Insgesamt währte die Irrfahrt von Odysseus und seinen Männern zehn Jahre, doch von mehr als 480 Männern überlebte nur einer. - Foto: chaiyapruek2520/iStock
In Kürze:
Odysseus ist einer der bekanntesten Helden der griechischen Mythologie.
Seine Irrfahrt nach dem gewonnenen Krieg gegen Troja erzählt der griechische Dichter Homer in dem Epos „Odyssee“.
Auf seiner zehnjährigen Reise begegnet Odysseus nicht nur Riesen, Monstern, Sirenen und einer Zauberin, sondern auch der Konsequenz.
Jeder Fehltritt von ihm und seinen Männern endet mit einer göttlichen Bestrafung und lehrt früher wie heute, wie wir richtig handeln sollten.
Die „Odyssee“ ist zusammen mit der „Ilias“, beide von dem griechischen Dichter Homer um das 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. geschrieben, eines der bekanntesten Werke der Antike. Wie keine anderen Schriftstücke prägten sie die westliche Literatur und ließen neue Gattungen wie die Lyrik oder das Drama entstehen.
Benannt ist das über 2.500 Jahre alte Werk nach seiner Hauptfigur: Odysseus, König von Ithaka. Die Geschichte setzt am Ende des berühmten Trojanischen Krieges an, bei dem Odysseus eine entscheidende Rolle spielte.
Nach dem Kriegsende trat der griechische Held mit seinen Männern die Heimreise und, ohne es zu wissen, seine „Odyssee“ an. Diese währte zehn Jahre und war von Gefahren, Abenteuern und Lehren für das Leben geprägt – ein Umstand, der das Epos noch heute aktuell macht.
Wer war Odysseus?
Odysseus ist neben Theseus und Herakles einer der bekanntesten Helden und Figuren in der griechischen Mythologie. Ob er jemals existierte, ist unbekannt. Laut den Mythen war der unter der Gunst der Göttin Athene stehende König von Ithaka der Gemahl der Prinzessin Penelope, mit der er einen Sohn namens Telemachos hatte.
Er selbst soll väterlicherseits von Göttervater Zeus und mütterlicherseits von Hermes, dem Schutzgott der Reisenden, aber auch dem Gott der Diebe und des Betrugs, abstammen. Von Letzterem habe der als athletisch und wortgewandt beschriebene Odysseus seinen klugen und listreichen Charakter.
Diese Marmorstatue soll den griechischen Helden Odysseus darstellen.
Dies machte ihn zu einer entscheidenden Person im Trojanischen Krieg. Einerseits soll er den berühmten Krieger Achilles überredet haben, am Krieg teilzunehmen, andererseits sei ihm die Idee vom Bau des hölzernen Pferdes und der List zur Eroberung des uneinnehmbaren Trojas gekommen. Danach war er bereit für seine turbulente Heimreise, die in der „Odyssee“ auf spannende und uns heute bekannte Weise beschrieben wird.
Insgesamt besteht die „Odyssee“ aus 24 Gesängen, vergleichbar mit Kapiteln, und 12.110 Versen. Wie moderne Bücher und Kinofilme ist die Geschichte voll mit parallelen Handlungen, Rückblenden und Wechseln der Erzählperspektive. In den ersten sieben Zeilen erhalten die Leser bereits einen Vorgeschmack auf das, was der Hauptakteur erleben wird:
„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet, Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft. Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte; Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben […]“
(Johann Heinrich Voß, 6. Auflage der „Odyssee“, Anaconda Verlag, 2015)
Das Epos setzt im siebten Jahr nach dem Ende des Trojanischen Krieges ein. Odysseus ist zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre von seiner Heimat weg. Sein Sohn ist inzwischen ein erwachsener Mann und hegt wie seine Mutter kaum mehr Hoffnung auf die Rückkehr seines Vaters. Während der Held auf einer Insel von der Meeresnymphe Kalypso gefangen gehalten wird, reißen sich in seiner Heimat zahlreiche Bewerber um die Hand seiner Frau – und vor allem um den Thron Ithakas.
In den Gesängen 5 bis 8 erfährt der Leser, dass Göttervater Zeus schließlich Odysseus’ Freilassung erwirkt. Der nach Rache dürstende Meeresgott Poseidon und Bruder von Zeus ist alles andere als begeistert und lässt Odysseus’ Floß zerschellen. Der griechische Held kann sich auf eine Insel retten, auf der er von dem dortigen König freundlich aufgenommen wird. Hier erzählt Odysseus, verpackt in den Gesängen 9 bis 12, seine bewegende Geschichte und damit im Wesentlichen seine Irrfahrt.
Der Rest der Geschichte handelt von seiner finalen Heimkehr nach Ithaka, wo er die Bewerber seiner Frau listreich ausschaltet und glücklich und um viele Erkenntnisse reicher wieder mit seiner Familie vereint ist.
Odysseus ist wieder in Ithaka und beseitigt die Freier in seinem Zuhause.
Auf seiner zehnjährigen Heimreise machte Odysseus absichtlich oder unfreiwillig an mehr als einem Dutzend Orten rund um das antike Mittelmeer halt. Diese waren jedoch nicht bloß Stationen auf seiner Reise, sondern Prüfungen des Lebens.
Ungefähre Reiseroute von Odysseus gemäß der Erzählung „Odyssee“ von Homer und Lokalisierungsversuchen von Forschern.
Foto: Epoch Times; dikobraziy/iStock
1. Troja
Nach dem zehnjährigen Krieg treten Odysseus und seine Mannschaft, bestehend aus zwölf Schiffen mit je mindestens 40 Männern, umgehend die Heimreise an.
„Blick auf das brennende Troja“, ein Gemälde von Johann Georg Trautmann (1713–1769).
Die Flotte legt einen Zwischenstopp in Thrakien beim Volk der Kikonen ein. Odysseus und seine Männer überfallen und morden die ehemaligen Verbündeten Trojas. Statt die Heimreise anzutreten, lässt sich Odysseus von seinen Männern überreden, den Ort weiter zu plündern.
Doch dies wurde bestraft. Einige Kikonen konnten fliehen, organisierten Hilfe bei anderen Stämmen und griffen die Ithaker unerwartet an. Odysseus verliert rund 70 Männer und macht sich mit zehn verbliebenen Schiffen auf den Rückweg.
Zusätzlich straft der Göttervater Zeus die siegreichen Griechen wegen ihres blutrünstigen und unmoralischen Verhaltens und lässt einen Sturm aufziehen. Neun von zehn Schiffen Odysseus’ überstehen den Sturm, müssen aber am nächsten Festland repariert werden.
3. Land der Lotophagen
Im Land der Lotophagen, das heute an der libyschen Küste verortet wird, lässt Odysseus die Schiffe ankern und reparieren. Eine Handvoll seiner Männer isst jedoch die dort heimischen Lotusfrüchte, die sie glücklich machen und ihre Heimat vergessen lassen. Der griechische Held muss seine Krieger gewaltvoll an Bord der Schiffe ziehen und verlässt umgehend den Ort.
Odysseus bringt seine von Lotusfrüchten beeinflussten Männer zu seinen Schiffen.
Aus Neugier lässt Odysseus seine Männer die Schiffe in der Nähe der Kyklopeninsel festmachen, was sich schon bald als schwerer Fehler erweisen sollte. Der griechische Held schleicht sich zusammen mit zwölf Männern in die Höhle des Kyklopen Polyphem, der ihnen nicht freundlich gesinnt ist und sechs Krieger verspeist.
Odysseus, der sich als „Niemand“ vorstellt, überlistet den einäugigen Riesen, indem er ihn betrunken macht. Die Krieger blenden den Kyklopen im Schlaf mit einem glühenden Pfahl und entkommen versteckt zwischen einer Schafherde aus der Höhle. Bevor der Kyklop dies bemerkt, sind Odysseus und seine Männer auf den Schiffen und segeln fort.
„Odysseus und Polyphem“, gemalt von Arnold Böcklin (1827–1901).
Doch aus Stolz über seine List und aus Wut über den Verlust von sechs Kriegern begeht Odysseus den Fehler, den Kyklopen zu verhöhnen und ihm seinen wahren Namen nachzurufen. Daraufhin verflucht Polyphem den griechischen Helden und bittet seinen Vater Poseidon, Rache an Odysseus zu üben:
„Vater! Erderschütterer und Meeresgott! Hier ist dein Sohn Polyphem. Möge Odysseus niemals den Weg nach Hause finden. Sollten die Erinnyen aber verlangen, dass er zu seiner Familie zurückkehrt, soll ihm das nur nach Jahren der Tortur und des Leids gelingen, ganz allein mit all seinen Schätzen, nachdem er seine Gefährten und Schiffe verloren hat.“
5. Insel des Aiolos
Als Nächstes machte die Flotte auf der Insel von Windgott Aiolos halt. Er will Odysseus und seinen Männern helfen und schenkt ihnen einen Lederschlauch, in dem alle Winde, außer dem Westwind, der sie nach Hause bringen soll, eingesperrt sind.
Aus Gier und Unwissenheit öffnet die Mannschaft des griechischen Helden kurz vor der Ankunft in Ithaka heimlich den Schlauch. Ähnlich wie die Büchse der Pandora wird das „Unheil“ entfesselt und die freigelassenen Winde erzeugen einen Sturm, der die Schiffe weit von der Heimat wegtreibt.
„Aiolos überreicht Odysseus die Winde“, gemalt von Isaac Moillon (1614–1673).
Orientierungslos nach dem Sturm ankern die Schiffe der Flotte im Hafen von Telepylos – außer dem Schiff von Odysseus. Dies ist sein Glück, denn hier leben die riesigen Laistrygonen, die die Schiffe mit Steinbrocken bewerfen. Der griechische Held kann mit seinem Schiff und den verbliebenen rund 40 Männern entkommen.
Diese künstlerische Darstellung zeigt Odysseus bei den Laistrygonen.
Das verbliebene Schiff landet an der Insel Aiaia an, auf der die Zauberin Kirke lebt und in Tiere verzauberte Menschen hält. Das gleiche Schicksal ereilt die Hälfte von Odysseus’ Männern, die in Schweine verwandelt werden.
Dank eines Krauts, das Odysseus von dem Götterboten Hermes bekommt und ihn gegen die Magie immun macht, trifft sich der griechische Held mit Kirke und erwirkt, dass seine Männer zurückverwandelt werden und alle unbeschadet weiterziehen können.
Bis zum Aufbruch verstreicht jedoch ein Jahr und Odysseus geht eine Liaison mit der Zauberin ein. Aus Liebe zum Helden gibt Kirke ihm den Rat, in der Unterwelt den Seher Teiresias aufzusuchen und ihn nach dem weiteren Weg zu fragen.
Das Fresko von Giovanni Battista Trotti (1555–1619) zeigt die Zauberin Kirke, die Odysseus’ Männern ihre menschliche Gestalt zurückgibt.
Im „Haus des Hades“, dem Reich des Totengottes, sucht Odysseus nach einer Opfergabe den blinden Propheten auf. Dieser weissagt ihm: „Was du Polyphem angetan hast, hat Poseidon erzürnt. Nicht leicht, ihn zu besänftigen. Deine Zukunft steht mir vor Augen. Ich sollte besser sagen: deine Zukünfte. Je nachdem, welche Entscheidung du triffst, werden sich unterschiedliche Wege vor dir auftun.“
Weiter erklärt Teiresias: „Bald schon wird dein Schiff Thrinakia erreichen, die Insel, auf der Helios seine Rinder und Schafe hält. […] Rührst du sie nicht an, geht alles gut. […] Solltest du aber auch nur einem einzigen dieser heiligen Tiere etwas antun, sage ich den Verlust deines Schiffes und aller deiner Männer voraus. Deine Heimkehr wird sich um Jahre verzögern.“
„Theresias erscheint dem Ulysseus [Odysseus] während der Opferung“, ein Gemälde von Johann Heinrich Füssli (1741–1825).
Mit dem Wissen um seine Zukunft reist Odysseus mit seinen Männern weiter. Zunächst müssen sie die Insel der Sirenen passieren, jener Fischfrauen, die mit ihrem verlockenden Gesang Seemänner in den Tod ziehen. Dank der Idee des Helden, sich Wachs in die Ohren zu schmieren und einfach vorbeizurudern, entgehen sie der lauernden Gefahr.
„Odysseus und die Sirenen“, ein Gemälde von Herbert James Draper (1863–1920).
Nur Odysseus weiß nun, was die Mannschaft als Nächstes erwartet: eine Meerenge, die den einzigen Weg nach Hause darstellt, die aber von zwei Monstern bewohnt wird. Der griechische Held hat die Wahl: Fahren sie dicht an dem sechsköpfigen Seeungeheuer namens Skylla vorbei, das seine Männer verspeisen könnte, oder entscheidet er sich dafür, nah an dem Strudel Charybdis vorbeizufahren und zu riskieren, dass das gesamte Schiff vom Meer verschluckt wird?
Der König von Ithaka wählt das menschenfressende Monster, ohne seine Männer zu warnen. Zu groß ist seine Angst, dass sich seine Männer weigern könnten und sie nie die ersehnte Heimat erreichen. Als das Schiff vorbeifährt, reißt Skylla sechs Männer in den Tod. Der Rest der Mannschaft überlebt.
„Odysseus vor Skylla und Charybdis“, ein Gemälde von Henry Fuseli (1741–1825).
Obwohl sie alles haben, um bis nach Ithaka durchzufahren, gewährt Odysseus seinen Männern, an der Insel Thrinakia kurz haltzumachen. Doch schlechte Winde verhindern eine baldige Weiterfahrt und die Essensvorräte gehen zur Neige.
Trotz der Warnung schlachten Odysseus’ Männer einige der auf der Insel grasenden Rinder. Alle außer Odysseus essen sich an dem Fleisch satt, bevor sich das Wetter bessert und sie die Leinen ihres Schiffes lösen.
Kurz nach der Abfahrt zieht ein gewaltiger Sturm auf, geschickt von den Göttern aus Zorn über das Vergehen und den Hochmut der Krieger. Das Schiff wird zerstört und bis auf Odysseus sterben alle Männer. Sein Verzicht rettete ihm das Leben.
„Die Gefährten des Odysseus rauben die Rinder des Helios“ von dem Maler Pellegrini Tibaldi (1527–1596).
Odysseus schafft es an Land der Insel Ogygia, auf der die Meeresnymphe Kalypso lebt. Diese verliebt sich in den Helden, will ihn als ihren Gemahl und hält ihn sieben Jahre lang auf der Insel fest. Sie bekommen gemeinsam zwei Kinder, doch das Angebot der Unsterblichkeit lehnt Odysseus ab – zu groß ist sein Wunsch, nach Ithaka zurückzukehren. Seine Schutzgöttin Athene erwirkt schließlich, dass Kalypso den Helden ziehen lässt.
„Hermes befiehlt Calypso, Odysseus freizulassen“ von Gerard de Lairesse (1641–1711).
In Scheria, dem Land der Phaiaken, angekommen, erzählt Odysseus dem dortigen König Alkinoos seine Geschichte. Indem ein Schiff Odysseus nach Ithaka bringt, endet seine zehnjährige Irrfahrt.
„Odysseus am Hofe des Alkinoos“ von Francesco Hayez (1791–1882).
Außerdem gibt es Zweifel daran, dass die Geschichte aus der Feder von Homer stammt beziehungsweise der Dichter der alleinige Autor war. Gegen Homer spreche, dass die „Odyssee“ und die „Ilias“ unterschiedlich dargestellt sind. Während die „Ilias“ als reale Kriegsgeschichte erscheint, wirkt die „Odyssee“ mehr wie ein Märchen. Für Homer als Verfasser beider Werke sprechen dagegen der ähnliche Schreibstil und Ausdruck.
Ein Papyrus aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. mit einem Ausschnitt aus der „Odyssee“.
Während die „Ilias“ mit dem Trojanischen Krieg archäologisch belegt ist, suchen Historiker noch immer Beweise für die Irrfahrt. So gehen bei dem Versuch, die Stationen von Odysseus’ Reise mit realen Orten zu verbinden, die Meinungen der Forscher, wie häufig in der Wissenschaft, auseinander. Als einer der renommierten „Odyssee“-Forscher gilt Peter Struck von der University of Pennsylvania, USA, der die Reiseroute anhand des Epos untersuchte und rekonstruierte.
Das prophezeite Ende
Doch was wurde schließlich aus dem antiken Helden, nachdem er erfolgreich in seine Heimat zurückgekehrt war? Von Homer ist dazu nichts bekannt. Dafür verfassten andere antike Schriftsteller wie Aischylos oder Aristoteles zahlreiche Versionen.
In wenigen Schriften heißt es, dass der König von Ithaka wegen der Morde an den Freiern seiner Frau verbannt wurde oder aufgrund seines hohen Alters friedlich starb. In anderen Geschichten endet sein Leben durch die Hand eines seiner unehelichen Kinder, das ihn mit einem Rochenstachel tötet. Dieses Ende passt zum Fluch des Kyklopen, dem Sohn des Poseidon, und der Weissagung des Propheten Teiresias, wonach ihn ein „sanfter Tod durch das Meer erwartet“.
Vieles um Odysseus und seine Irrfahrt ist bis heute ein Rätsel. Doch egal ob sich die „Odyssee“ jemals so abgespielt hat oder nicht, die Geschichte und ihre Lehren daraus bleiben uns erhalten.
Buchtipp: „Odyssee“
In einer humorvollen und spannenden Art und leicht verständlich beschreibt der britisch-österreichische Schriftsteller Stephen Fry das Epos von Odysseus. Zusammen mit seinen Büchern „Mythos“, „Helden“ und „Troja“ liefert „Odyssee“ einen spannenden Einblick in die griechischen Mythen und schildert, wie diese in unserem alltäglichen Leben heimlich präsent sind.
Wie genau antike Bibliotheken aussahen, ist kaum bekannt. (Symbolbild) - Foto: Shaiith/iStock
In Kürze:
Früher wie heute gibt es zahlreiche Bibliotheken, in denen kluge Köpfe Texte studieren, Entdeckungen machen und Neuheiten entwickeln.
In der Antike gab es neben der Bibliothek von Alexandria vier weitere große Einrichtungen, die zu Geburtsstätten für Neuerungen wurden.
Ihre Geschichten blieben erhalten, weil bestimmte Menschen die Vergangenheit vor der Vernichtung bewahren wollten.
Wenn wir an Griechenland, Rom oder andere antike Hochkulturen denken, kommen uns meist Tempel, Denkmäler und Marmorstatuen in den Sinn. Aber denken wir dabei jemals an Bibliotheken?
Nach der Erfindung der Schrift wurden Bibliotheken zum pulsierenden Herzstück menschlicher Gesellschaften. Sie bewahrten Rechtsdokumente auf, schützten weltbewegende Literatur und fungierten als Bildungszentren im Dienste des Gemeinwohls.
Das königliche Archiv der Hethiter
Zu den ältesten Historikern der Welt gehören unter anderem die Hethiter, deren Überlieferungen in Keilschrift verfasst sind. Sie lebten um 2000 v. Chr. in Kleinasien und entwickelten sich zu geschickten Schmieden und kriegslustigen Wagenlenkern. Außerdem besaßen sie ein ausgeklügeltes Rechtssystem, das sie in zahlreichen Schriften festhielten.
Das hethitische Königreich erhielt seinen Namen von der Hauptstadt Ḫattuša. Hier begannen Archäologen in den frühen 1900er-Jahren mit Ausgrabungen und fanden Tempel, kolossale Steintore und andere bemerkenswerte Relikte. Dazu gehört eine riesige königliche Schriftensammlung, die heute als „Boğazköy-Archiv“ bekannt ist.
Insgesamt besteht das Archiv aus über 25.000 Tontafeln in acht Sprachen und umfasst Jahrbücher, Gesetze, Kodexe, diplomatische Korrespondenzen und Gebete sowie Aufzeichnungen über Feste und Mythen. Sie alle sind wertvolle Quellen, um die Geschichte einer längst vergangenen Kultur zu verstehen.
So stammt aus Ḫattuša etwa der älteste internationale Friedensvertrag der Geschichte. Dieses Dokument verkündete einen dauerhaften Waffenstillstand zwischen den Hethitern und den Ägyptern, die einen zwei Jahrhunderte andauernden Krieg gegeneinander führten. Laut dem Vertrag sollen Pharao Ramses II. und Großkönig Ḫattušili III. letztlich Freunde und durch ein unzerstörbares Band miteinander verbundene „Brüder“ geworden sein.
Einem von Hunderten versöhnlichen Briefen zwischen Ramses II. und der hethitischen Königin Puduhepa zufolge sei der Waffenstillstand aus religiösen Gründen erfolgt. Mit den Worten des Pharaos: „Der Sonnengott und der Sturmgott werden uns Brüderlichkeit und Frieden schenken, auch in dieser guten Beziehung, in der wir uns für immer befinden. Und unsere Boten werden für immer ununterbrochen zwischen uns hin- und herreisen und Brüderlichkeit und Frieden fördern.“
Fragmente der Tontafel, auf der der Ägyptisch-Hethitische Friedensvertrag geschrieben steht.
Eine ähnliche Sammlung von Tontafeln wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in der alten assyrischen Hauptstadt Ninive im heutigen Irak gefunden. Im 7. Jahrhundert v. Chr. drangen kriegerische Stämme in die Gebiete des Assyrischen Reiches ein. Die prekäre geopolitische Lage könnte Assurbanipal, den letzten großen assyrischen König (circa 669–631/627 v. Chr.), dazu motiviert haben, zahlreiche Texte zu sammeln.
Ähnlich wie das Archiv der Hethiter umfassen die rund 30.000 Tontafeln Gesetzestexte, Gerichtsverfahren, Korrespondenzen und Finanzberichte. Das Archiv enthält zudem eine ungewöhnlich große Anzahl von Texten über die Weissagung. In turbulenten Zeiten verließen sich Priester und Könige häufig auf die alte Praxis des Zeichendeutens, um Einblicke in die Zukunft zu gewinnen.
Assurbanipal sandte Botschaften quer durch Mesopotamien und forderte die Städte auf, ihm Kopien ihrer lokalen Dokumente zu schicken. Zusätzlich beauftragte der König einige Schreiber damit, Duplikate der Tontafeln aus Ninive anzufertigen. Ähnlich wie sein Interesse an der Wahrsagerei lässt sich das Sammeln und Kopieren von Dokumenten mit dem Erhalt von Wissen für die Nachwelt erklären. Vielleicht war es sein Wunsch, dass künftige Generationen das Alte würdigen.
Assyrisches Relief des Banketts von Assurbanipal aus Ninive.
Der englische Schriftsteller H. G. Wells (1866–1946) bezeichnete Assurbanipals Archiv als „die wertvollste Quelle für historisches Material weltweit“. Zu den darin enthaltenen Werken gehört unter anderem eine Fassung des sogenannten Gilgamesch-Epos. Diese Geschichte handelt von Gilgamesch und Enkidu, zwei Feinden, die zu Freunden wurden. Gemeinsam besiegten sie übernatürliche Wesen, um ihre Tapferkeit und Stärke unter Beweis zu stellen.
Doch wegen ihrer Überheblichkeit bestraften die Götter die beiden Freunde, indem sich Enkidu mit einer tödlichen Krankheit infizierte. Sein bevorstehender Tod spornt Gilgamesch dazu an, sich auf eine beschwerliche Reise zu begeben, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu suchen. Und wer weiß: Wenn ein assyrischer König seine zerfallende Welt nicht hätte bewahren wollen, wäre diese Geschichte vielleicht auf ewig verloren gegangen.
Auch Homer wäre heute vielleicht ein Niemand, wenn fleißige Gelehrte nicht unzählige Stunden damit verbracht hätten, seine und andere Werke aus der berühmten Bibliothek von Alexandria zu studieren, zu kopieren und in die Welt zu tragen.
Die Bibliothek von Alexandria hatte nichts mit den privaten Archiven der Hethiter und Assyrer gemein. Sie wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. erbaut – wahrscheinlich von Ptolemäus II., König von Ägypten. Nach dem Tod Alexanders des Großen im Jahr 323 v. Chr. wurden die Ptolemäer zu einer der mächtigsten Königsdynastien im Mittelmeerraum.
Um die Pracht seines Reiches zu demonstrieren, investierte Ptolemäus II. stark in intellektuelle Projekte. Im Zentrum dessen standen die Bibliothek von Alexandria und das benachbarte Mouseion, ein Tempel für die Musen. Hier hielten nicht nur Gläubige ihre Gebete ab, sondern Gelehrte betrieben auch ihre Studien. Einer Legende zufolge soll der antike Ingenieur Archimedes seine revolutionäre Wasserpumpe während einer Forschungsreise in Alexandria erfunden haben.
Die Bibliothek ähnelte damit vermutlich heutigen Universitäten mit einem gemeinsamen Speisesaal sowie Lese- und Besprechungsräumen. Lehrer und Schüler saßen in Gärten und Hörsälen zusammen und diskutierten über Ideen oder studierten die große Sammlung von Papyrusrollen.
Künstlerische Darstellung der großen Bibliothek von Alexandria.
Im Jahr 48 v. Chr. soll laut antiken Schriftquellen dann die Katastrophe eingetreten sein: Ein Brand vernichtete rund 40.000 Papyrusrollen. Wie viele Werke unversehrt blieben, ist nicht bekannt. Zu den wertvollsten Werken der Bibliothek zählten einige der frühesten Fassungen von Homers Epen.
Die Bibliothek selbst bestand mehrere Jahrhunderte lang, bis Krieg und Vernachlässigung gleichermaßen zu ihrem Untergang führten. Das Gebäude stürzte wahrscheinlich um 300 n. Chr. ein. Was blieb, waren die dort zu Gast gewesenen Gelehrten, die den Grundstein für die westliche Literatur legten – ein Einfluss, der weit über die Stadt hinausreichte.
Um 300 v. Chr. ließen sich griechische Kolonisten an der türkischen Westküste nieder, wo sie Pergamon gründeten. In weniger als einem Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem kulturellen Zentrum. Ihr Höhepunkt war erreicht, als Pergamons Herrscher Eumenes II. (um 221–158 v. Chr.) beschloss, eine beeindruckende Bibliothek zu errichten. Damit wollte er unter anderem die Überlegenheit seiner Stadt gegenüber Alexandria demonstrieren.
Pergamon erreichte wahrscheinlich nie die Größe der Sammlungen Alexandrias. Doch der Wettbewerbsgeist seiner Bibliothekare könnte zu einem Durchbruch in der Buchtechnologie geführt haben, der schließlich eine Brücke zwischen der antiken und der modernen Welt schlug.
Blick auf die Überreste der Bibliothek von Pergamon im heutigen Bergama in der Türkei.
Foto: resulmuslu/iStock
Der in Alexandria verwendete Papyrus war billiger und benutzerfreundlicher als die zerbrechlichen Tontafeln. Doch Papyrus hatte einige Nachteile: Bei schlechter Qualität und Lagerung konnten die Schriftrollen binnen weniger hundert Jahre zerfallen.
Um die Mängel zu beheben, sollen die Bibliothekare von Pergamon angefangen haben, mit „Vellum“, den behandelten Häuten von Kalb, Schaf oder Ziege, zu experimentieren. Dieses Material ist heute als „Pergament“ bekannt. Der Begriff leitet sich über das Lateinische („pergamenum“) und das Französische („parchemin“) vom Namen der Stadt ab.
Pergament ermöglichte schließlich den Übergang von zerbrechlichen Schriftrollen zu haltbaren, gebundenen Papierstapeln, den Kodexen. Auch wenn der Begriff „Kodex“ heute vor allem für mittelalterliche Handschriften verwendet wird, folgt doch jedes Buch diesem Format. Hinzu kommt, dass Mönche im Mittelalter zahlreiche antike Schriften kopierten und so das Wissen bewahrten.
Rom und die erste öffentliche Bibliothek
Im Jahr 39 v. Chr. soll der Staatsmann Gaius Asinius Pollio eine heruntergekommene Bibliothek im Herzen Roms renoviert haben – finanziert aus Kriegsbeute. Das renovierte Gebäude nahe dem Marktplatz Forum Romanum trug den Namen „Atrium libertatis“ (zu Deutsch: „Haus der Freiheit“).
Die Bibliothek mit ihren Bürgerlisten und wertvollen Karten war ebenso wie der Garten und eine angrenzende Kunstgalerie uneingeschränkt für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Ort war zweifellos für jene Römer geschaffen, die gebildet waren und lesen konnten – was vom sozialen Status abhing. Aber im Prinzip konnte jeder eintreten.
Die Bibliothek von Gaius Asinius Pollio musste im 2. Jh. n. Chr. dem Trajansforum weichen, dessen bauliche Überreste noch heute in Rom zu sehen sind.
Foto: ABBPhoto
Auf dem Weg zur Bibliothek gingen die Besucher an unter freiem Himmel aufgestellten Statuen vorbei. Wie der römische Historiker Plinius der Ältere (circa 23–79 n. Chr.) schrieb, regten diese Statuen die Besucher dazu an, über das Leben und Wirken von Gelehrten nachzudenken. Plinius lobte Pollio dafür, eine Bibliothek gegründet zu haben, die die Werke großer Männer zum Eigentum der Öffentlichkeit machte.
Des Weiteren soll Pollio die römischen Bürger dazu bewogen haben, an Dichterlesungen und anderen interaktiven Veranstaltungen teilzunehmen. Als Förderer einiger der vielversprechendsten Künstler seiner Zeit soll Pollio sogar eine öffentliche Lesung von Vergil, dem Verfasser der berühmten „Aeneis“, initiiert haben. Das Publikum zeigte sich fasziniert, und Vergils Karriere als einer der größten Dichter der römischen Geschichte soll ins Rollen gekommen sein.
Während die hethitischen und assyrischen Archive zusammengestellt wurden, um komplexe Rechtssysteme zu dokumentieren oder das Vermächtnis eines Monarchen in chaotischen Zeiten zu bewahren, wandten sich die Bibliotheken von Alexandria und Pergamon aktiver dem intellektuellen Nutzen zu. Dies brachte nützliche Erfindungen und zeitlose Ideen hervor.
Mit Pollios öffentlichem Gebäude übernahm die Bibliothek schließlich eine Funktion, die sie bis heute erfüllt: Sie wurde zu einem freien Raum, in dem gewöhnliche Menschen großartige Literatur lesen, Kunst genießen und ihren Geist kultivieren konnten.
Diese fünf Stätten sind heute alle zerstört und von dem, was sie einst beherbergten, ist nur ein kleiner Bruchteil erhalten. Doch ihre Relikte vermitteln eine wichtige Lektion: Die Vergangenheit kann so zerbrechlich sein wie Ton oder Papier. Sie ist stets den zerstörerischen Kräften ausgesetzt, die schon Bibliothekare auf ihren edlen Missionen zur Bewahrung des Erbes plagten.