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Hauptdarsteller im Kino: Das Popcorn und seine Geschichte


In Kürze:

  • Archäologische Entdeckungen zeigen, dass Popcorn seit mindestens 6.700 Jahren zubereitet wird.
  • In der Moderne war der Snack zunächst nur auf US-amerikanischen Jahrmärkten zu finden.
  • Mit der Erfindung des Kinos und den ersten Tonfilmen wurde der knusprige Puffmais zum absoluten Renner – auch außerhalb der USA.
  • In Kinos anderer Länder gibt es neben Popcorn in landesspezifischen Geschmacksrichtungen auch Eis und Ameisen zu kaufen.

 
Ein Kinobesuch bedeutet nicht nur, einen Film anzusehen, sondern ist ein Erlebnis für alle Sinne – mit großer Leinwand und üppigen Snacks. Ein epischer Film verlangt nach dem panoramischen Breitbildformat, donnerndem Surround-Klang, peinlich großen Schachteln mit Süßigkeiten und riesigen Eimern Popcorn, die zu Hause einfach nicht so schmecken.
Im Laufe der Kinogeschichte wurde Popcorn jedoch sowohl als unordentliche, niveaulose Ablenkung verachtet als auch als gewinnbringender Retter einer ins Straucheln geratenen Filmindustrie gefeiert.

Das Popcorn in der Suppe

Popcorn ist eines der ältesten Lebensmittel, die wir noch heute als Snack verzehren. So belegen archäologische Funde aus dem Norden Perus seine kulinarische Existenz bereits vor etwa 6.700 Jahren – zu einer Zeit als der Ackerbau seinen Anfang nahm.

Mais ist seit Jahrhunderten ein wichtiges Lebensmittel in Mittelamerika.

Bernabé Cobo, ein Jesuitenmissionar, der im frühen 17. Jahrhundert in Peru tätig war, beobachtete, wie die Einheimischen Popcorn herstellten. Wie heute rösteten sie die Maiskörner, bis sie aufplatzten, und aßen sie schließlich als Süßigkeit namens „Pisancalla“.
Auch in Nordamerika beobachteten Franzosen in der Region der Großen Seen im Jahr 1612, wie der indigene Stamm der Irokesen Maiskörner in einem mit heißem Sand gefüllten Tontopf erhitzten, bis sie aufplatzten. Anschließend fügten sie dieses einer Suppe hinzu.
Die Kolonisten Amerikas übernahmen diese Praxis und verwendeten dazu entweder einen geschlossenen Drahtkorb über offener Flamme oder einen horizontal montierten, dünnen Metallzylinder, der mit einer Handkurbel vor einem Kamin gedreht wurde.
Zubereitung von Popcorn vor der Popcornmaschine

In einer langstieligen Pfanne wie dieser wurde vor der Erfindung der Popcornmaschine der Snack zubereitet.

Vom Jahrmarkt ins Kino

Im Jahr 1885 erfand Charles Cretors in Chicago eine neue, dampfbetriebene automatische Popcornmaschine. Mit ihr wurden die Körner in einer Mischung aus Pflanzenöl und tierischem Fett zubereitet.
Er stellte seine Erfindung erstmals 1893 auf der Weltausstellung in Chicago vor. Bis 1900 baute er die Maschinen auf Elektroantrieb um, was dazu führte, dass die Straßenwagen fortan in Geschäfte verlagert wurden.
Popcorn und Erdnüsse waren auf Jahrmärkten bereits beliebte Snacks, als sich der Film in das Unterhaltungsangebot einreihte. Das Kino entwickelte sich 1896 von einer Jahrmarktattraktion zu einem eigenständigen Ausflugsziel. Die preiswerten Vorführungen zogen reihenweise Menschen – und infolgedessen auch Snacks – an.
In den 1920er Jahren versuchten die Betreiber, Kinos als gehobene Orte zu etablieren. Die „Filmpaläste“ waren mit Teppichen und Einrichtungsgegenständen ausgestattet, die man normalerweise mit anspruchsvoller Unterhaltung verband. Zuschauer, die Popcorn oder Erdnüsse knabberten, passten nicht zum eleganten Ambiente. Außerdem störte das laute Knuspern der Snacks beim Anschauen der Stummfilme.

Blick ins Innere des Byrd Theatre, einem US-amerikanischen Filmpalast aus dem Jahr 1928.

Ein erschwinglicher Luxus

1927 feierte der erste Tonfilm, „Der Jazzsänger“, in New York Premiere. Diese neue Filmart belebte das Geschäft neu, und Popcorn stellte angesichts der Tonspur keine so laute Ablenkung mehr dar. Zwei Jahre später brachte die Premiere von „Melodie des Herzens“ mit Willy Fritsch in der Hauptrolle den ersten deutschen Kinofilm mit Tonspur in die Kinosäle.

Filmplakat des ersten Kinofilms mit Tonspur: „Der Jazzsänger“ (1927).

Die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren führte dazu, dass sich die meisten Menschen viele Luxusgüter nicht mehr leisten konnten. Eine Kinokarte blieb dennoch erschwinglich und lockte zusammen mit Popcorn für damals fünf US-Cent das Publikum in die Kinos und kurbelte den Umsatz an. Anfangs vermieteten Kinobesitzer ihre freien Flächen in der Lobby oder im Außenbereich, bis sie erkannten, dass die Gewinnmarge von Popcorn bei mehr als 70 Prozent lag.
Während des Zweiten Weltkriegs führten Zuckerrationierungen dazu, dass viele Süßigkeiten nicht mehr erhältlich waren oder zu teuer wurden. Popcorn blieb jedoch ein günstiger Ersatz, und der Verbrauch stieg in den USA um 300 Prozent.
US-Amerikaner an einer Maschine mit Popcorn im Jahr 1941

Trotz des Zweiten Weltkriegs waren in den USA die Kinos gut besucht und Popcorn der beliebteste Snack.

Das Popcorn und seine (un)gewöhnlichen Begleiter

Heute ist Popcorn weltweit in den Kinos beliebt. Die Geschmäcker reichen dabei von süß bis herzhaft und haben je nach Region und Land typische Geschmacksrichtungen. In Indien sind würzige Masala-Mischungen beliebt, während japanisches Popcorn manchmal Stückchen von Seetang enthält. Auf dem chinesischen Markt dominiert dagegen Karamell-Popcorn, und in Deutschland ist süßes Popcorn der Renner.
Popcorn gibt es inzwischen in sämtlichen Geschmacksrichtung

Popcorn gibt es inzwischen in sämtlichen Geschmacksrichtung: von salzig über süß bis herzhaft.

Während Popcorn eindeutig die Hauptrolle spielt, ist Eiscreme ein treuer Begleiter in der Kino-Snack-Kombination. In australischen Kinos erhielten in den 1930er-Jahren alle Kinder einen kostenlosen „Eimer“ Eiscreme. Neben diesen Eisbechern war das Eis am Stiel, auch Edy’s Pie genannt, eine beliebte Leckerei, die in der Pause von Platzanweiserinnen auf Tabletts durch die Gänge des Kinos gereicht wurde.
In den Kinos anderer Länder werden dagegen lokale Snacks angeboten. So gehört in den Niederlanden zu einem Kinobesuch die nicht bei allen beliebte Lakritz dazu, die es in süßen und herzhaften Varianten gibt.
Für uns völlig außergewöhnlich sind dagegen geröstete Ameisen, die es in kolumbianischen Kinos gibt. Die „Hormigas culonas“ (zu Deutsch: Ameisen mit dickem Hinterteil) gelten dort als Luxusspeise – der Kaviar Kolumbiens. Bei der Zubereitung werden die Beine und Flügel der Ameisenköniginnen entfernt und die Körper geröstet, um eine knusprige, proteinreiche Speise zu erhalten, die beim Naschen ebenso viel Abenteuer bietet wie auf der Leinwand.
In Kolumbien kann man statt Popcorn in Kinos geröstete Ameisen essen

Heimische Zubereitung von „Hormigas culonas“ – gerösteten Ameisen.

Doch ob Popcorn oder Ameisen – das Essen, das wir im Dunkeln zu uns nehmen, während wir einen Film ansehen, ist für viele Menschen ein wesentlicher Bestandteil des Kinobesuchs. Der Duft der Butterglasur und das Knuspern der Schokoladenstreusel sind Sinneserlebnisse, die – genau wie die große Leinwand – zu Hause einfach nicht dasselbe sind.
Dieser Artikel erschien im Original auf theconversation.com unter dem Titel „A brief history of popcorn – and its cinema snack sidekicks“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)The Conversation