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Smartphone-Sucht: Zwei Schweden lehren Impulskontrolle in technikfreien Retreats


In Kürze

  • Soziale Medien nutzen das Belohnungssystem des Gehirns aus – ähnlich wie Spielautomaten.
  • Meta und Google wurden in Los Angeles wegen süchtigmachender Designelemente verurteilt.
  • Ein schwedisches Projekt möchte Menschen die Kontrolle über Technik zurückzugeben.
  • Es geht um Wissen über das Gehirn, Veränderungen im Alltag und das Erleben von Gemeinschaft.

Das Smartphone ist heute ein fest integrierter Bestandteil unserer Gesellschaft. Wir nutzen es für alles Mögliche – vom Telefonieren über das Bezahlen im Geschäft bis hin zum Spielen und Scrollen in den sozialen Medien.
Es hat sich eine Kultur entwickelt, in der Menschen ohne Smartphone leicht ins Abseits geraten. Viele Funktionen des Smartphones erleichtern uns den Alltag – doch es gibt auch besorgniserregende Aspekte.
„In diesem Jahr wurden Meta und Google von einem Gericht in Los Angeles wegen süchtigmachender Designelemente verurteilt. Wer versteht, wie unser Gehirn funktioniert, hat auch die Macht, es auszunutzen“, sagt Kim Nehzaty.

„Lodlinjen“: Das Lot alter Handwerker

Kim Nehzaty und Molly Möller leiten gemeinsam das Projekt „Lodlinjen“. Beide haben eine Vorgeschichte in der Filmbranche. Kim Nehzaty hat als Kameramann und Produzent bei Projekten unterschiedlicher Größe gearbeitet. Molly Möller war in der Filmproduktion tätig und ist zudem ausgebildete Ernährungswissenschaftlerin.
„Wir haben uns in kreativen Milieus bewegt, hatten aber auch immer ein Interesse an Menschen: wie wir uns verhalten, wie es uns geht, welchen Einfluss Ernährung und Technik haben. Ein Grund, warum wir ‚Lodlinjen‘ gegründet haben, war, dass wir anderen Menschen näherkommen wollten“, sagt Möller.
„Lodlinjen“ ist ein Projekt, das darauf abzielt, Menschen dabei zu helfen, die Kontrolle über die Technik zurückzugewinnen. Der Name leitet sich vom Lot ab, dem historischen Werkzeug in Bauwesen und Handwerk. Dazu wird ein Gewicht an einer Schnur befestigt. Wenn die Schnur gehalten wird, entsteht eine vollkommen gerade vertikale Linie.
„Unser Ziel ist, Menschen zu helfen, sich selbst zu finden – sich selbst am Lot auszurichten – und ihren eigenen Balancepunkt im Leben zu entdecken. Viele haben das Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz stimmt. Das Leben wird nicht so gelebt, wie man es sich wünscht, sondern eher ein bisschen schief“, erklärt Molly Möller. Und weiter:
„Wir haben viele Namen diskutiert, bevor wir uns für ‚Lodlinjen‘ entschieden haben. Der Name hat eine tiefere Bedeutung. Es geht darum, eine Richtung im Leben zu finden, zu verstehen, was für einen selbst nachhaltig und sinnvoll ist.“

Langeweile? Eine kleine Insel im Stockholmer Archipel.

Foto: BPHOTO/iStock

Die drei Säulen des Projekts

„Lodlinjen basiert auf drei Säulen: Wissen darüber, wie das Gehirn und digitales Design zusammenwirken, Veränderungen im Alltag, und Gemeinschaft mit anderen Teilnehmern“, erklärt Molly Möller.
Obwohl die Forschung auf Zusammenhänge zwischen langer Bildschirmzeit und Stress, Schlafproblemen und psychischen Problemen aufzeigt, ist es keineswegs selbstverständlich, dass man diese Parallele im eigenen Alltag zieht. Die Normalisierung erschwert es, das Problem zu erkennen.
Stattdessen zeigen sich die Auswirkungen oft auf andere Weise: das Gefühl, ständig gestresst zu sein, schlechter zu schlafen und ängstlicher zu sein oder einfach nur ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht ganz stimmt. Man sucht die Probleme im Beruf, in der eigenen Lebenssituation, in persönlichen Mängeln oder einem Mangel an Disziplin. Doch die Antwort könnte einfacher und gleichzeitig komplizierter sein, meint Kim Nehzaty.

Aha-Erlebnis im technikfreien Raum

„Die Probleme müssen nicht unbedingt schwerwiegend sein, um das Leben zu beeinflussen. Im Rahmen unseres Projekts haben wir immer ein technikfreies Retreat. Für viele ist das ein Aha-Erlebnis: Sie erkennen, wie oft sie auf ihr Handy schauen. Es ist ein fester Bestandteil ihres Verhaltensmusters. Viele unserer Teilnehmer berichten, dass es ihnen viel besser geht, wenn sie ihr Handy nicht griffbereit haben. Das deutet darauf hin, dass hier vielleicht tatsächlich ein Problem vorliegt“, sagt Nehzaty.
Es sei leicht, ein schlechtes Gewissen zu bekommen und es auf mangelnde Selbstbeherrschung zu schieben, wenn man instinktiv das Handy in die Hand nimmt und durch die sozialen Medien scrollt. Doch Projektleiter Nehzaty erklärt, man sollte nicht zu hart mit sich selbst sein.
Ein wichtiger Grund dafür, dass es so schwer sei, sich von sozialen Medien zu lösen, sei die Tatsache, dass die Anwendungen mit dem Belohnungssystem des Gehirns interagieren.

Dopamin und soziale Medien

Laut Nehzaty und Möller basieren soziale Medien auf einem tiefgreifenden Verständnis davon, wie unser Gehirn funktioniert und wie wir auf Belohnungen reagieren.
Im Mittelpunkt steht Dopamin, ein Neurotransmitter, der eine zentrale Rolle für unsere Motivation und unsere Erwartung von Belohnungen spielt. Dopamin wird aktiviert, wenn wir etwas tun, das das Gehirn als positiv oder wichtig einstuft – zum Beispiel Essen, soziale Bestätigung oder das Entdecken neuer Dinge.

Das Dopaminsystem verstärkt Verhaltensweisen, die das Gehirn als sinnvoll oder belohnend wahrnimmt – wie den schnellen Upload eines Bildes vom Nordischen und dem Vasa-Museum in Stockholm.

Foto: diatrezor/iStock

Das System, das Dopamin freisetzt, ist für unser Überleben entscheidend, kann aber auch ausgenutzt werden – und genau das geschieht in den sozialen Medien.
Dieses System verstärkt Verhaltensweisen, die das Gehirn als sinnvoll oder belohnend wahrnimmt. Es ist nicht darauf ausgelegt, das größte Belohnungsgefühl zu vermitteln, wenn wir bereits etwas vollbracht haben; vielmehr wird Dopamin oft schon während unserer Erwartung einer Belohnung aktiviert, was uns dazu bringt, weiterhin danach zu suchen.
Soziale Medien basieren daher nicht auf einem gleichmäßigen Strom von Belohnungen, sondern auf Abwechslung. Die Feeds sind endlos und wechseln ständig. Manchmal taucht etwas sehr Fesselndes und Interessantes auf, etwas, das eine starke emotionale Reaktion oder soziale Bestätigung auslöst. Ein anderes Mal ist der Inhalt völlig uninteressant.

Spielautomaten und der Drang zum Scrollen

„Das basiert auf psychologischen Mechanismen, die denen von Spielautomaten ähneln, insbesondere auf variierenden Belohnungen. Du ziehst einmal, die Symbole flimmern vorbei und man gewinnt“, sagt Kim Nehzaty. Und weiter: „Beim nächsten Mal baut sich die Erwartung auf die gleiche Weise auf, aber du verlierst stattdessen. Dopamin wird ausgeschüttet, wenn das Gehirn nach der Belohnung sucht. Das Gleiche passiert, wenn du durch soziale Medien scrollst.“
Sobald das Gehirn dieses Verhalten verinnerlicht hat, verspürst du automatisch den Drang zu scrollen. Unbewusst greifst du zum Handy, um dir einen kurzen Moment der Belohnung zu gönnen. Die Belohnung ist stets griffbereit, was es schwierig macht, dieses Verhalten abzulegen.
Es entsteht eine Art Autopilot, der sich nur schwer umsteuern lässt, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Es ist nicht so, dass die Menschen schwach oder disziplinlos sind, erklärt Kim Nehzaty. Die Mechanismen sind so gestaltet, dass sie dich dazu bringen, zu bleiben.

Belohnung durch Dopamin – das ist per Smartphone einfach.

Foto: peeravit18/iStock

Die Schwierigkeit, sich zu etwas zu Motivieren

Ein Aspekt, der selten diskutiert wird, ist, dass das Dopaminsystem seine Grenzen hat. Man kann sich das so vorstellen, dass den Menschen jeden Tag eine bestimmte Menge Dopamin zur Verfügung steht.
Laut Kim Nehzaty wird das Belohnungssystem des Gehirns davon beeinflusst, wie viel Stimulation wir ausgesetzt sind. Das Signalsystem wird kontinuierlich reguliert und unter anderem durch Schlaf beeinflusst, der eine wichtige Rolle für die Erholung des Gehirns spielt. Ohne Dopamin verlieren wir sowohl die Motivation als auch das Gefühl von Sinnhaftigkeit.
„Ein Tipp, den man oft gibt, ist, das Smartphone eine Stunde vor dem Schlafengehen nicht zu benutzen. Ich würde dies gern erweitern, dass man das Smartphone auch eine Stunde nach dem Aufwachen nicht benutzt. Wenn du den Tag mit Scrollen beginnst, wird das deinen Dopaminspiegel für den Rest des Tages beeinflussen“, erklärt er.
Was auf den ersten Blick wie eine harmlose Kontrolle aussieht, kann dazu führen, dass man später am Tag Schwierigkeiten hat, sich für andere Aktivitäten zu motivieren. Es kann sowohl die Arbeit als auch das Studium und soziale Beziehungen beeinträchtigen.

Training der Impulskontrolle

„Es geht nicht darum, ganz auf Technik zu verzichten, sondern sich bewusst zu machen, wie sie uns beeinflusst. Im Gegensatz zu vielen anderen Aktivitäten hat das Scrollen kein natürliches Ende. Es ist ein System, das so gestaltet ist, dass es uns dazu bringt, weiterhin auf unsere Bildschirme zu schauen“, sagt Molly Möller.
Bei „Lodlinjen“ arbeitet man genau an dieser bewussten Entscheidung: dass das Smartphone ein praktisches Werkzeug ist – anstatt etwas, das Handlungen auslöst, die wir selbst nicht gewählt haben.
Es geht darum, die Teilnehmer zu schulen, innezuhalten und zwischen Impuls und Handlung zu reflektieren. Diese Fähigkeit sollte laut Nehzaty und Möller grundlegend sein in einer Umgebung, die darauf ausgelegt ist, uns zu schnellem Handeln zu veranlassen und in Handlungen festzuhalten, die nicht immer gut für uns sind.
Impulskontrolle ist eine Fähigkeit, die trainiert werden muss. Indem die Teilnehmer über ihre Impulse nachdenken, sobald diese auftreten, lernen sie, einen Abstand zwischen Impuls und Handlung zu schaffen. Wenn der Drang aufkommt, zum Handy zu greifen, halten sie inne, nehmen das Gefühl wahr und fragen sich, ob man das wirklich tun möchte. Oder ob es sich nur um ein automatisches Verhalten handelt.
Wie bei vielen anderen Übungen von „Lodlinjen“ geht es nicht nur darum, digitale Technik zu beherrschen, sondern auch um allgemeine Lebenskompetenz sowie um menschliche Antriebe und Verhaltensweisen.

Auf der Falsterbo Horse Show, einer der größten Sportveranstaltungen in Schweden.

Foto: LottaVess/iStock

Nachdenken bevor man handelt

Indem man übt, inne zu halten und nachzudenken, bevor man handelt, erlangt man schließlich eine Fähigkeit, die sowohl in stressigen Situationen als auch in Beziehungen und bei alltäglichen Entscheidungen nützlich ist. Man wird sich bewusst, warum man so handelt, wie man handelt.
Das Projekt soll den Teilnehmern auch helfen zu verstehen, was wir anderen signalisieren. Wenn das Handy mit dem Bildschirm nach oben auf dem Tisch liegt, zeigt das, dass man jederzeit bereit ist, das Gespräch zu unterbrechen, um mit jemand anderem zu sprechen.
„Du signalisierst, dass das Gespräch für dich nicht so wichtig ist. Die Botschaft ändert sich, wenn du das Handy mit dem Bildschirm nach unten legst. Doch wenn du wirklich zeigen möchtest, dass die andere Person bedeutend ist, solltest du dein Handy am besten ganz weglegen“, sagt Molly Möller.

„Tödliche Langeweile“ führt zu physischen Reaktionen

Manchmal wird gesagt, dass es wichtig ist, sich zu langweilen. Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass Langeweile die Kreativität steigert und das Gehirn anregen kann, neue Ideen zu entwickeln. Das kann Kinder umfassen, die sich Spiele ausdenken bis hin zu Erwachsenen, die einrichten, im Garten arbeiten oder an kreativen Aktivitäten teilnehmen.
Kim Nehzaty und Molly Möller untersuchen auch den Begriff „Terminal Boredom“ („Tödliche Langeweile“). Dieser Begriff, der an Bedeutung gewonnen hat, beschreibt eher ein Gefühl von permanenter Leere, Unruhe und Orientierungslosigkeit als den vorübergehenden Zustand, den wir üblicherweise mit Langeweile verbinden.

Ein typisches schwedisches, rotes Holzhaus in Småland – doch nahezu jeder Moment der Stille wird durch äußere Reize ersetzt, durch einen Strom von Inhalten, der unsere Aufmerksamkeit fordert.

Foto: TT/iStock

Während gewöhnliche Langeweile vorübergehend ist, ist „Terminal Boredom“ anhaltend. Gefühle von Lustlosigkeit und Apathie erzeugen eine so starke Langeweile, dass sie physisch spürbar wird.
„Für manche Menschen kann das Fehlen eines Bildschirms zu rein körperlichen Reaktionen führen. Sie werden unruhig und ängstlich. Das Phänomen hängt eng damit zusammen, wie sehr wir an ständige Stimulation gewöhnt sind. Wir haben das Problem gelöst, dass wir uns nicht langweilen müssen, aber die Lösung hat ihren Preis“, sagt Kim Nehzaty.

Überstimuliert: Gehirn braucht kleine Pausen

Nehzaty spricht davon, dass das Gehirn ein eingebautes, automatisches System zur Verarbeitung von Eindrücken hat. In den kleinen Pausen des Lebens – wenn wir auf der Toilette sitzen, auf den Bus warten oder in der Schlange stehen – nutzt das Gehirn die Gelegenheit, Denkprozesse in Gang zu setzen. Durch diese manchmal scheinbar unnötigen Gedanken verarbeiten wir Erinnerungen, Gefühle und Erlebnisse. Wir formen unser eigenes Verständnis von uns selbst und der Welt. Nehzaty sagt:
„Das müssen wir nicht lernen. Das Gehirn erledigt das automatisch, wenn es die Gelegenheit dazu hat.“
Doch im heutigen Alltag hat es selten die Möglichkeit dazu. Die kleinen Pausen, die früher von diesen inneren Prozessen gefüllt wurden, werden nun oft vom Handy eingenommen. Jeder Moment der Stille wird durch äußere Reize ersetzt, durch einen Strom von Inhalten, der unsere Aufmerksamkeit fordert. Die Folge ist, dass die eigene Verarbeitung im Gehirn unterbrochen wird, bevor sie sich entwickeln oder vertiefen kann.
„Die Reize, denen wir heute ausgesetzt sind, liegen weit über dem Niveau von vor nur 15 Jahren. Und das ist kein Einzelfall – soziale Medien und Smartphones sind zu einem selbstverständlichen Teil der Gesellschaft geworden. Wenn all dies zur Norm wird, wird es schwieriger, das Problem zu erkennen. Du bist nicht kaputt. Du bist überstimuliert“, sagt Kim Nehzaty.
 
Der Artikel erschien im Original in der schwedische Ausgabe der Epoch Times unter dem Titel „Kampen om vår uppmärksamhet“. (deutsche Bearbeitung: ks)
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Warum Narzissten im Beruf oft Karriere machen


In Kürze

  • Leichter Narzissmus bei Führungskräften geht einher mit Zufriedenheit des Teams.
  • Zu viel Narzissmus führt zu Rivalität und Unzufriedenheit der Mitarbeiter.
  • Narzisstische CEOs berufen tendenziell weitere Narzissten in den Vorstand.
  • Studie rät die Auswahlverfahren für Führungskräfte zu überprüfen und neu zu bewerten.

 
Ein bisschen Narzissmus kann in einer leistungsorientierten Arbeits- und Wirtschaftswelt vorteilhaft sein. Das zeigt eine Studie, geleitet von Professor Gerhard Blickle, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Bonn.
In dieser wurden aus einer breiten Schicht vom produzierenden Gewerbe über den öffentlichen Dienst bis zu Handel und Logistik untersucht, wie sich verschiedene Dosierungen von Narzissmus auf die Beschäftigten auswirken.
Blickles Überlegungen hierzu: „Es gibt auch in diesem Phänomen Aspekte, die funktional sein können. Etwa, wer wirkliche Probleme lösen will, der braucht Selbstbewusstsein, das Gefühl einer Berufung ‚Ich kanns‘ und die Bereitschaft, etwas durchzufechten“.
Insgesamt beteiligten sich 1259 direkt unterstellte an der Umfrage. Die Studie zeigt, dass ein weniger stark ausgeprägter Narzissmus bei Führungskräften mit einer guten Zufriedenheit des Teams einhergeht.
Dagegen führt ein Zuviel an Narzissmus zu aggressiver Rivalitätsneigung und Unzufriedenheit der Mitarbeiter.

Museums-Direktorin Ortrud Westheider vor dem Caravaggio-Gemälde «Narziss».

Foto: Jörg Carstensen/dpa

Laut dem umfassenden medizinischen Nachschlagewerk „MSD-Manual“, zeichnet sich die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch ein anhaltendes Gefühl der eigenen Wichtigkeit (Grandiosität) gepaart mit einem extremen Bedürfnis nach Bewunderung und einen eklatanten Mangel an Empathie aus.

Die Ursachen des Narzissmus

Der Begriff und Name Narziss stammt aus der griechischen Mythologie. Er bezeichnet einen schönen Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser verliebte, vor Sehnsucht starb und in eine Narzisse verwandelt wurde.
In einer großen niederländischen Studie heißt es:
„Narzisstische Menschen fühlen sich anderen gegenüber überlegen, schwelgen in Fantasien über persönliche Erfolge und sind der Überzeugung, dass ihnen eine Sonderbehandlung zusteht. Wenn sie sich gedemütigt fühlen, reagieren sie oft aggressiv oder sogar gewalttätig.“
Die Wurzeln des Narzissmus sind vielfältig und komplex. Genetische Veranlagung trifft dabei auf prägende frühkindliche Erlebnisse. Doch laut den Studienautoren, entwickeln Kinder vor allem dann narzisstische Züge, wenn sie von ihren Eltern vergöttert und auf ein Podest gehoben werden.

Die Formen des Narzissmus

Unter Narzissmus wird demnach zumeist dessen grandiose Form verstanden, welche mit den bekannten Verhaltensweisen wie Selbstidealisierung, Anspruch Haltung, Arroganz und Dominanz einhergeht.
Weniger bekannt hingegen, ist die vulnerable Form des Narzissmus. Er zeichnet sich aus durch Verhaltensweisen wie Introvertiertheit und eine hohe Ausprägung neurotizistischer Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depressivität, Gefühlslabilität, Impulsivität und Empfindlichkeit gegenüber Stress. Menschen mit dieser Prägung zeigen sich im Verhalten wegen ihrer leichten Beschämbarkeit und Ängsten eher zurückhaltend und defensiv.
Professor Dr. Claas-Hinrich Lammers, der zwei Bücher über narzisstische Störungen und den Umgang damit geschrieben hat, erklärt:
„Erst wenn die narzisstischen Eigenschaften mit einem ausgeprägten vulnerablen Selbst einhergehen und die betreffenden Personen zu Aggressivität und Abwertung neigen, muss man von einer maladaptiven bzw. krankhaften Form des Narzissmus sprechen.“

Der narzisstische Führungsstil

In klassischen Bewerbungsverfahren können narzisstische Persönlichkeiten durch exzellente Selbstdarstellung herausragen. Sie nutzen mitunter strategische Manipulation und umgehen damit häufig Hierarchien.
Nilüfer Aydin, Professorin für Sozialpsychologie an der Alpen-Adria Universität, verdeutlicht die Wechselwirkungen von Neid, kontraproduktivem Arbeitsverhalten und narzisstischen Führungskräften. Sie assoziiert „ideale Vorgesetzte“ mit wertschätzendem, gerechtem Verhalten gegenüber Mitarbeitern. Das Aussprechen von Lob und Anerkennung gehört dazu.
Der narzisstische Führungsstil kennzeichnet sich hingegen „durch eher ausgrenzendes, nicht mitarbeiterorientiertes Führungsverhalten. Narzisstische Führungskräfte verbuchen gerne Erfolge oder Ideen anderer als ihre eigenen und interessieren sich kaum für die Wünsche und Interessen anderer. Machtstreben, Selbstzentriertheit und eine gewisse Rücksichtslosigkeit prägen ihr Verhalten“.

Der Gleich- und Gleich-Effekt

Ein Forschungsteam um Professor Lorenz Graf Vlachy von der technischen Universität Dortmund fand heraus: Narzisstische CEOs berufen tendenziell weitere Narzissten in den Vorstand. Für die Analyse untersuchten die Wissenschaftler tausende LinkedIn-Profile von US-amerikanischen Top-Managern. Die Studie ist 2024 in der Fachzeitschrift Journal of Management veröffentlicht worden.
Die Untersuchung offenbart für die Forscher eine erstaunliche Tendenz: „CEOs mit einem höheren Maß an Narzissmus berufen Mitglieder in ihr Vorstandsteam, die ihre eigenen Charaktereigenschaften widerspiegeln – also ebenfalls narzisstische Züge zeigen.“ Die Forscher zeigten, ein höherer Grad an Narzissmus des CEO ist mit einem um 18 Prozent stärker ausgeprägten Narzissmus jeder neu eingestellten Führungskraft verbunden.

Folgen für Unternehmen

Studienleiter Graf Vlachy erklärt, dass Vorstandsteams mit narzisstischen Managern eine deutlich höhere Fluktuation aufweisen, was zu erheblichen Kosten für ein Unternehmen führen kann. Weiterhin wirke sich diese Problematik auf die Dynamik und Stabilität des Teams aus.
Narzisstische Persönlichkeiten agierten in der Interaktion untereinander mit Dominanzverhalten. Dies könne weiterhin zu Konflikten und einer hohen Fluktuation in den Vorständen führen.
Studienleiter Graf Vlachy resümiert, dass ein Verständnis der Dynamiken in den Vorstandsteams wesentlich sei und CEOs sowie Aufsichtsräte das Auswahlverfahren für Führungskräfte mit einer entsprechenden Überprüfung neu bewerten sollten.

Unterstützung und Rückhalt für Beschäftigte

Die sogenannte „Workplace Victimization Theory“ (Theorie der Viktimisierung am Arbeitsplatz) postuliert, dass manche Beschäftigte ein höheres Risiko haben, Opfer destruktiver Führung zu werden. Die Psychologinnen Theresa Fehn und Astrid Schütz schreiben:
„Zum einen werden besonders zurückhaltende, unterwürfige Personen als ‚einfache Opfer‘ für Aggression und Abwertung wahrgenommen. Andererseits nehmen Führungskräfte mit hoher narzisstischer Rivalität dominantes oder provokatives Verhalten von Beschäftigten leicht als Angriff auf ihre vermeintliche Überlegenheit und ihren Status wahr und reagieren mit destruktivem Führungsverhalten, um ihr angekratztes Selbstbild wieder herzustellen. “
Die Psychologinnen raten zu proaktiver Stressbewältigung (Coping) oder Resilienztrainings, um mit destruktivem Führungsverhalten klarzukommen.
  • Emotionales Coping: Hier liegt der Fokus auf dem Reduzieren oder Regulieren der eigenen emotionalen Reaktionen.
  • Kognitives Coping: Beinhaltet, die eigenen Gedanken und Denkmuster über den Stressor zu verändern.
  • Problemorientiertes Coping: Eine Strategie, die den aktiven Umgang mit dem Stressor aufzeigt.

Psychologe Hinterhuber: Narzissten sind schlicht ein „Risiko“

Für Psychologe und Professor Dr. Hans Hinterhuber bedeutet Führen, „den Mitarbeitern zu helfen, das Beste aus dem zu machen, was sie am besten können“.
Hinterhuber und Kollegen haben im Buch „Persönlichkeit und Führungsverantwortung“ zahlreiche Bilder narzisstischer Führung unterschiedlichster Ausprägungen skizziert. Für den Professor sind Narzissten schlicht ein „Risiko“.
Die Dimension des Narzissmus reicht von der äußerst negativen über unterschiedlichste Zwischenschattierungen bis zur leicht ausgeprägten positiven Variante. Je nach Gewichtung mit entsprechend hohen oder geringem Risiko für das Unternehmen.
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Orcas zerfetzen tote Mondfische – Spielerei oder ernst?

Orcas rammen bei einer gemeinsamen Aktion tote Mondfische und zerfetzen sie in viele kleine Teile. Das haben Biologen mit Videoaufnahmen gezeigt. „Wir haben dokumentiert, wie ein Orca einen Mondfisch festhält und ihn loslässt, kurz bevor ihn ein anderer Orca mit hoher Geschwindigkeit rammt, wodurch das Gewebe in Tausende Stücke zerrissen wird“, sagt Erstautorin Kathryn Ayres von der Meeresschutz-Organisation Beneath The Waves.
„Wir vermuten, dass dies jüngeren Orcas die Nahrungsaufnahme erleichtert oder einfach nur dem Spiel dient. Orcas sind dafür bekannt, mit ihrer Beute zu spielen“, ergänzt die Wissenschaftlerin.
Mondfische bewegen sich in verschiedenen Wassertiefen und kommen auch zur Oberfläche. Im Golf von Kalifornien wurden Orcas schon häufiger dabei beobachtet, wie sie Mondfischen Wunden zufügten und durch diese fettreiche innere Organe entfernten. Die Studie im Journal „Frontiers in Ethology“ zeigt nun ein weiteres Verhalten – dokumentiert vor der Südküste Mexikos.

Was war passiert?

Im Jahr 2024 beobachtete die Meeresbiologin Ayres dort, wie ein Orca-Weibchen einen toten Spitzschwanz-Mondfisch (Masturus lanceolatus) an dessen großer Schwanzflosse festhielt. Wunden wiesen darauf hin, dass dessen Eingeweide bereits fehlten.
Ein Männchen beschleunigte sein Schwimmen und hielt auf den Mondfisch zu. Kurz vor dem Aufprall ließ das Weibchen den Fisch los. Der Zusammenstoß von Orca und totem Mondfisch zerfetzte das Gewebe des Mondfischs.
Ein Jungtier der Gruppe begann daraufhin, die Fetzen des Fisches zu fressen. Die erwachsenen Tiere fraßen die Überreste des Körpers, ließen die kleineren Fragmente aber unberührt. 2025 ist laut Studie ein ähnliches Ereignis vor der Isla Cerralvo im Golf von Kalifornien, Mexiko, gefilmt worden.

Warum machen Orcas das?

Da die gerammten Mondfische bereits tot und ihre Eingeweide entfernt waren, sei das Verhalten keine Tötungsstrategie, schreibt das Team. Es nennt verschiedene Interpretationen: Es könne aus elterlicher Fürsorge geschehen sein, weil die Jungtiere so effizienter fressen können. Möglicherweise sei es auch eine Art Spielerei, die soziale Funktionen habe, und letztlich könnte es eine Schulung für Jungtiere sein.
Orcas, auch Schwertwale oder Killerwale genannt, fressen nach Studienangaben etwa 200 Tierarten. Dabei jagen sie häufig gemeinsam – manchmal auch Tiere, die größer sind als sie selbst.
Die kooperative Jagd geschehe auch auf Walhaie, heißt es in der Studie. Dabei hielten gleich mehrere Tiere die Beute fest, während ein weiteres Tier sie ramme. Außerdem blockieren Orcas die Fluchtwege von Weißen Haien oder erzeugen gemeinsam Wellen, um Robben und Pinguine von treibenden Eisschollen zu spülen. (dpa/red)
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Umgangsformen im Wandel: Krawatte, Sneakers und Duzen im Job


In Kürze:

  • Dresscodes werden im Berufsalltag zunehmend lockerer.
  • Krawatte, Sneakers und Basecap stehen für unterschiedliche Stile und Kontexte.
  • Respekt und richtige Umgangsformen bleiben laut dem Knigge-Experten zentral.

 
In Rabat, der Hauptstadt Marokkos, gibt es das Lycée Lala Aischa. Auf einer der Wände dieses Gymnasiums zum Innenhof steht auf Deutsch geschrieben: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“. Dieser Spruch betont nicht nur Pünktlichkeit als Ausdruck von Respekt und Wertschätzung, sondern auch, dass die Pünktlichkeitskultur Deutschland zugeschrieben wird, obwohl der Satz ursprünglich von dem französischen König Ludwig XVIII. stammt.
(Foto hierzu: Quelle privat)

„Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“.

Foto: privat

Das also ist das Image der Deutschen in Marokko. Sie gelten allein aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit seit Jahrhunderten als pünktlich. Aus Erfahrung weiß man als Deutscher, dass dies bis heute weitgehend zutrifft – und mitunter bis zur Schmerzgrenze konsequent gelebt wird. Wohl keine andere Nation beharrt bei Teammeetings und anderen offiziell anberaumten Treffen derart streng auf Pünktlichkeit wie Deutschland.
In anderen Bereichen der Arbeitswelt hat sich indes ein drastischer Wandel vollzogen. Der Dresscode in der Arbeitswelt und im öffentlichen Raum ist derart leger geworden, dass man sich in Marokko dafür schämen würde, so „verwerflich“ im Büro oder auf der Straße aufzutreten. Baggypants und bauchfreie Shirts sind in deutschen Büros weitverbreitet, T-Shirts und Kapuzenpullover ohnehin. Doch was macht den guten Ton hierzulande aus? Freizeitkleidung oder förmliche Anzüge und Krawatten?
Jonathan Lösel, Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rats, kennt sich aus. Er findet, dass für Männer, wenn sie nicht gerade Handwerker sind oder in der Schwerindustrie arbeiten, die Krawatte „nach wie vor zeitgemäß“ sei, „gerade weil sie heute bewusst und nicht mehr selbstverständlich getragen wird“, sagt er gegenüber der Epoch Times. „Sie gewinnt an Bedeutung. Sie hat sich vom Pflichtaccessoire zum stilistischen Statement entwickelt und entfaltet genau dadurch ihre Wirkung“, so seine Einschätzung.

Klingbeil: „Mit oder ohne?“

Eine Krawatte strukturiere das Erscheinungsbild, lenke den Blick des Gegenübers auf den Träger und verleihe ihm Präsenz. Sie sei „ein Accessoire mit großer Wirkung auf Wahrnehmung und ästhetische Klarheit“. Zudem lasse sich durch Farbe, Stoff und Knoten Individualität zum Ausdruck bringen.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) trägt bei öffentlichen Auftritten in der Regel eine Krawatte, der SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) nur gelegentlich. Häufig ist er lediglich mit Hemd und Sakko zu sehen. Am 20. März vergangenen Jahres machte er dies selbst zum Thema und fragte auf TikTok: „In den letzten Wochen wurde viel über meine Krawatte diskutiert. Was meint ihr: mit oder ohne?“
Genau diese Frage stellen sich Männer in konservativ geprägten Berufen wie Banken, Wirtschaftsunternehmen und Behörden oft täglich. Insgesamt sei ein Rückgang der Krawatte zu beobachten, sagt der Knigge-Experte Lösel. Dieser Trend sei auch kulturell geprägt. Während im deutschsprachigen Raum die Krawatte zunehmend als verzichtbar gelte, gehöre sie etwa in Italien weiterhin selbstverständlich zur gepflegten Erscheinung – weniger als Pflicht denn als Ausdruck von Stilbewusstsein und Lebensart. Wer heute in Deutschland Krawatte trage, tue dies bewusst. Genau darin liege ihre Stärke, meint Lösel.

Trump: Basecap zum Anzug

Dass der amerikanische Präsident ein Basecap zum teuren Anzug trägt, bewertet Lösel differenziert. Bei Donald Trump sei dies „weniger ein modisches Detail als vielmehr ein strategisches Instrument: ein präziser Mix aus Branding, Symbolik und Inszenierung“, so die Einschätzung des Knigge-Vertreters.
Außerdem meint Lösel, das Basecap schaffe „körpersprachlich“ Distanz, da es den direkten Blickkontakt erschwere. Gleichzeitig fungiere die Mütze als visuelles Element, das von dem „viel diskutierten Haarstyling“ des Präsidenten ablenke. Zudem vermittle es „eine gewisse Bodenständigkeit und Hands-on-Mentalität und wirke damit als bewusster Kontrast zur klassischen politischen Elite“ Washingtons. Lösels Analyse geht noch weiter: Die rote Farbe der Mütze signalisiere „Energie, Entschlossenheit und maximale Aufmerksamkeit“. Das Cap sei zu einem Markeninstrument geworden, das leicht reproduzierbar und massenwirksam sei und einen hohen Wiedererkennungswert habe.

Turnschuhe zu Kleid und Anzug

„Sneakers im Business sind kein Tabu“ mehr, sagt der Benimmexperte. „Sie überzeugen jedoch nur dann, wenn Kontext, Qualität und Intention stimmig zusammenspielen.“ Entscheidend dafür sei das Umfeld. In der Start-up-Szene sei diese Kombination „meist Ausdruck einer modernen, entspannten Arbeitskultur“. In konservativeren Kontexten hingegen bedürfe es „deutlich mehr Feingefühls“. Falsch eingesetzt würden Turnschuhe „schnell zu informell oder nachlässig“ wirken.

Ist Händeschütteln in oder out?

Der Händedruck sei „nach wie vor zeitgemäß“. Allerdings werde er heutzutage bewusster eingesetzt als früher. Das Handgeben sei weiterhin „ein tief verwurzeltes kulturelles Symbol“. Wer seinem Gegenüber die offene Hand reiche, signalisiere „Friedfertigkeit und Vertrauen“. „Im Kern sagen wir: Ich komme in Frieden und habe nichts zu verbergen“, sagt Lösel.
Seit der Corona-Pandemie sei die Gesellschaft jedoch „sensibler für Nähe und Hygiene geworden“. Viele entscheiden daher situativ, ob ein Händedruck für sie infrage kommt. „Was früher schnell als unhöflich galt – eine gereichte Hand nicht anzunehmen –, ist heute mit einer kurzen, wertschätzenden Begründung absolut akzeptiert“, sagt Lösel. Als Beispiel nennt er den Satz: „Ich verzichte heute auf den Händedruck, ich bin leicht erkältet.“

Du oder Sie?

Wir befinden uns in einer Gesellschaft, in der sich immer mehr Menschen auch im Arbeitsumfeld rasch duzen. Fällt bald das „Sie“ gänzlich weg? Dazu hat sich Lösel gemeinsam mit Horst Lauinger in einem Beitrag des Knigge-Rats geäußert. Lauinger ist Leiter des Manesse Verlags in Zürich. Nach eigenen Angaben beschäftigt er sich „tagtäglich mit klassischen Stilfragen im engeren und weiteren Sinne, also mit der Abwägung, welcher verbale oder nonverbale Ausdruck der jeweils angemessenste ist“.
Beide Autoren kommen zu dem Schluss: „Die Unterscheidung zwischen Sie und Du behält auch heute ihre Bedeutung bei, da sie Respekt und Höflichkeit in zwischenmenschlichen Interaktionen vermittelt. Kommt man einer Person ungefragt zu nahe, kann dies als übergriffig wahrgenommen werden. Ähnlich wie es physische Distanzzonen gibt, existieren auch sprachliche Zonen.“ Außerdem raten sie: Bevor man zum Du wechselt, sollte man sich darüber im Klaren sein, ob einem die Person wirklich sympathisch ist oder ob man sich lediglich dazu verpflichtet fühlt. In jedem Fall müsse der Wechsel vom Sie zum Du immer angeboten und angenommen werden.

Zwangsduzen

Versicherungsunternehmen duzen seit einiger Zeit ihre Kunden in automatisierten E-Mails. Wie sollte man darauf reagieren? Beide Autoren sehen darin, dass es diesen Unternehmen „erkennbar um eine zeitgemäße Kundenansprache“ gehe. Sie wollten „das verstaubte Image loswerden, das die Versicherungsbranche in den Augen jüngerer Menschen hat“. Dies sei Teil einer Marketingstrategie, auf die man „gelassen“ reagieren sollte.
In deutschen Büros kommt es immer häufiger zu einer Art Zwangsduzen. „Wir duzen uns alle hier“, lautet dann oft die Aussage von Vorgesetzten oder Kollegen. Wie reagiert man am besten auf eine solche Überrumpelung? Bei einer Ablehnung des Du sollte man darauf achten, „die Weigerung höflich zu verpacken“, meinen Lösel und Lauinger. Wenn man dankend und freundlich ablehnt, erhöht sich die Chance, dass der Wunsch verstanden und respektiert wird. Beide empfehlen Sätze wie: „Wären Sie mir sehr böse, wenn wir noch eine Weile beim Sie bleiben würden?“ oder: „Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber das geht mir gerade etwas zu schnell.“

Umgangsformen

Grundsätzlich ist der Knigge-Vorsitzende Lösel davon überzeugt, dass „wir zu oft über Formen und zu selten über den Umgang selbst“ sprechen. „In dem Wort ‚Umgangsformen‘ steht der Umgang vor den Formen. Genau dort liegt der Schlüssel“, meint er.
Bei Umgangsformen gehe es in erster Linie „um ein Menschenbild, das die Würde des anderen in den Mittelpunkt stellt“. Lösel weiter: „Im Alltag beginnt das erstaunlich unspektakulär: mit Blickkontakt, einem Gruß, einem freundlichen Lächeln, damit, den Kopfhörer abzunehmen, wenn man angesprochen wird, zuzuhören, um zu verstehen, nicht, um zu kontern, und der Bereitschaft, die eigene Denkweise kritisch zu hinterfragen; im Digitalen etwa mit einer schlichten Selbstprüfung vor dem Posten: Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig?“
Sicherheit im Umgang mit anderen sei auf einer tragenden „Wertebasis der Menschenwürde“ gegründet – jenen Grundhaltungen, die in unserer westlich-christlichen Kultur tief verankert seien, glaubt Lösel. Wenn dieser Konsens ins Wanken gerate, „verändern sich auch unsere Begegnungsräume. Sie werden rauer, Konflikte schärfer, Polarisierung lauter. Wo jeder sich selbst der Nächste ist, schwindet das Vertrauen und mit ihm der innere Zusammenhalt einer Gesellschaft.“

Umgangsformen als Brücken

Für den Knigge-Experten stellt sich daher die Frage: „Wollen wir diesen Weg weitergehen oder uns neu auf den Weg der Annäherung machen?“ Er findet: „Ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander ist keine naive Idee, sondern eine kulturelle Kraftquelle. Die tiefste Sehnsucht des Menschen ist Verbundenheit. Umgangsformen sind Brücken dorthin.“