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Autonomes Fahren: Das plant Mercedes deutschlandweit ab 2027


In Kürze:

  • Mercedes-Benz plant, das Level-3-System Drive Pilot ab 2027 deutschlandweit anzubieten.
  • Fahrer sollen während der Fahrt zeitweise andere Tätigkeiten ausüben können.
  • Die Technik ist bislang nur auf ausgewählten Autobahnabschnitten zugelassen.
  • Deutschland liegt bei vollautonomen Systemen hinter den USA und China zurück.

 
Mercedes-Benz wird möglicherweise schon bald sein erstes hochautomatisiertes Fahrsystem Drive Pilot auf Deutschlands Straßen bringen. Wie der Technologiechef Jörg Burzer auf LinkedIn mitteilt, soll das Level-3-System schon ab 2027 in ganz Deutschland angeboten werden.
In China ist dieses System bereits Alltag, in Deutschland ist es bislang nur auf ausgewählten Autobahnabschnitten verfügbar. Wie der Konzern betont, wird das Konzept „in enger Abstimmung mit dem Bundesverkehrsministerium“ weiterentwickelt.

Mercedes zieht sich bei S-Klasse taktisch zurück

Auf seiner Website hat Mercedes-Benz diesen Schritt am Freitag der Vorwoche angekündigt. Das Vorhaben kommt überraschend. Immerhin hatte es noch zu Beginn des Jahres geheißen, dass der Konzern das autonome Fahren der Stufe 3 nicht weiterverfolgen wolle. Als Grund wurden Bedenken über das Verhältnis zwischen Entwicklungskosten und Kundennachfrage genannt. Statt am Level 3 weiterzuarbeiten, wollte man den Level-2++-Assistenten MB.Drive Assist Pro weiter ausbauen.
Allerdings galt dies nur für die im Januar präsentierte Neuauflage der S-Klasse. Ab 2027 soll Level 3 jedoch ein deutschlandweit angebotenes Feature bei den Stuttgarter Autobauern erhältlich sein. Verfügbar werde es bis zu einem Tempo von 95 Kilometern pro Stunde sein. Ziel bleibt weiterhin die Ausweitung auf bis zu 130 Kilometer pro Stunde.
Die Level-3-Technologie soll dem Fahrer weitestgehende Freiheit verschaffen, sich auch anderen Tätigkeiten als dem Steuern des Fahrzeugs zu widmen. Er soll während der Fahrt beispielsweise TV schauen, das Handy nutzen oder eine Zeitung lesen können. Das Lenkrad muss dabei nicht mehr regelmäßig berührt werden, da das System nicht mehr den Fahrer, sondern den Verkehr überwacht.

Zusammenarbeit mit Behörden soll Mercedes’ Fortschritt flankieren

Schlafen darf der Fahrer jedoch nicht – er muss in der Lage sein, aus dem Zustand der Abgelenktheit heraus in Sekunden seine Reaktionsfähigkeit wiederherzustellen. Einsatzbereich des Level-3-Assistenten ist der fließende Autobahnverkehr bis 95 Kilometer pro Stunde.
Rund 30 Sensoren – darunter LiDAR-Systeme, Kameras und Radar – sowie ein Hochleistungssupercomputer mit 508 TOPS (eine Einheit zur Messung von KI-Leistung) sollen eine sichere Steuerung gewährleisten. Dadurch soll auch freihändiges Fahren möglich sein. Lediglich bei der sogenannten Punkt-zu-Punkt-Navigation, etwa im Stau, muss der Fahrer die Verantwortung übernehmen und zumindest alle paar Sekunden pro forma die Hände ans Lenkrad legen.
Mercedes-Benz war 2021 der erste Hersteller weltweit, der eine Zulassung für Level-3-Technologie erhielt. Nun arbeitet der Konzern gemeinsam mit dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr sowie dem Kraftfahrt-Bundesamt „intensiv daran, diese und andere Innovationen zügig und verantwortungsvoll auf die Straße zu bringen“.

Alphabet gilt mit Waymo als Weltmaßstab im Bereich Robotaxis

Außer Mercedes-Benz arbeitet in Deutschland auch BMW bei seinem 7er-Modell mit Level-3-Technologie, während VW seinen ID. Buzz AD in Hamburg testet. Bei Level 4, auf dem unter anderem Robotaxiflotten basieren, hinkt die deutsche Autoindustrie jedoch den USA und China hinterher.
Das Alphabet-Projekt Waymo führt global bei vollautonomen Fahrten. Tesla verfügt bislang über kein vollautonomes Modell. Der Drive Pilot ist in den USA bis 60 Kilometer pro Stunde zugelassen. China versucht hingegen, mithilfe staatlicher Förderung und geringerer Datenschutzanforderungen aufzuholen und die US-Konkurrenz zu überholen.
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Frankreichs Friedhöfe sollen grüner werden

Mehrere Pariser Vorstädte versuchen derzeit, die für Frankreich typischen Grabsteinwüsten zu begrünen und so kleine innerstädtische Oasen zu schaffen.
„In der Stadt gibt es nicht viele freie Flächen, die sich begrünen lassen. Aber die Friedhöfe gehören auf jeden Fall dazu“, sagt Martin Hendel vom Institut für Energien von morgen.

27 Kilometer Schatten

Die Stadt Montreuil im Osten von Paris hat bereits vor zehn Jahren mit der Umgestaltung ihres Friedhofs begonnen und sieht nun die Erfolge.
Das 27 Kilometer lange Wegenetz wurde mit Bäumen bepflanzt, deren Schatten neue Besucher anziehen. „Sonntagmorgens kommen häufig Papas mit ihren Babys“, berichtet Thierry Marteau von der Friedhofsverwaltung.
„Vor ein paar Jahren gab es hier nicht einen einzigen Grashalm, nur Steine“, erinnert er sich. Die asphaltierten Wege wurden verschmälert, um ihre Ränder mit Grasflächen zu begrünen.
Sobald eine Konzession für ein Grab ausgelaufen ist, wird die Grabsteinplatte entfernt, um Platz für Pflanzen zu schaffen.

Gräber sind meist mit Steinplatten bedeckt

Andere Städte im Großraum Paris haben ebenfalls damit begonnen, ihre Friedhöfe grüner zu machen. Allerdings betrifft der Wandel bislang nur die Friedhofsanlage, nicht die Gräber selbst.
Im Unterschied zu Deutschland sind diese in Frankreich meist mit Steinplatten bedeckt. Darauf stehen hin und wieder Blumengestecke, meist jedoch nur Plastikblumen. (afp/red)
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Vor allem Lebensmittelverpackungen: Forscher suchen Ursprung von Strandmüll

Plastikflaschen, Snackverpackungen und Tüten gehören an vielen Küsten weltweit inzwischen dazu – Nicht in den Händen der Besucher, sondern im Wasser. Kein Wunder, denn pro Jahr landen rund 20 Millionen Tonnen Plastik in der Umwelt und vom Festland über Flüsse bis in die Meere und Ozeane.
Hier gefährdet der Müll Ökosysteme, belastet Küstenregionen und stellt eine erhebliche Gefahr für die Gesundheit der Lebewesen dar. Eine im Fachjournal „One Earth“ veröffentlichte Studie gibt Aufschluss darüber, was genau die Gewässer vermüllt.
„Wir wissen, dass das Problem riesig ist, aber nicht, welche spezifischen Produkte die Hauptschuldigen auf globaler Ebene sind“, erklärt Richard Thompson von der University of Plymouth und Mitautor der Studie. Ohne dieses Wissen sei es schwierig, konkrete Maßnahmen gegen das Müllproblem zu finden – genau diese Lücke will sein Team schließen.
Für ihre Analyse hat die internationale Forschungsgruppe mehr als 350 Studien ausgewertet. Man habe Strandmüll in 112 Ländern berücksichtigt, in denen zusammen 86 Prozent der Weltbevölkerung zuhause seien. „So konnten wir die häufigsten Bestandteile des Plastikmülls im Meer identifizieren“, erzählt der Experte.

Vor allem Plastik von Lebensmittelverpackungen

Das Ergebnis ist eindeutig: Die größten Verschmutzer der Meere sind keine seltenen Industrieabfälle oder Fischernetze, sondern vor allem kurzlebige Einwegprodukte aus dem Alltag. An erster Stelle steht Plastik aus dem Lebensmittel- und Getränkebereich.
In 93 Prozent der untersuchten Länder gehören Lebensmittelverpackungen, Plastikflaschen sowie Verschlüsse und Deckel zu den drei häufigsten Müllarten. Dahinter folgen Plastiktüten mit 39 Prozent sowie Zigarettenreste mit rund 38 Prozent.
Das Team konzentrierte sich auf größere, eindeutig identifizierbare Kunststoffgegenstände. Mikroplastik, das oft erst durch den Zerfall dieser Produkte entsteht, wurde im konkreten Fall nicht berücksichtigt.
Ziel der Forschungsgruppe ist es, Erkenntnisse zu den Ursachen der Plastikverschmutzung zu liefern, um diese gezielter angehen zu können. Die Abfallwirtschaft allein sei nicht in der Lage das Problem zu bewältigen, so die Forschenden.

Ähnliche Muster in vielen Ländern

Das Team fand heraus, dass sich die Hauptquellen der Verschmutzung weltweit stark ähneln – unabhängig von der wirtschaftlichen oder geografischen Lage eines Landes.
Einzelne Ausnahmen gibt es dennoch: In der Arktis und Antarktis fand man vergleichsweise häufig Plastikflaschen sowie Angel- und Fischereimaterial. Das liege vermutlich daran, dass in der Region nur wenige Menschen leben und der besonders schwimmfähige Müll durch Meeresströmungen über große Entfernungen bis in die Polarregionen transportiert werde, heißt es.
Besonders in vielen Regionen Asiens und Afrikas sind die dünnen Einwegbeutel stark verbreitet – und entsprechend häufig an den Stränden zu finden. Mehrwegsysteme, bessere Verpackungsdesigns oder Abgaben auf Einwegprodukte seien mögliche Maßnahmen, dieser Flut Herr zu werden, so die Forscher.
„Veränderungen an der Quelle sind unerlässlich, wenn wir die Verschmutzung durch Plastik verhindern wollen“, erklärt Susan Jobling, Direktorin des Instituts für Umwelt an der Brunel University of London. Nur wenn Produktion und Verbrauch bestimmter Kunststoffe sänken, lasse sich die Plastikflut langfristig eindämmen. (dpa/red)
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NASA kündigt ab etwa 2030 dauerhafte Mondstation an

Die US-Raumfahrtbehörde NASA will dauerhaft Menschen auf dem Mond leben lassen und treibt ihre Pläne dafür mit Hochdruck voran.
Mit Dutzenden Missionen sollen dafür in den kommenden Jahren Lander, Drohnen und von Menschen steuerbare Rover-Vehikel zum Erdtrabanten gebracht werden. Das teilte NASA-Chef Jared Isaacman bei einer Pressekonferenz mit. „Amerika kehrt zum Mond zurück – und dieses Mal, um zu bleiben.“
Allein in diesem Jahr soll es dafür noch drei unbemannte Missionen zum Mond geben, an der dritten soll auch die europäische Raumfahrtagentur Esa beteiligt sein.
Die Lander sollen von der Raumfahrtfirma Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos gebaut werden. Drohnen stellt das Unternehmen Firefly Aerospace her, die Rover bauen die Firmen Astrolab und Lunar Outpost.
Etwa ab den frühen 2030er Jahren soll die Mondstation – die laut NASA Hunderte Quadratkilometer groß werden könnte – dann dauerhaft von Menschen bewohnbar sein.

NASA-Chef warf Mondpläne komplett um

NASA-Chef Isaacman hatte die Mondpläne der Behörde erst vor wenigen Monaten umgeworfen und den Plan einer dauerhaften menschlichen Präsenz auf dem Erdtrabanten angekündigt.
Hintergrund ist auch der globale Konkurrenzkampf im All. Schon seit Jahren gibt es einen neuen Wettlauf von Raumfahrtnationen zum Mond. Größter Konkurrent der USA ist China mit dem vorgegebenen Ziel, bis 2030 Menschen auf den Mond zu bringen. Auch Russland hat das vor, jedoch mit Verzögerungen wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten zu kämpfen.
Im April waren mit der „Artemis 2“-Mission der NASA erstmals seit mehr als 50 Jahren wieder Menschen in der Nähe des Mondes.
Victor Glover, Christina Koch, Reid Wiseman und Jeremy Hansen waren vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida gestartet und dann um den Mond herumgeflogen, bevor sie wieder zur Erde zurückkehrten und im Pazifik nahe San Diego landeten. Bei ihrem Flug entfernten sie sich weiter von der Erde als jemals Menschen zuvor. (dpa/red)
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Neue Spezies: Blauer Mini-Oktopus vor den Galápagos-Inseln entdeckt

Forscher haben in der Tiefsee vor den Galápagos-Inseln eine faszinierende Tierart entdeckt: einen winzigen blauen Oktopus. Das Tier, das nur etwa die Größe eines Golfballs hat, wird im Fachjournal „Zootaxa“ als neue Spezies mit dem Namen Microeledone galapagensis beschrieben.
Die Entdeckung geht auf eine Tiefsee-Expedition mit einem Forschungsschiff im Jahr 2015 zurück. Nahe der Isla Darwin im äußersten Nordwestens des Galápagos-Archipels steuerte die Besatzung einen ferngesteuerten Unterwasserroboter (ROV) über den Meeresboden. In einer Tiefe von rund 1.773 Metern filmte die Kamera an einem Unterwasserberg den kleinen Kraken.

Luftaufnahme der Insel Bartolome und des Pinnacle-Felsens auf den Galapagos-Inseln.

Foto: Wirestock/iStock

„Ich hatte so etwas noch nie gesehen“

Videoaufzeichnungen der Mission dokumentieren die Begeisterung der Wissenschaftler: „Er ist winzig“ und „Er ist blau“, hielten sie ihre ersten Eindrücke fest. Während der Expedition wurden zwei weitere Exemplare beobachtet, ein weibliches Individuum wurde für Untersuchungen eingefangen.
Janet Voight, Expertin für Tintenfische am Field Museum in Chicago und Hauptautorin der Studie, erkannte sofort die Besonderheit des Fundes. „Ich hatte so etwas noch nie gesehen“, sagte sie. Die Oktopusse haben kurze, rund drei bis vier Zentimeter lange Ärmchen mit jeweils etwa 30 Saugnäpfen.

Topografische and bathymetrische Karte der Galápagos-Inseln, Ecuador.

Da das Team nur ein Tier der neuen Art gefangen hatte, stand es vor einer wissenschaftlichen Herausforderung. Für eine klassische Artbeschreibung müssen normalerweise typische Merkmale wie Mundwerkzeuge und Organe untersucht und beschrieben werden, was das Aufschneiden des Tieres erfordert hätte. Um das Tier nicht zu töten, nutzten Voight und Stephanie Smith, Leiterin des CT-Labors am Field Museum, hochauflösende Mikro-Computertomographie (CT).
Durch diese Methode wurden tausende Röntgen-Schnittbilder digital zu einem präzisen 3D-Modell zusammengesetzt. So konnten feinste Details der inneren Organe und des Mundes sichtbar gemacht werden, ohne dem Weichtier zu schaden. (dpa/red)
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Er baute den ersten Chatbot und warnte Zeit seines Lebens vor KI


In Kürze:

  • 1966 erschuf der deutsche Informatiker Joseph Weizenbaum mit ELIZA den ersten Chatbot der Welt.
  • Sein Programm generierte auf Basis bestimmter Schlüsselwörter scheinbar verständnisvolle Antworten.
  • Der KI-Pionier war schockiert, wie leicht seinem „Spielzeug“ menschliche Eigenschaften zugewiesen wurden und sah darin eine Gefahr für die Menschheit, schlimmer als der Nationalsozialismus, vor dem er in die USA geflohen war.
  • Damals weitgehend ignoriert, zeigen ChatGPT & Co heute, wovor Weizenbaum schon vor über 60 Jahren warnte:
  • Das Problem liegt nicht in der Maschine, sondern in unserem Umgang mit ihr und der Verleugnung der menschlichen Natur.

Nutzer: Männer sind alle gleich.
Chatbot: Inwiefern?
Nutzer: Sie bedrängen uns ständig wegen irgendetwas.
Chatbot: Fällt Ihnen dazu ein spezifisches Beispiel ein?
Nutzer: Nun, mein Freund hat mich gedrängt, hierherzukommen.
Chatbot: Ihr Freund hat Sie gedrängt, hierherzukommen?
Nutzer: Er sagt, ich sei die meiste Zeit deprimiert.
Chatbot: Es tut mir leid zu hören, dass Sie deprimiert sind.
Man könnte leicht annehmen, dass dieser Austausch kürzlich zwischen ChatGPT und einem menschlichen Nutzer stattfand. Doch diese Annahme wäre falsch. Tatsächlich ereignete sich dieses „Gespräch“ bereits vor rund 60 Jahren zwischen einem Computerprogramm namens ELIZA und einem Menschen. Dieser Vorläufer von ChatGPT – der im Vergleich zwar nur über bescheidene Fähigkeiten verfügte, aber dennoch in der Lage war, eine flüssige Unterhaltung mit einem menschlichen Gesprächspartner zu simulieren – existierte damit lange vor der Jahrtausendwende. Heute gilt ELIZA als der erste Chatbot weltweit, als Urgroßmutter der heutigen großen Sprachmodelle sozusagen.
Die Ironie der Geschichte von ELIZA ist jedoch, dass sein Programmierer – ganz ähnlich wie Mary Shelleys Dr. Frankenstein – schnell die Gefahr erkannte, die in seiner Schöpfung lauerte. Er verbrachte einen Großteil seiner restlichen Karriere damit, vor künstlicher Intelligenz (KI) zu warnen. Zudem kritisierte er beharrlich das technologische und posthumane Weltbild, das von einigen Pionieren der KI-Wissenschaft verfochten wurde.
Der Name des Programmierers war Joseph Weizenbaum (1923–2008). Er war ein deutscher Wissenschaftler, der in seiner Jugend aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen war. Er war eine bedeutende Figur in den frühen Tagen der KI-Gemeinschaft – ein Mann, der dennoch zu einem ihrer größten Kritiker werden sollte.

ELIZA – Die Entstehung des Chatbots

Weizenbaum veröffentlichte das obige Transkript im Jahr 1966 in einem Fachartikel, in dem er erklärte, wie DOCTOR ELIZA, eine Variante seines Programms, funktionierte. Im Wesentlichen ahmte ELIZA die Methodik der Gesprächspsychotherapie (GPT) des US-Psychologen Carl Rogers (1902–1987) nach, bei der der Patient das Gespräch leitet.
Der Therapeut streut lediglich Fragen oder einfache Aussagen ein, um den Patienten zu weiteren Überlegungen anzuregen. Dies war ideal für einen primitiven Chatbot, der zwar in der Lage sein musste, ein Gespräch zu simulieren, dem es jedoch an der Raffinesse fehlte, um nennenswerte Mengen an eigenständigem Text zu generieren.
Dafür scannte ELIZA die Benutzereingaben nach bestimmten Schlüsselwörtern wie „ich“, „du“ oder „Mutter“. Solche Wörter lösten eine zugeordnete Regel aus, um einen Satz oder eine Frage als Antwort auszugeben. Oft geschah dies, indem einige Wörter des Nutzers in eine Antwortvorlage eingefügt wurden.
Dies erweckte den Eindruck, der Bot würde tatsächlich auf den Inhalt der Aussage reagieren. Schrieb der Nutzer „Ich bin traurig“, antwortete die Maschine vielleicht: „Wie lange sind Sie schon traurig?“ Die Bedeutung des Wortes „traurig“ war irrelevant. Der Chatbot kopierte das Wort einfach aus der Eingabe. Es funktionierte ebenso gut mit „deprimiert“, „glücklich“, „wütend“ oder jedem anderen Adjektiv. Wenn ELIZA keine Schlüsselwörter fand, generierte es eine Standardantwort wie „Ich verstehe“ oder „Bitte fahren Sie fort“.
Joseph Weizenbaum auf dem Balkon seiner Wohnung in Berlin am 11. Februar 2005. Der emeritierte Professor für Informatik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, veröffentlichte 1966 mit ELIZA den ersten Chatbot der Welt. Foto: Ulrich Hansen/Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Joseph Weizenbaum auf dem Balkon seiner Wohnung in Berlin am 11. Februar 2005. Der emeritierte Professor für Informatik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, veröffentlichte 1966 mit ELIZA den ersten Chatbot der Welt.

Die Illusion funktionierte überzeugend. Weizenbaum beschrieb, dass einige Testpersonen „sehr schwer davon zu überzeugen waren“, dass ELIZA nicht menschlich sei, einschließlich seiner eigenen Sekretärin. Als er sie das System testen ließ, bat sie ihn sogar, den Raum zu verlassen, damit sie ihr Gespräch mit dem „Therapeuten“ ungestört fortführen könne.
Weizenbaum sah, dass die Versuchung, ELIZA – und anderen Maschinen – Menschlichkeit oder Persönlichkeit zuzuschreiben, nicht nur seine Sekretärin betraf. Er war auf ein Phänomen gestoßen, das später als „ELIZA-Effekt“ bekannt werden sollte: unsere Tendenz, menschliche Eigenschaften auf leblose Maschinen zu projizieren.

Ein Taschenrechner als Therapeut

Als einige Psychiater verkündeten, ELIZA könne tatsächlich für therapeutische Zwecke nützlich sein, begann er sich ernsthaft Sorgen zu machen. Weizenbaum war entsetzt, dass irgendjemand diesem Spielzeug mit echten psychischen Problemen betrauen könnte. Sein tiefes Wissen über ELIZAs blinde, algorithmische Wirkweise machte ihm klar, dass der Chatbot niemals wie ein echter Therapeut behandelt werden sollte. Es war ein System, so träge und unbewusst wie ein Taschenrechner. Es hatte nichts über das menschliche Leben zu sagen. Er hielt die Idee geradezu für „obszön“.
Die beunruhigende Offenbarung des ELIZA-Effekts begann Weizenbaum zu verunsichern und veranlasste ihn, den Rahmen für die Beziehung zwischen Mensch und Technik zu überdenken. Ein Interview von 1998 verdeutlichte die Tiefe seines Denkens. Er kritisierte die mechanistische Sicht auf das Universum, die seiner Meinung nach dem Versuch zugrunde lag, Menschen durch Maschinen zu ersetzen.
„Diese und andere Autoren propagieren an der Schwelle des Jahrtausends ein äußerst gefährliches Menschenbild“, sagte Weizenbaum gegenüber Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen. Weiter erklärte er:
„‍Es [das Menschnbild] basiert auf der Vorstellung, der Mensch sei eine Maschine, die man im Prinzip und in naher Zukunft verstehen und entschlüsseln könne, um sie dann entsprechend zu korrigieren und zu verbessern. Das zentrale Dogma dieses Menschenbildes ist die Idee, dass jeder Aspekt des Lebens computable sei, dass er sich in berechenbare und formalisierbare Vorgänge auflösen ließe.“

Die Wissenschaft als Weltreligion

In dem Interview kritisierte Weizenbaum die aufkommende Theorie des Transhumanismus. Er argumentierte, sie basiere auf einem grundlegend fehlerhaften Verständnis der menschlichen Natur und der Realität als Ganzes. KI-Enthusiasten träumten von einem „Idealbild“ des Menschen, eine Menschheit 2.0, die einen evolutionären Sprung auf eine höhere Ebene darstellen sollte – und zwar auch dann, wenn das die Menschheit 1.0 überflüssig machen würde.
Weizenbaum befürchtete, dass diese Denker und Wissenschaftler mit einer Art quasi-religiösem Instinkt bereit seien, den Menschen von heute auf dem Altar des Menschen von morgen zu opfern. Er ging sogar so weit, die materialistische Wissenschaft als Weltreligion der Gegenwart zu bezeichnen:
„Für mich ist die Naturwissenschaft lediglich die heute vorherrschende Weltreligion mit Novizen (Studenten), Kirchen und Kathedralen (Universitäten), Priestern und Häretikern; auch die Kardinäle (die Nobelpreisträger) und ganz bestimmte Rituale, um das Ausmaß der eigenen Hingabe und Loyalität zu beweisen, fehlen nicht.“
Indem sie die Menschheit auf das Niveau der Maschine reduzierten und die Maschine zu einem Gott erhoben, befürchtete Weizenbaum, dass KI-Befürworter die Menschen entmenschlichten. Er verglich dies mit der Rhetorik der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Er erklärte:
„Worauf ich hinauswill, ist die ungeheure Macht eines inhumanen Menschenbildes, das sich wie ein Virus in einer Gesellschaft auszubreiten vermag. Die wesentliche Gemeinsamkeit zwischen dem Nationalsozialismus und den Ideen eines Hans Moravec [ein KI-Theoretiker] liegt, so meine ich, in der Entwürdigung des Humanen und der Phantasie eines perfekten neuen Menschen, der um jeden Preis geschaffen werden muss.“

Eine Bedrohung für die Menschheit

Weizenbaum sprach aus Erfahrung. Er und seine Familie waren 1935 von Deutschland in die US geflohen, nachdem sie Zeuge der Handlungen der Nationalsozialisten geworden waren. Die Verehrung von Maschinen könnte seiner Ansicht nach indes noch katastrophaler sein als der Nationalsozialismus. Denn ihr Ziel sei nicht eine spezifische Rasse, sondern die gesamte Menschheit. „Am Schluss dieser Perfektionierung“, so Weizenbaum, „ist der Mensch allerdings nicht mehr da; er verschwindet“.
Weizenbaum hätte vermutlich der Ansicht von C.S. Lewis zugestimmt. Der britische Autor (u.a. „Die Chroniken von Narnia“), sagte: „Die menschliche Natur wird der letzte Teil der Natur sein, der sich dem Menschen unterwirft. […] Die Schlacht wird tatsächlich gewonnen sein. Aber wer genau wird sie gewonnen haben? […] Die endgültige Eroberung des Menschen hat sich als die Abschaffung des Menschen erwiesen.“
Für Weizenbaum war ein falsches Menschenbild gefährlicher als jede Waffe, es war oft das Motiv für den Einsatz von Waffen. Es war nicht das Schwert selbst, sondern der Arm, der das Schwert schwingt. Er sah eine akute Gefahr darin, Mensch und Maschine gleichzusetzen. Dies ignoriere die Menschenwürde und den Respekt vor dem Leben und mache menschliche Körper zu bloßen „Fleischmaschinen“. Er sagte:
„Wir können aus der Geschichte dieses Jahrhunderts, vielleicht des brutalsten Jahrhunderts, lernen, welche entscheidende Rolle das Menschenbild in den Verbrechen der Vergangenheit spielte. Und wir müssen uns daran erinnern, dass die grausamsten Verbrechen möglich wurden, weil die Täter das Menschsein der Opfer leugneten.“
Weiter sagte er: „In der NS-Zeit stellte man Juden als Ungeziefer dar – eine Metapher, die den Massenmord legitimierte. Heute gewinnt, unterstützt durch die Autorität der Naturwissenschaften, die Vorstellung an Substanz und Macht, der Mensch sei lediglich eine informationsverarbeitende Maschine, die von einem Roboter ersetzt werden könne. Es ist aus dieser Perspektive nur konsequent, dass Moravec ganz selbstverständlich von einer ‚postbiologischen Gesellschaft‘ spricht, regiert von Robotern.“
Mit zunehmender Leistungsfähigkeit der Maschinen warnte Joseph Weizenbaum, dass die eigentliche Gefahr nicht nur in ihrer Macht liege, sondern darin, wie wir uns im Vergleich zu ihnen sehen. Hier ein Roboter-Croupier auf der Global Gaming Expo Asia in Macau am 12. Mai 2026. Foto: Eduardo Leal / AFP via Getty Images

Mit zunehmender Leistungsfähigkeit der Maschinen warnte Joseph Weizenbaum, dass die eigentliche Gefahr nicht nur in ihrer Macht liege, sondern darin, wie wir uns im Vergleich zu ihnen sehen. Hier ein (weiblicher) Roboter-Croupier auf der Global Gaming Expo Asia in Macau am 12. Mai 2026.

Foto: Eduardo Leal/AFP via Getty Images

Weizenbaums Gegner gründeten ihre Hoffnung, die menschliche Natur durch künstliche Intelligenz zu überwinden, auf der Annahme, dass Menschheit, menschliches Verhalten und menschliche Erfahrung letztlich vollständig quantifiziert, verstanden und gelöst – und somit reproduziert und verbessert – werden könnten. Weizenbaum hingegen beharrte darauf, dass der Mensch und das Universum, in dem er lebt, niemals vollständig erklärbar oder „hackbar“ sein werden.
„Die Welt ist voller Geheimnisse – und das Credo der KI-Szene, dass alles berechenbar sei, verleugnet das Geheimnis des Lebendigen“, sagte er. „Es erzeugt die Illusion vollständiger Durchschaubarkeit und legt nahe, alle Aspekte unserer Existenz seien enträtselbar. Der Glaube an Wunder und Mysterium erscheint aus dieser Perspektive lediglich als eine besondere Form von Dummheit. Mich verletzt diese Behauptung totaler Berechenbarkeit zutiefst.“

Feste Überzeugungen, konsequente Warnungen

Für viele mag seine Warnung damals als die rückständigen Ängste eines verknöcherten und realitätsfernen Griesgrams geklungen haben. Heute gewinnt sie zunehmend an Relevanz.
In den Jahrzehnten nach ELIZA, insbesondere nachdem Weizenbaum 1976 sein Buch „Computer Power and Human Reason: From Judgment to Calculation“ (deutscher Titel: „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“) veröffentlicht hatte, sahen ihn viele als wissenschaftlichen Außenseiter.
„Es [gibt] bestimmte Aufgaben […], zu deren Lösung keine Computer eingesetzt werden sollten, ungeachtet der Frage, ob sie zu deren Lösung eingesetzt werden können“, schrieb er in seinem Buch.
Weizenbaum wandte sich nicht erst in seinem Buch entschieden gegen die Ideen von John McCarthy und Marvin Minsky. Die beiden waren die Organisatoren des sogenannten Dartmouth-Workshops von 1956, der die Geburtsstunde der KI-Forschung markiert. Sowohl McCarthy als auch Minsky zählen zu den Pionieren der KI-Forschung, finanziert in ihren Anfängen vom US-Militär. McCarthy bezeichnete Weizenbaums Buch als „moralisierend und zusammenhangslos“, und er und seine Kollegen setzten ihre Arbeit fort.
Weizenbaums Warnungen blieben weitgehend ungehört.
Nun stehen wir da, mit Chatbots deren Raffinesse die von ELIZA bei Weitem übertrifft. Dadurch wird es noch einfacher, in die Falle zu tappen, diese Maschinen als gleichwertige Personen zu betrachten. Wir haben erlebt, wie Menschen behaupteten, Chatbots seien empfindungsfähig, wir haben beobachtet, wie sie sich in Chatbots verliebten, und wir haben sogar miterlebt, wie sie von Chatbots zum Selbstmord überredet wurden.
Solche Entwicklungen würden den deutschen Wissenschaftler vermutlich betrüben. Weizenbaums Tochter Miriam sagte dem Smithsonian Magazine, ihr Vater „würde die Tragik erkennen, dass sich Menschen buchstäblich zu Nullen und Einsen hingezogen fühlen, sich buchstäblich an Code klammern.“
Weizenbaum trat 1988 in den Ruhestand ein und kehrte 1996 nach Deutschland zurück, wo er ein offeneres Ohr für seine Ansichten fand. Er starb 2008.

Mehr als Sprache

Weizenbaum war ein in sich gekehrter, melancholischer und selbstkritischer Mann, doch von fester Überzeugung und mystischer Intuition geprägt. Er erkannte das Wunder und Geheimnis der Welt mit einer Gewissheit, die jeden mathematischen Beweis übertrifft. Es gibt mehr als Nullen und Einsen, etwas jenseits von Zahnrädern, Rädern und Atomen. Es gibt etwas in uns und unseren Erfahrungen. Und dieses etwas wird sich für immer der Vorhersage, der Automatisierung und der Berechnung entziehen.
Weizenbaum war für diese Erfahrungen sensibel.
Er sagte Pörksen: „Ich denke nicht, dass es irgendwo oben im Himmel einen alten Mann gibt, der, in Bettwäsche gehüllt, das Geschehen in der Welt beobachtet, umgeben von blonden Frauen mit Flügeln, die um ihn herumfliegen. Aber es hat doch in meinem Leben die Erfahrung des Wunders gegeben. Da ist die Erfahrung der Trauer und der Erschütterung, da ist die plötzliche Freude am Morgen, da ist die Erfahrung der Liebe zwischen Menschen. Nun, ein Wunder ist eben ein Wunder; man kann es nicht beschreiben, man müsste ein Künstler sein, um sich ihm anzunähern.“
In seinem Buch beschrieb Weizenbaum einen Moment dieser menschlichen Liebe und Verbundenheit:
„Als meine Kinder noch klein waren, stand ich zuweilen zusammen mit meiner Frau über das Bett gebeugt, in dem sie schliefen. Wir sprachen miteinander, ohne zu reden; es war die Wiederholung einer Szene, so alt wie die Menschheit selbst.“
In diesem Moment geschah etwas, das über Sprache hinausgeht, geschweige denn über Algorithmen, argumentierte Weizenbaum.
„Meine Auffassung ist in der Tat, dass es etwas Unsagbares gibt, eine lebendige Wahrheit, die sich nicht in Worte fassen lässt“, konkretisierte Weizenbaum im Interview.
Für Weizenbaum besaß die menschliche Verbindung – Gespräch, Empathie, gemeinsame Erfahrung – eine Tiefe, die kein Algorithmus nachbilden konnte. Foto: AndreyPopov/iStock

Für Weizenbaum besitzt die menschliche Verbindung – Gespräch, Empathie, gemeinsame Erfahrung – eine Tiefe, die kein Algorithmus nachbilden konnte.

Foto: AndreyPopov/iStock

Diese mystische Neigung machte Weizenbaum für die einen zum Helden und für andere zur Zielscheibe des Spotts. Doch man muss seine spirituellen Intuitionen nicht teilen, um seinen gesunden Menschenverstand und seine Bedenken zu würdigen. Trotz all ihrer technischen Zauberei ist KI moralisch träge. Es fehlt ihnen das Gewissen, das wir alle in unseren Herzen erfahren. Aus diesem Grund sollten sie nicht in Positionen gebracht werden, in denen sie moralische Urteile fällen.
Oder mit Weizenbaums eigenen Worten:
„Was als elementarste Einsicht hervorgeht, ist, dass wir, da wir derzeit keine Möglichkeiten haben, Computer weise zu machen, Computern derzeit keine Aufgaben übertragen sollten, die Weisheit erfordern.“
Dies ist eine Herausforderung, über die wir in unserer Zeit gut daran täten, nachzudenken.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „He Built the First Chatbot—Then Spent His Life Warning the World About AI“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm, ts)
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Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten


In Kürze:

  • Früher wie heute gibt es zahlreiche Bibliotheken, in denen kluge Köpfe Texte studieren, Entdeckungen machen und Neuheiten entwickeln.
  • In der Antike gab es neben der Bibliothek von Alexandria vier weitere große Einrichtungen, die zu Geburtsstätten für Neuerungen wurden.
  • Ihre Geschichten blieben erhalten, weil bestimmte Menschen die Vergangenheit vor der Vernichtung bewahren wollten.

 
Wenn wir an Griechenland, Rom oder andere antike Hochkulturen denken, kommen uns meist Tempel, Denkmäler und Marmorstatuen in den Sinn. Aber denken wir dabei jemals an Bibliotheken?
Nach der Erfindung der Schrift wurden Bibliotheken zum pulsierenden Herzstück menschlicher Gesellschaften. Sie bewahrten Rechtsdokumente auf, schützten weltbewegende Literatur und fungierten als Bildungszentren im Dienste des Gemeinwohls.

Das königliche Archiv der Hethiter

Zu den ältesten Historikern der Welt gehören unter anderem die Hethiter, deren Überlieferungen in Keilschrift verfasst sind. Sie lebten um 2000 v. Chr. in Kleinasien und entwickelten sich zu geschickten Schmieden und kriegslustigen Wagenlenkern. Außerdem besaßen sie ein ausgeklügeltes Rechtssystem, das sie in zahlreichen Schriften festhielten.
Das hethitische Königreich erhielt seinen Namen von der Hauptstadt Ḫattuša. Hier begannen Archäologen in den frühen 1900er-Jahren mit Ausgrabungen und fanden Tempel, kolossale Steintore und andere bemerkenswerte Relikte. Dazu gehört eine riesige königliche Schriftensammlung, die heute als „Boğazköy-Archiv“ bekannt ist.
Insgesamt besteht das Archiv aus über 25.000 Tontafeln in acht Sprachen und umfasst Jahrbücher, Gesetze, Kodexe, diplomatische Korrespondenzen und Gebete sowie Aufzeichnungen über Feste und Mythen. Sie alle sind wertvolle Quellen, um die Geschichte einer längst vergangenen Kultur zu verstehen.
So stammt aus Ḫattuša etwa der älteste internationale Friedensvertrag der Geschichte. Dieses Dokument verkündete einen dauerhaften Waffenstillstand zwischen den Hethitern und den Ägyptern, die einen zwei Jahrhunderte andauernden Krieg gegeneinander führten. Laut dem Vertrag sollen Pharao Ramses II. und Großkönig Ḫattušili III. letztlich Freunde und durch ein unzerstörbares Band miteinander verbundene „Brüder“ geworden sein.
Einem von Hunderten versöhnlichen Briefen zwischen Ramses II. und der hethitischen Königin Puduhepa zufolge sei der Waffenstillstand aus religiösen Gründen erfolgt. Mit den Worten des Pharaos: „Der Sonnengott und der Sturmgott werden uns Brüderlichkeit und Frieden schenken, auch in dieser guten Beziehung, in der wir uns für immer befinden. Und unsere Boten werden für immer ununterbrochen zwischen uns hin- und herreisen und Brüderlichkeit und Frieden fördern.“
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: das königliche Archiv der Hethiter

Fragmente der Tontafel, auf der der Ägyptisch-Hethitische Friedensvertrag geschrieben steht.

Die königliche Sammlung von Assurbanipal

Eine ähnliche Sammlung von Tontafeln wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in der alten assyrischen Hauptstadt Ninive im heutigen Irak gefunden. Im 7. Jahrhundert v. Chr. drangen kriegerische Stämme in die Gebiete des Assyrischen Reiches ein. Die prekäre geopolitische Lage könnte Assurbanipal, den letzten großen assyrischen König (circa 669–631/627 v. Chr.), dazu motiviert haben, zahlreiche Texte zu sammeln.
Ähnlich wie das Archiv der Hethiter umfassen die rund 30.000 Tontafeln Gesetzestexte, Gerichtsverfahren, Korrespondenzen und Finanzberichte. Das Archiv enthält zudem eine ungewöhnlich große Anzahl von Texten über die Weissagung. In turbulenten Zeiten verließen sich Priester und Könige häufig auf die alte Praxis des Zeichendeutens, um Einblicke in die Zukunft zu gewinnen.
Assurbanipal sandte Botschaften quer durch Mesopotamien und forderte die Städte auf, ihm Kopien ihrer lokalen Dokumente zu schicken. Zusätzlich beauftragte der König einige Schreiber damit, Duplikate der Tontafeln aus Ninive anzufertigen. Ähnlich wie sein Interesse an der Wahrsagerei lässt sich das Sammeln und Kopieren von Dokumenten mit dem Erhalt von Wissen für die Nachwelt erklären. Vielleicht war es sein Wunsch, dass künftige Generationen das Alte würdigen.

Assyrisches Relief des Banketts von Assurbanipal aus Ninive.

Der englische Schriftsteller H. G. Wells (1866–1946) bezeichnete Assurbanipals Archiv als „die wertvollste Quelle für historisches Material weltweit“. Zu den darin enthaltenen Werken gehört unter anderem eine Fassung des sogenannten Gilgamesch-Epos. Diese Geschichte handelt von Gilgamesch und Enkidu, zwei Feinden, die zu Freunden wurden. Gemeinsam besiegten sie übernatürliche Wesen, um ihre Tapferkeit und Stärke unter Beweis zu stellen.
Doch wegen ihrer Überheblichkeit bestraften die Götter die beiden Freunde, indem sich Enkidu mit einer tödlichen Krankheit infizierte. Sein bevorstehender Tod spornt Gilgamesch dazu an, sich auf eine beschwerliche Reise zu begeben, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu suchen. Und wer weiß: Wenn ein assyrischer König seine zerfallende Welt nicht hätte bewahren wollen, wäre diese Geschichte vielleicht auf ewig verloren gegangen.

Tafel mit dem Gilgamesch-Epos.

Die Bibliothek von Alexandria

Auch Homer wäre heute vielleicht ein Niemand, wenn fleißige Gelehrte nicht unzählige Stunden damit verbracht hätten, seine und andere Werke aus der berühmten Bibliothek von Alexandria zu studieren, zu kopieren und in die Welt zu tragen.
Die Bibliothek von Alexandria hatte nichts mit den privaten Archiven der Hethiter und Assyrer gemein. Sie wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. erbaut – wahrscheinlich von Ptolemäus II., König von Ägypten. Nach dem Tod Alexanders des Großen im Jahr 323 v. Chr. wurden die Ptolemäer zu einer der mächtigsten Königsdynastien im Mittelmeerraum.
Um die Pracht seines Reiches zu demonstrieren, investierte Ptolemäus II. stark in intellektuelle Projekte. Im Zentrum dessen standen die Bibliothek von Alexandria und das benachbarte Mouseion, ein Tempel für die Musen. Hier hielten nicht nur Gläubige ihre Gebete ab, sondern Gelehrte betrieben auch ihre Studien. Einer Legende zufolge soll der antike Ingenieur Archimedes seine revolutionäre Wasserpumpe während einer Forschungsreise in Alexandria erfunden haben.
Die Bibliothek ähnelte damit vermutlich heutigen Universitäten mit einem gemeinsamen Speisesaal sowie Lese- und Besprechungsräumen. Lehrer und Schüler saßen in Gärten und Hörsälen zusammen und diskutierten über Ideen oder studierten die große Sammlung von Papyrusrollen.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: die Bibliothek von Alexandria

Künstlerische Darstellung der großen Bibliothek von Alexandria.

Im Jahr 48 v. Chr. soll laut antiken Schriftquellen dann die Katastrophe eingetreten sein: Ein Brand vernichtete rund 40.000 Papyrusrollen. Wie viele Werke unversehrt blieben, ist nicht bekannt. Zu den wertvollsten Werken der Bibliothek zählten einige der frühesten Fassungen von Homers Epen.
Die Bibliothek selbst bestand mehrere Jahrhunderte lang, bis Krieg und Vernachlässigung gleichermaßen zu ihrem Untergang führten. Das Gebäude stürzte wahrscheinlich um 300 n. Chr. ein. Was blieb, waren die dort zu Gast gewesenen Gelehrten, die den Grundstein für die westliche Literatur legten – ein Einfluss, der weit über die Stadt hinausreichte.

Pergamon und Pergament

Um 300 v. Chr. ließen sich griechische Kolonisten an der türkischen Westküste nieder, wo sie Pergamon gründeten. In weniger als einem Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem kulturellen Zentrum. Ihr Höhepunkt war erreicht, als Pergamons Herrscher Eumenes II. (um 221–158 v. Chr.) beschloss, eine beeindruckende Bibliothek zu errichten. Damit wollte er unter anderem die Überlegenheit seiner Stadt gegenüber Alexandria demonstrieren.
Pergamon erreichte wahrscheinlich nie die Größe der Sammlungen Alexandrias. Doch der Wettbewerbsgeist seiner Bibliothekare könnte zu einem Durchbruch in der Buchtechnologie geführt haben, der schließlich eine Brücke zwischen der antiken und der modernen Welt schlug.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: Pergamon

Blick auf die Überreste der Bibliothek von Pergamon im heutigen Bergama in der Türkei.

Foto: resulmuslu/iStock

Der in Alexandria verwendete Papyrus war billiger und benutzerfreundlicher als die zerbrechlichen Tontafeln. Doch Papyrus hatte einige Nachteile: Bei schlechter Qualität und Lagerung konnten die Schriftrollen binnen weniger hundert Jahre zerfallen.
Um die Mängel zu beheben, sollen die Bibliothekare von Pergamon angefangen haben, mit „Vellum“, den behandelten Häuten von Kalb, Schaf oder Ziege, zu experimentieren. Dieses Material ist heute als „Pergament“ bekannt. Der Begriff leitet sich über das Lateinische („pergamenum“) und das Französische („parchemin“) vom Namen der Stadt ab.
Pergament ermöglichte schließlich den Übergang von zerbrechlichen Schriftrollen zu haltbaren, gebundenen Papierstapeln, den Kodexen. Auch wenn der Begriff „Kodex“ heute vor allem für mittelalterliche Handschriften verwendet wird, folgt doch jedes Buch diesem Format. Hinzu kommt, dass Mönche im Mittelalter zahlreiche antike Schriften kopierten und so das Wissen bewahrten.

Rom und die erste öffentliche Bibliothek

Im Jahr 39 v. Chr. soll der Staatsmann Gaius Asinius Pollio eine heruntergekommene Bibliothek im Herzen Roms renoviert haben – finanziert aus Kriegsbeute. Das renovierte Gebäude nahe dem Marktplatz Forum Romanum trug den Namen „Atrium libertatis“ (zu Deutsch: „Haus der Freiheit“).
Die Bibliothek mit ihren Bürgerlisten und wertvollen Karten war ebenso wie der Garten und eine angrenzende Kunstgalerie uneingeschränkt für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Ort war zweifellos für jene Römer geschaffen, die gebildet waren und lesen konnten – was vom sozialen Status abhing. Aber im Prinzip konnte jeder eintreten.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: die Bibliothek von Gaius Asinius Pollio

Die Bibliothek von Gaius Asinius Pollio musste im 2. Jh. n. Chr. dem Trajansforum weichen, dessen bauliche Überreste noch heute in Rom zu sehen sind.

Foto: ABBPhoto

Auf dem Weg zur Bibliothek gingen die Besucher an unter freiem Himmel aufgestellten Statuen vorbei. Wie der römische Historiker Plinius der Ältere (circa 23–79 n. Chr.) schrieb, regten diese Statuen die Besucher dazu an, über das Leben und Wirken von Gelehrten nachzudenken. Plinius lobte Pollio dafür, eine Bibliothek gegründet zu haben, die die Werke großer Männer zum Eigentum der Öffentlichkeit machte.
Des Weiteren soll Pollio die römischen Bürger dazu bewogen haben, an Dichterlesungen und anderen interaktiven Veranstaltungen teilzunehmen. Als Förderer einiger der vielversprechendsten Künstler seiner Zeit soll Pollio sogar eine öffentliche Lesung von Vergil, dem Verfasser der berühmten „Aeneis“, initiiert haben. Das Publikum zeigte sich fasziniert, und Vergils Karriere als einer der größten Dichter der römischen Geschichte soll ins Rollen gekommen sein.

Die Bewahrung der Vergangenheit

Während die hethitischen und assyrischen Archive zusammengestellt wurden, um komplexe Rechtssysteme zu dokumentieren oder das Vermächtnis eines Monarchen in chaotischen Zeiten zu bewahren, wandten sich die Bibliotheken von Alexandria und Pergamon aktiver dem intellektuellen Nutzen zu. Dies brachte nützliche Erfindungen und zeitlose Ideen hervor.
Mit Pollios öffentlichem Gebäude übernahm die Bibliothek schließlich eine Funktion, die sie bis heute erfüllt: Sie wurde zu einem freien Raum, in dem gewöhnliche Menschen großartige Literatur lesen, Kunst genießen und ihren Geist kultivieren konnten.
Diese fünf Stätten sind heute alle zerstört und von dem, was sie einst beherbergten, ist nur ein kleiner Bruchteil erhalten. Doch ihre Relikte vermitteln eine wichtige Lektion: Die Vergangenheit kann so zerbrechlich sein wie Ton oder Papier. Sie ist stets den zerstörerischen Kräften ausgesetzt, die schon Bibliothekare auf ihren edlen Missionen zur Bewahrung des Erbes plagten.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „5 Ancient Libraries That Changed the World“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
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Voynich-Manuskript: Ein Blick in das geheimnisvollste Buch der Welt


In Kürze:

  • 1912 erwarb der Antiquar Wilfrid M. Voynich ein namenloses Buch, das heute weltweit als Voynich-Manuskript bekannt ist.
  • Das Werk fasziniert durch seinen unlesbaren Inhalt und einzigartige Zeichnungen, die für die heutige Welt fremd erscheinen.
  • Seit über 400 Jahren versuchten zahlreiche Forscher und Laien, den Inhalt des Buches zu entziffern. Bis heute erfolglos.

 
Auf den ersten Blick wirkt das Buch langweilig, alt und staubig. Es hat keinen kunstvoll mit Gold oder Edelsteinen verzierten Einband und auch keinen Titel, der mehr über den Inhalt verrät. Und doch gilt das Voynich-Manuskript als das geheimnisvollste Buch der Welt. Seit seiner Wiederentdeckung im Jahr 1912 versetzt es die Menschen erneut ins Staunen.
Der Autor des Werkes: unbekannt. Der Originaleinband und somit der mögliche Titel des Buches: entfernt. Sinn und Zweck des Buches: fraglich. Und die Schrift, in der der Inhalt verfasst ist: nie entziffert.
Eine Spurensuche à la Sherlock Holmes führt von den USA über die Ewige Stadt in Italien und Prag, die Stadt der hundert Türme in Tschechien, bis in die Alpen. Je tiefer man in der Vergangenheit gräbt, desto mehr Hinweise, aber auch Fragen, tauchen auf.
Das Voynich-Manuskript von außen

Von außen wirkt das Voynich-Manuskript im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Büchern einfach und langweilig.

Die Wiederentdeckung 1912

Das Voynich-Manuskript ist ein Werk, das es in dieser Art nur einmal auf der Welt zu geben scheint. Derzeit wird es in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der US-amerikanischen Universität Yale verwahrt – zusammen mit weiteren extrem seltenen Büchern.
Die Besitzer des Buches beschreiben das Werk auf ihrer Bibliothekswebsite als „wissenschaftlicher oder magischer Text in einer nicht identifizierbaren Sprache, Geheimsprache, anscheinend basierend auf römischen Kleinbuchstaben.“ Weiter heißt es: „Wissenschaftler gehen davon aus, dass es ein Werk von Roger Bacon sein könnte.“
Diese Vermutung wurde 1921 von dem Buchhändler Wilfrid Michael Voynich (1865–1930) geäußert. Er sprach bei einem Philosophentreffen in Philadelphia, USA, über seine Entdeckung des namenlosen Buches, die er einige Jahre zuvor gemacht hatte.

Wilfrid Michael Voynich (1865–1930) bei seiner Arbeit mit alten Büchern.

Glücksfund eines Apothekers

Voynich, geboren im heutigen Weißrussland, studierte zunächst Chemie in Moskau und absolvierte eine Ausbildung als Apotheker. Mit 20 Jahren wurde er von den russischen Behörden wegen der Beteiligung an Aufständen verhaftet.
Nach fünf Jahren gelang ihm die Flucht. Er reiste von Sibirien über Peking nach Hamburg und London, wo er 1898 einen Buchladen eröffnete und sich schnell einen Namen als Antiquar machte.
Der als intelligent, vorbildlich und sprachbegabt geltende Voynich reiste viel durch Europa, um teils seltene Werke für Kunden wie das British Museum zu beschaffen. So führte ihn 1912 der Weg nach Frascati, einer Gemeinde Roms, wo er namhafte Werke kaufte – zusammen mit einem mysteriösen Manuskript.
Damals wie heute gab es jedoch ein Problem: Das Buch war in einer unlesbaren Sprache verfasst. Bereits Voynich glaubte mit dem Manuskript ein Werk von Roger Bacon vorliegen zu haben. Bacon war ein bekannter Franziskanermönch und Universalgelehrter aus dem England des 13. Jahrhunderts. Doch dieser hatte sehr wahrscheinlich nichts mit dem Voynich-Manuskript zu tun, wie spätere Untersuchungen vermuten lassen.

Die Zeichnung des Illustrators Victor Pérard (1870–1957) zeigt den Franziskanermönch Roger Bacon in seinem Studierzimmer.

Ein beiliegender Brief

Statt zu einem Vertreter des Franziskanerordens führt die Spur zu einer anderen katholischen Ordensgemeinschaft: den Jesuiten. Einer ihrer großen Gelehrten war der Deutsche Athanasius Kircher (1601–1680). Er bemühte sich seinerzeit um die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen, beherrschte angeblich „alle Sprachen der Welt“ und war Nachfolger von Johannes Kepler als Mathematiker am Hof des Habsburger Kaisers.
Der deutsche Universalgelehrte Athanasius Kircher sollte das Voynich-Manuskript entziffern

Der deutsche Universalgelehrte Athanasius Kircher sollte das Voynich-Manuskript entziffern.

Kircher erhielt das Manuskript im 17. Jahrhundert zusammen mit einem Brief, in dem er gebeten wurde, den Inhalt des beiliegenden Werkes zu entziffern. Absender des Bittbriefes war Johannes Marcus Marci (1595–1667), ein böhmischer Arzt und Naturwissenschaftler aus Prag. Marci war wie Kircher ein Jesuit und Leibarzt von Kaiser Ferdinand III. (1608–1657) und Leopold I. (1640–1705) sowie Anhänger des berühmten Mediziners Paracelsus (1493/94–1541).
Johannes Marcus Marci bat seinen Glaubenskollegen Athanasius Kircher das Voynich-Manuskript zu übersetzen

In einem Brief bat der Arzt Johannes Marcus Marci seinen Glaubenskollegen Athanasius Kircher um die Übersetzung des mysteriösen Buches.

Inwieweit Kircher der Bitte seines Glaubensbruders Marci nachkam und das sogennte Voynich-Manuskript entzifferte, ist nicht bekannt. Sicher scheint nur, dass das Buch nach Kirchers Tod mitsamt seinem Nachlass in den Besitz eines Jesuitenkollegs nahe Rom überging. Dort entdeckte und kaufte Wilfrid Voynich das Buch im Jahr 1912.
Aus dem Brief an Kircher geht noch etwas hervor: Marci war nicht der offizielle Besitzer des Manuskripts.

Aus königlichem Besitz

Als letzten Käufer des Buches nennt Marci in seinem Brief keinen Geringeren als einen Kaiser des Heiligen Römischen Reichs: Rudolf II. (1552–1612). Rudolf aus dem Hause Habsburg residierte ab 1583 in Prag, wo sein Hof zahlreiche Menschen anzog. Dies machte sich der Kaiser für persönliche Zwecke zunutze, nämlich für den Ausbau seiner Kuriositätensammlung.
Rudolf II. war einer der bedeutendsten Kunst- und Wissenschaftsförderer seiner Zeit und ließ zahlreiche Tiere, Gesteine und wissenschaftliche Schriften aus der ganzen Welt zusammentragen.
Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, kaufte das Voynich-Manuskript für 600 Dukaten

Als Sammler von Kuriositäten kaufte Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, das Voynich-Manuskript für 600 Dukaten.

So könnte das Voynich-Manuskript in seinen Besitz gelangt sein. Dafür war er nachweislich bereit, 600 Dukaten auszugeben – eine für das 16. Jahrhundert stattliche Summe, die heute mehr als 2 Kilogramm reinem Gold entspricht. Unter welchem Namen das Buch verhandelt wurde, ist jedoch nicht überliefert.
Laut dem Briefwechsel übergab Kaiser Rudolf II. das Manuskript zur weiteren Untersuchung einem Freund von Marci. Heute gehen Forscher davon aus, dass es sich dabei um Georg Baresch (1580/85–1650/55) handelte. Baresch war ein Alchemist und Jurist aus Prag, der ebenfalls vergeblich versuchte, das mysteriöse Manuskript zu entziffern.

Verborgene Notizen

Lange nahm man an, dass Kaiser Rudolf II. das Buch zuerst in die Hände des Alchemisten Georg Baresch gab. Diese Annahme änderte sich jedoch, als bei Laboruntersuchungen eine ausgeblichene oder ausradierte Signatur auf der ersten Buchseite entdeckt wurde. Damit tauchte ein weiterer Name im Zusammenhang mit dem Voynich-Manuskript auf: Jacobi à Tepenecz.
Dieser Mann, der gebürtig Jakub Horčický (1575–1622) hieß, war ein gelernter Kräuterkundler und Jesuit. 1608 erhob ihn Kaiser Rudolf II. in den Adelsstand, nachdem er den Regenten angeblich von einer schweren Krankheit geheilt hatte. Das Vertrauen des Kaisers reichte so weit, dass er dem geadelten Mediziner das teuer erworbene Buch anvertraute.

Der böhmische Mediziner Jacobi à Tepenecz könnte von Kaiser Rudolph II. das Voynich-Manuskript zur Entzifferung erhalten haben.

An dieser Stelle verliert sich die Spur, denn es scheinen keine früheren schriftlichen Aufzeichnungen zu existieren, die weitere Hinweise auf den Ursprung des Voynich-Manuskripts liefern. Bekannt ist im Wesentlichen, dass das Buch das enorme Interesse eines Kaisers weckte, der viel Geld dafür bezahlte und es in die Hände mehrerer medizinkundiger Jesuiten gab – in der Hoffnung, dass es entziffert würde.

Die Besonderheiten des Voynich-Manuskripts

Seit inzwischen über 400 Jahren suchen Interessierte damit nach einer Erklärung für den Zweck des Buches. Die Deutungen reichen dabei von einem Medizinbuch mit Heilkräutern und -verfahren bis zu einem Lexikon einer Fantasiewelt. Ein Blick auf den Inhalt des Manuskripts lässt beides für möglich erscheinen.
Das 23,5 × 16,2 Zentimeter große Voynich-Manuskript mit seinen Seiten aus braunem, fleckigem und leicht durchscheinendem Pergament ist heute unvollständig erhalten, da zu einem unbekannten Zeitpunkt an mehreren Stellen Seiten herausgetrennt wurden. Jede zweite der ursprünglich 232 Seiten ist mit einer arabischen Seitenzahl versehen, wobei einige Seiten zu großen Bögen ausklappbar sind.
Seite 68 vom Voynich-Manuskript mit astronomischen Darstellungen

Die Seite 68 besteht aus vier miteinander verbundenen Blättern und zeigt astronomische Darstellungen.

Ein Großteil der Buchseiten ist mit Zeichnungen und umfließendem Text gefüllt. Da die Schrift unentschlüsselt ist, bleibt offen, ob die Abbildungen im Zusammenhang mit dem Text stehen. Dennoch haben Wissenschaftler das Manuskript aufgrund seiner Bilder in fünf Themenbereiche untergliedert.

Von unbekannten Pflanzen bis zu italienischen Burgen

Nahezu die komplette erste Hälfte des Werkes besteht aus einem botanischen Teil, in dem unbekannte Pflanzen mit ihren Blüten, Blättern, Wurzeln und Fruchtständen dargestellt sind. Mit seinem umfließenden Text erinnert es stilistisch an Kräuterbücher des Mittelalters und der Renaissance.
Die zweite Hälfte des Buches beginnt mit einem astrologischen Teil, in dem Sonne, Mond und Sterne abgebildet sind. Einige dieser Darstellungen lassen sich Tierkreiszeichen oder bekannten Sternbildern wie den Plejaden zuordnen.
Auf die kosmologischen Seiten folgen ein biologischer Teil mit Zeichnungen von badenden Frauen sowie ein pharmazeutischer Teil mit Bildern von Pflanzen und medizinischen Gefäßen. Der letzte Teil besitzt fast ausschließlich Fließtext und erinnert an Aufzählungen oder Rezepte.
Wissenschaftlich interessant ist zudem die sogenannte Rosettenseite im biologischen Teil. Sie ist ausfaltbar, umfasst sechs Blatt Pergament und zeigt neun miteinander verbundene Kreise, in denen unter anderem Gebäude dargestellt sind. Eine dieser architektonischen Darstellungen zeigt eine Burg mit Zinnen in Schwalbenschwanzform, wie sie für norditalienische Burgen aus dem 14. und 15. Jahrhundert typisch sind. Könnte das Manuskript folglich in dieser Zeit im alpinen Raum entstanden sein? Oder entspringen Text und Bilder nur der Fantasie?

Fälschung oder echt?

Weil das Voynich-Manuskript trotz zahlreicher Bemühungen – teils unter Verwendung von Künstlicher Intelligenz und anderen modernen Techniken – noch immer unentschlüsselt ist, sprechen viele Forscher von einer möglichen Fälschung – etwa durch Wilfrid Voynich selbst.
Um endgültige Klarheit zu schaffen, führten Forscher ab 2009 detaillierte Untersuchungen durch. Diese ergaben unter anderem, dass das Pergament des Manuskripts von 15 Kälbern stammt. Zusammen mit der Tinte und den Farbpigmenten entsprechen die verwendeten Materialien denen, die im Spätmittelalter häufig zum Einsatz kamen. Eine Analyse der Handschrift erbrachte außerdem, dass sehr wahrscheinlich mehr als eine Person an der Fertigung des Werkes arbeitete.
Auch das Alter des Buches ließ sich durch eine Radiokarbondatierung ermitteln. Dabei wurde festgestellt, dass die 15 erforderlichen Kälber zwischen 1408 und 1438 geschlachtet wurden. Damit konnte einerseits ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem Voynich-Manuskript um eine moderne Fälschung handelt andererseits aber auch, dass Roger Bacon (circa 1220–1292) dieses Werk in seinen Händen hielt.
Der hohe materielle Aufwand spricht für viele Menschen dafür, dass das Manuskript wichtige oder gar brisante Informationen enthält. Um das mögliche Geheimnis zu wahren, wurde es verschlüsselt – etwa mittels einer fiktiven Sprache, einer seltenen und heute unbekannten natürlichen Sprache oder durch das absichtliche Chiffrieren des Textes.
Die Praxis des Chiffrierens war im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts weit verbreitet, besonders in Italien. Dort wurde nachweislich eigens eine Chiffre zum Austausch politischer Nachrichten  entwickelt. Während einige der mittelalterlichen Verschlüsselungen bis heute entziffert wurden, bleibt das Voynich-Manuskript weiterhin ein Rätsel.

Im 16. Jahrhundert wurden aufwendigere Verschlüsselungsmethoden erfunden wie diese Chiffriermaschine von Heinrich II., König von Frankreich, zeigt.

Versuche der Entschlüsselung

Als Erster seit der Wiederentdeckung im Jahr 1912 versuchte sich William Romaine Newbold, der von Wilfrid Voynich beauftragt worden war, an der Dechiffrierung des Textes. Seiner Überzeugung nach sei der Text in altgriechischer Kurzschrift verfasst – doch lesen konnte er den Inhalt nicht. Im Jahr 1943 waren die Rechtsanwälte um Josesph Martin Feely überzeugt, dass das Manuskript in Latein, in verschlüsseltem Englisch oder Ukrainisch geschrieben sei.
In der Folgezeit kamen weitere Theorien über alte, exotische Sprachen und ein Werk von Außerirdischen hinzu. Ein erneuter Aufschwung von Entschlüsselungsversuchen kam in den 2010er-Jahren mit der Entwicklung neuer Techniken auf. Forscher glaubten zu erkennen, dass das Voynich-Manuskript in einer selten gesprochenen oder unbekannten Sprache, in Hebräisch oder in abgekürztem Latein verfasst sei. Keine dieser Theorien fand bis heute Bestätigung.
2016 veröffentlichte Gordon Rugg eine Studie, in der er das Manuskript als sinnlose Zeichensammlung mit bedeutungslosen Buchstabengruppen bezeichnete. Auch die beiden deutschen Voynich-Fachmänner Thorsten Timm und Jürgen Hermes sind der Meinung, dass dem Text kein Sinn innewohnt.
Auszug aus dem Voynich-Manuskript

Auszug aus dem Voynich-Manuskript, das viele Forscher und Laien bereits zu entschlüsseln versuchten.

Im Jahr 2019 folgte die Theorie von Gerard Cheshire, der behauptet, das Manuskript sei in einer Sprache aus dem Italien des 15. Jahrhunderts verfasst. Ein Jahr später veröffentlichte der deutsche Ägyptologe Rainer Hannig einen Aufsatz, wonach er das Manuskript, welches zu 80 Prozent auf Hebräisch geschrieben sein soll, entziffert habe.
Einer der jüngsten Entschlüsselungsversuche (2025) stammt von dem Wissenschaftsjournalisten Michael Greshko. Dieser glaubt, dass es sich bei dem Voynich-Text um eine ausgeklügelte Chiffre handelt, die mittels Würfeln, Spielkarten und Verschlüsselungstabellen erstellt wurde. Die sogenannte Naibbe-Chiffre entziffert jedoch weder Sprache noch Inhalt, sondern erzeugt mit ihren Beispielen lediglich ähnliche Buchstabenmuster und Erscheinungsformen wie das Voynich-Manuskript.
Ob das Manuskript für immer ein Buch mit sieben Siegeln bleibt, wird die Zeit zeigen. Eines steht jedoch fest: Wenn das Ziel die Geheimhaltung von Informationen war, dann hat der Schöpfer des Werkes sehr gute Arbeit geleistet.
Buchtipp: Das „Voynich Manuskript“
Wenn Sie noch tiefer in das geheimnisvolle Voynich-Manuskript eintauchen möchten, bietet Ihnen der Bildband von Vera Pache und Klaus Schmeh beste Möglichkeiten. Sowohl in der einfachen Ausführung, als auch in der Vorzugsausgabe sind alle Seiten des Buches abgedruckt und mit interessanten Zusatzinformationen versehen.
Verlag: Favoritenpresse
Seitenzahl: 288
ISBN: 978-3-96849-409-8

Das Buch „Voynich-Manuskript“ von Vera Pache und Klaus Schmeh.

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Sternschnuppen am Himmel: Unerklärlich viele Sichtungen


In Kürze:

  • In den USA wurde eine deutliche Zunahme an Feuerkugeln, sprich, sehr hellen Sternschnuppen, registriert.
  • Die American Meteor Society schließt eine Zunahme der Beobachter aus.
  • Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Sichtungen.
  • Laut der NASA treten Meteore sogar „recht häufig auf“. Nur wenige sind auch am Tag sichtbar.

 
Genauso wie es eine jährliche Hurrikan- und Tornadosaison gibt, erlebt Nordamerika laut NASA auch eine jährliche „Feuerkugel-Saison“ oder Sternschnuppen-Saison.
„Von Februar bis April können diese sehr hellen Meteore um bis zu 10 bis 30 Prozent öfter auftreten, insbesondere in den Wochen um die März-Tagundnachtgleiche“, erklärte die NASA Ende März, nachdem im Frühjahr mehrere „Feuerkugelereignisse“ viral gegangen waren. „Der genaue Grund dafür ist nicht bekannt. Einige Astronomen vermuten, dass die Erde zu dieser Jahreszeit auf mehr große Trümmerteile trifft, was zu einem Anstieg der Sichtungen von Sternschnuppen führt.“
Doch die relativ regelmäßige Hochsaison scheint in diesem Jahr ungewöhnlich aktiv gewesen zu sein. Die American Meteor Society, die seit 1911 professionelle und amateurhafte Sichtungen sammelt, gab an, dass in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 insgesamt 41 große Feuerkugelereignisse gemeldet wurden. Das ist fast doppelt so viel wie die durchschnittliche Anzahl gemeldeter Ereignisse für diesen Zeitraum in den vorangegangenen fünf Jahren. „Groß“ bedeutet dabei, dass sie von jeweils mehr als 50 Personen beobachtet wurden.
Mike Hankey, Betriebsleiter der American Meteor Society, teilte der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times mit, dass im ersten Quartal 2021 ebenfalls ein Anstieg großer Feuerkugelereignisse verzeichnet wurde. Damals wurden 30 Ereignisse gemeldet, die jeweils mindestens 50 Personen beobachtet hatten.

Anstieg nicht wegen mehr Beobachtern

Hankey erklärte weiter, dass es sich hierbei speziell um einen Anstieg „sporadischer“ Meteore handele. Diese stünden in keinem Zusammenhang mit größeren Kometen oder Asteroiden oder regelmäßig beobachteten Meteorschauern. Der plötzliche Anstieg sei nicht darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen den Himmel beobachteten, sagte er.
Astronomen, die sich der Beobachtung des Himmels auf fallende Weltraumgesteine verschrieben haben, sind sich nicht sicher, was den Anstieg verursacht hat oder ob es sich überhaupt um eine echte Anomalie handelt – ein einmaliges, unvorhersehbares Ereignis.
Auch Hankey will nicht behaupten, dass seine Daten – eine Analyse von Feuerkugelereignissen seit 2011 – schlüssig sind. „Ich würde nicht sagen, dass es etwas Weltbewegendes ist. […] Ohne eine Veröffentlichung, die das belegt, kann ich [aber auch] nicht sagen: ‚Oh, das ist keine statistische Anomalie.‘ Vielleicht ist es das doch.“ Weiter sagte er:
„Es ist nur eine Beobachtung, oder? Es heißt lediglich: ‚Hey, das ist der höchste Verkehr, den wir je in einem einzigen Monat hatten.‘“

Was ist eine „Feuerkugel“?

Der Begriff „Feuerkugel“ ist im Wesentlichen die Bezeichnung der NASA für das, was Kinder als helle Sternschnuppe bezeichnen würden. Dabei handelt es sich um ein mehr oder weniger kleines Bruchstück, dessen selbstzerstörerischer Flug durch die Erdatmosphäre eine Lichtspur erzeugt, die heller erscheint als die Venus.
Alle Weltraumgesteine mit einem Durchmesser von mehr als 1 Meter werden als „Asteroiden“ bezeichnet, alles, was kleiner ist, als „Meteoroiden“. Meteoroiden lösen sich normalerweise von einem Kometen oder Asteroiden. In seltenen Fällen handelt es sich um Teile des Mondes oder anderer Planeten.
Tritt ein Asteroid oder Meteoroid in die Erdatmosphäre ein und hinterlässt eine Leuchtspur am Himmel, wird er zu einem „Meteor“ beziehungsweise einer Sternschnuppe. Wenn mehrere Objekte vom scheinbar selben Ursprungspunkt aus in die Atmosphäre eintreten, wird dieses Ereignis als „Meteorschauer“ bezeichnet. Alle Teile des Meteors, die den Flug durch die Atmosphäre überstehen und die Erdoberfläche erreichen, werden als Meteoriten bezeichnet.
Erreicht ein Meteor eine Helligkeit, die stärker ist als die Leuchtkraft der Venus, wird er als „Feuerkugel“ eingestuft. „Sie treten mit relativ geringer Geschwindigkeit in die Atmosphäre ein“, erklärte Hankey. „Ein langsamerer Eintritt bedeutet, dass der Meteor länger am Himmel zu sehen ist, über ein größeres Gebiet sichtbar ist, häufiger Überschallknalle erzeugt und mehr Material überlebt, um als Meteorit den Boden zu erreichen.“

Komet, Asteroid oder Meteoroid? Die verschiedenen Arten von Weltraumgesteinen in der Übersicht.

Foto: Epoch Times nach American Meteor Society

Keine seltenen Ereignisse

Ein und derselbe Gesteinsbrocken wird also je nach Situation anders bezeichnet. Ein anschauliches Beispiel lieferte eine Feuerkugel, die am 17. März über Teilen Kanadas und den Vereinigten Staaten gesichtet wurde, über Nord-Ohio auseinanderbrach und dabei die verschiedenen Bezeichnungen für Himmelsgestein durchlief:
Die NASA bestätigte, dass es sich bei dem herabstürzenden Objekt um einen Asteroiden mit einem Durchmesser von etwa 2 Metern und einem Gewicht von etwa 7 Tonnen handelte. Mit dem Eintritt in die Atmosphäre wurde dieser zu einem Meteor. Bei einer Geschwindigkeit von rund 72.000 Kilometern pro Stunde leuchtete er so hell, dass er zu einer Feuerkugel wurde. Schließlich explodierte der Brocken in der Luft, und mehrere Fragmente sind als Meteoriten auf der Erdoberfläche eingeschlagen.
Obwohl dieses Ereignis in den USA landesweit für Aufsehen sorgte, erklärte die NASA, dass es nicht allzu selten sei. „Meteore treten eigentlich recht häufig auf“, so die Weltraumbehörde. „Sie kommen ständig vor, und Feuerbälle sind in jeder beliebigen Nacht zu sehen. Oft finden sie jedoch über dem Meer oder in unbewohnten Gebieten ohne Zeugen statt oder tagsüber, was es schwierig macht, sie zu entdecken.
„Beobachter, die einen klaren Blick auf einen solchen am dunklen Himmel erhaschen, kommen in den Genuss eines spektakulären Himmelsspektakels – das jedoch kaum selten ist.“
Meistens handelt es sich auch bei Feuerkugeln um kleine Objekte, die einen nur wenige Sekunden andauernden Lichtblitz am Himmel erzeugen, erklärte Hankey gegenüber Epoch Times. Manche können jedoch groß genug sein, um einen Überschallknall zu verursachen und Trümmer auf den Boden zu schleudern, was möglicherweise zu Personen- und Sachschäden führen kann. Allein vom Ereignis am 17. März in den USA wurden mehr als 200 Bruchstücke gefunden.
In Deutschland beschädigten Meteoriten im selben Monat mehrere Häuser im Hunsrück, in der Eifel und in Koblenz. Den zugehörigen Meteor meldeten Augenzeugen aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg.

1.000 Augen Richtung Nachthimmel

Augenzeugenberichte sind jedoch nicht die einzigen Quellen für Meteorsichtungen. Die American Meteor Society nutzt das aus 1.000 Kameras bestehende „All Sky 7“-Netzwerk, um den Nachthimmel so genau wie möglich im Blick zu behalten. Durch diese Datenerfassung ist die Gesellschaft in der Lage, die Geschwindigkeit, Größe und Herkunft eines Meteors zu ermitteln.
Die NASA hat unterdessen mit dem „NASA All-Sky Fireball Network“ ihre eigenen Augen am Himmel. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von 17 Kameras, die über die USA verteilt sind und vom NASA Meteoroid Environment Office betrieben werden. Die Forscher versuchen zudem herauszufinden, wie groß das Risiko ist, das diese Himmelsgesteine und ihre offenbar saisonalen Schwankungen für Raumfahrzeuge darstellen, die in und jenseits der Erdumlaufbahn fliegen.
Die meisten Feuerbälle sind jedoch winzig und lassen sich nur sehr schwer verfolgen. „Die Objekte sind ziemlich klein“, sagte Hankey. „Ein Golfball erzeugt eine Feuerkugel. Eine Bowlingkugel erzeugt eine riesige Feuerkugel. Etwas von der Größe eines Stuhls würde eine gigantische Feuerkugel erzeugen. Aber für ein Teleskop, das 1 Million Meilen entfernt ist, ist das nicht einmal ein Fleckchen.“ 1 Million Meilen entsprechen rund 1,6 Millionen Kilometern.
Das planetare Verteidigungsnetzwerk der NASA sucht deshalb gezielt nach Weltraumgesteinen, die 140 Meter oder größer sind. Falls sie in die Erdatmosphäre eindringen, können sie buchstäblich das Antlitz der Erde verändern. Derartige Ereignisse sind zum Glück wirklich selten.

Ist der Anstieg der Feuerkugeln nun eine Anomalie?

Der jüngste, scheinbar zufällige Anstieg sporadischer Feuerkugeln könnte sich letztlich als gar nicht so zufällig herausstellen, schließt Hankey. Sicher ist er sich nicht und verweist auf die im Laufe der Jahre gesammelte Datenmenge:
„Wenn wir denselben Ausschlag im Jahr 2031 beobachten, könnte das Aufschluss geben“, sagte er und ergänzte: „Ich meine, da werde ich wahrscheinlich schon fast 70 sein. So ist das eben in der Astronomie.“
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Astronomers Tracking Unexplained Spike in Meteor Events“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: mf)
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30.000 Jahre älter als Gizeh? Alltag und Archäologie in Visoko


In Kürze:

  • Die Pyramiden der Ägypter und der Maya gehören zu den bekanntesten ihrer Art, sind weltweit aber nicht die einzigen.
  • Auch in Europa gibt es Pyramiden, unter anderem in Italien und Frankreich – und womöglich in Bosnien.
  • Die sogenannten bosnischen Pyramiden sollen mehrere Zehntausend Jahre älter sein als jene in Gizeh, Chichén Itzá oder Teotihuacán.
  • Widersprüchliche Forschungsergebnisse und umstrittene Deutung tun dem Tourismus in Visoko keinen Abbruch.

Die Anfahrt ist genauso unspektakulär wie der erste Eindruck: sanfte Hügel und grüne Hänge, an die über Jahrhunderte die Häuser eines bosnischen Städtchens geklebt wurden. Über der betulichen Szene thront einem grünen Kegel gleich der bewaldete Visočica-Hügel. Für Dr. Sam Osmanagić ist er mehr: konkret die „Pyramide der Sonne“ und womöglich die älteste Pyramide der Welt. Die These des Entdeckers: Es handle sich nicht um einen natürlichen Hügel, sondern um ein von Menschen geschaffenes Bauwerk, das im Laufe von Jahrtausenden überwuchert wurde.

Ein Hügel wird zur Sensation

Als Semir Osmanagić Mitte der 2000er-Jahre verkündete, die bewaldeten Hügel rund um Visoko seien in Wahrheit gigantische, von Menschen geschaffene Pyramiden, war die Reaktion gespalten. Für die einen war es eine archäologische Sensation, für die anderen ein spektakulärer Irrtum.
Heute ist die kleine Stadt südlich von Sarajevo ein Pilgerort für Neugierige, Skeptiker und Überzeugte gleichermaßen. Reisebusse rollen an, Freiwillige graben, Besucher lauschen Führungen, in denen von uralten Zivilisationen, energetischen Feldern und verborgenen Kräften die Rede ist. Und von den Ergebnissen zahlreicher Studien, die „Dr. Sam“, wie Osmanagić hier genannt wird, immer wieder auf eigene Kosten in Auftrag gegeben hat. Taucht er auf, wird er gefeiert wie ein Star. Mit Hut, sandfarbener Outdoorkleidung und gebräunten Lachfältchen entspricht er einer Balkanversion von Indiana Jones.
So ist er auch dieses Mal schnell von einer Traube Menschen umringt. Viele bedanken sich bei ihm, stellen ihm Fragen und fast alle wollen ein Foto oder Selfie mit ihm machen. Sein Händedruck ist fest. Er schildert den Moment seiner „Entdeckung“ wie folgt: „Der Kompass zeigte mir, dass diese Seiten perfekt mit den Himmelsrichtungen Osten, Westen, Norden und Süden übereinstimmten. Für mich war das genug. Ich wusste, dass es sich um ein künstliches Bauwerk handelte.“

Dr. Sam und die Entdeckung von Visoko

Für ihn ist klar: Was hier liegt, sei vergleichbar mit den ebenfalls zugewucherten Pyramiden in Mexiko oder China. Nur größer. Die bosnische „Pyramide der Sonne“ ist laut Osmanagić rund 220 Meter hoch und damit höher als die wohl berühmteste Cheops-Pyramide, die mit ihren ursprünglich 146 Metern – heute knapp 10 Meter weniger – als höchste antike Pyramide gilt.
Zwischen zwei Schichten beziehungsweise Blöcken wurden fossile Rückstände gefunden, die auf ungefähr 34.000 Jahre geschätzt wurden und dem Alter der Pyramiden entsprechen sollen. Damit hätte Osmanagić in Bosnien und Herzegowina die weltweit ältesten Pyramiden gefunden. Und damit wäre auch Osmanagićs These bestätigt, dass es bereits viel früher hoch entwickelte Zivilisationen gab.
Osmanagić, der seit über 40 Jahren zu Pyramidenkulturen, Megalithanlagen und heiliger Geometrie forscht, hat mittlerweile mehr als zwanzig Bücher sowie über dreißig begutachtete Forschungsartikel veröffentlicht. Der wissenschaftliche Widerstand bleibt bis heute ungebrochen. Die European Association of Archaeologists erklärte bereits früh, es gebe keinerlei belastbare Beweise für künstlich errichtete Pyramiden. Viele Geologen sehen in den Formationen natürliche Sedimenthügel, entstanden durch tektonische Prozesse und Erosion.

Eine Wanderung auf die Spitze – oder den Gipfel?

Auf die Spitze der Pyramide der Sonne führt ein teils steiler Wanderweg. Er beginnt in der Altstadt und dauert – je nach Puste – bis zu einer Stunde. Unterwegs läuft man durch Waldstücke, vorbei an freigelegten symmetrischen Steinplatten und kleineren Grabungsstellen.
Auf dem Gipfel liegen die Überreste der alten Königsfestung Visoki Fortress. Diese Ruinen aus dem 14. Jahrhundert werden immer wieder als Begründung genannt, warum die Pyramide nicht komplett freigelegt werden darf. Grabungen am Hügel könnten mittelalterliche Schichten oder andere „echte“ archäologische Funde beschädigen, heißt es.
Der eigentliche Kern der bosnischen Pyramiden liegt jedoch nicht auf dem Hügel, sondern darunter.

Der Weg in die Tiefe

Ins „Innere der Pyramide“ führen die Ravne-Tunnel, schmale Gänge aus Erde, Kies und Holzstreben. Obwohl an den Wänden und auf dem Boden Feuchtigkeit zu sehen ist, ist kein muffiger Geruch wahrnehmbar. Stattdessen atmet man in den wohltemperierten Gängen eine klare Luft ein, selbst in den hinteren Tunneln. Die Schritte hallen hier leise wider. Besucher sprechen automatisch leiser, Männer eine halbe Oktave tiefer.
Das Tunnelsystem erstreckt sich über mehrere Kilometer – ein Labyrinth aus Gängen, Kreuzungen und Kammern. Bislang sind davon rund 3,6 Kilometer freigelegt. Laut Osmanagić sollen es insgesamt über 100 Kilometer auf sieben Ebenen sein. Man geht gebückt, dann wieder aufrecht, vorbei an verschlossenen Seitenwegen, kleinen Kammern, die als Meditationsräume gekennzeichnet sind, und auffallend glatten Wänden.
Nach wenigen Minuten verändert sich die Wahrnehmung. Geräusche verschwinden. Gespräche werden leiser. Manche Besucher setzen sich einfach an die Wand und schließen die Augen. Der Rummel um diesen sagenumwobenen Ort hat auch in den Köpfen seine Spuren hinterlassen.

Heilung unter der Erde?

Für Osmanagić ist das alles kein Zufall. Er beschreibt die Tunnel als Ort besonderer Energie, als Raum der Regeneration. Tatsächlich existieren Messungen bezüglich Luftqualität und negativen Ionen innerhalb der Tunnel. Die Stiftung von Osmanagić verweist auf ihrer Website auf Werte von bis zu 43.000 negativen Ionen pro Kubikzentimeter Luft – deutlich mehr als in gewöhnlichen Waldgebieten.
In den Tunneln wurden zudem mehrere riesige, ovale Steine gefunden. Je weiter man in das Tunnelsystem hineinläuft, desto größer werden diese Megalithen – der bisher größte Stein wiegt um die 25 Tonnen. In jeden der Steine sind verschiedene Symbole oder Runenzeichen eingeritzt. Röntgenaufnahmen hätten gezeigt, erzählen die Guides an diesen Stopps, dass sich im Inneren Quarzkristalle befinden.
Zusammen mit der hohen Anzahl an negativen Ionen werde ein messbares elektromagnetisches Feld erzeugt, das die Luft energetisch reinigt. Wenn alles stimmt, müssen sich die vermessenen Effekte der Cheopspyramide hinten anstellen.
Bis heute lockt die vermeintlich antike Heilmethode Kranke aus dem ganzen Land und aller Welt für Heilsitzungen in die Tunnel. Atmen, hoffen, heilen. Die Tunnel sind gut gefüllt. Niemand drängelt. Die Atmosphäre ist ungewöhnlich friedlich. Die gemeinsame Idee vereint ebenso wie die leisen Zweifel, die bei dem einen oder anderen vielleicht bleiben.

Ein Wirtschaftswunder für Visoko

Besonders stolz ist Osmanagić auf das, was rund um die Ausgrabungen entstanden ist. „Vor zehn Jahren war dies sumpfiges Land voller Müll“, erzählt er und zeigt auf den gepflegten Archäologischen Park rund um die Tunneleingänge. „Wir haben alles selbst aufgebaut. Ohne staatliche Gelder, ohne EU-Unterstützung.“
Kinder spielen auf den grünen Wiesen, kleine Gruppen sitzen unter Bäumen, ein Pärchen lässt die Füße im Bachlauf baumeln, weiter hinten wird die Musikanlage auf einer kleinen Bühne aufgebaut. Hier sieht man keinen einzigen, der in sein Handy starrt. Tatsächlich beschäftigt die Stiftung heute laut eigenen Angaben rund 65 Mitarbeiter: Führer, Archäologen, Arbeiter, Bürokräfte. Es finden Kongresse, Konzerte und Vorträge statt. Für Tennisstar Novak Đoković, der 2022 ein Tenniszentrum auf dem Gelände des Archäologischen Parks eröffnete, ist dieser Platz der „Himmel auf Erden“.
Finanziert werde alles durch Eintrittsgelder, seine Bücher und den Souvenirverkauf. Auch der Ort Visoko profitiert. Amira, deren alteingesessene Familie Gästezimmer („mit Pyramidenblick“) vermietet, erzählt, dass eine Familie aus Kanada, die im letzten Jahr eine Woche lang täglich die Tunnel mit ihrer kranken Tochter besucht hat, jetzt wieder kommt: diesmal für drei Wochen. „Die werden schon wissen, warum“, lacht sie und ergänzt: „Auch bevor Dr. Sam hierherkam und die Pyramiden und Tunnel freilegte, erzählten schon unsere Ältesten, dass da was los ist mit dem Visoko-Hügel. Wir stehen hier alle hinter ihm. Wer heilt, hat recht, oder?“
Für Kenan, der in einem Restaurant am idyllischen Flussufer mit Blick auf den Hügel von Visoko arbeitet, ist die Sache ebenfalls klar: keine Pyramide. „Dann hätten sie sie doch längst vollständig freigelegt“, erklärt uns der junge Mann achselzuckend. Osmanagić selbst sieht seine Erfolgsgeschichte von Widerständen begleitet. Universitäten und Museen hätten ihn von Anfang an abgelehnt. „Sie sagten: Keine Pharaonen in Bosnien. Deshalb auch keine Pyramiden in Bosnien.“

Keine Pharaonen in Bosnien?

Im Eingangsbereich des Archäologischen Parks weht eine blaue Flagge im Wind. Darauf stehen drei Worte: „Ljubav. Mir. Sloboda.“ – „Liebe. Frieden. Freiheit.“ – das sind Begriffe, die in Visoko noch häufiger fallen als wissenschaftliche oder archäologische Fachbegriffe.
Das erinnert irgendwie an das zentrale Prinzip der ägyptischen Pharaonen, die sich als Hüter der Ma’at sahen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Ordnung, Harmonie und Gleichgewicht. Sie mussten Chaos, Isfet, bekämpfen und kosmische sowie gesellschaftliche Balance wahren. Unter südamerikanischen Pyramidenbauern galten wiederum Ayni und Munay als direktere Analogie zu Liebe und Frieden, was seinerseits Verbindungen nahelegt.
Veranstaltungstipp: Sommersonnenwende bei den bosnischen Pyramiden
Vom 14. bis 24. Juni 2026 findet in Visoko erneut das „Summer Solstice Festival“ rund um die bosnischen Pyramiden statt. Auf dem Programm stehen Vorträge, geführte Touren durch die Ravne-Tunnel, Meditationen, Yoga-Sessions und Konzerte im Park Ravne 2. Als Sprecher angekündigt sind unter anderem Semir Osmanagić sowie internationale Autoren und Grenzwissenschaftler. Weitere Informationen und das vollständige Programm gibt es hier.
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Von der Kindheit bis ins hohe Alter – wie unsere Träume mit uns reisen


In Kürze:

  • Aktiver Prozess: Träume sind keine Zufallsprodukte, sondern ein geordneter Vorgang, bei dem Logik und Vernunft pausieren.
  • Lebensbegleiter: Von kindlichen Urängsten über den Stress der Jugend bis zur Ruhe des Alters spiegeln Träume unsere psychische Entwicklung wider.
  • Wandel der Erinnerung: Häufigkeit und Vielfalt von Träumen erreichen ihren Höhepunkt im frühen Erwachsenenalter.

 
Früh am Morgen reiben wir uns die Augen. Eben noch war er gefühlt ganz nah, dieser Traum. Doch kaum sind wir vollständig aus dem Schlaf erwacht, beginnt er, sich zu verflüchtigen. Und bald, nach dem Aufstehen, ist er fast nicht mehr greifbar. Was wir soeben noch bildhaft und emotional nachhallend im Kopf hatten, entzieht sich nach kürzester Zeit unserer Erinnerung.
„Träume sind Schäume“, lautet ein volkstümliches Sprichwort, das bis zu den Brüdern Grimm zurückverfolgt werden kann. Doch gerade ihre flüchtige und schwer greifbare Natur macht sie seit Jahrhunderten zu einem Gegenstand besonderer Faszination. Auch die Wissenschaft versucht weiterhin, herauszufinden, was im schlafenden Gehirn geschieht und wie sich das Träumen im Kielwasser des Lebensflusses fortentwickelt.
So verändern sich die flüchtigen Nachtbilder im Laufe eines Lebens auf bemerkenswerte Weise. Was ein Kind träumt, unterscheidet sich grundlegend von dem, was einen älteren Menschen nachts „beschäftigt“. Die Wissenschaft bezeichnet dies als Kontinuitätshypothese. Erstmals 1971 formuliert, besagt sie, dass unsere Träume das widerspiegeln, was wir im Wachleben wahrnehmen und empfinden. Wer im Urlaub entspannt, sieht Sonne und Sand. Wer sich im Berufsleben sorgt, wird im Schlaf ins Büro versetzt. Was uns tagsüber bewegt, taucht nachts wieder auf – und so wandelt sich das Traumleben mit jedem Lebensabschnitt.

Das schlafende Gehirn ist hoch aktiv

Rund ein Drittel des Lebens verbringen wir schlafend, einen großen Teil davon träumend. Jede Nacht durchläuft unser Gehirn mehrere Schlafzyklen. Dazu gehören vier bis sechs REM-Phasen, die sogenannten „Rapid Eye Movements“, in denen sich die Augen im Schlaf schnell hin und her bewegen, die übrigen Muskeln aber zum Schutz wie gelähmt sind, während das Gehirn auf Hochtouren arbeitet.
In erster Linie bietet der REM-Schlaf die Bühne für lebhafte, emotionale und bisweilen bizarre Träume. Forscher vermuten, dass die geschlossenen Augen den visuellen Szenen im Traum „folgen“. Doch auch im Nicht-REM-Schlaf träumen wir, nur dass es dann nicht von außen beobachtbar ist.
Was beide Zustände gemeinsam haben: Träume entstehen, wenn hintere Bereiche der Großhirnrinde aktiv bleiben, während der präfrontale Kortex, zuständig für rationales Denken und Selbstkontrolle, heruntergefahren ist. Das erklärt, warum Träume so selten logisch sind – und warum sich darin sogar konkrete Inhalte ablesen lassen.
Die Aktivierung ähnlicher Netzwerke wie im Wachzustand erklärt außerdem, warum geträumte Gesichter, Räume oder Bewegungen oft täuschend real erscheinen. Sicher ist: Träumen ist ein aktiver, geordneter Prozess, den die Forschung heute in Hirnscans sichtbar machen kann.

Unterschiedliche Schlafphasen werden in einem sogenannten Hypnogramm dargestellt. Hier folgt auf die Wachphase (W) etwas Leichtschlaf (N1), unterbrochen von erneutem Wachwerden, schließlich Tiefschlaf (N3) sowie REM-Schlaf (R).

Die Schlafphasen sind von charakteristischen Hirnwellenmustern geprägt (v.o.l.n.u.r). Leichter Schlaf (N1): Kurz nach dem Einschlafen geht das Gehirn zu Theta-Wellen (4–7 Hz) über; Übergangsphase (N2): Zu Theta-Wellen gesellen sich sogenannte Schlafspindeln (rot unterstrichen) und K-Komplexe; Tiefschlaf (N3): Delta-Wellen (0,1–4 Hz) mit hoher Amplitude treten in den Vordergrund; REM-Schlaf (R): Gehirnwellen ähneln dem Leichtschlaf, ergänzt durch schnelle willkürliche Bewegungen der Augäpfel (1–4 Hz, rot unterstrichen). Die Diagramme umfassen jeweils 30 Sekunden, EEG-Daten durch roten Kasten hervorgehoben.

Foto: ts/Epoch Times nach MrSandman/Wikimedia Commons/gemeinfrei

Eine traumhafte Reise durchs Leben

Die Grundlagenforschung zum kindlichen Träumen geht auf den Schlafforscher David Foulkes zurück, der von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre systematisch untersuchte, wie Kinder träumen. Seinen Erkenntnissen zufolge sind die Träume der Kleinsten vergleichsweise schlicht. In ihnen kommen Tiere, statische Objekte und einfache Handlungen vor. Auch sorgen Monster und dunkle Gänge häufig für bedrohliche Szenarien. Doch das ändert sich im Laufe der Entwicklung rasch. Kinder träumen anders als Erwachsene – intensiver, ängstlicher und oft in Wiederholungen.
Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, vermutet, dass Kinder im Verlauf ihrer psychischen Entwicklung den Umgang mit Furcht erst lernen müssen. „Das kleine Kind schreit, wenn es Angst hat und schon sprechen kann, nach der Mutter oder dem Vater.“
Je älter das Kind werde, desto mehr sei es selbst beim Umgang mit Angstgefühlen gefordert. „Diese Fähigkeiten zur Selbstständigkeit treten dann natürlich auch im Traum auf. Die Studienlage zeigt, dass im Mittel die Alptraumhäufigkeit ab dem 10. Lebensjahr abnimmt. Welche Bilder für Ängste gewählt werden, ist sehr variabel. Träume sind sehr kreativ, besonders wenn es um die Erzeugung von Angstgefühlen beim Traum-Ich geht.“
Mit der Pubertät verändern sich diese Muster erneut. In dieser Zeit passiere natürlich viel im Körper, aber auch in der Psyche. Hormonelle Einflüsse und körperliche Veränderungen, Beziehungen zum anderen Geschlecht und auch Leistungsanforderungen beeinflussen die allgemeine Befindlichkeit – und auch die Traumwahrnehmung. So durchleben Teenager im Traum beispielsweise Stresssituationen aus dem Schulalltag, familiäre Konflikte oder den ersten Liebeskummer.

Was die Forschung misst

Auch der kanadische Schlafforscher Tore Nielsen untersuchte diese Auswirkungen, unter anderem dokumentiert in einer der größten Studien auf diesem Gebiet. Knapp 29.000 Teilnehmer im Alter von 10 bis 79 Jahren füllten einen detaillierten Fragebogen aus. Das Ergebnis war eindeutig: Die Häufigkeit des detaillierten Traumerlebens und die Erinnerung daran steigen von der Jugend bis ins frühe Erwachsenenalter und nehmen danach kontinuierlich ab.
Ebenso schwindet die Vielfalt der Traumthemen linear mit dem Alter, wie die Forschungsergebnisse zeigten, bei Männern früher als bei Frauen. Die gewonnenen Erkenntnisse basierten allerdings ausschließlich auf der Selbstauskunft der Probanden, ohne Schlaflabormessungen. Nielsen selbst wies darauf hin, dass der Rückgang der Traumerinnerung stärker ausfällt, als es die biologischen Veränderungen des REM-Schlafs allein erklären könnten. Offenbar spielen neben dem Schlaf auch psychologische und lebensstilbedingte Faktoren eine Rolle.
Im Erwachsenenleben werden Träume in der Regel etwas alltäglicher. So neigen Erwachsene dazu, häufiger vom Zuspätkommen zu träumen, oder sie suchen vergeblich etwas, das sie dringend brauchen. Dabei handelt es sich um klassische Alltagsfrustrationen, die sich, entsprechend der Kontinuitätshypothese, direkt aus dem Wachleben speisen. Im hohen Alter berichten viele Menschen dann von sogenannten weißen Träumen. Sie erinnern sich zwar daran, geträumt zu haben, können aber, unabhängig von dem, was sie geträumt haben, kaum noch Inhalte benennen.

Träume bewusst erleben

Grundsätzlich ist es jedoch möglich, Träume vollständig zu erinnern und ins menschliche Bewusstsein zu integrieren. Schlafmediziner empfehlen dafür einfache Rituale. Schon wenige Stichworte in einem Traumtagebuch, direkt nach dem Aufwachen, können ausreichen, um Muster sichtbar zu machen, wie zum Beispiel das Benennen wiederkehrender Orte oder Situationen aus dem Alltag. So werde es möglich, sich mit den Träumen auseinanderzusetzen und ihnen, im Falle eines Albtraums, vielleicht den Schrecken zu nehmen.
Es lässt sich zudem direkt in den Ablauf und Inhalt von Träumen eingreifen. Bei diesem Phänomen handelt es sich um luzides Träumen. Der Schlafende macht sich durch ein wenig Übung gezielt bewusst, dass er träumt, indem er sich jeweils am Tage wiederholt fragt, ob er wach ist oder träumt. Diese Strategie geht nach einer Weile automatisch ins Traumerleben über. Schredl empfehle das luzide Träumen gerne Menschen, die ausloten wollen, was das eigene Bewusstsein leisten und wie man es vertiefen kann.

Vom vergangenen und geträumten Abschied

Im Alter werden die Träume der meisten Menschen entspannter. „Das hängt mit der Lebensqualität zusammen: Wenn das Älterwerden im Wachzustand entspannt ist, sind es die Träume auch.“ Aber es gebe auch Ausnahmen. So können sich auch 20 Jahre nach der Pensionierung noch vereinzelt stressige Berufsträume einstellen. Hier rät Schredl: „Es empfiehlt sich, von vorneherein in jungen Jahren einen Job zu suchen, der Spaß macht und nicht mit einer Dauerbelastung verbunden ist.“
Zum Ende des Lebens nimmt das Träumen wiederum noch einmal eine besondere Qualität an. So träumen Menschen im Hospiz häufig vom Abschied, von Reisen oder von Begegnungen mit längst Verstorbenen.
Der Schlafforscher der Universität Mannheim sieht darin weder Zufall noch bloße Romantik. „Auch hier gilt, dass die Träume alles aufgreifen, sowohl den konstruktiven Umgang mit der Begrenztheit des Lebens als auch die Ängste im Alltag. Das kann ein wichtiger Hinweis sein: Die Qualität der Träume kann anzeigen, ob ein Mensch vermehrt emotionale Unterstützung für seinen Weg braucht.“ So bleibt das Träumen ein lebenslanger und bedeutungsvoller Begleiter, mit viel Raum für eine bewusste und begleitende Gestaltung, bis zuletzt.
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deutschland wirtschaft wissen

Windkraft: Stagnierender Ertrag seit 2020 trotz Zubau


In Kürze:

  • Der rasche Zubau bei Windkraft und Solar macht sich bemerkbar.
  • Ihre Stromerzeugung bleibt dennoch hinter dem Zuwachs zurück.
  • Windkraft scheint zu stagnieren: Von 2020 bis 2025 stieg ihre Nennleistung um 25,2 Prozent, die Einspeisung nur um 1,2 Prozent.
  • Ursachen liegen im Wind selbst sowie an Abschaltungen durch die Netzbetreiber aufgrund Tausender Solaranlagen.
  • Das Überangebot an Strom führt immer häufiger zu Minuspreisen an der Strombörse.

 
In der Nordsee, in der Ostsee, vor allem in Norddeutschland, aber auch zunehmend in Süddeutschland: An immer mehr Orten entstehen Windkraftanlagen. Gleichzeitig findet vielerorts das sogenannte Repowering statt, bei dem die Betreiber ältere Windräder durch neuere und immer größere und leistungsstärkere ersetzen.
Das alles hat dazu geführt, dass die installierte Leistung der Windkraft in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat. Der Blick auf die tatsächlich erzeugte Jahresleistung der Windkraft überrascht jedoch. Hier ist kein entsprechender Anstieg erkennbar.

Zubau bei „Erneuerbaren“

Zu den „erneuerbaren“ Energiequellen zählen neben der Windkraft auch Photovoltaikanlagen, Wasserkraftwerke, Biogasanlagen und die Geothermie. Die Energieerzeugung der drei letztgenannten Kraftwerksarten blieb in den vergangenen Jahren weitestgehend konstant. Wasserkraft und Geothermie können aufgrund der Geografie nur bedingt ausgebaut werden. Biomasse steht im Flächenkonflikt mit der Nahrungsmittelerzeugung, weshalb sich hier nur geringe Veränderungen zeigen. Sie gehören jedoch zu den grundlastfähigen Kraftwerken, die unabhängig vom Wetter konstant Strom liefern. 2025 kamen sie zusammen auf 51,7 Terawattstunden (TWh).
Stärkere Veränderungen waren hingegen bei Wind und Solar zu beobachten. Vor allem der Gesamtertrag bei den Solaranlagen legte kräftig zu. Von 2015 bis 2025 hat er sich auf zuletzt 70,1 TWh nahezu verdoppelt. Der größte Anstieg ereignete sich mit 10,4 TWh im vergangenen Jahr. Wesentlicher Grund dafür ist der stetige Zubau von Solaranlagen.
Trotz dieser Steigerung ging die Gesamtjahresleistung der „Erneuerbaren“ im Vorjahresvergleich zuletzt minimal um 0,7 auf 252,9 TWh zurück. Das deckt sich mit Meldungen über leicht rückläufige Stromeinspeisungsanteile.
 

Überraschung bei der Windkraft

Neben Rückgängen bei Wasserkraft und Biogas sank vor allem der Ertrag bei der Windkraft um 5,1 auf 131,2 TWh im Jahr 2025. Die Windkraft erlebte damit den zweiten Jahresrückgang in Folge. Zuvor ging es sichtbar bergauf, auch wenn während der Corona-Zeit in den Jahren 2021 und 2022 die Stromerträge generell niedriger waren.
Im Jahr 2020 war der Ertrag mit 129,6 TWh fast auf dem Niveau von 2025. Der Zuwachs beim Vergleich dieser beiden Jahre liegt lediglich bei 1,2 Prozent. Das überrascht.
Durch den konstanten Zubau kletterte die installierte Leistung aller Windkraftanlagen in Deutschland von 62,3 Gigawatt (GW) im Jahr 2020 auf 78,0 GW im Jahr 2025. Hier beträgt der Anstieg 25,2 Prozent.
 
Die Unterscheidung der Windkraftanlagen an Land und auf See ist dabei gering. Während die Anlagen an Land im genannten Vergleichszeitraum einen Zuwachs von 25,4 Prozent hatten, war er bei den Anlagen auf See mit 24,4 Prozent nur geringfügig weniger. Erstere speisten 2025 ihrerseits lediglich 2,3 Prozent mehr Strom ins Netz ein als fünf Jahre zuvor. Windkraft auf See verzeichnete im selben Zeitraum sogar einen leichten Rückgang in Höhe von 0,3 Prozent.

Große Erzeugungslücke auch bei Solar

Dass die „Erneuerbaren“ eine immer zentralere Rolle in der Stromerzeugung einnehmen, zeigt sich an der installierten Leistung. Von 116,8 GW im Jahr 2020 stieg die Nennleistung auf inzwischen 202,8 GW an.
Das entspricht innerhalb von knapp 5,5 Jahren einem Anstieg um 73,6 Prozent. Gleichzeitig liegt der Zuwachs bei der Erzeugung von 2020 bis 2025 bei Wind und Solar nur bei knapp 15 Prozent, womit die Lücke der „erwarteten Erzeugung“ hier noch größer als bei der Windkraft allein ist. Der enorme Zubau geht vor allem auf (kleine) Solaranlagen zurück, die „Lücke“ auch. Dazu später mehr.
Während die installierte Leistung von Photovoltaikanlagen zwischen 2020 und 2025 um 116,3 Prozent anstieg, wuchs ihre Einspeisung „nur“ um 54,4 Prozent. Das bedeutet, dass auch bei Solar ein erhebliches Manko herrscht. Es ist nur weniger sichtbar.
Während immer mehr Anlagen Energie aus Sonne und Wind gewinnen sollen, sinkt die installierte Leistung im Bereich der fossilen Kraftwerke, vor allem beim Kohlestrom. Hintergrund davon ist der gesetzlich festgelegte Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2038.
Im Jahr 2020 hatte die Bundesrepublik noch Braun- und Steinkohlekraftwerke im Umfang von 44,6 GW Nennleistung. 2025 waren es nur noch insgesamt 30,1 GW. Das entspricht einem Rückgang von 32,5 Prozent. Die Stromerzeugung aus Stein- und Braunkohle sank im selben Zeitraum dennoch nur um 20,7 Prozent von 117,6 auf 93,3 TWh.

Eine Frage von Standort und Wetter

Sowohl bei Windkraft- als auch bei Solaranlagen stellt sich die Frage nach einer Erklärung der Differenz zwischen Zubau und Ertragszuwachs. Oder anders formuliert: Wo sind die fehlenden Prozente der zu erwartenden Energieerzeugung?
Ein wesentlicher Punkt ist der Standort. Nachdem zunächst die windstärksten und sonnenreichsten Standorte bebaut wurden, müssen sich Betreiber nun weniger geeigneten Flächen zuwenden. Entsprechend niedriger fallen die Strommengen pro Gigawatt neu installierter Leistung aus. Das lässt auch den Durchschnitt aller Anlagen sinken.
Wie viel Strom ein Windrad oder eine Solaranlage letztlich einspeisen kann, hängt jedoch nicht von Durchschnittswerten ab, sondern von den tatsächlichen Bedingungen vor Ort. Gerade für die Jahre 2024 und 2025 haben Forscher „außergewöhnlich windarme Witterungen“ registriert. Davon betroffen sind sowohl Windkraftanlagen an Land als auch auf See.

Energieumwandlung im Windschatten

Auch eine Beeinflussung des Windes durch die hierzulande inzwischen rund 31.000 Windkraftanlagen selbst ist nicht ausgeschlossen, sondern geradezu wahrscheinlich. Nach dem Energieerhaltungssatz kann Energie weder erzeugt werden noch verloren gehen. Windräder wandeln dabei die lineare Bewegung der Luft zunächst in die Drehbewegung der Rotorblätter und diese wiederum in elektrischen Strom um. Somit bleibt in der Atmosphäre letztlich weniger Windenergie zurück. Das bedeutet: Je mehr Windräder es gibt, umso weniger Wind weht, und damit ist letztlich weniger Windenergie vorhanden.
Das hat zur Folge, dass sich hintereinanderstehende Windkraftanlagen, vor allem aber Windparks, gegenseitig den Wind wegnehmen. Die erste Windkraftanlage, auf die der Wind ungebremst trifft, kann noch die meiste Energie aus dem Wind ziehen. Alle dahinterliegenden Anlagen stehen im Windschatten der ersten Anlage und sind ihren Turbulenzen ausgesetzt. Insgesamt steht ihnen somit weniger Wind zur Verfügung. Dadurch sinkt letztlich deren Stromertrag. Entsprechende Simulationen kamen auf einen Ertragsverlust von insgesamt 34,1 bis 38,2 Prozent.
„Windkraftanlagen sind Wettermacher. An immer mehr Standorten und daher in immer mehr regionalen und globalen Windsystemen fehlt Wind“, fasst der ehemalige Wirtschaftsredakteur und Ressortleiter der FAZ, Klaus Peter Krause, dieses Phänomen zusammen. Auch der Physiker Dieter Böhme bestätigte diese Energieverschiebung schon vor rund vier Jahren. Seiner Aussage nach würden allein die deutschen Windräder der Atmosphäre jeden Tag eine Energiemenge von umgerechnet 20 Hiroshima-Atombomben entziehen.
Ein ähnlicher, wetterwirksamer Zusammenhang existiert bezüglich Photovoltaikanlagen, die sich deutlich stärker aufheizen als ihre Umgebung. Das hat zwei Folgen. Einerseits sinkt der Wirkungsgrad von Solarzellen aufgrund thermischer Verluste mit steigenden Temperaturen. Zugleich führen höhere Temperaturen zu höherer Verdunstung und damit unter anderem zu mehr Wolken.

Solar kontra Windkraft

Der vielleicht wichtigste Faktor ist jedoch technischer Natur: In Zeiten von besonders günstigen Bedingungen oder geringem Stromverbrauch müssen Solar- und Windkraftanlagen zunehmend abgeschaltet werden, um das Stromnetz zu stabilisieren. Konkrete Daten, welche Strommengen Drosselungen zum Opfer fallen, liegen nicht vor.
Windräder sind im Vergleich zu Solaranlagen in diesem Punkt im Nachteil, weil alle Turbinen steuerbar sein müssen. Das ist bei Solaranlagen unter 25 Kilowatt Spitzenleistung (kWp) nicht der Fall und hat dazu geführt, dass aktuell rund 50 GW an installierter Solarleistung nicht steuerbar sind. Das heißt, der Netzbetreiber kann sie bei Bedarf nicht drosseln. Wenn die Sonne scheint, schieben sie ihren Strom ungebremst in die Netze.
Um einen Stromüberschuss und daraus folgende Störungen im Netz zu vermeiden, drosselt der Netzbetreiber stattdessen die übrigen Energieerzeuger, einschließlich Windkraftanlagen. Dieser Effekt ist regelmäßig in den Stromdaten zu erkennen. Vormittags sinkt der Windkraftertrag, ist zur Solarspitze am Mittag vergleichsweise niedrig und steigt am späten Nachmittag wieder an, um am nächsten Morgen wieder zu sinken.
Windkraft

Die Daten zur Stromerzeugung Deutschlands der Woche vom 6. bis 12. April 2026 zeigen deutlich, wie die Einspeisung aus Windkraft (blaugrau) sinkt, wenn die Einspeisung aus Solaranlagen (gelb) tagsüber steigt.

Dennoch sind auch Solaranlagen von den Abschaltungen betroffen. Die Netzbetreiber können zwar nicht auf alle Anlagen zugreifen, größere Anlagen und damit ein Großteil der installierten Leistung sind aber ebenfalls regelbar. Das dürfte der Grund dafür sein, dass auch die Stromerzeugung aus Photovoltaik über 60 Prozentpunkte hinter dem Zubau zurückbleibt.

Minuspreise sorgen für hohe Ausgaben

Die Folgen für die Verbraucher durch diese zunehmend wetterabhängige Stromerzeugung sind Minuspreise an den Strombörsen. Wie bei allen Produkten entscheiden auch bei der Stromerzeugung Angebot und Nachfrage über den Preis. Um das Netz aufrecht und stabil zu halten, müssen jedoch Stromerzeugung und -verbrauch stets auf demselben Niveau sein. Hinzu kommt, dass Strom „leicht verderblich“ ist, denn er kann bisher kaum gespeichert werden.
Wenn Windkraft und Solar bei der sogenannten Hellbrise viel Strom erzeugen, ist das aufgrund der hohen installierten Leistung mittlerweile häufig schon zu viel. Dieses Überangebot sorgt für niedrige Preise, die immer öfter deutlich unter null fallen. Normalerweise bietet ein Händler seine Ware nicht zu einem Minuspreis an, weil er dem „Käufer“ dann Geld geben muss. In der Wirtschaft kommt das in der Regel bei Abfall vor, den man loswerden will.
Die Anzahl der Stunden mit Null- oder Minuspreisen stieg in den vergangenen 16 Jahren dabei stark an. Während es im gesamten Jahr 2010 nur 12 Stunden gab, waren es im vergangenen Jahr 652 Stunden – ein neuer Rekordwert, wie der Datenexperte Rolf Schuster von der Bundesinitiative Vernunftkraft ermittelte. Damit einher ging auch die Entwicklung der Höhe der negativen Preise.
Das Ausmaß dieser zeigte der 1. Mai 2026. Hier traf der feiertagsbedingt niedrige Stromverbrauch auf hohe Einspeisung einer Hellbrise. Zugleich hatten auch die Nachbarländer zu viel Strom aus Wind und Solar und ihrerseits bereits negative Preise. In der Folge fiel der Börsenstrompreis in Deutschland an den Spotmärkten auf die technische Untergrenze von –499,99 Euro pro Megawattstunde. Das sind 49,99 Cent pro Kilowattstunde, die der Stromkunde für den in dieser Zeit von ihm verbrauchten Strom erhält.
Was zunächst nach günstigem Strom klingt, ist es jedoch nur bedingt, denn es sind Großkunden, oft aus dem Ausland, die Strom und Geld von Deutschland erhalten. Der normale Stromkunde profitiert ohne besondere Tarife davon nicht. Im Gegenteil, er muss über Abgaben und Steuern die aus dem Bundeshaushalt finanzierte „EEG-Umlage“ zahlen. Die Aufwendungen für einen Tag Hellbrise liegen dabei regelmäßig im neunstelligen Bereich. Die „Kugel Eis“ für die Energiewende zahlen wir somit nicht mehr monatlich, wie im Jahr 2004 gesagt wurde, sondern täglich.
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A1- oder A2-Milch? Hier ist der wichtige Unterschied

Milchprodukte gelten als häufiger Auslöser von Autoimmun- und chronische Erkrankungen. Deshalb verzichten manche Menschen auf Milchprodukte, um ihre Gesundheit zu verbessern.
Ich selbst habe etwa fünf Jahre lang keine Milchprodukte konsumiert, während ich meine rheumatoide Arthritis behandelte. Aus meiner Sicht war dieser Verzicht ein wichtiger Teil meines Heilungswegs.
Wer jedoch nicht vollständig auf Käse oder andere Milchprodukte verzichten möchte, sollte wissen: Nicht jedes Milcheiweiß ist gleich.
Milch enthält das Protein Kasein, das mit Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose in Verbindung gebracht wird. Dabei unterscheidet man vor allem zwischen zwei Formen: A1- und A2-Kasein.
Diese beiden Kaseinarten wirken unterschiedlich auf den Körper. Während A1-Kasein im Verdacht steht, gesundheitliche Probleme zu fördern, wird A2-Kasein eher mit möglichen gesundheitlichen Vorteilen verbunden. Welche Form enthalten ist, hängt davon ab, ob die Milch von A1- oder A2-Milch stammt.

Was ist A1-Milch?

Die meisten Milchkühe in den Vereinigten Staaten sowie in Europa produzieren genetisch bedingt eine Milchsorte namens A1-Milch. Es handelt sich in der Regel um Holstein-Kühe, die ursprünglich aus Nordeuropa stammen und vor allem wegen ihrer hohen Milchleistung in vielen Ländern für Züchtungen zum Einsatz kamen.
A1-Milch enthält im Allgemeinen sowohl A1- als auch A2-Kasein. Obwohl der chemische Unterschied gering ist, wird A1-Kasein im Gegensatz zu der ursprünglich verbreiteten A2-Variante eng mit der Entstehung von Autoimmun- und chronischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. So kam beispielsweise eine 2017 in Nutrition & Diabetes veröffentlichte Studie zu dem Schluss, dass A1-Milch „ein primärer ursächlicher Auslöser für Typ-1-Diabetes ist“.
Den Forschern zufolge könnte der Verzicht auf A1-Milch in der Ernährung „die Häufigkeit von Typ-1-Diabetes erheblich beeinflussen“.
Ebenso wurde berichtet, dass der Konsum von A1-Kasein die Sterblichkeit aufgrund von Herzerkrankungen erhöht, wie aus einer Studie hervorgeht, die 2001 in Medical Hypotheses veröffentlicht wurde.
A1-Kasein kann auch problematisch sein, wenn man an einer Glutenunverträglichkeit oder Zöliakie leidet, da A1-Kasein strukturell einem bestimmten Protein ähnelt, das auch im Glutenkomplex vorkommt.
Durch einen Prozess namens molekulare Mimikry wird der Körper verwirrt und kann den Unterschied zwischen A1-Kasein und Gluten nicht klar erkennen.
In diesem Fall identifiziert der Körper A1-Kasein als fremden Eindringling, so wie er es bei Gluten tun würde, was eine entzündliche Immunreaktion im Körper auslösen kann.

Was ist A2-Milch?

A2-Milch stammt meist von älteren Rinderrassen wie Jersey-Kühen. Doch der Begriff „A2-Milch“ kann irreführend sein: Nicht jede A2-Milch enthält ausschließlich A2-Kasein. Manche Produkte enthalten trotzdem noch eine Mischung aus A1- und A2-Kasein.
Wer sicher sein möchte, nur A2-Kasein zu konsumieren, sollte auf Bezeichnungen wie „100 % A2“ oder „A2/A2“ achten. Das bedeutet, dass die Milch von Kühen stammt, die genetisch bedingt ausschließlich A2-Kasein produzieren.

A2-Kasein bietet im Vergleich zu A1-Kasein mehrere Vorteile

Im Gegensatz zu A1-Kasein ähnelt A2-Kasein Gluten strukturell weniger, was die Wahrscheinlichkeit für eine Immunreakation durch molekulare Mimikry wesentlich geringer macht.
Zudem enthält A2-Milch nicht die gleichen morphinähnlichen Verbindungen, die in A1-Milch vorkommen. A1-Kasein enthält ein Unterprotein namens Casomorphin, das freigesetzt wird, wenn A1-Kasein vom Körper verdaut wird.
Wie der Name schon sagt, sieht Casomorphin aus wie Morphin und wirkt auch so, indem es Schmerzen unterdrückt. Daher kann es beim Verzehr von A1-Milchprodukten ein „Wohlgefühl“ auslösen, das leichter süchtig macht – selbst wenn die Milch zu Entzündungen im Körper führt.
Wenn A1-Kasein Entzündungen auslöst, die zu Schmerzen führen, diese Schmerzen jedoch durch Casomorphin überdeckt werden, weiß man möglicherweise nicht, dass Milchprodukte die Ursache sind.
Mein Mann ist ein perfektes Beispiel für dieses Phänomen. Er trank regelmäßig jeden Abend ein Glas A1-Milch, ohne dass sofort oder erkennbar Symptome einer Allergie oder Unverträglichkeit auftraten.
Mit der Zeit entwickelte er Lupus, und ich schlug ihm vor, Milchprodukte aus seiner Ernährung zu streichen.
Er lehnte diese Idee vehement ab, da er keine offensichtlichen Symptome hatte und sich nach dem abendlichen Glas Milch „gut“ fühlte. Schließlich gab er widerwillig Milchprodukte sowie andere Lebensmittel auf, die Entzündungen auslösten, und der Lupus bildete sich zurück.
Hätte mein Mann, anstatt auf alle Milchprodukte zu verzichten, einfach von A1- auf A2-Milch umsteigen und trotzdem genesen können? Möglicherweise.

Auswirkungen auf den Körper

Eine Studie, die 2021 im „International Journal of Environmental Research and Public Health“ veröffentlicht wurde, berichtete, dass A2-Kasein bei der Verdauung andere Casomorphin-Verbindungen mit anderen Funktionen bildet als die Verbindungen, die bei der Verdauung von A1-Kasein entstehen.
Beispielsweise entstehen bei der Verdauung von A1-Kasein Verbindungen, die zu Krankheiten und Alterungsprozessen beitragen können, während bei der Verdauung von A2-Kasein nützliche Verbindungen entstehen, die blutdrucksenkende und antioxidative Eigenschaften besitzen.
Laut einer weiteren Studie, die 2016 im „Nutrition Journal“ veröffentlicht wurde, wurde beim Verzehr von Milch, die A1-Kasein enthält, eine bestimmte Art von Casomorphin (Beta-Casomorphin-7) gebildet, das den Glutathion-Spiegel im menschlichen Magen-Darm-Trakt und in den Nervenzellen senkte.
Im Gegensatz dazu stieg die Produktion des Antioxidans Glutathion an, wenn die Probanden Milch konsumierten, die ausschließlich A2-Kasein enthielt.
Glutathion ist ein starkes Antioxidans, das eine wichtige Rolle bei zahlreichen Prozessen im Körper spielt, wie zum Beispiel der Genexpression, der Immunantwort und der Abwehr von oxidativem Stress.
Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass „Milch, die ausschließlich A2-Beta-Kasein und kein A1-Beta-Kasein enthält, das Potenzial hat, die Produktion des Antioxidans Glutathion beim Menschen zu fördern.“
Ein weiterer Vorteil von A2-Milchprodukten ist die geringere Häufigkeit von berichteten Magen-Darm-Beschwerden im Vergleich zum Verzehr von A1-Milchprodukten.
Laut einer in Advances in Nutrition veröffentlichten Studie ist der Verzehr von A1-Milchprodukten beispielsweise mit einer verzögerten Durchlaufzeit durch den Magen-Darm-Trakt, weicherem Stuhl und Verdauungsbeschwerden verbunden, die mit Entzündungsmarkern korrelieren, was bei A2-Milchprodukten nicht beobachtet wurde.

Beim Konsum von A1-Milch stiegen bei Vorschulkindern sowohl der Beta-Casomorphin-7-Spiegel als auch Entzündungsmarker im Magen-Darm-Trakt an.

Foto: Organic Media/iStock

Interessanterweise führte der Wechsel von A1- zu A2-Milch bei Vorschulkindern mit einer Milchunverträglichkeit zu einer Verringerung der Magen-Darm-Symptome, was laut einer im „Journal of Pediatric Gastroenterology and Nutrition“ veröffentlichten Studie mit „signifikanten Verbesserungen“ der kognitiven Fähigkeiten einherging.
Wenn Vorschulkinder A1-Milch konsumierten, stieg ihr Beta-Casomorphin-7-Spiegel zusammen mit einem Anstieg der Entzündungsmarker im Magen-Darm-Trakt an.
Im Gegensatz dazu stieg bei Verzehr von A2-Milch der Glutathion-Spiegel deutlich an, und es wurden Verbesserungen der Magen-Darm-Funktion gemessen, wie beispielsweise höhere Konzentrationen kurzkettiger Fettsäuren im Stuhl.
Diese Ergebnisse deuten laut den Forschern auf eine verbesserte Darmgesundheit hin, da kurzkettige Fettsäuren „Fermentationsprodukte der Darmmikrobiota sind, denen entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben werden und die die Funktion der Darmzellen verstärken können.“
Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass A1-Milch „einen Entzündungszustand hervorruft, der die mit Laktoseintoleranz verbundenen Symptome verschlimmert“.
Diese Verschlimmerung kann durch die Entfernung von A1-Beta-Kasein (durch Ersatz durch A2-Beta-Kasein) verringert werden, was zu einer anschließenden Verbesserung der Magen-Darm-Symptome und bestimmter Aspekte der kognitiven Funktion führt.

Das Fazit

A1- und A2-Milch sind nicht gleich. A2-Milch unterscheidet sich chemisch von A1-Milch und hat folglich andere biologische Auswirkungen auf den Körper.
Wenn Kasein der einzige problematische Bestandteil von Milchprodukten ist, könnten A2-Milchprodukte daher eine sinnvolle Option sein, falls man nicht zu 100 Prozent auf Milchprodukte verzichten möchte. Wenn man jedoch in der Vergangenheit umfassende Probleme mit Milchprodukten hatte, sollte man mit einem Arzt sprechen, bevor Milchprodukte wieder in die Ernährung aufgenommen werden.
Aktuell findet man A2-Milch durch zunehmenden Bekanntheitsgrad immer leichter in Lebensmittelgeschäften und bei lokalen Bauernhöfen. A2-Milch kann von Ziegen und Schafen sowie von Kühen mit dem A2/A2-Genotyp, wie beispielsweise Jersey-Kühen, gewonnen werden.

Meine persönlichen Richtlinien für Milchprodukte

Auch wenn ich gesund und frei von Krankheiten bin, konsumiere ich dennoch selten Milchprodukte. Wenn ich es jedoch tue, halte ich mich an folgende Richtlinien:
  1. Die Kuh muss zu 100 Prozent A2 oder A2/A2 sein, was bedeutet, dass sie nur Milch produziert, die A2-Kasein enthält; sie produziert kein A1-Kasein.
  2. Das Tier muss zu 100 Prozent grasgefüttert sein, nicht mit Getreide gefüttert oder mit Getreide gemästet. Eine 1987 veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass bei Menschen Glutenproteine aus der Ernährung der Mutter in die Muttermilch übergehen. Obwohl dieses Phänomen bei Kühen noch nicht untersucht wurde, könnte es möglich sein, dass Gluten auch in die Milch von Kühen übergeht. Wenn dies geschieht, könnte es eine Immunreaktion im Körper auslösen. Da ich glutenempfindlich bin, konsumiere ich daher nur Milch von zu 100 Prozent grasgefütterten Kühen.
  3. Das Tier muss nach biologischen oder regenerativen Methoden aufgezogen werden, was bedeutet, dass es keine gentechnisch veränderten Organismen oder Weidegras erhalten darf, das mit Pestiziden oder Herbiziden besprüht wurde. Zudem dürfen keine Hormone verabreicht werden, und die meisten Antibiotika müssen vermieden werden.
  4. Ich konsumiere ausschließlich rohe, unpasteurisierte Milchprodukte von lokalen Bauern, denen ich vertraue. Meine Familie isst keine pasteurisierten Milchprodukte mehr, da die „guten“ Mikroben (auch als Probiotika bekannt) und andere nützliche Verbindungen wie Cofaktoren und Verdauungsenzyme, die dem Körper helfen, die Milch zu verdauen und Nährstoffe aufzunehmen, bei der Pasteurisierung weitgehend zerstört werden.
  5. Man muss jedoch sicherstellen, dass der Betrieb vertrauenswürdig ist. Es empfiehlt sich, den Betrieb zu besuchen, Fragen zu stellen und den Melk- und Lagerungsprozess selbst zu beobachten.

 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Critical Differences Between A1 and A2 Milk“. (deutsche Bearbeitung: vm)
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Die vergessene Geschichte der Menschheit


In Kürze:

  • Der Menschheit werden heute elementare Fähigkeiten wie die Schaffung von Kunst und der Bau von Siedlungen zugeschrieben.
  • Archäologische Funde wie die Flöten aus der Schwäbischen Alb zeigen, dass sich diese Fähigkeiten bereits vor zehntausenden Jahren entwickelten.
  • Während diese allgemein anerkannt sind, treten immer mehr Artefakte zutage, die weit älter und mitunter umstritten sind.

 
Die Arbeit von Archäologen ist eine Mammutaufgabe: Sie müssen anhand äußerst begrenzter Informationen herausfinden, wo und wie unsere Vorfahren einst gelebt haben. Historiker haben es da etwas leichter: Um ein genaues Verständnis jahrhunderte- oder jahrtausendealter Zivilisationen zu erlangen, konsultieren sie umfangreich die hinterbliebenen antiken Schriftquellen.
Archäologen hingegen versuchen, noch weiter zurückliegende Epochen zu verstehen – vor Zehntausenden, Hunderttausenden oder sogar Millionen von Jahren. Gleichzeitig verfügen sie über deutlich weniger Material, auf das sie ihre Schlussfolgerungen stützen können. Ihre Aufgabe gleicht dem Zusammensetzen eines großen Puzzles mit nur einer Handvoll Teilen oder dem Verstehen der Handlung eines Romans, von dem nur wenige Seiten erhalten geblieben sind.
Obwohl die Archäologie auf greifbaren Beweisen aus wissenschaftlichen Untersuchungen gefundener Artefakte basiert, beinhaltet sie zwangsläufig auch einiges an Spekulation, Vermutung und Vorstellungskraft. Wenn neue Erkenntnisse zu früheren Entdeckungen auftauchen, können dadurch bisherige Theorien untermauert, verfeinert oder revidiert werden.
Technologische Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten haben zusätzlich große Veränderungen in der Archäologie bewirkt. Moderne Entwicklungen wie die Radartechnologie haben es den Archäologen ermöglicht, neue Spuren an zuvor unzugänglichen Orten ausfindig zu machen. Verbesserungen bei der Altersbestimmung von Funden – etwa der Radiokarbondatierung – liefern zudem ein immer klareres Bild der Vergangenheit.
Von alten Höhlenmalereien und kreativen Artefakten bis hin zu lange verschütteten antiken Bauwerken bieten viele moderne Entdeckungen spannende Einblicke in das große Rätsel der Menschheit.

Die älteste bekannte Höhlenkunst

Im Januar 2026 ließen Archäologen um Adhi Agus Oktaviana von der australischen Griffith University die Entdeckung der weltweit ältesten Höhlenmalerei verlauten. Die auf Sulawesi, Indonesien, entdeckte Kunst aus Menschenhand sei mindestens 67.800 Jahre alt, wie eine Urandatierung ergab.
Die vergessene Geschichte der Menschheit: Höhlenmalerei

Beispiel der Höhlenmalerei von Sulawesi, Indonesien.

Die Malereien, zu denen eine Vielzahl von Handabdrücken, Tieren und die älteste bekannte Darstellung eines Menschen gehören, entstanden zudem über mindestens 45.000 Jahre hinweg. Dies zeigt, dass die frühen Menschen über einen unglaublich langen Zeitraum das Gebiet regelmäßig aufsuchten.
Weiterhin nehmen die Archäologen an, dass die frühen Menschen vor 68.000 Jahren mittels Booten in die Inselwelt einwanderten, was für frühe Fähigkeiten und Kenntnisse im Bootsbau und der Navigation spricht.
Letztlich führte die Entdeckung der indonesischen Höhlenmalereien zur Umschreibung der Menschheitsgeschichte. Zuvor galt die umstrittene Malerei aus den spanischen Maltravieso-Höhlen mit 64.000 Jahren als älteste Kunst der Welt. Die schwarzen und roten Zeichnungen zeigen ähnlich wie in Sulawesi Tiere und Handabdrücke, aber auch Punkte und Muster.²
Wenn wir von Höhlenkunst sprechen, gehören die Malereien aus der Chauvet-Höhle zu den beeindruckendsten Beispielen. Diese 1994 in Frankreich entdeckten Zeichnungen sind 36.000 Jahre alt und zeugen von einem hohen Maß an künstlerischer Raffinesse. So zeigen sie detailliert und maßstabsgetreu mindestens 14 verschiedene Tierarten wie Bären, Höhlenlöwen, Mammuts und Wollnashörner und sind ein Beweis dafür, wie früh sich menschliche Kreativität und Kunstfertigkeit entwickelten.

Höhlenmalerei aus der Chauvet-Höhle in Frankreich.

Foto: Jeff Pachoud/AFP via Getty Images

Musische Fähigkeiten

Doch unsere alten Vorfahren drückten sich nicht nur durch das Zeichnen künstlerisch aus. In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahlreiche Musikinstrumente entdeckt, vor allem Flöten aus Tierknochen, von denen einige mehrere Zehntausend Jahre alt sind.
Als derzeit ältestes Musikinstrument gilt eine Flöte aus dem Oberschenkelknochen eines Bären, die 1995 in einer Höhle bei Cerkno in Slowenien entdeckt wurde. Archäologen schätzen ihr Alter auf 50.000 bis 60.000 Jahre. Dabei ist jedoch fraglich, ob frühe Menschen die Löcher bewusst in den Knochen bohrten oder ob Raubtiere an dem Knochen nagten.³

Die unvollständig erhaltene Flöte aus Bärenknochen ist etwa 13 Zentimeter lang.

Sollte die slowenische Flöte aus Bärenknochen nicht von Menschenhand gemacht sein, muss dennoch nicht am musischen Wissen der frühen Menschen gezweifelt werden. Die zweitälteste Flöte aus einem Schwanenknochen ist 35.000 bis 40.000 Jahre alt und stammt aus Geißenklösterle in Baden-Württemberg, Deutschland. Hier und aus zwei benachbarten Fundstellen stammen fünf weitere Flöten, die eine zufällige Entstehung der Instrumente durch Wildtiere unwahrscheinlich erscheinen lassen.

Replikat einer der Flöten aus Geißenklösterle in der Schwäbischen Alb.

Alter Schmuck der Menschheit

Heute gilt es aufgrund zahlreicher Funde als allgemein anerkannt, dass die Menschheit ihre Kreativität und künstlerische Ausdruckskraft im Laufe von zehntausenden Jahren entwickelte. Doch ebenso gibt es vermehrt Belege, die darauf hindeuten, dass sie sogar noch älter sein könnten.
Konkret wurden 1891 auf Java, Indonesien, Muschelschalen gefunden, in die die frühen Menschen geometrische Muster in Form von Zickzack-Linien geritzt haben sollen. Statt der bereiten Öffentlichkeit gezeigt zu werden, landeten die Funde für über 100 Jahre in einer Museumsschublade.
Erst in den 2010er-Jahren wurden die Muschelschalen wieder Gegenstand der Forschung. Die Archäologin Josephine Joordens von der niederländischen Universität Leiden und ihre Kollegen führten wissenschaftliche Untersuchungen durch und kamen zu dem Schluss, dass „die Herstellung geometrischer Muster im Allgemeinen als Hinweis auf Kognition und modernes Verhalten interpretiert werden muss“. Diese Fähigkeiten sollen die frühen Menschen laut Altersbestimmung bereits vor rund 500.000 Jahren gehabt haben.⁴

Bauwerke aus Menschenhand?

Im Jahr 2019 entdeckten Archäologen an den Kalambo-Wasserfällen im südafrikanischen Sambia die älteste künstliche Holzkonstruktion der Welt. Da die ineinandergreifenden Baumstämme vor etwa 475.000 Jahren durch absichtlich geschnittene Kerben miteinander verbunden waren, gehen die Forscher von einer frühen Ingenieursleistung aus.⁵ Welchem Zweck die Konstruktion diente, ist nicht eindeutig geklärt. Die Vermutungen gehen von erhöhten Plattformen zum Arbeiten bis zu Wegen und Fundamenten für Wohnstätten.

Aufnahmen von der Entdeckung der bearbeiteten Baumstämme nahe der Kalambo-Wasserfälle.

Umstrittener ist hingegen die Entdeckung des Nationalen Instituts für Meerestechnologie in Indien. So fanden die Forscher geometrische Strukturen auf dem Meeresboden im Golf von Khambhat, die sie als prähistorische Stadt bezeichnen. Zu den dort geborgenen Artefakten gehören Töpferwaren, Perlen, Statuen, Mauerreste und menschliche Knochen. Mit etwa 9.500 Jahren wäre diese Fundstelle älter als die anerkannten Siedlungen in Mesopotamien und Afrika.⁶
Einige Wissenschaftler zweifeln an dieser Theorie und äußern die Bedenken, dass die datierten Artefakte auch durch Meeresströmungen an diesen Ort gespült worden und die geometrische Form der Stätte natürlich entstanden sein könnten. Ähnliche Funde und Kritik gibt es für versunkene Strukturen vor den Küsten Kubas und Japans.

Nahe der japanischen Insel Yonaguni im Ostchinesischen Meer liegt ein umstrittenes Monument aus Stein. Während einige Forscher eine natürliche Gesteinsformation sehen, deuten andere die Stätte als Unterwasserpyramiden.

Zwar liefert jede neue Entdeckung ein weiteres Stück für das komplexe Puzzle der Menschheit, doch verfügen wir noch immer über zu wenige Teile, um das Gesamtbild klar zu erkennen. Dennoch wissen wir heute bereits viel mehr und können uns vorstellen, wie unsere Vorfahren Malereien schufen, Musik spielten oder Holzkonstruktionen bauten.
Da moderne Technologie stetig den Umfang unserer Entdeckungen und die Genauigkeit unserer Analysen erweitert, werden Archäologen zukünftig vielleicht noch erstaunlichere Hinweise entdecken, die zusätzliche Einblicke in die uralten Geheimnisse der Menschheit gewähren.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Lost History of Human Civilization“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
Quellen und Studien:
[1] Oktaviana et al. (2026); doi.org/10.1038/s41586-025-09968-y
[2] Hoffmann et al. (2018); doi.org/10.1126/science.aap7778 | Slimak et al. (2018); doi.org/10.1126/science.aau1371
[3] Turk et al. (2020); doi.org/10.3390/app10041226
[4] Joordens et al. (2014); doi.org/10.1038/nature13962
[5] Barham et al. (2023); doi.org/10.1038/s41586-023-06557-9
[6] Ramakrishna Rao (2025); doi.org/10.13140/RG.2.2.25706.22723
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Mangold: Farbenfrohes Gemüse voller Nährstoffe


In Kürze:

  • Mangold ist eine uralte Kulturpflanze.
  • Das Gemüse ist nährstoffreich und gesund.
  • Mangold lässt sich abwechslungsreich zubereiten.

 
Der Mangold (Beta vulgaris subsp. vulgaris) ist eine jahrtausendealte Kulturpflanze und stammt ursprünglich aus Vorderasien. Schon früh verbreitete er sich im gesamten Mittelmeerraum, wo ihn bereits die Griechen und Römer als Lebens- und Heilmittel schätzten – etwa zur Förderung der Verdauung oder äußerlich bei Hautproblemen.
Während Mangold in der mediterranen Küche seit jeher einen festen Platz hat, wurde er hierzulande im Laufe der Zeit weitgehend vom Spinat verdrängt. Allmählich findet das vielseitige Gemüse jedoch wieder seinen Weg zurück in unsere Gärten und Küchen.
Mangold gehört zur Kulturform der Rüben und ist eng mit Roter Rübe und Zuckerrübe verwandt. Botanisch zählt er zur Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Grundsätzlich unterscheidet man zwei Kulturformen: Stiel- oder Rispenmangold – in der Schweiz auch Krautstiel genannt – sowie Schnitt- oder Blattmangold.
Stielmangold bildet lang gestielte, bis zu 30 Zentimeter lange Blätter aus, die sich je nach Sorte runzelig bis glatt zeigen. Ihre Farbe kann von Hellgelb bis Dunkelgrün variieren. Seine Stiele und Blattadern sind kräftig ausgebildet und beeindrucken mit ihren bunten Farben, die von Gelb, über Orange und Rot bs Grün und Weiß reichen. Schnitt- oder Blattmangold entwickelt hingegen schmalere Stiele und kleinere, spinatähnliche Blätter.

Welche Nährstoffe machen Mangold so gesund?

Ähnlich wie Spinat enthält Mangold große Mengen Betacarotin, das im Körper zu Vitamin A umgewandelt werden kann. Vitamin A trägt nicht nur zu einer guten Sehkraft bei, sondern unterstützt auch die Bildung neuer Hautzellen und der Regeneration der Haut.
Zudem ist Vitamin A ein wichtiges Antioxidans, das unsere Zellen vor den Angriffen freier Radikale, beispielsweise durch UV-Licht, schützt. Studien zeigen, dass eine über einen längeren Zeitraum hinweg an Betacarotin reiche Ernährung den natürlichen Schutz der Haut gegenüber Sonnenstrahlen verbessert – allerdings keinesfalls den Schutz durch Sonnenschutzmittel ersetzt.
Weiterhin ist Mangold mit 80 Milligramm pro 100 Gramm ein guter Magnesiumlieferant. Magnesium ist nicht nur für Muskeln und Knochen essentiell, sondern spielt auch eine zentrale Rolle für unser Nervensystem. Es kann helfen, nervöse Unruhe, Stressresistenz und die Schlafqualität zu verbessern.
Zudem liefert Mangold nennenswerte Mengen an Kalzium für starke Knochen und Eisen für die Blutbildung. Auch Vitamin C, Vitamin E und verschiedene B-Vitamine sind enthalten und unterstützen das Immunsystem, den Zellschutz sowie den Energiestoffwechsel.
Besonders interessant ist Mangold auch für eine kalorienbewusste Ernährung: Eine Portion von etwa 150 Gramm enthält nur rund 20 Kilokalorien und kaum Fett. Gleichzeitig sorgen die enthaltenen Ballaststoffe für eine lang anhaltende Sättigung und unterstützen die Darmgesundheit.
Allerdings enthält Mangold vergleichsweise große Mengen Oxalsäure, die die Bildung von Nierensteinen begünstigen kann. Menschen mit entsprechender Veranlagung sollten ihn daher nur in Maßen genießen. Zudem gilt Mangold als nitratreiches Gemüse und sollte insbesondere für Säuglinge nicht erneut aufgewärmt werden.

Tipps für Anbau und Zubereitung

Mangold lässt sich einfach im Garten, im Hochbeet oder im Topf auf dem Balkon anbauen und kann zwischen Juli und September geerntet werden. Er bevorzugt tiefgründige humose Böden und einen sonnigen bis halbschattigen Standort. Damit er gut gedeiht, sind ausreichende und gleichmäßige Wassergaben wichtig.
Beim Stielmangold werden die äußeren Blätter mitsamt Stielen geerntet und verarbeitet. Die jungen inneren Blätter bleiben stehen und wachsen zu größeren Blättern nach. Beim Blattmangold schneidet man dagegen nur die Blätter ab, wodurch die Pflanze kontinuierlich neue Blätter nachbildet.
Mangold lässt sich sehr abwechslungsreich zubereiten. Kurz gebraten oder gedünstet und mit Gewürzen verfeinert, schmeckt das Gemüse als Beilage zu Fleisch und Fisch. Es passt aber auch als Füllung in Omelett oder Quiche sowie zu Nudelgerichten.
Die Blätter können zudem mit Reis, Pilzen oder Hackfleisch gefüllt werden. In südlichen Ländern wird Mangold häufig mit Schafskäse oder Feta serviert. Das Blanchieren vor der Verarbeitung erhält die Farbe der Blätter und verringert den Oxalsäuregehalt.
Mangold kann auch als Ofengemüse zubereitet werden. Dafür die Blätter und Stiele in Streifen schneiden, mit Öl, Zitronensaft und Gewürzen vermengen und im Ofen rösten, bis sie zart sind. Junge, zarte Mangoldblätter eignen sich außerdem hervorragend als frische Zutat für Blattsalate.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
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800 Jahre altes Notizbuch aus Latrine in Paderborn geholt


In Kürze:

  • Bei Stadtgrabungen in Paderborn haben Archäologen ein mittelalterliches Notizbuch in einer Latrine entdeckt.
  • Das zehnseitige Buch aus Wachstafeln ist inklusive Ledereinband und eingeritzten Notizen in lateinischer Sprache erhalten.
  • Ähnliche Funde – allerdings ohne persönliche Notizen – sind aus Lübeck oder Lüneburg bekannt.
  • Derzeit wird der Inhalt des Buches transkribiert. Bis der Text übersetzt ist, werden einige Monate vergehen.

 
Bei Ausgrabungen in Paderborn haben Archäologen einen besonderen Fund gemacht. Im Zuge von Bauarbeiten zum Neubau der Stadtverwaltung entdeckten sie in einer mittelalterlichen Latrine ein außergewöhnlich gut erhaltenes Notizbuch aus dem 13. bis 14. Jahrhundert. Das beschriebene Fundstück aus Leder, Holz und Wachs wird jetzt restauriert und konserviert. Danach soll der Text entschlüsselt werden.
„Dies ist der einzige derartige Fund in ganz Nordrhein-Westfalen. Klingt komisch, aber für uns ist die Latrine fast immer eine Schatzgrube. Vergleichbare mittelalterliche Stücke kennt man aus Lübeck oder Lüneburg, wo ein ähnlich feuchtes Milieu im Boden die Funde erhalten hat. In keinem Fall ist aber wie bei uns das komplette Buch erhalten“, erklärte Archäologin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Einblick in alte Geschäfte?

Das rund 700 bis 800 Jahre alte Notizbuch ist nicht nur aufgrund seines überraschend guten Erhaltungszustandes von Bedeutung. Die Archäologen versprechen sich vielmehr wertvolle Einblicke in den Alltag und die Lebensverhältnisse im mittelalterlichen Westfalen.
„Nach sorgfältiger Restaurierung wird es möglicherweise gelingen, den Text mit Hightech-Methoden wieder vollständig lesbar zu machen“, so Dr. Rüschoff-Parzinger. Dafür sind die Archäologen bereits mit Schrift- und Materialfachleuten aus ganz Nordrhein-Westfalen im Gespräch.
Die Stadtarchäologin in Paderborn, Dr. Sveva Gai, erhofft sich von dem Text auch ganz konkrete Informationen zum Autor oder zur Autorin. „Wer hat das Buch geschrieben und welchem Zweck diente es? Ersten Vermutungen nach könnte ein Paderborner Kaufmann der Urheber sein, der stichwortartig Geschäfte notierte und Gedanken festhielt.“
Ledereinband, in dem Archäologen das Notizbuch fanden

In diesem Ledereinband entdeckten Archäologen das Notizbuch.

Foto: LWL/S. Bretzel

Dies wäre laut den Archäologen nicht überraschend. „Kaufleute waren gebildete Leute: Sie konnten im Gegensatz zum Großteil der Menschen sowohl lesen als auch schreiben“, so die Archäologen.
Aber wie sind die für den Besitzer womöglich wichtigen Aufzeichnungen letztlich in der mittelalterlichen Toilette gelandet? Diese Frage wird vermutlich für immer ein Rätsel bleiben. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass es sich bei dem Verlust um ein Missgeschick handelt.

Notizbuch für die Hosentasche

Der Holzrahmen des mittelalterlichen Notizbuchs ist 8,6 × 5,5 Zentimeter groß und umfasst insgesamt zehn Seiten. Von diesen sind acht doppelseitig und zwei – die erste und die letzte – nur einseitig mit Wachs befüllt.

Das mittelalterliche Notizbuch von außen, aus Holz und ohne Ledereinband.

Foto: LWL/S. Brentführer

Versehen ist das Buch mit einem Ledereinband von 10,0 × 7,5 Zentimetern und war zum Schutz zusätzlich in eine kleine Ledertasche gehüllt. Alles in allem eine schlichte Erscheinung. Die LWL-Restauratorin Susanne Bretzel war die Erste, die den Fund nach Jahrhunderten im Boden gesehen hat.
„In einem nassen Erdklumpen verpackt – und zunächst ganz unscheinbar – klärte sich das Objekt erst bei der Reinigung in unserer Restaurierungswerkstatt in Münster. Und tatsächlich haftete dem Latrinenfund auch nach so vielen Jahrhunderten im Boden noch ein recht unangenehmer Geruch an“, erinnerte sich Bretzel.

Die halb ausgegrabene mittelalterliche Latrine, in der das Notizbuch gefunden wurde.

Foto: Denkmal3d/Heike Tausendfreund

Dabei war gerade das feuchte und vor allem luftdichte Milieu des Paderborner Bodens für die Konservierung des Fundes ein Glücksfall. Dieser Boden hat die besten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der mit einem Griffel – einem Schreibwerkzeug aus Metall, Knochen oder Elfenbein – in Wachs geschriebene Text über 700 bis 800 Jahre hinweg unversehrt geblieben ist.
„Ich musste das Buch nur außen reinigen, da die Innenseiten so fest aneinander saßen, dass dort kein Dreck war. Auch das Holz hat sich nicht verzogen, sodass das Wachs noch intakt und die Schrift an sich gut lesbar ist“, erklärte Bretzel.

Heraldische Lilien zieren das Notizbuch

Der Text ist in zwei Richtungen geschrieben, je nachdem, wie man das Buch gehalten hat. Geschrieben wurden die Worte aber scheinbar nur von einer Hand. Für die Archäologen spricht dies für die spontane Verwendung als Notizbuch.
Auch das dazugehörige Schreibgerät ist in einem guten Zustand. Wie andere Griffel war auch dieser an einem Ende spitz, um die Buchstaben in das Wachs zu ritzen. Das andere Ende des Griffels war flach wie ein Spatel. Damit konnte das Wachs glattgestrichen und das Geschriebene „gelöscht“ werden, womit die Tafel wiederverwendbar war. Auch der Ledereinband ist noch vollständig erhalten, bis auf die gelösten Fäden.
„Die Oberfläche des Ledereinbandes ist mit einem eingeprägten Muster verziert: kleine, regelmäßige Lilienreihen, die die gesamte Fläche bedecken. Vielleicht können wir daraus zukünftig etwas über die Herkunft des Stückes ableiten oder sogar seinen Herstellungsort nennen“, hoffen die Archäologen.
Ledereinband mit Lilienprägung, indem das Notizbuch steckte

Der Ledereinband mit Lilienprägung, in dem das Notizbuch – sicher vor Schmutz geschützt – steckte.

Foto: LWL/S. Bretzel

Schon jetzt spricht das Lilienmotiv dafür, dass das Buch aus einem gehobenen Umfeld stammt. So war diese Pflanze im Mittelalter ein Symbol für Reinheit, königliche Macht und göttliche Gunst gewesen und zierte häufig Wappen.
Das Wachs belegt noch immer sämtliche Innenseiten der Tafeln und ist zum großen Teil mit kursiver Schrift versehen. Der Inhalt ist in lateinischer Sprache verfasst, was ebenfalls auf einen Besitzer aus der Oberschicht hinweist. Die charakteristische Kursivschrift datiert das Notizbuch zudem in das 13. bis 14. Jahrhundert.

Aufdecken und Erhalten der Geschichte

Doch das Wachs zeigt nicht nur die zuletzt geschriebenen Seiten. Auch das Abreiben einer älteren Schrift ist noch deutlich lesbar. Mit Hightech-Verfahren könnten zukünftig die verschiedenen, zusammengehörigen Schichten der übereinanderliegenden Schriften getrennt und wieder lesbar gemacht werden. Eine Transkription ist derzeit in Arbeit.
„Der Text ist selbst für Fachleute auf dem Gebiet nicht leicht zu entziffern, einzelne Wörter sind zwar zu erkennen, die Transkription aber wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, da einige Wörter durch falsche Schreibweisen auch verfälscht sein können“, erklärte Rüschoff-Parzinger. Erst nach der erfolgreichen Transkription wird der Text vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt.

Deutlich zu sehen ist die in Wachs eingeritzte lateinische Schrift.

Foto: LWL/S. Brentführer

Zunächst wollen die Archäologen das verwendete Material des Buches untersuchen. Aus welcher Wachs- beziehungsweise Harzmischung besteht das Wachs? Wurden Pigmente beigemischt? Wo liegt sein Schmelzpunkt? Um welches Holz handelt es sich? All diese Daten helfen letztlich bei der Konservierung. Denn für die verschiedenen Materialien kommen unterschiedliche Erhaltungsmethoden zum Einsatz.
Die gesamte Konservierung könnte nach derzeitigen Schätzungen bis zu einem Jahr dauern. Im Anschluss ist vorgesehen, das mittelalterliche Notizbuch im LWL-Museum in der Kaiserpfalz in Paderborn auszustellen.

Weiteres aus der Schatzgrube

Der Neubau der Stadtverwaltung in Paderborn hat seit Dezember 2024 ausgedehnte archäologische Ausgrabungen mit sich gebracht, da sich das Areal in einem historisch sensiblen Stadtbereich befindet.
Die Latrine, in der das Notizbuch und andere mittelalterliche Relikte gefunden wurden

Archäologen bei der Arbeit: Sie untersuchen die Verfüllung einer mittelalterlichen Latrine in Paderborn.

Foto: Denkmal3d/Heike Tausendfreund

So stießen Bauarbeiter und Archäologen beim weiteren Ausheben der Baugrube auf insgesamt fünf Latrinen. Aus einer dieser Latrinen stammen nicht nur die Wachstafel, sondern auch Gefäße, Fässer, ein Messer, Stoffreste und Reste von Korbgeflecht aus dem Mittelalter.
Im Zentrum der Stadt Paderborn wohnten vor 800 Jahren höhere Gesellschaftsschichten. Dies zeigt sich auch an den anderen Funden: „Die seidenen Stoffreste aus der Latrine waren teilweise in rechteckige Lappen gerissen“, so die Archäologen.

Die Archäologen vermuten, dass diese edlen Stoffreste zuletzt als Klopapier verwendet wurden.

Foto: LWL/S. Bretzel

Es ist daher gut möglich, dass der edel verzierte Stoff, der vielleicht einst ein teures Kleidungsstück war, als Klopapier seine letzte Verwendung fand. Dies spricht zusammen mit dem Notizbuch für ein gehobenes Stadtviertel.
„Sobald diese Latrine einer bestimmten Parzelle zugeordnet werden kann, könnte man mittels Archivrecherche versuchen, die Bewohner der Parzelle auszumachen. Dann wäre es im besten Fall möglich, die Wachstafel mit dem Namen einer bestimmten Person in Zusammenhang zu bringen“, so die Archäologen abschließend.
(Mit Material des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe)
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Freigegebene UFO-Akten: Was Apollo-Berichte und Militärvideos enthüllen


In Kürze:

  • Pentagon veröffentlicht erste größere UFO-/UAP-Aktensammlung
  • Trump spricht von der Erfüllung eines Wahlversprechens
  • Apollo-Astronauten meldeten mehrfach ungewöhnliche Lichtphänomene
  • Militärvideos zeigen unbekannte Objekte und Infrarotaufnahmen
  • FBI untersuchte zigarrenförmiges Objekt über US-Testanlage
  • Dokumente enthalten auch internationale Sichtungen aus Kasachstan und Papua-Neuguinea

 
Am 8. Mai hat US-Präsident Donald Trump auf Truth Social verkündet, ein für einen Teil seiner Anhängerschaft gewichtiges Versprechen zu erfüllen. Das Pentagon hat an diesem Tag eine erste größere Sammlung von Dokumenten veröffentlicht, die sich mit nicht identifizierten Luftphänomenen befassen. Landläufig sind diese eher als UFOs oder UAPs bekannt.
Auf einer eigens dafür eingerichteten Website können Interessierte Aufnahmen und dazu veröffentlichte Dokumente einsehen. Die bisher publizierten „UFO Files“ umfassen NASA-Protokolle der Apollo-Missionen, FBI-Berichte, interne Regierungsdokumente, diplomatische Telegramme sowie Videos und Infrarotaufnahmen unbekannter Flugobjekte.
Klare Beweise für die Existenz außerirdischen Lebens enthalten die bisherigen Dokumente nicht. Jedoch bieten einige von ihnen Anlass für weitere Fragen und Spekulationen. Donald Trump schrieb selbst dazu auf Truth Social, die Öffentlichkeit solle nun „selbst entscheiden, was es mit all dem auf sich hat“.

Apollo-Missionen: NASA-Foto mit Dreiecksformation

Einer der Schwerpunkte der Sammlung betrifft die Apollo-Missionen der NASA. Gleich mehrfach hatten Astronauten in ihrem Umfeld unbekannte Phänomene gemeldet. Buzz Aldrin berichtete demnach auf einer Apollo-11-Mission von einer „hellen Lichtquelle“ nahe dem Monde. Dabei könne es sich um einen möglichen „Laser“ gehandelt haben.
Im Jahr 1969 berichtete auch die Crew der „Apollo 12“ mehrfach über unbekannte Erscheinungen. Die Astronauten beschrieben etwa leuchtende Partikel und Objekte außerhalb der Mondfähre. Diese wirkten, als ob sie „im Weltall wegsegeln“ oder „dem Mond entkommen“.
Auch während der Mission der „Apollo 17“ im Jahr 1972 beschrieben die Teilnehmer mehrere ungewöhnliche Ereignisse. Zu diesen gehörten Lichtblitze über der Mondoberfläche, helle Partikel nahe dem Raumschiff und intensive Lichtphänomene. Besonders auffällig ist dabei ein NASA-Foto, das drei Punkte in Dreiecksformation über dem Mond zeigt. Die NASA erklärte in diesem Kontext explizit, dass es „keinen Konsens über die Natur dieser Anomalie“ gebe.

Ein Archivfoto der NASA von der Apollo-17-Mission, das im Dezember 1972 aufgenommen wurde, zeigt ein unbekanntes und ungewöhnliches Phänomen am Himmel über dem Mond.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung des Pentagons.

„Achtzackiger Stern mit unterschiedlich langen Armen“

Neben den Astronauten und der NASA hat auch das Pentagon selbst mehrere Militärvideos über mögliche UFOs veröffentlicht. So zeigt ein Video des US Central Command von 2013 ein Objekt, das als „achtzackiger Stern mit unterschiedlich langen Armen“ bezeichnet wird. Dieses scheint in der Luft zu schweben. Die Aufnahme erstreckt sich über eine Minute und 46 Sekunden.
Aus den Jahren 2022 und 2024 gibt es weitere Infrarotaufnahmen, darunter schnell bewegte Objekte, die man als mögliche Raketen deutete. Eine weitere Aufnahme zeigt einen scheinbaren Formationsflug zweier heller Objekte. Das Pazifikkommando steuerte wiederum Videos von unbekannten Erscheinungen nahe Windkraftanlagen in Japan und im Pazifikraum bei.

In einem kürzlich vom Pentagon veröffentlichten Video ist ein möglicherweise nicht identifiziertes anomales Phänomen zu sehen. Es zeigt ein Objekt in der Luft, das als „achtzackiger Stern mit unterschiedlich langen Zacken“ beschrieben wurde.

Foto: Screenshot/Mit freundlicher Genehmigung des Pentagons

„Zigarrenförmiges Objekt“ über Testanlage – ein UFO?

Das FBI untersuchte 2023 ein von mehreren Zeugen gesichtetes und übereinstimmend beschriebenes, zigarrenförmiges Objekt. Diese hätten eine Frau und mehrere im Auftrag der Regierung tätige Beschäftigte eines Morgens über einer nicht genannten US-Testanlage gesehen.
Diesem Bericht zufolge hatte es eine metallisch bronzefarbene Erscheinung, sendete extrem helles Licht aus und war zwei bis drei Black-Hawk-Hubschrauber lang. Nach 5 bis 10 Sekunden in der Luft sei es verschwunden, ohne Kondensstreifen zu hinterlassen. Das FBI führte mehrere Zeugenbefragungen durch und fertigte auf Grundlage der Angaben eine Skizze an.
Neben diesen Zeugen sagte auch ein Drohnenpilot, der in der Nähe der Einrichtung im Einsatz war, über den Vorfall aus. Dazu kam ein weiterer Augenzeuge, der von seinem Auto aus eine entsprechende Beobachtung machte.

Rätselhaftes „Kobaltstrahl“-Memo aus dem Jahr 1967

Ein besonders merkwürdiges Dokument stellt ein internes FBI-Memo dar, das im Jahr 1967 der damalige Rechtsattaché des Büros in Mexiko-Stadt an FBI-Direktor J. Edgar Hoover gesendet hatte. Das als „geheim“ eingestufte Dokument reproduziert ein Telegramm, das ein W.R. Hanawalt im Dezember 1966 aus Harlingen, Texas, verschickt habe.
Darin war die Rede von einem „technologischen Objekt“, das als „Laser- oder Kobaltstrahl“ beschrieben war, in den man sich selbst einhüllen könnte und das Nervensystem einer Person manipulieren könne. Das Objekt soll Menschen manipulieren, Sinneswahrnehmungen beeinflussen und „Visionen von Flugobjekten erzeugen können“.
Der Meldungsleger stellte in weiterer Folge Behauptungen auf, wie jene über eine „Unterwanderung“ staatlicher Stellen durch obskure Auftraggeber und angebliche Maulwürfe in den Behörden. Das FBI bestätigte den Eingang des Schreibens. Über die Person des „Hanawalt“ und dessen Glaubwürdigkeit finden sich keine Äußerungen.

Internationale Sichtungen in Kasachstan und Papua-Neuguinea

Die nun freigegebenen Dokumentensammlungen enthalten auch Berichte über Sichtungen in anderen Staaten. Einem Telegramm aus Kasachstan zufolge, das 1994 übermittelt wurde, meldeten Piloten ein „extrem helles Objekt“, das sich vom Horizont auf sie zubewegte. Über etwa 40 Minuten hinweg sei dieses Kreis-, Korkenzieher-Manöver und 90-Grad-Wendungen unter hoher Beschleunigung geflogen. Es soll mit einer Olympus-Taschenkamera angefertigte Fotos dazu geben, die jedoch nicht im Bericht dokumentiert sind.
Im Jahr 1985 wurde einem Telegramm des U.S. State Department zufolge ein „in großer Höhe mit hoher Geschwindigkeit“ fliegendes Objekt über der US-Botschaft in Port Moresby, Papua-Neuguinea, gemeldet. Dazu kamen weitere Berichte über schnelle Flugobjekte mit Lichtern, Geräuschen und Kondensstreifen, die auch Anwohner beunruhigt hätten. Allerdings seien, so die US-Regierung später, keine eigenen Militärmaschinen dort unterwegs gewesen.
 
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Immun-Cocktail: Neue Superkraft von Ameisengift entdeckt


In Kürze:

  • Alte Annahme: Bislang galt Ameisensäure als alleiniger Bestandteil von Ameisengift.
  • Neue Erkenntnis: Forscher aus Halle/Saale und Berlin haben jüngst herausgefunden, dass das Toxin auch gesundheitswirksame Eiweiße enthält.
  • Künftiger Nutzen: Diese Entdeckung könnte dazu beitragen, wirksame Mittel gegen Krankheitserreger wie Pilze zu entwickeln.

 
Das Gift von Schuppenameisen, zu denen auch die Waldameisen gehören, galt bislang als vergleichsweise einfach zusammengesetzt: Ameisensäure wurde seit ihrer Entdeckung im 17. Jahrhundert als zentraler und nahezu alleiniger Inhaltsstoff dieser Ameisengifte betrachtet.
„Wir sind in unserem Projekt einer jahrzehntealten und weitgehend unbeachteten Publikation nachgegangen, in der erwähnt wurde, dass diese Gifte vielleicht auch eiweißartige Stoffe [Peptide] enthalten“, sagte Timo Niedermeyer, Professor für Pharmazeutische Biologie der Freien Universität Berlin. Er ergänzte:
„Wir haben nun zwei völlig neue Peptid-Familien in den Giften von Schuppenameisen nachgewiesen. Diese sind einzigartig in diesen Ameisen, kommen dort aber weit verbreitet vor. Ihr Gift ist wesentlich komplexer als bisher angenommen.“

Ameisengift schützt Brut vor Pilzerkrankungen

Die im Gift identifizierten Peptide leisten offenbar einen Beitrag zur Nesthygiene. So schmieren die Ameisen ihre Brut mit ihrem Gift ein – die Peptide bleiben nach dem Verdunsten der Ameisensäure auf den Puppen zurück und wirken dort Infektionen entgegen.
„Einige der Peptide zeigen eine ausgeprägte Wirkung gegen Pilze. Das ist interessant vor dem Hintergrund einer Bedrohung sozialer Gemeinschaften durch Umweltmikroben und Krankheitserreger sowie zunehmender Resistenzen dieser Mikroben gegen antimikrobielle Wirkstoffe“, betonte Dr. Simon Tragust, beteiligter Forscher der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Mit über 3.700 Arten eröffnet die Unterfamilie Formicinae (Schuppenameisen) ein enormes Potenzial für die Entdeckung weiterer bioaktiver Substanzen.“
Die Forschungsergebnisse untermauern, dass das Gift von Schuppenameisen vielfältige Funktionen erfüllt. Die Ameisen verwenden es nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Desinfektion, zur Steuerung ihrer Darmflora und zur Kommunikation mit Artgenossen.

Internationale Spitzenforschung

Für ihre Arbeit kombinierten die Forscher Methoden aus Biologie, Chemie und Pharmazie. Mithilfe modernster Technik wurden Protein- und RNA-Daten zusammengeführt, um die im Gift enthaltenen Peptide und ihre Gensequenzen zu identifizieren. Ergänzend kamen chemische Analysen, synthetische Verfahren, biophysikalische Experimente und Genomanalysen zum Einsatz.
Durch die interdisziplinäre Herangehensweise und die Untersuchung der Giftsekrete mehrerer Ameisenkolonien verschiedener Ameisenarten zählt die Arbeit zu den bisher umfassendsten vergleichenden Analysen von Ameisengiften.
Die Studie erschien am 13. Mai 2026 im Fachmagazin „Science Advances“.
(Mit Material der Freien Universität Berlin.)
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„Zum ersten Mal Gesichter“: Fotos von Pariser Juden-Deportation aufgetaucht

Das Papier war grün, der Ton höflich: „Herr Pinkus Eizenberg ist gebeten, sich mit einem Angehörigen oder einem Freund am 14. Mai 1941 um 7.00 Uhr an der Sporthalle von Japy einzufinden.“ Es gehe um die „Klärung seiner Situation“. Mitzubringen seien eine Garnitur Wäsche und Lebensmittel für einen Tag.
Es war der Auftakt zur ersten Massenverhaftung und Deportation ausländischer Juden in Paris – angeordnet von den deutschen Besatzern, ausgeführt von der französischen Polizei. Und minutiös dokumentiert von dem deutschen Fotografen Harry Croner.

Zum ersten Mal zu sehen

Croners Bilder von der Massenfestnahme sind – bis auf wenige Ausnahmen – erst 2020 überraschend aufgetaucht. Sie sind seit dieser Woche zum ersten Mal in der Pariser Shoah-Gedenkstätte zu sehen.
„Die Fotos sind sehr außergewöhnlich“, erklärt Lior Lalieu, die Leiterin der Bilderdatenbank der Gedenkstätte. „Es gibt extrem wenige Bilder von der Shoah in Frankreich“, fügt sie hinzu.
Darüber hinaus fasziniere der „doppelte Blick“ des Fotografen: Croner war damals für die Propagandakommission im Einsatz – machte aber heimlich auch bewegende Aufnahmen der Opfer. „Das hätte er nicht tun dürfen, aber er hat es trotzdem gemacht“, sagt Lalieu. „Die wiedergefundenen Bilder zeigen zum ersten Mal ihre Gesichter.“
Stunde um Stunde, Station um Station dokumentierte Croner, wie die meist polnischen Juden den Nazis in die Falle gingen: Die Ankunft der Männer in der Pariser Sporthalle. Die Frauen, die ihnen noch Sachen bringen durften – wohl um den eigentlichen Zweck der Einbestellung zu verschleiern.
Ein Foto zeigt den Abschiedskuss eines jungen Paares, daneben einen ungeduldig wirkenden französischen Polizisten. Als die Männer in den Bus einsteigen, hält Croner die besorgten Gesichter von einigen fest – was sicher nicht mit seinem Auftrag vereinbar gewesen war.

Massenverhaftung

Etwa 6.500 Familien hatten den „grünen Schein“ erhalten, nachdem die Massenverhaftung später benannt wurde, „dos grine tsetl“ auf Jiddisch. Gut 3.700 begaben sich zu den Sammelorten, viele in der Hoffnung, ihre Papiere in Ordnung zu bringen.
Wenige Stunden später wurden sie in Bussen zum Bahnhof gefahren und per Zug in die Internierungslager von Pithiviers und Beaune-la-Rolande, etwa 100 Kilometer südlich von Paris, gebracht. Auch dorthin reiste Croner, um für die Propagandakommission zu fotografieren. Auch dort machte er heimlich Aufnahmen, die eine Anteilnahme am Schicksal der Opfer erahnen lassen.

Der Fotograf als Zwangsarbeiter

Einige wenige Bilder wurden damals veröffentlicht, sie stellen die Festnahme als eine reguläre, administrative Maßnahme dar. Croner wurde wenige Monate später aus der Wehrmacht entlassen, als bekannt wurde, dass sein Vater Jude war. Er kam als Zwangsarbeiter nach Frankreich und am Kriegsende in US-Gefangenschaft.
Nach dem Krieg baute Croner sich in Berlin eine neue Existenz als Promi-Fotograf auf. Er porträtierte Marlene Dietrich, Willy Brandt und die Filmstars der Berlinale. Über seinen Pariser Propaganda-Einsatz schwieg er sich aus. Croner starb 1992, zu seinen letzten großen Reportagen zählte der Fall der Berliner Mauer.
Von der Existenz der Pariser Bilder aus der Besatzungszeit ahnte niemand etwas – bis sich 2020 ein französischer Sammler meldete. Er hatte Jahre zuvor einen Stapel Kontaktabzüge auf einem Flohmarkt in Reims erworben.

Nur wenige überlebten

Experten der Shoah-Gedenkstätte fanden schnell heraus, dass es sich um einen bedeutenden Fund handelte: Die Ereignisse, die bislang nur durch Schriftstücke und Zeugenaussagen bekannt waren, standen den Betrachtern plötzlich direkt vor Augen.
Von den 3.700 Festgenommenen kamen etwa 800 frei. Alle anderen wurden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht. Von ihnen überlebten nur sehr wenige.
Renée Sieradzki war fünf Jahre alt, als ihr Vater den grünen Schein erhielt. „Ich saß unter dem Tisch und hörte, wie die Erwachsenen sich unterhielten“, berichtete sie später.
Die Männer seien sich einig gewesen, dass sie zu den Sammelpunkten gehen wollten. „Es geht doch nur um eine Überprüfung der Papiere, das kann nichts Schlimmes bedeuten“, hätten sie gesagt. (afp/red)
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Die Lust am Wandern: Warum Unterwegssein beflügelt und erdet


In Kürze:

  • Wandern wirkt nicht nur körperlich, sondern schafft Abstand vom Alltag und öffnet den Blick für das Wesentliche.
  • Der deutsche Begriff „Wanderlust“ fand als Lehnwort Eingang in andere Landessprachen, ähnlich wie „Zeitgeist“ oder „Schadenfreude“.
  • Längere Wanderungen schaffen besondere Erlebnisse und machen das Unterwegssein zum Sinnbild persönlicher Reifung.
  • Ein wachsender Trend: Jugendliche tauschen Mallorca-Partys gegen gemeinsame Wander- und Naturerlebnisse.

 
„Das Wandern ist des Müllers Lust“: Kaum eine Zeile aus dem deutschen Volksgut hat sich so tief in das Gedächtnis eingegraben wie diese. Generationen von Schulkindern sangen sie auf Wandertagen, in Jugendherbergen und am Lagerfeuer.
Der Dichter Wilhelm Müller schrieb den Text 1821 als Teil seines Zyklus „Die schöne Müllerin“. Franz Schubert vertonte ihn kunstvoll, ehe Carl Friedrich Zöllner daraus jenes bis heute bekannte Wanderlied machte. Doch das Lied beschreibt kein romantisches Naturidyll. Es spiegelt die uralte Sehnsucht nach Bewegung und Freiheit wider, die die deutsche Kultur seit Jahrhunderten prägt.

Heimat braucht Ferne

Die Deutschen gelten als heimatverbunden und wanderfreudig zugleich. Gerade in dieser besonderen Spannung liegt vielleicht der Kern ihrer Wanderkultur. Heimweh und Fernweh entspringen derselben seelischen Landschaft. Beide setzen voraus, dass es einen Ort gibt, dem man sich verbunden fühlt, den man vermisst oder den man neu entdecken will.
England kennt seinerseits mit dem „rambling“, einer Wortschöpfung aus dem 19. Jahrhundert, eine lebendige Tradition des gemeinschaftlichen Landschaftswanderns, die stärker auf Geselligkeit und das Recht auf das Betreten setzt. In Spanien prägen lange Pilgerwege wie der Jakobsweg das Bild des Unterwegsseins, oft mit spiritueller Zielsetzung. Jede Form teilt das Naturerlebnis und die körperliche Herausforderung.
„Wanderlust“ jedoch scheint dies zusätzlich zur deutlichen inneren Suche und erlebbaren romantischen Resonanz zu verdichten. Vielleicht erklärt das, warum das altdeutsche Wort als sogenanntes Lehnwort in fremde Sprachen übernommen wurde. Es beinhaltet die besondere Mischung aus Sehnsucht, persönlicher Erneuerung und dem Verlangen, die Welt zu Fuß zu entdecken.

Auf dem Weg zur Reife

Diese Sehnsucht war es, die in Deutschland bereits früh konkrete Formen annahm und so eine Kultur des Gehens hervorbrachte, die weit über reine Fortbewegung hinausging. Im Mittelalter gingen Handwerksgesellen nach ihrer Lehrzeit „auf Wanderschaft“. Über Jahre hinweg wanderten sie von Stadt zu Stadt, arbeiteten bei verschiedenen Meistern und reiften dabei, sowohl beruflich als auch persönlich. Noch heute begegnet man gelegentlich jungen Zimmerleuten in schwarzer Kluft und mit Wanderstab, die nach alter Tradition für mehrere Jahre unterwegs sind, bevor sie mit ihrem in der Fremde erworbenen Erfahrungsschatz zurückkehren.
Die Vorstellung, dass sich Bildung und Charakter erst in der Fremde weiterentwickeln, prägte auch die deutsche Romantik. Joseph von Eichendorffs Wanderer, getrieben von unbestimmter Sehnsucht, offen für das Ungeplante, wurde zur Schlüsselgestalt einer ganzen Ära. Und als die Industrialisierung die Städte verdichtete und lärmend machte, wurde die Natur zum Gegenentwurf. Sie wurde zu einem begehbaren Ort der Stille, des Schutzes und des Seelenheils.

Kollektives Wandern bewegt bis heute

Eben jene Sehnsucht nach dergleichen trieb um 1900 die Wandervogel-Bewegung an. Tausende Jugendliche verließen an Wochenenden die Städte, um singend durch Wälder und Mittelgebirge zu ziehen. Sie entflohen so dem engen Korsett des wilhelminischen Zeitalters und fanden dabei in Einfachheit, Gemeinschaft und Naturerlebnissen, was ihnen die bürgerliche Gesellschaft verweigerte. In dieser Bewegung wurzeln noch heute der schulische Wandertag ebenso wie große Wallfahrten, etwa die Pilgerfahrten nach Kevelaer.
Dass kollektives Unterwegssein in Deutschland bis heute nicht nur religiöse, sondern auch säkulare und feierliche Ausprägungen hat, zeigt der Brauch an Christi Himmelfahrt. Der sogenannte Vatertag – regional auch Herrentag oder Männertag –, der dieses Jahr mit dem Tag des Wanderns zusammenfällt, verbindet ausgelassene Männerausflüge mit dem Motiv des gemeinsamen Ziehens durch die Landschaft – eine unterhaltsame Fortsetzung der langen Praxis, in Gruppen draußen Erlebnis und Gemeinschaft zu suchen.

Eine neue Generation wandert

Das Wandern steht jedoch nicht nur für Geselligkeit oder Sportliches, es kann auch ausgleichend und meditativ wirken. Rhythmisches Gehen ordnet die Gedanken, entschärft im Erkunden der weitläufigen Landschaft den Blick und verändert das Zeitgefühl. In einer Zeit der permanenten Erreichbarkeit und zunehmenden Reizüberflutung gewinnt genau diese Erfahrung wieder eine neue Bedeutung. Der Weg durch den Wald schafft eine Brücke ins Innere und bewirkt einen heilsamen Ausgleich.
Deshalb pilgern seit Jahrzehnten Menschen aus ganz Europa nach Santiago de Compostela. Viele suchen dabei weniger religiöse Erfüllung als eine Form innerer Klärung und Erkenntnis. Das Gehen über Wochen hinweg schafft einen Zustand zwischen Konzentration und Loslassen. Und am Ende, so berichten viele Pilger, wartet nicht Erschöpfung oder Ermüdung, sondern Klarheit.
Genau das scheinen auch jüngere Generationen (wieder) für sich zu entdecken. Die Trendstudie „Jugend reist 2022“ zeigte, dass Jugendliche verstärkt Interesse an Erlebnisreisen und dem Wandern haben. Das spiegelt sich auch in Angeboten von Veranstaltern und Verbänden wider, die neben Mallorca inzwischen Alpenüberquerungen und mehrtägige Wanderungen als Abschlussfahrt anbieten. Verbirgt sich hier ein leiser kultureller Wandel, auf der Suche nach Ausgleich, Regeneration und einem neuen Gemeinschaftssinn?

Eine Sehnsucht, die erdet

Erfahrene Wanderer wissen: Gute Wege entstehen dort, wo Zeit bleibt für eine Rast, für entspannte Gespräche und für stille Einkehr oder gemeinsame Verbindung. Die Strecke wird nach Rhythmus und Einklang gewählt, nicht nach sportlichem Ehrgeiz.
Genau deshalb wurden Pilgerwege restauriert, Bahntrassen zu Naturpfaden umgebaut und in den Mittelgebirgen wie Eifel, Harz und Schwarzwald Wanderwege neu erschlossen. Was die Menschen dort hinzieht, ist das archetypische Gefühl der stillen und beruhigenden Zuflucht, während sie auf dem Weg zu sich selbst sind – ein Empfinden, das die deutsche Wanderkultur seit Jahrhunderten trägt.
Von den Gesellen auf der Walz über romantische Dichter bis hin zu jungen Menschen, die wieder längere Wege durch die Natur suchen, zieht sich ein Gedanke durch die Zeit: Wandern ist mehr als Fortkommen. Es schafft Abstand, öffnet den Blick und verschiebt die Perspektive auf das eigene Leben.
In dieser Bewegung zwischen Heimweh und Fernweh, Walz und Jakobsweg, Lagerfeuer und Naturpfad spiegelt sich auch eine leise Antwort auf die Unruhe der Gegenwart. Nicht alles muss schneller, lauter oder weiter werden. Manchmal reicht es, mit offener Wahrnehmung und bewusstem Blick zu gehen. Und so kann schon ein langer Fußmarsch genügen, um das Wesentliche wieder zu spüren: die erhellenden Einsichten, die erst entstehen, wenn sich der Mensch auf der erfüllenden Reise zu sich selbst befindet.