Ein Stand der Bundeswehr wirbt am 11. Juni 2026 auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA Berlin 2026 in Schönefeld für Karrieremöglichkeiten und die Rekrutierung neuer Soldaten. - Foto: Sean Gallup/Getty Images
„Die Welt verändert sich. Und ich habe mich dazu entschieden, nicht nur zuzuschauen.“ Das sind die Eingangsworte zum Trailer der neuen Bundeswehr-YouTube-Serie, „Generation Wehrdienst“, mit der um Soldaten geworben wird.
Die Stimme gehört zu einer jungen Frau. Sie spricht ruhig, aber bestimmt. Sie spricht aus dem Off, während der Zuschauer verschiedene Schnittszenen sieht: Ein junger Mann, gezeigt von hinten, rennt einen hohen Gang entlang – möglicherweise in einer Kaserne. Eine Kolonne von Soldaten in Kampfuniform mit Rucksäcken. Ein Profilbild einer jungen Frau in Uniform. Die Sprecherin?
Es folgen weitere typische Infanterie-Szenen, während die Stimme fortfährt: „Viele haben mich gefragt, warum Du? Warum ausgerechnet jetzt? Ich hab’ keine perfekte Antwort. Aber ich hab’ ’ne echte. Frieden passiert nicht einfach so. Jemand muss dafür einstehen.“
Das Bundesverteidigungsministerium macht in einer Stellungnahme zu der neuen Werbeserie deutlich: „Alle reden über den Neuen Wehrdienst – wir zeigen ihn.“
Doch von welchem „neuen Wehrdienst“ ist die Rede? Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), der laut Umfragen seit seinem Amtsantritt Anfang 2023 mit Abstand beliebteste Politiker ist, setzt trotz Wiedereinführung der Wehrdiensterfassung zu Beginn dieses Jahres weiterhin auf „Freiwilligkeit“ unter jungen deutschen Erwachsenen.
Seiner Einschätzung nach bedarf es einer Aufstockung der Soldaten um 80.000. Mit Ende Mai dieses Jahres verfügt die Bundeswehr über 185.608 Berufssoldaten. Nur, wenn es nicht gelingen sollte, bald zusätzliche 80.000 Männer und Frauen als Berufssoldaten zu rekrutieren, soll die Wiederaufnahme der ausgesetzten Wehrpflicht umgesetzt werden.
Nun probiert es das Ministerium von Pistorius mal wieder mit einer Video-Werbeserie, die am 1. Juli an den Start geht. Die Produktion zeigt den Alltag einer infanteristischen Grundausbildung und orientiert sich in der Machart an gängigen Streamingformaten. Vorerst sind drei Staffeln geplant, die auf mehreren Plattformen ausgespielt werden, darunter auf dem YouTube-Kanal Bundeswehr Exclusive. Die Folgen werden jeweils mittwochs und sonntags um 17 Uhr gezeigt.
„Hautnah dabei“?
Neu an der Serie ist, dass sie laut Bundeswehr ohne ein Skript entstand. Das heißt, die Handlung und Dialoge wurden nicht vorher schriftlich ausgearbeitet, sondern spontan geäußert und umgesetzt. Damit soll eine hohe Wirklichkeitsnähe vermittelt werden.
Und so erklärt denn auch das Verteidigungsministerium: „Wir begleiten Rekrutinnen und Rekruten auf einer emotionalen und spannenden Reise in die Welt der Bundeswehr, in der die jungen Frauen und Männer auch an ihre Grenzen stoßen – ohne Drehbuch, mit allen Höhen und Tiefen.“
Damit sei die Serie „hautnah dabei – von der Ankunft über die Einkleidung und dem Formaldienst“ bis zur Gefechtsübung – dem Höhepunkt einer jeden Ausbildung. Auch Freunde der Teilnehmer sowie ihre Familien sollen zu Wort kommen.
Das Verteidigungsministerium gibt zudem bekannt: „Die Produktion entspricht technisch dem hohen Qualitätsstandard von Doku-Formaten bekannter Streamingdienste, wie Netflix. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich auf drei Staffeln zwischen Anfang Juli bis November 2026 freuen.“
Auf einer riesigen Werbetafel in Berlin ist am 16. Januar 2026 eine Anzeige der Bundeswehr zu sehen. Der Slogan „Frei. Will. Ich.“ spielt auf das Wort „Freiwillig“ an, da die Wehrpflicht in Deutschland noch nicht wieder eingeführt wurde.
Foto: John MACDOUGALL / AFP via Getty Images
Trotz hohem Interesse bleiben Rekruten aus
Die Idee einer solchen Werbeart für den Wehrdienst ist nicht neu. Bereits im Jahr 2016 lief die Serie „Die Rekruten“ und 2019 das Folgeprodukt „Die Rekrutinnen“, die laut Verteidigungsministerium mehr als 18,5 Millionen Aufrufe erreicht hätten. Bei solch hohen Klickzahlen stellt sich indes die Frage, warum dennoch die Bundeswehr in der Vergangenheit keine signifikante Steigerung von Bewerberzahlen für die Berufsarmee erreichen konnte und warum dies mit der neuen YouTube-Serie anders sein sollte.
Die Freiwilligkeit stößt ohnehin bereits innerhalb der Bundeswehr an Grenzen. Bei seinem jüngsten Truppenbesuch bei der „Litauen-Brigade“ in Vilnius am 22. Juni räumte Pistorius vor der Presse ein, dass voraussichtlich nicht alle 4.800 für die Brigade benötigten Soldaten freiwillig rekrutiert werden können.
Deshalb könne es auch zu einer angeordneten „Verpflichtung“ für Soldaten kommen, so der Minister. Die „Litauen-Brigade“ ist die erste dauerhaft im Ausland stationierte Kampfbrigade der Bundeswehr und wurde von Anfang April 2025 offiziell noch von der Scholz-Regierung in Dienst gestellt. Sie soll den NATO-Partner Litauen gegen eine mögliche Bedrohung aus Russland unterstützen.
Gemessen an der immer angespannter werdenden Krisenlage in der Welt – vom Krieg in der Ukraine bis zum neuen Golfkrieg der USA und Israels gegen den Iran – könnte es nachvollziehbar sein, dass es junge Männer und Frauen noch weniger dazu drängt, sich als Berufssoldat zu verpflichten, als zehn Jahre zuvor. Doch auf genau diese Situation versucht die neue Bundeswehr-Videoserie eine authentische Antwort zu geben.
Im Trailer sagt die junge Frau, wenn es darum gehe, Frieden zu sichern, hätten dies viele ihrer Generation begriffen. Als Nächstes wird ein junger Rekrut gezeigt, der offenkundig über einen Migrationshintergrund verfügt. „Ich wollt‘ am Anfang auch aufgeben. Ich dacht mir so, das ist nichts für mich.“
Ein anderer sagt: „Alle wollen Frieden, aber nix dafür tun.“ Eine Rekrutin fügt hinzu: Das ist „ein Weg, den nicht jeder einschlägt, und das hat mich dann noch mehr gereizt“. Das klingt nicht nach gestellten Antworten.
Denn ähnliche Erfahrungen gibt es in der Truppe seit Jahren. Was neben den derzeitigen Aussagen der Rekruten überzeugt: Sie lernen, sich im „Zug“, so heißt bei der Bundeswehr das kleinste Team, gegenseitig zu unterstützen. Egal, woher sie stammen. Egal, ob übergewichtig oder durchtrainiert. Egal, ob Mann oder Frau.
Eine Szene zeigt, wie eine Rekrutin von zwei ihrer Kameraden buchstäblich in ein zu erreichendes Ziel geschleppt wird, damit jeder im Zug die Ausbildung schafft. Diesen Teamspirit nennt man bei der Bundeswehr altmodisch „Kameradschaft“. Unabhängig vom „Wording“ geht es letztlich darum, in einem Ernstfall die Überlebenschance von Soldaten zu steigern.
Was die Rekruten in dem Video sagen, spiegelt sich auch in den beiden Slogans wider, die die Serie begleiten: „Mit Dir sind wir viele“ und „Ihr könnt laut reden. Wir machen“.
Seit zehn Jahren gelinge es der Bundeswehr, die „Zielgruppe der 17- bis 35-Jährigen zu erreichen“ und ihr Interesse für die Truppe zu wecken, gibt das Verteidigungsministerium bekannt. Die Bundeswehr sei „überall dort“ vertreten, „wo die junge Zielgruppe unterwegs ist: im Öffentlichen Nahverkehr, in Shoppingcentern, auf Karrieremessen und Social Media“. Der YouTube-Kanal „Bundeswehr Exclusive“ habe mittlerweile rund 533.000 Abonnenten und fast 480 Millionen Aufrufe.
Seit Januar dieses Jahres werden die 18-jährigen Deutschen – ob Männer oder Frauen – aufgrund des neuen Wehrdienstmodernisierungsgesetzes für die Wehrerfassung angeschrieben. Dabei informiert die Bundeswehr über Laufbahn- und Verwendungsmöglichkeiten und fragt die grundsätzliche Bereitschaft für den Soldatendienst ab.
Das Ministerium will im Zuge dieser Befragungen festgestellt haben: „Immer mehr junge Menschen setzen sich aufgrund der internationalen Sicherheitslage mit der Frage auseinander, ob sie für die äußere Sicherheit des Landes einen Beitrag leisten wollen. Vielen ist klar: Mit einer starken Bundeswehr schützen wir auch unser Leben in Freiheit.“
Und gibt bekannt, dass mit über 10.000 Einplanungen das Interesse im Vergleich zum Vorjahresstichtag um rund 8 Prozent stieg.
Eine traditionelle Metzgerei bietet viele Produkte aus eigener Herstellung an, darunter Wurst, Braten, Salate und Suppen. - Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Es ist kurz nach 11 Uhr an einem gewöhnlichen Wochentag in der Markthalle Berlin-Tegel. Die Halle wirkt sauber und geordnet. Einige Fachgeschäfte präsentieren ihre Waren liebevoll dekoriert. In den Gastronomien stehen die Stühle noch kopfüber auf den Tischen. In den Gängen sind bereits Kunden unterwegs. Gelegentlich wartet jemand kurz an einer Theke, bis die Bedienung fertig ist. Ansonsten schlendern die Besucher entspannt durch die Halle, mit Einkaufstrolley, Stoffbeutel oder Plastiktüten in der Hand. Die meisten sind deutlich über 50 Jahre alt. Sie wissen genau, zu welchem Stand sie gehen und was sie kaufen wollen.
Wolfgang Büttner (Name geändert) gehört zu ihnen. Der pensionierte Zollbeamte ist in Tegel aufgewachsen und kommt mindestens einmal pro Woche hierher. Gerade hat er Bratheringe und ein Fischbrötchen gekauft. Später will er noch zum Metzger und zum Feinkoststand.
„Diese speziellen Sachen bekommt man hier natürlich optimal, auch wenn sie teurer sind.“ Teurer als im Supermarkt oder Discounter, räumt er ein. „Aber es schmeckt anders.“ Und er sei froh, „dass es diese Geschäfte noch gibt“.
Er sagt das fast beiläufig und ahnt nicht, dass die Fischhändlerin, bei der er gerade eingekauft hat, nur noch wenige Monate weitermachen wird.
„Wir hören auf“
„Wir hören auf“, sagt Pamela Dieckmann nüchtern.
Seit 17 Jahren arbeitet sie im Fischhandel, seit zehn Jahren betreibt sie ihr „Fisch Tegel“ in der Markthalle. Lachs, Matjes, hausgemachte Fischsalate und belegte Fischbrötchen – vieles stellt sie selbst her. Doch Ende des Jahres soll Schluss sein.
Die Konkurrenz der Supermärkte sei spürbar. Dort gebe es inzwischen Fisch, Käse, Feinkost und immer häufiger Produkte, die früher Spezialgeschäften vorbehalten gewesen seien. Ausschlaggebend sei das jedoch nicht.
Pamela Dieckmann betreibt „Fisch Tegel“ seit zehn Jahren.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
„Es ist nicht so, dass sich das Geschäft nicht lohnt. Aber wir sind an unsere Grenzen gestoßen und haben einfach keine Möglichkeit, Personal zu finden.“
In diesem Moment steht sie allein hinter der Theke, wiegt Ware ab, verpackt und kassiert. Zeit für ein längeres Gespräch hat sie kaum. Im Betrieb arbeiten nur noch ihre Tochter und eine weitere Angestellte. Urlaub, Krankheit oder andere Ausfälle werden schnell zur organisatorischen Herausforderung.
„Immer weniger Menschen wollen im Einzelhandel arbeiten. Fachbereiche wie Fisch oder Käse machen es nicht einfacher. Die junge Generation hat andere Vorstellungen.“ Sie glaubt, dass dies der Hauptgrund dafür sei, dass viele Fachgeschäfte verschwinden.
Damit bestätigt sie die Befürchtung, die Wolfgang Büttner schon länger beschäftigt. Er kommt regelmäßig hierher, auch in der Hoffnung, die verbliebenen Fachgeschäfte unterstützen zu können. „Ich kenne die Markthalle noch von früher, bevor sie umgebaut wurde.“
Die ständige Fluktuation der Stände habe er über Jahre beobachtet. „Praktisch nur noch Imbisse und die wenigen Spezialisten sind übrig geblieben – Obst, Fisch und Fleisch.“ Und er fürchtet, dass auch diese irgendwann verschwinden könnten.
Probleme mit Personal
Ein paar Schritte weiter steht Marco Stark hinter seiner Fleischtheke. Der Familienbetrieb besteht seit 1997. Vor einigen Jahren hat Stark ihn von seinem Vater übernommen.
Seit halb sechs Uhr morgens ist er bereits im Markt. Vor seiner Theke bildet sich selten eine Schlange. Eine Pause kann er sich dennoch nicht gönnen. Alle paar Minuten tritt ein Kunde heran, fragt nach einer hausgemachten Wurstsorte oder möchte wissen, welches Stück Fleisch sich für den Sonntagsbraten eignet. Stark schneidet, wiegt und berät. Zwischendurch plaudert er mit Stammkunden.
Marco Stark hat die Familienmetzgerei von seinem Vater übernommen.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
„Mit Rewe oder Edeka kann man beim Preis kaum mithalten“, sagt er. Darum gehe es vielen Kunden aber gar nicht. „Vielen ist wichtig, was sie kaufen und wo sie es kaufen. Die Kunden merken den Unterschied.“
Mehr als 40 Wurstsorten, Schmalz, Kassler und verschiedene Braten stellt der Betrieb selbst her. Genau das unterscheidet handwerkliche Fachgeschäfte heute von den Kühlregalen der Supermärkte: Eigenproduktion, Fachwissen und persönliche Beratung.
An Kundschaft mangelt es ihm nicht. Sein Problem liegt woanders.
„Die Kunden kommen zu uns, weil sie eine fachkundige Beratung möchten.“
Menschen aus der jüngeren Generation, die sich für Lebensmittel interessieren und bereit sind, früh mit der Arbeit zu beginnen, seien trotz intensiver Suche immer schwerer zu finden.
Studie spricht vom „sterbenden Lebensmittelhandwerk“
Dass Lebensmittelhandwerk und Fachhandel unter Druck stehen, ist keine neue Entwicklung. Besonders im ländlichen Raum zeigt sich das Problem oft noch deutlicher.
Bereits 2022 berichtete die Bäckerin Sylvia Eckstein aus dem sächsischen Auerbach, dass sie ihren Familienbetrieb schließen musste. Als Gründe nannte sie steigende Rohstoff-, Energie- und Personalkosten, fehlenden Nachwuchs sowie zunehmende Bürokratie und zahlreiche Auflagen.
Szenen, in denen eine Bäckerin bereits um 1:30 Uhr nachts mit der Vorbereitung von Brot und Brötchen beginnt, werden immer seltener. In Städten ist dies aufgrund von Lärmschutzauflagen häufig nicht mehr möglich. Auch die Inhaberin, die genau weiß, wie viele Brötchen eine Familie benötigt und welche Kuchen- oder Brotsorten ihre Kunden bevorzugen, wird zur Ausnahme.
Rund um die Markthalle Berlin-Tegel dominieren inzwischen Bäckereiketten. Selbst dort, wo einzelne Geschäfte noch ihre ursprünglichen Namen tragen, gehören sie häufig zu größeren Unternehmensverbünden. Die Waren werden zentral produziert und morgens in die Filialen geliefert.
Bäckereien und Fleischereien dienen seit Generationen als Orte der Begegnung.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Die Entwicklung wird auch durch eine Studie der Universität Freiburg belegt. Zwischen 1998 und 2023 sank die Zahl der handwerklichen Fleischereien um 47 Prozent, die Zahl der Bäckereien sogar um 57 Prozent. Die Forscher sprechen vom „sterbenden Lebensmittelhandwerk“.
Parallel dazu gingen Ausbildungszahlen und Beschäftigung zurück. Im Bäcker- und Fleischerhandwerk ist die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten um mehr als 75 Prozent gesunken.
Auch die Marktanteile verschieben sich. Während spezialisierte Fachgeschäfte Umsatz verlieren, bauen Supermärkte und Discounter ihre Position kontinuierlich aus.
Damit verschwindet nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern auch ein Stück gelebte Alltagskultur.
Die Freiburger Forscher betonen, dass kleine und mittlere Unternehmen sowie Handwerksbetriebe gerade im ländlichen Raum nicht nur Wertschöpfung und Arbeitsplätze sichern, sondern auch zur Nahversorgung und sozialen Infrastruktur beitragen. Bäckereien und Fleischereien dienen seit Generationen als Orte der Begegnung und stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
„Es wird nur abgepacktes Fleisch geben“
Eine Entwicklung, die auch Wolfgang Büttner mit Bedauern verfolgt:
„„Ich bin hier in Tegel groß geworden. Meine Mutter hatte in den 1950er-Jahren einen Marktstand. Damals gab es noch einen richtigen Wochenmarkt. Jeden Morgen wurden die Planen gespannt und die Stände aufgebaut. Und es gab sehr viele Einzelhandelsgeschäfte, einen Kartoffelhändler, einen Schuhmacher oder mehrere Obststände.“
Auch die alte Markthalle habe er noch erlebt. „Dann wurde alles abgerissen und neu gebaut. Es hat sich stark verändert und das Angebot ist deutlich kleiner geworden.“
Er vermutet, dass auch die Mieten eine Rolle spielen und sich viele kleine Betriebe die Kosten nicht mehr leisten können. Ein düsteres Szenario wäre für ihn: „Der Mieter geht hier raus und dann kommt ein Nagelstudio oder ein Friseur rein.“ Im Märkischen Viertel nebenan sei genau das bereits zu beobachten.
„„Es wäre schade, wenn es so weit kommt. Dann wäre man nur noch auf Supermärkte angewiesen. Abgepacktes Fleisch, in Folie eingeschweißt oder Ähnliches.“
Noch nicht ganz hoffnungslos?
Die Freiburger Studie nennt mehrere Ursachen für den Strukturwandel. Kleine Handwerksbetriebe leiden unter hohen Hygiene-, Dokumentations- und Bürokratieauflagen, die ursprünglich für industrielle Produktionsstrukturen entwickelt wurden. Gleichzeitig verändert sich das Konsumverhalten. Immer mehr Verbraucher greifen zu schnell verfügbaren Convenienceprodukten, was großen Handels- und Lebensmittelkonzernen zugutekommt.
Hinzu kommen Wettbewerbsnachteile bei Personal, Kapital und Innovationen.
Seit Jahren fordern Branchenverbände mehr Entbürokratisierung, Innovationsförderung sowie bessere Folgen- und Kostenabschätzungen neuer Regelungen statt zusätzlicher Detailvorgaben. Die seit 2020 geltende Bonpflicht sowie in einigen Kommunen eingeführte Verpackungssteuern gelten in vielen Betrieben als Beispiele für einen wachsenden bürokratischen Aufwand, der kleine Fachgeschäfte überproportional belastet.
Um Beschäftigte in Mangelberufen zu halten, sind laut Bertelsmann Stiftung höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Aufstiegsmöglichkeiten nötig. Darüber hinaus könne eine stärkere gesellschaftliche Wertschätzung beruflicher Ausbildung entscheidend sein, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
Ganz hoffnungslos sehen die Freiburger Forscher die Entwicklung jedoch nicht. Immer wieder gelingt es Bäckereien, Fleischereien und anderen Handwerksbetrieben, Wege zu finden, sich im Strukturwandel neu aufzustellen.
„Wir sind ein Luxussegment“
Christian Görs ist einer von ihnen. Mit einer Erweiterung seines Geschäftsmodells, familiärer Unterstützung und viel Beharrlichkeit blickt der Metzgermeister überraschend optimistisch in die Zukunft. Trotz aller Herausforderungen glaubt er sogar an eine Renaissance seines Berufs.
Seit fast 30 Jahren ist er in der Branche tätig und betreibt inzwischen zwei Metzgerfachgeschäfte in den westlichen Berliner Bezirken.
Etwas optimistischer blickt Christian Görs in die Zukunft.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Hinter den Verkaufstheken befindet sich noch eine kleine Manufaktur. Kutter, Kochkessel, Kühlräume und Wurstfüller gehören zum Maschinenpark, mit dem Görs seine Produkte selbst herstellt. Handwerk bedeutet für ihn heute nicht den Verzicht auf Technik. Die kontinuierliche Modernisierung des Betriebs erfordere jedoch gerade für Unternehmen seiner Größe Mut und Investitionsbereitschaft.
Vor einigen Jahren hat er sein Angebot zudem um einen Cateringservice erweitert. Das sei eine Reaktion auf den Konsumwandel, den er in fast drei Jahrzehnten in der Branche erlebt habe.
„Was an der Bedientheke weniger geworden ist, hat man beim Catering mehr. Wenn eine Fleischerei sagt, so etwas machen wir nicht, dann ist das falsch. Man muss sich den Bedürfnissen der Kundschaft von heute anpassen.“
Der Preis sei heute oft nicht mehr das entscheidende Argument. „Das Drumherum wird wichtiger. Denn wir sind ein Luxussegment.“
Damit meint er auch, dass er in seinem Bezirk inzwischen fast der einzige verbliebene Fleischer sei. Kunden, denen Qualität und persönliche Nähe wichtig seien, kämen gezielt zu ihm.
In seinem Betrieb arbeiten rund ein Dutzend Mitarbeiter. Das Personalproblem, das andere Betriebe beklagen, kennt er kaum.
„„Wir haben in der Familie das Glück, dass wir Nachwuchs haben. Ich habe drei Söhne, zwei arbeiten bereits mit. Dieses Glück hat nicht jeder.“
Zugleich achte er sehr auf das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter. Nach eigener Aussage zahlt er bessere Löhne als viele Supermärkte.
Ein Tellerwäscher kann „der glücklichste Mensch sein“
Allerdings berichtet auch er von Problemen bei der Ausbildung junger Menschen. „Viele wollen den ganzen Tag aufs Handy schauen und fragen als Erstes: Wann ist Feierabend?
Deshalb würden manche Kollegen nur noch Lehrlinge aus dem Familien- oder Bekanntenkreis einstellen. „Es ist schlimm. Die Gesellschaft verliert an Disziplin, Respekt und Ordnung.“
Auch bei seinen Söhnen beobachte er eine veränderte Einstellung zur Arbeit. „Ich habe früher mit einer 80-Stunden-Woche angefangen. Heute ist Work-Life-Balance wichtig. Nach 35 oder 40 Stunden ist Schluss. Es ist nicht mehr wie zu meiner Zeit, von morgens bis abends, von Montag bis Sonntag.“
Gleichzeitig sieht er einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Früher hätten sich deutlich mehr junge Menschen für einen Handwerksberuf entschieden. Heute wollten viele studieren und stellten erst nach dem Abschluss fest, dass sie dennoch keinen passenden Job fänden.
Für Görs spiegelt sich darin ein Wandel der Werte wider. Jungen Menschen werde häufig vermittelt, dass gute Noten und ein Studium der entscheidende Weg zum Erfolg seien.
„Aber kaum jemand sagt dir, dass du glücklich werden musst mit dem, was du tust.“ Seiner Ansicht nach könne sogar ein Tellerwäscher „der glücklichste Mensch sein“, wenn Familie, Gesundheit und Lebenszufriedenheit stimmten.
Deshalb appelliert er an die Politik, das Handwerk stärker zu fördern und jungen Menschen wieder Perspektiven in diesen Berufen aufzuzeigen.
Seine Söhne habe er überzeugen können, weil er ihnen vorgelebt habe, dass sich Fleiß lohnen könne. „Die sehen ja, dass es funktionieren kann, wenn man fleißig ist und auch ein bisschen Glück hat.“
„Es wird eine Renaissance geben“
Görs ist überzeugt, dass das Ansehen des Handwerks bereits wieder steigt.
„Es ist gerade am Kippen.“
Auch in seinem persönlichen Umfeld habe er solche Erfahrungen gemacht, dass wieder junge Menschen vom Studium ins Handwerk wechselten.
Görs glaubt, dass viele junge Menschen die positiven Seiten des Handwerks wiederentdecken werden, „dass es Spaß macht, mit Kunden zu arbeiten, nette Kollegen zu haben und stolz auf das eigene Produkt zu sein“.
Für ihn gilt noch immer die alte Redewendung, dass Handwerk goldenen Boden habe. Ein Fliesenleger, der nach Feierabend auf seine Arbeit blicke und sagen könne, dass er gute Arbeit geleistet habe, empfinde Zufriedenheit und Stolz.
„„Das ist ein Stück Glück.“
Ein Stück Glück bedeutet die Fleischerei auch für seinen Kunden Frank Meißner. Seit rund 20 Jahren kauft er hier jede Woche ein und möchte Görs als letzte verbliebene Fleischerei in seiner Umgebung nicht missen.
„Hier wird noch eigene Wurst hergestellt, die sehr lecker schmeckt. Das würde man vermissen.“ Doch nicht nur die Produkte seien wichtig, auch die Gespräche mit dem Metzger und den Mitarbeitern. „Da hat man immer etwas zu lachen.“
Frank Meißner ist froh, dass er seit 20 Jahren bei der Metzgerei Görs einkaufen kann – und hoffentlich noch viele Jahre lang.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Genau darin sieht Christian Görs die Zukunft des Fleischerhandwerks. Mit Fleiß, familiärer Unterstützung und einer bodenständigen Haltung könne ein solcher Betrieb weiterhin bestehen. „Das hat alles Hand und Fuß. Man hat eine Daseinsberechtigung.“
Wenige Kilometer entfernt kauft Wolfgang Büttner an diesem Vormittag seine Bratheringe, sein Fischbrötchen und später noch Fleisch für das Wochenende. Die Stände, die er seit Jahrzehnten kennt, gibt es noch, die Menschen hinter den Theken ebenfalls – noch.
Die Bundesregierung will den Zugang zum Beruf des Lkw- und Busfahrers erleichtern. (Symbolbild) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
Angehende Lkw- und Busfahrer sollen die Prüfung zur sogenannten beschleunigten Grundqualifikation künftig auch in acht Fremdsprachen ablegen können. Das Bundeskabinett beschloss am Mittwoch, 27. Mai, eine Änderungsverordnung, mit der Zugangshürden für Berufskraftfahrer abgebaut werden sollen.
Sie sieht unter anderem vor, dass die Prüfung für Berufskraftfahrer auch in Englisch, Hocharabisch, Kroatisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Türkisch und Ukrainisch abgelegt werden kann.
Zudem sollen künftig in der EU umgetauschte Führerscheine aus Drittstaaten auch in Deutschland anerkannt werden können.
Die Ukraine und Montenegro sollen überdies in die Fahrerlaubnis-Verordnung aufgenommen werden, „so dass Führerscheine aus diesen Ländern künftig prüfungsfrei in eine deutsche Fahrerlaubnis umgeschrieben werden können“, erklärte das Bundesverkehrsministerium. Noch in diesem Jahr soll die Änderungsverordnung in Kraft treten.
So würden „Fahrerinnen und Fahrer schneller in den Job“ gebracht, erklärte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), wies aber zugleich auf die Arbeitsbedingungen hin: „Unsere Maßnahmen können langfristig nur greifen, wenn die Branche selbst aktiv wird und den Job für Bus- und Lkw-Fahrer attraktiver macht.“ (afp/red)
In Deutschland stehen weniger Ausbildungsplätze einer steigenden Nachfrage gegenüber. (Archivbild) - Foto: Jan Woitas/dpa
Schwierige Lage auf dem Ausbildungsmarkt: „Das Angebot geht zurück, das Interesse steigt“, erklärte am Mittwoch, 6. Mai, Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Viele Stellen blieben aber unbesetzt, weil es an der „Passung“ fehle.
Unternehmensverbände forderten eine frühe und praxisnahe Berufsorientierung, der Gewerkschaftsbund eine Ausweitung der bundesweit geltenden Ausbildungsgarantie sowie eine bessere Unterstützung junger Menschen.
„Die derzeitige schwierige wirtschaftliche Situation in Deutschland spiegelt sich in der Ausbildungsbilanz des Jahres 2025 wider“, heißt es im Bundesbildungsbericht, den das Kabinett beschloss. Darin legt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die Lage zum Stichtag 30. September 2025 dar.
Weniger Angebote und höhere Nachfrage
Das Angebot an Ausbildungsplätzen sank im Vorjahresvergleich „deutlich“ um 4,6 Prozent auf 530.300; das betriebliche Angebot fiel dabei um 5,0 Prozent auf 513.500. Die Nachfrage dagegen stieg auf 560.300 Stellen – in dieser Zahl sind neben den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen (476.700) auch Bewerber einbezogen, die auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle sind.
„Unversorgt“ mit einer Lehrstelle waren Ende September vergangenen Jahres 39.900 Bewerber. Das war laut Institut ein neuer Höchststand seit 2009. Nach wie vor sei es schwierig, Ausbildungsangebot und -nachfrage zusammenzuführen, konstatierte das BIBB.
Mängel in den Kompetenzen der Kandidaten
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) erklärte, viele Betriebe fänden keine geeigneten Kandidaten, „weil oftmals grundlegende Kompetenzen fehlen“. Defizite beim Lesen, Schreiben und Rechnen sowie im Arbeits- und Sozialverhalten erschwerten den Einstieg in die Ausbildung erheblich.
Die DIHK und der Zentralverband des Handwerks forderten vor allem eine frühe, praxisnahe Berufsorientierung in den Schulen. Entscheidend sei auch eine bessere Nutzung bestehender Unterstützungsangebote wie der Einstiegsqualifizierung, erklärte die DIHK: „Diese Instrumente wirken – sie müssen aber bekannter gemacht und zielgenauer eingesetzt werden.“
Die Vize-Vorsitzende des DGB, Elke Hannack, kritisierte vor allem, dass immer weniger Arbeitgeber ausbildeten – es seien nur noch 18,7 Prozent der Betriebe. „Kleinere Betriebe ziehen sich oft komplett aus der Ausbildung zurück, größere Unternehmen streichen Ausbildungsplätze aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung.“
Dringend nötig sei ein Aktionsprogramm für mehr Ausbildungsplätze, erklärte Hannack. Dazu gehöre unbedingt, die bereits bestehende Ausbildungsgarantie auszuweiten und durch eine Umlage wie in den Bundesländern Berlin und Bremen zu ergänzen. Die Umlage zahlen Unternehmen in einen Fonds ein – daraus erhalten ausbildende Betriebe Geld. (afp/red)