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Klassische Weisheit: Wenn Wahrheit zur Geschichte wird

Ein Aphorismus oder Sprichwort kann uns sagen, dass Hochmut ins Verderben führt. Ein Mythos lässt uns dabei zusehen, wie ein hochmütiger Mensch sich selbst zugrunde richtet. Darin liegt der Unterschied zwischen Weisheit als Aussage und Weisheit in Form einer Geschichte.
Beide Formen sind uralt, und beide sind notwendig. Der Aphorismus verdichtet Wahrheit zu einprägsamen Worten. Die Erzählung hingegen leistet etwas anderes. Sie sagt uns nicht einfach, was wir denken sollen; sie lädt uns ein, eine Welt zu betreten. Sie lässt Weisheit durch Figuren, Entscheidungen, Folgen, Ironie, Wendungen, Leid und Erkenntnis lebendig werden. Ein Sprichwort fasst Weisheit in einem Satz. Eine Geschichte haucht der Weisheit Leben ein.
Mit dieser größeren Komplexität geht allerdings auch Mehrdeutigkeit einher: Geschichten lassen sich auf ganz unterschiedliche Weise lesen und deuten. Das ist bei Sprichwörtern in der Regel nicht möglich. Etwas fachsprachlicher ausgedrückt sind Geschichten polysemisch: Sie enthalten mehrere Bedeutungsebenen, die sich verschiedenen Lesern unterschiedlich erschließen können – oder sogar derselben Person in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder neu.
Deshalb bestehen die großen Weisheitstraditionen der Welt nicht nur aus Aphorismen. Sie schenken uns Erzählungen: Ödipus, Midas, Ikarus, Hiob, Jona, der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter, Arjuna auf dem Schlachtfeld. Diese Geschichten dienen nicht bloß der Unterhaltung. Sie sind moralische und spirituelle Werkzeuge. Sie ergreifen unsere Vorstellungskraft, noch bevor unser Verstand damit begonnen hat, sich dem zu widersetzen.

Arjuna und Duryodhana

Der Bhagavad Gita, dem heiligen Text des Hinduismus, geht eine Geschichte aus einem indischen Epos voraus. Sie erzählt von dem bevorstehenden großen Krieg zwischen den Pandavas und den Kauravas. Sowohl Arjuna als auch Duryodhana, die jeweils auf unterschiedlichen Seiten stehen, suchen die Unterstützung des hinduistischen Gottes Krishna. Duryodhana kommt zuerst und wartet neben Krishnas Kopf, während dieser schläft. Arjuna kommt später und nimmt ehrerbietig an Krishnas Füßen Platz. Als Krishna erwacht, sieht er zuerst Arjuna, räumt jedoch ein, dass Duryodhana vor ihm eingetroffen ist.
Krishna stellt ihnen eine Wahl frei. Die eine Seite kann seine gewaltige Armee erhalten. Die andere kann Krishna selbst an ihrer Seite haben – unbewaffnet und ohne in den Kampf einzugreifen, aber als Wagenlenker. Duryodhana entscheidet sich für die Armee. Arjuna wählt Krishna.

Arjuna und sein Wagenlenker Krishna treffen auf Karna (Miniaturmalerei, Nordindien um 1820).

Foto: gemeinfrei

Krishna und Arjuna auf dem Wagen, „Mahabharata“, 18.–19. Jahrhundert, Indien. Smithsonian Freer Sackler Gallery. Gemeinfrei
Das ist eines der großen Bilder der klassischen Weisheit. Duryodhana entscheidet sich für die Macht; Arjuna für die Führung. Duryodhana entscheidet sich für den messbaren Vorteil; Arjuna für die göttliche Gegenwart. Duryodhana will, was Krishna besitzt; Arjuna will Krishna selbst. Größer könnte der Unterschied kaum sein.
Auf den ersten Blick mag Arjunas Entscheidung unpraktisch erscheinen. Welcher Heerführer würde sich statt einer Armee für einen unbewaffneten Wagenlenker entscheiden? Doch genau darin liegt der Punkt: Klassische Weisheit erscheint dem berechnenden Verstand oft als Torheit. Der heilige Paulus bringt denselben paradoxen Gedanken in der christlichen Tradition zum Ausdruck: „ […] was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache“ (1 Korinther 1,27), denn „die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind“ (1 Korinther 1,25). Das Sichtbare ist nicht immer das Entscheidende. Die Zahl der Truppen, Waffen, Ressourcen, Anhänger und strategischen Vorteile mag von Bedeutung sein. Doch sie sind nicht das, worauf es letztendlich ankommt. Die tiefer liegende Frage lautet: Wer lenkt den Wagen?

Weitere weise Geschichten

Diese Frage beschränkt sich nicht auf das alte Indien. Wer lenkt den Wagen eines menschlichen Lebens? Der Appetit? Der Ehrgeiz? Die Angst? Der Groll? Eine Ideologie? Die Masse? Oder Weisheit, Gewissen, Seele oder Gott? Arjunas Entscheidung wird damit zu einer universellen Frage: Wenn Macht und Weisheit getrennt voneinander angeboten werden – wofür entscheiden wir uns? Denken wir an Salomo, der, als Gott ihm gewährte, sich alles zu wünschen, was er begehrte, weder ein langes Leben noch Reichtum oder den Tod seiner Feinde wählte, sondern um „ein gehorsames Herz“ bat (1 Könige 3,9), um „zu verstehen, was gut und böse ist“.
Auch die griechische Mythologie vermittelt diese Art von Weisheit, und zwar durch verschiedene Bilder. Erinnern wir uns an König Midas: Er wünscht sich, dass alles, was er berührt, zu Gold wird. Sein Wunsch geht in Erfüllung. Doch das Geschenk wird zum Fluch: Essen, Getränke und selbst menschliche Zuwendung werden durch die Berührung seiner Gier leblos. Die Geschichte muss nicht direkt ausdrücken: „Gier ist schlecht.“ Sie tut etwas viel Wirkungsvolleres: Sie zeigt uns einen Menschen, der genau das bekommt, was er sich wünscht – und entdecken muss, dass sein Wunsch tödlich ist.
Midas ist ein geradezu ideales Gleichnis für ein kommerziell und technologisch geprägtes Zeitalter. Wir wissen, wie man Dinge monetarisiert, optimiert, misst und anhäuft. Doch der Mythos wirft die Frage auf: Was geschieht, wenn die „goldene Hand“ die lebendige Welt zerstört? Was, wenn unsere Fähigkeit, allem einen Preis zuzuweisen, letztendlich dazu führt, dass wir den Dingen ihren wahren Wert nehmen? Was, wenn sich das, was wir am meisten begehren, als das herausstellt, was uns aushungert? Wie Oscar Wilde in „Lady Windermeres Fächer“ aphoristisch feststellte, ist ein Zyniker „ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt“.
Oder denken wir an den griechischen Mythos von Ikarus. Gemeinsam mit seinem Vater Dädalus entkommt er seiner Gefangenschaft mithilfe von Flügeln aus Federn und Wachs. Dädalus warnt seinen Sohn davor, zu nahe an die Sonne zu kommen. Doch Ikarus – berauscht vom Gefühl des Fliegens – steigt höher und höher. Das Wachs schmilzt, und er stürzt in die Tiefe. Die übliche Moral lautet: „Flieg nicht zu hoch.“ Doch die Geschichte ist subtiler. Sie richtet sich nicht gegen das Fliegen. Das Fliegen ist schließlich das Mittel, das die Befreiung ermöglicht. Die Gefahr liegt vielmehr in Freiheit ohne Selbstdisziplin, Erfindungsgeist ohne Demut, Möglichkeiten ohne jegliches Maß.

„Der Sturz des Ikarus“ von Adriaan Collaert (1560–1618), Druckgrafik, Rijksmuseum Amsterdam.

Foto: gemeinfrei

Auch dies ist heute eine dringende Botschaft: Unsere Zivilisation fliegt der Sonne immer näher entgegen. Wir erweitern unsere Fähigkeiten durch Technologie, Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Finanzen, Medizin und Kommunikation. Vieles davon ist wunderbar. Doch Ikarus fragt, ob wir die Weisheit besitzen, genau jene Kräfte zu beherrschen, die wir selbst erschaffen. Dädalus verfügt über technisches Können; Ikarus mangelt es an moralischem Maß – und genau dieser Unterschied könnte eines der entscheidenden Probleme der Moderne sein.
Dann gibt es noch Ödipus, die wohl furchterregendste aller griechischen Weisheitsgeschichten. Ödipus ist sehr klug, vielleicht sogar der klügste Mensch auf Erden, denn nur er kann das Rätsel der Sphinx lösen. Er löst das Rätsel und rettet Theben. Dennoch kann er das Rätsel seiner selbst nicht lösen. Er sucht nach der Ursache für das Unheil, das die Stadt heimsucht, und entdeckt, dass er selbst dessen Ursprung ist. Er hat genau jene Prophezeiung erfüllt, die er so sehr zu vermeiden versucht hatte.
Ödipus lehrt uns, dass Intelligenz nicht dasselbe ist wie Selbsterkenntnis. Ein Mensch kann brillant und dennoch blind sein. Er mag gesellschaftliche Probleme lösen, während er sich seiner eigenen Lage nicht bewusst ist. Deshalb ist der Spruch des Orakels von Delphi „Erkenne dich selbst“ nicht nur ein dekoratives Motto, sondern eher ein diamantenscharfer Aphorismus, eine wahrhaftige Warnung. Der Mensch ist gefährlich, wenn seine Klugheit seine Selbsterkenntnis übertrifft.
Auch die biblische Tradition schenkt uns Erzählungen von ebenso großer Kraft. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn wird oft als einfache Geschichte von Sünde und Umkehr gelesen. Doch sie geht tiefer als das.
Der jüngere Sohn geht durch Maßlosigkeit, Verschwendung und Auflehnung verloren. Der ältere durch Verbitterung, Selbstgerechtigkeit und seine Unfähigkeit, sich mitzufreuen. Die Barmherzigkeit des Vaters legt beides offen. Die Erzählung lässt nicht zu, dass wir die Welt so sauber in Sünder und anständige Menschen aufteilen. Beide Söhne müssen wieder zu sich selbst und zueinander finden.

„Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“, 1773, von Pompeo Batoni. Öl auf Leinwand, 138 × 100 cm. Kunsthistorisches Museum, Wien.

Foto: gemeinfrei

Auch der barmherzige Samariter ist von gleicher Brillanz. Jesus wird gefragt: „Wer ist denn mein Nächster?“ Statt eine Definition zu liefern, erzählt er eine Geschichte.
Ein verletzter Mann wird von denjenigen ignoriert, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie ihm helfen, und schließlich von einem Samariter gerettet, einem Angehörigen einer gesellschaftlich verachteten Gruppe. Das Gleichnis kehrt die ursprüngliche Frage um. Es geht nicht darum: „Welche Menschen gehören zu meinen Nächsten?“, sondern: „Bin ich bereit für den Menschen, der meine Hilfe braucht, selbst zum Nächsten zu werden?“ Die Geschichte beantwortet die Frage nicht einfach. Sie verwandelt sie.
Das Buch Hiob ist möglicherweise die größte Weisheitserzählung überhaupt, weil es sich einer Vereinfachung entzieht. Die Sprüche lehren oft, dass Gerechtigkeit zum Segen und Bosheit zum Untergang führt. Hiob fragt, was geschieht, wenn Gerechte leiden und eine Erklärung nicht ausreicht. Die Freunde Hiobs geben konventionelle Antworten. Sie verteidigen ein geordnetes moralisches Universum. Doch Hiobs Leiden erschließt ein tieferes Geheimnis. Weisheit besteht hier nicht in einer einfachen Formel, sondern in der Ehrfurcht vor einer Wirklichkeit, die größer ist als unsere Erklärungen.

„Hiob und seine Freunde“, eine der Illustrationen von Gustave Doré für „La Grande Bible de Tours“ („Die Große Bibel von Tours“).

Foto: gemeinfrei

Deshalb ist narrative Weisheit mit ziemlicher Sicherheit noch tiefgründiger als aphoristische Weisheit. Das Sprichwort belehrt. Geschichten lassen uns erfahren. Das Sprichwort sagt: „Hochmut zerstört.“ Die Geschichte dahinter schenkt uns jedoch Ödipus. Das Sprichwort sagt: „Gier korrumpiert.“ Die Geschichte dahinter schenkt uns Midas. Das Sprichwort sagt: „Wähle Weisheit statt Macht.“ Die Erzählung dahinter schenkt uns Arjuna, der sich für Krishna und gegen die Armee entscheidet.

Worte, die weiterleben

Geschichten bewahren Weisheit auch vor voreiliger Gewissheit. Eine Maxime oder ein Aphorismus kann zu schnell aufgegriffen, zu einem Ratschlag verflacht oder als Slogan verwendet werden – etwas, das uns heute vielleicht eher in Form des „Memes“ vertraut ist. Eine wahre Geschichte widersetzt sich dem. Wir können Ödipus, Hiob, Arjuna oder den verlorenen Sohn niemals vollständig ausschöpfen. Sie verändern sich, so wie wir uns verändern. Wir kehren in unterschiedlichen Lebensphasen zu ihnen zurück und entdecken neue Bedeutungen, weil wir selbst zu neuen Lesern geworden sind.
Die moderne Welt hat die Geschichten nicht verloren, aber sie hat oft die Gewohnheit verloren, sie mit Bedacht zu lesen. Wir konsumieren Erzählungen als Unterhaltung, als Ideologie, als Flucht aus der Wirklichkeit oder schlicht als „Content“. Die Menschen der Antike taten etwas Anspruchsvolleres. Sie ließen sich anhand von Geschichten beurteilen. Sie fragten sich: Wo bin ich in dieser Geschichte? Bin ich Midas, der inmitten seines Goldes verhungert? Bin ich Ikarus, der Möglichkeiten mit Erlaubnis verwechselt? Bin ich Ödipus, der jedes Problem löst – außer dem Problem seiner selbst? Bin ich der ältere Bruder, nach außen gehorsam, aber innerlich ohne Liebe? Bin ich Duryodhana, der sich für die Armee entscheidet? Oder bin ich Arjuna, der den Wagenlenker wählt?
Die klassische Weisheit hat Bestand, weil sich das menschliche Dasein nicht verändert hat. Unsere Mittel sind neu, unsere Versuchungen sind uralt. Wir tauschen nach wie vor die Seele gegen Erfolg ein, verwechseln Macht mit Wahrheit und Klugheit mit Weisheit; wir versuchen die Welt zu beherrschen, während wir uns selbst fremd bleiben. Die großen Geschichten bleiben bestehen, weil sie uns kennen. Und wenn wir sie richtig lesen, tun sie mehr, als nur den Verstand zu informieren: Sie wecken die Seele. Anders ausgedrückt: Sie bringen uns zurück ins Leben – ins wahre Leben.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Classical Wisdom, Part 2: When Truth Becomes a Story“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Ein Mann auf Abwegen? Die Odyssee und ihre Lehren für heute


In Kürze:

  • Odysseus ist einer der bekanntesten Helden der griechischen Mythologie.
  • Seine Irrfahrt nach dem gewonnenen Krieg gegen Troja erzählt der griechische Dichter Homer in dem Epos „Odyssee“.
  • Auf seiner zehnjährigen Reise begegnet Odysseus nicht nur Riesen, Monstern, Sirenen und einer Zauberin, sondern auch der Konsequenz.
  • Jeder Fehltritt von ihm und seinen Männern endet mit einer göttlichen Bestrafung und lehrt früher wie heute, wie wir richtig handeln sollten.

 
Die „Odyssee“ ist zusammen mit der „Ilias“, beide von dem griechischen Dichter Homer um das 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. geschrieben, eines der bekanntesten Werke der Antike. Wie keine anderen Schriftstücke prägten sie die westliche Literatur und ließen neue Gattungen wie die Lyrik oder das Drama entstehen.
Benannt ist das über 2.500 Jahre alte Werk nach seiner Hauptfigur: Odysseus, König von Ithaka. Die Geschichte setzt am Ende des berühmten Trojanischen Krieges an, bei dem Odysseus eine entscheidende Rolle spielte.
Nach dem Kriegsende trat der griechische Held mit seinen Männern die Heimreise und, ohne es zu wissen, seine „Odyssee“ an. Diese währte zehn Jahre und war von Gefahren, Abenteuern und Lehren für das Leben geprägt – ein Umstand, der das Epos noch heute aktuell macht.

Wer war Odysseus?

Odysseus ist neben Theseus und Herakles einer der bekanntesten Helden und Figuren in der griechischen Mythologie. Ob er jemals existierte, ist unbekannt. Laut den Mythen war der unter der Gunst der Göttin Athene stehende König von Ithaka der Gemahl der Prinzessin Penelope, mit der er einen Sohn namens Telemachos hatte.
Er selbst soll väterlicherseits von Göttervater Zeus und mütterlicherseits von Hermes, dem Schutzgott der Reisenden, aber auch dem Gott der Diebe und des Betrugs, abstammen. Von Letzterem habe der als athletisch und wortgewandt beschriebene Odysseus seinen klugen und listreichen Charakter.
Marmorstatue des Odysseus

Diese Marmorstatue soll den griechischen Helden Odysseus darstellen.

Dies machte ihn zu einer entscheidenden Person im Trojanischen Krieg. Einerseits soll er den berühmten Krieger Achilles überredet haben, am Krieg teilzunehmen, andererseits sei ihm die Idee vom Bau des hölzernen Pferdes und der List zur Eroberung des uneinnehmbaren Trojas gekommen. Danach war er bereit für seine turbulente Heimreise, die in der „Odyssee“ auf spannende und uns heute bekannte Weise beschrieben wird.

Die „Odyssee“ – das Vorbild heutiger Romane

Insgesamt besteht die „Odyssee“ aus 24 Gesängen, vergleichbar mit Kapiteln, und 12.110 Versen. Wie moderne Bücher und Kinofilme ist die Geschichte voll mit parallelen Handlungen, Rückblenden und Wechseln der Erzählperspektive. In den ersten sieben Zeilen erhalten die Leser bereits einen Vorgeschmack auf das, was der Hauptakteur erleben wird:
„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat
Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.
Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte;
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben […]“
(Johann Heinrich Voß, 6. Auflage der „Odyssee“, Anaconda Verlag, 2015)
Das Epos setzt im siebten Jahr nach dem Ende des Trojanischen Krieges ein. Odysseus ist zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre von seiner Heimat weg. Sein Sohn ist inzwischen ein erwachsener Mann und hegt wie seine Mutter kaum mehr Hoffnung auf die Rückkehr seines Vaters. Während der Held auf einer Insel von der Meeresnymphe Kalypso gefangen gehalten wird, reißen sich in seiner Heimat zahlreiche Bewerber um die Hand seiner Frau – und vor allem um den Thron Ithakas.
In den Gesängen 5 bis 8 erfährt der Leser, dass Göttervater Zeus schließlich Odysseus’ Freilassung erwirkt. Der nach Rache dürstende Meeresgott Poseidon und Bruder von Zeus ist alles andere als begeistert und lässt Odysseus’ Floß zerschellen. Der griechische Held kann sich auf eine Insel retten, auf der er von dem dortigen König freundlich aufgenommen wird. Hier erzählt Odysseus, verpackt in den Gesängen 9 bis 12, seine bewegende Geschichte und damit im Wesentlichen seine Irrfahrt.
Der Rest der Geschichte handelt von seiner finalen Heimkehr nach Ithaka, wo er die Bewerber seiner Frau listreich ausschaltet und glücklich und um viele Erkenntnisse reicher wieder mit seiner Familie vereint ist.
Odysseus nach der Odyssee zuhause in Ithaka

Odysseus ist wieder in Ithaka und beseitigt die Freier in seinem Zuhause.

Zehn Jahre Irrfahrt – und ihre Lehren daraus

Auf seiner zehnjährigen Heimreise machte Odysseus absichtlich oder unfreiwillig an mehr als einem Dutzend Orten rund um das antike Mittelmeer halt. Diese waren jedoch nicht bloß Stationen auf seiner Reise, sondern Prüfungen des Lebens.

Ungefähre Reiseroute von Odysseus gemäß der Erzählung „Odyssee“ von Homer und Lokalisierungsversuchen von Forschern.

Foto: Epoch Times; dikobraziy/iStock

1. Troja
Nach dem zehnjährigen Krieg treten Odysseus und seine Mannschaft, bestehend aus zwölf Schiffen mit je mindestens 40 Männern, umgehend die Heimreise an.

„Blick auf das brennende Troja“, ein Gemälde von Johann Georg Trautmann (1713–1769).

2. Land der Kikonen
Die Flotte legt einen Zwischenstopp in Thrakien beim Volk der Kikonen ein. Odysseus und seine Männer überfallen und morden die ehemaligen Verbündeten Trojas. Statt die Heimreise anzutreten, lässt sich Odysseus von seinen Männern überreden, den Ort weiter zu plündern.
Doch dies wurde bestraft. Einige Kikonen konnten fliehen, organisierten Hilfe bei anderen Stämmen und griffen die Ithaker unerwartet an. Odysseus verliert rund 70 Männer und macht sich mit zehn verbliebenen Schiffen auf den Rückweg.
Zusätzlich straft der Göttervater Zeus die siegreichen Griechen wegen ihres blutrünstigen und unmoralischen Verhaltens und lässt einen Sturm aufziehen. Neun von zehn Schiffen Odysseus’ überstehen den Sturm, müssen aber am nächsten Festland repariert werden.
3. Land der Lotophagen
Im Land der Lotophagen, das heute an der libyschen Küste verortet wird, lässt Odysseus die Schiffe ankern und reparieren. Eine Handvoll seiner Männer isst jedoch die dort heimischen Lotusfrüchte, die sie glücklich machen und ihre Heimat vergessen lassen. Der griechische Held muss seine Krieger gewaltvoll an Bord der Schiffe ziehen und verlässt umgehend den Ort.
3. Station der Odyssee: das Land der Lotophagen

Odysseus bringt seine von Lotusfrüchten beeinflussten Männer zu seinen Schiffen.

4. Insel der Kyklopen
Aus Neugier lässt Odysseus seine Männer die Schiffe in der Nähe der Kyklopeninsel festmachen, was sich schon bald als schwerer Fehler erweisen sollte. Der griechische Held schleicht sich zusammen mit zwölf Männern in die Höhle des Kyklopen Polyphem, der ihnen nicht freundlich gesinnt ist und sechs Krieger verspeist.
Odysseus, der sich als „Niemand“ vorstellt, überlistet den einäugigen Riesen, indem er ihn betrunken macht. Die Krieger blenden den Kyklopen im Schlaf mit einem glühenden Pfahl und entkommen versteckt zwischen einer Schafherde aus der Höhle. Bevor der Kyklop dies bemerkt, sind Odysseus und seine Männer auf den Schiffen und segeln fort.
3. Station der Odyssee: die Insel der Kyklopen

„Odysseus und Polyphem“, gemalt von Arnold Böcklin (1827–1901).

Doch aus Stolz über seine List und aus Wut über den Verlust von sechs Kriegern begeht Odysseus den Fehler, den Kyklopen zu verhöhnen und ihm seinen wahren Namen nachzurufen. Daraufhin verflucht Polyphem den griechischen Helden und bittet seinen Vater Poseidon, Rache an Odysseus zu üben:
„Vater! Erderschütterer und Meeresgott! Hier ist dein Sohn Polyphem. Möge Odysseus niemals den Weg nach Hause finden. Sollten die Erinnyen aber verlangen, dass er zu seiner Familie zurückkehrt, soll ihm das nur nach Jahren der Tortur und des Leids gelingen, ganz allein mit all seinen Schätzen, nachdem er seine Gefährten und Schiffe verloren hat.“
5. Insel des Aiolos
Als Nächstes machte die Flotte auf der Insel von Windgott Aiolos halt. Er will Odysseus und seinen Männern helfen und schenkt ihnen einen Lederschlauch, in dem alle Winde, außer dem Westwind, der sie nach Hause bringen soll, eingesperrt sind.
Aus Gier und Unwissenheit öffnet die Mannschaft des griechischen Helden kurz vor der Ankunft in Ithaka heimlich den Schlauch. Ähnlich wie die Büchse der Pandora wird das „Unheil“ entfesselt und die freigelassenen Winde erzeugen einen Sturm, der die Schiffe weit von der Heimat wegtreibt.
5. Station der Odyssee: die Insel des Aiolos

„Aiolos überreicht Odysseus die Winde“, gemalt von Isaac Moillon (1614–1673).

6. Land der Laistrygonen
Orientierungslos nach dem Sturm ankern die Schiffe der Flotte im Hafen von Telepylos – außer dem Schiff von Odysseus. Dies ist sein Glück, denn hier leben die riesigen Laistrygonen, die die Schiffe mit Steinbrocken bewerfen. Der griechische Held kann mit seinem Schiff und den verbliebenen rund 40 Männern entkommen.
6. Station der Odyssee: das Land der Laistrygonen

Diese künstlerische Darstellung zeigt Odysseus bei den Laistrygonen.

7. Insel Aiaia der Zauberin Kirke
Das verbliebene Schiff landet an der Insel Aiaia an, auf der die Zauberin Kirke lebt und in Tiere verzauberte Menschen hält. Das gleiche Schicksal ereilt die Hälfte von Odysseus’ Männern, die in Schweine verwandelt werden.
Dank eines Krauts, das Odysseus von dem Götterboten Hermes bekommt und ihn gegen die Magie immun macht, trifft sich der griechische Held mit Kirke und erwirkt, dass seine Männer zurückverwandelt werden und alle unbeschadet weiterziehen können.
Bis zum Aufbruch verstreicht jedoch ein Jahr und Odysseus geht eine Liaison mit der Zauberin ein. Aus Liebe zum Helden gibt Kirke ihm den Rat, in der Unterwelt den Seher Teiresias aufzusuchen und ihn nach dem weiteren Weg zu fragen.
7. Station der Odyssee: die Insel Aiaia der Zauberin Kirke

Das Fresko von Giovanni Battista Trotti (1555–1619) zeigt die Zauberin Kirke, die Odysseus’ Männern ihre menschliche Gestalt zurückgibt.

8. Die Unterwelt
Im „Haus des Hades“, dem Reich des Totengottes, sucht Odysseus nach einer Opfergabe den blinden Propheten auf. Dieser weissagt ihm: „Was du Polyphem angetan hast, hat Poseidon erzürnt. Nicht leicht, ihn zu besänftigen. Deine Zukunft steht mir vor Augen. Ich sollte besser sagen: deine Zukünfte. Je nachdem, welche Entscheidung du triffst, werden sich unterschiedliche Wege vor dir auftun.“
Weiter erklärt Teiresias: „Bald schon wird dein Schiff Thrinakia erreichen, die Insel, auf der Helios seine Rinder und Schafe hält. […] Rührst du sie nicht an, geht alles gut. […] Solltest du aber auch nur einem einzigen dieser heiligen Tiere etwas antun, sage ich den Verlust deines Schiffes und aller deiner Männer voraus. Deine Heimkehr wird sich um Jahre verzögern.“

„Theresias erscheint dem Ulysseus [Odysseus] während der Opferung“, ein Gemälde von Johann Heinrich Füssli (1741–1825).

9. Insel der Sirenen
Mit dem Wissen um seine Zukunft reist Odysseus mit seinen Männern weiter. Zunächst müssen sie die Insel der Sirenen passieren, jener Fischfrauen, die mit ihrem verlockenden Gesang Seemänner in den Tod ziehen. Dank der Idee des Helden, sich Wachs in die Ohren zu schmieren und einfach vorbeizurudern, entgehen sie der lauernden Gefahr.

„Odysseus und die Sirenen“, ein Gemälde von Herbert James Draper (1863–1920).

10. Meerenge der Skylla und des Charybdis
Nur Odysseus weiß nun, was die Mannschaft als Nächstes erwartet: eine Meerenge, die den einzigen Weg nach Hause darstellt, die aber von zwei Monstern bewohnt wird. Der griechische Held hat die Wahl: Fahren sie dicht an dem sechsköpfigen Seeungeheuer namens Skylla vorbei, das seine Männer verspeisen könnte, oder entscheidet er sich dafür, nah an dem Strudel Charybdis vorbeizufahren und zu riskieren, dass das gesamte Schiff vom Meer verschluckt wird?
Der König von Ithaka wählt das menschenfressende Monster, ohne seine Männer zu warnen. Zu groß ist seine Angst, dass sich seine Männer weigern könnten und sie nie die ersehnte Heimat erreichen. Als das Schiff vorbeifährt, reißt Skylla sechs Männer in den Tod. Der Rest der Mannschaft überlebt.

„Odysseus vor Skylla und Charybdis“, ein Gemälde von Henry Fuseli (1741–1825).

11. Insel Thrinakia von Sonnengott Helios
Obwohl sie alles haben, um bis nach Ithaka durchzufahren, gewährt Odysseus seinen Männern, an der Insel Thrinakia kurz haltzumachen. Doch schlechte Winde verhindern eine baldige Weiterfahrt und die Essensvorräte gehen zur Neige.
Trotz der Warnung schlachten Odysseus’ Männer einige der auf der Insel grasenden Rinder. Alle außer Odysseus essen sich an dem Fleisch satt, bevor sich das Wetter bessert und sie die Leinen ihres Schiffes lösen.
Kurz nach der Abfahrt zieht ein gewaltiger Sturm auf, geschickt von den Göttern aus Zorn über das Vergehen und den Hochmut der Krieger. Das Schiff wird zerstört und bis auf Odysseus sterben alle Männer. Sein Verzicht rettete ihm das Leben.
11. Station der Odyssee: die Insel Thrinakia von Sonnengott Helios

„Die Gefährten des Odysseus rauben die Rinder des Helios“ von dem Maler Pellegrini Tibaldi (1527–1596).

12. Ogygia von Nymphe Kalypso
Odysseus schafft es an Land der Insel Ogygia, auf der die Meeresnymphe Kalypso lebt. Diese verliebt sich in den Helden, will ihn als ihren Gemahl und hält ihn sieben Jahre lang auf der Insel fest. Sie bekommen gemeinsam zwei Kinder, doch das Angebot der Unsterblichkeit lehnt Odysseus ab – zu groß ist sein Wunsch, nach Ithaka zurückzukehren. Seine Schutzgöttin Athene erwirkt schließlich, dass Kalypso den Helden ziehen lässt.

„Hermes befiehlt Calypso, Odysseus freizulassen“ von Gerard de Lairesse (1641–1711).

13. Scheria
In Scheria, dem Land der Phaiaken, angekommen, erzählt Odysseus dem dortigen König Alkinoos seine Geschichte. Indem ein Schiff Odysseus nach Ithaka bringt, endet seine zehnjährige Irrfahrt.

„Odysseus am Hofe des Alkinoos“ von Francesco Hayez (1791–1882).

Außerdem gibt es Zweifel daran, dass die Geschichte aus der Feder von Homer stammt beziehungsweise der Dichter der alleinige Autor war. Gegen Homer spreche, dass die „Odyssee“ und die „Ilias“ unterschiedlich dargestellt sind. Während die „Ilias“ als reale Kriegsgeschichte erscheint, wirkt die „Odyssee“ mehr wie ein Märchen. Für Homer als Verfasser beider Werke sprechen dagegen der ähnliche Schreibstil und Ausdruck.

Ein Papyrus aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. mit einem Ausschnitt aus der „Odyssee“.

Während die „Ilias“ mit dem Trojanischen Krieg archäologisch belegt ist, suchen Historiker noch immer Beweise für die Irrfahrt. So gehen bei dem Versuch, die Stationen von Odysseus’ Reise mit realen Orten zu verbinden, die Meinungen der Forscher, wie häufig in der Wissenschaft, auseinander. Als einer der renommierten „Odyssee“-Forscher gilt Peter Struck von der University of Pennsylvania, USA, der die Reiseroute anhand des Epos untersuchte und rekonstruierte.

Das prophezeite Ende

Doch was wurde schließlich aus dem antiken Helden, nachdem er erfolgreich in seine Heimat zurückgekehrt war? Von Homer ist dazu nichts bekannt. Dafür verfassten andere antike Schriftsteller wie Aischylos oder Aristoteles zahlreiche Versionen.
In wenigen Schriften heißt es, dass der König von Ithaka wegen der Morde an den Freiern seiner Frau verbannt wurde oder aufgrund seines hohen Alters friedlich starb. In anderen Geschichten endet sein Leben durch die Hand eines seiner unehelichen Kinder, das ihn mit einem Rochenstachel tötet. Dieses Ende passt zum Fluch des Kyklopen, dem Sohn des Poseidon, und der Weissagung des Propheten Teiresias, wonach ihn ein „sanfter Tod durch das Meer erwartet“.
Vieles um Odysseus und seine Irrfahrt ist bis heute ein Rätsel. Doch egal ob sich die „Odyssee“ jemals so abgespielt hat oder nicht, die Geschichte und ihre Lehren daraus bleiben uns erhalten.
Buchtipp: „Odyssee“
In einer humorvollen und spannenden Art und leicht verständlich beschreibt der britisch-österreichische Schriftsteller Stephen Fry das Epos von Odysseus. Zusammen mit seinen Büchern „Mythos“, „Helden“ und „Troja“ liefert „Odyssee“ einen spannenden Einblick in die griechischen Mythen und schildert, wie diese in unserem alltäglichen Leben heimlich präsent sind.
Verlag: Aufbau
Seitenzahl: 352
ISBN: 978-3-351-04212-7
Das Buch „Odyssee“ von Stephen Fry

Das Buch „Odyssee“ von Stephen Fry.