Natur kann positiv auf gestresste Menschen positiv einwirken. Sie hilft aber auch dann, wenn Menschen nicht erschöpft sind. - Foto: Ruediger Lutz/iStock
In Kürze:
Forscher untersuchen seit Jahrzehnten vor allem, wie Natur Menschen nach Stress oder mentaler Belastung regeneriert.
Natur kann möglicherweise Aufmerksamkeit, Stimmung und Wohlbefinden auch ohne vorherige Erschöpfung fördern.
Die Forschungsergebnisse, wenn auch noch nicht zahlreich, haben weitreichende Bedeutung für den Alltag.
Sie legen nahe, dass Grünflächen nicht nur zur Erholung nach Belastungen beitragen, sondern jederzeit Konzentration, Resilienz und psychische Gesundheit fördern.
Ein Spaziergang im Park nach einem anstrengenden Tag gilt als klassisches Beispiel dafür, wie Natur beim Abschalten und Erholen helfen kann. Doch natürliche Umgebungen könnten noch mehr leisten: Sie fördern möglicherweise Stimmung und geistige Leistungsfähigkeit auch dann, wenn Menschen nicht zuvor gestresst oder erschöpft waren.
Zu diesem Schluss kommt eine im „Journal of Environmental Psychology“ veröffentlichte Übersichtsarbeit von zwei Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Für ihre Studie beschäftigten sie sich mit einem „blinden Fleck“ der bisherigen Forschung.
Die Umweltpsychologie untersucht seit Jahrzehnten die regenerativen Wirkungen der Natur: die Erholung von geistiger Erschöpfung, Stress oder negativen Emotionen durch den Aufenthalt in natürlichen Umgebungen.
Die Autorinnen der neuen Arbeit argumentieren, dass ein anderer Aspekt bislang kaum untersucht wurde: die Möglichkeit, dass Natur Menschen auch ohne vorherige Belastung durch sogenannte instorative Effekte stärken kann.
Gemeint sind Verbesserungen von Aufmerksamkeit, Stimmung oder Wohlbefinden, die von einem neutralen Ausgangszustand ausgehen und keine vorherige Erschöpfung voraussetzen.
1 / 3
Natur ist eine oft unterschätzte Ressource für die mentale Gesundheit des Menschen.
Foto: Smileus/iStock
2 / 3
Ob es die Weite der Natur ist, das Flüstern des Windes oder die Verbindung zur Schöpfung, die sie uns erahnen lässt – irgendetwas erdet die Menschen und gibt ihnen neue Kraft.
Foto: standret/iStock
3 / 3
Zwei Forscherinnen des Max-Planck-Institutes fanden heraus, dass es viel Forschung dazu gibt, wie Natur auf gestresste Menschen positiv einwirken kann, aber wenig darüber, welchen positiven Einfluss Natur auf “Ungestresste” hat.
Foto: PIKSEL/iStock
Ein wenig beachteter Aspekt
Für die Übersichtsarbeit werteten die beiden Wissenschaftlerinnen 54 Studien mit insgesamt 61 Experimenten aus, die die Wirkung natürlicher und städtischer Umgebungen auf kognitive Leistung, emotionale Zustände oder das subjektive Erholungsempfinden untersuchten. Dabei kategorisierten sie die Studien danach, ob die Untersuchung ohne vorherige Belastung stattfand, ob die Teilnehmer vor der Naturerfahrung gezielt einem Stressfaktor ausgesetzt wurden oder ob bereits die Studiendurchführung selbst eine mentale Belastung verursachte.
Die Analyse zeigt eine deutliche Schieflage: Der überwiegende Teil der untersuchten Studien befasste sich mit Erholung und Regeneration nach Stress oder mentaler Belastung. Nur wenige Studien untersuchten gezielt, ob Natur Aufmerksamkeit, Stimmung und Wohlbefinden auch ohne vorherige Beanspruchung fördern kann.
Die Grafik zeigt zwei mögliche Wirkungen von Naturerlebnissen. Die rote gestrichelte Linie stellt einen Leistungs- oder Stimmungseinbruch durch Stress dar. Nach dem Aufenthalt in der Natur (vertikale gestrichelte Linie) zeigt die blaue Kurve, wie sich Menschen von dieser Belastung erholen und wieder ihr normales Niveau erreichen. Die grüne Kurve verdeutlicht, dass Natur auch dann positive Effekte haben kann, wenn keine vorherige Belastung vorlag: Stimmung und geistige Leistungsfähigkeit können sich über das normale Ausgangsniveau hinaus verbessern.
Gleichzeitig berichteten diese Studien durchweg positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit und überwiegend positive Auswirkungen auf das emotionale Befinden. Aufgrund ihrer geringen Zahl weisen die Autorinnen jedoch darauf hin, dass die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden sollten.
„Die Umweltpsychologie ist seit vielen Jahren stark von der Frage geprägt, wie Natur Menschen nach Stress oder Erschöpfung hilft“, sagte Erstautorin Johanna Prugger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsbereich Umweltneurowissenschaften des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Weiter sagte sie:
„Unsere Analyse legt nahe, dass wir dadurch möglicherweise einen grundlegenderen Wirkmechanismus übersehen haben – nämlich, dass Natur menschliche Funktionen auch verbessern kann, wenn gar keine vorherige Belastung vorliegt.“
Die Autorinnen sehen daher erheblichen Forschungsbedarf. Zukünftige Studien sollten gezielt untersuchen, ob und unter welchen Bedingungen Natur die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden von Menschen steigern kann, ohne dass zuvor Stress oder Erschöpfung vorliegen.
Darüber hinaus seien präzisere theoretische Konzepte, neue Messinstrumente und alltagsnähere Untersuchungsdesigns nötig, um die unterschiedlichen Wirkungsweisen natürlicher Umgebungen besser voneinander abzugrenzen.
„Wir stehen erst am Anfang des Verständnisses, wie Natur auf den Menschen wirkt“, ergänzte Simone Kühn.
„Die Forschung hat bisher vor allem die Rolle von Natur als Erholungsraum betrachtet. Zukünftige Studien sollten der Frage nachgehen, ob Natur auch Ressourcen stärken und Menschen langfristig widerstandsfähiger gegenüber Belastungen machen kann“, so die Direktorin am Forschungsbereich Umweltneurowissenschaften des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung weiter.
Mehr Natur im Alltag
Die Ergebnisse könnten auch praktische Konsequenzen für die Gestaltung lebenswerter Städte haben. Wenn Natur nicht nur der Erholung dient, sondern auch Konzentration, Selbstregulation und psychische Widerstandskraft stärkt, gewinnt die Bedeutung von Grünflächen in Städten, Schulen und Arbeitsumgebungen zusätzlich an Gewicht.
Naturnahe Räume wären dann nicht nur Orte der Regeneration, sondern auch eine wichtige Ressource für die langfristige Förderung von Gesundheit, Wohlbefinden und mentaler Resilienz.
Systemsprenger, sind Kinder und Teenager, die „durch keine pädagogische oder therapeutische Maßnahme erreichbar erscheinen“. - Foto: klebercordeiro/stock
Fünf vor sechs müssen sie aufstehen. Dann gibt es erst mal Frühsport. In erster Linie Liegestützen und Kniebeugen. Die Rede ist von Kindern und Jugendlichen im sogenannten „Trainingscamp“ im hessischen Diemelstadt.
Die Pädagogen dieser stationären Jugendhilfeeinrichtung sagen über die jungen Menschen, die zu ihnen kommen: Sie reagieren „auf Einmischungen von Eltern, Lehrern oder Erziehern misstrauisch, verängstigt, aggressiv und ablehnend“. Sie hätten „eine Richtung eingeschlagen, die sie selbst und andere in große Schwierigkeiten gebracht haben“. Dazu zählen Raubüberfälle, Drogen, Alkoholdelikte, Lügen, Erpressung von Mitschülern, Schule schwänzen und teils schwere Körperverletzungen an anderen.
Wenn alle Versuche scheitern
Für diese Gruppe Kinder und Jugendliche hat sich der Begriff „Systemsprenger“ eingebürgert. Inspiriert hat ihn der Erziehungswissenschaftler Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, der im Jahr 2010 das Buch „Kinder, die Systeme sprengen“ veröffentlichte. Der Untertitel des Buches sagt schon alles über den Inhalt aus: „Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern“.
Es geht um Kinder und Teenager, die „durch keine pädagogische oder therapeutische Maßnahme erreichbar erscheinen“ und die somit das therapeutische System „sprengen“.
Nicht immer richtet sich der Zorn und die Frustration der Jugendlichen gegen andere, sondern auch gegen sich selbst. Baumann schildert in seiner Studie einen besonders extremen Fall der Selbstverletzung, den ihm eine Gruppenleiterin einer Kinder- und Jugendwohngruppe berichtet hat.
Ein Junge hatte sich das Bein gebrochen. „Eines Tages stand er – wir haben da hinten einen Anbau mit einem Flachdach – und da stand er oben auf dem Dach. Und dann haben wir gesagt: ‚Komm runter‘, ne, ‚wir stellen dir jetzt ne Leiter wieder ran, und ich möchte, dass du hier wieder runter kommst,‘ und dann ist er mit einem Doppelsalto mit dem gebrochenen Bein im Gips vom Dach gesprungen. So nach dem Motto: ‚Ihr könnt mir gar nichts!‘“
Foto: mactrunk/iStock
Angststörungen, Depression, Überaktivität
„Puzzle Inklusion“, ein privater pädagogischer Dienstleister in Hannover für Kinder, junge Erwachsene und deren Eltern, erklärt das Phänomen folgendermaßen: „Systemsprenger“ hätten „oft tiefe Bindungsprobleme, geringe Frustrationstoleranz und zeigen Ablehnung gegenüber Autoritäten.“
Als mögliche Gründe und Hintergründe für deren Verhalten führen die Pädagogen an: familiäre Belastungen wie häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder Suchterkrankungen. Hinzu kämen Missbrauch, Trennung von Bezugspersonen, ADHS, Depressionen, geringe Kontakte zu anderen und fehlende Freizeitangebote.
Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) berichtet in einem Faktenpapier aus dem Jahr 2020 zu „Psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen“ davon, dass in dieser Altersgruppe am häufigsten Angststörungen, Depression, Überaktivität sowie dauerhaft aufsässiges und aggressives Verhalten auftrete.
Die BPtK verweist zudem auf eine nicht näher genannte deutsche Studie mit 2.500 Befragten. Diese habe ergeben, dass „fast die Hälfte der Jugendlichen über 14 Jahre ein belastendes Kindheitserlebnis“ gehabt hätten, „zum Beispiel die Scheidung der Eltern oder Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch in der Familie“. Etwa 10 Prozent der Befragten hätten „von mehr als vier belastenden Erfahrungen in der Kindheit“ berichtet.
Jungen vor dem 15. Lebensjahr seien häufiger psychisch krank als Mädchen. Sie erkrankten „viereinhalbmal so häufig an ADHS, sie neigen stärker zu aggressivem und oppositionellem Verhalten, sie schwänzen häufiger die Schule oder laufen von zu Hause weg. Sie sind auch häufiger suchtkrank“, so die Psychotherapeutenkammer.
Billy the Kid in den Jahren 1879–80.
Foto: Gemeinfrei
„Billy the Kid“ und „Schinderhannes”
Systemsprenger sind keine Erscheinung der Neuzeit. Sie hat es offenbar schon immer gegeben. Die bekanntesten Beispiele dafür sind die Wildwest-Banditen „Bill the Kid“ und „Sundance Kid“ aus dem 19. Jahrhundert. Alleine der Zusatz „Kid“ verweist schon darauf, dass es sich bei diesen Gesetzlosen um Jugendliche gehandelt hat.
„Billy the Kid“ wurde nach zahlreichen Raubüberfällen und Morden mit rund 21 Jahren aus einem Hinterhalt erschossen. „Sundance Kid“ wurde zwar etwa 40 Jahre alt, verbüßte seine erste Haftstrafe aber bereits mit 20 Jahren.
Als deutsches Beispiel kann Johannes Bückler, besser bekannt unter dem Beinamen „Schinderhannes“, angeführt werden. Er wurde 1803 mit rund 24 Jahren hingerichtet, nachdem er zuvor im Hunsrück mindestens 211 Straftaten – von Diebstählen, Erpressungen bis zu mörderischen Raubüberfällen – begangen hatte. Er wurde mit etwa 16 Jahren erstmals wegen Diebstahls verhaftet.
Zurück in die Gegenwart. Baumann zufolge stellt die Altersgruppe der 13- bis 16-Jährigen „den mit Abstand größten Block“ unter den Systemsprengern. Er habe aber bereits für seine 2010-Studie mit 11- bis 13-jährigen Jugendlichen zu tun gehabt.
Für den Professor sei der Begriff „Systemsprenger“ keine Bezeichnung für ein Kind oder einen Jugendlichen mit bestimmten Eigenschaften. Sondern es ginge vielmehr um das „Prozessgeschehen“.
„Der Kinder- und Jugendhilfe gelingt es nicht, mit einem jungen Menschen ein Angebotsformat zu finden, das von allen Beteiligten als hilfreich angesehen wird“, so Baumann.
Wenn das System aber das Problem sein soll, was muss sich dann nach Meinung des Experten ändern?
Überraschenderweise nennt Baumann im Gespräch mit LOOP Kinderhilfe nicht an erster Stelle die Betroffenen, sondern die Pädagogen:
„Wir müssen in der Jugendhilfe viel, viel mehr in Mitarbeitersicherung, in emotionalen und psychologischen Support unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen investieren. Das muss der wesentliche Schwerpunkt sein“, so der Pädagoge. Die Fachberatung und das Coaching müssten „anders werden“, damit die Betreuer „in ihrer psychischen Gesundheit und ihrer Belastbarkeit“ erhalten werden.
Yuliia Kaveshnikova/iStock
Kein „Export“ von Problemfällen
Und es bedürfe Baumanns Aussage nach einer „stärkeren Regionalisierung“. Er kritisiert, dass etwa im Jahr 2022 in Schleswig-Holstein für 6.500 Heimplätze 5.500 Kinder aus anderen Bundesländern zugewiesen wurden.
Er sagt: „Lasst uns den Import-/Export-Wahnsinn beenden und lasst uns stärker in die Regionalisierung gehen, zumindest in der Verantwortung. Es kann Sinn machen, ein Kind auch mal weiter weg unterzubringen, aber die Verantwortlichkeit muss in der Region bleiben“, so der Wissenschaftler. Dafür brauche es bessere Strukturen bei Jugendämtern und Jugendhilfeträgern.
Individuelle Betreuung oder Gemeinschaft?
Und er fügt hinzu: „Wir brauchen nicht mehr Spezialangebote, die bestimmte Phänomene bearbeiten.“ Vielmehr würden Pädagogen gebraucht, die bereit seien, „sich auf diesen einen Menschen einzulassen, der da vor ihnen steht. Wir brauchen mehr Individualität für den einzelnen Menschen“, fordert Baumann.
Das privat betriebene „Trainingscamp“ Diemelstadt verfolgt laut ihrer Website einen einzigartigen Ansatz mit jenen Jugendlichen, die oft nur noch die Wahl haben: Gefängnis oder Diemelstadt. Die Einrichtung in Nordhessen befindet sich abseits von größeren Ortschaften und ist umgeben von Wald und landwirtschaftlichen Flächen. „Diese Lage entlastet von vielen negativen Versuchungen und Gelegenheiten größere Städte“, beschreiben die Betreiber ihr Bootcamp.
Zwanzig Therapieplätze gibt es dort, ausschließlich für männliche Jugendliche, die für sechs Monate an dem Trainingsprogramm teilnehmen. Unterricht gibt es nicht, aber ein straffes Sportprogramm, Arbeitsprojekte, Gemeinschaftsleben sowie „Rituale“, mit denen Grenzen gesetzt werden.
So sollen etwa mittels Boxen und Mannschaftssportarten Disziplin und Fair Play vermittelt werden. Die „aggressiven Impulse“ der Jugendlichen sollen dadurch abgebaut werden. Als weiteres Ziel wird angegeben, „lernen Regeln einzuhalten, diszipliniert zu trainieren“ und sportliche Gegner zu respektieren.
Und dann? Viele der Jugendlichen hätten am Ende der Zeit im Trainingscamp „das Gefühl, fit und leistungsfähig zu sein. Sie sind motiviert, sich weiteren Herausforderungen zu stellen, ihre Schule wieder aufzunehmen, eine Ausbildung zu machen, die Situation in der Familie wieder zu verbessern“, beschreiben die Betreiber ihre Arbeit.
Foto: Yuliia Kaveshnikova/iStock
„Erfolg ist eine Treppe, keine Tür“
Und dennoch werden laut einem Bericht von „RTL Hessen“ 50 Prozent rückfällig, wenn sie das Camp verlassen haben. Aber eine Rückfallquote von 50 Prozent ließe sich unterschiedlich bewerten: als Erfolg angesichts der Schwere der Fälle, mit denen die Einrichtung arbeitet, oder als Hinweis auf die Grenzen des Ansatzes.
Und in keiner Gesellschaft dieser Welt gelingt es, alle „verhaltensauffälligen“ Kinder und Teenager entsprechend ihren Bedürfnissen erfolgreich zu betreuen oder zu therapieren. Weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart oder in der Zukunft.
Wie mit dieser offenbar unlösbaren Situation umgegangen werden kann, dazu hatte etwa die 2007 verstorbene amerikanische Motivationstrainerin Dottie Walters eine klare Meinung: „Erfolg ist eine Treppe, keine Tür.“
Kummertelefon für Eltern:
Unter 0800 111 0550 erhalten Eltern kostenlose Beratung bei Erziehungsfragen.
Kummertelefon für Kinder und Jugendliche:
Unter 116 111 finden Kinder und Jugendliche ein offenes Ohr, wenn sie zu Hause Gewalt erleben oder andere Sorgen haben. Kostenlos und anonym.