Ein Bus mit einer Schulklasse fährt durch eine kurvenreiche, steinige Berglandschaft auf dem Balkan. Die Lehrerin informiert durch das Mikrofon über die Region, aber niemand hört zu. Die Halbstarken lärmen und besaufen sich, Mädchen tauschen sich über dubiose, blödsinnige Methoden des Abnehmens aus.
Nur Zoza, ein einziger Junge, schaut unglücklich aus dem Fenster. Der Suizid eines Klassenkameraden, von dem er später in einem Krisengespräch zwischen Schülern und Lehrern berichtet, sitzt ihm tief in den Knochen. Am Ende wird er selbst zum Opfer eines schrecklichen Martyriums.
Hilfeschrei aus Serbien
„Three weeks after“, ausgezeichnet mit dem Europa Cinemas Label Award, war einer der düstersten Filme, die in Karlovy Vary um den Kristallglobus für den besten Film konkurrierten, und aus gesellschaftspolitischer Sicht der wichtigste. Ein schriller Hilfeschrei aus einem Land, in dem es mittlerweile alltäglich ist, dass Jugendliche und sogar Grundschüler zu Mördern werden, wie der Regisseur berichtet, schwache, überforderte Lehrer nicht in der Lage sind, sie zu beschützen, und die gesamte Gesellschaft, die vor solchen Problemen bereits kapituliert hat, versagt.
Das Thema ist realer, als man glauben möchte, und Serbien nicht das einzige Land, in dem Jugendliche zu Mördern werden. Schon mehrfach sorgten Amokläufe in den USA für Schlagzeilen. Auch in der Uckermark hat sich 2002 ein ähnlicher Fall zugetragen, den der Filmemacher Andres Veiel 2006 in dem verfilmten Theaterstück „Der Kick“ aufgriff, in dem er das unfassbare Verbrechen protokollarisch nachzeichnete.
Und doch sind die Zustände offenbar nirgendwo derart verheerend wie in Serbien, wo solche Szenarien den Worten des Regisseurs Miroslav Terzič nach schon fast alltäglich geworden sind.
Terzič vermeidet voyeuristische Bilder und erwirkt es gleichwohl über den Ton – Dialoge von erschütternder Gefühllosigkeit –, das Grauen im Kopf entstehen zu lassen. Die Kamera ruht dabei lange auf einer Schülerin, die während der Folter gelangweilt an ihrem Handy herumspielt und schließlich die Quälerei per Video aufzeichnet – Szenen, die fassungslos stimmen.
Internationale Stars zur 60. Jubiläumsausgabe
Generell präsentierte sich das osteuropäische Kino in der 60. Jubiläumsausgabe des kleinsten der sogenannten europäischen A-Festivals grausamer, gnadenloser und schmerzreicher denn je. Das zeigte sich auch daran, dass den Filmemachern zusehends der rabenschwarze Humor abhandengekommen ist, der ihr Kino in früheren Jahren noch auszeichnete.
Eine Tendenz, die ein Festival vor Probleme stellt. Nicht jeder Cineast will schwer verdauliche Filme sehen. Vielfach werde er darauf angesprochen, warum sich denn im Programm keine Komödien fänden, sagt Karel Och, der schon seit 25 Jahren für das Festival arbeitet, seit 15 Jahren als künstlerischer Leiter.
Eigentlich existiert das Festival in Karlovy Vary wie Cannes schon seit 1946, also seit 80 Jahren. Aber da es in den 1950er-Jahren lange Zeit – alternierend mit Moskau – nur alle zwei Jahre stattfinden konnte, kommen „nur“ 60 Jahre zusammen.

Hollywoodstar Dustin Hoffman wurde bereits zu Beginn des 60. Internationalen Filmfestivals von Karlsbad (Karlovy Vary) mit dem Kristallglobus ausgezeichnet. Hoffman und seine Frau Lisa posieren bei ihrer Ankunft zur Eröffnung des Filmfestivals auf dem roten Teppich.
Foto: Michal Cizek/AFP via Getty Images
Die große Ambitioniertheit der Jubiläumsausgabe drückte sich vor allem in der Präsenz internationaler Stars aus. Dustin Hoffman und Juliette Binoche zeigten sich auf dem roten Teppich, um einen Kristallglobus für ihre außerordentlichen Leistungen für das Weltkino entgegenzunehmen.
Dass das osteuropäische Kino nicht nur quantitativ stark vertreten war, stand dem besonderen Jahrgang freilich ebenso gut an.
Verantwortung für das eigene Handeln und für die Geschichte
Verdient viel Beachtung beim Fachpublikum fand der bulgarische Beitrag „Black Money for White Nights“, der nur leider von der Jury übersehen wurde.
Im Zentrum stehen Marina und Gosha, ein Ehepaar Mitte 60, deren langer Traum einer Reise nach St. Petersburg platzt, als sie am Tag der Abreise bemerken, dass sie auf Betrüger hereingefallen sind. Die gebuchten Busse und Flüge existieren nicht, die Reiseagentur ist aufgelöst, das Geld futsch. Aber es kommt noch schlimmer, treibt doch den Mann seine Entschlossenheit, die Gauner zu fassen, in die Arme noch schlimmerer Gangster.
Um die Einfalt der alten Leute einordnen zu können, die in ihrer Vertrauensseligkeit gegen Ganoven nicht gefeit sind, bedarf es allerdings einiger Vorkenntnisse bulgarischer Geschichte, die der Film nicht thematisiert: Im Kommunismus wurde diese Generation in permanenter Kontrolle wie Kinder bevormundet, klärt Regisseurin Katarina Grozeva auf, sodass sie keine Eigenständigkeit entwickeln konnte, sich fatalerweise sogar noch behütet fühlte. Und so lernten diese Menschen nicht, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Einem anderen Kapitel geschichtlicher Aufarbeitung widmet sich der tschechische Filmemacher Ivan Ostrochovský. „Only beautiful things to look at“ widmet sich Romafrauen, die in Zeiten des Kommunismus genötigt wurden, sich sterilisieren zu lassen, insbesondere wenn sie eine Abtreibung anstrebten.
Der Tscheche nähert sich dieser harten Thematik von sehr menschlicher Seite und in großer Komplexität an, erhebt keine einseitige Anklage gegen verantwortliche Ärztinnen, sondern sensibilisiert auch dafür, dass ihnen Diskriminierung und Körperverletzung an Romafrauen, die mitunter schon mit den vielen Kindern, die sie bereits hatten, überfordert schienen, nicht bewusst werden konnten.
Krisen, Geld und prekäre Familienverhältnisse
Das Kino aus Westeuropa und Südamerika gab sich in Karlovy Vary allerdings kaum positiver.
Was zahlreiche Mütter in Kolumbien durchmachen, deren Kinder im Zuge bewaffneter Guerillakämpfe verschleppt und ermordet wurden, ließ sich berührend hautnah in der unspektakulären, spirituell reizvoll angehauchten Erzählung „Five years, four months“ erleben.
Sie widmet sich zwei Frauen, die auf ihrer leidvollen Suche nach Gewissheit zwei jungen Männern begegnen, die über ihre vermissten Söhne mehr wissen, als sie zu hoffen wagten.
Vor allem aber wirtschaftliche Krisen, das leidige Geld und prekäre Familienverhältnisse waren überregional ein großes Thema.
In dem Schweizer Beitrag „A Happy Family“ kämpft beispielsweise eine alleinerziehende Mutter (großartig: Anna Schinz, verdient ausgezeichnet als beste Darstellerin) mit der Bewältigung ihres Alltags zwischen mehreren Jobs um ihre Kinder und ihre Würde.

11. Juli 2026: Die Schweizer Schauspielerin und Autorin Anna Schinz posiert bei der Abschlusszeremonie des 60. Internationalen Filmfestivals von Karlovy Vary in Tschechien mit dem Preis als beste Schauspielerin für ihren Film „A Happy Family“.
Foto: Michal Cizek/AFP via Getty Images
Der dänische Film „The Guest“ von Mads Mengels erinnert mit langen, konfliktreichen Dialogen innerhalb einer Familie an Meisterwerke des skandinavischen Kinos von Ingmar Bergmann, Lars von Trier oder Thomas Vinterberg. Das stark besetzte Kammerspiel, getragen von der grandiosen Trine Dyrholm als einer psychisch angeknacksten Großmutter, gewann verdient den Großen Preis der Jury und den Regiepreis.
Feierstimmung auf die Straße verlagert
Den Kristallglobus für den besten Film vergab die Jury überraschend an „Fruit Gathering“ von Aung Phyoe. Es mag gewiss die erste Produktion aus Myanmar sein, die allemal feinfühlig von der in Asien tabuisierten Liebe zwischen zwei Frauen erzählt.
Und doch kann sich der Regisseur nicht richtig entscheiden, ob er nun eigentlich von prekären Arbeitsverhältnissen in einer Textilfabrik erzählen will oder der Schwerpunkt auf der unerfüllten Liebe einer lesbisch veranlagten jungen Arbeiterin zu ihrer heterosexuellen Kollegin liegen soll.
Beiden Themen geht der Film nur marginal auf den Grund. Und neue Erkenntnisse zu zahlreichen anderen Coming-out-Filmen kommen nicht dazu.
Dagegen wagt Regisseur Nader Saeivar in dem deutschen Beitrag „Hijamat“ immerhin einen mutigen kritischen Blick auf den Islam hinsichtlich ihrer sexuellen Identität. Zumindest begehren die beiden homosexuellen Protagonisten, zwei in Berlin lebende Brüder, gegen die fundamentalistischen Positionen ihres Imams zunehmend auf.
Insgesamt bewegte sich der Wettbewerb auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Das erscheint angesichts der großen Konkurrenz seitens der größeren, renommierteren Festivals in Cannes und Venedig beachtlich.
International höchst attraktiv erscheint das Festival nicht zuletzt deshalb, weil Karlovy Vary zahlreiche Produktionen nachspielt, die erst vor wenigen Monaten in Cannes liefen, bevor sie regulär ins Kino kommen. Und die große Feierstimmung, die im Kino angesichts so vieler trauriger Geschichten ausblieb, verlagerte sich auf die Straßen.


