Categories
ticker vital

Abnehmtablette kommt in deutsche Apotheken – Ein Überblick

Erstmals soll ein Medikament zum Abnehmen in Deutschland in Form von Tabletten in die Apotheken kommen. Als Abnehmspritze gibt es das Medikament mit dem Wirkstoff Semaglutid (Handelsname Wegovy) schon länger. Einige der wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Ab wann sind die Abnehmtabletten in Deutschland verfügbar?

Die Markeinführung in Deutschland für 1. September geplant, wie eine Sprecherin der des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk dpa mitteilte. „Wir haben ausreichend Ware verfügbar, um die erwartete Nachfrage zu bedienen.“
Novo Nordisk ist auch Hersteller von Abnehmspritzen. Die Europäische Union hatte die Zulassung für die Wegovy-Tabletten im Juli erteilt.

Für wen kommt das Medikament infrage?

Zugelassen sind die Tabletten für Menschen mit Adipositas oder Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung. Betroffene brauchen dafür ein Rezept vom Arzt, einfach so bekommt man das Medikament in der Apotheke nicht.
Die Kosten müssen Patienten in Deutschland bislang selbst tragen. Abnehmmittel gelten in Deutschland als sogenannte Lifestyle-Arzneimittel und sind daher keine Leistung der Krankenkasse.
Bislang kostete die Behandlung mit den Abnehmspritzen einige Hundert Euro pro Monat. Es gibt Diskussionen darüber, ob die Behandlung für bestimmte Patientengruppe mit Adipositas doch zur Kassenleistung werden sollte.
Anders ist es bei Menschen mit Typ-2-Diabetes: Für sie wird die Behandlung mit Semaglutid unter dem Produktnamen Ozempic von der Krankenkassen übernommen.
Laut Daten des Statistischen Bundesamtes von 2025 sind in Deutschland 17,9 Prozent der Erwachsenen adipös. (Symbolbild)

Laut Daten des Statistischen Bundesamtes von 2025 sind in Deutschland 17,9 Prozent der Erwachsenen adipös. (Symbolbild)

Foto: Jan Woitas/dpa

Wie wirken die Tabletten?

Genauso wie die Abnehmspritzen enthalten die Tabletten Wirkstoffe aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten (GLP-1-RA). Die Wirkstoffe signalisieren dem Gehirn, dass gegessen wurde, wodurch ein Sättigungsgefühl entsteht.
Außerdem bleibt die Nahrung länger im Magen, was das Sättigungsgefühl zusätzlich verlängert. Die Patienten essen also insgesamt weniger und nehmen dadurch ab.
Die Effekte auf das Gewicht seien vergleichbar, sagte Endokrinologin Nina Meyer von der Berliner Charité bei einem Presse-Briefing des Science Media Centers (SMC).
Der wesentliche Vorteil sei, dass Patienten nun die Wahl hätten, ob sie Spritzen oder Tabletten bevorzugten. Manche hätten zum Beispiel Angst vor Spritzen. Am Ende sei es eine Frage der Präferenz.

Und wo gibt es Unterschiede?

Unterschiede gibt es vor allem bei der Anwendung und der Dosierung. Die Spritze muss nur einmal pro Woche angewandt werden, die Tablette hingegen muss jeden Morgen genommen werden.
Vor der Einnahme der Tablette sollen Patienten mindestens acht Stunden nicht gegessen haben und dürfen danach 30 Minuten lang kein Essen, Trinken oder andere Medikamente zu sich nehmen, wie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) informiert.
Außerdem ist die Dosis der Tabletten deutlich höher. Das liegt daran, dass Magen und Dünndarm nur einen sehr kleinen Anteil der Wirkstoffmenge aufnehmen, wie Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technische Universität München, erklärte. „Sie brauchen vom gleichen Wirkstoff 70-mal so viel, wenn Sie das in Tablettenform geben, als wenn Sie das spritzen.“
Endokrinologin Meyer ergänzte, die Spritzentherapie könne bis maximal 2,4 Milligramm hochdosiert werden, für die Tabletten werde eine Dosierung von 25 Milligramm als Maximaldosis verfügbar sein.
Um Gewicht zu verlieren, reicht kein Abnehmmedikament allein. Ernährung und Sport spielen eine wichtige Rolle. (Symbolbild)

Um Gewicht zu verlieren, reicht kein Abnehmmedikament allein. Ernährung und Sport spielen eine wichtige Rolle. (Symbolbild)

Foto: Jan Woitas/dpa

Wie groß ist der Effekt?

Studienergebnissen zur Abnehmspritze hatten gezeigt, dass Versuchsteilnehmer durch Semaglutid durchschnittlich etwa 11 bis 17 Prozent abnehmen. Die Gewichtsabnahme liege bei etwa 10 bis 12 Kilo, so Hauner. Experten betonen jedoch, dass das Medikament allein nicht reiche, um das Gewicht dauerhaft zu halten.
„Es ist keine alleinstehende Therapie“, erklärte Meyer, die Leiterin des Ernährungsteams und der Endokrinologie am interdisziplinären Adipositaszentrum der Charité ist. Wichtig sei eine ärztliche Begleitung sowie Therapien für Ernährung, Bewegung und Verhalten.
Eine britische Studie zu Abnehmspritze, die im März veröffentlicht wurde, hatte gezeigt, dass Patienten nach dem Absetzen schnell wieder zunehmen, womöglich aber etwa ein Viertel des Gewichtsverlusts längerfristig bewahren. Demnach seien ein Jahr nach Therapiestopp durchschnittlich 60 Prozent des verlorenen Gewichts wieder drauf gewesen.

Gibt es Nebenwirkungen?

Es können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Verstopfen auftreten, so Meyer. Bisherige Studien zu Abnehmmitteln mit GLP-1-RA hätten gezeigt, dass die Nebenwirkungen meist mild bis moderat und selten schwer sind.
Die Wegovy-Abnehmspritze gibt es in Deutschland seit Juli 2023. (Symbolbild)

Die Wegovy-Abnehmspritze gibt es in Deutschland seit Juli 2023. (Symbolbild)

Foto: Steffen Trumpf/dpa

Was sagen die Experten zu Online-Angeboten für die Abnehmpille?

Hauner und Meyer sehen Online-Angebote sehr kritisch. Es gebe keine gute ärztliche Betreuung, in der Regel gehe es den Anbietern darum, Geld zu machen, sagte Hauner. Auch die ABDA warnt vor „dubiosen Online-Angeboten“.
„Arzneimitteltherapiesicherheit entsteht nicht durch Klicks im Internet, sondern durch persönliche Beratung und pharmazeutische Kontrolle“, teilte ABDA-Präsident Thomas Preis mit.
„Wer den Eindruck erweckt, solche Therapien ließen sich per Mausklick organisieren, verkennt die Verantwortung gegenüber den Patientinnen und Patienten.“ Eine persönliche und qualifizierte Beratung in einer Apotheke sei wichtig. (dpa/red)
Categories
etplus ticker vital

Die stille Epidemie: Warum zu viele Medikamente im Alter krank machen

Vor drei Wochen kam Herr K., ein 78-jähriger Patient, erstmals in meine Praxis. Er wirkte müde, fahrig, und seine Schritte waren unsicher. Als er sich setzte, legte er mir eine lange Liste auf den Tisch – zwölf verschiedene Medikamente, verordnet von fünf unterschiedlichen Ärzten.
Während er sprach, fiel auf, wie oft er nach Worten suchte. Außerdem klagte er über Schwindel, Muskelschmerzen und Gedächtnisprobleme. Man hatte ihm erklärt, das sei „eben das Alter“. Doch schnell wurde mir klar, dass es nicht nur das Alter war, sondern die Last einer unkoordinierten Polypharmazie.
Der Begriff Polypharmazie bedeutet, dass ein Patient mindestens fünf verschiedene Medikamente gleichzeitig einnimmt. Bei vielen älteren Menschen, wie auch im Fall von Herrn K., ist die Medikamentenanzahl sogar im zweistelligen Bereich.
Als ich ihn fragte, wann zuletzt jemand seine gesamte Medikamentenliste überprüft habe, sah er mich überrascht an. „Noch nie“, sagte er.
Und obwohl er eine Liste besaß, stellte sich im Gespräch heraus, dass er zwei Tabletten mit identischem Aussehen, aber unterschiedlicher Stärke verwechselte. Er nahm seit Wochen die doppelte Dosis eines Blutdrucksenkers, weil die neue Packung anders aussah, als die alte.

Die stille Epidemie der Polypharmazie

Polypharmazie ist längst zu einem strukturellen Problem geworden. Millionen ältere Menschen in Deutschland nehmen täglich fünf, zehn oder mehr Medikamente ein. Die Verschreibungen stammen aus verschiedenen Praxen, oft ohne Rücksprache, und die Patienten selbst können die komplexen Pläne kaum überblicken.
Wissenschaftlich ist die Problematik seit Jahren klar dokumentiert. Studien belegten, dass ältere Patienten mit mehr als fünf Medikamenten ein deutlich erhöhtes Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen haben. Viele dieser Wechselwirkungen bleiben unentdeckt, weil die behandelnden Ärzte voneinander nichts wissen.
Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigen außerdem: Ältere Menschen nehmen oft Medikamente ein, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchen.
Aus reiner Gewohnheit wird die Behandlung oft nicht angepasst. Das führt dazu, dass Patienten jahrelang Medikamente nehmen, die ihnen kaum noch helfen, aber trotzdem Nebenwirkungen haben.

Wenn Medikamente sich gegenseitig stören

In meiner täglichen Arbeit sehe ich oft, wie Medikamente miteinander konkurrieren, sich verstärken oder neutralisieren.
Schwindel ist beispielsweise eine häufige Folge, wenn Blutdrucksenker und Schlafmittel in Kombination verordnet werden. Ein weiteres Beispiel ist Muskelschwäche, die durch Statine ausgelöst werden kann. Statine können wiederum mit Protonenpumpenhemmern, die typischerweise bei Sodbrennen eingesetzt werden, interagieren und langfristig zu Nährstoffmängeln führen.
Die Altersforschung bestätigt diese Beobachtungen. Besonders eindrücklich war dazu eine Studie  die 2014 im „Journal of the American Geriatrics Society“ veröffentlicht wurde. Sie zeigte, dass unkoordinierte Polypharmazie signifikant mit Stürzen, Delirien und Krankenhausaufenthalten korreliert. Psychopharmaka und Schlafmittel erhöhen das Risiko dabei laut den Studienautoren besonders stark.
Eine weitere Untersuchung von schwedischen Forschern dokumentierte, dass die Zahl der verordneten Medikamente mit dem Alter steigt und das Risiko für Beschwerden durch Polypharmazie zunimmt,  während die Kommunikation zwischen Ärzten abnimmt.
Verschiedene Studien weisen zudem darauf hin, dass Patienten mit komplexen Medikamentenplänen häufiger Einnahmefehler machen, nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Einnahmepläne für sie nicht klar verständlich sind.
Die ganzheitsmedizinische Perspektive verfolgt deshalb den Ansatz, jede Medikamentenverordnung kritisch zu prüfen. Besonders relevant sind dabei wissenschaftliche Untersuchungen der kanadischen Professorin Dee Mangin. Sie zeigte, dass das gezielte Absetzen unnötiger Medikamente die Belastung der Patienten reduzieren und  Nebenwirkungen durch Arzneimittel vermindern kann.

Ohne Transparenz wird jede zusätzliche Tablette zum Risiko

Der wichtigste Schritt gegen die stille Epidemie der Polypharmazie ist Transparenz. Meine Empfehlung ist: Jede ältere Person sollte eine vollständige, aktuelle Medikamentenliste haben und sie bei jedem Arztbesuch vorlegen.
Ebenso wichtig ist es, die tatsächlichen Tabletten regelmäßig zu überprüfen – Farbe, Form, Stärke, Hersteller. Ein genauer Blick auf die Packung kann verhindern, dass Verwechslungen passieren und falsche Dosen eingenommen werden.
Mut spielt ebenfalls eine Rolle: Fragen Sie Ihren Arzt, ob jedes Medikament wirklich noch notwendig ist. Viele Präparate werden aus Routine weitergegeben, obwohl sie möglicherweise keinen Nutzen mehr haben.

Fazit

Polypharmazie ist eine stille, aber gefährliche Epidemie. Sie entsteht durch Zeitmangel, fehlende Abstimmung zwischen verschiedenen Fachärzten und die zunehmende Komplexität der medizinischen Versorgung.
Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass Beschwerden älterer Menschen nicht immer nur durch Krankheiten, sondern auch durch die unkoordinierte oder fehlerhafte Einnahme verschiedener Medikamente verursacht werden können.
Zeit für Gespräche, Zeit für Verständnis, Zeit für echte medizinische Begleitung. Genau diese Zeit brauchen Ärzte, um ältere Menschen sicher durch komplexe Therapiepläne zu führen und ihnen damit ein Stück Lebensqualität zurückzugeben.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.