Jülich ist eine 35.000 Einwohner zählende Kleinstadt im westlichen Nordrhein-Westfalen. Allein an den vielen Neubauten kann man erkennen: Die Gemeinde erlebt als Standort eines Energieforschungszentrums stetigen Zuzug – allerdings nicht von gläubigen Christen. Diese nehmen kontinuierlich ab.
Deshalb hat das katholische Bistum Aachen im Jahr 2022 beschlossen, eine der vier katholischen Kirchen des Ortes aufzugeben.
Unauffälliger Waschbetonbau
Die Wahl fiel auf die im Jahr 1961 errichtete St.-Rochus-Kirche. Sie liegt im Stadtteil Heckfeld in einem Wohngebiet. Nähert man sich ihr von außen, kommt man nicht auf die Idee, dass das Gotteshaus nicht mehr im Dienst der Kirche steht.

Die ehemalige St.-Rochus-Kirche in Jülich, Nordrhein-Westfalen.
Foto: Tom Goeller
Weithin sichtbar ist der hohe, vom Kirchengebäude abgesetzte Glockenturm. Auch auf dem ehemaligen Kirchenvorplatz sieht alles nach Kirche aus. Man muss schon sehr genau hinsehen, um herauszufinden, dass sich hier keine Gläubigen mehr versammeln.
Im Glaskasten rechts neben dem Eingang, in dem früher Gemeindenachrichten ausgehängt wurden, steht nun in schwarzer Schrift auf weißem Papier unauffällig: „Toms Bike Center“. Dazu die Öffnungszeiten.
Das schmucklose, funktionale Stahl-Glas-Portal hätte schon immer auch der Eingang zu einem Fabrikgebäude sein können. Betritt man es heute, bietet sich dem Betrachter aufgrund der Waschbeton- und Ziegelsteinarchitektur eher der Eindruck einer Turnhalle, vollgestellt mit Fahrrädern, soweit das Auge reicht.

Thomas Oellers hat 2023 sein Geschäft „Toms Bike Center“ in dem Kirchengebäude eröffnet.
Foto: Tom Goeller
Dazwischen bewegen sich ein paar Kunden mit Schutzhelmen auf dem Kopf. Andreas L. (62) ist gläubiger Christ, sagt aber: „Für mich ist das Fahrradgeschäft hier ein ganz normaler Raum.“ Er kommt, um sein Bike reparieren zu lassen. „Irgendwo knackt es und ich finde den Fehler nicht“, sagt er.
Im Eingangsbereich steht eine Mutter mit einem Kind auf einem Fahrradsitz. Sie sucht nach einem Anhänger mit Netzverdeck. Beraten wird sie von einem jungen Mann, ganz in schwarz gekleidet. Er ist der Sohn des Bike-Center-Besitzers. Er zeigt mir, wo ich seinen Vater finde, mit dem ich verabredet bin.
Im linken vorderen Eck der Halle ist eine kleine Glaskastenkonstruktion eingebaut. Das Büro von Tom Oellers. Er telefoniert gerade, als ich eintrete.
Fahrradshop mit Spezialrädern
Bevor wir das Gespräch beginnen können, platzt noch ein Kunde ins Büro. Er kommt vom Forschungszentrum in Jülich. Der Mann braucht ein Lasten-E-Bike. Das ist ein Dreirad mit einem vorne auf zwei Rädern befestigten Kasten, präzise „CB1“ genannt. Die Besonderheit daran: Das Bike verfügt über eine Neigungslenkung. Bei dem bisherigen Lasten-Bike sind einige Speichen der Räder gebrochen.
Diese Speichen hat Oellers aber gerade nicht vorrätig. Die Reparatur wird etwas dauern. Für die Zwischenzeit braucht das Forschungszentrum einen Ersatz. Oellers kann ein solches Rad sofort zur Verfügung stellen. Laut Auskunft eines Mitarbeiters des Forschungszentrums verfüge dieses über „etwa tausend Fahrräder“. Jetzt verstehe ich, warum sich in dem kleinen Ort Jülich ein großes Fahrradgeschäft mit Werkstatt lohnt.
„Ich habe nicht im Internet geguckt“
Endlich kommen Oellers und ich ins Gespräch. Warum hat er als Fahrradtechniker eine Kirche gekauft? Oellers berichtigt:
„Die erste Frage, die man stellen muss, ist: ‚Wie kommt man überhaupt an ein Kirchengebäude?‘ Ich habe nicht im Internet geguckt, sondern die Kirchengemeinde ist damals zu mir gekommen und hat mich gefragt. Es war ein Bekannter, der Mitglied des Kirchenvorstands war.“
Dieser habe über die Platzprobleme von Oellers bisherigem Geschäft Bescheid gewusst und sich gedacht, dass das große Kirchengebäude „etwas“ für ihn sei.

Tom Oellers, der Inhaber des Fahrradgeschäftes.
Foto: Tom Goeller
Auch die Lage habe gepasst. Bei der Kauferwägung sei ihm außerdem wichtig gewesen, dass es genügend Parkplätze gibt. Es kämen viele Kunden mit dem Auto, an dem sie Fahrräder mit Heckträgern befestigt haben. Sein Standort würde solchen Kunden, denen es um Reparaturen gehe, den Besuch der Werkstatt erleichtern. Auch zur Innenstadt sei es nicht weit.
Erscheinungsbild erhalten
Wie aber finden Kunden den Weg zum Fahrradshop? Nirgends gibt es ein Hinweisschild. Selbst das typische Firmenschild über der Eingangstür fehlt. Keine Werbung weit und breit. Oellers sagt, die Kunden würden ihn entweder kennen oder übers Internet finden. Beim Erwerb der Kirche habe er sich selbst ein paar Auflagen gestellt.
Er findet Werbeposter an dem ehemaligen Kirchengebäude unpassend. Er möchte den Gesamteindruck und das äußere Erscheinungsbild von vorher bewahren. Deshalb habe er auch keine Container für die Müllentsorgung aufgestellt. Allein durch die Anlieferung neuer Fahrräder entstehe eine große Menge an Papp- und Folienmüll. Diesen entsorge er über sein altes Ladengeschäft. Auch innerhalb seines Geschäfts verzichte er „bewusst“ auf Werbung.
Im Laden befindet sich weiterhin ein großes Orgelprospekt. Funktioniert die Orgel noch? Oellers: „Die Orgel kann nach wie vor gespielt werden.“ Im Kaufvertrag sei vereinbart gewesen, dass die ehemalige Gemeinde ein Jahr Zeit hatte, die Orgel an einen Interessenten zu übergeben. Als dieser das Kircheninstrument abbauen wollte, war der Zeitpunkt aber für das Fahrradgeschäft ungünstig. Ein neuer Termin sei nicht zustande gekommen.
„Hier habe ich geheiratet“
Wie fühlt er sich selbst damit, in einer ehemaligen Kirche seine Räder auszustellen und zu verkaufen? Oellers: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Je häufiger ich hierherkomme, desto normaler empfinde ich das. Die Ehrfurcht der ersten Tage und Monate ist teilweise gewichen.“
Seine Erfahrung mit seinen Kunden sei, dass diejenigen, die zum ersten Mal sein Geschäft betreten, erstaunt seien. „Für die, die öfter kommen, sind das Geschäft und die Werkstatt total normal“, sagt er. Allerdings gebe es auch eine Reihe von Kunden, die sich daran erinnern, wie sie als Kinder hier zur Kirche gegangen sind oder in dem Raum geheiratet haben und die darüber sprechen.
„Für mich war das Ergreifendste, als die Mutter eines einstigen Klassenkameraden ins Geschäft kam, um ein Fahrrad zu erwerben. Wir standen hier vorne auf dem Podest, wo früher die Heilige Messe zelebriert wurde und sie sagte plötzlich auf Jülicher Platt:
„‚Hör mal Tom, kannste Dir det fürstelln, hier hob ich jehürot – hier habe ich geheiratet.‘ Die war mit ihren Gedanken mehr bei ihrer Hochzeit als beim Kauf.“
Andere erzählten davon, dass sie hier getauft worden oder zur ersten heiligen Kommunion gegangen seien, genauso, wie er selbst. In seiner Wahrnehmung fallen solche Äußerungen jedoch nicht in einem bedauernden Ton. Es seien zumeist einfach Feststellungen.
Respektvoller Umgang mit dem Gebäude
Grundsätzlich gestattet Oellers, dass sich Gläubige in einem Nebenraum, einer ehemaligen Kapelle, treffen und beten können, wenn sie das möchten. Im Verkaufsraum befinden sich auch nach wie vor einige alte Kirchenbänke. Oellers sagt: „Wem danach ist, der kann sich gerne hier hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen.“
Aufgrund seines Gesamtumgangs bei der Übernahme des Gebäudes sei der „Aufschrei in der Bevölkerung weitgehend ausgeblieben“. In den sozialen Netzwerken habe es zwar einige negative Kommentare gegeben, da man ihn aber im Ort kenne – schließlich sei er hier geboren und aufgewachsen –, habe sich die Kritik in Grenzen gehalten. Er habe den Eindruck, dass viele Menschen verstehen, dass der Verkauf an ihn „das Beste für dieses Kirchengebäude“ gewesen sei, da er nachweislich respektvoll damit umgehe.
Auch im Innenraum hat Oellers von massiven Umbaumaßnahmen Abstand genommen. Die Werkzeuge sind entlang der Außenmauern in nicht fest installierten Schränken untergebracht. Deshalb könne „rein theoretisch das Fahrradgeschäft ohne großen Aufwand jederzeit wieder in eine Kirche umgewandelt werden“, sagt er.
Heiztechnisch stellt das ehemalige, hohe Kirchengebäude in den Wintermonaten ein Problem dar. „Dann frieren wir“, sagt Oellers grinsend. Denn wenn er dauerhaft eine Temperatur von 18 Grad plus erreichen wollte, könnte er sich dies finanziell nicht leisten.
„Am Anfang haben wir nur geflüstert“
In der kleinen Werkstatt in der ehemaligen Sakristei sind drei Mitarbeiter mit der Reparatur von Fahrrädern beschäftigt. Alen (42) arbeitet schon seit fast 20 Jahren für Oellers. „Die Arbeit hier macht mir sehr viel Spaß.“ Nach dem Einzug in die Kirche sei es am Anfang „spannend und aufregend“ gewesen.
„Wir haben in den ersten Wochen nur geflüstert.“

Alen (42) arbeitet für Oellers schon seit fast 20 Jahren.
Foto: Tom Goeller
Und wenn er im privaten Umfeld von seiner Arbeitsstätte spricht, dann nennt er das Geschäft nach wie vor „Kirche“. Freunde und Verwandte fänden die Umwidmung des Gebäudes „alle ganz gut“.
In einem anderen Teil der Werkstatt setzt Amr gerade ein Fahrrad instand. Er stammt aus Syrien und ist Muslim. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass in seinem Herkunftsland eine Moschee in eine Werkstatt umgewandelt würde, antwortet Amr: „Eigentlich nicht.“ Denn eine Moschee sei ein „Haus von Gott“.

Amr setzt in der Werkstatt ein Fahrrad instand.
Foto: Tom Goeller
„Eine besondere Fügung“
Bevor wir auseinandergehen, erzählt mir Oellers noch zwei besondere Begebenheiten aus der Zeit, als es um den Kauf des Gebäudes ging, die ihn bis heute bewegen: Seine Bank hatte zunächst der Finanzierung des Kredits für den Kauf zugestimmt. Einen Tag vor dem Notartermin habe der Vorstand der Bank seine Meinung jedoch geändert, obwohl die Finanzierung zuvor über den Bodenrichtwert als Sicherheit errechnet worden sei.
Er habe sich daraufhin dennoch entschieden, den Kaufvertrag zu unterschreiben – mit allen Konsequenzen, die dieser Schritt für ihn hätte nach sich ziehen können. Wenig später habe ein Freund eine andere Bank für ihn ausfindig gemacht, die ihm den Kredit zur Verfügung stellte.
Ob dabei Gott im Spiel gewesen sein könnte, so weit will Oellers nicht gehen, obwohl er nach seinen eigenen Worten „sehr gläubig“ sei. Er sagt aber, er empfinde das Zustandekommen der Finanzierung nach dem Kauf als „Fügung“, also als ein schicksalhaftes Ereignis, bei dem Umstände auf wundersame Weise zusammenwirkten.
Daumenschrauben von Behörden
Und er weist auf ein weiteres damaliges Problem hin: „Wenn ein solches Gebäude wie dieses eine Umwidmung erfährt, dann legen einem die Behörden gewisse Daumenschrauben an“, sagt er. So hätte beispielsweise ein Brandschutzkonzept vorgelegt werden müssen. Die Behörden verlangten, dass eine Rauchabzugsanlage installiert werden müsse. Diese wäre zum einen „sehr teuer geworden“, zum anderen hätte sie den Raum optisch verunstaltet.
Seinem Architekten, der ihn bei der Umwidmung begleitet habe, sei indes aufgefallen, dass die vorhandenen Kirchenfenster „genau zu dem Luftvolumen passten“. Deshalb habe die Anlage nicht installiert werden müssen. Oellers mokiert sich nun darüber:
Vor dem Verkauf der Kirche habe es im Kirchenraum aufgrund der vielen Kerzen zahlreiche offene Flammen gegeben, ohne dass die Behörden auf eine Rauchabzugsanlage bestanden hätten. Sobald man aber gewerblich tätig werde, gebe es plötzlich „wahnsinnige Auflagen“.

Ein Blick auf die Kirchenfenster.
Foto: Tom Goeller
Hohes Maß an Wertschätzung
Wieder im Freien, geht mir durch den Kopf, was aus anderen aufgegebenen Kirchen geworden ist: im besten Fall eine Bibliothek, in anderen Fällen aber ein Restaurant, ein Freizeitzentrum, in dem man Skateboard fahren kann, oder gar eine Urnenbegräbnisstätte.
Der Innenarchitekt Felix Hemmers betreut seit 2025 für den Verein „Baukultur Nordrhein-Westfalen“ das Projekt „Zukunft-Kirchenräume“, das sich mit der Umwidmung von Kirchen in profane Räume befasst. Er bescheinigt der neuen Nutzung in Jülich: „Durch die Biografie des Unternehmers wurde dem Gebäude […] trotz der kommerziellen Nutzung ein hohes Maß an Wertschätzung entgegengebracht.“ Diese Einschätzung teile ich.




