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Der irrlichternde Thomas Mann

Es ist eine Sensation. Der Literaturnobelpreisträger, der in Teilen des linken und liberalen Spektrums große Anerkennung erfährt, wird im Rahmen des Filmfestivals in Cannes „vom Sockel gestoßen“. So lautet zumindest das fast einhellige Urteil in den Feuilletons der deutschen Zeitungen.

Ein unbequemer Blick auf Thomas Mann

Was ist geschehen? Der eingereichte Wettbewerbsfilm „Fatherland“ (zu Deutsch: „Vaterland“) mit der deutschen Schauspielerin Sandra Hüller als seine Tochter Erika bildet den Dichter ab, wie man ihn bisher noch nicht erlebt hat. Man sieht ihn bei Empfängen mit Nazi-Größen und wie er von Erika zurechtgewiesen wird, da er sich „hinter Festungen aus Worten“ versteckt.
Im Film sind ihm die Ehrungen in Bonn (Goethe-Medaille) und in Weimar (Goethe-Nationalpreis) wichtiger als die Teilnahme an der Beerdigung seines Sohnes Klaus, der sich in Paris das Leben genommen hat. Es ist natürlich müßig, darüber zu spekulieren, wie man den Sozialisten Thomas Mann in den Schulen behandelt hätte, wenn seine frühere, jetzt aber für alle sichtbare antipazifistische, illiberale und undemokratische – heute würde man sagen – faschistische Haltung nach 1945 nicht so sehr mit Tabus umgrenzt worden wäre.
Der Film ist ein Anlass, sich näher mit Thomas Mann und seinen irrlichternden politischen Ansichten zu befassen. Es ist zwar keine Schande, seine Meinung zu ändern – schließlich wurde aus Saulus auch Paulus –, aber es darf doch wohl darauf hingewiesen werden, dass Thomas Mann eben nicht nur durch sein schlimmes faschistisches Buch „Betrachtungen eines Un­politischen“ zu den Meinungsbildnern der Weimarer Republik gehörte. Er ist mitverantwortlich dafür, dass es in dieser damaligen Republik so wenige Demokraten und Verteidi­ger der Freiheit gab.
Da die Tabus noch immer gepflegt werden, und Thomas Mann in den Schulen weiterhin als leuchtendes, angeblich demokra­tisches Vorbild gepriesen wird, möchte ich anhand neuer Forschungsergebnisse ein anderes Bild zeich­nen. Er war sehr widersprüchlich, um nicht zu sagen je nach Zeitgeist ein intellektuelles, sozialistisches Chamäleon, wie es nach 1945 viele gab.

Zwischen Kulturkritik und Kriegsrhetorik

Der in linken Milieus angehimmelte Schriftsteller war ein begeister­ter Kriegsfanatiker, obwohl er es mit seinen Bezie­hungen geschafft hatte, nicht zum Militärdienst ein­gezogen zu werden. Thomas Mann gehörte Zeit sei­nes Lebens zu der Kategorie von Menschen, die Wasser predigen und Wein trinken. Viele seiner Dichterkollegen haben sich nicht ge­drückt, sondern ihre Überzeugung, für das Vaterland zu sterben, mit dem Tod bezahlt – unter anderem Georg Trakl, Alfred Lichtenstein, Ernst Stadler, Hermann Löns, August Stramm, Walter Flex und Gerrit Engelke.
Ein typisches Gedankengut von Thomas Mann sind die folgenden Zeilen aus seinem 1914 veröffentlichten Text „Gedanken im Kriege“: „Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch ei­ner Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hat­te! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“ So wie Mann hofften deutsche Schriftsteller wie Karl Marx und andere Sozialisten, dass der Krieg endlich die ihnen so sehr verhasste bürgerliche Lebensform zer­störe und die Werte der kaiserlichen Zeit aufgege­ben würden.
Andere wie Ricarda Huch, Franz Werfel und Annette Kolb waren nicht kriegsbegeistert, blieben Außenseiter und wurden erst nach 1945 in einem anderen Umfeld wieder gern gelesene Autoren. Sich offen gegen den Krieg zu stellen, erschien Thomas Mann damals kaum opportun, zumal selbst die zuvor pazifistisch auftretende Sozialdemokratie den Kurs des Kaiserreichs unterstützte. Eine gegenteilige Haltung hätte womöglich auch seine gesellschaftliche Stellung gefährden können. Denn Zensur verhinderte manche Veröffentli­chung. Auch bei den sozialistischen Arbeiterdich­tern hoffte man, dass der Krieg zur Einheit der Na­tion führen und die Sozialdemokratie in der Gesell­schaft aufgehen würde, und ihre Dichtung zur Na­tionaldichtung emporblühen könnte.
Der Reichs­kanzler Friedrich Ebert (1871–1925) zitierte im Reichstag denn auch das Ge­dicht „Bekenntnis“ von Karl Bröger. Die Botschaft war: Kunst und Literatur sollten sich jetzt von der Dekadenz der Vorkriegszeit freimachen. Auch Thomas Mann warnte vor einer Zersetzung der deutschen Kunst und Literatur durch ausländische, vor allem franzö­sische und jüdische Einflüsse. Der Krieg habe so­fort alle systematische Vergiftung durch das Aus­land beendet. Schon durch den Kriegsanfang wehte ein großer Segen über das Land. Der Krieg sei Reinigung, eine Katharsis, und deshalb positiv. Die unveränderte deutsche Wesensart würde wieder erscheinen.

Wenn Militarismus zur kulturellen Vision wird

Thomas Mann behauptete, der deutschen Seele entsprächen die Monarchie und der Militarismus. Mann verstand den Krieg als Mittel zur sittlich-moralischen Er­neuerung des Volkes. Moral und Soldatentum widersprä­chen sich und seien gänzlich unvereinbar mit dem deutschen Wesen. Das Wilhelminische Reich müsse bewahrt werden. Die europäischen Staaten würden den Krieg gegen das deutsche Wesen und wegen wirtschaftlicher Vorteile führen. Demokratie zerstöre die deutsche Sonderart, die sich in typisch deutschen Tugenden zeige: Treue, Mut, Unterord­nung, Pflichterfüllung, Entsagung. Thomas Mann verquickte seine schriftstellerische Zukunft mit der Hoffnung, dass in seinem Schaffen jener deutsche Militarismus enthalten sei, der sich nun anschicke, die Welt zu erobern.
Interessant ist die wiederhol­te Verwendung des Wortes „Wiedergeburt“, also Re­naissance. Was bei den Hambachern 1832 nur mithilfe der Freiheit mög­lich gewesen wäre, sah Mann die Wiedergeburt nur im Reinigen von allen fremden, nicht deutschen Einflüssen. Thomas Mann ist daher Nationalist par excellence. Seine Welt ist mit einer Utopie vergleich­bar, die menschliche Freiräume einengt, wenn nicht gar unmöglich macht.
Ein weiterer Aspekt wird deutlich. Wenn Mann den modernen Soldaten feiert, der mit den bisher nicht gekannten technischen Möglich­keiten zum Sieger werden kann, dann bestimmt er den Soldaten auch als den künftigen Arbeiter, der wichtig wird, da er mit neuer Technik umgehen könne. Der Soldat ist wie der künftige Arbeiter an seiner Leistungsfähigkeit interessiert, was bedeutet, dass sein Leben preußischer, bolschewistischer und disziplinierter werde. Das Leben des Menschen werde in Zukunft einer neuen Art von Arbeit gewidmet sein. Bei die­sen Gedanken ist es nicht weit bis zur Verherrli­chung des durch die neuen technischen Erfindun­gen geführten Krieges bei Ernst Jünger.

Die Konstruktion eines „inneren Feindes“

Was hier nur kurz skizziert werden konnte, hat sehr große Auswirkungen auf die Mentalität der deutschen Be­völkerung gehabt. Wenn sich damals Sozialdemokraten und Intellektuelle, Regierung und Haltungsmedien über den positiven Sinn des Krieges einig waren, wer sollte dann verantwortlich sein, wenn der er­hoffte Sieg 1918 ausblieb?
Laut Thomas Mann habe ein „innerer Feind“ die großartige geistige und mo­ralische Erhebung Deutschlands im Jahr 1914 zerstört. „Undeut­sche“ Einflüsse verbanden sich nach Mann mit Dekadenz und Egoismus und verpesteten die deutsche Kultur und Moral. Er gebrauchte dafür den Aus­druck „Verausländerung“, dessen Bedeutung in der Ausländerfeindlichkeit des Nationalen Sozialismus und seiner Fortsetzung im Staat des real existierenden Sozialismus deutlich wurde.
Ist nun Thomas Mann, in dem Film „Vaterland“ von Hanns Zischler dargestellt, ein ausländerfeindlicher, rechter Rassist? Ist dies seine ehrliche politische Einstellung und nicht sein angebliches Bekenntnis zur Demo­kratie? Und ist dies ein dankbares Thema für den Unterricht? Vielleicht konnte nur ein polnischer Regisseur wie der oscarprämierte Paweł Pawlikowski diese unter die Haut gehende Charakterstudie drehen.
Literatur:
Thomas Mann, Politische Reden und Schriften, Frankfurt 1968.
Wolfgang Michalka (Hg.), Der Erste Weltkrieg, München 1994.
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„Nürnberg“: Russell Crowe und Rami Malek sorgen für jede Menge Spannung

Sechs Monate nach Ende der Kampfhandlungen in Europa im Zuge des Zweiten Weltkriegs schlossen sich die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion zusammen, um 22 Mitglieder der NS-Führung wegen Kriegsverbrechen zu verfolgen. Dies führte schließlich zu den Nürnberger Prozessen.
Seit den Nürnberger Prozessen ist die Hauptfigur der Prozesse, Hermann Göring, in mittlerweile 44 Filmen, Fernsehproduktionen und Dokumentationen zu sehen. Merkwürdigerweise wich der prominenteste Film über die Nürnberger Prozesse, „Urteil von Nürnberg“ aus dem Jahr 1961, so stark von den Fakten ab, dass die Namen aller Hauptfiguren geändert wurden, einschließlich dem von Göring.
Russell Crowe liefert in James Vanderbilts großangelegtem Film „Nürnberg“ seine wohl beste Leistung seit fast einem Jahrzehnt und verkörpert Göring. Man könnte meinen, es sei nahezu unmöglich, einer solch geschichtsträchtigen, bereits vielfach verfilmten Figur noch etwas Neues abzugewinnen – doch Crowe gelingt genau das und sogar noch mehr.
Statt – wie viele frühere Darstellungen – stark zu überzeichnen, zeigt Crowe Göring als sorgfältig kontrollierte, in sich gespannte Figur, eine bedrohliche Präsenz mit ausdruckslosem Gesicht. Nur eine Woche nach dem Tod Adolf Hitlers ergab sich Göring den alliierten Soldaten, da er wusste, dass ein Weiterkämpfen oder eine Flucht mit ziemlicher Sicherheit zu seinem – vermutlich gewaltsamen – Tod führen würden.

Russell Crowe spielt Hermann Göring in „Nürnberg“.

Foto: Vivien Killilea/Getty Images for Sony Pictures Classics

Selbsttäuschung

Von einem Selbstvertrauen erfüllt, das bis zur Verblendung reicht, ist Hermann Göring fest davon überzeugt, dass er aus dem fast zehnmonatigen internationalen Prozess als Sieger hervorgehen kann und wird. Göring ist sich seiner Freisprechung von den vier Anklagepunkten so sicher, dass er als einer der drei Angeklagten während des Prozesses eine Militäruniform trägt.
Noch bevor das Verfahren im November 1945 beginnt, wird Göring mehrere Monate lang von mehreren Psychiatern, vor allem dem Oberstleutnant Douglas Kelley (Rami Malek), beobachtet und befragt. Ziel ist es, seine Verhandlungsfähigkeit zu prüfen. Göring täuscht dabei zu keinem Zeitpunkt eine psychische Erkrankung oder Unzurechnungsfähigkeit vor.

Regisseur James Vanderbilt nimmt am 24. Oktober 2025 an der Premiere von „Nürnberg“ in Hollywood teil.

Foto: Vivien Killilea/Getty Images für Sony Pictures Classics

Andererseits gewährt Göring kaum Einblicke in seine Psyche, die über das hinausgehen, was Kelley und andere bereits wissen. Kelley, der Göring in dem sich langsam zuspitzenden Wortgefecht Schlag auf Schlag pariert, betrachtet ihn als die ultimative berufliche Herausforderung. Dem Arzt geht es weniger darum, seinen Patienten zu bezwingen, als vielmehr darum, ihn dazu zu bewegen, sich freiwillig zu öffnen.

Endlich überzeugt Malek

Rami Malek, den ich bisher für stark überbewertet gehalten habe, liefert in diesem Kinofilm endlich eine sehenswerte Leistung ab. Ähnlich gut wie in der Fernsehserie „Mr. Robot“, wenn auch auf ganz andere Weise, zeigt Malek eine emotionale und intellektuelle Bandbreite, die er bisher nur angedeutet hatte. Die Szenen, in denen er an der Seite von Crowe zu sehen ist, sind Gold wert und machen den Großteil der ersten Hälfte des 148-minütigen Films aus.
Obwohl sich die beiden Hauptdarsteller die Leinwandzeit teilen, ist „Nürnberg“ in erster Linie ein Ensemblefilm. Vier männliche Nebendarsteller liefern Oscar-würdige Darbietungen ab. Am beeindruckendsten ist dabei Michael Shannon in der Rolle des Richters am Obersten Gerichtshof der USA, Robert H. Jackson.

Rami Malek bei der britischen Premiere von „Nürnberg“ am 6. November 2025 in London.

Foto: Eamonn M. McCormack/Getty Images für Sky Cinema

Jackson, den Präsident Harry S. Truman zum Chefankläger der USA bei den Prozessen ernannte, passt mit seiner eisernen Entschlossenheit perfekt zu Shannons intensiver, oft finsterer Ausstrahlung. Shannons Darstellung von Jacksons umfangreichen Eröffnungs- und Schlussplädoyers gehört zu den besten, die je in einem Gerichtsdrama zu sehen waren.
Was zunächst wie eine undankbare Nebenrolle wirkt, gewinnt durch die Darstellung des Dolmetschers, Unteroffizier Howie Triest von Leo Woodall, nach und nach an Bedeutung und Intensität. Seine überwiegend alleinige Szene mit Malek im dritten Akt stellt den emotionalen Höhepunkt des Films dar.

Ein unnötiger Fehlgriff

Vanderbilts einziger erzählerischer Fehltritt – und zwar ein erheblicher – ist die Aufnahme von Lydia Peckham in Gestalt der fiktiven Journalistin Lila McQuaide – obgleich es keineswegs ungewöhnlich ist, in dokumentarisch geprägten Filmen fiktive oder aus mehreren Vorbildern zusammengesetzte Figuren einzuführen.
Zunächst scheint es, als könne sich zwischen McQuaide und Kelley eine Romanze entwickeln, doch dieser Handlungsstrang wird nie wirklich aufgelöst. Darüber hinaus ist McQuaide in ein „Nachrichtenereignis“ verwickelt, das in Wirklichkeit nie stattgefunden hat. Dies führt zu einer Wendung, die den weiteren Verlauf der Erzählung grundlegend verändert.
Wie schon bei seinem Drehbuch zum ebenso umfangreichen Film „Zodiac – Die Spur des Killers“ nimmt sich Vanderbilt Zeit für die Ausarbeitung der Handlung und die Entwicklung der Charaktere. Dabei streut er immer wieder historische Details ein, wie zum Beispiel die technischen Einzelheiten der Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“ von 1935, die Teil von Görings Verteidigungsstrategie waren.
Wer das Schicksal der im Film dargestellten Personen noch nicht kennt, sollte sich einen Gefallen tun und sich erst nach dem Anschauen des Films darüber informieren.
Die Vergangenheit ist nur der Anfang. Was sich zwischen den einzelnen Bildern in „Nürnberg“ abspielt, hätte eine Lektion sein sollen, die die Menschheit niemals vergessen sollte – und doch ist sie irgendwie in Vergessenheit geraten. Wenn wir nicht aufpassen, könnte sich all das durchaus jederzeit wiederholen.
Ab dem 7. Mai 2026 deutschlandweit im Kino.
„Nürnberg“
Regie: James Vanderbilt
Darsteller: Rami Malek, Russell Crowe, Michael Shannon, Leo Woodall
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 2 Stunden, 28 Minuten
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘Nuremberg’: Russell Crowe and Rami Malek Generate Major Sparks“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)