Gemälde zur Schlacht von Cartagena de Indias (1708) von dem britischen Maler Samuel Scott (1703–1772). - Foto: gemeinfrei
In Kürze:
Das Segelschiff „San José“ war zu Beginn des 18. Jahrhunderts Teil der berühmten spanischen Silberflotte.
Infolge des Erbkriegs wurde das spanische Schiff versehentlich mitsamt seiner milliardenschweren Ladung von den Engländern versenkt.
Mit seiner Wiederentdeckung liefern sich vier Parteien ein Tauziehen um den Besitz des Wracks und seiner kostbaren Schätze.
Vor der Küste von Kolumbien liegt der vermutlich größte Schatz der Welt, 600 Meter tief, unter Sand vergraben. Vor drei Jahrhunderten sank hier eines der schwerstbeladensten Kriegsschiffe Spaniens zusammen mit Hunderten Tonnen Edelmetallen und -steinen.
Für die hölzerne „San José“ war es eine Fahrt in den sicheren Untergang – eingeleitet durch einen unglücklichen Befehl. Ein mehrstündiger Kanonenbeschuss und eine Explosion rissen den stolzen Segler auseinander und die über 600 Menschen an Bord aus dem Leben. Was bis heute bleibt, ist ein Tauziehen um das Milliarden Euro teure Kriegsgrab, das als „Heiliger Gral der Schiffswracks“ gilt. Doch der Reihe nach.
Die „San José“ – gebaut für den Krieg
Im 17. Jahrhundert gehörte das königliche Spanien zu den größten Kolonialmächten Europas. Um seinen Einfluss zu erweitern und mit anderen Staaten zu konkurrieren, baute das Kontinente umspannende Reich stetig seine Schiffsflotte aus.
Eine der historisch wichtigsten Erweiterungen gab die spanische Krone im Dezember 1694 in Auftrag: den Bau zweier identischer Kriegsschiffe. Die beiden Dreimast-Vollschiffe mit den Namen „San José“ und „San Joaquín“ verfügten über jeweils zwei Decks und 64 Kanonen.
Die „San José“ könnte so ähnlich ausgesehen haben wie diese venezianische Galeone, nur größer, schwerer und stärker bewaffnet.
Auf den rund 39 Meter langen und über 11,5 Meter breiten Seglern dienten nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1700 jeweils circa 550 Seemänner und Soldaten. Der erste Einsatz erfolgte im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges (1701–1714), in dem die beiden Schwesterschiffe bis zum März 1706 erfolgreich die iberischen Seegebiete im Mittelmeer verteidigten.
Im Anschluss daran erteilte die spanische Krone den Kapitänen der „San José“ und „San Joaquín“ einen wichtigen Auftrag. Sie sollten den neuen Vizekönig von Peru und den Erzbischof von Santa Fe sicher nach Cartagena de Indias in Kolumbien bringen. Die Flotte aus zehn Handels- und drei Kriegsschiffen erreichte unter der Führung des Flaggschiffs „San José“ nach rund sechs Wochen und mehr als 4.000 Seemeilen sicher ihr Ziel.
Im Dienst der Spanischen Silberflotte
Bis zum Januar 1708 verblieb die „San José“ im neuen Heimathafen von Cartagena de Indias, bis sie Teil der Spanischen Silberflotte wurde. Deren Schiffe transportierten in der Regel zweimal jährlich Rohstoffe und edle Güter aus den Kolonien nach Spanien. Im Gegenzug gelangten auf dem Rückweg zahlreiche Alltagswaren von Europa nach Mittel- und Südamerika sowie Asien.
Doch nicht selten kam es zu Verlusten von Schiffen und Waren – etwa durch Unwetter oder Überfälle. Um Letzterem vorzubeugen, reisten die mit edlen Gütern beladenen Handelsschiffe ab dem 16. Jh. zusammen mit gut ausgerüsteten Kriegsschiffen in einer Art Konvoi.
Diese Schutzmaßnahme wurde 1543 gesetzlich vorgeschrieben, nachdem italienische Piraten drei Schiffe des berühmten Hernán Cortés (1485–1547) kaperten und die Schätze erbeuteten. Cortés ist dafür bekannt, dass er in Mittel- und Südamerika das Gold der Azteken suchte, raubte und nach Spanien schickte. Dieses war für Spanien enorm wichtig, um seine teure Kriegspolitik zu finanzieren.
Hernán Cortés (1485–1547) suchte im Auftrag der spanischen Krone in Mittel- und Südamerika das Gold der Azteken.
Zwischen 1701 und 1714 befand sich Spanien im Streit um die Nachfolge des Throns von Karl II. (1661–1700). Denn der König aus dem Hause der Habsburger war trotz zweier Ehen kinderlos und damit ohne Erbe geblieben.
Weil Karl II. (1661–1700), König von Spanien, ohne Erbe blieb, kam es zum Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714).
Doch gleich zwei Parteien sahen sich in der ungeregelten Nachfolge als rechtmäßige Erben des Throns: der französische Prinz Philipp von Anjou (1683–1746) aus dem Hause Bourbon und der österreichische Erzherzog Karl (1685–1740) aus dem Hause der Habsburger.
Spanien und Frankreich standen damit letztlich England, den Niederlanden und dem Heiligen Römischen Reich gegenüber. Um das iberische Königreich während des Krieges zu schwächen, begannen seine Gegner, die spanische Silberflotte zu attackieren und zu plündern.
Ziel war es, die zwingend für den Krieg benötigten Gold- und Silberlieferungen abzufangen und Spanien so in große finanzielle Not zu bringen. Dieses Vorhaben gelang – aber nicht so, wie sich die Engländer ihre Mission vorgestellt hatten.
Bis zu 23 Milliarden Euro schwer
Im Mai 1708 begab sich die „San José“ und ihre Crew ungeahnt auf ihre letzte große Fahrt. Zunächst war sie in einem Konvoi aus elf Handels- und sieben Kriegsschiffen auf dem Weg nach Portobelo in Panama. Dort wurde die spanische Flotte mit Reichtümern beladen.
Das meiste und wertvollste bargen traditionell die Kriegsschiffe des Konvois, da diese militärisch am besten ausgerüstet waren. So kam es, dass allein die „San José“ mit über 300 Tonnen Gold und Silber sowie mehr als 100 Kisten mit peruanischen Smaragden beladen war. Heute besitzt diese Ladung einen geschätzten Wert zwischen 4 und 23 Milliarden Euro. Könnte eine Person den gesamten Schatz ihr Eigen nennen, würde sie schlagartig zu den 100 reichsten Menschen der Welt gehören. Ein ähnliches Vermögen besitzen Peter Thiel (PayPal), Stefan Quandt (BMW) oder Melinda Gates.
Im Anschluss sollte der Konvoi mitsamt Schatz zunächst wieder in den Heimathafen von Cartagena einlaufen, wo die Schiffe umfassend gewartet werden sollten. Berichten zufolge war die „San José“ wie viele andere Schiffe der spanischen Flotte des 18. Jahrhunderts in einem schlechten Zustand.
Danach sah die Reiseroute eine Überfahrt zum Zwischenhafen in Havanna sowie die finale Fahrt nach Cádiz, Spanien, vor. Doch so weit sollte die „San José“ nie kommen. Bereits 30 Kilometer vor Cartagena lauerten englische Kriegsschiffe auf den spanischen Konvoi.
Die 1708 angedachte Reiseroute der „San José“.
Foto: Epoch Times; dikobraziy/iStock
Die letzte Fahrt – hinein in den Untergang
Am Nachmittag des 8. Juni 1708 trafen die Engländer und Spanier schließlich aufeinander. Inwieweit diese Situation für die Besatzung der „San José“ überraschend kam, ist nicht bekannt. Laut historischen Quellen meldete der Statthalter von Cartagena vor dem Auslaufen der Schiffe in Panama, dass britische Schiffe in den nahen Gewässern gesichtet worden waren. Dennoch gaben die Kapitäne der Silberflotte mit ihren 600 Reisenden an Bord den Befehl, die Leinen zu lösen.
Insgesamt standen sich bei der Seeschlacht von Cartagena de Indias sieben spanische Kriegsschiffe mit rund 2.600 Seeleuten und 312 Kanonen, und vier englische Kriegsschiffe mit circa 1.500 Seemännern und 192 Kanonen gegenüber. Das wesentliche Kampfgeschehen fand jedoch unter den beiden Flaggschiffen „San José“ und Expedition statt.
Gemälde zur Schlacht von Cartagena de Indias (1708) von dem britischen Maler Samuel Scott (1703–1772).
Die Briten, kommandiert von Charles Wager (1666–1743), eröffneten das Kanonenfeuer und versuchten im Rahmen des Angriffs, der auch als Wager’s Action bekannt ist, die „San José“ zu entern und den Schatz zu erbeuten.
Nach wenigen Stunden des Gefechts kam es jedoch zu einer Explosion und die „San José“ sank binnen kürzester Zeit. Von den mehr als 600 Menschen an Bord, konnten die britischen Schiffe lediglich elf Personen retten – alle anderen versanken mitsamt dem Schatz in den Fluten.
Andere Schiffe des spanischen Konvois wurden von den Briten erobert, von den Spaniern selbst versenkt oder konnten entkommen. So schaffte es unter anderem das zweite reich beladene Schiff, die San Joaquín, sicher in den Hafen von Cartagena. Auf der spanischen Seite starben insgesamt über 700 Menschen, mehr als 500 wurden verletzt und rund 200 gefangengenommen.
Charles Wager (1666–1743) kommandierte das britische Flaggschiff Expedition, das die „San José“ versenkte.
Aufgrund der milliardenschweren Ladung war das Kriegsgrab ein begehrtes Ziel von Schatztauchern und Historikern. Doch es gab ein Problem: Der Fundort der „San José“ war unbekannt.
1979 handelten US-amerikanische Investoren von Sea Search-Armada deshalb einen Vertrag mit dem kolumbianischen Staat aus, in dessen Gewässern die „San José“ liegen sollte. Dieser erlaubte der privaten Firma, nach dem Wrack zu suchen. Bei einem Erfolg sollte die Firma einen Anteil am Gewinn erhalten.
Bereits zwei Jahre später meldeten die Mitglieder von Sea Search-Armada um den renommierten Historiker Dr. Eugene Lyon, dass sie das Wrack lokalisieren konnten. Kolumbien zog daraufhin seine Erlaubnis zurück und untersagte der Firma, weitere Forschungen durchzuführen.
In dem Wrack der „San José“ könnten unter anderem Goldmünzen wie diese geladen gewesen sein.
2015 verkündete die kolumbianische Regierung, dass das Wrack der „San José“ vor der Halbinsel Barú von der Marine entdeckt worden war. Per Gerichtsbeschluss erklärte Kolumbien die „San José“ zu ihrem Eigentum und stufte den Fund als Staatsgeheimnis ein, womit Untersuchungen durch unabhängige, internationale Forschergruppen untersagt sind.
„Das archäologische Erbe und andere kulturelle Ressourcen, die die nationale Identität geprägt haben, gehören der Nation und sind unveräußerlich, können nicht beschlagnahmt werden und verjähren nicht“, hieß es sodann in Artikel 72 der kolumbianischen Verfassung
Bis 2022 reichte Sea Search-Armada mehrere Klagen wegen Vertragsbruchs ein und verwies darauf, dass das Wrack tatsächlich an dem von ihnen im Jahr 1981 ermittelten Fundort liege.
„Wenn zwei sich streiten …“
Nicht nur der kolumbianische Staat und die private Firma Sea Search-Armada ringen um den Anspruch des Wracks, sondern auch Spanien. Das Mutterland der „San José“ verweist dabei auf offizielle Übereinkommen – etwa die Konvention zum Schutz des Kulturerbes unter Wasser der UNESCO von 2001.
Laut Artikel 1, 3 und 9 sind Schiffe und ihre Ladung Teil des Unterwasserkulturerbes und mögliche Eingriffe müssen dem Eigentumsstaat gemeldet werden. Bezüglich des Eigentumsstaates verweist die UNESCO auf das internationale UN-Seerechtsübereinkommen (UNCLOS).
Darin ist in Artikel 91 geregelt, dass Schiffe „die Staatsangehörigkeit des Staates [besitzen], dessen Flagge sie führen“. Weiterhin besagt Artikel 149, dass alle archäologischen und historischen Gegenstände, zu bewahren oder zu verwerten sind, „wobei den Vorzugsrechten des Herkunftsstaates oder -landes, des Staates, aus dem die Kultur stammt, oder des Staates, aus dem die historischen und archäologischen Fundstücke stammen, besondere Beachtung zu schenken ist“.
Die kolumbianische Regierung hat jedoch weder jemals die UNESCO-Konvention noch das UN-Seerechtsübereinkommen unterzeichnet, womit rechtlich betrachtet keine widrigen Handlungen vorgenommen werden.
Ein Blick auf das heutige Cartagena in Kolumbien.
Foto: RoNeDya/iStock
Mit dem bolivianischen Volksstamm der Qhara Qhara erhebt zudem eine vierte Partei Anspruch auf die Ladung der „San José“. Als Begründung führen die Indigenen an, dass sie vor über 300 Jahren von den Spaniern gezwungen wurden, die Edelmetalle und -steine aus ihren Minen abzubauen, und die Rohstoffe somit aufgrund ihrer Herkunft Bolivien gehörten. Die UN-Konventionen unterstützen diese Lesart nicht, denn Rohstoffe sind keine Kulturgüter.
Aufgrund nationaler Bestimmungen wird die „San José“ seit ihrer (Wieder-)Entdeckung im Alleingang vom Kolumbianischen Institut für Anthropologie und Geschichte (ICANH) untersucht. Demnach liege das Wrack ungeplündert neben weiteren gesunkenen, kleineren Schiffen am Meeresboden.
Zunächst erkundeten die kolumbianischen Forscher das Wrack mit einem autonomen Unterwasserfahrzeug, um die Ausmaße der Fundstelle und die Verteilung der Artefakte am Grund zu beurteilen. Dabei wurde das ICANH verpflichtet, eine umfassende Liste mit allen zum Wrack gehörenden Objekten anzufertigen.
Später folgte die Bergung ausgewählter Funde – etwa von Bronzekanonen, spanischen Münzen und chinesischem Porzellan. Anschließende Untersuchungen sollten klären, wann und wie die Gegenstände hergestellt wurden und wie ihre Erhaltung nach 300 Jahren ist.
Ob in Zukunft weitere Funde geborgen werden oder eine Ausgrabung unter Wasser durchgeführt wird, um die Geschichte der „San José“ weiter aufzudecken, ist bislang unbekannt. Sicher ist nur, dass die bisher geborgenen Funde in einem Museum in Cartagena ausgestellt werden sollen.
Die „Pyramide der Sonne“ ist allgegenwärtig im fruchtbaren Visoko in Bosnien und Herzegowina. Doch Dr. Sams Entdeckung ist auch unter den Einheimischen umstritten. Foto Lydia Roeber
In Kürze:
Die Pyramiden der Ägypter und der Maya gehören zu den bekanntesten ihrer Art, sind weltweit aber nicht die einzigen.
Auch in Europa gibt es Pyramiden, unter anderem in Italien und Frankreich – und womöglich in Bosnien.
Die sogenannten bosnischen Pyramiden sollen mehrere Zehntausend Jahre älter sein als jene in Gizeh, Chichén Itzá oder Teotihuacán.
Widersprüchliche Forschungsergebnisse und umstrittene Deutung tun dem Tourismus in Visoko keinen Abbruch.
Die Anfahrt ist genauso unspektakulär wie der erste Eindruck: sanfte Hügel und grüne Hänge, an die über Jahrhunderte die Häuser eines bosnischen Städtchens geklebt wurden. Über der betulichen Szene thront einem grünen Kegel gleich der bewaldete Visočica-Hügel. Für Dr. Sam Osmanagić ist er mehr: konkret die „Pyramide der Sonne“ und womöglich die älteste Pyramide der Welt. Die These des Entdeckers: Es handle sich nicht um einen natürlichen Hügel, sondern um ein von Menschen geschaffenes Bauwerk, das im Laufe von Jahrtausenden überwuchert wurde.
Ein Hügel wird zur Sensation
Als Semir Osmanagić Mitte der 2000er-Jahre verkündete, die bewaldeten Hügel rund um Visoko seien in Wahrheit gigantische, von Menschen geschaffene Pyramiden, war die Reaktion gespalten. Für die einen war es eine archäologische Sensation, für die anderen ein spektakulärer Irrtum.
Heute ist die kleine Stadt südlich von Sarajevo ein Pilgerort für Neugierige, Skeptiker und Überzeugte gleichermaßen. Reisebusse rollen an, Freiwillige graben, Besucher lauschen Führungen, in denen von uralten Zivilisationen, energetischen Feldern und verborgenen Kräften die Rede ist. Und von den Ergebnissen zahlreicher Studien, die „Dr. Sam“, wie Osmanagić hier genannt wird, immer wieder auf eigene Kosten in Auftrag gegeben hat. Taucht er auf, wird er gefeiert wie ein Star. Mit Hut, sandfarbener Outdoorkleidung und gebräunten Lachfältchen entspricht er einer Balkanversion von Indiana Jones.
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Semir „Dr. Sam“ Osmanagić vor dem Gelände des Archäologischen Parks der bosnischen Pyramiden.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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Der Archäologische Park befindet sich in der Nähe der Ravne-Tunnel und …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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… umfasst auch Bühnen, Wiesen und Skulpturen.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
So ist er auch dieses Mal schnell von einer Traube Menschen umringt. Viele bedanken sich bei ihm, stellen ihm Fragen und fast alle wollen ein Foto oder Selfie mit ihm machen. Sein Händedruck ist fest. Er schildert den Moment seiner „Entdeckung“ wie folgt: „Der Kompass zeigte mir, dass diese Seiten perfekt mit den Himmelsrichtungen Osten, Westen, Norden und Süden übereinstimmten. Für mich war das genug. Ich wusste, dass es sich um ein künstliches Bauwerk handelte.“
Dr. Sam und die Entdeckung von Visoko
Für ihn ist klar: Was hier liegt, sei vergleichbar mit den ebenfalls zugewucherten Pyramiden in Mexiko oder China. Nur größer. Die bosnische „Pyramide der Sonne“ ist laut Osmanagić rund 220 Meter hoch und damit höher als die wohl berühmteste Cheops-Pyramide, die mit ihren ursprünglich 146 Metern – heute knapp 10 Meter weniger – als höchste antike Pyramide gilt.
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Die bekanntesten Pyramiden stehen in Gizeh, Ägypten. Im Vordergrund die drei Königinnenpyramiden, im Hintergrund (v. l. n. r.) die Mykerinos-Pyramide, die Chephren-Pyramide und die Cheops-Pyramide.
Foto: Ricardo Liberato/Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0
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Die Sonnenpyramiden von Teotihuacan liegen außerhalb von Mexiko-Stadt. Archäologen gehen davon aus, dass die Stätte bis ins Jahr 600 n. Chr. das kulturelle Zentrum Mittelamerikas war.
Foto: Especial/dpa
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Die Ruinenstätte Chichén Itzá liegt auf der Halbinsel Yucatán, Mexiko, und beherbergt neben der berühmten Stufenpyramide auch Hinweise auf die Entwicklung des Ballsports.
Foto: Denis Düttmann/dpa
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Die „Pyramide des Gaius Cestius“ wurde 18–12 v. Chr. in der Hauptstadt des Römischen Reiches errichtet. Hinter der Stadtmauer befindet sich mit der Via Ostiensis eine der belebtesten Straßen Roms.
Eine von drei bekannten griechischen Pyramiden ist die sogenannte Pyramide von Hellinikon beziehungsweise von Kephalaria. Sie entstand vermutlich zwischen 490 und 320 v. Chr., diente jedoch nicht als Grab, sondern Militär oder Landwirtschaft.
In China gibt es zahlreiche kaiserliche Mausoleen, die pyramidenähnliche Grabhügel aufweisen. Das Grab des ersten chinesischen Kaisers Qín Shǐhuángdì erscheint oberflächlich unspektakulär, …
… beherbergte jedoch die Terrakotta-Armee. Der Bericht eines US-amerikanischen Piloten aus dem Jahr 1945 über eine „gigantische weiß schimmernde Pyramide“ womöglich mit einer Spitze aus Kristall ist bis heute unbestätigt. Der vermutete Ort ist militärisches Sperrgebiet.
Foto: Yes/iStock
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Auch in Cianjur, Indonesien, vermuten Forscher eine verborgene Pyramide. Die megalithische Fundstätte Gunung Padang datiert bis über 28.000 Jahre zurück und ist die größte ihrer Art in Südostasien.
Foto: uskarp/iStock
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Selbst in der Antarktis gibt es Pyramiden (-artige Strukturen). Mit einer Seitenlänge – an der Schneegrenze – von rund 400 Metern wäre sie rund 1,7-mal größer als die größte Pyramide in Gizeh. Wie viel „Pyramide“ noch unter dem Schnee liegt, ist unbekannt.
Foto: Bildshirmfoto/Google Earth
Zwischen zwei Schichten beziehungsweise Blöcken wurden fossile Rückstände gefunden, die auf ungefähr 34.000 Jahre geschätzt wurden und dem Alter der Pyramiden entsprechen sollen. Damit hätte Osmanagić in Bosnien und Herzegowina die weltweit ältesten Pyramiden gefunden. Und damit wäre auch Osmanagićs These bestätigt, dass es bereits viel früher hoch entwickelte Zivilisationen gab.
Osmanagić, der seit über 40 Jahren zu Pyramidenkulturen, Megalithanlagen und heiliger Geometrie forscht, hat mittlerweile mehr als zwanzig Bücher sowie über dreißig begutachtete Forschungsartikel veröffentlicht. Der wissenschaftliche Widerstand bleibt bis heute ungebrochen. Die European Association of Archaeologists erklärte bereits früh, es gebe keinerlei belastbare Beweise für künstlich errichtete Pyramiden. Viele Geologen sehen in den Formationen natürliche Sedimenthügel, entstanden durch tektonische Prozesse und Erosion.
Auf die Spitze der Pyramide der Sonne führt ein teils steiler Wanderweg. Er beginnt in der Altstadt und dauert – je nach Puste – bis zu einer Stunde. Unterwegs läuft man durch Waldstücke, vorbei an freigelegten symmetrischen Steinplatten und kleineren Grabungsstellen.
Auf dem Gipfel liegen die Überreste der alten Königsfestung Visoki Fortress. Diese Ruinen aus dem 14. Jahrhundert werden immer wieder als Begründung genannt, warum die Pyramide nicht komplett freigelegt werden darf. Grabungen am Hügel könnten mittelalterliche Schichten oder andere „echte“ archäologische Funde beschädigen, heißt es.
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Freigelegte Platten am Weg auf die Spitze der Pyramide.
Foto: joachimbago/iStock
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Auf dem Gipfel befindet sich eine Siedlung aus dem 14. Jahrhundert.
Der eigentliche Kern der bosnischen Pyramiden liegt jedoch nicht auf dem Hügel, sondern darunter.
Der Weg in die Tiefe
Ins „Innere der Pyramide“ führen die Ravne-Tunnel, schmale Gänge aus Erde, Kies und Holzstreben. Obwohl an den Wänden und auf dem Boden Feuchtigkeit zu sehen ist, ist kein muffiger Geruch wahrnehmbar. Stattdessen atmet man in den wohltemperierten Gängen eine klare Luft ein, selbst in den hinteren Tunneln. Die Schritte hallen hier leise wider. Besucher sprechen automatisch leiser, Männer eine halbe Oktave tiefer.
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Eingang zu den Ravne-Tunneln und dem Inneren der Pyramide.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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3,6 Kilometer sind bis heute ausgegraben, insgesamt sollen es über 100 Kilometer sein.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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65 Angestellte arbeiten unter anderem als Führer in den Tunneln und berichten …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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… von Räumen und Steinen voller Energie – eine Energie, die mehrere Besucher spüren und die mitunter extra dafür angereist sind.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Das Tunnelsystem erstreckt sich über mehrere Kilometer – ein Labyrinth aus Gängen, Kreuzungen und Kammern. Bislang sind davon rund 3,6 Kilometer freigelegt. Laut Osmanagić sollen es insgesamt über 100 Kilometer auf sieben Ebenen sein. Man geht gebückt, dann wieder aufrecht, vorbei an verschlossenen Seitenwegen, kleinen Kammern, die als Meditationsräume gekennzeichnet sind, und auffallend glatten Wänden.
Nach wenigen Minuten verändert sich die Wahrnehmung. Geräusche verschwinden. Gespräche werden leiser. Manche Besucher setzen sich einfach an die Wand und schließen die Augen. Der Rummel um diesen sagenumwobenen Ort hat auch in den Köpfen seine Spuren hinterlassen.
Heilung unter der Erde?
Für Osmanagić ist das alles kein Zufall. Er beschreibt die Tunnel als Ort besonderer Energie, als Raum der Regeneration. Tatsächlich existieren Messungen bezüglich Luftqualität und negativen Ionen innerhalb der Tunnel. Die Stiftung von Osmanagić verweist auf ihrer Website auf Werte von bis zu 43.000 negativen Ionen pro Kubikzentimeter Luft – deutlich mehr als in gewöhnlichen Waldgebieten.
In den Tunneln wurden zudem mehrere riesige, ovale Steine gefunden. Je weiter man in das Tunnelsystem hineinläuft, desto größer werden diese Megalithen – der bisher größte Stein wiegt um die 25 Tonnen. In jeden der Steine sind verschiedene Symbole oder Runenzeichen eingeritzt. Röntgenaufnahmen hätten gezeigt, erzählen die Guides an diesen Stopps, dass sich im Inneren Quarzkristalle befinden.
Zusammen mit der hohen Anzahl an negativen Ionen werde ein messbares elektromagnetisches Feld erzeugt, das die Luft energetisch reinigt. Wenn alles stimmt, müssen sich die vermessenen Effekte der Cheopspyramide hinten anstellen.
Bis heute lockt die vermeintlich antike Heilmethode Kranke aus dem ganzen Land und aller Welt für Heilsitzungen in die Tunnel. Atmen, hoffen, heilen. Die Tunnel sind gut gefüllt. Niemand drängelt. Die Atmosphäre ist ungewöhnlich friedlich. Die gemeinsame Idee vereint ebenso wie die leisen Zweifel, die bei dem einen oder anderen vielleicht bleiben.
Ein Wirtschaftswunder für Visoko
Besonders stolz ist Osmanagić auf das, was rund um die Ausgrabungen entstanden ist. „Vor zehn Jahren war dies sumpfiges Land voller Müll“, erzählt er und zeigt auf den gepflegten Archäologischen Park rund um die Tunneleingänge. „Wir haben alles selbst aufgebaut. Ohne staatliche Gelder, ohne EU-Unterstützung.“
Kinder spielen auf den grünen Wiesen, kleine Gruppen sitzen unter Bäumen, ein Pärchen lässt die Füße im Bachlauf baumeln, weiter hinten wird die Musikanlage auf einer kleinen Bühne aufgebaut. Hier sieht man keinen einzigen, der in sein Handy starrt. Tatsächlich beschäftigt die Stiftung heute laut eigenen Angaben rund 65 Mitarbeiter: Führer, Archäologen, Arbeiter, Bürokräfte. Es finden Kongresse, Konzerte und Vorträge statt. Für Tennisstar Novak Đoković, der 2022 ein Tenniszentrum auf dem Gelände des Archäologischen Parks eröffnete, ist dieser Platz der „Himmel auf Erden“.
Finanziert werde alles durch Eintrittsgelder, seine Bücher und den Souvenirverkauf. Auch der Ort Visoko profitiert. Amira, deren alteingesessene Familie Gästezimmer („mit Pyramidenblick“) vermietet, erzählt, dass eine Familie aus Kanada, die im letzten Jahr eine Woche lang täglich die Tunnel mit ihrer kranken Tochter besucht hat, jetzt wieder kommt: diesmal für drei Wochen. „Die werden schon wissen, warum“, lacht sie und ergänzt: „Auch bevor Dr. Sam hierherkam und die Pyramiden und Tunnel freilegte, erzählten schon unsere Ältesten, dass da was los ist mit dem Visoko-Hügel. Wir stehen hier alle hinter ihm. Wer heilt, hat recht, oder?“
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Vor dem Eingang zur Pyramide bieten Händler …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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… Souvenirs zum Kauf an. Viele haben einen Bezug zum Archäologischen Park, darunter …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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… Pyramiden und Edelsteine – oder Edelsteine in Pyramidenform.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Für Kenan, der in einem Restaurant am idyllischen Flussufer mit Blick auf den Hügel von Visoko arbeitet, ist die Sache ebenfalls klar: keine Pyramide. „Dann hätten sie sie doch längst vollständig freigelegt“, erklärt uns der junge Mann achselzuckend. Osmanagić selbst sieht seine Erfolgsgeschichte von Widerständen begleitet. Universitäten und Museen hätten ihn von Anfang an abgelehnt. „Sie sagten: Keine Pharaonen in Bosnien. Deshalb auch keine Pyramiden in Bosnien.“
Keine Pharaonen in Bosnien?
Im Eingangsbereich des Archäologischen Parks weht eine blaue Flagge im Wind. Darauf stehen drei Worte: „Ljubav. Mir. Sloboda.“ – „Liebe. Frieden. Freiheit.“ – das sind Begriffe, die in Visoko noch häufiger fallen als wissenschaftliche oder archäologische Fachbegriffe.
Das erinnert irgendwie an das zentrale Prinzip der ägyptischen Pharaonen, die sich als Hüter der Ma’at sahen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Ordnung, Harmonie und Gleichgewicht. Sie mussten Chaos, Isfet, bekämpfen und kosmische sowie gesellschaftliche Balance wahren. Unter südamerikanischen Pyramidenbauern galten wiederum Ayni und Munay als direktere Analogie zu Liebe und Frieden, was seinerseits Verbindungen nahelegt.
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Dr. Sams Motto in Visoko und für die Welt „Ljubav. Mir. Sloboda.“ – „Liebe. Frieden. Freiheit.“ weist gewisse Parallelen zu den ägyptischen Pharaonen auf.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
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Die „Pyramide der Sonne“ ist allgegenwärtig im bosnischen Visoko.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Veranstaltungstipp: Sommersonnenwende bei den bosnischen Pyramiden
Vom 14. bis 24. Juni 2026 findet in Visoko erneut das „Summer Solstice Festival“ rund um die bosnischen Pyramiden statt. Auf dem Programm stehen Vorträge, geführte Touren durch die Ravne-Tunnel, Meditationen, Yoga-Sessions und Konzerte im Park Ravne 2. Als Sprecher angekündigt sind unter anderem Semir Osmanagić sowie internationale Autoren und Grenzwissenschaftler. Weitere Informationen und das vollständige Programm gibt es hier.
Der Menschheit werden heute elementare Fähigkeiten wie die Schaffung von Kunst und der Bau von Siedlungen zugeschrieben.
Archäologische Funde wie die Flöten aus der Schwäbischen Alb zeigen, dass sich diese Fähigkeiten bereits vor zehntausenden Jahren entwickelten.
Während diese allgemein anerkannt sind, treten immer mehr Artefakte zutage, die weit älter und mitunter umstritten sind.
Die Arbeit von Archäologen ist eine Mammutaufgabe: Sie müssen anhand äußerst begrenzter Informationen herausfinden, wo und wie unsere Vorfahren einst gelebt haben. Historiker haben es da etwas leichter: Um ein genaues Verständnis jahrhunderte- oder jahrtausendealter Zivilisationen zu erlangen, konsultieren sie umfangreich die hinterbliebenen antiken Schriftquellen.
Archäologen hingegen versuchen, noch weiter zurückliegende Epochen zu verstehen – vor Zehntausenden, Hunderttausenden oder sogar Millionen von Jahren. Gleichzeitig verfügen sie über deutlich weniger Material, auf das sie ihre Schlussfolgerungen stützen können. Ihre Aufgabe gleicht dem Zusammensetzen eines großen Puzzles mit nur einer Handvoll Teilen oder dem Verstehen der Handlung eines Romans, von dem nur wenige Seiten erhalten geblieben sind.
Obwohl die Archäologie auf greifbaren Beweisen aus wissenschaftlichen Untersuchungen gefundener Artefakte basiert, beinhaltet sie zwangsläufig auch einiges an Spekulation, Vermutung und Vorstellungskraft. Wenn neue Erkenntnisse zu früheren Entdeckungen auftauchen, können dadurch bisherige Theorien untermauert, verfeinert oder revidiert werden.
Technologische Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten haben zusätzlich große Veränderungen in der Archäologie bewirkt. Moderne Entwicklungen wie die Radartechnologie haben es den Archäologen ermöglicht, neue Spuren an zuvor unzugänglichen Orten ausfindig zu machen. Verbesserungen bei der Altersbestimmung von Funden – etwa der Radiokarbondatierung – liefern zudem ein immer klareres Bild der Vergangenheit.
Von alten Höhlenmalereien und kreativen Artefakten bis hin zu lange verschütteten antiken Bauwerken bieten viele moderne Entdeckungen spannende Einblicke in das große Rätsel der Menschheit.
Die älteste bekannte Höhlenkunst
Im Januar 2026 ließen Archäologen um Adhi Agus Oktaviana von der australischen Griffith University die Entdeckung der weltweit ältesten Höhlenmalerei verlauten. Die auf Sulawesi, Indonesien, entdeckte Kunst aus Menschenhand sei mindestens 67.800 Jahre alt, wie eine Urandatierung ergab.
Beispiel der Höhlenmalerei von Sulawesi, Indonesien.
Die Malereien, zu denen eine Vielzahl von Handabdrücken, Tieren und die älteste bekannte Darstellung eines Menschen gehören, entstanden zudem über mindestens 45.000 Jahre hinweg. Dies zeigt, dass die frühen Menschen über einen unglaublich langen Zeitraum das Gebiet regelmäßig aufsuchten.
Weiterhin nehmen die Archäologen an, dass die frühen Menschen vor 68.000 Jahren mittels Booten in die Inselwelt einwanderten, was für frühe Fähigkeiten und Kenntnisse im Bootsbau und der Navigation spricht.
Letztlich führte die Entdeckung der indonesischen Höhlenmalereien zur Umschreibung der Menschheitsgeschichte. Zuvor galt die umstrittene Malerei aus den spanischen Maltravieso-Höhlen mit 64.000 Jahren als älteste Kunst der Welt. Die schwarzen und roten Zeichnungen zeigen ähnlich wie in Sulawesi Tiere und Handabdrücke, aber auch Punkte und Muster.²
Wenn wir von Höhlenkunst sprechen, gehören die Malereien aus der Chauvet-Höhle zu den beeindruckendsten Beispielen. Diese 1994 in Frankreich entdeckten Zeichnungen sind 36.000 Jahre alt und zeugen von einem hohen Maß an künstlerischer Raffinesse. So zeigen sie detailliert und maßstabsgetreu mindestens 14 verschiedene Tierarten wie Bären, Höhlenlöwen, Mammuts und Wollnashörner und sind ein Beweis dafür, wie früh sich menschliche Kreativität und Kunstfertigkeit entwickelten.
Höhlenmalerei aus der Chauvet-Höhle in Frankreich.
Foto: Jeff Pachoud/AFP via Getty Images
Musische Fähigkeiten
Doch unsere alten Vorfahren drückten sich nicht nur durch das Zeichnen künstlerisch aus. In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahlreiche Musikinstrumente entdeckt, vor allem Flöten aus Tierknochen, von denen einige mehrere Zehntausend Jahre alt sind.
Als derzeit ältestes Musikinstrument gilt eine Flöte aus dem Oberschenkelknochen eines Bären, die 1995 in einer Höhle bei Cerkno in Slowenien entdeckt wurde. Archäologen schätzen ihr Alter auf 50.000 bis 60.000 Jahre. Dabei ist jedoch fraglich, ob frühe Menschen die Löcher bewusst in den Knochen bohrten oder ob Raubtiere an dem Knochen nagten.³
Die unvollständig erhaltene Flöte aus Bärenknochen ist etwa 13 Zentimeter lang.
Sollte die slowenische Flöte aus Bärenknochen nicht von Menschenhand gemacht sein, muss dennoch nicht am musischen Wissen der frühen Menschen gezweifelt werden. Die zweitälteste Flöte aus einem Schwanenknochen ist 35.000 bis 40.000 Jahre alt und stammt aus Geißenklösterle in Baden-Württemberg, Deutschland. Hier und aus zwei benachbarten Fundstellen stammen fünf weitere Flöten, die eine zufällige Entstehung der Instrumente durch Wildtiere unwahrscheinlich erscheinen lassen.
Replikat einer der Flöten aus Geißenklösterle in der Schwäbischen Alb.
Heute gilt es aufgrund zahlreicher Funde als allgemein anerkannt, dass die Menschheit ihre Kreativität und künstlerische Ausdruckskraft im Laufe von zehntausenden Jahren entwickelte. Doch ebenso gibt es vermehrt Belege, die darauf hindeuten, dass sie sogar noch älter sein könnten.
Konkret wurden 1891 auf Java, Indonesien, Muschelschalen gefunden, in die die frühen Menschen geometrische Muster in Form von Zickzack-Linien geritzt haben sollen. Statt der bereiten Öffentlichkeit gezeigt zu werden, landeten die Funde für über 100 Jahre in einer Museumsschublade.
Erst in den 2010er-Jahren wurden die Muschelschalen wieder Gegenstand der Forschung. Die Archäologin Josephine Joordens von der niederländischen Universität Leiden und ihre Kollegen führten wissenschaftliche Untersuchungen durch und kamen zu dem Schluss, dass „die Herstellung geometrischer Muster im Allgemeinen als Hinweis auf Kognition und modernes Verhalten interpretiert werden muss“. Diese Fähigkeiten sollen die frühen Menschen laut Altersbestimmung bereits vor rund 500.000 Jahren gehabt haben.⁴
Im Jahr 2019 entdeckten Archäologen an den Kalambo-Wasserfällen im südafrikanischen Sambia die älteste künstliche Holzkonstruktion der Welt. Da die ineinandergreifenden Baumstämme vor etwa 475.000 Jahren durch absichtlich geschnittene Kerben miteinander verbunden waren, gehen die Forscher von einer frühen Ingenieursleistung aus.⁵ Welchem Zweck die Konstruktion diente, ist nicht eindeutig geklärt. Die Vermutungen gehen von erhöhten Plattformen zum Arbeiten bis zu Wegen und Fundamenten für Wohnstätten.
Aufnahmen von der Entdeckung der bearbeiteten Baumstämme nahe der Kalambo-Wasserfälle.
Umstrittener ist hingegen die Entdeckung des Nationalen Instituts für Meerestechnologie in Indien. So fanden die Forscher geometrische Strukturen auf dem Meeresboden im Golf von Khambhat, die sie als prähistorische Stadt bezeichnen. Zu den dort geborgenen Artefakten gehören Töpferwaren, Perlen, Statuen, Mauerreste und menschliche Knochen. Mit etwa 9.500 Jahren wäre diese Fundstelle älter als die anerkannten Siedlungen in Mesopotamien und Afrika.⁶
Einige Wissenschaftler zweifeln an dieser Theorie und äußern die Bedenken, dass die datierten Artefakte auch durch Meeresströmungen an diesen Ort gespült worden und die geometrische Form der Stätte natürlich entstanden sein könnten. Ähnliche Funde und Kritik gibt es für versunkene Strukturen vor den Küsten Kubas und Japans.
Nahe der japanischen Insel Yonaguni im Ostchinesischen Meer liegt ein umstrittenes Monument aus Stein. Während einige Forscher eine natürliche Gesteinsformation sehen, deuten andere die Stätte als Unterwasserpyramiden.
Zwar liefert jede neue Entdeckung ein weiteres Stück für das komplexe Puzzle der Menschheit, doch verfügen wir noch immer über zu wenige Teile, um das Gesamtbild klar zu erkennen. Dennoch wissen wir heute bereits viel mehr und können uns vorstellen, wie unsere Vorfahren Malereien schufen, Musik spielten oder Holzkonstruktionen bauten.
Da moderne Technologie stetig den Umfang unserer Entdeckungen und die Genauigkeit unserer Analysen erweitert, werden Archäologen zukünftig vielleicht noch erstaunlichere Hinweise entdecken, die zusätzliche Einblicke in die uralten Geheimnisse der Menschheit gewähren.
Die Restauratorin Susanne Bretzel hält ein in einer mittelalterlichen Latrine in Paderborn gefundenes Notizbuch in der Hand. - Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/E. Daood
In Kürze:
Bei Stadtgrabungen in Paderborn haben Archäologen ein mittelalterliches Notizbuch in einer Latrine entdeckt.
Das zehnseitige Buch aus Wachstafeln ist inklusive Ledereinband und eingeritzten Notizen in lateinischer Sprache erhalten.
Ähnliche Funde – allerdings ohne persönliche Notizen – sind aus Lübeck oder Lüneburg bekannt.
Derzeit wird der Inhalt des Buches transkribiert. Bis der Text übersetzt ist, werden einige Monate vergehen.
Bei Ausgrabungen in Paderborn haben Archäologen einen besonderen Fund gemacht. Im Zuge von Bauarbeiten zum Neubau der Stadtverwaltung entdeckten sie in einer mittelalterlichen Latrine ein außergewöhnlich gut erhaltenes Notizbuch aus dem 13. bis 14. Jahrhundert. Das beschriebene Fundstück aus Leder, Holz und Wachs wird jetzt restauriert und konserviert. Danach soll der Text entschlüsselt werden.
„Dies ist der einzige derartige Fund in ganz Nordrhein-Westfalen. Klingt komisch, aber für uns ist die Latrine fast immer eine Schatzgrube. Vergleichbare mittelalterliche Stücke kennt man aus Lübeck oder Lüneburg, wo ein ähnlich feuchtes Milieu im Boden die Funde erhalten hat. In keinem Fall ist aber wie bei uns das komplette Buch erhalten“, erklärte Archäologin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
Einblick in alte Geschäfte?
Das rund 700 bis 800 Jahre alte Notizbuch ist nicht nur aufgrund seines überraschend guten Erhaltungszustandes von Bedeutung. Die Archäologen versprechen sich vielmehr wertvolle Einblicke in den Alltag und die Lebensverhältnisse im mittelalterlichen Westfalen.
„Nach sorgfältiger Restaurierung wird es möglicherweise gelingen, den Text mit Hightech-Methoden wieder vollständig lesbar zu machen“, so Dr. Rüschoff-Parzinger. Dafür sind die Archäologen bereits mit Schrift- und Materialfachleuten aus ganz Nordrhein-Westfalen im Gespräch.
Die Stadtarchäologin in Paderborn, Dr. Sveva Gai, erhofft sich von dem Text auch ganz konkrete Informationen zum Autor oder zur Autorin. „Wer hat das Buch geschrieben und welchem Zweck diente es? Ersten Vermutungen nach könnte ein Paderborner Kaufmann der Urheber sein, der stichwortartig Geschäfte notierte und Gedanken festhielt.“
In diesem Ledereinband entdeckten Archäologen das Notizbuch.
Foto: LWL/S. Bretzel
Dies wäre laut den Archäologen nicht überraschend. „Kaufleute waren gebildete Leute: Sie konnten im Gegensatz zum Großteil der Menschen sowohl lesen als auch schreiben“, so die Archäologen.
Aber wie sind die für den Besitzer womöglich wichtigen Aufzeichnungen letztlich in der mittelalterlichen Toilette gelandet? Diese Frage wird vermutlich für immer ein Rätsel bleiben. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass es sich bei dem Verlust um ein Missgeschick handelt.
Der Holzrahmen des mittelalterlichen Notizbuchs ist 8,6 × 5,5 Zentimeter groß und umfasst insgesamt zehn Seiten. Von diesen sind acht doppelseitig und zwei – die erste und die letzte – nur einseitig mit Wachs befüllt.
Das mittelalterliche Notizbuch von außen, aus Holz und ohne Ledereinband.
Foto: LWL/S. Brentführer
Versehen ist das Buch mit einem Ledereinband von 10,0 × 7,5 Zentimetern und war zum Schutz zusätzlich in eine kleine Ledertasche gehüllt. Alles in allem eine schlichte Erscheinung. Die LWL-Restauratorin Susanne Bretzel war die Erste, die den Fund nach Jahrhunderten im Boden gesehen hat.
„In einem nassen Erdklumpen verpackt – und zunächst ganz unscheinbar – klärte sich das Objekt erst bei der Reinigung in unserer Restaurierungswerkstatt in Münster. Und tatsächlich haftete dem Latrinenfund auch nach so vielen Jahrhunderten im Boden noch ein recht unangenehmer Geruch an“, erinnerte sich Bretzel.
Die halb ausgegrabene mittelalterliche Latrine, in der das Notizbuch gefunden wurde.
Foto: Denkmal3d/Heike Tausendfreund
Dabei war gerade das feuchte und vor allem luftdichte Milieu des Paderborner Bodens für die Konservierung des Fundes ein Glücksfall. Dieser Boden hat die besten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der mit einem Griffel – einem Schreibwerkzeug aus Metall, Knochen oder Elfenbein – in Wachs geschriebene Text über 700 bis 800 Jahre hinweg unversehrt geblieben ist.
„Ich musste das Buch nur außen reinigen, da die Innenseiten so fest aneinander saßen, dass dort kein Dreck war. Auch das Holz hat sich nicht verzogen, sodass das Wachs noch intakt und die Schrift an sich gut lesbar ist“, erklärte Bretzel.
Der Text ist in zwei Richtungen geschrieben, je nachdem, wie man das Buch gehalten hat. Geschrieben wurden die Worte aber scheinbar nur von einer Hand. Für die Archäologen spricht dies für die spontane Verwendung als Notizbuch.
Auch das dazugehörige Schreibgerät ist in einem guten Zustand. Wie andere Griffel war auch dieser an einem Ende spitz, um die Buchstaben in das Wachs zu ritzen. Das andere Ende des Griffels war flach wie ein Spatel. Damit konnte das Wachs glattgestrichen und das Geschriebene „gelöscht“ werden, womit die Tafel wiederverwendbar war. Auch der Ledereinband ist noch vollständig erhalten, bis auf die gelösten Fäden.
„Die Oberfläche des Ledereinbandes ist mit einem eingeprägten Muster verziert: kleine, regelmäßige Lilienreihen, die die gesamte Fläche bedecken. Vielleicht können wir daraus zukünftig etwas über die Herkunft des Stückes ableiten oder sogar seinen Herstellungsort nennen“, hoffen die Archäologen.
Der Ledereinband mit Lilienprägung, in dem das Notizbuch – sicher vor Schmutz geschützt – steckte.
Foto: LWL/S. Bretzel
Schon jetzt spricht das Lilienmotiv dafür, dass das Buch aus einem gehobenen Umfeld stammt. So war diese Pflanze im Mittelalter ein Symbol für Reinheit, königliche Macht und göttliche Gunst gewesen und zierte häufig Wappen.
Das Wachs belegt noch immer sämtliche Innenseiten der Tafeln und ist zum großen Teil mit kursiver Schrift versehen. Der Inhalt ist in lateinischer Sprache verfasst, was ebenfalls auf einen Besitzer aus der Oberschicht hinweist. Die charakteristische Kursivschrift datiert das Notizbuch zudem in das 13. bis 14. Jahrhundert.
Aufdecken und Erhalten der Geschichte
Doch das Wachs zeigt nicht nur die zuletzt geschriebenen Seiten. Auch das Abreiben einer älteren Schrift ist noch deutlich lesbar. Mit Hightech-Verfahren könnten zukünftig die verschiedenen, zusammengehörigen Schichten der übereinanderliegenden Schriften getrennt und wieder lesbar gemacht werden. Eine Transkription ist derzeit in Arbeit.
„Der Text ist selbst für Fachleute auf dem Gebiet nicht leicht zu entziffern, einzelne Wörter sind zwar zu erkennen, die Transkription aber wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, da einige Wörter durch falsche Schreibweisen auch verfälscht sein können“, erklärte Rüschoff-Parzinger. Erst nach der erfolgreichen Transkription wird der Text vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt.
Deutlich zu sehen ist die in Wachs eingeritzte lateinische Schrift.
Foto: LWL/S. Brentführer
Zunächst wollen die Archäologen das verwendete Material des Buches untersuchen. Aus welcher Wachs- beziehungsweise Harzmischung besteht das Wachs? Wurden Pigmente beigemischt? Wo liegt sein Schmelzpunkt? Um welches Holz handelt es sich? All diese Daten helfen letztlich bei der Konservierung. Denn für die verschiedenen Materialien kommen unterschiedliche Erhaltungsmethoden zum Einsatz.
Die gesamte Konservierung könnte nach derzeitigen Schätzungen bis zu einem Jahr dauern. Im Anschluss ist vorgesehen, das mittelalterliche Notizbuch im LWL-Museum in der Kaiserpfalz in Paderborn auszustellen.
Weiteres aus der Schatzgrube
Der Neubau der Stadtverwaltung in Paderborn hat seit Dezember 2024 ausgedehnte archäologische Ausgrabungen mit sich gebracht, da sich das Areal in einem historisch sensiblen Stadtbereich befindet.
Archäologen bei der Arbeit: Sie untersuchen die Verfüllung einer mittelalterlichen Latrine in Paderborn.
Foto: Denkmal3d/Heike Tausendfreund
So stießen Bauarbeiter und Archäologen beim weiteren Ausheben der Baugrube auf insgesamt fünf Latrinen. Aus einer dieser Latrinen stammen nicht nur die Wachstafel, sondern auch Gefäße, Fässer, ein Messer, Stoffreste und Reste von Korbgeflecht aus dem Mittelalter.
Im Zentrum der Stadt Paderborn wohnten vor 800 Jahren höhere Gesellschaftsschichten. Dies zeigt sich auch an den anderen Funden: „Die seidenen Stoffreste aus der Latrine waren teilweise in rechteckige Lappen gerissen“, so die Archäologen.
Die Archäologen vermuten, dass diese edlen Stoffreste zuletzt als Klopapier verwendet wurden.
Foto: LWL/S. Bretzel
Es ist daher gut möglich, dass der edel verzierte Stoff, der vielleicht einst ein teures Kleidungsstück war, als Klopapier seine letzte Verwendung fand. Dies spricht zusammen mit dem Notizbuch für ein gehobenes Stadtviertel.
„Sobald diese Latrine einer bestimmten Parzelle zugeordnet werden kann, könnte man mittels Archivrecherche versuchen, die Bewohner der Parzelle auszumachen. Dann wäre es im besten Fall möglich, die Wachstafel mit dem Namen einer bestimmten Person in Zusammenhang zu bringen“, so die Archäologen abschließend.
(Mit Material des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe)