Categories
ticker wissen

Weltbild im Wandel: Als in der Antike die Sonne im Zentrum stand


In Kürze:

  • Heute herrscht das heliozentrische Weltbild mit seiner Sonne im Mittelpunkt vor, das mit dem preußischen Astronomen Nikolaus Kopernikus verbunden wird.
  • Die Kopernikanische Wende sorgte mit der Abkehr vom seit Jahrtausenden etablierten, geozentrischen Weltbild für große Aufregung.
  • Tatsächlich war die Idee aus dem 16. Jahrhundert keine neue, sondern hatte ihre Wurzeln in der Antike.

 
Das berühmteste Beispiel für Wissen, das seiner Zeit voraus war und dann in Vergessenheit geriet, sind frühe astronomische Entdeckungen. Bis ins 16. Jahrhundert dominierte das geozentrische Modell die gebildete Welt. Unverrückbar stand hier die Erde und damit der Mensch im Mittelpunkt des Universums, um die sich Sonne, Mond und Planeten drehten.
Diese Theorie, aufgestellt von bekannten Philosophen und verfeinert von Astronomen, hatte ihre Wurzeln im antiken Griechenland. Sie hielt sich über Jahrhunderte, bis ein Mann namens Nikolaus Kopernikus mit einer scheinbar neuen Theorie aufwartete: der Sonne im Zentrum. Doch was als wissenschaftliche Neuheit erschien, war in Wahrheit bereits vor über 2.000 Jahren entdeckt worden.

Ein starres Modell

Schon in der Antike versuchten die Menschen, unseren Planeten mit all seinen Eigenheiten und natürlichen Gesetzen zu verstehen. Doch der Drang nach Wissen blieb nicht auf die Erde beschränkt. So versuchten frühe Astronomen zu verstehen, in welcher Beziehung die Erde und andere Planeten zu Sonne, Mond und Sternen stehen.
Einer dieser ersten „Forscher“ war der griechische Mathematiker Eudoxos von Knidos (um 397–338 v. Chr.). Er vermutete, dass alle Himmelskörper in perfekten Bahnen um die kugelförmige, stillstehende Erde kreisen.
Auf dieser Vorstellung baute der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) seine Theorie eines geozentrischen Weltbildes auf und schrieb sie in seinem Werk „Über den Himmel“ nieder.

Die Büste von Aristoteles aus Marmor ist die römische Kopie eines griechischen Bronze-Originals.

Demnach bilde die Erde den Mittelpunkt, um die sich in verschiedenen Sphären andere Himmelskörper bewegen. Der Mond läge in der innersten und langsamsten Sphäre, während die Sterne an der äußersten und schnellsten Sphäre säßen. Zudem würden die Planeten und die Sonne aus der Quintessenz bestehen, dem fünften und nicht irdischen Element, das die besonderen Eigenschaften der Himmelskörper erkläre.

Verrückte Welt mit Lücken

Doch bereits in der Antike war Aristoteles‘ Modell nicht perfekt und wies erhebliche Lücken auf. So konnten die Astronomen damit beispielsweise nicht erklären, wieso die Planeten Mars und Jupiter gelegentlich rückwärts über den Himmel ziehen.
Dafür gab es zwei Lösungen: Der griechische Astronom und Mathematiker Aristarchos von Samos (um 310–230 v. Chr.) soll erstmals die These aufgestellt haben, dass sich die Erde um ihre eigene Achse dreht und um die Sonne kreist. Seine ursprünglichen Schriften zu diesem Thema sind nicht erhalten geblieben, sodass wir seine Ideen hauptsächlich durch Verweise anderer Autoren, darunter Archimedes, kennen.
Nur wenig später lieferte der griechische Mathematiker Apollonios von Perge (um 265–190 v. Chr.) ebenfalls eine Lösung – ohne das Weltbild sprichwörtlich auf den Kopf zu stellen: Er behob den Makel, dass sich die Planeten rückwärts bewegten, indem er die Epizykeltheorie ins Leben rief. Diese besagt, dass Himmelskörper separat von einer großen Umlaufbahn, dem sogenannten Deferenten, ihre eigenen kleineren Kreise ziehen, dem Epizykel, womit rückläufige Bewegungen von Planeten möglich sind.

Das Schema zeigt die Bewegung eines Planeten nach der Epizykeltheorie.

Aber auch dann schien das Modell nicht recht zu den Beobachtungen am Himmel zu passen. Der Astronom Hipparchos von Nicäa (um 190–120 v. Chr.) entwickelte das geozentrische Modell weiter und verbesserte zahlreiche astronomische Berechnungen. Seine Ideen fanden jedoch zu seiner Zeit keinen Anklang.
Dies änderte sich rund 300 Jahre später mit Claudius Ptolemäus (um 100–160 n. Chr.), der das geozentrische Weltbild um die Epizykeltheorie erweiterte. Seiner Vorstellung nach stand die Erde im Mittelpunkt des Universums, während Sonne, Mond und Planeten sie auf verschiedenen Kreisbahnen umkreisten. Um die beobachteten unregelmäßigen Bewegungen der Planeten zu erklären, führte Ptolemäus zusätzliche Kreisbewegungen, sogenannte Epizykel, sowie einen weiteren Bezugspunkt, den Äquantenpunkt, ein.
Obwohl das geozentrische Weltbild nach Ptolemäus immer noch Unstimmigkeiten aufwies, sollte es für die nächsten 1.400 Jahre die Sicht auf die Welt prägen.

Drei Astronomen auf der Spur der Wahrheit

Diese Ära endete 1543 mit der Veröffentlichung von „De revolutionibus orbium coelestium“ durch Nikolaus Kopernikus (1473–1543). In seinem Modell umkreisten die Erde und andere Planeten folgerichtig die Sonne, während nur noch der Mond um uns kreiste.
Geozentrisches und heliozentrisches Weltbild im Vergleich

Vergleich des geozentrischen Weltbildes (o.) und des heliozentrischen Weltbildes (u.).

Unterstützt wurde Kopernikus durch die Studien von weiteren bekannten Astronomen: Galileo Galilei (1564–1641) und Johannes Kepler (1571–1630). Während Galilei mit seinem Teleskop die Himmelsbeobachtung verbesserte und zahlreiche Beweise gegen das geozentrische Weltbild sammelte, entdeckte Johannes Kepler, dass die Planetenbahnen keine perfekten Kreise, sondern Ellipsen sind.

Ideen der Zeit voraus

Das neue Weltbild weckte bekanntlich Unmut bei den damaligen Obrigkeiten. Viele Gelehrte, die das heliozentrische Weltbild vertraten, wurden von der Katholischen Kirche als Ketzer bezeichnet und beschuldigt, falsche Lehren zu verbreiten. Doch der Versuch, die Kopernikanische Wende zu verhindern, gelang letztlich nicht und das heliozentrische Weltbild, das eigentlich seit fast 2.000 Jahren bekannt war, etablierte sich.
Kopernikus selbst entwickelte das Weltbild vermutlich nicht völlig neu. Laut einer 2025 veröffentlichten Studie soll auch der arabische Astronom Ibn asch-Schatir (1304–1375) die Mängel im geozentrischen Modell gekannt haben. Schon 200 Jahre vor Kopernikus schlug er vor, nicht die Erde, sondern die Sonne ins Zentrum zu stellen. Der Studie zufolge könnten Gemeinsamkeiten zwischen den Modellen Ibn asch-Schatirs und Kopernikus‘ auf einen Wissenstransfer hindeuten.
Doch letztlich waren weder Kopernikus noch Ibn asch-Schatir vermutlich die ersten Astronomen, die die Sonne ins Zentrum des (antiken) Kosmos stellten. Dies bleibt Aristarchos vorbehalten, dessen Idee jedoch jahrhundertelang eine Randerscheinung blieb. Vielleicht war es für sie der falsche Zeitpunkt und die Menschheit noch nicht bereit dafür.
Heute wissen wir, dass sich die Sonne ihrerseits bewegt und wir nur eines von unzähligen Sonnensystemen in einer von noch mehr Galaxien sind. Was tatsächlich im Zentrum des Universums steht, bleibt auch heute noch unbekannt.
Weitere Artikel aus der Reihe „Rätselhafte Relikte“ finden Sie hier.
Categories
etplus ticker wissen

Legte der Heronsball den Grundstein für die Dampfmaschine?


In Kürze:

  • Vor rund 2.000 Jahren entstand in Ägypten mit dem Heronsball eine frühe Form der Dampfmaschine.
  • Der Entwickler der sogenannten Aeolipile war Heron von Alexandria, auf den auch die Erfindung von Wasserorgeln und münzbetriebenen Automaten zurückgeht.
  • Zwar nutzte die „Windkugel“ das Prinzip der Dampfkraft, doch als Energiequelle oder zum Antrieb im eigentlichen Sinne kam sie wahrscheinlich nie zum Einsatz.

 
Wenn es um die Dampfmaschine geht, glauben viele Menschen bis heute, dass der schottische Erfinder James Watt (1736–1819) diese erstmals während der Industriellen Revolution entwickelte. Doch dem ist nicht so, denn Watt verfeinerte lediglich die Erfindung des Briten Thomas Newcomen (1663–1729).
Doch auch Newcomen war nicht der Erste, der die erste Art einer Wärmekraftmaschine baute. Das Prinzip, mechanische Bewegung durch Dampfdruck zu erzeugen, um damit etwa Kolben, Räder oder Pumpen zu betreiben, wurde bereits vor rund 2.000 Jahren entdeckt.

Entwickelt in einer antiken Ideenschmiede

Den ersten bekannten Apparat dieser Art entwickelte der antike Mathematiker und Ingenieur Heron von Alexandria († nach 62 n. Chr.). Sein kreativer Schaffensort war die berühmte Bibliothek von Alexandria, wo Heron Schriften aus der gesamten, damals bekannten Welt studieren und allerlei physikalische Experimente durchführen konnte.
Es ist nicht auszuschließen, dass Heron dabei die Werke des ptolemäischen Erfinders Ktesibios (ca. 300–222 v. Chr.) und des römischen Ingenieurs Vitruv (ca. 80–15 v. Chr.) in den Händen hielt. Beide Gelehrte der vorchristlichen Zeit kannten bereits einen Apparat, der mittels kochendem Wasser einen starken Luftzug erzeugte.
Sehr wahrscheinlich sammelte Heron zur Zeit des römisch besetzten Ägyptens zahlreiche solche Erfindungen und wissenschaftliche Prinzipien und schrieb diese in eigenen Schriften nieder. Bis heute sind unter anderem die Werke „Dioptra“ („Buch der Optik“), Automata („Buch der Maschinen“), Pneumatika („Buch der Pneumatik und Hydraulik“) und Metrika („Buch der Messung“) bekannt.
Zwischen zahlreichen ausgeklügelten Konstruktionen wie einer Wasserorgel oder einem münzbetriebenen Weihwasserspender, die alle in Tempeln zum Einsatz kamen, beschrieb Heron auch den Aufbau und die Funktion einer Vorrichtung namens „Aeolipile“. Übersetzt bedeutet dies in etwa „Windkugel“, ist sprachlich an den griechischen Windgott Aiolos angelehnt und lässt die Art des Apparates bereits erahnen.

Die Zeichnung des 9. Jhs. soll den antiken Mathematiker und Ingenieur Heron von Alexandria zeigen.

Die Kunst, eine Kugel zum Drehen zu bringen

Bei seiner Aeolipile, die auch Heronsball genannt wird, handelte es sich um einen dreifüßigen Kessel, an dem eine Kugel über zwei Rohre so befestigt ist, dass sie sich drehen konnte. Der Kessel selbst ist geschlossen und mit Wasser gefüllt, während die Kugel zwei gegenläufig gebogene Austrittsdüsen besitzt.
Stellt man diesen Apparat nun über eine Hitzequelle, in der Antike ein gut geschürtes Holzfeuer, wird das Wasser im Kessel erhitzt und es entsteht Wasserdampf. Dieser sucht sich den Weg des geringsten Widerstands und strömt durch die Rohre in die Kugel, wo er schließlich aus den Düsen austritt.
Der Heronsball – schematische Zeichnung

Schematische Zeichnung des Heronsballs aus dem Jahr 1876.

Unter Berücksichtigung der Newtonschen Gesetze erzeugt der druckvoll entweichende Dampf mittels Rückstoßeffekt ein Drehmoment und die Kugel rotiert – wie ein Rasensprenger im Garten. Dabei wird thermische Energie in Rotationsenergie umgewandelt.
Um eine Windkugel erfolgreich zu betreiben, benötigte man jedoch saubere Handwerksarbeit und optimale Bedingungen. So müssen die Düsen tangential und nicht radial zur Rotationsachse ausgerichtet sein, damit die Kugel den maximalen Schwung erreicht. Wichtig ist auch eine leichtgängige Kugel, da ein Widerstand ebenso die Leistung verringert. Hinzu kommt, dass die Düsen nicht in die gleiche Richtung angebaut sein dürfen und das Wasser ausreichend stark erhitzt werden muss, da sonst kein Schub entsteht. [Mehr dazu]

Kuriosum ohne praktischen Nutzen?

Der Heronsball war somit eines der frühesten bekannten Instrumente, das Dampfdruck in Drehbewegung umwandelte – auch moderne Dampfturbinen machen sich dieses Prinzip zunutze. Allerdings diente er weder als Energiequelle noch als Antriebsart im Sinne einer Dampfmaschine.
Dass es dieses Gerät gab, wissen wir nur aus Schriftquellen – ein echtes Exemplar konnten Archäologen bislang nicht entdecken. Außerdem scheint diese Erfindung in der Antike praktisch nie verwendet worden zu sein. Schon damals galt der Heronsball als reines Kuriosum. Sein praktischer Nutzen wurde offenbar nicht erkannt.

Nachbau eines Heronsballs in einem griechischen Museum.

Wieso diese Erfindung nie in großem Umfang im antiken Alltag zum Einsatz kam, ist nicht genau bekannt. Bis damit wirklich eine Fabrik angetrieben oder etwas in Bewegung gesetzt wurde, vergingen wahrscheinlich rund 1.500 Jahre.

Aus einem Prinzip wird eine Dampfmaschine

Die erste dampfgetriebene Maschine meldete der spanische Universalgelehrte Jerónimo de Ayanz y Beaumont (1553–1613), der auch als „spanischer da Vinci“ bekannt ist, im Jahr 1606 zum Patent an.
Anders als die vorherigen Apparate kam diese frühe Dampfmaschine tatsächlich für Arbeitszwecke zum Einsatz – dem Auspumpen von Wasser in Bergwerken. Doch auch dieses Gerät war nicht dauerhaft funktionstüchtig und wurde im Laufe der nächsten 100 Jahre durch andere Erfinder stetig verbessert.
1712 war es dann soweit: Der Brite Thomas Newcomen baute eine Kolben antreibende atmosphärische Dampfmaschine. Mit dieser konnten zunächst lediglich Pumpvorgänge in Bergwerken getätigt werden. Sie hatte einen Wirkungsgrad von 0,5 Prozent.

Aufbau und Prinzip der Newcomen Dampfmaschine.

Dank zahlreicher Weiterentwicklungen gelang es James Watt schließlich 1769, den Wirkungsgrad zu erhöhen und die Dampfmaschine im großen Stil für die Industrie anwendbar zu machen. Der französische Offizier und Erfinder Nicholas Cugnot nutzte sie erstmals zum Antrieb eines Wagens und der britische Ingenieur und Maschinenbauer Richard Trevithick setzte sie schließlich auf Schienen.
Weitere Artikel aus der Reihe „Rätselhafte Relikte“ finden Sie hier.
Categories
ticker wissen

Erdbebendetektor anno 132: Der Seismoskop von Zhang Heng


In Kürze:

  • Das älteste Seismoskop, ein Gerät zur Erkennung von Erdbeben, wurde 132 n. Chr. von dem chinesischen Universalgenie Zhang Heng gebaut.
  • Laut Schriftquellen zeigte der Apparat in Form eines Bronzegefäßes im Jahr 138 die Richtung eines über 400 Kilometer entfernten Erdbebens korrekt an.
  • Möglich macht dies ein ausgeklügeltes, bis heute teils unerklärtes Schwingsystem im Inneren des Gefäßes, das einen Drachen eine Kugel speien und in das Maul einer Kröte fallen lässt.

 
Im Jahr 138 n. Chr. stand am kaiserlichen Hof der chinesischen Han-Dynastie ein großes Bronzegefäß. Was auf den ersten Blick wie ein zeremonielles Objekt aussah, war das weltweit erste Gerät, das Erdbeben anzeigte.
Das Seismoskop war ein großes, schweres Gefäß, an dessen Rand acht Drachen mit dem Kopf nach unten saßen. Im Maul hatten diese eine kleine Bronzekugel und blickten auf je eine mit offenem Maul lauernde Kröte hinab – jene Tiere, die im Alten China mit Katastrophen und Unheil in Verbindung gebracht wurden.
Eines Tages ertönte ein schriller, metallischer Klang – eine der acht Kugeln war in das Maul der Amphibie gefallen. Doch niemand am kaiserlichen Hof spürte auch nur die geringste Erschütterung. Der Boden bebte nicht, die Wände bekamen keine Risse und es waren keine Schreie zu hören.
Man hätte das Gerät leicht als defekt abtun können. Doch schon bald traf ein Bote mit der Nachricht ein, dass im Westen, weit entfernt vom kaiserlichen Hof, ein Erdbeben stattgefunden hatte. Wie sich herausstellte, hatte das geheimnisvolle Instrument das ferne Ereignis erfasst und dessen Richtung korrekt angegeben.
Nachbau vom chinesischen Seismoskop

Nachbau eines Seismoskops von Zhang Heng in einem Museum für chinesische Kultur im kanadischen Calgary.

Der Zeit voraus

Geschichten wie diese fesseln uns unter anderem deshalb, weil sie unsere gewohnte Sichtweise auf den menschlichen Fortschritt ins Wanken bringen. Wir neigen dazu, uns menschliches Wissen als einen langsamen, aber stetigen Aufstieg auf einer Leiter vorzustellen: von der Unwissenheit über die Entdeckung bis hin zur Verfeinerung. Jede Generation steht auf den Schultern der vorherigen und wird mit jedem Schritt ein wenig klüger.
Das reale Leben verläuft jedoch nicht immer so geradlinig wie eine Leiter. Manchmal gleicht es einem Archiv, das teilweise verbrannt wurde. So wurde vielleicht eine clevere Maschine, die einst perfekt funktionierte, nie nachgebaut oder eine Idee entstand vielleicht zu früh – lange bevor die Welt wusste, was sie damit anfangen sollte.
Zu diesen Maschinen, die trotz ihrer Perfektion in Vergessenheit gerieten, gehört der Erdbebendetektor des chinesischen Astronomen, Mathematikers und Erfinders Zhang Heng (78–139).
Nachbau vom chinesischen Seismoskop in China

Replik des Seismoskops von Zhang Heng im Museum von Macau.

Zhang Heng: Ein frühes Universalgenie

Zhang Heng studierte zunächst Literatur und arbeitete als Dokumentenmeister, bis er sich im Alter von 30 Jahren für ein Astronomiestudium entschied. Schnell wurde er für seine mathematischen und astronomischen Kenntnisse bekannt und als Astronom an den Hof von Hàn Āndì (94–125) berufen. Dort diente er dem Kaiser sowie seinen Nachfolgern Liu Yi und Shun.
Seine Aufgaben am kaiserlichen Hof umfassten unter anderem die Aufzeichnung von Himmelsbeobachtungen und Vorzeichen sowie die Erstellung eines Kalenders. Letzteres setzte er im Jahr 123 mit einem überarbeiteten Kalendersystem in die Tat um.
Außerdem verzeichnete Zhang Heng, der an das geozentrische Weltbild glaubte, 2.500 Sterne, beschrieb 124 Sternbilder und erkannte bereits die Zusammenhänge zwischen Sonnen- und Mondfinsternissen. Mit seinen Berechnungen, bei denen er den Himmelskreis mit dem Erddurchmesser verglich, kam er im Jahr 130 als erster Chinese mit 3,162… sehr nah an die Kreiszahl Pi (3,141…) heran.

Gedenkstatue von Zhang Heng an seinem Grab im chinesischen Nanyang.

Seine Kreativität und sein technisches Verständnis blieben jedoch nicht auf das Geistige beschränkt. Stattdessen betätigte sich der chinesische Gelehrte auch als Erfinder. So soll er als Erster eine mit Wasserkraft betriebene Armillarsphäre gebaut haben, also ein astronomisches Anschauungsmodell, das die Positionen und Bewegungen von Himmelskörpern darstellt.

Beben in Hunderten Kilometern Entfernung erkannt

Im Jahr 132 führte Zhang dem Kaiser schließlich seine berühmteste Erfindung vor: das Seismoskop. Anders als moderne Seismometer konnte es lediglich die ungefähre Richtung anzeigen, in der sich ein Erdbeben ereignete, ohne dabei den Zeitpunkt und die Stärke aufzuzeichnen.
Wie effizient das Bronzegefäß war, das auch „Houfeng Didong Yi“, also „Instrument zur Erfassung von Wind und Erdbewegungen“, genannt wurde, beschreibt der Historiker Fan Ye rund 300 Jahre später in seinem Werk „Hou Hanshu“ („Schriften der Späteren Han“).
Demnach gab das Seismoskop an, dass nordwestlich vom Kaiserhof die Erde bebte. Ein mehrere Tage später eintreffender Bote meldete schließlich, dass sich im 400 bis 500 Kilometer entfernten Longxi ein Erdbeben ereignet hatte. Dies war tatsächlich die Richtung, die das Seismoskop von Zhang Heng mit seiner heruntergefallenen Kugel angezeigt hatte. Doch wie war das möglich?

Die erste Seite des Buches „Hou Hanshu“, in dem vieles über die Geschichte des Alten Chinas überliefert ist.

Wie funktionierte das Seismoskop?

Zhangs Erdbebendetektor bestand aus Bronze und hatte acht außen angebrachte Drachen, die in die Himmelsrichtungen Norden, Nordosten, Osten, Südosten, Süden, Südwesten, Westen und Nordwesten zeigten – wie die Rose eines Kompasses.
Im Inneren des Gefäßes befand sich ein feiner Mechanismus, vermutlich ein Pendel oder ein anderes Schwingungssystem, das auf die bei Erdbeben entstehenden seismischen Wellen reagierte. Dieses Schwingungssystem war zudem mit den Drachenköpfen verbunden, die jeweils eine Kugel im Maul hielten.
Die wahrscheinlichste Erklärung seiner Funktionsweise ist folgende: Bewegt sich der Boden, auf dem das Gerät steht, in eine Richtung, bringt das den inneren Mechanismus aus dem Gleichgewicht. Dies öffnet wiederum das Maul des entsprechenden Drachen und gibt die darin ruhende Bronzekugel frei. Fällt diese in das Maul der darunter wartenden Kröte, entsteht ein Geräusch. Somit zeigt jene Kröte mit der Kugel an, in welcher Himmelsrichtung sich das Beben ereignete. Mögliche Folgebeben konnten ohne das Zurücklegen der Kugel ins Maul des Drachen nicht angezeigt werden.
Vereinfachte Konstruktionszeichnung vom Seismoskop des Zhang Heng

Vereinfachte Konstruktionszeichnung des Seismoskops von Zhang Heng.

Während mehrere Nachbauten des Geräts in Schriftquellen überliefert sind, fehlen ausgerechnet die Angaben zu Zhangs Seismoskop. Aus diesem Grund kennen wir heute weder sein genaues Aussehen noch seine Funktionsweise. Alle in Museen zu findenden Stücke sind daher mehr oder weniger originalgetreue Repliken aus späteren Epochen. Dabei experimentierten ihre Erfinder mit verschiedenen Mechanismen, erreichten jedoch nie die Präzision und Perfektion des Originals.
Je nach verbautem Mechanismus zeigen sich zudem unterschiedliche Probleme: Ist das Pendel an der Oberseite aufgehängt, müssten bei einem Erdstoß zwei gegenüberliegende Kugeln fallen. Balanciert das Pendel auf einer Befestigung auf der Unterseite, wären prinzipiell weder Drachen noch Kröten erforderlich. Dafür muss das Seismoskop nach jedem Beben „zurückgesetzt“ und das Pendel neu ausbalanciert werden.
Im Jahr 2005 verkündeten Seismologen aus China, dass sie eine erfolgreiche Nachbildung anfertigen konnten, die auf „replizierte Wellen vierer echter Erdbeben“ reagierte. Ob dieser Nachbau auch auf reale Erdbeben reagiert und wie er im Inneren aufgebaut ist, bleibt offen. Andere Forscher bezeichnen sämtliche Nachbauten mangels konkretem Wissen als Produkte von Versuch und Vorstellung oder bezweifeln sogar, dass das Seismoskop jemals existierte.

Vom Seismoskop zum Seismografen

Über die folgenden Jahrhunderte scheint das Wissen um Zhang Hengs Erfindung verloren gegangen zu sein. Zwar ist aus dem Persien des 13. Jahrhunderts ein Erdbebendetektor bekannt, doch ob dieser auf dem chinesischen Apparat beruhen könnte, ist unklar.
Weitere 500 Jahre später bauten italienische und französische Erfinder ein Seismoskop mit Quecksilber, das anhand der Bewegung des flüssigen Metalls die Richtung der Beben wies. Etwa zur gleichen Zeit experimentierte unter anderem der Benediktinermönch Andrea Bina mit Pendeln, die aufgrund des Ausschlags sogar die Stärke des Bebens verzeichneten.
Stetige Verbesserungen führten schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Entwicklung der ersten Seismografen mit Nadel und Papier. Heutige Geräte besitzen elektronische Sensoren und können Bewegungen mit Frequenzen von 500 bis 0,00118 Hertz messen.
Weitere Artikel aus der Reihe „Rätselhafte Relikte“ finden Sie hier.
Categories
etplus ticker wissen

Rätselhafte Relikte der Geschichte im Überblick

Nach derzeitigen Theorien leben die modernen Menschen seit etwa 200.000 Jahren auf der Erde. Ein Großteil unseres technischen Erfindungsreichtums sei jedoch erst mit der industriellen Revolution dazugewonnen. Doch auch vor mehreren tausend Jahren gab es hoch entwickelte Zivilisationen, die vermeintlich moderne Erfindungen und rätselhafte Relikte erschaffen haben.
Genau diese sind in der Wissenschaft auch als „Out-of-place-Artefakte“ bekannt. Damit werden prähistorische Objekte bezeichnet, die heute weltweit gefunden werden und ein Maß an technologischer Raffinesse aufweisen, was mit unserem heutigen Weltbild unvereinbar scheint.
Viele Wissenschaftler sehen in ihnen lediglich Naturphänomene oder moderne Fälschungen. Für andere wiederum sind es fragwürdige Interpretationen oder falsch datierte Objekte. Am interessantesten ist aber vielleicht eine dritte Deutung: Es seien Hinterlassenschaften einer oder mehrerer prähistorischer Zivilisationen, deren fortgeschrittenes Wissen im Laufe der Zeit verloren ging und erst wiederentdeckt werden muss.
Wir wenden uns an dieser Stelle mysteriösen Objekten zu, stellen Fakten und Theorien rund um die rätselhaften Relikte vor und werden den folgenden Überblick mit der Zeit erweitern.

Die wahre Suche nach dem Heiligen Gral

Für die einen gilt der Heilige Gral als Gegenstand einer Legende, für andere als Verbindung zu Jesus. Dass Letzteres möglicherweise greifbarer ist, als viele glauben, zeigt ein besonderer Kelch in der Kathedrale von Valencia.

Voynich-Manuskript: Ein Blick in das geheimnisvollste Buch der Welt

38.000 Wörter auf 232 Seiten beschäftigen die Menschen seit über 400 Jahren. Eine scheinbar unentzifferbare Schrift in fremder Sprache umfließt Zeichnungen von badenden Frauen und unbekannten Pflanzen. Doch was wollen uns das titellose Buch und sein Autor sagen?

30.000 Jahre vor Gizeh: Liegt die älteste Pyramide der Welt in Europa?

Zwischen Tunnelgängen, Energiefeldern und wissenschaftlicher Kritik hat sich das bosnische Visoko zu einem Ort entwickelt, an dem Glaube, Geschäft und Geschichte ineinanderfließen. Hier soll die älteste von Menschenhand erbaute Pyramide der Welt stehen. Epoch Times hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Fluch der Mumie – Wahrheit oder Fiktion?

Ein mutiger Entdecker, eine geheimnisvolle Kammer, eine gefräßige Kobra und eine mysteriöse Fluchtafel: Zusammen bilden sie den Mythos vom Fluch des Pharao. Bis heute konnten große Teile des Fluches erklärt werden, und doch bleiben Fragen offen.

Gewebe des Mysteriums: Das Turiner Grabtuch

Ein Stück Leinen trägt das mysteriöse „fotografische“ Bild eines Mannes, der offenbar die Wunden einer Kreuzigung erlitten hat. Handelt es sich dabei um Jesus Christus? Seit Jahrhunderten wird dieser heilige Gegenstand, auch als Grabtuch von Turin bekannt, intensiv erforscht, abgelehnt und verehrt.

Wurde die Schwerkraft schon 200 Jahre vor Newton entschlüsselt?

Isaac Newton gilt als Entdecker der Schwerkraft. Doch vielleicht war er nur der Erste, der sie in Worte fasste. Leonardo da Vinci, ein anderes Universalgenie, war ihm Jahre voraus und seine Ergebnisse waren erstaunlich nah an dem später berechneten Wert.

Menschen, Dinosaurier, Medizin: Die mysteriösen Ica-Steine

Sie sind zahlreich, hart und widersprüchlich: 11.000 Steine aus dem Süden Perus zeigen Motive, die die Wissenschaft nicht erklären kann – Dinge, die es damals noch nicht gegeben haben dürfte. Die Frage nach der Echtheit der Steine bleibt, auch weil die örtlichen Gesetze Fälschern in die Hände spielen.

Außerirdische Erscheinung: Die mysteriösen Turmschädel

Aliens, Götter oder Schönheitsideal der Reichen und Mächtigen? Um die Entdeckung von Turmschädeln auf der ganzen Welt ranken sich zahlreiche Mythen. Auch Deutschland nimmt im europäischen Fundkontext eine besondere Rolle ein, wenngleich die berühmtesten Turmschädel aus Südamerika stammen.
 
Dieser Artikel dient als Überblick über die Artikel der Reihe „Rätselhafte Relikte“ und wird fortwährend um spannende Themen ergänzt. Neue Artikel werden oben eingefügt.
Kennen Sie weitere mysteriöse Funde aus der Geschichte, über die Sie bei uns mehr lesen wollen? Dann hinterlassen Sie uns gern eine Nachricht.