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Organspende: Patientenschützer lehnen Widerspruchslösung ab

Der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, hat sich gegen die sogenannte Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen. „Wer schweigt, stimmt nicht automatisch zu“, sagte Brysch . „Eine selbstbestimmte Entscheidung für oder gegen die Organspende ermöglicht nur eine neutrale, ergebnisoffene und umfassende Aufklärung“, fügte er hinzu.
Derzeit kann eine Organspende nur erfolgen, wenn jemand dies vor dem Tod ausdrücklich erlaubt hat – etwa über einen Eintrag in den Organspendeausweis.

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Möglich ist die Organspende auch, wenn die Angehörigen zustimmen. Weil es zu wenige Spenderorgane gibt, werden immer wieder Forderungen nach einer Umstellung auf eine Widerspruchslösung laut. Damit würde jeder Mensch als Organspender gelten, sofern er nicht zu Lebzeiten widersprochen hat.

Brysch: „Therapie ohne Zustimmung des Betroffenen ist Körperverletzung“

Die Widerspruchslösung greift Brysch zufolge jedoch „erheblich in die körperliche Unversehrtheit ein“.
Vor der Feststellung des Hirntods müssten schließlich medizinische Maßnahmen ergriffen werden, um eine mögliche Organentnahme nicht zu gefährden. „Therapie ohne Zustimmung des Betroffenen ist Körperverletzung“, sagte der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz.
Brysch bezeichnete zudem die Annahme, dass eine Einführung der Widerspruchslösung zu mehr Spenderorganen führen würden, als „Irrglauben“. Außerdem schließe eine solche Regelung die Beteiligung der Angehörigen grundsätzlich aus und sei „ohnehin verfassungswidrig“.
Der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz forderte stattdessen Bund und Länder auf, „unverzüglich die Hürden zur Eintragung in das Organspende-Register“ zu senken. „Es braucht hier endlich ein niederschwelliges, barrierefreies Angebot“, sagte er AFP.

Neue Pläne für Organspende-Reform

Hintergrund der Äußerungen Bryschs ist eine parteiübergreifende Initiative von Bundestagsabgeordneten, die heute ihre Pläne für eine Reform bei der Organspende vorstellen. Sie werben für die Widerspruchsregelung.
Eine fraktionsübergreifende Gruppe um die SPD-Abgeordnete Sabine Dittmar hat in Berlin einen Gesetzentwurf zur Einführung der Widerspruchsregelung vorgestellt. Zu der Gruppe gehören unter anderem Armin Grau (Grüne), Gitta Connemann (CDU), Peter Aumer (CSU) und Julia-Christina Stange (Linke).
Dittmar sagte in Berlin, dass dieses Verfahren in etlichen europäischen Ländern bereits Praxis sei. Es gehe darum, dass sich nicht mehr die Mehrheit, die offen für eine Organspende sei, „bewegen“ müsse, um aktiv zuzustimmen. Stattdessen solle die ablehnende Minderheit die Initiative ergreifen müssen, so Dittmar.

Widerstand kommt auch fraktionsübergreifend

Widerstand formiert sich ebenfalls fraktionsübergreifend durch Kirsten Kappert-Gonther (Grüne), Lars Castellucci (SPD) und Stephan Pilsinger (CSU). Kappert-Gonther bezeichnete die Widerspruchsregelung als Scheinlösung, die erhebliche ethische Fragen aufwerfe.
Es fehle im internationalen Vergleich der Beleg, dass sie die Organspendezahlen tatsächlich erhöhe. Erfolgreich seien vielmehr gute Strukturen in Entnahmekrankenhäusern, Aufklärung, transparente Verfahren und einfache Dokumentation. Schweigen sei keine Zustimmung, und Selbstbestimmung umfasse auch das Recht, keine Entscheidung zu treffen.
Patientenschützer Brysch verwies darauf, dass der Bundestag bereits vor sechs Jahren einen ähnlichen Vorstoß abgelehnt hatte. „Deshalb ist schon heute absehbar, dass die Widerspruchslösung auch dieses Mal keine Mehrheit im Parlament erreichen wird“, sagte er AFP.
Der Bundestag hatte 2020 den Vorstoß mehrerer Abgeordneter zur Einführung einer Widerspruchslösung abgelehnt, jedoch gleichzeitig die Einrichtung eines Organspende-Zentralregisters beschlossen.
Später forderten die Gesundheitsminister der Länder den Bund auf, die beschlossene Möglichkeit zur Eintragung auf den Ausweisstellen wieder zu streichen. In die Organspende-Datenbank haben sich seit der Einführung im März 2024 eine halbe Million Menschen eingetragen. (afp/red)
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wirtschaft

Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe auf Drei-Jahres-Hoch

Der preisbereinigte Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe ist nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes im März 2026 gegenüber Februar 2026 saison- und kalenderbereinigt um 5,0 Prozent gestiegen.
Ohne die Berücksichtigung von Großaufträgen war der Auftragseingang um 5,1 Prozent höher als im Vormonat, damit erreichte der Auftragseingang ohne Großaufträge das höchste Niveau seit Februar 2023.
Im weniger volatilen Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang im 1. Quartal 2026 insgesamt um 4,1 Prozent niedriger als im 4. Quartal 2025.

Positive Entwicklung in fast allen Branchen

Ausschlaggebend für diesen Rückgang war ein sehr hohes Volumen an Großaufträgen zum Jahresende 2025. Ohne Großaufträge stieg der Auftragseingang im Dreimonatsvergleich um 1,6 Prozent. Im Februar 2026 stieg der Auftragseingang nach Revision der vorläufigen Ergebnisse gegenüber Januar 2026 um 1,4 Prozent (vorläufiger Wert: +0,9 Prozent).
Die positive Entwicklung der Neuaufträge im Verarbeitenden Gewerbe im März 2026 verteilte sich auf fast alle Wirtschaftsbereiche.
Den größten Einfluss auf das Gesamtergebnis hatten dabei die Anstiege der Auftragseingänge in der Herstellung von elektrischen Ausrüstungen (saison- und kalenderbereinigt +21,5 Prozent zum Vormonat), im Maschinenbau (+6,9 Prozent) sowie in der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (+14,4 Prozent).
Bei den Investitionsgütern lag der Auftragseingang im März 2026 um 2,1 Prozent höher und bei den Vorleistungsgütern um 9,2 Prozent höher als im Vormonat. Bei den Konsumgütern stieg er um 7,3 Prozent.

Aufträge aus dem Ausland

Die Auslandsaufträge stiegen im März 2026 um 5,6 Prozent. Dabei stiegen die Aufträge aus der Eurozone um 10,1 Prozent und die Aufträge von außerhalb der Eurozone um 2,7 Prozent. Die Inlandsaufträge stiegen um 4,0 Prozent.
Der reale Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe war nach vorläufigen Angaben im März 2026 saison- und kalenderbereinigt 0,7 Prozent höher als im Vormonat. Im Vergleich zum Vorjahresmonat März 2025 war der Umsatz kalenderbereinigt 2,0 Prozent niedriger.
Für Februar 2026 ergab sich nach Revision der vorläufigen Ergebnisse ein Rückgang von 1,3 Prozent gegenüber Januar 2026 (vorläufiger Wert: -0,5 Prozent), so das Bundesamt. (dts/red)
 
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ausland

EU ist sich nicht einig – Umsetzung von Zolldeal mit den USA stockt

In der EU herrscht vorerst weiter keine Einigkeit über die Umsetzung einer Zollvereinbarung mit US-Präsident Donald Trump aus dem vergangenen Jahr.
Vertreter aus dem Europaparlament und dem Rat der 27 EU-Länder erzielten nach Angaben von Verhandlungsteilnehmern in der Nacht zum 7. Mai keinen Kompromiss. Trump hatte zuvor höhere Zölle auf Autos aus der EU angedroht.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte die Vereinbarung im vergangenen August mit Trump geschlossen. Die USA sagten darin zu, ihren Zollsatz auf EU-Produkte grundsätzlich nicht auf mehr als 15 Prozent zu erhöhen.
Trump hat sich in großen Teilen daran gehalten. In der vergangenen Woche drohte er nach einem Streit mit Bundeskanzler Friedrich Merz über den Irankrieg, die Zölle auf europäische Autos und Lkw auf 25 Prozent zu erhöhen.

Monatelange Verzögerungen in der EU

Trump warf der EU vor, ihren Teil der Vereinbarung nicht einzuhalten. Dazu gehört insbesondere die Abschaffung europäischer Zölle auf US-Industriewaren, darunter Autos, und einige Agrarprodukte.
Einen solchen Schritt müssen in Brüssel das Europaparlament und die 27 Mitgliedstaaten aushandeln, das dauert mehrere Monate. Die Abgeordneten haben die Verhandlungen außerdem bereits mehrfach wegen Drohungen aus Washington verzögert.
Sie wollen zur Bedingung für die Zollabschaffung machen, dass die USA ihren Teil der Abmachung voll einhalten. Außerdem fordern sie, dass die Abschaffung im März 2028 automatisch ausläuft. Einige EU-Länder wollen Trump jedoch nicht weiter verärgern und sind deshalb gegen solche Klauseln.

Nächster Verhandlungstermin ist der 19. Mai

Die Autoindustrie drängt auf eine rasche Einigung. „Diese Vereinbarung wurde sorgfältig ausgehandelt. Sie muss Bestand haben“, sagte die Chefin des Herstellerverbandes Acea, Sigrid de Vries, am 6. Mai in Brüssel. Die deutschen Autobauer würden von der Zollerhöhung besonders hart getroffen.
Die Streitpunkte sollen in weiteren Verhandlungen ausgeräumt werden, die sich noch mehrere Wochen ziehen könnten. Der nächste Verhandlungstermin ist für den 19. Mai angesetzt. EU-Handelskommissar Maros Sefcovic hat als Ziel gesetzt, die Umsetzung bis August zu beschließen.
Die Kommission rechnet damit, dass Trump trotz aller Vereinbarungen immer wieder mit neuen Zöllen droht. Die „Unvorhersehbarkeit“ in den Handelsbeziehungen über den Atlantik werden anhalten, sagte die Chefin der Generaldirektion für Handel, Sabine Weyand, vor Abgeordneten des Europaparlaments. „Wir haben keine andere Wahl, als damit umzugehen.“ (afp/red)
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ausland

Moskau fängt rund 350 ukrainischen Drohnen ab – zwei Drohnen stürzen in Lettland ab

Die russische Armee hat nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau in der Nacht mehr als 300 ukrainische Drohnen abgefangen. 347 Drohnen seien von Mittwochabend bis zum frühen Donnerstagmorgen „zerstört“ worden, erklärte das Ministerium. Diese Zahl ist vergleichsweise hoch – es ist jedoch eine der höchsten je gemeldeten Zahlen. Betroffen waren demnach fast alle Regionen in West- und Zentralrussland.
In der westrussischen Grenzstadt Brjansk wurden nach Behördenangaben bei einem ukrainischen Angriff 13 Menschen verletzt. Unter den Verletzten befinde sich ein Kind, teilte der Regionalgouverneur Alexander Bogomas im Onlinedienst Telegram mit. Bei dem nächtlichen Angriff seien zwei Wohngebäude, mehr als 20 Wohnungen und rund 40 Fahrzeuge beschädigt worden.
Der Bürgermeister von Moskau, Sergej Sobjanin, berichtete auf Telegram von insgesamt elf Drohnen, die beim Anflug auf die Hauptstadtregion abgeschossen worden seien. Laut dem Telegramkanal Baza wurden unter anderem aus der Stadt Rschew nordwestlich von Moskau Gebäudeschäden gemeldet.

Zwei Drohnen stürzten in Lettland ab

In Lettland stürzten unweit der russischen Grenze zwei nicht identifizierte Drohnen ab, was zeitlich mit den ukrainischen Angriffen zusammenfiel. Eine von ihnen habe einen Brand in einem Öllager in Rezekne im Osten des Landes ausgelöst, erklärte die lettische Armee. Die Feuerwehr habe die Flammen rasch unter Kontrolle gebracht. Insgesamt seien in der Nacht „mehrere unbemannte Fluggeräte“ in den Luftraum Lettlands eingedrungen.
„Solange die russische Aggression gegen die Ukraine anhält, ist es möglich, dass sich solche Vorfälle wiederholen werden“, erklärte die lettische Armee mit Blick auf Drohnen, die sich dem Luftraum des Landes näherten oder in ihn eindrängen.

Moskau warnt Botschaften in Kiew

Derweil griff die russische Armee weiter die Ukraine an. Bei einem russischen Angriff auf Dnipro im Osten der Ukraine wurde nach Angaben der örtlichen Behörden ein Mensch verletzt.
Russland hat ausländische Botschaften in Kiew aufgefordert, ihr Personal für den Fall eines russischen Angriffs auf die ukrainische Hauptstadt in Sicherheit zu bringen.
Die Botschaften sollten die „rechtzeitige Evakuierung von Personal aus diplomatischen und anderen Vertretungen sowie von Bürgern aus der Stadt Kiew sicherstellen“, erklärte das Außenministerium in Moskau am Mittwoch in einer Note an ausländische Botschaften. Es warnte vor einem russischen „Vergeltungsschlag“, sollte die Ukraine die Gedenkfeiern am 9. Mai in Moskau stören.
Die Angriffe erfolgten kurz vor einer von Moskau einseitig ausgerufenen Waffenruhe mit der Ukraine am 8. und 9. Mai. Kiew hatte seinerseits eine Waffenruhe für den 6. Mai vorgeschlagen, die Moskau ignorierte.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am Montag, eine Waffenruhe, damit Moskau die Feierlichkeiten begehen könne, sei „nicht ernst zu nehmen“. Russland habe Angst, dass ukrainische Drohnen „über den Roten Platz schwirren“ könnten. Die Ukraine hatte für den 6. Mai eine eigene einseitige Feuerpause verkündet.
Der Zweite Weltkrieg, in dem mehr als 20 Millionen Menschen in der Sowjetunion getötet wurden, war vor 81 Jahren durch die Kapitulation der deutschen Wehrmacht beendet worden. In Westeuropa wird des Ereignisses am 8. Mai gedacht. In Russland wird der „Tag des Sieges“ wegen der Zeitverschiebung am 9. Mai gefeiert. (afp/red)
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IW senkt deutlich die Konjunkturprognose für 2026

Der Krieg im Iran belastet die angeschlagene Wirtschaft in Deutschland. Konjunkturforscher des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft rechnen in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. Das zeigt eine Auswertung, die dpa vorliegt. Im Dezember, und damit vor Beginn des Konflikts, lag die Prognose bei 0,9 Prozent.
„Der Irankrieg hat die zaghafte Erholung der deutschen Wirtschaft abgewürgt. Steigende Energiepreise und Lieferstörungen treffen ein Land, das nach drei Jahren Rezession und Stagnation kaum noch Puffer hat“, sagte IW-Ökonom Michael Grömling.
Das minimale Plus komme vor allem durch staatliche Konsumausgaben und Investitionen in die Verteidigung zustande.

Exporte schrumpfen zum vierten Mal in Folge

Der Krieg konfrontiert nach Einschätzung des Instituts die gesamte Weltwirtschaft mit schwer kalkulierbaren ökonomischen Belastungen. Davon sind alle Bereiche der deutschen Wirtschaft betroffen.
Infolge des Energiepreisschocks wird im Jahresdurchschnitt 2026 eine Inflationsrate von 3 Prozent erwartet. Laut Auswertung sinkt die Erwerbstätigkeit, die Anlageinvestitionen gehen zurück und der private Konsum stagniert.
Das Auslandsgeschäft leidet ebenfalls. „Die deutschen Exporte schrumpfen zum vierten Mal in Folge, während der Welthandel wächst“, sagte Grömling.
Die deutsche Konjunktur kopple sich immer stärker von den Weltmärkten ab. Das spreche für einen gravierenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Die Prognose ist Grömling zufolge jedoch mit hoher Unsicherheit behaftet. Die tatsächlichen Auswirkungen hingen von der Dauer des Krieges ab.

Wirtschaft zu Jahresbeginn leicht gewachsen

Zu Jahresbeginn ist die deutsche Wirtschaft trotz aller Krisen leicht gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Daten mitteilte.
Für das Gesamtjahr 2025 wurde ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent errechnet. 2023 (minus 0,9 Prozent) und 2024 (minus 0,5 Prozent) war Deutschland in die Rezession gerutscht. (dpa/red)
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ausland gesellschaft

Datenschützer fordern endgültiges Aus für EU-Chatkontrolle


In Kürze:

  • Datenschutzaufsicht lehnt anlasslose Chatkontrolle als unverhältnismäßig ab
  • Kritik an flächendeckendem Kommunikations-Scanning und Verschlüsselungsbruch
  • Diskussion über freiwillige Scans und mögliche Verlängerung bis 2028

 
Die Konferenz der unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder (DSK) fordert die EU sowie die Bundesregierung auf, Pläne für eine anlasslose Chatkontrolle endgültig aufzugeben. Das schreiben die Datenschützer in einer am Dienstag, 5. Mai, veröffentlichten Entschließung. Anlass ist die vierte Verhandlungsrunde zur geplanten EU-CSAM-Verordnung gegen sexuellen Kindesmissbrauch, die am 11. Mai stattfindet. Die Datenschützer warnen vor unverhältnismäßigen Eingriffen in die Privatsphäre und die Vertraulichkeit digitaler Kommunikation.

Gezielte Maßnahmen statt Generalverdacht

Die DSK warnt erneut davor, dass eine anlasslose Chatkontrolle unverhältnismäßig in die Grundrechte von Millionen Menschen eingreifen würde. Kritisiert werden insbesondere die flächendeckende Überwachung privater Kommunikation, Eingriffe in die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sowie sogenanntes Client-Side-Scanning, bei dem Inhalte bereits vor der Verschlüsselung auf Geräten überprüft werden.
Sowohl in der aktuellen als auch in einer im November 2023 veröffentlichten Entschließung betont die Aufsichtsbehörde die Notwendigkeit, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen und entsprechende Straftaten aufzudecken. Die anlasslose Chatkontrolle sei allerdings nicht das geeignete Mittel.
Der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg und Vorsitzende der Datenschutzkonferenz 2026, Prof. Dr. Tobias Keber, erklärte bereits im Februar, dass eine anlasslose Überwachung die Vertraulichkeit der Kommunikation aller Europäer gefährde. Statt eines Generalverdachts brauche es gezielte Maßnahmen, um Kinder wirksam zu schützen.
Ein erster Versuch, die seit 2022 geplante Chatkontrolle auf EU-Ebene einzuführen, scheiterte Ende Oktober 2025 am Widerstand mehrerer Mitgliedstaaten, darunter Deutschland.

Ausnahmeregelung bis 2028?

Ein Bündnis aus Organisationen wie dem Chaos Computer Club (CCC), European Digital Rights (EDRi) und der Digitalen Gesellschaft Deutschland forderte in einem im Februar 2026 veröffentlichten offenen Brief das sofortige Ende der „Chatkontrolle 1.0“. Sie wiesen darauf hin, dass laut einem Bericht der Europäischen Kommission lediglich 0,000002735 Prozent der Nachrichten illegales Material enthielten. Dem verschwindend geringen Wert stand jedoch eine Fehlerquote von 20 Prozent gegenüber.
Im aktuellen Entwurf der geplanten CSAM-Verordnung ist die anlasslose Chatkontrolle zwar nicht mehr enthalten. Weiterhin vorgesehen ist jedoch die Ausnahmeregelung der ePrivacy-Richtlinie, die Anbietern freiwillige Scans nach Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder erlaubt.
Die Regelung war ursprünglich bereits 2024 ausgelaufen, wurde jedoch bis April 2026 verlängert. Nun wird eine weitere Verlängerung bis 2028 diskutiert, um eine Übergangsphase bis zur vollständigen Umsetzung der neuen CSAM-Verordnung zu schaffen.
Unternehmen wie Google, Meta, Microsoft und Snap kündigten an, freiwillige Maßnahmen zur Erkennung entsprechender Inhalte fortzuführen. Gleichzeitig forderten sie eine schnelle Einigung auf einen dauerhaften Regulierungsrahmen.
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ausland

Härtetest für Keir Starmer: Wahlen in England, Wales und Schottland

Millionen Bürger in Schottland und Wales sind am Donnerstag zur Wahl des Regionalparlaments und in England zur Stimmabgabe bei der Kommunalwahl aufgerufen. Außerdem werden in mehreren englischen Städten die Bürgermeister neu bestimmt.
Die Wahllokale öffnen um 7:00 Uhr (Ortszeit, 8:00 Uhr MESZ) und schließen um 22:00 Uhr (Ortszeit, 23:00 MESZ).
Die ersten Wahlergebnisse dürften in der Nacht zum Freitag aus verschiedenen Londoner Wahlbezirken kommen. In Schottland und Wales wird erst am Freitag ausgezählt. Einige Ergebnisse dürften erst im Laufe des Samstags feststehen.

Muss Starmer abtreten?

Umfragen zufolge muss sich die linksgerichtete Labour-Partei von Premierminister Keir Starmer auf herbe Stimmenverluste einstellen. Dagegen dürften die Grünen und die rechte Partei Reform UK Stimmen hinzugewinnen.
In England werden rund 5.000 Sitze in 136 Gemeinderäten neu besetzt. Der Meinungsforscher Robert Hayward prognostiziert, dass Labour von seinen derzeit 2.550 Sitzen dort etwa 1.850 verlieren könnte, wohingegen Reform UK etwa 1.550 Sitze von Labour und den Tories gewinnen könnte. Die Grünen können demnach auf hunderte neue Sitze vor allem in London hoffen.
Starmer ist es bislang nicht gelungen, die Wirtschaft anzukurbeln und den Anstieg der Lebensmittelpreise zu stoppen. Zuletzt belastete die Epstein-Affäre um das langjährige Labour-Schwergewicht Peter Mandelson den Premier zusätzlich. Starmer hatte den Parteifreund zum Botschafter in Washington ernannt – trotz dessen Verbindungen zum 2019 verstorbenen US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Besonderes Augenmerk gilt der Abstimmung in Wales, wo Labour zum ersten Mal die Kontrolle über das Regionalparlament verlieren könnte. Sollte die Labour-Partei sehr schlecht abschneiden, dürfte das die Rufe nach einem Rücktritt des unpopulären Premierministers verstärken.

Anas Sarwar, Vorsitzender der Scottish Labour Party, spricht am 6. Mai 2026 in Glasgow, Schottland, auf der letzten Wahlkampfveranstaltung der Scottish Labour Party.

Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images

„Seit der Parlamentswahl hat die Beliebtheit der Labour-Partei sehr rasch und stetig abgenommen und Keir Starmer ist besonders unbeliebt“, sagt Politikwissenschaftlerin Sara Hobolt von der London School of Economics kurz vor den Wahlen.
Zum erwarteten Abschneiden Labours bei der Kommunalwahl in England sagt sie: „Es wird ein absolutes Blutbad.“ Spekuliert wird, die Labour-Partei könne das Wahlergebnis zum Anlass nehmen, Starmer zu stürzen.
Auch in der Hauptstadt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten zur Labour-Hochburg entwickelte, müssen die Sozialdemokraten schwere Verluste erwarten.

Was ist in Schottland und Wales zu erwarten?

Die schlechten Umfragewerte der Regierungspartei auf nationaler Ebene machen Labour auch in den Landesteilen Schottland und Wales zu schaffen.
Noch vor zwei Jahren hatte es so ausgesehen, als könne Labour der Unabhängigkeitspartei SNP seine frühere Hochburg Schottland wieder abringen – davon ist nun keine Rede mehr.
Auch die jahrzehntelange Dominanz der Labour-Partei in Wales steht vor dem Aus. In der Hauptstadt Cardiff ist erstmals die Unabhängigkeitspartei Plaid Cymru auf Kurs, stärkste Kraft zu werden.

Der Vorsitzende von Plaid Cymru, Rhun ap Iorwerth, am 6. Mai 2026 in Llandudno, Wales.

Foto: Ryan Jenkinson/Getty Images

In Edinburgh rief Schottlands Labour-Chef Anas Sarwar bereits vor Wochen seinen Parteifreund Starmer zum Rücktritt auf. Doch auch das scheint in der Wählergunst keinen Niederschlag zu finden. Die SNP steuert wie Plaid Cymru auf einen Wahlsieg zu.
Erstmals in der Geschichte könnten damit alle selbstverwalteten britischen Landesteile (Schottland, Wales und Nordirland) von Unabhängigkeitsparteien geführt werden.

Was bedeutet ein möglicher Sieg für Farage?

Seit mehr als einem Jahr führt die Reform-Partei von Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage die nationalen Umfragen an. Demnach liegt Reform bei knapp 30 Prozent, während Labour und die auch als Tories bezeichneten Konservativen kaum noch an die 20-Prozent-Marke kommen.
Ob sich das in einer Parlamentswahl, die regulär erst wieder 2029 ansteht, niederschlagen würde, ist unklar. Doch ein Zugewinn von bis zu gut 2.000 Bezirksratsmandaten, wie es manche Umfragen nahelegen, dürfte die Wahlkampffähigkeiten der noch jungen Partei massiv stärken, sagt LSE-Politikprofessor Tony Travers.

Der Vorsitzende von Reform UK, Nigel Farage, am 6. Mai 2026 in London, England.

Foto: Leon Neal/Getty Images

Seine Kollegin Hobolt warnt, Reform UK könnte dank des britischen Mehrheitswahlrechts nach derzeitigen Umfragenwerten bei der kommenden Parlamentswahl eine absolute Mehrheit der Mandate erringen.
Politikprofessor Anand Menon vom King’s College in London sieht es gelassen. Er glaubt, dass es selbst im Fall einer Ablösung Starmers kaum zu einer vorgezogenen Neuwahl kommen dürfte. Zudem lasse sich das System durch taktisches Wählen beeinflussen. „Von einem Premierminister Farage sind wir noch ein gutes Stück entfernt“, sagt er dpa. (afp/dpa/red)
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wirtschaft

Bundesbank rechnet mit Zinserhöhung im Juni

Bundesbankpräsident Joachim Nagel rechnet mit einer Erhöhung des Leitzinses im Juni. Das berichtet das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ in seinen Donnerstagausgaben. Eine Zinserhöhung als Reaktion auf die hohe Inflation und den Krieg in Nahost werde demnach immer wahrscheinlicher.
„Wir hoffen alle darauf, dass sich die geopolitische Lage beruhigt und die Energiepreise, also vor allem die Öl- und Gaspreise, wieder stärker zurückgehen“, sagte Nagel dem RND.
Er betonte gleichzeitig: „Aber wenn sich die Aussichten nicht merklich verbessern, würde ich erwarten, dass wir im Juni die Zinsen erhöhen.“
Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte die Leitzinsen Ende April unverändert gelassen. Damit liegt der für Sparer wichtige Einlagensatz weiterhin bei 2 Prozent.
Gleichzeitig zeigte sich der EZB-Rat „fest entschlossen, seine Geldpolitik so auszurichten, dass sich die Inflation mittelfristig beim Zielwert von 2 Prozent stabilisiert“. Eine Zinserhöhung gilt als ein Instrument, um dieses Ziel zu erreichen.
Nagel sagte weiter, zentral für die Entscheidung des EZB-Rates sei die Inflationsprognose. Daneben schaue man auf die Erwartungen der Märkte, Verbraucher und Unternehmen.
„Natürlich haben wir auch die aktuellen Inflationstendenzen im Blick – und wie sich die höheren Energiekosten auf die übrigen Güter- und Dienstleistungspreise sowie Löhne auswirken“, erklärte der Bundesbankpräsident.
Wenn sich daraus das Bild einer mittelfristig deutlich steigenden Inflation ergebe, „dann ist es notwendig, dass wir die Zinsen erhöhen“. (dts/red)
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gesellschaft

Berufliche Ausbildung: Angebot sinkt, Interesse steigt

Schwierige Lage auf dem Ausbildungsmarkt: „Das Angebot geht zurück, das Interesse steigt“, erklärte am Mittwoch, 6. Mai, Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Viele Stellen blieben aber unbesetzt, weil es an der „Passung“ fehle.
Unternehmensverbände forderten eine frühe und praxisnahe Berufsorientierung, der Gewerkschaftsbund eine Ausweitung der bundesweit geltenden Ausbildungsgarantie sowie eine bessere Unterstützung junger Menschen.
„Die derzeitige schwierige wirtschaftliche Situation in Deutschland spiegelt sich in der Ausbildungsbilanz des Jahres 2025 wider“, heißt es im Bundesbildungsbericht, den das Kabinett beschloss. Darin legt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die Lage zum Stichtag 30. September 2025 dar.

Weniger Angebote und höhere Nachfrage

Das Angebot an Ausbildungsplätzen sank im Vorjahresvergleich „deutlich“ um 4,6 Prozent auf 530.300; das betriebliche Angebot fiel dabei um 5,0 Prozent auf 513.500. Die Nachfrage dagegen stieg auf 560.300 Stellen – in dieser Zahl sind neben den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen (476.700) auch Bewerber einbezogen, die auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle sind.
„Unversorgt“ mit einer Lehrstelle waren Ende September vergangenen Jahres 39.900 Bewerber. Das war laut Institut ein neuer Höchststand seit 2009. Nach wie vor sei es schwierig, Ausbildungsangebot und -nachfrage zusammenzuführen, konstatierte das BIBB.

Mängel in den Kompetenzen der Kandidaten

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) erklärte, viele Betriebe fänden keine geeigneten Kandidaten, „weil oftmals grundlegende Kompetenzen fehlen“. Defizite beim Lesen, Schreiben und Rechnen sowie im Arbeits- und Sozialverhalten erschwerten den Einstieg in die Ausbildung erheblich.
Die DIHK und der Zentralverband des Handwerks forderten vor allem eine frühe, praxisnahe Berufsorientierung in den Schulen. Entscheidend sei auch eine bessere Nutzung bestehender Unterstützungsangebote wie der Einstiegsqualifizierung, erklärte die DIHK: „Diese Instrumente wirken – sie müssen aber bekannter gemacht und zielgenauer eingesetzt werden.“
Die Vize-Vorsitzende des DGB, Elke Hannack, kritisierte vor allem, dass immer weniger Arbeitgeber ausbildeten – es seien nur noch 18,7 Prozent der Betriebe. „Kleinere Betriebe ziehen sich oft komplett aus der Ausbildung zurück, größere Unternehmen streichen Ausbildungsplätze aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung.“
Dringend nötig sei ein Aktionsprogramm für mehr Ausbildungsplätze, erklärte Hannack. Dazu gehöre unbedingt, die bereits bestehende Ausbildungsgarantie auszuweiten und durch eine Umlage wie in den Bundesländern Berlin und Bremen zu ergänzen. Die Umlage zahlen Unternehmen in einen Fonds ein – daraus erhalten ausbildende Betriebe Geld.  (afp/red)
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Umgangsformen im Wandel: Krawatte, Sneakers und Duzen im Job


In Kürze:

  • Dresscodes werden im Berufsalltag zunehmend lockerer.
  • Krawatte, Sneakers und Basecap stehen für unterschiedliche Stile und Kontexte.
  • Respekt und richtige Umgangsformen bleiben laut dem Knigge-Experten zentral.

 
In Rabat, der Hauptstadt Marokkos, gibt es das Lycée Lala Aischa. Auf einer der Wände dieses Gymnasiums zum Innenhof steht auf Deutsch geschrieben: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“. Dieser Spruch betont nicht nur Pünktlichkeit als Ausdruck von Respekt und Wertschätzung, sondern auch, dass die Pünktlichkeitskultur Deutschland zugeschrieben wird, obwohl der Satz ursprünglich von dem französischen König Ludwig XVIII. stammt.
(Foto hierzu: Quelle privat)

„Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“.

Foto: privat

Das also ist das Image der Deutschen in Marokko. Sie gelten allein aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit seit Jahrhunderten als pünktlich. Aus Erfahrung weiß man als Deutscher, dass dies bis heute weitgehend zutrifft – und mitunter bis zur Schmerzgrenze konsequent gelebt wird. Wohl keine andere Nation beharrt bei Teammeetings und anderen offiziell anberaumten Treffen derart streng auf Pünktlichkeit wie Deutschland.
In anderen Bereichen der Arbeitswelt hat sich indes ein drastischer Wandel vollzogen. Der Dresscode in der Arbeitswelt und im öffentlichen Raum ist derart leger geworden, dass man sich in Marokko dafür schämen würde, so „verwerflich“ im Büro oder auf der Straße aufzutreten. Baggypants und bauchfreie Shirts sind in deutschen Büros weitverbreitet, T-Shirts und Kapuzenpullover ohnehin. Doch was macht den guten Ton hierzulande aus? Freizeitkleidung oder förmliche Anzüge und Krawatten?
Jonathan Lösel, Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rats, kennt sich aus. Er findet, dass für Männer, wenn sie nicht gerade Handwerker sind oder in der Schwerindustrie arbeiten, die Krawatte „nach wie vor zeitgemäß“ sei, „gerade weil sie heute bewusst und nicht mehr selbstverständlich getragen wird“, sagt er gegenüber der Epoch Times. „Sie gewinnt an Bedeutung. Sie hat sich vom Pflichtaccessoire zum stilistischen Statement entwickelt und entfaltet genau dadurch ihre Wirkung“, so seine Einschätzung.

Klingbeil: „Mit oder ohne?“

Eine Krawatte strukturiere das Erscheinungsbild, lenke den Blick des Gegenübers auf den Träger und verleihe ihm Präsenz. Sie sei „ein Accessoire mit großer Wirkung auf Wahrnehmung und ästhetische Klarheit“. Zudem lasse sich durch Farbe, Stoff und Knoten Individualität zum Ausdruck bringen.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) trägt bei öffentlichen Auftritten in der Regel eine Krawatte, der SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) nur gelegentlich. Häufig ist er lediglich mit Hemd und Sakko zu sehen. Am 20. März vergangenen Jahres machte er dies selbst zum Thema und fragte auf TikTok: „In den letzten Wochen wurde viel über meine Krawatte diskutiert. Was meint ihr: mit oder ohne?“
Genau diese Frage stellen sich Männer in konservativ geprägten Berufen wie Banken, Wirtschaftsunternehmen und Behörden oft täglich. Insgesamt sei ein Rückgang der Krawatte zu beobachten, sagt der Knigge-Experte Lösel. Dieser Trend sei auch kulturell geprägt. Während im deutschsprachigen Raum die Krawatte zunehmend als verzichtbar gelte, gehöre sie etwa in Italien weiterhin selbstverständlich zur gepflegten Erscheinung – weniger als Pflicht denn als Ausdruck von Stilbewusstsein und Lebensart. Wer heute in Deutschland Krawatte trage, tue dies bewusst. Genau darin liege ihre Stärke, meint Lösel.

Trump: Basecap zum Anzug

Dass der amerikanische Präsident ein Basecap zum teuren Anzug trägt, bewertet Lösel differenziert. Bei Donald Trump sei dies „weniger ein modisches Detail als vielmehr ein strategisches Instrument: ein präziser Mix aus Branding, Symbolik und Inszenierung“, so die Einschätzung des Knigge-Vertreters.
Außerdem meint Lösel, das Basecap schaffe „körpersprachlich“ Distanz, da es den direkten Blickkontakt erschwere. Gleichzeitig fungiere die Mütze als visuelles Element, das von dem „viel diskutierten Haarstyling“ des Präsidenten ablenke. Zudem vermittle es „eine gewisse Bodenständigkeit und Hands-on-Mentalität und wirke damit als bewusster Kontrast zur klassischen politischen Elite“ Washingtons. Lösels Analyse geht noch weiter: Die rote Farbe der Mütze signalisiere „Energie, Entschlossenheit und maximale Aufmerksamkeit“. Das Cap sei zu einem Markeninstrument geworden, das leicht reproduzierbar und massenwirksam sei und einen hohen Wiedererkennungswert habe.

Turnschuhe zu Kleid und Anzug

„Sneakers im Business sind kein Tabu“ mehr, sagt der Benimmexperte. „Sie überzeugen jedoch nur dann, wenn Kontext, Qualität und Intention stimmig zusammenspielen.“ Entscheidend dafür sei das Umfeld. In der Start-up-Szene sei diese Kombination „meist Ausdruck einer modernen, entspannten Arbeitskultur“. In konservativeren Kontexten hingegen bedürfe es „deutlich mehr Feingefühls“. Falsch eingesetzt würden Turnschuhe „schnell zu informell oder nachlässig“ wirken.

Ist Händeschütteln in oder out?

Der Händedruck sei „nach wie vor zeitgemäß“. Allerdings werde er heutzutage bewusster eingesetzt als früher. Das Handgeben sei weiterhin „ein tief verwurzeltes kulturelles Symbol“. Wer seinem Gegenüber die offene Hand reiche, signalisiere „Friedfertigkeit und Vertrauen“. „Im Kern sagen wir: Ich komme in Frieden und habe nichts zu verbergen“, sagt Lösel.
Seit der Corona-Pandemie sei die Gesellschaft jedoch „sensibler für Nähe und Hygiene geworden“. Viele entscheiden daher situativ, ob ein Händedruck für sie infrage kommt. „Was früher schnell als unhöflich galt – eine gereichte Hand nicht anzunehmen –, ist heute mit einer kurzen, wertschätzenden Begründung absolut akzeptiert“, sagt Lösel. Als Beispiel nennt er den Satz: „Ich verzichte heute auf den Händedruck, ich bin leicht erkältet.“

Du oder Sie?

Wir befinden uns in einer Gesellschaft, in der sich immer mehr Menschen auch im Arbeitsumfeld rasch duzen. Fällt bald das „Sie“ gänzlich weg? Dazu hat sich Lösel gemeinsam mit Horst Lauinger in einem Beitrag des Knigge-Rats geäußert. Lauinger ist Leiter des Manesse Verlags in Zürich. Nach eigenen Angaben beschäftigt er sich „tagtäglich mit klassischen Stilfragen im engeren und weiteren Sinne, also mit der Abwägung, welcher verbale oder nonverbale Ausdruck der jeweils angemessenste ist“.
Beide Autoren kommen zu dem Schluss: „Die Unterscheidung zwischen Sie und Du behält auch heute ihre Bedeutung bei, da sie Respekt und Höflichkeit in zwischenmenschlichen Interaktionen vermittelt. Kommt man einer Person ungefragt zu nahe, kann dies als übergriffig wahrgenommen werden. Ähnlich wie es physische Distanzzonen gibt, existieren auch sprachliche Zonen.“ Außerdem raten sie: Bevor man zum Du wechselt, sollte man sich darüber im Klaren sein, ob einem die Person wirklich sympathisch ist oder ob man sich lediglich dazu verpflichtet fühlt. In jedem Fall müsse der Wechsel vom Sie zum Du immer angeboten und angenommen werden.

Zwangsduzen

Versicherungsunternehmen duzen seit einiger Zeit ihre Kunden in automatisierten E-Mails. Wie sollte man darauf reagieren? Beide Autoren sehen darin, dass es diesen Unternehmen „erkennbar um eine zeitgemäße Kundenansprache“ gehe. Sie wollten „das verstaubte Image loswerden, das die Versicherungsbranche in den Augen jüngerer Menschen hat“. Dies sei Teil einer Marketingstrategie, auf die man „gelassen“ reagieren sollte.
In deutschen Büros kommt es immer häufiger zu einer Art Zwangsduzen. „Wir duzen uns alle hier“, lautet dann oft die Aussage von Vorgesetzten oder Kollegen. Wie reagiert man am besten auf eine solche Überrumpelung? Bei einer Ablehnung des Du sollte man darauf achten, „die Weigerung höflich zu verpacken“, meinen Lösel und Lauinger. Wenn man dankend und freundlich ablehnt, erhöht sich die Chance, dass der Wunsch verstanden und respektiert wird. Beide empfehlen Sätze wie: „Wären Sie mir sehr böse, wenn wir noch eine Weile beim Sie bleiben würden?“ oder: „Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber das geht mir gerade etwas zu schnell.“

Umgangsformen

Grundsätzlich ist der Knigge-Vorsitzende Lösel davon überzeugt, dass „wir zu oft über Formen und zu selten über den Umgang selbst“ sprechen. „In dem Wort ‚Umgangsformen‘ steht der Umgang vor den Formen. Genau dort liegt der Schlüssel“, meint er.
Bei Umgangsformen gehe es in erster Linie „um ein Menschenbild, das die Würde des anderen in den Mittelpunkt stellt“. Lösel weiter: „Im Alltag beginnt das erstaunlich unspektakulär: mit Blickkontakt, einem Gruß, einem freundlichen Lächeln, damit, den Kopfhörer abzunehmen, wenn man angesprochen wird, zuzuhören, um zu verstehen, nicht, um zu kontern, und der Bereitschaft, die eigene Denkweise kritisch zu hinterfragen; im Digitalen etwa mit einer schlichten Selbstprüfung vor dem Posten: Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig?“
Sicherheit im Umgang mit anderen sei auf einer tragenden „Wertebasis der Menschenwürde“ gegründet – jenen Grundhaltungen, die in unserer westlich-christlichen Kultur tief verankert seien, glaubt Lösel. Wenn dieser Konsens ins Wanken gerate, „verändern sich auch unsere Begegnungsräume. Sie werden rauer, Konflikte schärfer, Polarisierung lauter. Wo jeder sich selbst der Nächste ist, schwindet das Vertrauen und mit ihm der innere Zusammenhalt einer Gesellschaft.“

Umgangsformen als Brücken

Für den Knigge-Experten stellt sich daher die Frage: „Wollen wir diesen Weg weitergehen oder uns neu auf den Weg der Annäherung machen?“ Er findet: „Ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander ist keine naive Idee, sondern eine kulturelle Kraftquelle. Die tiefste Sehnsucht des Menschen ist Verbundenheit. Umgangsformen sind Brücken dorthin.“
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meinung

„Nürnberg“: Russell Crowe und Rami Malek sorgen für jede Menge Spannung

Sechs Monate nach Ende der Kampfhandlungen in Europa im Zuge des Zweiten Weltkriegs schlossen sich die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion zusammen, um 22 Mitglieder der NS-Führung wegen Kriegsverbrechen zu verfolgen. Dies führte schließlich zu den Nürnberger Prozessen.
Seit den Nürnberger Prozessen ist die Hauptfigur der Prozesse, Hermann Göring, in mittlerweile 44 Filmen, Fernsehproduktionen und Dokumentationen zu sehen. Merkwürdigerweise wich der prominenteste Film über die Nürnberger Prozesse, „Urteil von Nürnberg“ aus dem Jahr 1961, so stark von den Fakten ab, dass die Namen aller Hauptfiguren geändert wurden, einschließlich dem von Göring.
Russell Crowe liefert in James Vanderbilts großangelegtem Film „Nürnberg“ seine wohl beste Leistung seit fast einem Jahrzehnt und verkörpert Göring. Man könnte meinen, es sei nahezu unmöglich, einer solch geschichtsträchtigen, bereits vielfach verfilmten Figur noch etwas Neues abzugewinnen – doch Crowe gelingt genau das und sogar noch mehr.
Statt – wie viele frühere Darstellungen – stark zu überzeichnen, zeigt Crowe Göring als sorgfältig kontrollierte, in sich gespannte Figur, eine bedrohliche Präsenz mit ausdruckslosem Gesicht. Nur eine Woche nach dem Tod Adolf Hitlers ergab sich Göring den alliierten Soldaten, da er wusste, dass ein Weiterkämpfen oder eine Flucht mit ziemlicher Sicherheit zu seinem – vermutlich gewaltsamen – Tod führen würden.

Russell Crowe spielt Hermann Göring in „Nürnberg“.

Foto: Vivien Killilea/Getty Images for Sony Pictures Classics

Selbsttäuschung

Von einem Selbstvertrauen erfüllt, das bis zur Verblendung reicht, ist Hermann Göring fest davon überzeugt, dass er aus dem fast zehnmonatigen internationalen Prozess als Sieger hervorgehen kann und wird. Göring ist sich seiner Freisprechung von den vier Anklagepunkten so sicher, dass er als einer der drei Angeklagten während des Prozesses eine Militäruniform trägt.
Noch bevor das Verfahren im November 1945 beginnt, wird Göring mehrere Monate lang von mehreren Psychiatern, vor allem dem Oberstleutnant Douglas Kelley (Rami Malek), beobachtet und befragt. Ziel ist es, seine Verhandlungsfähigkeit zu prüfen. Göring täuscht dabei zu keinem Zeitpunkt eine psychische Erkrankung oder Unzurechnungsfähigkeit vor.

Regisseur James Vanderbilt nimmt am 24. Oktober 2025 an der Premiere von „Nürnberg“ in Hollywood teil.

Foto: Vivien Killilea/Getty Images für Sony Pictures Classics

Andererseits gewährt Göring kaum Einblicke in seine Psyche, die über das hinausgehen, was Kelley und andere bereits wissen. Kelley, der Göring in dem sich langsam zuspitzenden Wortgefecht Schlag auf Schlag pariert, betrachtet ihn als die ultimative berufliche Herausforderung. Dem Arzt geht es weniger darum, seinen Patienten zu bezwingen, als vielmehr darum, ihn dazu zu bewegen, sich freiwillig zu öffnen.

Endlich überzeugt Malek

Rami Malek, den ich bisher für stark überbewertet gehalten habe, liefert in diesem Kinofilm endlich eine sehenswerte Leistung ab. Ähnlich gut wie in der Fernsehserie „Mr. Robot“, wenn auch auf ganz andere Weise, zeigt Malek eine emotionale und intellektuelle Bandbreite, die er bisher nur angedeutet hatte. Die Szenen, in denen er an der Seite von Crowe zu sehen ist, sind Gold wert und machen den Großteil der ersten Hälfte des 148-minütigen Films aus.
Obwohl sich die beiden Hauptdarsteller die Leinwandzeit teilen, ist „Nürnberg“ in erster Linie ein Ensemblefilm. Vier männliche Nebendarsteller liefern Oscar-würdige Darbietungen ab. Am beeindruckendsten ist dabei Michael Shannon in der Rolle des Richters am Obersten Gerichtshof der USA, Robert H. Jackson.

Rami Malek bei der britischen Premiere von „Nürnberg“ am 6. November 2025 in London.

Foto: Eamonn M. McCormack/Getty Images für Sky Cinema

Jackson, den Präsident Harry S. Truman zum Chefankläger der USA bei den Prozessen ernannte, passt mit seiner eisernen Entschlossenheit perfekt zu Shannons intensiver, oft finsterer Ausstrahlung. Shannons Darstellung von Jacksons umfangreichen Eröffnungs- und Schlussplädoyers gehört zu den besten, die je in einem Gerichtsdrama zu sehen waren.
Was zunächst wie eine undankbare Nebenrolle wirkt, gewinnt durch die Darstellung des Dolmetschers, Unteroffizier Howie Triest von Leo Woodall, nach und nach an Bedeutung und Intensität. Seine überwiegend alleinige Szene mit Malek im dritten Akt stellt den emotionalen Höhepunkt des Films dar.

Ein unnötiger Fehlgriff

Vanderbilts einziger erzählerischer Fehltritt – und zwar ein erheblicher – ist die Aufnahme von Lydia Peckham in Gestalt der fiktiven Journalistin Lila McQuaide – obgleich es keineswegs ungewöhnlich ist, in dokumentarisch geprägten Filmen fiktive oder aus mehreren Vorbildern zusammengesetzte Figuren einzuführen.
Zunächst scheint es, als könne sich zwischen McQuaide und Kelley eine Romanze entwickeln, doch dieser Handlungsstrang wird nie wirklich aufgelöst. Darüber hinaus ist McQuaide in ein „Nachrichtenereignis“ verwickelt, das in Wirklichkeit nie stattgefunden hat. Dies führt zu einer Wendung, die den weiteren Verlauf der Erzählung grundlegend verändert.
Wie schon bei seinem Drehbuch zum ebenso umfangreichen Film „Zodiac – Die Spur des Killers“ nimmt sich Vanderbilt Zeit für die Ausarbeitung der Handlung und die Entwicklung der Charaktere. Dabei streut er immer wieder historische Details ein, wie zum Beispiel die technischen Einzelheiten der Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“ von 1935, die Teil von Görings Verteidigungsstrategie waren.
Wer das Schicksal der im Film dargestellten Personen noch nicht kennt, sollte sich einen Gefallen tun und sich erst nach dem Anschauen des Films darüber informieren.
Die Vergangenheit ist nur der Anfang. Was sich zwischen den einzelnen Bildern in „Nürnberg“ abspielt, hätte eine Lektion sein sollen, die die Menschheit niemals vergessen sollte – und doch ist sie irgendwie in Vergessenheit geraten. Wenn wir nicht aufpassen, könnte sich all das durchaus jederzeit wiederholen.
Ab dem 7. Mai 2026 deutschlandweit im Kino.
„Nürnberg“
Regie: James Vanderbilt
Darsteller: Rami Malek, Russell Crowe, Michael Shannon, Leo Woodall
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 2 Stunden, 28 Minuten
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘Nuremberg’: Russell Crowe and Rami Malek Generate Major Sparks“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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gesellschaft

Studie: Klimasorgen hoch – Umweltängste in den 1980er-Jahren größer

Die Bundesbürger machen sich wegen des Klimawandels deutlich mehr Sorgen als noch vor 16 Jahren – sie liegen aber unter dem Niveau der Ängste vor Umweltschäden in den 1980er-Jahren.
Das zeigt eine Auswertung von Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) durch das DIW Berlin, die den Zeitungen der Funke Mediengruppe vorlag.
Dabei zeigen jüngere Jahrgänge sich grundsätzlich deutlich besorgter über die Auswirkungen des Klimawandels als ältere.
Seit 2009 wird im Rahmen des SOEP abgefragt, ob und in welchem Ausmaß Menschen sich mit Blick auf die Zukunft Sorgen wegen des Klimawandels machen. Das Jahr 2009 hat das DIW-Team als Referenzjahr zugrunde gelegt und Standardabweichungen dazu berechnet.
Eine Standardabweichung von 0,1 Punkt kann dabei laut DIW als kleine Verschiebung gelten, 0,5 bedeutet eine große Verschiebung.
Seit 2013 gibt es dabei laut DIW-Auswertung einen grundsätzlichen Aufwärtstrend: 2022 lag die Abweichung bei den Klimasorgen mehr als 0,4 Punkte über dem Referenzwert, 2023 knapp darunter.
Fast parallel verläuft die Kurve zu Sorgen über den Zustand der Umwelt. Diese Frage wird seit dem Start des SOEP 1984 gestellt.

Jüngere Generation besonders besorgt

Jüngere Jahrgänge zeigten sich grundsätzlich deutlich besorgter über die Auswirkungen des Klimawandels als ältere. Gleichzeitig wächst über alle Generationen hinweg das Bewusstsein.
„Das Grundniveau der Sorgen ist in den vergangenen Jahren deutlich höher als zu Beginn der Datenreihe zu Klimasorgen. Und die Sorgen wachsen mit dem Alter“, sagte Franziska Holz, stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt und Mitautorin der Untersuchung.
Heute 70-Jährige würden sich im Schnitt mehr Sorgen über das Klima machen als zu dem Zeitpunkt, als sie 60 waren. „Und sie sorgen sich mehr, als 70-Jährige vor zehn Jahren das getan haben.“

Frühere Umweltängste noch höher

Während Klimasorgen in den vergangenen Jahren gewachsen sind, haben Umweltängste in der Vergangenheit eine noch deutlich größere Rolle gespielt.
1987, im Jahr nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, lagen die Umweltsorgen bei 0,65 Punkten Abweichung, zwei Jahre später sogar noch weiter oben.
„Themen wie Luftverschmutzung und saurer Regen spielten damals eine viel größere Rolle“, sagte Holz. „Und dann kam Tschernobyl, und in den Daten sehen wir danach einen starken Anstieg der Besorgnis bei den Menschen.“
Ausgewertet wurden den Angaben zufolge Daten bis 2023. Das SOEP ist eine sozialwissenschaftliche Langzeitstudie, für die jedes Jahr Menschen in 20.000 Haushalten in Deutschland zu unterschiedlichen Themen befragt werden. (afp/red)
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gesellschaft

Europäische X-Alternative „W Social“ startet mit Fokus auf Datenschutz und Werbefreiheit

 

In Kürze:

  • W Social will sich von amerikanischen Plattformen abgrenzen.
  • Der Hauptsitz ist in Schweden.
  • Deutsche Politiker löschen ihre Accounts auf X.
  • Die Plattform soll frei von Werbung und Tracking sein.

 
Eine europäische Alternative zu X (ehemals Twitter) soll am Samstag, 9. Mai, dem „Europatag“, an den Start gehen. Die Plattform trägt den Namen „W Social“ und verfolgt das Ziel, sich bewusst von US-amerikanischen Anbietern abzugrenzen und einen stärker europäisch geprägten, datenschutzorientierten Ansatz umzusetzen.

Ex-Vizekanzler Rösler im Beratungsgremium

W Social ist in Stockholm, der Hauptstadt Schwedens, ansässig. Als Geschäftsführerin tritt Prof. Dr. Anna Zeiter auf. Die deutsche Juristin mit Wohnsitz in Zürich ist vor allem als Datenschutzexpertin sowie für ihr Engagement für digitale Grundrechte bekannt. Zuvor war sie elfeinhalb Jahre beim Internetauktionshaus eBay tätig, unter anderem im Bereich Datenschutz. Sie promovierte in Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg und studierte später an der Stanford University. An der Universität Bern ist sie Professorin für Datenschutz und Datenrecht.
Im Beratungsgremium finden sich einige prominente Namen. Hierzulande dürfte der frühere FDP-Politiker und Vizekanzler Philipp Rösler am bekanntesten sein, wie „t-online“ berichtet. Auch die belgische Energieexpertin Sandrine Dixson-Declève, die bis 2024 Präsidentin des Club of Rome war, gehört dazu.
Im Beirat ist zudem die EuroStack Foundation vertreten, angeführt von ihrer Leiterin Cristina Caffarra. EuroStack verfolgt das Ziel, durch koordinierte industriepolitische Initiativen die digitale Souveränität Europas zu stärken, und wird dabei von mehr als 300 europäischen Unternehmenschefs unterstützt. Zeiter betont, dass EuroStack der Plattform den Zugang zur Tech-Szene eröffnen soll, um weitere Mitstreiter zu gewinnen. Im Interview mit dem „Deutschlandfunk“ sagte sie, dass mittlerweile auch Investoren aus Deutschland, Italien, der Schweiz und weiteren europäischen Ländern beteiligt seien.
Der Großteil der Finanzierung stammt von schwedischen Technologieinvestoren. Dazu gehört Ingmar Rentzhog, Gründer und Geschäftsführer der in Stockholm ansässigen Klimaaktivismusplattform „We Don’t Have Time“. Vom Hauptanteilseigner kommt auch ein großer Teil der Startfinanzierung für W Social. Neben dem Hauptsitz des neuen sozialen Netzwerks in Schweden sind Büros in Berlin, Paris und London geplant. Das Tech-Team sitzt in der Ukraine.

Kampf gegen systematische Desinformation

Zeiter stellte die neue Plattform am 20. Januar 2026 während des Jahrestreffens des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos erstmals öffentlich vor. Sie erklärte, W Social solle eine Plattform sein, die „in Europa entwickelt, reguliert und betrieben wird“ und darauf abzielt, „systematische Desinformation“ zu bekämpfen. „In ganz Europa und darüber hinaus untergräbt systematische Desinformation das Vertrauen der Öffentlichkeit und schwächt die demokratische Entscheidungsfindung. Viele erkennen das Problem, aber nur wenige tragen dazu bei, die Zukunft aktiv zu gestalten“, sagte sie damals.
Gegenüber „heise online“ betonte sie, es gehe „nicht unbedingt darum, Menschen von X wegzuholen, sondern eine europäische Alternative zu schaffen“. In einem Interview mit „t-online“ formulierte sie es noch deutlicher: „Wenn das politische Brüssel auf W postet statt auf X, haben wir schon viel gewonnen.“
Ob deutsche Politiker den Start von W Social aktiv erwarten, ist unklar. In jüngerer Zeit haben mehrere Mandatsträger ihre Aktivitäten auf X reduziert oder ihre Accounts dort deaktiviert. Laut einem Bericht des „Deutschlandfunks“ betrifft das neben SPD und Grünen auch die Linke, wobei einzelne Sozialdemokraten bereits in den vergangenen zwei Jahren ausgestiegen sind.
In der Selbstdarstellung auf der Startseite heißt es, W Social sei ein soziales Netzwerk, das mit einem grundlegenden Bekenntnis zum Schutz der Privatsphäre entwickelt wurde. Jedes Konto soll mit einer verifizierten menschlichen Identität verknüpft sein, um die Integrität und Authentizität der Nutzerbasis sicherzustellen.
Trotz dieser Verifizierung würden keine Daten erhoben oder gespeichert, die eine eindeutige Rückverfolgung der realen Identität ermöglichen. Zudem soll die Plattform werbefrei sein, ohne Tracking und algorithmisch gesteuerte Feeds auskommen und für Nutzer kostenlos bleiben.

Datenschutz und Meinungsfreiheit

W Social ist als zentral betriebenes soziales Netzwerk konzipiert. Im Gegensatz zu dezentralen Alternativen wie Mastodon setzt das Projekt auf eine einheitliche Plattformarchitektur, um eine direkte Alternative zu X zu schaffen. Ein zentrales Merkmal ist die verpflichtende Identitäts- und Fotoverifikation, durch die anonyme Konten und Bots reduziert bzw. ausgeschlossen werden sollen.
Nach Angaben von Anna Zeiter steht der Name „W“ für „We“, „Values“ und „Verified“. Das Logo, bestehend aus zwei sich überlappenden „V“, soll diese Idee visuell symbolisieren.
Für das Projekt sollen die europäischen Digitalregeln gelten, insbesondere der Digital Services Act (DSA) und die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Diese sollen einen sicheren digitalen Raum schaffen, in dem Nutzerrechte geschützt und illegale Inhalte bekämpft werden. Plattformen sind dabei verpflichtet, Risiken wie Desinformation, Missbrauch und Datenschutzverstöße zu minimieren, transparent zu agieren und klare Melde- und Beschwerdewege bereitzustellen.
Im Gespräch mit dem „Deutschlandfunk“ betont Zeiter, dass ihr der Datenschutz „ein zentrales Anliegen“ sei. Sie verweist darauf, dass Datenschutz und Meinungsfreiheit eng miteinander verbunden seien. Nutzer sollten Inhalte teils öffentlich und teils bewusst nur im privaten Rahmen teilen können, ohne dass Unternehmen oder staatliche Stellen mitlesen.
Daher umfasst der Beirat laut Angaben auch Datenschutzexpertise aus verschiedenen Bereichen. Unter anderem sei die Bundesdatenschutzbeauftragte Prof. Dr. Louisa Specht-Riemenschneider beteiligt gewesen, die jedoch im vergangenen März aus gesundheitlichen Gründen ihren Rücktritt angekündigt hatte und bis zur Nachfolgeentscheidung im Amt bleibt. Ein Termin für die Neubesetzung steht bislang noch aus.

W Social setzt auf menschliche Moderation

Im Gegensatz zu vielen anderen Plattformen verzichtet W Social beim Betrieb bewusst auf bestimmte KI-Technologien. Die Plattform will weder KI-gestützte Empfehlungssysteme noch automatisierte Moderation oder Profilbildung einsetzen. Statt einer algorithmischen Sortierung soll der Feed chronologisch bleiben, um Manipulation und intransparente Steuerungsmechanismen zu reduzieren. Auch für das Training von KI-Modellen sollen keine Nutzerdaten verwendet werden. Im Interview mit dem „Deutschlandfunk“ betonte Zeiter, dass W Social auf „menschliche Moderation“ und die bereits genannten europäischen Datenschutzstandards setze.
Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026 erklärte sie zudem, dass viele Menschen – insbesondere jüngere – soziale Medien inzwischen als Nachrichtenquelle statt klassischer Medien nutzen. „Deshalb ist es wichtig, vertrauenswürdige soziale Plattformen zu schaffen, die Qualitätsjournalismus und faktenbasierte Berichterstattung fördern und echte menschliche Interaktion statt des Austauschs mit KI-Bots ermöglichen.“
Aus ihrer Sicht sei „Geopolitik der Schlüssel zu allem“, insbesondere in einer Phase erhöhter internationaler Spannungen. Informationen, Desinformation und Medien seien eng miteinander verflochten: „Alles hängt zusammen. Geopolitik, Informationen, Desinformation und Medien – das lässt sich nicht getrennt betrachten. Medienrollen und ihre Akteure kann man nur verstehen, wenn man die geopolitischen Zusammenhänge mitdenkt.“
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gesellschaft

Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff: Zwei Erkrankte und Kontaktperson evakuiert

Nach dem tödlichen Hantavirus-Ausbruch auf einem niederländischen Kreuzfahrtschiff vor Kap Verde sind zwei erkrankte Besatzungsmitglieder und eine Kontaktperson von Bord geholt worden.
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte am Mittwoch, die drei Betroffenen seien nun auf dem Weg in die Niederlande. Bei Labortests in Südafrika und der Schweiz wurde unterdessen eine Übertragung von Mensch zu Mensch bestätigt.
Die „Hondius“ liegt seit Sonntag mit rund 150 Menschen an Bord vor Kap Verde vor der Westküste Afrikas vor Anker, nachdem zuvor das Virus an Bord festgestellt worden war. Drei Menschen, darunter eine Deutsche, starben bisher an den Folgen. Bei der Deutschen handelt es sich laut einem Bericht der „Mediengruppe Bayern“ um eine 78-jährige Frau aus Passau.

Betroffene sind „stabil“ – eine Kontaktperson kommt in Düsseldorfer Uniklinik

Am Mittwochvormittag gab die WHO-Vertreterin in Kap Verde, Ann Lindstrand, den Beginn der Evakuierung bekannt.
Zwei Crewmitglieder aus Großbritannien und den Niederlanden, die nach Angaben des niederländischen Kreuzfahrtveranstalters Oceanwide Expeditions schwer erkrankt sind, und eine Kontaktperson der am 2. Mai auf dem Schiff gestorbenen Deutschen wurden laut WHO im Hafen der kapverdischen Hauptstadt Praia von Bord geholt und zum Flughafen gebracht.
Der Gesundheitszustand der drei Betroffenen sei „stabil“, Symptome hätten bisher nur zwei von ihnen, sagte Lindstrand der Nachrichtenagentur AFP.
Wie ein Sprecher der Düsseldorfer Feuerwehr AFP bestätigte, sollte die Kontaktperson am Flughafen Amsterdam von der Feuerwehr abgeholt und am Abend zur Düsseldorfer Universitätsklinik gebracht werden.

Kreuzfahrtschiff fährt weiter nach Spanien

Nach Abschluss der Evakuierungsaktion sollte das Kreuzfahrtschiff die Kapverden verlassen. Nach Angaben von Oceanwide Expeditions soll die „Hondius“ Kurs auf die Kanaren nehmen und entweder Teneriffa oder Gran Canaria ansteuern.
Das spanische Gesundheitsministerium hatte am Dienstag mitgeteilt, das Schiff werde die Kanaren in drei oder vier Tagen erreichen. Wie der Kreuzfahrtveranstalter mitteilte, reisten zwei Infektiologen nach Kap Verde, die bis zur Ankunft auf den Kanaren an Bord bleiben sollen.
Hantaviren werden üblicherweise über die Ausscheidungen von Nagetieren übertragen und lösen meist schwere Atemwegserkrankungen aus. In seltenen Fällen ist auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich, allerdings nur bei dem in Südamerika verbreiteten Andes-Virusstamm. Die „Hondius“ hatte ihre Reise am 1. April in Ushuaia in Argentinien begonnen.

82 Flugpassagiere gesucht

Ein erster Passagier aus den Niederlanden war nach Angaben von Oceanwide Expeditions am 11. April an Bord gestorben. Seine Frau ging am 24. April auf der Insel St. Helena im Südatlantik von Bord, flog nach Johannesburg und starb dort am 26. April in einem Krankenhaus.
Die WHO und Südafrikas Behörden versuchen nun, die 82 Passagiere und sechs Crewmitglieder ausfindig zu machen, die mit der Frau in der Maschine der südafrikanischen Fluggesellschaft Airlink gewesen waren.
Zwei weitere Passagiere, die ausgeflogen wurden, werden derzeit in Johannesburg und Zürich behandelt. Wie Südafrikas Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi am Mittwoch bekanntgab, wurde bei dem Patienten in Johannesburg der von Mensch zu Mensch übertragbare Andes-Virusstamm nachgewiesen. Auch beim Andes-Virus komme eine Übertragung aber „nur bei sehr engem Kontakt zwischen Menschen“ vor, sagte Motsoaledi.
Wie das Schweizer Referenzlabor für neu auftretende Virusinfektionen an der Universitätsklinik in Genf mitteilte, wurde auch bei den Tests in der Schweiz das Andes-Virus nachgewiesen.
Nach Angaben der WHO waren anfangs 88 Passagiere und 59 Besatzungsmitglieder an Bord der „Hondius“. Sie geht bisher von drei Infektions- und fünf Verdachtsfällen aus. WHO-Chef Tedros betonte, die Gesundheitsgefahr für die Allgemeinbevölkerung sei „weiterhin niedrig“. (afp/red)
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wirtschaft

G7-Treffen: Reiche warnt Vor wirtschaftlichen Folgen der Hormus-Blockade

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat zum Auftakt eines G7-Ministertreffens vor den wirtschaftlichen Folgen der Blockade der Straße von Hormus gewarnt.
„Jeden Tag, an dem die Straße von Hormus geschlossen ist, kostet uns das Geld: hohe Energiepreise, gebrochene Lieferketten und steigende Kosten für unsere Produktion sind die Folge“, sagte sie am Mittwoch in Paris. „Deshalb zählt jeder Tag, um zu deeskalieren und die Passierbarkeit der Straße von Hormus wieder sicherzustellen“, fügte sie hinzu.

Straße von Hormus weiterhin unsicher

Kurz zuvor hatte die französische Reederei CMA CGM den Beschuss eines ihrer Schiffe gemeldet, das unter maltesischer Flagge fährt. Die USA setzten ihren Militäreinsatz zur Sicherung der Schifffahrt in der Meerenge nur einen Tag nach Beginn wieder aus.
Die Wirtschaftsminister der G7-Staaten beraten zudem mit Blick auf China über die Förderung des weltweiten fairen Wettbewerbs. „Wenn Staaten bewusst Überproduktion subventionieren und mit unfairen Produkten Weltmärkte überschwemmen, dann schadet das unserer Industrie und unserer Wettbewerbsfähigkeit“, betonte Reiche.
Die G7-Staaten, zu denen neben Deutschland und Frankreich auch die USA, Kanada, Japan, Italien und Großbritannien zählen, seien sich einig, dagegen geschlossen vorzugehen.

(l-r) EU-Kommissar für Handel und wirtschaftliche Sicherheit Maros Sefcovic, die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, der britische Minister für Wirtschaft und Handel Peter Kyle, der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer, der französische Staatssekretär für Außenhandel Nicolas Forissier, der kanadische Minister für internationalen Handel Maninder Sidhu, die italienische Staatssekretärin für auswärtige Angelegenheiten Maria Tripodi, der japanische Minister für Wirtschaft und Handel Akazawa Ryosei und der japanische Staatsminister für auswärtige Angelegenheiten Horii Iwao posieren am 6. Mai 2026 beim G7-Handelsgipfel in Paris.

Foto: Aurelien Morissard/POOL/AFP via Getty Images

Weitere Themen: Zölle und Onlinehandel

Mit Blick auf die von den USA erneut angedrohten Strafzölle auf Autos zeigte sich Reiche zuversichtlich. Sie habe mit US-Wirtschaftsminister Howard Lutnick und dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer darüber gesprochen.
Das Thema Automobilbau und -export sei für Deutschland zentral, betonte sie. „Und ich bin guter Hoffnung, dass wir auch diese Herausforderung gut miteinander gelöst bekommen“, fügte sie hinzu.
US-Präsident Donald Trump hatte am Freitag eine Steigerung der Einfuhrzölle auf Autos und Lkw aus der EU von 15 auf 25 Prozent angekündigt. Dies würde deutsche Autobauer besonders hart treffen.
Auch die Folgen des Onlinehandels sind Thema des zweitägigen Ministertreffens, das am Mittwoch endet. Reiche prangerte einen „Tsunami von Paketen“ an, der täglich in der EU ankomme. Zudem würden zahlreiche gefährliche oder giftige Produkte eingeführt, sagte sie und nannte Kinderspielzeug als Beispiel.
Es ist das zweite G7-Wirtschaftsministertreffen unter französischem G7-Vorsitz nach einer Videokonferenz im Februar. Ob es am Ende eine gemeinsame Erklärung geben wird, stand zunächst nicht fest. (afp/red)
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gesellschaft

Polizist stirbt bei Verfolgungsjagd: Zehneinhalb Jahre Haft für 27-Jährigen

Nach dem Tod eines sächsischen Polizisten bei einer Verfolgungsjagd im brandenburgischen Lauchhammer ist ein Mann zu einer Freiheitsstrafe von zehneinhalb Jahren verurteilt worden.
Das Landgericht Cottbus sprach den 27-Jährigen am Mittwoch des verbotenen Kraftfahrzeugrennens mit Todesfolge und Gefährdung des Straßenverkehrs schuldig, wie ein Gerichtssprecher in der brandenburgischen Stadt sagte. In die Gesamtfreiheitsstrafe wurden frühere Urteile mit einbezogen.

Verfolgungsjagd mit der Polizei

Laut Anklage hatte der 27-Jährige im Januar 2025 mit weiteren Beschuldigten ein Auto gestohlen und sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei über die sächsisch-brandenburgische Landesgrenze hinweg geliefert.
Nachdem die Beamten die Diebe in Brandenburg zunächst stoppten, erfasste der Beschuldigte den 32-jährigen Polizeibeamten mit hoher Geschwindigkeit, als dieser gerade einen Stoppstick auf der Fahrbahn auslegen wollte.
Der Beamte starb noch an der Unfallstelle. Er hinterließ eine Lebensgefährtin und eine kleine Tochter. Sein Tod sorgte bundesweit für Bestürzung.
Aus Sicht der Staatsanwaltschaft handelte der Beschuldigte in der Absicht, den Autodiebstahl zu verdecken. Sie sah daher das Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht erfüllt. Sie beantragte in dem Prozess, der im Januar begonnen hatte, eine lebenslange Freiheitsstrafe. Dem schloss sich auch die Nebenklage an.
Die Verteidigung plädierte auf eine Verurteilung wegen verbotenen Kraftfahrzeugrennens mit Todesfolge und Gefährdung des Straßenverkehrs. Unter Einbeziehung der früheren Urteile beantragte sie eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als achteinhalb Jahren. (afp/red)
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gesellschaft

Zehnjähriger überfährt eigene Mutter mit Transporter

Ein Zehnjähriger hat in Hessen seine Mutter mit einem Transporter totgefahren. Der Unfall ereignete sich beim Rangieren des Fahrzeugs, wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Darmstadt am Mittwoch mitteilten.
Demnach soll der Zehnjährige am Dienstag auf einem Privatgrundstück in Alsbach-Hähnlein versucht haben, den Transporter umzuparken. Dabei verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug.
Die Mutter wollte eingreifen, wurde dabei aber von dem Wagen erfasst. Die 39-Jährige erlag ihren Verletzungen vor Ort. Der Junge durchbrach mit dem Transporter noch das Hoftor und stieß gegen ein weiteres Fahrzeug. Er blieb unverletzt. Die Ermittlungen liefen.(afp/red)
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gesellschaft

Schicksal von gerettetem Buckelwal unklar: Wo ist „Timmy-Hope“?


In Kürze:

  • Schicksal von Buckelwal „Timmy“ bleibt nach Freilassung unklar
  • Museum hält Tod für wahrscheinlich, Retter sehen Lebenszeichen
  • GPS-Daten liefern bislang keine eindeutigen Erkenntnisse

 
Vier Tage nach seiner Freilassung in der Nordsee ist das Schicksal des Buckelwals „Timmy“, auch bekannt als „Hope“, weiterhin unklar. Am Samstag, 2. Mai, endete der Transport des Tieres auf einem Lastkahn, der von einer privaten Rettungsinitiative organisiert wurde. Seitdem befindet sich der Wal im offenen Meer, rund 70 Kilometer vor der dänischen Stadt Skagen im Skagerrak.
„Am Anfang war das alles eigentlich nur eine Idee, fast ein Gespräch, das sich dann verselbstständigt hat. Niemand konnte ahnen, dass daraus eine internationale Rettungsaktion wird, die so viele Menschen bewegt“, sagte Nicoletta DeVidar, die die Initiative maßgeblich mit angestoßen hat, im Gespräch mit Epoch Times.

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Doch seit seiner Freilassung gibt es keine verifizierten Informationen mehr über den Aufenthaltsort oder den Gesundheitszustand des Wals, der Deutschland so bewegt hat. Im Meeresmuseum Stralsund geht man davon aus, dass „Timmy“ vermutlich nicht mehr lebt.
In einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung heißt es: „Da sich der Wal in einem extrem geschwächten Zustand befand und nach früheren Rettungsversuchen innerhalb kurzer Zeit immer wieder strandete, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass er nicht genug Kraft besaß, um längerfristig im tiefen Wasser zu schwimmen und nicht mehr lebt.“

GPS-Tracker sendet „Pins“ – Retter sehen Lebenszeichen von „Timmy“

Demgegenüber gehen Kreise der privaten Rettungsinitiative davon aus, dass der Wal noch am Leben ist. Nach Angaben der Initiative habe das im Vorfeld der Freilassung angebrachte GPS-Gerät bereits mehrfach sogenannte „Pins“ gesendet. Dabei handelt es sich um Positionsdaten, die an Satelliten oder andere Empfangssysteme übermittelt werden.
Karin Walter-Mommert, eine der Geldgeberinnen der Rettungsaktion, bestätigte gegenüber „BILD“, dass es seit der Freilassung insgesamt rund 25 Signale gegeben habe.
Ein „Pin“ bezeichnet eine Standortmeldung bestehend aus einer GPS-Koordinate und einem Zeitstempel. Eine exakte Lokalisierung des Tieres sei daraus jedoch nicht ableitbar. Die Initiatoren werten die Signale dennoch als mögliches Lebenszeichen, da sie davon ausgehen, dass diese nur bei Aufenthalten an der Wasseroberfläche entstehen können.

Minister Backhaus warnt vor voreiligen Schlüssen

Es bleibt jedoch unklar, ob sich der Sender überhaupt noch am Tier befindet und ob die Signale noch eindeutig dem Wal zugeordnet werden können. Der mit der Thematik befasste „WELT TV“-Reporter Gerrit Schröder erläuterte dazu, dass eine Verbindung zu möglichen Empfangsstationen nur zustande komme, wenn sich der Tracker über dem Wasser befinde. Er logge sich zwar in ein Netzwerk ein, allerdings gebe es Probleme bei der Datenübermittlung.
Um eine Verbindung zu ermöglichen, müsse „Timmy“ jedes Mal für einen längeren Zeitraum aufgetaucht sein. Schröder wies jedoch auch darauf hin, dass sich erst nach längerer Zeit – möglicherweise erst nach Wochen – ein belastbares Muster aus den vorhandenen GPS-Daten ableiten lasse. Zudem setze jede Auswertung voraus, dass der üblicherweise mit Saugnäpfen oder Halterungen am Wal befestigte Tracker tatsächlich noch am Tier sei.
Auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus warnt angesichts der unklaren Datenlage vor vorschnellen Schlüssen. Er nehme die aktuelle Diskussion und die Einschätzung des Deutschen Meeresmuseums „zur Kenntnis“. Gleichzeitig betonte er am Dienstagnachmittag: „Den Spekulationen über den möglichen Tod des Wals schließe ich mich zum jetzigen Zeitpunkt ausdrücklich nicht an. Ich richte mein Urteil an Fakten aus. Sollte das Deutsche Meeresmuseum Erkenntnisse haben, die wir nicht haben, bitte ich um entsprechende Herausgabe.“

Museum fordert vollständige Datenoffenlegung

Das Meeresmuseum Stralsund fordert umfassende Transparenz über die Rettungsaktion, insbesondere hinsichtlich Technik und Datenlage. Gefordert werden unter anderem das exakte Modell des Trackers, die Art der Befestigung am Tier sowie vollständige Rohdaten.
Zudem verlangt das Museum Zugang zu den Livedaten durch eine unabhängige Organisation.
„Ich verstehe, dass von außen vieles widersprüchlich wirkt. Aber man darf nicht vergessen, dass Entscheidungen dort draußen unter Bedingungen getroffen werden, die kaum jemand vollständig überblicken kann“, sagte DeVidar angesichts der wachsenden Ungewissheit.
Ein Peilsender kann auch nach dem Tod des Wals noch für eine gewisse Zeit Signale senden, solange die Batterie funktioniert und der Sender weder untergegangen noch deaktiviert ist. Nach aktuellem Stand liegen dem zuständigen Ministerium weiterhin keine von der Initiative übermittelten GPS-Rohdaten vor. Daher sind auch keine verlässlichen Standorte von „Timmy“ nachvollziehbar.

Konflikte begleiteten Rettungsaktion

Im Umfeld der Rettungsaktion kam es zudem zu Spannungen zwischen der privaten Initiative und Teilen der Schiffsbesatzung. So habe die Crew der Barge „Fortuna B“ der Tierärztin Kerstin Tönnies die Mitfahrt an Deck verwehrt.
„Natürlich gab es Reibungen, wenn so viele unterschiedliche Menschen unter Druck zusammenarbeiten. Aber im Kern waren alle von derselben Idee getragen, auch wenn die Wege dorthin unterschiedlich waren“, sagte DeVidar.
Auch der Zeitpunkt der Freilassung sorgte für Differenzen, da er von Teilen der Initiative als zu früh eingeschätzt wurde.
Die Geldgeber Karin Walter-Mommert und Walter Gunz distanzierten sich in einem Schreiben vom Vorgehen der Crew. Zudem gibt es Hinweise, dass „Timmy“ bei der Freilassung Verletzungen am Maul erlitten haben könnte.

„Viele haben geweint vor Freude“

„Im ersten Moment war es eine Erleichterung, ihn schwimmen zu sehen. Das war wirklich ein Moment, in dem alle einfach nur gespürt haben: Es hat geklappt, er ist draußen, er ist im Wasser, er hat es geschafft. Und viele haben geweint vor Freude, weil die Anspannung der ganzen Wochen in diesem Augenblick einfach abgefallen ist“, erzählte DeVidar.
Weiter sagte sie: „Aber gleichzeitig war da sofort diese zweite Ebene: dieses Gefühl von Unsicherheit, von ‚Was ist da eigentlich genau passiert?‘ und ‚Ist das wirklich der richtige Weg gewesen?‘ – das hat uns alle emotional sehr beschäftigt.“
Sie betonte zudem: „Am Ende ging es immer um eines: dem Tier die beste Chance zu geben, die es in diesem Moment hatte. Alles andere musste sich diesem Ziel unterordnen.“
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Polizei: Dritter NRW-Castortransport verläuft ohne Zwischenfälle

Der dritte Castortransport durch Nordrhein-Westfalen von Jülich bei Aachen nach Ahaus in Münsterland ist nach Angaben der Polizei Münster ohne besondere Zwischenfälle verlaufen.
Der von Einsatzkräften der Polizei zum Schutz der Atommüllbehälter abgesicherte Konvoi erreichte am frühen Mittwochmorgen das Brennelemente-Zwischenlager Ahaus, wie die Beamten in Münster mitteilten. Der Transport sei am Dienstagabend planmäßig gestartet.
Um diesen Atommüll geht es. Er soll von Jülich ins 170 Kilometer entfernte Ahaus transportiert werden. (Archivbild)

Um diesen Atommüll geht es. Er soll von Jülich ins 170 Kilometer entfernte Ahaus transportiert werden. (Archivbild)

Foto: Andreas Endermann/dpa

Mehrere Versammlungen mit wenigen Teilnehmern

Bei der Polizei Münster waren im Vorfeld vier Versammlungen angemeldet worden. In Jülich und in Ahaus fanden jeweils zwei Versammlungen mit einer Gesamtteilnehmerzahl von etwa 200 Menschen statt.
Die zwei Demonstrationen in Ahaus verzeichneten insgesamt rund 170 Teilnehmer. An den Versammlungen in Jülich nahmen etwa zehn Menschen teil. Die Versammlungen seien störungsfrei verlaufen, erklärte die Polizei.
Im Anschluss an die Versammlungen in Jülich stellten Einsatzkräfte die Personalien von drei Menschen fest, wie die Polizei mitteilte.
Die Polizei habe zuvor Hinweise erhalten, dass die drei sich am Zaun eines Privatgeländes auffällig verhalten hätten. Unter anderem sollen sie Fotos von dem Gelände gemacht haben. Sie seien nach erfolgter Identitätsfeststellung vor Ort wieder entlassen worden.
Auf der rund 170 Straßenkilometer langen Strecke kam es der Polizei zufolge zu temporären Verkehrsbehinderungen. Ende März war ein erster Castortransport von Jülich nach Ahaus bereits ohne besondere Zwischenfälle verlaufen. Ein zweiter Transport im April erfolgte ebenfalls problemlos. (afp/red)
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Erfolgsrezept Natürlichkeit: Wenn Oma viral geht

In eine Panade gehören keine Eier, statt mit Wasser wird Rotkohl besser mit Traubensaft gekocht und damit eine Suppe klar bleibt, müssen die Nudeln extra abgekocht werden. Diese und weitere Küchen-Kniffe lernen mehrere Tausend Follower jede Woche auf den Social-Media-Accounts von Vanessa und ihrer Oma Annemarie.
„Wir machen heute eine Rindfleischsuppe“, sagt Oma Annemarie in die Handykamera ihrer 37 Jahre alten Enkeltochter. Oma kocht und Vanessa filmt – sie zeigen Schritt für Schritt, wie aus einfachen Zutaten traditionelle Gerichte entstehen.
Oma kocht, Vanessa filmt - wie lange die zwei noch Videos machen, hängt ganz davon ab, wie lange Annemarie noch möchte.

Oma kocht, Vanessa filmt – wie lange die zwei noch Videos machen, hängt ganz davon ab, wie lange Annemarie noch möchte.

Foto: Christoph Reichwein/dpa

Über Generationen weitergegebenes Wissen hat so längst seinen Weg in die sozialen Medien gefunden. Was TikTok oder Instagram eigentlich genau sind, weiß Oma Annemarie nicht – es interessiert sie aber auch nicht. Sie freut sich einfach, dass sie Menschen „irgendwo im Internet“ helfen kann.

Ein Krustenbraten geht viral

Angefangen hat das alles mit einem Krustenbraten. „Oma macht einfach den besten“, sagt ihre Enkeltochter. Das Rezept dafür will Vanessa für sich festhalten, aber nicht nur in Form von Mengenangaben mit Zettel und Stift. Deswegen hält Vanessa die Handykamera drauf, als Oma Annemarie den Braten im Topf gart, die Schwarte einschneidet und das Fleisch salzt.
Aus einer Laune heraus lädt Vanessa das Video auf ihrem TikTok-Account hoch, auf dem sie damals selbst schon Videos aus ihrem Alltag postet. Kurze Zeit später hat das digitale Krustenbraten-Rezept mehrere Millionen Aufrufe.
Seit diesem ersten Video im September 2024 kamen zahlreiche weitere hinzu – und damit Tausende Follower und Millionen Klicks. Gefilmt wird am Wochenende oder abends, wenn Vanessa von ihrem eigentlichen Job in einer Apotheke kommt. Viel Arbeit für die 37-Jährige, doch das Drehen mit ihrer Oma macht ihr nicht nur Spaß, sondern trägt auch Früchte: Jetzt haben sie ein eigenes Kochbuch veröffentlicht.
Von der Küche in die Sozialen Medien - und jetzt in ein Kochbuch: Die Rezepte von Vanessa und ihrer Oma Annemarie sind jetzt auch dort zu lesen.

Von der Küche in die Sozialen Medien – und jetzt in ein Kochbuch: Die Rezepte von Vanessa und ihrer Oma Annemarie sind jetzt auch dort zu lesen.

Foto: Christoph Reichwein/dpa

Generationen-Duos im Netz

Mit ihren Videos treffen Vanessa und Oma Annemarie einen Nerv. In den sozialen Medien sind immer mehr Generationen-Duos und ältere Creator unterwegs.
„Sie wirken besonders glaubwürdig, weil sie manchen Mechanismen einfach widersprechen und für Überraschungsmomente sorgen“, sagt Hanna Klimpe von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Der Trend könne zu „einer emotionalen Stabilisierung und gegenseitigem Verständnis“ beitragen.
Ruth Gehrmann von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz meint außerdem: „Eine Chance ist das Aufbrechen von älteren Menschen als homogene Gruppe.“

Mit viel Liebe und Heißluftfritteuse

Der Erfolg in der großen Social-Media-Welt ändert nichts daran, wie und was in der kleinen Küche in Recklinghausen gekocht wird: Statt mit der glanzvollen elektrischen Pfeffermühle würzt Oma Annemarie die Rindfleischsuppe immer noch am liebsten mit der Mühle, die Vanessa ihr vor 20 Jahren geschenkt hat.
Der Spargel und die Kräuter werden ganz einfach mit einer Küchenschere geschnitten. Gestellt ist dabei nichts. „Das könnte Oma auch gar nicht“, sagt Vanessa. Dass ihre Enkelin sie filmt, merke Oma Annemarie die meiste Zeit gar nicht.
Trotzdem ist längst nicht alles so, wie damals zu Omas Zeiten: „Oma möchte eine moderne Oma sein“, erzählt Vanessa. Deshalb sind die zwei Heißluftfritteusen treue Helfer in ihrer Küche.
Mittlerweile ist Oma Annemarie richtiger Fan: „Hähnchen da drin, oh! Das Hähnchen, das ist ja einmalig“, sagt die 79-Jährige. Die Wertschätzung von Essen und Kochen will sie auch auf Social Media zeigen.
Oma Annemarie und ihre Enkelin Vanessa genießen die gemeinsame Zeit, die sie durch das Video-Projekt miteinander verbringen.

Oma Annemarie und ihre Enkelin Vanessa genießen die gemeinsame Zeit, die sie durch das Video-Projekt miteinander verbringen.

Foto: Christoph Reichwein/dpa

Kochen ist für Oma Annemarie mehr als eine veraltete gesellschaftliche Pflicht. Eine Aufgabe zu haben, erfüllt die 79-Jährige. „Ich habe ja Zeit“, sagt sie. Vom Einkaufen bis zum Aufräumen der Küche – das macht sie gerne noch selbst, egal ob für Social Media oder nicht.

Von Hate-Kommentaren bis Heiratsantrag

Wurde da zweimal derselbe Löffel zum Abschmecken benutzt? Wieso hat die Schüssel mit dem Brot jetzt eine andere Farbe als in dem Clip davor? Und Soja-Soße gab es doch früher noch gar nicht, so wie das im Video erzählt wird. Den Detektiven in Vanessas und Oma Annemaries Community fällt alles auf. „Die suchen an jedem bisschen was“, berichtet Oma Annemarie.
Richtige Hate-Kommentare richten sich aber nicht gegen die 79-Jährige, sondern an Vanessa. Dann wird sie manchmal als „die Faule“ beschimpft, die ihrer Oma nicht beim Kochen helfe.
Dass Oma Annemarie „Hummeln im Hintern“ hat und aus Perfektionismus ihre Enkelin eigentlich lieber gar nicht an die Kochtöpfe lässt, können sie nicht wissen. Manchmal antwortet Vanessa dann ironisch. Wenn das Geschriebene unter die Gürtellinie geht, blockiert sie die Verfasser. Ihrer Oma erzählt sie nichts davon.
Die meiste Zeit steht das Generationen-Duo aber in der Gunst ihrer Followerschaft. „Ich habe auch schon einige Heiratsanträge bekommen, nur weil sie bei Oma essen wollen“, erzählt Vanessa.
„Ich kriege auch so viele herzergreifende Nachrichten, manche sagen sogar, sie hätten bei den Videos geweint.“ Oma Annemarie gibt nicht nur Kochtipps, sondern vielen auch das Gefühl von Geborgenheit.

Die virtuellen Großeltern

„Man kriegt virtuell ein paar Großeltern dazu“, sagt Wissenschaftlerin Klimpe. „In einer Gesellschaft, in der sehr viele eben nicht in dieser Dorfstruktur leben, bei der man Eltern oder Großeltern in derselben Stadt hat, bedient das natürlich eine Sehnsucht nach familiärem Zusammenhalt und intergenerationalem Austausch.“
Manche aus der Community lernen durch Oma Annemarie aber auch Deutsch, weil sie so langsam und deutlich in den Videos spricht.
Wie lange das Generationen-Duo im Netz noch Kochvideos teilt, hängt ganz von Oma Annemarie ab: „Wenn Oma morgen sagt, sie hat keinen Bock mehr, dann ist das so“, sagt Vanessa, „aber die Zeit mit ihr gerade kann mir keiner nehmen“. (dpa/red)