Eine Sonnenfinsternis sorgt seit jeher für Staunen und Furcht bei den Menschen – auch bei den Römern, die bereits die Ursache der Naturphänomene kannten. (Symbolbild) - Foto: Lazarev/iStock
In Kürze:
Eine Sonnenfinsternis sorgt seit jeher für Staunen und Furcht bei den Menschen – auch bei den Gebildeten und Gewöhnlichen des Römischen Reiches.
Zwar kannten sie die kosmische Ursache des Naturphänomens, aber dennoch glaubten sie, dass ihnen damit die Götter eine Botschaft vermitteln wollten.
Römische Politiker deuteten sie oft als schlechte Omen, Missfallen der Götter oder ungünstige Zeitpunkte für ihre Bestrebungen.
Am 12. August wird Europa – und insbesondere Spanien – den Blick zum Himmel richten, um eine historische Sonnenfinsternis zu beobachten. Wir wissen bereits, wann sie beginnt, wie lange sie dauern wird und welcher Teil der Sonne hinter dem Mond verborgen sein wird. Mit Apps auf unseren Smartphones können wir den genauen Zeitpunkt der maximalen Bedeckung berechnen und uns die besten Beobachtungsorte anzeigen lassen.
Doch während eines Großteils der Menschheitsgeschichte waren Sonnenfinsternisse weit mehr als nur eine astronomische Kuriosität. Tatsächlich galten sie als mächtige Ereignisse, die in der Lage waren, die Welt selbst neu zu ordnen. Das antike Rom bildete hier keine Ausnahme, da die Sonne in seiner vorchristlichen Religion eine wichtige Rolle spielte.
Frühe Erforschung der Sonnenfinsternis
Das Wort Sonnenfinsternis leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Verschwinden der Sonne“. Obwohl Gelehrte und frühe Astronomen wissenschaftliche Erklärungen lieferten, deutete man Sonnenfinsternisse weithin als Zeichen der Götter. In der religiösen Gesellschaft Roms wurden sie deshalb aufmerksam verfolgt.
Die beiden Weltanschauungen – wissenschaftlich und empirisch sowie abergläubisch – existierten jahrhundertelang nebeneinander. Für uns bieten sie heute einen Einblick, wie die Römer das Verhältnis zwischen Natur, Religion und Macht verstanden. Die Synthese dieser Ideen ist bis heute gebräuchlich, wenn wir das aus dem Lateinischen stammende Wort „Omen“ verwenden, um ein Zeichen zu beschreiben, das sowohl ein Ereignis vorhersagt, als auch etwas darüber aussagt.
Das Werk von Pierre Brébiette (1598–1650) zeigt zwei Philosophen beim Beobachten einer Finsternis.
Es waren babylonische Astronomen, die entdeckten, dass Sonnenfinsternisse zyklisch auftreten. Ihre Methoden zur Vorhersage wurden von den alten Griechen und anschließend von den Römern übernommen.
Ein bemerkenswertes Beispiel fand zur Zeit von Kaiser Claudius (10 v. Chr.–54 n. Chr.) statt. Der römische Historiker Cassius Dio (um 163–235) berichtet, dass der Kaiser seine Bevölkerung vor einer Sonnenfinsternis am 1. August des Jahres 45 n. Chr. warnte, damit diese nicht in Panik geriet.
Offensichtlich waren sich die kaiserlichen Behörden bewusst, dass sie die vorübergehende Dunkelheit vorhersagen konnten, und kannten die tiefe Angst, die ihr unheilvoller Charakter in der Bevölkerung auslöste.
Zeichen der Götter
Zwar kannten die Römer die astronomischen Zusammenhänge hinter Sonnenfinsternissen, doch schloss dies religiöse Deutungen nicht aus. Für einen Römer wurde das Universum von den Göttern beherrscht. Ein Naturphänomen konnte daher eine physikalische Ursache haben und zugleich eine göttliche Botschaft vermitteln.
In „Vitae parallelae“ berichtet der Historiker Plutarch (um 45–125), wie im Juni 708 v. Chr. der Tod des ersten Königs von Rom damit einhergegangen sein soll, dass der Tag zur Nacht wurde. Vielleicht wurden Sonnenfinsternisse daher oft als „prodigia“ eingestuft – Omen, die auf eine Störung des Gleichgewichts zwischen Göttern und Menschen hindeuteten und eine Reaktion der Staatsreligion erforderten.
Die Werke des Historikers Livius (um 59 v. Chr.–17 n. Chr.) sind voller weiterer Beispiele. So sollen sich im Jahr 340 v. Chr. gleichzeitig eine Sonnenfinsternis und ein Hagelsturm ereignet haben. Als Reaktion darauf, ordnete der Senat umgehend Rituale an, um den Frieden mit den Göttern wiederherzustellen.
Eine weitere Sonnenfinsternis soll Rom am 17. Juli des Jahres 188 v. Chr. für fast zwei Stunden in Dunkelheit gestürzt haben. Laut Livius löste dies solche Besorgnis aus, dass eine dreitägige Reinigung des heiligen Aventinhügels angeordnet wurde.
Sonnenfinsternis aus der Sicht römischer Politiker
Sonnenfinsternisse, die mit Zeiten politischer Krisen zusammenfielen, verstärkten ihren unheilvollen Charakter. Während der Jahre der römischen Expansion nach Mazedonien wurde eine Sonnenfinsternis als Vorbote der Niederlage der Griechen in der Schlacht von Pydna im Jahr 168 v. Chr. gedeutet.
Im Jahr 49 v. Chr. erwähnte Cassius Dio eine totale Sonnenfinsternis als Teil einer Reihe von Omen, die Unglück für Rom vorhersagten. Die Auswirkungen waren so groß, dass einige Magistrate sogar den Antritt ihres Amtes verschoben, da sie den Zeitpunkt für ungünstig hielten. Der Politiker und Philosoph Cicero (106–43 v. Chr.) deutete die partielle Sonnenfinsternis vom 18. Mai 63 v. Chr. als schlechtes Omen für sein Konsulat, das in jenem Jahr beginnen sollte.
Das Relief am Konstantinsbogen in Rom zeigt den römischen Sonnengott Sol mit seinem Himmelswagen.
Sonnenfinsternisse werden sogar in der Bibel beschrieben. So soll eine von ihnen den Himmel nach dem Tod Jesu verdunkelt haben und war der Ausdruck des Wunders, das nach der Kreuzigung auftrat.
In Rom lag das Interesse an Sonnenfinsternissen nicht nur in der Tatsache, dass sie den Himmel für einige Minuten verdunkelten, sondern in der Bedeutung, die dieser Dunkelheit beigemessen wurde. Der Kosmos und die Geschichte waren Teil derselben Ordnung, und jede Störung am Himmel musste richtig gedeutet werden. Man glaubte, dass die Zukunft, Gesundheit und Wohlergehen des Volkes – und vor allem des Staates – in hohem Maße davon abhingen, wie zutreffend diese Deutungen waren.
Zur Zeit der Kreuzigung Jesu soll sich eine Sonnenfinsternis ereignet haben.
Foto: Timacoch/iStock
Die Erfahrung der einfachen Menschen
Die überwiegende Mehrheit der römischen Bevölkerung hatte indes weder Aristoteles gelesen, noch hatte sie Zugang zu den Werken von Seneca oder Plinius dem Älteren. Ihre Erfahrung mit der Sonnenfinsternis war daher eine ganz andere.
Für sie verschwand die Sonne – die Ursache für Licht, den Kalender und den Tagesablauf – einfach unerwartet am helllichten Tag. Es war nur natürlich, diese Dunkelheit als eine furchterregende kosmische Störung zu deuten.
Es gibt Berichte über abergläubische Volksvorstellungen, die Rom von anderen Kulturen übernommen hatte. Dazu gehörte das Lärmmachen durch das Schlagen auf Töpfe und Pfannen, um der Sonne zu helfen, ihr Licht wiederzuerlangen, oder um die Kräfte zu vertreiben, die sie zu bedrohen schienen, indem sie sie vom Himmel verschwinden ließen.
Auf diese Weise glaubten die Menschen, sie trügen dazu bei, ein Phänomen abzuwehren, das die natürliche Ordnung störte und das, wie alle unbekannten Dinge, Angst und Unsicherheit hervorrief.
Das Gemälde „Astronomen beobachten eine Sonnenfinsternis“ von Antoine Caron (1521–1599).
Angesichts der Sonnenfinsternis am 12. August wird unsere eigene Reaktion nicht von Angst oder Unbehagen geprägt sein. Wenn uns die Verdunklung jedoch dazu veranlasst, zum Himmel aufzublicken, können wir uns daran erinnern, dass dies auch bereits die Römer taten. Dabei stellten sie sich wohl eine Frage, die die Astronomie niemals beantworten konnte: Was wollen uns die Götter damit sagen, dass sie die Sonne so plötzlich verschwinden lassen?
Insgesamt währte die Irrfahrt von Odysseus und seinen Männern zehn Jahre, doch von mehr als 480 Männern überlebte nur einer. - Foto: chaiyapruek2520/iStock
In Kürze:
Odysseus ist einer der bekanntesten Helden der griechischen Mythologie.
Seine Irrfahrt nach dem gewonnenen Krieg gegen Troja erzählt der griechische Dichter Homer in dem Epos „Odyssee“.
Auf seiner zehnjährigen Reise begegnet Odysseus nicht nur Riesen, Monstern, Sirenen und einer Zauberin, sondern auch der Konsequenz.
Jeder Fehltritt von ihm und seinen Männern endet mit einer göttlichen Bestrafung und lehrt früher wie heute, wie wir richtig handeln sollten.
Die „Odyssee“ ist zusammen mit der „Ilias“, beide von dem griechischen Dichter Homer um das 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. geschrieben, eines der bekanntesten Werke der Antike. Wie keine anderen Schriftstücke prägten sie die westliche Literatur und ließen neue Gattungen wie die Lyrik oder das Drama entstehen.
Benannt ist das über 2.500 Jahre alte Werk nach seiner Hauptfigur: Odysseus, König von Ithaka. Die Geschichte setzt am Ende des berühmten Trojanischen Krieges an, bei dem Odysseus eine entscheidende Rolle spielte.
Nach dem Kriegsende trat der griechische Held mit seinen Männern die Heimreise und, ohne es zu wissen, seine „Odyssee“ an. Diese währte zehn Jahre und war von Gefahren, Abenteuern und Lehren für das Leben geprägt – ein Umstand, der das Epos noch heute aktuell macht.
Wer war Odysseus?
Odysseus ist neben Theseus und Herakles einer der bekanntesten Helden und Figuren in der griechischen Mythologie. Ob er jemals existierte, ist unbekannt. Laut den Mythen war der unter der Gunst der Göttin Athene stehende König von Ithaka der Gemahl der Prinzessin Penelope, mit der er einen Sohn namens Telemachos hatte.
Er selbst soll väterlicherseits von Göttervater Zeus und mütterlicherseits von Hermes, dem Schutzgott der Reisenden, aber auch dem Gott der Diebe und des Betrugs, abstammen. Von Letzterem habe der als athletisch und wortgewandt beschriebene Odysseus seinen klugen und listreichen Charakter.
Diese Marmorstatue soll den griechischen Helden Odysseus darstellen.
Dies machte ihn zu einer entscheidenden Person im Trojanischen Krieg. Einerseits soll er den berühmten Krieger Achilles überredet haben, am Krieg teilzunehmen, andererseits sei ihm die Idee vom Bau des hölzernen Pferdes und der List zur Eroberung des uneinnehmbaren Trojas gekommen. Danach war er bereit für seine turbulente Heimreise, die in der „Odyssee“ auf spannende und uns heute bekannte Weise beschrieben wird.
Insgesamt besteht die „Odyssee“ aus 24 Gesängen, vergleichbar mit Kapiteln, und 12.110 Versen. Wie moderne Bücher und Kinofilme ist die Geschichte voll mit parallelen Handlungen, Rückblenden und Wechseln der Erzählperspektive. In den ersten sieben Zeilen erhalten die Leser bereits einen Vorgeschmack auf das, was der Hauptakteur erleben wird:
„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet, Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft. Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte; Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben […]“
(Johann Heinrich Voß, 6. Auflage der „Odyssee“, Anaconda Verlag, 2015)
Das Epos setzt im siebten Jahr nach dem Ende des Trojanischen Krieges ein. Odysseus ist zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre von seiner Heimat weg. Sein Sohn ist inzwischen ein erwachsener Mann und hegt wie seine Mutter kaum mehr Hoffnung auf die Rückkehr seines Vaters. Während der Held auf einer Insel von der Meeresnymphe Kalypso gefangen gehalten wird, reißen sich in seiner Heimat zahlreiche Bewerber um die Hand seiner Frau – und vor allem um den Thron Ithakas.
In den Gesängen 5 bis 8 erfährt der Leser, dass Göttervater Zeus schließlich Odysseus’ Freilassung erwirkt. Der nach Rache dürstende Meeresgott Poseidon und Bruder von Zeus ist alles andere als begeistert und lässt Odysseus’ Floß zerschellen. Der griechische Held kann sich auf eine Insel retten, auf der er von dem dortigen König freundlich aufgenommen wird. Hier erzählt Odysseus, verpackt in den Gesängen 9 bis 12, seine bewegende Geschichte und damit im Wesentlichen seine Irrfahrt.
Der Rest der Geschichte handelt von seiner finalen Heimkehr nach Ithaka, wo er die Bewerber seiner Frau listreich ausschaltet und glücklich und um viele Erkenntnisse reicher wieder mit seiner Familie vereint ist.
Odysseus ist wieder in Ithaka und beseitigt die Freier in seinem Zuhause.
Auf seiner zehnjährigen Heimreise machte Odysseus absichtlich oder unfreiwillig an mehr als einem Dutzend Orten rund um das antike Mittelmeer halt. Diese waren jedoch nicht bloß Stationen auf seiner Reise, sondern Prüfungen des Lebens.
Ungefähre Reiseroute von Odysseus gemäß der Erzählung „Odyssee“ von Homer und Lokalisierungsversuchen von Forschern.
Foto: Epoch Times; dikobraziy/iStock
1. Troja
Nach dem zehnjährigen Krieg treten Odysseus und seine Mannschaft, bestehend aus zwölf Schiffen mit je mindestens 40 Männern, umgehend die Heimreise an.
„Blick auf das brennende Troja“, ein Gemälde von Johann Georg Trautmann (1713–1769).
Die Flotte legt einen Zwischenstopp in Thrakien beim Volk der Kikonen ein. Odysseus und seine Männer überfallen und morden die ehemaligen Verbündeten Trojas. Statt die Heimreise anzutreten, lässt sich Odysseus von seinen Männern überreden, den Ort weiter zu plündern.
Doch dies wurde bestraft. Einige Kikonen konnten fliehen, organisierten Hilfe bei anderen Stämmen und griffen die Ithaker unerwartet an. Odysseus verliert rund 70 Männer und macht sich mit zehn verbliebenen Schiffen auf den Rückweg.
Zusätzlich straft der Göttervater Zeus die siegreichen Griechen wegen ihres blutrünstigen und unmoralischen Verhaltens und lässt einen Sturm aufziehen. Neun von zehn Schiffen Odysseus’ überstehen den Sturm, müssen aber am nächsten Festland repariert werden.
3. Land der Lotophagen
Im Land der Lotophagen, das heute an der libyschen Küste verortet wird, lässt Odysseus die Schiffe ankern und reparieren. Eine Handvoll seiner Männer isst jedoch die dort heimischen Lotusfrüchte, die sie glücklich machen und ihre Heimat vergessen lassen. Der griechische Held muss seine Krieger gewaltvoll an Bord der Schiffe ziehen und verlässt umgehend den Ort.
Odysseus bringt seine von Lotusfrüchten beeinflussten Männer zu seinen Schiffen.
Aus Neugier lässt Odysseus seine Männer die Schiffe in der Nähe der Kyklopeninsel festmachen, was sich schon bald als schwerer Fehler erweisen sollte. Der griechische Held schleicht sich zusammen mit zwölf Männern in die Höhle des Kyklopen Polyphem, der ihnen nicht freundlich gesinnt ist und sechs Krieger verspeist.
Odysseus, der sich als „Niemand“ vorstellt, überlistet den einäugigen Riesen, indem er ihn betrunken macht. Die Krieger blenden den Kyklopen im Schlaf mit einem glühenden Pfahl und entkommen versteckt zwischen einer Schafherde aus der Höhle. Bevor der Kyklop dies bemerkt, sind Odysseus und seine Männer auf den Schiffen und segeln fort.
„Odysseus und Polyphem“, gemalt von Arnold Böcklin (1827–1901).
Doch aus Stolz über seine List und aus Wut über den Verlust von sechs Kriegern begeht Odysseus den Fehler, den Kyklopen zu verhöhnen und ihm seinen wahren Namen nachzurufen. Daraufhin verflucht Polyphem den griechischen Helden und bittet seinen Vater Poseidon, Rache an Odysseus zu üben:
„Vater! Erderschütterer und Meeresgott! Hier ist dein Sohn Polyphem. Möge Odysseus niemals den Weg nach Hause finden. Sollten die Erinnyen aber verlangen, dass er zu seiner Familie zurückkehrt, soll ihm das nur nach Jahren der Tortur und des Leids gelingen, ganz allein mit all seinen Schätzen, nachdem er seine Gefährten und Schiffe verloren hat.“
5. Insel des Aiolos
Als Nächstes machte die Flotte auf der Insel von Windgott Aiolos halt. Er will Odysseus und seinen Männern helfen und schenkt ihnen einen Lederschlauch, in dem alle Winde, außer dem Westwind, der sie nach Hause bringen soll, eingesperrt sind.
Aus Gier und Unwissenheit öffnet die Mannschaft des griechischen Helden kurz vor der Ankunft in Ithaka heimlich den Schlauch. Ähnlich wie die Büchse der Pandora wird das „Unheil“ entfesselt und die freigelassenen Winde erzeugen einen Sturm, der die Schiffe weit von der Heimat wegtreibt.
„Aiolos überreicht Odysseus die Winde“, gemalt von Isaac Moillon (1614–1673).
Orientierungslos nach dem Sturm ankern die Schiffe der Flotte im Hafen von Telepylos – außer dem Schiff von Odysseus. Dies ist sein Glück, denn hier leben die riesigen Laistrygonen, die die Schiffe mit Steinbrocken bewerfen. Der griechische Held kann mit seinem Schiff und den verbliebenen rund 40 Männern entkommen.
Diese künstlerische Darstellung zeigt Odysseus bei den Laistrygonen.
Das verbliebene Schiff landet an der Insel Aiaia an, auf der die Zauberin Kirke lebt und in Tiere verzauberte Menschen hält. Das gleiche Schicksal ereilt die Hälfte von Odysseus’ Männern, die in Schweine verwandelt werden.
Dank eines Krauts, das Odysseus von dem Götterboten Hermes bekommt und ihn gegen die Magie immun macht, trifft sich der griechische Held mit Kirke und erwirkt, dass seine Männer zurückverwandelt werden und alle unbeschadet weiterziehen können.
Bis zum Aufbruch verstreicht jedoch ein Jahr und Odysseus geht eine Liaison mit der Zauberin ein. Aus Liebe zum Helden gibt Kirke ihm den Rat, in der Unterwelt den Seher Teiresias aufzusuchen und ihn nach dem weiteren Weg zu fragen.
Das Fresko von Giovanni Battista Trotti (1555–1619) zeigt die Zauberin Kirke, die Odysseus’ Männern ihre menschliche Gestalt zurückgibt.
Im „Haus des Hades“, dem Reich des Totengottes, sucht Odysseus nach einer Opfergabe den blinden Propheten auf. Dieser weissagt ihm: „Was du Polyphem angetan hast, hat Poseidon erzürnt. Nicht leicht, ihn zu besänftigen. Deine Zukunft steht mir vor Augen. Ich sollte besser sagen: deine Zukünfte. Je nachdem, welche Entscheidung du triffst, werden sich unterschiedliche Wege vor dir auftun.“
Weiter erklärt Teiresias: „Bald schon wird dein Schiff Thrinakia erreichen, die Insel, auf der Helios seine Rinder und Schafe hält. […] Rührst du sie nicht an, geht alles gut. […] Solltest du aber auch nur einem einzigen dieser heiligen Tiere etwas antun, sage ich den Verlust deines Schiffes und aller deiner Männer voraus. Deine Heimkehr wird sich um Jahre verzögern.“
„Theresias erscheint dem Ulysseus [Odysseus] während der Opferung“, ein Gemälde von Johann Heinrich Füssli (1741–1825).
Mit dem Wissen um seine Zukunft reist Odysseus mit seinen Männern weiter. Zunächst müssen sie die Insel der Sirenen passieren, jener Fischfrauen, die mit ihrem verlockenden Gesang Seemänner in den Tod ziehen. Dank der Idee des Helden, sich Wachs in die Ohren zu schmieren und einfach vorbeizurudern, entgehen sie der lauernden Gefahr.
„Odysseus und die Sirenen“, ein Gemälde von Herbert James Draper (1863–1920).
Nur Odysseus weiß nun, was die Mannschaft als Nächstes erwartet: eine Meerenge, die den einzigen Weg nach Hause darstellt, die aber von zwei Monstern bewohnt wird. Der griechische Held hat die Wahl: Fahren sie dicht an dem sechsköpfigen Seeungeheuer namens Skylla vorbei, das seine Männer verspeisen könnte, oder entscheidet er sich dafür, nah an dem Strudel Charybdis vorbeizufahren und zu riskieren, dass das gesamte Schiff vom Meer verschluckt wird?
Der König von Ithaka wählt das menschenfressende Monster, ohne seine Männer zu warnen. Zu groß ist seine Angst, dass sich seine Männer weigern könnten und sie nie die ersehnte Heimat erreichen. Als das Schiff vorbeifährt, reißt Skylla sechs Männer in den Tod. Der Rest der Mannschaft überlebt.
„Odysseus vor Skylla und Charybdis“, ein Gemälde von Henry Fuseli (1741–1825).
Obwohl sie alles haben, um bis nach Ithaka durchzufahren, gewährt Odysseus seinen Männern, an der Insel Thrinakia kurz haltzumachen. Doch schlechte Winde verhindern eine baldige Weiterfahrt und die Essensvorräte gehen zur Neige.
Trotz der Warnung schlachten Odysseus’ Männer einige der auf der Insel grasenden Rinder. Alle außer Odysseus essen sich an dem Fleisch satt, bevor sich das Wetter bessert und sie die Leinen ihres Schiffes lösen.
Kurz nach der Abfahrt zieht ein gewaltiger Sturm auf, geschickt von den Göttern aus Zorn über das Vergehen und den Hochmut der Krieger. Das Schiff wird zerstört und bis auf Odysseus sterben alle Männer. Sein Verzicht rettete ihm das Leben.
„Die Gefährten des Odysseus rauben die Rinder des Helios“ von dem Maler Pellegrini Tibaldi (1527–1596).
Odysseus schafft es an Land der Insel Ogygia, auf der die Meeresnymphe Kalypso lebt. Diese verliebt sich in den Helden, will ihn als ihren Gemahl und hält ihn sieben Jahre lang auf der Insel fest. Sie bekommen gemeinsam zwei Kinder, doch das Angebot der Unsterblichkeit lehnt Odysseus ab – zu groß ist sein Wunsch, nach Ithaka zurückzukehren. Seine Schutzgöttin Athene erwirkt schließlich, dass Kalypso den Helden ziehen lässt.
„Hermes befiehlt Calypso, Odysseus freizulassen“ von Gerard de Lairesse (1641–1711).
In Scheria, dem Land der Phaiaken, angekommen, erzählt Odysseus dem dortigen König Alkinoos seine Geschichte. Indem ein Schiff Odysseus nach Ithaka bringt, endet seine zehnjährige Irrfahrt.
„Odysseus am Hofe des Alkinoos“ von Francesco Hayez (1791–1882).
Außerdem gibt es Zweifel daran, dass die Geschichte aus der Feder von Homer stammt beziehungsweise der Dichter der alleinige Autor war. Gegen Homer spreche, dass die „Odyssee“ und die „Ilias“ unterschiedlich dargestellt sind. Während die „Ilias“ als reale Kriegsgeschichte erscheint, wirkt die „Odyssee“ mehr wie ein Märchen. Für Homer als Verfasser beider Werke sprechen dagegen der ähnliche Schreibstil und Ausdruck.
Ein Papyrus aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. mit einem Ausschnitt aus der „Odyssee“.
Während die „Ilias“ mit dem Trojanischen Krieg archäologisch belegt ist, suchen Historiker noch immer Beweise für die Irrfahrt. So gehen bei dem Versuch, die Stationen von Odysseus’ Reise mit realen Orten zu verbinden, die Meinungen der Forscher, wie häufig in der Wissenschaft, auseinander. Als einer der renommierten „Odyssee“-Forscher gilt Peter Struck von der University of Pennsylvania, USA, der die Reiseroute anhand des Epos untersuchte und rekonstruierte.
Das prophezeite Ende
Doch was wurde schließlich aus dem antiken Helden, nachdem er erfolgreich in seine Heimat zurückgekehrt war? Von Homer ist dazu nichts bekannt. Dafür verfassten andere antike Schriftsteller wie Aischylos oder Aristoteles zahlreiche Versionen.
In wenigen Schriften heißt es, dass der König von Ithaka wegen der Morde an den Freiern seiner Frau verbannt wurde oder aufgrund seines hohen Alters friedlich starb. In anderen Geschichten endet sein Leben durch die Hand eines seiner unehelichen Kinder, das ihn mit einem Rochenstachel tötet. Dieses Ende passt zum Fluch des Kyklopen, dem Sohn des Poseidon, und der Weissagung des Propheten Teiresias, wonach ihn ein „sanfter Tod durch das Meer erwartet“.
Vieles um Odysseus und seine Irrfahrt ist bis heute ein Rätsel. Doch egal ob sich die „Odyssee“ jemals so abgespielt hat oder nicht, die Geschichte und ihre Lehren daraus bleiben uns erhalten.
Buchtipp: „Odyssee“
In einer humorvollen und spannenden Art und leicht verständlich beschreibt der britisch-österreichische Schriftsteller Stephen Fry das Epos von Odysseus. Zusammen mit seinen Büchern „Mythos“, „Helden“ und „Troja“ liefert „Odyssee“ einen spannenden Einblick in die griechischen Mythen und schildert, wie diese in unserem alltäglichen Leben heimlich präsent sind.