Categories
kultur

Harmonie und Leid: Carl Maria von Weber und die Tuberkulose


In Kürze:

  • Carl Maria von Weber gilt als einer der größten Opernkomponisten Deutschlands.
  • Seit seiner Kindheit plagten den als unmusikalisch bezeichneten Komponisten gesundheitliche Probleme.
  • Mit 26 Jahren erkrankte Weber zusätzlich an der damals unheilbaren Tuberkulose, was seinen Ehrgeiz und seine Kreativität nicht minderte.
  • Bis zu seinem Tod am 5. Juni 1826 komponierte er zwei weltberühmte Opern und revolutionierte die Klassische Musik in der deutschsprachigen Welt.

 
Der deutsche Komponist Carl Maria von Weber (1786–1826) gilt als Begründer der deutschen Oper während der Romantik, einer im 19. Jahrhundert vorherrschenden musikalischen Stilrichtung.
Zwar war Weber nicht der Erste, der eine Oper in dieser Sprache schrieb (Mozart war schneller), doch griff er wie kein anderer vor ihm speziell auf deutsche kulturelle Themen zurück. Obwohl er früh verstarb, hinterließ er einen unauslöschlichen Eindruck bei seinen musikalischen Kollegen, insbesondere bei Richard Wagner (1813–1883).

„Ein Musiker wirst du niemals sein“

Weber wurde 1786 in der Stadt Eutin, rund 35 Kilometer nördlich von Lübeck in Schleswig-Holstein, geboren. Sein Vater Franz Anton von Weber war ein vielreisender Musiker, sodass der junge Carl das Spielen zahlreicher Instrumente während der Reisen erlernte.

Das Geburtshaus von Carl Maria von Weber (1786–1826) in Eutin, Schleswig-Holstein.

Seinen ersten Musikunterricht erhielt er als Dreijähriger von seinem Onkel Franz Fridolin Weber, dem Schwiegervater von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791). Doch sein Onkel soll wenig begeistert gewesen sein und dem Jungen das Instrument aus den kleinen Händen gerissen haben:
„Was auch immer aus dir werden mag, ein Musiker wirst du niemals sein“, so die Worte von Franz Fridolin Weber.
Trotzdem zeigte Carl Maria von Weber schon bald sein musikalisches Genie. Er wuchs in mehreren Bereichen zu einem versierten Künstler heran und legte nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent ein großes Talent an den Tag.
Bildnis des Komponisten Carl Maria von Weber

Bildnis des Komponisten Carl Maria von Weber, gemalt von Caroline Bardua (1781–1864) im Jahr 1821.

Großer Erfolg mit einem Jäger

Lange vor Weber schwenkten Dirigenten aufgerolltes Papier und Geigenbögen in der Luft umher oder schlugen mit Stöcken auf den Boden, um den Takt vorzugeben. Weber brach mit dieser Tradition und schwenkte einen Taktstock, den er in der Mitte hielt – und nicht wie heutige Dirigenten an dessen Ende.
Neben dem Dirigieren war er ein großer Klaviervirtuose. Ob er nun den Taktstock schwang oder die Tasten spielte, er trat mit großer Energie auf und strahlte auf der Bühne ein besonderes Charisma aus.
Er komponierte viele Werke, darunter Stücke für die Klarinette, die noch heute regelmäßig aufgeführt werden. Doch Webers einflussreichste Arbeiten betrafen die Oper. Sein heute bekanntestes Werk dieses Genres ist „Der Freischütz“, uraufgeführt im Jahr 1821.
Bei der Komposition der Oper griff Carl Maria von Weber auf den Stil deutscher Volkslieder zurück. Die Geschichte über einen Jäger, der seine Seele an den Teufel verkauft, um im Gegenzug silberne Kugeln zu erhalten, die niemals ihr Ziel verfehlten, war bei den Besuchern enorm beliebt und wurde zu einer internationalen Sensation.
Illustration zur Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber

Illustration von Johann Heinrich Ramberg (1763–1840) zur Oper „Der Freischütz“. Dargestellt sind Caspar und Max beim Gießen von Freikugeln, während das wilde Heer erscheint.

Die Krankheit der Romantik

Weber war bereits als Kind häufig von schlechter Gesundheit geplagt. Dies spitzte sich 1812 drastisch zu, als die ersten Symptome einer Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, auftraten. Was als „Rheuma in der Brust“ begann, verschlimmerte sich allmählich.
In einer Zeit, in der die Krankheit noch nicht heilbar war und man noch nicht einmal wusste, dass sie ansteckend war, setzte Weber übermäßiges Vertrauen in die Ärzte. So wechselte er wegen der unterschiedlichen Meinungen der Mediziner oft die Behandlung.
Die Tuberkulose prägte das 19. Jahrhundert so stark, dass sie als „Krankheit der Romantik“ galt. Viele bedeutende Künstler litten an ihr, darunter die Brontë-Schwestern, Friedrich Schiller und Anton Tschechow. Aufgrund dieser Assoziation herrschte die weitverbreitete Vorstellung, dass die Krankheit die Kreativität steigere und als eine Art tödliche Muse fungiere.

„ein ungewöhnliches, übermenschliches Wesen“

Weber machte sich diese Vorstellung zu eigen, fand Gefallen daran, über seine Krankheit zu sprechen, und glaubte sogar, unter dem Einfluss eines „bösen Sterns“ zu stehen. Obwohl es auch bisher keine medizinischen Belege dafür gibt, dass Tuberkulose die kompositorischen Fähigkeiten schärft, kann der Glaube einen starken Einfluss auf die Realität haben. Da er wusste, dass seine Zeit begrenzt ist, überanstrengte sich Weber durch stundenlanges Arbeiten. Dies führte letztlich dazu, dass sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechterte.
Diejenigen, die Weber begegneten, waren fasziniert von seiner Kombination aus Charisma und Gebrechlichkeit. Der neunjährige Richard Wagner, der Weber in Dresden beim Dirigieren von „Der Freischütz“ beobachtete, hinterließ in seiner Biografie „Mein Leben“ folgende Beschreibung:
„Das schmale feine Gesicht mit den lebhaften und doch häufig umschleierten Augen, bannte mich in Schauern fest; sein stark hinkender Gang, den ich oft vom Fenster aus wahrnahm, wenn der Meister um die Mittagszeit aus den ermüdenden Proben seinen Heimweg an unserem Hause vorbei nahm, kennzeichnete meiner Imagination den grossen Musiker als ein ungewöhnliches, übermenschliches Wesen.“

Richard Wagner (1813–1883) war ein großer Anhänger von Carl Maria von Weber.

Eine verhängnisvolle Reise …

„Der Freischütz“ sorgte für so große Furore, dass sich die Londoner in Webers Musik verliebten. Der Theaterdirektor Charles Kemble (1775–1854) lud den Komponisten nach London ein, um eine neue Oper zu schreiben und zu inszenieren.
Als Themen bot Kemble die Wahl zwischen Faust (Goethes Figur, die ihre Seele an den Teufel verkaufte) und Oberon (dem Feenkönig, bekannt aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“). Weber entschied sich für Oberon und nahm Englischunterricht, um sich auf seine Reise nach Großbritannien vorzubereiten.
Ungewöhnlich für ihn war, dass er gegen den Rat seines Arztes handelte und den Auftrag annahm, da er dringend Geld benötigte. Er stürzte sich in die Komposition, und nach seiner Ankunft in London belasteten Proben und Vorbereitungen seine Gesundheit zusätzlich.
Weber wurde in London wie ein Star empfangen, wo er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt die Ouvertüre zu „Der Freischütz“ unter großem Beifall dirigierte. Es folgte die Uraufführung von „Oberon, oder der Schwur des Elfenkönigs“ am 12. April 1826, welche ein durchschlagender Erfolg war. Der Komponist schrieb in einem Brief an seine Frau Caroline, dass ihn die Londoner mit großer Freude empfangen hätten.
„Wie ich ins Orchester trat, erhob sich das ganze über füllte Haus und ein unglaublicher Jubel, Vivat und Hurrah rufen, Hüthe und Tücher schwenken, empfing mich, und war kaum wieder zu stillen.“
Illustration zur Oper „Oberon“ von Carl Maria von Weber

Illustration zur Oper „Oberon“, einem mythologischen Elfenkönig.

Foto: gemeinfrei

… und die letzte Oper

Der Jubel war so groß, dass die Ouvertüre wiederholt werden musste und drei Szenen der Oper als Zugaben aufgeführt wurden. Am Ende gab es einen tosenden Applaus – „eine Ehre, die in England noch nie einem Komponisten widerfahren ist“.
In den folgenden zwei Monaten dirigierte Weber mit seinem energiegeladenen Stil weiterhin die ausverkauften Aufführungen seiner Oper. Doch die Anstrengung forderte ihren Tribut und schadete seiner Gesundheit.
Am 26. Mai gab er ein Konzert mit einem neu komponierten Stück, bei dem er eine Sopranistin am Klavier begleitete. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt, bevor er am 5. Juni, einen Tag vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland, der Tuberkulose erlag.

Schöne Töne, schlechte Worte?

Die Haupthandlung von „Oberon“ war weniger von Shakespeare als vielmehr von Christoph Martin Wielands gleichnamigen Märchenepos aus dem Jahr 1780 inspiriert. Im Gegensatz zur Musik galt der Text der Oper (auch Libretto genannt) als weniger meisterhaft. Geschrieben war dieser von dem britischen Dramatiker James Robinson Planché (1796–1880).
In den Augen von John Warrack, einem Biografen von Carl Maria von Weber, sei der Text voller gekünstelter Dialoge, absurder Handlungsdetails und Figuren, die bloße ausgestopfte Kostüme sind.
In dieser Hinsicht ist Webers „Oberon“ mit Mozarts „Zauberflöte“ vergleichbar, deren Libretto von Emanuel Schikaneder ebenso stark kritisiert wurde. Weber erkannte Planchés Schwächen als Autor. So missfiel ihm unter anderem die Fülle an gesprochenen Szenen, ein Merkmal des englischen Genres der Semi-Oper.
Portrait des Komponisten Carl Maria von Weber

Portrait von Carl Maria von Weber, gemalt von Ferdinand Schimon (1797–1852).

Die Erfindung des Leitmotivs

Obwohl Richard Wagner oft die Erfindung wiederkehrender musikalischer Motive und Themen zugeschrieben wird, war es tatsächlich Weber, der damit begann. In „Oberon“ erfüllt das Horn der Titelfigur eine verbindende, dramatische Funktion.
Die Ouvertüre beginnt damit, dass das Waldhorn ein einfaches dreitöniges „Do-Re-Mi“-Motiv in langsamem Tempo spielt. Die Streicher antworten auf diesen Ruf, und die Holzbläser setzen ein, was an ein „Feenlachen“ erinnert. Auf diese Weise wird die übernatürliche Atmosphäre für das Drama erzeugt. Im gesamten Werk erklingt Oberons Horn immer wieder, wenn die Figuren in gefährliche Situationen geraten. Die Verwendung des Leitmotivs hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf den erwachsenen Wagner, der diese Technik weiterentwickelte.
Als Weber starb, hinterließ er einen vierjährigen Sohn, Max Maria von Weber (1822–1881), der später die erste Biografie seines Vaters veröffentlichte. Max wurde Ingenieur statt Komponist, doch sein wissenschaftliches Engagement trug dazu bei, das Andenken an seinen Vater lebendig zu halten.
Webers heldenhafter Kampf gegen seine unheilbare Krankheit ist eine Inspiration für alle Künstler, die bei der Verwirklichung ihrer Kreativität auf Hindernisse stoßen. Und seine Opern sehen viele Menschen als einen Segen für die Welt der Klassischen Musik an.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Harmony and Hardship: Carl Maria von Weber and Tuberculosis“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
Categories
china

Erstmals veröffentlicht: Neue Fotos werfen Licht auf das Tiananmen-Massaker von 1989


In Kürze:

  • Neue Fotos erstmals öffentlich
  • China: Proteste und Niederschlagung am 4. Juni 1989
  • Historisch und politisch bedeutsam

 
Heute jährt sich das Tiananmen-Massaker von 1989 zum wiederholten Mal – ein Ereignis, das bis heute weltweit als Symbol für den Kampf um Demokratie, Meinungsfreiheit und politische Reformen in China gilt.
Über Jahrzehnte hinweg lagen Filmrollen mit mehr als 2.000 Fotos, welche die Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989 dokumentieren, in einer Metallbox verschlossen. Sie waren der Welt unbekannt.
Die Fotos, die ein Fotograf der chinesischen Staatsmedien aufgenommen hatte, überstanden die anschließenden politischen Säuberungskampagnen nach dem Massaker und gelangten schließlich in die Vereinigten Staaten. Kürzlich wurden sie der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times anvertraut.
Nun macht die Epoch Times die Fotos erstmals öffentlich zugänglich.
 
Im Frühjahr 1989 versammelten sich Tausende Studenten, Arbeiter und Bürger auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Sie forderten politische Öffnung, mehr Rechte und ein Ende der Korruption.
Was zunächst friedlich begann, endete in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni in einer gewaltsamen Niederschlagung durch das Militär.
Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht offiziell geklärt; Schätzungen reichen bis zu mehreren Zehntausend.
Die Ereignisse wurden in China lange Zeit zensiert und sind dort im öffentlichen Diskurs kaum präsent. International gelten sie als eines der prägendsten Beispiele für staatliche Gewalt gegen friedliche Proteste im 20. Jahrhundert.
Fotos, Berichte und Augenzeugen erinnern daran, wie schnell politische Hoffnung in Gewalt umschlagen kann – und wie stark der Wunsch nach Freiheit dennoch ist.
Auch Jahrzehnte später bleibt Tiananmen ein sensibles und umkämpftes Thema.
Neue Bildarchive und Berichte, die immer wieder ans Licht kommen, tragen dazu bei, die Erinnerung an die Ereignisse wachzuhalten und die historischen Fragen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Aufnahmen im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um den Tiananmen-Platz 1989.

Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Exclusive: Never-Before-Seen 1989 Tiananmen Square Massacre Photos“. (deutsche Bearbeitung: zk) 
Categories
ausland china

US-Regierung zu Tian’anmen: Chinas Zensur kann Massaker nicht „auslöschen“

Taiwans Präsident Lai Ching-te hat China für die mangelnde Aufarbeitung des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen) vor 37 Jahren in Peking kritisiert.
Ein „wahrlich großes Land“ sollte nicht auf ein mächtiges Militär setzen, sondern sich den Wunden seiner Geschichte stellen, schrieb Lai auf Facebook. Er hoffe, dass China den Ereignissen ins Auge sehe, die Wahrheit anerkenne und einen Dialog beginne, hieß es.
China verbietet den Menschen, an die Ereignisse vom 4. Juni 1989 zu erinnern. Alle entsprechenden Informationen sind zensiert. In Peking fahren in Bussen, die den Tian’anmen-Platz überqueren, neben Sicherheitsleuten auch uniformierte Polizisten mit.

Was damals geschah

Mit dem Tod von Reform-Hoffnungsträger und KP-Generalsekretär Hu Yaobang Mitte April 1989 erhob sich im Herzen Pekings eine Bewegung für mehr Mitsprache und gegen Korruption.
Die Regierung zerschlug die Proteste durch das Militär. Am frühen Morgen des 4. Junis starben in den Straßen um den Tian’anmen-Platz Hunderte Menschen etwa durch Schüsse. Die genaue Opferzahl ist bis heute nicht bekannt, es wird von Tausenden Verletzten gesprochen.
Hinterbliebene fordern bis heute Aufklärung und Entschädigung. Die Regierung komme ihrer Verantwortung nicht nach, verweigere Wiedergutmachung und unterdrücke öffentliche Diskussion über die Geschehnisse, teilten die „Mütter des Tian’anmen“ vor dem Gedenktag mit.

Aktion in Hongkong, Andacht in Taipeh

In der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong spannte der Künstler Chen Sanmu am Mittwoch einen 6,4 Meter langen roten Faden nahe dem Victoria-Park, wo früher traditionell des Massakers gedacht worden war. Die Andacht in dem Park ist durch die KP Chinas verboten.
Berichten zufolge nahmen Polizisten in Zivilkleidung wenige Minuten später Chens Personalien auf und durchsuchten ihn. Die 6,4 Meter symbolisieren das Datum der Ereignisse.
Seit der Verabschiedung des sogenannten Sicherheitsgesetzes im Jahr 2020 sind diese jedoch auch dort verboten. AFP-Reporter beobachteten ein großes Polizeiaufgebot am Victoria Park, wo die Gedenkveranstaltungen früher stattgefunden hatten.
Spät in der Nacht stand dort der Aktivist Tang Ngok Kwan allein und las – unter den wachsamen Blicken mehrerer Polizisten in Zivil – mit leiser Stimme die Namen von hunderten Opfern vor. In Peking hinderten die Behörden in diesem Jahr Angehörige daran, die Gräber der bei dem Massaker Getöteten auf dem Wan’an-Friedhof zu besuchen. Amnesty International verurteilte dies als „herzlosen Akt“.
In Taiwans Hauptstadt Taipeh waren für den Nachmittag und Abend (Ortszeit) Gedenkveranstaltungen geplant. Mittlerweile finden die größten Erinnerungstreffen auf der unabhängig regierten Insel statt, die China für sich beansprucht und deren Regierung sie als Separatisten bezeichnet.

USA: Chinas Zensur kann Massaker nicht „auslöschen“

US-Außenminister Marco Rubio verweist darauf, dass die in China herrschende Zensur die Erinnerung an das Massaker nicht „auslöschen“ könne. Am Ende werde den Opfern „Recht geschehen“, erklärte Rubio. Peking warf der US-Regierung daraufhin vor, historische Tatsachen zu verdrehen.
„Kein Ausmaß an Zensur kann die Vergangenheit auslöschen“, erklärte Rubio auf einer Pressekonferenz. „Jenen, die Opfer brachten, um ihre unveräußerlichen Rechte auf freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlung zu wahren, wird eines Tages Recht geschehen.“ (dpa/afp/red)
Categories
ausland china

Gedenken und Kritik zu 37 Jahre Tian’anmen-Massaker

Taiwans Präsident Lai Ching-te hat China für die mangelnde Aufarbeitung des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen) vor 37 Jahren in Peking kritisiert.
Ein „wahrlich großes Land“ sollte nicht auf ein mächtiges Militär setzen, sondern sich den Wunden seiner Geschichte stellen, schrieb Lai auf Facebook. Er hoffe, dass China den Ereignissen ins Auge sehe, die Wahrheit anerkenne und einen Dialog beginne, hieß es.
China verbietet den Menschen, an die Ereignisse vom 4. Juni 1989 zu erinnern. Alle entsprechenden Informationen sind zensiert. In Peking fahren in Bussen, die den Tian’anmen-Platz überqueren, neben Sicherheitsleuten auch uniformierte Polizisten mit.

Was damals geschah

Mit dem Tod von Reform-Hoffnungsträger und KP-Generalsekretär Hu Yaobang Mitte April 1989 erhob sich im Herzen Pekings eine Bewegung für mehr Mitsprache und gegen Korruption.
Die Regierung zerschlug die Proteste durch das Militär. Am frühen Morgen des 4. Junis starben in den Straßen um den Tian’anmen-Platz Hunderte Menschen etwa durch Schüsse. Die genaue Opferzahl ist bis heute nicht bekannt, es wird von Tausenden Verletzten gesprochen.
Hinterbliebene fordern bis heute Aufklärung und Entschädigung. Die Regierung komme ihrer Verantwortung nicht nach, verweigere Wiedergutmachung und unterdrücke öffentliche Diskussion über die Geschehnisse, teilten die „Mütter des Tian’anmen“ vor dem Gedenktag mit.

Aktion in Hongkong, Andacht in Taipeh

In der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong spannte der Künstler Chen Sanmu am Mittwoch einen 6,4 Meter langen roten Faden nahe dem Victoria-Park, wo früher traditionell des Massakers gedacht worden war. Die Andacht in dem Park ist durch die KP Chinas verboten.
Berichten zufolge nahmen Polizisten in Zivilkleidung wenige Minuten später Chens Personalien auf und durchsuchten ihn. Die 6,4 Meter symbolisieren das Datum der Ereignisse.
In Taiwans Hauptstadt Taipeh waren für den Nachmittag und Abend (Ortszeit) Gedenkveranstaltungen geplant. Mittlerweile finden die größten Erinnerungstreffen auf der unabhängig regierten Insel statt, die China für sich beansprucht und deren Regierung sie als Separatisten bezeichnet. (dpa/red)
Categories
wissen

Von der Draisine zum Fahrrad: Wie zwei Räder die Welt bewegten


In Kürze:

  • Vor über 200 Jahren erfand ein deutscher Freiherr das erste Fahrrad – vielleicht wegen eines Schlittschuhs oder Vulkanausbruchs.
  • Über rund fünf Jahrzehnte wurden die zeitweise verbotenen und kritisch beäugten Zweiräder immer größer – und schneller.
  • Ein Engländer entwickelte 1885 das uns heute geläufige Fahrrad – sein Durchbruch gelang letztlich erst mit einem illegalen Radrennen.
  • Zehn Jahre später erhielt die erste Laufmaschine einen elektrischen Antrieb – bis das Konzept wieder aufgegriffen wurde, sollte fast ein Jahrhundert vergehen.

 
Es war ein besonderer Schritt für seinen Entwickler und ein revolutionärer für die Welt: die Erfindung des Fahrrads. Heute begleitet das zweirädrige Fortbewegungsmittel Menschen weltweit in den Urlaub, zur Arbeit oder zum Bäcker.
Der Begriff „Fahrrad“ ist inzwischen so geläufig, wie sein Tretpedal oder seine Gangschaltung. Doch erst 1885 führten Mitglieder der Radfahrvereine in Deutschland den Namen ein. Zuvor bezeichneten die Deutschen mit „Fahrrad“ primär Motorräder, während das unmotorisierte Zweirad „Laufmaschine“ oder „Draisine“ hieß. Bis 1920 fand auch die französische Bezeichnung „Veloziped“ Verwendung.
Bis heute haben sich mit „Drahtesel“ oder „Stahlross“ weitere scherzhafte Bezeichnungen in unserem Sprachgebrauch etabliert – ergänzt durch dialektspezifische Namen. So heißt das Fahrrad im Niederdeutschen auch „Fietse“, im Münsterland „Leeze“ oder in Bayern einfach „Radl“.
Doch egal welcher Name heute verwendet wird, die über 200-jährige Erfindung wird am Weltfahrradtag am 3. Juni geehrt. Moderne Drahtesel zeichnen heute im Wesentlichen vier Punkte aus: zwei durch einen Rahmen verbundene Räder, einen Tretkurbelantrieb, zwei gleich große Räder und luftgefüllte Gummireifen. Die ersten Fahrräder erfüllten jedoch nur einen Teil dieser Bedingungen.

Der Muskelkraftwagen (1420) – die Vorgänger

Mit menschlicher Kraft angetriebene und lenkbare Fortbewegungsmittel gab es lange vor der Erfindung des Fahrrads. Der älteste Beleg eines sogenannten Muskelkraftwagens stammt aus dem Jahr 1420 und ist eine Zeichnung des italienischen Arztes Johannes de Fontana (1395–1455). Sein Gefährt soll demnach mittels Seilzug und Trommelmechanismus bewegt worden sein.
Eine weitere bekannte Entwicklung stammt aus dem Jahr 1655 von Stephan Farfler (1633–1689). Damit der ab der Hüfte gelähmte Uhrmacher aus Nürnberg mobil blieb, baute er einen dreirädrigen Wagen mit Handkurbelantrieb. Ähnliche Fahrzeuge gibt es bis heute.
Als offizielle Geburtsstunde des Zweirads gilt das Jahr 1817. Es wird gemunkelt, dass der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815 zur Erfindung des Fahrrads führte. Weil sich das Wetter verschlechterte und es zu Missernten kam, sollen Lasttiere vermehrt auf den Tellern der Hungernden gelandet sein. Um Güter dennoch zu transportieren, habe der deutsche Forstbeamte Karl Freiherr von Drais (1785–1851) aus Karlsruhe den Drahtesel erfunden.
Der deutsche Forstbeamte Karl Freiherr von Drais (1785–1851) aus Karlsruhe hat das Fahrrad erfunden

Der deutsche Forstbeamte Karl Freiherr von Drais (1785–1851) aus Karlsruhe gilt als Vater des Fahrrads.

Die Draisine (1817) – Erfindung und Verbot des Fahrrads

Laut dem erfinderischen Deutschen selbst soll er die Inspiration für seine Draisine, wie er sein Fahrrad nannte, von Schlittschuhen genommen haben. Bis heute sind deren Kufen häufig an zwei hintereinander liegenden Punkten unter den Schuhen befestigt. Mit dem Umschwenken von vormals vier Rädern auf zwei schuf Karl von Drais damit das erste Fahrrad der Geschichte.
Dafür verband er zwei gleich große Holzräder mit Eisenreifen über einen hölzernen Rahmen so miteinander, dass das Vorderrad lenkbar war. Zusätzlich stattete von Drais sein Gefährt mit einem ausklappbaren Ständer, Bremsen und einem Gepäckträger aus. Angetrieben wurde die 25 Kilogramm schwere Draisine wie ein Laufrad durch Abstoßen mit den Beinen.
Am 12. Juni 1817 soll von Drais auf diese Weise seine erste, 15 Kilometer lange Probefahrt von Mannheim nach Schwetzingen innerhalb einer Stunde absolviert haben. Damit war er viermal so schnell wie die Postkutschen der damaligen Zeit. Um den Bekanntheitsgrad seiner Erfindung zu steigern, organisierte er zudem öffentliche Fahrten und Veranstaltungen und sorgte damit für Staunen in der Bevölkerung.
So schnell wie sein Rad rasten die Meldungen von seiner Erfindung durch Europa. Überall bauten Findige die Draisine nach – häufig jedoch ohne Bremsen. Weil das Balancieren ungewohnt war und es wegen der schnellen Fortbewegung häufig zu Unfällen kam, wurde das Fahrrad in Deutschland vielerorts verboten.

Das Künzelsauer Schubstockrad (1850) – mit Handantrieb und Fußlenkung

Freunde des Zweirads ließen sich jedoch nicht vom Fahrrad abbringen. Bereits kurz nach der Erfindung der Draisine schlugen Erfinder zahlreiche Verbesserungen vor oder entwickelten das Fahrrad weiter – etwa zum sogenannten Schubstockrad.
Erste Anregungen dieser Art kamen 1817, kurz nach Erfindung der Draisine, von Johann Carl Bauer. Sie beinhalteten zwei Hinterräder und einen Antrieb über Schubstöcke, auch „Jungnickelsche Hebel“ genannt. Erstmals technisch umgesetzt wurde diese Idee jedoch erst 1850 in Künzelsau, Baden-Württemberg, wo der Schmied Heinrich Färber ein Schubstockrad baute.
Das Fahrrad von Färber besaß zwei mit Eisen beschlagene Holzräder und einen Sattel. Mit 50 Kilogramm, 120 Zentimetern Höhe, 56 Zentimetern Breite und 182 Zentimetern Länge war die Konstruktion groß und schwer. Das Vorderrad war kleiner als das Hinterrad (Durchmesser: 42 und 80 Zentimeter) und an dessen Aufhängung waren Fußrasten angebracht.
Die Fortbewegung selbst erfolgte ohne Bodenkontakt der Füße durch das schnelle Vor- und Zurückbewegen eines langen Hebels, an dem zwei Schubstangen befestigt waren. Sobald der Fahrer saß und den Hebel zu sich zog, wurden die Stangen nach hinten und damit gegen den Boden gedrückt. Das Abstoßen sorgte dafür, dass sich die Konstruktion bewegte. Gelenkt wurde mit den Füßen auf den Rasten am Vorderrad.
Von der Draisine zum Fahrrad: das Schubstockrad

Das Schubstockrad wurde von Hand betrieben und hatte eine Fußlenkung.

Das Tretkurbelrad (1853) – drei Erfinder

Die mit Schubstöcken angetriebenen Räder gerieten mit der Erfindung des Tretkurbelrades bald in Vergessenheit. Umstritten ist jedoch, welcher deutsche Ingenieur der Erfinder dieses Radtyps ist.
Zur Auswahl stehen zwei mögliche Kandidaten aus Bayern: der deutsche Ingenieur und Arzt Joseph von Baader (1763–1835) aus München sowie der Schreiner und Musikinstrumentenbauer Philipp Moritz Fischer (1812–1890) aus Oberndorf bei Schweinfurt.
Das Fahrrad von Joseph von Baader ist mit seinem geraden Holzrahmen und den zwei gleich großen Rädern im Aussehen noch stark an die Draisine angelehnt – die einzige Neuerung ist die Tretkurbel am Vorderrad. Der Münchner Arzt soll sein Tretkurbelrad gebaut haben, um schneller zwischen seinen Patienten umherfahren zu können.
Das Rad von Fischer erinnert dagegen optisch an ein Moped. Es besaß ebenfalls eine am Vorderrad angebrachte Tretkurbel, jedoch zusätzlich ein Scheinwerferlicht und zwei ungleich große Räder. Sein Zweirad baute der Schreiner vermutlich auch zum Eigenbedarf.
Ob der deutsche Mechaniker Heinrich Mylius (1813–1892) aus dem thüringischen Friedrichsthal seinerseits eine Rolle spielte, ist umstritten. Sein angeblich 1845 erfundenes Fahrrad scheint aufgrund der speziellen Form der Hinterradgabel deutlich jünger zu sein.

Die Michauline (1861) – erste Serienfertigung

Dasselbe Tretkurbel-Prinzip entwickelte unabhängig davon der französische Wagenbauer Pierre Michaux (1813–1883) mit seinem Sohn Ernest ab 1861. Laut Überlieferungen kam den Franzosen diese Idee, nachdem sie die Draisine eines Kunden reparieren sollten. Kurzerhand sollen sie zusätzlich einen Tretkurbelantrieb angebracht haben.
Ihre Konstruktion besaß wiederum zwei mit einem Holzrahmen verbundene Holzräder mit Eisenbereifung, wobei das Vorderrad etwas größer war als das Hinterrad mit 90 Zentimetern Durchmesser. Wegen ihrer ruckeligen Fahrweise erhielten die Räder scherzhaft den Namen „Knochenschüttler“.
Die Familie Michaux stellte ihre Erfindung 1867 auf der Weltausstellung in Paris aus und erlangte dadurch größere Bekanntheit. Mit mehr als 400 Exemplaren waren die sogenannten Michaulinen die ersten in großer Stückzahl hergestellten Fahrräder.
Nur ein Jahr später kam es am 1. November bei Bordeaux zum ersten Fahrradrennen der Welt. Dabei traten vier Frauen auf Michaulinen gegeneinander an – Siegerin war Mademoiselle Julie. Das Rennen sorgte fortan in Frankreich für einen Fahrrad-Boom, sodass immer mehr Menschen – einschließlich des Adels – zum Drahtesel griffen.

Das Hochrad (1867) – Speichen im Wandel

Ebenfalls technisch zu den Tretkurbelrädern gehören die Hochräder mit ihren markanten, sehr unterschiedlich großen Rädern. Als Erfinder gilt die Firma Compagnie Parisienne der Gebrüder Olivier, die das Geschäft der Familie Michaux übernahm. Mit ihrer Entwicklung wollten die Gebrüder Olivier die Radrennen als neu aufgekommenen Volkssport unter französischen Männern weiter anfeuern.
Das erste Hochrad besaß einen Rahmen aus Eisen und Räder mit Holzspeichen, wodurch das Rad 40 Kilogramm wog. Charakteristisch für das Hochrad sind das große Vorder- und das kleine Hinterrad mit 127 und 35 Zentimetern Durchmesser. Die großen Vorderräder machten die Fahrzeuge schneller. Um auf das Fahrrad aufzusteigen, mussten die Fahrer springen oder die Hilfe einer zweiten Person in Anspruch nehmen. Erst bei späteren Modellen wurden Fußrasten als Aufstiegshilfen angebaut.
 
Aber auch in Deutschland wurden Hochräder gebaut. Der bekannteste Hersteller war Heinrich Büssing (1843–1929) aus Wolfsburg, der später den Lastkraftwagen und den Omnibus erfand.
Ab 1871 ersetzten Fahrradbauer die hölzernen Speichen durch Draht oder Stahl und die Räder erhielten Vollgummireifen. Eine wichtige Neuerung kam zudem von dem englischen Fabrikanten James Starley (1830–1881). Er ersetzte die radial angeordneten Speichen durch tangential angeordnete, um die Kräfte besser abzuleiten und die Räder belastbarer zu machen.
Dies hatte jedoch zur Folge, dass die großen Vorderräder zwingend richtigherum eingebaut werden mussten, damit das Rad beim Treten nicht in sich zusammenbrach. Um dies zu verhindern, entwickelte Starley 1874 seine einfach tangential angeordneten Speichen zu gekreuzten Tangentialspeichenrädern weiter.

In der Anfangszeit waren Räder mit radialen Speichen (l.) üblich. 1871 erfand der Engländer James Starley die einfach tangentiale Anordnung der Speichen (m.) und 1874 die gekreuzt tangentiale Anordnung.

Foto: kms/Epoch Times

Das Einrad (um 1870) – 200 Kilometer an einem Tag

Die nächste Schwierigkeitsstufe im Fahrradfahren entwickelte der Italiener Alexander Giovanni Battista Scuri um 1870 mit dem Einrad. Er war vermutlich auch der Erste, der die spezielle Fahrweise erlernte.
1880 war es dann so weit: Scuri soll innerhalb eines Tages mit seinem Einrad von Mailand nach Turin gefahren sein, was einer Strecke von etwa 200 Kilometern entspricht. Fortan war das Einrad besonders bei Artisten beliebt.
Die ersten Modelle dieser Art besaßen zusätzlich eine Lenkstange, die heute nicht mehr üblich ist. Ebenso ungewohnt ist der Name „Monocycle“, wie man zur Zeit seiner Erfindung das Einrad in Deutschland nannte.

Das hohe Sicherheitsrad (1878) – Räder an die Kette gelegt

Da die in den 1870er-Jahren beliebten Hochräder bald enorme Größen erreichten und es zu gefährlichen Stürzen kam, wurde dieser Radtyp zu einem sogenannten hohen Sicherheitsrad weiterentwickelt.
Dieser Bestrebung gingen vor allem Ingenieure in England nach. So beinhalteten die Modifizierungen unter anderem die Verkleinerung der Vorderräder und die Verlagerung des Fahrradschwerpunktes in Richtung Hinterrad.
Besonders Edouard Carl Friedrich Otto (1841–1905) sorgte mit seinem 1878 in London entwickelten Fahrrad „Kangaroo“ für mehr Sicherheit. Der gebürtige Berliner fügte seinem Rad zudem einen Kettenantrieb hinzu. Der erste war er damit aber nicht. Erfunden und erstmals an einem Hochrad verbaut wurde ein solcher Mechanismus ein Jahr zuvor in Frankreich.

Das Bicyclette (1879) – Hinterradantrieb wird Serie

Einen weiteren Schritt in die Richtung unseres modernen Fahrrads ging der Engländer Harry John Lawson mit seinem Bicyclette. Bisher besaßen die Zweiräder meist einen Vorderradantrieb mittels Trethebeln.
1879 fügte Lawson seinem Drahtesel jedoch einen Kettenantrieb auf das Hinterrad hinzu. In seiner restlichen Erscheinung ähnelte das Fahrrad des Engländers mit seinen ungleich großen Rädern immer noch einem Hochrad.
Von der Draisine zum Fahrrad: das Bicyclette

Das Bicyclette, erfunden von dem Engländer Harry John Lawson im Jahr 1879.

Bereits vor Lawson gab es vier Erfinder aus Schottland und Frankreich, die einen Hinterradantrieb konstruierten. Diese älteren Modelle wurden jedoch mit Schwinghebeln statt Ketten bewegt, wie der schottische Schmied Kirkpatrick Macmillan (1812–1878) im Jahr 1839 erstmals anwandte.

Das Sicherheitsniederrad (1885) – Durchbruch dank illegalem Radrennen

Doch alle Fahrradtypen konnten sich letztlich nicht gegen das Sicherheitsniederrad des Engländers John Kemp Starley (1855–1901) durchsetzen. Er war der Neffe von James Starley, der die modernen Tangentialspeichenräder erfunden hatte.
John Kemp Starley wollte das neue Fahrrad in puncto Rahmenform, Sicherheit und Kraftverhältnis verbessern. Sein erster Prototyp, der „Rover I“, wurde von der Presse jedoch stark kritisiert. Man glaubte nicht an die gute und schnelle Fahrweise der Neuentwicklung.
Daraufhin baute Starley einen zweiten Prototyp, den „Rover II“, der als Vorbild heutiger Fahrräder gilt. Um Aufsehen zu erregen und seine Kritiker zu überzeugen, veranstaltete Starley ein illegales Radrennen. Sein Rover II brillierte, ein neuer Weltrekord wurde aufgestellt und die Beliebtheit des Sicherheitsniederrades stieg.
Im Vergleich zu vorherigen Radtypen besaß das neue Modell zwei gleich große Räder sowie Steuerung und Bremsen an den Vorderrädern. Ab den 1880er-Jahren folgten zahlreiche Erfindungen wie die Gangschaltung, die Rücktrittbremse und luftgefüllte Reifen, die heute zur Standardausrüstung eines modernen Fahrrads gehören.

Das Damenrad (1889) – Einstieg aus Holland

Seit der Erfindung des ersten Fahrrads waren Frauen aufgrund der Kleidernorm benachteiligt, was das Fahren des Zweirads betraf. So galt es als üblich, dass Frauen lange Röcke oder Kleider trugen, die jedoch beim Fahrradfahren störten.
Als einer der Ersten baute der Engländer Dennis Johnson 1819 eine Draisine so um, dass Frauen mit langem Rock gefahrlos Rad fahren konnten. Sporadisch wurden Räder fortan frauenfreundlich umgebaut und vom weiblichen Geschlecht gefahren.
Der große Durchbruch gelang jedoch erst mit der Entwicklung des Sicherheitsniederrades. So baute John Kemp Starley 1889 ein Modell eigens für Damen, das „Rover Ladys Safety“. Niederländische Fahrradhersteller kopierten dieses Modell, fügten einen Vollkettenschutz und Seitenverkleidungen hinzu und schufen so das bekannte Hollandrad.

Das Tandem (1890er-Jahre) – gemeinsam radeln

Nachdem das Fahrrad für jedes Geschlecht technisch fahrbar war, tüftelten Ingenieure daran, mit einem Drahtesel mehr als eine Person zu bewegen. Wie auch beim Damenrad legte Starleys Sicherheitsniederrad den Grundstein für das Tandem.
Obwohl es bereits erste Patente in den 1880er-Jahren gegeben hat, gilt der Däne Mikael Pedersen (1855–1929) als Erfinder des ersten Tandems. Er baute sein Pedersen-Fahrrad für zwei Personen um und entwickelte mit dem „Quad“ auch ein Tandem für Vier.
1896 baute die US-amerikanische Firma „Waltham Manufacturing Company“ mit ihrem Zehner-Tandem „Oriten“ das größte Tandem der Welt. Dieses war knapp 140 Kilogramm schwer und über 7 Meter lang, was die Grenze des physikalisch Umsetzbaren bildete. Heutige Tandems werden daher meist wieder nur für zwei bis vier Personen gebaut.

Das BMX (1960er-Jahre) – Tricks auf zwei Rädern

Im 20. Jahrhundert entstanden keine neuen Fahrradtypen – lediglich die zusätzliche Ausrüstung wurde weiter verbessert oder das Sicherheitsniederrad für spezielle Zwecke angepasst. Dazu gehört auch das heute bei Kindern und jungen Erwachsenen beliebte BMX.
Dies ist eine Weiterentwicklung aus den 1960er-Jahren, als in den USA Tricks und Stunts mit kleinen Fahrrädern immer beliebter wurden. Charakteristisch dafür sind deshalb der stabile Rahmen, der hohe Lenker und die Metallrohre an den Achsen der Vorder- und Hinterräder. Eine modifizierte Art des BMX kam in den 1970er-Jahren nach Europa und wurde dort als Bonanzarad verkauft.
Von der Draisine zum Fahrrad: das BMX

Das BMX wurde in den 1960er-Jahren in den USA erfunden.

Foto: Henfaes/iStock

Das Mountainbike (1973) – zunächst nur bergab

Ebenfalls eine US-amerikanische Weiterentwicklung des Fahrrads ist das Mountainbike, welches im Jahr 1973 erfunden wurde. Die ersten Modelle besaßen stabile Räder mit dicken Ballonreifen und waren relativ schwer, weshalb sie vor allem für Abfahrten im Gelände verwendet wurden. Als erster Hersteller eines Mountainbikes nach modernem Standard gilt der Designer und Anwalt Joe Breeze aus Kalifornien.
Von der Draisine zum Fahrrad: das Mountainbike

Das erste Mountainbike eignete sich nur für Abfahrten im Gelände. Heute gibt es dafür spezielle Downhill-Bikes.

Foto: Sandra Alkado/iStock

Das E-Fahrrad (1982) – ein Jahrhundert mit Hilfsmotor

Ähnlich wie bei E-Autos gab es schon früh die ersten elektrisch angetriebenen Fahrräder, die sich, wie ihre vierrädrigen Gefährten, jedoch nicht dauerhaft durchsetzen konnten. Als Erster versah Ogden Bolton aus den USA 1895 seine Draisine mit einem E-Motor. 1899 baute der deutsche Erfinder Albert Hänsel an seinem mit Pedal betriebenen Rad auch einen Elektromotor ein.
Als Vater des heutigen E-Bikes gilt der deutsche Egon Gelhard aus Zülpich, Nordrhein-Westfalen. Sein Rad wurde wie die modernen E-Fahrräder durch einen elektrischen Motor unterstützt, der aber vom Treten der Pedale abhängig war.
Von der Draisine zum Fahrrad: das E-Bike

Das erste mit einem elektrischen Motor betriebene Fahrrad fuhr 1895 über US-amerikanische Straßen.

Foto: frantic00/iStock

Das Fahrrad bewegt die Welt

Abgesehen von spezifischen Rädern, die primär für bestimmte Personengruppen gebaut wurden, ermöglichte das Fahrrad lange vor dem Automobil einer Vielzahl von Menschen, schneller von einem Ort zum anderen zu gelangen.
Obwohl sich der Nutzen vielleicht nicht sofort erschließt, fand der Drahtesel auch im Militär mehrfach und lange Zeit Verwendung. So rollten Fahrräder seit 1870 für die französische Armee, seit 1878 für die italienische und seit 1892 für die deutschen Truppen.
Während die letzte Fahrradtruppe auf dem europäischen Kontinent im Jahr 2003 von den Schweizern eingestellt wurde, nutzt die Armee von Sri Lanka noch heute das Fahrrad für ihre militärischen Dienste.
Heute gibt es schätzungsweise eine Milliarde Fahrräder weltweit. Es ist damit das am häufigsten genutzte Fahrzeug überhaupt. Schätzungen zufolge kommt Deutschland dabei auf 84 Millionen Drahtesel (Stand 2023). Das sind mehr, als in den ersten 150 Jahren ihrer bewegten Geschichte insgesamt über die Straßen der Welt gerollt sind.
Categories
kultur

Wenders vs. Kinski: Wie umgehen mit umstrittener Nacktszene?

Im Streit um eine Nacktszene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski in Wim Wenders‘ Film „Falsche Bewegung“ (1975) läuft die Zeit: Kinskis Anwalt Christian Schertz hat eine Klage angekündigt, sollte Wenders die Szene nicht kurzfristig entfernen. Was folgt nun? Und: Wie sollte man mit umstrittenem Filmerbe umgehen? Einige Fragen und Antworten.

Was will Kinskis Anwalt unternehmen?

Wenders hatte beim Deutschen Filmpreis gesagt, er würde die Szene „heute nie mehr so machen“. Seinem damaligen jungen „Ich“ könne er aber keinen Vorwurf machen. Er habe einen Film in seiner Zeit gemacht. Doch es ergebe sich eine Frage, die alle Filmschaffenden angehe: „Wie geht man mit Filmerbe um?“ Wenders bat die Deutsche Filmakademie um eine Debatte.
Kinskis Anwalt Schertz kritisiert Wenders’ Rede als Versuch, sich der persönlichen Verantwortung zu entziehen. „Tatsächlich hat er damit erneut keine Verantwortung übernommen, nur er allein kann das Problem lösen. Er ist der Regisseur, es ist sein Film. Es geht hier also nicht um Zensur oder cancel culture, so wie er es in seiner Rede andeutete“.
Da Wenders ein persönliches Gespräch mit Kinski zu der Szene laut Schertz „bereits seit Jahren verweigert“, kündigt der Anwalt den Übergang zu formalen juristischen Schritten an. Man werde noch die laufende Woche abwarten, ob es eine Reaktion auf die jüngste öffentliche Debatte gibt.
„Wenn uns nicht bestätigt wird, dass die Szene entfernt wird, werden wir klagen“, sagt er und begründet dies mit der Verletzung von Kinskis Persönlichkeitsrechten als Kind.

Um welche Szene geht es eigentlich?

„Falsche Bewegung“ (1975) dreht sich um den Schriftsteller Wilhelm, der sich auf eine Reise durch Deutschland begibt. Währenddessen trifft er auf verschiedene Weggefährten, darunter eine Schauspielerin und eine stumme Artistin namens Mignon – gespielt von Kinski.
Als sie zusammen in einem verlassenen Haus einkehren, schleicht Wilhelm nachts durch den dunklen Flur. Doch statt im Zimmer der Schauspielerin, die auf ihn wartet, landet er bei Mignon.
In der rund zweiminütigen Szene sieht man, wie ein weiblicher Körper auf einem Bett liegt. Wilhelm zieht sich aus und legt sich nur mit einer Unterhose bekleidet auf ihn. Als er das Licht anknipst, schaut er in Mignons Gesicht.
Erst ohrfeigt er sie, dann streichelt er ihr Gesicht. Kinski trägt in dieser Szene lediglich eine Unterhose, ihr Oberkörper ist entblößt. Später wird angedeutet, dass es zwischen Wilhelm und Mignon zu sexuellen Handlungen gekommen ist.

Warum ist die Szene für Kinski problematisch?

Ihr Anwalt Schertz argumentiert: „Es geht darum, dass er als Regisseur damals eine Schauspielerin mit 13 Jahren halbnackt gefilmt hat und auch so im Film zeigt, die Opfer einer sexuellen Begegnung mit einem sehr viel älteren Mann ist, und dass dies heute undenkbar wäre.
Und diese Szene auch herausgeschnitten werden kann, ohne dass der Film in irgendeiner Weise verfremdet würde.“
„Sie fühlte sich in der Rückschau völlig überfordert mit der Situation und auch damals nicht geschützt von ihm. Und sie haben die Szene ja mehrfach gedreht“, sagte Schertz. „Manchmal guckt man auf sein Leben zurück und stellt fest, da sind Dinge passiert, die waren schlicht nicht in Ordnung, die möchte ich korrigiert wissen. Und so war es hier auch.“

„Die möchte ich korrigiert wissen“: Nastassja Kinski über ihren Umgang mit vergangenen Unrechtserfahrungen beim Film. (Archivbild).

Foto: Vittorio Zunino Celotto/Getty Image

Kinski sagte kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“: „Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war“. Sie kritisierte auch die Produktionsbedingungen. „Es war nun mal der erste Film, er war mein erster Regisseur und er hat mich nicht beschützt.“ Mit Wenders hatte Kinski etwa auch sein Roadmovie „Paris, Texas“ gedreht.

Wie reagiert die Filmbranche auf Wenders‘ Rede?

Wenders fragte bei der Gala, bei der er den Ehrenpreis erhielt: Dürfe und solle man eine Szene schneiden, wenn sie einer Schauspielerin – „die ich sehr verehrt habe und verehre“ – weh tue? „Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?“ Er sei mit dieser Frage ziemlich allein und er sei auch ratlos.
Er bat die Deutsche Filmakademie um eine Debatte. Angenommen, er kürze den Film, dann sei das ein Präzedenzfall. „Dann ist es bei allen anderen Filmen später möglich.
Ich möchte es diskutieren und ich möchte da nicht alleine bleiben“. Die Filmakademie hat sich zu Wenders‘ Vorschlag und zu seiner Rede auf Anfrage bislang nicht geäußert.
Auch Tage später sorgte seine Ansprache aber für Diskussionen. „Es wäre so groß gewesen, wenn ein so großer Mann einmal öffentlich gesagt hätte: Ich habe einen Fehler gemacht.
Ich habe es versäumt, ein ungeschütztes 13-jähriges Kind zu schützen“, kommentierte Regisseurin und Schauspielerin Karoline Herfurth einen Beitrag ihres Kollegen Clemens Schick bei Instagram.

Wie sollte mit Filmerbe in solchen Fällen umgegangen werden?

Ob man die Geschichte nachträglich korrigieren kann oder soll, hält die Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch für eine „sehr grundsätzliche Frage“, wie sie kürzlich im Deutschlandfunk erklärte. Sie berühre alles, was man „Cancel Culture“ oder „Political Correctness“ nenne.
Dann müsse man die ganze Kunst-, Literatur- und Filmgeschichte angehen, was zum Teil gemacht werde. Brauerhoch hält es für sehr wichtig, die Debatte zu eröffnen, „aber auf keinen Fall sollte man versuchen, die Geschichte zu korrigieren, denn das sind ja auch wichtige Dokumente“.
Heleen Gerritsen, Künstlerische Direktorin der Deutschen Kinemathek, äußerte sich nicht zum konkreten Fall, betont aber grundsätzlich die notwendige historische Einordnung alter Filme. „Filmerbe braucht Bewahrung, Forschung und sorgfältige Vermittlung“, sagte sie.
„Wenn historische Filme heute gezeigt werden, sind Einführungen, Gespräche, begleitende Texte oder kuratorische Hinweise notwendig, um ihre Entstehungsbedingungen und ihre Wirkungsgeschichte einzuordnen.
Das gilt besonders dann, wenn Werke aus heutiger Perspektive Fragen nach Machtverhältnissen, Repräsentation oder verletzenden Darstellungen aufwerfen.“
Die Regisseurin Julia von Heinz schlug in einem Instagram-Post vor, die Szene zu kontextualisieren. „Durch Triggerwarnungen und Begleitmaterial. Alle Institutionen, die so einen alten Film noch verleihen oder archivieren, können dieses Begleitmaterial bereithalten“.
Teil des Materials könne etwa ein Interview oder Essay mit Kinski sein, in dem sie ihre Erfahrung beschreibe. Auch symbolisch die Szene aus der Masterkopie herauszuschneiden, wäre eine „einfache und klare Geste. Und würde Filmgeschichte schreiben!“, schrieb sie. Die Regisseurin riet Wenders, das Gespräch mit Kinski zu suchen.

Gab es so etwas schon einmal?

Schertz bestätigte, dass es bei dem Tatort „Reifezeugnis“ (1977) von
Wolfgang Petersen eine Einigung mit dem NDR gab. Dort spielt Kinski eine Schülerin, die ein Verhältnis mit ihrem Lehrer hat und auch dort nackt gezeigt wird.
Wenders erwähnte in seiner Rede seinen Kollegen Steven Spielberg, der eine Szene im Film „E.T.“ nachträglich verändert hat – und dies später bereute. Die Tatsache, dass Polizisten mit Waffen Kinder gejagt haben, gefiel dem Starproduzenten Jahre später nicht mehr.
In einer Neufassung zum 20-jährigen Jubiläum des Films 2002 ersetzte er die Waffen durch Walkie-Talkies. Jahre später sagte Spielberg, kein Film solle durch die Brille überarbeitet werden, „durch die wir heute schauen, egal ob freiwillig oder gezwungenermaßen.“ Diese Fälle lassen sich aber nicht unbedingt vergleichen. (dpa/red)
Categories
wissen

Runde Nostalgie: Die Geschichte des Fußball


In Kürze:

  • Bereits vor mehreren Tausend Jahren spielten Menschen in Mesoamerika und im Alten China ein fußballähnliches Spiel.
  • Der Ballsport, wie wir ihn heute kennen, entstand erst vor rund 200 Jahren in England – mitsamt seiner charakteristischen Spielregeln.
  • Obwohl Deutschland heute als Fußballland gilt, hatte die Sportart hierzulande einen schweren Start und musste sich lange dem Turnen geschlagen geben.
  • Werden alle Podestplätze bei der Welt- und Europameisterschaft zusammengezählt, ist Deutschland die erfolgreichste Nation im Fußball.

 
Ein Ball, eine große freie Fläche und etwas, das als Tor definiert werden kann – fertig sind die grundlegenden Bedingungen für ein Fußballspiel. Die Stadt oder das Land spielen dabei keine Rolle, denn Fußball ist die am weitesten verbreitete Sportart der Welt und somit fast auf jedem Kontinent zu finden.
Doch wie weit reicht die Tradition vom Kicken eines Balls zurück? Welches Land gilt als Heimat des Fußballs? Warum sprühte ein Verantwortlicher kurz vor einem Spiel den Ball mit Farbe an? Und warum ist Deutschland eigentlich die erfolgreichste Fußballnation der Welt?

Drei Namen, ein Sport

Hierzulande nennen Fans ihre liebste Sportart einfach Fußball. Das erscheint nicht unlogisch, schließlich wird der Ball charakteristischerweise mit dem Fuß gespielt. Wie das Spiel selbst übernahmen die Deutschen den Namen aus England, wo der moderne Fußball vor fast 200 Jahren entstand.
Die Engländer bezeichnen ihre liebste Sportart seit jeher als „Football“ (in vollständiger Form „Association Football“). Weniger häufig ist dagegen der Name „Soccer“, der Ende des 19. Jahrhunderts von englischen Studenten eingeführt wurde. Sie verkürzten den Begriff „Association football“ in ihrer Jugendsprache zu „Soccer“.
Ungeahnt lösten die englischen Studenten dadurch ein Dilemma für die US-Amerikaner, denn diese kannten bereits eine Sportart namens „Football“. Um ihre Traditionssportart mit dem eiförmigen Ball vom europäischen Fußball abzugrenzen, nennen sie den uns geläufigen Fußball seither „Soccer“.

Spielen wie die Mayas

Doch weder die Deutschen, die Engländer noch die US-Amerikaner scheinen als Erste einen Ball mit den Füßen gekickt zu haben. Die Suche nach dem ältesten Hinweis auf ein Fußspiel des Balls führt nach Mesoamerika, wo es um 1650 v. Chr. steinerne Stadien in Form eines doppelten T gab.
Hier spielten die Azteken und Mayas ein Spiel, dessen Name und genaue Regeln nicht überliefert sind. Sicher ist nur, dass ein Ball aus Kautschuk zum Einsatz kam, der mit Hüfte, Knien, Ellenbogen oder Füßen gespielt wurde, ohne den Boden zu berühren.
Das Ziel des Spiels war es vermutlich, den Ball auf die gegnerische Seite zu bringen und ihn durch einen hoch an den Mauern angebrachten Ring zu spielen. Damit war das Ballspiel der südamerikanischen Hochkulturen eine Mischung aus Fußball und American Football. Es wurde scheinbar primär im Rahmen religiöser Zeremonien und weniger in der Freizeit gespielt.
Fußball bei den Azteken

Die Malerei aus Teotihuacán zeigt einen Mann, der einen Ball mit dem Fuß spielt.

China als Wiege des Fußballs?

Fußballähnlicher war dagegen „Cuju“ beziehungsweise „Tsu Chu“, das die Chinesen im 3. Jahrhundert v. Chr. spielten. Das Spiel, dessen genaue Regeln ebenfalls nicht überliefert sind, ist aus Schriftquellen bekannt.
So wissen wir, dass es Teil der Übungen im Militär der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) war. Der Ball musste, ähnlich wie in Mesoamerika, ohne auf den Boden zu fallen von Spieler zu Spieler befördert werden. Am Ende galt es, den Ball durch ein rundes Tor zu schießen. Aufgrund der überlieferten Spielweise ähnelt „Cuju“ dem modernen Fußball, Basketball und Volleyball.
Cuju war eine Art Fußball in China

Eine Zeichnung des chinesischen Malers Su Hanchen (1101–1161) zeigt vier Kinder mit einem Ball.

„Cuju“ erlangte schon bald so große Beliebtheit, dass es sich zum Nationalsport entwickelte und sowohl den Adel als auch das gewöhnliche Volk bewegte. Um Verletzungen zu verhindern, wurden rasch Richtlinien eingeführt. Der vormals mit Federn und Haaren gefüllte Lederball wurde durch einen mit Luft gefüllten ersetzt und es wurden Tore und Torhüter eingeführt.
Besonders die chinesischen Kaiser schienen große Freude am Ballspiel gehabt zu haben. So sollen sie an ihrem Hof die ersten professionellen, bezahlten Mannschaften unterhalten haben. Wie heutige Profispieler trainierten diese regelmäßig und traten in vom Kaiser veranstalteten Wettkämpfen gegen andere Mannschaften an.

Im antiken China traten professionelle „Cuju“-Mannschaften vor dem Kaiser in einem Wettbewerb gegeneinander an.

Über die Seidenstraße verbreitete sich „Cuju“ rasant in der Welt, bis um 700 n. Chr. die große Euphorie abebbte. Ähnliche Sportarten, die vermutlich aus „Cuju“ entstanden sind, sind das japanische „Kemari“ und das nordamerikanische „Pasuckuakohowog“.

Der Ball rollt nach Europa

Der älteste Erwähnung eines fußballähnlichen Spiels in Europa stammt von dem türkischen Gelehrten Mahmūd al-Kāschgharī (1008–1105). Demnach sollen Turkvölker zu dieser Zeit „Tepük“ gespielt haben, was übersetzt „Fußtritt“ heißt.
Obwohl England als Heimat des Fußballs gilt, kannte Frankreich als eines der ersten Länder Mitteleuropas eine frühe Form von Fußball. Das Spiel namens „La Soule“ beziehungsweise „Choule“ stammt aus der Normandie, wo die Franzosen im 12. Jahrhundert n. Chr. nach den sonntäglichen Gottesdiensten oder an christlichen Feiertagen den Ball rollen ließen. Dabei galt es, das Spielgerät mittels Händen, Füßen oder Stöcken ins gegnerische Tor zu befördern.
Das Fußball-ähnliche Spiel „La soule“ aus Frankreich

Im 12. Jahrhundert spielte man in Frankreich nach dem Sonntagsgebet oder an Feiertagen das fußballähnliche Spiel „La soule“.

Historische Quellen zeigen zudem, dass es 1363 in England bereits „Handball“, „Football“ und „Hockey“ gab. Beim britischen Football traten zwei Mannschaften aus benachbarten Ortschaften außerhalb der Stadtmauern gegeneinander an. Ziel war es, den Ball durch das Stadttor des Gegners zu kicken. Da es keine Regeln gab und es unter den Spielern rabiat zuging – einschließlich lebensgefährlicher Verletzungen –, verbot der englische König Eduard III. das Spiel. Daraufhin verlor Football an Bedeutung und geriet in Vergessenheit.
Auch in Italien kannte man im 15. Jahrhundert mit „Calcio storico fiorentino“ eine Sportart, bei dem der Ball im gegnerischen Netz versenkt werden musste. Noch heute finden Wettbewerbe dieser Art in Florenz zum Johannistag (24. Juni) statt – nur deutlich blutiger als noch vor 500 Jahren. Bei diesem Sport, der inzwischen eine Mischung aus Fußball, Ringen und Rugby ist, treten vier Teams aus den jeweiligen historischen Stadtvierteln gegeneinander an.

Erste Vereine und Wettkämpfe

Doch im Fußball führten schließlich alle Wege wieder nach England, wo die Sportart im 19. Jahrhundert neu auflebte. Um 1845 entstanden die ersten Vereine, in denen zunächst ausschließlich Studenten eine Mischung aus Fußball und Rugby spielten.
Da jede Einrichtung ihre eigenen Spielregeln hatte, fanden in der Frühzeit keine Wettbewerbe zwischen den Universitäten statt. So war nach den 1848 von der Universität Cambridge festgelegten Regeln für die 15 bis 20 Mann starken Teams unter anderem das Handspiel erlaubt, nicht aber das Tragen des Balls. Das erste Fußballspiel der Geschichte fand erst im Dezember 1860 zwischen dem FC Sheffield und dem FC Hallam statt.
Aufgrund des großen Erfolgs wurde 1863 in London der englische Fußballverband „Football Association“ (kurz FA) gegründet. Mit ihrem für alle Vereine gültigen, 13 Punkte umfassenden Regelwerk taten die Verantwortlichen einen großen Schritt in Richtung des modernen Fußballs. Zum Vergleich: Das Regelwerk des Deutschen Fußball-Bundes besitzt für die Saison 2025/2026 insgesamt 17 Regeln auf 93 Seiten – plus Tipps für Schiedsrichter.

Die ältesten Fußballregeln der Welt von 1863, ausgestellt im National Football Museum in Manchester.

So kamen zwischen 1866 und 1871 zahlreiche fußballspezifische Regeln hinzu, was zur Trennung von Fußball und Rugby führte. Das erste Fußballspiel zwischen zwei Ländern fand im November 1872 zwischen England und Schottland statt (Endergebnis: 0:0).
Neben England war auch die Schweiz schnell im Fußballfieber. Ab 1870 gründeten sich dort die ersten Vereine, die neben Dänemark und Belgien eine große Rolle bei der Entwicklung des modernen Fußballs in Europa spielten.
 

Deutschland: Turnen vs. Fußball

1874 erreichte der Fußball auch Deutschland – dank des Gymnasiallehrers Konrad Koch (1846–1911) aus Braunschweig. Auf ihn gehen die heute geläufigen Fußballbegriffe wie „Abseits“ und „Strafstoß“ sowie die deutschen Fußballregeln zurück. Koch erinnerte sich an diesen geschichtsträchtigen Moment und schrieb in dem Buch „Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele“:
„Die Geschichte des Fußballspiels in Deutschland hat ihren Anfang in Braunschweig genommen. Wie weit liegen doch jene Zeiten zurück, als in Frankfurt und in Hamburg in allen Spielwarenhandlungen kein Fußball aufzutreiben war […]“
Der Lehrer Konrad Koch (1846–1911) hat den Fußball in Deutschland eingeführt

Der Lehrer Konrad Koch (1846–1911) hat den Fußball in Deutschland eingeführt und entscheidend zu seiner Entwicklung beigetragen.

Das erste Spiel nach Fußballregeln wurde 1875 in Lüneburg veranstaltet. Ab da gewann der Fußball auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts blieb das Turnen jedoch Sportart Nummer eins der Deutschen, während viele Kritiker den Fußball als „Fußlümmelei“ oder „englische Krankheit“ bezeichneten.
Dennoch wuchs die Anerkennung der Sportart rasant, und Fußball wurde vor allem im Militär gespielt – möglicherweise stammen die Begriffe „Angriff“, „Abwehr“ oder „Flanke“ daher. Weitere wegweisende Schritte waren die Gründung des Deutschen Fußballbundes (kurz DFB) im Jahr 1900 und die Anerkennung als olympische Sportart im selben Jahr.

Deutsche Fußballnationalmannschaft während der Olympischen Spiele 1912.

Foto: Official Olympic Report, gemeinfrei

Der Ball wird weiß

1904 folgte die Gründung des Internationalen Fußballverbandes (kurz FIFA), in dem heute 208 Staaten Mitglied sind – mehr als in den Vereinten Nationen mit 192 Mitgliedstaaten. Damit einher gingen zahlreiche weitere Regelanpassungen sowie die Ausrichtung der ersten Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1930 mit 13 Mannschaften in Uruguay.
Erster Weltmeister der Geschichte wurde Uruguay, während Deutschland aufgrund der hohen Reisekosten nicht am Wettbewerb teilnahm. Bereits vier Jahre später landete die deutsche Elf bei der WM in Italien aus dem Stand auf dem dritten Platz.
Ebenfalls in den 1930er-Jahren kam es zu einem besonderen Fußballmoment. Da frühere Bälle kein vorgeschriebenes Farbschema besaßen, kam alles zum Einsatz – unter anderem braune Lederbälle. Als ein solcher bei einem spätabendlichen Spiel in Brasilien jedoch schlecht zu sehen war, zückte ein Verantwortlicher vor dem Anpfiff des Spiels kurzerhand eine Sprühdose und färbte den Ball weiß.
Im Jahr 1954 folgte die Gründung des Europäischen Fußballverbandes (kurz UEFA). Bereits ein Jahr später richtete dieser den Europapokal-Wettbewerb aus, der 1968 in Europameisterschaft umbenannt wurde.
Dank Medien und Fernsehen stieg die Beliebtheit des Fußballs bei den Deutschen enorm. Doch für die Zuschauer zu Hause gab es oft ein Problem: Weil die meisten einen Schwarz-Weiß-Fernseher besaßen, waren Fußballfans unsicher, ob ein Spieler nun eine Gelbe oder eine Rote Karte erhielt. Um dieses Dilemma zu lösen, steckten Schiedsrichter die Gelbe Karte in ihre Brusttasche und die Rote Karte in die hintere Hosentasche. Beging ein Fußballer eine schwere Regelwidrigkeit, hatte er im Volksmund die „Arschkarte gezogen“.

Titel, Treppchen, Torrekorde

Von 1930 bis 2022 wurde die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 22 Mal ausgerichtet. Rekordweltmeister ist Brasilien mit fünf Titeln, mit je vier Titeln folgen Deutschland (1954, 1974, 1990, 2014) und Italien. Außerdem wurde die deutsche Nationalelf viermal Vizeweltmeister, bestritt also insgesamt acht Finalspiele. Den dritten Platz belegte Deutschland ebenfalls viermal.
Auch im europäischen Wettbewerb schneidet Deutschland gut ab. Rekordweltmeister mit vier Titeln ist Spanien vor Deutschland mit drei Titeln (1972, 1980, 1996) sowie Frankreich und Italien mit je zwei Titeln. Hinzu kommen drei zweite Plätze und neun Halbfinalteilnahmen. Vergleicht man alle Treppchenerfolge bei Welt- und Europameisterschaften, mit den anderen Nationen, hat Deutschland mit Abstand die erfolgreichste Fußballmannschaft.
Ob in diesem Jahr mit der Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko ein weiterer Titel hinzukommt, steht in spätestens sieben Wochen fest. Bis dahin ist Schwarz-Rot-Gold wieder auf zahlreichen Autos, Balkonen und Hüten zu finden, denn für Sportfans ist die Weltmeisterschaft das größte Ereignis überhaupt. Und selbst Nicht-Fußballfans werden es zumindest temporär.
Categories
meinung

Ungarns ständiger Hunger nach Freiheit

Während ich diesen Text schreibe, hat sich auf irgendeine Weise der Geruch von hausgebranntem Aprikosenbranntwein in meinem Arbeitszimmer verbreitet. Mein Gedächtnis ist insofern seltsam, als es Gerüche speichert.
Erinnerungen an Reportagereisen im Ungarn der 1980er- und 90er-Jahre werden durch den Geruch von Barackpálinka mit einer gewissen Selbstverständlichkeit ausgelöst; der starke, süße und zugleich säuerliche Duft der Aprikose mit einer schwachen, aber merklichen Mandelnote.
Jeder, mit dem man damals im Ungarn jener Zeit Schwarzgeld wechselte, zog fröhlich eine Flasche hervor und sagte: „Die bekommst du gratis dazu.“

Eine neue Epoche in Ungarn

In Ungarn lebten die Menschen freier.
Niemand – nicht einmal die Herrschenden – schien die Sache mit dem sowjetisch verordneten Sozialismus wirklich ernst zu nehmen, vielleicht aus dem Grund, dass János Kádár, der Führer des Landes von 1956 bis 1988, nicht Lenins zentrales Werk „Staat und Revolution“ als Lieblingslektüre hatte, sondern Jaroslav Hašeks „Der brave Soldat Schwejk“ bevorzugte.
Die Erzählung geht davon aus, dass die Welt von fantasielosen, machtbesessenen Bürokraten gesteuert wird, und Hašek will zeigen, dass man am besten durchkommt, wenn man genau das tut, was die Obrigkeit befiehlt. Da dies nicht funktioniert, entstehen Chaos und ein Raum, der ein wenig mehr Handlungsfreiheit möglich macht. Möglicherweise leitete diese Philosophie Kádár, nachdem der Ungarische Volksaufstand niedergeschlagen und er von den Sowjets zum neuen Diktator ernannt worden war.
Aber das war damals. Jetzt im April konnte eine Mehrheit der ungarischen Wähler in einer freien Parlamentswahl ihre Stimmen für Péter Magyars Tisza-Partei abgeben – und damit endete Viktor Orbáns 16-jährige Herrschaft.
2026 ist auch das Jahr, in dem sich der Ungarnaufstand von 1956 zum 70. Mal jährt, und es lohnt sich, daran zu erinnern, dass dieser Aufstand damals – kaum merklich – ebenfalls im April begann.
Vor der Wahl versuchte ich, mich durch die Lektüre neu veröffentlichter Literatur über die aktuellen Entwicklungen in Ungarn zu informieren.

Befleckte Demokratie

Zsuzsanna Szelényis „Tainted Democracy: Viktor Orbán and the Subversion of Hungary“ erschien 2022 und hat etwas zu viel von dem moralisierenden Ton, der die Medienberichterstattung über Ungarn oft prägt.
Man erfährt, wer Fehler gemacht hat, erkennt aber kein Muster. Es ist im Grunde eine Auflistung von Charakterschwächen. Szelényi ist zudem eine ehemalige Funktionärin im Parteiapparat Orbáns, was zwar auf interne Kenntnisse hindeutet, mich aber gleichzeitig vermuten lässt, dass der Darstellung eine persönliche Abneigung zugrunde liegt.
Ein weiterer Insider der ungarischen Politik ist Paul Lendvai. Er ist seit den 1940er-Jahren als Journalist tätig, zunächst in Ungarn, seit 1956 in Österreich. Sein Buch „Orbáns Ungarn“ von 2016 ist zwar faktenreich, bietet aber wenig analytische Tiefe.
Lendvai ist vielleicht mehr als Person denn als Autor faszinierend – ständig umgeben von Gerüchten, er habe als Einflussagent für verschiedene Geheimdienste gearbeitet. Ungarn, Sowjetunion, DDR und CIA gehören zu den genannten angeblichen Auftraggebern. Vielleicht liegt das daran, dass seine Texte manchmal unbequem waren und verschiedene Kräfte ihn deshalb durch Gerüchte neutralisieren wollten.

Ein sich wiederholendes Muster

Wer jedoch Werke sucht, die wirklich Einblick in die Bewegungsmuster der ungarischen Geschichte geben, sollte zu zwei Werken greifen, die im Umfeld des 50. Jahrestags des Aufstands von 1956 entstanden sind.
Das erste Buch ist István Révs „Retroactive Justice: Prehistory of Post-Communism“ (2005), eines der bemerkenswertesten und tiefgründigsten Werke über Osteuropa vor, während und nach dem Fall der Sowjetunion.
Rév, Professor für Geschichte und Politikwissenschaft an der Central European University in Budapest, argumentiert, dass es bei „postkommunistischer Gerechtigkeit“ nicht nur darum geht, die Vergangenheit zu verstehen, sondern auch darum, eine für die Gegenwart nutzbare Vergangenheit zu schaffen.
In der Geschichte Ungarns wiederholt sich immer wieder dasselbe Muster: relativ lange Phasen der Ruhe, Stabilität, bestenfalls langsam wachsender Wohlstand und dann plötzlich eine unerwartete Protestbewegung, die zu einer Entladung führt, woraufhin die Machthaber hart zurückschlagen.
Doch nach jeder Phase ist nichts ganz wie zuvor. Vielleicht wird es manchmal sogar – trotz allem – besser. Die Machthaber werden vorsichtiger, wie Kádár.

Geschichte neu interpretieren

Nun erleben wir einen ähnlichen Prozess in Ungarn, allerdings unter äußerst friedlichen Bedingungen im Vergleich zur Ungarischen Revolution 1848, dem Zusammenbruch der Monarchie und der Ausrufung der Ersten Ungarischen Republik 1918 sowie dem Aufstand 1956.
Aber jede Periode wird auch von Diskussionen begleitet, in denen die Ereignisse der ungarischen Geschichte im Lichte des jeweils jüngsten Umbruchs neu interpretiert werden.
Révs Vater war nach der Niederschlagung des Aufstands von 1956 ein hochrangiger Staatsbeamter in Ungarn. Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem die Freunde der Eltern an den Hinrichtungen von Imre Nagy und anderen Aufständischen beteiligt waren.
Diejenigen, die ihn an der Universität unterrichteten, waren zugleich jene, die die ungarische Geschichte so umdeuteten, dass die eigene Gegenwart erträglich wurde. Ungarn ist ein kleines Land, in dem die Mörder oft in demselben Mietshaus wohnen wie die Hinterbliebenen der Opfer.
Das ehemalige Büro von Rév an der Universität befand sich im Stockwerk über den ehemaligen Räumen, in denen diejenigen, die aktuell als Staatsfeinde galten, vom Sicherheitsdienst verhört und gefoltert wurden.

Zwei Arten von Gerechtigkeit

Es gibt laut Rév zwei Arten von Gerechtigkeit: die gewöhnliche und die „postkommunistische“, und sie sind nicht ganz dasselbe.
Dazu schreibt Rév in seinem Werk, dass nur wenige später zur Verantwortung gezogen wurden. Kaum jemand scheint für die Unterdrückung in den Ländern des ehemaligen sowjetischen Imperiums verantwortlich gewesen zu sein.
Denn wenn die neuen Machthaber die Geschichte umdeuten, geschieht dies nicht, um das wahre Geschehen zu verstehen, sondern um eine Geschichte zu schreiben, die Widersprüche beschönigt und die Machthaber stärkt. Das bedeutet, dass ein früherer Volksfeind plötzlich zum Volkshelden werden kann. Wenn er tot und in einem einfachen Grab bestattet ist, werden seine sterblichen Überreste exhumiert und ihm ein pompöses Begräbnis zuteil.

Vom Agenten zum Märtyrer

Das klingt absurd, geschah aber tatsächlich mit László Rajk. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Innenminister, baute den kommunistischen Sicherheitsapparat auf und begann mit der Verfolgung von politischen Gegnern. Bis zu 1.500 Menschen wurden in Schauprozessen verurteilt oder verschwanden spurlos.
Gegen Ende der 1940er-Jahre verschärfte sich der Machtkampf. Parteichef Mátyás Rákosi fürchtete Rajks Popularität, und gemeinsam mit dem sowjetischen Geheimdienst wurden Anschuldigungen verbreitet, Rajk sei ein ausländischer Agent.
1949 wurde Rajk durch den Strang hingerichtet.
1956 wurde Rajk rehabilitiert und erhielt ein monumentales Staatsbegräbnis. Die Partei befand sich erneut im Machtkampf. Neue Kräfte um Imre Nagy strebten ein freieres Ungarn mit einem unabhängigeren Verhältnis zur Sowjetunion an. Nagys Gruppe benötigte ein einigendes Symbol, einen Märtyrer – und sie wählte László Rajk. Rákosi musste die falschen Anschuldigungen eingestehen, verlor sein Amt und der Kreis um Nagy konnte seine Reformbemühungen in Ungarn beginnen.

Der Volksaufstand von 1956

Man merkt, wie beunruhigt Rév über das Geschehene ist. Nagy und seine Reformgruppe wussten genau, wer Rajk wirklich war und dass er in manchen Fällen für den Tod ihrer Freunde oder sogar Familienmitglieder verantwortlich war. Doch sie erkannten, dass Rajk aufgrund seiner Berühmtheit als Symbolfigur nützlich war. Es ging nicht nur darum, seine Vergehen nicht zu verheimlichen, sondern auch darum, ihn als Opfer darzustellen.
Rajks Prozess glich einem Theaterstück, doch auch seine Umbettung war ein Spektakel. Rund eine Viertelmillion Menschen versammelten sich auf dem Heldenplatz, um der Zeremonie beizuwohnen, bei der Nagy eine Rede hielt.
Die Spannungen im Land nahmen zu und immer mehr Menschen wünschten sich Nagy als Ministerpräsidenten. Gut zwei Wochen später, am 23. Oktober 1956, fand in Budapest eine große Studentendemonstration statt. Die Forderungen waren weitreichend: Pressefreiheit, Reformen und Unabhängigkeit von der Sowjetunion.
Die Stalin-Statue wurde gestürzt. Nagy wurde eilig zum Premierminister ernannt, um die Lage zu beruhigen. Doch es war zu spät. Bewaffnete Kämpfe brechen aus zwischen Sicherheitskräften, die auf die Demonstranten schießen, und Studenten, die vom Militär, das sich auf die Seite der Demonstranten gestellt hatte, bewaffnet wurden.

Operation „Wirbelwind“

Am nächsten Tag marschierte die Rote Armee in Budapest ein. Es folgte eine Phase angespannter Doppelherrschaft. Nagy ließ sich nicht einschüchtern, sondern setzte Reform um Reform um. Das Einparteiensystem wurde abgeschafft, neue Parteien zugelassen, politische Gefangene freigelassen.
Am 1. November erklärte Nagy, dass Ungarn den Warschauer Pakt verlässt und neutral wird.
In den folgenden Tagen schien alles ruhig zu sein. Ungarische Delegationen verhandelten mit sowjetischen.
Daraufhin starteten die Sowjets die Operation „Wirbelwind“, eine massive Invasion Ungarns. Innerhalb von sechs Tagen war jeglicher Widerstand im ganzen Land niedergeschlagen. Kádár rief eine neue Regierung aus, die von den Bajonetten der Roten Armee gestützt wurde.
Für die Nachwelt erscheint Nagy als Held, doch das andere wichtige Werk, Charles Gatis bedeutende Studie „Failed Illusions: Moscow, Washington, Budapest, and the 1956 Hungarian Revolt“ (2008), zeichnet ein differenzierteres Bild.
Gati erlebte den Aufstand von 1956 im Alter von 20 Jahren und wurde ins Exil gezwungen. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich zu einem Meister der Analyse der Geschichte des Kalten Krieges. Doch seine Arbeit löste eine breite Debatte aus.

Mut und naiver Optimismus

Gati zeichnete ein differenzierteres Bild des Aufstands als üblich. Ein Schlüsselfaktor war die Unfähigkeit aller Beteiligten, klar zu denken. Nagy besaß großen persönlichen Mut, aber auch eine gehörige Portion naiven Optimismus.
Die nach Freiheit strebenden Ungarn verschätzten sich hinsichtlich der Absichten und der Interventionsbereitschaft sowohl der USA als auch der Sowjetunion. Nagy und sein Umfeld waren überzeugt, dass die USA ihnen im Bedarfsfall zu Hilfe kommen würden, und glaubten, die Sowjetunion wolle dieses Risiko nicht eingehen.
Doch vonseiten der Vereinigten Staaten gab es nie klare Zusagen und die Ungarn mussten allein kämpfen und allein sterben.
Nach dem üblichen Schauprozess wurde Nagy im Juni 1958 hingerichtet und in einem namenlosen Grab auf dem Gefängnishof beigesetzt. 1961 wurde sein Leichnam in einen abgelegenen Teil des neuen öffentlichen Friedhofs in Budapest überführt. Dort wurde er, symbolisch demütigend, mit dem Gesicht nach unten begraben. Sein Körper wurde in Teerpapier gewickelt und Hände und Füße mit Stacheldraht umwickelt. Das Grab war völlig anonym und Angehörige wurden schikaniert, wenn sie versuchten, Blumen niederzulegen.

Das Alte zu Grabe tragen

Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde Nagy ein neues, einem Helden würdiges Begräbnis zuteil. Ein sehr junger Viktor Orbán hielt eine der Trauerreden. Die Trauerfeier wurde von László Rajks Sohn organisiert und inszeniert, der für die würdevolle Atmosphäre Bühnenbilder aus einer Opernproduktion von „Aida“ verwendete.
Nagy, Orbán, Rajk der Ältere und Rajk der Jüngere – wie gesagt, Ungarn ist ein kleines Land. Politik und Systeme wechselten dort über lange Zeiträume, doch Sicherheitsapparat, Medien und Staatsbürokratie waren stets mit Personen aus Familien besetzt, deren Mitglieder ihre Positionen scheinbar erbten.
Deshalb benötigte die ungarische Politik die großen Spektakel, manchmal in Form von Prozessen oder Beerdigungen – alles, um den Menschen das Gefühl zu geben, dass etwas Neues geschehen und das Alte mit ins Grab gegangen sei.
Es bleibt abzuwarten, ob dies auch die Herrschaft von Péter Magyar prägen wird.
Im Jahr 2014 wurde auf dem Freiheitsplatz in Budapest ein von Orbáns Regierung in Auftrag gegebenes Denkmal errichtet. Es zeigt einen Adler, der den Erzengel Gabriel – der Ungarn symbolisiert – erschlägt.

Ein Denkmal für die Opfer

Das Denkmal ist den Opfern der Unterdrückungszeit gewidmet, die mit dem Angriff Nazideutschlands auf Ungarn im Jahr 1944 begann.
Gemäß einer Bestimmung in der Verfassung gilt dies als Beginn der Periode der Unfreiheit in Ungarn, die 1990 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete.
Hier sehen wir ein Beispiel für das, was Rév als „postkommunistische Gerechtigkeit“ bezeichnet. Die Geschichte wird umgeschrieben, sodass einige der Schuldigen plötzlich zu den Opfern gezählt werden können.
Das Ungarn, wie es vor 1944 existierte, kollaborierte mit Deutschland bei den Angriffen auf Rumänien und Jugoslawien, und in Novi Sad wurden Massaker und ethnische Säuberungen verübt.
Wir werden sehen, ob die ungarische Regierung etwas gegen diese Geschichtsdarstellung unternimmt.
Dieser Artikel erschien im Original auf der schwedischen Epoch Times unter dem Titel Ungerns ständiga hunger efter frihet. (deutsche Bearbeitung: zk)
Categories
gesellschaft

NS-Raub: Marc Blochs Bücher an Frankreich zurückgegeben

Mehr als 80 Jahre nach ihrem Raub durch die deutschen Nationalsozialisten sind mehrere Bücher aus der Pariser Privatbibliothek des berühmten jüdischen Historikers Marc Bloch an Frankreich zurückgegeben worden.
Bei einer Zeremonie in der französischen Botschaft in Berlin wurden der Familie am Donnerstagabend sieben Bände aus dem Eigentum Marc und Simonne Blochs überreicht.

Symbol deutsch-französischer Freundschaft

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete die Rückgabe als „eine wichtige Geste der Anerkennung des historischen Unrechts“.
Aus Sicht von Frankreichs Botschafter in Deutschland, François Delattre, ist die Rückgabe ein wichtiges Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft und Zusammenarbeit im Bereich der Erinnerungskultur.

Staatsbibliothek Berlin gibt vier Bücher zurück

Federführend bei der Rückgabe der Bücher ist die Berliner Staatsbibliothek. Aus ihrem Bestand wurden vier Bücher an Blochs Nachfahren zurückgegeben.
Zwei weitere Bücher stammen aus der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, eines aus der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung im thüringischen Greiz.
Katharina Scheibe von der Staatsbibliothek Berlin sagte der Nachrichtenagentur AFP, sie könne es „nicht ausschließen, dass andere Bücher Marc Blochs in deutschen Bibliotheken sind“.
Sie könnten demnach auch „in Privatbesitz irgendwo auftauchen“. Die Forschung hierzu sei „lange nicht beendet“.
Die Bücher konnten vor allem durch handschriftliche Besitzeinträge der früheren Eigentümer identifiziert werden.
Entscheidend waren außerdem die Ergebnisse eines Forschungsprojekts an der Staatsbibliothek zu Berlin, das die Rolle der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) in der DDR beim Umgang mit NS-Raubgut untersucht hat.

Wer war Marc Bloch?

Marc Bloch galt als einer der bedeutendsten französischen Historiker des 20. Jahrhunderts. Der Mittelalter-Spezialist entstammte einer jüdischen Familie aus dem Elsass, auch sein Vater war ein bekannter Gelehrter.
Von 1919 bis 1936 lehrte Bloch mittelalterliche Geschichte an der Universität Straßburg. Er ist einer der Mitbegründer der Zeitschrift „Annales“. Sein zweibändiges Werk „Die Feudalgesellschaft“ gilt als Klassiker in der Geschichtsforschung.
Während des Zweiten Weltkriegs schloss sich Bloch der Résistance an, dem französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. 1944 wurde er in Lyon von der Gestapo festgenommen und gefoltert und schließlich mit 29 seiner Kameraden hingerichtet.

Die Geschichte von Marc Blochs Bibliothek

Blochs umfangreiche Bibliothek enthielt knapp 7000 Bände in französischer, deutscher, englischer, und italienischer Sprache, darunter neben Literatur Werke zu Geschichte und politischer Ökonomie.
Nach der deutschen Besetzung von Paris versuchte Bloch zunächst, die Sammlung unter den Schutz des Bildungsministeriums zu stellen – was ebenso scheiterte wie eine Schenkung an die Universitätsbibliothek.
1941 wurde die Bibliothek von den deutschen Besatzern in Blochs Pariser Wohnung beschlagnahmt.
Blochs Familie bemühte sich nach Kriegsende um eine Rückgabe der Bücher. Zwischen 1948 und 1950 erhielten die Kinder von Marc und Simonne Bloch insgesamt 2144 Bände zurück.
Weitere 500 bis 700 Bände blieben verschollen. Auf Wunsch der Erbengemeinschaft sollen alle in Deutschland wiedergefundenen Bücher direkt an die Bibliothèque Halphen der Pariser Sorbonne-Universität übergeben werden. (afp/red)
Categories
gesellschaft

Holocaust-Bildung: Gedenkstätte Yad Vashem kommt nach München

Die weltbekannte Holocaustgedenkstätte Yad Vashem eröffnet in der bayerischen Landeshauptstadt München ihr erstes Bildungszentrum außerhalb Israels. Zudem sei eine zusätzliche kleinere Außenstelle in Leipzig in Sachsen geplant, teilten Yad Vashem sowie die Landesregierungen Bayerns und Sachsens am Mittwoch in Jerusalem, München und Dresden mit.
„München wurde aufgrund seiner strategisch günstigen Lage und seiner Bildungslandschaft ausgewählt, was die Stadt zu einem idealen Standort für die Holocaust-Bildung macht“, teilte die Gedenkstätte weiter mit.
Yad Vashem will mit dem Bildungszentrum eigenen Angaben zufolge „sein weltweites Engagement in der Holocaust-Bildung und Erinnerungsarbeit verstärken“. Die Gedenkstätte erklärte: „Dies geschieht in einer Zeit, in der weltweit verzerrte Darstellungen der Geschichte des Holocaust zunehmen und der Antisemitismus sich weiter ausbreitet.“

Bildungszentrum soll Dimension des Massenmordes verdeutlichen

Das Bildungszentrum soll die jüdische Perspektive in der deutschen Erinnerungskultur stärken.
„Wir möchten mit dem Bildungszentrum ein größeres Bild als bisher in den Dialog der Erinnerungskultur in Deutschland einbringen. Das wird vor allem Stimmen der Opfer beinhalten und weniger der Täter“, sagte Yael Richler-Friedman, Pädagogische Direktorin des internationalen Instituts für Holocaust-Bildung von Yad Vashem, Ende vergangenen Jahres. Die deutsche Erinnerungskultur sei bisher von lokalen Geschichten geprägt gewesen.
Ziel sei es, im geplanten Bildungszentrum die Dimension des Massenmordes zu verdeutlichen. Besucher sollen dazu angeregt werden, sich mit den komplexen menschlichen Fragen hinter den Erfahrungen der Opfer auseinanderzusetzen. Das solle eine Reflexion der eigenen Identität anregen und Empathie kreieren.

Bildungsministerin: Kampf gegen Antisemitismus stärken

Laut Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ist Ziel der Einrichtung auch, den Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland und Europa weiter zu stärken.
„Das Wissen über das, was war, ist wichtig, um das Übel in der Zukunft zu verhindern. Dabei wissen gerade junge Menschen in Deutschland zu wenig über die Shoah und die systematische Ermordung von Millionen Juden im Nationalsozialismus“, sagte sie.
Der Leiter der Gedenkstätte, Dani Dayan, teilte mit: „Da wir uns immer weiter von der Ära der Zeitzeugenberichte entfernen, ist eine historisch fundierte Holocaust-Bildung wichtiger denn je.“

Einrichtung in Leipzig – Sachsens Ministerpräsident spricht von „großer Ehre“

Die kleinere Einrichtung in Leipzig soll interaktive Lernräume etablieren und ihre Angebote vor allem an Pädagogen und junge Menschen in der Region und in den Nachbarländern richten.
Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach von einer „großen Ehre und zugleich Verpflichtung“.
Weiter sagte er: „Tatsächlich sind Bildung und Begegnung ganz entscheidend, um das Gedenken wachzuhalten und Geschichte begreifbar zu machen. Bildung und die neuen Bildungsorte sind notwendig und wichtig, um Antisemitismus, Vorurteilen, Desinformation und jeder Form der Relativierung des Holocaust ganz entschieden und klar entgegenzutreten.“
Yad Vashem mit Sitz in Jerusalem ist die größte Holocaust-Gedenkstätte der Welt. Im September 2025 hatten der Leiter der Gedenkstätte und die Bundesbildungsministerin mitgeteilt, dass es eine Außenstelle in Deutschland geben soll.
Als mögliche Standorte waren Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen genannt worden. Seine Arbeit aufnehmen könnte das Zentrum in zwei bis drei Jahren. (dpa/red)
Categories
wissen

Ferdinand Magellan: Weltumsegelung von West nach Ost


In Kürze:

  • Der Portugiese Ferdinand Magellan (ca. 1480–1521) gilt heute als einer der erfolgreichsten Entdecker der Welt.
  • Mit seinem Flaggschiff „Trinidad“ war er der Erste, der einen westlichen Seeweg nach Asien einschlug und die Gewürzinseln erreichte.
  • Bis heute prägt er unseren Alltag, wie Magellan-Pinguine, Magellan-Südbuchen und die Magellansche Wolke zeigen.
  • Magellan war überzeugt: „Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken.“

 
Auf der Suche nach Ruhm und Reichtum brach der portugiesische Entdecker Ferdinand Magellan (ca. 1480–1521) 1519 von Spanien aus mit einer Flotte von fünf Schiffen auf. Sein Ziel war es, einen westlichen Seeweg zu den berühmten Gewürzinseln zu finden. Unterwegs zu den heute zu Indonesien gehörenden Molukken entdeckte er die Magellanstraße und überquerte vermutlich als erster Europäer den Pazifischen Ozean.
Seine Reise war lang und gefährlich, und nur ein Schiff kehrte drei Jahre später nach Hause zurück. Das mit wertvollen Gewürzen aus dem Osten beladene Schiff kehrte nur mit einem Bruchteil der ursprünglichen Besatzung zurück. Magellan selbst starb während seiner Reise bei einem Gefecht auf den heutigen Philippinen.
Dennoch war seine ehrgeizige Expedition für viele Menschen bis heute ein Erfolg. So bewies der Portugiese, dass der Globus auf dem Seeweg umrundet werden konnte und die Welt viel größer war, als man sie sich am Ende des Mittelalters vorgestellt hatte.

Magellans frühe Jahre

Ferdinand Magellan (portug. Fernão de Magalhães; span. Fernando de Magallanes) wurde circa 1480 als Sohn von Rui de Magalhães und Alda de Mesquita, Mitglieder des niederen portugiesischen Adels, geboren. Sein genauer Geburtsort ist bis heute umstritten. Während Historiker zum einen die Stadt Sabrosa vorschlagen, sehen andere die Küstenstadt Porto als wahre Geburtsstätte an.
Im Alter von 12 Jahren reisten Magellan und sein Bruder Diogo nach Lissabon, um als Knaben am portugiesischen Königshof zu dienen. Hier erfuhr Magellan von der großen portugiesischen und spanischen Rivalität um die Erforschung der Meere und die Vorherrschaft über den Gewürzhandel in Ostindien, insbesondere auf den Gewürzinseln. Fasziniert von der Aussicht auf Ruhm und Reichtum, entwickelte Magellan in diesen frühen Jahren ein Interesse an maritimen Entdeckungen.
Portrait von Magellan

Portrait von Ferdinand Magellan. Öl auf Leinwand, um 1550-1625, Künstler unbekannt.

Im Jahr 1505 teilte man Magellan und seinen Bruder schließlich einer portugiesischen Flotte zu, welche nach Indien unterwegs war. In den nächsten sieben Jahren nahm Magellan an mehreren Expeditionen in Indien und Afrika teil, wobei er vermutlich mehrfach in Schlachten verwundet wurde.
Im Jahr 1513 schloss er sich der riesigen königlichen Streitmacht mit 500 Schiffen und 15.000 Soldaten an. Im Auftrag der Krone kämpften sie gegen den marokkanischen Gouverneur, der sich weigerte, seinen jährlichen Tribut an das portugiesische Reich zu zahlen. Die Portugiesen gingen als Sieger aus der Schlacht hervor und Magellan blieb in Marokko. Dort wurde er in einem weiteren Gefecht schwer am Bein verwundet, was ihn für den Rest seines Lebens hinken ließ.

Vom portugiesischen König abgelehnt

Im 15. Jahrhundert waren Gewürze die kostbarsten Handelsgüter weltweit. Zimt, Muskatnuss, Nelken und vor allem schwarzer Pfeffer wurden zum Aromatisieren und Konservieren von Speisen verwendet. Außerdem sollen sie zum Überdecken des Geschmacks von verdorbenem Fleisch sehr geschätzt worden sein.
Da Gewürze im kalten und trockenen Europa nicht angebaut werden konnten, scheute man keine Mühen, den schnellsten Seeweg zu den Gewürzinseln zu entdecken. Portugal und Spanien führten den Wettbewerb um die frühe Kontrolle über dieses Handelsgut an.
Der Vertrag von Tordesillas aus dem Jahr 1494 teilte die damals bekannte Welt in zwei Hoheitsgebiete. Die Grenze verlief etwa 2.200 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln von Pol zu Pol über die Südspitze Grönlands und das heutige São Paulo. Alle Ländereien östlich dieser Grenzlinie sollten Portugal zustehen, Ländereien westlich dieser Linie sollten Spanien gehören.
Die Europäer hatten die Gewürzinseln erreicht, indem sie nach Osten segelten. Sie lagen also im portugiesischen Teil der Welt. Doch auch Spanien wollte an dem lukrativen Geschäft teilhaben und suchte nach neuen Wegen, die Inseln in ihren Weltbereich zu rücken. Bis dato hatte es jedoch niemand geschafft, von Europa aus nach Westen zu segeln, um die andere – die portugiesische – Seite des Globus zu erreichen. Magellan war entschlossen, der Erste zu sein, der dies tat.
Inzwischen ein erfahrener Seemann, wandte sich Magellan an König Manuel von Portugal, um seine Unterstützung für eine Reise nach Westen zu den Gewürzinseln zu erbitten. Der König lehnte sein Gesuch wiederholt ab. 1517 gab der frustrierte Magellan seine portugiesische Staatsbürgerschaft auf und siedelte nach Spanien über, um königliche Unterstützung für sein Vorhaben zu suchen.

König Manuel von Portugal. Gemälde aus dem 16. Jh., Künstler unbekannt.

Neues Land, neues Glück für Magellan

Als Magellan im Oktober 1517 in Sevilla ankam, hatte er keine Beziehungen und sprach kaum Spanisch. Bald darauf lernte er jedoch den ebenfalls eingewanderten Portugiesen Diogo Barbosa kennen. Innerhalb eines Jahres heiratete er Barbosas Tochter Beatriz, die ein Jahr später den gemeinsamen Sohn Rodrigo zur Welt brachte.
Die gut vernetzte Barbosa-Familie machte Magellan mit Offizieren bekannt, die für die spanische Eroberung verantwortlich waren. Er überzeugte sie von seinem Vorhaben und schon bald erhielt Magellan einen Termin beim König von Spanien.
Der Enkel von König Ferdinand und Königin Isabella, die 1492 die Expedition von Christoph Kolumbus in die Neue Welt finanziert hatten, empfing Magellans Gesuch mit der gleichen Gunst, die einst seine Großeltern Kolumbus erwiesen hatten. Der damals erst 18-jährige König Karl I. gewährte Magellan seine Unterstützung. Im Gegenzug versprach Magellan dem jungen König, dass seine Seereise nach Westen unermessliche Reichtümer nach Spanien bringen würde.

König Karl I. von Spanien. Öl auf Leinwand, 1548, Tizian (1490–1576).

Am 10. August 1519 verabschiedete sich Magellan von seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Beide sollte er nie wieder sehen, als er mit der Armada De Molukken in See stach. Magellan kommandierte das Flaggschiff Trinidad, während ihn vier weitere Schiffe begleiteten: San Antonio, Concepción, Victoria und Santiago.
Die Expedition erwies sich als langwierig und beschwerlich. Drei Jahre später kehrte nur ein Schiff, die Victoria, nach Hause zurück. An Bord waren zudem nur 18 der ursprünglich 270 Mann starken Besatzung.

Schlechte Omen und die Entdeckung einer sagenumwobenen Meerenge

Im September 1519 segelte Magellans Flotte von Sanlúcar de Barrameda, Spanien, aus und überquerte den Atlantischen Ozean. Etwas mehr als einen Monat später erreichte die Flotte Südamerika. Dort segelten die Schiffe südwärts, entlang der Küste auf der Suche nach der sagenumwobenen Meerenge, die die Durchfahrt durch Südamerika ermöglichen würde.
Die Flotte stoppte in Port San Julian, wo die Besatzung am Ostertag 1520 meuterte. Magellan schlug den Aufstand schnell nieder, richtete einen der Kapitäne hin und ließ einen anderen meuternden Kapitän zurück.
In der Zwischenzeit hatte Magellan die Santiago ausgesandt, um die vor ihm liegende Route zu erkunden, wo sie in einem Sturm Schiffbruch erlitt. Die Besatzungsmitglieder des Schiffes wurden gerettet und auf die übrigen Schiffe verteilt. Mit diesen Ereignissen im Rücken verließ die Flotte Port San Julian fünf Monate später, als die saisonalen Stürme nachließen.
Magellanstraße

Karte mit der Kap Hoorn Route und der Magellanstraße.

Am 21. Oktober 1520 fuhr Magellan endlich in die gesuchte Meerenge ein, die fortan seinen Namen tragen sollte. Die Reise durch die Magellanstraße war tückisch und kalt. Viele Seeleute misstrauten ihrem Anführer weiterhin und murrten über die Gefahren der bevorstehenden Reise.
In den ersten Tagen der Durchquerung der Meerenge zwang die Mannschaft der San Antonio ihren Kapitän zur Desertion, woraufhin das Schiff wendete und über den Atlantik zurück nach Spanien floh. Mit ihm ging ein Großteil der Essensvorräte verloren. Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch drei der ursprünglich fünf Schiffe in Magellans Flotte übrig.

Magellan und die Umrundung der Welt

Nach einer mehr als einmonatigen Durchquerung der Meerenge tauchte Magellans verbliebene Armada im November 1520 auf und erblickte einen riesigen Ozean vor sich. Sie waren die ersten bekannten Europäer, die den großen Ozean sahen, den Magellan wegen seiner scheinbaren Friedlichkeit „Mar Pacifico“, den Pazifischen Ozean, nannte.
Über die Geografie jenseits von Südamerika war zu dieser Zeit wenig bekannt, und Magellan schätzte optimistisch, dass die Reise über den Pazifik schnell gehen würde. Tatsächlich dauerte es drei Monate, bis die Flotte schließlich im März 1521 die Pazifikinsel Guam erreichte, um ihre Lebensmittelvorräte wieder aufzufüllen.
Magellans Flotte segelte anschließend weiter zum philippinischen Archipel und landete auf der Insel Cebu. Hier freundete sich Magellan mit den Einheimischen an und versuchte, sie sogar zum Christentum zu bekehren. Magellan war seinem Ziel, die Gewürzinseln zu erreichen, nun näher denn je.
Schiff Victoria von Magellan

Ausschnitt einer Karte von Ortelius (1590) mit der Darstellung von Magellans Schiff Victoria.

Überheblichkeit kostet Magellan das Leben

Als seine Freunde ihn um Hilfe im Kampf gegen ihre Nachbarn auf der Insel Mactan baten, willigte Magellan ein. Er nahm an, dass er mit seinen überlegenen europäischen Waffen einen schnellen Sieg erringen würde. Gegen den Rat seiner Männer führte Magellan selbst den Angriff an. Doch Magellan unterschätzte die Mactanesen und starb am 27. April 1521, nachdem er von einem Giftpfeil getroffen worden war.
Magellan sollte es nie zu den Gewürzinseln schaffen. Nach dem Verlust eines weiteren Schiffes seiner Flotte erreichten die beiden verbliebenen Schiffe schließlich am 5. November 1521 ihr Ziel. Schließlich kehrte jedoch nur die Victoria im September 1522 unter der Führung von Juan Sebastián Elcano mit einer schweren Ladung Gewürze nach Spanien zurück.
Einer der 18 Überlebenden war der italienische Gelehrte und Entdecker Antonio Pigafetta. Das Tagebuch, das Pigafetta auf der Reise führte, ist heute eine der wichtigsten Aufzeichnungen über die Reise zu den Gewürzinseln.
Zeichnung zu Tod von Magellan

Eine Zeichnung von 1521 zeigt den Tod von Ferdinand Magellan während eines Gefechts mit Einheimischen.

Foto: Archive Photos/Getty Images

Das Erbe von Ferdinand Magellan

Doch Magellans kühne und ehrgeizige Weltreise brachte den Europäern weit mehr als nur Gewürze. Obwohl der Weg von Europa nach Osten über die Magellanstraße entdeckt und kartiert worden war, war die Reise zu lang und gefährlich, um eine praktikable Route zu den Gewürzinseln zu werden.
Dennoch wurde das europäische geografische Wissen durch Magellans Expedition unermesslich erweitert. Er fand nicht nur einen riesigen Ozean, der den Europäern bis dahin unbekannt war, sondern entdeckte auch, dass die Erde viel größer war als bisher angenommen.
Und obwohl man zu diesem Zeitpunkt nicht mehr glaubte, dass die Erde flach sei, hat Magellans Weltumsegelung die mittelalterliche Theorie endgültig widerlegt.
Weltumsegelung von Magellan

Karte zur Weltumsegelung von Ferdinand Magellan.

Schließlich wird Magellan die erste Weltumsegelung zugeschrieben, auch wenn sie in zwei Etappen geschah. So reiste er zunächst ostwärts von Europa zu den Gewürzinseln und später über seine berühmte Westroute zu den Philippinen. Wenn auch nicht am Stück, umrundete Magellan – und 18 seiner Besatzungsmitglieder – somit tatsächlich die Welt.
Weiterhin ist der portugiesische Eroberer Namensgeber für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wie beispie„“lsweise dem Magellan-Pinguin oder der Magellan-Südbuche sowie diversen Landschaften, Kratern, Sonden und Galaxien (sog. „Magellansche Wolken“).
Magellan Pinguin

Ein Magellan-Pinguin in Argentinien.

Foto: Ignacio Leonardi/iStock

Quellen und Literatur:
Christian Jostmann, Magellan, oder: Die erste Umsegelung der Erde, C. H. Beck, München 2019.
Antonio Pigafetta, Die erste Reise um die Welt. An Bord mit Magellan, wbg, 2020.
Laurence Bergreen, Magellan. Over the Edge of the World, Roaring Brook Press, New York 2017.
Categories
deutschland

Künast entdeckt NSDAP-Mitgliedschaft ihres Vaters

Die frühere Bundesverbraucherschutz- und Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) hat die NSDAP-Mitgliedschaft ihres Vaters bei der Suche in den digital aufbereiteten Mitgliederakten gefunden.

Künast fand Treffer sofort

„Ich habe das ‚Spiegel‘-Tool fast sofort genutzt, es hatte schon lange in mir rumort, ob einer meiner Vorfahren in der NSDAP gewesen ist. Aber Recherche ist nicht einfach. Ich habe den Namen meines Vaters, Willy Künast, eingegeben, sein Geburtsdatum, sein Jahrgang 1914. Es gab sofort einen Treffer. Er ist am 1. Mai 1933 in der Partei aufgenommen worden, also wenige Wochen nach der Machtübernahme“, sagte die Grünenpolitikerin dem „Spiegel“.
„Es war kein Schock, aber es hat mich schon getroffen und beschäftigt mich seitdem. Wenn aus einer unbeantworteten Frage Gewissheit wird, geht das Nachdenken wieder los“, so die heute 70-jährige Künast, die bis zum Frühjahr 2025 noch dem Bundestag angehörte.
Sie habe weitergesucht und auch noch seinen älteren Bruder gefunden, der 1937 eingetreten ist.
„Mich beschäftigt das emotional, ich rede darüber mit meinem Mann, mit Freunden“, so Künast. „Nach dem Krieg war es auch bei uns wie in vielen Familien: Das war ein Schweigekartell“, so die Grüne weiter.
Der „Spiegel“ hatte nach der Veröffentlichung der Suchmaschine auf seiner Onlineseite mehrere Politiker angefragt, ob sie sich mit der möglichen NS-Vergangenheit ihrer Familien beschäftigen.

Auch Lauterbach und Ramelow äußern sich

Ex-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erklärte nun dem „Spiegel“: „Ich habe die Daten meiner Großeltern eingegeben und war erleichtert, dass es stimmt, was mir erzählt wurde: Niemand von meinen Großeltern war in der NSDAP.“
Er habe allerdings auch seinen Großonkel in der Kartei gefunden. „Er war der Bruder meiner Großmutter und trat bereits im Mai 1932 in die NSDAP ein“, so Lauterbach, der heute SPD-Bundestagsabgeordneter ist.
Sein Großonkel sei nach dem Krieg entnazifiziert worden und habe in Wuppertal eine Karriere bei der Polizei gemacht. „Er war ein überzeugter Nationalsozialist“, so Lauterbach über seinen Großonkel.
Der Bundestagsvizepräsident und frühere Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erklärte gegenüber dem „Spiegel“: „Ich finde die Transparenz, die jetzt in Bezug auf die NSDAP-Mitgliedsakten entsteht, wichtig. Nicht, um nachgelagerte Scherbengerichte abzuhalten, aber um sich zu erinnern und um sich mit der Geschichte der eigenen Familie auseinanderzusetzen.“
Er habe bereits vor den jetzt zugänglichen Akten gewusst, dass „mein Großvater ein frühes NSDAP-Mitglied war und meine Mutter ein frühes Mitglied des Bundes Deutscher Mädel“.
Der Linkenpolitiker erklärte weiter: „Ich habe die Geschichte meiner Familie immer offen thematisiert, weil damit auch meine eigenen Brüche zusammenhängen.“ (dts/red)
Categories
wissen

Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten


In Kürze:

  • Früher wie heute gibt es zahlreiche Bibliotheken, in denen kluge Köpfe Texte studieren, Entdeckungen machen und Neuheiten entwickeln.
  • In der Antike gab es neben der Bibliothek von Alexandria vier weitere große Einrichtungen, die zu Geburtsstätten für Neuerungen wurden.
  • Ihre Geschichten blieben erhalten, weil bestimmte Menschen die Vergangenheit vor der Vernichtung bewahren wollten.

 
Wenn wir an Griechenland, Rom oder andere antike Hochkulturen denken, kommen uns meist Tempel, Denkmäler und Marmorstatuen in den Sinn. Aber denken wir dabei jemals an Bibliotheken?
Nach der Erfindung der Schrift wurden Bibliotheken zum pulsierenden Herzstück menschlicher Gesellschaften. Sie bewahrten Rechtsdokumente auf, schützten weltbewegende Literatur und fungierten als Bildungszentren im Dienste des Gemeinwohls.

Das königliche Archiv der Hethiter

Zu den ältesten Historikern der Welt gehören unter anderem die Hethiter, deren Überlieferungen in Keilschrift verfasst sind. Sie lebten um 2000 v. Chr. in Kleinasien und entwickelten sich zu geschickten Schmieden und kriegslustigen Wagenlenkern. Außerdem besaßen sie ein ausgeklügeltes Rechtssystem, das sie in zahlreichen Schriften festhielten.
Das hethitische Königreich erhielt seinen Namen von der Hauptstadt Ḫattuša. Hier begannen Archäologen in den frühen 1900er-Jahren mit Ausgrabungen und fanden Tempel, kolossale Steintore und andere bemerkenswerte Relikte. Dazu gehört eine riesige königliche Schriftensammlung, die heute als „Boğazköy-Archiv“ bekannt ist.
Insgesamt besteht das Archiv aus über 25.000 Tontafeln in acht Sprachen und umfasst Jahrbücher, Gesetze, Kodexe, diplomatische Korrespondenzen und Gebete sowie Aufzeichnungen über Feste und Mythen. Sie alle sind wertvolle Quellen, um die Geschichte einer längst vergangenen Kultur zu verstehen.
So stammt aus Ḫattuša etwa der älteste internationale Friedensvertrag der Geschichte. Dieses Dokument verkündete einen dauerhaften Waffenstillstand zwischen den Hethitern und den Ägyptern, die einen zwei Jahrhunderte andauernden Krieg gegeneinander führten. Laut dem Vertrag sollen Pharao Ramses II. und Großkönig Ḫattušili III. letztlich Freunde und durch ein unzerstörbares Band miteinander verbundene „Brüder“ geworden sein.
Einem von Hunderten versöhnlichen Briefen zwischen Ramses II. und der hethitischen Königin Puduhepa zufolge sei der Waffenstillstand aus religiösen Gründen erfolgt. Mit den Worten des Pharaos: „Der Sonnengott und der Sturmgott werden uns Brüderlichkeit und Frieden schenken, auch in dieser guten Beziehung, in der wir uns für immer befinden. Und unsere Boten werden für immer ununterbrochen zwischen uns hin- und herreisen und Brüderlichkeit und Frieden fördern.“
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: das königliche Archiv der Hethiter

Fragmente der Tontafel, auf der der Ägyptisch-Hethitische Friedensvertrag geschrieben steht.

Die königliche Sammlung von Assurbanipal

Eine ähnliche Sammlung von Tontafeln wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in der alten assyrischen Hauptstadt Ninive im heutigen Irak gefunden. Im 7. Jahrhundert v. Chr. drangen kriegerische Stämme in die Gebiete des Assyrischen Reiches ein. Die prekäre geopolitische Lage könnte Assurbanipal, den letzten großen assyrischen König (circa 669–631/627 v. Chr.), dazu motiviert haben, zahlreiche Texte zu sammeln.
Ähnlich wie das Archiv der Hethiter umfassen die rund 30.000 Tontafeln Gesetzestexte, Gerichtsverfahren, Korrespondenzen und Finanzberichte. Das Archiv enthält zudem eine ungewöhnlich große Anzahl von Texten über die Weissagung. In turbulenten Zeiten verließen sich Priester und Könige häufig auf die alte Praxis des Zeichendeutens, um Einblicke in die Zukunft zu gewinnen.
Assurbanipal sandte Botschaften quer durch Mesopotamien und forderte die Städte auf, ihm Kopien ihrer lokalen Dokumente zu schicken. Zusätzlich beauftragte der König einige Schreiber damit, Duplikate der Tontafeln aus Ninive anzufertigen. Ähnlich wie sein Interesse an der Wahrsagerei lässt sich das Sammeln und Kopieren von Dokumenten mit dem Erhalt von Wissen für die Nachwelt erklären. Vielleicht war es sein Wunsch, dass künftige Generationen das Alte würdigen.

Assyrisches Relief des Banketts von Assurbanipal aus Ninive.

Der englische Schriftsteller H. G. Wells (1866–1946) bezeichnete Assurbanipals Archiv als „die wertvollste Quelle für historisches Material weltweit“. Zu den darin enthaltenen Werken gehört unter anderem eine Fassung des sogenannten Gilgamesch-Epos. Diese Geschichte handelt von Gilgamesch und Enkidu, zwei Feinden, die zu Freunden wurden. Gemeinsam besiegten sie übernatürliche Wesen, um ihre Tapferkeit und Stärke unter Beweis zu stellen.
Doch wegen ihrer Überheblichkeit bestraften die Götter die beiden Freunde, indem sich Enkidu mit einer tödlichen Krankheit infizierte. Sein bevorstehender Tod spornt Gilgamesch dazu an, sich auf eine beschwerliche Reise zu begeben, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu suchen. Und wer weiß: Wenn ein assyrischer König seine zerfallende Welt nicht hätte bewahren wollen, wäre diese Geschichte vielleicht auf ewig verloren gegangen.

Tafel mit dem Gilgamesch-Epos.

Die Bibliothek von Alexandria

Auch Homer wäre heute vielleicht ein Niemand, wenn fleißige Gelehrte nicht unzählige Stunden damit verbracht hätten, seine und andere Werke aus der berühmten Bibliothek von Alexandria zu studieren, zu kopieren und in die Welt zu tragen.
Die Bibliothek von Alexandria hatte nichts mit den privaten Archiven der Hethiter und Assyrer gemein. Sie wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. erbaut – wahrscheinlich von Ptolemäus II., König von Ägypten. Nach dem Tod Alexanders des Großen im Jahr 323 v. Chr. wurden die Ptolemäer zu einer der mächtigsten Königsdynastien im Mittelmeerraum.
Um die Pracht seines Reiches zu demonstrieren, investierte Ptolemäus II. stark in intellektuelle Projekte. Im Zentrum dessen standen die Bibliothek von Alexandria und das benachbarte Mouseion, ein Tempel für die Musen. Hier hielten nicht nur Gläubige ihre Gebete ab, sondern Gelehrte betrieben auch ihre Studien. Einer Legende zufolge soll der antike Ingenieur Archimedes seine revolutionäre Wasserpumpe während einer Forschungsreise in Alexandria erfunden haben.
Die Bibliothek ähnelte damit vermutlich heutigen Universitäten mit einem gemeinsamen Speisesaal sowie Lese- und Besprechungsräumen. Lehrer und Schüler saßen in Gärten und Hörsälen zusammen und diskutierten über Ideen oder studierten die große Sammlung von Papyrusrollen.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: die Bibliothek von Alexandria

Künstlerische Darstellung der großen Bibliothek von Alexandria.

Im Jahr 48 v. Chr. soll laut antiken Schriftquellen dann die Katastrophe eingetreten sein: Ein Brand vernichtete rund 40.000 Papyrusrollen. Wie viele Werke unversehrt blieben, ist nicht bekannt. Zu den wertvollsten Werken der Bibliothek zählten einige der frühesten Fassungen von Homers Epen.
Die Bibliothek selbst bestand mehrere Jahrhunderte lang, bis Krieg und Vernachlässigung gleichermaßen zu ihrem Untergang führten. Das Gebäude stürzte wahrscheinlich um 300 n. Chr. ein. Was blieb, waren die dort zu Gast gewesenen Gelehrten, die den Grundstein für die westliche Literatur legten – ein Einfluss, der weit über die Stadt hinausreichte.

Pergamon und Pergament

Um 300 v. Chr. ließen sich griechische Kolonisten an der türkischen Westküste nieder, wo sie Pergamon gründeten. In weniger als einem Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem kulturellen Zentrum. Ihr Höhepunkt war erreicht, als Pergamons Herrscher Eumenes II. (um 221–158 v. Chr.) beschloss, eine beeindruckende Bibliothek zu errichten. Damit wollte er unter anderem die Überlegenheit seiner Stadt gegenüber Alexandria demonstrieren.
Pergamon erreichte wahrscheinlich nie die Größe der Sammlungen Alexandrias. Doch der Wettbewerbsgeist seiner Bibliothekare könnte zu einem Durchbruch in der Buchtechnologie geführt haben, der schließlich eine Brücke zwischen der antiken und der modernen Welt schlug.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: Pergamon

Blick auf die Überreste der Bibliothek von Pergamon im heutigen Bergama in der Türkei.

Foto: resulmuslu/iStock

Der in Alexandria verwendete Papyrus war billiger und benutzerfreundlicher als die zerbrechlichen Tontafeln. Doch Papyrus hatte einige Nachteile: Bei schlechter Qualität und Lagerung konnten die Schriftrollen binnen weniger hundert Jahre zerfallen.
Um die Mängel zu beheben, sollen die Bibliothekare von Pergamon angefangen haben, mit „Vellum“, den behandelten Häuten von Kalb, Schaf oder Ziege, zu experimentieren. Dieses Material ist heute als „Pergament“ bekannt. Der Begriff leitet sich über das Lateinische („pergamenum“) und das Französische („parchemin“) vom Namen der Stadt ab.
Pergament ermöglichte schließlich den Übergang von zerbrechlichen Schriftrollen zu haltbaren, gebundenen Papierstapeln, den Kodexen. Auch wenn der Begriff „Kodex“ heute vor allem für mittelalterliche Handschriften verwendet wird, folgt doch jedes Buch diesem Format. Hinzu kommt, dass Mönche im Mittelalter zahlreiche antike Schriften kopierten und so das Wissen bewahrten.

Rom und die erste öffentliche Bibliothek

Im Jahr 39 v. Chr. soll der Staatsmann Gaius Asinius Pollio eine heruntergekommene Bibliothek im Herzen Roms renoviert haben – finanziert aus Kriegsbeute. Das renovierte Gebäude nahe dem Marktplatz Forum Romanum trug den Namen „Atrium libertatis“ (zu Deutsch: „Haus der Freiheit“).
Die Bibliothek mit ihren Bürgerlisten und wertvollen Karten war ebenso wie der Garten und eine angrenzende Kunstgalerie uneingeschränkt für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Ort war zweifellos für jene Römer geschaffen, die gebildet waren und lesen konnten – was vom sozialen Status abhing. Aber im Prinzip konnte jeder eintreten.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: die Bibliothek von Gaius Asinius Pollio

Die Bibliothek von Gaius Asinius Pollio musste im 2. Jh. n. Chr. dem Trajansforum weichen, dessen bauliche Überreste noch heute in Rom zu sehen sind.

Foto: ABBPhoto

Auf dem Weg zur Bibliothek gingen die Besucher an unter freiem Himmel aufgestellten Statuen vorbei. Wie der römische Historiker Plinius der Ältere (circa 23–79 n. Chr.) schrieb, regten diese Statuen die Besucher dazu an, über das Leben und Wirken von Gelehrten nachzudenken. Plinius lobte Pollio dafür, eine Bibliothek gegründet zu haben, die die Werke großer Männer zum Eigentum der Öffentlichkeit machte.
Des Weiteren soll Pollio die römischen Bürger dazu bewogen haben, an Dichterlesungen und anderen interaktiven Veranstaltungen teilzunehmen. Als Förderer einiger der vielversprechendsten Künstler seiner Zeit soll Pollio sogar eine öffentliche Lesung von Vergil, dem Verfasser der berühmten „Aeneis“, initiiert haben. Das Publikum zeigte sich fasziniert, und Vergils Karriere als einer der größten Dichter der römischen Geschichte soll ins Rollen gekommen sein.

Die Bewahrung der Vergangenheit

Während die hethitischen und assyrischen Archive zusammengestellt wurden, um komplexe Rechtssysteme zu dokumentieren oder das Vermächtnis eines Monarchen in chaotischen Zeiten zu bewahren, wandten sich die Bibliotheken von Alexandria und Pergamon aktiver dem intellektuellen Nutzen zu. Dies brachte nützliche Erfindungen und zeitlose Ideen hervor.
Mit Pollios öffentlichem Gebäude übernahm die Bibliothek schließlich eine Funktion, die sie bis heute erfüllt: Sie wurde zu einem freien Raum, in dem gewöhnliche Menschen großartige Literatur lesen, Kunst genießen und ihren Geist kultivieren konnten.
Diese fünf Stätten sind heute alle zerstört und von dem, was sie einst beherbergten, ist nur ein kleiner Bruchteil erhalten. Doch ihre Relikte vermitteln eine wichtige Lektion: Die Vergangenheit kann so zerbrechlich sein wie Ton oder Papier. Sie ist stets den zerstörerischen Kräften ausgesetzt, die schon Bibliothekare auf ihren edlen Missionen zur Bewahrung des Erbes plagten.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „5 Ancient Libraries That Changed the World“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
Categories
deutschland

Söder: Sudetendeutscher Tag in Brünn ein historisches Signal

Gegenprotesten zum Trotz hat der erstmals in Tschechien ausgetragene Sudetendeutsche Tag ein Zeichen der Versöhnung gesetzt. Das traditionelle Vertriebenentreffen zu Pfingsten erreichte auf dem Messegelände in Brünn (Brno) seinen Höhepunkt. Dabei waren auch viele tschechische Besucher.
„Das ist ein großes Friedensfest“, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in seiner Rede. Er sprach von einem historischen Tag und einem historischen Signal. Die Sudetendeutschen seien „absolute Brückenbauer“, die keine Revanche forderten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken der Nazi-Besatzungszeit wurden rund drei Millionen Deutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Seit 1950 kommt ein Teil von ihnen jährlich zu Pfingsten zusammen. Bayern übernahm 1954 die Schirmherrschaft über die Volksgruppe.
„Wir haben eine klare Botschaft – und diese Botschaft ist eine Botschaft nicht des Hasses, sondern der Liebe“, sagte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt. Der CSU-Politiker betonte: „Wir sind hier nicht, um etwas zu fordern, wir sind hier, um etwas zu geben.“

Gegenproteste und Kritik

Die Vertriebenenveranstaltung ist in Tschechien umstritten. Hunderte Teilnehmer einer Gegenkundgebung zogen zeitgleich durch die Innenstadt der südmährischen Universitätsstadt. Sie hielten Spruchbänder mit Texten wie „Sie sind hier nicht willkommen“ hoch.
Minister der tschechischen Regierung unter dem Rechtspopulisten und Milliardär Andrej Babiš blieben dem Vertriebenentreffen fern. Babis sprach von einer unglücklichen Angelegenheit. Das Abgeordnetenhaus sprach sich in einer Entschließung mehrheitlich gegen Tschechien als Austragungsort aus. Ex-Präsident Miloš Zeman kritisierte, dass die Sudetendeutschen ein fanatischer Teil der nationalsozialistischen Bewegung gewesen seien.

Karlspreis an Milan Uhde

Der tschechische Schriftsteller und frühere Dissident Milan Uhde nahm den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft entgegen. Posselt lobte ihn als einen „Herzensfreund der Sudetendeutschen und großen Europäer“. Der 89 Jahre alte Uhde war Kulturminister, Parlamentspräsident und einer der Erstunterzeichner der Charta 77 der Bürgerrechtsbewegung um den Dramatiker und späteren Präsidenten Václav Havel (1936-2011).
Die Auszeichnung geht an Personen, die sich in besonderer Weise um die Völkerverständigung und um die europäische Einheit verdient gemacht haben. Benannt ist der Preis nach dem römisch-deutschen Kaiser und böhmischen König Karl IV., der von 1316 bis 1378 lebte.

Berührende Rede

Das Dialogfestival „Meeting Brno“ hatte die Sudetendeutschen nach Brünn eingeladen. Auch rund 1.500 Tschechen meldeten sich für das Begegnungsfest an. Die Brünner Oberbürgermeisterin Marketa Vankova begrüßte die Gäste aus Deutschland persönlich als „liebe Nachbarn“ und fand Worte des Bedauerns für die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg: „Unrecht lässt sich nicht durch weiteres Unrecht aufheben“, sagte die Politikerin.
Gleich, ob man Tschechisch oder Deutsch spreche, gehe es immer um konkrete menschliche Schicksale. Sie zeigte sich überzeugt davon, dass Versöhnung keine Schwäche, sondern eine Stärke sei.

Söder erzählt von seinem Onkel

Söder betonte, Bayern und Tschechien seien nach dem Ende des Kalten Krieges heute wieder das, was sie früher gewesen seien: das Herzstück Europas. Er wandte sich gegen „Nationalismus, Ressentiments, Angriffe aufeinander, antidemokratische Strukturen“.
Söder erzählte aus seiner Familiengeschichte: „Ein Onkel von mir kam auch aus dem Sudetenland, der Onkel Willy.“ Er habe es sehr lange sehr schwer gehabt. Mitgebracht habe er wenig Materielles, aber dafür sein Wissen, seine Erinnerung, ein starkes Herz – und die Bereitschaft, neu anzufangen.
Bereits am Samstag hatte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) es als ein „historisches Ereignis“ bezeichnet, dass der Sudetendeutsche Tag in Brünn abgehalten werden könne.
Es sei zudem ein „monumentaler Glücksmoment“ für eine junge Generation von Tschechen, Sudetendeutschen, Deutschen und Europäern. Der CSU-Politiker betonte: „Aus den dunkelsten Erfahrungen unserer Geschichte kann etwas Helles erwachsen, wenn Menschen den Mut zur Verständigung finden.“ (dpa/red)
Categories
vital wissen

30.000 Jahre älter als Gizeh? Alltag und Archäologie in Visoko


In Kürze:

  • Die Pyramiden der Ägypter und der Maya gehören zu den bekanntesten ihrer Art, sind weltweit aber nicht die einzigen.
  • Auch in Europa gibt es Pyramiden, unter anderem in Italien und Frankreich – und womöglich in Bosnien.
  • Die sogenannten bosnischen Pyramiden sollen mehrere Zehntausend Jahre älter sein als jene in Gizeh, Chichén Itzá oder Teotihuacán.
  • Widersprüchliche Forschungsergebnisse und umstrittene Deutung tun dem Tourismus in Visoko keinen Abbruch.

Die Anfahrt ist genauso unspektakulär wie der erste Eindruck: sanfte Hügel und grüne Hänge, an die über Jahrhunderte die Häuser eines bosnischen Städtchens geklebt wurden. Über der betulichen Szene thront einem grünen Kegel gleich der bewaldete Visočica-Hügel. Für Dr. Sam Osmanagić ist er mehr: konkret die „Pyramide der Sonne“ und womöglich die älteste Pyramide der Welt. Die These des Entdeckers: Es handle sich nicht um einen natürlichen Hügel, sondern um ein von Menschen geschaffenes Bauwerk, das im Laufe von Jahrtausenden überwuchert wurde.

Ein Hügel wird zur Sensation

Als Semir Osmanagić Mitte der 2000er-Jahre verkündete, die bewaldeten Hügel rund um Visoko seien in Wahrheit gigantische, von Menschen geschaffene Pyramiden, war die Reaktion gespalten. Für die einen war es eine archäologische Sensation, für die anderen ein spektakulärer Irrtum.
Heute ist die kleine Stadt südlich von Sarajevo ein Pilgerort für Neugierige, Skeptiker und Überzeugte gleichermaßen. Reisebusse rollen an, Freiwillige graben, Besucher lauschen Führungen, in denen von uralten Zivilisationen, energetischen Feldern und verborgenen Kräften die Rede ist. Und von den Ergebnissen zahlreicher Studien, die „Dr. Sam“, wie Osmanagić hier genannt wird, immer wieder auf eigene Kosten in Auftrag gegeben hat. Taucht er auf, wird er gefeiert wie ein Star. Mit Hut, sandfarbener Outdoorkleidung und gebräunten Lachfältchen entspricht er einer Balkanversion von Indiana Jones.
So ist er auch dieses Mal schnell von einer Traube Menschen umringt. Viele bedanken sich bei ihm, stellen ihm Fragen und fast alle wollen ein Foto oder Selfie mit ihm machen. Sein Händedruck ist fest. Er schildert den Moment seiner „Entdeckung“ wie folgt: „Der Kompass zeigte mir, dass diese Seiten perfekt mit den Himmelsrichtungen Osten, Westen, Norden und Süden übereinstimmten. Für mich war das genug. Ich wusste, dass es sich um ein künstliches Bauwerk handelte.“

Dr. Sam und die Entdeckung von Visoko

Für ihn ist klar: Was hier liegt, sei vergleichbar mit den ebenfalls zugewucherten Pyramiden in Mexiko oder China. Nur größer. Die bosnische „Pyramide der Sonne“ ist laut Osmanagić rund 220 Meter hoch und damit höher als die wohl berühmteste Cheops-Pyramide, die mit ihren ursprünglich 146 Metern – heute knapp 10 Meter weniger – als höchste antike Pyramide gilt.
Zwischen zwei Schichten beziehungsweise Blöcken wurden fossile Rückstände gefunden, die auf ungefähr 34.000 Jahre geschätzt wurden und dem Alter der Pyramiden entsprechen sollen. Damit hätte Osmanagić in Bosnien und Herzegowina die weltweit ältesten Pyramiden gefunden. Und damit wäre auch Osmanagićs These bestätigt, dass es bereits viel früher hoch entwickelte Zivilisationen gab.
Osmanagić, der seit über 40 Jahren zu Pyramidenkulturen, Megalithanlagen und heiliger Geometrie forscht, hat mittlerweile mehr als zwanzig Bücher sowie über dreißig begutachtete Forschungsartikel veröffentlicht. Der wissenschaftliche Widerstand bleibt bis heute ungebrochen. Die European Association of Archaeologists erklärte bereits früh, es gebe keinerlei belastbare Beweise für künstlich errichtete Pyramiden. Viele Geologen sehen in den Formationen natürliche Sedimenthügel, entstanden durch tektonische Prozesse und Erosion.

Eine Wanderung auf die Spitze – oder den Gipfel?

Auf die Spitze der Pyramide der Sonne führt ein teils steiler Wanderweg. Er beginnt in der Altstadt und dauert – je nach Puste – bis zu einer Stunde. Unterwegs läuft man durch Waldstücke, vorbei an freigelegten symmetrischen Steinplatten und kleineren Grabungsstellen.
Auf dem Gipfel liegen die Überreste der alten Königsfestung Visoki Fortress. Diese Ruinen aus dem 14. Jahrhundert werden immer wieder als Begründung genannt, warum die Pyramide nicht komplett freigelegt werden darf. Grabungen am Hügel könnten mittelalterliche Schichten oder andere „echte“ archäologische Funde beschädigen, heißt es.
Der eigentliche Kern der bosnischen Pyramiden liegt jedoch nicht auf dem Hügel, sondern darunter.

Der Weg in die Tiefe

Ins „Innere der Pyramide“ führen die Ravne-Tunnel, schmale Gänge aus Erde, Kies und Holzstreben. Obwohl an den Wänden und auf dem Boden Feuchtigkeit zu sehen ist, ist kein muffiger Geruch wahrnehmbar. Stattdessen atmet man in den wohltemperierten Gängen eine klare Luft ein, selbst in den hinteren Tunneln. Die Schritte hallen hier leise wider. Besucher sprechen automatisch leiser, Männer eine halbe Oktave tiefer.
Das Tunnelsystem erstreckt sich über mehrere Kilometer – ein Labyrinth aus Gängen, Kreuzungen und Kammern. Bislang sind davon rund 3,6 Kilometer freigelegt. Laut Osmanagić sollen es insgesamt über 100 Kilometer auf sieben Ebenen sein. Man geht gebückt, dann wieder aufrecht, vorbei an verschlossenen Seitenwegen, kleinen Kammern, die als Meditationsräume gekennzeichnet sind, und auffallend glatten Wänden.
Nach wenigen Minuten verändert sich die Wahrnehmung. Geräusche verschwinden. Gespräche werden leiser. Manche Besucher setzen sich einfach an die Wand und schließen die Augen. Der Rummel um diesen sagenumwobenen Ort hat auch in den Köpfen seine Spuren hinterlassen.

Heilung unter der Erde?

Für Osmanagić ist das alles kein Zufall. Er beschreibt die Tunnel als Ort besonderer Energie, als Raum der Regeneration. Tatsächlich existieren Messungen bezüglich Luftqualität und negativen Ionen innerhalb der Tunnel. Die Stiftung von Osmanagić verweist auf ihrer Website auf Werte von bis zu 43.000 negativen Ionen pro Kubikzentimeter Luft – deutlich mehr als in gewöhnlichen Waldgebieten.
In den Tunneln wurden zudem mehrere riesige, ovale Steine gefunden. Je weiter man in das Tunnelsystem hineinläuft, desto größer werden diese Megalithen – der bisher größte Stein wiegt um die 25 Tonnen. In jeden der Steine sind verschiedene Symbole oder Runenzeichen eingeritzt. Röntgenaufnahmen hätten gezeigt, erzählen die Guides an diesen Stopps, dass sich im Inneren Quarzkristalle befinden.
Zusammen mit der hohen Anzahl an negativen Ionen werde ein messbares elektromagnetisches Feld erzeugt, das die Luft energetisch reinigt. Wenn alles stimmt, müssen sich die vermessenen Effekte der Cheopspyramide hinten anstellen.
Bis heute lockt die vermeintlich antike Heilmethode Kranke aus dem ganzen Land und aller Welt für Heilsitzungen in die Tunnel. Atmen, hoffen, heilen. Die Tunnel sind gut gefüllt. Niemand drängelt. Die Atmosphäre ist ungewöhnlich friedlich. Die gemeinsame Idee vereint ebenso wie die leisen Zweifel, die bei dem einen oder anderen vielleicht bleiben.

Ein Wirtschaftswunder für Visoko

Besonders stolz ist Osmanagić auf das, was rund um die Ausgrabungen entstanden ist. „Vor zehn Jahren war dies sumpfiges Land voller Müll“, erzählt er und zeigt auf den gepflegten Archäologischen Park rund um die Tunneleingänge. „Wir haben alles selbst aufgebaut. Ohne staatliche Gelder, ohne EU-Unterstützung.“
Kinder spielen auf den grünen Wiesen, kleine Gruppen sitzen unter Bäumen, ein Pärchen lässt die Füße im Bachlauf baumeln, weiter hinten wird die Musikanlage auf einer kleinen Bühne aufgebaut. Hier sieht man keinen einzigen, der in sein Handy starrt. Tatsächlich beschäftigt die Stiftung heute laut eigenen Angaben rund 65 Mitarbeiter: Führer, Archäologen, Arbeiter, Bürokräfte. Es finden Kongresse, Konzerte und Vorträge statt. Für Tennisstar Novak Đoković, der 2022 ein Tenniszentrum auf dem Gelände des Archäologischen Parks eröffnete, ist dieser Platz der „Himmel auf Erden“.
Finanziert werde alles durch Eintrittsgelder, seine Bücher und den Souvenirverkauf. Auch der Ort Visoko profitiert. Amira, deren alteingesessene Familie Gästezimmer („mit Pyramidenblick“) vermietet, erzählt, dass eine Familie aus Kanada, die im letzten Jahr eine Woche lang täglich die Tunnel mit ihrer kranken Tochter besucht hat, jetzt wieder kommt: diesmal für drei Wochen. „Die werden schon wissen, warum“, lacht sie und ergänzt: „Auch bevor Dr. Sam hierherkam und die Pyramiden und Tunnel freilegte, erzählten schon unsere Ältesten, dass da was los ist mit dem Visoko-Hügel. Wir stehen hier alle hinter ihm. Wer heilt, hat recht, oder?“
Für Kenan, der in einem Restaurant am idyllischen Flussufer mit Blick auf den Hügel von Visoko arbeitet, ist die Sache ebenfalls klar: keine Pyramide. „Dann hätten sie sie doch längst vollständig freigelegt“, erklärt uns der junge Mann achselzuckend. Osmanagić selbst sieht seine Erfolgsgeschichte von Widerständen begleitet. Universitäten und Museen hätten ihn von Anfang an abgelehnt. „Sie sagten: Keine Pharaonen in Bosnien. Deshalb auch keine Pyramiden in Bosnien.“

Keine Pharaonen in Bosnien?

Im Eingangsbereich des Archäologischen Parks weht eine blaue Flagge im Wind. Darauf stehen drei Worte: „Ljubav. Mir. Sloboda.“ – „Liebe. Frieden. Freiheit.“ – das sind Begriffe, die in Visoko noch häufiger fallen als wissenschaftliche oder archäologische Fachbegriffe.
Das erinnert irgendwie an das zentrale Prinzip der ägyptischen Pharaonen, die sich als Hüter der Ma’at sahen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Ordnung, Harmonie und Gleichgewicht. Sie mussten Chaos, Isfet, bekämpfen und kosmische sowie gesellschaftliche Balance wahren. Unter südamerikanischen Pyramidenbauern galten wiederum Ayni und Munay als direktere Analogie zu Liebe und Frieden, was seinerseits Verbindungen nahelegt.
Veranstaltungstipp: Sommersonnenwende bei den bosnischen Pyramiden
Vom 14. bis 24. Juni 2026 findet in Visoko erneut das „Summer Solstice Festival“ rund um die bosnischen Pyramiden statt. Auf dem Programm stehen Vorträge, geführte Touren durch die Ravne-Tunnel, Meditationen, Yoga-Sessions und Konzerte im Park Ravne 2. Als Sprecher angekündigt sind unter anderem Semir Osmanagić sowie internationale Autoren und Grenzwissenschaftler. Weitere Informationen und das vollständige Programm gibt es hier.
Categories
ausland

Drohnenkrieg ohne Ende? Ukraine-Konflikt steckt in Sackgasse

Russland und die Ukraine überziehen sich nach Ende der von US-Präsident Donald Trump vermittelten Waffenruhe wieder gegenseitig massiv mit Luftangriffen. Nicht nur in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sterben viele Zivilisten, auch in Russland gibt es Tote.
Ein Krieg der Drohnen prägt das Geschehen. Dabei gibt es am Boden kaum Bewegung. Schon jetzt ist die Front keine Linie mehr, sondern eine „graue Zone“ des Todes von mehr als 1.000 Kilometern Länge und stellenweise bis über 20 Kilometer Breite.
Nicht nur Kämpfe am Boden stecken in der Sackgasse, weil sich die Gegner auflauern und auf jeden Versuch eines Vorstoßes von Truppen mit Drohnenschlägen reagieren.
Auch die Verhandlungen zu einem Kriegsende stecken fest – nicht nur, weil die USA als Vermittler mit dem Irankrieg beschäftigt sind. Moskau und Kiew setzen nach Meinung vieler Beobachter selbst weiter auf Kampf und Sieg.
Zwar hatte der russische Präsident Wladimir Putin noch vor einer Woche in einem Nebensatz fallen lassen, er denke, dass sich der Krieg dem Ende zuneige. Er bezog das, wie der Kreml klarmachte, auf Erwartungen Moskaus, dass sich Präsident Wolodymyr Selenskyj den russischen Bedingungen beuge – und seine Truppen früher oder später aus dem Gebiet Donezk abziehe. Selenskyj lehnt solche Geschenke ab. Deshalb stehen die Zeichen auf Kampf.

Abnutzungskrieg geht weiter

„Im Moment wird sich der Abnutzungskrieg erst einmal fortsetzen“, sagt der Russland-Fachmann und Historiker Matthias Uhl. Er zeigt in seinem neuen Buch „Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht“ (Herder) mögliche Entwicklungen auf.
Es gebe in der Geschichte viele Beispiele, dass Kriege trotz Erschöpfung und Bekundung einer Friedensbereitschaft noch Jahre dauerten, weil jede Seite glaubte, kurz vor einem Sieg zu stehen.
„Auch der russisch-ukrainische Krieg birgt die Gefahr, dass eine der beiden Seiten zu spät erkennt, wann der Endpunkt erreicht ist“, sagt Uhl. Er lebte mehr als 20 Jahre lang in Russland und war dort am inzwischen für „unerwünscht“ erklärten Deutschen Historischen Institut tätig.
„Russland ist aufgrund seiner Ressourcen durchaus in der Lage, noch weiter Krieg zu führen“, sagt Uhl, der am Max Weber Netzwerk Osteuropa arbeitet und Russland weiter bereist. Zwar gebe es zunehmend wirtschaftliche Probleme – nicht zuletzt durch die Sanktionen. Doch der im Westen erwartete Systemkollaps bleibe aus.

Übermacht der Drohnen verhindert echte Bewegung der Front

Der russische Militärexperte Dmitri Kusnez von der kremlkritischen Nachrichtenplattform „Meduza“ sieht durch die hohen Ölpreise aktuell eine Entspannung für Putins Kriegskasse.
Allerdings bezweifelt er, dass der russische Generalstab unter den Umständen eines Drohnenkriegs und dem geringen Tempo beim Vormarsch der Truppen bis Ende Herbst den Donbass erobern kann. Kusnez sieht die Ukraine mit ihren technologischen Fortschritten besser aufgestellt für den Drohnenkrieg als die Russen.
„Gegen die Übermacht der Drohnen scheint es gegenwärtig noch kein Instrument zu geben“, betont auch Uhl. „Die müssten erst einmal auf dem Gefechtsfeld eliminiert werden, damit wieder ein erfolgreicher Vorstoß möglich ist. Dafür kämen wegen der Kosten nur Laser oder Maschinenwaffen infrage“, sagt er.
„Hinzu kommt, dass die Ukrainer zunehmend die russische Luftabwehr zerlegen und versuchen, die Krim und die von dort laufende Versorgung der Truppen abzuschneiden“, erklärt er.
Zu schaffen machten Russland auch die vielen ukrainischen Angriffe auf Anlagen der russischen Ölindustrie. Selenskyj hat angekündigt, diese Angriffe im Hinterland noch zu intensivieren, damit Moskaus Kriegskasse nicht weiter so stark vom Energieexport profitiert.

Putin könnte Einsatz im Krieg erhöhen

Hardliner in Russland verstärken derweil den Druck auf den Kreml, den Einsatz im Krieg zu erhöhen. Uhl hält es auch für möglich, dass Moskau bei einem möglichen Rückgang der Freiwilligen, die mit viel Geld geködert werden, andere Möglichkeiten nutzt, um Personal für die Front heranzuziehen.
Denkbar seien eine weitere Teilmobilmachung oder auch die Umwandlung der „militärischen Spezialoperation“, wie der Krieg offiziell genannt wird, in eine „Anti-Terror-Operation“. Damit werde der Einsatz von Wehrpflichtigen möglich, sagt Uhl.
Dagegen sieht er die Ukraine personell mit ihrer deutlich kleineren demografischen Basis im Nachteil. „Der Mangel an Soldaten und hier vor allem an Infanterie wird sich höchstwahrscheinlich noch weiter verstärken“, sagt er.
„Letzter Ausweg wäre wahrscheinlich die Mobilisierung der 18 bis 25 Jahre alten Männer, die bisher vom verpflichtenden Kriegsdienst ausgeschlossen sind.“ Personell sei Kiew aktuell nicht in der Lage, großangelegte Offensiven wie in den ersten drei Kriegsjahren zu absolvieren.
Zwar weite das Land seine eigene Rüstungs- und Drohnenfertigung aus. Aber angewiesen sei Kiew für den Kampf weiter auf westliche Präzisionswaffen, Luftverteidigungssysteme und Aufklärungsdaten der Geheimdienste, die es inzwischen vor allem von den Franzosen bekomme.
Insgesamt sei die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Ukraine wegen der Flucht aus dem Land und der Mobilmachung langfristig reduziert, schreibt Uhl.

Experte: Auch „unvorhersehbares Ereignis“ möglich

Neben dem Abnutzungskrieg zeichnet er noch drei weitere Szenarien, wie es zu einem Kriegsende kommen könnte: das Einfrieren des Konflikts ohne einen Frieden. Oder ein erzwungener Kompromiss, ein von außen erwirkter Waffenstillstand, wie ihn die USA wollten.
Als letztes Szenario nennt der Historiker ein „unvorhersehbares Ereignis“. „Es ist nicht auszuschließen, dass das System Putin durch den fortdauernden Krieg zu einem vorzeitigen Ende kommt, weil dessen Wille, eine militärische Entscheidung herbeizuführen, Kraft und Moral des Landes erschöpfen.“ (dpa/red)
Categories
wissen

Die vergessene Geschichte der Menschheit


In Kürze:

  • Der Menschheit werden heute elementare Fähigkeiten wie die Schaffung von Kunst und der Bau von Siedlungen zugeschrieben.
  • Archäologische Funde wie die Flöten aus der Schwäbischen Alb zeigen, dass sich diese Fähigkeiten bereits vor zehntausenden Jahren entwickelten.
  • Während diese allgemein anerkannt sind, treten immer mehr Artefakte zutage, die weit älter und mitunter umstritten sind.

 
Die Arbeit von Archäologen ist eine Mammutaufgabe: Sie müssen anhand äußerst begrenzter Informationen herausfinden, wo und wie unsere Vorfahren einst gelebt haben. Historiker haben es da etwas leichter: Um ein genaues Verständnis jahrhunderte- oder jahrtausendealter Zivilisationen zu erlangen, konsultieren sie umfangreich die hinterbliebenen antiken Schriftquellen.
Archäologen hingegen versuchen, noch weiter zurückliegende Epochen zu verstehen – vor Zehntausenden, Hunderttausenden oder sogar Millionen von Jahren. Gleichzeitig verfügen sie über deutlich weniger Material, auf das sie ihre Schlussfolgerungen stützen können. Ihre Aufgabe gleicht dem Zusammensetzen eines großen Puzzles mit nur einer Handvoll Teilen oder dem Verstehen der Handlung eines Romans, von dem nur wenige Seiten erhalten geblieben sind.
Obwohl die Archäologie auf greifbaren Beweisen aus wissenschaftlichen Untersuchungen gefundener Artefakte basiert, beinhaltet sie zwangsläufig auch einiges an Spekulation, Vermutung und Vorstellungskraft. Wenn neue Erkenntnisse zu früheren Entdeckungen auftauchen, können dadurch bisherige Theorien untermauert, verfeinert oder revidiert werden.
Technologische Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten haben zusätzlich große Veränderungen in der Archäologie bewirkt. Moderne Entwicklungen wie die Radartechnologie haben es den Archäologen ermöglicht, neue Spuren an zuvor unzugänglichen Orten ausfindig zu machen. Verbesserungen bei der Altersbestimmung von Funden – etwa der Radiokarbondatierung – liefern zudem ein immer klareres Bild der Vergangenheit.
Von alten Höhlenmalereien und kreativen Artefakten bis hin zu lange verschütteten antiken Bauwerken bieten viele moderne Entdeckungen spannende Einblicke in das große Rätsel der Menschheit.

Die älteste bekannte Höhlenkunst

Im Januar 2026 ließen Archäologen um Adhi Agus Oktaviana von der australischen Griffith University die Entdeckung der weltweit ältesten Höhlenmalerei verlauten. Die auf Sulawesi, Indonesien, entdeckte Kunst aus Menschenhand sei mindestens 67.800 Jahre alt, wie eine Urandatierung ergab.
Die vergessene Geschichte der Menschheit: Höhlenmalerei

Beispiel der Höhlenmalerei von Sulawesi, Indonesien.

Die Malereien, zu denen eine Vielzahl von Handabdrücken, Tieren und die älteste bekannte Darstellung eines Menschen gehören, entstanden zudem über mindestens 45.000 Jahre hinweg. Dies zeigt, dass die frühen Menschen über einen unglaublich langen Zeitraum das Gebiet regelmäßig aufsuchten.
Weiterhin nehmen die Archäologen an, dass die frühen Menschen vor 68.000 Jahren mittels Booten in die Inselwelt einwanderten, was für frühe Fähigkeiten und Kenntnisse im Bootsbau und der Navigation spricht.
Letztlich führte die Entdeckung der indonesischen Höhlenmalereien zur Umschreibung der Menschheitsgeschichte. Zuvor galt die umstrittene Malerei aus den spanischen Maltravieso-Höhlen mit 64.000 Jahren als älteste Kunst der Welt. Die schwarzen und roten Zeichnungen zeigen ähnlich wie in Sulawesi Tiere und Handabdrücke, aber auch Punkte und Muster.²
Wenn wir von Höhlenkunst sprechen, gehören die Malereien aus der Chauvet-Höhle zu den beeindruckendsten Beispielen. Diese 1994 in Frankreich entdeckten Zeichnungen sind 36.000 Jahre alt und zeugen von einem hohen Maß an künstlerischer Raffinesse. So zeigen sie detailliert und maßstabsgetreu mindestens 14 verschiedene Tierarten wie Bären, Höhlenlöwen, Mammuts und Wollnashörner und sind ein Beweis dafür, wie früh sich menschliche Kreativität und Kunstfertigkeit entwickelten.

Höhlenmalerei aus der Chauvet-Höhle in Frankreich.

Foto: Jeff Pachoud/AFP via Getty Images

Musische Fähigkeiten

Doch unsere alten Vorfahren drückten sich nicht nur durch das Zeichnen künstlerisch aus. In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahlreiche Musikinstrumente entdeckt, vor allem Flöten aus Tierknochen, von denen einige mehrere Zehntausend Jahre alt sind.
Als derzeit ältestes Musikinstrument gilt eine Flöte aus dem Oberschenkelknochen eines Bären, die 1995 in einer Höhle bei Cerkno in Slowenien entdeckt wurde. Archäologen schätzen ihr Alter auf 50.000 bis 60.000 Jahre. Dabei ist jedoch fraglich, ob frühe Menschen die Löcher bewusst in den Knochen bohrten oder ob Raubtiere an dem Knochen nagten.³

Die unvollständig erhaltene Flöte aus Bärenknochen ist etwa 13 Zentimeter lang.

Sollte die slowenische Flöte aus Bärenknochen nicht von Menschenhand gemacht sein, muss dennoch nicht am musischen Wissen der frühen Menschen gezweifelt werden. Die zweitälteste Flöte aus einem Schwanenknochen ist 35.000 bis 40.000 Jahre alt und stammt aus Geißenklösterle in Baden-Württemberg, Deutschland. Hier und aus zwei benachbarten Fundstellen stammen fünf weitere Flöten, die eine zufällige Entstehung der Instrumente durch Wildtiere unwahrscheinlich erscheinen lassen.

Replikat einer der Flöten aus Geißenklösterle in der Schwäbischen Alb.

Alter Schmuck der Menschheit

Heute gilt es aufgrund zahlreicher Funde als allgemein anerkannt, dass die Menschheit ihre Kreativität und künstlerische Ausdruckskraft im Laufe von zehntausenden Jahren entwickelte. Doch ebenso gibt es vermehrt Belege, die darauf hindeuten, dass sie sogar noch älter sein könnten.
Konkret wurden 1891 auf Java, Indonesien, Muschelschalen gefunden, in die die frühen Menschen geometrische Muster in Form von Zickzack-Linien geritzt haben sollen. Statt der bereiten Öffentlichkeit gezeigt zu werden, landeten die Funde für über 100 Jahre in einer Museumsschublade.
Erst in den 2010er-Jahren wurden die Muschelschalen wieder Gegenstand der Forschung. Die Archäologin Josephine Joordens von der niederländischen Universität Leiden und ihre Kollegen führten wissenschaftliche Untersuchungen durch und kamen zu dem Schluss, dass „die Herstellung geometrischer Muster im Allgemeinen als Hinweis auf Kognition und modernes Verhalten interpretiert werden muss“. Diese Fähigkeiten sollen die frühen Menschen laut Altersbestimmung bereits vor rund 500.000 Jahren gehabt haben.⁴

Bauwerke aus Menschenhand?

Im Jahr 2019 entdeckten Archäologen an den Kalambo-Wasserfällen im südafrikanischen Sambia die älteste künstliche Holzkonstruktion der Welt. Da die ineinandergreifenden Baumstämme vor etwa 475.000 Jahren durch absichtlich geschnittene Kerben miteinander verbunden waren, gehen die Forscher von einer frühen Ingenieursleistung aus.⁵ Welchem Zweck die Konstruktion diente, ist nicht eindeutig geklärt. Die Vermutungen gehen von erhöhten Plattformen zum Arbeiten bis zu Wegen und Fundamenten für Wohnstätten.

Aufnahmen von der Entdeckung der bearbeiteten Baumstämme nahe der Kalambo-Wasserfälle.

Umstrittener ist hingegen die Entdeckung des Nationalen Instituts für Meerestechnologie in Indien. So fanden die Forscher geometrische Strukturen auf dem Meeresboden im Golf von Khambhat, die sie als prähistorische Stadt bezeichnen. Zu den dort geborgenen Artefakten gehören Töpferwaren, Perlen, Statuen, Mauerreste und menschliche Knochen. Mit etwa 9.500 Jahren wäre diese Fundstelle älter als die anerkannten Siedlungen in Mesopotamien und Afrika.⁶
Einige Wissenschaftler zweifeln an dieser Theorie und äußern die Bedenken, dass die datierten Artefakte auch durch Meeresströmungen an diesen Ort gespült worden und die geometrische Form der Stätte natürlich entstanden sein könnten. Ähnliche Funde und Kritik gibt es für versunkene Strukturen vor den Küsten Kubas und Japans.

Nahe der japanischen Insel Yonaguni im Ostchinesischen Meer liegt ein umstrittenes Monument aus Stein. Während einige Forscher eine natürliche Gesteinsformation sehen, deuten andere die Stätte als Unterwasserpyramiden.

Zwar liefert jede neue Entdeckung ein weiteres Stück für das komplexe Puzzle der Menschheit, doch verfügen wir noch immer über zu wenige Teile, um das Gesamtbild klar zu erkennen. Dennoch wissen wir heute bereits viel mehr und können uns vorstellen, wie unsere Vorfahren Malereien schufen, Musik spielten oder Holzkonstruktionen bauten.
Da moderne Technologie stetig den Umfang unserer Entdeckungen und die Genauigkeit unserer Analysen erweitert, werden Archäologen zukünftig vielleicht noch erstaunlichere Hinweise entdecken, die zusätzliche Einblicke in die uralten Geheimnisse der Menschheit gewähren.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Lost History of Human Civilization“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
Quellen und Studien:
[1] Oktaviana et al. (2026); doi.org/10.1038/s41586-025-09968-y
[2] Hoffmann et al. (2018); doi.org/10.1126/science.aap7778 | Slimak et al. (2018); doi.org/10.1126/science.aau1371
[3] Turk et al. (2020); doi.org/10.3390/app10041226
[4] Joordens et al. (2014); doi.org/10.1038/nature13962
[5] Barham et al. (2023); doi.org/10.1038/s41586-023-06557-9
[6] Ramakrishna Rao (2025); doi.org/10.13140/RG.2.2.25706.22723
Categories
gesellschaft wissen

„Zum ersten Mal Gesichter“: Fotos von Pariser Juden-Deportation aufgetaucht

Das Papier war grün, der Ton höflich: „Herr Pinkus Eizenberg ist gebeten, sich mit einem Angehörigen oder einem Freund am 14. Mai 1941 um 7.00 Uhr an der Sporthalle von Japy einzufinden.“ Es gehe um die „Klärung seiner Situation“. Mitzubringen seien eine Garnitur Wäsche und Lebensmittel für einen Tag.
Es war der Auftakt zur ersten Massenverhaftung und Deportation ausländischer Juden in Paris – angeordnet von den deutschen Besatzern, ausgeführt von der französischen Polizei. Und minutiös dokumentiert von dem deutschen Fotografen Harry Croner.

Zum ersten Mal zu sehen

Croners Bilder von der Massenfestnahme sind – bis auf wenige Ausnahmen – erst 2020 überraschend aufgetaucht. Sie sind seit dieser Woche zum ersten Mal in der Pariser Shoah-Gedenkstätte zu sehen.
„Die Fotos sind sehr außergewöhnlich“, erklärt Lior Lalieu, die Leiterin der Bilderdatenbank der Gedenkstätte. „Es gibt extrem wenige Bilder von der Shoah in Frankreich“, fügt sie hinzu.
Darüber hinaus fasziniere der „doppelte Blick“ des Fotografen: Croner war damals für die Propagandakommission im Einsatz – machte aber heimlich auch bewegende Aufnahmen der Opfer. „Das hätte er nicht tun dürfen, aber er hat es trotzdem gemacht“, sagt Lalieu. „Die wiedergefundenen Bilder zeigen zum ersten Mal ihre Gesichter.“
Stunde um Stunde, Station um Station dokumentierte Croner, wie die meist polnischen Juden den Nazis in die Falle gingen: Die Ankunft der Männer in der Pariser Sporthalle. Die Frauen, die ihnen noch Sachen bringen durften – wohl um den eigentlichen Zweck der Einbestellung zu verschleiern.
Ein Foto zeigt den Abschiedskuss eines jungen Paares, daneben einen ungeduldig wirkenden französischen Polizisten. Als die Männer in den Bus einsteigen, hält Croner die besorgten Gesichter von einigen fest – was sicher nicht mit seinem Auftrag vereinbar gewesen war.

Massenverhaftung

Etwa 6.500 Familien hatten den „grünen Schein“ erhalten, nachdem die Massenverhaftung später benannt wurde, „dos grine tsetl“ auf Jiddisch. Gut 3.700 begaben sich zu den Sammelorten, viele in der Hoffnung, ihre Papiere in Ordnung zu bringen.
Wenige Stunden später wurden sie in Bussen zum Bahnhof gefahren und per Zug in die Internierungslager von Pithiviers und Beaune-la-Rolande, etwa 100 Kilometer südlich von Paris, gebracht. Auch dorthin reiste Croner, um für die Propagandakommission zu fotografieren. Auch dort machte er heimlich Aufnahmen, die eine Anteilnahme am Schicksal der Opfer erahnen lassen.

Der Fotograf als Zwangsarbeiter

Einige wenige Bilder wurden damals veröffentlicht, sie stellen die Festnahme als eine reguläre, administrative Maßnahme dar. Croner wurde wenige Monate später aus der Wehrmacht entlassen, als bekannt wurde, dass sein Vater Jude war. Er kam als Zwangsarbeiter nach Frankreich und am Kriegsende in US-Gefangenschaft.
Nach dem Krieg baute Croner sich in Berlin eine neue Existenz als Promi-Fotograf auf. Er porträtierte Marlene Dietrich, Willy Brandt und die Filmstars der Berlinale. Über seinen Pariser Propaganda-Einsatz schwieg er sich aus. Croner starb 1992, zu seinen letzten großen Reportagen zählte der Fall der Berliner Mauer.
Von der Existenz der Pariser Bilder aus der Besatzungszeit ahnte niemand etwas – bis sich 2020 ein französischer Sammler meldete. Er hatte Jahre zuvor einen Stapel Kontaktabzüge auf einem Flohmarkt in Reims erworben.

Nur wenige überlebten

Experten der Shoah-Gedenkstätte fanden schnell heraus, dass es sich um einen bedeutenden Fund handelte: Die Ereignisse, die bislang nur durch Schriftstücke und Zeugenaussagen bekannt waren, standen den Betrachtern plötzlich direkt vor Augen.
Von den 3.700 Festgenommenen kamen etwa 800 frei. Alle anderen wurden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht. Von ihnen überlebten nur sehr wenige.
Renée Sieradzki war fünf Jahre alt, als ihr Vater den grünen Schein erhielt. „Ich saß unter dem Tisch und hörte, wie die Erwachsenen sich unterhielten“, berichtete sie später.
Die Männer seien sich einig gewesen, dass sie zu den Sammelpunkten gehen wollten. „Es geht doch nur um eine Überprüfung der Papiere, das kann nichts Schlimmes bedeuten“, hätten sie gesagt. (afp/red)
Categories
gesellschaft

Muttertag: 30 Millionen Glückwünsche

Blumen, Pralinen, ein paar nette Worte – und das war es dann mit dem Muttertag? Noch immer leisten Frauen mit kleinen Kindern mehr Sorgearbeit und sind deutlich seltener berufstätig als Väter in derselben Familiensituation, konstatiert das Statistische Bundesamt Anfang Mai. Doch darüber wird am Muttertag selten gesprochen. Deutschlandweit gibt es rund 30 Millionen Mütter.
Werbung lässt ihn heute eher als ein Fest des Kommerzes erscheinen. Was bedeutet dieser Brauchtumstag noch in einem Land, in dem es deutlich weniger Mütter gibt als früher? Eine kleine Bestandsaufnahme aus der Sicht eines Kulturwissenschaftlers.

Muttertag: Heute von Kommerz getrieben

„Nicht in dem Sinn, dass durch ihn etwas verändert oder ein anderes Bewusstsein geschaffen werden soll“, sagt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg.
„Der Tag ist heute vom Kommerz getrieben und füllt wie der Valentinstag eine Leerstelle.“ Denn kirchliche Feste verlören im Jahreskalender an Bedeutung.
„Wenn ich es rein kultur- und konsumkritisch sehen würde, dann hat der Muttertag heute sogar etwas von Respektlosigkeit“, ergänzt Hirschfelder. Denn um die Situation von Müttern gehe es in der Öffentlichkeit selten.
Ihnen falle mit dem Geschenke-Annehmen eine rein passive Rolle zu. Der Tag wirke so wie Deko oder Verniedlichung. In weniger akademischen und urbanen Milieus spiele er heute eine größere Rolle als im klassischen Bürgertum.

Mittlerweile sind rund 20 Prozent der Frauen kinderlos

Vor allem offenbare er ein demografisches Dilemma, meint Hirschfelder. „Mutter zu sein, ist in Deutschland heute keine Selbstverständlichkeit mehr.“ Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer soll in der Rentendebatte des Jahres 1957 noch gesagt haben: „Kinder kriegen die Leute immer.“ Mit einem Blick auf die Statistik hat er sich mit dieser Einschätzung geirrt.
Blieben unter Frauen der Jahrgänge 1938 bis 1940 in Deutschland tatsächlich nur rund elf Prozent kinderlos, sind es heute nach den Daten des Statistischen Bundesamts recht konstant 20 Prozent – ob gewollt oder ungewollt.
Wachsen kann Deutschland ohne Zuwanderung nur, wenn 80 Prozent der Frauen mehr als zwei Kinder bekämen. Der Schnitt liegt allerdings bundesweit bei 1,35.

Patchwork-Familien und Muttertag

Hirschfelder sieht ihn im zunehmenden Aufweichen der klassischen bürgerlichen Kleinfamilie: „Bei Patchwork kann es für Kinder schon knifflig werden, wer zum Muttertag ein Geschenk bekommen soll“, sagt der Forscher. „Nur die leibliche Mutter oder auch die neue Frau des Vaters?“
Nicht zu vernachlässigen sei heute auch das Mutterbild in Migrantenfamilien. „Dort herrschen manchmal sehr konservative Rollenbilder vor, gerade mit Blick auf Frauenrechte kann das problematisch sein. Aber es gibt dort eben auch eine tiefere Form von Wertschätzung einer Mutter gegenüber als wir ihn hier kennen. Eine ähnliche Form von Respekt beobachte ich auch in Teilen der postsowjetischen Welt, die ich kenne, in Moldau und in der Ukraine.“

Unterschiede zwischen Ost- und West

Hirschfelder sieht vor allem andere Traditionen. Im Westdeutschland der frühen 1960er Jahre sei der Muttertag eine kleine Bühne gewesen, auf der Frauen wenigstens einmal im Jahr öffentlich zum Thema wurden.
„Das war eine Zeit, in der die gesellschaftliche Norm von Frauen verlangte, zu Hause zu bleiben und Kinder zu bekommen. Ein Leben in Pflichterfüllung, als Anhängsel des Mannes, quasi unsichtbar.“
Allein deshalb sei dieser Tag damals wichtig gewesen. Erst in den 1970er Jahren kursierte in der westdeutschen Frauenbewegung der Slogan: „Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber!“
In Ostdeutschland war das anders. Frauen in der DDR waren meist berufstätig. Der gesellschaftliche Fokus mit einem Schwerpunkt auf Gleichberechtigung lag allerdings auf dem Frauentag, der Muttertag war Privatsache.
Wobei Hirschfelder die Situation von Müttern im Osten nicht glorifizieren möchte. „Bei der Traktoristin, der Melkerin oder der Baubrigade-Frau kam die Care-Arbeit für ihre Kinder noch obendrauf.“

Wen interessiert der Muttertag heute?

Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter 2.122 Männern und Frauen über 18 Jahren im April 2024 knüpfen Mütter an „ihren“ Tag höhere Erwartungen als Väter an den Vatertag. 62 Prozent der interviewten Mütter wünschten sich Geschenke von ihren Kindern, sei es gemeinsam verbrachte Zeit (36 Prozent), Blumen (22 Prozent), Schokolade oder Pralinen (9 Prozent) oder etwas anderes. Bei den Vätern lege nur jeder zweite Wert auf den Vatertag.
Nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland kauft in diesem Jahr rund ein Drittel der Bundesbürger (30 Prozent) Muttertagsgeschenke, im Schnitt für 18,72 Euro pro Person. Der Verband rechnet mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.
Blumen, so weit das Auge reicht: Der anstehende Muttertag bedeutet für Gärtner und Floristen jede Menge Arbeit. Schon gewusst? Vor 100 Jahren gab es den besonderen Tag erstmals in Deutschland.

Blumen, so weit das Auge reicht: Der Muttertag bedeutet für Gärtner und Floristen jede Menge Arbeit. Schon gewusst? Vor 100 Jahren gab es den besonderen Tag erstmals in Deutschland.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Ursprünglich kommt der Tag aus den USA

In den Vereinigten Staaten gründete Ann Maria Reeves 1865 die Bewegung Mothers Friendships Day, die zum Ziel hatte, Mütter zu vernetzen und ihren Austausch zu fördern.
Am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach ihrem zweiten Todestag, veranstaltete ihre Tochter Anna Marie Javis eine Gedenkveranstaltung zu Reeves‘ Ehren. Im Jahr darauf wurde daraus eine allen Müttern gewidmete Veranstaltung. Bereits 1909 wurde der Muttertag landesweit gefeiert. Eine Resolution des US-Kongresses machte ihn 1914 zum nationalen Feiertag.
In Deutschland wurde der Tag auf Initiative des Verbands Deutscher Blumengeschäftsinhaber am 13. Mai 1923 erstmals gefeiert. Die Nationalsozialisten nutzten den Muttertag für ihre Propaganda und machten ihn zum Feiertag, was ihn bis heute teils umstritten macht.
In der DDR wurde der Muttertag nicht offiziell begangen, im Fokus stand der internationale Frauentag am 8. März. Ein gesetzlicher Feiertag ist der Muttertag in der Bundesrepublik nicht. (dpa/afp/red)
Categories
ausland

Putin in Moskau: „Unsere Sache ist gerecht“ – Waffenruhe bis zum 11. Mai

Nach einer von US-Präsident Donald Trump vermittelten Waffenruhe im Ukrainekrieg hat russischer Präsident Wladimir Putin seine Militärparade zum 9. Mai störungsfrei durchgezogen. Drohnenangriffe der Ukraine blieben aus. In seiner Rede vor Tausenden Soldaten und internationalen Gästen zeigte sich Putin sicher, dass Moskaus Armee auch gegen die Ukraine gewinnt.
Russland feiert am 9. Mai den Tag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Wegen der gespannten Sicherheitslage gab es diesmal keine Waffenschau mit Panzern, Raketen und anderer Militärtechnik.

Waffenruhe bis zum 11. Mai – durch Trump

Putin sagte auf dem Roten Platz: „Ich bin fest davon überzeugt: Unsere Sache ist gerecht, wir stehen zusammen, der Sieg war immer und wird immer auf unserer Seite sein.“ Die russische Armee werde bei ihrem Einsatz in der Ukraine heute inspiriert von der „Generation der Sieger“ im Zweiten Weltkrieg, sagte der russische Präsident.
„Sie stellen sich einer aggressiven Macht entgegen, die vom gesamten NATO-Block bewaffnet und unterstützt wird“, sagte Putin.
Die Ukraine wird maßgeblich von NATO-Staaten, darunter vor allem Deutschland, in ihrem Kampf unterstützt. Die Kampfhandlungen gelten als festgefahren in dem Krieg – ohne echte Bewegung für eine der beiden Kriegsparteien. Die Seiten haben sich unter Vermittlung Trumps auf eine Waffenruhe bis 11. Mai geeinigt. Versuche, die Parade zu stören, gab es laut Kremlangaben nicht.
Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über eine Beendigung des Kriegs lagen seit dem letzten Treffen im März auf Eis. Die USA, die in den Gesprächen vermittelt hatten, konzentrieren sich momentan auf den Konflikt mit dem Iran.
Am 7. Mai fanden in Florida jedoch erstmals seit Ende März wieder Gespräche zwischen ukrainischen und US-Gesandten statt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rechnet nach eigenen Angaben mit einem Gegenbesuch der US-Verhandler in den kommenden Wochen.

Berichte über Verstöße gegen Waffenruhe

Kiew und Moskau haben sich gegenseitig Verstöße gegen die seit Samstag geltende Waffenruhe vorgeworfen. Seit Beginn des Tages seien 51 russische Angriffe verzeichnet worden, teilte der ukrainische Generalstab mit. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, ukrainische Kräfte hätten russische Stellungen mit Drohnen und Artillerie angegriffen.
Betroffen gewesen seien unter anderem die Gebiete Kaluga, Tula, Smolensk, Kursk, Brjansk und Belgorod sowie im Süden die Teilrepublik Tschetschenien und die Regionen Stawropol und Krasnodar.
Eine Bestätigung dafür von ukrainischer Seite gab es zunächst nicht. Auch der ukrainische Generalstab meldete nach Beginn der Waffenruhe Angriffe von russischer Seite vor allem in den umkämpften Regionen im Donbass. Die Rede war von 45 Attacken bis zum frühen Morgen.
Überprüfbar sind die Angaben der Kriegsparteien von unabhängiger Seite nicht. Auch bei allen bisherigen Waffenruhen haben sich Kiew und Moskau immer wieder massenhafte Verstöße vorgeworfen.

Lewada-Zentrum: Sechs von zehn Befragten wollen Verhandlungen

Die Mehrheit der Russen unterstützt dem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum zufolge einen Übergang zu Friedensverhandlungen. Noch etwa jeder Vierte sei der Meinung, dass die Kampfhandlungen fortgesetzt werden sollten, hieß es in einer Mitteilung. Befragt wurden demnach mehr als 1.600 Menschen in Russland in persönlichen Interviews vom 22. bis 29. April.
Direkte Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau im Ringen um ein Ende des Kriegs pausieren zurzeit. Auch US-Vermittler erreichten keinen Durchbruch. Ein Termin für eine neue Runde in diesem Format gibt es nicht.
Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, dass Moskau bereit sei, eine US-Delegation zu empfangen. Russland verlangt von der Ukraine unter anderem den Abzug ihrer Truppen auch aus den Teilen im Gebiet Donbass, die Moskaus Streitkräfte bisher nicht einnehmen konnten.
Der Donbass umfasst die Regionen Donezk und Luhansk. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnte eine Aufgabe von Gebieten kategorisch ab. (dpa/red)