Categories
etplus kultur meinung ticker

Warum es so schwer ist, sich selbst zu verstehen

Es gibt ein Thema, in dem jeder von uns Experte sein sollte: die eigene Person. Doch wie viele von uns sind das tatsächlich? Obwohl unser eigener Verstand und unser Charakter uns so nah und vertraut sind, bleiben sie auf mysteriöse Weise undurchsichtig.
„Warum ist es für mich ein lebenslanges Unterfangen, Einsicht in meine eigenen Gedanken, Gewohnheiten, Impulse, Beweggründe oder gar in das Wesen des Geistes an sich zu gewinnen?“, fragte sich die Philosophieprofessorin Therese Cory. „Dieses Rätsel wird als das Problem der ‚Selbstundurchsichtigkeit‘ bezeichnet – und wir sind nicht die Ersten, die darüber nachdenken.“ Cory erläutert, dass sich Philosophen bereits im antiken Griechenland und im mittelalterlichen Europa mit dem Geheimnis des Selbst auseinandersetzten und darüber staunten, wie schwierig es ist, es wirklich zu erfassen.
„Es ist ein weitverbreiteter wissenschaftlicher Mythos, dass die Philosophen der Frühen Neuzeit – angefangen bei Descartes – die Idee des Menschen als ‚Selbst‘ oder ‚Subjekt‘ erfunden hätten“, merkt Cory an. „Genau wie Philosophen und Neurowissenschaftler heute waren auch mittelalterliche Denker neugierig hinsichtlich der Frage, warum der Geist sich selbst so vertraut und doch so unzugänglich ist. Doch tatsächlich spekulierten lateinische und islamische Denker des Mittelalters schon lange vor Freud über einen unbewussten, unzugänglichen Teil des Geistes.“
Diese klassischen Denker vermitteln Einsichten, die uns helfen, zu verstehen, auf welche Weise und aus welchen Gründen wir zu größerer Selbsterkenntnis gelangen können. Ihr Denken ist heute genauso relevant wie zu jener Zeit, als sie erstmals über das geheimnisvolle und schwer fassbare Wesen der menschlichen Seele nachdachten.

Selbstreflexion

Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel (Marcus Aurelius) erkannte den Zusammenhang zwischen Selbsterkenntnis und der Rationalität, die uns Menschen auszeichnet. „Die Eigenschaften der vernünftigen Seele sind: Sie beschaut sich selbst, zergliedert sich selbst und bildet sich selbst nach eigenem Gefallen“, schrieb er in seinen „Selbstbetrachtungen“. Die rationale Seele sollte sich diesen Praktiken der Selbstreflexion widmen. Wenn sie dies tut, genießt sie selbst „die Frucht, die sie trägt. […] Sie erreicht ihr bestimmtes Ziel, wie kurz auch immer das Leben sein mag.“
Marc Aurel wusste in der Tat, was Erfolg bedeutet. Als er den Lorbeerkranz der Cäsaren trug, befand sich das Römische Reich nahe dem Höhepunkt seiner Macht. Er herrschte über 55 bis 70 Millionen Menschen. Daher verdienen seine Worte besondere Beachtung.
Wer seine eigenen Stärken und Schwächen, seine schlechten Gewohnheiten und seine besten Impulse nicht versteht, wird sich schwer damit tun, Großes zu erreichen. Er wird für immer von einem unsichtbaren Feind behindert. Was wir nicht erkennen, können wir nicht überwinden: die Charakterschwächen, die unsere Erfolge sabotieren.

„Marc Aurels Auszug aus Vindobona“ von Anton Hoffmann, 1920.

Foto: gemeinfrei/Artvee

Beobachten Sie, wie Sie mit der Welt interagieren

Um unsere Gewohnheiten zu ändern, müssen wir uns ihrer zunächst bewusst werden. Warum dieses Wissen nützlich ist, liegt auf der Hand. Wenn Ihr Geld beispielsweise sofort wieder verschwindet, nachdem es im Portemonnaie gelandet ist, können Sie das Problem erst angehen, wenn Ihnen die dahinterstehende unbedachte Gewohnheit bezüglich des Geldausgebens bewusst wird.
Für den mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin ist Selbsterkenntnis jedoch auch aus weiteren Gründen wertvoll – jenseits des praktischen Bestrebens, unangenehme Gewohnheiten zu korrigieren. Laut Aquin ist jede Wahrheit an und für sich gut, da sie die menschliche Natur veredelt und vervollkommnet. Die menschliche Natur ist nämlich rational und somit auf die Wahrheit als eines ihrer höchsten Güter ausgerichtet. Die Wahrheit verschafft uns einen besseren Zugang zur Wirklichkeit, nach der sich unser Verstand und unser Herz sehnen. Je höher oder edler die erkannte Wahrheit ist, desto wertvoller ist sie.
Da die menschliche Seele zu den kostbarsten Wesenheiten gehört, denen wir begegnen, ist das Wissen über sie von unschätzbarem Wert. Eine Möglichkeit, dieses Wissen zu erlangen, ist unsere Selbstbeobachtung, unser „Platz in der ersten Reihe“, von dem aus wir die Vorgänge der menschlichen Natur in uns selbst beobachten können.
Wie Cory erklärt, beginnt all unsere Selbsterkenntnis mit dem Bewusstsein dafür, wie wir mit der Welt interagieren. Der Verstand ist an sich dunkel, doch wenn er handelt oder mit der Welt in Kontakt tritt, wird er von innen heraus erhellt und „sieht“ sich selbst im Akt des Denkens und Erkennens. Thomas von Aquin zufolge begegnen wir uns nicht als ein isoliertes Verstandeswesen oder ein Selbst, sondern wir erleben uns stets als Handelnde, die mit ihrer Umwelt interagieren.

„Ciceros Rede gegen Catilina“ von Cesare Maccari, 1889. Das Fresko zeigt den römischen Senator Cicero, wie er im römischen Senat Catilinas Verschwörung zum Sturz der Republik anprangert.

Foto: gemeinfrei

Obwohl wir einen Platz in der ersten Reihe haben, um die Aktivitäten unseres eigenen Geistes zu beobachten, bleibt der Vorhang manchmal geschlossen. Etwas zu erleben bedeutet nicht automatisch, dass wir es komplett verstehen. Hier kommt eine kritischere und bewusstere Selbstwahrnehmung ins Spiel. „Die Bedeutung dieser Erfahrungen – was sie sind, was sie mir über mich selbst und über das Wesen des Geistes verraten – erschließt sich erst durch weitere Erfahrungen und sorgfältiges Nachdenken“, so Cory. Selbsterkenntnis entsteht durch die nach innen gerichtete Reflexion darüber, was wir erlebt haben, wie wir darauf reagiert haben und welche Bedeutung wir dem Ganzen beimessen.
Dazu gehört, dass wir das Tempo herausnehmen und uns weder von unseren Eindrücken noch von unseren Emotionen mitreißen lassen. Stattdessen brauchen wir genügend innere Distanz, um wahrzunehmen, was in unserem eigenen Inneren geschieht. Der stoische Philosoph Epiktet formuliert diesen Gedanken in seinen „Unterredungen“ (II. 18) treffend: „Das stelle dir vor Augen und du wirst die Vorstellung besiegen und dich von ihr nicht hinreißen lassen. Zuerst laß dich nicht durch deine Hitzigkeit fortreißen, sondern sage: Warte ein wenig auf mich, Vorstellung, ich möchte sehen, wer du bist, und was du enthältst, laß dich einmal prüfen!“
„Gleichzeitig“, warnte Cory, „geht es bei der Beantwortung dieser Frage nicht darum, dass wir uns aus der Welt zurückziehen und nur noch mit uns selbst beschäftigt sind. Es geht vielmehr darum, uns im Moment der Interaktion mit der Realität unserer selbst bewusster zu werden und schlussfolgern zu können, was unsere Handlungen und Aktivitäten in Bezug auf andere Dinge über uns ‚aussagen‘. Das ist Thomas von Aquins ‚Rezept‘ für ein tieferes ‚Selbst-Bewusstsein‘.“

Wahre Freunde sind ein Spiegel unserer selbst

Eine weitere Möglichkeit, unser Selbstverständnis durch den Blick nach außen zu vertiefen, verdanken wir einem der Lieblingsphilosophen von Thomas von Aquin: Aristoteles. Laut der Philosophin Mavis Biss vertrat Aristoteles die Auffassung, dass Freundschaft ein Weg zur Selbsterkenntnis sein kann. In seiner Philosophie basiert Freundschaft auf einer grundlegenden Ähnlichkeit zwischen den Freunden. Wir fühlen uns zu Menschen hingezogen, die ähnliche Eigenschaften, Interessen und Wertvorstellungen haben wie wir selbst. Die höchste Form der Freundschaft besteht für Aristoteles daher in der Verbindung tugendhafter Menschen, die einander dabei unterstützen, in ihrer Tugend weiterzuwachsen und sich gemeinsam zu entfalten.

„Aristoteles unterrichtet Alexander den Großen“, Stich von Charles Laplante aus dem Jahr 1866.

Foto: gemeinfrei

Da wahre Freunde einander ähneln, können sie einander bis zu einem gewissen Grad als Spiegel dienen. Aristoteles’ Argument konzentriert sich auf die Ähnlichkeit der Charaktere von Freunden. Dadurch ist das Erkennen des Freundes „in gewisser Weise auch ein Wahrnehmen und Erkennen seiner selbst“, erläuterte Biss. „Da der Freund mit größerer Objektivität betrachtet werden kann als das eigene Selbst, dient die Erkenntnis des Charakters des Freundes – kombiniert mit dem ‚intuitiv empfundenen‘ Wissen um die eigene Ähnlichkeit zum Freund – als eine Art ‚Brücke‘ zur Selbsterkenntnis. Auf diese Weise bietet Selbsterkenntnis, die durch Freundschaft vermittelt wird, einen Schutz vor Selbsttäuschung.“
In wahrhaft guten Freundschaften können Freunde einander auch um ehrliche Rückmeldungen bitten. Wenn wir einem Freund wirklich vertrauen, sollten wir keine Scheu haben, ihn zu bitten, uns etwas über unsere Stärken und Schwächen mitzuteilen. Dies bietet dem Freund die Gelegenheit, eine wunderbare Geste der Liebe zu vollbringen: Jemandem dabei zu helfen, sich selbst besser zu verstehen, ist ein Geschenk, wodurch er reifen und seinem vollen Potenzial als Mensch näherkommen kann.
Wie die Soziologin Sherry Turkle angemerkt hat, ermöglicht uns die Entwicklung einer tieferen Selbsterkenntnis schließlich auch, mehr von uns selbst zu geben. Wenn wir verstehen, wer wir sind, wenn wir geerdet sind und uns in aller Ruhe unserer Identität bewusst sind, können wir für andere auf aufrichtigere Weise da sein und tiefere Beziehungen zu ihnen aufbauen. Somit könnte man sagen, dass Freundschaft sowohl ein Mittel als auch eines der ultimativen Ziele der Selbsterkenntnis ist.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Understanding Yourself Is So Difficult, and What Ancient Philosophers Can Teach Us“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
Categories
meinung

Wir sehen mehr als jemals zuvor, und verstehen so wenig wie nie


In Kürze

  • Regensburger Forscher können mit einem neuartigen Mikroskop Dinge auf atomarer Ebene sichtbar machen.
  • Das James-Webb-Teleskop liefert nie dagewesene Bilder des Universums.
  • Immer präzisere Instrumente zeigen in erster Linie, wie wenig wir wirklich wissen. Grundfragen bleiben unbeantwortet, im Großen wie im Kleinen.
  • Wahre Erkenntnisse entstehen durch neue Perspektiven, die nicht durch bessere Technik zu erreichen sind.

 
Atomare Eigenschaften konnten bisher nur berechnet oder gemessen werden. Physikern um Felix Schiegl von der Universität Regensburg ist es 2025 gelungen, die feinsten Strukturen erstmals rein optisch abzubilden. Das verwendete Nahfeld-optische Tunnelmikroskop (NOTE) ermöglicht durch Quanteneffekte Messungen bis etwa 0,1 Nanometer (nm). Im Vergleich zur herkömmlichen Lichtmikroskopie verbessert dies die Auflösung um mehr als das Tausendfache. Deren theoretische Auflösungsgrenze liegt bei 177 bis 488 nm.
Am anderen Ende der Größenskala zeigen James-Webb- und andere Teleskope das Universum in einer Klarheit, die vor Jahrzehnten noch unvorstellbar gewesen wäre. Galaxien, einst optisch nur als schwache Flecken sichtbar, treten als gewaltige, fein strukturierte Systeme hervor. Gaswolken leuchten in pastellenen Schichten, und selbst die Regionen um Schwarze Löcher, einst nur theoretisch greifbar, sind inzwischen wahrnehmbar und formen die Materie um sie herum.
Doch wenn wir mehr sehen, bedeutet dies zwangsläufig auch, dass wir mehr verstehen?
Es ist kaum möglich, Bilder aus den Tiefen des Universums zu betrachten, ohne ein demütiges Staunen zu empfinden. Hier handelt es sich um reale Beobachtungen, entstanden aus Licht, das Milliarden von Jahren durch den Weltraum gereist ist, bevor es uns erreichte. Die Bilder sind ohne Frage eine Errungenschaft menschlichen Erfindungsreichtums, und doch sind sie für einige Wissenschaftler etwas beunruhigend: Sie zeigen etwas, was niemand erwartet hätte.

Bessere Bilder erweitern, was wir nicht wissen

Eine der überraschendsten Entdeckungen, die das James-Webb-Teleskop ermöglichte, ist die Erkenntnis, dass Galaxien scheinbar deutlich früher entstanden sein müssen, als theoretische Modelle prognostizierten. Strukturen, die einst als langwierig in ihrer Entstehung eingestuft worden waren, schienen sich rasant entwickelt zu haben. Das frühe Universum, das lange als einfach und spärlich galt, erscheint nun komplex und hochgradig organisiert.
Über Dekaden gingen wir davon aus, dass ein detaillierteres Bild des Universums auch zu einem tieferen Verständnis desselben führen müsste. Mit der Entwicklung einer immer noch verbesserten Auflösung unserer Teleskope glaubten wir, dass sich die Geschichte des Kosmos endlich offenbaren werde. Aber das Gegenteil ist der Fall. Was einst für eine einfache Struktur gehalten wurde, offenbart sich heute als fein abgestimmtes, hochdynamisches System.
Schwarze Löcher erzählen eine ähnliche Geschichte: Das James-Webb-Teleskop hat gezeigt, dass es keine seltenen kosmischen Kuriositäten sind. Sie sind zahlreich, einflussreich und formen ganze Regionen des Weltalls. Und dann wäre da noch das größte Rätsel von allen: Ein fundamentaler Teil des Universums scheint aus Materie zu bestehen, die wir nicht unmittelbar sehen können. Dunkle Materie und dunkle Energie sind Bezeichnungen, die wir unbekannten Kräften geben, die wir nur anhand ihrer Auswirkungen ableiten können.
Trotz jahrzehntelanger Forschung und zunehmend detaillierterer Bilder wissen wir nach wie vor nicht, um welche Energien und Kräfte es sich handelt, die doch alles zu beherrschen scheinen.
Die grundlegenden Fragen bleiben auch hier offen: Warum bestehen die Gesetze der Physik so, wie sie bestehen? Was hält das Universum schließlich zusammen? Und auch das gilt ebenso im Mikroskopischen: Obwohl wir beschreiben können, was das Gehirn tut, wissen wir nicht, warum Bewusstsein überhaupt existiert.
Wieder und wieder zeigen uns unsere Werkzeuge, wie sich die Dinge verhalten – aber nicht, warum sie existieren.

An der Grenze des Erkennbaren angekommen

Lange Zeit haben wir angenommen, dass sich die Antworten automatisch offenbaren würden, wenn wir noch genauer hinschauen, noch mehr Details oder das noch größere Ganze sehen können. Wir haben uns vorgestellt, dass sich der Vorhang bald vollständig lüftet und damit Erkenntnisse wie selbstverständlich hinter der nächsten, verbesserten technischen Auflösung in Erscheinung treten werden. Doch die Zeit hat uns lediglich vor Augen geführt, dass wir von beispiellosen Details, Strukturen und Daten umringt sind, während die tiefsten Geheimnisse weiterhin unergründlicher erscheinen als je zuvor.
Unsere modernen Apparaturen sind außerordentlich gut im Messen und Kartieren, doch sie wurden nicht dafür entwickelt, uns die Bedeutung des Untersuchten in ihrem Wesen zu erläutern. Wir besitzen keine visuelle Vorstellungskraft dafür, wie die Existenz physikalischer Gesetze oder deren fein abgestimmtes Gleichgewicht zu erklären sein könnten. Damit haben wir eine Grenze unserer Forschung erreicht, die wir längst hätten erkennen müssen.
Aus historischer Sicht resultierten die wichtigsten Erkenntnisse der Menschheit nicht aus der Anwendung präziserer Werkzeuge. Sie offenbarten sich in Perspektivwechseln. Durch Menschen, die neue Fragen zu den vorhandenen Wahrnehmungen und Daten stellten.
Das heliozentrische Weltbild, das die Sonne anstatt die Erde ins Zentrum gestellt hat, hat das Verständnis über den Kosmos grundlegend verändert. Buddha hat durch tiefe Selbstreflexion Einsicht in die Ursachen des Leidens gewonnen. Und Sokrates hat durch konsequentes Hinterfragen erkannt, dass wahre Weisheit im Bewusstsein der eigenen Unwissenheit liegt. In allen drei Fällen hat nicht die Technik, sondern eine neue Sichtweise zu grundlegender Erkenntnis geführt.
Beobachtung war schon immer wichtig, aber Einsicht und Weisheit waren früher noch wichtiger.

Wissen ist Macht, doch welche Macht haben wir wirklich?

Heute sind wir außerordentlich versiert darin, Informationen zu sammeln; doch ist uns häufig nicht klar, zu welchem Resultat dies jeweils führen wird. Sollte uns nicht genau das zu denken geben? Denn der optische Eindruck, den das James-Webb-Teleskop letztlich vermittelt, fußt nicht auf irgendeinem spontanen Zufall, sondern bildet sich in einer bemerkenswerten Präzision ab.
Auf jeder Ebene schauen wir auf ein Gleichgewicht, eine Struktur und eine so exakte Feinabstimmung, dass selbst kleinste Veränderungen ganze Systeme zerstören würden. Von Galaxien bis zu den Bestandteilen der Materie selbst wirkt die Realität sorgfältig und bis ins kleinste Detail geplant.
Wir leben in einer Kultur, die Wissen oft als Mittel zur Kontrolle einordnet. Wir nehmen an, dass Verständnis gleichbedeutend mit Beherrschung ist und diese naturgemäß auf immer klarerem Sehen beruht. Und wieder und wieder widersetzt sich das Universum dieser Vorstellung. Je genauer wir optisch wahrnehmen, desto deutlicher stoßen wir auf Grenzen. Nicht nur in unseren Theorien, sondern auch in dem, was unsere technischen Apparate leisten.
Unsere neuen Mikroskope und Teleskope sind in ihrer Reichweite außergewöhnlich. Dies ermöglicht, feiner und ferner zu sehen als jemals zuvor. Doch keines dieser Geräte hat uns den Antworten auf unsere größten Fragen nähergebracht. Sie haben uns lediglich gezeigt, dass Antworten nicht durch neue Werkzeuge oder eine engere Sichtweise gefunden werden können. Sie haben uns gezeigt, woher die Antworten nicht kommen werden. Das schmälert keineswegs die menschlichen Leistungen. Es relativiert sie.

Der Kern neuer Erkenntnisse … liegt in uns

Irgendwann in der Geschichte haben wir begonnen, von unseren Messgeräten und Maschinen zu erwarten, dass sie uns Sinn stiften. Uns nicht nur Informationen, sondern auch bedeutungsvoll Essenz vermitteln. Doch als sie uns ein ums andere Mal enttäuscht haben, hat sich die Gesellschaft dazu entschieden – anstatt innezuhalten und nachzudenken –, dass Bedeutung selbst eine Illusion sein müsse und die menschliche Wahrnehmung das Problem sei.
Was, wenn das Gegenteil der Fall ist?
Was wäre, wenn das menschliche Sehen selbst, als perfektes Konstrukt und geprägt von Erfahrung, Erinnerung, Gewissen und Ehrfurcht, in Wahrheit ein wesentlicher Erkenntnisweg zum wahren Bewusstsein wäre? Wenn Nachdenken, Ehrfurcht und sogar das Gebet nicht durch irgendeine Technik ersetzbare Wege der Realitätswahrnehmung sind?
In diesem Sinne erweitert das James-Webb-Teleskop nicht nur unsere Sicht, es rückt sie wieder gerade.
Wenn uns diese neuen Bilder etwas lehren, dann vielleicht nicht, dass das Universum endlich erklärt ist. Sondern dass die Realität sorgfältiger gestaltet, großartiger und geheimnisvoller ist, als wir es uns jemals hätten vorstellen können.
Vielleicht besteht der nächste Schritt nicht darin, genauer hinzuschauen, sondern klüger hinzuschauen. Neu zu lernen, wie wir mit den Augen sehen, die uns gegeben wurden. Möglicherweise ist es das, wozu das Sehen als Kern der Wahrnehmung, in seiner reinsten Form, schon immer gedient hat.
Dieser Artikel erschien im Original in der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times unter dem Titel: „Seeing More Than Ever but No Closer to Understanding“. (redaktionelle Bearbeitung sj/ts)