Categories
etplus meinung ticker vital

Warum Knochen- und Muskelschwund nicht nur eine Folge des Alterns sind


In Kürze:

  • Osteoporose und Sarkopenie – also Knochen- und Muskelschwund – nehmen bereits in jüngeren Jahren ihren Anfang.
  • Knochen und Muskeln wachsen durch Belastung. Fehlt diese, verkümmern sie.
  • Auch die Biochemie von Knochen und Muskeln bestimmt, ob sie schwinden oder wachsen.
  • Doch gesunde Knochen und Muskeln brauchen nicht nur Sport und eine gute Ernährung, sondern auch Energie in den Zellen.

 
Der Abbau von Knochen, Muskeln und Kraft gehört zu den folgenschwersten Aspekten des Alterns. Denn Gebrechlichkeit ist einer der stärksten Prädiktoren für Pflegebedürftigkeit und Tod nach dem 65. Lebensjahr. 
Doch glücklicherweise kann man diesem Abbau sehr gut entgegenwirken und ihn sogar umkehren. Personen, die ihre muskuloskelettale Kraft erhalten, sind laut Studien weitaus besser in der Lage, auch vieles andere länger zu bewahren: Unabhängigkeit, Gleichgewicht, Stoffwechsel und sogar die kognitive Widerstandsfähigkeit, die sich aus körperlicher Leistungsfähigkeit ergibt.
Um diesen Verfall umzukehren, bedarf es einer umfassenderen Perspektive. In meiner Praxis prüfe ich jeden Patienten anhand des ACES-Modells für Gesundheit und Medizin. Dieses Modell beschreibt vier Dimensionen, die beeinflussen, wie der Körper im Laufe der Zeit seine Struktur bewahrt oder verliert – Anatomie, Chemie, Energie und Seele.
Knochen- und Muskelschwund ist selten auf ein Versagen in nur einer dieser Dimensionen zurückzuführen. Die Behandlung von nur einer oder zwei Dimensionen – hier ein Rezept, dort ein Nahrungsergänzungsmittel – kann oftmals nicht verhindern, dass viele ältere Patienten immer wieder stürzen und Belastungen des Alltags nicht mehr gewachsen sind.

Anatomie: Der Körper wird durch das geformt, was man von ihm verlangt

Knochen und Muskeln sind lebendes Gewebe und reagieren direkt auf Belastung: Widerstand, Stöße und Gewicht, die das Gewebe wirklich herausfordern.
Nimmt man das weg, erhalten die Osteoblasten – die Zellen, die Knochen aufbauen – einfach keinen Befehl mehr, zu arbeiten.
Für die Muskeln gilt dieselbe Regel, mit einer gravierenden Ergänzung: Der Körper baut aktiv Gewebe ab, das er als entbehrlich einstuft. Ab etwa dem 40. Lebensjahr werden die Muskeln zunehmend unempfänglich für die Signale, die sie einst aufgebaut haben, wie etwa Bewegung oder Protein aus der Nahrung. Dieses Phänomen wird in der Fachsprache als anabole Resistenz beschrieben. 
Das bedeutet vereinfacht, dass dasselbe Protein und Training, die mit 30 noch zum Muskelaufbau führten, mit 60 nicht mehr ausreichen. Wer den Reiz nicht verstärkt, verliert jedes Jahr ein wenig mehr an Muskelmasse.
Das moderne Leben beschleunigt all diese physiologischen Veränderungen. Der durchschnittliche Erwachsene sitzt heute ungefähr zehn Stunden pro Tag. Die Hüftbeuger verkürzen sich, die Gesäßmuskeln werden inaktiv, der obere Rücken rundet sich nach vorne und die hintere Muskelkette, also die gesamte Muskulatur der Körperrückseite – das strukturelle Rückgrat der menschlichen Bewegung sozusagen –, verkümmert.

Tipps, was Sie tun können

Geben Sie Ihrem Skelett und Ihren Muskeln einen Anreiz, zu bleiben. Für die meisten Erwachsenen heißt das: Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche. Das bedeutet,  große Muskelgruppen mit einem sinnvollen Gewicht, gepaart mit einer leichten Stoßbelastung, zu trainieren. Selbst etwas so Einfaches wie auf den Zehenspitzen oder Fersen stehen, kann den Knochen dazu anregt, sich zu erneuern. 
Sie müssen die Belastung im Laufe der Zeit steigern, denn Muskeln und Knochen passen sich an den Reiz an, nicht an Wiederholungen. Wenn Sie noch keine Erfahrung mit Krafttraining haben, beginnen Sie unter Anleitung eines Trainers oder Physiotherapeuten, der Ihnen sichere Übungen empfehlen kann.

Chemie: Was Ihr Blut Ihnen verrät

Die Biochemie von Knochen und Muskeln wird selten eingehend untersucht – da sie normalerweise über die Standard-Laboruntersuchungen hinausgeht.

Vitamin D

Der optimale Serumspiegel von Vitamin D liegt zwischen 30 und 50 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml). Unterhalb dieses Wertes stockt die Kalziumaufnahme. Um die Funktion des Bewegungsapparats aufrechtzuerhalten, empfehle ich allerdings 50 bis 80 ng/ml.
Schnell zuckende Fasern brauchen Vitamin D. Mit ihm sind sie schnell und stark genug, um uns aufzufangen, wenn wir stolpern. Deshalb äußert sich ein Vitamin-D-Mangel nicht nur in Knochenschwund, sondern auch in echter Muskelschwäche und -unsicherheit, was zu einem deutlich höheren Sturzrisiko führt.

Vitamin K2 

Vitamin K2 leitet Kalzium in die Knochen und weg von den Blutgefäßen. Ein Patient, der Kalzium und Vitamin D ohne K2 einnimmt, baut möglicherweise schwache Knochen auf und lässt gleichzeitig seine Arterien verkalken.

Magnesium

Der Körper benötigt Magnesium, um Vitamin D zu aktivieren und Muskeln anzuspannen. Gleichzeitig hilft Magnesium, den Spiegel des Hormons Parathormon zu regulieren, der den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel steuert. 
Ein subtiler Mangel äußert sich in Krämpfen, unruhigem Schlaf und unerklärlicher Müdigkeit.

Protein

Protein brauchen wir, um die Muskelmasse zu erhalten. Erwachsene über 40 benötigen etwa 1,2 bis 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Dabei ist nicht nur die Gesamtzufuhr wichtig, sondern auch, dass wir das Protein über den Tag verteilt und nicht in einer großen Mahlzeit aufnehmen.

Hormone

Hormone sind für den Erhalt von Knochen und Muskeln unerlässlich, nehmen aber im mittleren Alter ab. Dazu gehören unter anderem IGF-1 (insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1), Wachstumshormon, DHEA (Baustein für die Produktion wichtiger männlicher und weiblicher Sexualhormone, darunter Testosteron und Östrogen) sowie Schilddrüsenhormone.
Den Hormonhaushalt zu bestimmen und – sofern klinisch angebracht – wiederherzustellen, kann zu Ergebnissen führen, die kein Trainingsprogramm allein erreichen kann.

Tipps, was Sie tun können

Bitten Sie Ihren Arzt um eine Untersuchung, die über das Wesentliche hinausgeht: Vitamin D, Magnesium (idealerweise Magnesium in den roten Blutkörperchen) und, je nach Ihrer Krankengeschichte, die relevanten Hormone. 
Beziehen Sie den Großteil Ihres Proteins aus proteinreichen Vollwertnahrungsmitteln. Eine gute Quelle sind unter anderem
  • Eier,
  • Geflügel, 
  • Rinderfleisch, 
  • frischer oder konservierter Thunfisch oder Lachs,
  • griechischer Joghurt. 
Essen Sie bei jeder Mahlzeit proteinreiche Lebensmittel und versuchen Sie nicht, die benötigte tägliche Proteinmenge nur bei einer Mahlzeit zu sich zu nehmen.
Betrachten Sie Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin D und K2 sowie Magnesium als gezielte Korrektur gemessener Mangelzustände und nicht als wahlloses Einnehmen von Tabletten. Gehen Sie eine Hormontherapie als eine sorgfältige Entscheidung an, die Sie gemeinsam mit einem sachkundigen Arzt treffen.

Energie: Die Kraft zum Wiederaufbau

Selbst ein makelloses Training und eine perfekte Ernährung können scheitern, wenn dem Körper die zelluläre Energie fehlt, um darauf zu reagieren. Der Aufbau von Knochen und Muskeln ist stoffwechseltechnisch aufwendig und hängt von gesunden Mitochondrien ab – den Kraftwerken unserer Zellen.
Personen mit chronischer Müdigkeit, anhaltenden postviralen Syndromen oder erheblicher toxischer Belastung verlieren laut Untersuchungen schneller an Muskel- und Knochenmasse. Das kommt dadurch, dass die zelluläre Energie für deren Wiederaufbau beeinträchtigt ist.
Der Wiederaufbau findet im Schlaf statt, denn der Körper schüttet Wachstumshormone vor allem im Tiefschlaf aus. Genau während dieser Zeit baut der Körper Muskelproteine auf, baut altes Knochengewebe ab und ersetzt es durch neues.
Sechs Stunden Schlaf können nicht das leisten, was acht Stunden ermöglichen, ganz gleich, wie diszipliniert Ihr Training auch sein mag.

Tipps, was Sie tun können

Stellen Sie sicher, dass sie ausreichend schlafen: 
  • Halten Sie regelmäßige Schlafenszeiten ein, 
  • sorgen Sie für ein dunkles und kühles Schlafzimmer,
  • verzichten Sie spätabends auf Bildschirme und auf Alkohol, da beides den Tiefschlaf beeinträchtigt. 
Wenn Ihre Müdigkeit in keinem Verhältnis zu Ihrem Leben zu stehen scheint, nehmen Sie sie ernst, anstatt sie einfach zu ignorieren. Fragen Sie Ihren Arzt zusätzlich nach Schilddrüsen-, Eisen- und B12-Werten sowie – sofern Ihre Vorgeschichte dies nahelegt – nach umweltbedingten und stoffwechselbedingten Faktoren.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Bone and Muscle Loss Is More Than Just Aging“ (redaktionelle Bearbeitung: as)
Categories
vital

Ozempic: Möglichkeiten und Grenzen

Ozempic hat sich zu einer häufig eingesetzten Abnehmtherapie der modernen Medizin entwickelt.
Da manche Patienten damit bis zu 15 Prozent ihres Körpergewichts verlieren, boomt das Medikament in den USA und anderen westlichen Ländern. Es erzielt bereits Jahresumsätze in Milliardenhöhe und zieht die Aufmerksamkeit von Medizinern und Prominenten gleichermaßen auf sich.
Doch hinter dem großen Hype steckt eine unangenehme Wahrheit: Die Zahl auf der Waage sinkt zwar schnell, aber Gewicht ist nicht gleich Gewicht. Das sagte Dr. Jason Fung, renommierter Nierenspezialist und Bestsellerautor von „The Diabetes Code“, in einer Folge der Sendung „Vital Signs“.
Seiner Auffassung nach kommt es nicht auf die reine Kilozahl an. Die entscheidende Frage lautet: Welche Art von Gewicht verliert man, also Fett oder Muskelmasse, und wie lässt sich der Erfolg dauerhaft halten?
Für ihn bedeutet wahrer Erfolg, Fett gezielt zu verbrennen, während Muskeln und Kraft erhalten bleiben.
Nur so lassen sich schlaffe Haut oder das typisch eingefallene „Ozempic-Gesicht“ verhindern und der Stoffwechsel kann langfristig gesund aufgebaut werden. Alles andere ist nur die Jagd nach einer Zahl auf der Waage, die nicht von Dauer ist.

Wie Ozempic wirkt

Ozempic basiert auf dem Wirkstoff Semaglutid. Dieser gehört zur Gruppe der sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten. GLP-1 steht für ein körpereigenes Hormon (Glucagon-like Peptid-1), welches den Blutzucker und den Appetit reguliert.
Semaglutid ahmt dieses Hormon nach. Es verstärkt das Sättigungsgefühl nach dem Essen, sodass Betroffene ganz natürlich kleinere Portionen zu sich nehmen und weniger Kalorien aufnehmen.
„GLP-1 sorgt einfach dafür, dass man sich satt fühlt“, so Dr. Fung.
Hinzu kommt: Das Medikament verzögert die Magenentleerung und dämpft das Hungergefühl im Gehirn. Dies kann als Nebenwirkung leichte Übelkeit auslösen. Im Endeffekt essen die Patienten dadurch langsamer, und der Körper schüttet weniger Insulin aus.
Ständiger Hunger treibt die Kalorienzufuhr nach oben und führt fast zwangsläufig zu mehr Gewicht.
„Wenn man den Hunger nicht kontrolliert, ändert sich auch nichts an der Kalorienaufnahme. Genau da liegt die Wurzel des Problems – und deshalb ist Ozempic beim Abnehmen so effektiv“, so Dr. Fung.
Das Medikament setzt direkt an dieser Ursache an. Es dämpft den Appetit, sodass man automatisch weniger isst.
Das erklärt allerdings auch den Umkehrschluss: Setzt man Ozempic wieder ab, kehren das alte Hungergefühl und damit oftmals mit der Zeit auch die verlorenen Kilos zurück.

Nicht jede Gewichtsabnahme ist gleich

Im Zentrum von Fungs Kritik steht ein Punkt, der bei gängigen Diäten oft übersehen wird. Gewicht ist nicht gleich Gewicht.
Für die Gesundheit ist es nämlich entscheidend, welches Gewebe der Körper überhaupt abbaut. Dabei unterscheidet er zwischen zwei Arten von Körperfett:
  • Subkutanes Fett (das Unterhautfettgewebe)
  • Viszerales Fett (das Organfett)

Fettabbau

Das subkutane Fett sitzt direkt unter der Haut. Es ist relativ harmlos, da der Körper es genau dort speichert, wo es von Natur aus hingehört.
Ganz anders verhält es sich mit dem viszeralen Fett: Es sammelt sich typischerweise in der Bauchregion um die inneren Organe, wie beispielsweise die Leber, an. Aus gesundheitlicher Sicht ist es brandgefährlich.
Es befeuert die Insulinresistenz und steht in engem Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Fettleber.
„Das Fett in der Leber sollte eigentlich gar nicht dort sein“, sagt Dr. Fung.
„Die Leber sollte eigentlich fettfrei sein. Dieses Organfett ist extrem gefährlich – im Gegensatz zum weitgehend harmlosen Fett unter der Haut“, sagt Dr. Fung.
Das Problem: Wer rapide abnimmt, verliert oft zuerst das subkutane Fett, das dem Gesicht und dem Körper eigentlich Form und Fülle gibt.
Schwindet es zu schnell, wirkt das Gesicht plötzlich eingefallen und hohl – ein Phänomen, das inzwischen als „Ozempic-Gesicht“ bekannt ist.
Wer sich beim Abnehmen ausschließlich auf Medikamente verlässt, kann laut Fung nicht steuern, woher der Körper die Energie nimmt. Das führt zu zwei unschönen Effekten: Der Körper baut das Unterhautfett ab, wodurch das Gesicht optisch altert und andere Hautpartien oftmals schlaff zurücklässt.
Zudem löst das Medikament das Grundproblem nicht, denn „Ozempic sagt einem nicht, welche Lebensmittel für den Körper gesund sind und welche nicht“, so das Fazit des Experten.

Muskelschwund

Die gedämpfte Lust aufs Essen birgt eine weitere Gefahr: Ozempic kann zu massivem Muskelschwund führen. Laut Dr. Fung liegt das an der Wirkungsweise: Der künstlich erhöhte GLP-1-Spiegel signalisiert dem Körper eine dauerhafte Sättigung.
Das Problem dabei ist, dass Menschen, die ohnehin keinen Hunger haben, oft unbewusst auf protein- und fettreiche Lebensmittel verzichten – also genau die Proteine, die die Muskeln erhalten. Stattdessen greifen viele Betroffene zu leicht verdaulichen, hochverarbeiteten Kohlenhydraten.
„Man nimmt zwar massiv ab, aber es ist kein gesunder Gewichtsverlust“, warnt Dr. Fung. „Wer in der Ozempic-Phase nicht genug Eiweiß isst, verliert enorme Mengen an Muskelmasse. Das kann sehr negative Folgen haben.“
Denn Muskeln sind die Basis für Kraft, eine gute Haltung, Bewegung und die Blutzuckerkontrolle. Sie sind der Schlüssel für gesundes Altern. Wenn ein Abnehmprogramm zu viel Muskelmasse verbrennt, wird man zwar auf der Waage leichter, ist aber unter dem Strich ungesünder.

Das Gewicht kehrt oft zurück, nachdem Ozempic abgesetzt wurde

Der Erfolg ist oft nur von kurzer Dauer. Studien zeigen: Wer das Medikament absetzt, nimmt innerhalb eines Jahres oft rund 60 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zu.
Dieser Jo-Jo-Effekt ist so allgegenwärtig, dass er längst als normal gilt. Die Ursache dafür liegt laut Dr. Fung vor allem in der mangelnden Aufklärung. Viele Patienten erhalten keinerlei Anleitung zu gesunder Ernährung, guten Gewohnheiten oder langfristiger Gewichtskontrolle.
Setzt man die künstliche Hungerbremse ab, kommt der Appetit zurück. Doch die Betroffenen haben nicht gelernt, ihr Hungergefühl nachhaltig zu regulieren, und fallen oft ungebremst in alte Verhaltensmuster zurück.
Nur in seltenen Ausnahmefällen schaffen es Patienten, während der Behandlung einen gesünderen Lebensstil zu entwickeln und ihr Gewicht anschließend zu halten. Realistisch betrachtet, so das Fazit des Experten, nehmen die allermeisten Menschen nach dem Absetzen wieder in Richtung ihres Startgewichts zu.

Ozempic bei Typ-2-Diabetes

Bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes spielt Ozempic eine wichtige Rolle – vor allem für Patienten, die schon seit vielen Jahren erkrankt sind, zahlreiche Medikamente schlucken müssen und stark übergewichtig sind.
Auch Dr. Fung verschreibt es in seiner Praxis für diese schweren Fälle. Er kombiniert das Mittel jedoch immer mit einer Ernährungsberatung, die auf Proteine, Gemüse und gesunde Fette statt auf Fertiggerichte und Softdrinks setzt.
Das eigentliche Problem ist die Langzeiteinnahme. Die ständigen Nebenwirkungen – allen voran die dauerhafte Übelkeit – werden für viele irgendwann unerträglich.
„Man hält das vielleicht ein Jahr lang durch, während die Kilos purzeln und man Komplimente bekommt“, sagt Dr. Fung. „Aber fünf Jahre später, wenn der erste Hype vorbei ist und einem immer noch schlecht ist, sieht die Sache ganz anders aus.“
Daten einer großangelegten Analyse, die im „Journal of Managed Care & Specialty Pharmacy“ veröffentlicht wurde, untermauern diese Erfahrung: Nur knapp 27 Prozent der Patienten, die GLP-1-Präparate gegen starkes Übergewicht einnehmen, halten die Therapie ein Jahr lang durch.
Bei Semaglutid liegt die Quote immerhin bei rund 47 Prozent. Obwohl Dr. Fung versucht, durch Übergewicht besonders gesundheitlich angeschlagene Patienten auf dem Medikament zu halten, brechen die meisten die Behandlung irgendwann ab.
Sein Fazit: „Die meisten Menschen halten das einfach nicht dauerhaft durch, weil die Nebenwirkungen auf lange Sicht zu stark an den Nerven zerren.“

Ernährungsalternativen, die mit den Hormonen zusammenwirken

Als Alternative zur Spritze setzt Dr. Fung auf nachhaltige Strategien. Dabei soll gezielt Organfett verbrannt, aber die Muskeln geschützt werden.
Ein Schlüssel dazu ist eine kohlenhydratarme Ernährung (Low Carb). Der Clou dabei: Eine Kost mit viel Eiweiß, gesunden Fetten und Ballaststoffen kurbelt nachweislich die körpereigene Produktion von GLP-1 an, also genau jenem Sättigungshormon, das Ozempic künstlich nachahmt.
Gleichzeitig senkt dieser Mix den Insulinspiegel und bremst den Hunger auf natürliche Weise aus.
Im Gegensatz zu Fast Food und Zucker, die dem Körper kaum Sättigungssignale senden, helfen echte Lebensmittel dabei, weniger zu essen – ganz ohne das Gefühl von Verzicht.
Auch Ballaststoffe spielen eine wichtige Rolle, da sie die Sättigungssignale im Darm zusätzlich unterstützen. „Wer sich kohlenhydratarm ernährt, greift automatisch zu mehr Proteinen und Fetten“, erklärt Dr. Fung. „Genau diese Nährstoffe regen die GLP-1-Produktion an. Man ist satter und isst langfristig weniger.“
Wenn Ballaststoffe im Dickdarm abgebaut werden, entstehen kurzkettige Fettsäuren. Diese regen die Ausschüttung von GLP-1 zusätzlich an. Eine gut durchdachte Ernährung arbeitet also mit dem Appetitsystem des Körpers zusammen, anstatt es zu bekämpfen.
Zudem kann intermittierendes Fasten laut Untersuchungen eine gezielte hormonelle Reaktion auslösen. Es senkt den Insulinspiegel und regt den Körper dazu an, das tief sitzende Organfett zu reduzieren.
Laut Dr. Fung ist das Problem der schlaffen Haut eher ein Protein- als ein Fettproblem. Da Haut und Bindegewebe aus Proteinen bestehen, verschwindet überschüssige Haut nicht durch bloßen Fettabbau.
Hier hilft das Fasten, denn es aktiviert die sogenannte Autophagie, eine Art zellulären „Aufräumprozess“, der beschädigte Proteine und alte Zellbestandteile abbaut und recycelt.
Gleichzeitig schützt Fasten die Muskeln, indem es die Ausschüttung von Wachstumshormonen drastisch ankurbelt.
„Das Wachstumshormon steigt auf ein sehr hohes Niveau“, erklärt Dr. Fung. „Genau das verhindert den gefürchteten Muskelverlust.“
Das Fazit des Experten lautet daher: Das Ziel ist nicht die eine, perfekte Diät für alle. Es geht um eine Ernährungsweise, die den Hunger auf natürliche Weise dämpft, die Muskeln schützt und sich im Alltag langfristig durchhalten lässt. Nur so bleibt der Gewichtsverlust am Ende auch von Dauer.

Eine ausgewogene Sicht auf Ozempic

Ozempic hat die Diskussion über Adipositas grundlegend verändert. Es hat die Biologie des Appetits ins Rampenlicht gerückt und die Wissenschaft des Abnehmens endgültig in der Schulmedizin verankert.
Dr. Fung sagt, dass Ozempic für bestimmte Betroffene extrem wertvoll sein kann. Das gilt insbesondere für Menschen mit schwerer Adipositas, langjährigem Typ-2-Diabetes, sehr hohen Insulinspiegeln oder Folgeerkrankungen wie einer Fettleber oder Nierenproblemen – besonders dann, wenn eine reine Ernährungsumstellung nicht mehr ausreicht.
Doch selbst in diesen Fällen empfiehlt er eine begleitende Ernährungsberatung mit Fokus auf Eiweiß, Gemüse und gesunden Fetten. Nur so können Patienten dauerhaft gesunde Gewohnheiten entwickeln, während das Medikament ihren Hunger im Zaum hält.
„Die Hoffnung ist, dass es den Appetit bremst, damit man seine Gewohnheiten, seine Denkweise und sein Leben ändern kann – indem man zum Beispiel aktiver wird“, so Dr. Fung.
Ozempic entfaltet dabei eine sogenannte „supraphysiologische“ Wirkung auf den GLP-1-Spiegel. Das bedeutet, dass der Effekt weit über dem liegt, was Nahrung jemals auf natürliche Weise erreichen könnte.
Während Proteine, Fette und Ballaststoffe das Sättigungshormon nur leicht ankurbeln, verstärkt das Medikament diese Signale massiv. Das erklärt seine enorme Wirkung auf Appetit und Gewicht.
Für jüngere oder ansonsten gesunde Menschen, die lediglich ein paar Kilo verlieren möchten, stehen die Risiken jedoch in keinem Verhältnis zum Nutzen.
„Ich bin nicht grundsätzlich gegen das Medikament“, sagt Dr. Fung. „In der Medizin geht es aber immer um das Risiko-Nutzen-Verhältnis. Es gibt für alles eine Zeit und einen Ort – und an diesem spezifischen Ort müssen die Vorteile die Risiken überwiegen.“

 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „What Ozempic Can and Can’t Do“. (deutsche Bearbeitung: vm)