Schild des „Robin Hood Pub“ in Hebden Bridge, Yorkshire. - Foto: Christopher Furlong/Getty Images
In Kürze:
Der neue Kinofilm über Robin Hood entfachte in den sozialen Medien eine Debatte über die Verunglimpfung des englischen Nationalhelden in Strumpfhosen.
Ein Blick auf die ältesten erhaltenen Quellen vermittelt jedoch den Eindruck, dass der Name nicht immer mit vorbildlichem Verhalten verbunden wurde.
Besonders in der Neuzeit scheint sich das Bild vom „Beschützer der Armen“ etabliert zu haben – unter anderem durch nachgewiesene gute Taten.
Forscher sind sich jedoch immer noch uneinig, ob es einen Mann namens Robin Hood überhaupt gab und wenn ja, wer er war.
„Robin Hood hadert nach einem Leben voll von mörderischen Umtrieben und Verbrechen mit seiner eigenen Vergangenheit. Als er schließlich verletzt wird, zeigt ihm eine mysteriöse Frau unerwartet eine Möglichkeit auf, doch noch Erlösung von den eigenen Taten und der auf sich geladenen Schuld zu finden. Denn sein alter Gefährte Little John, der sich mittlerweile unter dem falschen Namen Edward eine neue bürgerliche Existenz aufbauen konnte, braucht nun seine Hilfe.“
Diese Beschreibung des neuen Hollywoodfilms „The Death of Robin Hood – He was no hero“ (deutsch: „Der Tod des Robin Hood – er war kein Held“) widerspricht für viele Menschen dem Bild des legendären Bogenschützen und Nationalhelden Englands.
Doch was steckt hinter der Geschichte von Robin Hood? Gab es wirklich einen Mann, der wohlhabende Menschen beraubte und den Armen half? Oder war er ein gewalttätiger Verbrecher ohne Moral? Werfen wir einen Blick auf die Überlieferungen des mysteriösen Bogenschützen.
Heldenmut in Strumpfhosen
Wenn von Robin Hood die Rede ist, denken viele Menschen an einen mutigen, strumpfhosen- und kapuzentragenden Mann, der zusammen mit Gehilfen versteckt in einem Wald lebt, gegen moralisch schlechte Personen agiert und den Armen aus ihrer Not hilft.
Etabliert hat sich dieses Bild unter anderem durch Filme und Serien wie „König der Diebe“ (1991) mit Kevin Costner, Disneys tierische Adaption „Robin Hood“ (1973) oder „Green Arrow“ (2012–2020) aus dem Superhelden-Universum von DC Comics.
Auf Comicmessen verkleiden sich Fans als Superheld „Green Arrow“.
Foto: Mike Coppola/Getty Images
Als Vorlage dienten ihnen die rund 50 Balladen, also erzählende Gedichte, die seit 500 Jahren die literarische Welt bereichern und aus denen das meiste Wissen über Robin Hood stammt. Stets wird der begabte Bogenschütze darin als Held präsentiert.
Der neue Robin-Hood-Film des Regisseurs Michael Sarnoski erscheint dagegen als frei erfundenes Kontrastprogramm, das jedoch erstaunliche Parallelen zu den ältesten Balladen aufweist.
Gedichte mit Mönchen, Töpfern und Gewalt
Insgesamt gibt es drei sehr alte Balladen, die als wichtige Quellen angesehen werden. Die älteste davon entstand um 1450, ist fragmentiert erhalten und trägt den Titel „Robin Hood and the Monk“ („Robin Hood und der Mönch“). Etwa 50 Jahre jünger sind die vollständigen Werke „Robin Hood an the Potter“ („Robin Hood und der Töpfer“) sowie „A Gest of Robyn Hode“ („Eine Geschichte über Robin Hood“). Drei weitere Balladen – vermutlich aus derselben Zeit – sind durch Bischof Thomas Percy (1729–1811) aus Irland überliefert.
Erste Seite der Ballade „A Gest of Robyn Hode“, gedruckt im 16. Jahrhundert.
In allen sechs Werken tritt Robin Hood als witziger, mutiger und intelligenter Wegelagerer aus einfacher Herkunft in Erscheinung. Außerdem ist er fromm, seinem König Richard Löwenherz (1157–1199) treu ergeben und nicht allein. Zusammen mit Little John und anderen Geächteten richten sich ihre gewalttätig beschriebenen Taten gegen korrupte Geistliche und städtische Beamte.
Besonders in „Robin Hood and the Monk“ ist von einer schweren Auseinandersetzung zwischen Robin Hood und seinem Kumpanen Little John die Rede sowie vom Tod eines jungen Pagen durch ein Mitglied von Hoods Bande.
Bis ins 18. Jahrhundert kam ein Großteil der heute bekannten Balladen hinzu. Anders als in den älteren Gedichten ist Robin Hood darin während der Zeit von König Eduard II. (1284–1327) aktiv, hat eine adlige Geliebte namens Maid Marian, ist selbst edler Abstammung und spendet sein Raubgut den Bedürftigen. Vor allem die für Robin Hood heute typischen sozialen Absichten sind damit jüngerer.
Zusammen schufen die alten Balladen und Neudichtungen den heute bekannten Mythos des begabten Bogenschützen. Doch was davon ist wahr? Kann man – wie in der Geschichtsforschung üblich – davon ausgehen, dass die ältesten Werke dem Kern der Wahrheit am nächsten kommen?
Ein Name älter als die Balladen
Um diese Frage zu beantworten, suchen Historiker außerhalb der Gedichte nach Aufzeichnungen über einen Helden oder Gesetzlosen namens Robin Hood. Eine schwierige Angelegenheit, da viele alte Dokumente, etwa Chroniken oder Kirchenbücher mit Geburtseinträgen, oft Bränden zum Opfer fielen. Hinzu kommt die Häufigkeit des Namens.
Der Vorname „Robin“ ist die gewöhnliche Kurzform für Richard, ein in England beliebter Name. Ebenfalls weitverbreitet ist der Nachname „Hood“, für den es zwei mögliche Herleitungen gibt:
Von „Hooder“, also jener Personen- und Berufsgruppe, die im Mittelalter die häufig getragenen Kapuzen herstellten.
„Hood“ ist die umgangssprachliche Form für „Wood“ (deutsch: Wald oder Holz) und bezeichnete früher Menschen, die in Waldregionen lebten oder beruflich mit diesen in Verbindung standen.
Beide möglichen Ursprünge des Nachnamens passen zur Beschreibung des berüchtigten, kapuzentragenden und im Wald lebenden Robin Hood.
Kriminelle tragen häufig Kapuzen und verstecken sich im Wald, um nicht entdeckt zu werden.
Die ältesten erhaltenen Einträge zu dem Namen stammen aus Gerichtsurkunden von 1261 bis 1296, den sogenannten „Yorkshire Pipe Rolls“. Darin entdeckte der britische Mittelalterforscher James C. Holt acht Menschen mit dem Namen „Robin Hood“ oder einen verwandten Schreibweise wie „Robehode“. Immer erschienen diese als Beinamen für flüchtige Straßenräuber. Später tauchten in Dokumenten vermehrt Menschen mit diesem Namen auf – und das durch alle sozialen Schichten, Alters- und Berufsgruppen hinweg.
Zwischen den frühesten Belegen des Namens (1261) und den ältesten erhaltenen Balladen (um 1450) scheint sich Robin Hood also fest in der englischen Gesellschaft etabliert zu haben, und seine Beliebtheit scheint enorm gestiegen zu sein. So heißt es in einem literarischen Kommentar von 1405, dass mehr Menschen in Tavernen den Geschichten über Hood lauschten, als in die Kirche gingen.
Diese Frage stellten sich bereits die Menschen, die vor 500 Jahren während der großen Robin-Hood-Begeisterung lebten. Einer der Ersten, der glaubte, den echten Robin Hood identifiziert zu haben, war der schottische Geschichtsschreiber Walter Bower.
Robin Hood alias Roger Godberd
Etwa um 1440 überarbeitet Bower die sogenannte „Scotichronicon“, die Chronik von John of Fordun, und äußerte die Vermutung, dass es sich bei Robin Hood um den Gesetzlosen Roger Godberd handelte. Dieser war ein ehemaliger Soldat des Adligen Simon de Montfort (1208–1265) und kämpfte an dessen Seite im Zweiten Baronenkrieg (1264–1267). Nach der gemeinsamen Niederlage soll Godberd die Gegend von Worcestershire unsicher gemacht haben.
„Aus dieser Zeit erhob sich aus den Reihen der Entrechteten und Gesetzlosen der berühmteste bewaffnete Räuber, Robert Hood, zusammen mit Little John und ihren Komplizen. Das törichte einfache Volk feierte die Taten dieser Männer eifrig und mit staunender Begeisterung in Komödien und Tragödien“, so Bower.
Darstellung von Simon de Montfort (1208–1265), dem 6. Earl of Leicester.
2009 entdeckte der Forscher Julian Luxford die Randnotiz eines Mönchs in dem Werk „Polychronicon“. Um 1460 schrieb der Geistliche von einem Gesetzlosen namens Robin Hood, der mit seinen Kumpanen durch Raubzüge im Sherwood Forest sein Unwesen trieb. Genau diese Gegend wird in zahlreichen Balladen als Heimat und Haupthandlungsort des berüchtigten Bogenschützen genannt.
Robin Hood als guter Mann
1521 äußerte der schottische Theologe John Major in „Historia Majoris Britanniae“, dass Robin Hood zur Zeit des englischen Königs Richard Löwenherz lebte und der barmherzige und gute Anführer einer Gruppe war, die Frauen und Arme schützte, lediglich Reiche überfiel und das Raubgut an Bedürftige gab.
Das Relief an der Burg Nottingham Castle zeigt Richard Löwenherz, wie er Robin Hood und seine Geliebte Maid Marian vermählt.
Mehr als 100 Jahre später (1632) behauptete der Balladenautor Martin Parker, dass er Robin Hood mit dem legendären Räuber Robert, Earl of Huntington, identifizieren konnte. Das angegebene Sterbedatum des Adligen († 1198) stimmt mit John Majors Vermutung und den ältesten Balladen überein, wonach Robin Hood zur Zeit von Richard Löwenherz lebte.
In seiner These von 1700 spricht auch der britische Kleriker Thomas Gale davon, dass der Earl of Huntington Robin Hood gewesen sei. Gale gibt jedoch 1247 als Todesjahr des Adligen an. Ob es sich dabei um einen Fehler Gales handelt und er eigentlich den von John Major genannten Earl meinte oder einen Nachfolger dessen, ist unbekannt.
Nur eine mythologische Figur?
1846 plädierte der Altertumsforscher Thomas Wright dafür, dass Hood keine reale Person war, sondern eine ausgedachte Figur. Dieser Meinung war auch Reginald Scot, der schon 1584 Robin Hood mit dem germanischen Kobold „Hütgin“ gleichsetzte.
Auffällig ist zudem, dass Robin Hood als eine Mischung der antiken und miteinander verwandten Helden Herakles und Theseus erscheint. Herakles wird gemeinhin als äußerst begabter Bogenschütze dargestellt, während Theseus im Rahmen seiner sechs Taten moralisch niedere Menschen auf seinem Weg nach Athen ausschaltete, deren geraubtes Gut sicherstellte und vom Volk als Held gefeiert wurde.
Kobolde sind zahlreich in der irischen, keltischen und deutschen Folklore vertreten und können gute Geister, aber auch kleine Bösewichte sein.
1936 brachte der Geschichtsprofessor L. V. D. Owen einen neuen Namen ins Spiel: Robert Hod aus York. Ihn setzte der Historiker mit allen eingangs erwähnten Robin Hoods aus den „Yorkshire Pipe Rolls“ gleich. Demnach habe die Kirche den Besitz von Hod beschlagnahmt und er sei zum Gesetzlosen erklärt worden. Ob er aus Vergeltung oder anderen Motiven zum Räuber der Reichen wurde, ist unklar.
Die Brüder Richard und John Deyville
Bereits um 1440 verband Walter Bower einen Soldaten von Earl Simon de Montfort mit Robin Hood. In den Augen des Historikers Oscar de Ville handelt es sich dabei jedoch nicht um Roger Godberd, sondern um die Brüder Richard und John Deyville.
Ähnlich wie Bower vermutete und die Balladen über Robin Hood andeuteten, lebten die Deyville-Brüder nach der verlorenen Schlacht der Barone als Gesetzlose. Von John Deyville ist später bekannt, dass er vom König begnadigt wurde und sein Leben als treuer Bürger weiterführte – ähnlich, wie der aktuelle Hollywoodfilm zeigt. Was mit Richard Deyville passierte, ist nicht überliefert.
Zuletzt äußerte der britische Historiker Barrie Dobson die Vermutung, dass Hood keine historisch existierende Person war. Aufgrund der Verteilung und Häufigkeit des Namens sei vielmehr anzunehmen, dass Robin Hood ein allgemein üblicher Name für Gesetzlose und Kriminelle gewesen sei.
Held und Vorbild des Volkes
Die Geschichte zeigt – wie so oft – zahlreiche Hinweise, aber nur wenige handfeste Beweise. Viele wichtige Informationen zu Robin Hood sind im Laufe der Zeit sehr wahrscheinlich verloren gegangen, wurden nie aufgeschrieben oder sind verändert worden. Was bis heute geblieben ist, sind vorrangig die positiven Aspekte rund um den „Beschützer der Armen“.
Dazu beigetragen haben nach Meinung des australischen Robin-Hood-Forschers William Hoff von der Universität Melbourne vor allem die sogenannten Robin-Hood-Spiele. Bereits im Mittelalter zogen nachweislich als Hood verkleidete Schausteller für den guten Zweck durch die Gemeinden.
Es gibt viele Theorien über Robin Hood – unter anderem, dass es nie eine reale Person wie ihn gab.
Ziel war das Sammeln von Spenden für Gemeinschaftsprojekte wie den Aufbau von Kirchen oder zur Unterstützung der Armen. Letzteres war eigentlich die Aufgabe der Kirche, doch nicht selten kamen Geistliche in der Vergangenheit ihren Pflichten nicht oder nur in geringem Umfang nach.
Wie bei ihrem Vorbild stand für die damaligen Menschen die Hilfe für Bedürftige im Vordergrund. Alle, die das verhindern wollten oder nicht halfen, obwohl sie die Mittel dazu hatten, galten als Feinde. Wie Hoff erklärt, war die Anwendung von Gewalt das letzte Mittel – ähnlich modernen Comic-Helden wie Superman. Mit den Aktionen sollten die Feinde auf den rechten Weg geführt und an die guten, traditionellen Werte erinnert werden.
Letztlich ist die Frage nach Verbrecher oder Held eine moralische. Für viele ist das Motiv des Handelnden dabei von entscheidender Bedeutung. Über dieses wissen die vielen verschiedenen Schriftquellen jedoch nicht viel zu berichten, sodass die Antwort vermutlich ewig hinter Spekulationen und den unterschiedlichen Meinungen der Menschen verborgen bleibt.