Unsere Freiheit liegt darin, unsere Gedanken zu erkennen, zu entscheiden, ob wir ihnen folgen wollen oder nicht, und Raum für die Stille zu schaffen, die entsteht, wenn wir aufhören, ihnen nachzujagen. - Foto: WeBond Creations/iStock
Die zeitgenössische Kultur fordert uns immer wieder dazu auf, „auf unsere Gefühle zu hören“. Wenn du wütend bist, drücke es aus, wenn du traurig bist, schaffe Raum für dieses Gefühl, und wenn sich etwas „richtig anfühlt“, ist das vielleicht ein Zeichen, danach zu handeln.
Fernsehsendungen bestärken die Botschaft, dass „Gefühle ein innerer Kompass“ seien und der Weg zu einem authentischen Leben über deren Befolgung führe. Auch Karriereberatung beinhaltet oft den Rat, „seinem Herzen zu folgen“.
Aber nicht nur Gefühle spielen eine wichtige Rolle in unserem Leben, Gedanken tun dies auch. Wir leben in einer Zeit, in der Ideen als Währung gehandelt werden – Tweets, Podcastanalysen und geistreiche Gedanken ergießen sich in einem endlosen Strom durch unsere digitalen Feeds. Die Gesellschaft ermutigt uns, „laut zu denken“, Erkenntnisse mühelos und präzise formulieren zu können und ständig persönliche und kollektive Meinungen vorzubringen.
Auf der Suche nach der Quelle
Doch inwieweit gehören diese Gedanken und Gefühle wirklich zu uns? In einem seiner Vorträge berief sich der kanadische Psychologe Dr. Jordan Peterson auf den berühmten Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961), der gesagt habe: „Menschen haben keine Ideen – Ideen haben Menschen.“
Laut Peterson stammen mehr als 90 Prozent dessen, was wir denken, nicht von uns. Es kommt von unseren Eltern, Lehrern, Freunden und der Kultur, die wir über die Jahre aufgesogen haben. Wenn wir sprechen oder denken, sind das oft nicht „wir“. Vielmehr ist es die Stimme eines anderen, die durch uns spricht.
„Darüber sollte man wirklich einmal nachdenken. Denn dann möchte man beobachten, welche Gedanken einem durch den Kopf gehen, und herausfinden, woher sie stammen. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass sie einen genauso kontrollieren, wie eine Marionette vom Puppenspieler gesteuert wird“, so der klinische Psychologe und Autor weiter.
Wenn Gedanken wirklich unsere eigenen sind, warum tauchen sie dann oft unkontrollierbar, ungebeten und manchmal sogar gegen unseren Willen auf? Und warum ist es so schwer, sie zum Schweigen zu bringen, wenn wir es wollen?
Hier bietet die Wissenschaft eine Antwort. In den frühen 2000er-Jahren beobachteten Forscher der Washington University in St. Louis mittels funktioneller Magnetresonanztomografie ein markantes Phänomen. Selbst wenn wir nicht mit einer bestimmten Aufgabe beschäftigt sind, bleiben bestimmte Hirnregionen durchgehend aktiv.
Der US-amerikanische Neurologe Marcus E. Raichle, Hauptautor der Studie und einer der Begründer der Forschung zum sogenannten Default Mode Network, zeigte gemeinsam mit anderen Forschern, dass dieses Netzwerk eng mit drei wiederkehrenden geistigen Prozessen verbunden ist: dem spontanen Fluss von Gedanken und Assoziationen, selbstbezogenem Denken sowie dem Abruf autobiografischer Erinnerungen. Zahlreiche Studien haben diesen Zusammenhang seither bestätigt.
Selbst wenn wir keiner bestimmten Aufgabe nachgehen, bleiben bestimmte Hirnregionen konstant aktiv.
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Es beflügelt also unsere Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft und lässt unseren Geist frei zwischen verschiedenen Ideen schweifen. Doch es beantwortet nicht die grundlegende Frage: Woher kommen diese Gedanken eigentlich?
Das „Default Mode Network“ zaubert Gedanken nicht aus dem Nichts. Es orchestriert, verbindet und fügt lediglich Materialien zusammen. Diese stammen aus den Tiefen unserer Psyche und den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben.
In seinem Buch „Denken und Sprechen“ sprach der russische Entwicklungspsychologe Lew Wygotski (1896–1934) über unsere innere Stimme. Diese werde nicht aus dem Nichts geboren, erklärte Wygotski. Vielmehr werde sie aus externen Stimmen kultiviert. Und diese hörten wir schon seit unserer Kindheit.
Anfangs benutzt das Kind Sprache, um mit anderen – Eltern, Betreuern und Freunden – zu kommunizieren. Im Alter von etwa drei bis sieben Jahren beginnen Kinder, beim Spielen oder Problemlösen laut zu sich selbst zu sprechen. Wygotski nannte dies „egozentrische Rede“ – eine Sprache, die nicht mehr allein an andere gerichtet ist, sondern auch dazu dient, das Selbst zu leiten. Zum Beispiel: „Jetzt nehme ich diesen Klotz und dann baue ich einen Turm.“
Mit der Zeit verstummt diese egozentrische Rede und kehrt sich nach innen. Kinder müssen sie nicht mehr artikulieren – stattdessen „sprechen sie nach innen“. So wird die innere Stimme, die wir als Denken erkennen, geboren.
Wygotski betonte jedoch, dass diese interne Sprache eine markante Form hat. Sie ist abgekürzt, verdichtet und voller Auslassungen. Die Stimme denkt nicht den ganzen Satz: „Ich muss den Bleistift vom Tisch nehmen, um zu schreiben.“ Stattdessen sagt die interne Rede nur: „Bleistift … schreiben.“
Der entscheidende Punkt ist, dass Sprache an sich keine persönliche Erfindung ist. Kinder erschaffen nicht ihre eigenen Wörter oder Satzstrukturen. Sie lernen diese durch die Interaktion mit anderen. Selbst wenn sie laut zu sich selbst sprechen, recyceln Kinder Sprachmuster, die sie in ihrem Umfeld gehört haben. Die Wörter, die Sätze und sogar die Gewohnheit, Handlungen laut zu kommentieren, sind alle in früheren sozialen Kontexten verwurzelt. Mit anderen Worten: Die Stimme in unserem Kopf ist in erster Linie eine externe Stimme, die man verinnerlicht hat.¹
Neben diesem Prozess verinnerlichen wir auch die „Stimme“ unserer sozialen und moralischen Erwartungen. Der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud beschrieb dies als das „Über-Ich“ – den Teil der Persönlichkeit, der sich in der Kindheit durch Identifikation mit elterlicher Autorität und später mit Erziehern und anderen Vorbildern entwickelt. Es ist daher nicht überraschend, dass Menschen die Stimme in ihrem Kopf manchmal als die ihrer Eltern wahrnehmen oder die von anderen bedeutenden Autoritätspersonen ihrer Vergangenheit erleben.²
Doch obwohl die innere Stimme „uns zu gehören“ scheint und in unserem Bewusstsein wirkt, haben wir keine vollständige Kontrolle darüber. Die Psychoanalyse zeigte, dass ein wesentlicher Teil der mentalen Aktivitäten außerhalb unseres Bewusstseins stattfindet. Sigmund Freud (1856–1936) formulierte dies in seinem berühmten Satz:
„Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.“³
Das heißt, unser Bewusstsein hat keine vollständige Souveränität. Es gibt psychische Kräfte wie jene, die aus dem Unbewussten entstehen, die unsere Gedanken ohne bewusste Steuerung prägen.
Unsere innere Stimme wird durch äußere Stimmen geprägt, die wir bereits in unserer Kindheit hören.
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Haben wir einen freien Willen?
Die Tatsache, dass wir nicht jeden einzelnen Gedanken „wählen“, hat Forscher dazu veranlasst, die Natur des freien Willens und die Autonomie des Denkens infrage zu stellen.
Der US-amerikanische Psychologe Daniel Wegner zum Beispiel erklärte, dass das Gefühl des bewussten Willens oft eine Illusion sei. Das Gehirn generiere Gedanken und Handlungen durch unbewusste Prozesse, und erst im Nachhinein erlebten wir das subjektive Gefühl, sie gewollt zu haben, als hätten wir diese Gedanken selbst initiiert. Diese Ansicht deckt sich mit der bereits erwähnten Freud’schen Erkenntnis, dass unbewusste Anteile in uns durch uns „sprechen“ und „denken“.
Wegner stützte sich jedoch nicht auf das Freud’sche Modell. Stattdessen untermauerte er seine Behauptungen mit einer Reihe von Experimenten und empirischen Belegen aus mehreren Fachbereichen. Ein klassisches Experiment, das dieses Thema beleuchtete, wurde in den 1930er- bis 1950er-Jahren von dem kanadischen Neurochirurgen Wilder Penfield durchgeführt.
Während einer Gehirnoperation an Epilepsiepatienten bei vollem Bewusstsein unter nur lokaler Betäubung stimulierte er sanft verschiedene Bereiche des Kortex (Hirnrinde) und fragte die Patienten, was sie dabei empfanden. Als er den motorischen Kortex stimulierte, bewegten sich die Hände, Beine oder das Gesicht des Patienten, manchmal sogar in komplexen koordinierten Bewegungen, die vollkommen willentlich aussahen.
Dennoch berichteten die Patienten, dass die Handlungen nicht von ihnen ausgegangen seien. Sie sagten sinngemäß: „Sie haben meine Hand bewegt; das wollte ich nicht tun.“ Das Experiment enthüllte, dass Bewegungen, sogar komplexe Bewegungen, ausgelöst werden können, ohne dass das Subjekt sie als „freiwillig“ erlebt.
Mit anderen Worten: Das Gefühl des „Willens“ ist möglicherweise eine nachträgliche Hinzufügung – etwas, das erst hinzugefügt wird, nachdem das Gehirn die Handlung bereits eingeleitet hat, und nicht die Ursache dafür.
Das berühmte Experiment des US-Neurowissenschaftlers Benjamin Libet in den 1980er-Jahren wies auf ein ähnliches Ergebnis hin.⁴ Er bat die Teilnehmer, einen Finger zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl zu bewegen und den genauen Moment zu notieren, in dem sie die „Absicht“ verspürten, zu handeln.
Messungen der Hirnströme zeigten, dass das Gehirn etwa eine halbe Sekunde vor dem Bewusstsein des eigenen Handlungswillens mit der Vorbereitung der Handlung begann. Mit anderen Worten: Das subjektive Gefühl „Ich habe mich gerade entschieden“ kam erst, nachdem der neuronale Prozess bereits begonnen hatte.
Das Gehirn erzeugt Gedanken und Handlungen durch unbewusste Prozesse, und erst im Nachhinein erleben wir das subjektive Gefühl, sie gewollt zu haben.
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Dennoch wies Libet den freien Willen nicht zurück. Er stellte fest, dass, obwohl das Gehirn beginnt, die Handlung vor dem Entstehen des bewussten Gewahrseins vorzubereiten, das Bewusstsein jedoch immer noch etwa 200 Millisekunden vor dem Eintreten der Bewegung erscheint, was ein kurzes Zeitfenster schafft, in dem die Handlung noch gestoppt werden kann. Er nannte dies das „Veto-Recht“.
Auch wenn wir nicht jeden Gedanken oder jede Handlung bewusst einleiten, behalten wir dennoch die Fähigkeit, zu verhindern, dass sie ausgeführt werden. Er schrieb:
„Die Existenz einer Veto-Möglichkeit steht außer Zweifel.“
Libet merkte auch an, dass viele Teilnehmer berichteten, einen Drang zum Handeln zu verspüren, sich aber dazu entschlossen, ihn zu unterdrücken.
Aus philosophischer Sicht legt dies nahe, dass unsere Verantwortung möglicherweise nicht bei der Entstehung der Gedanken selbst beginnt. Sie beginnt eher bei unserer Fähigkeit, innezuhalten, zu regulieren und zu wählen: Welchen Gedanken erlauben wir, zu Handlungen zu werden? Diese Idee stimmt mit vielen moralischen und religiösen Traditionen überein, die einen größeren Wert auf Selbstbeherrschung als auf die Kontrolle der Gedanken selbst legen.
Manchmal können die Stimme oder die Gedanken in unserem Kopf so intensiv werden, dass sie uns völlig fremd erscheinen. In der Psychopathologie sind Phänomene wie Stimmenhören, sogenannte auditive Halluzinationen, oder Gedankeneingebung, also die Erfahrung, dass Gedanken scheinbar von einer äußeren Kraft „eingeflößt“ werden, gut dokumentiert.
Diese Phänomene treten besonders im Zusammenhang mit Schizophrenie auf. Aber die Idee, dass unsere Gedanken oder unsere innere Stimme aus einer externen Quelle stammen könnten, ist nicht auf Krankheitsbilder beschränkt. Sie findet sich in der Philosophie, der klassischen Literatur und den religiösen Schriften immer wieder. Generationen von Denkern haben sich damit auseinandergesetzt. Wohnen Vernunft, Inspiration und Intuition dem Individuum inne? Oder werden sie uns von externen Kräften – Gott, Musen oder anderen Entitäten – gegeben?
Eine der bekanntesten diesbezüglichen Überlieferungen stammt von dem griechischen Philosophen Sokrates (469–399 v. Chr.).
Wie Platon in seinen Dialogen beschrieb, behauptete Sokrates, dass er sein Leben lang von einer inneren Stimme begleitet wurde. Er nannte sie Daimonion. Diese Stimme erschien immer als Warnung und hielt ihn davon ab, bestimmte Handlungen auszuführen. Jedoch befahl sie ihm niemals, etwas Bestimmtes zu tun.
Platon berichtete auch von der berühmten Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht:
„Hiervon ist nun die Ursache, was ihr mich oft und vielfältig sagen gehört habt, daß mir etwas Göttliches und Daimonisches widerfährt, was auch Meletos in seiner Anklage auf Spott gezogen hat. Mir aber ist dieses von meiner Kindheit an geschehen: eine Stimme nämlich, welche jedesmal, wenn sie sich hören läßt, mir von etwas abredet, was ich tun will, – zugeredet aber hat sie mir nie. Das ist es, was sich mir widersetzt, daß ich nicht soll Staatsgeschäfte betreiben. Und sehr mit Recht scheint es mir sich dem zu widersetzen: Denn wißt nur, ihr Athener, wenn ich schon vor langer Zeit unternommen hätte Staatsgeschäfte zu betreiben, so wäre ich auch schon längst umgekommen und hätte weder euch etwas genutzt noch auch mir selbst.“
Wir hören eine innere Stimme, die uns leitet oder warnt, ob wir sie nun als Wirken der moralischen Vernunft oder als Verkörperung einer göttlichen Macht verstehen.
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Über die Generationen hinweg wurden verschiedene Interpretationen von Sokrates’ Daimonion vorgeschlagen. Platonische Philosophen sahen darin einen göttlichen Schutzgeist. Frühe christliche Schriftsteller interpretierten es als Schutzengel⁵ und zu anderen Zeiten umgekehrt als täuschenden Dämon. Andere legten nahe, es sei nichts weiter als eine poetische Beschreibung seines Gewissens oder einer tiefen moralischen Intuition. Platon selbst ließ es für Interpretationen offen.
Sicher jedoch ist, dass die Erfahrung real ist. Wir hören eine innere Stimme, die uns leitet oder warnt, ob wir sie nun als das Wirken moralischer Vernunft oder als die Verkörperung einer göttlichen Kraft verstehen.
Sokrates selbst wählte die transzendente Interpretation: Seine Stimme war nicht allein die seine, sondern ein Ausdruck göttlicher Präsenz in ihm. Schon in der Antike glaubte man, dass Dichter und Künstler keine vollständige Kontrolle über ihre Ideen besäßen. Stattdessen würden sie von Musen oder göttlichen Entitäten geleitet.
Homers „Odyssee“ etwa beginnt mit einer direkten Anrufung der Muse. Sie wird gebeten, die Geschichte durch den Dichter zu erzählen.⁶ In Platons Dialog „Ion“ entwickelt Sokrates diese Idee weiter.⁷ Der Dichter ist demnach ein Glied in einer Kette göttlicher Inspiration. Die Muse „berührt“ die Seele des Dichters, der Dichter ist erfüllt von Aufregung und singt. Somit gibt er die Botschaft an das Publikum weiter.
Mit anderen Worten: Das Gedicht und die Idee sind nicht wirklich die des Dichters. Sie sind Ausdruck einer göttlichen Kraft, die durch ihn wirkt. Eine ähnliche Idee taucht in der biblischen Tradition auf. Die Propheten begannen ihre Prophezeiungen wiederholt mit „Und das Wort des Herrn kam zu mir und sprach …“
Die Propheten formulierten ihre Ideen nicht aus eigener Kraft. Sie hörten das Wort Gottes manchmal als eine tatsächliche Stimme, wie etwa Moses am brennenden Dornbusch. Manchmal erschien es als Vision und manchmal als eine subtile innere Erfahrung, wie der Prophet Elia es beschrieb.
Jahrhunderte später untersuchte der russische Romanautor Fjodor Dostojewski diese Idee in einem düsteren Kontext. In dem Roman „Die Brüder Karamasow“ porträtierte der Autor ein langes Gespräch zwischen Iwan Karamasow, dem gequälten Intellektuellen, und dem Teufel.⁸ Es ist unklar, ob dies ein echter Dämon, eine Halluzination oder das Spiegelbild einer psychischen Erkrankung ist.
August 2024, Bad Homburg: Eine Statue des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski vom Künstler Nikolai Karlychanow in einem öffentlichen Park.
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Der Teufel offenbart sich als Iwans Doppelgänger, der mit der Stimme seiner Zweifel, seiner Verzweiflung und seines Spotts spricht, als hätte die innere Stimme eine eigene Form angenommen. Iwan ruft aus: „Du bist meine Halluzination. Du bist die Verkörperung meines Ich, übrigens nur eines Teiles meines Ich […] meiner Gedanken und Gefühle, aber nur der niedrigsten und dümmsten. Von diesem Gesichtspunkte aus könntest du mich sogar interessieren, wenn ich nur Zeit hätte, mich mit dir abzugeben […].“
Doch dann nimmt der Austausch eine dunklere Wendung. Der Teufel, die innere Stimme, erzählt Iwan Details, die Iwan selbst nicht bewusst wusste. Iwan ist erschüttert und äußert, dass dies nicht von ihm kommen könne. Der Teufel antwortet mit einer scharfen psychologischen Einsicht: Manchmal könne er ihm als „Ich“ mit seiner inneren Stimme in seinem Traum originelle Dinge erzählen, die er nie gewusst habe, und doch sei der Teufel niemand anderes als er selbst in seinem Traum.
In dem Roman „Die Dämonen“ entwickelt Dostojewski eine ähnliche Idee in symbolischen Begriffen: Revolutionäre und gottlose Ideen werden als „Dämonen“ beschrieben, die in die Seelen junger Menschen eindringen und von ihnen Besitz ergreifen.
Aus seiner Perspektive sind kollektive Ideologien fast wie fremde Entitäten – dunkle spirituelle Kräfte, die die Gestalt von Ideen annehmen und in das menschliche Bewusstsein einziehen.
Den Pfeil herausziehen
In einem Vortrag von Eckhart Tolle, einem populären deutschen spirituellen Lehrer und Autor von Selbsthilfebüchern, fragte ihn eine Frau, wie es sein könne, dass sie Gedanken und Emotionen wie Eifersucht, Wettbewerbsdenken und Angst erlebe, die sich nicht wirklich wie ihre eigenen anfühlten. Sie fragte sich, woher diese wohl kämen und ob sie ein unvermeidlicher Teil des Lebens selbst seien.
Tolle antwortete mit einer buddhistischen Geschichte: Ein Mann wurde mit einem vergifteten Pfeil angeschossen. Doch anstatt diesen vom Arzt herausziehen zu lassen, wollte der Mann erst noch herausfinden, wer ihn geschossen hatte und warum und was für ein Pfeil das war. Die Botschaft des Buddhas sei jedoch gewesen, dass es das Wichtigste sei, den Pfeil herauszuziehen, nicht, seine Ursprünge zu untersuchen.
Der Buddhismus betont in der Tat die Vergänglichkeit von Gedanken und die Tatsache, dass sie kein festes „Selbst“ haben. Die meditative Praxis lehrt Menschen, Gedanken zu beobachten, wie sie erscheinen und verschwinden, genau auf die Weise, wie sie kamen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren und ohne sich von ihnen „vergiften“ zu lassen.
In diesem Sinne bietet der Buddhismus eine dritte Sichtweise: Gedanken sind weder intern noch extern. Sie entstehen und vergehen, ohne einem dauerhaften Selbst zu gehören. Tolle bot auch eine modernere, metaphysische Erklärung an und erklärte der Frau, dass viele ihrer Gedanken nicht wirklich ihre seien. Sie entsprängen dem kollektiven Bewusstsein oder energetischen Wesenheiten. Wenn jene mit etwas im Menschen in Resonanz träten, verbänden sie sich damit und verstärkten es. So könne sich aus einer kleinen Verärgerung schnell großer Zorn entwickeln.
Die meditative Praxis lehrt, Gedanken zu beobachten, wie sie kommen und gehen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren.
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Laut Tolle ist das, was wir als „unseren Geist“ erleben, tatsächlich etwas viel Breiteres. Es existiere außerhalb von uns und beeinflusse uns dennoch. Viele Gedanken sind nicht persönlich, und die damit verbundenen Emotionen sind es auch nicht, obwohl wir sie als solche erleben.
Tolle sprach auch von kollektiven Gedankenformen, die ganze Völker in Besitz genommen hätten, und brachte die Beispiele des sowjetischen Kommunismus und des Maoismus in China. Millionen Menschen hätten in gleichen Mustern gedacht. In der heutigen Kultur würden kollektive Gedanken durch Medien verbreitet und zu fast unanfechtbaren Grundannahmen. Wenn man sich dessen nicht bewusst sei, könne das verheerend sein.
Am Ende wissen wir vielleicht nie, „wessen“ Gedanken in uns wohnen. Sind es unsere, die anderer, die des Unbewussten oder die des kollektiven Geistes? Aber wenn wir in der Lage sind, innezuhalten, zu beobachten und uns selbst zu fragen, woher diese Stimme, die ich jetzt in meinem Kopf höre, kommt, zeigen wir bereits ein Maß an Freiheit von diesen Gedanken.
Vielleicht liegt unsere Freiheit nicht in der absoluten Kontrolle über unsere Gedanken, sondern genau in der Fähigkeit, sie zu erkennen, zu wählen, ob man sich ihnen anschließt oder nicht, und Raum für die Stille zu schaffen, die eintritt, wenn wir aufhören, ihnen nachzujagen.
Das Zögern vor Beginn einer schwierigen Aufgabe ist oft der schwierigste Moment, den es zu überwinden gilt. - Foto: Jacob Wackerhausen/iStock
Ein überschwemmtes Badezimmer muss aufgewischt werden. Ein unangenehmer Telefonanruf schwebt wie ein Amboss über Ihrem Kopf. Auf Ihrem Schreibtisch starrt Sie ein massives Arbeitsprojekt mit trotzigen Augen an.
Gefürchtete Aufgaben können Ihre Knie in Wackelpudding verwandeln und Sie in einem Sumpf der Lähmung verharren lassen. Manchmal verhindert der bloße Gedanke an das Bevorstehende, den ersten Schritt in der Sache zu unternehmen.
Genau das ist der Moment, in dem Sie handeln sollten, um diese fesselnden Kräfte mit Klugheit zu überwinden. Es gibt bestimmte Strategien, die Sie in eine bessere Startposition bringen und es Ihnen einfacher machen, eine einschüchternde Aufgabe anzupacken. Manche davon hören sich einfach an, werden aber dennoch häufig vergessen.
1. Machen Sie sich einen Plan
Erfolg entspringt einem Plan. Große Ziele können nicht erreicht werden, ohne dass derjenige, der sie erreicht, eine Vorstellung davon hat, wie er sie in kleinere, überschaubare Teile zerlegt. Einen Marathon zu laufen, ist eine einschüchternde Aufgabe. Zu versuchen, dies ohne einen Aktionsplan zu erreichen, ist wie der Aufbruch zu einer langen Reise ohne Karte, in der bloßen Hoffnung, dass man irgendwann zufällig auf sein Ziel stößt. Kein Wunder, dass Sie sich überwältigt fühlen.
Erfolgreiche Marathonläufer setzen sich Zwischenziele und finden heraus, wie sie dorthin gelangen: eine gesunde Ernährung einhalten, die richtige Laufform erlernen, 1 Meile laufen, einen 5-Kilometer-Lauf absolvieren und so weiter und so fort. Einzeln für sich ist jede Aufgabe durchaus machbar. Dann kombiniert der Läufer diese einzelnen Aufgaben und der Fortschritt explodiert geradezu nach vorn in Richtung des Endziels.
Wenn eine komplexe Aufgabe in einfache Schritte zerlegt wird, wird sie weniger einschüchternd und Sie wissen, wo Sie anfangen müssen. Das bringt uns zum nächsten Tipp.
2. Die „2-Minuten-Regel“: Senken Sie die Hemmschwelle
Bestsellerautor James Clear erklärt auf seinem Blog und in seinem Buch „Atomic Habits: Tiny Changes, Remarkable Results“ („Die 1%-Methode – Minimale Veränderung, maximale Wirkung“), wie man neue Gewohnheiten aufbaut, indem man sie in überschaubare Schritte unterteilt.
Dasselbe Prinzip lässt sich auf jede neue Aktivität anwenden, selbst auf eine scheinbar schwierige Aufgabe. Clear nennt es die „2-Minuten-Regel“: „Wenn Sie eine neue Gewohnheit beginnen, sollte es weniger als 2 Minuten dauern, sie umzusetzen.“ Er erklärt, dass fast jede neue Gewohnheit auf eine Miniaturversion von 2 Minuten reduziert werden kann.
Zum Beispiel wird „für den Unterricht lernen“ zu „mein Notizbuch öffnen“. „3 Meilen laufen“ wird zu „meine Laufschuhe binden“. Jemand kann diese neuen Gewohnheiten aufbauen, indem er sich anfangs darauf konzentriert, die 2-Minuten-Version beständig auszuführen, bevor er zur vollständigen Gewohnheit übergeht.
Ein komplexes Ziel in kleinere Schritte zu unterteilen, erleichtert den Einstieg und den Fortbestand des Ziels.
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Eine ähnliche Logik lässt sich auch auf eine konkrete, scheinbar unüberwindbare Aufgabe anwenden. Zerlegen Sie sie in überschaubare Stücke. Setzen Sie sich nicht selbst unter Druck, das Ganze auf einmal fertigzustellen. Das Geheimnis ist, in eine Art Schwung zu kommen, und manchmal erfordert das, die Aufgabe in einer Form zu vereinfachen, die Sie nicht mehr einschüchtert.
Müssen Sie das ganze Haus putzen? Verbringen Sie einfach 2 Minuten damit, ein paar Dinge wegzuräumen. Das kann jeder – kein Schweiß.
Oftmals werden Sie, sobald Sie erst einmal in Fahrt sind, feststellen, dass Sie mehr tun können, als Sie anfangs dachten. Ehe Sie sich versehen, ist die Aufgabe zur Hälfte erledigt.
An dieser Stelle kann uns auch der sogenannte Zeigarnik-Effekt helfen. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, bei dem wir uns an unerledigte Aufgaben erinnern und über sie nachdenken, was uns dazu antreibt, sie abzuschließen. Ein noch so einfacher Einstieg in die Aufgabe reicht aus, um den psychologischen Impuls aufzubauen, sie auch zu beenden.
3. Nutzen Sie Ihr eigenes Überraschungsmoment
Die Zeit ist der Feind. Damit meine ich: Je mehr Zeit Sie sich selbst geben, bevor Sie sich in die schwierige Aufgabe stürzen, desto mehr Raum bieten Sie für das Auftauchen von Hindernissen. Der wahre Krieg spielt sich im Kopf ab. Je länger Sie zögern, desto leichter ist es für Zweifel, Ängste und Ablenkungen, Ihre Gedanken zu überfluten, und genau diese halten Sie zurück.
Ich mache mir oft selbst etwas vor, dass ich mich zu Beginn des Arbeitstages erst einmal „einrichten“ müsste, bevor ich mit meinen Projekten beginne. Ich bilde mir ein, ich müsste meine E-Mails überprüfen, vielleicht ein paar Schlagzeilen überfliegen, etwas Tee kochen und einige Papiere ordnen.
Aber all dies gibt dem Feind – der Prokrastination, auch bekannt als Aufschieberitis – mehr Gelegenheiten, zuzuschlagen. Um diesen Krieg zu gewinnen, muss man das Überraschungsmoment nutzen – in diesem Fall, sich selbst zu überraschen. Sie sollten bereits an der schwierigen Aufgabe arbeiten, noch bevor Sie es überhaupt bemerken.
Gretchen Rubin, Autorin von „The Happiness Project“, schrieb für „Psychology Today“: „Geloben Sie sich selbst am Vorabend, die gefürchtete Aufgabe zu erledigen. Und am nächsten Tag, sobald es möglich ist – sobald Sie zur Arbeit kommen oder wenn das Büro öffnet oder wann immer Sie wollen –, tun Sie es einfach. Erlauben Sie sich nicht, nachzudenken oder es aufzuschieben.“
4. In Schwung bleiben – durch kleine tägliche Anstrengungen
Wie Jeff Olson in „The Slight Edge“ („Slight Edge – Der kleine Vorsprung“) erklärt, stammt atemberaubender Erfolg letztendlich von scheinbar unbedeutender täglicher Disziplin, die sich im Laufe der Zeit exponentiell anhäuft. Schreiben Sie 200 Wörter pro Tag und Sie werden am Ende des Jahres ein Buch haben. Sparen Sie 20 Dollar pro Tag, und das summiert sich auf 7.300 Dollar an Ersparnissen für das Jahr.
Beständigkeit ist der Schlüssel. Große Dinge passieren, wenn wir jeden Tag auftauchen, selbst wenn es nur für 10 oder 20 Minuten ist. An manchen Tagen fließt die Arbeit mühelos wie ein Gebirgsbach. An anderen Tagen fühlt es sich wie ein schlammiges Moor an. Aber das spielt keine Rolle. Ob viel oder wenig in der zugewiesenen Zeit passiert, Sie machen Fortschritte und halten den Schwung aufrecht.
Leo Tolstoi, einer der größten Romanautoren aller Zeiten, der im Laufe seiner Karriere Tausende Seiten schrieb, sagte: „Ich muss jeden Tag ohne Ausnahme schreiben, nicht so sehr für den Erfolg der Arbeit, sondern um nicht aus meiner Routine zu kommen.“
Wer sofort mit der Arbeit beginnt, kann sich besser auf das Wesentliche konzentrieren.
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5. Bearbeiten Sie Ihr mentales Gerüst neu
Die Psychologin Jennice Vilhauer rät allen, die mit Motivationsproblemen zu kämpfen haben, ihre Einstellung zu der schwierigen Aufgabe zu ändern. „Wenn Sie sich selbst immer wieder erzählen, was für eine langweilige, schreckliche Aufgabe es ist, wird sie in Ihrem Kopf umso mehr genau so erscheinen“, erklärt sie in einem Artikel für „Psychology Today“.
Eine andere Sichtweise auf die Aufgabe kann die aufkommenden negativen Gefühle lindern. Vilhauer empfiehlt: „Erinnern Sie sich selbst daran, warum Sie es tun und wie gut es sich anfühlen wird, wenn es erst einmal erledigt ist. Denken Sie an die Vorteile, die sich durch die Erledigung der Aufgabe ergeben, wie zum Beispiel weniger Stress, ein sauberes Zuhause oder positives Feedback von Ihrem Chef.“
Die Vorteile, die sich aus dem Erledigen der Aufgabe ergeben, können selbstbelohnender Natur sein: ins Restaurant gehen oder etwas von der Wunschliste kaufen. Sie könnten aber auch naturgemäß mit der Aufgabe verbunden sein: der Aufstieg in der Karriereleiter am Arbeitsplatz, die Beruhigung einer schwierigen Situation mit einem Familienmitglied, das Erwirtschaften von benötigtem Einkommen oder das Erleichtern des Lebens für jemand anderen.
Manchmal kann das Zurücktreten, um den Panoramablick auf das Ganze und Ihre Gründe für das Ausüben der Aktivität aufzunehmen, die Reibung verringern, die damit verbunden ist, seine Hand jeden Tag an den Pflug zu legen.
Manchmal kann es helfen, einen Schritt zurückzutreten und das Ganze aus der Vogelperspektive zu betrachten. So kann man sich der eigenen Beweggründe für die jeweilige Tätigkeit bewusst werden. Man kann dadurch auch Reibungsverluste verringern, die mit der täglichen Arbeit verbunden sind.
Unangenehme Aufgaben durchziehen unser ganzes Leben. Es führt kein Weg daran vorbei. Doch oft erweisen sich diese Aufgaben als einige der bedeutungsvollsten, die wir ausführen. Alles, was wir tun müssen, ist anzufangen.
Manchmal müssen Prozesse gestoppt werden, um weiteren Schaden zu verhindern. - Foto: BrianAJackson/iStock
Joel und Clementine trafen sich zufällig. Es war an einem Strand in Long Island, New York. Was als flüchtige Affäre begann, wuchs zu Liebe heran. Doch dann, nach zwei Jahren des Zusammenlebens, trennten sich ihre Wege.
Um den Schmerz ihrer Trennung zu vermeiden, beschlossen beide, sich einem medizinischen Verfahren zu unterziehen. Dieses versprach, ihre Erinnerung an ihre Bekanntschaft und Beziehung zu löschen. Ab diesem Punkt wird die Handlung des Films „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ („Vergiss mein nicht!“) kompliziert. Wie sich nämlich herausstellt, ist der Prozess der Löschung der Erinnerungen alles andere als einfach.
Im wirklichen Leben stehen wir vor einer ähnlichen Herausforderung. Unerwünschte Gedanken und Erinnerungen können auftauchen und in unser Bewusstsein eindringen. Sie zeigen sich manchmal als schwelender, ungelöster Konflikt mit einem Kollegen oder als schmerzhafte Kindheitserinnerung. Sie schleichen sich sogar als Gedanken an süßen Kuchen ein, während man eigentlich abnehmen will. Und sie springen wie von selbst auf oder zeigen sich infolge irgendeines Auslösers. Das ist manchmal nur ein Wort, das jemand sagt. Manchmal ist es ein Ort, den man einmal besucht hat. Manchmal ist es vielleicht ein bestimmter Duft.
Ein berühmtes Experiment
Diese vertraute Erfahrung bestätigte der Psychologe Daniel Wegner in seinem berühmten Eisbärenexperiment. Wegner ist bekannt für seine Theorie der Illusion des bewussten Willens. Einmal las er Dostojewskis „Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke“ von 1863. Ein Satz erregte seine Aufmerksamkeit:
„Stelle dir selbst diese Aufgabe: Denke nicht an einen Eisbären, und du wirst sehen, dass dieses verfluchte Ding jede Minute in deinem Kopf sein wird.“
„Ich war wirklich angetan davon“, erinnerte er sich später. „Es schien so wahr zu sein.“
Wegner war so fasziniert, dass er beschloss, Dostojewskis 100 Jahre alte Behauptung in einem kontrollierten Experiment zu testen. Er erarbeitete eine Frage, die er in der Studie stellte. Wegner fragte: „Können Menschen aufhören, an weiße Bären zu denken, wenn sie dazu angewiesen werden?“
„Stelle dir selbst diese Aufgabe: Denke nicht an einen Eisbären, und du wirst sehen, dass dieses verfluchte Ding jede Minute in deinem Kopf sein wird.“ (Dostojewski)
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Die 34 Teilnehmer des Experiments wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Gruppe A wurde angewiesen, nicht an weiße Bären zu denken. Sollte der Gedanke dennoch auftauchen, sollten sie eine Glocke läuten. Die Gruppe sollte dann für 5 Minuten ihren Gedankenstrom protokollieren. Gruppe B sollte mit dem Gegenteil arbeiten. Sie sollte an weiße Bären denken. Man stellte fest, dass die Teilnehmer der Gruppe A durchschnittlich öfter als einmal pro Minute an weiße Bären dachten.
In der nächsten Phase bat man die Teilnehmer der Gruppe A, 5 Minuten lang an weiße Bären zu denken. Die Forscher verglichen dann die Ergebnisse dieser Gruppe mit denen der Gruppe B aus der vorherigen Phase. Die Ergebnisse zeigten, dass Gruppe A öfter an weiße Bären dachte als die Teilnehmer der Gruppe B. Das deutete auf eines hin: Der Versuch, nicht an eine Sache zu denken, kann diesen Gedanken sogar noch stärker machen.
Jahrelang wurden Wegners Ergebnisse als Beweis dafür akzeptiert, dass es schwierig bis unmöglich ist, unerwünschte Gedanken oder Erinnerungen abzuweisen. Im Jahr 2001 erfand Michael Anderson, ein Psychologe an der Universität von Oregon, eine neue Version des Weiße-Bären-Experiments. Er bewies, dass es möglich ist, unerwünschte Gedanken zu stoppen. Es kam nur darauf an, wie viel Mühe man sich bei der Aufgabe gab.
Ein besserer Weg, zu vergessen
Andersons Schwerpunkt lag auf der bewussten Abweisung von Gedanken, im Gegensatz zu traumatischen Gedanken und Erinnerungen, die in das Unterbewusstsein verdrängt wurden, wie Freud es in seiner Theorie der Verdrängung als Abwehrmechanismus beschrieb. Die Aufgabe, die Anderson und seine Kollegen den Teilnehmern gaben, wurde als die „Think/No-Think“-Aufgabe (Denken/Nicht-denken-Aufgabe) bezeichnet. Sie projizierten 40 Paare von nicht miteinander verwandten Wörtern – beispielsweise Schaukel–Kakerlake – auf einen Bildschirm vor 32 Studenten. Die Aufgabe bestand darin, sich die Wortpaare einzuprägen. Um das zu tun, lernten die Teilnehmer, die Wörter assoziativ miteinander zu verknüpfen. Auf diese Weise wurde das erste Wort in jeder Paarung zu einem assoziativen Auslöser für das zweite Wort.
Dann begann das Spiel. Wenn das erste Wort eines Paares erschien, zum Beispiel „Arzt“, wurden die Teilnehmer gebeten, entweder an das zweite Wort, „Regenschirm“, zu „denken“ oder alternativ „nicht zu denken“ und es aktiv aus dem Gedächtnis zu löschen, sobald es auftauchte.
Wenn die Anweisung „löschen“ lautete, betonten die Forscher, dass die Teilnehmer absolut nicht zulassen durften, dass das zweite Wort in ihr Bewusstsein eindringt. Wenn ein Teilnehmer fälschlicherweise das zweite Wort sagte, ertönte ein lautes Läuten, was den „Fehler“ signalisierte. Umgekehrt wurden die Teilnehmer angewiesen, sich für die etwa 4 Sekunden, in denen das erste Wort allein auf dem Bildschirm erschien, voll auf dieses zu konzentrieren. Dadurch wollte man verhindern, dass ihre Gedanken zum zweiten Wort abschweifen.
Was tun, wenn unerwünschte Gedanken und Erinnerungen zu stark in Erscheinung treten?
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Das Ziel der Denken/Nicht-denken-Aufgabe war es, festzustellen, ob das Abwehren des Eintritts einer bestimmten Erinnerung in das Bewusstsein deren späteres Wiederauftreten verhindern würde. Um zu testen, ob die Teilnehmer das zweite Wort in dem Paar wirklich vergessen hatten, wurde den Teilnehmern in der nächsten Phase des Experiments mitgeteilt, dass die Nicht-denken-Anweisung nicht mehr relevant sei. Stattdessen sollten sie jetzt, wenn ihnen ein Wort aus einem Paar gezeigt wurde, zum Beispiel „Arzt“, das zweite Wort, „Regenschirm“, sagen.
Die Erinnerungen verblassen lassen
Die Studie kam zu folgenden Schlussfolgerungen: Jene Teilnehmer, denen die Nicht-denken-Anweisung gegeben worden war, vergaßen erfolgreich – bis zu einem gewissen Grad – die Wörter, die sie auch aktiv zu vergessen versucht hatten. Je öfter die Teilnehmer die Nicht-denken-Übung wiederholten, desto stärker gerieten die Wörter in Vergessenheit. Je mehr sie das Vergessen übten, desto mehr gelang es ihnen, zu vergessen. 16 Versuche des Vergessens führten zu ungefähr 13 Prozent verminderter Erinnerung.
Die Ergebnisse des Experiments spiegeln die vertraute Erfahrung eines Gedankens oder einer Erinnerung wider, die als Reaktion auf einen Umweltreiz – ein bestimmtes Wort, ein Geräusch oder einen Anblick – in unser Bewusstsein ploppt. Und sie zeigen, dass wir wählen können, ob wir dem Gedanken oder der Erinnerung erlauben, in unserem Bewusstsein zu bleiben, oder ob wir sie aktiv herausschieben.
„Die Denken/Nicht-denken-Aufgabe ermöglicht eine Unterdrückung, weil die Verwendung von Hinweisreizen bewirkt, dass Menschen nicht direkt an jene Erinnerungen erinnert werden, die sie auszublenden versuchen“, erklärte Daniel Schacter, ein Psychologieprofessor an der Harvard-Universität. Schacter, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Erforschung des menschlichen Gedächtnisses, verwies auf den Umkehrschluss: „Beim weißen Bären versucht man, den weißen Bären selbst zu unterdrücken, also denkt man unweigerlich an den weißen Bären. Das kann diesem Gedanken für ein erneutes Wiederauftauchen im Gedächtnis den Weg ebnen, und zwar auf eine Weise, wie es bei ‚Denken/Nicht-denken‘ nicht passiert.“
Kämpfe nicht gegen unerwünschte Gedanken an. Trainiere dein Gehirn, sie zu verdrängen.
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Anderson und seine Kollegen wiederholten das Experiment später und erzielten ähnliche Ergebnisse. Anschließend führten sie eine weitere Studie durch, um die biologischen Grundlagen des Vergessens zu untersuchen. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie zeichneten sie während des Experiments die Gehirnaktivität der Teilnehmer auf. Dabei zeigte sich, dass Personen, die die Nicht-denken-Aufgabe ausführten, eine verringerte Aktivität im Hippocampus aufwiesen. Diese beidseitig im medialen Schläfenlappen gelegene Hirnstruktur spielt eine zentrale Rolle bei der Bildung neuer Erinnerungen sowie bei der Verknüpfung und dem Abruf gespeicherter Gedächtnisinhalte.
Der Dominoeffekt des Vergessens
In einem Folgeexperiment modifizierten Anderson und seine Kollegen das Verfahren leicht – und die Ergebnisse waren überraschend. Dieses Mal unterzogen sich insgesamt 381 Teilnehmer einem ähnlichen Denken/Nicht-denken-Prozess. Im Gegensatz zu dem früheren Experiment wurde ihnen jedoch nach jedem Wortpaar und nach der Denken/Nicht-denken-Anweisung ein zufälliges Bild gezeigt, zum Beispiel ein Papagei auf einem Parkplatz oder ein Fußball auf einem Couchtisch. Sie wurden gebeten, sich vorzustellen, wie das Objekt an diesem Ort gelandet ist. Während des gesamten Experiments scannten die Forscher die Gehirne der Teilnehmer mit einem MRT-Gerät.
Das überraschende Ergebnis des Experiments: Der Aktivitätsabfall im Hippocampus, der durch die Nicht-denken-Anweisung bezüglich des zweiten Wortes ausgelöst wurde, beeinträchtigte auch das Gedächtnis für Ereignisse direkt davor und danach. So verblassten beispielsweise die Erinnerungen an die zufälligen Bilder wie den Papagei auf dem Parkplatz. Das Experiment zeigte, dass die Fähigkeit der Teilnehmer, sich an diese Bilder zu erinnern, durch die Nicht-denken-Anweisung um 45 Prozent sank.
Anderson nannte dieses Phänomen „amnesic shadow“ (amnestischer Schatten). Es ist noch nicht klar, wie lange dieser amnestische Schatten anhält. In diesem Experiment behaupteten die Forscher, dass er mindestens 24 Stunden lang angedauert habe.
Justin Hulbert, ein Co-Autor der oben genannten Studie und außerordentlicher Professor für Neurowissenschaften am Bard College, aktuell am Bates College, erklärte die Bedeutung des Verständnisses des Phänomens des amnestischen Schattens und wie dieses Wissen unsere täglichen Kämpfe beleuchten kann. „So könnte jemand Schwierigkeiten haben, sich zu erinnern, ob er die Kinder um 15 oder um 17 Uhr abholen sollte, einfach weil diese Vereinbarung zeitnah zu dem Zeitpunkt besprochen wurde, als die Person Gedanken an einen früheren Streit unterdrückte, den sie mit jemandem hatte.“
Hulbert erklärte, dass der amnestische Schatten auch zu unserem Vorteil genutzt werden kann. Angenommen, Sie wollen aufhören, an Kuchen zu denken. Jeder Versuch, den Gedanken zu töten, wird so sein wie der Versuch, nicht an weiße Bären zu denken.
Er schlug vor, die Wortpaartechnik aus den früheren Experimenten anzuwenden. Wählen Sie zwei Wörter aus und prägen Sie sich diese ein. Immer wenn Ihnen das erste Wort in den Sinn kommt, versuchen Sie aktiv, das zweite Wort zu vergessen. Fügen Sie als Nächstes ein Wort, ein Geräusch oder einen Geruch hinzu, der „Kuchen“ in den Sinn ruft. Da der Hippocampus nun unteraktiv ist, werden Sie eher dazu neigen, den unerwünschten Gedanken – den Kuchen – zu vergessen.
Für diejenigen, denen dieser Ansatz zu umständlich erscheint, schlugen Hulbert und seine Kollegen eine einfachere Alternative vor, nämlich das Erzeugen ablenkender Gedanken. Dieser Ansatz vermeidet zudem die Nebenwirkung des sogenannten amnestischen Schattens. Stellen wir uns als Beispiel vor, Sie sind auf Diät und werden dem verlockenden Aroma von frischem Gebäck ausgesetzt, das Sie an Donuts erinnert. Anstatt an Donuts zu denken, können Sie sich darauf trainieren, bei jedem Auftreten dieses Geruchs automatisch an etwas anderes zu denken, etwa an rote Rosen.
Wenn Ablenkung nur die eigene Verteidigung schwächt.
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Weitere Tipps gegen unerwünschte Gedanken
Wegner, der Psychologe hinter dem Weiße-Bären-Gedankenstopp-Experiment, schlug in der Folge mehrere Ansätze vor, die untersucht wurden. Diese können dabei helfen, unerwünschte Gedanken abzuweisen.
Der erste Ansatz basiert auf dem Prinzip der Aufhebung der mentalen Überlastung. Allgemein wird angenommen, dass eine intensive Beschäftigung mit mental zu bewältigenden Herausforderungen im Beruf oder im Alltag von unerwünschten Gedanken ablenkt. Wegner argumentierte jedoch auf Basis verschiedener Studien, dass das Gegenteil der Fall sei. Kognitive Überlastung und Stress erschwerten es dem Gehirn, unerwünschte Gedanken abzuweisen. Paradoxerweise traten sie sogar noch häufiger auf.
Untersuchungen ergaben, dass Menschen, die unter Schlafmangel leiden, mehr unerwünschte Gedanken und Erinnerungen erleben. Im Umkehrschluss störten unerwünschte Gedanken und Erinnerungen auch den Schlaf, „sodass es zu einem Teufelskreis wird“, erklärte Scott Cairney, ein kognitiver Neurowissenschaftler und Mitarbeiter an der Studie.
Ein weiterer Ansatz besteht darin, willkürlich feste Zeitfenster für den Umgang mit unerwünschten Gedanken festzulegen. Diese Methode wurde vor allem im Zusammenhang mit Sorgen und Grübelgedanken untersucht. Studien zeigen einen teilweisen Erfolg. Probanden, die eine bestimmte Tageszeit einplanten, um sich bewusst mit ihren Sorgen auseinanderzusetzen, konnten sich anschließend besser auf die Gegenwart konzentrieren und diese Gedanken im restlichen Tagesverlauf häufiger zurückstellen.
Vertrautere Techniken zur Förderung mentaler Ruhe umfassen Atem- und Meditationsübungen. Michael Mrazek, Forschungsmitarbeiter an der University of California in Santa Barbara, konnte zeigen, dass bestimmte meditative Praktiken die Konzentrationsfähigkeit verbessern und das Auftreten unerwünschter Gedanken reduzieren können. In einem Experiment zeigte sich, dass bereits 8 Minuten achtsames Atmen das gedankliche Abschweifen im Vergleich zum Lesen oder zu passiver Entspannung deutlich verringerte. Die zugrunde liegende Annahme ist, dass erhöhte Aufmerksamkeit und mentale Ruhe helfen können, besser mit unerwünschten Gedanken umzugehen.
Dabei ist jedoch, wie die Forscher betonen, zu beachten, dass das gezielte Zurückdrängen unerwünschter Gedanken und Erinnerungen zwar möglich ist, jedoch Zeit und Übung erfordert. Das aktive Umlenken der Aufmerksamkeit und das Fokussieren auf die Gegenwart können herausfordernd sein, sind aber Fähigkeiten, deren Entwicklung sich lohnt.
Monatelange Isolation kann Konflikte in Gruppen verstärken, zeigt eine Studie aus der Antarktis. - Foto: Jessica Studer/EurekAlert/dpa
Wenn Menschen monatelang unter Extrembedingungen in einer kleinen Gruppe leben, hat das weitreichende Auswirklungen auf die Psyche. Das zeigt eine Studie an der Besatzung einer entlegenen Antarktis-Forschungsstation.
„Bei längerer Isolation stärkt ständige Nähe Beziehungen nicht unbedingt, sondern kann viel mehr Spannungen, Misstrauen und psychische Belastungen verstärken“, berichten Forschende mehrerer Universitäten, darunter Zürich, Bern und Würzburg, in der Fachzeitschrift „PNAS“ („Proceedings of the National Academy of Sciences“).
Dies sollte man bei künftigen Weltraummissionen berücksichtigen.
Das Autorenteam untersuchte zehn Monate lang die zwölfköpfige Besatzung der französisch-italienischen Antarktisstation Concordia, die an einem der entlegensten Orte der Erde auf etwa 3.200 Metern Höhe liegt. Dabei ging es unter anderem um Teamdynamik, soziales Miteinander, Misstrauen und Einsamkeit.
Fazit: „Unter Extrembedingungen nehmen Einsamkeit, Misstrauen und Konflikte zu, während Zusammenhalt und Leistungsfähigkeit sinken“, schreibt die maßgeblich beteiligte Universität Bern.
„Wir haben in der Gruppe deutliche Paranoia gemessen“
Weil ein Zugang im antarktischen Winter von Mitte Februar bis Mitte November nicht möglich ist, lebte und arbeitete die Besatzung in völliger Abgeschiedenheit.
Die zwölf Forscher trugen Sensoren, die erfassten, wann sie sich wie lange mit wem trafen, und sie füllten mehrfach Fragebögen aus.
Einige Teammitglieder hätten nach ein paar Monaten geglaubt, dass andere über sie sprechen oder sie beobachten würden, berichtet der Würzburger Psychiater Sebastian Walther. Diese Personen hätten angenommen, dass die anderen ihr Schaden wollten, sagte Walther der dpa.
Er wertet dies nach gängigen Kriterien als Paranoia, die es auch in leichter Ausprägung gebe: „Wir haben in der Gruppe der Expedition deutliche Paranoia gemessen. Aber das ist natürlich weit entfernt von einem paranoiden Verfolgungswahn wie bei schweren psychischen Erkrankungen.“
Wichtige Erkenntnisse für Langzeit-Weltraummissionen
Und auch mehr physische Nähe wirkte sich nicht automatisch positiv auf die Antarktiscrew aus. „Personen mit vielen Kontakten berichteten häufiger von Konflikten, wachsendem Misstrauen und geringerer Leistungsfähigkeit“, fast die federführend beteiligte Universität Zürich (UZH) ein Resultat zusammen.
Denkbar sei, dass einsame Personen zwar vermehrt Kontakt suchen, dieser ihnen jedoch nicht ausreichend Unterstützung geboten habe.
Das Team sieht in den Ergebnissen wichtige Erkenntnisse für geplante Langzeit-Weltraummissionen, etwas zu Mond und Mars, aber auch für andere extreme Arbeitsumgebungen wie etwa U-Boote und Offshore-Plattformen.
„Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, soziale Dynamiken früh zu erkennen und Teams gezielt zu unterstützen“, kommentierte UZH-Co-Autor Jan Schmutz. (dpa/red)
In Trassenheide, Usedom, steht die Welt kopf. Das Haus ist eines von mindestens zwei auf dem Kopf stehenden Häusern Deutschlands. Weltweit gibt es weitere derart paradoxe Gebäude, die unweigerlich die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. - Foto: Sean Gallup/Getty Images
In Kürze:
Paradoxa begegnen uns überall, von der Antike bis zur modernen Physik: als Denkfallen und Grenzwerte mit seltsamen Konsequenzen.
Was widersinnig erscheint, kann wirken. Paul Watzlawick zeigte: Der Ausweg aus einer Krise liegt oft im gegenteiligen Verhalten.
Literatur, Mathematik und Kunst nutzen das Paradoxon nicht als Fehler, sondern als kreativen Funken und Antrieb.
Paradoxalauern im Alltag vor allem in der Sprache – überall dort, wo wir Klarheit suchen und unversehens stolpern.
Stellen Sie sich vor, es ist stockdunkle Nacht. Sie liegen bereits seit 2 Stunden schlaflos im Bett und warten darauf, dass sich endlich die wohlige Bettschwere einstellt, gefolgt von dem allmählichen Wegdriften der Sinne. Stattdessen wälzen Sie sich von links nach rechts und wieder zurück, beginnen, sich zu ärgern, und bleiben hellwach. Dabei steht am nächsten Tag ein wichtiges geschäftliches Gespräch an, für das Sie Ihre volle Konzentration brauchen. Sie wollen einschlafen, aber es gelingt Ihnen einfach nicht.
Paradoxa: Das vorsätzlich Gegensätzliche
Hier handelt es sich um ein psychologisches Paradoxon – den Versuch, ein Problem mit Willenskraft zu lösen, das durch dieselbe erst befeuert wird. Auf diesem Wege beißt sich die Logik quasi in den eigenen Schwanz – ein Mechanismus, den Paul Watzlawick als Herzstück menschlicher Krisen identifizierte. Für den Kommunikationsforscher war klar: Wer im Treibsand der eigenen Gedanken feststeckt, braucht keinen stärkeren Willen, sondern einen radikalen Perspektivwechsel. Denn Probleme, so lautete sein Credo, lassen sich niemals mit der Logik lösen, aus der sie entstanden sind.
Auf den Schlaf übertragen bedeutet das: Wer krampfhaft versucht, sofort einzuschlafen, verstärkt zugleich die innere Anspannung. Watzlawick empfahl daher eine Intervention, die auf den ersten Blick völlig widersinnig erscheint, nämlich sich willentlich darauf zu konzentrieren, wach zu bleiben.
Diese bewusste Umkehrung unterbreche die Kontrollspirale und entziehe dem Druck den Nährboden. Sie ebnete – scheinbar paradoxerweise – gezielt den Weg in den heiß ersehnten Schlummer. Doch warum funktioniert das überhaupt? Um zu verstehen, weshalb das Loslassen oft wirksamer ist als das Wollen, hilft es, den Blick vom Kopfkissen weg hin zum Kern des Phänomens zu richten.
„Para“ bedeutet im Griechischen „gegen“ oder „neben“, „doxa“ bedeutet „Meinung“. Ein Paradoxon ist buchstäblich das, was der vorgefassten Meinung widerspricht und dennoch wahr ist. Oder, wie Aristoteles es mit einer Vorliebe für das Unmögliche formulierte: „Es ist geradezu wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht.“
Doch damit ist das kleine griechische Präfix „para“ keineswegs erschöpft. Im Gegenteil, es hat sich eine schillernde, kontrastreiche Wortfamilie im deutschen Sprachgebrauch aufgebaut, als hätte sich das schelmisch lächelnde Paradoxon selbst heimlich in die Wörter eingeschlichen. So fußt Paranoia auf der „Logik“ der übertriebenen Angst. Die Paralyse lässt eine wichtige Reaktion ins Leere laufen und hält uns wehrlos im Stillstand gefangen. Und was ist mit dem Parasiten, dem Gast, den keiner zum Mahl geladen hat?
Der Knoten im Denken
Schließlich entdecken wir noch das Paradies: einen einladenden Garten mit einem verbotenen Baum und köstlichen Äpfeln in der Mitte, der die Menschheit nur so lange beherbergt, wie sie, fern von Erkenntnis und frei nach den Brüdern Grimm, im Dornröschenschlaf verweilt.
Und was genau geschah eigentlich mit der selig schlummernden Prinzessin? Für sie wurde der Schutz vor dem ausgesprochenen Fluch zur paradoxen Sabotage: Erst das Exil der Spindeln schuf jene naive Neugier, die die wunderschöne Hochwohlgeborene dem hundertjährigen Schlaf auslieferte.
Währenddessen verschiebt ein anderer, nämlich Hans Christian Andersen, die Perspektive des Lesers. „Des Kaisers neue Kleider“ lädt zum Konsens-Paradoxon ein. Die Nacktheit des Herrschers ist eine unübersehbare Wahrheit, die jedoch durch den kollektiven Zwang zur Bewunderung einer Auflösung des Sichtbaren zum Opfer fällt, so lange, bis endlich ein Kind den Erwachsenen die Augen oder – genauer – den Verstand öffnet. Und so verharrte das Volk zuvor in einer sozialen Paralyse: Es hätte sehen können, was war, stattdessen glaubte es, was sein sollte.
Die Philosophen hingegen widmen sich den Umständen nüchtern und klaren Blickes, indem sie das scheinbar Unmögliche nach Härtegraden sortieren, so wie bei Zenon von Eleas antikem Rätsel um den fliegenden Pfeil, der in jedem winzigen Augenblick seines Fluges eigentlich punktgenau stillstehen müsste – ein Knoten im Denken, der die Bewegung zur reinen Illusion erklärte.
Älter als die Zeit erlaubt
Schließlich eilte hier die moderne Mathematik zu Hilfe, allen voran Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz als Repräsentanten, die mit dem Begriff des dynamischen Grenzwertes etwa zeitgleich die Infinitesimalrechnung einführten. Paradox scheint auch: Bis heute ist nach dem damaligen Rechtsstreit nicht geklärt, wer sich als wahrer Urheber von Differential- und Integralrechnung zu nennen ist. Das vermeintliche Phänomen eines angeblich nicht pfeilschnellen, sondern stehenden Geschosses wurde letztlich als Rechenfehler in der zugrunde liegenden Methodik entlarvt.
Davon zu unterscheiden sind Paradoxa, die auf Annahmen beruhen und uns auf dem gedanklichen Weg nicht „pfeilschnell“, sondern mit Lichtgeschwindigkeit in den Orbit befördern. Das prominente Zwillingsparadoxon nach Einstein gehört dazu: Ein Astronaut reist (mit Lichtgeschwindigkeit) ins All und kehrt jünger zurück als sein auf der Erde gebliebener Bruder.
In der modernen Physik gilt dieses einstige Paradoxon nicht mehr als unlösbarer Widerspruch, sondern als logische Konsequenz aus der Struktur von Raum und Zeit. Belegt wurde es durch Experimente mit Atomuhren in Satelliten. Während die Physik nun also daran arbeitet, weiterhin auch Universelles begreifbar zu machen, scheint der Schöpfer viel Humor zu beweisen, indem er den Menschen durch irdische Stolperfallen weiterhin kleine ironische Schnippchen schlägt.
Rolle rückwärts in der Sprache
Schließlich gibt es noch die hartnäckigen Fälle, jene sogenannten Antinomien, die sich jeder möglichen Auflösung entziehen, was das Denken in eine endlose Sackgasse führt. Der Klassiker ist hier das Lügner-Paradoxon des Eubulides von Milet: „Dieser Satz ist falsch.“ Ist er wahr, muss er laut Inhalt falsch sein. Ist er jedoch unwahr, dann ist die Aussage, dass er falsch ist, wiederum wahr – ein logischer Kurzschluss ohne Ausweg.
Derlei gedankliche Purzelbäume beschäftigen jedoch nicht nur die Philosophie, sondern inspirieren auch den Volksmund zur „Rolle rückwärts“, wie das Scherzgedicht eines unbekannten Autors zeigt:
„Dunkel war’s, der Mond schien helle, Schnee lag auf der grünen Flur, als ein Wagen blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft, als ein totgeschoss’ner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief. […]“
Der Inhalt des Gedichts ist dabei genauso widersinnig wie die Angaben zur Anzahl der Strophen und zur Autorenschaft. So sind in diversen Quellen mindestens 14 Strophen sowie eine Reihe Autoren zu finden, die es NICHT geschrieben haben.
Wie sehr uns derart logische Fallen in einem Gedankenkarussell gefangen halten können, illustriert Bertrand Russells Barbier-Dilemma eindrucksvoll. So rasiert ein Barbier exakt all jene im Dorf, die sich nicht selbst rasieren. Damit erlegt er sich ein Verbot auf. Denn wer rasiert nun den Barbier, der es nicht selbst darf? Er muss es aber, weil er der Einzige ist – eben jener, der alle rasiert. Dieses Beispiel führt unterhaltsam vor Augen, dass trockene Logik eben nicht immer das Maß aller Dinge sein kann – und muss.
Dass das Verbotene zudem lockt und das Aufgezwungene gleichermaßen abstößt, wusste auch Mark Twain literarisch zu nutzen. Tom Sawyer bedient sich der paradoxen Intervention, indem er so tut, als wäre das Streichen eines Zauns das reinste Vergnügen. Daraufhin betteln seine Freunde regelrecht darum, mitmachen zu dürfen. Genauso weckt das Untersagte ein Begehren: Es besteht eine Lücke in der eigenen Wahrnehmung beziehungsweise der Interpretation derselben.
David Dunning und Justin Kruger beschrieben 1999 eine auffällige Asymmetrie, aus der der gleichnamige Effekt resultierte. Menschen mit geringer Kompetenz sollen sich häufig systematisch überschätzen, weil ihnen das Wissen für die Erkenntnis zur eigenen Lücke fehle. Sokrates formulierte hingegen dereinst: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, was ihn persönlich zweifelsohne über den Tellerrand schauen ließ.
Diese Einsicht hat das Internet allerdings gegen den Strich gebürstet. Es globalisiert Wissen und Nachrichten, Theorien und Märchen und erzeugt so die Illusion, die Welt vollständig erklären, verstehen und vernetzen zu können – oder eben auch nicht.
Wenn sich das Denken selbst umarmt
Die Ergebnisse einer von Matthew Fisher und Kollegen 2015 an der Yale University durchgeführten Studie belegen dabei eine moderne kognitive Verzerrung. So verwischt der bloße Zugriff auf das Internet die Grenze zwischen Gedächtnis und externer Information. Dies führe zur Verwechslung der Datenverfügbarkeit mit der eigenen Kompetenz. Allerdings hatten die Probanden ausschließlich Informationen zu einheitlich vorgegebenen Fragen recherchiert. Motivation durch persönliche Interessen blieb außen vor.
Mit den Grundlagen des eigenen Ichs beschäftigte sich auch Douglas Hofstadter. Er verwob Arbeiten von Kurt Gödel, Maurits Cornelis Escher und Johann Sebastian Bach zu einem einzigen Prinzip, das er „Strange Loop“ nannte. Es soll die Architektur unseres Bewusstseins offenbaren, das durch Reflexion in der Rückkopplung erst das eigene Ich erschaffe. Die Grundlage sei ebenfalls seines Zeichens ein Paradoxon: eine rückbezügliche Schleife, die durch Hierarchieebenen aufsteige und unversehens wieder dort ankomme, wo sie begann.
Während Gödel mathematisch bewiesen hat, dass jedes logische System tatsächlich an seine Grenzen stoßen soll, sobald es Aussagen über sich selbst trifft, hat Escher diese strukturelle Prägung in seinen Werken visuell greifbar gemacht.
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Maurits Cornelis Escher (1898–1972) war ein Meister der Paradoxa. Seine Werke …
Andere perspektivische Paradoxa beinhalten ein echtes Schachbrett, wie dieser insgesamt 7 Meter lange Holzschnitt. Hier zu sehen während der Installation einer Ausstellung.
Foto: Valerie Kuypers/AFP via Getty Images
Johann Sebastian Bach dagegen ließ Kanons scheinbar beständig in höhere Tonarten aufsteigen, nur um unversehens wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Das Paradoxon pariere nach Hofstadter nicht als Fehler der Vernunft, sondern es sei der ewige Funke, der in den Künsten erst das Leben entfache.
Vorsicht! Diese Überschrift lügt
Bei genauerer Betrachtung sämtlicher Phänomene offenbart sich vor allem eines. Nicht nur beim ersehnten Schlaf, auch in vielen anderen Alltagssituationen begegnen uns Paradoxa, am häufigsten in der Sprache, nämlich genau dort, wo wir Klarheit erwarten und unfreiwillig straucheln oder in eine Falle tappen.
Gleichermaßen ist die Rhetorik mit ihren Finessen in der Lage, durch offene und geschlossene Fragen, Feststellungen oder Ansprachen gezielt Einfluss zu nehmen oder umgekehrt Missverständnisse scharfsinnig aufzulösen. „Sei spontan!“, ruft der Motivationscoach. Können wir das auf Befehl? Auch ein „Vertrau mir!“ lässt sich nicht (logisch) einfordern.
Watzlawick nannte solche Botschaften genüsslich „Double Bind“: implizite Widersprüche, die im Kern durchaus erheitern und damit die passende Prise Salz in die Suppe des menschlichen Sprachgebrauchs bringen. Was denken Sie – nicht?