„Die Erfindung der Malerei“, gemalt von Baron Jean-Baptiste Regnault (1754–1829). - Foto: gemeinfrei
In Kürze:
Wenn ein Gemälde den besten Künstler davon überzeugen konnte, dass es ein Werk der Natur ist, galt es in der Antike als große Kunst.
Kreativität war bei den Griechen untrennbar mit Liebe, Hoffnung und Sehnsucht verbunden, wie die vier ausgewählten Mythen zeigen.
Sie handeln von dem fürsorglichen Töpfer Butades, dem verliebten Bildhauer Pygmalion, dem meisterhaften Maler Zeuxis und dem überheblichen Musiker Marsyas.
Die alten Griechen hinterließen spannende historische Abhandlungen, herzzerreißende Tragödien und komplexe philosophische Texte. Sie prägten den Westen mit kühnen Thesen darüber, was es bedeutet, die Meinungsfreiheit zu wahren, tiefgründig und sorgfältig zu denken und Mensch zu sein. Dasselbe gilt für die Römer, die vieles von den Griechen übernahmen.
Gemeinsam formulierten sie die ästhetischen Prinzipien, die über zwei Jahrtausende hinweg die westliche Kunst prägten. Als Liebhaber des Geschichtenerzählens überlieferten sie auch faszinierende Mythen über die Künste, wie die folgenden vier, die Liebe, Hoffnung und Sehnsucht in den Mittelpunkt der Kreativität stellen.
Zu den sagenhaften Personen, die Plinius in ihren Bann zogen, gehörten Butades und seine liebeskranke Tochter. Butades war ein griechischer Töpfer aus Sicyon nahe Korinth und hatte eine Tochter, die er von ganzem Herzen liebte.
Eines Tages lernte sie einen jungen Mann kennen, verbrachte viel Zeit mit ihm und verliebte sich. Doch dann musste der Mann verreisen. Als er sich in ihrem Haus auf die Abreise vorbereitete, bemerkte sie seinen Schatten an der schwach beleuchteten Wand und zeichnete sein Profil nach.
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„Die Erfindung der Malerei“, gemalt von Eduard Daege (1805–1883).
Butades konnte es nicht ertragen, seine Tochter leiden zu sehen, und drückte den Ton auf die an der Wand gezeichneten Umrisse. So formte er das Gesicht des Mannes nach und schenkte seiner Tochter als Trost für ihr leidendes Herz das Abbild.
Es heißt, dass Butades um 600 v. Chr. lebte. Zu dieser Zeit war die Töpferkunst bereits weitverbreitet, hatte jedoch nur einen praktischen Charakter und bildete höchstens Pflanzen oder Tiere ab. Das änderte sich laut Plinius mit Butades:
„Des Butades Erfindung ist, der Masse Röthel hinzuzufügen oder den Röthel selbst in eine plastische Masse zu verwandeln.“
Noch wichtiger ist, dass Butades der Erste gewesen sein soll, der einen Menschen darstellte. Danach soll er begonnen haben, ähnliche Masken als Verzierungen an den Enden von Dachziegeln anzubringen. Diese Innovation leitete den stilistischen Wandel von floralen und tierischen Motiven hin zu menschlichen Darstellungen ein. Letztlich revolutionierte dies die gesamte griechische Kunst, die wir bis heute so bewundern.
Butades beabsichtigte mit dem Bild, den Herzschmerz seiner Tochter zu lindern. Auch wenn ein Gegenstand einen Menschen niemals ersetzen konnte, offenbarte das Werk des Töpfers den Glauben an die heilende Kraft der Schönheit.
Ovid erzählte eine ähnliche Geschichte über Pygmalion, einen legendären Bildhauer aus Zypern. Da er es leid war, von Frauen umgeben zu sein, die ein schamloses und laszives Leben führten, zog Pygmalion es vor, unverheiratet zu bleiben. Doch seine Sehnsucht nach Liebe blieb bestehen.
Eines Tages begann er, eine Statue aus Elfenbein zu formen. Laut Ovid war diese von so erlesener Schönheit, dass keine Frau auf der Welt ihr je gleichkam. Obwohl er wusste, dass es nur eine Statue war, konnte Pygmalion nicht anders, als sich in sein eigenes Werk zu verlieben. Je länger er sie betrachtete, desto mehr glich sie einer echten Frau. Voller Liebe und Bewunderung begann er, mit ihr zu sprechen, und streichelte sie liebevoll.
Dann war der Festtag der Aphrodite gekommen und die Menschen brachten der Göttin der Schönheit und Liebe Opfergaben dar. Auch Pygmalion stand mit Gaben und Gebet vor ihrem Altar: „Wenn ihr Himmlischen alles vermöget, werde mein Weib.“
Er brachte es nicht über sich, die Statue zu erwähnen, obwohl er genau das sagen wollte. Das Opferfeuer flammte dreimal auf. Auch wenn Pygmalion seinen Satz nicht zu Ende gesprochen hatte, hatte Aphrodite ihn verstanden.
Sobald er nach Hause zurückgekehrt war, suchte Pygmalion sein Werk auf. „Es muss Fleisch sein!“, rief er ungläubig aus, als die Verwandlung ihren Abschluss fand. Die hellhäutige Frau spürte die Küsse, die ihr gegeben wurden, und hob errötend ihren schüchternen Blick. So sah sie nicht nur das Licht und den Himmel über sich, sondern auch ihren verzückten Bewunderer. Neun Monate später bekam das Paar eine Tochter namens Paphos – benannt nach jenem Ort, der mit der Geburt von Aphrodite in Verbindung steht.
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Besessen von der Schönheit seiner Statue begann Pygmalion mit ihr zu sprechen. „Die Erfindung der Skulptur“, gemalt von Jean-Baptiste Regnault (1754–1829).
Ovids Geschichte inspirierte Theaterstücke, Opern und Filme, nicht zuletzt, weil sie die Beziehung zwischen Kunst, Begierde und Wahnsinn anschaulich schildert. Der Bildhauer liebte sein Handwerk, das für ihn zu einem Mittel wurde, der Welt jene Anmut und Schönheit zu verleihen, die ihr seiner Meinung nach fehlten. Seine Statue konnte sich nur deshalb in einen Menschen verwandeln, weil er sie mit großer Sorgfalt und Liebe geschaffen hatte.
Doch Pygmalion reagierte besessen. Er zog sich in die Behaglichkeit seiner Fantasie zurück, um ein idealistisches Verlangen zu stillen, und schwelgte in seinem Werk, während er den Bezug zur Welt verlor. Obwohl die Geschichte die Kraft großer Kunst betont, der Perfektion der Natur zu gleichen, wirft sie auch Fragen nach den Risiken auf, die entstehen, wenn man versucht, der Realität mit künstlichen Bildern zu entfliehen.
Wenn die Griechen von Malerei sprachen, meinten sie damit meist das Auftragen von Farbe auf Stein, Keramik oder Holz. Zu den vielen legendären Malern der Griechen gehörte Zeuxis von Herakleia, der um 450 v. Chr. lebte. Seine Werke waren so beeindruckend, dass laut Plinius Gerüchte kursierten, er habe seinen Meistern „die Kunst entwendet und mit sich genommen“. Sein Spezialgebiet waren Stillleben, bei denen er kleine Details präziser darstellte als jeder andere. Zumindest war er davon überzeugt.
Zeuxis’ Werke verkauften sich so gut, dass er reich und selbstverliebt wurde. Er ließ seine Kleidung mit einem goldenen Monogramm besticken und begann, seine Gemälde als Geschenke zu verteilen, „weil er sie […] für keinen ihrer hinreichend würdigen Preis verkaufen könnte“.
Mit seinem Ruhm wuchs auch der seiner Konkurrenten. Einer davon war der ehrgeizige Parrhasios, der Zeuxis zu einem Malwettbewerb herausforderte. Plinius berichtete über den Wettstreit:
„Zeuxis habe nämlich Weintrauben so treffend gemalt, dass die Vögel der Schaubühne zugeflogen wären, Parrhasius aber einen so natürlich gemalten leinenen Vorhang aufgestellt, dass Zeuxis, durch das Urtheil der Vögel stolz gemacht, endlich darauf gedrungen sei, den Vorhang zu entfernen und das Gemälde zu zeigen; als er nun seinen Irrthum eingesehen, soll er aus aufrichtiger Schaam sich für besiegt gehalten und gesagt haben, er habe Vögel, Parrhasius aber ihn, den Künstler, getäuscht.“
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Künstlerische Darstellung der beiden Maler Zeuxis (o.) und Parrhasios (u.) aus dem Jahr 1683.
Angetrieben vom Streben nach Größe schufen die beiden Maler ihre besten Werke. Zeuxis’ Kunstfertigkeit hatte Tiere getäuscht. Doch laut Zeuxis war das menschliche Auge der maßgebliche Richter, da es die ästhetische Sensibilität der Menschen verkörperte.
Für die Griechen und Römer war der Mensch das größte Geschöpf der Natur, zugleich geschaffen und schöpferisch. Wenn ein Gemälde den besten Künstler davon überzeugen konnte, dass es ein Werk der Natur sei, verdiente es, als große Kunst bezeichnet zu werden.
Die Griechen würdigten generell das beeindruckende Können menschlicher Künstler. Jedoch nahmen sie sich auch vor der Überheblichkeit in Acht, sich für größer zu halten, als es gerechtfertigt war.
Eine beliebte Geschichte über die Tücken der Eitelkeit handelte von einem Flöte spielenden Satyr namens Marsyas. Satyrn waren männliche Wesen, die die ursprüngliche Natur der Menschheit verkörperten. Musik war ihre Kunst. Marsyas wollte der Welt beweisen, dass er der größte lebende Musiker war, und forderte daher Apollon – den Gott des Lichts, der Schönheit und der Musik – zu einem Wettstreit heraus.
Eine Marmorstatue von Apollon und Marsyas von Walter Magnus Runeberg (1838–1920).
In der ersten Runde spielte Apollon nur die Leier, sein charakteristisches Instrument. Marsyas begeisterte die Jury mit einer virtuosen Darbietung auf seiner doppelrohrigen Flöte. In der zweiten Runde begleitete Apollon sein Leierspiel mit einem bezaubernden Lied, das die Sympathie der Richter zurückgewann. Marsyas war wütend. Er beklagte sich, es sei ungerecht, zwei Fähigkeiten mit einer zu vergleichen, und beschimpfte den Gott wegen seiner angeblichen Hinterlist.
Apollon argumentierte kühl, dass Flötenspiel dasselbe sei wie Singen – bei beidem werde die Stimme eingesetzt. Von diesem Argument überzeugt, wies die Jury die Wettkämpfer an, nur eine Fertigkeit vorzuführen, bei der die Stimme keine Rolle spielte. Da Flötenspiel als Gesangsfertigkeit galt und Marsyas kein anderes Instrument beherrschte, war er besiegt.
Für die Dreistigkeit, zu glauben, er könne Apollon übertrumpfen, und die Unverschämtheit, dem Gott Unehrlichkeit vorzuwerfen, verlor Marsyas sein Leben.
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Das Gemälde „Apollon und Marsyas“, gemalt von Michelangelo Anselmi (1492–1556).
Alle außer Apollon beklagten das traurige Schicksal von Marsyas – von den Göttern über die Satyrn bis zu den Menschen. „Aber das fruchtbare Land empfing die fallenden Tränen, durchgenetzt, und trank sie hinab in die innersten Adern: Wo sie, zu Wasser geseigt, aufquollen an freiere Lüfte. Jäh zu dem stürmischen Meer, im Hang abschüssiger Ufer, rollt der Marsyasstrom durch Phrygia lautere Wellen.“ – Johann Heinrich Voß, 4. Auflage von „Ovid. Metamorphosen“, Anaconda Verlag, 2016
Was auch immer wir von Marsyas’ grausamem Tod halten mögen: Die antiken Autoren waren sich fast einig, dass seine Strafe die direkte Folge seiner Hybris war. So begabt er auch war, Marsyas konnte Apollon niemals in den Schatten stellen. Die Musik und die Kunst im Allgemeinen gehörten letztlich den Göttern.
Die Werke griechischer Steinhauer faszinieren bis heute die Menschen. - Foto: Poike/iStock
In Kürze:
Die antiken Griechen sind heute für ihre Steinhauer und großen Werke weltberühmt, wobei Marmor zu den beliebtesten Materialien gehörte.
Vieles zur Bearbeitung der Steine übernahmen die hellenischen Handwerker von den Alten Ägyptern, entwickelte aber auch ab dem 4. Jh. v. Chr. neue Methoden.
Über die gesamte Herstellung betrachtet, war der Transport der Steinblöcke vermutlich der teuerste Aspekt.
Allgemein genossen Steinhauer ein hohes Ansehen in der antiken Gesellschaft.
Stein ist eines der frühesten Materialien, das der Mensch verarbeitet. Während unsere Vorfahren anfangs kleine messerähnliche Werkzeuge in Form von Faustkeilen und Kratzern herstellten, weitete sich die Bearbeitung von Steinen später auf Kunstgegenstände und Gebäude aus und das Handwerk der Steinhauer entstand.
Am prägendsten für die europäische Kultur waren die Arbeiten griechischer Steinhauer. Vieles von ihrem Wissen hatten sie von älteren Hochkulturen wie den Ägyptern, doch verfeinerten sie das Handwerk und hoben es so auf ein ganz neues Niveau.
Antike Steinhauer ohne Scheu
Obwohl wir heute dank zahlreicher Schriftquellen vieles über die alten Griechen wissen, sind mit großer Sicherheit einige Methoden der antiken Steinbearbeitung im Laufe der Zeit verloren gegangen.
Eines ist jedoch früher wie heute gleich: Die Wahl des Werkzeuges hängt maßgeblich vom zu bearbeitenden Gestein ab. Besonderer Faktor ist dabei die Härte, die heute mit der Mohs-Skala und ihren zehn Referenzmineralen bestimmt wird.
Diese Härteskala reicht von Talk (Grad 1), dem weichsten Material bis zu Diamant (Grad 10), dem härtesten, natürlich vorkommenden Mineral. Für Gesteine mit dem Härtegrad 1 bis 6 reichen Werkzeuge aus Bronze für die Bearbeitung aus, während Materialien ab Mohshärte 7 nur noch mit Eisen oder Stahl zu bearbeiten sind.
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Diese Wiener Gedenktafel für den in Deutschland geborenen Mineralogen Carl Friedrich Christian Mohs (1773–1839) stellt seine Härteskala dar.
Wie selbstverständlich wagten sich antike Steinhauer ohne Angst auch an härtere Gesteine und fertigten daraus mit großer Handwerkskunst und Geschick äußerst raffinierte Stücke. Dazu gehören nicht nur riesige Tempel, realistische Statuen und millimetergenau gearbeitete Reliefs aus Marmor, sondern auch Schmuck aus teils gravierten Edelsteinen oder dünnwandige Trinkbecher.
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Mykenische Vase aus Marmor-ähnlichem Kalkstein, ca. 1750–1050 v. Chr., ausgestellt im Archäologischen Nationalmuseum in Athen.
Heute kommen dafür nicht selten modernste Techniken wie Hochleistungssägen und Diamantbohrer zum Einsatz. Doch wie haben die Menschen in der Antike das geschafft?
Vom Felsen zum Steinblock
Eines der beliebtesten Materialien der antiken Griechen war Marmor. Dieser lag nicht nur in Hülle und Fülle vor den Toren der antiken Städte, sondern war wegen seiner Eigenschaften auch gut zu bearbeiten.
Bereits ab dem 8. Jh. v. Chr. begannen griechische Steinhauer mit der Fertigung kunstvoller Skulpturen. Das dafür benötigte Material bekamen sie auf Bestellung aus den ihnen nächstgelegenen Steinbrüchen, von denen heute rund 20 bekannt sind. Lediglich für besondere Werke wie Tempel bediente man sich an hochwertigerem und weiter entfernt gelegenen Lagerstätten.
Die ersten griechischen Statue, sogenannte Kouroi, stammen aus der archaischen Epoche und waren stilistisch stark an ägyptische Skulpturen angelehnt.
Die Blöcke selbst wurden mittels nassen Keilen aus Holz oder Eisen sowie Bogenbohrern aus dem Felsen gebrochen. Ihre Größe orientierte sich zunächst an den damaligen Ochsenkarren, die für den Transport der tonnenschweren Brocken verwendet wurden. Später, als Holzschlitten und andere Methoden der Bewegung erfunden wurden, konnten auch größere und schwerere Steinblöcke bewegt werden.
Mit Keilen und Hämmern wurden auch in der Antike die Blöcke aus dem Felsen geschlagen.
Dieser Wandel zeigt sich auch an den Kunstwerken selbst. Während beispielsweise Säulen zunächst immer aus einzelnen Trommeln bestanden, die mittels Steckprinzip zusammengesetzt wurden, konnten kleinere Exemplare später am Stück gefertigt werden.
Nach dem Abbau beförderten sogenannte Drehhebel aus Holz die Steinblöcke auf die Transportmittel. Von dort ging es über eigens für den Abbau angelegte Straßen weiter. Dabei versuchte man, so wenig wie möglich über Land zu transportieren und mehr über Schiffe, die bis zu 450 Tonnen laden konnten. Um die Blöcke umzuladen, gab es in den Häfen Holzkräne.
All das machte den Transport vermutlich zum teuersten Punkt der gesamten Produktion. Nur selten fanden Halbfabrikate oder bereits fertige Werke den Weg zu ihrem Bestimmungsort, sodass die eigentlichen Arbeiten erst in lokalen Werkstätten stattfanden.
Aus einem Block wird Kunst
Die ersten griechischen Steinhauer arbeiteten wie ihre Kollegen aus dem Alten Ägypten gleichmäßig an einem Werk. Dies bedeutet, dass bei Statuen etwa nicht zuerst der Kopf, dann der Körper und zum Schluss die Füße gefertigt wurden, sondern alles gleichzeitig.
Zunächst malten die Steinhauer ihre Grundform auf den Block auf oder ritzten sie ein, um sie dann mit gröberen Werkzeugen wie Zweispitz und Spitzhammer schichtweise von allen Seiten „freizulegen“. Weitere Arbeiten wurden dann mit verschiedenen Meißeln vorgenommen und Feinheiten schließlich mit Zahneisen und Zahnflächen.
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Auch in späteren Epochen nutzen Steinhauer noch Spitzhammer für ihre Arbeit.
Die Werkzeuge eines Steinhauers: Holzhammer, Meißel und ein Zahneisen.
Foto: Zerbor/iStock
Ein tieferer Blick auf antike Marmorwerke lässt zudem einen weiteren Unterschied zu neuzeitlichen Stücken erkennen: Sie waren nicht poliert. Statt einer glänzenden Erscheinung hatten frühe antike Steinhauerprodukte leicht raue Oberflächen.
Archäologen vermuten, dass dies mit der Bemalung der marmornen Tempel und Statuen zu tun hat, denn diese waren früher nicht so hell wie wir heute denken. Vielmehr kamen zahlreiche Pigmente zum Einsatz, die den weißlichen Marmor in bunte Farben tauchten.
Erst ab dem 4. Jh. v. Chr. wurde auch bunter Marmor abgebaut. Etwa zeitgleich begannen die Steinhauer auch ihre Werke zu polieren, wie Bearbeitungsspuren an dem berühmten Parthenon in Athen zeigen.
Ein erneuter Wandel setzte ab dem 1. Jh. v. Chr. ein, als die Steinhauer das Prinzip der ganzheitlichen Bearbeitung verwarfen. Dank neuer Messverfahren, Schnüren, Loten und Holzrahmen übertrugen sie nun ein Gipsmodell, das als Vorlage dient, auf den Stein. Damit konnten sie erst die Vorderseite und dann die Rückseite einer Statue anfertigen.
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Dieses Grabrelief aus der Antikensammlung Berlin ist aus dem berühmten, cremefarbenen pentelischen Marmor.
In der hellenistischen Epoche erreichten die Steinhauer eine nie dagewesene Qualität, indem sie nicht nur Bewegung, sondern auch Emotionen täuschend echt darstellten.
Nach getaner Arbeit erhielten Statuen und Co. häufig Markierungen der Bildhauer. So sind unter anderem die Namen zahlreicher Künstler erhalten geblieben. Und diese Handwerker waren in der Gesellschaft hochgeachtet.
Einer der berühmtesten griechischen Bildhauer war Phidias (um 500–420 v. Chr.). Er war nicht nur der kreative Kopf für den Parthenon, sondern auch der Erbauer der Zeusstatue aus Gold und Elfenbein. Sie gehört zu den sieben antiken Weltwunder und war einst in Olympia zu sehen.
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Diese Skulptur soll den berühmten Bildhauer Phidias darstellen.
Und genau dort haben Archäologen auch die Werkstatt von Phidias entdeckt. In dem 32×18×15 Meter großen Bau befanden sich sogar noch Werkzeuge, Materialien und ein Becher mit der Beschriftung „ich gehöre Pheidias“.
Eine weitere Bildhauer-Werkstatt entdeckten Forscher kürzlich auf der griechischen Insel Paros, die für ihren weißen parischen Marmor bekannt ist. Hier arbeiteten Steinhauer zwischen 323 und 31 v. Chr. an ihren Stücken wie unter anderem Marmorreste und zahlreiche unvollendete Statuen zeigen.
Blick auf die ausgegrabenen Überreste der Werkstatt des Phidias.
Foto: banvega/iStock
Obwohl das antike Steinhauer-Handwerk nur einen Teil der damaligen künstlerischen Fertigkeiten abbildet und zahlreiche Stücke im Laufe der Zeit verloren gegangen sind, zählen sie heute zu den Meisterleistungen der Menschheit. Mit Mut setzten die Handwerker neue Maßstäbe und inspirierten Künstler noch tausende Jahre später. Ihr Können ist wahrhaft in Stein gemeißelt.
In den letzten zwei Jahrtausenden ging die Vielzahl der Sprachen bereits zurück – lange vor Mittellater und dem modernen Kolonialismus, der bisher als Ursache galt. - Foto: fotografo/iStock
In Kürze:
Heute existieren rund 7.500 gesprochene oder gebärdete Sprachen. Vor rund 12.000 Jahren könnten es 4.500 bis 6.200 Sprachen gewesen sein.
Dazwischen steig die Sprachenvielfalt möglicherweise sogar auf mehrere Zehntausend Sprachen vor 1.000 bis 3.000 Jahren.
Der Rückgang der sprachlichen Vielfalt setzte offenbar mit der Ausbreitung großer Staaten und Imperien ein – lange vor dem Kolonialismus Europas.
Heutige Sprachen stellen eine kleine, historisch verzerrte Auswahl und Relikte der früheren Sprachenvielfalt dar.
Ein internationales Forschungsteam aus Spanien, den USA und Deutschland hat plausible Entwicklungsverläufe der globalen Sprachenvielfalt über die vergangenen 12.000 Jahre rekonstruiert. Die nun veröffentlichte Studie legt nahe, dass die sprachliche Vielfalt während eines Großteils des Holozäns zunahm, vor etwa 1.000 bis 3.000 Jahren einen bemerkenswerten Höhepunkt erreichte und anschließend rasch zurückging.
Weltweit sprechen oder gebärden Menschen heute rund 7.500 Sprachen. Dies ist jedoch nur eine Momentaufnahme in einer Geschichte ständigen Wandels. Wie viele Sprachen gab es vor den ersten schriftlichen Zeugnissen? Verringerte die Einführung der Landwirtschaft die sprachliche Vielfalt, weil expandierende Bauernpopulationen kleinere Jäger- und Sammlergruppen verdrängten? Oder führte das Bevölkerungswachstum zunächst zu mehr Möglichkeiten für die Entstehung neuer Sprachen?
Bislang wurden diese Fragen „nicht aus Mangel an theoretischem Interesse, sondern aufgrund der außergewöhnlichen Schwierigkeit, die relevanten Dynamiken empirisch zu erforschen, nur begrenzt nachgegangen“, erklärte Studienautor Marcus Hamilton von der University of Texas at San Antonio. „In dieser Arbeit wird ein innovativer Ansatz vorgestellt, um die Dynamiken menschlicher kultureller Vielfalt in der Vergangenheit besser zu verstehen. Damit widmet sie sich einer der zentralen und zugleich schwierigsten Fragen der Humanwissenschaften.“
Geschichte ohne schriftliche Zeugnisse rekonstruieren
Für die Zeit vor dem Schriftgebrauch vor rund 6.000 Jahren fehlen direkte Hinweise auf die Zahl der Sprachen nahezu vollständig und bleiben bis in die jüngere Vergangenheit lückenhaft. Die Forscher kombinierten daher ethnografische Informationen, Schätzungen zur prähistorischen Bevölkerungsgröße sowie statistische und soziokomputationale Modelle. Dabei handelt es sich um computergestützte Simulationen, die menschliches Verhalten und soziale Interaktionen nachbilden.
Ausgangspunkt waren ethnografische Daten von 171 Jäger-, Sammler- und Fischergesellschaften, deren traditionelle Subsistenzwirtschaft und Mobilität durch den Kontakt mit Nahrungsmittel produzierenden Populationen noch nicht nachhaltig verändert worden waren. Mithilfe dieser Daten schätzten die Forscher die wahrscheinliche Größenverteilung ethnolinguistischer Gruppen zu Beginn des Holozäns.
Diese Schätzungen kombinierten sie mit Rekonstruktionen, denen zufolge die Weltbevölkerung vor 12.000 Jahren zwischen 4,4 und sieben Millionen Menschen umfasste. Wenn man davon ausgeht, dass ethnolinguistische Gruppen damals in der Regel jeweils eine eigene Sprache hatten, ergaben die Modelle für das frühe Holozän einen Schätzwert von rund 4.500 bis 6.200 Sprachen. Weiter gefasste, ebenfalls plausible Schätzungen reichten von etwa 3.300 bis 7.800 Sprachen.
„Eine erste Überraschung war, dass es unmittelbar vor der Einführung der Landwirtschaft weltweit vermutlich keinen außergewöhnlich großen Sprachreichtum gab“, so sagt Russell Gray.
Gray ist Direktor der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Weiter sagte er, „Höchstwahrscheinlich gab es sogar weniger Sprachen als heute. Die sprachliche Vielfalt nahm dann über Jahrtausende hinweg zusammen mit der wachsenden menschlichen Bevölkerung zu.“
Zehntausende Sprachen
Landwirtschaft, technologische Innovationen und eine stabilere Nahrungsmittelproduktion ermöglichten ein starkes Wachstum der Weltbevölkerung. Gleichzeitig wurden Gesellschaften größer – und immer mehr Menschen konnten sich dieselbe Sprache teilen.
Um diese gegenläufigen Prozesse abzubilden, modellierten die Forscher Tausende möglicher Entwicklungsverläufe, die Schätzungen für den Beginn des Holozäns mit der Gegenwart verbinden. Die Modelle erlaubten eine Zunahme der Anzahl von Menschen pro Sprache im Laufe der Zeit und berücksichtigten zugleich unabhängige Rekonstruktionen des globalen Bevölkerungswachstums.
Auch wenn der genaue Verlauf unsicher bleibt, ergaben die Modelle durchweg ein auffälliges Grundmuster: Die sprachliche Vielfalt nahm während des größten Teils des Holozäns zu und erreichte vor 1.000 bis 3.000 Jahren ihren Höhepunkt. Viele Modellverläufe deuten auf eine Zunahme um den Faktor zehn im Vergleich zum frühen Holozän hin – die Anzahl der Sprachen dürfte auf ihrem Höhepunkt also bei mehreren Zehntausend gelegen haben.
„Das überraschendste Ergebnis ist, dass dieser Höhepunkt offenbar erst sehr spät erreicht wurde. Die größte sprachliche Vielfalt könnte demnach nicht in der Altsteinzeit, sondern erst in Zeiten expandierender Staaten und früher Imperien bestanden haben“, ergänzte Claire Bowern von der Yale University.
Die Autoren bezeichnen diese Phase als sprachliches „Goldenes Zeitalter“. Bisherige Debatten ignorierten diese Epoche weitgehend – unter anderem, weil die meisten historischen Quellen von jenen expandierenden Gesellschaften stammen, deren Sprachen sich schließlich durchsetzten.
Heute existierende Sprachen und ihr Gefährdungsstatus (erstellt auf Basis einer Kartenvorlage von „Natural Earth“ unter Verwendung von Daten aus Glottolog 5.3 und Informationen aus GlottoScope). In der Grafik sind Sprachen, die nur wenige oder keine Sprecher mehr haben, rot bzw. orange gekennzeichnet. Nicht gefährdete Sprachen sind gelb; Sprachen, deren Sprechende zu einer dominanteren Sprache überwechseln, hellgrün und bedrohte Sprachen grün.
Foto: Claire Bowern/Yale University via Max-Plank-Gesellschaft
Sprachenverlust vor Beginn des modernen Kolonialismus
Auf das goldene Zeitalter der Sprachen folgte ein rascher Rückgang, insbesondere in den letzten zwei Jahrtausenden. Die Ergebnisse dieser Studie stellen somit die gängige Vorstellung infrage, nach der die Bedrohung von Sprachen vom Aussterben erst mit der europäischen Kolonialexpansion vor rund 500 Jahren begonnen habe.
Zweifellos hat der europäische Kolonialismus die Verdrängung von Sprachen enorm verstärkt. Die neuen Modelle legen jedoch nahe, dass dieser Prozess tiefere Wurzeln hat: in der Expansion früherer Vielvölkerstaaten und Imperien. Diese brachten einst getrenntlebende Bevölkerungsgruppen in dauerhaften Kontakt miteinander und verbreiteten gemeinsam mit politischen Institutionen, Technologien, kulturellen Praktiken und Krankheitserregern auch dominante Sprachen.
Das Modell identifiziert nicht, welche konkreten Imperien, Regionen oder historischen Ereignisse den globalen Rückgang der sprachlichen Vielfalt verursacht haben. Es zeigt jedoch, dass bereits vor der heutigen Zeit eine sehr starke Verringerung der sprachlichen Vielfalt stattgefunden haben muss.
Heutige Sprachen haben einen Flaschenhals durchlaufen
Dieser Verlust bedeutet, dass die heute gesprochenen Sprachen keine repräsentative Stichprobe all der Sprachen sind, die einst existierten. Während die Sprachen jener Populationen, die expandierten, eine überproportional hohe Überlebenschance hatten, verschwanden die Sprachen jener Populationen, die aufgenommen wurden, verdrängt wurden oder schrumpften.
Dieser historische Flaschenhals könnte auch die weltweite Verbreitung grammatischer Strukturen, Laute und anderer sprachlicher Merkmale beeinflusst haben. Forscher erklären weit verbreitete Merkmale oft damit, dass sie besonders leicht zu erlernen sind, die Kommunikation effizienter machen oder gut an die menschliche Kognition angepasst sind. Die neue Studie legt jedoch nahe, dass auch demografische Expansion und Aussterben berücksichtigt werden müssen.
„Die Sprachen, die wir heute sehen, sind die Überlebenden eines massiven und hochgradig selektiven historischen Flaschenhalses. Ein sprachliches Merkmal ist nicht deshalb häufig, weil es von Natur aus überlegen ist, sondern weil es zufällig von Bevölkerungen getragen wurde, die expandierten. Aussterbeprozesse könnten die sprachliche Vielfalt viel stärker geprägt haben, als uns bisher bewusst war“, sagt Erstautor Damian Blasi der unter anderem an der Harvard University forscht.
Die Forscher betonen, dass es sich bei der Studie um eine grobe globale Rekonstruktion handelt und nicht um eine direkte Zählung prähistorischer Sprachen. Die Schätzungen basieren auf Annahmen über die Größe früher ethnolinguistischer Gruppen und den langfristigen Zusammenhang zwischen Population und Sprachenanzahl.
Zweifellos verliefen regionale Entwicklungen unterschiedlich, und kurzfristige Einbrüche infolge von Krieg, Krankheiten oder Umweltveränderungen lassen sich mit dem Modell nicht einzeln rekonstruieren. Dennoch blieb über eine große Bandbreite von Modellbedingungen und alternativen Prämissen hinweg stets dasselbe zentrale Muster bestehen.
Laut den Ergebnissen war die Geschichte der Sprachenvielfalt also kein einfacher, kontinuierlicher Rückgang ausgehend von einer hohen Diversität in der Altsteinzeit. Vielmehr nahm die Sprachenvielfalt mit dem Anstieg der Weltbevölkerung zunächst zu, erreichte einen außergewöhnlichen, jedoch nur kurzlebigen Höhepunkt und ging anschließend weltweit stark zurück. (sm/ts)