In Kürze:
- Nur noch 18 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sehen eine Beförderung als wichtigstes Karriereziel.
- Führung wird kritisch und mit einer schlechteren Work-Life-Balance bewertet.
- Unternehmen müssen Karrieren neu denken, um Führungskräfte zu gewinnen.
Als Catrin L., langjährige Mitarbeiterin und „beste Kraft“ in der Buchhaltung, von ihrem Chef das Angebot für den nächsten Karriereschritt bekommt, klingen die Eckdaten zunächst verlockend: mehr Geld, mehr Verantwortung, ein eigenes Team. Sie bedankt sich, wägt ab – und lehnt ab. Nicht etwa aus mangelndem Ehrgeiz, erzählt die 44-Jährige aus Mecklenburg-Vorpommern, sondern „weil ich meine Arbeit wirklich liebe, aber keine Lust auf endlose Meetings, nervige Personalgespräche und vor allem ständige Erreichbarkeit habe“.
Die Führungsstelle blieb auch nach ihrer Absage monatelang unbesetzt, erzählt sie. Nicht etwa, weil niemand qualifiziert wäre. Sondern, weil niemand den neuen Chefposten haben wollte.
Der zunehmend unbeliebte Chefsessel
Entscheidungen wie die von Catrin L. mögen überraschen, sind aber längst kein Einzelfall mehr. Im Gegenteil: Nur 18 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nennen eine Beförderung als wichtigstes Karriereziel.
Gleichzeitig geben 65 Prozent an, auf eine Beförderung zu verzichten, wenn das persönliche Wohlbefinden darunter leidet.
Das sind Ergebnisse der aktuellen internationalen Erhebung „Talent Trends 2026“, für die weltweit mehr als 60.000 Fachkräfte befragt wurden, darunter 3.000 in Deutschland.
Höher im Kurs stehen laut der Untersuchung das Erwerben neuer Fähigkeiten (49 Prozent), Weiterbildung (44 Prozent) und fachliche Spezialisierung: 36 Prozent möchten ihre Expertise in ihrem Fachbereich ausbauen oder vertiefen.
Die Gründe des Wandels
Die Studie selbst nennt keine Gründe für diesen Wandel. Dennoch zeichnen die Ergebnisse ein deutliches Bild davon, was Beschäftigte heute von ihrem Berufsleben erwarten.
Es geht weg von Statussymbolen und formalen Karriereschritten, hin zu individueller Weiterentwicklung. Das traditionelle Karriereversprechen – mehr Verantwortung, mehr Status, mehr Geld – scheint zumindest für viele Beschäftigte an Überzeugungskraft zu verlieren. An seine Stelle tritt ein neues Erfolgsmodell, in dem Autonomie, Gesundheit, fachliche Exzellenz und kontinuierliches Lernen wichtiger werden.
Ob hinter dieser Entwicklung tatsächlich ein tiefgreifender Wertewandel steckt oder sie vor allem eine Reaktion auf veränderte Arbeitsbedingungen ist, lässt sich mit den vorliegenden Studien nicht eindeutig beantworten.
Wo Verantwortung mit hoher Arbeitsbelastung, permanenter Erreichbarkeit und zusätzlichem Verwaltungsaufwand einhergeht, erscheint der Verzicht auf eine Beförderung weniger als Ausdruck fehlenden Ehrgeizes denn als eine nüchterne Abwägung.
Die Kooperationsstudie „Die Zukunft der Arbeit – was Fachkräfte erwarten“ des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) und meinestadt.de GmbH aus Köln, bestätigt den Wandel: Karriere wird von vielen Beschäftigten zwar weiterhin mit Gehalt und Führungsverantwortung verbunden, gleichzeitig aber auch mit Stress und Leistungsdruck.
Dagegen gewinnen persönliche Weiterentwicklung, Sinn, gute Arbeitsbeziehungen und die Vereinbarkeit mit dem Familienleben an Bedeutung. 60 Prozent der Befragten empfinden Karriere überhaupt nicht als erstrebenswertes Lebensziel.
Besonders deutlich wird diese Haltung bei der Wirkung von Sprache: Nur 9,2 Prozent finden Stellenanzeigen attraktiv, die mit dem Begriff „Karriere“ werben. Deutlich besser schneidet dagegen die Formulierung „Wir fördern gute Ideen“ mit einer fast dreimal so hohen Zustimmungsrate von 26,8 Prozent ab.
Karriere wird neu definiert
Auch Catrin aus Norddeutschland verzichtet lieber auf die angebotene Beförderung. Die mit einer Führungsposition verbundenen Aufgaben wie Teamleitung, Berichte schreiben und Personalgespräche würden ihr „die Lebensqualität nehmen“. Den zusätzlichen Stress könne auch die Gehaltserhöhung nicht ausgleichen, zumal sie durch diese in einen höheren Steuersatz kommen würde. Sie sagt:
„So lohnt es sich dann am Ende noch nicht einmal mehr finanziell.“
Vielmehr habe sie das Angebot zum Anlass genommen, sich zu überlegen, wie sie mehr Zeit mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann verbringen kann.
Damit liegt sie im Trend: 63 Prozent der Deutschen stimmen laut Randstad Arbeitsbarometer der Aussage zu, dass ihnen eine Work-Life-Balance wichtig oder sehr wichtig ist. Genauso viele finden, dass der klassische Karrierepfad veraltet oder nicht mehr zeitgemäß ist.
Was Unternehmen daraus lernen müssen
Für Arbeitgeber auf der Suche nach Fach- und Führungskräften bedeuten diese Tendenzen, dass eine Beförderung allein kein überzeugendes Angebot mehr ist. Wer Verantwortung übertragen will, muss heute gleich die Erklärung mitliefern, warum sie sich für die Beschäftigten lohnt.
Eine Befragung der Unternehmensberatung McKinsey von europäischen Arbeitnehmern kommt zu dem Ergebnis, dass unter anderem fehlende Entwicklungsmöglichkeiten zu den wichtigsten Kündigungsgründen zählen. Unternehmen müssen also inzwischen Karriere breiter denken und neben Führungspositionen auch individuelle Weiterentwicklung fördern. Gerade für kleinere Unternehmen sind Fach- und Projektlaufbahnen Optionen nicht nur für Nachwuchskräfte, sondern ernsthafte Alternativen zu einer klassischen Führungskarriere.
Ein anderer Weg wäre, Führungsrollen attraktiver zu gestalten. Wenn Beschäftigte mit Führungsverantwortung vor allem Dauerstress, endlose Meetings, eine hohe administrative Belastung und ständige Erreichbarkeit verbinden, wird auch ein höheres Gehalt viele nicht überzeugen.



