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Die „Legende“ von Winnie Puuh – Heilung für kranke Herzen im Hundert-Morgen-Wald

Es naht der 100. Geburtstag von Winnie Puuh, dem Protagonisten einer Kinderbuchreihe von Alan Alexander Milne (1882–1956). Die Bücher erschienen in einer Zeit, die unserer heutigen sehr ähnlich war, und sie vermitteln eine Grundhaltung und Botschaft, auf die wir uns wieder besinnen sollten.
In einer Zeit des Zynismus sowie des sozialen und kulturellen Zerfalls müssen wir die Unschuld der Kindheit wiederentdecken und neu erleben.
Die Bücher bescherten England und der gesamten englischsprachigen Welt nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs eine Art Wiedergeburt. 2017 erschien mit „Goodbye Christopher Robin“ ein Film über den Autor und seine Biografie.
Es ist ein brillanter Film über die Hintergründe, die auf das Kriegstrauma des Autors zurückzuführen sind. Jahrelang arbeitete er daran, die Öffentlichkeit dazu zu bringen, sich der schrecklichen Wahrheit zu stellen. Doch er schrieb für ein Publikum, das vergessen wollte. Seine Antwort fand er in der Fantasie seines Sohnes Christopher Robin.
Hartfield, England, am 7. Juli 2026 – Eine Torte zum 100-jährigen Jubiläum von „Winnie-the-Pooh“ im Ashdown Forest, der als Inspiration für den „Hundert-Morgen-Wald“ in A.A. Milnes Winnie-Puuh-Kinderbüchern diente. Foto: Chris Jackson/Getty Images

Hartfield, England, am 7. Juli 2026: Eine Torte zum 100-jährigen Jubiläum von „Winnie-the-Pooh“ im Ashdown Forest, der als Inspiration für den „Hundert-Morgen-Wald“ in A.A. Milnes Winnie-Puuh-Kinderbüchern diente.

Foto: Chris Jackson/Getty Images

Ein Zeitalter des Fortschritts

Es ist wichtig, den Kontext zu verstehen. Vor dem Ersten Weltkrieg erlebte die Menschheit jahrzehntelang einige der größten technologischen und sozialen Fortschritte ihrer Geschichte. Das Tempo der technologischen Entwicklung war atemberaubend.
Die Stadtbilder veränderten sich dramatisch, Gebäude ragten bis in die Wolken. Stahl ermöglichte den Bau von Brücken wie nie zuvor. Elektrizität erhellte die Dunkelheit. Die Telefonie revolutionierte die Kommunikation. Fliegen war nun möglich.
Daher entstand im späten 19. Jahrhundert die Ideologie, dass Frieden und Wohlstand nun unvermeidlich seien, da die Menschheit endlich das Geheimnis großer Gesellschaften verstanden habe. Das Britische Empire befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, und es schien, als könne nichts den Marsch des Fortschritts aufhalten. Man konnte es in all der Literatur jener Zeit spüren, den alles durchdringenden Drang nach Perfektionismus in menschlichen Angelegenheiten.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerschmetterte alles. Er machte auf erschreckende Weise die Brutalität der neuen Technologie deutlich, die in den Händen von Staatsmännern lag, die keine Ahnung hatten, was sie taten. Und jede Gemeinschaft und jede Familie bekam das zu spüren. Das Blutvergießen war schockierend. Ebenso war es die Art und Weise, wie die gesamte Zivilbevölkerung der meisten Länder Europas sowie vieler Länder in Amerika mit in den Krieg hineingezogen wurde.

Die Grauen des Krieges

Milne wurde in London geboren und besuchte eine von seinem Vater geleitete Schule. Er studierte Mathematik am Trinity College in Cambridge und arbeitete als Redaktionsassistent und Autor bei der Satirezeitschrift „Punch“. Nachdem er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte – er wäre ohnehin eingezogen worden –, veränderte ihn diese Erfahrung für immer.
Im Juli 1916 wurde er an die Westfront in Frankreich geschickt, wo er in der Anfangsphase der Schlacht an der Somme – einer der blutigsten Schlachten des Krieges – als Fernmeldeoffizier diente. Zu seinen Aufgaben gehörte das Verlegen und Warten von Telefonkabeln unter gefährlichen Bedingungen – manchmal an oder nahe der Frontlinie oder im Niemandsland.
Er wurde Zeuge heftiger Kämpfe und schwerer Verluste. Enge Freunde kamen ums Leben. Einer von ihnen war Ernest Pusch, der von einer Granate zerfetzt wurde, als er sich gerade zum Tee niederlassen wollte. Den Bruder von Pusch erwischte später ein Scharfschütze. Mindestens einmal unternahm seine Einheit einen Angriff, der durch deutsches Maschinengewehrfeuer niedergemäht wurde. Keiner der Männer gelangte näher als etwa 20 Yards an die deutschen Schützengräben heran. Bei diesem Einsatz erlitt das Bataillon Dutzende Tote und über 100 Verwundete.
Im November 1916 befand sich das Bataillon in ruhigeren Schützengräben bei Loos in Nordfrankreich. Zuvor war es von den Hauptkämpfen an der Somme abgezogen worden. Dort erkrankte Milne an Schützengrabenfieber, einer durch Körperläuse übertragenen bakteriellen Infektion, die wiederkehrendes hohes Fieber und anhaltende Schwäche verursacht. Man evakuierte ihn nach England, wo er wochenlang im Krankenhaus lag.

Vom Kriegsministerium in eine Fantasiewelt

Nach seiner Genesung wurde er ans Kriegsministerium versetzt, genauer gesagt zur Abteilung für Militärgeheimdienst und Propaganda, wo er Propagandamaterial verfasste. Das heißt, seine Aufgabe war es, zu lügen.
Später beschrieb er diese Erfahrung in drastischen Worten und schrieb, dass ihm „vor lauter geistigem und moralischem Verfall fast übel wurde“. Wie alle anderen auch litt er unter einem extremen „Shell Shock“, heute als PTBS bezeichnet, was keine Krankheit ist, sondern ein Trauma, das aus moralischem Entsetzen entsteht. Nichts davon ergab einen Sinn, was es übrigens nie tut.
Später versuchte er verzweifelt, seine Talente einzusetzen, um zu beschreiben, zu erklären und zu warnen. Er fand jedoch kein Publikum und litt sehr darunter. Deprimiert und verloren stürzte er sich in die Vaterschaft. Jeder Elternteil versteht genau, was er in seinem kleinen Jungen sah. Er sah einen Neuanfang, ein neues Leben, das in Unschuld geboren und bereit für ein großartiges Leben war. Dem Kind blieb das Trauma seines Vaters erspart. Sein Vater erkannte, dass seine wichtigste Aufgabe im Leben darin bestand, die Welt durch das Leben seines Sohnes zu inspirieren.
Konkret erfanden er und sein Sohn magische Fantasiewelten mit Stofftieren. Sie schufen eine friedliche, glückliche und vielfältige Gemeinschaft der Freundschaft, voller Exzentrik und Abenteuer. Als Milne spürte, wie diese Erfahrung zu einer Quelle seiner eigenen Heilung wurde, gab er das Schreiben schrecklicher Kriegsgeschichten auf und schlug einen anderen Weg ein – hin zur Feier der Unschuld der Kindheit.

Der Bär, das Schweinchen und der Tiger

Aus den Spielsachen seines Sohnes entstanden Winnie Puuh sowie Ferkel, I-Aah, Ruh, Tigger, Eule und Hase.
Der Hundert-Morgen-Wald, der Schauplatz der Geschichten, ist dem Ashdown Forest in der Nähe der Cotchford Farm, dem Landhaus der Familie Milne in East Sussex, nachempfunden.
Milne ließ den Bären erstmals in einer Version des Gedichts „Teddy Bear“ auftreten, das im Magazin „Punch“ und in der Gedichtsammlung „When We Were Very Young“ aus dem Jahr 1924 veröffentlicht wurde. Die erste vollständige Geschichte „The Wrong Sort of Bees“, in der es um Poohs Versuch geht, mit einem Ballon an Honig zu gelangen, erschien am Heiligabend 1925 in der „London Evening News“. Es folgten die Hauptbücher, alle illustriert von E.H. Shepard, dessen Zeichnungen – teilweise basierend auf dem Bären seines eigenen Sohnes – sich untrennbar mit dem Text verbanden.
Der Ton ist sanft, humorvoll und zurückhaltend – voller Wortspiele, wörtlich genommener Logik und kleiner „Abenteuer“, die die alltägliche Fantasie feiern. Die Hauptwerke erschienen Mitte bis Ende der 1920er-Jahre.
Ein Winnie-Puuh-Plüschtier im Archiv der Walt Disney Studios in Burbank, Kalifornien. Winnie Puuh, der sich selbst als Bär mit „sehr wenig Verstand“ bezeichnet und Generationen mit seiner bodenständigen und herzlichen Weisheit verzaubert hat, wird 100 Jahre alt. Foto: Patrick T. Fallon / AFP via Getty Images

Ein Winnie-Puuh-Plüschtier im Archiv der Walt Disney Studios in Burbank, Kalifornien. Winnie Puuh, der sich selbst als Bär mit „sehr wenig Verstand“ bezeichnet und mit seiner bodenständigen und herzlichen Weisheit Generationen verzaubert hat, wird 100 Jahre alt.

Foto: Patrick T. Fallon/AFP via Getty Images

Erfolg auf ganzer Linie

Die Bücher waren auf Anhieb sowohl kommerziell als auch bei den Kritikern ein großer Erfolg. „Winnie Puuh“ verkaufte sich in Großbritannien rasch zehntausendfach und in den Vereinigten Staaten bis Ende 1926 150.000 Mal. Seither werden die Bücher immer wieder gedruckt und in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Es gibt sogar eine lateinische Fassung mit dem Titel „Winnie ille Pu“, die es auf die Bestsellerliste der New York Times schaffte. Weltweit wurden viele Millionen der Bücher verkauft.
Das Merchandising begann schon früh. So erwarb Stephen Slesinger in den 1930er-Jahren die Rechte und Disney kaufte 1961 die Lizenz für die Figuren. 1966 veröffentlichte Disney auch den ersten Zeichentrickkurzfilm „Winnie the Pooh and the Honey Tree“ und baute ein riesiges globales Franchise auf – aus Filmen, Fernsehserien, Attraktionen in Freizeitparks und Produkten. So wurde Winnie Puuh zu einer der weltweit bekanntesten Figuren.
Die originalen Plüschtiere sind in der New York Public Library ausgestellt. Die Bücher beeinflussten spätere Werke, darunter Benjamin Hoffs „The Tao of Pooh“, philosophische Diskussionen und die Populärkultur. Sie sahen sich aber auch gelegentlich moderner Kritik oder politischer Instrumentalisierung ausgesetzt, zum Beispiel in Form von Memes.

Genesung im Hundert-Morgen-Wald

Warum ist das in unserer heutigen Zeit von Bedeutung? Die letzten sechs Jahre – beginnend mit der verfehlten Reaktion auf die Pandemie – waren vergleichbar mit unserem eigenen Großen Krieg: Die versprochene Ausrottung einer Krankheit wurde zu einem Angriff auf Grundrechte und Freiheiten, der in einer aus der Laborwissenschaft hervorgegangenen biologischen Invasion gipfelte. Das Ganze endete in einem Trauma.
Durch das Leben von Kindern können Erwachsene eine Flucht vor den Traumata des Lebens finden. Das ist einer der größten Segen, die das Kinderhaben mit sich bringt. Kinder vermitteln die Hoffnung, dass das Leben neu beginnen kann – frisch und unberührt von den Verwüstungen und Grausamkeiten der Welt. Sie öffnen uns ein Fenster zu der Freude, die möglich ist. Insbesondere Winnie Puuh feiert die kleinen Freuden des häuslichen Lebens und der eigenen Umgebung – das Einzige, was wir letztlich selbst in der Hand haben.
Milne fand seine Antwort auf das Trauma und teilte sie mit der Welt. Sein Gesamtwerk ist für uns noch immer so frisch und aktuell wie am Tag seiner Entstehung. Und wir alle brauchen diesen Hundert-Morgen-Wald in unserem eigenen Leben.

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Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Triumph of Winnie-the-Pooh“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Schuppenflechte: Warum Salben oft versagen – und was wirklich hinter den Ausbrüchen steckt

Ich erinnere mich gut an Frau M., eine 42-jährige Patientin, die eines Morgens in meine Praxis kam, die Hände verkrampft ineinander verschränkt. Ihre Schuppenflechte-Erkrankung (Psoriasis) war außer Kontrolle geraten.
Die Haut an ihren Ellenbogen war entzündet, die Stellen am Kopf brannten; nachts wachte sie auf, weil die Schuppen sich lösten und das Kissen blutig wurde. Den Juckreiz beschrieb sie als unerträglich. Doch während sie sprach, wurde mir klar, dass die Haut nur die Oberfläche war.
Sie erzählte von der Pflege ihrer demenzkranken Mutter, von einem Job, der sie überforderte, von einer Ehe, die seit Jahren unter Schweigen litt. Sie schlief kaum noch, aß unregelmäßig und fühlte sich ständig gehetzt.
„Ich habe das Gefühl, mein Körper schreit“, sagte sie. Und so wusste ich: Die Haut war nicht das Problem. Sie war der Bote.

Die Haut als Spiegel eines überlasteten Systems

Schuppenflechte (Psoriasis) ist eine chronisch-entzündliche, nicht ansteckende Erkrankung, die sich schubweise als gerötete, schuppende, schmerzhafte und juckende Hautstellen manifestiert. Die Erkrankung ist genetisch bedingt und kann verschiedene Auslöser haben.
Dazu zählen in klassischen Fällen verschiedene Hautreizungen, oft unter dem Namen Köbner-Phänomen zusammengefasst. Darunter fällt beispielsweise ein Aufflammen der Psoriasis nach Schnitten, Insektenstichen, Sonnenbrand oder als Reaktion auf Shampoos oder Kosmetik.
Bei schwerwiegenden Schüben, wie bei Frau M., beginnt es meiner Erfahrung nach aber selten mit Reizen auf der Haut. Viele Patienten berichten von einer Phase der Überlastung, von Konflikten, Schlafmangel, beruflichem Druck oder familiären Belastungen vor den Schüben. Erst danach erscheinen die roten, schuppenden Stellen, die brennen, jucken und sich ausbreiten.
Früher galt Schuppenflechte als reine Hautkrankheit. Doch aus ganzheitsmedizinischer Sicht wurde sie schon lange als das Endprodukt eines überlasteten Immunsystems, eines gestörten Stresssystems und einer Lebensrealität, die den Körper permanent überfordert, betrachtet.
Die moderne Forschung bestätigt, dass Schuppenflechte weit mehr ist als eine dermatologische Erkrankung. Mehrere Studien belegen, dass Patienten deutlich erhöhte systemische Entzündungsmarker aufweisen – unabhängig davon, wie die Haut aussieht.

Die Rolle der Darm-Haut-Achse

Auch die Darm-Haut-Achse spielt eine wichtige Rolle beim Auftreten von Schuppenflechte. Die im Jahr 2015 veröffentlichte Studie von Scher und Kollegen zeigt, dass Patienten charakteristische Veränderungen der Darmflora aufweisen, die dafür bekannt sind, immunologische Fehlregulationen zu begünstigen. Der Darm ist ein immunologisches Zentrum – wenn er aus dem Gleichgewicht gerät, kann eine Reaktion der Haut die Folge sein.
Es ist aus umfangreichen Forschungen zudem bekannt, dass sich das Darmmikrobiom durch Stress ebenfalls verändert, was bei Psoriasis-Patienten, wie bei Frau M., die einer großen Stressbelastung im Alltag ausgesetzt sind, zu einer Verschlechterung der Erkrankung beitragen kann.
Daher sollte meiner Empfehlung nach eine Darmsanierung in Form einer gezielten Unterstützung der Darmflora eine Basistherapie für Betroffene sein.
Hinzu kommt die stille Entzündung, die viele Patienten begleitet. Forscher konnten in einer im Jahr 2017 im Fachjournal Journal of the American Academy of Dermatology erschienenen Studie zeigen, dass Schuppenflechte eng mit metabolischen Störungen wie Insulinresistenz und chronischer Low-Grade-Inflammation (was umgangssprachlich als „stille Entzündung“ bezeichnet wird) verknüpft ist.
Auch in diesen Fällen kann es eine wichtige Unterstützung sein, die Darmflora wieder gezielt ins Gleichgewicht zu bringen.

Stress als unsichtbarer Brandbeschleuniger

Was mich in der Praxis immer wieder beeindruckt, ist die Macht des Stresssystems. Frau M. ist ein typisches Beispiel dafür: Ihre Haut entzündete sich nicht infolge eines äußeren Reizes, sondern wegen eines Lebens, das sie überforderte. Die Psoriasis war nicht nur eine schmerzende Krankheit auf der Haut – sie war ein Stressbarometer.
Frau M. ist in diesem Zusammenhang kein Einzelfall. Viele Patienten berichten, dass Schübe nach Konflikten, Schlafmangel, Überlastung oder emotionalen Krisen auftreten. Die Haut reagiert nicht isoliert – sie reagiert auf das Nervensystem.
Studien zeigen, dass Stress die Entzündungen fördert und Schuppenflechte-Schübe bei einem Teil der untersuchten Patienten verstärkt. Chronischer Stress verändert die Immunantwort, begünstigt Schwankungen des Stresshormons Cortisol und destabilisiert die natürliche Schutzschicht der Haut.

Die Kraft alter Heilmethoden im modernen Entzündungszeitalter

Klassische schulmedizinische Therapien bei Schuppenflechte umfassen je nach Schweregrad topische Anwendungen wie Cremes, die Kortison, Vitamin-D3-Analoga oder Salicylsäure enthalten, Lichtbehandlungen und in schwerwiegenderen Fällen systemische immunsuppressive oder immunmodulierende Medikamente.
In der ganzheitsmedizinischen Perspektive geht es darum, das Ganze zu betrachten. Nicht nur die entzündete und juckende Haut und die systemische Entzündung, sondern den ganzen Menschen, seine Belastungen, seine Lebensgeschichte, seine physiologischen und emotionalen Muster. Und genau hier finden traditionelle Heilmethoden ihren Platz – nicht als Ersatz für schulmedizinische Therapien, sondern als Erweiterung des Blicks.
Akupunktur etwa wird in modernen Studien zunehmend als regulierender Einfluss auf das Stress- und Immunsystem beschrieben. Untersuchungen zeigen, dass Akupunktur für viele Patienten zur Entspannung, Beruhigung des vegetativen Nervensystems und Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens beitragen kann.
Eine im Jahr 2018 veröffentlichte Tierstudie liefert Hinweise, dass Akupunktur auch neuroendokrine Achsen beeinflussen kann, die unter anderem auch bei Schuppenflechte überaktiv sind. Größere klinische Studien am Menschen dazu werden derzeit durchgeführt.
Auch die Homöopathie verdient in diesem Zusammenhang eine differenzierte Betrachtung. Viele Patienten berichten, dass homöopathische Behandlungen ihnen helfen, Stress zu reduzieren, den Schlaf zu verbessern und emotionale Belastungen zu verarbeiten – alles Faktoren, die im Zusammenhang mit dem Auftreten von Schuppenflechte stehen und, wie im Fall von Frau M., maßgeblich zur Verbesserung der Symptome beitrugen.
Forschungen in Bezug auf den Placeboeffekt zeigen, dass schon die therapeutische Begegnung selbst, wie beispielsweise persönliche Gespräche mit einem Arzt ohne aktive Medikamentengabe, physiologische Prozesse aktiviert, die Entzündung und Stress modulieren können. In der ganzheitsmedizinischen Sichtweise wird Homöopathie deshalb nicht nur aufgrund dieses Placeboeffekts eigesetzt, sondern als ein Schritt zu einem strukturierten Heilraum, der Körper und Psyche in einen Zustand bringt, in dem Heilung beginnen kann.

Vier Cremes, aber keine ganzheitliche Veränderung

Für eine nachhaltige Verbesserung der Schuppenflechte ist ein vollständiges Bild des Patienten aus Sicht der Ganzheitsmedizin unverzichtbar. Ein umfassender Fachbericht aus dem Jahr 2019 bestätigte ebenfalls, dass Psoriasis-Patienten, die interdisziplinär betreut werden, deutlich bessere Therapieerfolge erzielen.
Wenn mehrere Fachrichtungen zusammenarbeiten und sich austauschen, entsteht ein vollständigeres Bild des Menschen, das über einzelne Symptome hinausgeht. Doch in der Realität bleibt diese umfassende Zusammenarbeit trotz mehrerer Arztbesuche und elektronisch zugänglicher Patientendaten oft aus.
Frau M. war, bevor sie zu mir in die Praxis kam, bereits beim Hausarzt, Dermatologen, Rheumatologen und Gastroenterologen. Sie hatte drei Diagnosen und vier verschiedene Cremes. Die Symptome auf ihrer Haut wurden bereits behandelt, aber erst der ganzheitliche Blick auf ihre Lebensumstände, gezielte Stressreduktion und die Unterstützung ihres Darmmikrobioms brachten einen Durchbruch.

Fazit

Psoriasis ist keine reine Hautkrankheit. Sie ist eine Systemkrankheit, die im Immunsystem beginnt, vom Nervensystem beeinflusst wird, im Darm verstärkt wird und sich auf der Haut zeigt.
Mein Rat für Betroffene lautet: Beobachten Sie nicht nur Ihre Haut, sondern Ihr Leben.
Schübe entstehen oft dort, wo Stress, Schlafmangel, Konflikte oder Überlastung beginnen. Aus Sicht der Ganzheitsmedizin ist die Reaktion der Haut die Botschaft. Und diese Botschaft lautet: Der Körper braucht Entlastung, Balance, Stabilität und Zeit. Eine ganzheitliche Heilung beginnt daher nicht auf der Haut – sie beginnt im System.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)
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Schweden: Wie die Schulwahl die Gesellschaft prägt

Gebt mir eine Kristallkugel, und ich werde vorhersagen, welche Entscheidungen die heutigen schwedischen Schüler beim Wechsel in die Oberstufe später im Leben treffen werden. Es geht um ihr Studium, ihre Arbeitsplätze, ihre Rentenentwicklung und nicht zuletzt ihr zukünftiges Wahlverhalten. Natürlich handelt es sich dabei nur um grobe Trends auf Makroebene, und es gibt Einzelpersonen, die aus dem Muster ausbrechen. Das war schon immer so. Doch die Grundzüge scheinen sowohl in Schweden als auch in Finnland, zwei vergleichbaren Ländern mit ähnlichen Schulsystemen, dieselben zu sein. Interessant ist, dass sich diese Trends offenbar im letzten Jahrzehnt, vielleicht sogar noch länger, gehalten haben.

Der erste Trend

Dieser betrifft die Wahl des Gymnasialzweigs. Als besonders anspruchsvoll gelten die Gymnasialzweige Naturwissenschaften und Technik. In Finnland sind es die Fächer „Mathematik für Fortgeschrittene“ und „Physik“, die die höchsten Anforderungen stellen.
Neben den auf ein Hochschulstudium vorbereitenden Zweigen gibt es in Schweden berufsbildende Gymnasien und in Finnland entsprechende Berufsschulen. In Schweden besteht der Ausbildungsgang „Pflege und Betreuung“ zu etwa 14 Prozent aus Männern und zu 86 Prozent aus Frauen. Der Ausbildungsgang „Elektrotechnik und Energie“ weist 96 Prozent Männer und nur 4 Prozent Frauen auf. Die berufliche Bildung der Sekundarstufe II in Finnland weist entsprechende Unterschiede auf: 15–20 Prozent Männer und 80–85 Prozent Frauen im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens. In den technischen Berufsausbildungen sind etwa 75–80 Prozent Männer und 20–25 Prozent Frauen. Auch die Ausbildungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) werden von Männern dominiert: 75 Prozent.
Nach dem hochschulvorbereitenden Gymnasium nehmen etwa 70–85 Prozent der Schüler in Schweden und 75–85 Prozent in Finnland ein Studium an einer Universität oder Hochschule auf. Die übrigen treten direkt ins Berufsleben ein, wobei etwa drei Viertel im privaten Sektor und ein Viertel im öffentlichen Sektor arbeiten.
Aus internationaler Sicht gehören sowohl Schweden als auch Finnland zu den OECD-Ländern mit der stärksten geschlechtsspezifischen Segregation bei der Berufswahl. Gleichzeitig gehören sie aber auch zu den Ländern mit der größten Gleichstellung beim Bildungsniveau. Das bedeutet, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in erster Linie damit zusammenhängen, welche Ausbildungsgänge die Menschen wählen – und nicht mit dem Zugang zu Bildung.
In Finnland absolvieren weniger Männer eine Ausbildung im Gesundheitswesen als in Schweden, während in Schweden etwas mehr Frauen eine technische Ausbildung absolvieren als in Finnland. Dennoch ist die Geschlechterverteilung deutlich ungleicher als in vielen südeuropäischen Ländern. Dies wird gemeinhin als das nordische Gleichstellungsparadoxon bezeichnet und stellt ein interessantes Forschungsgebiet dar.
Junge schwedische Absolventen im Sommer 2017. Foto: HasseChr/iStock

Junge schwedische Absolventen im Sommer 2017.

Foto: HasseChr/iStock

Die Wahl des Arbeitsplatzes

Bei der Berufswahl sowie der Lohn- und Rentenentwicklung zeigen sich ebenfalls Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Nach dem Abschluss einer Ausbildung im Gesundheitswesen arbeitet der Großteil der Absolventen sowohl in Schweden als auch in Finnland im öffentlichen Sektor. In Schweden ist diese Dominanz am größten: Über 80 Prozent sind im öffentlichen Sektor tätig. Ärzte beider Geschlechter arbeiten etwas häufiger im privaten Sektor: 20–30 Prozent in beiden Ländern.
Es ist überraschend, dass das Wahlverhalten so stark von Geschlecht und Tätigkeit im öffentlichen oder privaten Sektor abhängt.
In den Bereichen Technik und Informations- und Kommunikationstechnologie zeigt sich ein gegenteiliges Bild: Diplom-Ingenieure und Technologie-Magister arbeiten sowohl in Schweden als auch in Finnland zu 85–90 Prozent im privaten Sektor, unter anderem in der Industrie, in Technologieunternehmen, in der IT, in Beratungsunternehmen und in der Telekommunikation. Der öffentliche Sektor umfasst das Verteidigungswesen, Universitäten sowie staatliche und kommunale Behörden. Etwa 4–5 Prozent der Absolventen sind Diplom-Ingenieure.
Das Gehaltsniveau liegt im öffentlichen Sektor im Allgemeinen niedriger, während die Privatwirtschaft je nach Branche deutlich höhere Gehälter für Hochqualifizierte sowie größere Möglichkeiten zum Branchen- oder Unternehmenswechsel bietet, wodurch sich andere Aufstiegsmöglichkeiten ergeben. Entsprechend verläuft natürlich auch die Rentenentwicklung anders: Die Männer und die wenigen Frauen, die in der Privatwirtschaft tätig sind, können tendenziell mit höheren Einkommen und damit auch besseren Renten rechnen. Die Frauen und die wenigen Männer, die sich für das Gesundheits- und Pflegewesen – oder den Lehrerberuf, der mit dem Gesundheitswesen vergleichbar ist – entschieden haben, arbeiten dagegen in stark regulierten Vergütungssystemen mit geringeren Aufstiegsmöglichkeiten und vergleichsweise niedrigeren Renten, obwohl die Studiendauer bei akademischen Berufen ähnlich lang sein kann.
Pia Heikkilä vom „Hufvudstadsbladet“, der auflagenstärksten schwedischsprachigen Tageszeitung in Finnland, sieht Gefahren darin, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung bestimmte Bereiche meidet. Denn es geht potenzielles Fachwissen verloren, wenn das Geschlecht die Berufswahl bestimmt. Der dadurch segregierte Arbeitsmarkt ist weniger flexibel und trägt zum Lohngefälle zwischen Frauen und Männern bei. Da weniger Frauen IT und Technik studieren, haben sie weniger Einfluss auf die rasante digitale Entwicklung, auch im Bereich der KI, während gleichzeitig Kindern, Patienten und Senioren männliche Pädagogen und Pflegekräfte fehlen. Ihre Schlussfolgerungen sind zutreffend und verdienen sowohl in Schweden als auch in Finnland Beachtung.

Unterschiede bei den nationalen Wahlen

Betrachten wir die Unterschiede bei den nationalen Wahlen auf allen drei Ebenen: Laut dem schwedischen Statistikamt (SCB) wählt eine deutliche Mehrheit der Beschäftigten im öffentlichen Dienst in Schweden die linken Parteien. Da der öffentliche Sektor stark von Frauen dominiert wird, ist dies ein deutliches Muster.
In Finnland verteilen sich die Stimmen der Beschäftigten im öffentlichen Dienst ziemlich gleichmäßig auf die Sozialdemokratische Partei Finnlands (SDP) und die Nationale Sammlungspartei (KOK), gefolgt von den Grünen, der Linkspartei sowie den kleineren Parteien. Blockübergreifende Regierungen sind eher die Regel als die Ausnahme.
In Schweden tendieren die Beschäftigten im privaten Sektor und Unternehmer größtenteils zu den Moderaten, dicht gefolgt von den Schwedendemokraten und den Sozialdemokraten. Die Zentrumspartei genießt unter Unternehmern nach wie vor eine stärkere Unterstützung als in vielen anderen Gruppen, doch historisch gesehen hat die Partei ihre frühere Sonderstellung eingebüßt. Gleichzeitig gewinnen die Schwedendemokraten bei den Kleinunternehmern an Boden.

Ein Blick in die Zukunft

Was bedeutet dies langfristig für die Entwicklung dieser Länder? Was bedeutet es für den Fachkräftemangel im Vergleich zum Mangel an hochtechnologischen Fachkräften, für die Ambivalenz der freien Wahl und für den Grundsatz, dass jeder Einzelne das Recht auf Wahlfreiheit und Selbstverwirklichung hat?
Schweden und Finnland sind nicht das autokratische China oder kommunistische Diktaturen, in denen die familiäre Herkunft und der Bedarf des Staates an hochtechnologischen Ausbildungen und fachkundigen Fachkräften die Zulassung zu Ausbildungsgängen bestimmen könnten. Doch auch in demokratischen Ländern kann der Staat die Studienplätze in Ausbildungsgängen für Berufe mit hohem Arbeitskräftebedarf erhöhen und ebenso beschließen, die Plätze in gefragten Ausbildungsgängen für Berufe zu reduzieren, bei denen eine verstärkte Ausbildung von der Gesellschaft nicht als Priorität angesehen wird.
Der Staat soll in einer Demokratie die freie Wahl der Schüler oder Studenten nicht lenken, kann aber vielleicht durch Anreize einen größeren Teil von ihnen in Mangelberufe und hochtechnologische Fachrichtungen lenken. Dies erfordert jedoch andere Wahlmöglichkeiten als die derzeitigen Entscheidungen in der Oberstufe. Wir müssen zudem berücksichtigen, wie KI die Spielregeln verändert. Bestimmte Berufe könnten dezimiert oder ersetzt werden, während Handwerksberufe, Pflegeberufe und die Medizin stets handwerkliches Geschick und berufliche Fachkompetenz erfordern werden. Eine solche Steuerung birgt zudem die Gefahr, dass Schüler von den Geisteswissenschaften und den bildenden Künsten abgehalten werden, die seit der Antike als Garanten einer kulturell und gesellschaftlich hochstehenden Gesellschaft gelten.
Tragen die Wahl der Oberstufe und des Berufs sowie künftige Arbeitsplätze im öffentlichen oder privaten Sektor zu einer zunehmenden Polarisierung in Schweden und Finnland bei? Gibt es einen Einfluss auf das Wahlverhalten, der sich von dem in den mittel- oder südeuropäischen Ländern und wahrscheinlich auch von der Entwicklung in Norwegen und Dänemark unterscheidet?
Es ist überraschend, dass das Wahlverhalten so stark nach Geschlecht und Tätigkeit im öffentlichen oder privaten Sektor gespalten ist. Schweden nimmt dabei aufgrund der langen Regierungszeit der Sozialdemokraten eine besondere Stellung ein. Vor der bevorstehenden Wahl hält die SAP zudem eine Einparteienregierung für möglich, die sich im Parlament auf wechselnde Mehrheiten stützen würde. Dass eine solche Regierung vermutlich schwächer ist als eine Mehrheitsregierung, versteht sich von selbst, doch mit Blockaden und roten Linien entstehen Probleme, ebenso wie durch die Polarisierung in der heutigen schwedischen Gesellschaft.
Das Wahlsystem mit den von den Parteihierarchien aufgestellten Listen ist an sich schon ein demokratisches Problem. In einigen vergleichbaren europäischen Ländern ermöglichen stärker personenbezogene Wahlsysteme eine größere persönliche Rechenschaftspflicht der gewählten Abgeordneten. Dort können Wähler stärker über die persönliche Unterstützung einzelner Kandidaten Einfluss auf die Zusammensetzung des Parlaments nehmen, anstatt ausschließlich über von den Parteien vorgegebene Listen.
Der Artikel erschien im Original auf epochtimes.se unter dem Titel „Elevers skolval formar samhället“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Die Kraft des Spielens: Warum Erwachsene das genauso brauchen wie Kinder

Kinder verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit Spielen. Und das zu Recht. Laut dem National Institute for Play (NIP) mit Sitz in Kalifornien ist „das Spielen entscheidend dafür, wie sich Menschen und andere Spezies entwickeln, funktionieren und innovativ sind“.
Das NIP erklärt, dass das Spielen tief in unseren Nervenstrukturen verankert ist. Es ist fest in unserer Biologie verwurzelt. Affektive Neurowissenschaftler haben sieben primäre emotionale Systeme identifiziert, mit denen wir geboren werden. Dazu gehört auch das Spielen. Spielkreisläufe im Mittelhirn aktivieren weitreichende neuronale Netzwerke und stärken somit die neuronalen Verbindungen, die mit Sozialisation, Bewegung und emotionaler Regulierung zusammenhängen.

Das Gehirn entwickelt sich spielend

Für Kinder ist die Spielzeit entscheidend für ihre Entwicklung und ihr Lernen – vom Kleinkind bis in die Jugend hinein und darüber hinaus. Spielen hilft Säuglingen dabei, ihre Koordination und ihre Blickverfolgungsfähigkeiten zu entwickeln, während Kleinkinder dadurch sowohl körperliche als auch emotionale Widerstandsfähigkeit aufbauen. Kinder, denen beim Spielen ein angemessenes Maß an Freiheit gewährt wird, entwickeln zudem Kreativität. Denn ihre grenzenlose Vorstellungskraft kann dann frei schweifen und sie können an allem in ihrer Umgebung Spaß haben. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Förderung spielerischer Neugier die Lernergebnisse verbessert, während ein Mangel an Spiel mit emotionalen und Verhaltensproblemen in Verbindung gebracht wird.
Durch Fantasie und Spiel beginnen Kinder, die Welt zu begreifen, zu träumen, zu gestalten und zu experimentieren. Sie lernen, dass einige der wichtigsten menschlichen Aktivitäten Dinge sind, die wir um ihrer selbst willen tun – aus purer Freude daran und nicht unbedingt, um praktische Ergebnisse zu erzielen. Das Spielen weckt zudem Interessen und Neigungen, die den Charakter prägen und sich zu lebenslangen Beschäftigungen oder sogar Berufen entwickeln können. Das Kind, das sich leidenschaftlich für Ritterspiele begeistert, studiert später vielleicht Geschichte, während dasjenige, das von Legosteinen fasziniert ist, einen Weg in Richtung Ingenieurwesen einschlägt. Auf diese Weise kann das Spielen zu einem Tor zur Berufung werden.

Auch Erwachsene dürfen spielen

Aber nicht nur Kinder brauchen Verspieltheit in ihrem Leben. Die biologische Veranlagung zum Spielen verschwindet nicht einfach mit dem Alter; wir alle brauchen ein gewisses Maß an Spaß im Leben. Das NIP stellt fest: „Spielen ist ein grundlegender biologischer, psychologischer und sozialer Mechanismus, der prägt, wie wir über die gesamte Lebensspanne hinweg lernen, uns anpassen, Beziehungen knüpfen und uns entfalten. […] Wenn Spielen fehlt oder dauerhaft unterdrückt wird, sehen Forscher einen Zusammenhang zwischen diesem Mangel und Depressionen, einer beeinträchtigten sozialen Entwicklung sowie Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und beim Lernen.“
Die konkreten Vorteile für Erwachsene sind vielfältig. Unter anderem regt das Spielen die Kreativität an, baut stressbedingte Anspannung ab, verbessert die Gehirnfunktion und vertieft die Beziehungen zu anderen.
In seinem Buch „Essentialism: The Disciplined Pursuit of Less“ („Essentialismus: Die konsequente Suche nach Weniger“) empfiehlt der US-amerikanische Autor und Unternehmensstratege Greg McKeown Erwachsenen, insbesondere Berufstätigen, regelmäßig Zeit zum Spielen einzuplanen. Dazu müssen wir die Vorstellung ablehnen, dass Spielen trivial sei – ein Konzept, das wir uns aneignen, wenn wir die Kindheit hinter uns lassen.
Warum legt McKeown so großen Wert auf das Spielen? Zum einen hilft es uns, neue Denkweisen zu entwickeln. Das kann uns dabei unterstützen, Probleme zu lösen und in jedem Unterfangen herausragende Leistungen zu erbringen. McKeown schrieb über eine Studie mit Grizzlybären, die ergab, dass die Bären, die am meisten spielten, im Allgemeinen am längsten überlebten, da das Spielen sie darauf vorbereitet hatte, kreativ zu denken und Probleme zu lösen. Das Gleiche gilt für uns.
McKeown schreibt: „Spielen erweitert unseren Horizont auf eine Weise, die es uns ermöglicht, Neues zu erkunden: neue Ideen zu entwickeln oder alte Ideen in einem neuen Licht zu betrachten. Es macht uns neugieriger, aufgeschlossener für Neues und engagierter.“
Spielen ermöglicht es Menschen jeden Alters, neue Fähigkeiten zu erlernen und fördert gleichzeitig Experimentierfreude und lebenslange Neugier. Foto: Jevtic/iStock

Spielen ermöglicht es Menschen jeden Alters, neue Fähigkeiten zu erlernen, und fördert gleichzeitig Experimentierfreude und lebenslange Neugier.

Foto: Jevtic/iStock

Spielen für mehr Wohlbefinden

Aristoteles sagte bekanntlich: „Wir arbeiten, um Muße zu haben.“ Spiel und Muße sind zwar etwas unterschiedliche Kategorien, stehen aber in Zusammenhang, da beide als Ziel der Arbeit verstanden werden können – und nicht nur als Pausen von der Arbeit. Aristoteles vertritt hier die Ansicht, dass die wichtigsten, zutiefst menschlichen Dinge, die wir tun – zum Beispiel nach Wahrheit streben, mit anderen in Verbindung treten oder Schönheit schätzen –, nicht direkt mit den praktischen Aspekten der Arbeit verbunden sind. Vielmehr arbeiten wir, um die Möglichkeit zu haben, uns diesen befreienden, humanisierenden Aktivitäten zu widmen.
Das Spiel – auch wenn es weniger ernst ist als das, was Aristoteles als „Muße“ betrachtete – hilft uns dennoch dabei, uns daran zu erinnern, dass das Leben mehr zu bieten hat, als nur Ein- und Ausstempeln und sich anschließend auf das Sofa fallen zu lassen.
Beim Spielen geraten wir oft in einen „Flow-Zustand“, in dem die Zeit verschwindet und praktische Sorgen, Nöte und Ziele in den Hintergrund treten. Wir sind, wie ein Kind, einfach nur lebendig.
Spielen ist keine Frage des Alters. Foto: koldo studio/iStock

Spielen ist keine Frage des Alters.

Foto: koldo studio/iStock

Auch der gemeinschaftliche Aspekt des Spielens verdient besondere Beachtung. Die Teilnahme an interaktiven, unbeschwerten Aktivitäten bietet etwas, das eine Familie oder eine Gruppe von Freunden gemeinsam erleben kann. Aufgrund dieser Interaktivität entstehen durch das Spielen viel leichter Bindungen als durch das gemeinsame Starren auf einen Bildschirm oder, was wahrscheinlicher ist, auf getrennte Bildschirme.
Wie könnte das in der Praxis aussehen? Hier ein paar Ideen:
  • Organisieren Sie einen Spieleabend mit der Familie oder Freunden.
  • Verbringen Sie Zeit nicht nur damit, Ihre Kinder oder Enkelkinder zu beobachten, sondern tatsächlich mit ihnen zu spielen.
  • Nehmen Sie eine Sportart wieder auf, die Sie in Ihrer Jugend ausgeübt haben, oder probieren Sie eine neue aus.
  • Nehmen Sie sich Zeit, einfach nur mit jemandem, den Sie lieben, zusammen zu sein – ganz ohne geplante Aktivitäten – und schauen Sie, was Ihnen gemeinsam einfällt.
  • Probieren Sie ein neues Hobby oder Handwerk aus.
  • Spielen oder hören Sie Musik.
  • Erkunden Sie die Natur.
  • Erzählen Sie sich Geschichten und lachen Sie gemeinsam.
Spielen ist die wilde Welt, in der man sich skurrilen und unnötigen Dingen hingibt – was sich letztlich doch als ziemlich notwendig für unser Wohlbefinden herausstellt. Ein gewisses Maß an Freude an den Dingen um ihrer selbst willen, einfach das Leben durch Aktivitäten zu genießen, die Freude bereiten, bleibt unser ganzes Leben lang unverzichtbar.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Power of Play: Why Adults Need Play as Much as Kids“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Wagners Ring zwischen KI und Klangzauber

Eine geniale Parabel um Macht und Liebe ist Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die auf das mittelalterliche Nibelungenlied und andere mythologische Texte zurückgeht, aber doch eine ganz eigene Schöpfung ist.
Und von allen Opern, die je geschrieben wurden, ist er womöglich diejenige, die unmissverständlich aufzeigt, dass die Welt an der grenzenlosen Gier nach Macht und Geld krankt. Sie vereitelt die Chancen der Liebe, macht aus denen, die die Herrschaft erlangen wollen, üble und finstere Gestalten. Und so stehen in der Oper die Zwillinge Sieglinde und Siegmund in ihrer unschuldigen inzestuösen Liebe füreinander und Brünnhilde in ihrer wahrhaftigen Liebe zu Siegfried auf verlorenem Posten.

Zeit für einen Rückblick

Wie unterschiedlich sich dieses Drama in seiner Zeitlosigkeit auf die Bühne bringen lässt, haben Generationen von Regisseuren facettenreich aufgefächert. Allein in der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden jüngeren Aufführungsgeschichte der Bayreuther Festspiele ließen sich zahlreiche packende Deutungen erleben, angefangen von den auf Abstraktion zielenden Arbeiten Wieland Wagners auf halb leerer Bühne.
Eine der bedeutendsten Inszenierungen schuf 1976 der damals noch sehr junge Patrice Chéreau mit seinem kapitalismuskritischen „Jahrhundertring“, der die Mythenwelt in das Zeitalter der frühen Industrialisierung verlegte.
Ab den späten 1980er-Jahren interpretierte Harry Kupfer das Werk – inspiriert von der Katastrophe in Tschernobyl – als einen ewigen zerstörerischen Kreislauf der Menschheitsgeschichte. Die jüngere Bayreuther Aufführungsgeschichte brachte zusehends weniger Sehenswertes zuwege, allenfalls an den sogenannten farbenprächtigen „Designer“-Ring von Alfred Kirchner und der Bühnenbildnerin Rosalie, der aus visuellen Formen eigenständige Kunst formte, wird sich manch einer noch erinnern.
In den Arbeiten von Jürgen Flimm und Tankred Dorst ließ sich das Epos noch wiedererkennen, danach wurde es zusehends abenteuerlicher und absurder, bildeten Musik und Szene so gar keine Einheit mehr.

KI: Ziemlich beliebige Chose

In der Situation erschien jedenfalls die Idee einer semiszenischen Zeitreise durch die lange Aufführungsgeschichte zum 150-jährigen Bestehen der Festspiele gar nicht so abwegig. Wie sich herausstellen sollte, war die Festspielleiterin Katharina Wagner nur nicht gut beraten gewesen, diese Unternehmung Künstlicher Intelligenz zu überlassen.
Denn die bringt keinen Sinn in die Optik, überblendet per Video Landschaften, abstrakte Kunst, Porträts von Politikern und Personen der Zeitgeschichte sowie allerhand Ramsch und Schrott. Eine ziemlich beliebige Chose also, auch wenn hier und da Poesie aufflackert. Ein roter Faden aber lässt sich in dem undefinierbaren Bilderwust nicht ausmachen.
Und wiewohl sich diese visuelle Show ein bisschen anfühlt wie im Kino, wurden die Möglichkeiten des Kinos nicht genutzt, die einen szenischen Mehrwert hätten bieten können: Das Ungeheuer, in das sich Alberich verwandelt, um Loge stolz seine Verwandlungskunst unter der Tarnkappe demonstrieren zu können, wird zwar in Gestalt einer monströsen Echse mit spitzen Zähnen kurzzeitig sichtbar. Die kleine Kröte aber, als die sich Alberich kurz darauf präsentiert, durfte man vergebens in einem abstrakten Musterbild suchen.
Wesentlich gezielter hätte ein Filmemacher die Bildfolgen auf die Musik abstimmen – und im Idealfall mit dem Dirigenten Hand in Hand arbeiten können. Aber dafür reichte vermutlich das Geld nicht; die Idee mit der KI kam ja doch ins Spiel, weil die Festspiele sparen mussten.

Klangsinnlich, feinfühlig, berührend

Immerhin musikalisch schreibt dieser Jubiläumsring Geschichte. Dafür steht allen voran der Name des Dirigenten, Christian Thielemann. Der durchlebt das Drama mit dem Bayreuther Festspielorchester hoch emotional, packend in den dramatischen Momenten, berührend und unendlich zärtlich im Lyrischen, wie es aktuell in der Wagnerrezeption einmalig ist.
Allein schon das Vorspiel zur „Walküre“ mit seinen stürmischen Bewegungen in den Celli, die mit einem Mal so leise werden, dass man die Ohren spitzen muss, um sie überhaupt noch zu hören, ließ sich selten so unheimlich vernehmen.

„Brünnhilde brennt“, mit Catherine Foster (Hermine/Brünnhilde), Mandla Mndebele (Wotan) und Sungho Kim (Siegfried) sowie Jonathan Stockhammer (musikalische Leitung) und weiteren.

Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Der Graben mit seiner besonderen Akustik hat daran freilich seinen Teil: Anderswo würde man dieses vier- oder fünffache (?) Pianissimo gar nicht mehr hören. Und das ohne optische Ablenkung. Bei den Vorspielen immerhin bleibt der Vorhang geschlossen, als würde Thielemann sagen, die gehörten ihm.
Seinem Ruf als „Zauberer“ wird der Bayreuther Publikumsliebling aber auch gerecht in der Weise, wie sich die Musik unter seiner Leitung über alle Schwächen der szenischen Konzeption hinwegsetzt sowie über die unvorteilhafte Idee, den Chor, blendend einstudiert von Thomas Eitler-de Lint, vor den Augen des Publikums zu verbergen.
Als wäre der nicht aktiv in die Handlung eingebunden, insbesondere in einem so spannungsvollen Moment, in dem Brünnhilde den für sie unerklärlichen Verrat Siegfrieds bemerkt („Ist sie entrückt?“). Schließlich weiß sie nicht, dass der abgrundtief böse Hagen mit einem speziellen Trunk dafür gesorgt hat, dass Siegfried sie vergessen musste.
Nur wer von tiefer Liebe für Wagners Musik erfüllt ist, vermag sie derart klangsinnlich, feinfühlig und berührend zu durchleben. Bei Thielemann spürt man das von der ersten bis zur letzten Note.

Auch stimmlich ein Fest

Auch was die Sänger anlangt, ist dieser Jubiläumsring ein Fest. Zwei Protagonisten sind dabei besonders hervorzuheben: Michael Volle und Klaus Florian Vogt.
Groß und profund tönt Volles Wotan, textsicher und verständlich, schön im Timbre, agil in allen Lagen und bewegend als ein in seinem Handeln von Zwängen bestimmter, wirklich trauriger Gott. Genervt von Fricka, seiner Gemahlin (eine dunkle, glühend prächtige Stimme wie ein gereifter Rotwein: Anna Kissjudit), die darauf dringt, dass die Zwillinge Siegmund und Sieglinde (etwas eng und spitz in der Höhe: Elza van den Heever) nicht einander lieben dürfen und durch Tod voneinander getrennt werden müssen. Von Zorn erfüllt gegenüber der Wunschmaid Brünnhilde, die es gewagt hat, entgegen seinen Anweisungen Siegmund im Zweikampf Schutz zu bieten. Und dennoch erfüllt von großem Schmerz, wenn es nach zähem Ringen um die „richtige Strafe“ darum geht, von dem „herrlichen, kühnen Kind“ Abschied zu nehmen.
Mit Klaus Florian Vogt ist wiederum einer der wenigen heutigen Sänger an Bord, die über eine markante, helle, unverwechselbare Stimme und schier endlose Reserven verfügen. Insgesamt zwölf Vorstellungen mit ihm als Loge, Siegmund und Siegfried sind angesetzt; acht davon hat er am Ende des zweiten Zyklus mit großer Strahlkraft ohne den geringsten Anflug von Ermüdung bewältigt.
Camilla Nylund ist als Brünnhilde die dritte große Protagonistin. Dass sich in den großen Beifall für sie nach Ende der „Götterdämmerung“ auch einige Buhrufe mischten, lässt sich schwer erklären.

Stürmisch brausender Applaus für Thielemann

Gerade in den letzten beiden Teilen der Tetralogie präsentiert sich die Finnin in Topform. Die so liebliche, entsprechend vom Festspielorchester grundierte Stelle „Ewig war ich, ewig bin ich“ (Siegfried, dritter Akt) gelingt ihr mit besonders schönen lyrischen Stimmgaben. Und wie sie in ihrem kraftzehrenden Schlussgesang „Starke Scheite schichtet mir dort“ ihre Spitzentöne imposant abliefert – alle Achtung!
Auch alle übrigen Figuren, nur etwas unterschiedslos und zum Verwechseln ähnlich gekleidet (prachtvolle Silberkostüme: Pia Maria Mackert), sind überwiegend solide bis trefflich besetzt.
Sind die visuellen Kreationen der KI bisweilen auch zum Fremdschämen: Musikalisch übertrifft dieser Jubiläumsring die hohen Erwartungen an den Dirigenten und sein Sängerensemble. So lautstarker Jubel bei einem „Ring“ war an diesem Ort lange nicht mehr.
Als sich Christian Thielemann am Ende ganz allein vor dem Vorhang zeigt, wird er derart emphatisch gefeiert, dass man hätte meinen können, das Festspielhaus stürze ein. Es ist hoffentlich nicht seine letzte Einstudierung dieses Werks an diesem Ort.
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Warum immer mehr Amerikaner ihre Lebensmittel direkt beim Bauern kaufen

Joel Salatin möchte die Amerikaner durch den Handel mit Lebensmitteln von Nachbar zu Nachbar von übermäßiger Regulierung befreien. Salatin betreibt die „Polyface Farm“ in den Hügeln des Shenandoah-Tals in Virginia. Er wirbt für das Konzept einer „Erklärung zur Lebensmittelbefreiung“.
Es wäre eine Erklärung auf Bundesebene. Sie würde mündigen Erwachsenen gestatten, selbst hergestellte und bäuerlich erzeugte Lebensmittel direkt zu kaufen und zu verkaufen. Dabei würde man die kostspielige kommerzielle Infrastruktur und die derzeit geltenden schwerfälligen staatlichen Vorschriften umgehen.
Salatins Mission spiegelt das Bestreben von Selbstversorgern und unabhängigen Landwirten wider, lokale Lebensmittelnetzwerke aufzubauen. Es sollen Lebensmittel ohne Chemikalien angebaut und gezüchtet und Verbrauchern ein transparenter Einblick in die Produktionsweise geboten werden.

Anstehende Veränderungen

Im Kern geht es bei der Lebensmittelbefreiung und lokalen Lebensmittelnetzwerken darum, dass Nachbarn Nachbarn versorgen und so ein System umgehen, dem viele nicht mehr vertrauen.
Salatin erklärte gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times, dass sich das amerikanische Ernährungssystem an einem historischen Wendepunkt befinde. Er verweist auf alternde Landwirte; der durchschnittliche amerikanische Landwirt ist mittlerweile etwa 60 Jahre alt.
Etwa die Hälfte des landwirtschaftlichen Vermögens in den USA werde voraussichtlich in den nächsten 15 Jahren den Besitzer wechseln. „Das ist ein historisch beispielloser friedlicher Übergang in der modernen Geschichte“, sagte er.

Mehr Einkommen für die Landwirtschaft

Im Jahr 2025 gaben die Amerikaner 56,3 Prozent ihrer Lebensmittelkosten in Restaurants, bei Fast-Food-Ketten oder Lieferdiensten aus. Insgesamt erreichten die Ausgaben für Außer-Haus-Verpflegung einen Rekordwert von 1,41 Billionen US-Dollar. Landesweit lagen die Lebensmittelausgaben bei insgesamt 2,51 Billionen US-Dollar (rund 2,18 Billionen Euro), so das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) .
Menschen stehen am 12. März 2026 bei „Raising Cane’s Chicken Fingers“ in Washington Schlange. Im Jahr 2025 gaben die Amerikaner rund 55 Prozent ihrer Ausgaben für Lebensmittel für Speisen aus, die sie außer Haus in Restaurants und Fast-Food-Ketten aßen oder über Lieferdienste bezogen. Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Menschen stehen am 12. März 2026 bei „Raising Cane’s Chicken Fingers“ in Washington Schlange. Im Jahr 2025 gaben die Amerikaner rund 55 Prozent ihrer Ausgaben für Lebensmittel für Speisen aus, die sie außer Haus in Restaurants und Fast-Food-Ketten aßen oder über Lieferdienste bezogen.

Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Unterdessen ist der Anteil der Landwirte am Lebensmittel-Dollar im Einzelhandel nach Abzug der Produktionskosten laut USDA heute auf etwa 5,8 Cent gesunken. Mitte des 20. Jahrhunderts lag dieser Wert noch bei 40 Cent. Die Idee der „Lebensmittelbefreiung“ ist einfach: Kleine Erzeuger sollen legal und frei direkt an die Menschen verkaufen dürfen, die ihre Lebensmittel kaufen möchten. Salatin merkt an, dass das eigentliche Hindernis für junge Menschen, in die Landwirtschaft einzusteigen, nicht allein der Zugang zu Land ist, sondern die Unmöglichkeit, unter den bestehenden Vorschriften mit einer kleinräumigen, wertschöpfenden Lebensmittelproduktion Gewinne zu erzielen.
Er veranschaulicht diese Kluft mit einer einfachen Rechnung.
Auf ein paar Hektar könnte ein Landwirt 1.200 Freilandhühner aufziehen und diese als ganze Tiere oder zerlegt zu einem Durchschnittspreis von etwa 30 Dollar (ca. 26 Euro) pro Tier verkaufen, was ein Bruttoeinkommen von 36.000 Dollar (ca. 31.300 Euro) einbringen würde, sagte er. Könnte derselbe Landwirt diese Hühner legal zu hausgemachten Hühnerpasteten verarbeiten – frei von Farbstoffen, Saatöl und industriellen Zusatzstoffen – und sie als hochwertige Fertiggerichte vermarkten, könnte der durchschnittliche Wert pro Tier auf rund 200 Dollar (ca. 175 Euro) steigen, wodurch dieselbe Herde auf derselben Fläche einen Umsatz von 240.000 Dollar (ca. 208.500 Euro) erzielen würde.
Sobald jedoch ein Landwirt von Rohzutaten auf Fertiggerichte umsteigt, steigen die regulatorischen Anforderungen deutlich an – von einer privaten Küche mit vorhandener Ausstattung hin zu dem, was er als „eine halbe Million Dollar, die man aufbringen muss, um eine Hühnerpastete zu verkaufen“ beschrieb.
Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, setzt sich vehement für eine naturnahe Landwirtschaft ein. Foto: Mit freundlicher Genehmigung der „Polyface Farm“

Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, setzt sich vehement für eine naturnahe Landwirtschaft ein.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung der „Polyface Farm“

Rettung des Familienbetriebs

Der Milchbauer Edwin Shank aus Pennsylvania berichtete der Epoch Times, dass seine Familie beinahe einen seit vier Generationen bestehenden Betrieb verloren hätte, nachdem sie auf Anraten der Universität, die Quantität über alles gestellt und ihre Herde von 40 auf 300 Kühe vergrößert hatte.
Obwohl sie alle zwei Tage einen Sattelzug mit Milch füllten, standen die Shanks kurz vor dem Bankrott.
Die Milchschecks kamen einmal im Monat – je nachdem, wie viel der Verarbeiter gerade zahlen wollte. Sein Bankberater warnte, dass der Hof verloren sei, wenn sich in drei bis vier Monaten nichts ändere.
Ein Familienporträt aus dieser Zeit, so sagte er, wirke idyllisch – Blumen, sechs Kinder, ein gepflegter Hof – doch hinter dem Lächeln „verloren sie gerade den Hof“.
Edwin Shank, Inhaber von „Family Cow“, und seine Familie auf diesem Archivfoto. Das Unternehmen aus Chambersburg, Pennsylvania, liefert Weidefleisch vom Rind, Schweine- und Geflügelfleisch aus Freilandhaltung, Rohmilchprodukte und andere regenerative Produkte an Tausende von Haushalte. Mit freundlicher Genehmigung von „Family Cow“.

Edwin Shank, Inhaber von „Family Cow“, und seine Familie auf diesem Archivfoto. Das Unternehmen aus Chambersburg, Pennsylvania, liefert Weidefleisch vom Rind, Schweine- und Geflügelfleisch aus Freilandhaltung, Rohmilchprodukte und andere regenerative Produkte an Tausende von Haushalten. Mit freundlicher Genehmigung von „Family Cow“.

„Innerhalb des Zauns liegt die Hoffnung auf die Welt außerhalb des Zauns“, sagte er und zitierte damit einen konventionellen Milchbauern, der die Situation als „schwere Zeiten für Landwirte heutzutage“ beschrieb.
Die Antwort der Shanks bestand darin, den Zaun zu öffnen.
Sie stellten ihren Betrieb auf zertifizierten Bio-Anbau um; dann begannen sie mit geliehenem Geld und wenig Eigenkapital, Rohmilch direkt vom Hof im Rahmen des Genehmigungssystems von Pennsylvania zu verkaufen. Da sie sich keine moderne Verarbeitungsanlage leisten konnten, kauften sie gebrauchte Kühl-Sattelauflieger – sogenannte „Reefer“ – für jeweils ein paar tausend Dollar und verbanden sie zu einem provisorischen Kühlkomplex.
Das Geschäft begann zu florieren, nachdem ein Anruf aus dem Nachbarstaat New Jersey eingegangen war. Eine Mutter aus Trenton fragte, ob Shank Rohmilch über die Staatsgrenze hinweg liefern könne. Rechtlich gesehen war das nicht erlaubt, aber er nahm sich Salatin als Beispiel.
„Ich sagte ihr: ‚Ich kann nicht nur für Sie allein liefern, aber wenn Sie genug Freunde haben, kann ich Sie an der Staatsgrenze treffen’“, erinnerte sich Shank. Die Kundin organisierte fünf Familien. Das reichte Shank, um seinen Minivan zu beladen und die dreistündige Fahrt anzutreten.
Er fuhr auf der I-95-Autobahn – der großen Nord-Süd-Lebensader der Ostküste – nordwärts und erreichte die Ausfahrt zu dem kleinen Grenzort New Hope.„Genau in diesem Moment ging es mir durch und durch“, sagte er. „Gott, willst du mir damit etwas sagen?“
Aus dieser ersten Abholstelle entwickelte sich ein Netzwerk von 55 Lieferorten. Shanks Unternehmen, „The Family Cow“, liefert an fünf Tagen in der Woche Rohmilchprodukte, grasgefüttertes Rindfleisch, Schweinefleisch und Geflügel aus Weidehaltung sowie weitere Produkte aus regenerativer Landwirtschaft an Tausende Haushalte.

„Das Überleben der Kooperierenden“

Etwa 90 Prozent des Geschäfts laufen mittlerweile online, erklärte Shank, während etwa zehn Prozent über einen neuen Hofladen und ein Café verkauft werden. Dort gibt es auch Sauerteig-Sandwichs, noch mit echter Butter bestrichen und deftig belegt mit Bio-Fleisch aus Weidehaltung.
Shank gab die Vorstellung auf, dass sein Hof alles selbst produzieren müsse, was er verkauft. Er entschied sich dafür, das zu entwickeln, was er „Überleben der Kooperierenden“ nennt.
Mehrere Familienbetriebe teilen sich die Produktion.
Zwei Milchviehbetriebe liefern Rohmilch, sieben Familien produzieren Eier aus Freilandhaltung und elf Familien ziehen Rinder in Weidehaltung auf. Andere Familien haben sich auf Schweinefleisch aus Freilandhaltung, Puten und Ferkel spezialisiert.
„The Family Cow“ holte drei junge Familien mit ins Boot, um Geflügel aus Freilandhaltung zu züchten. Der Hof stellte den Markt, die Schlachtung und das Marketing-Know-how zur Verfügung, während die Familien die Arbeitskraft und das Land beisteuerten. Im ersten Jahr produzierte die Gruppe 10.000 Hühner.
Shank ist offen für Vorschläge von Unternehmern. Eine Mutter und ihre Tochter kamen auf ihn zu und boten Wasserkefir zum Preis von fünf Dollar pro Einmachglas an. Shank räumte ein, dass er anfangs bezweifelte, dass die Kunden diesen Preis zahlen würden.
Innerhalb von sechs Monaten verkauften sie 10.000 Gläser über das Netzwerk von „The Family Cow“.
Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, hält im Juni 2024 auf dem „Food Independence Summit“ in Walnut Creek, Ohio, einen Kurs zum Thema Hühnerschlachtung ab. Foto: Everitt Townsend

Joel Salatin, Inhaber der „Polyface Farm“, hält im Juni 2024 auf dem „Food Independence Summit“ in Walnut Creek, Ohio, einen Kurs zum Thema Hühnerschlachtung ab.

Foto: Everitt Townsend

Gesund durch Rückzug aus dem industriellen Lebensmittelsystem

Max Kane, ein Rohmilch-Aktivist und Landwirt aus Wisconsin, hat durch eine Ernährungsumstellung eine lebensbedrohliche Krankheit überwunden und sich zu einer führenden Stimme im Kampf für Ernährungssouveränität, den Zugang zu Rohmilch und lokale, auf landwirtschaftlichen Betrieben basierende Wirtschaftssysteme entwickelt. Mit 11 Jahren wurde bei ihm eine degenerative Form von Morbus Crohn diagnostiziert; mehr als ein Jahrzehnt lang durchlief er einen Kreislauf aus Operationen, Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten, ohne dass sich sein Zustand nennenswert verbesserte.
Kane lehnte den konventionellen medizinischen Weg ab und stellte auf eine ausschließlich unverarbeitete Ernährung um, die er direkt von lokalen Erzeugern bezog. Seinen Angaben zufolge stellte die Ernährungsumstellung seine Gesundheit wieder her. Sie habe ihm ermöglicht, die staatliche Erwerbsunfähigkeitshilfe aufzugeben und Mitte 20 wieder zu dem zu werden, was er als „ein funktionsfähiges, beitragendes Mitglied der Gesellschaft“ bezeichnet. Heute betreibt Kane einen rund 85 Hektar großen Bauernhof im Südwesten von Wisconsin und einen Rohmilch-Einkaufsclub, der seit rund zwei Jahrzehnten Familien im Großraum seiner Geburtsstadt Chicago versorgt.
Im Jahr 2009, so berichtete er, versuchten das US-Landwirtschaftsministerium (USDA), die Food and Drug Administration (FDA) und staatliche Behörden, ihn wegen seiner Rohmilchlieferungen nach Chicago für 18 Monate ins Gefängnis zu bringen. Diese Erfahrung beflügelte sein Engagement für die Legalisierung von Rohmilch und bestärkte ihn in seiner Ansicht, dass Amerikaner die Freiheit haben müssen, sich aus dem industriellen Lebensmittelsystem zurückzuziehen und private Lebensmittelnetzwerke zwischen Landwirten und Verbrauchern zu bilden.
Er gründete „Farm Match“, einen Online-Marktplatz, den er als „Etsy für lokale Lebensmittel“ bezeichnete. Die Plattform verbindet Verbraucher direkt mit geprüften Bauernhöfen und Einkaufsgemeinschaften.
„Selbstversorgung in jeglicher Form – sei es auf vollständigen ländlichen Gehöften, in Balkongärten in städtischen Hochhäusern oder in Vorstadtgärten – nimmt aufgrund der Versäumnisse des derzeitigen industriellen Lebensmittelsystems zu, das durch hochverarbeitete Lebensmittel und unberechenbare Lieferketten gekennzeichnet ist,“ erklärte Kane gegenüber der Epoch Times. Industriellen Lieferketten mangelt es an echter Transparenz und Rückverfolgbarkeit, was es ermöglicht, Inhaltsstoffe legal auf Etiketten zu verbergen, und es den Verbrauchern erschwert, zu verstehen, was sie essen, oder die Quelle einer Kontamination zurückzuverfolgen, wenn etwas schiefgeht, merkte Kane an.
Wirtschaftlich gesehen „entzieht dies der lokalen Wirtschaft Geld und leitet es weit weg, was ländliche Gemeinden und kleine Erzeuger untergräbt“, sagte er. „Einfach ausgedrückt: Die Lebensmittel, die Menschen zu sich nehmen, sind der wichtigste Einzelfaktor für ihre Lebensfähigkeit, ganz gleich, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen“, sagte Kane. „Wenn Bürger nicht legal private Ernährungssysteme aufbauen können, die Körper und Geist nähren, laufen sie Gefahr, dauerhaft von einer Infrastruktur abhängig zu werden, die sie krank, machtlos und wirtschaftlich an den Rand drängt.“

Basis-Strategie zur Umgehung der Konzern-Lieferketten

Sally Fallon Morell stimmt dem zu. Die Gründungspräsidentin der Weston A. Price Foundation – einer gemeinnützigen Organisation, die traditionelle Ernährungsweisen, Vollwertkost und den Verzehr von tierischen Fetten fördert – stellte in ihrem Gespräch mit der Epoch Times eine einfache Basisstrategie vor, die die Lieferketten der Konzerne umgeht und kleine, auf Weidehaltung setzende Erzeuger stärkt.
„Wenn wir die Menschen dazu auffordern würden, die Hälfte ihres Lebensmittelbudgets für Direktkäufe bei Bauernhöfen auszugeben, würde das alles verändern, und wir würden zu der Art der Landwirtschaft zurückkehren, die wir fördern wollen“, sagte Fallon Morell. Zu ihrer Vision gehört es, Rohmilch, Eier und Fleisch direkt von regenerativ wirtschaftenden Landwirten zu kaufen und lokale Handwerker sowie Kleinproduzenten von Sauerteigbrot, Sauerkraut und anderen traditionell zubereiteten Lebensmitteln zu unterstützen.
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Dies fördere gegenseitige Unterstützung und lokale Netzwerke, fügte sie hinzu.
„Das Ziel ist ein widerstandsfähiges lokales Netzwerk aus Erzeugern und Verbrauchern, nicht ein von der Außenwelt abgeschnittener Selbstversorgerhof“, sagte sie.
Im Rahmen ihrer „Campaign for Real Milk“ setzt sich die Weston A. Price Foundation für einen universellen Zugang zu zertifizierter, roher, unverarbeiteter Milch ein.
Fallon Morell ist außerdem Autorin des Ernährungs-Kochbuchs „Nourishing Traditions“. Sie plädiert für eine Rückkehr zu nährstoffreicher Ernährung, die tierische Fette, Knochenbrühen, Innereien, milchsauer vergorene Lebensmittel und Rohmilch umfasst.
Die Stiftung unterhält rund 500 lokale Ortsgruppen, die über aktuelle Listen lokaler Lebensmittelanbieter verfügen.
„Nehmen wir an, Sie sind nach Akron, Ohio, gezogen und möchten Rohmilch, Hähnchen und Eier finden. Dann rufen Sie einfach Ihren Ortsverband an, und der weiß, wo es all das gibt“, sagte sie.

Investition in die Ernährung

Ruth Ann Zimmerman und ihr Ehemann Elvin leben auf einem Gehöft von rund 8,5 Hektar im Nordosten von Iowa. Als Autorin mehrerer Bücher zum Thema Selbstversorgung, darunter „The Heart of the Homestead“, wuchs sie in einer Kultur auf, in der die Familie mit der Pferdekutsche in die Stadt fuhr und ihre Lebensmittel noch selbst anbaute.
Später verließen die Zimmermans die mennonitische Gemeinschaft und nahmen moderne Annehmlichkeiten wie Auto, Fernsehen und Fertiggerichte an.
Als ihre 5-jährige Tochter krank wurde und der Arzt eine Mandelentfernung empfahl, stellte die Familie ihre Ernährung komplett um und verzichtete auf Fertiggerichte zugunsten dessen, was sie als „echte Lebensmittel“ bezeichnet.
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Nach Angaben der Familie verbesserte sich der Gesundheitszustand des Kindes. Seitdem haben sich die Zimmermans gesunder Ernährung und der Selbstversorgung verschrieben.
„Unser Bauernhof dient nicht dem Gewinn, sondern der Ernährung“, erklärte Zimmerman gegenüber der Epoch Times. „Nichts verlässt den Hof, bevor es nicht zuerst die Familie ernährt hat.“
Die Lebensprinzipien der Zimmermans drehen sich darum, „saisonal und regional zu essen, Zeit statt Geld für die Beschaffung von Nährstoffen aufzuwenden und teure Nahrungsergänzungsmittel durch traditionelle Lebensmittel zu ersetzen“.
„Unsere Hauptnahrungsquelle, der Großteil unserer Mahlzeiten, stammt vom Hof, ebenso wie unsere Vitamine und Mineralstoffe, die im Laden viel kosten würden“, sagte Zimmerman.
Selbst eingelegtes Sauerkraut und fermentierte Gurken ersetzen teure probiotische Nahrungsergänzungsmittel, fügte sie hinzu. Geschmorte Hühnerfüße und Knochenbrühe ersetzen Kollagenpeptide. Anstatt Proteinpulver zu bestellen, gewinnt die Familie Molke aus Käse und Joghurt.
Eine Auswahl an Käse und Wurstwaren in der Metzgerei „Main Street Meats“ in Chattanooga, Tennessee. Das Geschäft bezieht seine Produkte von lokalen Bauernhöfen. Das Foto entstand am 23. Juni 2017. Foto: Crystal Shi/Epoch Times

Eine Auswahl an Käse und Wurstwaren in der Metzgerei „Main Street Meats“ in Chattanooga, Tennessee. Das Geschäft bezieht seine Produkte von lokalen Bauernhöfen. Das Foto entstand am 23. Juni 2017.

Foto: Crystal Shi/Epoch Times

Eine Kuh als „Lehrer“ des Lebens

Die Kinder der Zimmermans lernen durch das Vorbild und entwickeln eine Mentalität der Selbstversorgung.
Zum Beispiel hält die Familie zwei Milchkühe, vor allem damit die Söhne früh aufstehen und Verantwortung übernehmen.
„Wenn wir nur eine Milchkuh hätten, würde ich sie melken“, sagte Zimmerman. „Die andere Kuh dient einfach dem Zweck, aus unseren Jungen Männer zu machen.“
Neue Selbstversorger seien oft irgendwann mit Burnout konfrontiert, so Zimmerman, weil sie versuchten, zu viel anzubauen. Sie forderte Familien dazu auf, ihre Ernährung zu vereinfachen und weniger auf Fertigprodukte zurückzugreifen.
„Wenn ich in Versuchung gerate, das Unkrautjäten zu überspringen oder fertige Nudelsauce im Laden zu kaufen, schalte ich in den ‚Kein-Plan-B‘-Modus um und stelle mir vor, es gäbe keinen Rückgriff auf den Supermarkt. Mich nicht um den Garten zu kümmern, bedeutet, meiner Familie mit Herbiziden behandelte Kartoffeln und hochverarbeitete Saucen zu servieren“, sagte sie.
„Was wäre, wenn ein Gehalt nicht immer ausreicht, um eine Familie zu ernähren? Was wäre, wenn wir für gesunde Familien die Fähigkeit brauchen, unsere eigenen Lebensmittel anzubauen, mehr noch als die Fähigkeit, ein Gehalt zu verdienen?“
Eine Frau kauft am 7. Januar 2024 in einem Lebensmittelgeschäft in Columbia, Maryland, ein. Die Expertin für Selbstversorgung, Ruth Ann Zimmerman, ermutigt Supermarktkunden, zu fragen: „Wo ist das gewachsen, wer hat es angebaut und wie wurde es angebaut?“ Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Eine Frau kauft am 7. Januar 2024 in einem Lebensmittelgeschäft in Columbia, Maryland, ein. Die Expertin für Selbstversorgung, Ruth Ann Zimmerman, ermutigt Supermarktkunden, zu fragen: „Wo ist das gewachsen, wer hat es angebaut und wie wurde es angebaut?“

Foto: Madalina Kilroy/Epoch Times

Zimmerman ermutigt Verbraucher im Supermarkt, zu fragen: „Wo ist das gewachsen, wer hat es angebaut und wie wurde es angebaut?“, und jeden Einkauf nicht als Routinekauf im Supermarkt, sondern als Investition in die Ernährung zu betrachten.
Geld, so schlug sie vor, sollte als „Kauf von Ernährung“ betrachtet werden und nicht als „gedankenloses Auf-den-Tisch-Bringen von Essen“. Dieser Mentalitätswandel kann Familien dazu inspirieren, ihre Abhängigkeit von Lieferketten zu minimieren und auf den Anbau sowie die lokale Beschaffung von Lebensmitteln umzusteigen.
„Es ist wichtig zu wissen, wie man seine eigenen Lebensmittel anbaut, und es ist ebenso wichtig, Beziehungen zu lokalen Landwirten und Selbstversorgern aufzubauen, damit man gesunde Lebensmittel bekommt, die man nicht selbst anbaut“, sagte sie.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Behind America’s Growing ‘Food Freedom’ Movement“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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5 unscheinbare Schritt-Veränderungen, die auf schwere Hirnerkrankungen hinweisen können

Erste Anzeichen für neurologische Erkrankungen, wie Demenz oder Parkinson, können sich statt im Gedächtnis in den Beinen zeigen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme ist ein unsicherer oder verlangsamter Gang im Alter kein reines Verschleißsymptom.

Denn das Gehen erfordert die blitzschnelle Zusammenarbeit zahlreicher Gehirnareale. Das Gehirn steuert nicht nur die Schritte, sondern analysiert kontinuierlich Umwelt, Balance und Körperhaltung. Subtile Abweichungen in Koordination und Geschwindigkeit können deshalb Jahre vor Gedächtnisstörungen auf Probleme im Hirn hinweisen. Sobald das neuronale Zusammenspiel gestört ist, verlangsamt sich der Schritt.

3 Hirnerkrankungen, die sich zuerst auf Ihren Gang auswirken können

Wenn der Körper altert, einen Mini-Schlaganfall erleidet oder degenerative neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Demenz entwickelt, ist das erste Anzeichen ein instabiler Gang.

1. Frühe Demenz

Eine 2023 in „Scientific Reports“ veröffentlichte Studie analysierte die Gehgeschwindigkeit von fast 2.000 älteren Menschen und stellte fest, dass diejenigen mit eingeschränkter kognitiver Funktion im Alltag langsamer gingen. Selbst Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung zeigten zu bestimmten Zeitpunkten eine Abnahme der Gehgeschwindigkeit, noch bevor es zu einer signifikanten Verschlechterung des Gedächtnisses kam.

2. Parkinson-Krankheit

Das Gehirn von Patienten mit der Parkinson-Krankheit verliert allmählich seine Fähigkeit, Dopamin zu produzieren, was zu schmaleren Schritten, einem schleppenden Gang und einem verminderten Armschwung führt. Viele Menschen glauben fälschlicherweise, dass dies lediglich ein Zeichen des Alterns ist, und verpassen so die Gelegenheit für eine frühzeitige Behandlung.

3. Kleingefäßerkrankung

Ein Schlaganfall in den tiefen Kleingefäßen des Gehirns kann die Leitungsbahnen der weißen Substanz beeinträchtigen, wodurch die Signalübertragung gestört wird und es zu einem langsamen und unsicheren Gang kommt. Da jedoch keine offensichtlichen Symptome einer einseitigen Lähmung vorliegen, wird diese Erkrankung oft übersehen.

Auch chronische Entzündungen beeinträchtigen das Gehen

Neben Hirnerkrankungen wie Demenz und Parkinson „verbrennt“ eine chronische Entzündung still und leise das Gehirn, erklärt Dr. Ping-Hsien Hsieh, leitender Neurochirurg am National Chiao Tung University Hospital in Taiwan, gegenüber Epoch Times.
Studien haben ergeben, dass ältere Erwachsene mit höheren Konzentrationen von Entzündungsfaktoren im Blut tendenziell langsamer gehen und ein höheres Risiko für zukünftige motorische Beeinträchtigungen haben. Eine chronische, schwach ausgeprägte Entzündung ist wie ein kleines, anhaltendes Feuer, das im Gehirn brennt. Man spürt es normalerweise nicht, aber der Schaden summiert sich täglich:
  • Schädigung von Nervenzellen: Entzündungsfaktoren wie die proinflammatorischen Zytokine IL-6 und TNF-α können Nervenzellen angreifen und so die Übertragung von Nervensignalen verlangsamen.
  • Läsionen der weißen Substanz: Die „Leitungen“ im Gehirn, die für die Übertragung motorischer Befehle zuständig sind, werden geschädigt, was die Gangsteuerung beeinträchtigt.
  • Dopaminmangel: Chronische Entzündungen hemmen die Dopaminausschüttung, wodurch die Einleitung von Bewegungen langsamer und mühsamer wird.
  • Störungen der Muskelkoordination: Verzögerte Signale aus dem Gehirn stören das Timing der Muskelkontraktionen, was zu einem langsameren und unsicheren Gang führt.
Es gibt eine Reihe von Ursachen, die zu chronischen Entzündungen führen, darunter anhaltender Schlafmangel, das metabolische Syndrom, ein Ungleichgewicht der Darmflora und langfristiger psychischer Stress – all dies kann, ohne dass man es merkt, die Degeneration des Gehirns und den Rückgang der motorischen Fähigkeiten beschleunigen, sagte Hsieh.

5 Veränderungen beim Gehen, die Sie nicht ignorieren sollten

Eine Verlangsamung des Gehens tritt in der Regel nicht plötzlich auf, so Hsieh. Das Gehirn sendet oft schon im Vorfeld viele Warnsignale, wie zum Beispiel:
  • Beim Gehen auf den Boden zu schauen: Normalerweise sollte der Blick beim Gehen ganz natürlich nach vorne gerichtet sein. Wenn Sie anfangen, gewohnheitsmäßig auf den Boden zu schauen, kann dies auf eine Verschlechterung des Gleichgewichts und des räumlichen Urteilsvermögens hindeuten.
  • Mehr Schritte zum Abbiegen benötigen: Da die Reaktion des Gehirns auf Richtungswechsel langsamer wird, muss das Abbiegen in mehrere kleine Schritte unterteilt werden.
  • Schwierigkeiten, beim Gehen und Sprechen das Gleichgewicht zu halten: Wenn Sie beim Gehen und Sprechen leicht das Gleichgewicht verlieren, spricht man von einer „Dual-Task-Störung“; dies deutet auf eine nachlassende Fähigkeit des Gehirns hin, zwei Dinge gleichzeitig zu verarbeiten. Es ist ein deutliches Warnzeichen für einen kognitiven Rückgang.
  • Zunehmend kürzere Schritte: Wenn Ihre Schritte merklich kürzer und langsamer werden, insbesondere morgens oder in ungewohnter Umgebung, könnte dies ein Warnzeichen sein.
  • Asymmetrischer Armschwung: Wenn ein Arm normal schwingt, der andere jedoch nicht, kann dies auf ein Problem mit der einseitigen Nervenleitung hindeuten.
Wenn Sie eines dieser Symptome bemerken, insbesondere wenn Sie kürzlich eine Kopfverletzung, einen Sturz oder heftiges Schütteln erlitten haben, sollten Sie sich so schnell wie möglich von einem Neurochirurgen untersuchen lassen, so Hsieh.

Förderung der Gehirngesundheit durch den Lebensstil

Zwar lässt sich nicht jede neurologische Erkrankung verhindern, doch gesunde Lebensgewohnheiten, die Entzündungen reduzieren und die Gehirnfunktion unterstützen, können dazu beitragen, die Mobilität im Alter zu erhalten.
Der japanische Neurowissenschaftler Nobusada Shinoura empfiehlt Knoblauchöl als wirksames Nahrungsergänzungsmittel für kognitive Langlebigkeit und Neuroprotektion.
Eine in „ACS Chemical Neuroscience“ veröffentlichte Übersichtsarbeit ergab, dass verschiedene chemische Bestandteile des Knoblauchs, insbesondere Organoschwefelverbindungen, therapeutisches Potenzial bei der Parkinson-Krankheit haben. Diese Komponenten können oxidativen Stress reduzieren, die Mitochondrienfunktion wiederherstellen und neuroinflammatorische Reaktionen verringern, was zum Schutz der Nervenzellen im Gehirn beiträgt.
Knoblauchöl kann über Gemüsesalate, Miso-Suppe oder gekühlten Tofu geträufelt oder mit Brot verzehrt werden. Shinoura pflegt seit vielen Jahren die Gewohnheit, vor Operationen Knoblauchöl einzunehmen. Nach der Einnahme habe er das Gefühl, dass seine Nervenaktivität lebhafter werde und er sich insgesamt energiegeladener fühle, schrieb er.
Der Schutz des Gehirns könne nicht allein auf ein einziges Lebensmittel beruhen; eine ganzheitliche Ernährung sei wichtiger, meint Shinoura.
Die Ernährung sollte in erster Linie aus Gemüse und Vollkornprodukten bestehen, ergänzt durch reichlich fermentierte Lebensmittel, Meeresfrüchte und Pilze. Er empfiehlt insbesondere Blauflossenbrasse, Makrelenhecht und Sardinen, die reich an den Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA sind, da diese der Gesundheit des Gehirns zuträglich sind.
Neben der Ernährungstherapie schlägt Shinoura auch Ausdauertraining wie Tai Chi und zügiges Gehen vor. Die Intensität der Bewegung sollte so sein, dass man leicht ins Schwitzen kommt und der Puls unter 110 bis 120 Schlägen pro Minute bleibt; übermäßig anstrengende Übungen sind nicht erforderlich.
Gedächtnisverlust ist nicht immer der erste Hilferuf des Gehirns. Manchmal zeigen sich die frühesten Anzeichen in der Art, wie man geht.
Wenn Sie bemerken, dass Sie langsamer gehen, ungewöhnlich kurze Schritte machen, Schwierigkeiten beim Wenden haben oder häufiger das Gleichgewicht verlieren, sollten Sie diese Veränderungen nicht einfach als Zeichen des Älterwerdens abtun.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Before Memory Fades, Your Walk May Reveal 5 Hidden Brain Disorders“. (deutsche Bearbeitung kr)
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Alexander Solschenizyn: Die Reden eines Weisen und vorausschauenden Sehers

Am 8. Juni 1978 hielt der im Exil lebende Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn eine Abschlussrede an der Harvard-Universität. Seine Ausführungen lösten damals eine Welle der Kritik aus und würden wahrscheinlich auch heute noch die gleiche Reaktion hervorrufen.
Die Rede, die später den Titel „Eine gespaltene Welt“ erhielt, dauerte etwa eine Stunde – deutlich länger als die üblichen Abschlussreden, sowohl wegen ihres Umfangs als auch weil Solschenizyn auf Russisch sprach und die Dolmetscherin Irina Ilovaiskaya-Alberti seine Worte während des Vortrags übersetzte.
Doch es war nicht die Länge der Rede, die bei den Anwesenden und Kommentatoren heftige Reaktionen auslöste, sondern ihr Inhalt. Anstatt die Sowjetunion anzugreifen und jene Freiheit zu preisen, die er in den Vereinigten Staaten gefunden hatte, richtete Solschenizyn eine Flut von Kritik sowohl gegen den Kommunismus als auch gegen die liberalen westlichen Demokratien. Er warf dem Westen, seinen Führern und Bürgern „Schwäche und Feigheit“ vor, eine legalistische Gesellschaft geworden zu sein, die die Moral aufgegeben habe – eine Gesellschaft, deren Bürger Freiheit ohne Verantwortung forderten, deren Medien sensationslüstern und schlampig über das Geschehen berichteten und deren Seelenverfall durch den Verlust des Willens und die Hinwendung zum säkularen Humanismus verursacht worden sei.
Hätten jene Kritiker, die sich über diese Kritik schockiert zeigten, die Reden gelesen, die Solschenizyn in den sechs Jahren zuvor gehalten hatte – wie beispielsweise seine Nobelpreisrede, seine Dankesrede anlässlich der Verleihung der American Friendship Medal oder seinen BBC-Radiobeitrag –, hätten sie vielleicht besser vorhersehen können, was er sagen würde.

Eine Sammlung wiederkehrender Themen

Der von Notre Dame Press veröffentlichte und von Solschenizyns mittlerem Sohn Ignat herausgegebene Band „We Have Ceased to See the Purpose“ (dt. etwa: Wir haben aufgehört, den Sinn zu erkennen) ist eine Sammlung von zehn Reden Solschenizyns aus den Jahren 1972 bis 1997. Es ist ein schlanker Band, was zum Teil daran liegt, dass Solschenizyn der Ansicht war, Schriftsteller sollten schreiben und keine Worte mit Reden verschwenden.
Beim Durchlesen dieser Texte stellen wir fest, dass die „Harvard-Rede“ nicht nur ein Warnschuss war. Die darin enthaltenen Themen ziehen sich durch alle Reden Solschenizyns. Er hatte ganz offensichtlich eine Botschaft, die er der modernen Welt vermitteln wollte. In seinen Reden stellte er verschiedene Themen in den Vordergrund. Es ging beispielsweise um den Niedergang Großbritanniens oder um die Würdigung des Widerstands der Landbevölkerung im westfranzösichen Département Vendée gegen die radikale linke Herrschaft während der Französischen Revolution. Solche und andere Themen lagen Solschenizyn am Herzen.
Bevor wir drei dieser Themen näher betrachten, sollten wir uns des „Entweder-oder“-Trugschlusses bewusst machen – jener falschen Dichotomie, die nur zwei Alternativen aufzeigt. Einige derjenigen, die sich – vielleicht aus gutem Grund – durch Solschenizyns „Harvard-Rede“ beleidigt fühlten, betrachteten sie als Verrat an der Etikette gegenüber einem Gastland, das ihm Zuflucht gewährt hatte. Andere hingegen verfielen einer klassischen falschen Dichotomie: Sowjetrussland schlecht, Amerika gut.

„Es gibt einen dritten Weg“

„Nein“, sagte Solschenizyn. Es gibt einen dritten Weg, eine bessere Alternative. Sowohl der Materialismus des Westens als auch der Materialismus des kommunistischen Russlands sind Sackgassen, die die Tugend und das tiefe Verlangen der Menschheit nach dem Geistigen herabsetzen. In seiner „Harvard-Rede“ erklärte er:
„[Die Aufgabe besteht] nicht darin, sich am Alltag zu überfressen, nicht darin, nach den besten Wegen zu suchen, materielle Güter zu erwerben und sie dann gierig zu konsumieren, sondern darin, eine beständige, ernsthafte Pflicht zu erfüllen, damit der gesamte Lebensweg vor allem zu einer Erfahrung moralischen Aufstiegs wird – das Leben als besserer Mensch zu verlassen, als man es begonnen hat.“
Wenn genügend Männer und Frauen diesen Aufstieg vollzögen, so Solschenizyn, könne die Menschheit „sich über die weltweite Strömung des Materialismus erheben“.
Dies ist das erste der drei Themen, die wir hier untersuchen werden, ein Hauptgrund für den Verfall der geistigen und menschlichen Werte und Tugenden zugunsten materieller Güter und finanziellen Reichtums.
Alexander Solschenizyn verlor seine sowjetische Staatsbürgerschaft, weil er sich gegen das Sowjetimperium aussprach. Solschenizyn im Jahr 1974. Foto: Bert Verhoeff für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

Alexander Solschenizyn verlor seine sowjetische Staatsbürgerschaft, weil er sich gegen das Sowjetimperium aussprach. Solschenizyn im Jahr 1974.

Foto: Bert Verhoeff für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

„Die Menschen haben Gott vergessen“

1983 hielt Solschenizyn seine „Templeton-Vorlesung“ in London, wo er den Templeton-Preis für Fortschritte in der Religion entgegennahm – ein Name, der angesichts der konservativen Haltung des Schriftstellers zum Glauben reich an Ironie ist. Er begann mit dieser Feststellung:
„Vor mehr als einem halben Jahrhundert, als ich noch ein Kind war, hörte ich mehrere ältere Leute eine Erklärung für die große Katastrophe, die Russland heimgesucht hatte, abgeben: ‚Die Menschen haben Gott vergessen; deshalb ist all dies geschehen.‘“
In diesem Vortrag gab Solschenizyn einen kurzen Überblick über die Geschichte der religiösen Verfolgung unter dem sowjetischen Kommunismus und über die vielen Menschen, die den Märtyrertod starben, weil sie sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören. Wie schon in der „Harvard-Rede“ wandte er sich dann Europa und Nordamerika zu:
„Unmerklich, durch jahrzehntelange schleichende Aushöhlung, wird der Sinn des Lebens im Westen nicht mehr als etwas Erhabeneres angesehen als das ‚Streben nach Glück‘. … Die Begriffe von Gut und Böse werden seit mehreren Jahrhunderten verspottet; aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verbannt, wurden sie durch politische oder klassenbezogene Kategorisierungen von kurzlebigem Wert ersetzt.“
Auch hier, wie in anderen Ansprachen, ging Solschenizyn auf die schädlichen Auswirkungen des Verlustes des Glaubens auf die Künste ein.
„Im Osten ist die Kunst im Niedergang begriffen, weil sie niedergeschlagen und mit Füßen getreten wurde, aber im Westen ist sie freiwillig untergegangen, zu einem gekünstelten und prätentiösen Streben geworden, bei dem der Künstler, anstatt zu versuchen, den göttlichen Plan zu enthüllen, versuchte, Gott durch sich selbst zu ersetzen.“
In einer Rede, die der Schriftsteller 1993 in Liechtenstein anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde hielt, wies er auf den zweischneidigen Charakter der Technik hin: „Sicherlich bereichern uns ihre Errungenschaften, doch sie versklaven uns zugleich. … Alles ist ein Kampf um materielle Dinge; doch eine innere Stimme flüstert uns leise zu, dass wir etwas Reines, Erhabenes – und Zerbrechliches – verloren haben. Wir haben aufgehört, den Sinn zu erkennen.“
Darauf folgte eine Frage: „Geben wir es zu, wenn auch nur flüsternd und nur vor uns selbst: Wofür leben wir eigentlich in dieser Hektik des Lebens, das in rasendem Tempo voranschreitet?“

Eine Mahnung gegen die Dekadenz

Eng verbunden mit dieser allgemeinen Amnesie ist Solschenizyns Sicht auf die Dekadenz.
In der „Harvard-Rede“ verwendete er den Begriff nur einmal, als er eine legalistische Kultur im Gegensatz zu einer auf Wahrheit und Moral basierenden beschrieb:
„Es hat sich herausgestellt, dass die Gesellschaft kaum Abwehrkräfte gegen den Abgrund menschlicher Dekadenz besitzt … wie zum Beispiel Filme voller Pornografie, Verbrechen und Horror. All dies wird als Teil der Freiheit angesehen und theoretisch durch das Recht der jungen Menschen ausgeglichen, nicht hinzuschauen und es nicht zu akzeptieren.“
In anderen Reden sprach er direkter über die moderne Dekadenz – das ständige Verlangen nach Freiheit, Vergnügen und Bequemlichkeit bei gleichzeitiger Flucht vor der Verantwortung. Bei einer Rede in London im Jahr 1976 sagte er: „Und wie steht es heute um Europa? Es ist nichts weiter als eine Ansammlung von Pappkulissen, die alle miteinander feilschen, um zu sehen, wie wenig für die Verteidigung ausgegeben werden kann, damit mehr für die Annehmlichkeiten des Lebens übrig bleibt.“
Obwohl er im Allgemeinen ein Schriftsteller war, der seine Prosa und seine Emotionen unter Kontrolle hatte, griff er in „The Shallowing of Freedom“ zu schärferer Rhetorik und verurteilte die Auswüchse der ungezügelten Freiheit:
„Freiheit! – für Verleger und Filmproduzenten, die jungen Generationen mit verderbendem Schmutz zu vergiften. Freiheit! – für Teenager, sich in Muße und Vergnügungen zu ergehen, anstatt sich dem konzentrierten Studium und der moralischen Entwicklung zu widmen. Freiheit! – für junge Erwachsene, nach Müßiggang zu streben und auf Kosten der Gesellschaft zu leben.“

Geschichte und tiefgreifende Kultur – ignoriert oder vergessen

Solschenizyn bezieht sich in seinen Reden häufig auf die Geschichte, insbesondere auf das 20. Jahrhundert, das sich seiner Ansicht nach „als grausamer erwiesen hat als seine Vorgänger“. Er berichtete beispielsweise von der brutalen Zwangsrückführung russischer Bürger und Soldaten durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg, wodurch diese Männer und Frauen mit fast sicherer Folge in den Tod oder in den Gulag geschickt wurden. Jahrelang, so merkte er an, habe die westliche Presse diese Geschichte verschwiegen.
In seiner Nobelpreisrede hob er zudem die Unkenntnis der Jugend in Bezug auf Geschichte und Politik hervor: „Die sich in jüngster Zeit manifestierende Erniedrigung von Menschen zu Nichtigkeiten, wie sie in China von den Roten Garden praktiziert wird, wird von der Jugend als freudiges Vorbild angesehen. Was für ein leichtfertiges Unverständnis der zeitlosen menschlichen Natur, was für ein naives Vertrauen unerfahrener Herzen.“
In „Der Verfall der Kultur“, seiner Rede von 1997 in Moskau, griff Solschenizyn Themen seiner Nobelpreisrede von vor 25 Jahren wieder auf. Obwohl er sich an die Russische Akademie der Wissenschaften wandte, bleibt die Botschaft universell. Er argumentierte, dass „der Kern historischer Prozesse nicht an der sichtbaren Oberfläche, sondern in der geistigen Tiefe liegt“ und dass „die Kultur uns ihre unverfälschten Tiefen erst dann wieder erschließen wird, wenn die Erneuerung eines moralisch empfänglichen Bodens stattfindet.“
Er warnte, dass bis zum Eintreten dieser Erneuerung „das Überleben oder Aussterben unseres Volkes von jenen abhängen wird, die in diesen dunklen Zeiten beharrlich daran festhalten, … das innere Leben unseres Geistes und unserer Seelen vor dem Untergang zu bewahren, es zu erheben, zu stärken und weiterzuentwickeln – jenes Leben, das die Kultur ist.“
Rosen am Grab des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyn in Moskau am 6. August 2008. Foto: Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Rosen am Grab des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyn in Moskau am 6. August 2008. Foto:_ Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Aktueller denn je

Schon eine flüchtige Betrachtung von Solschenizyns Reden zeigt, dass ihr Inhalt und ihre Ratschläge für unsere Zeit nach wie vor genauso relevant sind, vielleicht sogar noch mehr. Ersetzt man die Namen und Daten, passt man die Umstände an, so stellen wir fest, dass unsere Kultur – und wir selbst – von denselben Winden und demselben Regen gebeutelt werden, die er vor einem halben Jahrhundert beschrieb.
Dass einige von uns in seinen Reden noch immer Weisheit und Orientierung finden, ist eine Hommage an seine Weitsicht. Solschenizyns Analyse vertieft unser Verständnis der heutigen verarmten und oft groben Kultur. Auf seltsame Weise bringt dieses Verständnis Hoffnung. Wir mögen zwar nicht in der Lage sein, die stürmischen Gewässer um uns herum zu beruhigen, aber wir können zum Ufer der Wahrheit, Schönheit und Güte schwimmen, auf das er hinweist. Auf diese Weise können wir mehr Mensch werden.
Wir können uns denen anschließen, die „in diesen dunklen Zeiten durchhalten“.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Seer and Sage: The Speeches of Aleksandr Solzhenitsyn“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Nolans Odysseus zweifelt

Christopher Nolans „Die Odyssee“ mit Matt Damon in der Hauptrolle ist zum meistdiskutierten Film des Jahres geworden. Das knapp dreistündige IMAX-Epos dürfte schon bald die Marke von einer Milliarde US-Dollar knacken und damit sogar „The Dark Knight“ (2008) als Nolans erfolgreichsten Film ablösen. Vermutlich ist es die größte Literaturverfilmung seit „Vom Winde verweht“ (1939) – und zugleich so mitreißend, dass selbst diejenigen ihren Spaß daran haben dürften, die mit Literaturunterricht nie sonderlich viel anfangen können.
Doch die Einspielergebnisse erzählen längst nicht die ganze Geschichte. Viel auffälliger ist, wie radikal Nolan den Geist des Gedichts, das er adaptiert hat, auf den Kopf gestellt hat. Wo Homer von einem Helden erzählt, der sich durch Ausdauer, Frömmigkeit, Weisheit und Autorität auszeichnet, kommt Nolans Odysseus eher als Antiheld daher: voller Selbstzweifel, rational und passiv. Obwohl die Verfilmung der Handlung relativ treu bleibt, wurden die Themen komplett umgekehrt.

Christopher Nolans Odysseus (Matt Damon) hat wenig mit dem Odysseus aus dem Originalgedicht gemeinsam.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Von Standhaftigkeit zur Ernüchterung

Das Originalgedicht, vor rund 2700 Jahren entstanden, spiegelt die Wertvorstellungen seiner Zeit wider. Manche davon unterscheiden sich deutlich von denen unserer heutigen Zeit. Doch Odysseus verkörpert zugleich viele Tugenden, die uns bis heute vertraut sind. Vor allem lässt er sich in seinem Entschluss, nach Hause zurückzukehren, durch nichts beirren.
Als Odysseus und seine Gefährten auf der Insel der Lotophagen (auch Lotosesser) landen, essen einige seiner Männer von einer Pflanze, die sie jede Erinnerung an ihre Heimat verlieren lässt. Odysseus selbst bleibt nüchtern, schleppt sie zurück zu den Schiffen, bindet sie fest und segelt weiter. Später, als er seine gesamte Mannschaft verliert und sieben Jahre lang auf Kalypsos Insel festsitzt, verbringt er seine Tage weinend am Ufer.
Nolans Odysseus hingegen befindet sich von Anfang an in einer völlig anderen Lage. Als wir ihm auf Kalypsos Insel (Ogygia) begegnen, sehnt er sich keineswegs nach seiner Heimat. Im Gegenteil: Er weiß nicht einmal mehr, wo er ist – oder wer er ist. Kalypso hat ihm die Lotusfrucht zu essen gegeben. Desillusioniert von den Schrecken, die er in Troja erlebt hat, und gezeichnet von einer posttraumatischen Belastungsstörung, ist Odysseus nur allzu froh, sich in der Sucht zu verlieren und sein Trauma zu vergessen.

Von der Gottesfurcht zum Zweifel

Homers Odysseus steht – von Poseidon einmal abgesehen – in der Gunst der Götter, weil er ihnen treu die gebührende Ehre erweist. Gleich zu Beginn des Epos erinnert Athene ihren Vater Zeus empört daran:
„Brachte Odysseus
Nicht bei den Schiffen der Griechen in Trojas weitem Gefilde
Sühnender Opfer genug? Warum denn zürnest du so, Zeus?“
(Erster Gesang aus „Odyssee“ von Homer)
Zeus würdigt daraufhin die Gottesfurcht des Helden und beschließt, Odysseus nach Hause zu bringen.
In Nolans Verfilmung ist von all dem nichts mehr übrig. Ähnlich wie Wolfgang Petersen in „Troja“ (2004) wählt der Regisseur eine stärker auf den Menschen zentrierte Lesart der Geschichte – Matt Damon verkörpert Odysseus als modernen Rationalisten. Nachdem Troja gefallen ist und Odysseus’ Männer ihre Schiffe besteigen, drängen sie ihn, vor der Abfahrt den Göttern Opfer darzubringen. Doch er winkt ab: Er habe den Göttern bereits genug Ehre erwiesen, weitere Rituale seien nicht nötig.
Die griechischen Götter, die bei Homer eine so zentrale Rolle beim Vorantreiben der Handlung spielen, tauchen im Film nirgends auf. Zwar ist eine Figur zu sehen, die als Athene ausgewiesen ist und von Zendaya gespielt wird, wie sie an Odysseus’ Seite geht und mit ihm spricht; eine entscheidende Rückblende im Film stellt jedoch Athenes Identität in Frage und lässt vermuten, dass sie lediglich eine Halluzination ist, die aus Odysseus’ Schuldgefühlen entsteht.

Odysseus (Matt Damon) mit Athene (Zendaya), in „Die Odyssee“.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Von Göttinnen zu Opfern

Zu den weniger rühmlichen Zügen von Homers Odysseus gehört seine Untreue. Während die treue Penelope zwei Jahrzehnte lang auf Ithaka auf ihn wartet, lässt Odysseus sich mit Kirke und Kalypso ein. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings sagen: Viel Wahl lassen ihm die betörend schönen Göttinnen nicht. Sie halten ihn in der Pracht ihrer mit Dienern gefüllten Paläste fest.
Nolans Film lässt diese Dimension vollständig verschwinden. Kalypso (Charlize Theron) liebt Odysseus zwar, doch ihre Beziehung bleibt rein emotional. Odysseus ist viel zu sehr mit seiner Drogensucht beschäftigt, als dass Intimität für ihn eine Rolle spielen würde; auch deutet der Film zu keinem Zeitpunkt eine eindeutige Liebesbeziehung an. Das Verhältnis des Protagonisten zu Kirke (Samantha Morton) hingegen ist von offener Feindseligkeit geprägt. Beide Frauen leben in ärmlichen Verhältnissen, in einer einfachen Hütte beziehungsweise in einem Verschlag aus Treibholz, und wirken nicht im Geringsten wie Göttinnen.
Und sie sind nicht die einzigen Frauenfiguren, die Nolan von Verführerinnen zu Opfern umdeutet. Helena von Troja (Lupita Nyong’o) – jene Frau, deren Gesicht sprichwörtlich „tausend Schiffe in See stechen ließ“ – ist entstellt. Ihr Ehemann Menelaos (Jon Bernthal) spottet daraufhin, ihr Gesicht sei inzwischen vielleicht noch „fünfhundert“ wert.
Sinon (Elliot Page), der eigentliche Täuscher hinter dem Trojanischen Pferd – eine Figur, die erst später von Vergil und nicht von Homer eingeführt wurde –, wird bei Nolan selbst zum Getäuschten. Als er die Trojaner dazu bringt, das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu ziehen, weiß er nicht, dass sich darin überhaupt Menschen verbergen. Als Sinon Odysseus später in der Unterwelt begegnet, wirft er ihm vor, ein Lügner zu sein. In dieser Version der „Odyssee“ gibt es kaum eine Figur, die sich nicht in irgendeiner Weise als Opfer von Unterdrückung versteht.

Die Geschichte vom Trojanischen Pferd kam in Homers „Odyssee“ zwar nicht vor, aber Christopher Nolan hat sie in seine Neuerzählung aufgenommen.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschied von der Führungsrolle

Die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“ zu stehen, ist zum Sinnbild für eine ausweglose Entscheidung geworden. Bei Homer zeigt sich Odysseus an dieser Stelle von seiner entschlossensten Seite. Er entscheidet sich dafür, auf Skylla zuzusteuern und einige wenige Männer zu opfern, statt das gesamte Schiff im Strudel der Charybdis aufs Spiel zu setzen.
Nolan kehrt diese Konstellation um. Als das Schiff auf die Meerenge zutreibt, wartet die Mannschaft auf einen Befehl von Odysseus. Doch der bleibt aus. Odysseus verstummt, während das Schiff weiter auf Charybdis zusteuert. Stattdessen übernimmt sein Stellvertreter Eurylochos (Himesh Patel) das Kommando und lenkt die Männer in Richtung Skylla – mit dem Tod von sechs Seeleuten als Folge. Nolans „Held“ trifft die schwere Entscheidung also gar nicht. Ein anderer trifft sie für ihn.
Am deutlichsten treten Nolans Eingriffe im Höhepunkt des Films hervor, beim Massaker an den Freiern. Bei Homer kehrt Odysseus nach Hause zurück, um mit unerbittlicher Härte Recht zu sprechen. Er befiehlt Telemachos, die untreuen Sklavinnen des Palastes hinzurichten. Telemachos geht dabei noch weiter: Statt sie unmittelbar zu töten, lässt er sie langsam erhängen. Es ist eine der verstörendsten Passagen des gesamten Epos.

Telemachus (Tom Holland), in „Die Odyssee“.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Nolan streicht diese Szene vollständig. Sein Odysseus ist zudem bereit, jene Freier zu verschonen, die sich ihm unterwerfen, statt gegen ihn zu kämpfen. Und am Ende beansprucht er nicht etwa seine Königsherrschaft zurück, sondern verzichtet auf sie. Er überlässt Telemachos den Thron und segelt mit Penelope nach Westen, unbekannten Ländern entgegen – mit der Klage, „die Bronzezeit bricht zusammen“. Diese Formulierung ist ein Anachronismus: Niemand zu Odysseus’ Zeiten hätte von der eigenen Epoche als „Bronzezeit“ gesprochen.
Dieses Ende greift eine spätere Erweiterung des Odysseus-Mythos auf. Der italienische Dichter Dante Alighieri prägte die berühmte Vorstellung von einer letzten Reise des Odysseus, auf der dieser die Säulen des Herakles passierte und über die Grenzen der bekannten Welt hinausfuhr – eine Tradition, an die Alfred Lord Tennyson in seinem berühmten Gedicht „Ulysses“ anknüpfte. Dort beklagt Tennysons Held zunächst, dass „wir auch die Kraft nicht mehr [sind], die Erd’ und Himmel / vordem bewegte“, bevor das Gedicht in einer trotzig-grandiosen Geste endet:
„Was wir sind, das sind wir! Ein einz’ger Wille heldenhafter Herzen, durch Zeit und Schicksal schwach gemacht, doch stark im Ringen, Suchen, Finden, Nimmerweichen!“
Doch auch wenn das äußere Geschehen mehr oder weniger dasselbe bleibt, strebt Nolans Antiheld nie nach einer solchen Größe. Seine Reise endet nicht im Triumph, sondern im Verzicht – verbunden nur mit der leisen Hoffnung, dass „die Zivilisation eines Tages wieder auferstehen wird“.

Eine andere Art von Held

Die meisten Kommentare zu dem Film kreisen bislang darum, wie weit sich dieser filmische Odysseus von seinem homerischen Vorbild entfernt. Doch für genau diese Art von Protagonisten gibt es ein anderes literarisches Vorbild – und das findet sich nicht bei dem blinden Sänger Homer.
In der „Argonautika“, dem Epos des Apollonios von Rhodos über Jason und die Argonauten aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., unterscheidet sich Jason deutlich von den Helden Odysseus und Achill. Er ist unentschlossen, neigt zur Verzweiflung und wirkt alles andere als heldenhaft. Verglichen mit dem unbesiegbaren Herakles, der ebenfalls an Bord der Argo ist, besitzt Jason keinerlei herausragende Eigenschaften. Tatsächlich bestimmt die Mannschaft zunächst Herakles zu ihrem Anführer. Der lehnt jedoch ab und schlägt stattdessen Jason vor. Apollonios geht sogar so weit, seinen Protagonisten als „amēchanos“ zu bezeichnen – ein Wort, das sich ungefähr mit „hilflos“, „ratlos“ oder „ohne Ausweg“ wiedergeben lässt. Das steht in bewusstem Gegensatz zu Homers Bezeichnung des Odysseus als „polytropos“: „vielgewandt“, „listenreich“ oder besonders einfallsreich und findig.
Jason steht dem modernen Antihelden damit deutlich näher als den epischen Helden, die ihm vorausgingen. Bemerkenswert ist dabei, dass die eigentliche treibende Kraft der Handlung in der „Argonautika“ gar nicht Jason ist – und auch keiner der anderen Helden an Bord der Argo –, sondern eine Frau. Medeas Zauberkünste versetzen den niemals schlafenden Drachen in einen tiefen Schlummer, und dank ihrer List gelingt es Jason, das Goldene Vlies zu rauben und auch die übrigen Prüfungen zu bestehen, die ihm auferlegt werden.
Diese Umkehrung war kein Zufall. Apollonios schrieb rund fünf Jahrhunderte nach Homer – in einer grundlegend anderen Gesellschaft. Das von den Ptolemäern beherrschte Alexandria war Teil eines multikulturellen Reiches, das aus den Eroberungen Alexanders des Großen hervorgegangen war. Im politischen System des Hellenismus beruhte Führung stärker auf Zustimmung, Aushandlung und Anerkennung – und Jasons Charakter spiegelt genau diese Welt wider.
Vor diesem Hintergrund steht Nolans „Odyssee“ dem Epos des Apollonios von Rhodos weit näher als Homers „Odyssee“. Die Frauenfiguren des Films erweisen sich durchweg als fähiger und einflussreicher als die meisten Männer in ihrem Umfeld – selbst wenn der Film sie vordergründig als Arme oder Gefangene darstellt.

In Nolans „Die Odyssee“ spielen Frauen eine größere Rolle als in seiner anderen Filmen.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

So wie Apollonios den epischen Helden für die politischen Verhältnisse seiner eigenen Zeit neu schrieb, tut Nolan dasselbe für die unsere Zeit. Doch ist das wirklich der „Held“, den wir heute brauchen? An Geschichten über schwache, von Selbstzweifeln geplagte Männer, die das Opfersein verklären, herrscht jedenfalls kein Mangel. Nolans Version ist nur ein weiteres Spiegelbild dessen, wohin sich unsere Kultur entwickelt hat. Man könnte sogar sagen: Mit Nolans demonstrativem Zaudern sinken wir noch ein wenig schneller.
Wie auch immer man zu diesen Änderungen stehen mag – Nolan ist etwas Ungewöhnliches, wenn nicht gar Beispielloses gelungen: Er hat das Publikum dazu gebracht, sich wieder mit einem Klassiker auseinanderzusetzen, und sei es auch nur für einen Sommer.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Antihero’s Odyssey: How Christopher Nolan Rewrote Homer for a Skeptical Age“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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„Genug gearbeitet“ – Eigenverantwortung: Freiheit braucht klare Grenzen

„Die sollen eigenverantwortlicher arbeiten.“ Dieser Wunsch ist in fast jedem Unternehmen zu hören. Er klingt gut. Modern. Entlastend. Doch Eigenverantwortung entsteht nicht dadurch, dass man sie fordert. Sie entsteht durch einen Rahmen, in dem Menschen Verantwortung tatsächlich übernehmen können.
Freiheit ohne Grenze ist Unsicherheit. Grenze ohne Freiheit ist Kontrolle. Eigenverantwortung benötigt beides: Spielraum und Orientierung.
Viele Führungskräfte geben Aufgaben ab und wundern sich, dass Rückfragen kommen. Dabei wurde oft nur gesagt, was zu tun ist, nicht aber, was entschieden werden darf. Dann entstehen zwei ungünstige Varianten: Die einen fragen ständig nach. Die anderen entscheiden mutig und bekommen später Ärger, weil es „so nicht gemeint“ war.
Ein Team entwickelte eine einfache Entscheidungsmatrix:
  • Grün: Entscheidung allein durch Person oder Team
  • Gelb: Entscheidung möglich, Führung wird vorher informiert
  • Rot: Entscheidung nur gemeinsam – bei hohem Risiko, hohen Kosten oder hoher Wirkung
Diese drei Farben ersetzten viele Diskussionen. Plötzlich wurde Eigenverantwortung nicht mehr als Charakterfrage behandelt, sondern als Arbeitsstruktur.
Genug gearbeitet. Genug Energie in Rückfragen verloren, die nur entstehen, weil Grenzen unklar sind.
Eigenverantwortung hat auch mit Fehlerkultur zu tun. Wer Verantwortung übernimmt, wird nicht immer perfekt entscheiden. Deshalb braucht es Rückendeckung. Nicht Freifahrtschein, sondern Fairness: Was war bekannt? Was war der Rahmen? Was lernen wir daraus?
Ein wirksamer Führungssatz lautet: „Das ist deine Entscheidung. Ich stehe hinter dir, und wir schauen danach gemeinsam auf die Wirkung.“ Dieser Satz verändert viel. Er gibt Zutrauen und hält die Verbindung aufrecht.
Eigenverantwortung wächst in kleinen Schritten:
  • Eine Entscheidung wirklich abgeben.
  • Das Ergebnis besprechen, nicht jeden Zwischenschritt kontrollieren.
  • Gute Entscheidungen sichtbar anerkennen.
  • Fehler nutzen, um den Rahmen zu verbessern.
Wer mehr Eigenverantwortung will, muss auch die eigene Rolle verändern. Weniger Retter. Weniger letzte Instanz für alles. Mehr Orientierungsgeber von Richtung, Grenze und Maßstab.
Das ist für viele Führungskräfte unbequem. Denn es nimmt ihnen die schnelle Befriedigung, selbst alles zu lösen. Aber es schafft langfristig Entlastung und Wachstum.
Genug gearbeitet. Welche Entscheidung könnten Sie diese Woche wirklich abgeben – nicht nur die Arbeit daran?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Manipulation im Alltag: Wie frei ist unsere Entscheidung wirklich?


In Kürze:

  • Unser Gehirn arbeitet mit Abkürzungen. Das macht uns effektiv, aber anfällig für Manipulation.
  • Wer weiß, wie Menschen denken und fühlen, kann dieses Wissen gezielt einsetzen – zum Guten, aber auch zum eigenen Vorteil.
  • Künstlicher Zeitdruck und induzierte Gefühle sind mächtige Werkzeuge der Manipulation, aber nicht die Einzigen.
  • Freie Entscheidung beginnt daher mit einer Pause und einer Frage an sich selbst.

 
Jeden Tag treffen wir unzählige Entscheidungen. Wir wählen, was wir einkaufen, wem wir vertrauen, welche Nachrichten wir glauben oder wie wir auf andere Menschen reagieren. Dabei sind wir überzeugt, frei und unabhängig zu entscheiden. Doch die Wahrheit ist: Unser Gehirn arbeitet mit Abkürzungen. Diese sogenannten mentalen Heuristiken helfen uns, schnell Entscheidungen zu treffen – machen uns aber gleichzeitig anfällig für Manipulation.
Manipulation begegnet uns überall. Sie findet nicht nur in der Werbung statt, sondern auch in Beziehungen, im Berufsleben, in den sozialen Medien und in der Politik. Oft geschieht sie so subtil, dass wir sie gar nicht bemerken. Erst im Nachhinein fragen wir uns: „Warum habe ich eigentlich zugestimmt?“, oder „Wie konnte ich mich darauf einlassen?“

Warum unser Gehirn manipulierbar ist

Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Energie zu sparen. Würden wir jede Entscheidung gründlich analysieren, wären wir bereits vor dem Frühstück erschöpft. Deshalb nutzt unser Denken Faustregeln. Wir orientieren uns an Erfahrungen, Gewohnheiten – und den Reaktionen anderer Menschen.
Diese Abkürzungen funktionieren meistens gut. Genau sie machen uns jedoch berechenbar. Wer weiß, wie Menschen denken und fühlen, kann dieses Wissen gezielt einsetzen – zum Guten, aber auch zum eigenen Vorteil.
Hinzu kommt, dass Gefühle häufig stärker sind als rationale Überlegungen. Angst, Sympathie, Zeitdruck oder das Bedürfnis, dazuzugehören, beeinflussen unser Verhalten oft stärker als Fakten.

Sympathie, Gegenseitigkeit und künstliche Begehrlichkeit

Menschen sagen eher Ja zu Personen, die sie sympathisch finden. Ein freundliches Lächeln, Gemeinsamkeiten oder ein ehrliches Kompliment schaffen Vertrauen. Genau deshalb investieren Verkäufer, Influencer oder geschickte Verhandler zunächst in den Beziehungsaufbau. Wer sich verstanden fühlt, senkt unbewusst seine kritische Haltung.
Natürlich ist Freundlichkeit nichts Negatives. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie ausschließlich dazu dient, Entscheidungen zu beeinflussen.
Wer etwas geschenkt bekommt, verspürt häufig den Wunsch, sich zu revanchieren. Dieses Prinzip ist tief in unserer sozialen Entwicklung verankert. Kostenlose Proben, kleine Geschenke oder vermeintlich unverbindliche Gefälligkeiten erzeugen oft ein Gefühl der Verpflichtung. Dabei spielt der tatsächliche Wert des Geschenks kaum eine Rolle. Entscheidend ist das Gefühl: „Jetzt sollte ich mich erkenntlich zeigen.“
Hinzu kommt: Die Angst, eine Gelegenheit zu verpassen, ist häufig größer als die Freude über einen möglichen Gewinn. Dieses Phänomen wird auch als Fear of Missing Out (FOMO) bezeichnet.
„Nur noch zwei Stück verfügbar.“
„Dieses Angebot gilt nur heute.“
Solche Aussagen begegnen uns ständig. Dahinter steckt ein einfacher psychologischer Mechanismus: Was knapp erscheint, wirkt automatisch wertvoller. In Wirklichkeit reduziert Zeitdruck unsere Fähigkeit, kritisch nachzudenken. Deshalb lohnt es sich fast immer, wichtige Entscheidungen eine Nacht zu überschlafen.

Menge und Autorität sagen nichts über Inhalt

Die Angst, etwas zu verpassen, wirkt aber nicht nur im Einzelhandel. Auch die Anziehungskraft sozialer Netzwerke beruht zum großen Teil auf dem Nicht-Verpassen-Wollen. Zugleich ist hier ein zweiter Effekt am Werk: Wenn viele Menschen etwas tun, muss es doch richtig sein – oder?
Doch Algorithmen kennen unsere Interessen oft erstaunlich genau. Sie zeigen Inhalte, die unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden. Je häufiger wir bestimmte Meinungen lesen, desto vertrauter erscheinen sie uns. Psychologen sprechen vom „Mere-Exposure-Effekt“: Allein die wiederholte Begegnung mit einer Aussage erhöht ihre Glaubwürdigkeit.
Deshalb lohnt es sich, bewusst unterschiedliche Informationsquellen zu nutzen und gelegentlich die eigene Sichtweise zu hinterfragen, denn unser Gehirn orientiert sich an der Gruppe. Tausende positive Bewertungen, lange Warteschlangen oder Formulierungen wie „Bestseller“ oder „Die Nummer 1“ erzeugen Vertrauen. Dieses Prinzip ist besonders hilfreich, wenn wir uns unsicher fühlen. Allerdings bedeutet Beliebtheit nicht automatisch Qualität.
Auch ein weißer Kittel, akademische Titel oder eine beeindruckende Berufsbezeichnung können unsere Wahrnehmung erheblich verändern. Das bedeutet nicht, dass Experten grundsätzlich falschliegen. Dennoch sollten Aussagen immer anhand ihrer Inhalte beurteilt werden – nicht allein aufgrund des Status der Person.
Geschichte und Forschung zeigen immer wieder, dass Menschen Autoritäten erstaunlich weit folgen können, selbst wenn sie dabei gegen ihre eigenen Überzeugungen handeln.

Das Ja-Sagen beginnt mit kleinen Schritten

Eine bekannte Technik besteht darin, zunächst um eine kleine Zustimmung zu bitten. Wer einmal Ja gesagt hat, stimmt später häufig auch größeren Bitten zu. Aus 5 Minuten werden dann schnell 20 und am Ende ist der halbe Tag vertan.
Psychologen sprechen hier vom Wunsch nach Konsistenz. Wir möchten als verlässlich gelten und handeln deshalb oft im Einklang mit früheren Entscheidungen. Dieses Prinzip begegnet uns beim Spendensammeln ebenso wie im Verkauf oder in persönlichen Beziehungen.

Die Macht der Emotionen

Kaum ein Gefühl beeinflusst unser Verhalten so stark wie Angst. Wer Angst hat, sucht nach Sicherheit. Genau deshalb funktionieren Schlagzeilen, die Bedrohungen betonen, häufig besonders gut. Auch Betrüger nutzen dieses Prinzip. Sie erzeugen zunächst Unsicherheit und präsentieren anschließend die vermeintliche Lösung.
Ein ruhiger Moment zum Nachdenken reicht oft aus, um Manipulationsversuche zu erkennen.
Und dann sind da noch Schuldgefühle und emotionale Erpressung:
„Wenn du mich wirklich lieben würdest …“
„Nach allem, was ich für dich getan habe …“
Solche Aussagen zielen nicht auf einen sachlichen Austausch, sondern auf Schuldgefühle. Emotionale Erpressung nutzt unsere Angst vor Ablehnung oder Konflikten. Statt frei zu entscheiden, handeln wir aus schlechtem Gewissen. Gesunde Beziehungen zeichnen sich dagegen durch Respekt, Freiwilligkeit und gegenseitige Wertschätzung aus.

Wie Sie Manipulation erkennen …

Manipulation arbeitet häufig mit denselben Mustern:
  • künstlicher Zeitdruck
  • starke emotionale Ansprache
  • Schuldgefühle
  • übertriebene Versprechen
  • scheinbare Alternativlosigkeit
  • Berufung auf Autoritäten
  • Gruppendruck
  • übermäßiges Lob oder Schmeichelei
Je mehr dieser Signale gleichzeitig auftreten, desto vorsichtiger sollten Sie sein.

… und sich vor ihr schützen

Der wirksamste Schutz beginnt mit einem kurzen Moment der Pause.
Fragen Sie sich:
  • Warum treffe ich diese Entscheidung gerade jetzt?
  • Profitiere wirklich auch ich davon?
  • Würde ich ohne Zeitdruck genauso entscheiden?
  • Welche Gefühle werden gerade bei mir ausgelöst?
  • Welche Informationen fehlen mir noch?
Allein diese Fragen aktivieren das analytische Denken und reduzieren die Wirkung vieler Manipulationstechniken.
Ebenso hilfreich ist es, wichtige Entscheidungen niemals ausschließlich aus Angst, Euphorie oder schlechtem Gewissen heraus zu treffen. Auch wenn Sie dafür Zeit benötigen und den anderen warten lassen müssen.

Fazit

Dass Manipulation funktioniert, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Folge unserer menschlichen Denkweise. Unser Gehirn nutzt Vereinfachungen, Gefühle und Erfahrungen, um den Alltag zu bewältigen. Genau diese Mechanismen können jedoch ausgenutzt werden.
Fakt ist auch, wir alle sind beeinflussbar, doch nicht jede Form der Beeinflussung ist automatisch negativ. Eltern motivieren ihre Kinder, Lehrkräfte begeistern für Wissen und Therapeuten unterstützen Menschen dabei, hilfreiche Verhaltensweisen zu entwickeln. Der Unterschied liegt in der Absicht. Während Manipulation den Vorteil des Beeinflussenden in den Mittelpunkt stellt, verfolgt eine respektvolle Kommunikation das Ziel, beide Seiten zu stärken.
Die gute Nachricht lautet: Wer die wichtigsten psychologischen Tricks kennt, erkennt sie schneller. Ein kurzer Moment des Innehaltens, kritisches Nachfragen und das Bewusstsein für die eigenen Gefühle reichen oft aus, um Manipulationsversuchen die Wirkung zu nehmen.
Die größte Freiheit besteht nicht darin, sich niemals beeinflussen zu lassen. Sie besteht darin, den Unterschied zwischen einer selbstbestimmten Entscheidung und einer geschickten Beeinflussung zu erkennen. Denn je besser wir verstehen, wie unser Denken funktioniert, desto souveräner können wir unseren eigenen Weg gehen.
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Die 10-Minuten-Falle beim Arzt: Warum Zeitmangel zu gefährlichen Fehldiagnosen führen kann

Herr S., ein 38-jähriger Patient, suchte mich wegen wiederkehrender Atemnot, Brustenge und Kurzatmigkeit auf. Er wirkte angespannt, aber bemüht, die Situation sachlich zu schildern.
Als er seine Unterlagen auf den Tisch legte, zeigte sich, dass er in den vergangenen Monaten mehrfach beim Hausarzt, einmal beim Lungenfacharzt und sogar in der Notaufnahme gewesen war.

Verschiedene Ärzte – die gleiche Fehldiagnose

Sein Hausarzt hatte ihm nach einem kurzen Gespräch ein „mildes Belastungsasthma“ diagnostiziert. Die Diagnose war in einem Termin gefallen, der laut Patienten keine fünf Minuten gedauert hatte und mit einem Rezept für ein Asthmaspray endete.
Der Pneumologe hatte später im Rahmen der Untersuchung der Lungenfunktion ein Spirometrie-Ergebnis gesehen, das zwar grenzwertig, aber nicht eindeutig war. Aufgrund der Vorbefunde übernahm er die Diagnose allergisches Asthma, ohne weiter nachzufragen.
Doch während ich mit Herrn S. sprach, zeigte sich, dass die Beschwerden nicht zu einem allergischen Asthma passten.
In seinen Unterlagen fand ich einen Lungenfunktionstest, der unauffällig war. Ein Allergietest ohne Befund. Ein Thorax-Röntgen, das normal war. Die körperlichen Befunde passten ebenfalls nicht zur Diagnose.
In meinem Gespräch mit Herrn S. stellte sich heraus, dass die Atemnot häufig in Situationen auftrat, die emotional belastend waren: vor Präsentationen im Job, nach Konflikten mit seiner Partnerin, manchmal auch nachts nach intensiven Grübeleien.
Er erwähnte nebenbei, dass er seit Monaten die Doppelbelastung aus Vollzeitjob und Pflege seines Vaters trug, der nach einem Schlaganfall Unterstützung brauchte.
Mit jeder Minute, die ich zuhörte, kamen weitere entscheidende Details hinzu: ein seit Jahren bestehender, nie behandelter Angstzustand, eine familiäre Dauerbelastung, ein Arbeitsplatzkonflikt, der ihn täglich unter Druck setzte.

Stresssymptome als diagnostische Herausforderung

Fehldiagnosen wie im Fall von Herrn S. sind kein Einzelfall und wissenschaftlich gut dokumentiert.
Eine Studie, die von kanadischen Forschern über einen Zeitraum von fünf Jahren durchgeführt wurde, ergab, dass rund ein Drittel aller Asthma-Diagnosen bei einer standardisierten erneuten Abklärung nicht bestätigt werden konnten, weil sie zuvor ohne objektive Tests gestellt wurden.
Ein Teil der falsch diagnostizierten Patienten litt in Wahrheit unter Stressreaktionen, Hyperventilation oder psychosomatischen Beschwerden.
Die moderne Forschung zeigt, dass Stress körperliche Symptome erzeugen kann, die so überzeugend wirken, dass sie als organische Erkrankungen fehlinterpretiert werden, besonders dann, wenn die psychosoziale Anamnese fehlt.
Eine in der Fachzeitschrift „Nature Reviews“ veröffentlichte Arbeit belegt, dass Stress Atemnot, Brustenge, Herzrasen und Schwindel auslösen kann — Symptome, die, wenn man sich nicht die Zeit für ein umfassendes Gespräch mit dem Patienten nimmt, schnell in Richtung Asthma, Herzkrankheit oder Panikstörung gedeutet werden.
Genau das geschah bei Herrn S. Seine Atembeschwerden waren in Wahrheit nicht bronchial, sondern emotional. Nicht allergisch, sondern psychosozial. Nicht organisch, sondern systemisch.
Die vermeintliche Asthma-Diagnose war in Wahrheit ein ausgeprägtes Hyperventilationssyndrom, ausgelöst durch chronischen Stress, Schlafmangel und emotionale Überlastung.
Doch für diese Diagnose brauchte es genügend Zeit, um sich ein ganzheitliches Bild zu machen — Zeit, die im modernen System oft fehlt.

Zeitmangel ist ein systemischer Risikofaktor

Zeit ist in der modernen Medizin zu einer knappen Ressource geworden. Konsultationen dauern oft nur wenige Minuten, obwohl die Komplexität der Patienten steigt. Die Kombination aus Ärztemangel und niedrigen gesetzlichen Kassentarifen in Deutschland trägt dazu bei, dass Ärzte oft eine zu große Zahl an Patienten pro Tag behandeln müssen, um für ausführliche Gespräche Zeit zu finden.
Eine Erhebung im Auftrag des Bundesministeriums aus dem Jahr 2022 bestätigt, dass die durchschnittliche Behandlungszeit beim Hausarzt pro Besuch zehn Minuten beträgt, in 48 Prozent der Fälle fünf bis 10 Minuten.
Die Forschung zeigt klar, dass diese Verkürzung nicht nur die Gesprächsqualität mindert, sondern die diagnostische Präzision beeinflusst. Eine systematische Übersichtsarbeit, die im Jahr 2017 erschien, bestätigt, dass Zeitdruck und unvollständige Anamnesen zentrale Ursachen für Fehldiagnosen sind.
Unter Zeitdruck und Belastung greifen Ärzte häufiger zu heuristischen, vereinfachten Entscheidungswegen, wie eine im Fachjournal Medical Education veröffentlichte Studie zeigt. Das bedeutet: Nicht nur wichtige Patienteninformationen fehlen — auch die Denkprozesse verändern sich aufgrund des Zeitdrucks.

Wenn das Gesamtbild verloren geht

Fehldiagnosen sind nur die erste Stufe. Die zweite ist noch gefährlicher: Fehltherapie.
Die experimentelle Studie von Tsiga und Kollegen zeigt, dass Ärzte unter Zeitdruck häufiger zu Standardtherapien greifen, statt individuell zu behandeln.
Ein weiterer moderner Faktor ist die fragmentierte Versorgung. Fragmentierte Versorgung kann dazu führen, dass Informationen verloren gehen, Untersuchungen doppelt durchgeführt werden oder Behandlungen nicht optimal aufeinander abgestimmt sind. Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass auch Fehldiagnosen häufig passieren, wenn mehrere Ärzte beteiligt sind, sich jeder mit einzelnen fachspezifischen Symptomen beschäftigt, aber ein Überblick über die Gesamtgeschichte fehlt.

Warum Zeit in der Ganzheitlichen Medizin ein diagnostisches Werkzeug ist

Zeitmangel ist längst kein Randproblem mehr, sondern ein struktureller Schaden, der sich immer mehr im Gesundheitswesen abbildet.
Diagnostik braucht jedoch Zeit – Zeit zum Zuhören, Zeit zum Nachfragen, Zeit zum Verstehen.
In der Ganzheitlichen Medizin wird Zeit nicht als Luxus angesehen, sondern als ein diagnostisches Werkzeug. Aus ganzheitlicher Sicht betrachtet, sind psychosoziale Faktoren, die man erst nach einem längeren, vertrauten Gespräch einschätzen kann, keine Nebensache, sondern zentrale Bausteine der Gesundheit.
In meiner Praxis sehe ich immer wieder, dass echte Heilung dann beginnt, wenn der Arzt die Geschichte hinter den Symptomen versteht. Denn daraus ergibt sich der präzise Rahmen, in dem eine richtige Diagnose gestellt werden kann, die die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie ist.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
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Die Streichung der Homöopathie: Die Globuli waren es


In Kürze:

  • Die Streichung der Homöopathie soll dabei helfen, eine finanzielle Lücke im deutschen Gesundheitssystem zu schließen.
  • Das ist jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Während das Einsparungspotenzial bei 40 Millionen Euro liegt, beträgt das Finanzloch 44 Milliarden Euro.
  • Bereits vor über 20 Jahren ist die Politik an der Pharmalobby gescheitert. Die preisgekrönte Doku darüber ist heute nicht mehr auffindbar.
  • Bundeskanzler Merz lobt seinen neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann als Mann, der im Gegenwind stehen bleibt.

 
Das „deutsche Gesundheitswesen“ steht angeblich vor einem Rätsel. Irgendwo zwischen Krankenhäusern, Arzneimittelpreisen, Verwaltung und einer Vergütungsmaschine, die selbst ihre Erfinder vermutlich nicht mehr vollständig verstehen, fehlen Milliarden. Das Bundesgesundheitsministerium erwartet für das Jahr 2030 inzwischen eine Finanzierungslücke von rund 44 Milliarden Euro. Also begann die Politik zu suchen und fand – unter anderem – die Homöopathie.
Die Bundesregierung rechnet durch die Streichung homöopathischer und anthroposophischer Leistungen mit einer Ersparnis von etwa 50 Millionen Euro im Jahr. Der Bundesrechnungshof kam bei seinen Prüfungen hingegen (nur) auf rund 40 Millionen Euro und überschrieb das entsprechende Kapitel seiner Stellungnahme bemerkenswert offen mit den Worten:

„Minderausgaben führen zu keinen nennenswerten Einsparungen.“

Beschlossen wurde die Streichung trotzdem. Somit spart man einen Betrag, von dem die Prüfer selbst sagen, dass er nicht nennenswert sei und das eigentliche Problem unberührt lasse. Nur weil hier gespart wird, werden andere Prozesse nicht effektiver.
Um die Größenordnung zu verdeutlichen: Im Jahr 2025 lagen die gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenkassen bei 336,41 Milliarden Euro. Der Anteil der beanstandeten Leistungen bewegt sich damit im Bereich eines Rundungsfehlers. Um das erwartete Loch auf diesem Weg zu schließen, müsste man die Homöopathie mehr als tausendmal abschaffen.
Und noch ein Vergleich: Die Leistungsausgaben der Kassen stiegen allein von 2024 auf 2025 um gut 24 Milliarden Euro. Die Krankenhäuser kosteten innerhalb eines Jahres rund 9,3 Milliarden Euro mehr und die Arzneimittel gut 3 Milliarden Euro. Der jährliche Zuwachs bei den Medikamenten war damit fast achtzigmal so hoch wie das gesamte angebliche Sparpotenzial bei Homöopathie und Anthroposophie.
An diesen großen Zahlen erkennt man das Problem. An den kleinen Zahlen demonstriert die Politik Haltung.

Ein Skandal in Höhe der beabsichtigen Einsparung

Klar ist: Die Homöopathie wurde in Deutschland schon immer kritisiert – das war bereits zu Hahnemanns Zeiten vor über 200 Jahren so. Neu ist allerdings der Wille, sie aus dem öffentlichen Raum zu drängen. Veronica Carstens, Ärztin, Homöopathin und Ehefrau von Bundespräsident Karl Carstens, gründete mit ihrem Mann eine Stiftung zur Erforschung der Naturheilkunde. Sie behandelte Patienten, schrieb Bücher und warb für eine Medizin, die Erfahrung nicht schon deshalb verwarf, weil sie nicht in das jeweils herrschende Modell passte.
Die Bundesrepublik ging daran nicht zugrunde. Der Bundespräsident wurde auch nicht wegen „homöopathischer Umtriebe“ aus Schloss Bellevue entfernt. Kein Verfassungsschutzbericht musste um ein Kapitel über verdächtige Kügelchen erweitert werden. Man konnte eine Methode ablehnen und zugleich hinnehmen, dass andere Bürger diese gern nutzten und die Krankenkassen die Kosten dafür erstatteten.

Veronica Carstens (r.), Ärztin, Homöopathin und Ehefrau von Bundespräsident Karl Carstens, gründete mit ihrem Mann eine Stiftung zur Erforschung der Naturheilkunde. Bremen, 1949.

Mittlerweile hat sich der Wind gründlich gedreht. Ausgerechnet die Partei, die jahrzehntelang mit dem Versprechen des „Alternativen“ auftrat, hat längst die Fronten gewechselt. Auf ihrem Bundesparteitag Ende 2025 beschlossen die Grünen, Homöopathie solle nicht mehr von den Krankenkassen erstattet werden. Aus der politischen Heimat von Naturkostläden, Heilpflanzen und Misstrauen gegenüber Großkonzernen scheint mittlerweile eine Art „wissenschaftspolitisches Ordnungsamt“ geworden zu sein.
Ökonomisch bleibt das Manöver lächerlich. Besonders deutlich wird das beim Blick auf einen älteren Kontrastmittelskandal:
Im Jahr 2019 deckten Journalisten auf, welche Gewinne Radiologen mit den Erstattungspauschalen erzielen konnten. Die AOK Bayern zahlte damals 3.900 Euro für einen Liter MRT-Kontrastmittel, während die Radiologen den Liter nur für 760 Euro einkauften. Die Differenz und somit der Gewinn betrug 3.140 Euro pro Liter. Nach der Veröffentlichung wurde die Erstattung auf „nur noch“ 970 Euro gesenkt. Beim CT-Kontrastmittel fiel die Erstattung von 470 auf 110 Euro. Die möglichen Einsparungen in mehreren Bundesländern summierten sich auf bis zu 50 Millionen Euro jährlich.
Ein einziger genauer Blick auf einige Kontrastmittelverträge brachte damit ungefähr so viel wie das bundesweite Ende der Homöopathie bringen soll.

Gesundheitsminister Horst Seehofer: „Kann nicht widersprechen“

Wer wirklich sparen will, landet zwangsläufig auch bei den Arzneimitteln. Dafür gab die gesetzliche Krankenversicherung im Jahr 2025 rund 58,3 Milliarden Euro aus. Man könnte annehmen, dass ein Gesundheitsminister dort besonders energisch auftreten würde. Horst Seehofer hat es versucht. Als ehemaliger Bundesgesundheitsminister wurde er 2006 von „Frontal 21“ gefragt, weshalb eine Positivliste für Arzneimittel immer wieder gescheitert sei. Auf einer solchen Positivliste sollten jene Medikamente stehen, die von den Kassen erstattet werden. Teure oder nutzlose Präparate hätten draußen bleiben können. Eigentlich ein richtiger Gedanke, könnte man meinen.
Seehofer erklärte jedoch, sinnvolle strukturelle Veränderungen seien „nicht möglich wegen des Widerstandes der Lobby-Verbände“. In der Sendung wurde sogar berichtet, dass sein damaliger Staatssekretär dem Chef des Pharmaverbandes ein geschreddertes Exemplar der Positivliste überreicht habe. Mehr Symbolik bekommt man selten für sein Rundfunkgeld.
Auf die Frage, ob die Industrie also stärker sei als die Politik, antwortete Seehofer: „Ja, ich kann Ihnen nicht widersprechen.“
Das Interview fand später Eingang in die ZDF-Dokumentation „Das Pharmakartell – Wie wir als Patienten betrogen werden“. Der Bericht aus dem Jahr 2008 zeigte Einflussnahme, Interessenkonflikte, problematische Vermarktung und eine Politik, die gegenüber der Branche auffällig schnell ihre Entschlossenheit verlor. Die Autoren wurden dafür ausgezeichnet.
Heute sucht man solche Sendungen im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm mit einer Ausdauer, die besser für die Suche nach einem Facharzttermin verwendet wäre. Weder das Seehofer-Interview noch die Doku sind in der ZDF-Mediathek noch auffindbar.

Wer kontrolliert eigentlich wen?

Die öffentlich-rechtliche Kritik hat sich zwar nicht völlig verabschiedet, allerdings verteilt sie ihre Aufmerksamkeit anders. Eine dreiviertel Stunde über das Machtgeflecht einer milliardenschweren Industrie ist kompliziert, teuer und konfliktträchtig. Ein Beitrag über Globuli lässt sich leichter herstellen: Man filmt ein Röhrchen, befragt einen bekannten Kritiker und legt Musik darunter, die dem Zuschauer signalisiert, wann und weshalb er überlegen lächeln darf. „Aufklärung“ beendet?
Nun muss man nicht jede Behauptung der alten Dokumentation übernehmen, dennoch bleibt eine zentrale Frage weiterhin berechtigt: Wer kontrolliert eigentlich wen? Die Pharmaindustrie ist kein Wohlfahrtsverband, sondern eine Branche mit Geschäftsinteressen und enormer politischer Schlagkraft. Das Problem beginnt, wenn der Staat diese Interessen nicht mehr begrenzt, sondern ihnen nur noch die Verwaltungsvorschriften hinterherträgt.
Bei den Globuli zeigt der Staat hingegen seine ganze Kraft. Es gibt keinen Konzern, der mit Standortverlusten droht, keine Industrie, die Milliardenumsätze verteidigt, und keine Lobby, vor der ein Minister kapitulieren müsste. Man kann beherzt durchgreifen.
Der „Reformmut“ reicht sogar noch weiter. So sollen psychotherapeutische Leistungen künftig wieder budgetiert werden. Gleichzeitig fallen die Schutzvorschriften, die eine angemessene Vergütung der Therapeuten sichern sollten. Fachverbände warnen vor weniger Therapieplätzen und noch längeren Wartezeiten. Wer heute anderthalb Jahre nach psychotherapeutischer Hilfe sucht, darf also aufatmen: Künftig wird nicht die Wartezeit, sondern die Behandlung begrenzt.
Ganz anders bei der Pharmaindustrie. Dort versprach die Bundesregierung noch während des Gesetzgebungsverfahrens zusätzliche Ausnahmen vom erhöhten Herstellerabschlag, damit die Unternehmen ausreichend Planungssicherheit für ihre „Vermarktungs-, Investitions- und Standortentscheidungen“ behalten. Großartig.

Sparen, wo der politische Widerstand am größten ist

Die therapeutische Grundidee der Reform ist damit klar: Der psychisch kranke Patient soll sich etwas gedulden. Der Pharmakonzern darf auf keinen Fall beunruhigt werden. Und schließlich hat man ja auch mehr als ausreichend verschreibungspflichtige Medikamente für psychische Erkrankungen.
Künftig zahlen die gesetzlich Versicherten die homöopathische Behandlung selbst, der Psychotherapeut erfährt womöglich erst nach Monaten, welcher Anteil seiner Arbeit überhaupt bezahlt wird, und die Pharmaindustrie erhält dafür eine weitere Beruhigungstablette aus dem Bundesgesundheitsministerium.
Am 29. Juli hat Carsten Linnemann das Gesundheitsministerium übernommen. Bundeskanzler Friedrich Merz lobt ihn als Mann, der im Gegenwind stehen bleibt. Das könnte in diesem Amt sehr nützlich sein. Bevor Linnemann die nächsten Kügelchen aus dem Leistungskatalog kehrt, sollte er sich allerdings die alte Seehofer-Aufnahme ansehen. Sie dauert nur wenige Minuten und enthält mehr Gesundheitspolitik als so mancher 400-seitige Kommissionsbericht.
Danach könnte er mit einer einfachen Übung beginnen: Er schreibt 40 Millionen und mehr als 40 Milliarden nebeneinander. Anschließend prüft er, wo der politische Widerstand am größten ist. „Folge dem Geld“, heißt es im Volksmund.
Das Gesundheitswesen hat kein Globuliproblem. Es hat ein Preis-, Struktur- und Machtproblem. Große Probleme verlangen Mut, Sachkenntnis und die Bereitschaft, sich mit mächtigen Verbänden anzulegen. Kleine Gegner verlangen nur eine Pressemitteilung. Die Patienten bezahlen weiter steigende Beiträge. Die Milliarden bleiben selbstverständlich im System. Aber immerhin ist ein unliebsamer Konkurrent weg.
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Kemmerich: Was Deutschland von Milei lernen kann

In Argentinien könnten Politiker bald zur Rechenschaft gezogen werden, wenn die öffentlichen Kassen über mehrere Monate hinweg im Minus liegen. In diesem Fall soll der Staatsapparat automatisch teilweise stillstehen. Präsident, Vizepräsident, Senatoren, Abgeordnete, Minister und Staatssekretäre würden dann keine Gehälter mehr erhalten. Nur wesentliche staatliche Bereiche wie Renten, Gesundheitsversorgung, Sicherheit und Verteidigung blieben aktiv. Ein entsprechendes Reformpaket hat Argentiniens Präsident Javier Milei kürzlich vorgestellt. Ist so eine „fiskalische Fußfessel“ auch für Deutschland denkbar? Darüber sprachen wir mit dem Politiker und Unternehmer Thomas L. Kemmerich.
Herr Kemmerich, wie bewerten Sie das Vorhaben einer „fiskalischen Fußfessel“ des argentinischen Präsidenten Milei? Wäre ein solcher Automatismus auch für Deutschland denkbar?
Milei greift, wie bei vielen Dingen, hier etwas auf, das viele Bürger spüren: dass Politiker weitere Schulden aufnehmen, ohne sich dafür verantworten zu müssen. Die von Bundeskanzler Friedrich Merz geführte Bundesregierung hat im Frühjahr 2025 eine historische Grundgesetzänderung beschlossen, um in den kommenden Jahren ein Kreditvolumen von fast 1 Billion Euro aufzunehmen. Somit wird heute jeder Säugling mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 33.000 Euro geboren. Das alles ist nicht mehr hinnehmbar.
Milei hat hier das richtige Gespür. Aber natürlich hat das alles zwei Pferdefüße. Seine Pläne sind in Deutschland nicht ohne Weiteres umsetzbar. Wir haben Vorschriften, die sich aus dem Grundgesetz ergeben und denen solche Maßnahmen entgegenstehen. So kann man Abgeordneten beispielsweise nicht einfach die Bezüge streichen. Das hat man bereits in der Weimarer Republik erlebt, denn andernfalls wären Politiker erpressbar.
Es gibt jedoch andere Mittel und Wege. Grundsätzlich finde ich es sehr begrüßenswert, dass diese Schuldenorgie gestoppt werden soll. Ich hoffe, wir müssen nicht erst so tief fallen wie Argentinien, bevor wir von den politischen Akteuren mehr Disziplin einfordern.

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Nun kursieren einige Vorschläge, wie Mileis Pläne in Deutschland umgesetzt werden könnten. Aber sehen Sie überhaupt einen politischen Willen, etwas zu ändern?
Angesichts der Aktionen der letzten Monate fehlt mir tatsächlich der Glaube daran. Was Herr Merz mit dem abgewählten Bundestag noch veranstaltet hat, spottet jeder Beschreibung. Ich bin ein großer Fan der Schuldenbremse. Jetzt werden wieder viele aufschreien und sagen, dass wir dann nicht investieren können. Nein, wir haben in Deutschland ein Ausgabeproblem, kein Einnahmeproblem. Wir schwimmen mehr oder weniger im Geld, geben es jedoch nur an den falschen Stellen aus.
Wir müssen die politisch Verantwortlichen endlich dazu zwingen, Geld zu investieren, statt es für Konsum zu zweckentfremden. In der Grundsicherung, in der Entwicklungshilfe und an vielen anderen Stellen verschwenden wir Geld. Viel zu viele Menschen nutzen den Sozialstaat aus, ohne wirklich bedürftig zu sein. Auf der anderen Seite sehen wir, wie Brücken marode sind, Autobahnen zerfallen, unser Internet immer noch nicht auf dem neuesten Stand ist und wir bei der Künstlichen Intelligenz hinterherhinken.
Unsere Energieversorgung haben wir einer ideologisch motivierten Energiewende geopfert. All dies wurde mit dem Geld der Bürger finanziert, und mehrere Generationen werden diese Schulden tilgen müssen. Allein die Zinslast wird in den kommenden Haushaltsjahren 2028/29 auf über 80 Milliarden Euro anwachsen.
Das Grundgesetz ist in die Jahre gekommen und sollte an einigen Stellen nachgeschärft werden. Der einzelne Abgeordnete trägt zwar mit seiner Stimme Verantwortung, aber in erster Linie ist die Regierung für die Haushaltspolitik verantwortlich. So wie bei Milei zu sagen, ein Ministerpräsident, ein Bundeskanzler oder das Kabinett bekommt dann kein Gehalt mehr, halte ich grundsätzlich für erwägenswert. Es ist jedoch fraglich, ob man das Problem beim einzelnen Abgeordneten abladen kann – insbesondere dann, wenn er in der Opposition ist.
Das Ziel muss sein, dass die Menschen wieder spüren, dass wir Politiker es ernst meinen mit dem Anspruch, nicht auf Kosten der nächsten Generationen heutige Haushaltslöcher zu stopfen.
Wenn die Regierung diese Verantwortung nicht von sich aus übernimmt, wie könnte man die Politiker mehr in die Verantwortung bringen?
Politiker sollten selbst so viel Verantwortung übernehmen, dass sie sorgsam mit dem Geld der Bürger umgehen. Viele kennen den Spruch der britischen „eisernen Lady“ aus den 1980er-Jahren, Margaret Thatcher: Das Problem von Sozialisten ist, dass ihnen irgendwann das Geld anderer Leute ausgeht. Diese Situation haben wir gerade.
Es gibt heute bereits Instrumente, um etwas zu ändern. Es gibt die Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht. Diese sollte jedoch früher greifen und nicht immer erst im Nachhinein wirken, wie im Fall des Klima- und Transformationsfonds vor einigen Jahren. Wir müssen diese Instrumente nur schärfen.
Es gibt Gesetze, die die Politik stärker in die Verantwortung nehmen können, aber sie müssen richtig ausgelegt und schneller angewandt werden. Ein Satz liegt mir noch wirklich auf der Seele: Wenn man diese Instrumente konsequent nutzt, hören auch die Wahlgeschenke auf, die permanent kurz vor Wahlen verteilt werden.
Nehmen wir die Mütterrente als Beispiel. Jeder Ökonom erklärt, dass sie volkswirtschaftlich unsinnig und gesellschaftspolitisch nicht geboten ist. Aber sie ist das Lieblingsprojekt des einen oder anderen Politikers. Das muss aufhören – und das würde es dann auch.
Sie sagen, Mileis Ansatz ist gut, aber nicht direkt auf Deutschland übertragbar. Wie sieht es da mit der Politikerhaftung aus? Also, dass man Politiker finanziell mehr in die Verantwortung nimmt. Wie denken Sie darüber?
Als Vorsitzender von Team Freiheit kann ich sagen, dass wir die Politikerhaftung in unser politisches Programm aufgenommen haben. Ich nenne hier nur die Maskenaffäre von Jens Spahn oder die Geschichte um Spahns Villa und das anschließende Beschäftigungsverhältnis. Oder die gescheiterte Pkw-Maut von Andreas Scheuer, der – obwohl jeder Experte darauf hingewiesen hatte, dass sie sich nicht mit europäischem Recht vereinbaren lässt – das Projekt trotzdem durchgezogen hat.
In solchen Fällen handelt es sich um grobe Fahrlässigkeit. Wer so handelt, muss zur Verantwortung gezogen werden. Gleichzeitig gibt es auch Politiker, die während der Corona-Zeit die Bevölkerung wider besseres Wissen einsperrten, wie die RKI-Protokolle zeigen. All das sind Vorgänge, die aufgearbeitet und gegebenenfalls geahndet werden müssten.
Hier wird es Politikern zu leicht gemacht. Dadurch erleben wir eine Entfremdung zwischen Bevölkerung und Politik. Kaum jemand traut den etablierten Parteien und der aktuellen Politik noch eine ausreichende Lösungskompetenz zu. Wir erleben das Erstarken extremer politischer Richtungen. Es ist also mehr als höchste Zeit, endlich zu handeln.
Nun gibt es ja Kritiker, die sagen, ein höherer Verantwortungsdruck auf Politiker könnte abschreckend wirken und zu Handlungsunwillen oder Nachwuchsproblemen in der Politik führen. Was halten Sie von diesen Argumenten?
Ich würde viel höhere Anforderungen an die politische Grundausbildung stellen, insbesondere im Hinblick auf die Krisenfähigkeit. Ein Politiker muss auch in Krisensituationen vernünftig reagieren können. Wir haben die Ölkrise und eine massive Rezession Anfang der 1980er-Jahre erlebt. Damals haben kluge Politiker kluge Entscheidungen getroffen.
Wir hatten mit Bundeskanzler Gerhard Schröder die Agenda 2010. Das waren weitreichende und gute Entscheidungen. Es geht also auch anders. Daher muss man sich wirklich fragen: Sind die heutigen Politiker krisenfähig?
Deshalb finde ich es gut, wenn einige davon abgeschreckt würden, eine politische Karriere zu ergreifen – insbesondere dann, wenn sie keine Berufserfahrung oder gar keine Berufsausbildung haben. Eine gewisse Selektion und mehr Respekt vor diesem Beruf, statt ihn nur als schnellen Weg, um an Geld zu kommen, zu sehen, würden dem gesamten System guttun.
Sehen Sie denn kein Problem darin, dass man die Politik womöglich für etwas verantwortlich macht, was sie nicht selbst verschuldet hat?
Natürlich muss man Notsituationen, die Deutschland unverschuldet treffen, davon abgrenzen. Zu einer vorsorglichen Haushaltsführung gehört, dass man Rücklagen bildet und Vorsorge trifft, um auf Krisensituationen vorbereitet zu sein.
Es gibt allerdings auch Krisen, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Nehmen wir zum Beispiel den Ukraine-Russland-Konflikt. Ich halte die Reaktion auf die dadurch ausgelöste Energiekrise für falsch. Erdgas wurde weiterhin weltweit gehandelt. Wir haben lediglich den Fehler gemacht, kein russisches Erdgas mehr zu beziehen. Die Preise gingen daraufhin durch die Decke.
Die Folgen sind bis heute spürbar: Inflation und steigende Kosten in allen Bereichen. Die Politik reagiert darauf unter anderem mit einer weiteren Erhöhung der CO₂-Abgabe. Würde diese gestrichen, würden wir an der Tankstelle bereits 17 Cent besser dastehen. Solche Beispiele könnte man endlos fortführen.
Und wenn man für die Bewältigung einer unverschuldeten Krise mehr finanzielle Mittel braucht, dann gibt es auch den Weg über eine Kreditermächtigung. Aber dafür sollte die Zustimmung von einem unabhängigen Institut, meinetwegen dem Bundesverfassungsgericht, eingeholt werden müssen, welches dann Ausnahmen von der Schuldenbremse zulassen kann. Aber es sollte nicht so laufen wie im Frühjahr 2025 unter Kanzler Merz.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Erik Rusch.
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Kupfer: Das Öl des 21. Jahrhunderts

Ich sage es seit Jahren: Wir stehen am Anfang eines neuen Rohstoffsuperzyklus. Gold hat geliefert. Silber hat geliefert. Uran hat geliefert. Und jetzt kommt das Metall, ohne das die gesamte moderne Welt stillsteht.
Kupfer.
Kein Stromnetz ohne Kupfer.
Kein E-Auto ohne Kupfer.
Kein Rechenzentrum, keine KI, keine Windkraftanlage, keine Wärmepumpe.
Wer Elektrifizierung sagt, muss Kupfer sagen. Punkt.
Und was macht der Preis? Er schreibt Geschichte. Und keiner bemerkt es. Still und leise erreicht er Rekord nach Rekord.
Im Jahr 2025 legte Kupfer an der Londoner Metallbörse (London Metal Exchange, LME) um rund 43 Prozent zu. Im Januar 2026 folgte das erste Allzeithoch bei rund 13.400 US-Dollar pro Tonne, im Mai folgte der nächste Rekord.
Und heute? Kupfer notiert bei rund 13.600 Dollar – nur wenige Prozent unter dem Hoch. Das ist keine Spekulationsblase, die kommt und geht.
Das ist ein Markt, der ein neues Preisniveau akzeptiert hat. Während alle auf Aktien und Tech starren, läuft hier im Hintergrund die eigentliche Story. Wie immer merken es die meisten erst, wenn es zu spät ist.
In meinem vorletzten Buch aus dem Jahr 2020 mit dem Titel „Die größte Chance aller Zeiten“ widmete ich Kupfer ein ganzes Kapitel, und kurze Zeit später startete der rasante Aufstieg des Kupferpreises. Auch in meinem letzten Kupfervideo vor einigen Monaten kündigte ich weitere Rekorde folgerichtig an.

Das Angebot ist strukturell kaputt

Hier wird es spannend. Denn dieser Preisanstieg ist kein Zufall. Er ist Mathematik.
Die großen Minen werden alt. Die Erzgehalte sinken seit Jahren. Neue Minen? Fehlanzeige! Die Projektpipeline? Leer.
Chile – das Saudi-Arabien des Kupfers mit rund einem Viertel der globalen Minenproduktion – lieferte zuletzt die schwächste Produktion seit rund zwei Jahrzehnten.
Und dann kam auch noch das Wetter: Im Juli 2026 legte ein Wintersturm mit tagelangen Regenfällen die zentralen Bergbauregionen lahm – geflutete Gruben, beschädigte Transportwege, Notfallsitzungen der Regierung mit Codelco, Antofagasta und Teck. Die Mine Collahuasi meldete schon vorher ein Produktionsminus von über 19 Prozent – wegen Wassermangels. Erst sieben Jahre Dürre, dann Sturzfluten: Die Unwetter treffen das wichtigste Kupferland der Welt.

Kupferbleche.

Foto: Nordroden/iStock

Und eine neue Mine? Von der Entdeckung bis zur ersten Tonne vergehen locker 10, 15 oder gar 20 Jahre, je nach Jurisdiktion und Finanzierung. Man kann das Angebot nicht einfach hochfahren wie eine Druckerpresse.
Jetzt zur Kapitalseite – und die ist der eigentliche Skandal. Die Beratungsfirma Wood Mackenzie beziffert den Investitionsbedarf für neue Kupferkapazitäten bis 2035 auf über 210 Milliarden Dollar (etwa 182 Milliarden Euro). Investiert wurden in den letzten sechs Jahren gerade einmal 76 Milliarden Dollar (rund 66 Milliarden Euro). Es müsste also fast das Dreifache fließen – und zwar ab sofort. Eine einzige neue Großmine kostet 2 bis 5 Milliarden Dollar (1,7 bis 4,3 Milliarden Euro) und braucht im Schnitt 17 Jahre von der Entdeckung bis zur Produktion.
Wer soll das stemmen, wenn ESG-Vorgaben und Politik das Kapital jahrelang aus dem Bergbau getrieben haben? Der Finanzdienstleistungskonzern S&P Global warnt bereits vor einer Angebotslücke von 10 Millionen Tonnen bis 2040.
JPMorgan hat die Prognose für das Minenwachstum 2026 auf magere 1,4 Prozent zusammengestrichen. Eine halbe Million Tonnen weniger als noch zu Jahresbeginn erwartet. Die US-Großbank rechnet mit einem Defizit von rund 330.000 Tonnen raffiniertem Kupfer – allein 2026.
Jahrzehntelange Unterinvestition trifft jetzt auf explodierende Nachfrage. Das ist das Rezept für jeden Superzyklus der Geschichte. Und: Nach wie vor sind die Investoren unterinvestiert in die verhassten Rohstoffe, und da wittere ich als antizyklischer Investor wie immer eine Chance.

Die Nachfrage: Elektrifizierung von allem

Auf der anderen Seite der Gleichung: ein unstillbarer Hunger.
Knapp 60 Prozent der Kupfernachfrage kommt aus Elektrotechnik und Energie. China und die USA stecken Billionen in die Erneuerung ihrer Stromnetze. Dazu Verteidigung, Infrastruktur – und der größte Elefant im Raum: Künstliche Intelligenz.
Jedes Rechenzentrum ist ein Kupferfresser. Die KI-Revolution wird nicht mit Software gebaut, sondern mit Kabeln, Transformatoren und Kühlung. Deshalb predige ich die Schaufelstrategie: Nicht der Goldgräber wird reich, sondern der Schaufelverkäufer.
Und dann die Mobilität:

Elektrifizierung frisst Kupfer.

Foto: Marc Friedrich

Ein E-Auto benötigt drei- bis viermal mehr Kupfer als ein Verbrenner. Ausgerechnet die Politik, die uns die Elektrifizierung per Dekret verordnet hat, hat vergessen, woher das Metall dafür kommen soll. Planwirtschaft ohne Rohstoffplan. Typisch.

Was die Banken sagen

Was die Banken sagen.

Foto: Marc Friedrich

Goldman Sachs rief für 2026 eine Spanne von 10.000 bis 11.000 Dollar aus. JPMorgan war deutlich bullisher: 12.500 Dollar für das zweite Quartal, im Jahresschnitt gut 12.000. Und die Realität? Sie steht bei 13.600.
Der Markt hat die Banken bereits überholt – schon wieder. Es sind übrigens dieselben Häuser, die Gold bei 2.000 Dollar für teuer hielten. Die Analysten laufen dem Preis hinterher, nicht umgekehrt. Das kennen wir aus jedem Superzyklus.

Die Risiken – denn ich bin kein Träumer

Wer euch nur die Bullenstory erzählt, will euch etwas verkaufen. Also Klartext:

Defizit oder Überschuss.

Foto: Marc Friedrich

Erstens: Die International Copper Study Group hat ihre Bilanz für 2026 revidiert – von 150.000 Tonnen Defizit auf 96.000 Tonnen Überschuss. Defizit oder Überschuss, je nachdem, wen man fragt. Kurzfristig kann das den Boden unter dem Preis wegziehen.
Zweitens: China schwächelt. Die Nachfrage nach raffiniertem Kupfer dürfte Ende 2025 um 8 Prozent gefallen sein. Der größte Käufer der Welt hustet – und der Kupfermarkt bekommt Fieber.
Drittens: Trumps Zollchaos. Section 232 – seit April 2026 gelten Zölle von 50 Prozent auf Kupferhalbzeuge, dazu Sonderregeln, Ausnahmen und laufende Folgeberichte zu raffiniertem Kupfer. Das verzerrt die Handelsströme, treibt Lagerbestände in die USA und entlastet paradoxerweise kurzfristig Europa durch umgeleitete Ware. Volatilität, die mit Fundamentaldaten nichts zu tun hat – und jederzeit in beide Richtungen ausschlagen kann.
Kurzfristig also: Achterbahn. Wer schwache Nerven hat, steigt besser gar nicht erst ein.

Mein Fazit

Langfristig ist der Fall glasklar. Physische Knappheit trifft auf monetäre Entwertung. Die Notenbanken werden weiter drucken, die Staaten weiter Schulden machen – und Sachwerte werden die Gewinner sein.
Gold ist die Versicherung. Bitcoin ist die Rebellion.
Und Kupfer? Kupfer ist die Wette auf die reale Welt. Die Angebotslücke ist keine Meinung, sie ist Geologie plus Mathematik. Und beides lässt sich nicht per Pressekonferenz wegregulieren.
Man kann Geld drucken. Kupfer nicht.
Wie investieren?
Physisch Kupfer zu kaufen ergibt keinen Sinn, allein schon wegen der Lagerung und der 19 Prozent Mehrwertsteuer.
Die beste Wette ist ein breit gestreuter ETF oder Einzelaktien. Diese sind auch ein Hebel auf den Kupferpreis. Mein Analystenteam und ich haben uns auf die Suche begeben und die besten Kupferaktien der Welt im „Friedrich Report“ gefunden.
Wir schauen uns die Aktien ganzheitlich – an nach Zyklus, Makrobild und Sentiment, sowohl fundamental als auch charttechnisch mit klaren Einstiegs- und Ausstiegskursen.
Dies ist ein Meinungsbeitrag und keine Anlageberatung. Prognosen und persönliche Einschätzungen können von der tatsächlichen Entwicklung abweichen. Der Autor bewirbt seinen eigens herausgegebenen „Friedrich Report“.
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Was die moderne Wirtschaft von den Zünften lernen kann

In den unruhigen Jahrhunderten nach dem Untergang des Römischen Reiches war die Wirtschaft in Europa vorwiegend landwirtschaftlich geprägt. Doch ab dem 11. Jahrhundert erlebten Städte, Handel und Gewerbe einen kräftigen Aufschwung – und mit ihnen die Zünfte und Gilden, die bis ins 16. Jahrhundert hinein ihre Blütezeit hatten. Diese Arbeiterverbände sicherten sich einen zentralen Platz im wirtschaftlichen, politischen, religiösen und gesellschaftlichen Leben des Mittelalters. Sie schafften es zumindest für eine gewisse Zeit, Stabilität und Qualität in den frühen Formen der Industrie aufrechtzuerhalten.
„Zünfte hatten einen wesentlichen Zweck: den Schutz vor Wettbewerb“, schrieb Paul Murray Kendall in dem Aufsatz „The Age of Chivalry and The Renaissance“. Detaillierte und streng durchgesetzte Vorschriften legten Arbeitszeiten, Preise, Qualitätsstandards sowie die Anzahl der Lehrlinge und Gesellen fest, die ein Meister beschäftigen durfte. Durch die Aufrechterhaltung von Qualitätsstandards, Lohnsätzen und Arbeitsvorschriften sowie durch die Einschränkung des Wettbewerbs sorgten die Zünfte für Stabilität und Gerechtigkeit in den diversen Wirtschaftszweigen. Henri Pirenne schrieb dazu in „Economic and Social History of Medieval Europe“: „Das Ideal waren stabile Verhältnisse in einer stabilen Wirtschaft.“
Es gab zwei Hauptarten mittelalterlicher Zünfte beziehungsweise Gilden: Kaufmannsgilden und Handwerkszünfte. Die Kaufmannsgilden entstanden zuerst. Gegen Ende des sogenannten dunklen Zeitalters schlossen sich umherziehende Händler zusammen, um sich gegenseitig Schutz zu bieten und ihre Interessen gemeinsam zu vertreten. Aus diesen zunächst lockeren Vereinigungen entwickelten sich nach und nach rechtlich anerkannte Körperschaften, die den Handel in ihrer jeweiligen Stadt regelten und überwachten. Aus den reisenden Händlern wurden schließlich wohlhabende Kaufleute, die ihre Waren durch Beauftragte vertreiben ließen, während sie selbst in den aufstrebenden Städten zunehmend wirtschaftlichen Einfluss und politische Macht gewannen.

Kontrolle, Qualität und Schutz vor Konkurrenz

Wie in der Ausgabe der „Catholic Encyclopedia“ von 1913 erläutert wird, ließen die Kaufmannsgilden das Recht auf den Kauf und Verkauf von Lebensmitteln offen, regulierten jedoch den Handel mit praktisch allen anderen Waren. Die Gilden schränkten den Handel mit den Waren ein, auf die sie sich spezialisiert hatten, und verhängten Geldstrafen gegen diejenigen, die beim Handel ohne Mitgliedschaft in der örtlichen Gilde erwischt wurden.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts begannen sich Zünfte von Handwerkern und Kunsthandwerkern zu bilden, die sich an den Kaufmannsgilden orientierten. Diese Berufsverbände entstanden unter dem Einfluss zweier gleichzeitig wirkender Faktoren: Einerseits wollten die Stadtverwaltungen das Handwerk in ihren Gebieten regulieren, andererseits suchten die Handwerker den Zusammenhalt, um sich gegenseitig zu unterstützen, wohltätige Aufgaben zu übernehmen und sich gegen die Konkurrenz neuer Marktteilnehmer zu behaupten.
„Die dringende Notwendigkeit, zusammenzuhalten, um dem Wettbewerb durch Neuankömmlinge standzuhalten, muss sich von Beginn des industriellen Zeitalters an bemerkbar gemacht haben“, schrieb Pirenne. Somit „lässt sich der Ursprung der Zünfte auf das Wirken zweier Faktoren zurückführen: staatliche Autorität und freiwilliger Zusammenschluss“.
Die Handwerkszünfte behielten die Ausübung ihres jeweiligen Handwerks ihren Mitgliedern und ausschließlich diesen vor. Die Zünfte wollten die Handwerker nicht nur vor äußerer Konkurrenz schützen, sondern auch vor Wettbewerb untereinander. Sie regelten, welche Arbeiten Handwerker ausführen durften und welche Qualitäts- und Preisvorgaben dabei einzuhalten waren.
Wie Pirenne hervorhob, „behielt sich die Zunft den städtischen Markt ausschließlich für lokale Handwerker vor, schloss ihn für ausländische Produkte aus und sorgte gleichzeitig dafür, dass kein Mitglied des Berufsstands auf Kosten der anderen reich wurde“. Somit stellte die strenge Regulierung der Arbeit der Handwerker nicht nur die Qualität der Produkte sicher, sondern bewahrte auch eine relative Gleichheit unter allen Mitgliedern des Berufsstands.
Diese Vorschriften wurden durch unangekündigte Besuche städtischer Aufseher sowie durch die ständige Beobachtung durch die Öffentlichkeit durchgesetzt: Die Zunftmitglieder waren verpflichtet, an ihrem Fenster zu arbeiten, sodass man sie dabei beobachten konnte. Bei Betrug oder Nachlässigkeit drohten strenge Strafen. Die Zünfte unterhielten eigene Gerichtssysteme, um Zunftmitglieder, die des Betrugs, der mangelhaften Ausführung, des unlauteren Wettbewerbs oder anderer Verstöße für schuldig befunden wurden, zu verurteilen und sie gegebenenfalls mit Geldstrafen zu belegen.

Heimat des Handwerks

Für nahezu jeden mittelalterlichen Handwerksberuf – Färber, Glasbläser, Goldschmiede, Pflasterer, Tischler, Kistenbauer, Sattler und Schneider – gab es eine entsprechende Zunft. Sie alle hatten ihre eigene Zunft.

Ein Färber, 1433.

Foto: gemeinfrei | Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band 1. Nürnberg 1426–1549. Stadtbibliothek Nürnberg

Diese Zünfte prägten die Identität der Arbeiter nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene. Oft verfügten sie über Zunfthäuser, in denen Bankette, Veranstaltungen und Versammlungen stattfanden. Die Zünfte wählten zudem Schutzheilige aus und verfügten unter Umständen sogar über eine eigene Kapelle für ihre Andachten. An religiösen Festtagen zogen die Zünfte gemeinsam in Prozessionen unter ihrem jeweiligen Banner oder Wappen.
Darüber hinaus erfüllten Zünfte wichtige soziale und karitative Aufgaben und bildeten eine Art Sicherheitsnetz für Bedürftige. Sie kümmerten sich um Kranke und Waisen und boten ihren Mitgliedern eine für die damalige Zeit bemerkenswerte soziale Absicherung. Im Krankheitsfall konnten sie mit Unterstützung rechnen, Witwen erhielten Versorgung und häufig wurden sogar die Bestattungskosten von der Zunft übernommen. Die Zünfte bemühten sich zudem darum, dass solche Unterstützungsleistungen gar nicht erst erforderlich wurden. So engagierten sich die Bergwerkszünfte beispielsweise für sichere und menschenwürdige Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder.
Einige Zünfte und Gilden übten auch politische Macht aus, insbesondere die Kaufmannsgilden. Manche Zünfte und Gilden waren selbstverwaltet und besetzten häufig wichtige Positionen in der Kommunalverwaltung mit ihren Mitgliedern, um die Interessen ihrer Branchen zu vertreten. Die Politik der Zünfte und Gilden selbst wurde von einer Handvoll Amtsträgern und einem Rat von Beratern bestimmt.

Aufstieg, Erstarrung und Niedergang

Im Zunftwesen kam es selten vor, dass ein einzelner Handwerker seine Kollegen in Bezug auf Reichtum oder Status in erheblicher Weise übertraf. Wie Pirenne es formulierte, verschaffte das Zunftwesen „den Arbeitern eine sichere Stellung und hinderte sie daran, darüber hinaus aufzusteigen“. Das Kapital eines Handwerkers bestand aus seinem eigenen Haus, seiner Werkstatt und seinen Werkzeugen. Hinsichtlich der Anzahl der Mitarbeiter, die er einstellen durfte, und der Größe des Betriebs, den er aufbauen konnte, gab es strenge Begrenzungen.
Dennoch bot das Zunftwesen Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg. Wer ein Handwerk erlernen wollte, trat in der Regel bereits als Jugendlicher, manchmal sogar als Kind, als Lehrling in die Werkstatt eines Meisters ein. Unter dessen Anleitung arbeitete er dann in seinem Gewerbe. Die Meister besaßen ihre eigene Werkstatt, verfügten über Werkzeuge und Materialien und galten als erfahrene, hoch angesehene Handwerker. Als selbstständige Unternehmer gehörten sie zum exklusiven Kreis der Zunftmitglieder und genossen sowohl fachliches Ansehen als auch gesellschaftliches Prestige. In ihrer Werkstatt arbeiteten in der Regel ein oder zwei Lehrlinge sowie ein Geselle.

Ein mittelalterlicher Bäcker mit seinem Lehrling. The Bodleian Library, Oxford, England.

Foto: gemeinfrei

Die Gesellen – bezahlte Arbeiter, die ihre Lehre abgeschlossen hatten, aber noch nicht den Meistertitel erlangt hatten – standen zwischen Lehrlingen und Meistern. Um diese Stufe zu erreichen, mussten sie ihre Kompetenz unter Beweis stellen, indem sie ein Werkstück anfertigten, das von den anderen Zunftmitgliedern geprüft und genehmigt wurde. Dieses Werkstück wurde als „Meisterstück“ bezeichnet und ermöglichte es einem angehenden Handwerker, vom Gesellen zum Meister aufzusteigen und eine eigene Werkstatt zu eröffnen.
Die „Encyclopedia Britannica“ stellte fest: „In ihrer Blütezeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert sorgten die mittelalterlichen Kaufmannsgilden und Handwerkszünfte in ihren Städten und Gemeinden für eine gute Verwaltung und eine stabile wirtschaftliche Grundlage. Sie unterstützten wohltätige Einrichtungen und bauten Schulen, Straßen und Kirchen.“
Gleichzeitig neigte das Zunftwesen dazu, technischen Neuerungen entgegenzustehen, da diese zu Ungleichheiten unter den Handwerkern führen konnten. Im Laufe der Zeit legten die Meister zudem immer höhere Hürden für den Aufstieg innerhalb der Zunft fest – vom Lehrling zum Gesellen und vom Gesellen zum Meister. Das System erstarrte zunehmend, wurde immer weniger praktikabel und immer ungerechter. Im Laufe der Jahrhunderte verlor es an Einfluss und Bedeutung. Als die Zünfte während und nach der Aufklärung offiziell abgeschafft wurden, besaßen sie längst nicht mehr die Macht und das Gewicht früherer Zeiten.

Alte Ordnung mit modernen Fragen

Trotz ihrer Mängel sind Zünfte ein interessantes historisches Beispiel für eine wirtschaftliche Einheit, die im besten Fall sowohl den Interessen der Produzenten als auch denen der Verbraucher dienen konnte. Sie dämpften die verheerenden Auswirkungen eines ungebremsten industriellen oder technologischen Wachstums, das oft mit der Ausbeutung von Arbeitern einherging, und wahrten gleichzeitig die Freiheit von Arbeitern und Unternehmern, ihre Situation zumindest bis zu einem gewissen Grad voranzubringen und zu verbessern. Durch ihre religiösen und sozialen Dimensionen erhielten die Arbeiter zudem eine Identität und ein Gemeinschaftsgefühl. In Zeiten der Not wurden ihre Bedürfnisse gedeckt, ohne dass sie auf Almosen angewiesen waren.
In der späteren Debatte zwischen Kapitalismus und Sozialismus nahmen die Zünfte eine interessante Zwischenposition ein. Durch das Zunftsystem wurde verhindert, dass einzelne Unternehmen so viel Macht und Reichtum erlangten, dass sie andere aus dem Geschäft drängten oder eine Vielzahl von Arbeitnehmern unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen ausbeuteten.
In einem Zunftsystem könnte es nie zu einer Situation kommen, in der Unternehmen so mächtig sind wie Regierungen, wie wir es derzeit bei den „Big Tech“-Unternehmen beobachten. Gleichzeitig übergaben die Zünfte die Produktionsmittel weder an den Staat noch an die Gemeinschaft. Die einzelnen Arbeiter behielten das Eigentum an ihren Betrieben und ein gewisses Maß an Freiheit, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Sie waren nicht vom Staat abhängig und, obwohl die Zunft den Arbeitern viel abverlangte, nicht von ihr versklavt. Sie gab ihnen ebenso viel, wie sie von ihnen verlangte.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Medieval Guilds: How They Worked and What We Can Learn From Them“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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„Spider-Man: Brand New Day“ – alles andere als ein Multiversum-Hokuspokus

Was hat der neueste „Spider-Man“-Film zu bieten? Auch wenn ich zugeben muss, dass ich das Marvel-Comic-Universum (MCU) mittlerweile ziemlich satt habe, gibt es da doch einiges – allerdings nur, wenn man ein begeisterter Fan oder 14 Jahre alt ist oder beides.
Der neue Streifen startet mit einem Zeitsprung und erinnert daran, dass Tom Holland zuletzt vor vier Jahren in die Rolle des Spidey geschlüpft ist. Damals, in „Spider-Man: No Way Home“, stand Peter vor der Aufgabe, das Universum zu retten. Wie? Indem er Benedict Cumberbatchs Doctor Strange bittet, einen Zauber zu wirken. Die Welt sollte vergessen, dass Peter Parker Spider-Man ist.
Tragischerweise traf der Zauber auch Peters Freundin MJ (Zendaya) und seinen besten Freund, Ned Leeds (Jacob Batalon).

Spidey rund um die Uhr

Seitdem bekämpft Peter das Verbrechen in Manhattan. Mir als langjährigem New-Yorker ist witzigerweise irgendwann klar geworden: Wenn sich Spider-Man zwischen den Wolkenkratzern hin- und herschwingt, bewegt er sich im Grunde nur rund um den Times Square sowie entlang der Lexington Avenue in der Nähe des Chrysler Buildings. Sein Einsatzgebiet ist also recht überschaubar, sodass es kaum eine Rolle spielt, dass die Dreharbeiten in Glasgow, Schottland, stattfanden.
Peter hat eine Verbündete, die Polizistin Jean DeWolff (Liza Colón-Zayas), eine Ermittlerin des New York Police Departments, die ihn auf Kurzwahl hat und mit Hinweisen versorgt. Dabei versucht Peter, dem Selbstjustizler Frank Castle aus dem Weg zu gehen, auch bekannt als „The Punisher“ (Jon Bernthal). Bernthal spielt erstmals in einem MCU‑Film mit, nachdem er zuvor zwei Staffeln der TV-Serie „The Punisher“ angeführt hatte.

Scorpion (Michael Mando, links), in „Spider-Man: Brand New Day“.

Foto: © & ™ 2026 MARVEL

Einsam an der Spitze (des Empire State Buildings)

Peter lebt seit vier Jahren zurückgezogen. Aber über die sozialen Medien hält er sich auf dem Laufenden und weiß, wie es MJ und Ned nach dem Studium ergangen ist. Abgesehen von seinen Einsätzen als Superheld kümmert er sich lediglich um eine Sache: das Grab seiner Tante May (Marisa Tomei, in Rückblenden zu sehen), um dort die Blumen zu erneuern.
Doch dann geschieht etwas Seltsames. Peter merkt, dass sich sein Körper verändert. Ihm wachsen organische Auswurfdrüsen, mit denen er Spinnennetze abschießen kann. Der ursprüngliche Spider-Man (Tobey Maguire) hatte sie, Andrew Garfields Spidey jedoch nicht. Es scheint, als würde seine Spinnen-DNA an Stärke gewinnen. Wird das Spinnentier in ihm die Oberhand gewinnen?
Damit Peters Überwachung von MJ nicht alle an den Soziopathen aus „Obsession – Du sollst mich lieben“ (2025) erinnert, nimmt der Film rasch an Fahrt auf. Ein Telepath tritt in Szene. Er kann andere Menschen kontrollieren, auch Superschurken. Auf diese Weise verbreitet er Chaos in New York City, mit einem einzigen Ziel: das Department of Damage Control zu unterwandern – jener Behörde, deren Aufgabe es ist, die von Superhelden verursachten Schäden an Gebäuden zu beheben.
In der ersten großen Actionsequenz des Films schwingt sich Spidey durch die Straßen von Downtown Manhattan, um einen Panzer zu verfolgen, der kurz davor steht, in das Manhattan-Hauptquartier von Damage Control zu krachen. Am Steuer sitzt eine zufällig ausgewählte Zivilistin, die wie eine Marionette telepathisch von einem mysteriösen Bösewicht gesteuert wird. Die Folge: überschlagene Autos und Busse, demolierte Gebäude und fliegende Spinnnetze.

MJ (Zendaya) und Spider-Man (Tom Holland) versuchen in „Spider-Man: Brand New Day“ herauszufinden, warum sich seine Spinnen-DNA vermehrt.

Foto: © & ™ 2026 MARVEL

Marvel hat Kritiker eindringlich gebeten, keine Details preiszugeben. Auch ohne etwas Wesentliches zu verraten, kann ich zumindest sagen, dass die Drehbuchautoren andere Marvel-Figuren geschickt einbinden. Einige, wie Bruce Banner (Mark Ruffalo) sowie eine gewisse Blondine mit russischem Akzent, tauchen schon früh auf und verknüpfen den neuen Spider-Man-Film mit früheren Produktionen von Marvel.
Eine Schlüsselfigur, die bereits in vielen früheren MCU-Filmen aufgetreten ist, wird hier von „Stranger Things“-Star Sadie Sink gespielt, die der Rolle eine kraftvolle neue Interpretation (und enorme Leinwandpräsenz) verleiht.
Sink spielt in den beiden größten Actionszenen des Films eine herausragende Rolle. Die Szene in der Mitte wirkt wie ein vorhersehbares Wirrwarr aus digital erschaffenem Trümmerregen – ein echtes Gähnen. Dafür begeistert das gelungene Finale die Zuschauer eher durch Emotionen und weniger durch endloses Schleudern von Spinnennetzen.

Spider-Man (Tom Holland).

Foto: © & ™ 2026 MARVEL

Gemeinsam liefern Holland, Zendaya und Bernthal (die alle kürzlich auch in „Die Odyssee“ mitwirkten) einige überzeugende Szenen, die einen aufschlussreichen Einblick in die Beziehung zwischen Peter und MJ geben.
Es ist jedoch die beeindruckende Darstellung von Sink, die dem Publikum am Ende im Gedächtnis bleiben wird – zusammen mit dem starken Verdacht, dass die nächste Folge nicht lange auf sich warten lassen wird.
„Spider-Man: Brand New Day“
Regie: Destin Daniel Cretton
Mit: Tom Holland, Zendaya, Jon Bernthal, Mark Ruffalo, Sadie Sink, Jacob Batalon, Michael Mando, Marvin Jones III
Laufzeit: 2 Std. 25 Min.
FSK 12
Bewertung: 3,5 von 5 Sternen
In deutschen Kinos seit dem 29. Juli 2026

Das Poster zum Film.

Foto: © & ™ 2026 MARVEL

Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘Spider-Man: Brand New Day’: No Multiverse Nonsense, It’s Not Bad“. (redaktionelle Bearbeitung: sua)
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„Genug gearbeitet“ – Kontrolle: Warum mehr Regeln selten mehr Wirkung bringen

Wenn etwas nicht funktioniert, liegt eine Lösung scheinbar nahe: mehr Regeln. Mehr Freigaben. Mehr Nachweise. Mehr Kontrolle.
Der Gedanke ist verständlich. Wer Verantwortung trägt, will Risiken reduzieren. Doch häufig entsteht das Gegenteil: Die Organisation wird langsamer, vorsichtiger und weniger verantwortlich.
Kontrolle kann Sicherheit schaffen. Aber zu viel Kontrolle erzeugt Abhängigkeit. Menschen lernen dann nicht, besser zu entscheiden, sondern sich besser abzusichern. Sie fragen häufiger nach, dokumentieren mehr, vermeiden Risiko und warten auf Freigaben.
Ein Bereichsleiter sagte: „Ich will nicht alles kontrollieren, aber sonst passiert es nicht richtig.“ Wir schauten genauer hin. In Wahrheit fehlten keine Kontrollen. Es fehlten Standards. Es war nicht klar, was „richtig“ bedeutet, wann Rücksprache nötig ist und welche Fehler tolerierbar sind.
Der Unterschied ist groß: Kontrolle prüft nach. Orientierung ermöglicht vorher gutes Handeln.
Drei Dinge ersetzen oft unnötige Kontrolle:
  • Ein klarer Qualitätsmaßstab: Woran erkennen wir gute Arbeit?
  • Ein Entscheidungsrahmen: Was darf selbst entschieden werden?
  • Ein Lernrhythmus: Was schauen wir regelmäßig gemeinsam an?
Genug gearbeitet. Genug Zeit in nachträglicher Kontrolle verloren, weil vorn keine Klarheit geschaffen wurde.
Natürlich gibt es Bereiche, in denen Kontrolle notwendig ist: Sicherheit, Finanzen, Recht, Datenschutz und Qualität. Aber auch dort gilt: Kontrolle muss dienend bleiben. Sie darf nicht das Denken ersetzen.
Eine sinnvolle Kontrollfrage lautet: „Macht diese Regel gute Arbeit wahrscheinlicher – oder nur Absicherung sichtbarer?“ Wenn die Antwort ehrlich ausfällt, wird vieles klar.
In einem Team wurde jede Kundenmail ab einem bestimmten Umfang gegengelesen. Das war aus einem Fehler entstanden. Zwei Jahre später war das Team erfahrener, aber die Regel blieb. Sie kostete Zeit, erzeugte Stau und signalisierte Misstrauen. Nach einer Überarbeitung blieb nur eine Checkliste für kritische Fälle. Die Qualität sank nicht. Die Verantwortung stieg.
Mehr Regeln sind oft der Versuch, fehlendes Vertrauen zu ersetzen. Doch Vertrauen entsteht nicht durch Regelabbau allein. Es entsteht durch verlässliches Verhalten, klare Standards und sauberes Lernen aus Fehlern.
Der praktische Schritt: Nehmen Sie eine Regel, die alle nervt. Prüfen Sie ihren Ursprung, ihren heutigen Nutzen und ihre Nebenwirkungen. Dann entscheiden Sie: behalten, vereinfachen oder beenden.
Genug gearbeitet. Welche Kontrolle ist bei Ihnen längst Gewohnheit, obwohl sie kaum noch Wirkung hat?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Was wir aus der Konfrontation mit dem Tod lernen können


In Kürze:

  • Der Tod ist für viele Menschen einer der gefürchtetsten Dinge überhaupt.
  • Mit seiner erfolgreichen Reise in die Unterwelt und zurück zeigt der griechische Held Herakles jedoch, dass wahrer Mut und eine gute Seele stärker als die Dunkelheit sein kann.
  • Ähnlich wie Jesus und Tolkiens Hobbit Bilbo erlangt er nicht nur Bekanntheit, sondern auch Erkenntnis und Weisheit.

 
Wir sind nun bei der zwölften und letzten Aufgabe des Herakles angelangt. Mit ihr erreicht der gesamte Zyklus seinen dunkelsten und gefährlichsten Punkt. Doch der griechische Held wurde mit den früheren Aufgaben ideal darauf vorbereitet. Alles zu den vorhergehenden elf Aufgaben und was Herakles aus ihnen lernte, finden Sie hier.
Er hat Sümpfe, Berge, Wüsten, fremde Königreiche, den Rand der bekannten Welt und den Garten der Unsterblichkeit bereist. Doch nun muss er noch weiter gehen. Seine finale Prüfung besteht nicht darin, sich einem Ungeheuer in der Welt zu stellen oder ein heiliges Objekt aus deren Randgebieten zurückzuholen. Er muss in den Hades selbst hinabsteigen und Kerberos, den Höllenhund, in das Reich der Lebenden bringen.

Die ultimative Grenze

Deshalb ist die zwölfte Aufgabe so entscheidend. Sie ist nicht bloß ein weiteres Abenteuer, sondern der logische Höhepunkt all dessen, was ihr vorausging. Der Held muss sich nun einem Ungeheuer vor den Toren der Unterwelt und damit buchstäblich dem Tod selbst stellen.
In den Hades einzutreten und zurückzukehren, klingt bereits fast unmöglich. Doch seinen Wächter herauszuholen, ist noch außergewöhnlicher. Seit Zeus den Kosmos ordnete, war die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten eines seiner unantastbaren Gesetze gewesen. Herakles’ Erfolg verleiht ihm daher die Aura einesjenigen, der das Unmögliche vollbringt.
Kerberos, der dreiköpfige Hund des Hades, ist kein gewöhnlicher Wachhund. Er ist das Wesen, das den Zutritt zur Unterwelt gewährt, aber eine Flucht verhindert. Mit anderen Worten: Er setzt das endgültige Gesetz der sterblichen Existenz durch. Jeder darf in den Tod eintreten, doch niemand darf ihn verlassen.

Marmorstatue von Gott Hades mit seinem dreiköpfigen Hund Kerberos.

Noch etwas verleiht der Aufgabe eine besondere Schwere. Von Herakles wird nicht verlangt, Kerberos zu töten. Er soll auch nicht den Hades vernichten oder die Unterwelt umstürzen. Ihm wird befohlen, das Reich zu betreten, aus dem kein Lebender zurückkehren soll, dessen Wächter zu bezwingen und diesen vorübergehend ins Licht zu bringen.

Ringen mit dem Tod

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass es sich hierbei nicht um eine Rebellion gegen den Tod im eigentlichen Sinne handelt. Herakles darf nicht den Tod selbst vernichten. Er muss sich der tiefsten Grenze des menschlichen Lebens stellen, ohne die Struktur des Kosmos zu zerstören.
Tatsächlich gestattet der gleichnamige Totengott Hades selbst diesen Versuch. Allerdings stellt er eine Bedingung: Herakles muss Kerberos ohne Waffen bezwingen. Das ist entscheidend, denn es bedeutet, dass die Befreiung der Seele nicht von irgendeiner Technologie, einem Instrument oder einer äußeren Macht abhängt.
Während all seiner Aufgaben spielten Herakles’ Waffen eine wichtige Rolle. Sein Bogen und seine vergifteten Pfeile, seine Keule – sie ermöglichten ihm zahlreiche Siege. Ohne diese üblichen Mittel muss der Held den Wächter der Toten allein durch die Kraft seiner Seele bezwingen. Dies ist die endgültige Läuterung des Heldentums. Damit ist die Aufgabe nicht nur körperlicher, sondern auch geistiger Natur.
Herakles ringt mit dem Tod in Form des Höllenhundes Kerberos

„Herkules und Cerberus“ von dem flämischen Maler Peter Paul Rubens (1577–1640).

Hades, Fische und Jesus Christus

Symbolisch gehört diese Aufgabe zum Tierkreiszeichen Fische, das mit Auflösung, Opfer, Mitgefühl und dem Überschreiten von Grenzen verbunden ist. Die Fische sind Wasser in seiner geheimnisvollsten Form: das weite ozeanische Reich, in dem sich Formen auflösen und die Seele sich dem nähert, was jenseits der gewöhnlichen Identität liegt. Es ist das Zeichen des Endes, aber auch der Transzendenz.
Seine beiden, in entgegengesetzte Richtungen schwimmenden Fische, deuten auf das letzte Paradoxon des Zyklus hin: Abstieg und Aufstieg, Tod und Rückkehr, Auflösung und Erneuerung.
Es ist auch bemerkenswert, dass der Fisch zum Symbol der frühen Christen wurde. Ihre zentrale Person – Jesus Christus – stieg ebenfalls in den Tod und, in der Sprache des Glaubensbekenntnisses, in die Hölle selbst hinab. In der christlichen Tradition wird dies zur „Höllenfahrt“: der Sieg des Lebens, das in das Reich des Todes eintritt.

Die zwölfte Aufgabe von Herakles ist mit dem Wasserzeichen Fische verbunden.

Wie passend also, dass die 12. Aufgabe den Abstieg in die Unterwelt beinhaltet. Der gesamte Zyklus der Aufgaben hat sich von der Durchsetzung zur Hingabe, von der Kraft zur Weisheit, von der Eroberung zum Übergang bewegt. Es begann im Zeichen des Löwen mit heldenhaftem Mut und endet im Zeichen der Fische mit Kerberos und der Begegnung des Todes. Dazwischen steht die gesamte Erziehung der Seele.
Deshalb ist die Symbolik der Fische so treffend. Wasser steht seit jeher für Tiefe, Gefühl, Auflösung, Geheimnis und die verborgenen Strömungen des Innenlebens. Traditionell liegt das tiefste Leben der Seele nicht im Kalkül oder im Kopf, sondern im Herzen – dem Sitz von Mut, Trauer, Mitgefühl und Liebe.
Wenn der Zyklus also sein Ende erreicht, wird Herakles nicht nur in seiner Kraft oder seinem Verstand auf die Probe gestellt, sondern in den Tiefen seines Herzens. Er muss das Reich betreten, in dem sich alle menschlichen Abwehrmechanismen auflösen und in dem nur der tiefste Mut der Seele Bestand haben kann.

Reich der Wahrheit

Der Mythos erzählt uns auch, dass Herakles vor seinem Abstieg in die Eleusinischen Mysterien eingeweiht wird. Dieses Detail lässt sich leicht übersehen, ist aber von tiefgreifender Bedeutung.
Die Mysterien befassten sich mit Tod, Wiedergeburt und der Hoffnung, dass die Existenz nicht durch den Verfall des Sterblichen erschöpft sei. Herakles kann den Hades nicht einfach als roher Abenteurer betreten. Er muss rituell und spirituell auf die Begegnung vorbereitet werden.
Und wir sollten das hier eingebettete weibliche Lebensprinzip nicht übersehen. Einerseits unternimmt Herakles die Aufgaben wegen der Feindschaft von Göttermutter Hera. Andererseits wird sein Eintritt in den Hades durch die Demeter und Persephone geweihten Mysterien vorbereitet.

Darstellung der Eleusinischen Mysterien auf einer Votivtafel aus Eleusis, Griechenland,

Persephone, die Königin der Unterwelt, ist nicht bloß die Gattin des Hades, sondern die Göttin der Rückkehr, der jahreszeitlichen Erneuerung und des aus der Dunkelheit hervorgehenden Lebens. Herakles’ Initiation stellt ihn daher nicht nur unter das Zeichen des Todes, sondern auch unter das der möglichen Wiedergeburt.
Auch dies unterscheidet die letzte Aufgabe von den früheren. Kraft mag einen Menschen durch viele Gefahren bringen, doch sie allein kann ihn nicht auf den Tod vorbereiten. Dazu ist eine Bewusstseinsveränderung erforderlich, eine Läuterung des Blicks und die Erkenntnis, dass die Unterwelt nicht bloß ein Ort des Grauens ist, sondern ein Reich tiefer Wahrheit.

Die Schatten der Unterwelt

Als Herakles den Hades betritt, begegnet er somit nicht nur der Dunkelheit, sondern auch Erinnerungen, Leid und den ungelösten Lasten des menschlichen Lebens. In einigen Überlieferungen trifft er die Schatten der Toten, darunter auch Figuren aus anderen Mythen.
Er rettet den in der Unterwelt gefangenen Theseus, nachdem dieser törichterweise versucht hatte, Persephone zu entführen. Der Kontrast ist aufschlussreich. Theseus steigt aus Überheblichkeit hinab – Herakles auf Befehl mit Erlaubnis, Disziplin und Zielstrebigkeit. Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem Eindringen in die Unterwelt und dem rechtmäßigen Betreten derselben.
Die Herrscher über den Tod und der Unterwelt: Hades und Persephone

Künstlerische Darstellung des Königspaares der Unterwelt: der Totengott Hades (l.), die Fruchtbarkeitsgöttin Persephone (r.) und der dreiköpfige Wachhund Kerberos (u.).

Dies ist eine weitere zentrale Lehre dieser Aufgabe. Herakles stürmt den Hades nicht als Eindringling. Er stürzt den König nicht. Er respektiert die Ordnung des Ortes, auch wenn er vorübergehend dessen Grenze überschreitet. Seine Größe liegt nicht darin, die kosmische Struktur zu durchbrechen, sondern sich durch sie hindurchzubewegen. Wieder einmal zerstört der Sohn des Zeus die Ordnung nicht, sondern erfüllt sie.
Vielleicht noch bedeutender ist, dass er Meleager begegnet, einem der wenigen Schatten, die nicht vor ihm fliehen. Meleager ist unter tragischen Umständen gestorben, und seine Geschichte rührt Herakles zu Tränen. Es ist einer der seltenen Momente in der mythischen Überlieferung, in denen die Trauer des Helden so offen zum Ausdruck kommt. Ihre Begegnung hat Konsequenzen – dazu später mehr.

Anerkennung und Disziplin bringen Wohlwollen

Nun tritt Herakles vor Hades und Persephone und bittet den Gott der Unterwelt um Erlaubnis, Kerberos vorübergehend in die Oberwelt mitnehmen zu dürfen. Damit erkennt Herakles die gesetzmäßige Struktur des Kosmos an. Zeus herrscht über den Himmel; Poseidon über das Meer; Hades über die Toten. Jedes Reich hat seine eigene Grenze, und selbst der größte aller Helden muss diese anerkennen.
Hier vermittelt uns der Mythos etwas ganz anderes als der berühmte Abstieg des Orpheus. Orpheus bewegt die Herrscher der Toten durch Schönheit, Musik und Trauer. Sein Gesang mildert die Unterwelt. Herakles singt nicht. Er überzeugt nicht durch Kunst. Seine Vorgehensweise ist eine andere: Einweihung, Mut, Disziplin und rechtmäßige Bitte.
Dennoch ist die Begegnung nicht ohne Wunder. In einer Version des Mythos empfängt Persephone Herakles „wie einen Bruder“. Dieser Satz ist durchaus bemerkenswert, wenn man darüber nachdenkt.
Orpheus wandert zwischen der Welt der Lebenden und dem Tod

Der Meistersänger Orpheus (l.) begab sich in die Unterwelt, um seine geliebte Frau Eurydike (r.) zurück in das Reich der Lebenden zu holen.

Symmetrie im Leben

Im Reich des Todes, wo alle gewöhnlichen menschlichen Bindungen aufgelöst sind, wird der Held nicht als Eindringling, sondern fast wie ein Verwandter empfangen. Das ist sicherlich mehr als bloße Höflichkeit. Der Held wurde durch die eleusinischen Mysterien vorbereitet, und nun erkennt Persephone in ihm jemanden, der das Reich zu Recht betreten hat.
Dabei nimmt sie in unterschiedlichen Versionen des Mythos verschiedene Rollen ein. In einer greift Persephone ein und bittet darum, den Hirten des Hades namens Menoetes zu verschonen, mit dem Herakles ringt und ihm die Rippen bricht. Nach einer anderen ist es der Gunst Persephones zu verdanken, dass Herakles den gefesselten Kerberos in Empfang nimmt und ihn ans Tageslicht bringt.
So kehrt das weibliche Prinzip im entscheidenden Moment zurück. Die Feindschaft der Hera, der Königin des Himmels, trieb Herakles in die Aufgaben. Das Wohlwollen von Persephone, der Königin der Unterwelt, ermöglicht es ihm, sie zu vollenden.
Dies ist eine der großen Symmetrien der Geschichte. Am Anfang widersetzt sich ihm eine Göttin. Am Ende nimmt ihn eine Göttin auf. Eine Königin treibt ihn ins Leid; eine andere Königin ermöglicht seine Rückkehr und Befreiung vom Leid. Die Unterwelt ist also nicht einfach nur ein Ort des Grauens. Sie ist auch der Ort, an dem Urteil, Barmherzigkeit, Erinnerung und verborgene Verwandtschaft offenbart werden.

Nicht alle Ängste sind echt

Während seiner Reise durch die Unterwelt wird Herakles von Hermes und Athene unterstützt oder geführt. Auch dies ist von Bedeutung. Hermes ist der Seelenführer, der Gott, der sich zwischen den Welten bewegt und Grenzen überschreitet, die andere nicht überschreiten können.
Athene steht für Weisheit, Klarheit und göttliche Strategie. Ihre Anwesenheit deutet darauf hin, dass der Abstieg in den Tod sowohl Führung als auch Weisheit erfordert. Mut allein reicht nicht aus. Man muss wissen, wie man hinüberkommt und wie man sich nicht verirrt.
Eine Version besitzt ein weiteres, aufschlussreiches Detail. Als Herakles im Hades die Gorgone Medusa erblickt, zieht er sein Schwert. Doch Hermes erklärt ihm, dass sie nur ein leeres Phantom sei.
Nach ihrem Tod und in der Unterwelt verlor Medusa die Fähigkeit, Menschen in Stein zu verwandeln

Die Gorgone Medusa, gemalt von Caravaggio (1571–1610).

Selbst in der Unterwelt muss der Held also echte Gefahr von schemenhafter Angst unterscheiden. Nicht jeder Schrecken, der vor uns erscheint, hat Substanz. Manche sind nur Phantome des Geistes. Anderen, wie Kerberos, muss man sich tatsächlich stellen.

Das besiegte Böse im Dienst des Guten

Und nun steht Herakles vor dem monströsen Kerberos mit seinen drei Köpfen, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen und damit für die Zeit selbst, die alles verschlingt. Doch Kerberos ist mehr als nur ein Symbol. Er ist die knurrende, gefräßige Realität des Todes.
Herakles packt ihn. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten der gesamten Mythologie: Der Held, gehüllt in sein magisches Löwenfell, ringt mit bloßen Händen gegen den Höllenhund. Hier bilden die erste und die letzte Aufgabe einen Kreis. Das Löwenfell, das er zu Beginn des Zyklus errungen hat, schützt ihn am Ende.

Anders als hier dargestellt, durfte Herakles keine Waffen einsetzen, um den Höllenhund Kerberos zu bezwingen.

Und das ist besonders passend, da Kerberos, die Hydra und der Nemeische Löwe alle in der einen oder anderen Form zur selben monströsen Familie von Typhon und Echidna gehören – dem Geschlecht des Chaos.
So wird ein besiegtes Ungeheuer zum Schutz vor einem anderen. Das Böse, einmal bezwungen, wird in den Dienst des Guten gestellt. Der Mut, mit dem die Reise begann, wird zur Rüstung, durch die Herakles ihren Höhepunkt überlebt. Nichts, was wirklich gelernt wurde, ist verschwendet, denn frühere Siege werden zu späteren Schutzmaßnahmen.

Konfrontation mit dem Tod

Dennoch ist der Kampf schrecklich – Kerberos beißt wild zu. Dieser Punkt ist bedeutend, denn Herakles ist nicht immun gegen die Gewalt des Todes, nur weil er ein Held ist. Er leidet unter der Begegnung und wird verwundet. Der Held überlebt nicht, indem er so tut, als sei der Tod harmlos, sondern indem er aushält und sich ihm nicht ergibt. Das ist vielleicht die tiefste Lehre dieser Szene.
Mut ist keine Unverwundbarkeit. Er ist die Fähigkeit, präsent zu bleiben, wenn das, was wir am meisten fürchten, seine Zähne in uns versenkt. Schließlich bezwingt Herakles Kerberos und zerrt ihn nach oben in das Reich der Lebenden. Für einen Moment wird der Tod – unsere ultimative Dunkelheit – ins Licht gebracht.
Die Wirkung auf König Eurystheus ist fast komisch, aber auch tiefgründig. Der König, der sich die unmöglichen Aufgaben ausgedacht hatte, um Herakles zu vernichten, kann den Anblick ihrer Erfüllung nicht ertragen und versteckt sich. Der Mann, der den Abstieg befohlen hat, kann die Rückkehr nicht ertragen. Das ist eine der Ironien der Aufgaben: Diejenigen, die beiläufig die Konfrontation mit den ultimativen Realitäten fordern, sind oft selbst nicht in der Lage, sich diesen Realitäten zu stellen.

Aus Angst vor Kerberos sprang König Eurystheus in ein riesiges Gefäß und versteckte sich darin.

Herakles hingegen hat direkt in die Unterwelt geblickt und ist zurückgekehrt. Doch er behält Kerberos nicht: Herakles bringt den Hund zurück zum Hades. Der Tod ist nicht abgeschafft. Die Grenze bleibt bestehen und der Kosmos nicht auf den Kopf gestellt. Kerberos nimmt seine eigentliche Funktion als Wächter der Toten wieder auf. Und doch hat sich alles verändert.
Obwohl der Tod Tod bleibt, hat Herakles gezeigt, dass man ihm ins Auge sehen kann. Er hat die Sterblichkeit nicht zerstört, aber er hat ihr den absoluten Schrecken genommen. Er ist in den Ort eingetreten, von dem niemand zurückkehren soll, und ist wieder hervorgegangen – nicht unversehrt, aber unbesiegt.

Lehre des Lebens

Und so verhält es sich auch mit uns. Der Mensch kann dem Tod weder durch Kraft noch durch Technologie, Reichtum oder Ansehen entkommen. Nackt kommen wir auf die Welt, wie Hiob sagt, und nackt müssen wir sie wieder verlassen.
Doch die Tatsache des Todes muss das Leben nicht zwangsläufig sinnlos machen. Im Gegenteil: Richtig verstanden, verleiht der Tod dem Leben Dringlichkeit, Ernsthaftigkeit und Gestalt. Er stellt die Frage, welche Art von Seele wir formen, bevor wir die letzte Schwelle überschreiten.
Deshalb rundet die letzte Aufgabe den gesamten Herakles-Zyklus so perfekt ab. Die erste Aufgabe, der Nemeische Löwe, lehrte Herakles, sich der Angst zu stellen und sie in Schutz zu verwandeln. Seine letzte Aufgabe lehrt, sich dem Tod zu stellen und mit tieferer Erkenntnis zurückzukehren. Dazwischen liegen sämtliche Formen der Unordnung: Chaos, Begierde, Wut, Verderben, gebrochenes Vertrauen und die Bürde des Durchhaltens. Jede Prüfung hat eine bestimmte Fähigkeit geschult und vereint sie in einer einzigen Prüfung.
Herakles überlebt die Begegnung mit dem Tod im Rahmen seiner zwölften Aufgabe

Herakles nach der Vollendung seiner zwölf Aufgaben.

Auch der christliche Anklang sollte uns nicht entgehen, obwohl der Mythos griechisch bleibt. Herakles’ Abstieg in den Hades erinnert unweigerlich an das spätere christliche Bild von Christus, der in die Hölle hinabsteigt und sie besiegt.
Aber der Unterschied ist wichtig: Herakles erlöst nicht alle Seelen und besiegt den Tod nicht im christlichen Sinne. Doch das Muster ist aufschlussreich. Ein göttlicher Sohn steigt hinab in das Reich des Todes, stellt sich dessen Macht entgegen und kehrt ins Licht zurück. Der Mythos dringt hier in den Bereich der Theologie vor.

Wenn Mut den Tod überwindet

Kerberos kehrt in den Hades zurück. Herakles kehrt ins Leben zurück. Der Kosmos bleibt geordnet. Doch der Held hat sich verändert. Er hat die dunkelste Schwelle überschritten und entdeckt, dass die Seele, gestärkt durch Mut und geläutert durch Leiden, vor dem Tor des Todes nicht zusammenbrechen muss. Er hat die Entwicklung der Seele von roher Kraft hin zu geistigem Mut vollzogen.
Gleichzeitig ist diese letzte Aufgabe für Herakles ein Vorbote seines eigenen Schicksals. Er wird nicht bloß ein Held großer Taten bleiben. Zurück in der Oberwelt löst er das Versprechen ein, das er Meleager im Hades gab: dessen Schwester Deianira zu heiraten.
Doch die in der Unterwelt gewählte Frau wird später zur Verursacherin von Herakles’ Tod werden, indem sie ihm unwissentlich ein vergiftetes Hemd reicht. Der Held, den letztlich kein Ungeheuer und kein Mensch besiegen kann, wird durch die Täuschung, die aus dem vergifteten Erbe seiner eigenen vergangenen Gewalt herrührt, zu Fall gebracht. Sein Vater Zeus erhebt ihn zu sich auf den Olymp und macht ihn unsterblich.
Der Tod von Herakles war schmerzhaft und das Produkt einer Täuschung, die aus dem vergifteten Erbe seiner eigenen vergangenen Gewalt herrührt

Das Hemd, das ihm seine Frau Deianira auf Raten des Kentauren Nessos überreichte, war mit dem Gift der Hydra eingerieben. Ohne es zu wissen, tötete sie damit ihren Herakles.

Der endgültige Sieg ist also weder Besitz noch Herrschaft oder gar Flucht. Es ist die Rückkehr – die Rückkehr des Helden, der die Dunkelheit gesehen, die Ordnung des Kosmos geehrt und die Erkenntnis erlangt hat, dass der Tod zwar real ist, aber nicht über den Mut herrscht. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Muster bis heute so aktuell bleibt.
J. R. R. Tolkien hat es in Bilbos großem Abenteuer perfekt auf den Punkt gebracht: „Hin und zurück“. Der Held muss die vertraute Welt verlassen, durch die Dunkelheit gehen und verändert zurückkehren – und dabei nicht nur das Überleben, sondern auch Weisheit mitbringen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel: „Herakles and Cerberus: The Final Descent, Part 1“ und „Herakles and Cerberus: Returning From Death, Part 2“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
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Manipulation im Alltag – Teil 2


In Kürze:

  • Eltern motivieren ihre Kinder, Lehrer versuchen, Lernverhalten zu fördern, und Verkäufer möchten verkaufen. Manipulation ist allgegenwärtig und nicht immer ein negatives Verhalten.
  • Manipulation funktioniert nicht, weil Menschen naiv sind, sondern, weil unser Gehirn auf Vertrauen, Kooperation und soziale Verbundenheit ausgerichtet ist.
  • Der wichtigste Schutz besteht nicht darin, jedem zu misstrauen. Viel hilfreicher ist die Bereitschaft, das eigene Erleben regelmäßig zu hinterfragen.

 
Im ersten Teil habe ich erklärt, warum unser Gehirn beeinflussbar ist, Manipulation selten mit einer großen Täuschung beginnt und auch intelligente Menschen nicht vor ihr gefeit sind.
Um es in aller Kürze zusammenzufassen: Manipulation folgt selten einem Zufallsprinzip. Vielmehr bedient sie sich psychologischer Mechanismen, die tief in unserem Verhalten verankert sind. Je subtiler diese Techniken eingesetzt werden, desto schwieriger sind sie zu erkennen. Genau darum geht es im Folgenden.

Das Prinzip der Gegenseitigkeit

Eine der stärksten sozialen Regeln lautet: Wer etwas bekommt, möchte etwas zurückgeben. Dieses Prinzip der Reziprozität gehört zu den Grundpfeilern menschlichen Zusammenlebens. Im Alltag erleben wir dies ständig.
Ein Kollege übernimmt eine Aufgabe für uns und wir fühlen uns verpflichtet, ihm später ebenfalls einen Gefallen zu tun. Ein Verkäufer bietet eine kostenlose Kostprobe an. Kurz darauf steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir etwas kaufen.
Manipulation beginnt dort, wo Gefälligkeiten nicht aus Hilfsbereitschaft erfolgen, sondern ausschließlich dazu dienen, eine spätere Verpflichtung zu erzeugen. Das schlechte Gewissen übernimmt dann die eigentliche Überzeugungsarbeit.

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Menschen stimmen kleinen Bitten deutlich häufiger zu als großen Forderungen. Wer bereits einmal „Ja“ gesagt hat, möchte dieses Bild von sich selbst aufrechterhalten.
Ein klassisches Beispiel: Zunächst bittet jemand lediglich um 5 Minuten Hilfe. Wenig später werden daraus 20 Minuten. Schließlich übernimmt man ein ganzes Projekt.
Jede einzelne Bitte erscheint harmlos. Erst im Rückblick wird deutlich, wie weit man sich von der ursprünglichen Situation entfernt hat. Verhaltensanalytiker beobachten dieses Muster nicht nur im Berufsleben, sondern auch in Partnerschaften und Freundschaften.

Wer einmal Hilfe zugesichert hat, will sie oft nicht zurückziehen und hilft immer wieder. Das kann von manipulativen Menschen gezielt ausgenutzt werden.

Foto: Tatsiana Volkava/iStock

Schuld als Druckmittel

Schuldgefühle gehören zu den stärksten menschlichen Emotionen. Sie dienen eigentlich dazu, Beziehungen zu stabilisieren und Verantwortung zu übernehmen. Manipulative Menschen nutzen Schuld jedoch gezielt.
Sätze wie „Nach allem, was ich für dich getan habe …“, „Wenn du mich wirklich lieben würdest …“ und „Ich hätte das für dich sofort gemacht“ zielen nicht auf einen sachlichen Austausch, sondern auf emotionalen Druck.
Plötzlich steht nicht mehr die eigentliche Frage im Mittelpunkt, sondern das Bedürfnis, das unangenehme Schuldgefühl möglichst schnell zu beenden.

Wenn die eigene Wahrnehmung infrage gestellt wird

Besonders belastend ist eine Form der Manipulation, bei der Menschen beginnen, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Typische Aussagen sind: „Das habe ich nie gesagt“, „Du bildest dir das nur ein“, „Du bist viel zu empfindlich“ oder „Das hast du völlig falsch verstanden“.
Einzelne dieser Aussagen müssen noch keine bewusste Manipulation darstellen. Missverständnisse gehören zu jeder Beziehung. Problematisch wird es, wenn solche Reaktionen systematisch auftreten und die betroffene Person zunehmend an ihrem Gedächtnis, ihren Gefühlen oder ihrer Wahrnehmung zweifelt.
Das Ziel besteht nicht immer darin, die Realität vollständig umzuschreiben. Häufig genügt bereits die Verunsicherung des Gegenübers.

Fallen häufig Sätze wie „Das habe ich nie gesagt“, kann das Betroffene nachdenklich machen und sie an ihrer Wahrnehmung zweifeln lassen.

Foto: PeopleImages/iStock

Die Macht der Verknappung

Was knapp ist, erscheint wertvoll. Dieser psychologische Effekt begegnet uns täglich. „Nur noch heute erhältlich.“ – „Nur noch zwei Plätze frei.“ – „Dieses Angebot endet in wenigen Stunden.“
Selbst wenn wir das Produkt ursprünglich gar nicht kaufen wollten, entsteht plötzlich das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen. Die Angst vor Verlust beeinflusst unser Verhalten oft stärker als die Aussicht auf einen Gewinn.
Psychologen sprechen hier von der Verlustaversion. Menschen empfinden einen möglichen Verlust emotional intensiver als einen gleich großen Gewinn.

Manipulation in Beziehungen

Manipulation beginnt selten mit Kontrolle. Sie beginnt mit Aufmerksamkeit, mit Verständnis, mit dem Gefühl, endlich jemanden gefunden zu haben, der einen vollständig versteht.
Gerade zu Beginn einer Beziehung entsteht häufig eine intensive emotionale Nähe. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Nähe später dazu genutzt wird, Abhängigkeiten entstehen zu lassen.
Nach und nach werden Kontakte zu Freunden infrage gestellt. Eigene Interessen verlieren an Bedeutung. Entscheidungen werden zunehmend vom Partner beeinflusst. Nicht selten geschieht dies schleichend über Monate oder Jahre. Die Betroffenen bemerken die Veränderung oft erst, wenn Außenstehende darauf aufmerksam machen.

Glückliche Beziehungen sind gut, doch klammert der Partner zu stark und hat man das Gefühl, eingeengt zu werden, ist Obacht geboten.

Foto: PeopleImages/iStock

Manipulation am Arbeitsplatz

Auch im Berufsleben gehören manipulative Strategien zum Alltag. Da werden Verantwortlichkeiten bewusst unklar formuliert. Lob wird gezielt eingesetzt, um zusätzliche Leistung zu erhalten. Informationen werden zurückgehalten, um Machtpositionen zu sichern. Oder Mitarbeiter werden gegeneinander ausgespielt.
Besonders kritisch wird es, wenn Führungskräfte Unsicherheit erzeugen, um Kontrolle auszuüben. Ein dauerhaftes Klima aus Angst und Unberechenbarkeit führt dazu, dass Menschen ihre Entscheidungen zunehmend an den Erwartungen anderer ausrichten. Eigenverantwortliches Denken nimmt ab.

Die digitale Bühne der Beeinflussung

Noch nie war es so einfach, Aufmerksamkeit zu steuern, wie heute. Soziale Medien belohnen Inhalte, die starke Emotionen auslösen. Empörung verbreitet sich schneller als Sachlichkeit. Angst erreicht mehr Menschen als Gelassenheit.
Je emotionaler eine Botschaft formuliert ist, desto häufiger wird sie geteilt. Hinzu kommen Algorithmen, die bevorzugt Inhalte anzeigen, die unsere bisherigen Überzeugungen bestätigen. Dadurch entstehen sogenannte Echokammern.
Menschen begegnen darin immer seltener widersprüchlichen Informationen und halten ihre eigene Sichtweise zunehmend für die einzig richtige. Manipulation benötigt unter diesen Bedingungen kaum noch direkten Kontakt. Sie verbreitet sich über Wiederholung, Gruppenzugehörigkeit und emotionale Aktivierung.

In Zeiten der sozialen Medien ist es einfacher, Menschen zu manipulieren.

Foto: Robert Way/iStock

Wie wir Manipulation erkennen können

Der wichtigste Schutz besteht nicht darin, jedem Menschen zu misstrauen. Viel hilfreicher ist die Bereitschaft, das eigene Erleben regelmäßig zu hinterfragen. Fragen Sie sich beispielsweise:
  • Treffe ich diese Entscheidung wirklich freiwillig?
  • Entsteht gerade Druck oder Angst?
  • Darf ich auch „Nein“ sagen, ohne Schuldgefühle zu bekommen?
  • Werden meine Gefühle ernst genommen oder ständig abgewertet?
  • Erhalte ich vollständige Informationen oder nur ausgewählte Ausschnitte?
Wer sich solche Fragen regelmäßig stellt, entwickelt mit der Zeit ein feineres Gespür für manipulative Dynamiken.

Selbstbewusstsein statt Gegenmanipulation

Viele Menschen glauben, sie müssten Manipulation mit denselben Mitteln beantworten. Das Gegenteil ist meist sinnvoller, und zwar klare Kommunikation, ruhige Nachfragen, Zeit zum Nachdenken, Benennung eigener Grenzen.
Ein respektvoll ausgesprochenes „Nein“ ist häufig der wirksamste Schutz. Manipulation verliert an Kraft, wenn sie nicht mehr automatisch die gewünschte Reaktion auslöst.
Abgrenzung lernen: Warum Nein-Sagen so schwer fällt

„Nein“ klingt im ersten Moment nach Ablehnung, Konflikt oder Schuld, dabei kann es Ausdruck von Selbstbewusstsein sein.

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Das Fazit

Manipulation gehört zum menschlichen Zusammenleben. Sie beginnt nicht erst bei spektakulären Täuschungen oder offensichtlichen Lügen. Oft zeigt sie sich in kleinen Formulierungen, subtilen Andeutungen oder geschickt eingesetzten Emotionen. Gerade deshalb bleibt sie häufig unbemerkt.
Als Verhaltenstherapeut begegne ich immer wieder Menschen, die glauben, sie seien „einfach zu gutgläubig“ gewesen. Diese Einschätzung greift jedoch zu kurz. Manipulation funktioniert nicht deshalb, weil Menschen naiv sind. Sie funktioniert, weil unser Gehirn auf Vertrauen, Kooperation und soziale Verbundenheit ausgerichtet ist. Genau diese Eigenschaften machen unser Zusammenleben möglich – und genau sie können missbraucht werden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir manipulierbar sind. Das sind wir alle. Entscheidend ist vielmehr, wie bewusst wir unsere Entscheidungen treffen. Wer lernt, Emotionen von Fakten zu unterscheiden, sich Zeit für wichtige Entscheidungen nimmt und den Mut entwickelt, auch einmal höflich, aber bestimmt „Nein“ zu sagen, entzieht manipulativen Strategien einen großen Teil ihrer Wirkung.
Die größte Stärke gegenüber Manipulation liegt nicht im Misstrauen gegenüber anderen, sondern in einem klaren Vertrauen in die eigene Wahrnehmung – verbunden mit der Bereitschaft, diese immer wieder kritisch zu überprüfen. Denn wer sich seiner selbst bewusst ist, wird schwieriger lenkbar. Und genau darin liegt die wirksamste Form psychologischer Selbstbestimmung.