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Stickstoffmonoxid: Warum Bluthochdruck auch im Mund beginnt


In Kürze:

  • Stickstoffmonoxid spielt im Körper eine größere Rolle, als viele annehmen: Es hilft Blutgefäßen, sich zu entspannen und zu weiten.
  • Die Mundflora arbeitet in diesem Zusammenhang offenbar an einem System mit, das Blutdruck und Durchblutung beeinflusst.
  • Unser Gesundheitssystem ist in einzelne Bereiche unterteilt, doch unser Organismus arbeitet als großes Ganzes.
  • 7 Tipps – von Ernährung über Zahnpasta bis Schnarchen – helfen den Gefäßen.

 
Nach fast 30 Jahren in der Naturheilkunde passiert mir das immer noch: Ich stoße auf einen Zusammenhang und denke erst einmal, das könne doch nicht ernsthaft so einfach sein? Beim Thema Stickstoffmonoxid (abgekürzt NO), passierte mir aber genau das.
Bevor Sie jetzt denken: „Stickstoffmonoxid? Brauche ich nicht …“, halten Sie kurz inne. Es geht nämlich um Blutdruck, Durchblutung, Gefäßelastizität und die Sauerstoffversorgung von Herz, Gehirn und Muskulatur. Also um Themen, die spätestens ab der Lebensmitte nicht mehr ganz nebensächlich sind.
Einige Kraftsportler, Ausdauerathleten und Trainer kennen NO bereits seit Jahren. Es geht bei diesem Thema um bessere Durchblutung, mehr Sauerstoff in der Muskulatur und bessere Leistungsfähigkeit. Arginin, Citrullin und Rote-Bete-Konzentrate werden in diesem Bereich schon lange verwendet. Rote Bete färbt bei manchen Menschen sogar den Urin rötlich, weshalb im Sport allerlei Anekdoten kursieren.
Die 10 gesunden Vorteile von Rote Bete

Rote Bete wird von Profisportlern für die Förderung der Durchblutung geschätzt.

Foto: dianazh/iStock

Ob bei großen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen tatsächlich reihenweise rot-violette Urinproben auftauchten, sei dahingestellt. Dass Rote Bete im Leistungssport wegen der Nitrate aber genutzt wird, ist jedoch kein Geheimnis.
Der Punkt ist aber folgender: Was im Sportbereich zur Leistungssteigerung verwendet wird, spielt für die allgemeine Gesundheit sehr wahrscheinlich eine viel größere Rolle, als bisher gedacht.

Wenn die Gefäße enger werden

Stickstoffmonoxid ist ein kleines, kurzlebiges Molekül mit großer Wirkung. Es hilft Blutgefäßen, sich zu entspannen und zu weiten. Verbessert die Mikrozirkulation und damit die Durchblutung der kleinen Gefäße. Und beeinflusst auch den Blutdruck, Sauerstoffversorgung, Mitochondrien und sogar immunologische Prozesse.
Wenn die NO-Bildung nachlässt, wird der Körper im übertragenen Sinn enger: Die Gefäße verlieren an Elastizität, die Durchblutung wird schlechter, der Blutdruck steigt leichter. Letzteres ist Physik. Damit  eine bestimmte Menge Flüssigkeit durch einen kleineren Querschnitt fließen kann, muss die Fließgeschwindigkeit steigen, dafür ist höherer Druck nötig.

Der Unterschied zwischen gesunden und ungesunden Blutdruck schematisch dargestellt.

Foto: blueringmedia/iStock

Lange dachte man bei NO vor allem an die Aminosäure Arginin. Aus ihr kann der Körper über bestimmte Enzyme Stickstoffmonoxid bilden. Deshalb steckt Arginin in vielen Sportpräparaten.
Später kam Citrullin hinzu, weil es im Körper zu Arginin umgebaut wird und etwas zuverlässiger wirkt. Das ist alles schon ziemlich interessant, aber noch nicht der spannendste Teil. Denn es gibt einen zweiten Weg: den Nitrat-Nitrit-NO Weg – und dieser beginnt im Mund.

Die Mundflora als Gefäßhelfer

Nitrat aus der Nahrung, vor allem aus Gemüse, wird im Speichel konzentriert. Bestimmte Bakterien im Mundraum, besonders auf der Zunge, wandeln dieses Nitrat in Nitrit um. Aus Nitrit kann der Körper wiederum Stickstoffmonoxid bilden. Anders gesagt: Die Mundflora ist an der Gefäßregulation beteiligt.
Die Bakterien im Mund sind nicht nur „Keime“, die man möglichst entschlossen beseitigt, damit der Atem nach Minze riecht. Ein Teil dieser Bakterien arbeitet offenbar an einem System mit, das Blutdruck, Gefäßweite und Durchblutung beeinflusst.
Die Bedeutung der Darmflora hat sich inzwischen herumgesprochen. Was wir Naturheilkundler in den 1990er-Jahren noch erklären mussten, ist heute fast Allgemeinwissen. Bei der Mundflora stehen wir an einem ähnlichen Punkt. Nur, dass es dieses Mal nicht um Verdauung geht, sondern um die Gefäße.
Besonders nitratreiche Lebensmittel sind Rucola, Rote Bete, Spinat, Mangold, Feldsalat, Radieschen, Staudensellerie, Kohlrabi, Petersilie und grüne Blattgemüse. In Kurzform sieht der Zusammenhang wie folgt aus: Nitrat aus Gemüse, Mundflora, Nitrit, Stickstoffmonoxid, Gefäßerweiterung, bessere Durchblutung. So einfach kann Biochemie manchmal sein. Und so schnell kann man sie stören.

Nitratreiche Lebensmittel wie Rucola, Spinat, Mangold, Petersilie und grünes Blattgemüse helfen den Blutgefäßen.

Foto: Svetl/iStock

Mundspülung: Hygiene oder Dauerangriff?

Wenn bestimmte Mundbakterien für diesen Weg wichtig sind, stellt sich sofort die Frage, was mit Menschen passiert, die ihre Mundflora täglich mit aggressiven Mundspülungen bearbeiten? Viele Mundspülungen werden als moderne Hygiene verkauft: frischer Atem, weniger Keime. Das klingt logisch und überzeugend. Aber was geschieht, wenn dabei genau jene Bakterien reduziert werden, die Nitrat in Nitrit umwandeln?
Vor allem stark antiseptische Mundspülungen mit Chlorhexidin können die Mundflora massiv verändern. Nach bestimmten zahnärztlichen Eingriffen kann dies zeitlich begrenzt sinnvoll sein. Als tägliche Dauerlösung halte ich es für extrem fragwürdig. Wer seine Mundflora „chemisch niedermäht“, greift möglicherweise auch in seine körpereigene NO-Regulation ein.
Und es lohnt sich auch ein Blick auf die Zahnpasta. Viele Produkte sind geradezu kleine Chemiebaukästen: Schaumbildner, aggressive Tenside, künstliche Aromen, Süßstoffe, Titandioxid, Mikroplastik, Fluoride und weitere Zusätze.
Nicht jede Zahnpasta ist ein Problem, aber die Vorstellung, man könne zweimal täglich einen industriellen Cocktail in den Mundraum bringen und das habe mit dem restlichen Körper nichts zu tun, halte ich für ziemlich naiv.

Die falsche Mundspülung oder Zahnpasta kann die guten Bakterien im Mund töten und könnte Bluthochdruck begünstigen.

Foto: Inna Dodor/iStock

Die Sache mit den Zahnherden

Noch wichtiger wird der Mundraum beim Thema Parodontitis, Zahnherde, wurzelbehandelte Zähne und chronische Entzündungen. Aus naturheilkundlicher Sicht können solche Herde systemisch wirken. Nicht bei jedem und nicht immer. Ich weiß auch, dass viele Zahnärzte dieses Thema sehr kontrovers betrachten.
Klar ist jedoch, dass chronische Entzündungen oxidativen Stress fördern. Oxidativer Stress kann Stickstoffmonoxid abfangen und dessen Bioverfügbarkeit verschlechtern. Wer Blutdruck, Mikrozirkulation und Mitochondrien verbessern möchte, sollte deshalb auch den Mundraum beachten.
Damit wären wir beim hohen Blutdruck. Meist wird in diesem Zusammen über Salz, Stress, Cholesterin, Übergewicht oder Medikamente gesprochen. Das ist nicht falsch, aber unvollständig.
Wenn Gefäße sich nicht mehr ausreichend entspannen, steigt der Druck leichter. Wenn die Gefäßinnenwand (das Endothel), schlechter arbeitet, wird die Regulation träger. Kommen Bewegungsmangel, Insulinresistenz, schlechter Schlaf, Entzündungen und oxidativer Stress hinzu, wird aus einem Messwert schließlich ein Regulationsproblem.

Schnarchen ist kein Eheproblem

Ein weiterer, oft übersehener Punkt ist die Nasenatmung. Auch in den Nasennebenhöhlen wird anscheinend Stickstoffmonoxid gebildet. Dauerhafte Mundatmung ist deshalb ungünstig. Wer ständig durch den Mund atmet, chronisch verstopfte Nasenwege hat oder nachts schnarcht, sollte aufhorchen.
Schnarchen gilt vielen als akustisches Eheproblem. Der eine sägt, der andere zieht genervt ins Gästezimmer. Leider kann dahinter zusätzlich eine Schlafapnoe stecken, also nächtliche Atemaussetzer.
Dabei fällt der Sauerstoff ab, der Körper schlägt Alarm, Stresshormone steigen, Herz und Gefäße geraten unter Druck. Schlafapnoe wird mit Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Schlaganfall, Insulinresistenz, Diabetes Typ 2, Fettleber, Tagesmüdigkeit und erhöhtem Unfallrisiko in Verbindung gebracht.
Schnarchen raubt nicht nur den Schlaf – sondern auch die Gesundheit

Schätzungen zufolge schnarchen mehr als 60 Prozent der über 50-jährigen Männer.

Foto: monkeybusinessimages/iStock

Was Sie tun können

Was folgt daraus praktisch?
  1. Essen Sie regelmäßig nitratreiches Gemüse wie Rucola, Rote Bete, Spinat, Mangold, Feldsalat, Staudensellerie, Radieschen, Petersilie.
  2. Seien Sie zurückhaltend mit antiseptischen Mundspülungen.
  3. Prüfen Sie Ihre Zahnpasta. Nicht alles, was schäumt und nach Minze riecht, dient automatisch dem Milieu im Mund.
  4. Denken Sie bei Bluthochdruck auch an den Mundraum: Zahnfleisch, Zahnherde, wurzelbehandelte Zähne, Kieferentzündungen.
  5. Nehmen Sie Nasenatmung und Schnarchen ernst. Wer nachts schlecht atmet, stresst Herz, Gehirn, Gefäße und Stoffwechsel.
  6. Bewegen Sie sich. Bewegung erzeugt Scherkräfte an der Gefäßwand. Diese Reize fördern die NO Bildung im Endothel. Dreimal täglich zehn Minuten Gehen wären für viele bereits ein guter Anfang.
  7. Senken Sie oxidativen Stress und verbessern Sie Ihren Blutzucker. Polyphenole aus Beeren, Granatapfel, grünem Tee, Kräutern, Olivenöl und Gemüse können helfen, NO indirekt zu schützen. Insulinresistenz und chronisch erhöhte Blutzuckerwerte dagegen schädigen das Endothel.

Lebensmittel, die oxidativen Stress senken können, sind Beeren, Granatapfel, grüner Tee, Kräuter, Olivenöl und Gemüse.

Foto: YelenaYemchuk/iStock

Der Körper denkt nicht in Fachabteilungen

Für mich zeigt dieses Thema wieder einmal, warum der Körper nicht in Fachabteilungen denkt. Zahnmedizin hier, Kardiologie dort, Schlafmedizin in der nächsten Tür – so organisieren wir das Gesundheitssystem. Der Organismus arbeitet aber anders. Er verbindet Mundflora, Nasennebenhöhlen, Gefäße, Bakterien, Sauerstoff, Entzündung, Bewegung und Stoffwechsel zu einem großen Ganzen.
Stickstoffmonoxid ist dabei nicht der einzige Schlüssel, aber ein bemerkenswerter. Gute Durchblutung beginnt nicht erst beim Medikament und auch nicht im Supplementregal. Sie beginnt im Mund, auf dem Teller, in der Nase, in der Bewegung und in der Frage, ob wir den Körper noch als zusammenhängendes System begreifen. Genau dort beginnt aus meiner Sicht wirkliche Naturheilkunde.