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Europaabgeordneter: Europa riskiert seine Ernährungssicherheit


In Kürze:

  • Hohe Preise für Düngemittel bringen Landwirte in der EU in Schwierigkeiten.
  • Europa ist zu abhängig von Importen geworden.
  • EU muss die Zukunft von Familienbetrieben sichern.
  • Es gibt große Unterschiede zwischen den Standards für Landwirte innerhalb und außerhalb der EU.

 
Europäische Landwirte protestieren regelmäßig gegen steigende Kosten und viele von ihnen haben das Vertrauen in die Entscheidungen aus Brüssel verloren.
Laut dem irischen Europaabgeordneten Ciaran Mullooly von der Fraktion Renew Europe haben die europäischen Institutionen den Druck, der auf den Landwirten lastet, unterschätzt.
In einem Interview mit der slowakischen Ausgabe der Epoch Times erläutert er, warum die Europäische Kommission unverzüglich in die Düngemittelpreise eingreifen sollte, warum er das Abkommen mit Mercosur als problematisch betrachtet und weshalb er der Meinung ist, dass die Europäische Union ihre eigene Ernährungssicherheit gefährdet.
In einer Sitzung des Europäischen Parlaments im Mai argumentierten Sie, dass die größte Herausforderung für Landwirte nicht die langfristige Planung, sondern die kommende Anbausaison sei. Welche konkreten Maßnahmen sollte die Europäische Kommission vor dem Winter 2026/2027 ergreifen, um Landwirten, die mit hohen Düngemittelkosten konfrontiert sind, sofortige Unterstützung zu bieten? 
Die größte Herausforderung für viele Landwirte ist heute nicht die Zukunft in zehn Jahren, sondern die kommende Anbausaison. Die Düngemittelpreise sind aufgrund der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten um 30 bis 70 Prozent gestiegen. Die meisten Branchen können die gestiegenen Kosten an die Kunden weitergeben. Landwirte haben diese Möglichkeit nicht – kurzfristig sind sie Preisnehmer, nicht Preisgestalter.
Die Europäische Kommission muss daher unverzüglich handeln. Wir sollten unnötige Zölle und Abgaben auf Düngemittelimporte aussetzen, Landwirte, die mit außerordentlichen Produktionskosten konfrontiert sind, gezielt unterstützen und den Mitgliedstaaten mehr Flexibilität bei der Umsetzung von Soforthilfeprogrammen einräumen. Dies ist nicht nur ein Problem der Landwirtschaft, sondern auch ein Problem der Ernährungssicherheit. Wenn Düngemittel nicht mehr verfügbar sind, wird die Produktion sinken. Europa kann es sich nicht leisten, dieses Risiko einzugehen. Landwirte benötigen jetzt Planungssicherheit, damit sie weiterhin mit Zuversicht Lebensmittel produzieren können.
Sie haben die Senkung oder Aussetzung von Zöllen und anderen Abgaben auf Düngemittelimporte gefordert. Wie sehen Sie das Gleichgewicht zwischen kurzfristiger Unterstützung der Landwirte und der Sicherstellung der langfristigen strategischen Unabhängigkeit der EU in der Düngemittelproduktion?
Ich empfinde es als erstaunlich, dass die EU in Zeiten der Düngemittelkrise die Kosten für Landwirte durch zusätzliche Gebühren und Abgaben erhöht. Die Senkung ihrer Ausgaben muss oberste Priorität haben. Sollte die Kommission Maßnahmen wie den Klimazoll (CBAM) umsetzen, [welcher zu höheren Kosten für Düngemittel führen könnte,] müssen die erzielten Einnahmen direkt an die Landwirte zurückfließen.
Gleichzeitig müssen wir aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre lernen. Europa ist zu abhängig von externen Lieferanten geworden. Langfristig müssen wir die Düngemittelproduktion in Europa ausbauen und die Lieferketten diversifizieren. Das ist kein Widerspruch. Wir benötigen sowohl kurzfristige Entlastung für die Landwirte als auch langfristige strategische Unabhängigkeit. Tatsächlich benötigen wir beides.
Immer mehr Landwirte in der EU argumentieren, dass die Klima- und Umweltpolitik die europäische Landwirtschaft im Vergleich zu Erzeugern außerhalb der Union weniger wettbewerbsfähig macht. Sehen Sie darin ein Ungleichgewicht zwischen den Umwelt- und Klimazielen einerseits und der Lebensmittelproduktion andererseits? Wenn nicht, warum haben dann so viele Landwirte das Gefühl, unverhältnismäßig viel Last tragen zu müssen? 
Ja, ich denke, dass die Balance zwischen Umweltzielen und landwirtschaftlicher Produktion in einigen Bereichen nicht mehr stimmt. Landwirten liegt die Umwelt sehr am Herzen. Sie leben und arbeiten jeden Tag in ihr. Doch Umweltziele müssen mit der wirtschaftlichen Realität in Einklang gebracht werden. Allzu oft werden Vorschriften eingeführt, ohne dass deren Auswirkungen auf das Einkommen der Landwirte, die Lebensmittelproduktion und die Wettbewerbsfähigkeit umfassend geprüft werden. Infolgedessen haben viele Landwirte das Gefühl, eine unverhältnismäßig hohe Last zu tragen.
Der jüngste Draghi-Report hat dies deutlich gemacht. Europa hat die höchsten Energiekosten und gleichzeitig die anspruchsvollsten Umweltziele. Es ist kein Zufall, dass dies zu einem Verlust unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit führt.
Die Preise für viele Agrarprodukte sind derzeit unter Druck. (Archivbild)

Ein Landwirt bewirtschaftet sein Feld. (Symbolbild)

Foto: Jan Woitas/dpa

Meine Ansicht ist einfach: Jeder bedeutende Umweltvorschlag sollte an einer grundlegenden Frage gemessen werden: Können Landwirte weiterhin rentabel Lebensmittel produzieren und gleichzeitig diese Anforderungen erfüllen? Falls die Antwort „Nein“ lautet, muss die Politik überdacht werden.
Der Krieg in der Ukraine hat Schwachstellen in der Ernährungssicherheit offengelegt. Welche Lehren sollte die EU aus den vergangenen Jahren ziehen? Welche Schritte sollten unternommen werden, um die europäische Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen künftige geopolitische Krisen zu machen?
Die wichtigste Lehre aus dem Ukrainekonflikt ist, dass Europa zu abhängig von externen Lieferanten wichtiger landwirtschaftlicher Betriebsmittel geworden ist. Vor dem Krieg stammten über 30 Prozent des europäischen Düngemittelbedarfs aus Russland. Das mag effizient gewesen sein, doch mit den veränderten geopolitischen Gegebenheiten gerieten wir in eine verwundbare Lage.
Europa muss seine Strategie zur Sicherung der Grundversorgung mit Nahrungsmitteln künftig überdenken. Wir sollten unsere Bezugsquellen diversifizieren und auf politisch stabilere Regionen zurückgreifen. Die Düngemittelproduktion in Europa muss gesteigert und strategische Düngemittelreserven müssen angelegt werden. Länder wie Finnland haben bereits Schritte in diese Richtung unternommen. Ich bin überzeugt, dass jeder Mitgliedstaat über Notfallreserven verfügen sollte. Die Lebensmittelsicherheit ist zu wichtig, als dass sie geopolitischen Spannungen ausgesetzt sein dürfte.
Mit Blick auf die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2027: Welche Reform wäre Ihrer Meinung nach am wichtigsten, um Familienbetriebe und kleine landwirtschaftliche Erzeuger besser zu unterstützen?
Die wichtigste Reform besteht darin, sicherzustellen, dass Familienbetriebe ein existenzsicherndes Einkommen erzielen können. Sie sind das Rückgrat der europäischen Landwirtschaft. Sie unterstützen ländliche Gemeinschaften, nutzen die Natur, schützen die Umwelt und gewährleisten die Ernährungssicherheit. Verschwinden die Familienbetriebe, verliert Europa weit mehr als nur die Nahrungsmittelproduktion. Die bisherigen Ergebnisse sind ein vernichtendes Urteil über die EU-Politik: Allein zwischen 2010 und 2020 verschwanden über 3 Millionen Familienbetriebe.
Die künftige GAP muss das landwirtschaftliche Einkommen in den Mittelpunkt stellen. Landwirte sollten für Umweltmaßnahmen angemessen belohnt werden. Doch dürfen wir nie aus den Augen verlieren, dass die Nahrungsmittelproduktion ihre Hauptaufgabe bleibt. Eine erfolgreiche GAP sichert den Fortbestand der Familienbetriebe und gibt der nächsten Generation das Vertrauen, die Landwirtschaft in ihren Gemeinden fortzuführen.
Europäische Landwirte müssen einige der weltweit strengsten Umwelt-, Tierschutz- und Produktionsstandards erfüllen, während die EU weiterhin Lebensmittel aus Ländern importiert, die oft unter ganz anderen Regeln operieren. Führt das nicht zu ungleichen Wettbewerbsbedingungen? Sollte die EU Importe beschränken, die nicht denselben Standards wie europäische Erzeuger entsprechen, auch wenn dies zu Handelsstreitigkeiten oder höheren Verbraucherpreisen führt?
Definitiv. Das Prinzip sollte ganz einfach sein: eine Regel für alle, die gleich angewendet wird. Europäische Landwirte müssen einige der weltweit höchsten Standards erfüllen, um die EU-Bürger mit Lebensmitteln zu versorgen. Wir importieren jedoch weiterhin Lebensmittel aus Ländern, in denen diese Standards nicht gelten. Das schafft einen klaren Wettbewerbsnachteil für die europäischen Landwirte und untergräbt das Vertrauen in die Fairness des Systems.
Meine Position ist klar: Wenn ein Produkt nicht den von europäischen Landwirten geforderten Standards entspricht, sollte es keinen Zugang zum europäischen Markt haben. Wir können von unseren Landwirten nicht verlangen, mit niedrigeren Standards zu konkurrieren, und gleichzeitig von ihnen erwarten, dass sie die höheren EU-Standards einhalten.
In den vergangenen zwei Jahren kam es in mehreren EU-Mitgliedstaaten zu flächendeckenden Protesten von Landwirten. Glauben Sie, dass die europäischen Politiker den wirtschaftlichen Druck, der auf den Landwirten lastet, unterschätzt haben? Welche Fehler hat Brüssel in seiner Agrarpolitik begangen?
Ja, ich denke, Politiker haben den Druck, dem Landwirte ausgesetzt sind, unterschätzt und sind in manchen Fällen realitätsfern, was die Bedürfnisse der Landwirtschaft betrifft. Wenn Landwirte nach Brüssel oder Straßburg fahren, um zu protestieren, tun sie das nicht leichtfertig. Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Politik immer weiter von der Realität entfernt. Das Mercosur-Abkommen ist ein Beispiel dafür. Viele Landwirte sind überzeugt, dass Politiker ihre berechtigten Anliegen ignoriert haben.
Die geplanten Kürzungen des EU-Agrarhaushalts sind ein weiteres Beispiel. Lebensmittelsicherheit, ländliche Gemeinschaften und landwirtschaftliche Produktion sind [für die EU] politische Prioritäten. Die Politik [der EU] muss diese Realität widerspiegeln.
Die Lehre aus den Protesten ist eindeutig: Politiker müssen den Landwirten mehr zuhören, bevor sie Entscheidungen treffen, die deren Lebensgrundlagen gefährden. Zuerst zuhören und verstehen, dann Politik mit entsprechenden Konsequenzen gestalten.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Ladislav Hribik.
Dieser Artikel erschien im Original auf epochtimes.sk unter dem Titel „Írsky europoslanec Mullooly pre Epoch Times: Dôveru si treba zaslúžiť. EÚ ju u poľnohospodárov narušila (Rozhovor)“. (deutsche Bearbeitung: os)
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Geschichte der Kernkraftwerke: Von der Kernspaltung – zur Fusion


In Kürze:

  • Die Ära der deutschen Kernkraftwerke umfasste 62 Betriebsjahre.
  • Bereits im Jahr 1938 wurde in Deutschland die Grundlage zur Kernspaltung gelegt.
  • Im Jahr 1961 ging schließlich der erste deutsche Kernreaktor in Betrieb und 2023 der letzte vom Netz.
  • Aktuell entstehen an zahlreichen deutschen Reaktorstandorten Folgeprojekte für die Energiewende.
  • Langfristig wird die Umsetzung der Kernfusion zur Stromerzeugung angestrebt.

 
Die Kernkraft hat Deutschlands Energieversorgung über Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt. Mit dem Atomausstieg im April 2023 endete diese 62-jährige Ära.
Damit verzichtet die Bundesrepublik sowohl auf die Vorteile als auch auf die Nachteile dieser Kraftwerksart. Einerseits bietet sie die derzeit bei Weitem höchste Energiedichte. Keine andere Stromerzeugungsart ist so material- und flächeneffizient. Andererseits kann die davon ausgehende Radioaktivität im Unglücksfall katastrophale Folgen haben.

Die Entdeckung der Kernspaltung

Der erste deutsche Kernreaktor nahm Anfang der 1960er-Jahre seinen kommerziellen Betrieb auf. Doch zuvor wollte erst einmal die Kernspaltung entdeckt werden. Das geschah mehr als zwei Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1938, am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie.
Zu den Kernpionieren gehörten der Chemiker Otto Hahn, auch als „Vater der Kernchemie“ bezeichnet, sowie sein Mitarbeiter Fritz Straßmann, ebenfalls Chemiker. In ihrem Labor bestrahlten sie damals Uran – das schwerste natürliche Element – mit Neutronen.
Hahn erwartete, dass die Neutronen die Uranatome instabil werden lassen und zu Radiumatomen zerfallen würden. Allerdings offenbarte die chemische Analyse nach dem Experiment, dass das Endprodukt eher Barium glich und nicht Radium.

Otto Hahn ging davon aus, dass sich das Uran (Ordnungszahl 92) nur leicht verändert und zu Radium (88) wird. Tatsächlich ist die Veränderung größer und Uran zerfällt – unter anderem – zu Barium (56).

Foto: kms/Epoch Times nach PeterHermesFurian/iStock

Radium hat nur vier Protonen und Elektronen sowie fünf Neutronen weniger als Uran, sie sind im Periodensystem also nicht weit voneinander entfernt. Die Anzahl dieser Atombausteine in Barium hingegen ist jedoch nur knapp halb so groß wie beim Uran.
Das Ergebnis verwunderte Hahn. Zunächst dachte er, ihm sei ein Fehler unterlaufen. Obwohl er der zur damaligen Zeit führende Radiochemiker war, fand er auch Monate danach mit weiteren Untersuchungen keine Erklärung.

Der Kernchemiker Otto Hahn (r.) und die Physikerin Lise Meitner (l.) im Jahr 1912 in ihrem Labor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin.

Brief an Lise Meitner – und die Erkenntnis

Ende 1938 teilte er seine offenen Fragen schließlich mit seiner ehemaligen langjährigen Kollegin, der Physikerin Lise Meitner. Aufgrund der Herrschaft der Nationalsozialisten war die jüdische österreichische Kernphysikerin nach Stockholm ausgewandert. Der Brief erreichte sie und ihren Neffen, den Kernphysiker Otto Frisch. Hahn schrieb:
„Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen. Wir wissen dabei selbst, dass es [Uran] eigentlich nicht in Barium zerplatzen kann.“
Anhand von Hahns Resultaten blickten Meitner und Frisch in eine neue Welt. Sie erkannten, dass sich der Kern des Uranatoms nicht nur leicht verändert, sondern gespalten hatte. Die Wissenschaftsgemeinde musste daraufhin das bisherige Konzept des Atomkerns sowie seiner inneren Energien neu definieren. Meitner erkannte weiter, dass sich die Uranatome durch den Neutronenbeschuss tatsächlich in Bariumatome aufspalteten. Dabei wurde eine hohe Energiemenge freigesetzt, die sich auch mit der Energieberechnung des Physikers Albert Einstein erklären ließen.

Bei der Kernspaltung von Uran entstehen neben Barium, wie Lise Meitner 1938/39 korrekt erkannte, auch Krypton sowie neue Neutronen, die weitere Urankerne spalten können.

Foto: ts/Epoch Times nach ttsz/iStock

Was Hahn und Meitner nicht erkannt haben: Bei der Kernspaltung werden weitere Neutronen freigesetzt, die ihrerseits Kernspaltungen auslösen können. Eine unkontrollierte Kettenreaktion könnte folgen.
Zu dieser Zeit tobte der Zweite Weltkrieg. In den USA entstand neben dem ersten funktionierender Kernreaktor, Chicago Pile 1 im Jahr 1942, unter Hochdruck und auf dem Prinzip der Kettenreaktion aufbauend, die wohl schrecklichste Waffe, die die Menschheit bisher entwickelt hat: die Atombombe.
Die Vereinigten Staaten und einige Wissenschaftler – darunter auch Einstein – wollten verhindern, dass die Nationalsozialisten diese Waffe in Händen halten könnten. Nach Deutschlands Kapitulation warfen die USA schließlich über Hiroshima und Nagasaki die neue Superwaffe ab. Ohne die Entdeckung der Kernspaltung wäre sie nicht möglich gewesen. Im Jahr 1946 erhielt Hahn für seine Entdeckung den Chemie-Nobelpreis.

Die ersten Kernkraftwerke entstehen

Während des Kalten Kriegs entwickelten mehrere Industrienationen auch starkes Interesse an der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Die hohe Energieausbeute versprach, viele Energieprobleme zu lösen und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren.
Ende Juni 1954 speiste erstmals ein Kernkraftwerk Strom in ein öffentliches Stromnetz ein: in Obninsk in der damaligen Sowjetunion, rund 100 Kilometer südwestlich von Moskau. Im Oktober folgte die Inbetriebnahme der ersten Kernreaktoren zur kommerziellen Stromerzeugung in Großbritannien. Die Leistung der Reaktorblöcke von Calder Hall leisten insgesamt 800 Megawatt (MW).
Anfang 1960 trat das Atomgesetz in Kraft, das die gesetzliche Grundlage für die Nutzung der Kernenergie in Deutschland darstellte. Mit dem Versuchsatomkraftwerk Kahl ging im Juni 1961 der erste Kernreaktor auf deutschem Boden nach drei Jahren Bauzeit ans Netz. Der Reaktor hatte eine Nennleistung von lediglich 16 MW. Die Anlage war bis 1985 in Betrieb. Dieser Reaktor läutete die Ära der Kernkraft in Deutschland ein.
Noch in den 1960er-Jahren gingen hierzulande sechs weitere Reaktoren in Betrieb, darunter Gundremmingen A, Lingen und Obrigheim. Doch das war nur der Beginn: Insgesamt entstanden in Ost- und Westdeutschland 37 Kernreaktoren, die kommerziell Strom erzeugten. Die meisten davon waren Druck- und Siedewasserreaktoren.
Betriebs- und Rückbauzeiten deutscher Kernkraftwerke im Überblick.

Insbesondere frühe Kraftwerke erfordern oft lange Rückbauzeiten – dienen, wie Greifswald und Würgassen, aber auch als Lager für Reste anderer Kernkraftwerke. ¹ sofern durchgeführt, ² soweit Daten verfügbar, ³ nach aktueller Planung. ⁴ KNK I wurde nach kurzer Betriebszeit zu KNK II umgebaut. ⁵ Würgassen gilt seit 2019 als vollständig dekontaminiert. Zwei Zwischenlager auf dem Gelände verhindern die Entlassung aus dem Atomgesetz.

Foto: ts/Epoch Times

Darüber hinaus entstanden zahlreiche Forschungsreaktoren. Ihre Betreiber erzeugten damit keinen Strom für die öffentlichen Stromnetze. Diese Anlagen sollten wissenschaftliche, technische und medizinische Zwecke erfüllen – und tun dies teils noch heute.

Hochlauf und Widerstand

Die meisten Reaktoren entstanden in den 1970er und 1980er Jahren. Das Kernkraftwerk Biblis galt zu seiner Zeit, 1975, als eines der größten der Welt. Die beiden realisierten Reaktoren hatten zusammen eine Nennleistung von rund 2.400 MW.
Mit immer mehr Meilern stieg auch der Anteil der Kernenergie im deutschen Strommix an. Den Höhepunkt erreichte diese Kraftwerksart im Jahr 1997. Hier lag der Anteil am Stromverbrauch bei 30,9 Prozent. Weltweit lag er zu diesem Zeitpunk bei rund 17 Prozent und ist seither auf unter zehn Prozent gesunken. Nicht, weil Kernkraftwerke weniger Strom liefern, sondern, weil die Stromerzeugung insgesamt erheblich gestiegen ist.
Während die Kernkraft zahlreiche Befürworter hatte, bildete sich jedoch auch ein immer stärkerer Widerstand. Die bundesweite Anti-Atom-Bewegung hatte ihren symbolischen Startschuss 1975 durch die sogenannten Wyhl-Proteste in Baden-Württemberg. In der Gemeinde am Kaiserstuhl haben rund 28.000 Demonstranten den Bauplatz für einen geplanten Kernreaktor besetzt. Mit Erfolg: Der Bau wurde verhindert. Diesem Exempel folgten weitere Proteste und Besetzungen an anderen Standorten. Ebenso erfolgte die Gründung der Partei der Grünen im Jahr 1980, deren Agenda der Atomausstieg Deutschlands war.
Grundlage für diesen Widerstand war vor allem die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Eine Beschleunigung des Atom-Aus ereignete sich kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011, verursacht durch einen rund 15 Meter hohen Tsunami und bereits Jahre zuvor bekannte, jedoch nicht behobene bauliche Mängel.

21 Jahre bis zum Ausstieg

Bis zur Jahrtausendwende und danach setzten sich die Proteste gegen die Kernenergie fort. Einen Meilenstein konnten die Grünen in ihrer Regierungsposition mit der damaligen rot-grünen Koalition erzielen. Im Jahr 2001 verkündete Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft. Der Beschluss folgte im darauffolgenden Jahr.
Direkt nach dem Reaktorunfall von Fukushima beschleunigte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Ausstieg. Von den 17 noch in Betrieb befindlichen Reaktoren gingen acht Kernkraftwerke kurz darauf vom Netz.
Wie eingangs erwähnt, gingen mit Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 die letzten drei Reaktoren am 15. April 2023 endgültig vom Netz. Die deutsche Kernkraft-Ära brachte bis dato rund 5.600 Terawattstunden (TWh) Strom hervor. Das entspricht rund dem Elffachen des jährlichen Gesamtverbrauchs in Deutschland.
Das Kernkraftwerke Grohnde hält bis heute den Weltrekord der höchsten Einspeisung – gefolgt Isar 2, Emsland und weiteren deutschen Kernkraftwerken. Unter den zehn Kraftwerken mit der höchsten Einspeisemenge befindet sich mit Tihange in Belgien (Rang 9) lediglich eine nichtdeutsche Anlage.
Seit dem Ausstieg aus der Kernenergie 2023 machen Atommeiler in Deutschland meist durch Sprengungen auf sich aufmerksam. Die CSU will die Technologie nun aber wieder ins Land zurückholen - mit modernen Mini-Atommeilern. (Symbolbild)

Sprengungen von Kühltürmen der stillgelegten Atomanlagen stehen inzwischen symbolisch für das deutsche Atom-Aus und ihren Rückbau.

Foto: Sven Hoppe/dpa

Überlebt haben hierzulande nur die Forschungsreaktoren, wovon aktuell noch sechs in Betrieb sind. Hauptaugenmerk liegt bei den Forschungsreaktoren nicht auf der bei der Kernspaltung entstehenden Wärmeenergie, relevant ist hier die Neutronenstrahlung. Die Forscher verwenden die erzeugten Neutronen für verschiedene Zwecke im Bereich von Technik und Medizin.
Zu den Anwendungsgebieten zählen unter anderem Analysen zum Verhalten von neuen Materialien sowie medizinische Anwendungen in der Strahlentherapie. Ebenso können dort Studenten und das in der Nukleartechnik tätige (Nachwuchs-)Personal aus- und weitergebildet werden.

War der Atomausstieg ein Fehler?

Heute verbietet das Atomgesetz den kommerziellen Betrieb von Kernreaktoren zur Stromerzeugung in Deutschland. Im März dieses Jahres bezeichnete die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Atomausstieg von Deutschland als „strategischen Fehler“. Das bestätigte anschließend auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Eine Reaktivierung der stillgelegten Großanlagen kommt für die amtierende schwarz-rote Regierung jedoch nicht infrage. Der Rückbau dieser Anlagen läuft daher ungebremst weiter – und wird bei manchen Meilern noch Jahrzehnte andauern.
Allerdings schließen manche Regierungspolitiker wie Markus Söder (CSU) eine Rückkehr zur Kernenergie an sich nicht vollständig aus. Denkbar wäre der Neubau sogenannter modularer Mini-Kernkraftwerke (Small Modular Reactor, SMR). Konkrete Pläne existieren hierzu allerdings nicht. Sollte die in den Umfragen führende AfD bei der nächsten Bundestagswahl in eine Regierungsposition kommen, wäre aus politischer Sicht eine Rückkehr zu den alten Meilern möglich. Ob dies auch aus technischer Sicht noch möglich wäre, gilt es dann zu prüfen.
Auch andere als Zwecke als der „Betrieb von Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität“, etwa zur Wärmegewinnung, sind rechtlich und technisch denkbar.
Martin Pache, Sprecher des Verbands KernD, hält es zudem für realistisch, dass ein SMR hierzulande etwa 2035 in Betrieb gehen kann. Im Gegensatz zu großen Kernreaktoren haben SMR weniger Leistung, also statt 1 bis 1,6 Gigawatt (GW) nur bis rund 300 MW. Dadurch seien sie besser in die Netzinfrastruktur integrierbar, erklärt Pache.
Allerdings fallen die Investitionskosten laut dem Sprecher bei SMR-Anlagen höher als bei Großanlagen. Diesen Kostennachteil könnten die Mini-Kernkraftwerke wiederum mit der Zeit durch eine angedachte Serienfertigung ausgleichen.

Strom speichern statt erzeugen

An mehreren Standorten der stillgelegten Kernkraftwerke entstehen aktuell Batterieparks oder sind in Planung. Die Betreiber nutzen die dort bereits vorhandenen, großdimensionierten Netzanschlusspunkte, um die hohen Stromkapazitäten der Energiewende zu transportieren. Batterieparks sollen die wetterabhängige Stromproduktion von Windkraft- und Solaranlagen harmonisieren und netzdienlicher machen. Dazu muss der Überschussstrom, der bei viel Wind und Sonnenschein entsteht und nicht im Moment der Erzeugung benötigt wird, zwischengespeichert werden.
Nach Philippsburg, Brokdorf und Gundremmingen folgt nun auch der niedersächsische Ortsteil Grohnde diesem Plan. Bis 2028 soll dort einer der größten Stromspeicher der Bundesrepublik entstehen.

EnBW möchte im Energiepark Philippsburg einen der größten Batteriespeicher Deutschlands errichten.

Foto: TransnetBW

Aktuell liegt die Speicherkapazität aller bundesweiten Großspeicher bei knapp 6 Gigawattstunden (GWh). Mit der Realisierung der geplanten Projekte wird sich diese Zahl deutlich erhöhen. 6 GWh würden für die Haushalte einer Stadt wie Magdeburg mit knapp 250.000 Einwohner für rund 12 Stunden reichen. Industrie und Gewerbe sind hierbei nicht berücksichtigt. Eine deutschlandweite Versorgung ist damit derzeit technisch nicht möglich. Rechnerisch würden 6 GWh Deutschland im Sommer für knapp 10 Minuten versorgen können, im Winter für rund 6 Minuten.

Beginnt bald die Fusions-Ära?

Neben dem möglichen Einsatz von Minikraftwerken erhofft sich die Bundesregierung die baldige Nutzung der Fusionsenergie. Hierbei sollen Atomkerne miteinander verschmelzen, wobei noch größerer Energiemengen frei werden. Die Bundesregierung hat im Mai 2026 angekündigt, in die weitere Fusionsforschung allein bis 2029, also in der laufenden Legislaturperiode, 2,4 Milliarden Euro zu investieren. Ziel ist es, das weltweit erste Fusionskraftwerk in Deutschland zu errichten.
Diesen Prozess technisch zu beherrschen, ist allerdings seit Jahrzehnten eine enorme Herausforderung. Erst unter gewaltiger Hitze von 100 Millionen Grad Celsius kann die Kernfusion stattfinden. Das ist etwa 6,5-mal so heiß wie im Inneren der Sonne und würde sämtliche bekannten Werkstoffe augenblicklich zerstören. Die nötigen Bedingungen müssen daher entweder durch starke Magnete oder entsprechende Lasertechnik unter Kontrolle gehalten werden.
Aktuell sind in Forschung und Entwicklung große Sprünge zu beobachten. Max-Planck-Institut für Plasmaphysik an einem Fusionskraftwerk – dem Forschungsreaktor „Wendelstein 7-X“. Hier wenden die Forscher die Magnettechnik an. Auch das Start-up „Proxima Fusion“ arbeitet an diesem Konzept und möchte bis 2031 den Prototyp Stellarator Alpha bauen.
Mit der Laserfusion beschäftigt sich hingegen unter anderem die Firma Focused Energy. In das deutsche Unternehmen sind zuletzt Investitionen in Höhe von rund 200 Millionen Euro geflossen. Diese stammen unter anderem von Privatinvestoren, Unternehmen und dem Energiekonzern RWE. Weitere Unterstützer sind die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND, der European Innovation Council Fund und die Beteiligungs-Managementgesellschaft Hessen.
„Die Fusionsenergie tritt damit in Deutschland und Europa in eine neue Ära ein“, erklärte kürzlich Thomas Forner, Firmenchef von Focused Energy. Laut dem Unternehmen positioniert Focused Energy Deutschland ins Zentrum des internationalen Wettlaufs um die kommerzielle Fusionstechnologie. Das sei vergleichbar mit der historischen Bedeutung der Halbleiter-, Luftfahrt- oder Automobilindustrie. Focused Energy habe sich innerhalb von vier Jahren vom Start-up zum weltweit führenden Laserfusionsunternehmen entwickelt.

Biblis: Vom Kernkraftwerk zum Fusionskraftwerk?

Dabei ist sich Focused Energy sicher, dass die Industrialisierung der Fusionsenergie „keine Vision mehr“ sei. Das erhaltene Kapital soll laut Unternehmensangaben „fast vollständig im hessischen Biblis auf dem ehemaligen Kernkraftwerksgelände von RWE investiert werden“. Hier sei bereits die notwendige Infrastruktur, ein Netzanschluss sowie das Standort-Know-how von RWE vorhanden.
Laut Forner soll in Biblis ein erster Prototyp eines Fusionskraftwerks bis 2035 entstehen. Dieser soll eine Leistung von 100 oder 200 MW haben. Die kalkulierten Kosten dafür belaufen sich auf rund 7 bis 8 Milliarden Euro. Noch vor dem Jahr 2040 rechnet der Firmenchef mit einem kommerziellen Fusionskraftwerk mit einer Leistung im Gigawattbereich.
Dass die aktuellen Probleme der Fusionsenergie lösbar sind, bestätigte seinerseits Tech-Billionär Elon Musk. „Zu 100 Prozent Ja. Das ist definitiv sicher.“ Seiner Ansicht nach ist das nur eine Frage der Skalierung und des richtigen Flächen-Volumen-Verhältnisses.
Wie bei praktisch allen neuen Kraftwerksarten wird auch bei der Fusionsenergie der Strompreis zu Beginn noch hoch sein. Forner schätzt diese für das erste Kraftwerk „voraussichtlich bei 10 bis 20 Cent“ pro Kilowattstunde für die reine Stromproduktion. Später hält er auch 5 Cent für realistisch. Dieser Preis müsste sich dann mit den anvisierten 10 Cent Endkundenpreis der modernen Kernspaltung messen. Marktreif sind beide Technologien heute noch nicht.
Aktuell existiert noch eine riesige Lücke bis dorthin. Im vergangenen Jahr kostete die Erzeugung einer kWh durch Fusion in den USA rund 8,6 Millionen Euro.
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Das Autismus-Puzzle (3): Genetische Aspekte von Autismus und die Zukunft möglicher Behandlungen

Drei Kinder wuchsen im selben Haushalt auf. Sie wurden von denselben Eltern erzogen und lebten in derselben Umgebung. Trotzdem entwickelten sich ihre Leben völlig unterschiedlich – offenbar aufgrund eines einzigen Gens.
Der älteste Bruder erreichte die frühen Entwicklungsmeilensteine problemlos und konnte bereits mit fünf Jahren lesen. Er hatte ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis für Autokennzeichen und war sehr schnell im Kopfrechnen.
Seine sozialen Schwierigkeiten wurden jedoch deutlich, sobald er eingeschult wurde. Er wirkte sozial unbeholfen, hatte nur wenige Freunde, verstand soziale Signale schlecht und hatte Stimmungsschwankungen.
Später erhielt er die Diagnose Asperger-Syndrom, das heute der Autismus-Spektrum-Störung zugeordnet wird.
Der jüngere Bruder entwickelte sich dagegen unauffällig und zeigte weder Anzeichen von Autismus noch andere Entwicklungsstörungen.
Die jüngere Schwester entwickelte hingegen Autismus in Verbindung mit einer geistigen Behinderung. Zwar erreichte sie als Kleinkind die motorischen Meilensteine früh, ihre Sprachentwicklung war jedoch stark verzögert.
Mit sieben Jahren musste sie die Schule verlassen und besuchte stattdessen tagsüber ein Krankenhausprogramm.
Im Alter von zwölf Jahren entsprach ihre geistige Leistungsfähigkeit der eines Kindes unter sechs Jahren. Sie konnte zwar etwas sprechen, machte dabei jedoch häufig Aussprachefehler.
Außerdem zeigte sie selbstverletzendes Verhalten, etwa indem sie ihren Kopf gegen Gegenstände schlug. Hinzu kam nächtliches Bettnässen.
Der entscheidende Unterschied zwischen den Geschwistern lag laut den französischen Forschern, die diesen ungewöhnlichen Fall untersuchten und in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichten, in der Anzahl der Kopien eines vererbten Gens namens SHANK3.
Die Fallstudie liefert weitere Einblicke in die komplexen genetischen Ursachen von Autismus, die laut derzeitigen Erkenntnissen für ungefähr 60 bis über 80 Prozent der Autismusfälle verantwortlich sind.
Joseph Buxbaum, Direktor des Seaver Forschungs- und Behandlungszentrums für Autismus an der medizinischen Fakultät Icahn du Mont Sinaï, sagte gegenüber The Epoch Times, dass Autismus eine starke genetische Komponente habe.
Gleichzeitig sei der Zusammenhang zwischen Autismus und der genetischen Ausstattung eines Menschen auf den ersten Blick nicht immer eindeutig erkennbar.

Zwei genetische Faktoren

De-novo-Mutationen
Zwei genetische Varianten wurden in Zusammenhang mit Autismus identifiziert: De-novo-Mutationen und polygene Variationen.
De-novo-Mutationen sind genetische Veränderungen, die spontan in der Eizelle oder im Spermium auftreten und nicht von einem Elternteil vererbt werden. Sie sind selten und verursachen nur einen geringen Anteil der Autismusfälle, haben jedoch tendenziell starke Auswirkungen auf die Betroffenen.
Eine einzige De-novo-Variation kann bereits ausreichen, um Autismus zu verursachen, und das Kind weist mit höherer Wahrscheinlichkeit schwerwiegende autistische Merkmale auf, wie einen niedrigeren IQ und einen erhöhten Betreuungsbedarf.
Polygenische Variationen
Polygenische Variationen sind weitaus häufigere Ursachen für Autismus und machen laut einer Studie bis zu 50 Prozent aller Autismusfälle aus. Sie sind jedoch in der Regel schwerer nachzuweisen, da vererbte Genvariationen oft Hunderte bis Tausende von Genen betreffen, von denen jedes einen winzigen Beitrag leistet.
Joseph Buxbaum ist Mitbegründer des Autismus-Sequenzierungskonsortiums, einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die Autismus-Proben und -Daten austauschen.
Er sagte, dass vererbte Gene das Autismusrisiko nur subtil beeinflussen, ähnlich wie sie auch die Körpergröße mitbestimmen. Als Vergleich sagte er: „Ich habe einige häufige genetische Varianten für geringe Körpergröße, aber ich bin tatsächlich 1,95 m groß.“
Nicht jeder, der genetische Varianten erbt, die mit Autismus in Verbindung stehen, entwickelt zwangsläufig Autismus, da dies vom gesamten genetischen Erbgut der Person abhängt. Die Komplexität der Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Genen ist der Grund, warum die Genetik des vererbten Autismus so rätselhaft sein kann.
Das Muster von Autismus in Familien liefert oft Hinweise darauf, welche Art von Genetik eine Rolle spielt. Sind mehrere Kinder betroffen, sind in der Regel vererbte Variationen verantwortlich.

Spezifische Gene

Mehr als hundert Gene wurden laut Studien stark mit einem erhöhten Autismusrisiko in Verbindung gebracht.
Das SHANK3-Gen
Diese Gene sind an der Bildung, Reifung und Kommunikation von Gehirnzellen beteiligt. Das SHANK3-Gen hilft bei der Bildung der Proteine, die an den Verbindungspunkten zwischen Neuronen beteiligt sind.
Wenn diese Verbindungen nicht richtig entstehen – sei es aufgrund zu weniger oder zu vieler SHANK3-Kopien – kann dies die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen beeinträchtigen.
Das SHANK3-Gen befindet sich auf Chromosom 22. Normalerweise erbt man zwei Kopien des Gens, eine von der Mutter und eine vom Vater. In der Geschichte der drei Kinder hatte der sich normal entwickelnde Bruder die üblichen zwei Genkopien.
Der ältere Bruder mit leichtem Autismus erbte zusätzlich zu den zwei normalen Kopien ein zusätzliches Stück von Chromosom 22, hatte also drei Kopien statt zwei. Die Schwester mit schwerem Autismus hatte aufgrund eines fehlenden Stücks von Chromosom 22 nur eine normale Kopie.
Das CHD8-Gen
Ein weiteres Beispiel ist das CHD8-Gen, das reguliert, wie DNA in den Zellen verpackt wird, und damit beeinflusst, ob bestimmte Gene aktiviert werden.
Wenn eine Mutation im CHD8-Gen auftritt, kann dies verhindern, dass für die Entwicklung notwendige Gene aktiviert werden. Defekte in diesem Gen wurden in Untersuchungen mit Problemen beim Wachstum der Gehirnzellen in Verbindung gebracht.
Manche Autismus-Gene wirken eher indirekt. So führt beispielsweise die genetische Erkrankung Phenylketonurie dazu, dass das Kind die Aminosäure Phenylalanin nicht abbauen kann.
Kinder mit solchen Erkrankungen, die phenylalaninhaltige Lebensmittel zu sich nehmen, können toxische Konzentrationen entwickeln, die die Gehirnentwicklung schädigen und möglicherweise autismusähnliche Symptome verursachen.
Auch Umweltfaktoren beeinflussen das genetische Risiko. Zwar sammelt jeder im Laufe seines Lebens einige De-novo-Mutationen an, doch ältere Menschen, Raucher und Personen, die Strahlung und giftigen Chemikalien ausgesetzt sind, haben laut Studien ein höheres Risiko, mehr davon zu entwickeln.
Mit zunehmendem Alter der Eltern kann das Risiko steigen, ein Kind mit Autismus zu bekommen, da sich laut Untersuchungen in ihren Eizellen und Spermien tendenziell mehr De-novo-Mutationen ansammeln.

Schwerer genetischer Autismus ist möglicherweise behandelbar

Die Kenntnis der genetischen Defizite einer autistischen Person macht eine Behandlung möglich. Forscher haben herausgefunden, dass einige der schwerwiegenden Autismus-Symptome gemildert oder sogar rückgängig gemacht werden können.
„Wenn wir Menschen mit Autismus und einer erheblichen kognitiven Beeinträchtigung betrachten, liegt die Wahrscheinlichkeit, die zugrunde liegende Ursache durch Ganzgenomsequenzierung zu identifizieren, bei etwa 30 bis 35 Prozent“, sagte Dr. Christian Schaaf, medizinischer Direktor des Instituts für Humangenetik an der Universität Heidelberg und Entdecker des Schaaf-Yang-Syndroms, gegenüber The Epoch Times.
„Bei Menschen mit hochfunktionalem Autismus und ohne kognitive Beeinträchtigung liegt die Wahrscheinlichkeit, die zugrunde liegende Ursache zu identifizieren, bei weniger als 10 Prozent.“
Genetische Untersuchungen seien daher für Kinder mit schwerem Autismus, der mit einer geistigen Behinderung einhergeht, hilfreicher als für diejenigen, die weniger Unterstützung benötigen, so Schaaf.
Die Idee, autistische Menschen zu behandeln, kann umstritten sein, insbesondere unter einigen Anhängern der Neurodiversitätsbewegung, die die Behandlung von Autismus als Beseitigung ihrer autistischen Merkmale betrachten, die ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität sind.
Allerdings sind Menschen, die kognitiv gesund und in der Lage sind, für sich selbst einzutreten, nicht die Zielgruppe der medizinischen Autismusbehandlung. Diese medizinischen Eingriffe dienen auch nicht dazu, ihre Neurodiversität zu beseitigen.
Vielmehr soll die Behandlung von Autismus das Leben von Patienten mit schwerem Autismus erleichtern, sagte Buxbaum.
„Es ist wichtig, immer klarzustellen, dass Autismus ein unglaublich, geradezu lächerlich breites Spektrum ist, und wenn wir über Behandlung und gen-gezielte Therapie sprechen, meinen wir damit nur schweren Autismus“, sagte Buxbaum.
„Wenn jemand im Spektrum ist, aber ein wenig Schwierigkeiten bei Vorstellungsgesprächen hat, weil er die sozialen Kompetenzen nicht so gut beherrscht, können wir ihm einen Job-Kurs anbieten, um ihm zu helfen, besser abzuschneiden – er braucht keine gen-gezielte Therapie.“
Gen-spezifische Therapien verfolgen verschiedene Ansätze. Der bekannteste beinhaltet die Veränderung des genetischen Codes einer Person.
Diese Therapien sind umstritten und können laut Studien in seltenen Fällen das Risiko bergen, negative genetische Veränderungen einzuführen und damit potenziell neue genetische Probleme zu verursachen.

Andere konservativere Therapieansätze

In den Fällen, in denen bei einem Kind ein defektes Gen und ein gesundes Gen identifiziert werden können, könnten Ärzte Medikamente einsetzen, um das gesunde Gen aktiver zu machen, was helfen kann, den Auswirkungen des defekten Gens entgegenzuwirken.
Ein solcher Ansatz ist nicht immer möglich, insbesondere wenn das Gen schwer anzusteuern ist oder wenn viele Gene beteiligt sind.
Alternativ können Forscher Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel einsetzen, um nachgelagerte Folgen genetischer Defekte zu behandeln.
Wenn ein bestimmtes Gen nicht direkt therapierbar ist und dadurch ein wichtiger Nährstoff fehlt, kann dieser Mangel gezielt ausgeglichen werden. So lassen sich die Auswirkungen des Defekts zumindest teilweise kompensieren.
Schaafs Team demonstrierte dieses Prinzip an einem 4-jährigen Jungen, der in seiner Entwicklung Rückschritte machte. Er verlor seine Sprachfähigkeit und war aggressiv und unruhig.
Biochemische und genetische Tests zeigten, dass der Junge eine Mutation im TMLHE-Gen aufwies, die einen schweren Carnitinmangel verursacht hatte.
Durch die Gabe von Carnitin an das Kind kam der Rückschritt zum Stillstand, seine Sprachfähigkeiten verbesserten sich und er wurde ruhiger.

Andere ähnliche Erkrankungen

Eine laufende klinische Studie befasst sich mit dem Angelman-Syndrom, das Entwicklungsverzögerungen verursacht und oft mit Autismus in Verbindung gebracht wird.
Es wird in erster Linie durch einen Defekt oder das Fehlen des von der Mutter vererbten UBE3A-Gens verursacht.

Beim Angelman-Syndrom ist die väterliche UBE3A-Kopie im Gehirn inaktiv. Fehlt auch die mütterliche Kopie oder ist sie defekt, wird die Gehirnentwicklung gestört.

Foto: Rasi Bhadramani/iStock

Ein gesundes Kind erbt zwei Kopien des UBE3A-Gens, eine von jedem Elternteil. Beim Angelman-Syndrom schaltet sich jedoch während der Gehirnentwicklung die väterliche Kopie des Gens aus.
Wenn die Kopie des UBE3A-Gens der Mutter des Kindes fehlerhaft ist oder fehlt, führt dies zu einer abnormalen Gehirnentwicklung und zum Angelman-Syndrom.
Die noch laufende Studie zu Angelman zielt darauf ab, das Angelman-Syndrom durch die Zufuhr von Proteinen zu behandeln, die die väterliche Kopie des UBE3A-Gens aktivieren.
Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass Kinder, bei denen das UBE3A-Gen aktiviert wurde, deutliche Verbesserungen aufweisen.
„Das Wichtigste ist, dass sie Anzeichen für Verbesserungen in den Bereichen Kognition, Sprache und Alltagskompetenzen festgestellt haben“, sagte Buxbaum.
Verbesserungen in den kognitiven Fähigkeiten und im Sprachvermögen sind entscheidend für das Überleben der Kinder und der Grund, warum viele Kinder mit Autismus und geistigen Behinderungen ein Leben lang Pflege benötigen, fügte er hinzu.
In ähnlicher Weise zeigte auch eine andere Studie an Männern mit Fragile-X-Syndrom Verbesserungen der kognitiven Fähigkeiten. Menschen mit Fragile-X-Syndrom leiden unter Entwicklungsverzögerungen, einschließlich Lernbehinderungen, aufgrund unzureichender Konzentrationen eines Botenstoffs im Gehirn namens cAMP.
Die Forscher fanden heraus, dass eine Erhöhung der cAMP-Konzentrationen die kognitiven Fähigkeiten und das Verhalten der erwachsenen Teilnehmer verbesserte.
„Wenn diese Studien und einige andere Studien echte, positive Veränderungen zeigen, wird jeder anfangen, diese Art von Störungen als therapierbar anzusehen“, sagte Buxbaum.

Nicht das ganze Bild

Nicht alle Menschen mit Autismus haben zwangsläufig eine „einfache“ genetische Variation, die behandelt werden kann. Die meisten Menschen mit Autismus haben Hunderte oder sogar Tausende von Genvarianten.
Buxbaum glaubt, dass Wissenschaftler mit weiterer Forschung in der Lage sein könnten, die wichtigsten neurobiologischen Signalwege zu identifizieren, die Autismus antreiben. Daher ist es möglicherweise nicht notwendig, jede einzelne genetische Variante zu finden.
Wenn die Schlüsselwege identifiziert werden können, könnte man gezielt auf diese Wege einwirken, anstatt auf genetischer Ebene einzugreifen.
Allerdings erklärt die Genetik allein nicht das gesamte Bild des Autismus. Forschungsergebnisse schätzen, dass Gene für etwa 60 bis 80 Prozent der Autismusfälle verantwortlich sind.
Ein Teil der nicht identifizierten Prozent könnte auf Berechnungsfehler und eine unzureichende Stichprobengröße zurückzuführen sein, um neue Variationen zu erkennen, doch ein weiterer möglicher Grund ist die Umwelt.
Von den 1980er-Jahren bis heute ist die Prävalenz von Autismus stark von etwa 0,06 Prozent auf 3,2 Prozent gestiegen.
Ein Teil dieses Anstiegs lässt sich durch bessere Diagnosekriterien und vielleicht sogar eine Überschätzung der aktuellen Autismusraten erklären, aber nicht alles.
Die schwersten Fälle – tiefgreifender Autismus – haben laut den Daten der Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention von den 2000er-Jahren bis 2016 um etwa 70 Prozent zugenommen.
„Wenn die Raten so stark angestiegen sind, liegt es nicht an Veränderungen der Genhäufigkeit, also muss es etwas Umweltbedingtes oder Diagnostisches geben, das vermutlich gerade jetzt geschieht“, sagte Neil Risch, Direktor des Instituts für Humangenetik an der Universität von Kalifornien, San Francisco (UCSF), gegenüber The Epoch Times.

Die Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen

Selbst unter eineiigen Zwillingen, die dieselbe Genetik teilen, gibt es Paare, bei denen einer Autismus hat und der andere nicht, was auf Umwelteinflüsse hindeutet, so Risch.
„Die Annahme in Zwillingsstudien ist, dass der Grad der gemeinsamen Umwelteinflüsse bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen gleich ist, was möglicherweise nicht der Fall ist“, fügte er hinzu.
Im Mutterleib befindet sich jeder Zwilling auf einer anderen Seite, was zu unterschiedlichen Umwelteinflüssen im Mutterleib führen kann – vielleicht erhält ein Zwilling mehr Nährstoffe als der andere.
Ähnlich wie in der Parabel von dem Blinden und dem Elefanten offenbart die ausschließliche Konzentration auf die Genetik nur einen Teil der Geschichte des Autismus.
Über den genetischen Bauplan hinaus spielen auch Umweltfaktoren, der Zeitpunkt der Entwicklung und die individuelle Biologie eine Rolle – Themen, die in der folgenden Reihe untersucht werden.

Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel: „Autism Has 2 Main Genetic Drivers–How Treatments Can Help“. (deutsche Bearbeitung: vm)
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Was wir lernen müssen, um nicht durch KI ersetzt zu werden


In Kürze:

  • Menschen entscheiden emotional, kontextabhängig und individuell.
  • Maschinen arbeiten mit Mustern und Wahrscheinlichkeiten.
  • Die Vielfalt menschlicher Perspektiven ist ein Vorteil.
  • Standardisierte KI führt oft zu Mittelmaß in kreativen Bereichen.

 
„Sei kein Roboter, denn wer sich wie ein Roboter verhält, wird von Robotern ersetzt werden.“ Mit dieser Aussage regte Christoph Burkhardt*, Unternehmer und Gründer aus dem Silicon Valley, zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Zukunft von Mensch und Maschine an.
Wie kann Technologie sinnvoll eingesetzt werden in einer Welt, in der „Intelligenz“ zunehmend zur Massenware wird? Und welche menschlichen Fähigkeiten behalten ihren Wert, wenn Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen?

Macht KI uns schlechter?

Diese Fragen beschäftigten rund 40 Mitglieder und Gäste des Berlin Capital Club am 21. April. Die Veranstaltung war Teil der KI-Lounge des privaten Businessclubs, in dem sich regelmäßig Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zum fachlichen Austausch treffen. Vertreten waren unterschiedliche Branchen – von Unternehmens- und Politikberatung über Softwareentwicklung bis hin zu Pharma, Logistik, Marketing und der Lebensmittelindustrie.

V. l. n. r.: Helge Sych, Club-Lounge-Leitung, Christoph Burkhardt, Experte für KI und digitale Innovation, David Kefer, Club-Lounge-Leitung, und Alexander Klostermann, Executive Director IAC.

Foto: Sebastian Oberacker/MSO.BERLIN/ALL.TIME.MVIE

Künstliche Intelligenz ist längst in allen diesen Branchen angekommen und entwickelt sich rasant. Demgegenüber stehen die vergleichsweise langsamen Anpassungs- und Lernprozesse des Menschen. Hierin sieht Christoph Burkhardt ein Paradoxon: „Während sich die Technologie jedes Jahr schneller entwickelt als im Jahr zuvor, entwickeln wir Menschen uns offenbar immer langsamer.“
Seine kritische Beobachtung lautet: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht nur selbst Probleme erzeugen, sondern in Kombination mit der KI auch noch schlechter darin werden, sie zu lösen.“ Doch es muss nicht so sein. Entscheidend ist, zu verstehen, wo der besondere Wert des Menschen liegt und wie Technologie sinnvoll eingesetzt werden kann.

Der Wert des Menschen

KI-Systeme basieren auf Mustererkennung, statistischen Modellen und probabilistischen Vorhersagen. Aus großen Datenmengen leiten sie Wahrscheinlichkeiten ab und verbessern sich durch kontinuierliche Feedbackschleifen. Dabei „lernt“ KI nicht im menschlichen Sinn, sondern optimiert auf Grundlage von Korrelationen und erkannten Mustern.
Der Mensch hingegen verarbeitet deutlich weniger Informationen, trifft Entscheidungen jedoch auf Basis von Wissen, Erfahrung, Emotionen, Kontext und individuellem Erleben. So kann dieselbe Person auf eine Frage oder Situation am Morgen anders reagieren als am Abend.
Genau darin sieht Burkhardt einen zentralen Unterschied – und zugleich eine Stärke: Menschen verfügen nicht über ein einheitliches Weltmodell, sondern über vielfältige Perspektiven, Prägungen und Denkweisen. Diese Vielfalt ist kein Nachteil, sondern eine Voraussetzung für Kreativität und gesellschaftliche Entwicklung.

Schmeichelnde KI und die Folgen

In der realen Nutzung von KI zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Viele Menschen gehen davon aus, dass Maschinen verlässliches Wissen liefern und damit helfen, eigene Wissenslücken zu schließen. Tatsächlich erzeugen sie jedoch probabilistische Antworten, also Ergebnisse, die auf Wahrscheinlichkeiten basieren. Diese können Entscheidungen der Nutzer subtil beeinflussen, ohne dass im Nachhinein immer klar nachvollziehbar ist, wie eine bestimmte Schlussfolgerung zustande gekommen ist.
Eine im März in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlichte Studie zeigt zudem, dass KI-Chatbots dazu neigen, Nutzer zu bestätigen und zu bestärken – auch bei unethischem oder problematischem Verhalten. Untersucht wurden elf führende KI-Systeme. Die Forscher stellten dabei ein verbreitetes Muster fest, die sogenannte Sycophantie: Modelle reagieren häufig übermäßig zustimmend und affirmativ. Besonders problematisch ist, dass Nutzer schmeichelnde KI-Antworten oft bevorzugen und diesen ein höheres Maß an Vertrauen entgegenbringen. Dadurch entsteht für Entwickler ein Anreiz, solche Tendenzen trotz der Risiken nicht zu stark zu reduzieren, so das Fazit der Studie.

Ungewünschte KI-Effekte

Auch in der Geschäftswelt wird KI häufig so eingesetzt, dass unbeabsichtigte und teils unerwünschte Effekte entstehen. Eine besonders erfolgreiche Marketingkampagne lebt davon, sich klar von anderen abzuheben. Wird jedoch ein standardisiertes KI-Modell zur Entwicklung von Kampagnen genutzt, entsteht oft vor allem Austauschbarkeit und Mittelmaß.
Die Folge: Inhalte werden zwar schneller und in größerer Menge produziert, doch auf Social-Media-Plattformen konkurrieren diese Masseninhalte zunehmend um die begrenzte Aufmerksamkeit der Nutzer. Dadurch steigen die Kosten für Sichtbarkeit, während einzelne Inhalte seltener wahrgenommen werden.
Hinzu kommt der Vertrauensfaktor. „Es ist sehr schwierig, Vertrauen aufzubauen, aber sehr einfach, es zu verlieren“, sagte Burkhardt. Technologie kann dieses Vertrauen sehr schnell beeinträchtigen. Wenn menschliche Interaktion etwa im Kundenservice durch Maschinen ersetzt wird, entstehen zwar Effizienzgewinne, gleichzeitig aber auch mögliche Vertrauensverluste und eine schlechtere Nutzererfahrung.

Christoph Burkhardt.

Foto: Sebastian Oberacker/MSO.BERLIN/ALL.TIME.MVIE

Ein Blick in die nahe Zukunft

Mit Blick auf die Zukunft sagte Burkhardt, alles, was automatisiert werden kann, werde früher oder später auch automatisiert. Dadurch werde jede menschliche Interaktion an Bedeutung gewinnen. Unternehmen, die es schaffen, echte menschliche Beziehungen zu ihren Kunden zu gestalten, könnten sich klar vom Wettbewerb abheben.
Wer langfristig nicht durch Technologie ersetzt werden wolle, dürfe daher nicht „wie ein Roboter“ funktionieren. Konkret bedeute das aus Burkhardts Sicht zunächst, eigene Muster zu erkennen und gezielt weiterzuentwickeln – also vor allem „an sich selbst zu arbeiten“. Der Wert des Menschen liege in Erfahrung, Fachwissen und der individuellen Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen. Genau diese Einzigartigkeit sei von Maschinen nicht reproduzierbar.
Lange Zeit habe gegolten: Wer sich gut anpasst und möglichst „normal“ funktioniert, ist am erfolgreichsten. Dieses Denken stamme jedoch aus einer Zeit, in der Unternehmen wie Maschinen organisiert wurden. Heute seien diejenigen erfolgreich, die neue Perspektiven einbringen, anders denken und bestehende Muster hinterfragen.
Gleichzeitig verändere sich die Arbeitswelt rasant. Wissen müsse kontinuierlich aktualisiert und erweitert werden. Routinetätigkeiten würden zunehmend automatisiert, während komplexe, unsichere und verantwortungsvolle Entscheidungen beim Menschen verblieben. Das bedeute jedoch nicht weniger Arbeit. „Wir werden uns nach einer Welt zurücksehnen, in der wir nur zwei Stunden Excel machen mussten“, sagte Burkhardt.
Entscheidend wird sein, eine individuelle Strategie zu entwickeln, um mit der Technologie zu arbeiten – eine, die genau zur eigenen Person passt, statt sie aus Angst abzulehnen oder unreflektiert zu nutzen.
 
*Christoph Burkhardt ist ein Unternehmer aus dem Silicon Valley und zählt zu den prägenden Stimmen im Bereich Künstliche Intelligenz und Innovation. 2020 wurde er unter die Top 100 europäischen Redner gewählt, 2021 folgte die Auszeichnung als einer der 50 besten CEOs im Gesundheitswesen. Seit 2022 berät er internationale Innovatoren und Start-ups und gründete 2023 das AI Impact Institute.