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Gegen Orbán gerichtet: Wie Magyar Ungarn verändern will

Das ungarische Parlament hat am 13. Juli einen 17. Zusatz für das Grundgesetz des Landes verabschiedet und damit eine der weitreichendsten Verfassungsreformen seit dem Amtsantritt der neuen Regierung von Ministerpräsident Péter Magyar auf den Weg gebracht.
Die Tisza-Partei von Magyar nutzte ihre Zweidrittelmehrheit im Parlament und verabschiedete mit 139 zu sechs Stimmen ein 12-Punkte-Gesetzespaket, das unter anderem eine Begrenzung der Wahl von Abgeordneten auf drei Wahlperioden (12 Jahre) sowie eine Umstrukturierung mehrerer wichtiger staatlicher Institutionen vorsieht.
Zahlreiche der 199 Abgeordneten des Budapester Parlaments nahmen an der Abstimmung nicht teil. Die Mehrheit der Abgeordneten der oppositionellen Fidesz-Partei des ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán sowie die Christlich-Demokratische Volkspartei verließen vorzeitig das Parlament, wobei sie Tisza vorwarfen, sie errichte eine Tyrannei.

Ringen um das Präsidentenamt

Das Paket enthält auch eine Übergangsbestimmung, nach der das Mandat des amtierenden Staatspräsidenten am Tag nach Inkrafttreten des Gesetzes endet. Magyar hatte Sulyok mehrfach als „Marionette“ Orbáns bezeichnete und kurz nach seiner Wahl am 12. April angekündigt, einen „Regimewechsel“ herbeiführen zu wollen.
Die Reform würde auch weitere Amtszeitbeschränkungen und Altersgrenzen einführen und würde, sofern das Gesetz in Kraft tritt, auch die Amtszeit mehrerer Richter des Verfassungsgerichts vorzeitig beenden, darunter Péter Polt, Präsident des Verfassungsgerichts. Vor allem aber würde dieser Schritt verhindern, dass Orbán noch einmal in einer künftigen Wahl als Kandidat antreten könnte.
Die am 13. Juli gefällte Entscheidung im Parlament war der bislang weitreichendste innenpolitische Schritt der neuen Regierung. Präsident Sulyok hat nun bis zum 18. Juli Zeit, die Änderungen – und damit sein eigenes Amtsende – entweder zu unterzeichnen oder sie an das Verfassungsgericht weiterzuleiten. Von dort dürfte jedoch seitens der Orbán-loyalen Richter Gegenwind zu erwarten sein.
Sollte Sulyok die im Parlament beschlossenen Gesetzesänderungen an das Verfassungsgericht weiterleiten, hat Magyar bereits angekündigt, ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn einzuleiten, wodurch der Präsident automatisch seines Amtes enthoben würde. In diesem Fall könnte der Parlamentspräsident, den die Tisza-Partei stellt, ebenfalls die Änderung des Grundgesetzes unterzeichnen.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Sulyok freiwillig zurücktritt. Dazu hatte Magyar den Präsidenten mehrfach aufgefordert. Dieser lehnte dessen Ansinnen jedoch ab.

Anfrage an die EU-Kommission gestellt?

Am 13. Juli gingen konservative EU-Parlamentarier an die Öffentlichkeit und bezeichneten Magyars Änderungen des ungarischen Grundgesetzes als „Verfassungsputsch“. Dies behauptet Kinga Gál, Fidesz-Abgeordnete im Europäischen Parlament, in einem X-Post.
Dort heißt es weiter: Die von Magyar vorgeschlagenen Änderungen am ungarischen Grundgesetz „verstoßen in einer in Europa beispiellosen Weise gegen die grundlegendsten demokratischen und verfassungsrechtlichen Prinzipien.“
Sie stellten laut Gáls Aussage „einen eklatanten Machtmissbrauch, eine Einschränkung des demokratischen Wahlrechts, den Ausschluss politischer Gegner und den Versuch dar, die ausschließliche Ausübung politischer Macht zu festigen“. Dennoch schweige die EU-Kommission. Daher hätten „Dutzende patriotischer, konservativer und parteiloser Europaabgeordneter eine dringende schriftliche Anfrage an die Kommission gerichtet“. Die weiteren Abgeordneten werden indes nicht genannt.
Im Vorfeld zur Parlamentssitzung gingen am 10. Juli laut Angaben von Nachrichtenagenturen Tausende Anhänger von Orbáns Partei in Budapest auf die Straße, um gegen Magyars Änderungsabsichten zu protestieren. Orbán nahm daran nicht teil.
Die Protestaktion stand unter dem Motto „Stoppt Tyrannei“. Demonstranten trugen Plakate, die Magyar zeigten und die Aufschrift trugen „Stoppt die Willkür“.

Abgeordnete, darunter der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar (erste Reihe, M. l.) und Außenministerin Anita Orbán (r.), stimmen am 13. Juli 2026 bei der außerordentlichen Sitzung des Parlaments im Abgeordnetenhaus in Budapest, Ungarn, über eine Verfassungsänderung ab.

Foto: Attila Kisbenedek / AFP via Getty Images

Rückgewinnung staatlicher Vermögenswerte

Als eine weitere Neuerung hat das Parlament in seiner jüngsten Sitzung zugestimmt, ein „Nationales Amt für Vermögensrückgewinnung und Vermögensschutz“ (NVVH) zu schaffen. Es handelt sich dabei um eine Anti-Korruptionsbehörde. Ihr primäres Ziel soll sein, die in den vergangenen 16 Jahren unter Orbán vermuteten veruntreuten staatlichen Gelder und widerrechtlich privatisierten Vermögenswerte aufzuspüren, gerichtlich einzuziehen und an den Staat zurückzuführen.
Die NVVH ist ein Kernstück der Reformversprechen Magyars. Bence Rétvári, der Fraktionsvorsitzende der christlichen Oppositionspartei KDNP, bezeichnete laut „Hungary Today“ am 13. Juli die NVVH als „neue ÁVH“ – in Anlehnung an das ungarische Pendant zur ostdeutschen STASI – und beklagte, dass die Behörde „Eingriffe in das Leben jedes Einzelnen“ ermögliche.

Orbán-Amt soll aufgelöst werden

Bereits zuvor ist die Magyar-Regierung mit ihrer Zweidrittelmehrheit im Parlament gegen das „Souveränitätsschutzamt“ vorgegangen. Am 30. Juni stimmte die Mehrheit für die Auflösung dieser Behörde.
Dieser Schritt bedarf indes noch der Zustimmung des Präsidenten. Das Amt wurde im Jahr 2023 von Orbán eingeführt. Es ermittelt seither gegen Personen und Organisationen, denen die Fidesz-Regierung vorwarf, im Auftrag ausländischer Interessen zu handeln. Vor allem unabhängige Journalisten, darunter die Plattform „Átlátszó“ sowie die Nichtregierungsorganisation „Transparency International Ungarn“, hatten sich über Schikanen seitens des Amts beschwert.

Staatsrundfunk zeitweilig abgeschaltet

Doch auch unter der neuen Regierung gibt es Beschwerden seitens Journalisten. Wie „Euronews“ am 7. Juli berichtete, stellte der ungarische öffentlich-rechtliche Rundfunk am gleichen Tag den Sendebetrieb ein, nachdem Magyar „eine Übergangsleitung eingesetzt und Mitarbeiter entlassen hatte, denen eine Orbán-freundliche Ausrichtung vorgeworfen wurde“, so „Euronews“.
Stattdessen wrude an dem Tag im Staatsfernsehen MTVA ein schwarzer Bildschirm mit folgendem Text gezeigt worden: „Öffentliche Medien dürfen nicht lügen. Wir entschuldigen uns, weil wir es trotzdem getan haben.“

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Künftig sollen die Journalisten und Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch ein unabhängiges Gremium ausgewählt werden, berichtet die Tageszeitung „Magyar Nemzet“.

Protest des Polnische Journalistenverband

Der Polnische Journalistenverband, die größte journalistische Organisation in Polen, hat in einer Erklärung gegen die Umstrukturierung der öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn und die dort stattfindenden Personalwechsel protestiert.
Der Journalistenverband des Nachbarlandes bezeichnete dies als „verwerfliches“ Vorgehen, das die „Grundsätze der Meinungsfreiheit in Europa verletzt“, und das an die Übernahme der polnischen öffentlich-rechtlichen Medien im Jahr 2023 durch das Kabinett des polnischen Premierministers Donald Tusk erinnere. Auf seiner Website veröffentlichte der Verband seine Stellungnahme:
„Der Vorstand des Verbandes Polnischer Journalisten protestiert entschieden gegen das Vorgehen gegen die öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn. Seit Dienstag, dem 7. Juli, beobachten wir mit großer Sorge die Ereignisse in Ungarn, wo die neue Regierung die öffentlich-rechtlichen Medien säubert.“
Und an anderer Stelle weiter: „Wir sind empört über die Versuche, die Grundsätze der Meinungsfreiheit in Europa zu verletzen, insbesondere da Ungarn wie Polen Mitglied der Europäischen Union ist – einer Organisation, die zwar von Rechtsstaatlichkeit spricht, ihre Verstöße aber nicht anerkennt.“
Doch Magyar ist mit seinen Reformplänen längst nicht am Ende. Im Herbst will er weitere Verfassungsänderungen bekannt geben.
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Das Gift in der Ostsee: Weltkriegsmunition auf dem Meeresgrund


In Kürze

  • 1,6 Millionen Tonnen Weltkriegsmunition bedrohen Nord- und Ostsee.
  • Die Munition ist fast vollständig korrodiert, Schadstoffe treten aus.
  • Fische in den Gebieten erkranken viermal häufiger an Tumoren.
  • Zum Umgang mit Munition im Meer gibt es keine einheitliche Gesetzgebung.
  • Badeurlaube sind noch möglich.

 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Waffen und Munition schnell entsorgt. Schiffe, beladen mit Bomben, Granaten und Minen, fuhren aufs Meer hinaus und warfen die Ladung über Bord.

Niemand dachte seinerzeit daran, dass diese Altlasten Jahrzehnte später einmal zur Gefahr werden könnten. Der Expertenkreis „Munition im Meer“ hat dazu Daten an das Umweltbundesamt (UBA) weitergeleitet. Diese zeigen, dass hunderte Quadratkilometer des Meeresbodens davon betroffen sind. Allein in der deutschen Ostsee liegen schätzungsweise 300.000 Tonnen Munition.

Munitionsreste am Meeresboden am Ausgang der Kieler Förde.

Foto: Forschungstauchzentrum CAU Kiel/dpa/dpa

Wo ist die Gefahr?

Die Kartierungen verzeichnen für den deutschen Ostseebereich insgesamt 50 munitionsbelastete Flächen. Darunter acht große, definierte Munitionsversenkungsgebiete. Zu den bekanntesten und stark belasteten Zonen gehören die Kolberger Bucht, die Lübecker Bucht und die Gewässer vor Usedom.

Die Kolberger Heide ist ein rund 12 Quadratkilometer großes Versenkungsgebiet. Es liegt nordöstlich der Kieler Außenförde. Laut historischen Rekonstruktionen des GEOMAR-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel liegen hier über 1.000 Großobjekte, wie Grundminen, Torpedos und Fliegerbomben. Teils sollen diese nur zwei Kilometer vom Badestrand entfernt im flachen Wasser liegen, teilte der Naturschutzbund Deutschland (NABU) mit.

In der Lübecker Bucht liegen schätzungsweise 35.000 Tonnen konventionelle Munition. Neue Untersuchungen, die im Fachmagazin Nature publiziert wurden, dokumentieren in diesem Areal unter anderem die erhebliche Verklappung von Gefechtsköpfen der V1-Marschflugkörper.

Das flache Küstengebiet rund um die Gewässer vor Usedom ist vor allem wegen Fehlwürfen britischer Brandbomben im Zweiten Weltkrieg belastet. Laut den behördlichen Grundlagenberichten liegen hier nach Schätzungen etwa 1,2 Tonnen freier, weißer Phosphor.

Wer trägt die Verantwortung?

Jahrzehntelang war völlig unklar, wem diese Munition rechtlich gehört und wer für die Kosten der Bergung aufkommen muss. Mit dem Untergang des Deutschen Reiches 1945 wandelten sich die Eigentumsverhältnisse an Kriegsmaterial mehrmals durch Besatzungsrecht, Konfiskation und Sondergesetze der Alliierten.

Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 wurden alle sogenannten „Kriegsfolgelasten“ auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen. Rechtlich gesehen, haftet die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches für alle Altlasten, die aus dem Krieg resultieren.
Zum Umgang mit Munition im Meer gibt es weder global noch europäisch noch national eine einheitliche Gesetzgebung.

Aus dieser Sachlage heraus entwickelte sich ein jahrelanger, politischer Streit um das Geld. Die betroffenen Küstenbundesländer wie Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern forderten eine finanzielle Beteiligung des Bundes.

Sie argumentierten, dass die Meere eine gesamtdeutsche Aufgabe seien. Der Bund verwies wiederum auf die Zuständigkeit der Länder für die Gefahrenabwehr vor ihren Küsten.

Kompetenzzentrum Munitionsbergung

Die Lösung der Finanzierung erfolgte schließlich, als der Bund ein Sofortprogramm in Höhe von 100 Millionen Euro auflegte. In diesem Zusammenhang fiel der Startschuss für das neue Bundeskompetenzzentrum Munitionsbergung aus dem Meer in Rostock.

Dort bündeln der Bund und die Küstenbundesländer Erkenntnisse, Kapazitäten und operative Ressourcen zum Thema Bergung und Entsorgung von Altmunition aus dem Meer. Inzwischen hat die Bundesregierung zugesichert, in Vorleistung zu treten und die laufenden Unterhaltskosten der Bergung in den kommenden sechs Jahren mit 50 Millionen Euro jährlich allein zu finanzieren. Danach soll mit den Ländern über eine solidarische Lastenteilung verhandelt werden.

Die Experten in Rostock koordinieren nicht nur die anstehenden Pilotbergungen in Mecklenburg-Vorpommern in der Wismarbucht, sondern treiben auch die Entwicklung moderner Unterwasser-Roboter voran. Weiterhin bereitet das Kompetenzzentrum den Einsatz einer schwimmenden Verbrennungsplattform vor.

Entsorgung auf dem offenen Meer

Die spezialisierten Roboter greifen die Altmunition vom Meeresboden auf und heben sie auf die Plattform. Dort wird das Material vollautomatisch durch Maschinen zerlegt. Anschließend wird der Sprengstoff an Bord bei hohen Temperaturen verbrannt. Damit keine giftigen Gase in die Luft entweichen, wirken Spezialfilter dem entgegen. Das übrig gebliebene Metall wird recycelt.

Mit dieser Lösung gehen allerdings auch Sicherheitsrisiken einher. Auf dem offenen Meer ist eine solche Industrieplattform ein mögliches Angriffsziel. Experten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) warnen in einer Studie unter anderem vor Sabotage oder Angriffen aus der Luft.

Weiterhin stellen Unfälle eine zusätzliche Bedrohung dar. Beispielsweise könnte ein manövrierunfähiger Frachter die Verbrennungsplattform rammen. Nautische Experten der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS) weisen darauf hin, dass ein solcher Zusammenstoß gravierende Folgen haben könnte.

Risiko Metall im Salzwasser

Die Metallhüllen der Munition in den Risikogebieten sind fast vollständig korrodiert.

Das giftige Sprengstoffpulver liegt offen im Wasser und löst sich langsam auf. Der weiße Phosphor vor Usedom sieht im nassen Zustand wie Bernstein aus. Wenn Spaziergänger ihn beispielsweise aufsammeln und er trocknet, kann er sich von selbst entzünden.

Forscher des Thünen-Instituts für Fischereiökologie untersuchten im DAIMON-Projekt, wie sich das Gift auf Tiere auswirkt. Sie fanden heraus, dass Fische aus den betroffenen Gebieten viermal häufiger an Tumoren erkranken. Die Schadstoffe werden ebenfalls von Muscheln aufgenommen, wodurch das Gift damit auch in die Nahrungskette gelangt.

Baden in der Ostsee noch möglich?

Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel messen die Wasserqualität regelmäßig. In einer im Fachmagazin Chemosphere veröffentlichten Arbeit schätzten sie, dass in der südwestlichen Ostsee bereits mehrere tausend Kilogramm der Chemikalien im Wasser schweben. Dennoch gibt das Umweltbundesamt Entwarnung für Badegäste, da sich die Schadstoffe bei der Größe der Ostsee verdünnen. Jedoch können nach Ansicht von Experten Schadstoffe zukünftig auch in die menschliche Nahrungskette gelangen. Dazu schreibt das Bundesumweltministerium:

„Diese Gefahr für die Umwelt nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das ist insbesondere in der Ostsee ein Problem, weil sich ihr Wasser – durch den vergleichsweise kleinen Anschluss an Nordsee und Atlantik über den Skagerrak – nur etwa alle 100 Jahre austauscht. Dadurch steigt die Konzentration von Schadstoffen im Wasser der Ostsee mit der Zeit immer mehr.“
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Das Gift in der Ostsee: Muss der Urlaub ins Wasser fallen?


In Kürze

  • 1,6 Millionen Tonnen Weltkriegsmunition bedrohen Nord- und Ostsee.
  • Die Munition ist fast vollständig korrodiert, Schadstoffe treten aus.
  • Fische in den Gebieten erkranken viermal häufiger an Tumoren.
  • Zum Umgang mit Munition im Meer gibt es keine einheitliche Gesetzgebung.
  • Badeurlaube sind noch möglich.

 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Waffen und Munition schnell entsorgt. Schiffe, beladen mit Bomben, Granaten und Minen, fuhren aufs Meer hinaus und warfen die Ladung über Bord.

Niemand dachte seinerzeit daran, dass diese Altlasten Jahrzehnte später einmal zur Gefahr werden könnten. Der Expertenkreis „Munition im Meer“ hat dazu Daten an das Umweltbundesamt (UBA) weitergeleitet. Diese zeigen, dass hunderte Quadratkilometer des Meeresbodens davon betroffen sind. Allein in der deutschen Ostsee liegen schätzungsweise 300.000 Tonnen Munition.

Munitionsreste am Meeresboden am Ausgang der Kieler Förde.

Foto: Forschungstauchzentrum CAU Kiel/dpa/dpa

Wo ist die Gefahr?

Die Kartierungen verzeichnen für den deutschen Ostseebereich insgesamt 50 munitionsbelastete Flächen. Darunter acht große, definierte Munitionsversenkungsgebiete. Zu den bekanntesten und stark belasteten Zonen gehören die Kolberger Bucht, die Lübecker Bucht und die Gewässer vor Usedom.

Die Kolberger Heide ist ein rund 12 Quadratkilometer großes Versenkungsgebiet. Es liegt nordöstlich der Kieler Außenförde. Laut historischen Rekonstruktionen des GEOMAR-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel liegen hier über 1.000 Großobjekte, wie Grundminen, Torpedos und Fliegerbomben. Teils sollen diese nur zwei Kilometer vom Badestrand entfernt im flachen Wasser liegen, teilte der Naturschutzbund Deutschland (NABU) mit.

In der Lübecker Bucht liegen schätzungsweise 35.000 Tonnen konventionelle Munition. Neue Untersuchungen, die im Fachmagazin Nature publiziert wurden, dokumentieren in diesem Areal unter anderem die erhebliche Verklappung von Gefechtsköpfen der V1-Marschflugkörper.

Das flache Küstengebiet rund um die Gewässer vor Usedom ist vor allem wegen Fehlwürfen britischer Brandbomben im Zweiten Weltkrieg belastet. Laut den behördlichen Grundlagenberichten liegen hier nach Schätzungen etwa 1,2 Tonnen freier, weißer Phosphor.

Wer trägt die Verantwortung?

Jahrzehntelang war völlig unklar, wem diese Munition rechtlich gehört und wer für die Kosten der Bergung aufkommen muss. Mit dem Untergang des Deutschen Reiches 1945 wandelten sich die Eigentumsverhältnisse an Kriegsmaterial mehrmals durch Besatzungsrecht, Konfiskation und Sondergesetze der Alliierten.

Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 wurden alle sogenannten „Kriegsfolgelasten“ auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen. Rechtlich gesehen, haftet die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches für alle Altlasten, die aus dem Krieg resultieren.
Zum Umgang mit Munition im Meer gibt es weder global noch europäisch noch national eine einheitliche Gesetzgebung.

Aus dieser Sachlage heraus entwickelte sich ein jahrelanger, politischer Streit um das Geld. Die betroffenen Küstenbundesländer wie Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern forderten eine finanzielle Beteiligung des Bundes.

Sie argumentierten, dass die Meere eine gesamtdeutsche Aufgabe seien. Der Bund verwies wiederum auf die Zuständigkeit der Länder für die Gefahrenabwehr vor ihren Küsten.

Kompetenzzentrum Munitionsbergung

Die Lösung der Finanzierung erfolgte schließlich, als der Bund ein Sofortprogramm in Höhe von 100 Millionen Euro auflegte. In diesem Zusammenhang fiel der Startschuss für das neue Bundeskompetenzzentrum Munitionsbergung aus dem Meer in Rostock.

Dort bündeln der Bund und die Küstenbundesländer Erkenntnisse, Kapazitäten und operative Ressourcen zum Thema Bergung und Entsorgung von Altmunition aus dem Meer. Inzwischen hat die Bundesregierung zugesichert, in Vorleistung zu treten und die laufenden Unterhaltskosten der Bergung in den kommenden sechs Jahren mit 50 Millionen Euro jährlich allein zu finanzieren. Danach soll mit den Ländern über eine solidarische Lastenteilung verhandelt werden.

Die Experten in Rostock koordinieren nicht nur die anstehenden Pilotbergungen in Mecklenburg-Vorpommern in der Wismarbucht, sondern treiben auch die Entwicklung moderner Unterwasser-Roboter voran. Weiterhin bereitet das Kompetenzzentrum den Einsatz einer schwimmenden Verbrennungsplattform vor.

Entsorgung auf dem offenen Meer

Die spezialisierten Roboter greifen die Altmunition vom Meeresboden auf und heben sie auf die Plattform. Dort wird das Material vollautomatisch durch Maschinen zerlegt. Anschließend wird der Sprengstoff an Bord bei hohen Temperaturen verbrannt. Damit keine giftigen Gase in die Luft entweichen, wirken Spezialfilter dem entgegen. Das übrig gebliebene Metall wird recycelt.

Mit dieser Lösung gehen allerdings auch Sicherheitsrisiken einher. Auf dem offenen Meer ist eine solche Industrieplattform ein mögliches Angriffsziel. Experten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) warnen in einer Studie unter anderem vor Sabotage oder Angriffen aus der Luft.

Weiterhin stellen Unfälle eine zusätzliche Bedrohung dar. Beispielsweise könnte ein manövrierunfähiger Frachter die Verbrennungsplattform rammen. Nautische Experten der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS) weisen darauf hin, dass ein solcher Zusammenstoß gravierende Folgen haben könnte.

Risiko Metall im Salzwasser

Die Metallhüllen der Munition in den Risikogebieten sind fast vollständig korrodiert.

Das giftige Sprengstoffpulver liegt offen im Wasser und löst sich langsam auf. Der weiße Phosphor vor Usedom sieht im nassen Zustand wie Bernstein aus. Wenn Spaziergänger ihn beispielsweise aufsammeln und er trocknet, kann er sich von selbst entzünden.

Forscher des Thünen-Instituts für Fischereiökologie untersuchten im DAIMON-Projekt, wie sich das Gift auf Tiere auswirkt. Sie fanden heraus, dass Fische aus den betroffenen Gebieten viermal häufiger an Tumoren erkranken. Die Schadstoffe werden ebenfalls von Muscheln aufgenommen, wodurch das Gift damit auch in die Nahrungskette gelangt.

Baden in der Ostsee noch möglich?

Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel messen die Wasserqualität regelmäßig. In einer im Fachmagazin Chemosphere veröffentlichten Arbeit schätzten sie, dass in der südwestlichen Ostsee bereits mehrere tausend Kilogramm der Chemikalien im Wasser schweben. Dennoch gibt das Umweltbundesamt Entwarnung für Badegäste, da sich die Schadstoffe bei der Größe der Ostsee verdünnen. Jedoch können nach Ansicht von Experten Schadstoffe zukünftig auch in die menschliche Nahrungskette gelangen. Dazu schreibt das Bundesumweltministerium:

„Diese Gefahr für die Umwelt nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das ist insbesondere in der Ostsee ein Problem, weil sich ihr Wasser – durch den vergleichsweise kleinen Anschluss an Nordsee und Atlantik über den Skagerrak – nur etwa alle 100 Jahre austauscht. Dadurch steigt die Konzentration von Schadstoffen im Wasser der Ostsee mit der Zeit immer mehr.“
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Krall: Goldpreis teilweise manipuliert – Russland und China im Kaufrausch

Nach dem Rekordhoch Anfang März lässt der Goldpreis nach, wobei es vereinzelt zu rasanten Preisabstürzen kommt. Was sind die Ursachen dafür und was bedeutet dies für Goldbesitzer oder potenzielle Anleger? Ist Gold noch der sichere Hafen, für den es von Experten und Analysten jahrzehntelang gehalten wurde? Darüber haben wir mit dem Unternehmer und Publizisten Dr. Markus Krall gesprochen.
Hat der jüngste Rückgang des Goldpreises Ihre grundlegende Einschätzung zu Gold verändert? Oder sehen Sie darin nur eine normale Korrektur?
Es ist nicht nur eine normale Korrektur, denn am Gold- und noch stärker am Silbermarkt wurde massiv manipuliert, und zwar Anfang des Jahres, als der Goldkurs tatsächlich überhitzt war. Die Korrektur war fällig. Aber das Ausmaß der Korrektur war deshalb so stark, weil die Korrektur und das Eingreifen starker Player, insbesondere aus der Finanzwirtschaft und aus den Zentralbanken, zusammentrafen.
Die Zentralbanken, insbesondere die US-Notenbank (FED) und die Europäische Zentralbank (EZB), haben kein Interesse an einem zu schnell steigenden Goldpreis, weil ein zu schnell steigender Goldpreis ein Misstrauensvotum gegen die Papierwährungen darstellt. Gleichzeitig sehen wir im Moment ein epochales Ringen um die Frage der Leitwährung.
Die USA möchten den US-Dollar als Leitwährung verteidigen und Gold etwas zurückdrängen. Währenddessen möchten Russland und China den US-Dollar als Leitwährung verdrängen und durch eine goldgedeckte Handelswährung ersetzen. Das ist einer der Gründe, warum die FED so massiv gegen das Gold vorgeht.
Allerdings ist das Drücken des Goldpreises ein Pyrrhussieg, da die Chinesen und die Russen diesen niedrigen Kurs nutzen, um einzukaufen, als gäbe es kein Morgen. Das heißt, man hat durch einen taktischen Sieg dem Gegner einen strategischen Sieg ermöglicht. Denn dadurch können beide Länder ihre Goldvorräte zu wesentlich günstigeren Bedingungen aufstocken. Das wird sich langfristig negativ auf die FED und die EZB auswirken.
Beim Gold sind die fundamentalen Daten für einen starken Markt aber nach wie vor gegeben, da das Vertrauen in den US-Dollar und den Euro immer weiter schwindet. Beim Silber gibt es eine hohe industrielle Nachfrage durch die Solarwirtschaft, die KI und die Digitalisierung. Dadurch kann die Produktion mit dem industriellen Verbrauch nicht mehr Schritt halten.
Daher greift man auf die Silbervorräte zu. Das lässt sich auf Dauer nur durch einen höheren Silberpreis beheben, da nur ein höherer Preis die Produktion erhöhen wird. Insofern wird sich auch hier langfristig das Fundamentale durchsetzen und das Spekulative wird zurückgedrängt.
Was raten Sie durchschnittlichen Anlegern? Wie viel sollten sie in Gold investieren?
Mein Credo ist die Anwendung der babylonisch-talmudischen Drittelregel. Sie hat sich seit 2.500 Jahren bewährt. Damals hieß es jeweils ein Drittel Vieh, Land und Gold. Heute bedeutet das für mich jeweils ein Drittel Aktien, Immobilien und Gold. Gold steht dabei für mich für die Edelmetalle Gold und Silber in einem Mischungsverhältnis von 80 zu 20 oder 70 zu 30. Dabei sollte ein größerer Teil des Goldes im Ausland gelagert werden, um ihn vor dem Zugriff deutscher Behörden zu schützen.
Und warum eine Mischung aus Gold und Silber?
Gold hat in den letzten 55 Jahren seit der Freigabe des Goldpreises durch die Trennung vom US-Dollar insgesamt besser performt als Silber. Über 55 Jahre stieg der Wert von Gold im Durchschnitt jedes Jahr um 9 Prozent. Das ist eine super Rendite. Das kann sonst kein anderer Vermögenswert, keine Aktie und keine Immobilie weltweit vorweisen. Da Silber eine eigene Kursentwicklung unabhängig vom Gold hat, sorgt Silber im Portfolio für eine Risikostreuung. Aber da Gold insgesamt doch die höhere Performance vorzuweisen hat, sollte der Goldanteil im Portfolio höher sein als der Silberanteil.
Haben Sie eine Einschätzung, bis auf welches Niveau der Goldpreis fallen könnte?
Grundsätzlich weigere ich mich, kurzfristige Prognosen abzugeben, da dies einem Ratespiel gleicht. Es gibt so unendlich viele Kräfte, die kurzfristig wirken, in alle Richtungen ziehen, sowie unendlich viele Ereignisse, die man nicht vorhersehen kann. Daher ist es anmaßend, zu sagen, wo der Goldpreis in vier, sechs oder acht Wochen hingeht. Das weiß ich nicht. Auch halte ich diese Frage für nicht sinnvoll. Ich habe Gold nicht in meinem Portfolio, damit ich in den nächsten acht Wochen Geld verdiene oder verliere. Vielmehr ist Gold eine Rückversicherung gegen das Unbekannte, gegen große Katastrophen, die ich nicht voraussehen kann – Krieg, Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen. In dieser Eigenschaft performt Gold seit 5.000 Jahren ganz hervorragend. Wer mit Gold handeln und spekulieren will, müsste auf Papiergold setzen. Aber davon rate ich generell ab. Denn Papiergold ist auch nicht besser als Papierwährung.
China hat den Handel mit Papiergold unterbunden. Manche sehen darin einen Versuch, den echten Wert von Gold zu ermitteln. Was sagen Sie dazu?
China war nicht ganz so strikt, wie Sie es gerade in Ihrer Fragestellung nahegelegt haben. Aber Peking drängt den Papiergoldhandel zurück, da dieser genau das Spekulations- und Manipulationsinstrument der westlichen Zentral- und Geschäftsbanken ist. Der Goldpreis wird in London durch Papiergold ermittelt und ist dementsprechend anfällig. Peking möchte, dass seine sehr erheblichen Goldreserven fair bewertet werden. Die faire Bewertung ist wahrscheinlich höher als der aktuelle Marktpreis. Nach meinen Schätzungen hat China mittlerweile mindestens 20.000 Tonnen Goldreserven aus eigener Produktion und durch Zukauf angelegt und damit eine sehr kluge, vernünftige Politik betrieben. China will, dass die Manipulation aufhört, damit auch die starken Kursschwankungen zurückgehen.
Denn diese beeinträchtigen die Fähigkeit, mit einer goldgedeckten Handelswährung zu handeln. Wir werden sehen, wer da am Ende die stärkeren Bataillone hat. Ich vermute, dass es Russland und China sein werden. Denn mit ihrem Handelsbilanzüberschuss gegenüber dem Westen von 1 Billion US-Dollar pro Jahr haben sie den längeren Hebel, die größere finanzielle Macht und auch mehr Freiheit. Da wird der Westen jetzt leider dazulernen müssen.
Vielen Dank für das Interview!
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Der Cholesterin-Irrtum: Warum das Standardblutbild Ihr wahres Herzrisiko verschweigt

Es ist der klassische Satz beim Hausarzt, der uns erleichtert aufatmen lässt: „Ihre Cholesterinwerte sind im grünen Bereich, alles bestens!“ Wir packen unsere Sachen und gehen beruhigt nach Hause. Doch die moderne Kardiologie gibt zu bedenken, dass diese grundlegende Laboruntersuchung unter Umständen nicht das vollständige Risiko abbildet.
Während die gesetzliche Vorsorge in Deutschland primär und leitliniengerecht auf das klassische LDL-Cholesterin schaut, hat die Wissenschaft längst weitere Facetten der Herz-Kreislauf-Prävention erforscht. Wer sein Herz umfassend schützen will, kann zusätzlich auf Marker aus der präventiven Langlebigkeitsmedizin setzen, die über das LDL-Cholesterin hinausgehen.

Das Problem mit dem Gewicht: Warum LDL nur einen Teil der Wahrheit zeigt

Das Standardblutbild misst beim LDL-Cholesterin das Gesamtgewicht des Fetts in einer bestimmten Menge Blut. Das ist so, als würde man die Staugefahr auf einer Autobahn ermitteln, indem man das Gesamtgewicht aller Fahrzeuge bestimmt. Für die Stauentwicklung macht es jedoch einen Unterschied, ob zehn tonnenschwere Lastwagen oder hunderte kleine Autos unterwegs sind.
Hier kommt ein weiterer Wert ins Spiel: Apolipoprotein B (ApoB). Dieser Wert gibt Aufschluss über die tatsächliche Anzahl der gefäßschädigenden Fetttransportteilchen im Blut. Zwei Menschen können denselben, unauffälligen LDL-Wert haben, und doch trägt einer von ihnen ein statistisch höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, weil sein Blut eine höhere Dichte an kleineren ApoB-Partikeln aufweist.
Der aktuell empfohlene klinische Konsens lautet, dass bei Menschen mit einem geringen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein ApoB-Wert über 90 mg/dL erhöhte medizinische Aufmerksamkeit erhalten sollte. Für Patienten mit einem hohen Risiko, wie beispielsweise Diabetes-Patienten mit Bluthochdruck oder wenn bereits ein Herzinfarkt stattgefunden hat, gelten Schwellenwerte zwischen 60 und 70 mg/dL.

Der unterschätzte genetische Faktor

Noch wenig im allgemeinen Bewusstsein verankert ist ein weiterer Faktor: Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Die Konzentration von Lp(a) im Blut ist laut Forschungen überwiegend genetisch bestimmt und bleibt über das gesamte Leben konstant. Auch ein gesunder Lebensstil mit viel Sport und ausgewogener Ernährung kann den Lp(a)-Wert nicht maßgeblich beeinflussen. Wer mit einem hohen Lp(a)-Wert geboren wird, hat einen genetisch bedingten Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Statistisch gesehen betrifft dies etwa jeden fünften Erwachsenen in Deutschland. Das Problem: Die meisten von ihnen wissen es nicht, da der Wert im regulären Check-up meist nicht standardmäßig bestimmt wird. Die europäische Kardiologie-Leitlinie empfiehlt, den Lp(a)-Wert mindestens einmal im Leben bestimmen zu lassen.
Die Deutsche Herzstiftung definiert Werte unter 30 mg/dl (75 nmol/l) als optimal. Ab 30 mg/dl gilt der Wert als leicht erhöht, und ab einem Wert von über 50 mg/dL (über 125 nmol/L) ist das Risiko deutlich erhöht, was eine präventive Begleitung erfordert.

Die Risikofaktoren in den Adern

Selbst ein guter Cholesterinwert nützt wenig, wenn in den Gefäßen eine unbemerkt fortschreitende Entzündung vorliegt. Entzündliche Prozesse in der Gefäßwand tragen maßgeblich zur Entstehung und zum Fortschreiten gefährlicher Plaques bei.
Ein wichtiger Indikator dafür ist das hochsensitive C-reaktive Protein (hs-CRP). Zeigt dieser Wert mehr als 2,0 mg/L an, signalisiert das eine aktive Entzündung der Gefäßwände. Ein solcher Zustand macht die Adern anfälliger für Verkalkungen – unabhängig davon, wie gut die übrigen Fettwerte aussehen.
Zusätzlich steht ein erhöhter Wert der Aminosäure Homocystein mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten und Schlaganfälle in Zusammenhang.

Der frühzeitige Fehlalarm beim Zucker

Ein erweiterter Blick auf die Blutwerte kann jedoch nicht nur das Fett, sondern auch den Zucker betreffen. Wenn der Hausarzt den Blutzucker misst und dieser normal ist, kann dies jedoch auch ein Trugschluss sein, denn der Körper ist ein Meister der Kompensation.
Droht der Blutzucker durch falsche Ernährung oder Bewegungsmangel zu steigen, schüttet die Bauchspeicheldrüse als Kompensation erhöhte Mengen an Insulin aus, um den Wert unten zu halten.
Diese sogenannte Insulinresistenz lässt sich oft mehrere Jahre vor einem echten Diabetes im Blut nachweisen – allerdings nur, wenn das Nüchterninsulin gemessen wird. Während der normale Blutzuckertest möglicherweise noch Unauffälligkeit signalisiert, kann die beginnende Entgleisung des Stoffwechsels bereits die Arterien schädigen. Steigt der Blutzucker dann schließlich doch, ist die Erkrankung meist schon weit fortgeschritten.

Werden Sie zum Manager Ihrer eigenen Gesundheit

Das Wissen über diese Marker ist längst kein Geheimnis mehr. Es ist allgemein verfügbar. Warum testet der Hausarzt sie also nicht standardmäßig? Die Antwort ist systembedingt: Unser Gesundheitssystem konzentriert sich im Rahmen der Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen primär auf die Akutversorgung und etablierte Basis-Screenings.
Die präventive Feineinstellung der Gesundheit liegt daher aktuell in der Eigenverantwortung.
 
 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
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Wenn Deutschland seine Besten verliert: Auswandern als Karriereoption


In Kürze:

  • 67 Prozent der Beschäftigten können sich laut einer Umfrage vorstellen, im Ausland zu arbeiten.
  • Besonders auswanderungsbereit sind gut qualifizierte Fachkräfte und Besserverdiener.
  • Die wichtigsten Gründe für den Wegzug: mehr Netto, geringere Steuer- und Abgabenlast, bessere Lebensqualität.
  • Bei den Rückwanderungen nach Deutschland sind qualifizierte Fachkräfte unterrepräsentiert.

Deutschland, ein Auswanderungsland? Nicht die Masse macht Sorgen, sondern wer über einen Weggang nachdenkt. 2025 wanderten laut Statistischem Bundesamt knapp 290.000 deutsche Staatsangehörige aus – ein Rekordwert, seitdem die Wanderungszahlen veröffentlicht werden. Wenn man die knapp 192.000 Rückkehrer abzieht, verzeichnet Deutschland damit einen Nettoverlust von rund 97.000 deutschen Staatsangehörigen. Zum Vergleich: 2024 lag dieser Wert noch bei 81.000 Personen, die gingen.

Warum immer mehr Beschäftigte den Blick ins Ausland richten

Zwar erlebt Deutschland bislang keine Massenabwanderung seiner Fachkräfte, dennoch stellen sich mehr Beschäftigte zunehmend eine Frage, die vor zehn oder 20 Jahren deutlich seltener gestellt wurde: Warum eigentlich hierbleiben? Vor allem Besserverdiener und gut Qualifizierte planen oder sind bereits dabei, ihr Heimatland zu verlassen.
Konkret: 67,2 Prozent der Befragten einer Indeed-Erhebung können sich grundsätzlich einen Job im Ausland vorstellen, so das aktuelle Ergebnis der Umfrage der Stellenplattform unter 1.000 Beschäftigten. Dass viele nicht nur mit dem Gedanken spielen, sondern bereits Taten folgen lassen wollen, zeigt, dass rund 30 Prozent der Befragten innerhalb eines Jahres aktiv nach Stellen gesucht haben. Jeder Zehnte hat bereits Bewerbungen verschickt.
Die Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, doch sie deutet auf einen Stimmungswandel hin: Gerade diejenigen, die vielversprechende Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt haben, prüfen zunehmend Alternativen.
Denn nicht Menschen ohne Perspektive denken über einen Wechsel nach, sondern gerade gut qualifizierte Fachkräfte und Besserverdiener. Mehr als die Hälfte der Haushalte mit über 6.000 Euro monatlichem Nettoeinkommen hat laut der Befragung den internationalen Arbeitsmarkt bereits sondiert oder sucht konkret nach Alternativen im Ausland.

Nicht Karriere, sondern Lebensqualität und Steuerlast

In Deutschland wird seit Jahren über Fachkräftemangel diskutiert. Die politische Debatte kreist vorwiegend um Einwanderung, Ausbildung und demografischen Wandel. Sehr viel seltener wird eine andere Frage gestellt, die sich auch angesichts dieser Umfrageergebnisse auftut: Warum verliert Deutschland Menschen, die bereits hier sind?
Aufschluss darüber können möglicherweise weitere Ergebnisse der Indeed-Umfrage geben. Den Ausreisewilligen geht es demnach um eine bessere Bezahlung (50,8 Prozent) als in Deutschland, eine höhere Lebensqualität (50,7 Prozent) und um eine geringere Steuer- und Abgabenlast (41,5 Prozent).
Mehr als 70 Prozent der Umfrageteilnehmer monieren in Bezug auf den heimischen Arbeitsmarkt, dass die steuerliche Belastung hierzulande in keinem angemessenen Verhältnis zum Verdienst steht. Lediglich 24 Prozent der Befragten sehen im Ausland bessere berufliche Aufstiegsmöglichkeiten.

Was sich in den vergangenen Jahren verändert hat

Ein Blick zurück zeigt, wie stark sich die Motive verändert haben. Eine Erhebung von 2008, die in einen Bericht der OECD von 2015 einfloss, zeigt: Zu dieser Zeit erwarteten noch 70 Prozent der damals Befragten im Ausland eine bessere Stellung am Arbeitsmarkt, inklusive besserer Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten. Zu dieser Zeit verbanden 25 bis 40 Prozent Deutschland mit hohen Steuern, Bürokratie und fehlender Offenheit in der Gesellschaft.
Zudem zitiert der OECD-Bericht eine Studie, in der zwischen 2009 und 2013 knapp 9.000 in Deutschland geborene Personen befragt wurden: Würden Sie bei Gelegenheit gern dauerhaft ins Ausland ziehen? Das Ergebnis: 83 Prozent wollten in Deutschland bleiben, 15 Prozent wünschten sich, lieber anderswo zu leben. Von denjenigen, die ihre Auswanderungspräferenz in den Jahren 2010, 2011 oder 2013 äußerten (insgesamt 728 Befragte), planten lediglich 4 Prozent, innerhalb der nächsten zwölf Monate tatsächlich ins Ausland zu ziehen.
Von denen, die ins Ausland gingen, waren schon damals viele gut ausgebildete Menschen, beschrieb die OECD in ihrem Bericht von 2015. Darin steht auch:
„Erwerbstätige deutsche Auswanderer üben häufig Berufe mit hohem Qualifikationsniveau aus.“
Bei den Rückwanderungen hingegen seien allerdings „Personen mit hoher Beschäftigungsfähigkeit unterrepräsentiert“.
Kurz gesagt: Schon damals verließen überdurchschnittlich häufig gut qualifizierte Erwerbstätige Deutschland. Unter den Rückkehrern waren Hochqualifizierte dagegen seltener vertreten.
Bereits vor mehr als zehn Jahren empfahl die OECD deshalb eine Politik, die die Bedürfnisse deutscher Auswanderer stärker berücksichtigt und eine Rückkehr erleichtert. Heute wirkt diese Empfehlung aktueller denn je.

Mehr Steuern, weniger Fachkräfte?

Aktuell konzentriert sich die politische Debatte in Deutschland vordergründig darauf, wie Fachkräfte gewonnen und zusätzliche Steuereinnahmen generiert werden können. Aktuell werden höhere steuerliche Belastungen für Vermögende und Gutverdiener geplant. Zudem ist die Rede von einer möglichen Erhöhung der Mehrwertsteuer, genauso wie von höheren Steuern für Zigaretten und Alkohol. Nach dem aktuellen Regierungsentwurf des Bundeshaushalts 2027 sollen zukünftig außerdem Kryptogewinne genauso wie Kapitaleinkünfte besteuert werden.
Ebenso wird debattiert, die zehnjährige Haltefrist bei Immobilien abzuschaffen. Das bedeutet, dass Immobilienverkäufe künftig unabhängig von der Haltedauer immer mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert würden.
Weit weniger diskutiert wird darüber, welche Signale dadurch an diejenigen gesendet werden, die bereits heute einen erheblichen Teil der Steuern und Sozialabgaben tragen und aufgrund ihrer Qualifikation oft auch weltweit gefragt sind.
Für einen Teil dieser Leistungsträger könnten solche Ankündigungen den Eindruck verstärken, dass sich die Rahmenbedingungen in Deutschland weiter verschlechtern.
Hinzu kommt ein weiterer, volkswirtschaftlicher Aspekt, der in der Debatte kaum thematisiert wird: Hinter jeder hochqualifizierten Fachkraft, die Deutschland verlässt, stehen oft Jahre staatlich finanzierter Ausbildung, Berufserfahrung und damit Wissen, das das Land verlässt.
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Das Gehirn blinder Menschen organisiert sich um


In Kürze:

  • Forscher der Max-Planck-Gesellschaft nutzten hochauflösende MRT-Technologie, um die Mikrostruktur des Gehirns zu untersuchen.
  • Dabei stellten sie fest, dass die Sehrinde blinder Menschen dicker als die sehender Menschen ist.
  • Ursache ist, anders als bisher angenommen, offenbar eine geringere Myelinisierung des Gehirns.
  • Diese stellt jedoch keine Beeinträchtigung dar, da die umgeformte Sehrinde andere Funktionen wie Sprachverarbeitung und Arbeitsgedächtnis übernimmt.

 
Die Entwicklung des menschlichen Gehirns ist einer der komplexesten biologischen Prozesse. In den ersten Lebensjahren finden im Gehirn enorme Veränderungen statt, die dazu beitragen, seine Funktionsweise zu optimieren. Allein im ersten Jahr vergrößert sich die Oberfläche der Großhirnrinde um etwa drei Viertel, während ihre Dicke um rund ein Drittel zunimmt.
Zu Beginn der Entwicklung bildet das Gehirn weit mehr Verbindungen zwischen Neuronen, als es tatsächlich benötigt. Im Laufe des Lebens werden häufig genutzte Verbindungen gestärkt, während andere in einem als „Pruning“ bezeichneten Prozess eliminiert werden.
Gleichzeitig schreitet ein weiterer Prozess – die Myelinisierung – im gesamten Gehirn voran. Dabei werden die Nervenfasern von einer Fettschicht umhüllt, die ähnlich wie die Isolierung um elektrische Leitungen funktioniert und die Signalübertragung beschleunigt. Diese „Isolierung“ entwickelt sich je nach den Bedürfnissen der einzelnen Hirnregionen unterschiedlich.
Neuronen in sensorischen Kortexen wie dem visuellen und auditorischen Kortex sind stark myelinisiert, während Neuronen im Frontallappen, der für höhere kognitive Funktionen zuständig ist, weniger Myelin aufweisen.
Anna-Lena Stroh vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig erklärte:
„Aus Tierstudien wissen wir bereits, dass Sinneserfahrungen einen enormen Einfluss auf diese Entwicklungsprozesse haben. Die genauen Mechanismen hinter diesem Einfluss sind jedoch Gegenstand laufender Forschung.“
„Menschen, die von Geburt an blind sind, spielen in diesem Zusammenhang eine besonders wichtige Rolle, da sich ihr Gehirn ohne visuelle Reize entwickelt. So lassen sich die Auswirkungen von Sinneserfahrungen auf die Gehirnentwicklung gezielt untersuchen.“

Dickere Sehrinde

Seit vielen Jahren beobachten Forscher, dass der visuelle Kortex von Menschen, die von Geburt an blind sind, dicker erscheint als der von sehenden Menschen. Die vorherrschende Erklärung lautete, dass Blindheit den Pruningprozess stört, wodurch überschüssige neuronale Verbindungen im visuellen Kortex zurückbleiben.
Um diese Idee zu überprüfen, holte sich das Team aus Leipzig Unterstützung von Forschern aus Polen. Mittels modernster Bildgebungstechnologien konnten sie so Hirngewebe in außergewöhnlich hoher Detailgenauigkeit charakterisieren.
Insgesamt reisten 24 von Geburt an blinde Personen nach Leipzig, um an bildgebenden Messungen des Gehirns teilzunehmen. Sie wurden mit sehenden Kontrollpersonen verglichen, die hinsichtlich Alter und Geschlecht vergleichbar waren.
„Dank hochauflösender Daten […] konnten wir die Mikrostruktur des Gehirns im Submillimeterbereich abbilden und so mehrere wichtige Muster aufdecken“, erklärte Nikolaus Weiskopf, Direktor der Abteilung Neurophysik am MPI in Leipzig. Weiter sagte er:
„Wie bereits in früheren Studien beobachteten wir, dass der visuelle Kortex bei blinden Menschen dicker erschien.“
Entscheidend sei jedoch, dass Weiskopf und Kollegen zeigen konnten, „dass der visuelle Kortex von Menschen, die von Geburt an blind sind, weniger myelinisiert war“. Hinweise auf einen gestörten Pruningprozess fanden die Forscher dagegen nicht. Sie schlossen aber auch nicht aus, dass der Prozess irgendeine Rolle spielen könnte.

Grenze zwischen grauer und weißer Substanz

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine verringerte Myelinisierung ein zentraler Faktor für die bei Blindheit beobachteten strukturellen Unterschiede im Gehirn ist. „Eine verminderte Myelinisierung kann auch beeinflussen, wie die Grenze zwischen grauer und weißer Substanz in MRT-Aufnahmen erscheint“, erläuterte Anna-Lena Stroh. „Dadurch kann die Großhirnrinde in MRT-Messungen dicker erscheinen.“
Zusätzliche Analysen zeigten, dass diese Veränderungen auch die weiße Substanz betrafen. Diese ist für die Informationsübertragung zwischen verschiedenen Hirnregionen zuständig. Gleichzeitig beobachteten die Forscher keine Unterschiede in Hirnarealen, die mit dem Hören oder Tasten in Verbindung stehen. Daher glauben die Wissenschaftler, dass die beschriebenen Veränderungen direkt mit dem Fehlen visueller Erfahrungen zusammenhängen.
Doch nur weil sich das Gehirn umstrukturiert, bedeutet dies nicht, dass es beeinträchtigt ist. Bei blinden Menschen ist der visuelle Kortex an Funktionen wie der Sprachverarbeitung, dem Arbeitsgedächtnis und der kognitiven Kontrolle beteiligt. Interessanterweise sind auch die Gehirnregionen, die diese Funktionen bei sehenden Menschen unterstützen, tendenziell weniger myelinisiert.
„Daher stehen die Unterschiede, die wir bei blinden Menschen beobachten, völlig im Einklang mit dem, was dieser Kortex bei blinden Menschen tatsächlich leistet“, resümiert Marcin Szwed von der Jagiellonen-Universität in Krakau. „Der visuelle Kortex bei blinden Menschen ist nicht beeinträchtigt – er ist nur anders organisiert.“
Die zugehörige Studie erschien am 10. Juli 2026 im Fachmagazin „Science Advances“.
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Deutsche Drohnen sollen auf Sizilien drohende Vulkanausbrüche voraussagen


In Kürze:

  • Vulkanische Gase verändern sich vor einem Ausbruch.
  • Messungen aus der Ferne sind sicherer als im Vulkanfeld.
  • Ein Flugroboter der TU München arbeitet mit einem Laserstrahl zusammen.
  • Die Drohne der Uni Mainz fliegt direkt in die Vulkanfahne hinein.

 
Derzeit testen Teams von Vulkanologen verschiedene Methoden, um vulkanischen Gasen auf den Grund zu gehen und einen Einblick zu erhalten, was unter der Erde vor sich geht.
Zum einen sind Forscher der TU München mit einem Laser-Flugroboter-System auf der Liparischen Insel Vulcano vor Sizilien unterwegs. Sie berechnen indirekt die Gaskonzentration. Ein weiteres Team der Johannes Gutenberg-Universität Mainz nutzt ein anderes Prinzip und fliegt seine Drohne direkt in die vulkanischen Gase hinein.

Ohne Gefahr für Menschen

Jeder vulkanische Ort hat ein charakteristisches Spektrum an Gasen – der Ätna auf Sizilien „riecht“ anders als die Phlegräischen Felder bei Neapel oder die Liparischen Inseln. Das lässt sich messen, analysieren und vergleichen.
Kurz vor einem Ausbruch ändert sich häufig die Zusammensetzung der Gase. Bisher maßen Vulkanologen dazu unter erheblichen Gefahren die Gase am Boden. Diese Messungen sind nicht nur risikoreicher, sondern auch fehlerbehafteter, da auch umgebende Pflanzen und der Boden diese Gase abgeben können.
Je stärker Lava vom Erdinneren an die Oberfläche drückt, umso mehr Gase treten aus. Kohlenstoff- und Schwefelverbindungen sind daher Indikatoren dafür, wie hoch die Aktivität eines Vulkanfeldes aktuell ist. Besonders das Verhältnis von Kohlendioxid und Schwefeldioxid lässt Rückschlüsse darüber zu, was unter der Erdoberfläche passiert.
Es geht also darum, inmitten einer Mondlandschaft mit vulkanischen Gasen und schwefelhaltigem Dampf die Gaskonzentration an einem Ort – über dem Krater – zu bestimmen, den Menschen nicht erreichen können und ohne dass sich Menschen in Gefahr begeben müssen.
Nun schweben hingegen Flugroboter über den Gaswolken. „Das ist präziser und sicherer“, sagt Prof. Achim Lilienthal. Lilienthal ist stellvertretender Direktor des Robotikinstituts TUM MIRMI und Leiter des Lehrstuhls für Perzeption für intelligente Systeme der TUM School of Computation, Information and Technology. Er forscht seit vielen Jahren am Riechsinn von Robotern.

Wie funktionieren die Messungen?

Das Prinzip der Münchner ist: Ein Laser am Boden richtet sich von selbst auf einen Reflektor am Flugroboter aus. Der von dem Laser ausgesandte Laserstrahl wird dort reflektiert und schwächt sich auf dem Weg durch die Wolke etwas ab. Durch die Differenz kann die Konzentration eines Gases, beispielsweise von Kohlendioxid, berechnet werden.
Der Flugroboter an sich fliegt eine festgelegte Route über und um die vulkanischen Gaswolken. In dieser Zeit wird bis zu 3.000-mal gemessen. Aus den Daten entsteht eine Karte der Gaskonzentration innerhalb einer bestimmten Höhe.
„Unser Ziel ist, das Messen und Kartieren zu automatisieren und einer künstlichen Intelligenz die Interpretation der Daten zu übergeben“, sagt Lilienthal.
Die Windverhältnisse am jeweiligen Ort werden mit eingerechnet. Das System wurde zuvor auch in einem Windkanal getestet. Ein großer Vorteil ist, dass keine Sensoren durch die ätzenden Gaswolken beschädigt werden.

Drohne der Uni Mainz fliegt direkt in die Vulkanfahne hinein

Die zweite Drohne nutzt ein anderes Prinzip und misst Gaskonzentrationen direkt über Sensoren an Bord: „Wir fliegen direkt in die Vulkanfahne hinein und können so die Konzentration entlang der abgeflogenen Wege bestimmen“, sagt Prof. Thorsten Hoffmann von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Der Chemiker hat ein System entwickelt, welches über Messzellen Licht einer bestimmten Wellenlänge absorbiert und so die Konzentration eines Gases bestimmen kann. Diese Drohne ist mit Sensoren ausgerüstet, die Gase, Partikel und verschiedene Elemente wie Chlor oder auch Brom messen können.
„Besonders wichtig sind uns die Gase Kohlendioxid und Schwefeldioxid, denn deren Verhältnis gibt uns Aufschluss darüber, was unter der Erde passiert. Die Löslichkeit dieser Gase im Magma hängt unter anderem vom Druck ab und verändert sich daher mit der Tiefe, sodass das austretende Gasgemisch Hinweise auf die Prozesse im Vulkansystem liefert“, sagt Hoffmann.
Beide Forschergruppen wollen die Auswirkungen von Vulkanausbrüchen sowie vulkanischen Emissionen auf die Atmosphäre besser verstehen. Zudem können Drohnen auch dort messen, wo kein Bergsteiger hinkommt. Als Nächstes wollen die Mainzer ihre Drohne am Ätna testen.
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Fernwärme-Potenzial: So viele Wohnungen können an das Netz


In Kürze:

  • Fernwärme ist eine wichtige Säule der Wärmewende in Deutschland.
  • Von aktuell rund 10 Prozent Anteil an der Wärmeversorgung sollen daraus künftig fast fünfmal so viel werden.
  • Nord- und vor allem ostdeutsche Regionen sind am weitesten mit der Verbreitung.
  • Das größte Ausbaupotenzial liegt in Ballungsgebieten.

 
Deutschland befindet sich mitten in einem energetischen Großumbau. Ein zentraler Block davon ist die Wärmewende. Ziel ist es, fossile Brennstoffe möglichst weit zu reduzieren, um eine Dekarbonisierung in der Wärmeversorgung von privaten Haushalten und Unternehmen zu erreichen.
Eine Heizvariante, die in Zukunft eine größere Bedeutung haben soll, ist die Fernwärme. Schon jetzt ist sie nach Gas und Öl die drittwichtigste Heizart in der Bundesrepublik, wenn man nur den Wohnungsbestand betrachtet.
Wie groß ihr Potenzial sein könnte, ermittelte kürzlich das Forschungsinstitut Prognos. Laut ihrem neuen Fernwärmeatlas wäre künftig fast jede zweite Wohnung in Deutschland mit Fernwärme beheizbar.

Fernwärme zu 10 Prozent verbreitet

Im Jahr 2023 deckte die Fernwärme bundesweit 10 Prozent der gesamten Wärmenachfrage ab. Fernwärme kommt meist in Mehrfamilienhäusern zum Einsatz. Bei den Wohnungen lag der Anteil bei 15 Prozent, der aller Gebäude bei 6 Prozent. Bei den Wohnungen stieg diese Quote im darauffolgenden Jahr auf rund 15,5 Prozent. Dass hier ein eher langsames Wachstum stattfindet, zeigt sich am Anteil des Jahres 1998, der damals schon bei 14,3 Prozent lag.
Im Osten und Norden Deutschlands ist die Fernwärme stärker ausgebaut. Damit sind diese Regionen auch prädestiniert für den weiteren Fernwärmeausbau. Berlin, Hamburg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind die Bundesländer mit den höchsten Fernwärmeanteilen – heute und morgen.
Manche Städte besitzen bereits ein ausgeprägtes Fernwärmenetz. Klarer Spitzenreiter ist Flensburg im Norden Schleswig-Holsteins mit einem Versorgungsanteil von 94 Prozent. Auf Platz zwei mit einem Fernwärmeanteil von 74 Prozent liegt Wolfsburg in Niedersachsen. Dahinter folgen Rostock, Mannheim und Kiel mit jeweils 51 bis 55 Prozent. Von den Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern besitzen 98 Prozent bereits ein Fernwärmenetz.

Foto: Prognos AG, Fernwärmeatlas, 2026 – in Kooperation mit Handelsblatt und Tagesspiegel Background.

Im Jahr 2020 zählte die Bundesrepublik insgesamt rund 3.800 Wärmenetze. Eine aktuellere Zahl liegt nicht vor. Eine Gesamtzahl der Städte und Ortschaften mit einem oder mehreren Wärmenetzen, ist nicht veröffentlicht. Im Hauptbericht 2024 des Energieeffizienzverbandes für Wärme, Kälte und KWK kommen alle Bundesländer in Summe auf eine Wärmenetzlänge von mehr als 35.000 Kilometer.

In Zukunft halb Deutschland mit Fernwärme versorgt?

Bis zum Jahr 2045 möchte die Bundesregierung die Zahl der angeschlossenen Haushalte etwa verdreifachen und damit knapp ein Viertel des Wärmebedarfs durch Fernwärme decken. Laut Prognos könne der Anteil bis dahin sogar auf knapp 48 Prozent ansteigen. Damit wären rund 20 Millionen Wohnungen an ein Fernwärmenetz angeschlossen.
Davon liegen heute schon rund 11 Millionen Wohnungen in Gebieten mit einem vorhandenen Wärmenetz. Davon wiederum sind rund 6,4 Millionen Haushalte bereits angeschlossen. Die übrigen 4,6 Millionen Wohnungen könnten durch die sogenannte Verdichtung, also die nachträglichen Anschlüsse weiterer Gebäude an eine bestehende Fernwärmeleitung hinzukommen.

In Energie ausgedrückt, lag Deutschlands gesamter Wärmebedarf im Jahr 2023 bei 552 Terawattstunden (TWh). Die Fernwärme lieferte rund 52 TWh oder rund zehn Prozent. Das zukünftige Fernwärmepotenzial wird auf rund 200 TWh geschätzt.

Foto: Prognos AG, Fernwärmeatlas, 2026 – in Kooperation mit Handelsblatt und Tagesspiegel Background.

Laut Prognos könnte in 55 kreisfreien Städten der Fernwärmeanteil künftig bei über 75 Prozent liegen, sofern diese ihre Potenziale vollständig ausschöpfen. Insgesamt haben Städte bessere Voraussetzungen für Fernwärme als Landkreise mit dünnerer Besiedelung – eben aufgrund der höheren Ballungsdichte. Daher ist der Fernwärmeanteil in den Städten im Schnitt vier- bis fünfmal höher als in den Landkreisen.
Je höher die Anschlussdichte, desto wirtschaftlicher die Fernwärme. Wenn mehr Gebäude sich auf einer bestimmten Fläche befinden, ist die Verlegung der Rohre pro angeschlossenem Gebäude günstiger.
10 Bundesländer oder 264 Landkreise (66 Prozent) könnten laut Prognos-Prognose in Zukunft ihre Fernwärme zudem zu mehr als der Hälfte aus lokalen „erneuerbaren“ Energien erzeugen. Zusätzlich könnten auch Luft-Wärmepumpen genutzt werden.

Wo müssten erst neue Netze gebaut werden?

Um das Fernwärmepotenzial besser ausschöpfen zu können, müssen Betreiber vielerorts erst die Netze ausbauen. Manche Regionen besitzen noch gar kein oder kaum ein Fernwärmenetz. Das ist vor allem in ländlichen und dünn besiedelten Gegenden in West- und Süddeutschland der Fall.
Besonders schwach ist die Fernwärme im Bundesland Rheinland-Pfalz ausgebaut. Hier liegt der Fernwärmeanteil nach Wärmeverbrauch bei nur 3 Prozent. Kaum besser sieht es mit jeweils 5 Prozent in Hessen und Niedersachsen aus. Auch in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen liegt der Fernwärmeanteil noch im einstelligen Prozentbereich.
Das mengenmäßig größte Ausbaupotenzial besitzt das bevölkerungsstärkste Bundesland NRW. Besonders das Rhein-Ruhrgebiet ist das größte deutsche Ballungszentrum mit entsprechend großem Fernwärmeausbaupotenzial. Mit Berlin, Rhein-Main, Hamburg, München und Stuttgart leben in diesen Ballungszentren rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung.

Wie funktioniert Fernwärme überhaupt?

Die Fernwärme besitzt eine zentrale Heizstruktur. An einem Ort entsteht die Wärme, die über ein Rohrsystem direkt zu angeschlossenen Wohnhäusern und Betrieben gelangt. Dort heizt sie Räume über die üblichen Heizsysteme und kann zugleich für Warmwasser sorgen.
Die Erzeugungseinheit ist meist eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, die Wärme aus Erdgas, Kohle, Biomasse, Müllverbrennung oder industrieller Abwärme gewinnt und aufgrund ihrer Größe effektiver arbeitet als verteilte Einzelanlagen. Der Wärmetransport erfolgt über Wasserleitungen.

Zwei große Ziele

Das Forschungsinstitut hat im Zuge der Transformation der Fernwärme zwei klare Ziele benannt. Das erste Ziel stellt wie erwähnt den Ausbau der Wärmenetze und den Anschluss von weiteren Kunden dar, während das zweite Ziel die Dekarbonisierung der Fernwärmeerzeugung ist.
Bezüglich ersterem sollen besonders die Neuanschlüsse baldmöglichst mehr Tempo erfahren. Vor fünf Jahren lag die jährliche Zubaurate bei 25.000 bis 35.000 neuen Anschlüssen in Wohn- und Nichtwohngebäuden. Anvisiert sind bis zum Jahr 2030 jedoch rund 100.000 neue Gebäude pro Jahr, was einer Verdrei- bis Vervierfachung entspricht. Wie hoch die Chancen stehen, dass ein Fernwärmenetz tatsächlich gebaut wird, hängt allerdings unter anderem von Faktoren wie der Finanzierung ab.
Das Zweite soll die Klimabilanz verbessern. Dafür streben die Akteure eine Reduzierung der Verwendung fossiler Brennstoffe an. Gleichzeitig spielen bei der Fernwärmeerzeugung laut Prognos erneuerbare Energien und Abwärme eine immer größere Rolle. Das erklärte Ziel der Bundesregierung ist die Klimaneutralität der Fernwärmeversorgung bis 2045.

Konkurrenz durch andere Heizarten?

Doch selbst wenn eine Fernwärmeleitung existiert oder neu gebaut wird, ist nicht immer garantiert, dass in einer Region auch alle Gebäude daran angeschlossen werden. Hierzu äußerte sich Stefan Beismann, Firmenkundenvorstand bei der DZ-Bank, gegenüber dem „Handelsblatt“. Er warnte:
„Wenn man ein Fernwärmenetz auf 10.000 Abnehmer auslegt, aber dann entscheiden sich 7.000 Bürger in dem Gebiet für eine Wärmepumpe, wird sich das Netz unter den heutigen Bedingungen nicht rentieren.“
Beismann machte deshalb klar, dass Landesbürgschaften ein wichtiger Baustein dafür sein könnten, dass Stadtwerke einen besseren Zugang zu Finanzierungen für Fernwärmeprojekte bekämen.
Weitere Möglichkeiten seien Haftungsfreistellungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie eine Finanzierung über die kommunalen Träger. Deshalb dürften die kommunalen Wärmepläne auch nur grobe Anhaltspunkte sein.

Was bedeutet Fernwärme für die Verbraucher?

Fernwärme bietet den Verbrauchern Vor- und Nachteile. Das Gute daran ist, dass diese Heizart einen hohen Komfort bietet. Im Gegensatz zu einer Öl- oder Gasheizung gibt es keinen Heizkessel und andere Komponenten. Nur ein Wärmetauscher befindet sich im Gebäude. Das spart Platz.
Hinzu kommt eine staatliche Förderung für den Anschluss ans Fernwärmenetz. Die Boni sind dieselben wie bei der Förderung für Wärmepumpen. Je nachdem, für welche Boni die Bedingungen erfüllt sind, kann die Förderquote bis zu 70 Prozent betragen.
Fernwärme ist auf Verbraucherseite wartungsarm und läuft meist zuverlässig. Technisch ist teils auch die Fernkälteversorgung möglich, sodass weder eine eigene Heizungs- noch Klimaanlage nötig ist. Im Schadensfall hat der Verbraucher jedoch praktisch keine Möglichkeit, selbst aktiv zu werden.
Zugleich haben Fernwärmekunden keine Anbieterwahl wie Gaskunden. Es herrscht ein Quasi-Monopol mit fester Bindung an den entsprechenden Netzbetreiber. Daher sind Fernwärmeverträge größtenteils langfristiger Natur und zeigen selbst regional große Preisunterschiede. Die Umstellung auf ein anderes Heizsystem ist immer mit erheblichen Kosten einer kompletten Neuanschaffung verbunden.
Der Preis bildet sich aus einem Grund- und einem Arbeitspreis, ähnlich wie beim Stromtarif. Demnach variiert der Arbeitspreis typischerweise zwischen 12 und 20 Cent pro Kilowattstunde. Im Zuge der Energiekrise erlebten viele Fernwärmekunden Anfang 2024 eine hohe Nachzahlungsaufforderung von teils über 1.000 Euro sowie Tarifanpassungen nach oben.
Das zeigt, dass die Fernwärme aktuell noch stark an die Preise für fossile Energieträger gebunden ist. Mit der geplanten Dekarbonisierung soll die Fernwärme künftig weniger anfällig für Krisen dieser Art sein. Inwiefern das gelingt und wie sich die Preise für diese Heizart entwickeln werden, bleibt abzuwarten.
(Mit Material von dts)
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Warum Knochen- und Muskelschwund nicht nur eine Folge des Alterns sind


In Kürze:

  • Osteoporose und Sarkopenie – also Knochen- und Muskelschwund – nehmen bereits in jüngeren Jahren ihren Anfang.
  • Knochen und Muskeln wachsen durch Belastung. Fehlt diese, verkümmern sie.
  • Auch die Biochemie von Knochen und Muskeln bestimmt, ob sie schwinden oder wachsen.
  • Doch gesunde Knochen und Muskeln brauchen nicht nur Sport und eine gute Ernährung, sondern auch Energie in den Zellen.

 
Der Abbau von Knochen, Muskeln und Kraft gehört zu den folgenschwersten Aspekten des Alterns. Denn Gebrechlichkeit ist einer der stärksten Prädiktoren für Pflegebedürftigkeit und Tod nach dem 65. Lebensjahr. 
Doch glücklicherweise kann man diesem Abbau sehr gut entgegenwirken und ihn sogar umkehren. Personen, die ihre muskuloskelettale Kraft erhalten, sind laut Studien weitaus besser in der Lage, auch vieles andere länger zu bewahren: Unabhängigkeit, Gleichgewicht, Stoffwechsel und sogar die kognitive Widerstandsfähigkeit, die sich aus körperlicher Leistungsfähigkeit ergibt.
Um diesen Verfall umzukehren, bedarf es einer umfassenderen Perspektive. In meiner Praxis prüfe ich jeden Patienten anhand des ACES-Modells für Gesundheit und Medizin. Dieses Modell beschreibt vier Dimensionen, die beeinflussen, wie der Körper im Laufe der Zeit seine Struktur bewahrt oder verliert – Anatomie, Chemie, Energie und Seele.
Knochen- und Muskelschwund ist selten auf ein Versagen in nur einer dieser Dimensionen zurückzuführen. Die Behandlung von nur einer oder zwei Dimensionen – hier ein Rezept, dort ein Nahrungsergänzungsmittel – kann oftmals nicht verhindern, dass viele ältere Patienten immer wieder stürzen und Belastungen des Alltags nicht mehr gewachsen sind.

Anatomie: Der Körper wird durch das geformt, was man von ihm verlangt

Knochen und Muskeln sind lebendes Gewebe und reagieren direkt auf Belastung: Widerstand, Stöße und Gewicht, die das Gewebe wirklich herausfordern.
Nimmt man das weg, erhalten die Osteoblasten – die Zellen, die Knochen aufbauen – einfach keinen Befehl mehr, zu arbeiten.
Für die Muskeln gilt dieselbe Regel, mit einer gravierenden Ergänzung: Der Körper baut aktiv Gewebe ab, das er als entbehrlich einstuft. Ab etwa dem 40. Lebensjahr werden die Muskeln zunehmend unempfänglich für die Signale, die sie einst aufgebaut haben, wie etwa Bewegung oder Protein aus der Nahrung. Dieses Phänomen wird in der Fachsprache als anabole Resistenz beschrieben. 
Das bedeutet vereinfacht, dass dasselbe Protein und Training, die mit 30 noch zum Muskelaufbau führten, mit 60 nicht mehr ausreichen. Wer den Reiz nicht verstärkt, verliert jedes Jahr ein wenig mehr an Muskelmasse.
Das moderne Leben beschleunigt all diese physiologischen Veränderungen. Der durchschnittliche Erwachsene sitzt heute ungefähr zehn Stunden pro Tag. Die Hüftbeuger verkürzen sich, die Gesäßmuskeln werden inaktiv, der obere Rücken rundet sich nach vorne und die hintere Muskelkette, also die gesamte Muskulatur der Körperrückseite – das strukturelle Rückgrat der menschlichen Bewegung sozusagen –, verkümmert.

Tipps, was Sie tun können

Geben Sie Ihrem Skelett und Ihren Muskeln einen Anreiz, zu bleiben. Für die meisten Erwachsenen heißt das: Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche. Das bedeutet,  große Muskelgruppen mit einem sinnvollen Gewicht, gepaart mit einer leichten Stoßbelastung, zu trainieren. Selbst etwas so Einfaches wie auf den Zehenspitzen oder Fersen stehen, kann den Knochen dazu anregt, sich zu erneuern. 
Sie müssen die Belastung im Laufe der Zeit steigern, denn Muskeln und Knochen passen sich an den Reiz an, nicht an Wiederholungen. Wenn Sie noch keine Erfahrung mit Krafttraining haben, beginnen Sie unter Anleitung eines Trainers oder Physiotherapeuten, der Ihnen sichere Übungen empfehlen kann.

Chemie: Was Ihr Blut Ihnen verrät

Die Biochemie von Knochen und Muskeln wird selten eingehend untersucht – da sie normalerweise über die Standard-Laboruntersuchungen hinausgeht.

Vitamin D

Der optimale Serumspiegel von Vitamin D liegt zwischen 30 und 50 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml). Unterhalb dieses Wertes stockt die Kalziumaufnahme. Um die Funktion des Bewegungsapparats aufrechtzuerhalten, empfehle ich allerdings 50 bis 80 ng/ml.
Schnell zuckende Fasern brauchen Vitamin D. Mit ihm sind sie schnell und stark genug, um uns aufzufangen, wenn wir stolpern. Deshalb äußert sich ein Vitamin-D-Mangel nicht nur in Knochenschwund, sondern auch in echter Muskelschwäche und -unsicherheit, was zu einem deutlich höheren Sturzrisiko führt.

Vitamin K2 

Vitamin K2 leitet Kalzium in die Knochen und weg von den Blutgefäßen. Ein Patient, der Kalzium und Vitamin D ohne K2 einnimmt, baut möglicherweise schwache Knochen auf und lässt gleichzeitig seine Arterien verkalken.

Magnesium

Der Körper benötigt Magnesium, um Vitamin D zu aktivieren und Muskeln anzuspannen. Gleichzeitig hilft Magnesium, den Spiegel des Hormons Parathormon zu regulieren, der den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel steuert. 
Ein subtiler Mangel äußert sich in Krämpfen, unruhigem Schlaf und unerklärlicher Müdigkeit.

Protein

Protein brauchen wir, um die Muskelmasse zu erhalten. Erwachsene über 40 benötigen etwa 1,2 bis 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Dabei ist nicht nur die Gesamtzufuhr wichtig, sondern auch, dass wir das Protein über den Tag verteilt und nicht in einer großen Mahlzeit aufnehmen.

Hormone

Hormone sind für den Erhalt von Knochen und Muskeln unerlässlich, nehmen aber im mittleren Alter ab. Dazu gehören unter anderem IGF-1 (insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1), Wachstumshormon, DHEA (Baustein für die Produktion wichtiger männlicher und weiblicher Sexualhormone, darunter Testosteron und Östrogen) sowie Schilddrüsenhormone.
Den Hormonhaushalt zu bestimmen und – sofern klinisch angebracht – wiederherzustellen, kann zu Ergebnissen führen, die kein Trainingsprogramm allein erreichen kann.

Tipps, was Sie tun können

Bitten Sie Ihren Arzt um eine Untersuchung, die über das Wesentliche hinausgeht: Vitamin D, Magnesium (idealerweise Magnesium in den roten Blutkörperchen) und, je nach Ihrer Krankengeschichte, die relevanten Hormone. 
Beziehen Sie den Großteil Ihres Proteins aus proteinreichen Vollwertnahrungsmitteln. Eine gute Quelle sind unter anderem
  • Eier,
  • Geflügel, 
  • Rinderfleisch, 
  • frischer oder konservierter Thunfisch oder Lachs,
  • griechischer Joghurt. 
Essen Sie bei jeder Mahlzeit proteinreiche Lebensmittel und versuchen Sie nicht, die benötigte tägliche Proteinmenge nur bei einer Mahlzeit zu sich zu nehmen.
Betrachten Sie Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin D und K2 sowie Magnesium als gezielte Korrektur gemessener Mangelzustände und nicht als wahlloses Einnehmen von Tabletten. Gehen Sie eine Hormontherapie als eine sorgfältige Entscheidung an, die Sie gemeinsam mit einem sachkundigen Arzt treffen.

Energie: Die Kraft zum Wiederaufbau

Selbst ein makelloses Training und eine perfekte Ernährung können scheitern, wenn dem Körper die zelluläre Energie fehlt, um darauf zu reagieren. Der Aufbau von Knochen und Muskeln ist stoffwechseltechnisch aufwendig und hängt von gesunden Mitochondrien ab – den Kraftwerken unserer Zellen.
Personen mit chronischer Müdigkeit, anhaltenden postviralen Syndromen oder erheblicher toxischer Belastung verlieren laut Untersuchungen schneller an Muskel- und Knochenmasse. Das kommt dadurch, dass die zelluläre Energie für deren Wiederaufbau beeinträchtigt ist.
Der Wiederaufbau findet im Schlaf statt, denn der Körper schüttet Wachstumshormone vor allem im Tiefschlaf aus. Genau während dieser Zeit baut der Körper Muskelproteine auf, baut altes Knochengewebe ab und ersetzt es durch neues.
Sechs Stunden Schlaf können nicht das leisten, was acht Stunden ermöglichen, ganz gleich, wie diszipliniert Ihr Training auch sein mag.

Tipps, was Sie tun können

Stellen Sie sicher, dass sie ausreichend schlafen: 
  • Halten Sie regelmäßige Schlafenszeiten ein, 
  • sorgen Sie für ein dunkles und kühles Schlafzimmer,
  • verzichten Sie spätabends auf Bildschirme und auf Alkohol, da beides den Tiefschlaf beeinträchtigt. 
Wenn Ihre Müdigkeit in keinem Verhältnis zu Ihrem Leben zu stehen scheint, nehmen Sie sie ernst, anstatt sie einfach zu ignorieren. Fragen Sie Ihren Arzt zusätzlich nach Schilddrüsen-, Eisen- und B12-Werten sowie – sofern Ihre Vorgeschichte dies nahelegt – nach umweltbedingten und stoffwechselbedingten Faktoren.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Bone and Muscle Loss Is More Than Just Aging“ (redaktionelle Bearbeitung: as)
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Neue Studie: Nächtliches Fasten halbierte die Symptome von Morbus-Crohn

selbst moderne Behandlungsmöglichkeiten wirken bei bis zu 40 Prozent der Menschen mit Morbus Crohn nicht ausreichend. Bei einem Teil der Patienten, die zunächst auf die Therapie ansprechen, lässt die Wirkung mit der Zeit nach.
Forscher suchen deshalb nach ergänzenden Ansätzen – und richten den Blick dabei auch auf eine einfache Maßnahme: verlängerte Fastenphasen über Nacht. Dafür konzentrierten sie sich auf Patienten mit Morbus Crohn und einem Body-Mass-Index (BMI) über 25. Ab einem BMI von 25 gilt man laut Definition der WHO als übergewichtig, ab einem BMI von 30 als adipös.
Eine in der Fachzeitschrift „Gastroenterology“ veröffentlichte randomisierte, kontrollierte Studie untersuchte erstmals anhand einer kleinen Gruppe übergewichter Morbus-Crohn-Patienten, ob zeitlich begrenztes Essen einen Einfluss auf die Beschwerden haben kann. Die Teilnehmer aßen innerhalb eines achtstündigen Zeitfensters und fasteten an sechs Tagen pro Woche jeweils 16 Stunden.
Dabei zeigte diese Ernährungsweise deutliche Verbesserungen: Die Bauchschmerzen gingen um 50 Prozent zurück, die Stuhlfrequenz verringerte sich um 40 Prozent im Vergleich zum Beginn der Studie.
Zudem zeigten die Teilnehmer niedrigere Werte für systemische Entzündungen und verloren eine geringe, aber klinisch relevante Menge an Körperfett.
„Die Teilnehmer der Fastengruppe zeigten eine stärkere Verbesserung ihrer [gastrointestinalen] Symptome im Zusammenhang mit Morbus Crohn, wodurch sich ihr klinischer Remissionsstatus vertiefte“, sagte Dr. Maitreyi Raman, Gastroenterologin und außerordentliche Professorin für Medizin an der Universität von Calgary sowie leitende Autorin der Studie, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.

Fasten führte in einer ersten Studie zu besserer Symptomkontrolle bei Morbus Crohn (Dr. Maitreyi Raman).

Foto: Lacheev/iStock

Die Studie im Detail

Insgesamt nahmen 35 Menschen mit Morbus Crohn und einem BMI zwischen 25 und 35 an der Studie teil. Sie wurden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt:
Eine Gruppe von 20 Teilnehmern verlängerte ihre nächtliche Fastenphase, indem sie die letzte Mahlzeit des Tages früher einnahm. Die Kontrollgruppe – bestehend aus 15 Personen – setzte ihre bisherigen Essgewohnheiten fort.
Die Forscher untersuchten unter anderem den BMI sowie Blut- und Stuhlproben der Teilnehmer. In der Fastengruppe sank der BMI der Teilnehmer im Durchschnitt um einen Punkt – ein Wert, der als klinisch bedeutsamer Gewichtsverlust gilt.
Gleichzeitig nahm auch das viszerale Fett, also das Fettgewebe im Bauchraum, das die inneren Organe umgibt, ab.
Auch die Beschwerden wurden erfasst. Mithilfe des Harvey-Bradshaw-Index, der unter anderem die Stuhlfrequenz, Bauchschmerzen und das allgemeine Wohlbefinden bewertet, stellten die Forscher eine deutliche Verbesserung der Symptome fest.

Es geht nicht darum, weniger zu essen

Bemerkenswert war, dass sich die Fastengruppe und die Kontrollgruppe während der gesamten Studie hinsichtlich der aufgenommenen Kalorienmenge und der Zusammensetzung ihrer Nahrung kaum unterschieden.
Dennoch fanden die Forscher Unterschiede bei mehreren Entzündungsbotenstoffen, die vom Fettgewebe gebildet werden. Dazu zählten Leptin, Plasminogenaktivator-Inhibitor-1 und Adipsin.
Diese sogenannten Adipokine spielen eine Rolle bei der Steuerung von Immunreaktionen und Entzündungsprozessen im Körper.
„Wir kommen daher zu dem Schluss, dass die Vorteile des Gewichtsverlusts nicht ausschließlich mit einer Energieeinschränkung oder -reduktion zusammenhängen, sondern vielmehr mit den zirkadianen Rhythmen und dem Zeitpunkt der Mahlzeiten“, sagte Raman.
Matthew Breit, Postdoktorand und staatlich geprüfter Ernährungsberater am Anschutz Medical Campus der University of Colorado, erklärte der englischsprachigen Epoch Times gegenüber, dass Fasten möglicherweise verschiedene Stoffwechselprozesse beeinflussen kann.
Dazu gehören eine bessere Insulinempfindlichkeit, eine verbesserte metabolische Flexibilität – also die Fähigkeit des Körpers, zwischen der Energiegewinnung aus Glukose und Fett zu wechseln – sowie eine mögliche Regulierung der Immunaktivität. Breit war nicht an der Studie beteiligt.
Die Ergebnisse müssen jedoch mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden. Die Forscher erfassten die Energieaufnahme der Teilnehmer anhand von Selbstauskünften.
Daher lässt sich nicht vollständig ausschließen, dass einige der beobachteten Effekte auch durch nicht erfasste Veränderungen der Kalorienzufuhr entstanden sein könnten.

Die innere Uhr des Darms

Auch im Darmmikrobiom zeigten sich bei der Fastengruppe positive Veränderungen. Die Forscher stellten unter anderem eine Zunahme von Bakterien fest, die kurzkettige Fettsäuren bilden.
Diese Bakterien kommen bei Menschen mit entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) und Stoffwechselstörungen häufig in geringerer Menge vor. Sie können eine wichtige Rolle für die Funktion der Darmbarriere und die Regulierung des Immunsystems spielen.
Bei Teilnehmern, die stärker abnahmen, fanden die Forscher außerdem weniger Bakterienarten, die mit Darmentzündungen und Schüben von entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) in Verbindung gebracht werden.
Dazu gehörten Bacteroides ovatus (eine Bakterienart, die natürlicherweise im menschlichen Darm vorkommt) sowie verschiedene Arten aus den Gruppen Escherichia (eine Gattung stäbchenförmiger, gramnegativer Bakterien, die natürlicher Bestandteil der menschlichen Darmflora sind) und Shigella (Bakterien, die schwere Magen-Darm-Infektionen auslösen können).
Viele Abläufe im Darm, darunter Stoffwechsel- und Immunprozesse, folgen einer inneren Uhr. Nach Einschätzung von Breit können längere Essensphasen diesen natürlichen Rhythmus beeinflussen.
„Fasten könnte helfen, diese peripheren Uhren wieder zu synchronisieren“, sagte er.
Dabei ist der Zeitpunkt der Mahlzeiten entscheidend, denn Essen wirkt als wichtiger Taktgeber für die sogenannten peripheren Uhren des Körpers. Diese zirkadianen Rhythmen steuern zahlreiche Prozesse in Organen und Geweben außerhalb des Gehirns, in dem sich die zentrale innere Uhr befindet.
Regelmäßige Essenszeiten könnten deshalb dazu beitragen, das Zusammenspiel zwischen Darmbakterien, Immunzellen und Stoffwechselprozessen wieder besser aufeinander abzustimmen.

Risiko durch viszerales Fett bei Morbus Crohn

Die Studie ergänzt eine wachsende Zahl von Forschungsergebnissen, die darauf hindeuten, dass überschüssiges Körperfett – insbesondere viszerales Fett im Bauchraum – den Verlauf von Morbus Crohn negativ beeinflussen und die Behandlung erschweren kann.
Ein höherer Anteil an viszeralem Fett wird mit häufigeren Krankenhausaufenthalten, erneuten Klinikaufnahmen und Operationen sowie einem schlechteren Ansprechen auf biologische Therapien in Verbindung gebracht.
Laut Raman könnte Gewichtsmanagement einschließlich Fasten in Kombination mit den üblichen Medikamenten dazu beitragen, „eine dauerhafte Remission zu erreichen“.
Sie wies außerdem darauf hin, dass intermittierendes Fasten möglicherweise auch für Menschen mit Normalgewicht interessant sein könnte, da auch sie trotz schlanker Figur erhöhte Mengen an viszeralem Fett aufweisen können. Allerdings sind Studien an Morbus-Crohn-Patienten mit Normalgewicht noch ausständig und es ist derzeit unklar, ob ein weiterer Gewichtsverlust für sie ähnliche Vorteile bringen könnte, wie sie in der Studie bei übergewichtigen Patienten beobachtet wurden.

 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Overnight Fasting Cut Crohn’s Symptoms by Half in New Trial“. (deutsche Bearbeitung: vm)
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Die stille Epidemie: Warum zu viele Medikamente im Alter krank machen

Vor drei Wochen kam Herr K., ein 78-jähriger Patient, erstmals in meine Praxis. Er wirkte müde, fahrig, und seine Schritte waren unsicher. Als er sich setzte, legte er mir eine lange Liste auf den Tisch – zwölf verschiedene Medikamente, verordnet von fünf unterschiedlichen Ärzten.
Während er sprach, fiel auf, wie oft er nach Worten suchte. Außerdem klagte er über Schwindel, Muskelschmerzen und Gedächtnisprobleme. Man hatte ihm erklärt, das sei „eben das Alter“. Doch schnell wurde mir klar, dass es nicht nur das Alter war, sondern die Last einer unkoordinierten Polypharmazie.
Der Begriff Polypharmazie bedeutet, dass ein Patient mindestens fünf verschiedene Medikamente gleichzeitig einnimmt. Bei vielen älteren Menschen, wie auch im Fall von Herrn K., ist die Medikamentenanzahl sogar im zweistelligen Bereich.
Als ich ihn fragte, wann zuletzt jemand seine gesamte Medikamentenliste überprüft habe, sah er mich überrascht an. „Noch nie“, sagte er.
Und obwohl er eine Liste besaß, stellte sich im Gespräch heraus, dass er zwei Tabletten mit identischem Aussehen, aber unterschiedlicher Stärke verwechselte. Er nahm seit Wochen die doppelte Dosis eines Blutdrucksenkers, weil die neue Packung anders aussah, als die alte.

Die stille Epidemie der Polypharmazie

Polypharmazie ist längst zu einem strukturellen Problem geworden. Millionen ältere Menschen in Deutschland nehmen täglich fünf, zehn oder mehr Medikamente ein. Die Verschreibungen stammen aus verschiedenen Praxen, oft ohne Rücksprache, und die Patienten selbst können die komplexen Pläne kaum überblicken.
Wissenschaftlich ist die Problematik seit Jahren klar dokumentiert. Studien belegten, dass ältere Patienten mit mehr als fünf Medikamenten ein deutlich erhöhtes Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen haben. Viele dieser Wechselwirkungen bleiben unentdeckt, weil die behandelnden Ärzte voneinander nichts wissen.
Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigen außerdem: Ältere Menschen nehmen oft Medikamente ein, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchen.
Aus reiner Gewohnheit wird die Behandlung oft nicht angepasst. Das führt dazu, dass Patienten jahrelang Medikamente nehmen, die ihnen kaum noch helfen, aber trotzdem Nebenwirkungen haben.

Wenn Medikamente sich gegenseitig stören

In meiner täglichen Arbeit sehe ich oft, wie Medikamente miteinander konkurrieren, sich verstärken oder neutralisieren.
Schwindel ist beispielsweise eine häufige Folge, wenn Blutdrucksenker und Schlafmittel in Kombination verordnet werden. Ein weiteres Beispiel ist Muskelschwäche, die durch Statine ausgelöst werden kann. Statine können wiederum mit Protonenpumpenhemmern, die typischerweise bei Sodbrennen eingesetzt werden, interagieren und langfristig zu Nährstoffmängeln führen.
Die Altersforschung bestätigt diese Beobachtungen. Besonders eindrücklich war dazu eine Studie  die 2014 im „Journal of the American Geriatrics Society“ veröffentlicht wurde. Sie zeigte, dass unkoordinierte Polypharmazie signifikant mit Stürzen, Delirien und Krankenhausaufenthalten korreliert. Psychopharmaka und Schlafmittel erhöhen das Risiko dabei laut den Studienautoren besonders stark.
Eine weitere Untersuchung von schwedischen Forschern dokumentierte, dass die Zahl der verordneten Medikamente mit dem Alter steigt und das Risiko für Beschwerden durch Polypharmazie zunimmt,  während die Kommunikation zwischen Ärzten abnimmt.
Verschiedene Studien weisen zudem darauf hin, dass Patienten mit komplexen Medikamentenplänen häufiger Einnahmefehler machen, nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Einnahmepläne für sie nicht klar verständlich sind.
Die ganzheitsmedizinische Perspektive verfolgt deshalb den Ansatz, jede Medikamentenverordnung kritisch zu prüfen. Besonders relevant sind dabei wissenschaftliche Untersuchungen der kanadischen Professorin Dee Mangin. Sie zeigte, dass das gezielte Absetzen unnötiger Medikamente die Belastung der Patienten reduzieren und  Nebenwirkungen durch Arzneimittel vermindern kann.

Ohne Transparenz wird jede zusätzliche Tablette zum Risiko

Der wichtigste Schritt gegen die stille Epidemie der Polypharmazie ist Transparenz. Meine Empfehlung ist: Jede ältere Person sollte eine vollständige, aktuelle Medikamentenliste haben und sie bei jedem Arztbesuch vorlegen.
Ebenso wichtig ist es, die tatsächlichen Tabletten regelmäßig zu überprüfen – Farbe, Form, Stärke, Hersteller. Ein genauer Blick auf die Packung kann verhindern, dass Verwechslungen passieren und falsche Dosen eingenommen werden.
Mut spielt ebenfalls eine Rolle: Fragen Sie Ihren Arzt, ob jedes Medikament wirklich noch notwendig ist. Viele Präparate werden aus Routine weitergegeben, obwohl sie möglicherweise keinen Nutzen mehr haben.

Fazit

Polypharmazie ist eine stille, aber gefährliche Epidemie. Sie entsteht durch Zeitmangel, fehlende Abstimmung zwischen verschiedenen Fachärzten und die zunehmende Komplexität der medizinischen Versorgung.
Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass Beschwerden älterer Menschen nicht immer nur durch Krankheiten, sondern auch durch die unkoordinierte oder fehlerhafte Einnahme verschiedener Medikamente verursacht werden können.
Zeit für Gespräche, Zeit für Verständnis, Zeit für echte medizinische Begleitung. Genau diese Zeit brauchen Ärzte, um ältere Menschen sicher durch komplexe Therapiepläne zu führen und ihnen damit ein Stück Lebensqualität zurückzugeben.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
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Selenskyj will neue Regierung, sagt aber nicht, wen

Am Sonntag, 12. Juli, kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seinem X-Account die Neubesetzung von Regierungs- und Behördenstellen an.
Konkret gab er die Entlassung der Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko sowie den Austausch einiger Leiter von Strafverfolgungsbehörden bekannt. Als Begründung nannte Selenskyj, die Ukraine wolle, „ihre politische Strategie ändern“.
Swyrydenko hatte ihren Posten als Regierungschefin erst vor einem Jahr übernommen. Zuvor war sie Wirtschaftsministerin.

Selenskyj geht es um Waffen

Insgesamt blieb der ukrainische Präsident bei seiner Ankündigung im Ungefähren. So sprach er davon, dass künftig jedem „außenpolitischen Schwerpunktbereich“ eine „Person mit umfassender Erfahrung zugeordnet“ werden soll.
Diese Aussage lässt den Rückschluss zu, dass nach Selenskyjs Auffassung die bisherige ukrainische Außenpolitik von Personen mitgestaltet wurde, die nicht ausreichend für ihre Aufgaben geeignet waren.
Was die Beziehungen zu den USA und den EU-Staaten angeht, wurde Selenskyj deutlicher, worum es ihm bei der geänderten politischen Strategie geht: Waffensysteme.
An erster Stelle der geplanten Neuausrichtung nannte er die militärwirtschaftlichen Beziehungen zu den USA. Mit ihnen soll es „Vereinbarungen über Lizenzen zur Produktion von Patriot-Luftabwehrsystemen sowie sonstige bilaterale Sicherheitskooperation“ geben, schrieb Selenskyj auf X. Diese sollen „sich in konkrete Vorteile“ für beide Staaten – auch für ukrainische und amerikanische Unternehmen – niederschlagen.

Selenskyj will Einstieg in EU-Raketenprogramm

Als zweite Priorität für seine geplante Änderung im ukrainischen Regierungsapparat führte Selenskyj „das europäische Projekt zur Raketenabwehr“ an.
Damit meint er wohl die „European Sky Shield“-Initiative (ESSI), die vor vier Jahren unter anderem auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) ins Leben gerufen wurde. Ziel der ESSI ist laut Bundesverteidigungsministerium (BMVg) „die Stärkung des europäischen Pfeilers in der gemeinsamen Luftverteidigung der NATO“.
Dafür hätten sich 23 europäische Staaten zusammengeschlossen. Sie wollen mit ESSI „Fähigkeitslücken“ schließen.
Wie genau sich der ukrainische Präsident einen Einstieg in dieses europäische Militärvorhaben oder eine Zusammenarbeit in der Luftverteidigung vorstellt, ließ er offen.
Als weitere Punkte, in denen er offenbar Verbesserungsbedarf sieht, nannte er den möglichen EU-Beitritt der Ukraine und die Beziehungen zu den Nachbarländern Polen und Ungarn.
Beim Nato-Gipfel in der Türkei wirbt Selenskyj für mehr Lieferungen dringend benötigter Flugabwehrraketen für Patriot-Systeme an sein von Russland angegriffenes Land. (Archivbild)

Beim NATO-Gipfel in der Türkei warb Selenskyj für weitere Lieferungen der dringend benötigten Flugabwehrraketen für Patriot-Systeme an sein von Russland angegriffenes Land. (Archivbild)

Foto: Jens Büttner/dpa

Verstimmungen mit Polen und Ungarn

Mit beiden EU-Staaten gab es in den vergangenen Monaten eine Reihe heftiger diplomatischer Spannungen. Zu Beginn des Jahres kam es auf ukrainischem Gebiet zu einer Unterbrechung der Ölpipeline, die Erdöl aus Russland nach Ungarn liefert. Der damalige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán warf Selenskyj vor, die Instandsetzung der beschädigten Pipeline bewusst hinauszuzögern. Daraufhin lieferte Ungarn keinen Diesel mehr an die Ukraine.
Seit Mitte Mai schwelt zudem ein diplomatischer Konflikt zwischen Polen und der Ukraine, der auf einer unterschiedlichen Wahrnehmung von Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg gegen Polen beruht. Verantwortlich für diese Verstimmung ist nicht das ukrainische Außenministerium, sondern Selenskyj selbst, der eine Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte nach der ukrainischen Partisanengruppe UPA aus dem Zweiten Weltkrieg benannte. Die UPA hat nachweislich Zigtausende polnische Zivilisten ermordet.
Für einen möglichen Beitritt der Ukraine zur EU ist die Zustimmung der beiden Staaten Ungarn und Polen erforderlich.

Mehr Fokus auf den Nahen Osten und China

Auch außerhalb Europas strebt Selenskyj nach neuen Verbündeten. So kündigte er an, die „Zusammenarbeit mit dem Nahen Osten und den Golfstaaten“ zu verbessern.
Nach Beginn des amerikanisch-israelischen Kriegs gegen den Iran reiste der Präsident in die Golfregion und unterzeichnete eine Reihe von Verträgen über Unterstützung mit Drohnenabwehrtechnologie, da sich die US-Luftabwehr gegen die iranischen Raketen- und Drohnenangriffe als überfordert herausgestellt hatte.
Schließlich strebt er auch eine verbesserte Zusammenarbeit mit dem Russland-Unterstützter China sowie mit „wichtigen internationalen Organisationen“ an, ohne dazu Näheres zu erläutern.

Kein Wort zu neuen Personen

Laut Selenskyj erfordert der Wechsel zur neuen „politischen Strategie“ personelle Veränderungen.
Selenskyj wörtlich: „Wir haben die Einzelheiten mit der ukrainischen Premierministerin Julia Swyrydenko besprochen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass diese Veränderungen eine Erneuerung des Ministerkabinetts erfordern.“ Swyrydenko habe er etwa angeboten, „einen neuen, wichtigen Bereich der Beziehungen zu einem Schlüsselpartner zu leiten“.
Auf Details ließ sich der ukrainische Präsident nicht ein. Möglicherweise möchte er erst die Gespräche im Parlament abwarten, denn dieses muss die von Selenskyj angestrebten Veränderungen genehmigen. Die Abgeordneten haben sich seit Beginn des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine im Februar 2022 weitgehend hinter den Präsidenten gestellt.
Die Ukraine bietet seit dem Ausbruch des Iran-Krieges den Staaten im Nahen Osten und den Golfmonarchien Hilfe bei der Abwehr von iranischen Drohnen an. (Archivbild)

Die Ukraine bietet seit dem Ausbruch des Irankriegs den Staaten im Nahen Osten und den Golfmonarchien Hilfe bei der Abwehr von iranischen Drohnen an. (Archivbild)

Foto: -/Ukrainian Presidential Press Office via AP/dpa

Neue Leiter für Strafverfolgung

Für die EU-Staaten ist insbesondere Selenskyjs Äußerung interessant, dass er auch Leitungspositionen bei den Strafverfolgungsbehörden neu besetzen möchte. Erst vor Kurzem wurden von den mit der Aufklärung von Korruption beauftragten Behörden zwei Personen aus dem Umfeld Selenskyjs festgenommen.
Der kurzen Äußerung Selenskyjs ist nicht zu entnehmen, ob auch diese inzwischen relativ erfolgreichen Antikorruptionsbehörden vom Personalwechsel betroffen sein sollen oder ob sich seine Absicht auf andere „Strafverfolgungsbehörden“ bezieht.

Ohne Korruptionsbekämpfung kein EU-Beitritt

Fest steht: Großbritannien und die EU dringen seit Jahren auf umfassende Antikorruptionsreformen in der Ukraine. Die EU verknüpft zudem Erfolge in der Bekämpfung von Korruption unmittelbar mit dem EU-Beitrittsgesuch Kiews.
Auf der jüngsten Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine in Danzig am 25. Juni machte Niels Annen (SPD), Staatssekretär im Entwicklungsministerium, deutlich:
Deutschlands Beitrag zum Aufbau der Ukraine „spiegelt unsere Überzeugung wider, dass Antikorruptionsmaßnahmen, Reformen und Wiederaufbau untrennbar miteinander verbunden sind“.
Und weiter: „Eine transparente und rechenschaftspflichtige Regierungsführung ist nicht nur eine Voraussetzung für die EU-Mitgliedschaft – sie ist das Fundament, auf dem ein nachhaltiger Wiederaufbau aufbaut.“
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Beweglich und fit bis ins hohe Alter – Präventionsexperte Dr. Till Sukopp: „Es ist nie zu spät“

Rückenschmerzen, Antriebslosigkeit, ungewollte Gewichtszunahme. Bewegungsmangel ist längst zur Volkskrankheit geworden – dabei sind die Angebote so groß wie nie zuvor, sagt der Präventionsexperte Dr. Till Sukopp. Im Interview mit Epoch Times erklärt der Sportwissenschaftler und Bestsellerautor, warum wir trotzdem scheitern, wie einfach der Einstieg wirklich ist und weshalb Bewegung der Schlüssel zu einem langen, selbstbestimmten Leben bleibt.
Bereits in deiner Doktorarbeit hast du dich dem Thema Prävention gewidmet. Warum ist dieses Thema so wichtig – damals wie heute?
Ich will Menschen Mittel und Werkzeuge in die Hand geben, damit sie eigenverantwortlich möglichst lange gesund und vital bleiben. Ich habe mein ganzes Leben lang Sport gemacht, seit ich zwei war. Als Kind wurde ich gehänselt, weil ich immer der Kleinste war. Durch Sport habe ich mehr Selbstwertgefühl und Anerkennung bekommen. Im Teenageralter hatte ich schon meine erste Trainerausbildung für Selbstverteidigung. Ich brachte den Menschen bei, mehr auf ihre Gesundheit zu achten, fitter zu werden und mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen. Als ich während meines Studiums der Sportwissenschaften Einblicke in Rehakliniken im internistischen/orthopädischen Bereich bekam, erlebte ich, wie schlecht es vielen Leuten ging. Dabei hätte ein Großteil ihrer Leiden durch einen gesunden Lebensstil vermieden werden können. Dass man durch körperliche Aktivität und Training lange fit und gesund bleiben kann, war ein Teil der Therapie. Es hat mich derart fasziniert, Menschen auf einfachste Art und Weise zu helfen, dass ich mich tiefer in das Thema reingearbeitet habe.
Das ist jetzt 20 Jahre her. Hat sich die Beweglichkeit in der Gesellschaft seither verändert?
Die Menschheit wird immer schlapper, immer übergewichtiger, immer kränker. Die fortschreitende Digitalisierung sorgt dafür, dass wir uns kaum noch bewegen. Wir können vom Sofa aus Essen bestellen und es an die Tür liefern lassen. Vielen fällt gar nicht mehr auf, dass sie sich nicht bewegen. Die meisten Menschen, die ich betreue, sind bei den ersten Übungen entsetzt, wie schlecht ihr körperlicher Zustand ist.
Wann geht man heutzutage mal eine Treppe? Oder wer trägt seinen Koffer, wenn nicht gerade eine Rolle abgebrochen ist? Viele Menschen haben gar kein Bewusstsein mehr dafür, wie sehr uns unser Alltag in den Bewegungsmangel treibt. Aber während es auf der einen Seite immer mehr Bewegungsmangel, immer mehr Beschwerden, immer mehr Erkrankungen gibt, finden wir auf der anderen Seite eine Fülle an Gesundheits- und Sportangeboten, wie es sie noch nie gegeben hat. Dazwischen klafft eine eklatante Lücke. Es liegt nicht am Wissen. Jeder kann sich informieren. Aber die Leute kommen nicht in die Umsetzung oder haben Schwierigkeiten.
Woran liegt das?
Viele nehmen sich zu viel vor, trainieren zu intensiv, bis sie Schmerzen oder gar eine Verletzung haben. Wenn es zu kompliziert ist, zu lange dauert oder die Ergebnisse ausbleiben, steigen die Leute schnell wieder aus. Wer frustriert ist, gibt schnell auf. Andere fangen gar nicht an, weil sie völlig überfordert sind und sich nicht vorstellen können, wie sie Bewegungen in ihren Alltag integrieren können. Es gibt viele Glaubensmuster, die einen daran hindern, in die Umsetzung zu kommen. Die Leute müssen dort abgeholt werden, wo sie stehen.
Oft war der Ansatz des Trainings schon falsch und der Körper war noch gar nicht bereit für die Bewegung. Wenn ich beweglicher werden möchte und mein Körper unter Stress steht, tut sich nicht viel, weil der Körper erst einmal seine jahrelange Schutzspannung verlieren muss. Doch mit funktionellem Training ist es mit wenig Zeit und Aufwand möglich, fit zu werden. Bewegung ist der Faktor Nr. 1 für ein gesundes, langes Leben.
Was ist der Unterschied zwischen klassischem Krafttraining und funktionellem Training?
Beim Krafttraining trainiere ich den Motor, aber die Software dahinter nicht. Jeder kennt das aus dem Fitnessstudio, wo man an einer Maschine beispielsweise den Bizeps trainiert. Davon kann man zwar dicke Muskeln bekommen, aber für eine komplexe Bewegung im Alltag bringt das nicht viel, beispielsweise wenn man einen Koffer aufs Autodach hebt. Beim funktionellen Training orientiert man sich an natürlichen Bewegungen wie Drücken, Ziehen, Beugen, Rotation, Überkreuzbewegungen und unterschiedlichen Schrittstellungen.
Der Körper ist ein ganzheitliches System mit Faszien, das über das Nervensystem verbunden und gesteuert wird. Die Schultern sind mit den Hüften und Füßen verbunden. Dann sollte man das auch trainieren. Das funktionelle Training sorgt in der Regel dafür, dass wir naturgerechter trainieren und bessere Effekte mit geringerem Zeitaufwand erzielen.
„Das heißt: Wir schlagen viel mehr Fliegen mit einer Klappe.
Ich kann gleichzeitig Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer trainieren. Das ist alles gleichzeitig möglich, wobei man natürlich individuelle Schwerpunkte setzen kann.
Haben die Maschinen beim Krafttraining ausgedient?
Man kann sie schon noch einsetzen, dadurch kann der Körper gekräftigt werden. Das ist besser als gar nichts. Aber man muss aufpassen, da viele Menschen durch das ständige Sitzen das Gefühl für den Körper verloren haben. Bei fehlender Anleitung kann es zu Verletzungen kommen. Ein funktionelles Training ermöglicht häufig bessere Ergebnisse für die Gesamtfitness bei vergleichbarem Zeitaufwand, weil mehrere Komponenten gleichzeitig trainiert werden. Es erfordert aber auch mehr Anleitung.
Wie fängt man am besten mit funktionellem Training an und wie bleibt man dran?
Der erste Schritt, ins Tun zu kommen, ist der wichtigste. Den würde ich so klein wie möglich gestalten, also einfach loslegen. Während eure Leser unser Interview lesen oder hören, können sie zwischendurch schon ein paar Mal aufstehen und sich wieder hinsetzen.  Aufstehen, wieder hinsetzen. Dann ist der Anfang schon gemacht. Das kann man dann langsam steigern. Mit der Zeit werden wir uns besser fühlen, und wenn wir es regelmäßig machen, kommen automatisch die Ergebnisse. Also: Langsam anfangen, sich steigern und daraus neue Gewohnheiten entwickeln. Wir müssen dahin kommen, dass die Bewegungen zum Alltag dazugehören. Wie motiviert man sich zum Zähneputzen? Genau das ist der Schlüssel.
Wenn ich die Ergebnisse im Alltag spüre – ich kann mich besser bewegen, mir fällt vieles leichter, ich fühle mich körperlich besser – dann bleibe ich natürlich dran. Und irgendwann ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, zur neuen Identität.
Das hört sich einfach an. Wie gelingt die Umsetzung am besten?
Indem man möglichst jeden Tag zur selben Zeit in derselben Umgebung, in kleinen Schritten anfängt, sodass sich im Geist erst gar kein Widerstand regt. Wer schon am Morgen zu träge ist, wird womöglich auch nach der Arbeit zu erschöpft sein, um zu trainieren. Dann fallen einem jede Menge Argumente ein, warum man gerade heute eine Trainingspause einlegen sollte. In der Zeit, in der man noch überlegt, ob man trainieren sollte oder nicht, könnte man eigentlich schon loslegen. Ich kann die Wirbelsäule und die Gelenke ein bisschen durchbewegen, dann fühlt man sich schon besser und macht meistens auch mehr. Statt Knabberzeug im Sessel zu essen, kann man fünfmal in die Hocke gehen und wieder aufstehen – oder ich lege mich kurz auf den Bauch, drehe mich auf den Rücken, über die Seite und stehe auf. Dann habe ich mich schon einmal durchbewegt.
Manchmal reicht es auch aus, sich Sportkleidung anzuziehen oder seine Lieblingsmusik abzuspielen, die man als Anker nimmt; wenn man diese Musik hört, bewegt man sich schon. Oder wie wäre es, Eukalyptus-, Zitrus- oder Pfefferminzduft in der Wohnung zu vernebeln? Das macht wach, steigert die Konzentration und verbessert die Atmung. Also, da gibt es verschiedenste Möglichkeiten, wie man anfängt, aber das Wesentlichste und Einfachste ist, ins Tun zu kommen.
Wenn Bewegung zur Gewohnheit geworden ist – oder besser noch früher – kann ich mir Unterstützung von einem Trainer oder Therapeuten holen, der mir das Training besser strukturiert, sodass ich bei gleichem Zeitaufwand noch bessere Ergebnisse erziele und Beweglichkeit, Kraft, Koordination und Ausdauer kombiniere.
Du hast dich auf die Altersgruppe ab 40 Jahren spezialisiert. Was gilt es da zu beachten?
Gerade ganzheitliches Krafttraining ist in der zweiten Lebenshälfte ab 40 Jahren nicht verhandelbar. Der Verlust an Muskelkraft und Muskelmasse ist einer der Hauptfaktoren für vorzeitiges Altern und eine vorzeitige Einweisung in ein Pflegeheim.  Die Menschen kommen nicht ins Altersheim, weil sie alt sind, sondern vor allem, weil sie sich zu wenig bewegen.
Die Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass selbst Menschen im Alter von 80, 90 oder mehr Jahren noch erstaunlich gut auf Training reagieren. In den berühmten Studien von Maria Fiatarone und Kollegen [1-4] verbesserten hochbetagte Pflegeheimbewohner im Alter von über 90 Jahren durch gezieltes Krafttraining ihre Muskelkraft, Gehgeschwindigkeit und funktionelle Selbstständigkeit deutlich.
Auch zahlreiche spätere Untersuchungen bestätigten, dass regelmäßiges Krafttraining im Alter Mobilität, Lebensqualität und die Fähigkeit verbessert, den Alltag eigenständig zu bewältigen.
Die Botschaft dieser Studien ist bemerkenswert: Es ist fast nie zu spät, mit Bewegung zu beginnen. Wenn selbst 90-Jährige im Pflegeheim durch Krafttraining deutlich kräftiger, mobiler und selbstständiger werden können, dann ist es für die meisten Menschen zwischen 50 und 70 definitiv nicht zu spät, ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern.
Der Fokus sollte also auf dem Krafttraining liegen?
Krafttraining zählt heute zu den wirksamsten Maßnahmen, um körperliche Selbstständigkeit, Autonomie und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Wir können viele Folgen des Alterns deutlich verlangsamen und körperliche Fähigkeiten zurückgewinnen, die wir häufig vorschnell als „altersbedingt“ akzeptieren. Je nach Ausgangsniveau lassen sich innerhalb weniger Monate Verbesserungen erzielen, die in einzelnen körperlichen Leistungsmerkmalen dem Unterschied von 15 bis 20 Lebensjahren entsprechen können.
Der Altersforscher William J. Evans [5] beschreibt in seinem Buch „Biomarkers“, dass insbesondere Muskelmasse, Muskelkraft, Körperzusammensetzung und aerobe Leistungsfähigkeit zu den wichtigsten Merkmalen eines gesunden Alterns gehören. Die gute Nachricht: Alle diese Faktoren lassen sich durch gezieltes Training bis ins hohe Alter positiv beeinflussen.
Es ist nie zu spät, damit anzufangen: Mindestens einmal, besser zweimal wöchentlich sollten wir ein Ganzkörper-Krafttraining von 15 bis 25 Minuten zu Hause machen. Keiner braucht ein Fitnessstudio, keiner braucht Trainingsgeräte, Maschinen oder Hanteln. Für jeden gibt es passende Übungen.
Wenn jemand sagt: „Ich habe überhaupt keine Zeit für Sport.“ Was würdest du darauf antworten?
Grundsätzlich spreche ich nie von Sport, weil das für viele schon negativ behaftet ist. Ich spreche von körperlicher Aktivität oder Training. Keine Zeit gibt es nicht. Wir haben alle 24 Stunden am Tag Zeit, das ist eine Sache von Prioritäten.
Wenn jemand sagt, dass er keine Zeit hat, dann sage ich, derjenige hat es wirklich dringend nötig. Ein altes Zen-Sprichwort besagt: „Wer nicht täglich eine halbe Stunde Zeit zum Meditieren hat, sollte eine Stunde meditieren.“  Körperliche Aktivität ist eines der effektivsten Mittel, um Stress abzubauen und um stressresistenter zu werden. Mit anderen Worten, je stressiger der Alltag ist, desto dringender wird ein Bewegungsausgleich benötigt.
Mein Doktorvater hat immer gesagt: „Die Sportmedizin ist die Speerspitze der Präventivmedizin. Bewegung ist die Nummer eins.“ Natürlich, Ernährung, Entgiftung sowie die Reduktion von Elektrosmog und emotionalem Stress sind auch sehr wichtig. Aber Bewegung ist für viele der einfachste Faktor. Er ist sehr effektiv und hat im Vergleich zu vielen Medikamenten keine unerwünschten, sondern sehr viele positive Nebenwirkungen.
Vielen Dank für das Interview.
Das Interview führte Susanne Ausic.
Über Dr. Till Sukopp
Dr. Till Sukopp ist Präventionsexperte, internationaler Bestsellerautor, Referent, Trainerausbilder, Coach und einer der bekanntesten deutschen Trainer für Functional Training. Nach seinem Studienabschluss zum Diplom-Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln hat er dort auch zum Doktor der Sportwissenschaften im Bereich Sportmedizin promoviert. Seit über 25 Jahren hilft er vor allem Menschen der Altersgruppe Ü40 dabei, ihre Beweglichkeit, Fitness und Figur um mindestens zehn Jahre zu verjüngen – ganz ohne Fitnessstudio, Diät und Verzicht. Neben Auftritten bei Gesundheitskonferenzen und Online-Kursen gibt er regelmäßig in der Dr. Sukopp Live-Show Ratsuchenden kostenlose Tipps rund um das Thema Beweglichkeit und Fitness.
Studienquellen
  1. Fiatarone MA, Marks EC, Ryan ND, Meredith CN, Lipsitz LA, Evans WJ. (1990)
    High-Intensity Strength Training in Nonagenarians
    New England Journal of Medicine, 323(5), 302–309.
    PubMed Originalstudie
  2. Fiatarone MA, O’Neill EF, Ryan ND et al. (1994)
    Exercise Training and Nutritional Supplementation for Physical Frailty in Very Elderly People
    New England Journal of Medicine, 330(25), 1769–1775.
    PubMed Originalstudie
  3. Frontera WR, Meredith CN, O’Reilly KP, Knuttgen HG, Evans WJ. (1988)
    Strength Conditioning in Older Men: Skeletal Muscle Hypertrophy and Improved Function
    Journal of Applied Physiology, 64(3), 1038–1044.
    PubMed Originalstudie
  4. Nelson ME, Fiatarone MA, Morganti CM et al. (1994)
    Effects of High-Intensity Strength Training on Multiple Risk Factors for Osteoporotic Fractures
    JAMA, 272(24), 1909–1914.
    PubMed Originalstudie
  5. Evans WJ, Rosenberg IH. (1991)
    Biomarkers – The 10 Determinants of Aging You Can Control
    Simon & Schuster.
    Hintergrundwerk zur Bedeutung von Muskelmasse, Kraft, Körperfettanteil, Stoffwechsel und Ausdauer für gesundes Altern.
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Bundespolizei darf jetzt automatisiert überwachen

Die Bundesregierung hat am 10. Juli im Bundestag eine „Modernisierung“ des zum Großteil seit 1994 geltenden Bundespolizeigesetzes durchgesetzt. Bündnis 90/Die Grünen und die Linke stimmten dagegen. Die AfD enthielt sich.
Die Begründung der Regierung für die Gesetzesänderung lautet: Die „Bundespolizei braucht Befugnisse, die den heutigen Gefahrenlagen entsprechen“. Dazu zählen etwa die Drohnenabwehr und bessere Waffenkontrollen.

Echtzeit-Gesichtserkennung

In das Gesetz wurde ein neuer Paragraf zur „automatisierten Erkennung von Gefahren“ eingefügt. Das ist mit anderen Worten eine Videoüberwachung. Im Juristendeutsch heißt es dazu weiter: Die Bundespolizei erhält „eine Befugnis zur Erkennung von Bewegungs- und Objektmustern sowie Aufenthaltsorten, die auf Gefahren hindeuten“.
Also darf die Polizei jetzt mittels Video und KI Personen identifizieren und ihr Verhalten einschätzen. Dafür darf sie außerdem vor Ort „biometrische Erkennung“ von Verdächtigen durchführen, also eine sogenannte automatische Echtzeit-Gesichts- und Bewegungserkennung.
Die etwa 55.000 Beamten der Bundespolizei unterstehen dem Bundesinnenminister und sind zuständig für den Schutz der Außengrenzen Deutschlands. Sie überwachen Flughäfen und Bahnhöfe, schützen wichtige Ämter und Behörden in ganz Deutschland sowie die 154 deutschen Botschaften im Ausland. Und sie stellen jene Beamten, die ausreisepflichtige Migranten mittels Flugzeug in deren Heimatländer zurückführen.
Künftig darf die Bundespolizei bei Gericht Abschiebungshaft „gegen vollziehbar ausreisepflichtige, nicht geduldete Personen, die sie in ihrem Zuständigkeitsbereich feststellt“, beantragen.

Polizei darf mehr kontrollieren

Wie die Bundesregierung weiterhin mitteilte, erhält die Bundespolizei zudem „neue Befugnisse“ zum Einsatz und zur Abwehr von Drohnen.
Sie darf zudem vorbeugend die Telekommunikation von Verdächtigen überwachen, Meldeauflagen und Aufenthaltsverbote erlassen und „verdachtsunabhängige Kontrollen in Waffen- und Messerverbotszonen im Bahnbereich“ durchführen.
Die Gesetzesänderung sieht zudem eine „Zuverlässigkeitsüberprüfung bei Neueinstellungen“ vor, um die „Bundespolizei vor der Unterwanderung durch Extremisten zu schützen“.

Scharfe Kritik von Linken und Grünen

Kritik kommt erwartungsgemäß von der Opposition.
Clara Bünger von der Linkspartei warf der Regierung in ihrer Rede im Bundestag vor, sie wolle „staatliche Macht ausbauen und Grundrechte aushöhlen“. Mit der biometrischen Echtzeitüberwachung greife die Regierungskoalition tief in Grundrechte ein.
Bezogen auf die Echtzeitgesichtserkennung an Flughäfen und Bahnhöfen drückte die Linken-Politikerin die Befürchtung aus: „Die flächendeckende Überwachung wird für Millionen zum Normalzustand.“
Und: „Dafür bekommt der Innenminister fast 1 Milliarde mehr als im Vorjahr. Eine Milliarde für Überwachung.“ Dies sei „autoritärer Staatsumbau in Reinform“. Sie kritisierte zudem, dass ein „Staatstrojaner“ eingeführt werde, „um Telefone und Messenger zu überwachen“.
Die Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic (Grüne) kritisierte bereits während der ersten Lesung des Gesetzes am 18. Dezember: „Künftig sollen pauschal alle Passagierdaten von Flügen aus Drittstaaten an die Bundespolizei übermittelt werden, ohne jeden Anlass, ohne jeden Verdacht.“ Das betreffe Tausende von Urlaubsreisenden. Dies sei nicht maßvoll.
Mihalic an die Regierung gewandt: „Wie wollen Sie denn die Nadel finden, wenn Sie den Heuhaufen immer größer machen?“
Der GdP-Bundesvorsitzende, Jochen Kopelke, weist auf den Anstieg der Gewaltkriminalität hin. (Archivbild)

Der GdP-Bundesvorsitzende, Jochen Kopelke, sieht „viel Positives“ im jüngsten Gesetzesvorhaben für die Bundespolizei. (Archivbild)

Foto: Annette Riedl/dpa

Kopelke: „Wichtiges Signal für Polizei“

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, begrüßte hingegen in einem Gespräch mit Epoch Times die Neuerungen. Es sei „ein wichtiges Signal“ für die Polizisten. Der Gesetzgeber würde damit „den digitalen Realitäten zunehmend Rechnung tragen“. Jetzt käme es darauf an, dass die begonnenen Reformen nach der Sommerpause auch im Bundesrat „zügig abgeschlossen werden“, so der Gewerkschafter.
Weitere Gesetzgebungsvorhaben befänden sich noch im parlamentarischen Verfahren, „oder stehen weiterhin aus“, sagte Kopelke. Dazu gehören seiner Meinung nach eine weitere „Stärkung digitaler Ermittlungsbefugnisse und die Einführung einer verfassungskonformen Speicherung von IP-Adressen, einschließlich der Sicherungsanordnung“.
In diesem Fall ist mit Sicherungsanordnung gemeint, dass Telekommunikationsanbieter verpflichtet werden können, IP-Adressen, Chats und Telefonnummern bei einem konkreten Tatverdacht sofort zu sichern, um sie vor dem Löschen zu bewahren. Dies ist bisher zum Beispiel bei Mordfällen schon möglich.
Laut Europäischem Gerichtshof ist eine „anlassbezogene Datensicherung“ erlaubt, eine „unterschiedslose Vorratsdatenspeicherung“ hingegen nicht.

Grenzen der Funkzellenauswertung

Der GdP-Chef spricht aber in diesem Zusammenhang davon, dass es auch einer Neuregelung der Funkzellenabfrage bedürfe.
Das heißt: Wenn man mit einem Smartphone telefoniert, eine Nachricht sendet oder mobile Daten nutzt, verbindet sich das Gerät mit dem nächstgelegenen Mobilfunkmast. Dieser Mast deckt ein bestimmtes Gebiet ab, eine sogenannte Funkzelle. Bei einer Funkzellenabfrage wenden sich die Ermittlungsbehörden zunächst an einen Richter oder einen Staatsanwalt, der die Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit der Maßnahme prüft.
Als Grundlage dient Paragraf 100g der Strafprozessordnung. „Ohne eine solche Anordnung ist die Durchführung einer Funkzellenabfrage unzulässig“, erklärte Kopelke. Erst mit der juristischen Anordnung können sich die Ermittler an die Mobilfunkanbieter wenden und eine Liste aller Mobilnummern verlangen, die in einem festgelegten Zeitraum in dieser speziellen „Zelle“ aktiv waren.
Der GdP-Bundesvorsitzende glaubt indes, dass es auch für bestimmte Fälle einer vorbeugenden Funkzellenauswertung bedürfe. Hierzu nennt er das folgende Beispiel: „Wenn jemand eine Straftat oder Suizid ankündigt, bedarf es zur Gefahrenabwehr einer Echtzeitanalyse.“ Dann müsse die Polizei sofort handeln dürfen. „Da sehe ich noch Handlungsbedarf beim Gesetzgeber“, so Kopelke.
Die Bundespolizei hat im vergangenen Jahr mehr Gewaltdelikte an Bahnhöfen und anderen Orten, wo sie für die Sicherheit zuständig ist, festgestellt. (Archivbild)

Die Bundespolizei hat im vergangenen Jahr mehr Gewaltdelikte an Bahnhöfen und anderen Orten, wo sie für die Sicherheit zuständig ist, festgestellt. (Archivbild)

Foto: Robert Michael/dpa

Kopelke: Mehr Schutz für Polizei benötigt

Auch der Schutz der Einsatzkräfte könne „noch verbessert werden“, meint Kopelke, etwa im Strafrecht. Dieses sollte für tätliche Angriffe auf Polizeibeamte „verschärft werden“.
Außerdem sieht er eine Lücke im Meldegesetz. Derzeit sei es relativ einfach, die Wohnadresse eines Polizisten über das Einwohnermeldeamt herauszufinden. Sinnvoll wäre seiner Ansicht nach, eine generelle Auskunftssperre für die Adressen von Polizisten zu verhängen. Eine für drei Jahre gültige Auskunftssperre sei derzeit nur möglich, wenn eine konkrete Bedrohung nachgewiesen werden kann.

KI verbessert Frühwarnung

Doch der GdP-Chef sieht überwiegend „viel Positives“ im jüngsten Gesetzesvorhaben für die Bundespolizei. So werde die Polizeiarbeit künftig effizienter möglich sein. Etwa an Bahnhöfen, wo die neue Hightech mittels KI dazu beitragen könne, Vermisste zu finden. KI könne auch erkennen, ob sich gerade ein Messerangriff anbahnt oder ob jemand einen Unfall erleidet.
Kopelke: „Noch während jemand am Bahnsteig zusammenbricht, hat die KI schon den Rettungsdienst alarmiert. Das spart wertvolle Minuten.“ Ein Pilotprojekt in Hamburg habe diese Frühwarnmöglichkeit erfolgreich getestet.
Kritikern, die befürchten, dass die deutsche Gesellschaft in eine orwellsche Totalüberwachung abgleiten könnte, hält der GdP-Chef entgegen: „Wir überwachen nicht. Wir bekommen mehr Befugnisse, um Gefahren schneller zu erkennen und abzuwehren zu können.“

Indienststellung der neuen Drohnenabwehreinheit in Blumberg-Aherensfelde, Brandenburg, mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (r.).

Foto: Matthias Kehrein/Epoch Times

Bundespolizei erhält Drohnenstaffeln

Ähnlich wie die Bundeswehr erhält die Bundespolizei künftig mehrere Drohnenstaffeln, die entweder aus der Luft einen bestimmten Raum aufklären oder als gefährlich identifizierte Drohnen abwehren sollen. Da die Bundespolizei über zahlreiche Standorte in ganz Deutschland verfügt, sei sie für diese Aufgabe am besten geeignet, erklärte Kopelke. Die Innenministerkonferenz sei sich darin einig gewesen, dass die Landespolizei diese Fähigkeit nicht übernehmen könnte.
Es gebe zudem im Drohnenbereich bereits eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Diese werde „im Amtshilfeverfahren“ in jenen Bereichen tätig, wo die Bundespolizei an ihre Grenzen stoße.
Als Beispiel nennt Kopelke: „Wenn eine oder mehrere gefährliche Drohnen in so großer Höhe aufgespürt werden, dass die Bundespolizei sie mit ihren technischen Mitteln nicht mehr erreichen kann, verfügt die Bundeswehr über Möglichkeiten, hier einzuspringen.“
Dafür wurde Anfang dieses Jahres das Luftsicherungsgesetz geändert. Außerdem hat die Innenministerkonferenz beschlossen, dass Bundeswehrvertreter zur besseren Abstimmung an deren Sitzungen teilnehmen.

Direktes Abhören am Telefon

Zu dem Vorwurf der Linken-Politikerin Bünger, die Bundesregierung führe einen „Saatstrojaner“ ein, erklärte der GdP-Chef: „Hier geht es um Telekommunikationsüberwachung an der Quelle.“
Wenn etwa ein verdächtiger Anrufer mittels Technik seine Stimme verzerren lasse, um seine Identität zu verschleiern, könne sich künftig die Bundespolizei „auf dessen Telefon draufschalten und die echte Stimme mithören“. Um dies zu erreichen, müsse zuvor eine Software auf das verdächtige Telefon aufgespielt werden. Dies könne „remote“ – also auf Distanz – erfolgen.
Sofern das neue Bundespolizeigesetz auch die Zustimmung im Bundesrat fände, „wäre diese Möglichkeit ein Riesenfortschritt in der Strafverfolgung“, zeigt sich Kopelke überzeugt.

Verbesserte Zurückweisung von Gefährdern

Der Kritik der Grünenabgeordneten Mihalic an der vorzeitigen Übermittlung von Passagierdaten von Flügen aus Drittstaaten hält Kopelke entgegen: Damit die Bundespolizei nicht erst bei der Passkontrolle auf mögliche Gefährder und Problemfälle stoße, sei die frühzeitige Vorabübermittlung der Passagierdaten hilfreich.
Damit bekomme die Bundespolizei die Möglichkeit, deren Einreise direkt zu verweigern und die betroffenen Personen in der Transitzone von Flughäfen unterzubringen. Dadurch werde die Zurückweisung und Rückführung dieser Personen in ihre Herkunftsländer „beträchtlich erleichtert“, so der GdP-Chef.
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„Genug gearbeitet“ – Mitarbeiter: Wenn Menschen Systeme spiegeln

„Warum denken die nicht mit?“ Diese Frage klingt nach Ärger. Manchmal ist sie berechtigt. Häufig ist sie unvollständig. Denn Menschen denken nicht im luftleeren Raum mit. Sie denken in Rahmenbedingungen, Rollen, Erlaubnissen, Erfahrungen und Konsequenzen.
Wenn Mitarbeiter passiv wirken, kann das viele Ursachen haben: zu wenig Klarheit, zu viel Kontrolle, schlechte Erfahrungen mit Vorschlägen, fehlende Entscheidungsspielräume oder eine Kultur, in der Fehler schneller bestraft werden als Lernen belohnt wird.
Das bedeutet nicht, dass Verhalten egal ist. Es bedeutet nur: Führung sollte Verhalten nicht zu früh als Charakterfrage behandeln.
Ein Unternehmer beklagte, dass sein Team keine Verantwortung übernehme. Im Gespräch stellte sich heraus: Jede Entscheidung musste am Ende doch noch einmal über seinen Tisch – nicht offiziell, aber praktisch. Das Team hatte gelernt: Selbstständigkeit lohnt sich nur begrenzt. Am Ende entscheidet ohnehin der Chef.
Der Wendepunkt war unbequem. Nicht das Team musste zuerst anders werden, sondern der Rahmen. Es wurden drei Entscheidungsräume definiert:
  • Das entscheidet das Team allein.
  • Hier wird informiert, aber nicht gefragt.
  • Hier braucht es vorher Abstimmung.
Nach wenigen Wochen wurde klar: Die Menschen waren nicht grundsätzlich unselbstständig. Sie waren trainiert auf Rückversicherung.
Genug gearbeitet. Genug daran gearbeitet, Symptome zu korrigieren, ohne das System anzusehen.
Führung bedeutet, die Wechselwirkung ernst zu nehmen. Was erzeugt unser System? Welche Verhaltensweisen belohnen wir unbewusst? Was bestrafen wir, obwohl wir es offiziell wollen?
Wenn Sie mehr Eigenverantwortung wollen, prüfen Sie:
  • Gibt es echte Entscheidungsspielräume?
  • Wird ein guter Versuch anerkannt, auch wenn er nicht perfekt war?
  • Sind Fehler Lernstoff oder Beweismaterial?
  • Wird Verantwortung wirklich übergeben oder nur Arbeit verteilt?
Gerade im Mittelstand ist diese Frage entscheidend. Viele Unternehmen sind aus der Kraft einzelner Personen gewachsen. Das ist eine Stärke. Aber ab einer bestimmten Größe wird dieselbe Stärke zum Engpass. Wenn alles am Inhaber hängt, lernen andere, danebenzustehen.
Der Satz „Die Menschen müssen mehr mitdenken“ ist erst dann fair, wenn das System Mitdenken auch zulässt.
Genug gearbeitet. Welches Verhalten Ihres Teams ist vielleicht weniger Widerstand als eine logische Reaktion auf Ihren Rahmen?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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Schwermetalle in Boden und Gärten: Wie viel Metall ist „zu viel“?


In Kürze:

  • Zahlreiche Böden sind durch Schwermetalle belastet, auch in Deutschland. Teils stammen sie aus der Natur, teils vom Menschen.
  • Einige Stoffe wie Eisen und Kupfer sind in geringen Mengen für unsere Gesundheit wichtig. Andere, wie Arsen oder Cadmium, sind schon in kleinen Mengen schädlich.
  • Im Regelfall werden die Gesamtkonzentrationen gemessen, doch nicht alles, was im Boden ist, kann freigesetzt werden.
  • Teure Sanierungen, etwa durch Bodenaustausch, könnten durch Beachtung der sogenannten Bioverfügbarkeit reduziert werden.
  • Im Garten kann die Auswahl der richtigen Obst- und Gemüsesorten die Belastung für den Menschen senken.

 
In vielen Köpfen hat sich festgesetzt: Schwermetalle sind böse und müssen weg. Boden wird ausgetauscht und als Sondermüll deklariert. Es wird teuer saniert, was mit Cadmium oder Blei, Kobalt oder Arsen, Kupfer oder Zink belastet sind. Dabei sind Kupfer und Zink sogar in geringen Mengen lebenswichtig für den menschlichen Körper. Kobalt auch.
Die Frage, die gestellt werden muss, ist daher: Wie viel Metall ist „zu viel“? Denn entscheidend ist nicht nur die bloße Masse der Metalle, sondern ihre biologische Verfügbarkeit.
Zu diesem Ergebnis kam der Professor Willie Peijnenburg von der Universität Leiden und dem Nationalen Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt in den Niederlanden. Er sagte:
„Metallverschmutzung im Boden ist ein echtes globales Problem, aber Entscheidungen über Lebensmittelsicherheit, Aufräumarbeiten und Wiederverwendung von Land müssen auf dem Teil der Metalle basieren, den Organismen wirklich aufnehmen können, nicht nur auf den Zahlen in den Schlagzeilen.“
Im Boden würden Schwermetalle oft in großen Mengen gemessen. Deutschland ist hier keine Ausnahme. Doch das Risiko, das Menschen, die Umwelt und Feldfrüchte dadurch tatsächlich haben, werde oft überschätzt, so der Chemiker und Umwelttoxikologe.

Bodenchemie rückt ins Zentrum

An vielen Orten gebe es hohe Belastungswerte, so Peijnenburg. Jedoch sei die biologische Gefahr gering, da die Metalle fest an Bodenpartikel gebunden seien, auf die Organismen nicht leicht zugreifen können. Teilweise seien sie auch in mineralischen Formen eingeschlossen.
An anderen Orten könnten hingegen bereits geringe Schwermetallbelastungen zum Thema werden, wenn die Bodenchemie Metalle mobil macht und diese leicht von Nutzpflanzen oder Bodenlebewesen aufgenommen werden.
Das Risiko hängt stark vom pH-Wert des Bodens, seiner mineralischen Zusammensetzung, organischen Substanzen, den Sauerstoffbedingungen und der Aktivität der Mikroorganismen ab. Dabei agieren Humusböden anders als Sand-, Ton- oder Lehmboden.
Der Forscher durchforstete die Fachliteratur zu zahlreichen chemischen und biologischen Methoden, um diese komplexe Chemie in praktikable Daten zu verwandeln. Anhand der Ergebnisse früherer Pflanzenwachstumstests, Regenwürmern, mikrobiellen und auch Enzymaktivitätsmessungen ordnete er ein, welche Bodenmetalle tatsächlich aufgenommen werden.

Was sind Schwermetalle?

Chemisch gesehen sind Schwermetalle Stoffe mit relativ hoher Dichte, von, in der Regel, über 5 Gramm pro Kubikzentimeter. Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Im Zusammenhang mit Medizin und Umwelt sind hingegen oft Metalle gemeint, die in höheren Mengen gesundheitsschädlich oder belastend sein können.
Im Allgemeinen werden Blei, Cadmium, Chrom, Kobalt, Kupfer, Nickel, Quecksilber, Zink sowie Arsen als Schwermetalle betrachtet. Chemisch gesehen ist Arsen ein Halbmetall, wird aber oft im gleichen Atemzug mit Schwermetallen genannt. Auch Gold, Eisen, Uran und Bismut werden hinzugezählt.
Forscher vieler Nationen und Institute beschäftigen sich mit diesen Themen, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit den gesundheitlichen Wirkungen, die Giftstoffagentur der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde mit den toxikologischen Profilen, die Internationale Krebsforschungsagentur der WHO mit der Krebsrisikoeinstufung, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit in Bezug auf Ernährung und zulässige Grenzwerte sowie die US-Umweltbehörde mit der industriellen Nutzung und der Exposition.
Nicht alle Schwermetalle sind dabei grundsätzlich schädlich, einige sind sogar essenziell für den Menschen: Eisen, Zink, Kupfer, Mangan und Kobalt werden in kleinen Mengen vom menschlichen Körper benötigt. Problematischer sind Blei, Quecksilber und Cadmium, die bereits in geringen Mengen als gesundheitlich bedenklich gelten.

Intelligente Sanierung soll Kosten sparen

Peijnenburg kam zu dem Fazit, dass die Konzentration auf die Bioverfügbarkeit zu intelligenterer Sanierung führen kann. Er sieht die Vorteile auch in realistischeren Bodenstandards, einem besseren Schutz der Ernährungssicherheit und der Gesundheit des Ökosystems.
Er plädiert für den Einsatz von Bioverfügbarkeitstests, um unnötigen Bodenaushub bei Projekten zur städtischen Flächenentwicklung zu vermeiden. Ein von ihm erstellter Entscheidungsbaum soll Praktikern und Politikern die künftigen Risikobewertungen erleichtern.
„Ziel war es, jahrzehntelange Forschung in eine praktische Toolbox zu übersetzen, die Wissenschaftler, Berater und Regulierungsbehörden tatsächlich in diesem Bereich anwenden können“, sagt er.

Blei auf Salat, Arsen im Reis

Welche Auswirkungen sind bekannt? Cadmium ist im Boden relativ mobil, in sauren Böden stärker löslich und für Pflanzen verfügbar. Blei wird hingegen nur sehr gering von Pflanzenwurzeln aufgenommen. Das Problem von bleibelasteten Nahrungsmitteln ist oft eher ein Staubproblem und damit ein Luftproblem. So können etwa Blattsalate durch Staub höher mit Blei belastet sein. Das hat auch historische Gründe.
In Deutschland wurde verbleites Benzin 1988 und bleihaltiges Superbenzin 1996 verboten, in der EU kam das endgültige Verbot im Jahr 2000. Seither hat sich die Belastung vor allem für städtische Kleingärtner verringert.
Kupfer bindet sich seinerseits stark an Humus, ist dann aber nur gering mobil. Von Pflanzen wird Kupfer nur geringfügig aufgenommen, allerdings schädigt es in hohen Mengen Bodenmikroorganismen und Regenwürmer. Blei und Kupfer werden überwiegend im Oberboden fest gebunden und verbleiben dort über eine lange Zeit, teils Jahrzehnte.
Gefährlich bleibt Arsen, das sich einerseits an Eisenoxide bindet und andererseits bei Sauerstoffmangel aktiver werden kann. Es ist stark abhängig von Redoxbedingungen, Phosphat und dem Wasserstand. Das Problem ist besonders im Reisanbau bekannt, wo Felder längere Zeit unter Wasser stehen. Dort kann es von Pflanzen aufgenommen werden oder auch ins Grundwasser gelangen.

Drei konkrete Beispiele: Cadmium, Blei, Arsen

Was tun, wenn man einen Garten hat? Ein Blick auf drei belastende Schwermetalle.
Cadmium als Lebensmittelproblem
Cadmium nehmen Menschen am häufigsten über Tabakrauch auf. Es ist aber auch in Farben und Akkus enthalten. Es wird nur sehr langsam ausgeschieden und reichert sich im Körper an. Es schädigt Nieren und führt langfristig zur Entkalkung von Knochen (Osteoporose, Knochenbrüche).
Prinzipiell können fast alle Pflanzen Cadmium aufnehmen. Viele Pflanzen „halten“ das Cadmium jedoch in den Wurzeln fest und transportieren es nur begrenzt in die Früchte. Eine der Pflanzen, die am stärksten Cadmium aufnimmt, ist Tabak. Es folgen Blattgemüse wie Salat oder Spinat, Kohlarten, Sellerie – und auch Sonnenblumen. Bei Getreide und Obst sind die Cadmiumgehalte meist sehr niedrig.
Obwohl die Bioverfügbarkeit von Cadmium in sauren Böden höher ist, sind so auch Kulturheidelbeeren kaum betroffen. Die Beeren enthalten in der Regel nur geringe Mengen. In den Blättern ist mehr zu finden.
Tipp für den Garten: Höhere Cadmiumwerte im Boden können durch Untersuchungen von Bodenproben in einem Umwelt- oder Landwirtschaftslabor festgestellt werden. Wenn gegeben, lohnt es sich, am Boden-pH-Wert anzusetzen. Ein pH-Wert im neutralen Bereich von etwa 6,5 bis 7 und eine passende Bepflanzung können das gesundheitliche Risiko reduzieren.
Blei – mögliche Altlast in Stadtgärten
Blei, das in alten Wasserleitungen vorkommt, in Batterien, Farben und auch Munition, ist giftig für das Nervensystem und das Gehirn. Es kann bei Kindern zu Entwicklungsschäden im Gehirn führen.
Humus und Tonminerale binden Blei sehr gut, das bedeutet aber nicht, dass Kompost grundsätzlich Blei enthält. Nur dann, wenn das Ausgangsmaterial belastet war – durch Straßenstaub, Industrie oder belastete Pflanzenreste –, kann auch der Kompost erhöhte Bleigehalte haben.
Pflanzen können geringe Mengen Blei aufnehmen, allerdings wird es stark in der Wurzel zurückgehalten und nur schlecht über das Leitgewebe der Pflanze transportiert. Höhere Gehalte finden sich in Salaten und Kräutern, hier jedoch vor allem aufgrund Staubbelastung über die Luft, mittlere in Möhren, Rote Bete oder Sellerie, sehr geringe in Früchten wie Äpfeln, Birnen, Tomaten oder Gurken.
Tipp für den Garten: In älteren innerstädtischen Gärten oder in der Nähe ehemaliger Industrieanlagen gibt es häufig noch erhöhte Bleigehalte. Sie stammen aus den 1950er- bis 1980er-Jahren. Der Gemüseanbau ist hier nur bedingt empfehlenswert, ein Obstgarten ist weniger empfindlich.
Arsen und das Sauerstoffproblem
Arsen kommt natürlich in manchen Gesteinen sowie im Grundwasser vor und ist sehr giftig. Zu Arsenvergiftungen kommt es eher in der Industrie oder bei der Verarbeitung von Erzen. Es kann auch in historischen Holzschutzmitteln vorkommen.
Arsen reagiert stark auf Sauerstoffverhältnisse und damit anders als andere Schwermetalle. Es bindet sich zeitweise vor allem an Eisen- und Aluminiumoxide. Mobiler wird es, wenn ein Boden längere Zeit überflutet ist. Dann werden Eisenoxide chemisch reduziert und das gebundene Eisen wird frei. Daher spielt Arsen in Reisfeldern eine besondere Rolle. Auch bei starker Düngung mit Phosphor kann Arsen verdrängt werden, dann steigt ebenfalls die Konzentration im Boden.
Pflanzen wie Kartoffeln, Weizen, Mais oder Obst nehmen meist deutlich weniger auf. In Früchte gelangt Arsen nur selten. Im Boden hemmt Arsen Enzyme und Bakterien, Pilze und Regenwürmer.
Tipp für den Garten: Auf dauerhaft feuchten Böden baut sich schlecht Gemüse und Obst an. Wer damit zu kämpfen hat, könnte mit Hochbeeten und anderer Erde arbeiten oder überlegen, ob er den Boden trockenlegen kann.
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„Citizen Vigilante“: Warum die FSK den Film nur fürs Kino freigibt


In Kürze:

  • Die FSK hat „Citizen Vigilante“ für Kinovorführungen ab 18 Jahren freigegeben.
  • Für die Veröffentlichung im Home-Entertainment-Bereich erhielt der Film kein Kennzeichen, da eine Jugendgefährdung nicht ausgeschlossen werden konnte.
  • Regisseur Uwe Boll kritisiert die Entscheidung.

 
Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hat dem 2026 erschienenen Film „Citizen Vigilante“ von Uwe Boll ein Kennzeichen für die Kinoauswertung erteilt. Wie das Gremium Anfang der Woche entschied, dürfen deutsche Kinos die Produktion einem Publikum ab 18 Jahren zeigen. Bolls Unternehmen hatte zuvor eine entsprechende Freigabe für die Veröffentlichung im Kino beantragt.

FSK: Jugendgefährdung bei „Citizen Vigilante“ nicht auszuschließen

Wie die FSK mitteilt, hat der Appellationsausschuss für den Bereich Home Entertainment jedoch kein Kennzeichen erteilt. Dafür ist ein separates Prüfverfahren erforderlich. Streaming-Anbieter können Erwachsenen Filme ohne Kennzeichnung auf eigenes rechtliches Risiko zugänglich machen. Erst bei einer möglichen Indizierung durch die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz würden weitergehende Abgabe-, Werbe- und Vertriebsbeschränkungen gelten.
Eine Einstufung für den Home-Entertainment-Bereich erhielt „Citizen Vigilante“ nicht, weil der Appellationsausschuss eine einfache Jugendgefährdung durch den Film nicht ausschließen konnte. Nach Paragraf 14 des Jugendschutzgesetzes wird zwischen einfacher und schwerer Jugendgefährdung unterschieden.
Für Kinofilme ist grundsätzlich nur dann kein Kennzeichen vorgesehen, wenn sie aufgrund entsprechender Fachgutachten als schwer jugendgefährdend eingestuft werden müssten. Im Bereich Home Entertainment gelten aus Sicht des Jugendschutzes strengere Maßstäbe. Da Filme dort leichter in den privaten Bereich gelangen können, reicht bereits eine einfache Jugendgefährdung aus, um kein Kennzeichen zu erhalten.

Produktion könnte „Desensibilisierung oder Desorientierung Jugendlicher“ bewirken

Der Appellationsausschuss der FSK konnte eine einfache Jugendgefährdung nicht ausschließen. Begründet wurde dies damit, dass „Citizen Vigilante“ nach Einschätzung des Gremiums „Gewaltsequenzen eindrücklich bebildert und vertont und Selbstjustiz als probates Mittel gegen kriminelle Gewalt inszeniert“. Dadurch könne eine Desensibilisierung oder Desorientierung Jugendlicher nicht ausgeschlossen werden.
Der in Kroatien gedrehte Film „Citizen Vigilante“ wird vielfach als Adaption bekannter Selbstjustiz-Thriller wie „Death Wish“ eingeordnet. Der US-Verleiher Quiver vertreibt die Produktion in den USA. Der nach Vorwürfen psychischer und sexueller Gewalt öffentlich umstrittene US-Schauspieler Armie Hammer spielt darin einen wohlhabenden Amerikaner. Dieser kommt zu der Überzeugung, dass der Rechtsstaat nicht mehr in der Lage sei, Kriminalität und Korruption ausreichend zu bekämpfen. Daraufhin entscheidet er sich, Selbstjustiz gegen Kriminelle und korrupte Beamte auszuüben.
Auffällig ist, dass schwere Gewaltkriminalität im Film überwiegend Einwanderern zugeschrieben wird. Regisseur Boll erklärte selbst, dass diese Darstellung aus seiner Sicht nicht zufällig sei. In einem offenen Brief an mehrere Selbstkontrollorgane der Filmbranche nahm er Bezug auf einen Vergewaltigungsfall an einer durch Alkohol in ihrer Urteilsfähigkeit beeinträchtigten 15-Jährigen in Hamburg. Im anschließenden Prozess erhielten mehrere Angeklagte, von denen einige keine deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, Bewährungsstrafen.

Regisseur Boll macht „alte woke Liberale“ für teilweise Freigabe-Verweigerung verantwortlich

Boll betrachtet diesen Fall offenbar als beispielhaft für die Situation in Europa. In einer Einblendung widmet er „Citizen Vigilante“ den „tausenden Opfern von Mord und Vergewaltigung in Europa“, die „von unseren Politikern, unserer Polizei und unseren Gerichten betrogen werden“. Zudem stellt der Regisseur eine mögliche Fortsetzung mit einem Schwerpunkt auf Europa in Aussicht.
Eine Anleitung oder Inspiration für rassistisch motivierte Gewalttaten sieht Boll in seinem Film dennoch nicht. Der Hauptcharakter werde nicht als klassische Identifikationsfigur dargestellt. Stattdessen erscheine er als „ein egoistischer und sehr reicher Geschäftsmann, der quasi aus Langeweile anfängt, die Justiz in die eigenen Hände zu nehmen“.
Der Regisseur zeigt sich trotz der Freigabe für Kinoaufführungen weiterhin unzufrieden. Er kritisiert die Entscheidung der Kommission und macht auf X deren Mitglieder dafür verantwortlich, dass der Film keine Freigabe für den Home-Entertainment-Bereich erhalten hat. Der Weg zu Streaming, Fernsehen und Blu-ray bleibt für „Citizen Vigilante“ in Deutschland damit weiterhin erschwert.
Auf Fachportalen wie „Rotten Tomatoes“ gehen die Einschätzungen weiterhin deutlich auseinander. Unter professionellen Filmkritikern erhielt „Citizen Vigilante“ mit 6 Prozent eine der niedrigsten Bewertungen der dort besprochenen Filme.
Vince Mancini vom „Content Report“ schreibt beispielsweise, den Film als „faschistische Propaganda“ zu bezeichnen, würde eine „Herabwürdigung kompetenter Propagandisten“ darstellen. Historische Werke wie „The Birth of a Nation“ oder „Triumph des Willens“ hätten trotz ihrer problematischen Botschaften einen künstlerischen Anspruch gehabt.

Kritiken von „Citizen Vigilante“ gehen weit auseinander

Demgegenüber erreicht der Film unter mehr als 2.500 Publikumsrezensionen eine Bewertung von 92 Prozent. Viele der positiven Bewertungen beziehen sich vor allem auf die politische Botschaft des Films und weniger auf künstlerische Kriterien. Zudem gibt es keine Rezension aus der sogenannten Verified Audience – also von Nutzern, deren Kinobesuch nachweislich bestätigt wurde. Möglich ist daher, dass sich unter den Rezensenten auch Personen befinden, die den Film über das Angebot Elon Musks 48 Stunden lang auf X ansehen konnten.
Doch auch im rechtskonservativen Spektrum selbst polarisiert „Citizen Vigilante“. Auf X feiern Nutzer den Film, weil er aus ihrer Sicht „die Wahrheit“ ausspreche oder eine realistische Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklungen liefere. David Boos vom „Leo Magazin“ ordnet den Film hingegen kritisch ein und stellt ihn in eine Reihe mit den „Ausländer raus“-Gesängen von Sylt oder Hitler-Provokationen von Kanye West. Er argumentiert, der Film könne der konservativen Rechten eher schaden. Boos schreibt auf seinem Blog:
„Das Einfache, das Niedrige, das Geschmacklose, das Hässliche – das kommt nicht von Gott. Das alles ist abstoßend, und es kann keinen überraschen, wenn speziell junge Menschen, die nach Sinn und Schönheit im Leben suchen, sich von dieser Rechten in Abscheu abwenden.“
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Charlie-Kirk-Prozess: Ex-Partner belastet mutmaßlichen Schützen schwer

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In Kürze:

  • Die Voranhörung im Mordfall Charlie Kirk ist beendet. Richter Tony Graf Jr. entscheidet nach den Schlussvorträgen am 1. September, ob der Fall zum Hauptverfahren zugelassen wird.
  • Ein früherer Lebensgefährte des Angeklagten, Tyler Robinson, belastete diesen schwer. Zudem präsentierte die Staatsanwaltschaft Überwachungsvideos, DNA-Spuren und Textnachrichten als Beweismittel.
  • Die Anklage sieht ein ideologische Motive für die Tat. Die Verteidigung bestreitet die Aussagekraft mehrerer Beweise und wendet sich gegen die Verwendung von Aussagen vom Hörensagen.

 
In der Voranhörung zur Anklage gegen den 23-jährigen Tyler Robinson hat dessen früherer Zimmergenosse und Lebensgefährte Lance Twiggs diesen schwer belastet. Robinson steht unter Verdacht, am 10. September des Vorjahres den konservativen Influencer Charlie Kirk während einer Veranstaltung an der Utah Valley University ermordet zu haben.
Am Freitag, 10. Juli, ist die Beweisaufnahme im sogenannten “Preliminary Hearing” (Voranhörung)  im Utah County Historic Courthouse in Provo, Utah, zu Ende gegangen. Für 1. September 2026 ist ein weiterer Termin für die Schlussvorträge angesetzt. Anschließend soll Richter Tony Graf Jr. darüber entscheiden, ob die Anklage zugelassen wird.

Lebensgefährte: Robinson hat Schüsse auf Charlie Kirk gestanden

Dann erst können eine formelle Anklage und das eigentliche Verfahren stattfinden, in dem es um Schuld oder Unschuld des Angeklagten geht. Derzeit entscheidet der Richter lediglich um eine hinreichende Beweisdichte für eine Anklage – also einen „Probable Cause“. Die mehrtägige Voranhörung vor dem Fourth District Court in Provo diente demnach ausschließlich der Prüfung, ob genügend Beweise für ein Hauptverfahren gegen Tyler Robinson vorliegen. Robinson selbst hat sich bislang noch nicht zu den Tatvorwürfen geäußert.
Der bisherige Anklagevorwurf lautet auf erschwerten Mord. Im Fall einer Verurteilung droht Robinson die Todesstrafe. Er soll – was in der Anhörung zur Sprache gekommen ist – gegenüber Dritten die Tat gestanden haben. Einer davon soll sein Vater gewesen sein, der ihn auf Videoaufnahmen erkannt und dazu überredet haben soll, sich zu stellen.
Ein anderer sei Lance Twiggs selbst. Im Zuge der Beweisaufnahme nahm das Gericht ein Video in Augenschein, in dem dieser sich gegenüber der Polizei geäußert hatte. Robinson habe Twiggs nach der Tat weinend erklärt, er bereue diese und wünschte, er hätte sie nicht begangen. Auch präsentierte die Staatsanwaltschaft Textnachrichten, die das Paar miteinander ausgetauscht hatte.

Tatverdächtiger soll „zu viel Hass“ als Tatmotiv genannt haben

In einer davon hatte Twiggs Robinson mit dem mutmaßlichen Mord an Kirk die Frage gestellt: „Du warst doch nicht der, der das getan hat, oder?!“ Daraufhin habe dieser geantwortet: „Ich war es. Es tut mir leid.“ Auch seinem Vater gegenüber soll er die Tat eingeräumt und darüber gesprochen haben, sich das Leben zu nehmen. Dieser konnte seinen Sohn mithilfe eines Geistlichen davon abbringen.
Seinem Vater gegenüber soll Robinson als Begründung geäußert haben, es gebe „zu viel Böses“ und Kirk verbreite „zu viel Hass“. Auch in den Nachrichten an Twiggs habe der Angeklagte geschrieben:
„Ich habe genug von diesem Hass. Mancher Hass kann nicht wegverhandelt werden.“
Kirk galt als vehementer Gegner identitätspolitischer Anliegen der LGBTQ*-Community. Bei Robinsons Lebensgefährten handelt es sich um eine Transgender-Person im Übergangsprozess, bisweilen nannte Lance Twiggs sich auch „Luna“. Derzeit ist der frühere Lebensgefährte von Robinson an einem entfernten Ort untergebracht. Obwohl es keine Hinweise darauf gibt, dass Twiggs in die Planungen des mutmaßlichen Mordes eingeweiht war, gilt er in seiner früheren Umgebung als nicht sicher.

Robinson soll LGBTQ*-Themen kaum angesprochen haben

Die Staatsanwaltschaft sieht ein mögliches ideologisches Motiv für die Tat. Twiggs erklärte, Robinson habe vor der Tat kaum über Politik oder LGBTQ*-Themen gesprochen. Auch Charlie Kirk habe er nie in besonderer Weise erwähnt. Die Aussagen von Twiggs gelten als Zeugenaussagen „vom Hörensagen“. Im Voranhörungsverfahren können solche in Utah im Vorverfahren verwertet werden, wenn sie als „verlässlich“ erscheinen. Im Hauptverfahren müsste die Staatsanwaltschaft jedoch auch andere Beweise präsentieren.
Dazu gehören Aufnahmen von Überwachungsvideos, welche die Anklage erstmals in diesem Verfahrensstadium vorlegte. Diese sollen Robinson am Tattag im zeitlichen Umfeld der tödlichen Schüsse zeigen. Eines lasse den Verdächtigen bei seiner Ankunft auf dem Campus erkennen. Spätere dokumentierten dessen Aufenthalt, einen Kleidungswechsel, einen Aufenthalt auf dem Dach des Losee Centers kurz vor der Tat sowie dessen Flucht.
Robinson soll nach der Tat in ein Waldstück gelaufen sein. Dort hatten Einsatzkräfte später ein Gewehr gefunden. An mehreren Gegenständen seien auch DNA-Spuren gefunden worden, die mit Robinson und Twiggs übereinstimmen. Eines davon sei ein Handtuch gewesen, das um das sichergestellte Gewehr gewickelt gewesen sei. Dazu komme ein Schraubenzieher in der Nähe des mutmaßlichen Schützenstandes auf dem Dach. Die Verteidigung versuchte, die Aussagekraft der DNA-Analysen anzuzweifeln und verwies auf modernere Untersuchungsmethoden.

Gravuren auf Patronen als mögliche Indizien für ideologisches Motiv für Mord an Charlie Kirk

Am Tatort fanden die Ermittler auch Patronen mit eingravierten Botschaften. Diese enthielten unter anderem antifaschistische Bezüge wie Anspielungen auf das Lied „Bella Ciao“. Dazu kamen Hinweise auf das Computerspiel „Hell divers 2“ und provokante Texte. Auch diese wertete die Anklagebehörde als Hinweis auf eine mögliche ideologische Motivation des Täters. Die Schüsse fielen, als Kirk gerade eine Frage nach „transsexuellen Tätern bei Amokläufen mit Waffen“ gestellt wurde.
Die Verteidigung wandte sich gegen die DNA-Beweise und die Verwendung von Aussagen „vom Hörensagen“. Zudem verlangte sie einen Ausschluss der Öffentlichkeit von Teilen der Aussage. Der Richter folgte den meisten Anträgen nicht. Allerdings untersagte er die Übertragung weiterer Beweisstücke, als es versehentlich einen persönlichen Brief Robinsons in den Livestream schaffte.
 
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„Systemsprenger“: Für sie gibt es keine hundertprozentige Lösung

Fünf vor sechs müssen sie aufstehen. Dann gibt es erst mal Frühsport. In erster Linie Liegestützen und Kniebeugen. Die Rede ist von Kindern und Jugendlichen im sogenannten „Trainingscamp“ im hessischen Diemelstadt.
Die Pädagogen dieser stationären Jugendhilfeeinrichtung sagen über die jungen Menschen, die zu ihnen kommen: Sie reagieren „auf Einmischungen von Eltern, Lehrern oder Erziehern misstrauisch, verängstigt, aggressiv und ablehnend“. Sie hätten „eine Richtung eingeschlagen, die sie selbst und andere in große Schwierigkeiten gebracht haben“. Dazu zählen Raubüberfälle, Drogen, Alkoholdelikte, Lügen, Erpressung von Mitschülern, Schule schwänzen und teils schwere Körperverletzungen an anderen.

Wenn alle Versuche scheitern

Für diese Gruppe Kinder und Jugendliche hat sich der Begriff „Systemsprenger“ eingebürgert. Inspiriert hat ihn der Erziehungswissenschaftler Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, der im Jahr 2010 das Buch „Kinder, die Systeme sprengen“ veröffentlichte. Der Untertitel des Buches sagt schon alles über den Inhalt aus: „Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern“.
Es geht um Kinder und Teenager, die „durch keine pädagogische oder therapeutische Maßnahme erreichbar erscheinen“ und die somit das therapeutische System „sprengen“.
Nicht immer richtet sich der Zorn und die Frustration der Jugendlichen gegen andere, sondern auch gegen sich selbst. Baumann schildert in seiner Studie einen besonders extremen Fall der Selbstverletzung, den ihm eine Gruppenleiterin einer Kinder- und Jugendwohngruppe berichtet hat.
Ein Junge hatte sich das Bein gebrochen. „Eines Tages stand er – wir haben da hinten einen Anbau mit einem Flachdach – und da stand er oben auf dem Dach. Und dann haben wir gesagt: ‚Komm runter‘, ne, ‚wir stellen dir jetzt ne Leiter wieder ran, und ich möchte, dass du hier wieder runter kommst,‘ und dann ist er mit einem Doppelsalto mit dem gebrochenen Bein im Gips vom Dach gesprungen. So nach dem Motto: ‚Ihr könnt mir gar nichts!‘“

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Angststörungen, Depression, Überaktivität

„Puzzle Inklusion“, ein privater pädagogischer Dienstleister in Hannover für Kinder, junge Erwachsene und deren Eltern, erklärt das Phänomen folgendermaßen: „Systemsprenger“ hätten „oft tiefe Bindungsprobleme, geringe Frustrationstoleranz und zeigen Ablehnung gegenüber Autoritäten.“
Als mögliche Gründe und Hintergründe für deren Verhalten führen die Pädagogen an: familiäre Belastungen wie häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder Suchterkrankungen. Hinzu kämen Missbrauch, Trennung von Bezugspersonen, ADHS, Depressionen, geringe Kontakte zu anderen und fehlende Freizeitangebote.
Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) berichtet in einem Faktenpapier aus dem Jahr 2020 zu „Psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen“ davon, dass in dieser Altersgruppe am häufigsten Angststörungen, Depression, Überaktivität sowie dauerhaft aufsässiges und aggressives Verhalten auftrete.
Die BPtK verweist zudem auf eine nicht näher genannte deutsche Studie mit 2.500 Befragten. Diese habe ergeben, dass „fast die Hälfte der Jugendlichen über 14 Jahre ein belastendes Kindheitserlebnis“ gehabt hätten, „zum Beispiel die Scheidung der Eltern oder Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch in der Familie“. Etwa 10 Prozent der Befragten hätten „von mehr als vier belastenden Erfahrungen in der Kindheit“ berichtet.
Jungen vor dem 15. Lebensjahr seien häufiger psychisch krank als Mädchen. Sie erkrankten „viereinhalbmal so häufig an ADHS, sie neigen stärker zu aggressivem und oppositionellem Verhalten, sie schwänzen häufiger die Schule oder laufen von zu Hause weg. Sie sind auch häufiger suchtkrank“, so die Psychotherapeutenkammer.

Billy the Kid in den Jahren 1879–80.

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„Billy the Kid“ und „Schinderhannes”

Systemsprenger sind keine Erscheinung der Neuzeit. Sie hat es offenbar schon immer gegeben. Die bekanntesten Beispiele dafür sind die Wildwest-Banditen „Bill the Kid“ und „Sundance Kid“ aus dem 19. Jahrhundert. Alleine der Zusatz „Kid“ verweist schon darauf, dass es sich bei diesen Gesetzlosen um Jugendliche gehandelt hat.
„Billy the Kid“ wurde nach zahlreichen Raubüberfällen und Morden mit rund 21 Jahren aus einem Hinterhalt erschossen. „Sundance Kid“ wurde zwar etwa 40 Jahre alt, verbüßte seine erste Haftstrafe aber bereits mit 20 Jahren.
Als deutsches Beispiel kann Johannes Bückler, besser bekannt unter dem Beinamen „Schinderhannes“, angeführt werden. Er wurde 1803 mit rund 24 Jahren hingerichtet, nachdem er zuvor im Hunsrück mindestens 211 Straftaten – von Diebstählen, Erpressungen bis zu mörderischen Raubüberfällen – begangen hatte. Er wurde mit etwa 16 Jahren erstmals wegen Diebstahls verhaftet.

Psychologischer Support für Pädagogen

Zurück in die Gegenwart. Baumann zufolge stellt die Altersgruppe der 13- bis 16-Jährigen „den mit Abstand größten Block“ unter den Systemsprengern. Er habe aber bereits für seine 2010-Studie mit 11- bis 13-jährigen Jugendlichen zu tun gehabt.
Für den Professor sei der Begriff „Systemsprenger“ keine Bezeichnung für ein Kind oder einen Jugendlichen mit bestimmten Eigenschaften. Sondern es ginge vielmehr um das „Prozessgeschehen“.
„Der Kinder- und Jugendhilfe gelingt es nicht, mit einem jungen Menschen ein Angebotsformat zu finden, das von allen Beteiligten als hilfreich angesehen wird“, so Baumann.
Wenn das System aber das Problem sein soll, was muss sich dann nach Meinung des Experten ändern?
Überraschenderweise nennt Baumann im Gespräch mit LOOP Kinderhilfe nicht an erster Stelle die Betroffenen, sondern die Pädagogen:
„Wir müssen in der Jugendhilfe viel, viel mehr in Mitarbeitersicherung, in emotionalen und psychologischen Support unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen investieren. Das muss der wesentliche Schwerpunkt sein“, so der Pädagoge. Die Fachberatung und das Coaching müssten „anders werden“, damit die Betreuer „in ihrer psychischen Gesundheit und ihrer Belastbarkeit“ erhalten werden.

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Kein „Export“ von Problemfällen

Und es bedürfe Baumanns Aussage nach einer „stärkeren Regionalisierung“. Er kritisiert, dass etwa im Jahr 2022 in Schleswig-Holstein für 6.500 Heimplätze 5.500 Kinder aus anderen Bundesländern zugewiesen wurden.
Er sagt: „Lasst uns den Import-/Export-Wahnsinn beenden und lasst uns stärker in die Regionalisierung gehen, zumindest in der Verantwortung. Es kann Sinn machen, ein Kind auch mal weiter weg unterzubringen, aber die Verantwortlichkeit muss in der Region bleiben“, so der Wissenschaftler. Dafür brauche es bessere Strukturen bei Jugendämtern und Jugendhilfeträgern.

Individuelle Betreuung oder Gemeinschaft?

Und er fügt hinzu: „Wir brauchen nicht mehr Spezialangebote, die bestimmte Phänomene bearbeiten.“ Vielmehr würden Pädagogen gebraucht, die bereit seien, „sich auf diesen einen Menschen einzulassen, der da vor ihnen steht. Wir brauchen mehr Individualität für den einzelnen Menschen“, fordert Baumann.
Das privat betriebene „Trainingscamp“ Diemelstadt verfolgt laut ihrer Website einen einzigartigen Ansatz mit jenen Jugendlichen, die oft nur noch die Wahl haben: Gefängnis oder Diemelstadt. Die Einrichtung in Nordhessen befindet sich abseits von größeren Ortschaften und ist umgeben von Wald und landwirtschaftlichen Flächen. „Diese Lage entlastet von vielen negativen Versuchungen und Gelegenheiten größere Städte“, beschreiben die Betreiber ihr Bootcamp.
Zwanzig Therapieplätze gibt es dort, ausschließlich für männliche Jugendliche, die für sechs Monate an dem Trainingsprogramm teilnehmen. Unterricht gibt es nicht, aber ein straffes Sportprogramm, Arbeitsprojekte, Gemeinschaftsleben sowie „Rituale“, mit denen Grenzen gesetzt werden.

Boxen und Mannschaftssport sollen helfen

So sollen etwa mittels Boxen und Mannschaftssportarten Disziplin und Fair Play vermittelt werden. Die „aggressiven Impulse“ der Jugendlichen sollen dadurch abgebaut werden. Als weiteres Ziel wird angegeben, „lernen Regeln einzuhalten, diszipliniert zu trainieren“ und sportliche Gegner zu respektieren.
Und dann? Viele der Jugendlichen hätten am Ende der Zeit im Trainingscamp „das Gefühl, fit und leistungsfähig zu sein. Sie sind motiviert, sich weiteren Herausforderungen zu stellen, ihre Schule wieder aufzunehmen, eine Ausbildung zu machen, die Situation in der Familie wieder zu verbessern“, beschreiben die Betreiber ihre Arbeit.

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„Erfolg ist eine Treppe, keine Tür“

Und dennoch werden laut einem Bericht von „RTL Hessen“ 50 Prozent rückfällig, wenn sie das Camp verlassen haben. Aber eine Rückfallquote von 50 Prozent ließe sich unterschiedlich bewerten: als Erfolg angesichts der Schwere der Fälle, mit denen die Einrichtung arbeitet, oder als Hinweis auf die Grenzen des Ansatzes.
Und in keiner Gesellschaft dieser Welt gelingt es, alle „verhaltensauffälligen“ Kinder und Teenager entsprechend ihren Bedürfnissen erfolgreich zu betreuen oder zu therapieren. Weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart oder in der Zukunft.
Wie mit dieser offenbar unlösbaren Situation umgegangen werden kann, dazu hatte etwa die 2007 verstorbene amerikanische Motivationstrainerin Dottie Walters eine klare Meinung: „Erfolg ist eine Treppe, keine Tür.“
Kummertelefon für Eltern:
Unter 0800 111 0550 erhalten Eltern kostenlose Beratung bei Erziehungsfragen.
Kummertelefon für Kinder und Jugendliche:
Unter 116 111 finden Kinder und Jugendliche ein offenes Ohr, wenn sie zu Hause Gewalt erleben oder andere Sorgen haben. Kostenlos und anonym.