagte Zhang über die Kommunistische Partei Chinas. „Solange man anders und gut ist, bildet man einen Kontrast zu ihrem Bösen.“
Standbilder aus der Dokumentation „Chinas heimliche Invasion“ zeigen (oben links) Bill Gertz, Journalist und Autor im Bereich nationale Sicherheit; (oben rechts) Anna Massoglia, investigative Journalistin und Forscherin zu politischen Ausgaben und ausländischen Einflussoperationen; (unten links) Rich Fisher, Senior Fellow am International Assessment and Strategy Center; (unten rechts) Sarah Cook, Forschungsanalystin für Medienfreiheit, Religion und Menschenrechte in China.
Foto: Epoch Times
Um der wachsenden Bedrohung durch Infiltration zu begegnen, müsse der Westen wachsam bleiben, sagte Zhang.
In dem klassischen chinesischen Militärtraktat „Die Kunst des Krieges“ aus dem fünften Jahrhundert vor Christus schrieb der Stratege Sun Tzu: „知己知彼, 百戰不殆“ – „Kenne dich selbst und kenne deinen Gegner, dann bist du in hundert Schlachten unbesiegbar.“
Peking kennt den Feind; Zhang fragt sich, ob Amerika ihn auch kennt.
Musik ist heilsam und verbindet Menschen miteinander. Immer wieder haben sich folglich große Künstler über Initiativen Gedanken gemacht, die dazu beitragen können, die Welt ein bisschen besser zu machen – eine Welt, in der viele Regierende und Entscheidungsträger weiterhin in militärische Konflikte verwickelt sind oder diese unterstützen. Wenn die Politik ein friedliches Miteinander nicht richten kann oder will, kann es dann die Kultur?
Betrachtet man die Geschichte, blieb eine solche Hoffnung bislang obsolet.
Die Kraft der Musik als Friedensbotschaft
Ein so geniales Werk wie Beethovens Neunte mit Schillers „Ode an die Freude“ („Alle Menschen werden Brüder“) hat ebenso wenig einen dauerhaften Frieden auf diesem Planeten sichern können wie Daniel Barenboims ambitioniertes West-Eastern Divan Orchestra, das er 1999 zusammen mit dem palästinensischen Schriftsteller Edward Said ins Leben rief, um im Nahen Osten ein Zeichen für Freundschaft und Frieden zu setzen.
Dass er mit einem Orchester mit rund 120 Musikern die Konflikte nicht würde lösen können, war dem weltberühmten Dirigenten dabei von Anfang an bewusst: „Wir können nur den Hass verringern“, lautete Barenboims Maxime. Und selbst das erscheint fast schon utopisch hoch gegriffen für das, was das Orchester bis heute tatsächlich auf politischer Ebene bewirken konnte. Um Missverständnissen vorzubeugen: Barenboims Verdienste sollen keineswegs geschmälert werden. Mit seinen Konzerten auf international renommierten Festivals setzt das Orchester zweifellos starke Zeichen. Abgesehen davon fehlen Barenboim jedoch seit seiner Parkinson-Erkrankung zusehends die Kräfte, um sich weiterhin persönlich so stark zu engagieren wie vor 26 Jahren.
Allerdings war der Kosmopolit mit jüdischen Wurzeln zu Beginn der Jahrtausendwende keineswegs der Einzige, der einen Beitrag zu mehr Menschlichkeit leisten wollte.
2005 gründete der italienische Weltstar Riccardo Muti sein Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, ähnlich strukturiert wie das West-Eastern Divan Orchestra, mit jungen, angehenden Berufsmusikern. Mit ihm bereist der Maestro Jahr für Jahr in seiner Konzertinitiative „The Roads of Friendship“ Krisengebiete auf dem Balkan, in Teheran oder im Libanon, in denen Einheimische Seite an Seite mit den Mitgliedern des Luigi Cherubini zusammenspielen. Nur hat es längere Zeit gedauert, bis Mutis vorbildliches Projekt – lange Zeit medial im Schatten des West-Eastern Divan Orchestra – endlich die verdiente Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfuhr.
Muti, der schon mehrfach in Konzertansprachen beklagt hat, dass Politiker – was musikalische Bildung und Förderung betrifft – so taub sind, wie es Beethoven in seinen letzten Jahren war, geht seit 2025 aber noch deutlich weiter. Zum gemeinsamen Singen lassen sich schließlich noch viel mehr Menschen zusammenbringen als in einem Orchester. Auch diese Idee ist nicht ganz neu, denkt man etwa an „Mitsingkonzerte“ des Berliner Rundfunkchors, in denen rund 1.500 Menschen unter der Leitung von Simon Halsey gemeinsam Werke einstudieren.
Mit seinem Chorfest „Cantare amantis est“ nach einem Zitat des heiligen Augustinus, der seinerzeit schon den Zusammenhang von Singen und (Nächsten-)Liebe herstellte, gelingt Riccardo Muti allerdings eine Friedens- und Freundschaftsinitiative in einer bislang unerreichten Größenordnung. Knapp 3.600 Menschen bringt er in der ehemaligen Sporthalle Pala de André im oberitalienischen Ravenna, wo er mit seiner Familie wohnt, zusammen.
So ein Fest lässt sich nicht im Handumdrehen stemmen, insbesondere nicht in wirtschaftlich schweren Zeiten, in denen selbst renommierte Festivals Mühe haben, potente Sponsoren an Land zu ziehen. So etwas kann nur eine einflussreiche, berühmte, gut vernetzte Persönlichkeit. Eine solche ist Muti, die aktuell wohl einzige Lichtgestalt in der Welt der klassischen Musik.
Jedenfalls ist es ihm gelungen, mit dem Autoreifenhersteller Pirelli den nötigen Förderer für „Cantare amantis est“ zu finden. Nur für ihre Reisekosten und Unterkunft müssen die Teilnehmer, überwiegend Laien aller Altersgruppen, selbst aufkommen.
3.600 Stimmen für Freundschaft und Zusammenhalt
Schon zur ersten Ausschreibung im vergangenen Jahr bewarben sich 10.000 Singfreudige, die Muti am liebsten alle geladen hätte. Nur hätte es dafür einer Halle noch weitaus größeren Ausmaßes bedurft, über die Ravenna nicht verfügt. Eine Fortsetzung sollte es aber unbedingt geben.
Der Andrang auf die diesjährige zweite Ausgabe, die Muti dem 1923 ermordeten Pfarrer Don Giovanni Minzoni widmete, der erfolglos gegen den Faschismus in Italien aufstand, war nicht weniger gewaltig.
Entsprechend ließ sich ein Enthusiasmus erleben, der als Sensation bezeichnet werden darf.
Das beginnt schon damit, dass die rund 460 Chöre, allesamt Italiener, eine halbe Stunde vor Beginn ihrer unbändigen Vorfreude, ihrem Gemeinschaftssinn, ihrer Dankbarkeit und ihrer großen Verehrung für Muti mit La-Ola-Wellen Ausdruck geben.
Als der Maestro auftritt, empfängt ihn das Kollektiv jubelnd wie einen Popstar. Die Euphorie lässt nicht nach, als Muti das Singfest mit Mozarts Motette „Ave verum corpus“ eröffnet.
Von einem musikalisch hohen Anspruch getragen ist dieses Event aber auch. Hier geht es nicht nur darum, halbwegs die richtigen Noten zusammen zu singen. Muti hat Stücke mit vielen leisen Stellen ausgesucht. Und er verlangt, dass sie in den Schattierungen von einem einfachen Piano bis zu einem dreifachen Pianissimo gesungen werden.
Kann denn das bei einer solchen Masse gelingen? Denkt man daran, wie unhomogen vielfach schon eine Kirchengemeinde ein einfaches Lied im Gottesdienst singt, mögen einem Zweifel kommen. Und wahrscheinlich gelingt das in Ravenna auch nur deshalb so gut, weil hier ein wahres Genie die richtigen Worte findet, mit denen er seine Vorstellungen auf die imposante Chorphalanx überträgt. Denn Muti ist nicht nur ein grandioser Musiker, sondern auch ein begnadeter Redner und Entertainer. Es wird viel gelacht an den zwei Tagen.
Und dem reinen Höreindruck nach würde man nie und nimmer auf die Idee kommen, dass 3.600 Menschen an dem Gesang beteiligt sind. Alles tönt sehr homogen.
Magische Momente im Chorklang
Pure Magie liegt im Raum, sobald das Kollektiv unter den Händen des Maestros das „Ave verum“ oder auch einen Ausschnitt aus Verdis Requiem beseelt durchlebt und es binnen kürzester Zeit immer mehr Feinheiten und Details umsetzt, auf die Muti, der am Flügel vormacht, wie er sich ein Crescendo, Decrescendo oder ein Ritardando bei einem Übergang vorstellt, hinweist.
Wenn Muti dirigiert, wechselt Davide Cavalli, ein versierter Korrepetitor, der schon seit vielen Jahren für ihn und mit ihm arbeitet, an die Tasten.
In der berühmten „Casta Diva“-Arie aus Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ singt der Chor freilich nicht allein. Als Solistin brilliert hier die Sopranistin Maria Grazia Schiavo, gesegnet mit sicherer Höhe, Expressivität und schlanker Stimmführung.
Am zweiten Tag gesellt sich mit Isabella Lozzi noch eine feinfühlige Musikerin des Luigi Cherubini Orchesters für das Flötensolo dazu. Unter spannungsvoller Stille sind dann berührende Momente kammermusikalischer Intimität zu erleben. Und diese vermittelt sich bis in die hintersten Reihen des einstigen Stadions, dies freilich auch dank der ungeheuren Disziplin, die alle mitbringen. Niemand stört. Es ist kein Husten und kein Gebrabbel zu vernehmen. Selbst die Kinder – die jüngsten Teilnehmer sind sechs und sieben Jahre alt – konzentrieren sich ganz auf Muti. Auch die Kleinsten lieben und verehren den Dirigenten, drängen in den kurzen Pausen an die Rampe und wollen unbedingt ein Autogramm.
Auch in dem kurzen Ausschnitt aus dem Verdi-Requiem singt Schiavo mit großer Zärtlichkeit und Spitzentönen von luzider Schönheit den Sopranpart. Die Empfindsamkeit ihres Vortrags färbt dabei unüberhörbar auf den Gesang des Kollektivs ab.
Als schwierigstes Stück erweist sich der Gesang „Ave Signor degli angeli dei santi“ aus dem Prolog zu Arrigo Boitos Oper „Mefistofele“, der bei den Sopranen in überirdischen Sphären bis zum zweigestrichenen As hinaufreicht. Da treten einmal die hellen Kinderstimmen als Engelschar besonders hervor – was für eine Harmonie, welche Schönheit, was für eine Mystik und Magie!
Und mit jedem weiteren Durchlauf vertiefen sich die Sängerinnen und Sänger unter Mutis Anweisungen immer noch stärker in die Partitur mit all ihren genauen Vortragsbezeichnungen. Man mag sich gar nicht satthören an den ätherischen Klängen, die Sorgen und Nöte für ein paar Stunden vergessen lassen.
Einige Male lässt Muti die Chorphalanx auch die Nationalhymne singen. Diese ist in Italien, anders als in Deutschland, Teil der nationalen Identität. Die Kinder lernen die Verse schon in der Schule. Und an einem nationalen Feiertag wie dem 2. Juni, dem Festa della Repubblica, gehört sie unweigerlich dazu. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn 3.600 Menschen die deutsche Nationalhymne unter einem berühmten Dirigenten singen würden. Ihre Melodie ist ja immerhin von einem sehr bedeutenden Komponisten: Joseph Haydn.
Aber vermutlich würde ein solches Konzert wohl als rechtsextrem gebrandmarkt und der Dirigent, der das auf sich genommen hat, gleich dazu. Etwas Verkehrtes lässt sich daran indes nicht finden, schließlich stehen die Menschen hier beim Singen in Freundschaft und Liebe – eben auch zu ihrem Land – zusammen.
Am Ende machen alle Teilnehmer einen sehr glücklichen Eindruck – die sechsjährige Olympia, die besonders das „Ave verum“ liebt, nicht weniger als eine Teilnehmerin aus Friaul, die zusammen mit fünf Mitstreitern im ländlichen Umland Quartier bezogen hat. Sie alle freuen sich schon auf nächstes Jahr. Es müsse unbedingt weitergehen, sagen sie.
Und das will auch Muti, der diese Initiative am liebsten auch auf andere Länder ausweiten will. Das wäre freilich eine Riesensache. Aber klar ist auch, dass Muti allein nicht gleichzeitig flächendeckend auf allen Teilen der Erde Chormassive leiten kann. Um etwas im großen Stil zu verändern, wären vermutlich Tausende Mutis nötig. Auf alle Fälle sendet „Cantare amantis est“ ein starkes Zeichen in die Welt: Menschen, vereinigt euch! Legt die Waffen nieder und singt gemeinsam! Es klingt unüberwindbar schwer und ist eigentlich doch ganz einfach.
Der Blutzucker ist mehr als ein Laborwert. Er zeigt, wie gut der Körper mit unserem modernen Alltag zurechtkommt. - Foto: Pakawadee Wongjinda/iStock
In Kürze:
Der Blutzucker ist mehr als ein weiterer Wert, den „man halt beobachten muss“ – aber auch nicht allsagend.
Er beeinflusst unter anderem Gefäße, Nerven, Augen, Nieren, Leber, Gehirn, Haut, Muskelmasse und den Energiehaushalt.
Müdigkeit nach dem Essen, Konzentrationstiefs, unruhiger Schlaf und das Gefühl, ständig etwas essen zu müssen, können erste Hinweise liefern.
Nüchternblutzuckerwerte zwischen 100 und 125 mg/dl gelten bereits als auffällig. Wer wissen möchte, wo er steht, sollte auch andere Werte beachten.
Der erste Hebel liegt nicht im Verzicht, sondern in Kombination und Reihenfolge. Das wussten schon unsere Ahnen.
Ich erschrecke in der Praxis immer wieder, wie gelassen viele Menschen mit ihrem Blutzucker umgehen. Selbst manche Diabetiker nehmen erhöhte Werte eher hin wie schlechtes Wetter: nicht schön, aber offenbar auch nicht weiter zu ändern.
Beim Cholesterin ist das jedoch ganz anders. Da werden Zahlen diskutiert, Grenzwerte verglichen und Beipackzettel der Medikamente gelesen. Der Blutzucker hingegen läuft bei vielen unter „Muss man halt beobachten“.
Aus meiner Sicht ist das ein gefährlicher Irrtum. Ein dauerhaft gestörter Zuckerstoffwechsel ist kein harmloses Laborproblem. Er wirkt auf Gefäße, Nerven, Augen, Nieren, Leber, Gehirn, Haut, Muskelmasse und den Energiehaushalt.
Er entscheidet mit darüber, ob jemand nach dem Essen wach bleibt oder in ein Loch fällt oder ob der Heißhunger den Abend regiert. Oder ob Bauchfett wächst, oder die Leber verfettet, oder ob der Körper „entzündlicher“ wird.
Stark verarbeitete und süße Lebensmittel, aber auch Obst lassen die Blutzuckerwerte steigen. Deshalb sind Reihenfolge, Menge und Essenszeiten wichtig.
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Und es geht nicht (nur) um Diabetes. Sehr lange bevor diese Diagnose auf dem Papier steht, kann der Blutzucker den Alltag bereits prägen: Müdigkeit nach dem Essen, Konzentrationstiefs, unruhiger Schlaf und dieses merkwürdige Gefühl, ständig etwas essen zu müssen, obwohl der Körper eigentlich genügend Energie gespeichert hätte.
Was ist das Problem? Und wie geht man dieses an?
Wenn das Essen müde macht
Nach einer Mahlzeit steigt der Blutzuckerspiegel an – das ist normal. Kohlenhydrate aus Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Obst oder Süßigkeiten werden im Verdauungstrakt zu Glukose abgebaut und gelangen ins Blut. Der Körper reagiert mit Insulin. Dieses Hormon sorgt dafür, dass Zucker aus dem Blut in die Zellen geschleust wird.
Problematisch wird es, wenn dieser Ablauf ständig überfordert wird. Ein „süßes Frühstück“, zwischendurch ein Keks, mittags Pasta, nachmittags Kaffee und Kuchen: Erst fühlt man sich wach, dann kommt das Loch. Nicht selten wird dann wieder genau das gegessen, was die nächste Schwankung auslöst.
So entsteht ein Kreislauf aus Zuckeranstieg, Insulinausschüttung, Energietief und erneutem Appetit. Viele halten das für Willensschwäche, aber in Wahrheit ist es meist Biochemie. Der Körper wirkt dann wie ein Ofen, in den ständig Papier geworfen wird. Es brennt kurz hell, aber es hält nicht lange.
Warum Bauchfett mehr ist als ein optisches Problem
Besonders wichtig ist der Zusammenhang zwischen Blutzucker, Insulin und Bauchfett. Das Fett am Bauch ist kein stilles Depot, das nur auf bessere Zeiten wartet. Vor allem das innere Bauchfett ist stoffwechselaktiv. Es beeinflusst Entzündungsprozesse, Hormone, Leberstoffwechsel und die Insulinempfindlichkeit.
Wenn die Zellen schlechter auf Insulin reagieren, spricht man von Insulinresistenz. Der Körper muss dann mehr Insulin ausschütten, um den gleichen Effekt zu erzielen. Das kann über Jahre unbemerkt bleiben.
Der Nüchternblutzucker ist vielleicht noch unauffällig, aber nach dem Essen entstehen bereits hohe Spitzen. Gleichzeitig lagert der Körper leichter Fett ein, besonders in der Leber und am Bauch. Und irgendwann wird aus Energieüberschuss ein Speicherproblem.
Der Blutzucker entscheidet, ob das Bauchfett wächst oder nicht.
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Die Verzuckerung des Körpers
Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang lautet Glykierung. Gemeint ist eine Reaktion von Zucker mit Eiweißen, Fetten und anderen Körperstrukturen. Dabei entstehen sogenannte Advanced Glycation Endproducts, abgekürzt AGEs. Das Problem: Diese Glykierung kann das Gewebe verändern.
Man kann sich das grob wie eine Art „innere Verzuckerung“ vorstellen. Wenn das über Jahre läuft, verlieren Gefäße an Elastizität. Nerven, Augen, Nieren und Bindegewebe können in Mitleidenschaft gezogen werden. Auch die Haut altert unter diesem Einfluss schneller. Falten sieht man früher als Gefäßschäden, aber biochemisch gehören beide zur gleichen Geschichte.
Das heißt nicht, dass jeder Teller Kartoffeln ein Problem ist. Es geht nicht um Angst vor normalen Lebensmitteln. Entscheidend ist die Dauerbelastung – nämlich ständig hohe Blutzuckerspitzen, zu wenig Bewegung, zu wenig Muskelmasse, schlechter Schlaf, Dauerstress sowie ein Darm und eine Leber, die gar keine Ruhe mehr bekommen.
Der erste Hebel liegt nicht im Verzicht
Viele Menschen glauben, sie müssten beim Blutzucker alles streichen: keinen Zucker, kein Brot, keine Nudeln – keine Freude mehr. Viele empfinden das als Verlust von Lebensqualität. Und so etwas hält selten lange.
Sinnvoller ist es, mit einfachen Ordnungsprinzipien zu beginnen, so wie Sebastian Kneipp es vor über 100 Jahren bereits formulierte. Der wichtigste Satz lautet: Kohlenhydrate nicht nackt essen.
Wer Brot, Reis, Nudeln, Kartoffeln oder Obst allein isst, bekommt meist eine stärkere Blutzuckerantwort als bei einer Mahlzeit mit Eiweiß, Fett und Ballaststoffen. Ein Apfel mit ein paar Mandeln wirkt anders als ein Apfel allein. Ein Brot mit Ei, Avocado oder Hüttenkäse wirkt anders als ein Marmeladenbrot.
Auch die Reihenfolge spielt eine Rolle. Wer zuerst Gemüse oder Salat isst, dann Eiweiß und Fett und erst danach Reis, Brot, Nudeln oder Kartoffeln, kann die Blutzuckerantwort günstiger beeinflussen. Das klingt einfach – ist es auch, wird aber unterschätzt. Essen Sie ihren Salat also vor dem Hauptgericht. Sie essen doch Salat – oder?
Fett allein ist selten der Übeltäter – entscheidend ist, womit es auf den Teller kommt.
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Der Essig im Salat ist kein alter Aberglaube
Apropos Salat. Auch der Essig verdient in diesem Zusammenhang eine kleine Ehrenrettung. Ein Salat mit Essig-Öl-Dressing vor einer kohlenhydratreichen Mahlzeit kann die Blutzuckerantwort abmildern.
Das bedeutet nicht, dass man nun morgens Apfelessig als Mutprobe trinken muss. Wer einen empfindlichen Magen, Reflux oder Probleme mit dem Zahnschmelz hat, sollte solche Experimente ohnehin lassen.
Aber als einfacher Küchentrick ist Essig interessant. Der gute alte Salat vor dem Essen war also vielleicht nicht nur Sitte, sondern auch Stoffwechselklugheit. Und der Trick mit dem Apfelessig in etwas Wasser vor den großen Mahlzeiten funktioniert ebenfalls.
Bewegung nach dem Essen: der einfachste Zuckerfilter
Einer der wirksamsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Hebel ist die Bewegung nach dem Essen. Ich habe das selbst lange unterschätzt, bis ich mit einem Trainer von Olympia-Athleten sprach, der seine durchtrainierten Athleten exakt diesen „Trick“ durchführen ließ. Mittlerweile ist völlig klar: Zehn Minuten Gehen nach einer Mahlzeit helfen, den Zuckeranstieg günstiger zu beeinflussen.
Der Grund ist einfach: Muskeln ziehen Glukose aus dem Blut, sobald sie arbeiten. Wer sich nach dem Essen bewegt, hilft dem Körper, den Zucker dorthin zu bringen, wo er benötigt wird: in die Muskulatur.
Besonders nach dem Abendessen ist das interessant. Statt direkt auf das Sofa zu sinken, kann ein kurzer Gang um den Block mehr bewirken als die nächste komplizierte Diätregel. Also gehen Sie diese 10 Minuten.
Ob am Strand, im Wald oder in der Stadt: Nach dem Essen 10 Minuten spazierenzugehen, wirkt Wunder beim Blutzuckerhaushalt des Körpers.
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Im zweiten Schritt lohnt sich dann der Blick auf ein Krafttraining. Muskeln sind ein wichtiges Speicher- und Verbrauchsorgan für Glukose. Wer Muskelmasse verliert, verliert auch Zuckeraufnahmekapazität. Gerade ab 50 wird das relevant.
Bei Schmerzpatienten kommt allerdings zuerst die Schmerzfreiheit beziehungsweise eine bessere Beweglichkeit. Ein schmerzender Rücken, ein gereiztes Knie oder eine blockierte Hüfte werden nicht besser, nur weil man sie mit Trainingsplänen überfährt. Erst die Bewegung wieder möglich machen, dann Kraft aufbauen: Das ist in der Praxis meist der vernünftigere Weg.
Schlaf, Stress und die Leber
Blutzucker ist nicht nur eine Frage des Essens. Schlechter Schlaf kann die Insulinempfindlichkeit verschlechtern. Dauerstress bringt den Körper über Cortisol in eine Alarmstellung. Die Leber gibt dann mehr Zucker ins Blut ab, obwohl von außen gar kein Zucker kommt.
Das erklärt, warum manche Menschen ratlos vor ihren Werten sitzen: „Ich esse doch gar nicht so viel, warum ist mein Blutzucker trotzdem schlecht?“ Der Körper ist kein Kalorienzähler mit Puls. Er reagiert auf Schlafmangel, Bewegungsmangel, Stress, späte Mahlzeiten, Alkohol, Medikamente, Bauchfett und die Zusammensetzung der Ernährung.
Besonders späte, kohlenhydratreiche Mahlzeiten sind für viele ungünstig. Der Körper soll nachts reparieren, regulieren und entgiften. Wenn er stattdessen noch Pizza, Wein und Dessert verarbeiten muss, braucht man sich über unruhigen Schlaf und einen zähen Morgen nicht zu wundern.
Wer wissen möchte, wo er steht, sollte nicht nur auf den Nüchternblutzucker schauen. Dieser Wert ist wichtig, aber er erzählt nicht die ganze Geschichte. Interessant sind auch HbA1c, also der Langzeitblutzucker, der Bauchumfang, die Triglyceride, die Leberwerte und in manchen Fällen auch das Nüchterninsulin.
Aus Nüchternblutzucker und Nüchterninsulin lässt sich der sogenannte HOMA-Index berechnen. Er kann Hinweise auf eine beginnende Insulinresistenz geben, oft früher als der reine Blutzucker. Das ist zwar kein allwissendes Orakel, aber wer nach dem Essen regelmäßig müde ist, Bauchfett aufbaut, Heißhunger entwickelt und trotzdem „normale“ Standardwerte hat, sollte genauer hinschauen.
Nüchternblutzuckerwerte zwischen 100 und 125 mg/dl gelten bereits als auffällig im Sinne eines Prädiabetes. Das ist zwar noch kein Diabetes, aber auch kein grüner Bereich, den man achselzuckend abheften sollte.
Der Blutzucker ist mehr als ein Laborwert. Er zeigt, wie gut der Körper mit unserem modernen Alltag zurechtkommt: mit zu viel Sitzen, zu viel Stress, zu spätem Essen, zu wenig Muskelarbeit und mit Lebensmitteln, die oft schneller ins Blut gehen, als der Stoffwechsel sie verarbeiten kann.
Genau hier beginnt die Naturheilkunde. Nicht als „Ich nehme eine Heilpflanze und lebe weiter wie bisher“, sondern als Ordnungstherapie: den Essrhythmus verbessern, die Leber entlasten, den Darm stärken, Muskeln trainieren und erhalten, Schlaf ernst nehmen, nach dem Essen gehen sowie Bitterstoffe und Ballaststoffe wieder auf den Teller bringen.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Die Bergpredigt ist kein Programm für eine Partei, kein Werkzeug einer Ideologie und kein bequemer Trost. Sie hält uns allen denselben Spiegel vor, und das Bild, das er zurückwirft, ist selten schmeichelhaft. - Foto: Markus Langemann, gldburger/iStock; Montage: Epoch Times
Es gibt Texte, die altern, und es gibt Texte, an denen ein jedes Zeitalter altert. Die Bergpredigt, überliefert in den Kapiteln 5 bis 7 des Matthäusevangeliums, gehört zur zweiten Art.
Seit nahezu 2.000 Jahren liegt sie wie ein stiller Maßstab über jeder Epoche, die sich für aufgeklärt, fortgeschritten oder vollendet hält – und stets ist es die Epoche, die sich an ihr blamiert, nicht der Text. Wer diese Rede ernst liest, der wird sie nicht als ferne Frömmigkeit empfinden, sondern als eine Provokation, die ihn unmittelbar meint. Lassen Sie uns ihren Inhalt in seiner ganzen Breite betrachten und ihn anschließend gegen die Strömungen halten, die unsere Gegenwart bestimmen.
Jesus eröffnet seine Rede nicht mit einem Gebot, sondern mit einer Reihe von Seligpreisungen (Mt 5,3–12), und schon hier vollzieht sich die eigentliche Sprengung. Selig, so heißt es, sind die Armen im Geiste, die Trauernden, die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit Hungernden, die Barmherzigen, die Reinen im Herzen, die Friedensstifter und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten. Man muss sich die Ungeheuerlichkeit dieser Sätze vergegenwärtigen. Sie stellen die gesamte Wertordnung der Welt vom Kopf auf die Füße – oder, je nach Standpunkt, vom Kopf auf den Kopf.
Nicht die Starken, die Lauten, die Erfolgreichen und die Sichtbaren werden gepriesen, sondern jene, die nach den Maßstäben der Macht als Verlierer gelten.
Halten Sie diese Umwertung einen Augenblick gegen das, was unsere Gesellschaft tatsächlich verehrt. Eine Kultur, die Sichtbarkeit mit Bedeutung verwechselt, die Reichweite für Recht hält und die Lautstärke einer Stimme mit dem Gewicht ihrer Argumente gleichsetzt, steht zu diesen Sätzen in vollkommenem Widerspruch. Wir feiern die Durchsetzungsfähigen und belächeln die Sanftmütigen; wir nennen Demut bestenfalls naiv und Trauer ein zu therapierendes Defizit. Die Bergpredigt aber behauptet das Gegenteil, nämlich dass im Verzicht auf Selbstbehauptung eine Würde liegt, die keine Karriere und keine Followerzahl verleihen kann.
Es folgt das Wort vom Salz der Erde und vom Licht der Welt. (Mt 5,13–16) Der Mensch ist berufen, Geschmack und Helligkeit in eine fade und finstere Umgebung zu tragen, aber, und das ist entscheidend, nicht um seiner selbst willen. Das Licht soll leuchten, damit die Menschen das Gute sehen, nicht den, der es tut. Hier kündigt sich bereits ein Motiv an, das die gesamte Rede durchzieht und das in unserer Gegenwart von beklemmender Brisanz ist: die Unterscheidung zwischen einer Tugend, die wirkt, und einer Tugend, die sich zeigt.
Das radikalste ethische Vermächtnis des Abendlandes und seine unbequeme Gegenwart
Im Zentrum des fünften Kapitels stehen die sogenannten Antithesen. (Mt 5,21–48) Jesus stellt klar, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Und diese Erfüllung bedeutet keine Erleichterung, sondern eine radikale Verinnerlichung. Es genügt nicht, nicht zu töten; schon der Zorn wird gerichtet.
Es genügt nicht, nicht zu brechen, was eingegangen wurde; schon der begehrliche Blick verfehlt das Maß. Der Eid wird überflüssig, denn das Ja soll ein Ja sein und das Nein ein Nein.
Dem Bösen soll man nicht mit Gleichem vergelten, sondern die andere Wange hinhalten. Und schließlich, in der äußersten Zuspitzung: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“
Dieser letzte Satz ist die schärfste Klinge der ganzen Rede, und er schneidet quer durch alles, was unsere öffentliche Auseinandersetzung heute prägt. Wir leben in einer Zeit, die das Gegenteil zur Methode erhoben hat.
Der politische Gegner ist nicht mehr der Andersdenkende, sondern der moralisch Disqualifizierte; die Debatte ist nicht mehr Ringen um die Sache, sondern Feststellung der Schuld. Die Empörung hat den Status einer Tugend angenommen und das Verzeihen gilt beinahe als Verrat an der eigenen Position. Die Bergpredigt mutet uns das Unmögliche zu und entlarvt damit, wie weit wir uns von der bloßen Vorstellung entfernt haben, dem Gegner Gutes zu wünschen. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Zumutung kein politisches Lager verschont. Sie trifft den Zorn der einen ebenso wie die Selbstgerechtigkeit der anderen.
Das Verborgene gegen das Schaufenster
Mit dem sechsten Kapitel (Mt 6,1–18) wendet sich die Rede dem Verborgenen zu. Und hier liegt aus meiner Sicht der entscheidende Berührungspunkt mit unserer Gegenwart. Wer Almosen gibt, soll es im Verborgenen tun, sodass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Wer betet, soll in seine Kammer gehen und die Tür schließen, nicht an den Straßenecken stehen, um gesehen zu werden. Wer fastet, soll sein Gesicht waschen, damit niemand es bemerke. In der Mitte dieses Abschnitts steht das Vaterunser – ein Gebet von solcher Knappheit und Wucht, dass es jede fromme Geschwätzigkeit beschämt.
Die Diagnose, die Jesus hier stellt, ist von prophetischer Genauigkeit: Es gibt eine Tugend, die ihren Lohn bereits empfangen hat, sobald sie gesehen wurde. Sie ist nicht falsch, weil sie nichts Gutes täte, sondern weil sie das Gute zum Mittel der Selbstdarstellung macht. Und nun fragen Sie sich, in welcher Epoche dieser Befund je dringlicher war als in der unseren. Wir haben uns eine Architektur des permanenten Schaufensters errichtet, in der die Haltung öffentlich getragen wird wie ein Abzeichen.
Die gute Gesinnung wird zur Schau gestellt, das richtige Bekenntnis verkündet, die moralische Überlegenheit dokumentiert und geteilt. Es ist die vollkommene Umkehrung der Bergpredigt: nicht das Tun im Verborgenen, sondern das Bekennen vor aller Augen; nicht die stille Barmherzigkeit, sondern die laute Pose. Eine Gesellschaft, die das Zeigen der Tugend mit dem Üben der Tugend verwechselt, hat ihren Lohn bereits erhalten. Sie weiß es nur nicht.
Der Mammon und die Sorge
Es schließt sich die Warnung vor den irdischen Schätzen an. (Mt 6,19–34) „Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie zerfressen“, sondern „Schätze im Himmel“. „Niemand kann zwei Herren dienen […] ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Und dann jenes große, fast zärtliche Wort: „Sorgt euch nicht um euer Leben“, um Essen und Kleidung; schaut auf die Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Felde.
Man darf diese Sätze nicht zur Aufforderung zur Sorglosigkeit verharmlosen. Sie sind etwas Schärferes: eine Absage an die Vergötzung der Sicherheit. Unsere Gegenwart aber hat aus der Sorge ein Daseinsprinzip gemacht. Wir leben in einer beinahe ununterbrochenen Folge von Krisen, von denen jede die nächste ablöst, und in einem Dauerton der Beunruhigung, der uns gefügig hält. Die Angst ist zur politischen und kommerziellen Ressource geworden. Wer sie zu schüren versteht, beherrscht den Menschen. Der Mammon hat dabei längst neue Gestalten angenommen. Er heißt heute Konsum, Statussymbol, Optimierung des eigenen Ich.
Die Bergpredigt durchschneidet diesen Knoten mit einer Frage, die unbequem bleibt: Wem dienen wir eigentlich? Und sie behauptet, was kaum jemand mehr zu sagen wagt: dass ein Leben, das sich gänzlich der Absicherung des Vergänglichen verschreibt, am Wesentlichen vorbeigeht.
Richtet nicht – und prüfet die Früchte
Das siebte Kapitel beginnt mit einem Satz, der wie kaum ein anderer aus dem Zusammenhang gerissen wird: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mt 7,1) Es folgt das berühmte Bild vom Splitter im Auge des Bruders und vom Balken im eigenen. Dann die Goldene Regel: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um!“ Es folgen das Wort von der engen Pforte und dem schmalen Weg, die Warnung vor den „falschen Propheten“, an deren Früchten man sie erkennen werde. Und schließlich das Gleichnis vom klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen baut, und vom törichten, der auf Sand baut – auf dass es einstürze, wenn die Stürme kommen.
Auch hier öffnet sich ein doppelter Blick auf unsere Zeit. Das Wort vom Nicht-Richten wird heute gern als Lizenz zur Beliebigkeit missverstanden. Dabei meint es etwas Strengeres: die Demut, sich nicht zum letzten Richter über den Menschen aufzuschwingen. Gerade darin versagt eine Kultur, die das Urteil über andere zur Freizeitbeschäftigung gemacht hat, die Verfehlungen archiviert und die Vergebung verlernt.
Zugleich aber – und das ist kein Widerspruch – fordert die Bergpredigt sehr wohl das Urteilsvermögen: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Sie verlangt, die falschen Propheten von den wahren zu unterscheiden, das Wort vom Geschwätz, die Substanz von der Fassade. In einer Zeit, in der wir täglich mit Behauptungen, mit Narrativen und mit professionell erzeugter Empörung überschüttet werden, ist diese Aufforderung zur nüchternen Prüfung der Früchte vielleicht das aktuellste Vermächtnis der ganzen Rede. Sie ruft nicht zum bequemen Glauben auf, sondern zur wachen Unterscheidung – und sie warnt davor, das Haus des eigenen Denkens auf den Sand der jeweils herrschenden Stimmung zu bauen.
Wer die Bergpredigt zu Ende liest, der versteht, weshalb das Volk, wie es am Schluss heißt, über diese Lehre erschrak. Sie redet mit Vollmacht und sie schmeichelt niemandem. Sie ist kein Programm für eine Partei, kein Werkzeug einer Ideologie und kein bequemer Trost. Sie lässt sich von keiner Macht vereinnahmen, weil sie jede Macht überragt – die der Herrschenden ebenso wie die der lautstark Empörten, die der Reichen ebenso wie die der selbstgewissen Frommen. Sie hält uns allen denselben Spiegel vor, und das Bild, das er zurückwirft, ist selten schmeichelhaft.
Vielleicht liegt genau darin ihre bleibende Aufgabe an unsere Gegenwart. In einer Epoche, die das Vorläufige zur Dauer und die Pose zur Haltung erklärt, erinnert die Bergpredigt an die Vorrangstellung des Wesentlichen vor dem Sichtbaren, der Substanz vor der Oberfläche, des stillen Tuns vor dem lauten Bekenntnis. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um diese Mahnung zu hören.
Man muss nur bereit sein, den Spiegel nicht wegzudrehen.
Wer findet die Perlen unter all dem Plunder? - Foto: Daisy-Daisy/iStock
Mein Leben ist ziemlich dreckig. Wortwörtlich. Ich habe vier kleine Kinder. Ich arbeite auf einem Bauernhof und ich verbringe viel Zeit in einer Restaurantküche. Am Ende der meisten Tage befindet sich Dreck unter meinen Nägeln, Tierhaare auf meiner Kleidung, Fettflecken irgendwo auf meinem Hemd und normalerweise etwas Undefinierbares, das mir ein Kleinkind auf die Hose geschmiert hat. Meine Kleidung führt ein hartes Leben.
Vor ein paar Jahren habe ich weitgehend aufgehört, neue Kleidung zu kaufen, mit der Ausnahme von Unterwäsche und Denim-Jeans. Ich bin wählerisch, was die Passform von Jeans angeht, und wenn man die richtige gefunden hat, hütet man sie wie seinen Augapfel. Abgesehen davon stammt fast alles, was ich jetzt trage, von Goodwill (bekannte US-Secondhand-Kette) oder ähnlichen Läden.
Meine Steuerberaterin lacht über mich, weil ich im Vergleich zu meinen Kindern fast nichts für mich selbst ausgebe. Sie neckt mich wegen meiner monatlichen Einkäufe bei Goodwill, die zwischen 90 und 110 Dollar (75 bis 95 Euro) liegen. Aber ehrlich gesagt halte ich das für eine der klügsten Entscheidungen in meinem Leben.
Naturfasern statt Plastikhülle
Zum Teil hat es praktische Gründe. Ich trage nur Naturfasern: Baumwolle, Wolle, Leinen, Seide. Keine Synthetik.
Es gibt zahlreiche Studien, die Bedenken in puncto Synthetik und deren Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit und das endokrine System aufgeworfen haben. Unsere Haut ist unser größtes Organ. Sie in Plastik einzuwickeln, hat sich für mich noch nie wie eine besonders gute Idee angefühlt.
Ein Teil dieser Perspektive stammt wahrscheinlich daher, wie ich erzogen wurde.
Meine Mutter war Modedesignerin, daher verbrachte ich einen Großteil meiner Kindheit damit, durch den Fashion District von New York City zu streifen oder abgelegene Stofflager auf Long Island zu erkunden. Mein Bruder und ich rannten durch die Gänge und strichen mit den Händen über endlose Reihen von Stoffballen, wobei wir lernten, Materialien allein durch Berührung zu identifizieren. Wir errieten die Stoffzusammensetzung, bevor wir das Etikett überprüften: Leinen, Baumwolle, Seide oder Wolle.
Wir wurden von klein auf dazu erzogen, Qualität zu verstehen und zu erkennen, auf welche Art sich Naturfasern in unseren Händen anders verhalten. Naturfasern atmen anders, bewegen sich anders und altern anders. Sie werden mit der Zeit weicher, anstatt kaputtzugehen.
Meine Mutter entwarf hauptsächlich Leinenkleidung. Sie hatte zwei Firmen: Angel Hart Designs und Flex. Bevor ich irgendetwas über endokrine Disruptoren (hormonaktive Substanzen) oder Mikroplastik verstand, hatte meine Mutter mir bereits die Bedeutung von Naturfasern vermittelt.
Sie pflegte zu scherzen: „Wir werden dich nicht in Plastik einwickeln. Dein Körper muss atmen.“
Das Problem ist, dass Kleidung aus Naturfasern teurer ist. Besonders gute Kleidung aus Naturfasern. Ein hochwertiger Wollpullover oder ein Leinenkleid kann neu leicht mehr als 100 US-Dollar kosten. Hinzu kommt, dass ich, wie erwähnt, Kleidung in kurzer Zeit verschleiße. So kann Kleidung schnell zu einem absurd hohen Kostenpunkt werden.
Aber der Secondhand-Laden ist der große Gleichmacher, denn bei Goodwill werden etwa ein Acrylpullover von Forever 21 und ein Pullover aus 100 Prozent Wolle von J.Crew beide einfach als Pullover deklariert. Das Polyester-Fast-Fashion-Hemd und das perfekt eingetragene Leinenhemd mit Knopfleiste leben auf demselben Ständer.
Deshalb betrachte ich Goodwill wie eine Schatzsuche.
Ich gehe durch die Gänge, fühle die Stoffe zwischen meinen Fingern, überprüfe Etiketten und suche nach Juwelen, die nicht für aller Augen erkenntlich sind. Es ist eine Kunst für sich. Man lernt, Leinen zu fühlen, noch bevor man das Etikett liest. Hochwertige Nähte erkennt man schon aus zwei Metern Entfernung und man entwickelt ein erstaunliches Geschick darin, Kaschmir allein durch Berührung zu identifizieren.
Und ehrlich gesagt, ein Teil der Freude besteht gar nicht darin, Dinge für mich selbst zu finden.
Manchmal sieht man etwas, das zu perfekt ist, um es zurückzulassen, weil es schon auf jemanden zu warten scheint, den man liebt.
Diese Woche fand ich einen extra großen Overall aus Bio-Baumwoll-Musselin mit Knöpfen auf der Vorderseite und dachte sofort an meine Freundin Shay. Sie ist fast 1,80 Meter groß, stillt noch und hat diese kraftvolle, mütterliche Figur, die Kleidung erfordert, die von jemandem entworfen wurde, der den weiblichen Körper wirklich versteht. Der Overall kostete 8,99 Dollar (7,50 Euro). Später habe ich nachgesehen, und selbst gebraucht wurde er online für um die 40 Dollar (35 Euro) angeboten. Den konnte ich unmöglich liegen lassen.
Ich fand ein Hemd mit Knopfleiste aus 100 Prozent Leinen mit Hahnentrittmuster für die Sommerzeit. Dann drei separate Leinenhemden in Größe M für meinen Bruder, der um den Memorial Day herum für ein Projekt zur regenerativen Landwirtschaft nach Afrika reist – perfekte Reisehemden für heißes Wetter zu einem Bruchteil dessen, was sie neu kosten würden.
Ich fand ein Paar Arbeitsstiefel in Größe 41, die fast ungetragen aussahen, und nahm sie für einen unserer Mitarbeiter mit.
Dann gibt es noch die ganz konkreten Erfolge, die sich fast euphorisch anfühlen, wenn man einen Betrieb wie den unseren führt.
Auf der Ranch brauchen wir ständig Bettzeug für Tiny Houses und Airbnb-Einheiten, und diese Woche habe ich Bettlaken aus 100 Prozent Baumwolle in Queen-Größe (1,50 x 2 m) für jeweils 1 Dollar gefunden: 1 Dollar für das Spannbettlaken, 1 Dollar für den Bettbezug und 1 Dollar für die Kissenbezüge. Obendrein entdeckte ich noch eine Gänsedaunendecke für 8 Dollar.
Perlen neben Plastikmurmeln
Wieder einmal ist Goodwill der große Gleichmacher. Die echte Gänsedaunendecke lag neben einer Target-Bettdecke mit Polyesterfüllung zum exakt gleichen Preis, weil das System nicht zwischen Qualität und Imitation unterscheidet.
And vielleicht ist das ein Teil dessen, was ich philosophisch daran liebe.
Der Secondhand-Laden deckt stillschweigend auf, wie verzerrt der moderne Konsum geworden ist. Wir leben in einer Welt, die von billig hergestellten synthetischen Produkten überschwemmt wird, die darauf ausgelegt sind, schnell auseinanderzufallen.
Kleidung ist fast zu einem Wegwerfartikel geworden. Die Leute kaufen säckeweise trendige Outfits, tragen sie ein paar Mal und spenden sie dann schubweise als Folge ihres gigantischen Überkonsums.
In all diesen Überfluss mischen sich diese wunderschönen Relikte aus einer anderen Ära. Schweres Leinen. Dicke Baumwolle. Wollmäntel, die für eine Lebensdauer von 20 Jahren gemacht sind. Echte Handwerkskunst, vergraben unter Bergen von Wegwerfmode.
Goodwill belohnt Geduld und Scharfsinn. Man kann es nicht erzwingen. An manchen Tagen findet man nichts. An anderen Tagen geht man mit der Garderobe für eine ganze Saison und Laken für drei Betten nach Hause, für weniger als den Preis eines neuen synthetischen Pullovers im Einkaufszentrum.
Gebrauchte Dinge haben auch etwas zutiefst Menschliches. Objekte, die kleine Spuren früherer Leben in sich tragen. Ein Leinenhemd, das durch jahrelanges Waschen weich geworden ist. Ein Wollpullover, der bereits eingetragen ist. Kinderbücher mit handschriftlichen Namen auf den Innenseiten der Cover. Manchmal frage ich mich, wer die Menschen waren, denen diese Dinge vor uns gehörten.
So seltsam es klingen mag, das Einkaufen im Secondhand-Laden gibt mir auch Hoffnung. Es erinnert mich daran, dass Überfluss nicht immer endlose Produktion erfordert. Es ist bereits so viel Überschuss im Umlauf. So viele perfekt nutzbare, schöne Dinge existieren bereits.
Und für Menschen wie mich – deren Leben aus Schlamm, Küche, Vieh, Kindern, verschüttetem Kaffee und ständiger Bewegung besteht – liegt eine enorme Freiheit darin, mit Kleidung nicht übertrieben pingelig umzugehen. Ich verfalle nicht in Panik, wenn ein Kind klebrige Hände an meinem Pullover abwischt. Ich falle nicht in eine gedankliche Abwärtsspirale, wenn ich in einer Leinenhose im Dreck kniee. Alles hatte schon ein anderes Leben gelebt, bevor es zu mir kam.
Goodwill ist einer der wenigen Orte, die noch übrig sind, an denen Qualität, Status und Markenbildung für einen Moment leise verschwinden. Alles wird zusammen auf denselben Ständer geworfen, und das Einzige, was Schätze von Müll trennt, ist, ob man gelernt hat, sie zu sehen.
Bürokratie wird dann gefährlich, wenn sie nicht mehr dient, sondern führt. - Foto: Korrawin/iStock
„Ich wollte Unternehmer sein, nicht Formularverwalter.“ Der Satz fiel in einem Gespräch mit einem Geschäftsführer, der eigentlich über Wachstum sprechen wollte. Nach wenigen Minuten waren wir bei Dokumentationspflichten, Nachweisen, Fristen, Prüfungen, Zuständigkeiten und immer neuen Anforderungen.
Bürokratie ist für viele Unternehmen nicht nur ein Aufwand, sondern ein Gefühl – das Gefühl, dass Energie in Nachweise statt in Kunden, Produkte, Mitarbeiter oder Innovation fließt, das Gefühl, dass man immer mehr arbeitet, aber immer weniger gestaltet.
Natürlich braucht man Regeln. Niemand will Willkür, Chaos oder Verantwortungslosigkeit. Doch wenn Verwaltung so viel Raum einnimmt, dass Führung nur noch reagiert, entsteht ein gefährlicher Zustand: Das Unternehmen wird korrekt, aber müde.
Diese Müdigkeit zeigt sich leise:
Entscheidungen werden verschoben, weil erst noch geprüft werden muss, wer zuständig ist.
Führungskräfte werden zu Übersetzern zwischen Vorschrift und Alltag.
Mitarbeiter erleben Regeln als Misstrauen, nicht als Orientierung.
Unternehmer verlieren die Freude am Gestalten, weil sie permanent absichern müssen.
Ein Handwerksunternehmer sagte: „Ich habe keine Angst vor Arbeit. Ich habe Angst davor, dass ich nur noch mit Dingen beschäftigt bin, die unsere Leistung nicht besser machen.“ Genau das ist der Punkt. Bürokratie wird dann gefährlich, wenn sie nicht mehr dient, sondern führt.
Was hilft? Nicht Jammern, auch nicht die Illusion, dass alles von außen sofort leichter wird. Der Hebel liegt zunächst im eigenen System: Wie machen wir Anforderungen so handhabbar, dass sie nicht jeden Tag neu Energie fressen?
Drei Schritte sind meist wirksamer als große Klagen:
Sammeln: Welche Verwaltungsaufgaben wiederholen sich regelmäßig und kosten unverhältnismäßig Zeit?
Standardisieren: Was kann einmal sauber vorbereitet werden, statt jedes Mal neu gesucht zu werden?
Entscheiden: Wer ist verantwortlich, wer liefert zu, wer prüft und wer muss nicht beteiligt werden?
Ein Unternehmen richtete ein kleines „Bürokratie-Board“ ein. Keine große Digitalstrategie, nur eine Wand mit drei Spalten: wiederkehrend, nervig, vereinfachbar. Nach vier Wochen waren sieben Prozesse vereinfacht – nicht weil Gesetze verschwanden, sondern weil das Unternehmen aufhörte, jeden Vorgang wie einen Einzelfall zu behandeln.
Genug gearbeitet heißt auch, genug Energie in Unordnung verloren. Bürokratie mag von außen kommen. Aber wie viel Zusatzchaos sie innen erzeugt, ist oft gestaltbar.
Für Führung bedeutet das: Erklären Sie nicht nur, was erledigt werden muss. Erklären Sie, warum es nötig ist, wie es einfach geht und wer wofür verantwortlich ist. Sonst wird Verwaltung zum Dauerkonflikt zwischen denen, die liefern sollen, und denen, die nachhalten müssen.
Beim b-steps summit 2026 gehört genau diese Frage auf den Tisch: Wie schaffen Unternehmer wieder Handlungsspielraum, obwohl äußere Anforderungen wachsen?
Genug gearbeitet. Welche bürokratische Schleife könnten Sie intern vereinfachen, ohne auf Sorgfalt zu verzichten?
Studien zur kindlichen Entwicklung legen nahe, dass regelmäßiger Kontakt mit Tieren Empathie, Verantwortungsbewusstsein und die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern fördern kann. - Foto: FamVeld/iStock
Kürzlich hatte ich ein herzzerreißendes Erlebnis als Vater: Ich musste meiner 3-jährigen Tochter eine sehr schlechte Nachricht überbringen. Mit schleppenden Schritten, wie ein Mann mit Fesseln an den Knöcheln, ging ich langsam in das Gartenzimmer, in dem meine Tochter spielte.
Ich rief den Namen meiner Tochter. Wir setzten uns zusammen auf die Couch, und ich fasste all meinen Mut zusammen und sagte: „Schatz, Daisy ist letzte Nacht gestorben.“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis meine Tochter realisierte, was ich gesagt hatte, nämlich, dass unser Familienhund nicht mehr da war. Sie fiel mir in die Arme, löste sich in Tränen auf und wimmerte: „Ich will meinen Hund zurück, ich will sie zurück.“
Einige Minuten vor diesem Gespräch war meine Frau mit besorgtem Blick in mein Arbeitszimmer gekommen und hatte mir erzählt, dass Daisy draußen im Garten liege und sich nicht bewege. Ich ging nachsehen. Sie lag nicht weit von der Tür entfernt im Schnee am Fuße eines kleinen Hügels. Ihr warmes, nussbraunes Fell hob sich stark vom Weiß ab. Ich wusste, ohne sie zu berühren, dass sie tot war.
Ich bückte mich und strich mit den Fingern über ihr glänzendes Fell, das sich noch genauso weich anfühlte wie immer. Sie war nicht verletzt worden, und sie war auch nicht krank gewesen. Sie war einfach alt geworden und eines Morgens kam ihr müder Körper schließlich zur Ruhe, aus der er nie wieder erwachte.
Haustiere haben die Tendenz, sich in unser Leben und unsere Herzen vorzuarbeiten, ohne dass wir es wirklich bemerken. Daisy war ein Hund für draußen, spielte aber dennoch eine große Rolle in unserer Familie und begrüßte uns stets mit der unerschütterlichen Fröhlichkeit und Freude, die nur Hunde besitzen.
Sie liebte es, uns auf Spaziergängen zu begleiten oder neben der Schaukel zu sitzen, während meine Tochter spielte. Sie jagte für ihr Leben gern Tiere – besonders unsere armen, verdutzten Schafe.
Hunde fügen sich nahtlos in den Alltag der Menschen ein, zufrieden damit, einfach in unserer Nähe zu sein und uns zu begleiten. Sie verlangen wenig und geben viel.
Meine Frau und ich waren traurig über den Verlust von Daisy, doch diese Trauer wurde noch verstärkt, als wir unsere Tochter weinen sahen.
Für mich gehören Hunde einfach zur Kindheit dazu. Ich bin mit Hunden aufgewachsen und wünsche mir das Gleiche für meine Kinder. Das hat natürlich seinen Preis – einen Preis, den ich selbst hautnah miterleben musste.
Gleichzeitig war dies eine Gelegenheit für mein Mädchen, innerlich zu wachsen. Die Erfahrung, die Kinder beim Verlust ihres Haustieres machen, bringt ihnen das Geheimnis des Todes in einem übergeordneten Sinne näher. Der Kreislauf des Lebens in der Tierwelt spiegelt auch den Kreislauf des Lebens in der Menschenwelt wider.
Ich freue mich, berichten zu können, dass sich meine Tochter schnell vom Verlust von Daisy erholt hat. Sie spricht bereits davon, dass sie einen neuen Hund möchte. Ich denke, dass wir einen bekommen werden. Es gibt eine Reihe von Gründen, die ich so intuitiv begreife, dass ich sie nie wirklich durchdacht und artikuliert habe. Die Notwendigkeit eines Hundes scheint mir eine der unhinterfragbaren, ursprünglichen Wahrheiten der Welt zu sein.
Ein Bindeglied zwischen Mensch und Natur
Um mit den unsterblichen Worten des englischen Schriftstellers G. K. Chesterton aus seinem Essay „On Keeping a Dog“ zu sprechen: „Irgendwie hat dieses Geschöpf mein Mannsein vervollständigt; irgendwie – ich kann nicht erklären, warum – sollte ein Mann einen Hund haben. Ein Mann sollte sechs Beine haben; jene anderen vier Beine sind ein Teil von ihm. Unser Bündnis ist älter als all die flüchtigen und besserwisserischen Erklärungen, die man über uns beide abgegeben hat. Bevor es die Evolution gab, gab es uns.“
Lassen Sie mich genauer ausführen, warum Familien Hunde haben sollten.
Für viele Kinder bieten frühe Beziehungen zu Haustieren eine der ersten Möglichkeiten, Zuneigung, Fürsorge und emotionale Bindung gemeinsam mit Eltern und Geschwistern zu erleben.
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Hunde sind ein wesentliches Bindeglied zwischen Mensch und Natur. Einen Hund um sich zu haben, hat einen erdenden Effekt. Dieser erdende Effekt ist schwer zu beschreiben, aber Hundebesitzer werden wissen, was ich meine.
Er bezieht sich auf die einfache Direktheit, die Aufrichtigkeit und den Enthusiasmus der Hundenatur. Hunde sind im wahrsten Sinne des Wortes bodenständig. Sie helfen uns, den gesunden Menschenverstand und die einfachen Dinge des Alltags nicht aus den Augen zu verlieren. Und sie helfen uns, mit der Natur verbunden zu bleiben.
Ich bin sicherlich nicht der Erste, der über die Loyalität eines Hundes schreibt, aber das Thema verdient eine gewisse Wiederholung. An regnerischen und an sonnigen Tagen sind sie da – am Fußende Ihres Bettes oder wartend vor Ihrer Tür, sanft mit ihren Schwänzen wedelnd. Sie bieten stetige, verlässliche Gefährtenschaft und bleiben unbeeindruckt von Wolken, Regen, Politik oder was auch immer sonst vor sich geht.
Da sie so unkomplizierte Wesen sind, neigen sie dazu, sich an den Menschen zu binden, der „ihr“ Mensch ist. Ihrer Zuneigung fehlt es völlig an Verurteilung, und unsere Fehler schmälern ihre Anhänglichkeit selten. Ob Sie gut aussehen oder nicht, gesund sind oder nicht, intelligent sind oder nicht – es spielt keine Rolle: Ihr Hund liebt Sie genauso. Vielleicht ist es diese bedingungslose Zuneigung, die uns so sehr für sie einnimmt – und uns wichtige Lektionen lehrt.
Hunde sind besonders wichtig für Kinder. Durch einen Hund können sie auf sichere und vertraute Weise mit der faszinierenden Tierwelt in Kontakt treten. Sie lernen außerdem, Verantwortung zu übernehmen und wie man für ein anderes Geschöpf sorgt. Sie entdecken die Freude, die sich aus dieser treuen Fürsorge ergibt.
Am wichtigsten ist vielleicht, dass die Interaktion mit Hunden in prägenden Phasen dabei hilft, Zuneigung und Bindung zu entwickeln, wie die Fülle an Literatur über Jungen und Mädchen und ihre Hunde zeigt. Der Pädagoge John Senior sah die Verbindung zu Tieren als notwendigen Bestandteil der kindlichen Entwicklung hin zu tiefergehenden Formen der Liebe.
Wie Francis Bethel in „John Senior and the Restoration of Realism“ (John Senior und die Wiederherstellung des Realismus) darlegte, schrieb Senior aus der Perspektive eines Jungen, dass „Liebe in fünf aufeinander aufbauenden (nicht voneinander unabhängigen) Stufen wächst, die jeweils durch ihr Objekt definiert sind: Eltern, Tiere, Jungen, Mädchen und Gott.“ Aus dieser Sicht ist der Besitz eines Hundes ein wesentlicher Bestandteil der kindlichen Erziehung.
Zeit im Freien mit Tieren zu verbringen, kann das Naturverbundenheitsgefühl eines Kindes stärken.
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Es gibt wahrscheinlich keine tiefgreifendere Beziehung zu anderen Tierarten als die zwischen Hund und Mensch. Hunde „verstehen“ uns auf eine Weise, wie es andere Tiere nicht tun.
Wie Chesterton schrieb: „Mein Hund weiß, dass ich ein Mann bin, und Sie werden die Bedeutung dieses Wortes in keinem Buch so deutlich geschrieben finden, wie sie in seiner Seele geschrieben steht.“ Auf eine komische und doch wahre Weise sehen wir uns in unseren hündischen Gefährten widergespiegelt. Unsere Identitäten sind durch sie klarer.
Tun Sie sich also selbst einen Gefallen: Holen Sie sich einen Hund. Dann werden Sie eines Abends nach einem langen Arbeitstag müde, erschöpft und deprimiert nach Hause kommen. Doch Ihr Zuhause wird sich noch mehr wie ein Zuhause und ein Zufluchtsort anfühlen, wenn Sie eintreten und ein vierbeiniger Freund Ihnen mit seinem Schwanz wedelnd einen Gruß entgegenbringt. Für ihn ist es der Höhepunkt des Tages – und vielleicht auch für Sie …
Die F-35 als Symbol europäischer Abhängigkeit von den USA. Den von Lockheed Martin hergestellten Kampfjet, der derzeit als das modernste Kampfflugzeug der Welt gilt, nutzen oder haben mehr als zwölf europäische Staaten bestellt. - Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
In Kürze:
Europa diskutiert über mehr militärische Unabhängigkeit von den USA
EU-Armee bleibt umstritten und stößt auf strukturelle Hindernisse
Experten sehen starke Abhängigkeit von NATO und US-Technologie
Ukrainekrieg verstärkt Debatte über Europas Sicherheitsfähigkeit
Die Drohung von US-Präsident Donald Trump, die Vereinigten Staaten aus der NATO zurückzuziehen, sowie die anhaltenden Spannungen im Irankonflikt haben die Forderungen nach militärischer Unabhängigkeit von den USA unter europäischen Staats- und Regierungschefs neu belebt.
Analysten stehen den vorgeschlagenen Alternativen jedoch skeptisch gegenüber. Sie äußern Bedenken hinsichtlich des Zeitpunkts sowie der internen Dynamik zwischen den europäischen Staaten.
Zu den Vorschlägen gehört eine ständige Armee der Europäischen Union, die der spanische Außenminister José Manuel Albares Anfang Juni ins Gespräch brachte. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge erklärte er, die EU dürfe nicht abwarten, wie die Vereinigten Staaten als Nächstes handeln würden.
Seine Äußerungen erfolgten vor dem Hintergrund von Trumps Entscheidung, Truppen aus Deutschland abzuziehen. Zudem hatte er Länder kritisiert, die den USA im Falle eines Krieges mit dem Iran die Nutzung ihrer Stützpunkte und ihres Luftraums verweigerten. Spanien gehörte zu diesen Ländern.
Trump behauptete, dass US-Operationen gegen das iranische Regime der Sicherheit anderer Länder zugutekämen. Auch die NATO kritisierte er dafür, während des Konflikts keine aktive Unterstützung geleistet zu haben. Bereits Ende März hatte er betont, dass die Vereinigten Staaten deshalb nicht „für die NATO da sein“ müssten.
Der EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius erklärte am 10. Februar vor dem Europäischen Parlament: „Europäische Verantwortung in der Verteidigung erfordert einen institutionellen Rahmen für unsere Zusammenarbeit – eine europäische Verteidigungsunion.“
Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz, der französische Präsident Emmanuel Macron und die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sprachen sich übereinstimmend dafür aus, dass die EU mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen müsse.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte jedoch Anfang Februar, die Schaffung einer eigenständigen EU-Armee neben der NATO wäre „äußerst gefährlich“. Sie argumentierte, Befürworter eines solchen Vorhabens hätten „die praktischen Aspekte nicht wirklich zu Ende gedacht“.
Schafft es Rutte, Trump von einem Bündnisaustritt abzuhalten? (Archivbild)
Foto: Evan Vucci/AP/dpa
Idee einer europäischen Armee bereits zu Zeiten Eisenhowers
Die Idee einer europäischen Armee ist jedoch nicht neu und reicht bis in die Ära von Dwight D. Eisenhower zurück, der von 1953 bis 1961 Präsident der USA war. Seinerzeit gelang es, die europäischen Staats- und Regierungschefs von der Gründung einer solchen Armee zu überzeugen. Das französische Parlament blockierte das Vorhaben jedoch im Jahr 1954 und in den darauffolgenden Jahrzehnten verhinderten sowohl der Widerstand der USA gegen eine solche Armee als auch deren Festhalten an der NATO eine Wiederaufnahme des Projekts.
Seither haben Staaten wie Frankreich und Deutschland den europäischen Kontinent dazu gedrängt, strategische Autonomie anzustreben. Sowohl Macron als auch die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sprachen sich während Trumps erster Amtszeit für die Idee einer gemeinsamen Streitkraft aus.
Max Bergmann, Leiter des Programms für Europa, Russland und Eurasien am Center for Strategic and International Studies, argumentierte im Januar, dass diese Frage im Falle einer zweiten Amtszeit Trumps erneut aufgegriffen werden müsse.
Eine ständige gemeinsame Streitkraft als Alternative?
In einer Analyse für das Center for Strategic and International Studies räumte Bergmann Bedenken hinsichtlich der Praktikabilität einer EU-Armee ein. Er betonte jedoch, dass es ebenso wenig praktikabel sei, sich auf die Vereinigten Staaten zu verlassen – ein Land, das seiner Ansicht nach kein Interesse mehr daran habe, als Sicherheitsgarant zu fungieren.
Er schlug eine ständige gemeinsame Streitkraft vor, ähnlich jener Eingreiftruppe, auf die sich der ehemalige britische Premierminister Tony Blair und der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac im Jahr 1998 geeinigt hatten.
Bergmann plädiert für eine einheitliche Kommandostruktur, die über den nationalen Streitkräften der einzelnen Länder angesiedelt wäre. „Bedenken hinsichtlich einer Doppelstruktur zur NATO sowie der Widerstand der USA verhinderten deren Gründung“, sagte er. „Angesichts der möglichen deutlichen Kluft zwischen den USA und Europa in Verteidigungsfragen ist es jedoch sinnvoll, dass Europa über eine eigenständige Führungskapazität verfügt – zumindest, um organisatorische Lücken in der europäischen Verteidigung zu vermeiden.“
Andere Analysten wie Patrick Edery, ein in Polen ansässiger geopolitischer Analyst und Leiter der Strategieberatung Partenaire Europe, bleiben skeptisch. Edery erklärte gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times, dass die strukturellen Hindernisse für eine europäische Verteidigungsunion weiterhin bestünden. „Jedes Mal, wenn man die Frage eingehend prüft, lautet das Urteil gleich: Es ist nicht machbar“, sagte er.
Ein Angehöriger des Regiments für unbemannte Systeme „Lava“, posiert am 22. Mai 2026 in der Region Charkiv, Ukraine, mit einer Leleka-Aufklärungsdrohne, die bis zu 120 Kilometer weit fliegen und zur Basis zurückkehren kann.
Foto: Diego Fedele/Getty Images
Ein gespaltenes Europa
Eines der größten wahrgenommenen Hindernisse für eine EU-Armee sind die unterschiedlichen politischen Interessen der europäischen Regierungen. „Jedes EU-Land hat seine eigene Außenpolitik und seine eigenen Interessen“, so Edery weiter. Er verwies dabei auf die frühe militärische Unterstützung der Ukraine durch Polen, während Deutschland nach dem russischen Einmarsch im Jahr 2022 zunächst zögerte.
Hugo Meijer, CNRS-Forscher am Zentrum für internationale Studien (CERI) der Sciences Po, und Stephen G. Brooks, Professor für Politikwissenschaft am Dartmouth College, bezeichneten dies als das Problem der „strategischen Kakophonie“.
In einem im Jahr 2021 in der Fachzeitschrift „International Security“ veröffentlichten Artikel definierten sie das Problem als „tiefgreifende, den gesamten Kontinent erfassende Divergenzen in allen Bereichen der nationalen Verteidigungspolitik, insbesondere hinsichtlich der Bedrohungswahrnehmung“. Das Problem sei, so die Autoren, so tief verwurzelt, dass seine Überwindung „langfristige, beständige und koordinierte Anstrengungen“ erfordern würde.
Daher sei es höchst unwahrscheinlich, dass die Europäer zeitnah eine autonome Verteidigungsfähigkeit aufbauen würden – selbst wenn sich die Vereinigten Staaten vollständig vom Kontinent zurückziehen würden.
Die europäischen Streitkräfte agieren zudem unabhängig voneinander und wenden unterschiedliche Einsatzregeln an. In den meisten EU-Mitgliedstaaten ist für Auslandseinsätze eine parlamentarische Zustimmung erforderlich. Eine Ausnahme bildet Frankreich, wo die Exekutive über deutlich mehr Spielraum verfügt, militärische Operationen einzuleiten und fortzuführen, bei geringeren unmittelbaren parlamentarischen Beschränkungen.
Auch die unterschiedliche Ausrüstungssituation auf dem Kontinent verschärft das Problem. Mehr als ein Dutzend europäischer NATO-Mitglieder setzen bereits das amerikanische Kampfflugzeug F-35 ein oder haben es bestellt. Die französischen Streitkräfte sind die einzigen großen europäischen Streitkräfte, die dieses Modell nicht nutzen.
Ein Kampfflugzeug vom Typ F-35 der US Air Force startet von der US-Air Base Spangdahlem in Rheinland-Pfalz während der Luftwaffenübung „Air Defender 2023“.
Foto: Boris Roessler/dpa
Europas militärische Abhängigkeit von den USA
Die amerikanische Kontrolle über die für den Bau der F-35 entscheidenden Komponenten hat Europas Abhängigkeit von den USA zementiert. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse des in Brüssel ansässigen Thinktanks Bruegel aus dem Jahr 2025.
Im März äußerten deutsche Vertreter Bedenken hinsichtlich eines sogenannten „Kill Switch“ (Notasuschalter), der angeblich in die F-35 integriert sei. Zwar gibt es nach Ansicht zahlreicher Experten keine konkreten Beweise für die Existenz eines solchen Mechanismus. Sie argumentieren jedoch, dass Washington einen solchen auch nicht benötige, um den Einsatz der Flugzeuge zu unterbinden, da es ausreiche, die Lieferung von Munition und Ersatzteilen einzustellen.
Brandon J. Weichert bezeichnet die Existenz einer solchen Abschaltvorrichtung als „wahrscheinlich Unsinn“. Er ist leitender Redakteur für nationale Sicherheit und Autor des Buches „Winning Space: How America Remains a Superpower“.
„Der eigentliche ‚Kill Switch‘ liegt vielmehr in der absoluten Abhängigkeit von US-Rüstungsunternehmen – sei es bei der Software, der Wartung oder den Datenverbindungen, die für den effektiven Betrieb dieser Kampfflugzeuge der fünften Generation unerlässlich sind“, schrieb Weichert in einem im Januar in „The National Interest“ veröffentlichten Artikel.
Zudem stellt sich die Frage nach einer einheitlichen Kommandostruktur. Bergmann zufolge könnte die EU ein eigenes Hauptquartier schaffen, das sowohl die EU-Streitkräfte führt, als auch die oberste europäische Kommandobehörde über den nationalen Streitkräften bildet.
Edery sagte jedoch, dass „heute kein europäischer General darin ausgebildet ist, eine Armee von 1 Million oder auch nur 500.000 Soldaten unterschiedlicher Nationalitäten zu befehligen“.
50 Milliarden Euro jährlich für Europas Verteidigung
Befürworter einer europäischen Armee sind sich des Ausmaßes der politischen und bürokratischen Arbeit bewusst, die dieses Vorhaben erfordern würde. In einem im vergangenen Monat veröffentlichten Papier wurde geschätzt, dass Europa den Großteil seiner Fähigkeitslücken über einen Zeitraum von zehn Jahren für rund 50 Milliarden Euro jährlich schließen könnte.
Zu den Unterzeichnern zählten unter anderem Thomas Enders, der ehemalige Airbus-Chef und heutige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sowie der Ökonom Moritz Schularick vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Sie räumten jedoch auch ein, dass dieses Unterfangen einem „Manhattan-Projekt“ gleichkomme. Das „Manhattan Project“ war das geheime US-amerikanische Forschungs- und Entwicklungsprogramm zur Entwicklung der ersten Atombombe während des Zweiten Weltkriegs.
Es handele sich um eine Aufgabe, „die einen gebündelten politischen Willen, eine koordinierte Mobilisierung von Ressourcen sowie eine institutionelle Handlungsfähigkeit erfordert – in einem Ausmaß, das mit den historischen Großprogrammen zur technologischen und industriellen Mobilisierung vergleichbar ist.“
Bergmann argumentiert, dass der Aufbau einer „geschlosseneren Streitkraft“ bedeuten würde, die Streitkräfte der EU-Mitgliedstaaten, die nicht an vorderster Front stehen, unter Aufsicht Brüssels dazu zu bewegen, entweder zu einer europäischen Truppe beizutragen, anstatt eigene Kapazitäten aufzubauen, oder ihre Streitkräfte vollständig in eine gemeinsame Truppe zu integrieren.
Die Mitgliedstaaten könnten zudem 1 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in einen gemeinsamen EU-Fonds zur Unterstützung dieser Truppe einzahlen. Außerdem könnten sie Personal sowie vorhandene Ausrüstung bereitstellen.
Bundeswehrsoldaten. (Archivbild)
Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Flaggschiff Europäischer Verteidigungsfonds
In den vergangenen Jahren hat die EU neue Kompetenzen entwickelt, um die europäische verteidigungsindustrielle Basis zu stützen und zu stärken. Seit 2017 hat sie eine Reihe von Programmen zur Finanzierung gemeinsamer Rüstungsprojekte der Mitgliedstaaten aufgelegt, darunter den Europäischen Verteidigungsfonds.
Dieser gilt als Flaggschiffprogramm der EU für gemeinsame Forschung und Entwicklung im Verteidigungsbereich und stellt bis 2027 jährlich rund 1 Milliarde Euro bereit. Ebenfalls dazu gehört „ReArm Europe“, die große Investitionsinitiative der Europäischen Kommission im Verteidigungsbereich. Sie zielt darauf ab, bis 2030 zusätzliche Verteidigungsausgaben in Höhe von bis zu 800 Milliarden Euro zu mobilisieren.
Während Brüssel-nahe Experten diese Initiativen als Fortschritt loben, sehen sie zugleich Schwachstellen. So merkte Bruegel beispielsweise an, dass sich „ReArm Europe“ fast ausschließlich auf nationale Ausgaben und deren Umsetzung konzentriere. Es versäume es, europäische öffentliche Güter sowie auf EU-Ebene finanzierte und bereitgestellte Fähigkeiten zu schaffen. Daher trage das Programm nur begrenzt zur Stärkung der europäischen Koordinierung bei.
Der Ende Februar begonnene Krieg mit dem Iran stellte die Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten auf die Probe. Einige Beobachter sind jedoch der Ansicht, dass die Abhängigkeit von amerikanischen Ressourcen bereits Jahre zuvor deutlich geworden sei. Der Krieg in der Ukraine habe das Ausmaß der europäischen Abhängigkeit von US-Kapazitäten in Echtzeit offengelegt, so Edery.
Ukraine ist auf US-Unterstützung und Musks Starlink angewiesen
Die ukrainischen Streitkräfte sind für die Kommunikation auf dem Schlachtfeld, die Zielerfassung und den Drohneneinsatz auf in den USA hergestellte Starlink-Satellitenterminals angewiesen. Das gilt auch für Waffen und nachrichtendienstliche Informationen, die Washington bereitstellt oder ermöglicht.
„Wenn die Amerikaner aufhörten, den Europäern die Waffen zu verkaufen, die diese an Kiew weitergeben, würde Russland gewinnen. Wenn sie die Geheimdienstinformationen einstellten, würde Russland gewinnen“, sagte Edery gegenüber Epoch Times.
Starlink, der Hochgeschwindigkeits-Internetdienst von SpaceX, sei für die Ukraine ein „echter Wendepunkt“ gewesen, so der Analyst. SpaceX-Chef Elon Musk hat die Bedeutung von Starlink für Kiew selbst hervorgehoben. „Mein Starlink-System ist das Rückgrat der ukrainischen Armee“, schrieb er im März 2025 auf X. „Die gesamte Frontlinie würde zusammenbrechen, wenn ich es abschalten würde.“
Die ukrainische Regierung hat ihr Interesse an europäischen Satellitenprojekten bekundet, darunter GOVSATCOM – eine EU-Initiative zur Bündelung von Satellitenkapazitäten der Mitgliedstaaten und der Industrie, um Regierungen entsprechende Dienste bereitzustellen.
Hinter verschlossenen Türen äußern einige ukrainische Vertreter jedoch die Ansicht, dass bestehende Alternativen zu Starlink Einschränkungen aufweisen, deren Überwindung Zeit und Geld erfordert.
SpaceX konzentriert sich darauf, eine Stadt auf dem Mond zu bauen.
Foto: Eric Gay/AP/dpa
Selenskyj: Ohne US-Unterstützung kein Sieg gegen Russland möglich
Arthur de Liedekerke, Senior Director für europäische Angelegenheiten bei der in Brüssel ansässigen Politikberatung Rasmussen Global, erklärte in einem im April 2025 veröffentlichten Interview mit „Euronews“, er halte GOVSATCOM nicht für geeignet, um die für die Ukraine auf dem Schlachtfeld erforderliche Konnektivität zu gewährleisten. Schließlich handele es sich dabei (zumindest vorerst) um einen sicheren Satellitenkommunikationsdienst für EU-Regierungen.
Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, dass Kiew den Krieg gegen Russland ohne die Unterstützung der USA „nicht gewinnen“ könne. „Wenn wir darüber sprechen, ob wir ohne amerikanische Unterstützung gewinnen können: Nein“, sagte er im Dezember 2025 und fügte hinzu: „Ohne amerikanische Unterstützung können wir den Luftraum nicht verteidigen. Schon jetzt ist das sehr schwierig. Die amerikanische Unterstützung mit Flugabwehrraketen ist wirklich hilfreich und wirkungsvoll.“
„Martin Luther nagelt seine 95 Thesen an die Tür“ von Ferdinand Pauwels, 1872. - Foto: gemeinfrei
Ich behaupte – ganz ohne Umschweife –, dass nach der Einheit der Zahl Eins das Konzept der Drei das wichtigste ist. Wie komme ich darauf? Es liegt auf der Hand, dass die Drei in Theologie und Mythologie eine sehr wichtige Rolle spielt. Die drei größten Götter des griechischen Olymp waren die drei Brüder Zeus, Poseidon und Hades. Und die drei größten Götter des Hinduismus sind Brahma, Vishnu und Shiva. Im Christentum finden wir die Dreieinigkeit, bestehend aus Vater, Sohn und Heiligem Geist, aber dennoch steht ein einziger Gott im Mittelpunkt.
Gemälde „Dreieinigkeit mit Krone“ von Max Fürst, 1917.
In einem tiefgreifenden Sinn ist dieses Konzept der Dreieinigkeit kein frei erfundener Mythos im abwertenden Sinne des Wortes „Mythos“, sondern tatsächlich Teil der Realität, die wir oft übersehen.
Betrachten wir beispielsweise die Struktur unseres Kosmos, so finden wir überall diese Dreifaltigkeit. Ein Raum besteht aus drei Dimensionen: Länge, Breite und Höhe. Auch die Zeit verfügt über drei Dimensionen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Materie existiert in drei Zuständen: fest, flüssig und gasförmig. Die Philosophie – also das rationale Denken selbst – lässt sich als Zusammenspiel von These, Antithese und Synthese verstehen. Traditionell sagt man, dass der Mensch aus Körper, Geist und Seele besteht. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Ein Bereich, der dabei oft übersehen wird, ist der Nachweis oder die Überprüfung von Behauptungen und Überzeugungen. Warum glauben wir, was wir glauben? Natürlich denkt nicht jeder darüber nach, aber wer das tut, hat einen oder mehrere Gründe für seine Weltanschauung parat, die er in Diskussionen anbringen wird – sei es in der Politik, in religiösen Fragen, bei gesellschaftlichen Themen oder ästhetischen Überlegungen.
Drei Elemente der Beweisführung
Sehen wir uns drei Arten von Beweisen an. Tradition ist eine Form davon: Was früher gesagt, getan oder praktiziert wurde, hat doch damals funktioniert, oder? Warum also jetzt etwas ändern? Das betrifft übrigens nicht nur religiöse oder gesellschaftliche Gepflogenheiten. Auch die Wissenschaft unterliegt ihren eigenen Traditionen, die sich Veränderungen und Fortschritten oft widersetzen – ganz gleich, wie überzeugend neue Beweise auch sein mögen. Wie Thomas Kuhn in seinem im Jahr 1962 erschienenen Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ feststellte, konzentrieren sich Wissenschaftler eher darauf, etablierte Theorien zu verfeinern und zu erweitern, anstatt die zugrunde liegenden Annahmen zu hinterfragen.
Betrachtet man die Religionen, so hatte die katholische Kirche zweifellos schon immer eine starke traditionelle Komponente. Diese wurde während der protestantischen Reformation zu einem zentralen Streitpunkt. Anstoß hierfür gaben die 95 Thesen von Martin Luther, in denen er die umstrittenen Praktiken der katholischen Kirche kritisierte. Protestanten stützten ihre Ansichten hingegen nicht auf Traditionen, sondern auf einen zweiten Weg.
„Martin Luther nagelt seine 95 Thesen an die Tür“ von Ferdinand Pauwels., 1872.
Der zweite Weg ist jener der Autorität. Heilige Schriften oder allgemein Bücher und überliefertes Wissen, das man überprüfen kann, dienen als Beweisquelle. Wie bereits erwähnt, lehnten die Protestanten bestimmte katholische Traditionen ab. Doch warum war das so? Weil sie ihren Glauben in der Bibel begründet sahen, den sie als Widerspruch zu diesen Traditionen betrachteten.
Paradoxerweise verfügten die Protestanten anfangs zwar über die Bibel, aber über keinerlei Traditionen, da diese Religion gerade erst entstanden war. Etwa 400 Jahre später hatten sie in ihren verschiedenen Konfessionen eine Fülle von Traditionen zusammengetragen. Um in ihrer Lehre konsequent zu sein, müssten die Protestanten diese Traditionen im Lichte biblischer Aussagen prüfen.
Die dritte Beweisquelle ist schließlich unser Gewissen, unser innerer Richter, unsere „leise, sanfte Stimme“, unsere Intuition oder wie man es auch immer nennen mag – etwas, das uns sagt, ob etwas wahr oder unwahr, richtig oder falsch ist.
Blickt man auf die Abspaltung des Protestantismus vom Katholizismus zurück, so lässt sich feststellen, dass sich der Protestantismus selbst aufgespalten hat. Ein Beispiel sind die Quäker, die sowohl christliche Traditionen als auch die alleinige Autorität der Bibel ablehnten und durch den „Inneren Christus“ ersetzten. Sie verstehen darunter die Stimme, die im Inneren zur menschlichen Seele spricht – die direkte Stimme Gottes, die durch das Gewissen zum Ausdruck kommt.
„Meditation“ von John George Brown, um 1900–1910, Öl auf Leinwand. The Metropolitan Museum of Art, New York City.
Das ist alles sehr interessant, aber was hat das mit der Gegenwart zu tun? Das Problem ist, dass wir dazu neigen, einen Hauptweg zu bevorzugen und dabei die anderen beiden auszublenden, oder den zweiten Weg als Notlösung zu betrachten, während die dritte Option ignoriert wird. Das führt zu einer Beschränkung unserer Sichtweise und verursacht große Probleme, wie wir noch sehen werden.
Aus historischer Perspektive betrachtet, stellt man fest, dass diese drei Wege zum Erkennen der Wahrheit ganze Epochen der europäischen Geschichte geprägt haben – eine Art Leitmotiv, das sich durch verschiedene Zeitalter zieht. Lassen Sie mich dies näher erläutern.
Im Mittelalter dominierte der Beweis durch die Tradition. Sie bestimmte das feudale System. Aufgrund der Tatsache, dass die Druckerpresse noch nicht erfunden war, wurde die kirchliche Ordnung verstärkt.
„Eine Sibylle und ein Prophet“ von Andrea Mantegna, um 1495, Pigmente und Gold in Temperafarbe auf Leinwand, Cincinnati Art Museum.
Mit dem Aufkommen der Renaissance, der Reformation und der Erfindung des Buchdrucks trat die Welt in die Phase der Autorität ein. Der Beweis dafür war in der Heiligen Schrift und in maßgeblichen Texten zu finden. Die Menschen stritten darüber, wie das Gelesene zu verstehen sei. Ich denke dabei an Persönlichkeiten wie den epischen Dichter John Milton, der sich in seinen Schriften allen Kontrahenten stellte, um die englische Republik in ihrer damaligen Form zu verteidigen.
Natürlich gab es auch Mischformen, doch die Tendenzen sind erkennbar.
In Europa scheint es, als hätten wir etwa 500 Jahre lang Wertvorstellungen und Überzeugungen gehabt, die auf Traditionen beruhten, gefolgt von 400 Jahren, in denen die Autorität des Buches im Mittelpunkt stand, und nun befinden wir uns in einer weiteren Phase der menschlichen Existenz.
Gefährliche Tendenzen
Nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Poststrukturalismus und dem Konzept der Post-Wahrheit befinden wir uns inzwischen in einer Ära, in der die innere Stimme dominiert. Allerdings ist damit nicht das Gewissen gemeint und auch nicht die spirituelle Erleuchtung östlicher Religionen oder Mystiker anderer Traditionen.
Nein, unsere Welt hat sich zu einem selbstbezogenen Ort entwickelt, an dem das subjektive Empfinden Vorrang hat vor jeglicher objektiven Realität, allen Fakten und jeder Berücksichtigung widersprüchlicher Daten, Meinungen oder Gegenargumente.
Wir haben eine Welt erschaffen, in der die subjektive Wahrnehmung traditionelle Werte und wissenschaftliche Autorität vollständig verdrängt hat. Für viele ist dies zu einer Art Religion geworden.
Dies ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: Männer sind Frauen, Frauen sind Männer; freie Meinungsäußerung und freies Denken werden als schlecht angesehen, weil sie beunruhigend sind und den Menschen Unbehagen bereiten; Völkermord ist „im Kontext“ gut und so weiter. Allerlei absurde und abscheuliche Ansichten, die noch vor 20 Jahren jeder vernünftig gebildete Mensch sofort abgelehnt hätte, sind nun zu Mainstreamüberzeugungen geworden, die als „bewiesen“ gelten. Gemeinsame Traditionen verlieren an Bedeutung, und es gibt auch keinerlei Bücher oder Schriften mehr, die Autorität genießen – zumal insbesondere junge Menschen nicht mehr so viele Bücher lesen wie früher.
„Meditation“ von Jean-Paul Laurens, 1911.
Foto: gemeinfrei
In einem solchen Vakuum traditioneller Werte und lehrreicher Schriften sowie ohne jegliche Unterweisung in den Bereichen Gebet, Meditation, Achtsamkeit und dergleichen hat sich die naive Annahme durchgesetzt, dass das eigene Denken automatisch richtig ist – auch wenn es kaum reflektiert wird. Diese Haltung ist zu einem wesentlichen Bestandteil unserer Kultur geworden. Sie ist gefährlich, denn so entsteht eine Kultur des Todes.
Ein Ausweg
Der erste Schritt, um dieser Tendenz entgegenzuwirken, besteht darin, dies überhaupt zu erkennen. Im zweiten Schritt müssen wir die drei Wege der Beweisführung akzeptieren – wir brauchen sie alle drei. Der dritte Schritt besteht darin, in die Offensive zu gehen und diese absurde Subjektivität – wo immer sie uns begegnet – infrage zu stellen: indem wir sie mit den großartigen Konzepten unserer eigenen Traditionen hinterfragen und dabei darlegen, warum sie großartig sind, und indem wir das fundierte Wissen aus Büchern nutzen, seien es nun historische, wissenschaftliche oder religiöse Werke.
Letztlich wird kein Militär die westliche Zivilisation retten, falls sie überhaupt zu retten ist, sondern der kollektive Wille, essenzielle Traditionen neu zu beleben und echtes Lernen zu fördern, insbesondere im spirituellen Bereich.
Menschen betrachten am 10. Mai 2020 ein ausgestelltes Volkswagen-Fahrzeug in einem Ausstellungsraum in Peking. - Foto: Noel Celis/AFP via Getty Images
Wir sprechen oft über Steuerungssysteme, als gehörten sie einer fernen Zukunft an. Als wären sie etwas Vages und Theoretisches. Etwas, das eines Tages Realität werden könnte, wenn wir nicht aufpassen. Doch die Grundlagen dafür werden bereits ganz konkret gelegt, nicht nur in dem, was heute gebaut wird, sondern auch in dem, was für morgen patentiert wird – zum Beispiel in Ihrem Auto.
Patente der Überwachung
Autohersteller der gesamten Branche melden Patente für Fahrzeuge an, die Körper, Verhalten, Identität und Umgebung des Fahrers in Echtzeit überwachen können. Es handelt sich nicht um ein einzelnes Unternehmen, das einen bestimmten Weg beschreitet. Vielmehr findet ein branchenweiter Wettlauf statt, um die nächste Fahrzeuggeneration zu definieren.
Diese Anmeldungen beschreiben biometrische Authentifizierungssysteme, die Fingerabdrücke oder Gesichtserkennung zum Entriegeln und Starten eines Fahrzeugs nutzen. Sie beschreiben außerdem Überwachungssysteme im Fahrzeuginnenraum, die Augenbewegungen, Gesichtsausdrücke und physiologische Signale erfassen, um festzustellen, ob ein Fahrer aufmerksam, beeinträchtigt oder emotional aufgewühlt ist. Weiterhin werden Systeme skizziert, die auf diese Feststellungen reagieren und den Fahrzeugbetrieb einschränken oder unterbinden können.
Andere Patente betrachten den Fahrzeuginnenraum als Datenumgebung. Mikrofone dienen nicht nur für Navigationsbefehle. Es werden Systeme beschrieben, die kontinuierlich auf Eingaben reagieren. Einige kombinieren akustische mit visuellen Signalen, wie beispielsweise Mundbewegungen, um Sprache besser zu interpretieren. Andere befassen sich mit der Bereitstellung von Inhalten oder Werbung, die auf Standort, Verhalten und abgeleiteten Präferenzen basieren.
Einige Patentanmeldungen lassen auf eine Eignung für den Einsatz bei Strafverfolgungsbehörden schließen. Identitätsprüfung, Nutzungsprotokolle und Verhaltensdaten werden als Instrumente zur Gewährleistung der Sicherheit und zur Feststellung der Zurechnungsfähigkeit beschrieben. Gleichzeitig sind sie die Bausteine eines Systems, das aufzeichnet, wer Sie sind und wie Sie sich in einem System verhalten, von dem Sie glauben, dass es Ihnen gehört.
Übertragen Sie das Ganze nun von der Patentanmeldung in die Realität.
Lucid, Nuro und Uber präsentieren ein Robotaxi während der Nvidia-Live-Veranstaltung auf der CES 2026 im Vorfeld der jährlichen Consumer Electronics Show in Las Vegas, Nevada, am 5. Januar 2026.
Foto: Patrick T. Fallon/AFP via Getty Images
Was wäre, wenn …
Auf einer Ranch passiert ein Unfall. Ein Mann verletzt sich mit einer Kettensäge. Keine Zeit zum Nachdenken. Du rennst zu deinem Truck. Dein Herz rast. Deine Pupillen sind geweitet. Du bist in Panik. Vielleicht weinst du sogar. Dein Körper schaltet auf Hochtouren, denn etwas Dringendes und Ernstes passiert.
Wollen Sie in diesem Moment wirklich ein System, das Ihre Fahrtauglichkeit beurteilt?
Möchten Sie, dass Ihr Fahrzeug Ihre Stressreaktion als Beeinträchtigung interpretiert?
Und möchten Sie, dass eine Maschine Ihre Biologie interpretiert und möglicherweise Ihre Handlungsfähigkeit einschränkt?
Eine Biene sticht Sie und Ihr Gesicht schwillt an. Oder Sie erleiden eine schwere allergische Reaktion oder kommen mit Giftefeu in Kontakt (Kletternder Giftsumach, Toxicodendron radicans), Dinge, die Ihr Aussehen verändern können. Ihre Augen sind geschwollen. Ihre Atmung ist beeinträchtigt. Ihr Gesicht entspricht nicht mehr dem biometrischen Profil, das das Fahrzeug erwartet.
Sie sind allein. Sie brauchenHilfe. Und das System, das Sie eigentlich erkennen sollte, tut es nicht mehr.
Für Menschen mit Allergien oder Anaphylaxie ist dies keine theoretische Frage. Es handelt sich um eine lebensbedrohliche Verzögerung.
Ein anderes Szenario, das schwer anzusprechen ist, aber benannt werden muss.
Stellen Sie sich eine Frau vor, die gerade brutal angegriffen wurde. Sie kann fliehen. Sie ist verletzt. Ihr Gesicht ist zerkratzt oder geschwollen. Sie versucht, sich so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen.
Sie erreicht ihr Auto, doch das System, das sie erkennen soll, tut es nicht. In diesem Moment geht es bei der Frage nach Zugang oder Verweigerung nicht um Bequemlichkeit oder Sicherheit. Es geht ums Überleben.
Wenn der Staat die Kontrolle übernimmt – reine Science Fiktion?
Unmittelbar danach stellt sich die nächste Frage.
was passiert, wenn ein Fahrzeug Sie anhand biometrischer Daten identifizieren, Ihr Verhalten überwachen und seinen eigenen Betrieb steuern kann und diese Systeme mit externen Instanzen kombiniert werden?
Könnte ein Fahrzeug eines Tages dazu benutzt werden, jemanden einzusperren?
Könnte es die Bewegungsfreiheit einschränken oder sich ohne Zustimmung des Fahrers selbstständig in eine bestimmte Richtung bewegen?
Aktuell lautet die Antwort „Nein“. Die geltenden US-Gesetze erlauben es nicht, dass ein Privatfahrzeug eine Person festhält oder auf diese Weise als verlängerter Arm der Strafverfolgungsbehörden fungiert.
Doch die Technologie entwickelt sich seit jeher schneller als die Gesetze, die sie regeln. Die entsprechenden Funktionsmöglichkeiten werden Stück für Stück aufgebaut: Identifizierung, Überwachung, Interpretation, Kontrolle und Vernetzung. Jede dieser Funktionen hat für sich genommen eine klare und nachvollziehbare Berechtigung, doch zusammen ergeben sie etwas weitaus Mächtigeres.
Während einige von Ihnen dies lesen, kann ich die aufkommenden Gedanken förmlich sehen: Sie werden sich kein neues Auto kaufen. Sie werden weiterhin Ihr älteres Auto fahren.
Im Namen des Umweltschutzes …
Es gibt bereits Präzedenzfälle für die verpflichtende Fahrzeugmodernisierung. So verlangt Kalifornien im Namen des Umweltschutzes, dass ältere Diesel-Lkw, die die neueren Abgasnormen nicht erfüllen, nachgerüstet oder stillgelegt werden müssen. Die Rechtsprechung ist eindeutig: Regierungen können und tun dies auch, indem sie Fristen festlegen, nach deren Ablauf der Betrieb älterer Fahrzeuge praktisch unmöglich oder illegal wird.
Es reicht nicht aus, sich einfach abzumelden. Es ist durchaus möglich, dass uns eines Tages ein Zeitfenster eingeräumt wird, in dem wir erfahren, dass alle Fahrzeuge einen neuen Standard erfüllen müssen. Dieser könnte Systeme umfassen, die den Fahrer überwachen, seine Identität überprüfen oder den Betrieb unter bestimmten Bedingungen einschränken. Ähnliches ist bereits in anderer Form geschehen und kann wieder geschehen.
Alles nur für Ihre Sicherheit!
Uns wird gesagt, diese Technologien dienten der Sicherheit, sie sollten Trunkenheit am Steuer reduzieren, Unfälle verhindern und die Verkehrssicherheit für alle verbessern. Das mag in manchen Fällen zutreffen, doch Sicherheit war schon immer die einfachste Rechtfertigung für verstärkte Kontrollen.
Gleichzeitig entstehen diese Systeme in einem Umfeld, in dem Daten wertvoll sind. Verhalten wird verfolgt, analysiert und monetarisiert. Selbst private Räume werden zu Möglichkeiten der Beobachtung und Einflussnahme umgewandelt.
Früher war der Innenraum eines Fahrzeugs einer der letzten Orte, an denen man ungestört sprechen konnte. Es war ein Ort, an dem man sich frei mit dem Partner, dem Kind oder einem Freund unterhalten konnte, ohne dass dies aufgezeichnet, interpretiert oder verkauft wurde. Diese Annahme stimmt heute nicht mehr.
Wenn diese patentierten Systeme zum Standard werden, ist das Auto nicht mehr nur ein Transportmittel. Es wird zu einer Sensorplattform, die Sie identifiziert, überwacht, Ihr Verhalten interpretiert, Informationen über Sie speichert und in manchen Fällen auf Grundlage dieser Interpretationen handelt.
Wir sollten uns darüber im Klaren sein, wo wir stehen. Die meisten Fahrzeuge können heute nicht all das gleichzeitig, aber wir sollten uns ebenso darüber im Klaren sein, in welche Richtung sich die Branche entwickelt. Die Frage ist nicht, ob jede dieser Ideen exakt so umgesetzt wird, wie sie formuliert ist. Die Frage ist, ob wir mit der Richtung, die sie vorgeben, einverstanden sind. Ich persönlich bin es nicht.
Auch wenn es sich bei „schwachen Bindungen“ eher um Bekanntschaften als um enge Freundschaften handelt, können diese Verbindungen dennoch die Lebenszufriedenheit steigern. - Foto: gorodenkoff/iStock
Sie hören das Klirren von Tassen, das erdige Aroma von Kaffee, das Gemurmel von Gesprächen und die gedämpfte Musik aus dem Radio, während die Barista Sie mit Namen begrüßt. „Das Übliche?“, fragt sie mit einem Lächeln. Sie nicken zustimmend, lassen sich an Ihrem Lieblingstisch mit Blick auf den Bauernmarkt draußen auf der Straße nieder und öffnen Ihr Buch.
Doch bevor Sie zu lesen beginnen, bemerken Sie einen anderen Stammgast, der in einem Polstersessel am Kamin sitzt. „Wie geht es den Kindern, Hans?“, fragen Sie. Er blickt lächelnd auf und erzählt Ihnen von den neuesten Eskapaden seiner Söhne. Das sind die Freuden, die jemandem vorbehalten sind, der innerhalb seiner Gemeinschaft lose Beziehungen aufgebaut hat: Verbindungen zu Menschen vor Ort, die warmherzig, vertraut und berechenbar sind, auch wenn sie nicht besonders tief gehen.
Dazu gehören der Friseur, den Sie jeden Monat besuchen, der Barkeeper, der Ihr Lieblingsgetränk kennt, der Typ im Gym, der Sie beim Krafttraining absichert, und eben auch der Nachbar von gegenüber, der Ihre Pflanzen gießt, wenn Sie im Urlaub sind. Sie alle sind Beispiele für Menschen, zu denen Sie lose Verbindungen aufbauen können. Sie sind nicht Ihre engsten Freunde, aber die vertraute Beziehung zu ihnen bringt dennoch etwas Wertvolles – vielleicht sogar etwas Unverzichtbares – in Ihr Leben und das dieser Personen.
Arkadiy Volkov, Psychotherapeut und klinischer Leiter von Feel Your Way Therapy, erklärt gegenüber der Epoch Times, dass Studien gezeigt hätten, dass Menschen mit mehr sozialen Bindungen eine höhere Lebenszufriedenheit und weniger Einsamkeit verspürten als Menschen mit weniger Verbindungen. Das gelte auch, wenn sie die gleiche Anzahl an engen Freunden haben.
„Wenn wir an psychische Gesundheit denken, denken wir an Beziehungen zu Partnern, Familie und Freunden“, so Volkov. „Wir neigen dazu, die Bedeutung loser Verbindungen zu übersehen.“
„Beziehungen, die nicht zu intim, aber prägnant und vertraut sind, zum Beispiel zum Friseur, zum Priester oder zum Nachbarn, sind jedoch ebenfalls wichtig. Diese Beziehungen sind emotional nicht allzu tief, aber sie schaffen etwas Stabilisierendes und vermitteln ein Gefühl der Zugehörigkeit im Alltag.“ Volkov erklärt, dass unser Gehirn auf diese Art von Verbindungen programmiert ist. Selbst so einfache Dinge wie Blickkontakt, kurze Gespräche und das Hören des eigenen Namens können unser Identitätsgefühl und unser Wohlbefinden steigern.
Lose soziale Bindungen helfen uns, ein Gefühl für unseren Platz innerhalb einer größeren Gemeinschaft zu entwickeln.
Regelmäßige Dienstleistungen wie Friseurbesuche und Fitnesskurse können als kleine soziale Ankerpunkte dienen, bei denen Menschen wieder mit bekannten Gesichtern aus ihrer Nachbarschaft in Kontakt treten.
Foto: nd3000/iStock
„Lose Bindungen senden uns beständige Signale, dass wir in einer Gemeinschaft existieren, dazugehören und von Bedeutung sind“, sagt Volkov. Die stetige Ansammlung solcher Beziehungen innerhalb einer Gemeinschaft bilde ein viel festeres Fundament für die Gemeinschaft als Ganzes – wie Sediment in einem Fluss. Die Widerstandsfähigkeit werde gestärkt.
Rabbi Shlomo Slatkin, ein lizenzierter klinischer Berater und Mitbegründer des Marriage Restoration Project, bringt es auf den Punkt: „Je vernetzter Menschen sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie sich in guten wie in schweren Zeiten gegenseitig unterstützen. Es ist wichtig, Menschen zu haben, mit denen man feiern kann. Es ist eine Kettenreaktion. Man verbindet sich mit einer Person, die mit einer anderen verbunden ist, und so weiter. Dies breitet sich auf eine ganze Gemeinschaft aus, die miteinander vernetzt ist und ein Unterstützungssystem füreinander sein kann.“
Volkov äußert sich ähnlich und merkt an, dass Gemeinschaften, die dicht mit diesen Bindungen durchzogen sind, besser auf Krisen reagieren. „Nachbarn mit stärkeren Bindungen reagieren besser auf Stressfaktoren oder Krisen“, sagt er. „Man weiß, dass es eine Basis an Vertrauen und Anerkennung gibt.“
Einfache, alltägliche Interaktionen summieren sich im Laufe der Zeit und bilden ein Geflecht miteinander verbundener Gemeinschaftsmitglieder, die in dramatischen Situationen sowohl gemeinsam feiern als auch trauern können. Wir sind dann in der Lage, diesen Momenten vor dem Hintergrund von Vertrautheit und Solidarität zu begegnen.
„Unser Gehirn mag Beständigkeit, weil sie sich sicher anfühlt“, sagt Volkov. „Wenn wir dieselben Leute in der Nachbarschaft oder im Fitnessstudio sehen und sie uns grüßen, entspannt sich unser Nervensystem, weil wir uns in einer geschützten Umgebung befinden.“
Diese „geschützte Umgebung“ ist besonders wichtig für die Resilienz in schweren Zeiten, sie kann aber auch das Leben generell mit größerer Verbundenheit, Ruhe und Bedeutung erfüllen.
Der erste Schritt ist Beständigkeit. Wenn Sie wiederholt zur gleichen Zeit am gleichen Ort erscheinen, werden Sie bestimmten Gesichtern aus der Nachbarschaft begegnen, zu denen Sie nach und nach einen Draht aufbauen können. Aber Beständigkeit allein reicht nicht aus.
„Beständigkeit ist wichtig, aber auch die Interaktion“, sagt Slatkin. „Man kann nicht einfach nur auftauchen und sich nicht einbringen. Je mehr man sich einbringt, desto besser wird man sich fühlen.“
Volkov empfiehlt außerdem, aktiv mit bekannten Gesichtern in Kontakt zu treten, indem Sie ihre Namen lernen und sie nach ihrer Woche oder ihren Wochenendplänen fragen. Diese Gespräche müssen nicht kompliziert sein. Denn schon ein wenig Mühe kann viel bewirken.
Man könnte argumentieren, dass wir diese losen Bekanntschaften heute mehr denn je brauchen. Wenn so viel unserer sozialen Aktivität in den digitalen Raum abgewandert ist, verlieren wir den Kontakt zu den greifbaren, realen Verbindungen.
Es sind die Blickkontakte, der Klang von Stimmen und die unerwarteten Begegnungen an der Straßenecke, die unsere körperliche Existenz in einer bestimmten lokalen Gemeinschaft festigen. Ein integraler Bestandteil einer Gemeinschaft zu sein, bedeutet, Leute zu kennen und von anderen gekannt zu werden.
„Viele Online-Transaktionen sind anonym“, sagt Volkov. „Aber lose Bindungen erfordern eine bestimmte Absicht und Nähe. Das ist gerade jetzt [in einer digitalen Welt] von Bedeutung.“
„Wir brauchen Menschen, die unseren Namen, unser Lieblingsgetränk und so weiter kennen“, konstatiert er. „Menschen brauchen ein Ökosystem, in dem sie gedeihen können. Lose Bekanntschaften sind ein großartiger Weg, um dies zu erreichen.“