Vor drei Wochen kam Herr K., ein 78-jähriger Patient, erstmals in meine Praxis. Er wirkte müde, fahrig, und seine Schritte waren unsicher. Als er sich setzte, legte er mir eine lange Liste auf den Tisch – zwölf verschiedene Medikamente, verordnet von fünf unterschiedlichen Ärzten.
Während er sprach, fiel auf, wie oft er nach Worten suchte. Außerdem klagte er über Schwindel, Muskelschmerzen und Gedächtnisprobleme. Man hatte ihm erklärt, das sei „eben das Alter“. Doch schnell wurde mir klar, dass es nicht nur das Alter war, sondern die Last einer unkoordinierten Polypharmazie.
Der Begriff Polypharmazie bedeutet, dass ein Patient mindestens fünf verschiedene Medikamente gleichzeitig einnimmt. Bei vielen älteren Menschen, wie auch im Fall von Herrn K., ist die Medikamentenanzahl sogar im zweistelligen Bereich.
Als ich ihn fragte, wann zuletzt jemand seine gesamte Medikamentenliste überprüft habe, sah er mich überrascht an. „Noch nie“, sagte er.
Und obwohl er eine Liste besaß, stellte sich im Gespräch heraus, dass er zwei Tabletten mit identischem Aussehen, aber unterschiedlicher Stärke verwechselte. Er nahm seit Wochen die doppelte Dosis eines Blutdrucksenkers, weil die neue Packung anders aussah, als die alte.
Die stille Epidemie der Polypharmazie
Polypharmazie ist längst zu einem strukturellen Problem geworden. Millionen ältere Menschen in Deutschland nehmen täglich fünf, zehn oder mehr Medikamente ein. Die Verschreibungen stammen aus verschiedenen Praxen, oft ohne Rücksprache, und die Patienten selbst können die komplexen Pläne kaum überblicken.
Wissenschaftlich ist die Problematik seit Jahren klar dokumentiert. Studien belegten, dass ältere Patienten mit mehr als fünf Medikamenten ein deutlich erhöhtes Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen haben. Viele dieser Wechselwirkungen bleiben unentdeckt, weil die behandelnden Ärzte voneinander nichts wissen.
Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigen außerdem: Ältere Menschen nehmen oft Medikamente ein, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchen.
Aus reiner Gewohnheit wird die Behandlung oft nicht angepasst. Das führt dazu, dass Patienten jahrelang Medikamente nehmen, die ihnen kaum noch helfen, aber trotzdem Nebenwirkungen haben.
Wenn Medikamente sich gegenseitig stören
In meiner täglichen Arbeit sehe ich oft, wie Medikamente miteinander konkurrieren, sich verstärken oder neutralisieren.
Schwindel ist beispielsweise eine häufige Folge, wenn Blutdrucksenker und Schlafmittel in Kombination verordnet werden. Ein weiteres Beispiel ist Muskelschwäche, die durch Statine ausgelöst werden kann. Statine können wiederum mit Protonenpumpenhemmern, die typischerweise bei Sodbrennen eingesetzt werden, interagieren und langfristig zu Nährstoffmängeln führen.
Die Altersforschung bestätigt diese Beobachtungen. Besonders eindrücklich war dazu eine Studie die 2014 im „Journal of the American Geriatrics Society“ veröffentlicht wurde. Sie zeigte, dass unkoordinierte Polypharmazie signifikant mit Stürzen, Delirien und Krankenhausaufenthalten korreliert. Psychopharmaka und Schlafmittel erhöhen das Risiko dabei laut den Studienautoren besonders stark.
Eine weitere Untersuchung von schwedischen Forschern dokumentierte, dass die Zahl der verordneten Medikamente mit dem Alter steigt und das Risiko für Beschwerden durch Polypharmazie zunimmt, während die Kommunikation zwischen Ärzten abnimmt.
Verschiedene Studien weisen zudem darauf hin, dass Patienten mit komplexen Medikamentenplänen häufiger Einnahmefehler machen, nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Einnahmepläne für sie nicht klar verständlich sind.
Die ganzheitsmedizinische Perspektive verfolgt deshalb den Ansatz, jede Medikamentenverordnung kritisch zu prüfen. Besonders relevant sind dabei wissenschaftliche Untersuchungen der kanadischen Professorin Dee Mangin. Sie zeigte, dass das gezielte Absetzen unnötiger Medikamente die Belastung der Patienten reduzieren und Nebenwirkungen durch Arzneimittel vermindern kann.
Ohne Transparenz wird jede zusätzliche Tablette zum Risiko
Der wichtigste Schritt gegen die stille Epidemie der Polypharmazie ist Transparenz. Meine Empfehlung ist: Jede ältere Person sollte eine vollständige, aktuelle Medikamentenliste haben und sie bei jedem Arztbesuch vorlegen.
Ebenso wichtig ist es, die tatsächlichen Tabletten regelmäßig zu überprüfen – Farbe, Form, Stärke, Hersteller. Ein genauer Blick auf die Packung kann verhindern, dass Verwechslungen passieren und falsche Dosen eingenommen werden.
Mut spielt ebenfalls eine Rolle: Fragen Sie Ihren Arzt, ob jedes Medikament wirklich noch notwendig ist. Viele Präparate werden aus Routine weitergegeben, obwohl sie möglicherweise keinen Nutzen mehr haben.
Fazit
Polypharmazie ist eine stille, aber gefährliche Epidemie. Sie entsteht durch Zeitmangel, fehlende Abstimmung zwischen verschiedenen Fachärzten und die zunehmende Komplexität der medizinischen Versorgung.
Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass Beschwerden älterer Menschen nicht immer nur durch Krankheiten, sondern auch durch die unkoordinierte oder fehlerhafte Einnahme verschiedener Medikamente verursacht werden können.
Zeit für Gespräche, Zeit für Verständnis, Zeit für echte medizinische Begleitung. Genau diese Zeit brauchen Ärzte, um ältere Menschen sicher durch komplexe Therapiepläne zu führen und ihnen damit ein Stück Lebensqualität zurückzugeben.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.





