Aus dem Gebäudeenergiegesetz wird das Gebäudemodernisierungsgesetz. (Archivbild) - Foto: Elisa Schu/dpa
In Kürze:
Gebäudemodernisierungsgesetz befindet sich noch im parlamentarischenVerfahren.
Ein neues Gutachten hält die Lockerung des Heizungsgesetzes für verfassungswidrig.
Ein Gutachten für die CDU/CSU-Fraktion sieht dagegen keine verfassungs- oder europarechtlichen Hindernisse.
Der Gesetzgebungsprozess zum Gebäudemodernisierungsgesetz, welches das sogenannte Heizungsgesetz der Ampel-Regierung ersetzen soll, ist noch nicht abgeschlossen. Es befindet sich derzeit noch in der Parlamentarischen Beratung. Deshalb ist noch die eine oder andere Änderung denkbar.
Die ersten Verbände und die Fraktionen der Grünen und Linkspartei haben angekündigt, den Gang nach Karlsruhe zu prüfen. Mehrere Gutachten gelangen trotz derselben verfassungs- und europarechtlichen Ausgangslage zu gegensätzlichen Ergebnissen.
Reiche verspricht mehr „Freiheit im Heizungskeller“
So kommt die internationale Wirtschaftskanzlei Freshfields zu der Einschätzung, dass das vom Kabinett im Mai beschlossene Gebäudemodernisierungsgesetz verfassungswidrig ist. In Auftrag gegeben hat es das Unternehmen Enpal. Dieses ist als Spezialist für Solaranlagen und Wärmepumpen tätig.
Die in der Zeit der Ampelregierung unter Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) beschlossene Novelle zum Gebäudeenergiegesetz (GEG) – besser bekannt als „Heizungsgesetz“ – hätte vor allem Wärmepumpen beim Neueinbau von Heizsystemen begünstigt. Das derzeit noch geltende Gesetz sieht vor, dass nur noch Heizungen neu eingebaut werden dürfen, die mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden.
Das Gesetz hatte für Unmut in Teilen der Öffentlichkeit gesorgt und den Beliebtheitswerten der Ampelparteien geschadet. Die Endfassung hatte zwar das Inkrafttreten auf einen Zeitpunkt verschoben, zu dem alle Kommunen ihre Wärmeplanungen abgeschlossen hätten. Im Kern blieb es jedoch bei einem faktischen Verbot des Neueinbaus fossiler Heizungssysteme.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will hingegen die „Freiheit im Heizungskeller“ wiederherstellen und auch den Neueinbau von Öl- und Gasheizungen unter bestimmten Voraussetzungen wieder ermöglichen.
Freshfields: Abschwächung des Klimaschutzes verstößt gegen das Grundgesetz
Bei Freshfields hält man dies für verfassungswidrig. Das Gutachten der Kanzlei hält die geplante Rücknahme des GEG für eine Abschwächung eines bereits bestehenden Klimaschutzstandards. Durch eine Abschaffung der 65-Prozent-Regel würde der Einbau fossiler Heizsysteme wieder häufiger stattfinden. Dadurch würden auch die Treibhausgasemissionen steigen und dies würde das Erreichen der Klimaziele infrage stellen.
Das Umweltschutz-Staatsziel des Artikels 20a des Grundgesetzes verpflichtet den Staat, bis 2045 die Erreichung der Klimaneutralität zu sichern. Aus diesem Grund dürften bereits erreichte Schutzstandards nicht ohne gewichtigen Grund abgesenkt werden. Dies betone auch der Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2021, der den Klimaschutz deutlich aufgewertet hat.
Der Beschluss geht davon aus, dass ein Abwarten beim Klimaschutz dazu führen werde, dass spätere Generationen drastische Freiheitseinschränkungen hinnehmen müssten. Diese Verschiebung dürfte ihnen nicht zugemutet werden.
Freshfields schlussfolgert daraus, dass die Zulassung des Einbaus von mehr fossilen Heizungen umso härtere Maßnahmen in späteren Jahrzehnten erforderlich machen würde. Dies verstoße gegen die Ausführungen des Bundesverfassungsgerichts zur sogenannten intertemporalen Freiheit.
Argumentation ähnlich wie in Greenpeace-Gutachten vom Februar
Im Februar hatte ein von Greenpeace beauftragtes Gutachten der Kanzlei Günther aus Hamburg ähnliche Schlussfolgerungen getroffen. Es gebe demnach ein „Rückschritts“- beziehungsweise „Verschlechterungsverbot“. Einmal beschlossene Klimaschutzmaßnahmen dürften demnach grundsätzlich nicht mehr abgeschwächt werden.
Freshfields‘ Gutachten beschäftigt sich auch mit den Vorgaben aus Brüssel. So schaffe die Gebäuderichtlinie EPBD ebenfalls einen rechtlichen Fortschrittspfad für alle Mitgliedstaaten.
Deutschland dürfe nationale Standards nicht einfach wieder abschwächen, wenn dadurch die Dekarbonisierung erschwert werde.
CDU/CSU sieht Spielraum bei den Klimaschutzinstrumenten
Vonseiten der Union hält man diese Argumentation für nicht stichhaltig. Für die CDU/CSU-Fraktion hatten Anwälte der auf Energierecht spezialisierten Kanzlei Rosin Büdenbender jüngst ein eigenes Gutachten vorgelegt. Federführend war dabei der Rechtswissenschaftler Johann-Christian Pielow. Auch hier wurde die verfassungs- und EU-rechtliche Zulässigkeit des geplanten Gesetzes untersucht.
Das Pielow-Gutachten gelangte zu einer gegenteiligen Einschätzung. Dessen Hauptargument: Das Demokratieprinzip gebietet es, einem neu gewählten Bundestag das Recht zuzubilligen, frühere Gesetze zu ändern.
Auch wenn der Paragraf 71 des GEG entfalle, so Pielow, gebe es mehrere Wege zur Klimaneutralität. Instrumente seien dabei neben der Wärmepumpe etwa Fernwärme, kommunale Wärmeplanung, Förderprogramme oder der CO₂-Preis. Diesen hatte auch CDU-Chef Friedrich Merz im Vorfeld seiner Wahl zum Bundeskanzler als wichtige Stellschraube zur Abkehr von fossilem Heizen bezeichnet.
Durch den Wegfall der 65-Prozent-Regel entsteht nach Überzeugung von Pielow keine dauerhafte Lücke. Heizungen würden ersetzt, ihre Lebensdauer sei begrenzt und aus diesem Grund würden nach 2045 nur noch wenige fossile Altanlagen übrig bleiben.
Auch die EPBD enthalte lediglich Zielbestimmungen und Mindestvorgaben, aber keine Pflicht, ein Instrument wie die 65-Prozent-Regel einzusetzen.
Ein am 7. Mai 2026 aufgenommenes - Foto: zeigt die Buchstaben „AI“ für „Artificial Intelligence“ auf einem Laptopbildschirm (r.) neben dem Logo der Microsoft-Copilot-Chatbot-Anwendung auf einem Smartphonebildschirm in Frankfurt am Main. Foto: Kirill KUDRYAVTSEV/AFP via Getty Images
Die Revolution der Künstlichen Intelligenz führt möglicherweise doch nicht so schnell zum Verlust menschlicher Arbeitsplätze, wie manche befürchtet hatten. Steigende Rechenkosten, betriebliche Probleme und uneinheitliche Ergebnisse veranlassen einige Unternehmen dazu, ihren Kurs zu ändern und Mitarbeiter zurückzuholen.
Im frühen KI-Boom hatten viele Unternehmen aufgrund großer Versprechen zu Kosteneinsparungen Personal abgebaut – eine Entscheidung, die sich später oft als Fehler herausstellte.
Viele Branchenfachleute sind mittlerweile der Meinung, dass in Bereichen, in denen fundiertes Urteilsvermögen, Kreativität, Kundenkontakt und Qualitätskontrolle gefragt sind, Menschen weiterhin das Sagen haben müssen.
KI liefert nicht die versprochenen Ergebnisse
Neun von zehn Unternehmen würden ihre KI-bedingten Kündigungen überdenken. Das ergab eine Umfrage des Unternehmens CareerMind unter 600 Personalverantwortlichen, die in den vergangenen zwölf Monaten Entlassungen vorgenommen hatten.
Drei von vier befragten Personalverantwortlichen gaben an, dass ihr Unternehmen Mitarbeiter entlassen hat, weil technologische Fortschritte bestimmte Aufgaben und Zuständigkeiten übernommen haben. Nur 8,4 Prozent sagten, dass KI die erwarteten Ergebnisse tatsächlich erreicht hat.
„In den vergangenen zwölf Monaten haben wir einen deutlichen Anstieg von Unternehmen verzeichnet, die sich an uns wenden, nachdem sie die Einführung von KI-Tools ausgesetzt oder zurückgefahren haben“, erklärte James Calloway, Betriebsleiter (Chief Operating Officer) bei Stealth Agents, gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times.
Bei Aufgaben, bei denen zwischen den Zeilen gelesen werden muss, um die tatsächlichen Bedürfnisse eines Kunden zu erkennen, sind Menschen besser als KI.
Foto: Blue Planet Studio/iStock
Calloways Unternehmen bietet virtuelle Assistenten für Führungskräfte an. In diesem Bereich ist der Kostenunterschied zwischen menschlichen Mitarbeitern und KI-Agenten besonders groß.
„Ein E-Commerce-Kunde hatte Mittel für die Einführung eines KI-Kundenservices eingeplant. Dieser stellte fest, dass die Kosten für Lizenzen, Integration und die laufende Entwicklung von Prompts zwei- bis dreimal so hoch waren wie ursprünglich veranschlagt“, sagte Calloway. „Stattdessen stellte er zwei unserer remote arbeitenden Assistenten ein und senkte seine Kosten pro bearbeitetem Ticket um fast 40 Prozent.“
Weiter sagte Calloway: „Menschliche Mitarbeiter sind nach wie vor kosteneffizienter bei der Kommunikation mit Kundinnen und Kunden, die Einfühlungsvermögen und Urteilsvermögen erfordert und bei Aufgaben, bei denen zwischen den Zeilen gelesen werden muss, um die tatsächlichen Bedürfnisse eines Kunden zu erkennen, bei Arbeiten mit firmeneigenen Kontextinformationen, die nicht sicher in KI-Systeme von Drittanbietern eingespeist werden können, sowie bei allen Arbeitsabläufen, bei denen ein Fehler reale reputationsbezogene oder rechtliche Konsequenzen hat.“
Auch große Technologieunternehmen kamen zu dieser Erkenntnis. Im April sagte Bryan Catanzaro, Vizepräsident für angewandte Deep-Learning-Forschung bei Nvidia, gegenüber „Axios“:
„Für mein Team liegen die Rechenkosten weit über den Personalkosten.“
Nickle LaMoreaux, Senior Vice President und Personalvorstand (Chief Human Resources Officer) bei IBM, vertrat auf einem Gipfeltreffen des Wall Street Journal Leadership Institute im März die Auffassung, dass die Erweiterung von Aufgaben durch KI für das Unternehmenswachstum wichtiger sei als der vollständige Ersatz menschlicher Arbeitskräfte.
LaMoreauxs Aussage erfolgte nur wenige Wochen, nachdem IBM Pläne angekündigt hatte, die Zahl der Neueinstellungen auf Einstiegsebene zu verdreifachen. Auf die Frage, warum viele Unternehmen keinen ähnlichen Ansatz verfolgen, antwortete er: „Das liegt daran, dass sie in einer Produktivitätsmentalität verhaftet sind, anstatt eine Wachstumsmentalität zu verfolgen.“
Eine Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) prognostiziert, dass 50 bis 55 Prozent aller Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren durch KI „umgestaltet“ werden.
Besucher am 20. April 2026 am IBM-Messestand auf der Hannover Messe 2026 in Hannover, Deutschland. Auf der diesjährigen Messe liegt ein verstärkter Schwerpunkt auf künstlicher Intelligenz in der Industrie.
Foto: Sean Gallup/Getty Images
Unvorhergesehene Kosten
Jon Hill, CEO von The Energists, sagte, es sei ein weit verbreitetes Missverständnis, generative KI lediglich als „Software mit einer Abonnementgebühr“ zu betrachten. Er habe selbst erlebt, dass Enttäuschung über KI-Lösungen dazu führen könne, dass Unternehmen zuvor gestrichene Stellen wieder besetzen.
„Viele unserer Kunden haben generative-KI-Initiativen aggressiv vorangetrieben, weil sie glaubten, dadurch ihre Personalkosten senken zu können“, sagte Hill gegenüber der Epoch Times. „Doch wir beobachten zunehmend, dass diese Kunden wieder auf menschliche Mitarbeiter zurückgreifen, nachdem sie die tatsächlichen Kosten von KI-Systemen erkannt haben.“
Hill nannte beispielhaft ein Unternehmen, mit dem er zusammengearbeitet hatte und das einen Teil seiner Compliance-Berichterstattung und seines technischen Supports automatisieren wollte. Das Unternehmen stellte fest, dass die prognostizierten Einsparungen zwar zunächst vielversprechend erschienen, jedoch geringer ausfielen, sobald Kosten für Cybersicherheit, menschliche Überwachung und die Nutzung von Anwendungsprogrammierschnittstellen (APIs) berücksichtigt wurden.
Der Kunde entschied sich, den Einsatz von KI auszusetzen, weil „menschliche Mitarbeiter verlässlichere Ergebnisse zu geringeren langfristigen Kosten lieferten“, so Hill.
Hill erklärte weiter, es gebe zahlreiche Kosten, die Unternehmen leicht übersehen könnten. Allein die Kosten für Cloud-Rechenleistung könnten je nach Nutzung „einen sechs- bis siebenstelligen Jahresaufwand“ verursachen.
Am 3. März 2025: Besucher während des Mobile World Congress in Barcelona, Spanien, in einem KI-Rechenzentrum bei SK Networks. Eine Umfrage vom Februar bei Personalmanagern ergab, dass neun von zehn Firmen Kündigungen im Zusammenhang mit KI noch einmal überdenken.
Foto: Manaure Quintero/AFP via Getty Images
Der von seinem Team eingesetzte KI-Content-Assistent habe sich letztlich als kostspielig und ineffizient erwiesen, sagte Matt Baharav, CEO von MKB Media Solutions, gegenüber der Epoch Times.
„Im letzten Quartal haben wir beschlossen, keinen automatisierten KI-Content-Assistenten mehr für unsere Akquisemaßnahmen zu nutzen. Wir haben erkannt, dass die Software wirkungslos war“, so Baharav. „Das Unternehmen, das wir beauftragt und dem wir monatlich mehrere tausend Dollar gezahlt hatten, stellte uns Lizenzkosten in Rechnung und zwang mein Team zudem dazu, unzählige Stunden damit zu verbringen, die von ihrem Tool erstellten allgemeinen Textabschnitte umzuschreiben.“
Die Deepseek-App am 31. März 2026 in Kiew, Ukraine. Nach dem rasanten Vormarsch der KI-Einführung in der Industrie holen immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter wieder zurück an den Arbeitsplatz.
Foto: Oleksii Pydsosonnii/The Epoch Times
Baharav sagte, er habe gelernt, dass „ein guter Autor kostengünstiger ist als ein teurer automatisierter Inhaltsassistent“. Das gelte besonders bei komplexer Kommunikation. „Wir haben die Software komplett abgeschafft und die Mittel wieder in die Einstellung kompetenter, kluger Autoren investiert“, sagte er.
80 bis 85 Prozent der Unternehmen haben ihre Prognosen für die KI-Infrastruktur um mehr als 25 Prozent verfehlt. Das besagt eine Analyse der Tech-Ausgaben-Tracker Mavvrik im Bericht „State of AI Cost Management 2025“ . Gleichzeitig meldeten 84 Prozent aufgrund falsch kalkulierter KI-Kosten einen „erheblichen Rückgang der Bruttomarge“.
Luxuskomponente
Marcus Mossberger vertritt die Auffassung, dass KI ihre eigene Nische in der Arbeitswelt finden könne – solange es sich nicht um Situationen handelt, die besser durch menschliches Urteilsvermögen bewältigt werden. Mossberger ist Leiter der Marktstrategie (Chief Market Strategy Officer) bei der Workforce-Intelligence-Plattform LYTIQS.
„Das Personalwesen ist ein gutes Beispiel dafür, dass KI genutzt werden kann, um transaktionsbezogene Fragen wie ‚Wie hoch ist die Selbstbeteiligung bei meiner Krankenversicherung?‘ zu beantworten, nicht jedoch für persönlichere Anliegen wie ‚Was soll ich tun, wenn mir ein Kollege Unbehagen bereitet?‘“, so Mossberger.
Einige Unternehmen würden sich vermutlich zu stark auf KI verlassen und dabei eine harte Lektion lernen. Seiner Ansicht nach könnten die Konsequenzen gravierender sein als lediglich die Notwendigkeit, neue Mitarbeiter einzustellen.
„Ich glaube tatsächlich, dass die größte versteckte Kostenstelle im Zusammenhang mit der Einführung generativer KI die Zerstörung des Vertrauens zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist. Und seien wir ehrlich: Das war ohnehin nicht gerade ein Bereich, in dem wir besonders stark waren“, sagte Mossberger.
Die Büros im neuen Hauptsitz von Amazon Deutschland am 16. April 2026 in München. Im Januar entließ Amazon weltweit 16.000 Mitarbeiter. Diese Entlassungen sind Teil einer mehrjährigen Entlassungswelle, die unter anderem durch den KI-Einsatz ausgelöst wurde.
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Fleißige Beschäftigte müssten mit ansehen, wie Arbeitgeber Milliarden in KI-Infrastruktur investieren, während gleichzeitig Kollegen entlassen werden und von ihnen erwartet wird, bei der Einarbeitung ihres eigenen KI-Ersatzes mitzuwirken. „Wenn Sie glauben, dass genau diese Menschen sich freiwillig über das normale Maß hinaus engagieren und innovative Risiken eingehen, um Ihr Unternehmen voranzubringen, irren Sie sich gewaltig“, so Mossberger weiter.
Er prognostiziert, dass Unternehmen gezwungen sein werden, das Vertrauen in ihre Marke wiederherzustellen und gleichzeitig neue Mitarbeitende einzuarbeiten. Mossberger geht davon aus, dass sich viele der Menschen, die in der Anfangsphase des KI-Booms entlassen wurden, weigern könnten, zurückzukehren.
Die Rückkehr eines Arbeitnehmers zu demselben Unternehmen, das ihn ursprünglich entlassen hat, wird als „Bumerang-Mitarbeiter“ bezeichnet.
Für den CEO von MKB Media, Matt Baharav, hat sich die Entscheidung, den Menschen in den Vordergrund zu stellen, ausgezahlt. „Bis heute haben wir dadurch tatsächlich Geld gespart“, sagte er.
Der libanesische Parlamentspräsident Nabih Berri am 9. März 2026 bei einer Parlamentssitzung in Beirut. Die für Mai geplanten Parlamentswahlen wurden dabei um zwei Jahre verschoben – wegen dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. (Symbolbild) - Foto: Fadel Itani/AFP via Getty Images
In Kürze:
Abkommen beeinflusst Machtverhältnisse im Libanon
Hisbollah als zentraler Konfliktfaktor im Staatssystem
Risiko innerer Spannungen und politischer Eskalation
Das derzeit zwischen Israel und dem Libanon diskutierte Abkommen ist nicht nur der Versuch, die Sicherheitslage entlang der Nordgrenze Israels neu zu definieren. Hinter den Verhandlungen steht vielmehr ein Machtkampf um die künftige politische Ordnung des Libanon und vor allem um die Rolle der Hisbollah im Land.
Hisbollah dominiert große Teile des Libanon
Laut israelischen politischen Quellen steigt das Risiko einer inneren Konfrontation im Libanon, je weiter das Abkommen in Richtung Umsetzung voranschreitet.
Im Mittelpunkt der Besorgnis in Jerusalem steht eine als außergewöhnlich bezeichnete Erklärung des libanesischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri. Er warnte vor der Gefahr einer möglichen „Fitna“. Der arabische Begriff bezeichnet einen Bürgerkrieg oder eine schwere innere Spaltung.
Der libanesische Parlamentspräsident Nabih Berri (r. ) empfing am 16. Februar 2026 den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in seinem Amtssitz in Beirut.
Foto: Ibrahim Amro/AFP via Getty Images
Dies wäre ein Alarmsignal dafür, dass die Debatte über das Abkommen mittlerweile über die rein militärische Dimension hinausgeht und direkt den künftigen Status der Hisbollah betrifft – einer vom Iran unterstützten bewaffneten Organisation, die im Libanon seit Jahrzehnten eine zentrale Machtrolle einnimmt.
Die größte Sorge Beiruts besteht laut der Erklärung des Parlamentspräsidenten darin, dass das Abkommen zu einem Druckmittel werden könnte – sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene –, um eine schrittweise Entwaffnung der Hisbollah einzuleiten.
Es geht um die Macht im Libanon
Aus dieser Perspektive, so die Quellen, beschränke sich Israel nicht darauf, die erzielten militärischen Erfolge zu festigen. Vielmehr ziele es darauf ab, eine neue Realität zu schaffen, in der der libanesische Staat mit Unterstützung der USA dazu aufgefordert wird, die Verantwortung für die Entwaffnung der Organisation zu übernehmen.
Genau an diesem Punkt zeigt sich das Paradoxon der libanesischen Politik: der Widerspruch zwischen dem Prinzip staatlicher Souveränität und der Existenz einer parallel operierenden bewaffneten Struktur, die außerhalb der staatlichen Institutionen agiert und erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen im Libanon ausübt.
Der Widerstand gegen das Abkommen spiegelt daher nicht nur militärische Befürchtungen wider. Er stellt auch den Versuch dar, ein fest verankertes internes Machtsystem zu bewahren – einen „Staat im Staat“, der die Handlungsfähigkeit der offiziellen Institutionen einschränkt und die Frage nach der vollständigen staatlichen Kontrolle über das Gewaltmonopol aufwirft.
Menschen verfolgen am 26. Januar 2026 in einem südlichen Vorort von Beirut eine Rede des Hisbollah-Führers Naim Qassem. Er sagte, dass jeder Angriff auf Teheran, den Unterstützer der Gruppe, auch gegen die Hisbollah gerichtet wäre.
Foto: Anwar Amro/AFP via Getty Images
Nabih Berri selbst scheint eine Botschaft in zweifacher Hinsicht vermitteln zu wollen. Einerseits bringt er seine Ablehnung des Abkommens zum Ausdruck, da er es als nachteilig für die Interessen des Libanon bewertet.
Andererseits ruft er ausdrücklich dazu auf, eine Eskalation zu vermeiden, die zu einer Konfrontation führen könnte. Nach der von israelischen Quellen dargestellten Sicht der Ereignisse könnte jedoch die Aufrechterhaltung des Status quo im Libanon jederzeit die Stabilität der staatlichen Institutionen gefährden.
Wie souverän ist der Libanon?
Die Verhandlungen, die derzeit in Washington Gestalt annehmen, betreffen nicht ausschließlich die militärischen Bedürfnisse Israels.
Sie rücken eine für die Zukunft des Libanon und die Stabilität des gesamten Nahen Ostens entscheidende Frage wieder in den Mittelpunkt: Ist der Libanon tatsächlich ein souveräner Staat?
Mit dem Voranschreiten des Abkommens könnte der Gegensatz zwischen einem souveränen Staat und einer parallel agierenden, bewaffneten Machtstruktur im Libanon immer deutlicher zutage treten.
Als mögliche Eskalationsszenarien wird angeführt, dass die Organisation zu Gewalt greifen könnte, indem sie strategische Punkte in Beirut besetzt, die Gebäude des Parlaments und des Ministerrats blockiert und staatliche Institutionen handlungsunfähig macht.
Auch politische Zielpersonen könnten nach dieser Darstellung betroffen sein. Dazu zählen Botschafter Simon Karam, Leiter der libanesischen Delegation bei den Gesprächen mit Israel, Premierminister Nawaf Salam und Staatspräsident Joseph Aoun. Im Jahr 2005 wurde der damalige libanesische Premierminister Rafik al-Hariri ermordet.
Schon eine halbe Stunde in der Natur kann uns beruhigen und ausgeglichener machen. - Foto: Smileus/iStock
In Kürze:
Umfassende neurologische Studien zeigen, dass die Natur das Gehirn ruhiger und ausgeglichener macht.
Die Wirkung beginnt über die Augen und weitet sich über das Nervensystem auf den ganzen Körper aus.
Selbst Zimmerpflanzen, Pflanzenwände, natürliches Licht oder Bilder mit Naturmotiven haben eine positive Wirkung auf das Gehirn.
Es könnte der Gehirngesundheit der Bevölkerung zugute kommen, wenn Städteplaner die Natur in den städtischen Alltag integrieren.
Dass die Natur eine beruhigende Wirkung hat, merkt jeder, der ein bisschen Zeit in ihr verbringt. Doch erst jetzt beginnen Wissenschaftler, genau zu erfassen – bis ins neurologische Detail –, was während einer solchen Auszeit im Grünen im Gehirn vor sich geht.
Eine Metaanalyse von 108 begutachteten Studien zur Gehirnbildgebung, veröffentlicht in „Neuroscience & Biobehavioral Reviews“, liefert eines der bislang umfassendsten neurologischen Bilder darüber, wie die Natur das menschliche Gehirn beeinflusst.
Eine schrittweise Abfolge hin zur Ruhe
Dafür stützt sich die Übersichtsarbeit auf Studien, die von realen Aufenthalten im Freien über Laborfotos und -videos bis hin zu immersiver virtueller Realität und Grünpflanzen in Innenräumen reichten. Sie ergab ein einheitliches Muster über alle Methoden und bildgebenden Verfahren hinweg: Natürliche Umgebungen versetzen das Gehirn in einen ruhigeren, ausgeglicheneren Zustand.
Ihre Auswirkungen auf das Gehirn würden sich in einer Kaskade über mehrere miteinander verbundene Ebenen hinweg entfalten. Das erklärte Constanza Baquedano, korrespondierende Autorin der Studie und Assistenzprofessorin für Psychologie an der Universidad Adolfo Ibáñez in Chile.
„Diese Ebenen interagieren dynamisch miteinander: Sensorische Merkmale der Natur lösen die Kaskade aus, die sich dann über Stressregulation, Aufmerksamkeit und letztendlich darüber, wie wir uns selbst erleben, ausbreitet“, sagte sie gegenüber Epoch Times.
Allerdings betrachtet Baquedano dies eher als Arbeitsmodell denn als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis.
Erste Ebene: Was unsere Augen tun
Die erste Stufe der Kaskade beginnt damit, wie das Gehirn das Gesehene verarbeitet. Natürliche Umgebungen enthalten Muster wie Fraktale – selbstähnliche Strukturen, die in Blättern, Ästen und Küstenlinien zu finden sind –, die das Gehirn effizient verarbeiten kann.
Da diese Strukturen mit der Art und Weise übereinstimmen, wie das visuelle System Informationen organisiert, muss das Gehirn weniger arbeiten, um sie zu interpretieren. „Dies verringert die Wahrnehmungslast in frühen sensorischen Bereichen wie dem visuellen Kortex“, so Baquedano.
Darüber hinaus ruft der Aufenthalt in der Natur Gehirnaktivitätsmuster hervor, die denen bei der Meditation ähneln. Das war immer wieder das Ergebnis von Studien in der Übersichtsarbeit, die mithilfe der Elektroenzephalografie die elektrische Aktivität des Gehirns aufzeichneten.
Dabei nehmen frontale Alpha-Wellen zu, die mit ruhigem Wachsein und nach innen gerichteter Aufmerksamkeit verbunden sind. Auch gibt es eine verstärkte Theta-Wellen-Aktivität, die mit tiefer Entspannung und anhaltender Konzentration einhergeht. Zudem zeigte sich eine verminderte Aktivität in stressbezogenen Schaltkreisen.
Einigen Studien zufolge, die in der Übersichtsarbeit berücksichtigt wurden, können diese Effekte nach etwa 30 bis 90 Minuten in ruhigen Naturumgebungen wie Wäldern oder Parks auftreten. Andere Untersuchungen sprachen von messbaren Veränderungen bereits innerhalb von drei bis zehn Minuten in der Natur.
Da das Gehirn natürliche Szenen mit weniger Aufwand verarbeitet, lässt die Aktivität in den Stress- und Bedrohungserkennungssystemen allmählich nach.
Gehirnscan-Studien zeigten durchweg, dass die Aktivität in limbischen Regionen abnahm. Diese sind an der Stress- und Bedrohungserkennung beteiligt. Auch waren Teile des präfrontalen Kortex weniger aktiv, die mit Grübeln und kognitiver Belastung in Verbindung stehen.
Diese Veränderungen im Gehirn spiegeln sich im Körper wider. Laut Studien steigt die parasympathische Aktivität – das „Ruhe- und Verdauungssystem“ des Körpers. Dies gleicht die „Kampf-oder-Flucht“-Stressreaktion aus.
Dies deutet darauf hin, dass natürliche Umgebungen die Stresskreisläufe des Gehirns beruhigen und den Körper gleichzeitig in Richtung physiologischer Erholung lenken.
Dritte Ebene: Was unsere Aufmerksamkeit und innere Stimme tun
Anhaltende geistige Anforderungen über den Tag hinweg ermüden die Systeme der gerichteten Aufmerksamkeit des Gehirns. Zu den geistigen Anforderungen gehören unter anderem
lang andauernde Konzentration,
das Lösen von Problemen,
das Fällen von Entscheidungen,
das Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit.
Die Natur hilft dabei, diese wieder aufzuladen.
Wie oben erwähnt, zeigten die EEG-Messungen, dass die Alpha-Theta-Aktivität zunahm. Das sind Muster, die mit entspannter, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit und einer verringerten kognitiven Belastung in Verbindung stehen.
„Die Natur neigt dazu, das auszulösen, was Psychologen als ‚sanfte Faszination‘ bezeichnen – eine sanfte, unbewusste Form der Aufmerksamkeit. Diese ermöglicht es den Systemen für gezielte Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex, sich zu erholen“, sagte Baquedano.
Diese Art der mentalen Erholung trägt dazu bei, das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network) des Gehirns zu regulieren. Ist dieses Netzwerk überaktiv, führt es oft zu negativen Gedankenspiralen und Grübeln.
Echte Natur schlägt virtuelle Realität
Selbst simulierte oder in Innenräumen geschaffene Formen der Natur können messbare kognitive und emotionale Vorteile bewirken. Im Vergleich zu herkömmlichen gebauten Umgebungen senkten Pflanzenwände, natürliches Licht oder Bilder mit Naturmotiven Stress. Diese Erkenntnisse könnten hilfreich für die Gestaltung von Büros, Krankenhäusern und Schulen sein.
Die Forscher führen dies auf den multisensorischen Reichtum realer Umgebungen zurück. Dabei wirken taktile Empfindungen, natürliche Düfte, dynamische visuelle Muster und Umgebungsgeräusche auf eine Weise zusammen, die sich in Innenräumen oder durch digitale Simulationen noch nicht vollständig nachbilden lässt.
Eine authentische Naturumgebung wirkt sich also auf das Gehirn aus. Dies unterstreiche die Notwendigkeit, den Zugang zur Natur als grundlegenden Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsinfrastruktur zu betrachten, so Baquedano.
Ihr zufolge seien natürliche Umgebungen, aus neurowissenschaftlicher Sicht, nicht bloß ästhetische Annehmlichkeiten. „Sie sind Kontexte, die dazu beitragen, Stress zu regulieren, die Aufmerksamkeit wiederherzustellen und das psychische Wohlbefinden auf Bevölkerungsebene zu fördern.“
Das bedeutet, den Kontakt mit der Natur in den städtischen Alltag zu integrieren. Baquedano macht einige Vorschläge, unter anderem:
von Bäumen gesäumte Straßen,
grüne Korridore,
Stadtparks,
natürliche Elemente, die in die Wege eingebunden sind, die Menschen auf dem Weg von zu Hause zur Arbeit, zur Schule oder zu anderen täglichen Aktivitäten zurücklegen.
Dadurch würden die regenerativen Wirkungen der Natur nicht nur denjenigen vorbehalten bleiben, die über die Zeit und die Mittel verfügen, sie aufzusuchen, sondern jedem täglich als Selbstverständlichkeit zur Verfügung stehen, fügte die Assistenzprofessorin für Psychologie hinzu.
In städtische Natur zu investieren, sei auch eine Investition in die kollektive Gesundheit des Gehirns, merkte sie an.
Ärzte, die nicht an der Studie beteiligt waren, halten den Zusammenhang für biologisch plausibel: Sowohl Migräne als auch Glaukom gehen mit gestörter Blutgefäßfunktion im Gehirn und am Sehnerv einher. - Foto: Inside Creative House / iStock
In Kürze:
Moderne CGRP-Migränemittel könnten nicht nur Migräneanfälle reduzieren, sondern auch das Risiko für Glaukom senken – eine der häufigsten Ursachen für Erblindung.
Eine große Studie mit über 36.800 Personen ergab ein 25 Prozent geringeres Glaukomrisiko bei Patienten unter CGRP-Hemmern im Vergleich zur klassischen Therapie.
Der Effekt ist biologisch plausibel, muss aber durch weitere Studien bestätigt werden – eine vorbeugende Verschreibung gegen Glaukom ist derzeit nicht empfohlen.
Forscher sagen, dass moderne Migränemedikamente aus der CGRP-Gruppe nicht nur Anfälle verhindern, sondern möglicherweise auch das Risiko für Glaukom senken könnten. Für Deutschland ist dieser Befund besonders relevant, weil das Glaukom zu den wichtigsten Ursachen irreversibler Sehschäden zählt.
Eine groß angelegte Studie, die in der Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass Patienten, die Calcitonin-Gen-Related-Peptid (CGRP)-Hemmer zur Migräneprophylaxe einnahmen, ein um 25 Prozent geringeres Risiko für ein Glaukom hatten als Patienten, die mit klassischer Migräneprophylaxe therapiert wurden.
Das Glaukom ist eine der Hauptursachen für Erblindung. Die beiden Erkrankungen Migräne und Glaukom haben gewisse Gemeinsamkeiten in ihrer Entstehung.
„Es gibt Hinweise darauf, dass Migräne mit einem erhöhten Glaukomrisiko verbunden ist, da beide Erkrankungen die Fähigkeit der Blutgefäße im Gehirn, den Blutfluss als Reaktion auf Reize anzupassen, beeinträchtigen“, sagt der Studienautor Dr. Chien-Hsiang Weng von der Brown University in einer Erklärung.
Die Forscher analysierten Daten von mehr als 36.800 Personen aus den Jahren 2018 bis 2024. Dabei verglichen sie Patienten, die CGRP-Hemmer einnahmen (Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab), mit Patienten, die andere Medikamente zur Migränevorbeugung erhielten.
Ergebnis: 0,42 Prozent der Personen unter CGRP-Hemmern entwickelten ein Glaukom – im Vergleich zu 0,61 Prozent in der anderen Gruppe. Das entspricht einem um 25 Prozent verringerten Risiko.
Dieser positive Effekt zeigte sich besonders deutlich bei den monoklonalen Antikörperformulierungen der Wirkstoffe.
CGRP ist ein Protein, das an der Regulierung des Blutdrucks, der Gewebereparatur, der Wundheilung und von Entzündungen beteiligt ist.
Während einer Migräne wird CGRP im Gehirn freigesetzt und wirkt auf den Trigeminusnerv, der Schmerzsignale überträgt. Erhöhte CGRP-Spiegel können Entzündungen verursachen und die Kopfschmerzen verschlimmern, wodurch Migräneanfälle verlängert werden.
CGRP-Hemmer sind Medikamente, die verhindern, dass das Protein an seine Rezeptoren bindet, und so diese Effekte abschwächen.
CGRP-Hemmer werden als Erstlinientherapie zur Vorbeugung von episodischer Migräne (bis zu 14 Kopfschmerztage pro Monat) und chronischer Migräne (15 oder mehr Kopfschmerztage pro Monat) empfohlen.
Die CGRP-Hemmer wurden 2018 von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) zugelassen. In der Europäischen Union – und damit auch in Deutschland – sind sie ebenfalls seit 2018 verfügbar.
Präventive Maßnahmen gegen Glaukom sollten vor allem systemische Gesundheitsprobleme behandeln, unnötige Kortisonanwendungen vermeiden und vaskuläre Risikofaktoren wie nächtliche Hypotonie (niedriger Blutdruck) oder unbehandelte Schlafapnoe berücksichtigen, betont Dr. Karen Allison.
Foto: Panuwat Dangsungnoen/iStock
Die Medikamente werden monatlich oder vierteljährlich verabreicht, im Falle der monoklonalen Antikörperformulierungen entweder als Selbstinjektion oder als Infusion, während andere CGRP-Hemmer auch in Tablettenform verfügbar sind. Sie kommen nicht nur zur Vorbeugung, sondern auch zur Akutbehandlung von Migräneanfällen zum Einsatz.
Warum es wirken könnte
Unabhängige Experten halten den Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen für biologisch plausibel. Sowohl bei Migräne als auch beim Glaukom treten Probleme mit den Blutgefäßen auf, die die Durchblutung des Gehirns und des Sehnervs beeinträchtigen.
„Beim Glaukom kann eine chronische Entzündung zur Degeneration der Ganglienzellen der Netzhaut führen“, sagte Dr. Andrew Lee, Professor für Augenheilkunde, Neurologie und Neurochirurgie am Houston Methodist Research Institute, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
„Forscher gehen davon aus, dass CGRP-Hemmer dazu beitragen könnten, den Gefäßtonus zu stabilisieren, wodurch eine gleichmäßige Blutversorgung des Sehnervs gewährleistet und ein ‚Aushungern‘ der Netzhautzellen verhindert wird.“
Tierversuche hätten gezeigt, dass erhöhte CGRP-Spiegel den Augeninnendruck steigern können, was darauf hindeutet, dass CGRP-Hemmer dazu beitragen könnten, die Entstehung eines Glaukoms zu verhindern, fügte er hinzu.
Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, könne sie nicht beweisen, dass CGRP-Hemmer direkt für das verringerte Glaukomrisiko verantwortlich sind, sagte Weng gegenüber der englischsprachigen Epoch Times. Sie zeige lediglich einen Zusammenhang auf.
Wie alle Beobachtungsstudien, die auf großen Gesundheitsdatenbanken basieren, weist auch diese Studie einige Einschränkungen auf.
Die Forscher stützten sich auf Diagnosecodes aus Krankenakten und nicht auf direkte klinische Untersuchungen wie die Messung des Augendrucks oder bildgebende Verfahren des Sehnervs.
Zudem konnten sie nicht alle möglichen Einflussfaktoren vollständig ausschließen, wie etwa den Schweregrad der Migräne oder eine familiäre Vorbelastung für Glaukom.
Experten betonen, dass weitere Studien erforderlich sind, um die potenzielle schützende Wirkung von CGRP-Hemmern gegen das Glaukom zu bestätigen. Weng fügte zudem hinzu, dass die Ergebnisse nicht bedeuten, dass diese Medikamente zur Vorbeugung eines Glaukoms verschrieben werden sollten.
Unbehandelt kann ein Glaukom das Sehvermögen irreversibel schädigen.
Präventive Maßnahmen sollten sich auf die Behandlung systemischer Gesundheitsprobleme, die Vermeidung unnötiger Kortikosteroidanwendungen und die Berücksichtigung vaskulärer Faktoren „wie nächtliche Hypotonie [niedriger Blutdruck] oder unbehandelte Schlafapnoe“ konzentrieren, so die Einschätzung von Dr. Karen Allison, außerordentliche Professorin für klinische Augenheilkunde an der University of Rochester Medicine, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
Die Früherkennung durch proaktive Vorsorgeuntersuchungen sei das wirksamste Mittel, um das Sehvermögen zu erhalten, bevor Symptome auftreten, sagte sie.
Personen afrikanischer oder hispanischer Abstammung,
Menschen mit dünner Hornhaut,
Personen mit erhöhtem Augeninnendruck,
Patienten mit bestimmten Gefäßerkrankungen wie Migräne, Raynaud-Syndrom (einer Verengung der Blutgefäße in den Extremitäten) oder Schlafapnoe.
„Auch das Alter ist ein entscheidender Faktor, wobei die Inzidenz ab dem 60. Lebensjahr deutlich ansteigt“, fügte sie hinzu.
Derzeit gibt es keine Heilung für das Glaukom, und seine Ursache ist noch nicht vollständig geklärt.
Was CGRP-Hemmer als Mittel zur Vorbeugung des Glaukoms angeht, sagte Weng, es sei noch „zu früh“, um eine Aussage zu treffen. Sollten künftige Forschungsergebnisse die Erkenntnisse der Studie jedoch bestätigen, hält er es für möglich, dass diese Wirkstoffklasse zu neuen Präventionsstrategien führen wird.
Mit fortschreitendem Blasenkrebs verschlechtert sich die Prognose deutlich: Die 5-Jahres-Überlebensrate sinkt von 73 Prozent in Stadium 2 auf 9 Prozent in Stadium 4. - Foto: Illustration by The Epoch Times, Shutterstock
Blasenkrebs zählt in Deutschland zu den relevanten Krebserkrankungen des Harnsystems. Besonders bedeutsam ist, dass die Heilungschancen stark davon abhängen, wie früh der Tumor erkannt wird.
Viele Menschen nehmen an, Blasenkrebs beginne ohne erkennbare Zeichen. Tatsächlich kündigt er sich häufig durch unspezifische Beschwerden an, vor allem durch Blut im Urin, häufigen Harndrang oder Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen.
Was sind die Symptome und Frühzeichen von Blasenkrebs?
Das häufigste – und oft erste – Symptom von Blasenkrebs ist Blut im Urin (Hämaturie). Die Farbe des Urins kann von blassrosa bis rauchig, rostfarben, leuchtend rot oder dunkelrot reichen.
Blut kann nur ein- oder zweimal auftreten, sodass es leicht übersehen oder auf andere häufige Erkrankungen zurückgeführt wird, wie beispielsweise eine Harnwegsinfektion oder postmenopausale Blutungen bei Frauen.
Diese Verwechslung verzögert oft die Diagnose, wodurch der Krebs in ein Stadium fortschreiten kann, in dem er schwieriger zu behandeln ist.
Weitere häufige Symptome sind unter anderem:
Schmerzen, Brennen oder Reizungen beim Wasserlassen
Plötzlicher Harndrang, auch wenn die Blase nicht voll ist
Häufigeres Wasserlassen als gewöhnlich
Nächtliches Aufwachen mit starkem Harndrang
Symptome einer fortgeschrittenen Erkrankung
Wenn der Blasenkrebs an Größe zunimmt oder sich über die Blase hinaus ausbreitet, kann er weitreichendere Symptome verursachen, darunter die folgenden:
Flankenschmerzen (Schmerzen an der Seite des Rückens, unterhalb der Rippen und oberhalb der Taille)
Bauchschmerzen
Knochenschmerzen oder Druckempfindlichkeit
Appetitlosigkeit oder unerklärlicher Gewichtsverlust
Schwellungen in den Füßen
Anhaltende Müdigkeit
Unfähigkeit, Wasser zu lassen
Was verursacht Blasenkrebs?
Die Blase ist ein ballonförmiges Organ im Unterbauch, das Urin speichert, bis er ausgeschieden wird. Sie gehört zum Harnsystem, das außerdem die Nieren, die Harnleiter und die Harnröhre umfasst.
Blasenkrebs entsteht, wenn Zellen in der Blase unkontrolliert zu wachsen beginnen. Rund 90 Prozent der Fälle sind laut Untersuchungen sogenannte Urothelkarzinome, die aus den Zellen der Blasenschleimhaut hervorgehen. Da diese Zellen auch das Nierenbecken, die Harnleiter und die Harnröhre auskleiden, können Tumore auch in anderen Bereichen der Harnwege auftreten.
Seltener sind andere Formen wie das Plattenepithelkarzinom oder das Adenokarzinom.
Die genauen Ursachen von Blasenkrebs sind noch nicht vollständig geklärt. Bekannt ist jedoch, dass bestimmte genetische Veränderungen das Risiko erhöhen können. Meist entstehen diese Mutationen (FGFR3, PIK3CA, KDM6A und TP53) im Laufe des Lebens und werden nicht vererbt. Auch Umweltfaktoren und krebserregende Stoffe können dazu beitragen.
Darüber hinaus können laut Studien einige vererbte Genvarianten (GSTM1, NAT2) sowie erbliche Erkrankungen wie das Lynch-Syndrom oder das Cowden-Syndrom das Risiko erhöhen.
Neben genetischen Faktoren spielen laut Untersuchungen auch Umwelt-, Gesundheits- und Lebensstilfaktoren eine Rolle, da sie die Blasenschleimhaut langfristig schädigen oder reizen können.
Diese Faktoren erhöhen das Blasenkrebsrisiko
Rauchen: Rauchen ist der wichtigste Risikofaktor für Blasenkrebs. Es erhöht das Erkrankungsrisiko um mindestens das Dreifache und ist möglicherweise für etwa die Hälfte aller Fälle verantwortlich. Die im Tabak enthaltenen Schadstoffe gelangen über das Blut in die Nieren, werden mit dem Urin ausgeschieden und kommen dabei direkt mit der Blasenschleimhaut in Kontakt. Nach dem Rauchstopp sinkt das Risiko allmählich.
Chemische Belastung: Bestimmte Industriechemikalien können das Risiko für Blasenkrebs erhöhen. Betroffen sind vor allem Menschen, die beruflich über viele Jahre mit chemischen Farbstoffen, Dämpfen oder Dieselabgasen in Kontakt kommen, etwa Maler, Drucker, Friseure, Feuerwehrleute oder Lkw-Fahrer. Da sich Blasenkrebs oft langsam entwickelt, können die Folgen einer solchen Belastung erst nach 30 bis 40 Jahren auftreten.
Arsenbelastung: Die Exposition gegenüber Arsen – aus natürlichen Quellen oder durch industrielle Kontamination – kann das Risiko für Blasenkrebs erhöhen. Arsen ist ein bekanntes Karzinogen, das die DNA schädigen, zelluläre Reparaturmechanismen beeinträchtigen und die Genexpression verändern kann.
Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel: Das Diabetesmedikament Pioglitazon wurde mit einem erhöhten Blasenkrebsrisiko in Verbindung gebracht, insbesondere bei höheren Dosierungen. Auch Nahrungsergänzungsmittel mit Aristolochiasäure, die in einigen traditionellen Heilpflanzen vorkommt, können das Risiko für Urothelkarzinome erhöhen, da sie DNA-Schäden in den Zellen verursachen können.
Chronische Blasenreizung und Infektionen: Lang anhaltende Harnwegsinfektionen, Nieren- oder Blasensteine, ein längerer Kathetergebrauch sowie parasitäre Infektionen wie Bilharziose wurden mit einem erhöhten Blasenkrebsrisiko in Verbindung gebracht, insbesondere mit Plattenepithelkarzinomen. Es wird angenommen, dass chronische Reizungen und Entzündungen der Blasenschleimhaut – sei es durch Infektionen, Steine oder Verletzungen – dazu beitragen.
Strahlenexposition: Die Exposition gegenüber Strahlung – einschließlich Strahlentherapie im Bauch- oder Beckenbereich, berufsbedingter Strahlenexposition oder Exposition durch nukleare Unfälle – erhöht das Risiko für Blasenkrebs.
Hoher Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch: Ein hoher Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch wird mit einem um etwa 20 Prozent erhöhten Blasenkrebsrisiko in Verbindung gebracht. Unverarbeitetes rotes Fleisch kann in Maßen jedoch wertvolle Nährstoffe wie Eiweiß, Eisen und Vitamin B12 liefern.
Geringe Wasseraufnahme: Eine zu geringe Wasseraufnahme kann das Risiko erhöhen, da regelmäßige Flüssigkeitszufuhr dazu beiträgt, die Blase zu spülen, und die Zeit verkürzt, in der schädliche Chemikalien mit der Blasenschleimhaut in Kontakt bleiben.
Entkoffeinierter Kaffee: Eine Studie aus dem Jahr 2025 mit mehr als 120.000 Teilnehmern ergab, dass Männer, die entkoffeinierten Kaffee tranken, ein signifikant höheres Risiko für Blasenkrebs hatten als diejenigen, die keinen tranken.
Opiumkonsum: Opium findet zwar medizinische Anwendungen zur Schmerzlinderung, wird aber auch illegal konsumiert und steht im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko, an Blasenkrebs zu erkranken.
Frühere Krebserkrankungen: Wer bereits an einem Urothelkarzinom, etwa Blasenkrebs, erkrankt war, hat ein erhöhtes Risiko für weitere Tumoren im Harntrakt. Zudem tritt Blasenkrebs laut Studien nach der Behandlung häufig erneut auf. Das Rückfallrisiko liegt bei 50 bis 80 Prozent.
Vorherige Chemotherapie: Bestimmte Chemotherapeutika, darunter Cyclophosphamid oder Ifosfamid, können die Blase reizen und das Blasenkrebsrisiko erhöhen.
Bestimmte angeborene Fehlbildungen: Seltene angeborene Fehlbildungen wie Urachusdefekte oder eine Blasenekstrophie können das Risiko für Blasenkrebs im späteren Leben erhöhen. Bei Urachusdefekten bleibt eine Verbindung zwischen Blase und Nabel bestehen, in der sich Zysten bilden oder bösartige Veränderungen entwickeln können. Bei einer Blasenekstrophie schließt sich die Blase während der Entwicklung im Mutterleib nicht vollständig. Dadurch liegt sie teilweise frei, was chronische Infektionen und langfristig auch das Krebsrisiko begünstigen kann.
Organtransplantation: Empfänger von Organtransplantaten benötigen immunsuppressive Medikamente, was zu häufigeren Blasenentzündungen führen kann, die mit einem höheren Risiko für Blasenkrebs verbunden sind.
Bestimmte demografische und nicht veränderbare Faktoren können das Blasenkrebsrisiko ebenfalls beeinflussen:
Alter: Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter, wobei die meisten Fälle bei Menschen über 55 Jahren auftreten.
Geschlecht: Männer erkranken etwa dreimal häufiger an Blasenkrebs als Frauen.
Wie wird Blasenkrebs diagnostiziert?
Die Sterblichkeit durch Blasenkrebs sinkt seit Jahren. Experten führen dies vor allem auf eine frühere Erkennung und bessere Behandlungsmöglichkeiten zurück.
Vorsorge nur bei erhöhtem Risiko
Für Menschen mit durchschnittlichem Risiko werden routinemäßige Vorsorgeuntersuchungen ohne Symptome in der Regel nicht empfohlen. Bei Personen mit erhöhtem Risiko können dagegen Urinuntersuchungen, Urinzytologie oder in Einzelfällen eine Zystoskopie sinnvoll sein.
Wie die Diagnose gestellt wird
Am Anfang stehen meist die Beschwerden des Patienten, eine körperliche Untersuchung sowie weitere gezielte Tests. Anschließend kommen je nach Verdacht bildgebende Verfahren und Gewebeuntersuchungen zum Einsatz.
Wichtige Untersuchungen
Zystoskopie: Untersuchung von Blase und Harnröhre mit einem dünnen, beleuchteten Schlauch; dabei können auch Gewebeproben entnommen werden.
Biopsie/TURBT: Entnahme und Analyse von Tumorgewebe, oft gleichzeitig erste Behandlung bei frühen Tumoren.
CT, MRT und Ultraschall: Dienen dazu, Tumore sichtbar zu machen und eine mögliche Ausbreitung des Krebses zu beurteilen.
Ureteroskopie: Untersuchung der oberen Harnwege, einschließlich Harnleiter und Nierenbecken.
Blut- und Urintests
Blutuntersuchungen liefern Hinweise auf die Funktion von Nieren und Leber. Urintests können Blut, Entzündungen, Krebszellen oder bestimmte Tumormarker nachweisen und helfen, andere Ursachen wie Harnwegsinfektionen auszuschließen.
Genetische Untersuchungen
Genetische Tests werden nur in ausgewählten Fällen empfohlen, etwa bei jüngeren Patienten oder wenn in der Familie gehäuft Blasen-, Darm- oder andere verwandte Krebsarten auftreten. Sie können vererbte Veränderungen aufdecken, die das Erkrankungsrisiko erhöhen.
Nach der Diagnose wird Blasenkrebs nach Grad und Stadium eingeteilt. Diese Einteilung hilft Ärzten, die passende Behandlung zu wählen und die Prognose abzuschätzen.
Der Grad beschreibt, wie stark sich die Krebszellen von gesunden Zellen unterscheiden. Niedriggradige Tumoren wachsen meist langsamer und breiten sich seltener aus.
Hochgradige Tumoren sind aggressiver, wachsen schneller und neigen eher zu Rückfällen oder Metastasen. Die meisten invasiven Blasentumoren sind bereits bei der Diagnose hochgradig.
Das Stadium zeigt, wie weit sich der Krebs ausgebreitet hat. In Stadium 0 ist er auf die Blasenschleimhaut beschränkt, in Stadium 1 wächst er in das darunterliegende Gewebe ein.
Stadium 2 bedeutet, dass die Blasenmuskulatur betroffen ist, Stadium 3 eine Ausbreitung in umliegendes Fettgewebe oder benachbarte Organe. In Stadium 4 hat der Krebs entfernte Organe wie Lunge, Leber oder Knochen erreicht.
Mit dem Fortschreiten der Erkrankung verschlechtert sich die Prognose deutlich: Die 5-Jahres-Überlebensrate sinkt von ungefähr 73 Prozent in Stadium 2 auf 9 Prozent in Stadium 4.
Was sind die möglichen Komplikationen bei Blasenkrebs?
Komplikationen bei Blasenkrebs können durch das Tumorwachstum selbst oder als Folge der Behandlung entstehen. Dazu gehören ein blockierter Harnabfluss, Blutungen, die Ausbreitung des Krebses auf andere Organe, wiederkehrende Infektionen sowie Nebenwirkungen von Operationen, Chemotherapie oder Bestrahlung. Zu den möglichen Komplikationen gehören:
Anämie
Schwellung der Harnleiter aufgrund von Harnstau
Verengung der Harnröhre
Verlust der Blasenkontrolle
Erektionsstörungen bei Männern
Sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen
Natürliche Maßnahmen und Lebensstil bei Blasenkrebs
Lebensstilentscheidungen können die allgemeine Gesundheit fördern, Behandlungsnebenwirkungen lindern und das Risiko eines Rückfalls verringern.
1. Ernährung
Eine spezielle Diät gegen Blasenkrebs gibt es nicht. Eine ausgewogene Ernährung kann den Körper jedoch während der Behandlung und der Genesung unterstützen.
Eine Studie zeigte zudem, dass Menschen, die häufiger rohen Brokkoli verzehrten, seltener an Blasenkrebs oder anderen Ursachen starben. Für andere Obst- und Gemüsesorten wurde ein vergleichbarer Zusammenhang nicht beobachtet.
Bei Beschwerden während der Behandlung können folgende Maßnahmen helfen:
Verstopfung: Magnesiumoxid, magnesiumreiches Mineralwasser oder Flohsamen.
Muskelabbau (z. B. während einer Chemotherapie): ausreichend mageres Eiweiß.
Ausreichend trinken: Wasser und Kräutertees; die empfohlene Trinkmenge sollte mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.
Übelkeit und Durchfall: mehrere kleine Mahlzeiten, leicht verdauliche und ballaststoffarme Lebensmittel sowie vorübergehend der Verzicht auf Milchprodukte, fettreiche und scharf gewürzte Speisen, Zucker, Koffein und Alkohol. Bananen, Brühe und Nüsse helfen, den Elektrolythaushalt zu unterstützen.
Ein metallischer Geschmack im Mund lässt sich oft durch Zitronen- oder Limettensaft beim Würzen der Speisen lindern.
Zur Vorbeugung von Blasenkrebs wird empfohlen:
viel Gemüse, insbesondere Blattgemüse, Brokkoli und Paprika
Vollkornprodukte und ballaststoffreiche Lebensmittel
Fisch und Kreuzblütler
Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an den Vitaminen E, C und D
ausreichend trinken
Verarbeitete Fleischprodukte sollten möglichst gemieden und rotes Fleisch nur in Maßen verzehrt werden.
Lebensstil und Umwelt
Weitere Maßnahmen, die das Blasenkrebsrisiko verringern können:
mit dem Rauchen aufhören
ein gesundes Körpergewicht halten
beim Umgang mit schädlichen Chemikalien Schutzkleidung und Atemschutz tragen
Arzneimittel und pflanzliche Präparate mit Aristolochiasäure vermeiden
auf den Konsum von Opium verzichten
Harnwegsinfektionen frühzeitig behandeln und bei Nieren- oder Blasensteinen
ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen
unnötige Strahlenbelastungen möglichst vermeiden
Verringerung des Rezidivrisikos
Einige Hinweise deuten darauf hin, dass die Einnahme hoher Dosen bestimmter Vitamine und Mineralstoffe – darunter die Vitamine A, B6, C und E sowie Selen und Zink – dazu beitragen kann, das Rezidivrisiko zu senken.
Gleichzeitig kann eine hohe Zufuhr von synthetischer Folsäure das Rezidivrisiko bei nicht-muskelinvasivem Blasenkrebs erhöhen, was darauf hindeutet, dass Patienten vorsichtig sein und sich bezüglich der Folsäurezufuhr von ihrem Arzt beraten lassen sollten.
2. Meditation und Achtsamkeit
Eine Studie aus dem Jahr 2025 ergab, dass die Kombination einer Epirubicin-Chemotherapie mit achtsamkeitsbasierten Interventionen die Krebsversorgung verbessern kann, indem sie behandlungsbedingte Nebenwirkungen und psychische Belastungen bei Menschen mit Tumoren des Harnsystems verringert.
Meditation und Yoga können laut einer Studie die Lebensqualität von weiblichen Krebsüberlebenden verbessern, indem sie Stress abbauen und körperliche Symptome wie Müdigkeit und Schmerzen lindern.
Regelmäßige Bewegung kann die Lebensqualität von Menschen mit Blasenkrebs verbessern. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021, die 23 Studien auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger körperlicher Aktivität das Risiko für Blasenkrebs senken und zugleich die Überlebenschancen sowie die Lebensqualität verbessern kann.
4. Musik
Eine Studie aus dem Jahr 2024 mit 160 Männern mit Blasenkrebs, die sich einer nachsorgeflexiblen Zystoskopie unterzogen, ergab, dass Teilnehmer, die mit geräuschunterdrückenden Kopfhörern Musik hörten, nach dem Eingriff deutlich weniger Angst verspürten und zufriedener waren und eine höhere Zufriedenheit sowie Bereitschaft zur Wiederholung des Eingriffs zeigten als diejenigen, die keine Musik hörten.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Deutschland hat in den vergangenen Tagen einen Vorgeschmack auf das bekommen, was viele monatelang herbeigesehnt haben: echten Hochsommer. In mehreren Regionen kletterten die Temperaturen auf über 35 Grad. Örtlich wurden sogar Werte von mehr als 40 Grad erreicht. Der deutschlandweite Allzeitrekord von 41,7 Grad Celsius wurde im brandenburgischen Neißemünde-Coschen gemessen.
Freibäder melden Hochbetrieb, Badeseen füllen sich bereits am Vormittag und in den Biergärten sind die Plätze bis in die Abendstunden gut besucht. Damit ist klar: Der Sommer 2026 ist angekommen. Für diese Woche ist weiterhin deutschlandweit überwiegend sonniges Sommerwetter prognostiziert. Die nächste Hitzewelle soll voraussichtlich am kommenden Sonntag im Südwesten Deutschlands anrollen.
Für viele Fußballfans endet die WM früher als erhofft. Doch während der Ball für Deutschland nicht mehr rollt, beginnt draußen die vielleicht schönste Zeit des Jahres erst richtig. Die langen Tage liegen noch vor uns, die Sommerferien starten, die Seen erwärmen sich und die Wetterkarten zeigen weiterhin viel Sonne über weiten Teilen des Landes.
Wer in diesen Tagen morgens das Fenster öffnet, spürt den Sommer deutlich. Die Luft ist warm, die ersten Sonnenstrahlen erreichen früh den Balkon und am Nachmittag zieht es viele Menschen ins Freie. Straßencafés füllen sich, Eis wird serviert, Kinder spielen in Brunnen und in den Biergärten werden kühle Getränke bestellt.
Ganz Deutschland macht Ferien
Mit den Sommerferien beginnt für Millionen Menschen die Ferienzeit des Jahres. Je nach Bundesland starten die Ferien zwischen Ende Juni und Anfang August und dauern in der Regel rund sechs Wochen. Termine sind hier einsehbar.
Dadurch verteilen sich die Urlaubsreisen über mehrere Wochen. Straßen und Reiseziele sind vielerorts weniger überlastet, und auch spontane Ausflüge bleiben häufig möglich. Nicht jede Reise führt dabei ins Ausland oder ans Mittelmeer. Deutschland selbst bietet eine große Vielfalt an Landschaften und Freizeitmöglichkeiten.
Urlaub beginnt oft direkt vor der Haustür
Es sind häufig die einfachen Dinge, die einen Sommer unvergesslich machen: ein Sprung ins kühle Wasser eines Badesees, das erste Eis nach einer Fahrradtour, Grillen bis spät in den Abend, ein Sonnenuntergang am Flussufer oder barfuß über eine Wiese zu laufen. Auch das Zusammensitzen mit Freunden auf einer Picknickdecke bis tief in die Nacht gehört für viele dazu.
Wer Wasser liebt, findet in Deutschland zahlreiche Möglichkeiten. Ob Stand-up-Paddling auf einem ruhigen See, eine Segeltour auf dem Bodensee, Kanufahren auf der Mecklenburgischen Seenplatte oder ein entspannter Nachmittag im Freibad – Wasser gehört zum Sommer wie Eis und Sonne.
Auch Wanderer kommen jetzt auf ihre Kosten. Die Wege durch National– und Naturparks – davon gibt es hierzulande mehr als 100 zwischen Bayern und Schleswig-Holstein – führen durch schattige Wälder, über blühende Wiesen und zu Aussichtspunkten, an denen der Alltag weit entfernt scheint. Wer es gemütlicher mag, packt eine Picknickdecke ein, sucht sich einen Platz im Stadtpark oder verbringt den Abend mit Freunden im Biergarten unter alten Kastanien.
Ob entlang des Rheins, der Elbe oder der Mosel oder auf einem der vielen Bahntrassenradwege, für Radfahrer sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt. Einen Überblick und viele Tipps gibt es hier. Wer möchte, verbindet Bewegung direkt mit einer Einkehr im Biergarten, denn vielerorts gehören schattige Kastanienbäume und regionale Spezialitäten fest zum Sommergefühl.
Zeit füreinander
Vielleicht ist genau das die größte Stärke des Sommers: Er schenkt Zeit, Zeit für Gespräche auf der Terrasse, für gemeinsame Ausflüge, für Spiele mit den Kindern oder für Abende mit Freunden am See.
Statt ständiger Bildschirmzeit oder abendlicher Streamingroutinen werden im Biergarten Begegnungen und gemeinsames Lachen zu Erinnerungen, die oft über den Sommer hinaus wirken. Der Sommer muss dabei nicht spektakulär sein. Häufig reicht ein freier Nachmittag, ein Picknickkorb, ein gutes Buch oder eine Hängematte im Garten. Manchmal genügt schon der Duft einer blühenden Wiese oder das Zirpen der Grillen, um für einen Moment den Alltag zu vergessen.
Jetzt ist Sommer
Der Sommer 2026 hat gerade erst begonnen. Die Fußball-WM mag für Deutschland bereits vorbei sein, doch die langen Abende, Ferientage, Ausflüge und besonderen Momente liegen noch vor uns. Sonnenbrille einpacken, Freunde treffen und hinaus ins Freie – der Sommer wartet nicht.
Am 1. Oktober 2019 gehen Menschen in Kiew, Ukraine, an den Büros des NABU, dem Amt für Korruptionsbekämpfung Ukraine, vorbei. - Foto: Sean Gallup/Getty Images
Am 29. Juni meldete die ukrainische Nationale Nachrichtenagentur UNN, dass der Parlamentsabgeordnete Serhiy Kuzminykh unter Hausarrest gestellt worden sei.
UNN beruft sich dabei auf das Hohe Antikorruptionsgericht (HACC), das am 29. Juni eine „Sicherungsmaßnahme in Form von rund um die Uhr geltendem Hausarrest“ gegen einen Abgeordneten erlassen habe. Außerdem muss der Verdächtige eine elektronische Fußfessel tragen.
Obwohl das HACC keinen Namen preisgegeben habe, will UNN wissen, dass es sich um Kuzminykh handelt. Er stehe im Verdacht, umgerechnet 11.000 Euro an „ungerechtfertigten Vorteilen für die Erleichterung der Lieferung von medizinischer Ausrüstung“ an ein Krankenhaus in Schytomyr erhalten zu haben, berichtet die Nachrichtenagentur weiter.
Brisant für Wolodymyr Selenskyj: Kuzminykh gehört der gleichen Partei an, wie der ukrainische Präsident, der „Sluha narodu“ (Diener des Volkes).
Die zwei spanischen Tageszeitungen, „Todo Alicante“ und „Demócrata“, berichteten auf ihrem englischsprachigen digitalen Nachrichtenportalen zudem von einer weiteren Festnahme eines Abgeordneten der Partei Diener des Volkes.
Dieser sei in Spanien festgesetzt worden, wo er sich zu einer Dienstreise aufgehalten haben soll. Das ukrainische Amt für Korruptionsbekämpfung (NABU) habe seine „vorläufige Inhaftierung ohne die Möglichkeit einer Kaution beantragt“, so das spanische Blatt weiter.
Das NABU habe bestätigt, dass der in Spanien Festgenommene verdächtig wird, ebenfalls in den Korruptionsfall im Zusammenhang mit Verträgen über medizinische Ausrüstung in der Oblast Schytomyr verwickelt zu sein. Er wird damit in die Nähe seines Parteifreundes Kuzminykh gerückt. Die Ermittler hätten laut „Todo Alicante“ den Abgeordneten bei der Entgegennahme des Schmiergeldes „erwischt“, doch seine parlamentarische Immunität habe bislang seine Festnahme vor Ort verhindert.
„Todo Alicante“ kommt zu dem Schluss: „Dies ist ein weiterer Korruptionsfall, der die Regierung von Selenskyj betrifft, die sich zwar dazu verpflichtet hat, diese tief verwurzelten Praktiken in der ehemaligen Sowjetrepublik auszumerzen, die jedoch nach wie vor eine große Herausforderung für das von Russland angegriffene Land darstellen.“
Am gleichen Tag gab laut UNN das HACC außerdem bekannt, dass auch Andrij Jermak zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verpflichtet wurde.
Yermak, ehemaliger Leiter des Präsidialamtes und einstiger enger Vertrauter von Selenskyj, wird verdächtigt, umgerechnet rund 9 Millionen Euro bei einem Luxusbauprojekt in der Nähe von Kiew gewaschen zu haben.
Andrij Jermak. (Archivfoto)
Foto: via dts Nachrichtenagentur
Es ging um Callcenter
Ebenfalls am 29. Juni gab das NABU zusammen mit der Sonderstaatsanwaltschaft zur Korruptionsbekämpfung (SAPO) eine Stellungnahme heraus. Sie gaben die Festnahme eines weiteren Abgeordneten bekannt, ohne dessen Name oder Parteizugehörigkeit zu nennen.
Wie NABU weiter mitteilte, bestehe der Verdacht, dass der Politiker „unrechtmäßige Vorteile gefordert, Gelder gewaschen und unrichtige Angaben in seiner Vermögenserklärung gemacht“ habe.
Laut bisheriger Ermittlungen habe der Abgeordnete im August 2023 „unter dem Vorwand, gegen die Aktivitäten sogenannter ‚Callcenter‘ vorzugehen, von einer Person, die er für verantwortlich hielt, einen unrechtmäßigen Vorteil in Höhe von mehr als 1 Million US-Dollar gefordert“. Dafür soll er versprochen haben, seine Befugnisse zu nutzen, um im Interesse dieser Person in die Tätigkeit einiger „Callcenter“ einzugreifen und die Arbeit anderer nicht zu behindern. „Allerdings erhielt er die unrechtmäßige Zuwendung nicht“, so NABU.
Die ukrainische Onlinezeitung “The New Voice of Ukraine” mutmaßt „aufgrund der genannten Einzelheiten des Falls“, dass es sich bei dem Korruptionsverdächtigen um Mykola Tyshchenko handle, einen ehemaligen Abgeordneten der Partei Diener des Volkes, der nun der Fraktion „Wiederherstellung der Ukraine“ angehört.
Die auf Spenden basierende unabhängige ukrainische Tageszeitung „Kyiv Independent“ geht noch weiter und prangert Tyshchenko offen als den Verdächtigen an. Dieser sei im Januar 2023 aus der Partei Selenskyjs ausgeschlossen worden.
Als einer der Gründe für den Rauswurf wurde damals angegeben, Tyshchenko habe illegal eine Reise nach Thailand unternommen. Im Rahmen des Kriegsrechts ist es ukrainischen Männern im Alter von 18 bis 60 Jahren während des Krieges jedoch untersagt, das Land ohne Sondergenehmigung von der Regierung zu verlassen. Diese lag laut „Kyiv Independent“ offenbar nicht vor.
Zuvor war Tyshchenko schon mehrfach aufgefallen: Im Jahr 2020 verstieß sein Restaurant „Velyur“ in Kiew gegen die COVID-19-Ausgangssperre. Dort sollen auch viele Politiker eingekehrt sein.
Ferner soll der verhaftete Abgeordnete nach Angaben der NABU-/SAPO-Ermittler illegale Gelder in Höhe von rund 250.000 Euro „gewaschen“ haben, indem er mit seiner ehemaligen Ehefrau eine fiktive Schenkungsvereinbarung traf.
NABU: „Die Ermittlungen ergaben, dass sie über kein rechtmäßiges Einkommen verfügte, um eine solche Schenkung zu tätigen, und keine tatsächliche Geldüberweisung stattfand.“ Der Politiker habe das Geld später in seiner jährlichen Vermögenserklärung als Einkommen angegeben und damit „wissentlich falsche Angaben gemacht“, so NABU.
Und weiter: „Die Ermittlungen dauern an. Derzeit werden alle Umstände der Straftat sowie weitere Personen ermittelt, die möglicherweise an deren Begehung beteiligt sind.“
Thinktank: Korruptionsbekämpfung immer noch Nebensache
Susan Stewart vom Berliner Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik kommt im März 2026 bezüglich der notorischen Korruption in der Ukraine zu dem Schluss: Die personellen Umbesetzungen in der Regierung und in Teilen des Sicherheitsapparats Anfang 2026 hätten gezeigt, „dass die Korruptionsbekämpfung nicht im Vordergrund steht“, obwohl sie von einer Reihe von Korruptionsskandalen ausgelöst worden seien.
Das „Phänomen Korruption“ werde „lediglich am Rande angegangen“. So sei etwa der Justizsektor bislang „nur partiell reformiert“ worden und biete „zahlreiche Angriffsflächen für Korruption“. Außerdem sei „Korruption zu einem Teil des Governance-Systems der Ukraine geworden, der ohne eine Transformation dieses Systems nicht beherrschbar gemacht werden kann“.
Die Korruption sei in der Ukraine deshalb „so stark verwurzelt, weil Rechtsstaatlichkeit weiterhin unterentwickelt ist“. Der EU-Beitrittsprozess erfordere laut der Politikwissenschaftlerin „jedoch, dass die Ukraine ihr Governance-System transformiert“. Dabei sei es wichtig, dass sich die Veränderungsmaßnahmen „nicht nur auf die Elitenebene fokussieren“, sondern auf die gesamte Gesellschaft.
Die Konzernzentrale von Volkswagen in Wolfsburg: Der Vorstand sieht das Unternehmen vor einem grundlegenden Strukturwandel. - Foto: Ronny Hartmann/AFP via Getty Images
In Kürze:
Volkswagen plant offenbar einen deutlich umfassenderen Konzernumbau als noch Ende 2024 vereinbart, mit möglichen weiteren Stellenstreichungen und Werksschließungen.
Schwache Quartalszahlen, sinkende Erträge in China und hoher Wettbewerbsdruck veranlassen den Vorstand, das Geschäftsmodell und die Konzernstrukturen grundlegend zu überdenken.
Der Aufsichtsrat entscheidet am 9. Juli über das neue „Zielbild 2030“, eine Richtungsentscheidung für die Zukunft des größten deutschen Automobilherstellers.
Es sollte im Dezember 2024 der Befreiungsschlag sein: Nach wochenlangen Verhandlungen zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern einigten sich beide Seiten auf einen sozial verträglichen Personalabbau. 35.000 Stellen an den deutschen Standorten der Kernmarke sollten bis 2030 entfallen, betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen wurden ausgeschlossen. Das Unternehmen sprach damals von einem tragfähigen Kompromiss, der Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung gleichermaßen sichern sollte.
Heute, gut eineinhalb Jahre später, steht dieser mühsam errungene Kompromiss nun offenbar wieder auf der Kippe. Wie am Wochenende das „manager magazin“ berichtete, sollen bis zu 100.000 statt der bisher 50.000 Stellen konzernweit abgebaut werden. Weiter sollen die vier deutschen Werke in Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm mittelfristig geschlossen werden. Das Magazin beruft sich hier auf Insider, sodass die Angaben nicht unabhängig zu überprüfen sind.
Die Pläne seien Teil des neuen Zielbilds 2030, das der Vorstand am vergangenen 24. Juni behandelt haben soll. Das letzte Wort dazu hätte der Aufsichtsrat, der am 9. Juli tagt.
Auf Anfrage des „Tagesspiegel“ wollte sich ein VW-Sprecher nicht zu dem Bericht äußern: „Die zugrunde liegenden Sachverhalte werden in den zuständigen Gremien besprochen und verabschiedet. Diesem Prozess werden wir nicht vorgreifen.“
Er bestätigte, dass der Konzernvorstand „in den vergangenen Monaten intensiv an einem Zukunftsplan für die Neuaufstellung des Unternehmens gearbeitet“ hat, so der Sprecher. Es gehe darum, das Unternehmen „insgesamt effizienter und schlanker aufzustellen sowie technologische Synergiepotenziale konsequent zu nutzen.“ Der gesamte Konzern müsse sich „tiefgreifend verändern“.
Der Konzern begründet seinen Anpassungsbedarf nicht mit vorübergehender Absatzschwäche oder kurzfristigen Konjunkturproblemen. Vielmehr wird das bisherige Geschäftsmodell selbst infrage gestellt.
Er soll bis Ende 2030 an der Spitze des Konzerns bleiben und den Sparkurs vorantreiben: VW-Chef Oliver Blume. (Archivbild)
Foto: Michael Kappeler/dpa
Die wirtschaftliche Ausgangslage
Dass der Konzern zu dieser Einschätzung gelangt, hatte sich in den vergangenen Quartalen angedeutet. Im Zwischenbericht für das erste Quartal 2026 weist Volkswagen einen Umsatz von 75,7 Milliarden Euro aus, 2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das operative Ergebnis, also der Gewinn aus dem eigentlichen Geschäft vor Zinsen und Steuern, sank auf 2,5 Milliarden Euro.
Die operative Rendite, also der Anteil dieses Gewinns am Umsatz, fiel auf 3,3 Prozent. Noch stärker ging der Gewinn, also das Ergebnis nach Steuern, zurück. Lag er im Vorjahresquartal bei rund 2,2 Milliarden Euro, so schloss das erste Quartal in diesem Jahr mit einem Gewinn von rund 1,6 Milliarden ab. Das ist ein Gewinneinbruch von über 28 Prozent.
Finanzchef Arno Antlitz verwies zwar auf Fortschritte wie einen höheren Auftragseingang in Europa, um nahezu 1 Milliarde Euro gesunkene Gemeinkosten und einen Netto-Cashflow von 2 Milliarden Euro. Zugleich machte er deutlich, dass Volkswagen vor einem tiefgreifenden Umbau steht.
Die operative Marge liege mit 4,3 Prozent „weiterhin auf viel zu niedrigem Niveau“. Die bisherigen Sparmaßnahmen reichten angesichts neuer Zölle und des verschärften Wettbewerbs, insbesondere in China, nicht mehr aus. „Wir müssen unser Geschäftsmodell grundlegend verändern und strukturelle, nachhaltige Verbesserungen erzielen“, sagte Antlitz.
Dafür wolle Volkswagen die Kostenstruktur verbessern, die Komplexität im Konzern deutlich verringern sowie die Technologieentwicklung und Entscheidungsprozesse beschleunigen.
Konzernchef Oliver Blume betonte, Volkswagen habe sich trotz des schwierigen Umfelds behauptet. Kriege, geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren und der verschärfte Wettbewerb sorgten zwar für erheblichen Gegenwind. Dennoch habe der Konzern Fortschritte erzielt.
Im Geschäft mit Pkw und leichten Nutzfahrzeugen sei das operative Ergebnis um rund 43 Prozent gestiegen, zudem zeigten die Produktoffensive und die Kostensenkungen Wirkung. Künftig wolle Volkswagen Produkte, Technologien und Wertschöpfung stärker regional ausrichten und sich im globalen „Innovationswettlauf“ besser positionieren.
Solche Aussagen aus der VW-Vorstandsetage beschreiben die aktuelle Geschäftslage in Wolfsburg deutlich.
Dabei ist die Entwicklung keineswegs überraschend. Seit mehreren Jahren weist Volkswagen auf sinkende Margen bei der Kernmarke hin. Gleichzeitig steigen die Investitionen in Elektromobilität, Softwareentwicklung und Digitalisierung. Hinzu kommen geopolitische Belastungen wie der Wettbewerbsdruck aus China und US-Zölle. Während viele dieser Faktoren bereits 2024 bekannt waren, hat sich ihre Wirkung inzwischen verstärkt.
Autoproduktion in Wolfsburg: Wegen hoher Nachfrage nach den hier gebauten Verbrenner setzt VW nun Sonderschichten an. (Archivfoto)
Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Warum das Zukunftspaket nicht mehr trägt
Insbesondere China verändert die Ausgangslage des Konzerns grundlegend. Jahrzehntelang war das Land die wichtigste Ertragsquelle von Volkswagen. Gemeinsam mit den chinesischen Joint-Venture-Partnern erzielte der Konzern dort hohe Gewinne, die schwächere Ergebnisse in anderen Regionen häufig ausgleichen konnten.
Dieses Modell trägt heute nur noch eingeschränkt. Wie die Nachrichtenagentur „Reuters“ unter Berufung auf die Daten der „China Passenger Car Association“ aus dem Januar berichtet, wurde Volkswagen 2025 auf dem chinesischen Markt von Geely überholt und fiel hinter BYD auf den dritten Platz zurück.
Der gemeinsame Marktanteil der beiden chinesischen Volkswagen-Joint-Ventures mit FAW und SAIC sank demnach von 12,2 auf 10,9 Prozent. Damit verliert der Wolfsburger Konzern im weltweit größten Automarkt weiter an Boden gegenüber chinesischen Herstellern.
Die Quartalszahlen und die Aussagen des Vorstands zeigen, dass sich der wirtschaftliche Anpassungsdruck gegenüber Ende 2024 deutlich erhöht hat. Aus Sicht des Managements reichen die damals vereinbarten Maßnahmen inzwischen offenbar nicht mehr aus. Die aktuelle Entwicklung ist jedoch nicht allein das Ergebnis der vergangenen anderthalb Jahre. Viele der Herausforderungen, auf die der Vorstand heute verweist, begleiten den Konzern seit Längerem.
Warum sieht der Vorstand nun offensichtlich die Notwendigkeit, das Ende 2024 vereinbarte Zukunftspaket bereits nach anderthalb Jahren erneut nachzuschärfen?
Ein Teil der Antwort liegt in der besonderen Struktur des Konzerns. Volkswagen vereint zehn Fahrzeugmarken, zahlreiche Entwicklungsstandorte und ein weltweites Produktionsnetz unter einem Dach. Diese Größe verschaffte dem Unternehmen über Jahrzehnte erhebliche sogenannte Skalenvorteile. Das bedeutet, dass ein Unternehmen pro Stück günstiger produzieren kann, je mehr es fertigt und verkauft.
Das hatte aber auch eine Kehrseite: Es entstanden komplexe Entscheidungsstrukturen, die schnelle Anpassungen erschweren. Genau hier setzt der Vorstand inzwischen an. Finanzvorstand Antlitz kündigte im Kontext der Quartalszahlen an, diese „Komplexität erheblich verringern“ zu wollen. Das bezieht er nach eigenen Aussagen auf „Produktportfolio und den Technologieplattformen“, sowie bei der „Anzahl der Einheiten und Entscheidungsebenen“. Darauf werde man sich in den kommenden Monaten konzentrieren, so der CFO.
Hinzu kommt die besondere Unternehmensverfassung. Das Land Niedersachsen verfügt aufgrund seiner 20-Prozent-Beteiligung und des Volkswagen-Gesetzes über weitreichende Mitspracherechte bei grundlegenden Entscheidungen. Gleichzeitig besitzt die Arbeitnehmerseite durch die paritätische Mitbestimmung erheblichen Einfluss im Aufsichtsrat. Dieses Modell hat Volkswagen über Jahrzehnte geprägt und größere Strukturentscheidungen regelmäßig zu einem Aushandlungsprozess zwischen Vorstand, Politik und Betriebsrat gemacht.
Während andere Hersteller tiefgreifende Restrukturierungen häufig allein unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden, müssen bei Volkswagen regelmäßig auch beschäftigungs- und standortpolitische Interessen berücksichtigt werden. Das machte den Konzern über viele Jahre stabil. Unter den Bedingungen eines sich beschleunigenden technologischen Wandels verlängert es jedoch Entscheidungsprozesse.
Das VW-Werk in Wolfsburg. (Archivbild)
Foto: via dts Nachrichtenagentur
Das System Volkswagen
Entsprechend unterschiedlich fallen die Schlussfolgerungen aus. Der Vorstand verweist auf den verschärften internationalen Wettbewerb und sieht einen grundlegenden Umbau der Konzernstrukturen als Voraussetzung für eine dauerhaft höhere Wettbewerbsfähigkeit.
Das Land Niedersachsen sowie der Gesamtbetriebsrat halten dagegen, dass Wettbewerbsfähigkeit nicht allein über Personalabbau erreicht werden könne. Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hat sich inzwischen gegen die neuen etwaigen Sparpläne für das Unternehmen ausgesprochen. Und Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo hatte bereits nach der Einigung Ende 2024 erklärt:
„Es gibt viele andere Hebel, die das Unternehmen zu verantworten hat. Wir müssen wettbewerbsfähige Produkte haben, uns fehlen die Einstiegsmodelle in der Elektromobilität.“
Die aktuelle Debatte reicht deshalb über die Frage einzelner Werke oder Stellenzahlen hinaus. Sie berührt die Grundsatzfrage, ob das Organisationsmodell, das Volkswagen über Jahrzehnte erfolgreich gemacht hat, unter den veränderten Bedingungen des internationalen Automobilmarktes noch in seiner bisherigen Form tragfähig ist.
Die Antwort darauf wird nicht allein in Wolfsburg gesucht. Sollte der Vorstand seine Pläne tatsächlich in der berichteten Größenordnung vorlegen, beträfe das nicht nur den Konzern. Es ginge auch um Industriestandorte, Zuliefernetzwerke und die Rolle des Landes Niedersachsen als Anteilseigner. Gerade deshalb dürfte der Aufsichtsrat am 9. Juli nicht nur über ein weiteres Sparprogramm beraten, sondern über die Grenzen des bisherigen Volkswagen-Kompromisses.
Mehr als ein weiteres Sparprogramm
Bis dahin bleibt entscheidend, was belastbar ist und was nicht. Die Zahlen zu möglichen Stellenstreichungen und Werksschließungen beruhen bislang auf Medienberichten. Bestätigt sind dagegen die schwachen Quartalszahlen, die Aussagen des Vorstands und die Ankündigung, den Konzern grundlegend neu aufzustellen.
Ob daraus tatsächlich ein weiterer Stellenabbau oder tiefgreifende Strukturveränderungen folgen, wird sich erst nach der Sitzung des Aufsichtsrats am 9. Juli zeigen. Schon heute ist jedoch erkennbar, dass Volkswagen vor einer Richtungsentscheidung steht, die weit über die Frage einzelner Werke oder Stellenzahlen hinausgeht.
Das Regasifizierungsnetz des LNG-Terminals (Flüssigerdgas) Cavaou in Fos-sur-Mer in Frankreich am 22. Juni 2023. Verschiedene Industriebetriebe, die mit Öl und Gas handeln, sind von der schrittweise wirkenden EU-Methanverordnung direkt betroffen. - Foto: Clement Mahoudeau/AFP via Getty Images
In Kürze:
Mehrere EU- und Nicht-EU-Staaten äußern Kritik an der EU-Methanverordnung.
Mit dieser Neuregelung will die EU die Treibhausgasemissionen weiter reduzieren.
Für betroffene Unternehmen bedeutet das zunächst eine Mehrbelastung.
Die einzelnen Schritte zur Umsetzung dauern bis 2030.
Elf Mitgliedstaaten der Europäischen Union forderten in der vergangenen Woche eine Verschiebung der Umsetzung der EU-Methanverordnung (EUMR) um mindestens drei Jahre. Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderem Tschechien, die Slowakei, Polen, Italien und die Niederlande.
Auch Deutschland hat sich inzwischen diesem Appell angeschlossen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) warb „dringend“ für eine Überarbeitung der Methanverordnung. Am Freitag, 26. Juni, sagte sie vor einem Treffen der EU-Energieminister in Luxemburg:
„Wir brauchen mindestens eine Verschiebung oder eine Aussetzung der Methanverordnung, dass sich die Bundesrepublik Deutschland sicher mit Gasimporten, aber auch mit Mineralölprodukten wie Kerosin versorgen kann. Wir werden mit der Kommission sehr ernsthaft darüber sprechen müssen, dass wir unsere Versorgungssicherheit auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen können.“
Was bedeutet die EU-Methanverordnung?
In ihrer derzeitigen Form würde die Verordnung dazu führen, dass Gasimporte und Mineralölprodukte ab 2027 nur noch eingeführt werden könnten, wenn sie die Vorgaben erfüllen, argumentierte Reiche.
Bei der Gas- und Ölförderung wird das Treibhausgas Methan freigesetzt. Um dies zu reduzieren, brachte die EU-Kommission die Methanverordnung auf den Weg. Sie trat 2024 in Kraft.
Die Regelung verlangt hauptsächlich, dass bei Gasimporten die Methanemissionen entlang der Lieferkette berücksichtigt werden müssen. Die Verordnung verpflichtet die EU-Staaten, beim Import von Energie aus Drittstaaten verschiedene Berichts- und Überwachungsmaßnahmen einzuhalten. Diese Vorgaben werden schrittweise zwischen 2025 und 2030 eingeführt.
So sollen die Regeln beispielsweise ab 2027 auch für importiertes Gas und Öl gelten. Einfuhrverbot ist in der Verordnung allerdings nicht vorgesehen, sollte ein Staat die Anforderungen nicht erfüllen. Stattdessen sollen die Mitgliedstaaten Verstöße etwa mit Geldbußen ahnden.
Die Methanverordnung ist Teil der Bemühungen der EU, die Treibhausgasemissionen der Mitgliedstaaten bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu senken. Das wiederum soll die Erwärmung der Erdatmosphäre verlangsamen oder stoppen.
Nach Angaben der Europäischen Kommission hat Methan eine stärkere Fähigkeit, Wärme in der Atmosphäre zu speichern, als Kohlenstoffdioxid (CO₂). Das „Treibhauspotenzial“ von Methan sei über einen Zeitraum von 100 Jahren 29,88-mal so hoch wie das von CO₂. Auf einer Zeitskala von 20 Jahren betrage der Faktor sogar 82,5, hieß es.
„Die Reduzierung der Methanemissionen ist daher notwendig, um die Klimaziele des Europäischen Grünen Deals für 2050 zu erreichen“, erklärte die EU-Kommission. Weiter hieß es, dass ein Drittel der durch menschliche Aktivitäten verursachten Methanemissionen aus dem Energiesektor stamme. Zudem bezeichnete die Kommission Methan als den „zweitgrößten Verursacher des Klimawandels“.
Kritik auch von außerhalb der EU?
Die elf EU-Staaten sind jedoch nicht die einzigen Kritiker des EU-Plans. Ebenso haben Energiebeauftragte aus vier Ländern – den Vereinigten Staaten, Katar, Nigeria und Algerien – am Dienstag, dem 23. Juni, einen Brief an die Staats- und Regierungschefs der EU geschickt. Darin warnen sie davor, dass die Umsetzung der geplanten Methanvorschriften die regionale Öl- und Gasversorgung beeinträchtigen könnte.
Die vier Staaten wiesen auch darauf hin, dass die meisten Exporteure, die Energieprodukte an die EU verkaufen, „die Anforderungen der EUMR an die Messung, Berichterstattung und Überprüfung von Methanemissionen nicht innerhalb des vorgeschriebenen Zeitrahmens erfüllen können“.
Zudem seien „laut einer unabhängigen, umfassenden Branchenanalyse fast alle EU-Ölimporte und ein erheblicher Teil der EU-Erdgasimporte“ ab Januar 2027 nicht mehr mit der EUMR konform. „Selbst bei einer anpassungsfähigen und flexiblen Umsetzung sind erhebliche negative Auswirkungen auf Versorgung und Preise sicher“, so die Länder.
EU-Importeure haben bereits damit begonnen, Öl und Gas einzukaufen, das für die Lieferung im kommenden Jahr gelagert werden soll. Derzeit gebe es jedoch „keinen gangbaren Weg“, um die EUMR-Vorschriften einzuhalten, heißt es in dem Schreiben.
Was sind die Schritte?
Bis zum 5. Mai 2025 waren die Energiehandelsakteure gemäß der Verordnung dazu verpflichtet, ihre erste Umsetzungsplanung vorzulegen und drei Monate später die ersten Berichte zu den geschätzten Methanemissionen einzureichen.
Spätestens am 5. Februar dieses Jahres mussten die Akteure erneut detaillierte Berichte zur Menge der Methanemissionen für selbst betriebene Anlagen abgeben. Ab diesem Zeitpunkt waren zunehmend direkte Messungen nötig, um genauere Werte zu erhalten.
Bis zum 5. Februar 2027 müssen entsprechende Berichte für nicht selbst betriebene Anlagen eingereicht werden. Anschließend sollen die Berichte jährlich erfolgen. Zusätzlich müssen unabhängige Prüfstellen diese verifizieren.
Schon jetzt müssen EU-Importeure Informationen unter anderem zu Herkunft, Transportweg und Emissionsminderung der Lieferanten melden. Ab dem 1. Januar 2027 ist zusätzlich ein Nachweis erforderlich, dass sogenannte MRV-Standards der Lieferanten EU-äquivalent sind. MRV steht für „Measurement, Monitoring, Reporting and Verification“ und bezeichnet ein dreistufiges Standard- und Qualitätssicherungssystem zur Erfassung von Treibhausgasemissionen und Klimaschutzprojekten.
Eine weitere Berichterstattung zur Methanintensität der Importe müssen die Lieferanten ab 5. August 2028 abgeben. Ab 5. August 2030 gilt schließlich ein maximaler Methanintensitäts-Grenzwert. Dieser soll von der EU-Kommission noch festgelegt werden.
Wer ist konkret betroffen und welche Sorgen gibt es?
Bereits am 13. April richtete der Internationale Verband der Öl- und Gasproduzenten einen „dringenden Appell“ zur Änderung der EUMR an die EU-Energieminister. Dem Verband gehören weltweit führende Energiekonzerne wie Chevron, ConocoPhillips, BP und ExxonMobil an.
Neben diesen und anderen Unternehmen des Erdöl- und Erdgassektors sind auch Bergwerksbetreiber des Kohlesektors direkt von der EU-Neuregelung betroffen. Ebenso betrifft dies Importeure und Erzeuger von Rohöl, Erdgas und Kohle, die diese Brennstoffe in der EU vertreiben.
Die EUMR in ihrer derzeitigen Form stelle ein Risiko für die Energiesicherheit der EU dar, warnte der Verband. Er hob hervor, dass bis zu 43 Prozent der Erdgasimporte und rund 90 Prozent der Rohölimporte der EU ab Januar 2027 wahrscheinlich nicht den Vorschriften entsprechen würden.
„Darüber hinaus belastet die Verordnung auch die heimischen Produzenten und Infrastrukturbetreiber der EU erheblich, indem sie kostspielige und unverhältnismäßige Maßnahmen vorschreibt, die nur geringen Nutzen bringen oder möglicherweise sogar zu einem Nettoanstieg der Treibhausgasemissionen führen“, erklärte der Verband.
Und weiter: „Dies könnte den Rückgang der heimischen Produktion in Europa weiter beschleunigen, seine strategische Autonomie schwächen und die Energiewende verteuern.“
Was bedeutet die Verordnung für die Industrie?
Um die genannten Schritte umsetzen zu können, müssen sich die von der EU-Methanverordnung betroffenen Industrieunternehmen neu ausrichten. Die Regulierungen werden zunehmend strenger, während sich die Anforderungen an die Nachhaltigkeit ihrer Geschäftsmodelle gleichzeitig erhöhen.
Einerseits bedeutet diese Anpassung einen Mehraufwand für die Unternehmen, der meist mit zusätzlichen Kosten verbunden ist. Andererseits können sie sich durch eine frühzeitige Umstellung einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Wenn Unternehmen nachweislich ihre Methanemissionen reduzieren, können sie mögliche regulatorische Strafgebühren oder Sanktionen vermeiden. Da inzwischen viele Länder und Unternehmen auf Umweltbewusstsein achten, lässt sich zudem ein positives Image aufbauen und die Kundenbindung stärken.
Was bedeutet die Verordnung für die Energiesicherheit?
Bezüglich der Auswirkungen der Methanverordnung auf die Versorgungssicherheit gibt es unterschiedliche Perspektiven. Als positiv werden die Auswirkungen von der EU-Kommission selbst sowie von der US-amerikanischen nichtstaatlichen Umweltschutzorganisation „Environmental Defense Fund“ bewertet. Letztere sieht darin „ein strategisches Instrument, um die Energiesicherheit Europas zu stärken“.
Laut einer Analyse von Rystad Energy werde sich das globale LNG-Angebot jährlich um rund 4 Prozent erhöhen. Das habe zur Folge, dass von 2028 bis 2032 ein Überangebot entsteht. Dies gebe der EU die Freiheit, von den Lieferanten mehr Transparenz und Umweltleistung zu verlangen, ohne den Zugang zu Gas zu gefährden.
Doch es gibt auch Kritiker wie den US-Energieminister Chris Wright. Er erklärte am Mittwoch, dem 24. Juni, dass die „verrückten“ Methanvorschriften der EU den Import von LNG aus den Vereinigten Staaten und anderen Ländern, die den Brief unterzeichnet haben, unmöglich machen würden. Wright warnte, dass dies die EU-Länder einem Risiko aussetze. Er sagte: „Es besteht ein erhebliches Risiko von Stromausfällen oder Heizungsproblemen im kommenden Winter.“
Ein Stand der Bundeswehr wirbt am 11. Juni 2026 auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA Berlin 2026 in Schönefeld für Karrieremöglichkeiten und die Rekrutierung neuer Soldaten. - Foto: Sean Gallup/Getty Images
„Die Welt verändert sich. Und ich habe mich dazu entschieden, nicht nur zuzuschauen.“ Das sind die Eingangsworte zum Trailer der neuen Bundeswehr-YouTube-Serie, „Generation Wehrdienst“, mit der um Soldaten geworben wird.
Die Stimme gehört zu einer jungen Frau. Sie spricht ruhig, aber bestimmt. Sie spricht aus dem Off, während der Zuschauer verschiedene Schnittszenen sieht: Ein junger Mann, gezeigt von hinten, rennt einen hohen Gang entlang – möglicherweise in einer Kaserne. Eine Kolonne von Soldaten in Kampfuniform mit Rucksäcken. Ein Profilbild einer jungen Frau in Uniform. Die Sprecherin?
Es folgen weitere typische Infanterie-Szenen, während die Stimme fortfährt: „Viele haben mich gefragt, warum Du? Warum ausgerechnet jetzt? Ich hab’ keine perfekte Antwort. Aber ich hab’ ’ne echte. Frieden passiert nicht einfach so. Jemand muss dafür einstehen.“
Das Bundesverteidigungsministerium macht in einer Stellungnahme zu der neuen Werbeserie deutlich: „Alle reden über den Neuen Wehrdienst – wir zeigen ihn.“
Doch von welchem „neuen Wehrdienst“ ist die Rede? Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), der laut Umfragen seit seinem Amtsantritt Anfang 2023 mit Abstand beliebteste Politiker ist, setzt trotz Wiedereinführung der Wehrdiensterfassung zu Beginn dieses Jahres weiterhin auf „Freiwilligkeit“ unter jungen deutschen Erwachsenen.
Seiner Einschätzung nach bedarf es einer Aufstockung der Soldaten um 80.000. Mit Ende Mai dieses Jahres verfügt die Bundeswehr über 185.608 Berufssoldaten. Nur, wenn es nicht gelingen sollte, bald zusätzliche 80.000 Männer und Frauen als Berufssoldaten zu rekrutieren, soll die Wiederaufnahme der ausgesetzten Wehrpflicht umgesetzt werden.
Nun probiert es das Ministerium von Pistorius mal wieder mit einer Video-Werbeserie, die am 1. Juli an den Start geht. Die Produktion zeigt den Alltag einer infanteristischen Grundausbildung und orientiert sich in der Machart an gängigen Streamingformaten. Vorerst sind drei Staffeln geplant, die auf mehreren Plattformen ausgespielt werden, darunter auf dem YouTube-Kanal Bundeswehr Exclusive. Die Folgen werden jeweils mittwochs und sonntags um 17 Uhr gezeigt.
„Hautnah dabei“?
Neu an der Serie ist, dass sie laut Bundeswehr ohne ein Skript entstand. Das heißt, die Handlung und Dialoge wurden nicht vorher schriftlich ausgearbeitet, sondern spontan geäußert und umgesetzt. Damit soll eine hohe Wirklichkeitsnähe vermittelt werden.
Und so erklärt denn auch das Verteidigungsministerium: „Wir begleiten Rekrutinnen und Rekruten auf einer emotionalen und spannenden Reise in die Welt der Bundeswehr, in der die jungen Frauen und Männer auch an ihre Grenzen stoßen – ohne Drehbuch, mit allen Höhen und Tiefen.“
Damit sei die Serie „hautnah dabei – von der Ankunft über die Einkleidung und dem Formaldienst“ bis zur Gefechtsübung – dem Höhepunkt einer jeden Ausbildung. Auch Freunde der Teilnehmer sowie ihre Familien sollen zu Wort kommen.
Das Verteidigungsministerium gibt zudem bekannt: „Die Produktion entspricht technisch dem hohen Qualitätsstandard von Doku-Formaten bekannter Streamingdienste, wie Netflix. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich auf drei Staffeln zwischen Anfang Juli bis November 2026 freuen.“
Auf einer riesigen Werbetafel in Berlin ist am 16. Januar 2026 eine Anzeige der Bundeswehr zu sehen. Der Slogan „Frei. Will. Ich.“ spielt auf das Wort „Freiwillig“ an, da die Wehrpflicht in Deutschland noch nicht wieder eingeführt wurde.
Foto: John MACDOUGALL / AFP via Getty Images
Trotz hohem Interesse bleiben Rekruten aus
Die Idee einer solchen Werbeart für den Wehrdienst ist nicht neu. Bereits im Jahr 2016 lief die Serie „Die Rekruten“ und 2019 das Folgeprodukt „Die Rekrutinnen“, die laut Verteidigungsministerium mehr als 18,5 Millionen Aufrufe erreicht hätten. Bei solch hohen Klickzahlen stellt sich indes die Frage, warum dennoch die Bundeswehr in der Vergangenheit keine signifikante Steigerung von Bewerberzahlen für die Berufsarmee erreichen konnte und warum dies mit der neuen YouTube-Serie anders sein sollte.
Die Freiwilligkeit stößt ohnehin bereits innerhalb der Bundeswehr an Grenzen. Bei seinem jüngsten Truppenbesuch bei der „Litauen-Brigade“ in Vilnius am 22. Juni räumte Pistorius vor der Presse ein, dass voraussichtlich nicht alle 4.800 für die Brigade benötigten Soldaten freiwillig rekrutiert werden können.
Deshalb könne es auch zu einer angeordneten „Verpflichtung“ für Soldaten kommen, so der Minister. Die „Litauen-Brigade“ ist die erste dauerhaft im Ausland stationierte Kampfbrigade der Bundeswehr und wurde von Anfang April 2025 offiziell noch von der Scholz-Regierung in Dienst gestellt. Sie soll den NATO-Partner Litauen gegen eine mögliche Bedrohung aus Russland unterstützen.
Gemessen an der immer angespannter werdenden Krisenlage in der Welt – vom Krieg in der Ukraine bis zum neuen Golfkrieg der USA und Israels gegen den Iran – könnte es nachvollziehbar sein, dass es junge Männer und Frauen noch weniger dazu drängt, sich als Berufssoldat zu verpflichten, als zehn Jahre zuvor. Doch auf genau diese Situation versucht die neue Bundeswehr-Videoserie eine authentische Antwort zu geben.
Im Trailer sagt die junge Frau, wenn es darum gehe, Frieden zu sichern, hätten dies viele ihrer Generation begriffen. Als Nächstes wird ein junger Rekrut gezeigt, der offenkundig über einen Migrationshintergrund verfügt. „Ich wollt‘ am Anfang auch aufgeben. Ich dacht mir so, das ist nichts für mich.“
Ein anderer sagt: „Alle wollen Frieden, aber nix dafür tun.“ Eine Rekrutin fügt hinzu: Das ist „ein Weg, den nicht jeder einschlägt, und das hat mich dann noch mehr gereizt“. Das klingt nicht nach gestellten Antworten.
Denn ähnliche Erfahrungen gibt es in der Truppe seit Jahren. Was neben den derzeitigen Aussagen der Rekruten überzeugt: Sie lernen, sich im „Zug“, so heißt bei der Bundeswehr das kleinste Team, gegenseitig zu unterstützen. Egal, woher sie stammen. Egal, ob übergewichtig oder durchtrainiert. Egal, ob Mann oder Frau.
Eine Szene zeigt, wie eine Rekrutin von zwei ihrer Kameraden buchstäblich in ein zu erreichendes Ziel geschleppt wird, damit jeder im Zug die Ausbildung schafft. Diesen Teamspirit nennt man bei der Bundeswehr altmodisch „Kameradschaft“. Unabhängig vom „Wording“ geht es letztlich darum, in einem Ernstfall die Überlebenschance von Soldaten zu steigern.
Was die Rekruten in dem Video sagen, spiegelt sich auch in den beiden Slogans wider, die die Serie begleiten: „Mit Dir sind wir viele“ und „Ihr könnt laut reden. Wir machen“.
Seit zehn Jahren gelinge es der Bundeswehr, die „Zielgruppe der 17- bis 35-Jährigen zu erreichen“ und ihr Interesse für die Truppe zu wecken, gibt das Verteidigungsministerium bekannt. Die Bundeswehr sei „überall dort“ vertreten, „wo die junge Zielgruppe unterwegs ist: im Öffentlichen Nahverkehr, in Shoppingcentern, auf Karrieremessen und Social Media“. Der YouTube-Kanal „Bundeswehr Exclusive“ habe mittlerweile rund 533.000 Abonnenten und fast 480 Millionen Aufrufe.
Seit Januar dieses Jahres werden die 18-jährigen Deutschen – ob Männer oder Frauen – aufgrund des neuen Wehrdienstmodernisierungsgesetzes für die Wehrerfassung angeschrieben. Dabei informiert die Bundeswehr über Laufbahn- und Verwendungsmöglichkeiten und fragt die grundsätzliche Bereitschaft für den Soldatendienst ab.
Das Ministerium will im Zuge dieser Befragungen festgestellt haben: „Immer mehr junge Menschen setzen sich aufgrund der internationalen Sicherheitslage mit der Frage auseinander, ob sie für die äußere Sicherheit des Landes einen Beitrag leisten wollen. Vielen ist klar: Mit einer starken Bundeswehr schützen wir auch unser Leben in Freiheit.“
Und gibt bekannt, dass mit über 10.000 Einplanungen das Interesse im Vergleich zum Vorjahresstichtag um rund 8 Prozent stieg.
Die Polizei hält sich im Hintergrund, während Menschen gegen eine nahe gelegene Kundgebung der AfD protestieren, die im Vorfeld der Wahlen am 22. Februar 2025 in Erfurt stattfindet. - Foto: Sean Gallup/Getty Images
„Die Messe Erfurt hätte den Parteitag der extrem rechten AfD verhindern können und kann auch jetzt noch einschreiten und etwas dagegen tun“, gibt sich Christian Schaft, Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag, überzeugt.
In einer Stellungnahme vom 24. Juni begründet er seine Ablehnung des am 4. und 5. Juli geplanten Bundesparteitags der AfD in der Landeshauptstadt unter anderem damit, dass laut Präambel der Hausordnung der Erfurter Messe GmbH diese für eine „weltoffene, tolerante Veranstaltungskultur“ stehe. Und weiter: Da es bei vergangenen Parteitagen seiner Meinung nach „zu extrem rechten, antisemitischen und rassistischen Aussagen“ gekommen sei, sei davon auszugehen, „dass dies auch in Erfurt der Fall sein“ werde.
Zudem werde die AfD „bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet. Unter anderem wird der Thüringer Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft“, so der Linken-Chef von Thüringen.
Pflicht zum Parteitag
Doch die AfD hat – genauso wie jede andere Partei – nicht nur ein Recht darauf, einen Parteitag abzuhalten; sie ist dazu laut Paragraf 9 des Parteiengesetzes sogar verpflichtet. Dort heißt es wörtlich: „Die Parteitage treten mindestens in jedem zweiten Kalenderjahr einmal zusammen.“
Dort werden unter anderem Programme beschlossen und Vorstände gewählt. Die AfD hat in Paragraf 11 ihrer Satzung beschlossen, dass der Bundesparteitag „mindestens einmal in jedem Kalenderjahr“ stattfinden muss. Wann und wo, entscheidet der Bundesvorstand.
Es entscheiden also weder andere Parteien noch Gruppen oder „Aktionsbündnisse“ darüber, ob, wann und dass die AfD ihren gesetzmäßigen Parteitag ausrichtet. Und dennoch gibt es seit Jahren regelmäßig Proteste dagegen. Die Gegner setzen sich aus vielfältigen politischen Kräften und Strömungen zusammen.
Die Störaktion gegen den Parteitag nennt sich Aktionsbündnis „widersetzen“ und entstand im Jahr 2024 vor dem AfD-Parteitag in Essen. Auf ihrer Website kündigt die Organisation an: Der AfD-Parteitag „in Erfurt darf nicht stattfinden! Er wäre eine faschistische Zusammenrottung mit Björn Höcke an der Spitze“.
Weiter heißt es dort: „Ihr Parteitag ist eine illegitime Versammlung, auf dem sie die Machtübernahme vorbereitet. Ziviler Ungehorsam ist daher gerechtfertigt und geboten.“ Auf „den Staat und die regierenden Parteien“ sei kein Verlass. Der Plan sei, die Zugänge und Zufahrten zur Messe durch stehende oder sitzende Menschen zu blockieren.
Linken-Vorsitzende Heidi Reichinnek hat in einer Pressekonferenz am 23. Juni bestätigt, dass sich auch Bundestagsabgeordnete an den Blockaden beteiligen werden. „Natürlich werden Abgeordnete von uns dabei sein!“, sagte sie auf Nachfrage. Zudem bot die Partei dem Pressesprecher von „widersetzen“ eine Bühne, die Aktionen des Bündnisses zu erläutern.
Fridays for Future planen auch, sich in Erfurt der Aktion anzuschließen. Die Grünen werben auf ihrer Bundeswebsite mit dem Slogan: „Nie wieder ist jetzt – und jetzt ist Erfurt!“
Das Bündnis Zusammenstehen plant auch Proteste in Erfurt. Nach eigenen Angaben handelt es sich dabei um „ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis“ unter anderem aus Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Parteien und „engagierten Einzelpersonen“. Das Bündnis werde dadurch geeint, dass es gegen den AfD-Parteitag in Erfurt „demokratisch aktiv sein“ möchte, heißt es dort. Es geht aus der Ankündigung nicht hervor, ob das Bündnis plant, sich an den Blockaden zu beteiligen.
Ist der 4. Juli ein problematisches Datum?
Der frühere thüringische Ministerpräsident und heutige Vizepräsident des Bundestages, Bodo Ramelow (Linke), stellt zudem eine historische Parallele zur Weimarer Zeit her: Am 4. Juli 1926, also auf den Tag genau vor 100 Jahren, fand in Weimar der erste Reichsparteitag der NSDAP nach deren Wiederzulassung statt. Dies sei eine „Symbolik“, die er, Ramelow, „sich gar nicht ausdenken“ könne. „Dass ein Geschichtslehrer Höcke das nicht wüsste, das darf bezweifelt werden“, gibt sich Ramelow überzeugt.
Einer Recherche des MDR zufolge habe die AfD beim Messeveranstalter „allerdings nicht explizit nur für jenes Wochenende angefragt, sondern auch für Wochenenden im Juni“. Die Anfrage sei bereits im Jahr 2024 gestellt worden, jedoch sei laut Messe Erfurt der 4. Juli „dann die einzig mögliche Option gewesen“.
Genau auf die Argumentation Ramelows springt auch die Gewerkschaft ver.di auf. Auf der Website des Hamburger Landesverbandes von ver.di heißt es: „Genau 100 Jahre nach dem NSDAP-Parteitag in Weimar will die AfD nur wenige Kilometer entfernt in Erfurt ihren Parteitag abhalten.“
Und unterstellt der AfD: „Das ist kein Zufall.“ Verdi wirft der AfD vor, „gegen zentrale Werte der Verfassung und der Demokratie“ zu stehen. Damit sei die Partei nicht vereinbar „mit gewerkschaftlichen Grundpositionen und Grundwerten“. ver.di Hamburg ruft deshalb seine Mitglieder dazu auf, sich „selbstorganisiert […] an den friedlichen Protesten gegen den geplanten AfD-Parteitag zu beteiligen“.
Auch die „Evangelische Kirche in Mitteldeutschland plant nach ihren Worten, ein „Zeichen gegen den AfD-Parteitag in Erfurt“ zu setzen, und bekennt sich zum Bündnis „Zusammenstehen“. Matthias Rein, oberster Pfarrer und Leiter des Kirchenkreises Erfurt, erklärt auf der Website die Beweggründe: „Wir Christinnen und Christen können und wollen die Positionen der AfD nicht unwidersprochen hinnehmen.“
Polizei warnt vor massiven Ausschreitungen und Gewalttaten
Laut dem MDR gingen seit Mai Anhänger des Bündnisses „widersetzen“ in Erfurt und Umgebung von Haus zu Haus, um über die geplanten Proteste und die Blockade zu informieren.
Bei Blockaden und Gewalt muss die Polizei einschreiten, denn beides ist nicht von der Versammlungsfreiheit gedeckt. Die Polizei muss also gleichzeitig den AfD-Parteitag und die Proteste ermöglichen und schützen.
Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) warnt angesichts des bevorstehenden AfD-Bundesparteitags vor massiven Ausschreitungen und Gewalttaten gegen Einsatzkräfte.
„Leider gehen wir davon aus, dass neben dem legitimen friedlichen Protest auch einige Aktivisten aus dem linken und linksextremen Milieu vor Ort sind, die bereits jetzt Gewalttaten gegen unsere Kolleginnen und Kollegen planen“, erklärte der DPolG-Bundesvorsitzende Heiko Teggatz am Montag, 29. Juni. „Das ist äußerst besorgniserregend und ich hoffe, dass alle Einsatzkräfte gesund aus dem Einsatz nach Hause kommen.“
Der Kolumnist Harald Martenstein kommt in einem Meinungsbeitrag bei der „WELT“ zu dem Schluss: „Die Linke möchte mithilfe von Straßenterror und Parteiverbot die AfD aus dem politischen Spektrum löschen. Sie beweist, dass ihr Demokratieverständnis deutlich weniger entwickelt ist als das von Rechtspopulisten wie Viktor Orbán.“ Er glaubt zudem: „Auch die Schlacht an den Erfurter Messehallen dürfte mit einem politischen Sieg der AfD enden.“
Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) warnte bei „WELT TV“ vor rechtswidrigen Blockaden. Demonstrationen seien seiner Meinung nach legitim, die Verhinderung des Parteitags jedoch nicht. Gewalt würde aus seiner Sicht vor allemder AfD nutzen. Maier wörtlich: „Man würde der AfD einen Gefallen tun, wenn es zu Gewalt kommt.“
Viele Betroffene warten zu lange oder behandeln Hämorrhoiden selbst. Eine frühzeitige ärztliche Abklärung kann jedoch helfen, aufwendigere Eingriffe zu vermeiden. - Foto: Liudmila Chernetska / iStock
In Kürze:
Hämorrhoiden treten häufig auf, werden aber oft falsch behandelt. Viele Betroffene greifen zunächst zur Selbstbehandlung – häufig werden dabei jedoch nur die Symptome gelindert.
Was nachhaltig hilft: Neue Leitlinien empfehlen einfache Maßnahmen wie eine ballaststoffreiche Ernährung, ausreichend Flüssigkeit und die Vermeidung von Verstopfung.
Wichtig: Anhaltende Beschwerden, Blutungen oder Schmerzen sollten ärztlich abgeklärt werden, da auch andere Ursachen möglich sind. Eine früheBehandlung kann aufwendigere Eingriffe vermeiden.
Cremes können Beschwerden lindern, und Sitzbäder wirken kurzfristig beruhigend. Die eigentliche Ursache von Hämorrhoiden beseitigen sie jedoch nicht.
Hämorrhoiden gehören zu den häufigsten, aber auch am wenigsten besprochenen Erkrankungen. Mehr als die Hälfte aller Menschen über 50 sind davon betroffen.
Neue klinische Leitlinien der American Gastroenterological Association zeigen: Viele der ersten Maßnahmen, zu denen Betroffene greifen, behandeln vor allem die Symptome – nicht die Ursache.
Die Erstlinienbehandlung
Die in der Fachzeitschrift „Clinical Gastroenterology and Hepatology“ veröffentlichte Expertenübersicht enthält 11 Empfehlungen zur Diagnose und Behandlung von Hämorrhoiden.
Sie basiert auf der Auswertung wissenschaftlicher Literatur und dem Konsens von Ärzten, die täglich mit der Erkrankung arbeiten. Die Empfehlungen aktualisieren die bisherigen klinischen Leitlinien der American Gastroenterological Association.
Hämorrhoiden sind vergrößerte Gefäßpolster im Analkanal, die eigentlich eine wichtige Funktion erfüllen.
Werden sie jedoch vergrößert oder verschieben sich nach unten, können Beschwerden wie Blutungen, Juckreiz, Schmerzen oder ein sogenannter Prolaps auftreten – wenn Gewebe aus dem After hervortritt. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Veränderungen auftreten.
Innere Hämorrhoiden im Enddarm verursachen häufig keine Schmerzen, können aber Blutungen auslösen.
Äußere Hämorrhoiden unter der Haut rund um den After führen dagegen eher zu Juckreiz, Reizungen oder Beschwerden.
Die aktualisierten Empfehlungen setzen zunächst auf einfache Veränderungen des Lebensstils.
Dr. Waqar Qureshi, Gastroenterologe am Baylor College of Medicine und Mitautor der Übersicht, erklärt: Eine häufige Ursache sei eine ballaststoffarme Ernährung, die Verstopfung begünstigt.
Starkes Pressen beim Stuhlgang erhöht den Druck im Analkanal und kann dadurch die Entstehung oder Verschlimmerung von Hämorrhoiden fördern.
„Grundsätzlich sollte man auch nicht länger als fünf Minuten auf der Toilette sitzen“, so Dr. Qureshi.
Langes Sitzen auf der Toilette – etwa während man presst oder am Handy scrollt – kann den Druck im Analkanal erhöhen und dadurch Hämorrhoiden begünstigen oder bestehende Beschwerden verschlimmern.
Viele Betroffene greifen zunächst zu frei verkäuflichen Salben. Diese enthalten häufig betäubende Wirkstoffe, zusammenziehende Substanzen wie Hamamelis oder gefäßverengende Mittel.
Die aktualisierten Empfehlungen weisen jedoch darauf hin, dass die wissenschaftliche Evidenz für diese Behandlungen begrenzt ist.
„Die meisten rezeptfreien Salben sorgen lediglich für eine vorübergehende Linderung der Beschwerden“, sagte Qureshi.
Die Leitlinien raten außerdem davon ab, kortisonhaltige Salben länger als zwei Wochen anzuwenden. Eine längere Nutzung kann die Haut verdünnen und sie empfindlicher machen.
Wann eine intensivere Behandlung erforderlich ist
Hämorrhoiden werden häufig mit Schmerzen beim Stuhlgang in Verbindung gebracht. Die aktualisierten Empfehlungen weisen jedoch darauf hin, dass sie normalerweise erst dann starke Schmerzen verursachen, wenn sich ein Blutgerinnsel darin bildet. Dieses kann das umliegende Gewebe dehnen und eine Entzündungsreaktion auslösen.
In solchen Fällen kann ein kleiner Eingriff mit Öffnung und Entlastung des Gerinnsels schneller Linderung bringen als eine rein abwartende Behandlung.
Starke, stechende Schmerzen beim Stuhlgang haben dagegen häufig eine andere Ursache: eine Analfissur. Dabei handelt es sich um einen kleinen Riss in der Schleimhaut des Analkanals.
Dr. Carmen Fong, Kolorektalchirurgin, medizinische Co-Direktorin der „Hemorrhoid Centers of America“ und Chief Medical Officer des Digital-Health-Unternehmens „Bummed“, weist darauf hin, dass Analfissuren häufig mit Hämorrhoiden verwechselt werden.
„Was ich häufig beobachte, nachdem ich jährlich 3.000 Patienten behandle, ist, dass Menschen eine Analfissur wie eine Hämorrhoide mit frei verkäuflichen Medikamenten behandeln – und dadurch die Beschwerden verschlimmern“, erklärte sie.
Innere Hämorrhoiden werden nach dem Ausmaß ihres Vorfalls in vier Grade eingeteilt. Die Skala reicht von Hämorrhoiden, die im Enddarm verbleiben, bis zu solchen, die dauerhaft aus dem After austreten und sich nicht mehr zurückschieben lassen.
Wenn Beschwerden anhalten, empfehlen die Leitlinien ambulante Verfahren wie die Gummibandligatur. Dabei wird die Blutversorgung der Hämorrhoide unterbrochen, sodass sie schrumpft und schließlich abfällt. Eine weitere Möglichkeit ist die Infrarotkoagulation, bei der durch Wärme ein ähnlicher Effekt erzielt wird.
Beide Verfahren gelten als sicher und wirksam, wobei die Gummibandligatur häufig länger anhaltende Ergebnisse erzielt – besonders bei Hämorrhoiden der Grade eins bis drei.
„Die meisten Hämorrhoidenerkrankungen lassen sich schnell und schmerzfrei in der Praxis behandeln, ohne dass eine Anästhesie erforderlich ist“, sagte Qureshi.
Eine Operation kommt in der Regel erst bei schwereren Fällen infrage – etwa bei Hämorrhoiden des Grades vier oder wenn andere Behandlungen keine ausreichende Wirkung zeigen.
Für bestimmte Patientengruppen gelten jedoch besondere Empfehlungen. Bei Schwangeren werden Hämorrhoiden meist zunächst konservativ behandelt, etwa mit einer ballaststoffreichen Ernährung und Maßnahmen gegen Verstopfung.
Menschen mit einer aktiven entzündlichen Darmerkrankung sollten Eingriffe möglichst verschieben, bis die Entzündung abgeklungen ist. Eine aktive Entzündung kann das Risiko für Komplikationen erhöhen und die Wundheilung nach einem Eingriff erschweren.
Obwohl Hämorrhoiden sehr häufig sind, behandeln viele Betroffene die Beschwerden selbst oder warten lange ab. Eine zu späte Behandlung kann jedoch dazu führen, dass später aufwendigere Eingriffe notwendig werden.
„Je länger Sie Ihre Hämorrhoiden-Symptome ertragen, bevor Sie einen Arzt aufsuchen, desto wahrscheinlicher wird eine Operation notwendig – statt einer vergleichsweise einfachen ambulanten Behandlung, bei der Hämorrhoiden abgebunden werden können“, sagte Qureshi.
Mediziner betonen außerdem: Blutungen aus dem Enddarm sollten grundsätzlich ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden.
„Rektale Blutungen können ein Anzeichen für eine schwerwiegendere Erkrankung sein, wie zum Beispiel Darmkrebs“, fügte er hinzu.
Vor Beginn einer Behandlung ist eine gründliche ärztliche Untersuchung entscheidend. Dazu gehört häufig auch eine Anoskopie – eine einfache Untersuchung in der Praxis, bei der ein kleines, beleuchtetes Untersuchungsrohr verwendet wird, um den Analkanal zu untersuchen.
So lassen sich Hämorrhoiden sicher feststellen und andere mögliche Ursachen der Beschwerden ausschließen, erklärt Fong.
Der Schweregrad richtet sich danach, ob Hämorrhoiden im Enddarm bleiben oder nach außen treten.
Foto: Pakawadee Wongjinda / iStock
„Wer Symptome ignoriert, riskiert, dass Hämorrhoiden weiter fortschreiten und später ein größerer Eingriff notwendig wird. Noch wichtiger: Es besteht die Gefahr, ernsthafte Erkrankungen wie Analkrebs zu übersehen“, sagte sie.
So beugt man Hämorrhoiden vor
Auch wenn sich die aktualisierten Empfehlungen vor allem mit der Behandlung von Hämorrhoiden beschäftigen, betonen Experten:
Die beste Vorbeugung besteht darin, Verstopfung zu vermeiden und den Druck im Analkanal möglichst gering zu halten.
Genau diese Faktoren spielen auch bei der Entstehung und Verschlimmerung von Beschwerden eine zentrale Rolle.
„Achten Sie darauf, dass der Stuhl weich ist und sich leicht ausscheiden lässt“, empfiehlt Qureshi.
„Wenn das nicht der Fall ist, helfen zusätzliche Ballaststoffe und ausreichend Flüssigkeit. Außerdem sollte man nicht länger als fünf Minuten auf der Toilette sitzen – und dort weder lesen noch das Smartphone benutzen.“
Auch Fong betont die Bedeutung der Vorbeugung: Entscheidend seien eine ausgewogene Ernährung mit etwa 25 bis 35 Gramm Ballaststoffen täglich, ausreichend Flüssigkeit und regelmäßige Bewegung.
Diese Maßnahmen helfen, Verstopfung zu vermeiden und den Druck im Analkanal zu reduzieren.
Zudem sollte übermäßiges Reiben oder Reinigen vermieden werden.
Ballaststoffe erfüllen dabei unterschiedliche Aufgaben: Lösliche Ballaststoffe, wie sie etwa in Hafer, Bohnen und Obst vorkommen, binden Wasser und machen den Stuhl weicher.
Unlösliche Ballaststoffe aus Vollkornprodukten und Gemüse erhöhen das Stuhlvolumen und unterstützen die Darmbewegung.
Um täglich 25 bis 35 Gramm Ballaststoffe aufzunehmen, sind in der Regel mehrere Portionen ballaststoffreicher Lebensmittel über den Tag verteilt notwendig.
Auch wenn viele Hämorrhoiden-Beschwerden zunächst selbst behandelt werden können, bleibt eine richtige Diagnose entscheidend.
Am wirksamsten zur Vorbeugung und Linderung leichter Beschwerden sind jedoch einfache Alltagsgewohnheiten: ein weicher Stuhl, wenig Pressen und ein gesunder Lebensstil.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Für zurückhaltende Menschen kann Homeoffice angenehm sein – soziale Kontakte bleiben dennoch wichtig. - Foto: gzorgz/iStock
In Kürze:
Homeoffice bietet Flexibilität und spart Pendelzeit, kann bei dauerhaftem Arbeiten aus der Distanz aber auch psychisch belasten.
Weniger soziale Kontakte und verschwimmende Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit können das Wohlbefinden beeinträchtigen – besonders bei Menschen mit wenig sozialer Unterstützung.
Klare Arbeitszeiten,Pausen, Bewegung und regelmäßiger Austausch helfen, die Vorteile des Homeoffice zu nutzen und Belastungen zu reduzieren.
Millionen Beschäftigte in Deutschland haben ihren Arbeitsweg gegen den Küchentisch eingetauscht. Homeoffice und mobiles Arbeiten gelten für viele als Gewinn an Flexibilität und Vereinbarkeit.
Gleichzeitig mehren sich Hinweise darauf, dass die vollständige Verlagerung der Arbeit ins eigene Zuhause langfristige Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden haben kann.
Aktuelle Studien, darunter eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Science“, zeigen: Wer dauerhaft im Homeoffice arbeitet, verbringt häufiger Zeit allein, pflegt nach Feierabend weniger soziale Kontakte und berichtet öfter von psychischen Belastungen als Beschäftigte, die regelmäßig vor Ort arbeiten.
Besonders ausgeprägt waren diese Effekte bei Personen, die allein leben. Dort nahmen sowohl psychische Belastungssymptome als auch die Nutzung psychologischer und psychiatrischer Unterstützungsangebote stärker zu.
Für die Untersuchung wurden Daten von 588.322 Beschäftigten aus fünf repräsentativen US-amerikanischen Bevölkerungsstudien ausgewertet.
Die Analyse umfasst den Zeitraum von 2011 bis 2024. Die pandemiegeprägten Jahre 2020 und 2021 wurden bewusst ausgeschlossen, um langfristige Entwicklungen unabhängig von den unmittelbaren Auswirkungen der COVID-19-Pandemie betrachten zu können.
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Vorteile des Homeoffice – etwa größere zeitliche Flexibilität und der Wegfall von Pendelzeiten – mit potenziellen sozialen und psychischen Kosten verbunden sein können.
Dies ist auch für Deutschland relevant: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) weist darauf hin, dass mobiles Arbeiten gesundheitsförderlich gestaltet werden muss und soziale Einbindung, Austausch im Team sowie eine ausgewogene Arbeitsorganisation wichtige Voraussetzungen für langfristiges Wohlbefinden sind.
Isolation fordert ihren Tribut
Für die Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ erschien, verglichen die Forscher die psychische Gesundheit von Beschäftigten in Berufen, die sich vollständig oder überwiegend aus der Ferne ausüben lassen – etwa in der Softwareentwicklung oder im Marketing –, mit der von Beschäftigten in Berufen, die eine physische Anwesenheit erfordern, beispielsweise in der Pflege oder im Maschinenbau.
Das Ergebnis: Der Anstieg psychischer Belastungen fiel bei Arbeitnehmern in den sogenannten „remotable“ Berufen etwa doppelt so hoch aus wie bei Beschäftigten in „nonremotable“ Berufen.
Seit Beginn der Pandemie verbrachten Arbeitnehmer in den „remotable“ Berufen an jedem Arbeitstag durchschnittlich etwa eine Stunde mehr allein.
Gleichzeitig pflegten sie nach Feierabend weniger soziale Kontakte und berichteten häufiger von Tagen, die sie vollständig isoliert verbrachten.
Die Wahrscheinlichkeit, einen ganzen Tag ohne persönlichen Kontakt zu verbringen, stieg in dieser Gruppe auf 83 Prozent – ein Zuwachs von sieben Prozentpunkten.
„Diese Isolation ist besonders gravierend angesichts der Erkenntnisse, dass selbst die kürzesten sozialen Interaktionen das psychische Wohlbefinden verbessern können – oft stärker, als Menschen erwarten“, schreiben die Autoren der Studie.
„Menschen, die aufgrund von Introvertiertheit, Ängsten oder ihres Persönlichkeitsstils ohnehin dazu neigen, sich zurückzuziehen, empfinden Remote-Arbeit möglicherweise als angenehm oder beruhigend“, sagte Dr. Alex Dimitriu, Facharzt für Psychiatrie und Schlafmedizin sowie Gründer von Menlo Park Psychiatry & Sleep Medicine, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
„Aber langfristig ist sie möglicherweise nicht die beste Lösung für sie.“
Die Beschäftigten, die ihre Berufe überwiegend von zu Hause ausüben, berichteten zudem häufiger von Gefühlen der Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Nervosität und Traurigkeit.
Gleichzeitig nahmen sie häufiger psychologische Unterstützung in Anspruch und erhielten öfter verschreibungspflichtige Medikamente gegen Angstzustände oder Depressionen.
Nach Schätzung der Forscher könnte Telearbeit rund ein Drittel des seit Beginn der Pandemie beobachteten Anstiegs psychischer Probleme erklären.
Die Arbeitnehmer, die am stärksten gefährdet sind
Sanam Hafeez, Neuropsychologin und Leiterin von „Comprehend the Mind“ in New York, identifizierte vier Gruppen, die sie als besonders gefährdet ansieht:
Menschen, die allein leben oder nur über begrenzte soziale Unterstützung verfügen
Jüngere Mitarbeiter und Berufseinsteiger, denen Mentoren und Beziehungen am Arbeitsplatz fehlen
Menschen mit Angstzuständen, Depressionen oder einem starken Bedürfnis nach sozialer Interaktion
Menschen, denen es schwerfällt, Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen
„Sie pflegen ohnehin schon kaum soziale Kontakte“, so Hafeez, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times über die vier aufgelisteten Gruppen.
„Daher könnte es hilfreich sein, dass sie physisch zur Arbeit gehen sollten. Auf diese Weise sind sie von anderen umgeben und haben die Chance, Freundschaften zu schließen.“
Neben der zunehmenden sozialen Isolation kann Homeoffice auch die Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben erschweren.
Anders als im Büro fehlen zu Hause häufig die räumlichen und visuellen Grenzen, die den Arbeitstag klar vom Feierabend trennen. Wenn der Küchentisch gleichzeitig Arbeitsplatz ist, verschwimmen die Übergänge zwischen Arbeits- und Freizeit schnell.
Diese Entgrenzung kann dazu führen, dass Beschäftigte gedanklich länger bei der Arbeit bleiben und sich nach Feierabend schwerer erholen. Das Gehirn erhält weniger Signale dafür, dass der Arbeitstag beendet ist und nun eine Phase der Erholung beginnt.
Hinzu kommt, dass die tägliche Pendelzeit als natürlicher Übergang zwischen Berufs- und Privatleben entfällt.
Der Arbeitsweg bietet vielen Menschen die Möglichkeit, gedanklich abzuschalten, Erlebnisse des Arbeitstags zu verarbeiten und sich auf die nächste Rolle im privaten Umfeld einzustellen.
Auch die dauerhafte Präsenz von Arbeitsmitteln im Wohnraum kann die mentale Distanz zur Arbeit erschweren.
Sichtbare Erinnerungen an unerledigte Aufgaben – etwa der Laptop auf dem Esstisch oder Unterlagen im Wohnzimmer – können dazu beitragen, dass Beschäftigte gedanklich im Arbeitsmodus bleiben und sich weniger gut erholen.
Praktische Schritte für Remote-Mitarbeiter
Für Menschen, die überwiegend im Homeoffice arbeiten, gibt es praktische Möglichkeiten, potenzielle Belastungen für die psychische Gesundheit zu reduzieren.
Der Psychiater und Schlafmediziner Dr. Alex Dimitriu empfiehlt, das Haus regelmäßig zu verlassen und soziale Kontakte zu pflegen – idealerweise ein- bis zweimal pro Woche. Ebenso wichtig sei es, klare Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit zu ziehen.
„Gehen Sie aus dem Haus und schaffen Sie klare Übergänge zwischen Arbeit und Erholung“, sagte Dimitriu.
Während der Pandemie, als vermehrt Menschen ihre Arbeit nach Hause verlegen mussten, habe sich gezeigt, wie leicht die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen können. Viele Menschen telefonierten während der Hausarbeit, beantworteten E-Mails nebenbei oder wechselten ständig zwischen beruflichen und privaten Aufgaben.
Dadurch seien sie oft weder bei der Arbeit noch in ihrer Freizeit vollständig präsent gewesen.
„Sie fühlen sich ständig schuldig, weil sie beides nicht gut hinbekommen haben“, so Dimitriu.
Seiner Ansicht nach liegt die Lösung darin, bewusste Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben zu setzen und Eingriffe der Arbeit in die Freizeit möglichst zu begrenzen.
Dazu gehört, Ablenkungen während der Arbeitszeit zu reduzieren und zwischen Arbeitsende und Freizeit einen klaren Übergang zu schaffen – etwa durch Bewegung oder einen Spaziergang im Freien.
Klare Grenzen und regelmäßige Erholungsphasen können dazu beitragen, Stress zu reduzieren, einem Burnout vorzubeugen und die nötige Energie für soziale Kontakte und andere Aktivitäten bereitzustellen.
„Grenzen und ein gewisses Maß an Disziplin können das Arbeiten von zu Hause aus gut bewältigbar machen“, so Dimitrius’ Einschätzung.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Werner J. Patzelt arbeitete lange am Institut für Politikwissenschaft der Technischen Universität Dresden. - Foto: André Wirsig für die TU Dresden (Mit freundlicher Genehmigung von W. Patzelt)
In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin stehen Landtagswahlen mit viel Sprengkraft vor der Tür. In einem Interview mit Epoch Times bespricht Prof. Werner Patzelt (CDU) aktuelle Umfragewerte und mögliche Koalitionsszenarien. Der Politikwissenschaftler diskutiert dabei die Ursachen für den Aufstieg der AfD, die Schwäche der etablierten Parteien und die möglichen Folgen der Wahlergebnisse für die Landes- und Bundespolitik. Patzelt greift dabei auch die Debatte um ein mögliches AfD-Verbotsverfahren auf.
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Guten Tag, Herr Patzelt. Der Leiter des Forsa-Instituts, Manfred Güllner, sagte kürzlich, die Stärke der AfD sei vor allem Ausdruck der Schwäche von CDU und SPD. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD laut Umfragen bei rund 42 Prozent und steht damit möglicherweise vor einer absoluten Mehrheit. Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario aus Ihrer Sicht? Und worin sehen Sie die Ursachen dafür, dass CDU und SPD ihr Wählerpotenzial nicht ausschöpfen?
Die AfD wird mit großem Abstand stärkste Kraft werden. Sollte sie keine absolute Mehrheit erreichen, wird es aller Voraussicht nach ein Bündnis der übrigen Parteien gegen die AfD geben – selbst zwischen Parteien, die inhaltlich nur schwer zusammenpassen, etwa CDU und Linke.
Solche Bündnisse werden kaum harmonischer funktionieren als die frühere Ampelregierung. Das dürfte der AfD bei künftigen Wahlen eher zusätzlichen Rückenwind verschaffen.
Der eigentliche Hintergrund liegt darin, dass die Politik von CDU, SPD und Grünen aus Sicht vieler Bürger ihren Nutzen weitgehend ausgeschöpft hat. Viele Menschen haben den Eindruck, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgekosten inzwischen größer sind als der politische Nutzen. Deshalb wünschen sie sich keine Mitte-links-, sondern eine Mitte-rechts-Politik.
Da die CDU einen solchen Kurswechsel aus Sicht vieler Wähler nicht anbietet und SPD sowie Grüne ihn möglichst verhindern wollen, bleibt für diese Wähler vielfach nur die AfD als Alternative. Deshalb wächst deren Wählerpotenzial, während CDU und SPD an Unterstützung verlieren.
Sollte die AfD die absolute Mehrheit verfehlen, wäre vermutlich eine Drei- oder sogar Vierparteienkoalition nötig. Wie stabil und erfolgversprechend wären solche Bündnisse?
Ich halte sie nicht für besonders erfolgversprechend. Eine solche Regierung kann man zwar bilden und eine Zeit lang zusammenhalten, ob sie jedoch die Probleme des Landes lösen kann, ist eine andere Frage.
Die Erfahrung mit der Ampelregierung hat gezeigt, dass selbst Koalitionen mit großen Reformansprüchen letztlich an internen Konflikten scheitern können. Wenn sehr unterschiedliche Parteien allein mit dem Ziel zusammenarbeiten, die AfD von der Regierung fernzuhalten, dürfte das kaum erfolgreicher verlaufen. Sollten die Probleme ungelöst bleiben, könnte die AfD bei der nächsten Wahl weiter profitieren.
Welche Auswirkungen hätte eine absolute Mehrheit der AfD in Sachsen-Anhalt auf die Bundespolitik?
Vor allem würde die Mehrheitsbildung im Bundesrat schwieriger werden. Viele Bundesgesetze benötigen die Zustimmung des Bundesrates. Wenn die Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin ausgeschlossen bleibt, müssen CDU, SPD, Grüne und Linke noch enger kooperieren. Das könnte wiederum weitere CDU-Wähler zur AfD treiben.
Darüber hinaus wird häufig befürchtet, mit einer AfD-Regierung gehe automatisch die Demokratie unter. Diese Einschätzung halte ich für überzogen.
Ein Bundesland verfügt nur über begrenzte Kompetenzen, etwa in der Bildungs-, Polizei- oder Kommunalpolitik. Es kann die Bundesrepublik nicht eigenständig in eine Diktatur verwandeln.
Außerdem ist jede Landesregierung an Bundesgesetze gebunden. Sollte sie diese missachten, besteht mit dem sogenannten Bundeszwang ein verfassungsrechtliches Instrument, um die Einhaltung des Bundesrechts sicherzustellen. Hinzu kommen Gerichte, parlamentarische Opposition und freie Medien, die ihre Kontrollfunktion weiterhin wahrnehmen würden.
Deshalb bleiben die demokratischen Sicherungsmechanismen auch bei einer von der AfD geführten Landesregierung bestehen. Zudem ist keineswegs bewiesen, dass die AfD tatsächlich das Ziel verfolgt, die Demokratie abzuschaffen.
Welchen Umgang mit einer möglichen AfD-Alleinregierung erwarten Sie?
Politik ist grundsätzlich vom Wettbewerb geprägt. Parteien versuchen stets, politische Gegner zu schwächen – das war schon lange vor der AfD so.
Viele der derzeit diskutierten Maßnahmen gegen eine AfD-geführte Landesregierung müssten allerdings zunächst auf ihre rechtliche Zulässigkeit geprüft werden. Vieles dürfte juristisch kaum Bestand haben.
Ich erinnere an Österreich, als die FPÖ erstmals mitregierte. Damals wurde ebenfalls versucht, das Land politisch zu isolieren. Nach kurzer Zeit wurde diese Strategie jedoch aufgegeben, während die FPÖ politisch sogar gestärkt daraus hervorging.
Sollte eine AfD-Regierung keine gravierenden Fehler machen, könnten ähnliche Strategien in Deutschland ebenfalls zu einer weiteren Stabilisierung ihrer Wählerschaft führen.
Gleichzeitig rechne ich im Falle eines Wahlsiegs der AfD mit erheblichen gesellschaftlichen Spannungen. Aus dem linken Spektrum sind bereits Ankündigungen bekannt geworden, im Falle eines Wahlsieges der AfD Protestaktionen bis hin zur Besetzung des Landtags zu organisieren. Gewinnt die AfD die Wahl, dann ist nach dem, was mir mein politisches Gefühl und meine politischen Erfahrungen sagen, mit einem wochenlangen Streit auf den Straßen mit wochenlangen bürgerkriegsähnlichen Umständen zu rechnen, bis hin zu Attentatsversuchen, ob sie gelingen oder nicht gelingen.
Kommen wir zu Mecklenburg-Vorpommern. Dort entwickelt sich laut Umfragen ein Zweikampf zwischen AfD und SPD. Besonders auffällig ist der Absturz der CDU, die im Vergleich zu 2016 deutlich verloren hat. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Die Ursachen sind dieselben wie in Sachsen-Anhalt oder Sachsen. Ein großer Teil der heutigen AfD-Wähler stammt ursprünglich aus der CDU.
Viele dieser ehemaligen CDU-Wähler haben den Eindruck gewonnen, dass ihre Sorgen, etwa bezüglich Migration, Energiewende oder wirtschaftlicher Entwicklung, von der Parteiführung lange Zeit nicht ernst genommen wurden. Viele Wähler wenden sich von der CDU ab, weil sie den Eindruck haben, dass frühere Versprechen und Prognosen nicht eingetreten sind.
Zudem wird das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern stark davon beeinflusst werden, wie die Wahl in Sachsen-Anhalt ausgeht und welche politischen Konsequenzen daraus gezogen werden.
Sollte die bisherige Koalition aus SPD und Linken ihre Mehrheit verlieren, wären wohl Drei- oder Vierparteienbündnisse notwendig. Welche Regierungsbildung halten Sie für wahrscheinlich?
Sollte die AfD keine absolute Mehrheit erreichen, rechne ich erneut mit einem Bündnis aller übrigen Parteien gegen sie.
Ein solches Bündnis würde aus meiner Sicht vor allem der CDU schaden und ihre inneren Konflikte verschärfen. Langfristig könnte dies zu weiteren Stimmenverlusten führen.
Auch in Berlin wird gewählt. Dort liegen mehrere Parteien dicht beieinander. Die CDU führt zwar die Umfragen an, doch die Zufriedenheit mit der aktuellen rot-schwarzen Regierung ist gering. Wie erklären Sie sich diese Situation?
Berlin ist traditionell eher links geprägt, wobei sich die politischen Mehrheiten je nach Stadtteil deutlich unterscheiden.
Selbst ein CDU-geführter Senat muss in einem überwiegend linken politischen Umfeld regieren. Dadurch sind viele Vorhaben nur eingeschränkt umsetzbar. Hinzu kommen aus meiner Sicht persönliche Schwächen der politischen Führung.
Vor dem Hintergrund möglicher AfD-Erfolge in Ostdeutschland könnte sich in Berlin zudem der Wunsch verstärken, bewusst ein linkes Gegengewicht zu bilden. Deshalb halte ich einen künftig klar links geprägten Senat für wahrscheinlich.
Rechnen Sie also mit einer linken Regierungsmehrheit?
Ja, ich gehe davon aus, dass SPD, Grüne und Linke gemeinsam regieren werden, da dies den politischen Präferenzen eines großen Teils der Berliner Bevölkerung entspricht.
Wird die CDU dafür abgestraft werden, dass sie zentrale Wahlversprechen – etwa in den Bereichen Sicherheit und Verkehr – nicht erfüllen konnte?
Das dürfte Auswirkungen haben. Allerdings muss man berücksichtigen, dass Wahlversprechen nur umgesetzt werden können, wenn dafür parlamentarische Mehrheiten vorhanden sind.
Wenn die Wähler gleichzeitig eine linke Mehrheit wählen, kann die CDU ihre Vorstellungen selbst als stärkste Einzelpartei nur begrenzt durchsetzen. Dieses Spannungsverhältnis werden viele Wähler bei der nächsten Wahl berücksichtigen.
Zum Abschluss noch eine Frage zur aktuellen Debatte um ein mögliches AfD-Verbot. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hat ein Gutachten veröffentlicht, das zu dem Schluss kommt, die AfD sei verfassungswidrig. Welche Auswirkungen könnte diese Veröffentlichung auf die bevorstehenden Wahlen haben?
Meiner Einschätzung nach erweitert dieses Gutachten die bisherige Beweislage gegen die AfD nicht wesentlich. Im Kern stützt es sich erneut auf den Vorwurf eines völkisch-kulturellen Volksbegriffs.
Neu hervorgehoben wird der Vorwurf, Teile der AfD wollten politische Gegner mit strafrechtlichen Mitteln ausschalten. Tatsächlich gibt es Äußerungen einzelner AfD-Politiker, die etwa Haftstrafen für politische Gegner fordern.
Allerdings gibt es keinen Straftatbestand für schlechte oder unliebsame Politik. Politische Fehlentscheidungen sind grundsätzlich nicht strafbar. Deshalb halte ich diese Argumentation nur begrenzt für tragfähig.
Ich glaube nicht, dass dieses Gutachten die Erfolgsaussichten eines Verbotsverfahrens wesentlich erhöht. Vielmehr sehe ich es als Bestandteil der politischen Kommunikationsstrategie im Vorfeld der Landtagswahlen, um die Kritik an der AfD nochmals zu verstärken.
Das Interview führte Erik Rusch.
Werner J. Patzelt (geb. 1953) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und emeritierter Professor der Technischen Universität Dresden. Er lehrte dort ab 1991 Politikwissenschaft mit den Schwerpunkten politische Systeme, Parlamentarismus und politische Kommunikation. Patzelt wurde durch seine Analysen zur deutschen Parteienlandschaft, zur AfD sowie zu politischen Protestbewegungen auch über die Wissenschaft hinaus bekannt.
Der Energieexperte und YouTuber Stefan Spiegelsperger spricht über die Hitzebelastungen in unserem Stromsystem. - Foto: Darren Staples/AFP via Getty Images; Montage: mf/Epoch Times
In Kürze:
Die vergangenen Tage haben gezeigt: Hitze ist ein Problem für unsere Stromnetze.
Der Energieexperte Stefan Spiegelsperger verrät im Interview, warum das so ist.
Gründe sind etwa der höhere Strombedarf und der hinterherhinkende Netzausbau.
Laut Spiegelsperger müssen die Menschen mit mehr und längeren Stromausfällen rechnen.
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Das vergangene Wochenende, 27. und 28. Juni, brachte Temperaturen von teilweise rund 40 Grad Celsius mit sich. Eine seltene Belastung – nicht nur für die Menschen.
Auch unsere Strominfrastruktur geriet mancherorts an ihre Grenzen. Im Westen Deutschlands mussten nach Bränden an mehreren Trafostationen viele ohne Strom auskommen.
Für einen tieferen Einblick in die Geschehnisse und zur Frage der Hitzebeständigkeit unserer Netze stand der Energieexperte und YouTuber Stefan Spiegelsperger der Epoch Times Rede und Antwort.
Herr Spiegelsperger, welche nennenswerten Vorfälle gab es jetzt unter diesen heißen Bedingungen?
Es gab sehr viele Stromausfälle, über das ganze Land verteilt. Ich habe gerade die Deutschlandkarte vor mir, mit den Störungen der letzten 24 Stunden. Es kam auch zu Stromausfällen größerer Art, bei denen dann 20.000 oder 30.000 Haushalte betroffen sind, eben wegen Trafos.
In den meisten Fällen lag es daran, dass Stromleitungen kaputtgegangen sind, die in der Erde liegen. Der Grund war meistens eine Überlastung.
Ich nehme gerne das Beispiel Rüsselsheim. Dort gab es letztes Jahr genau um diese Zeit drei Stromausfälle in einer Woche. Jetzt war dort wieder ein Stromausfall, und zwar genau am Donnerstag zum Deutschlandspiel, was natürlich viele nicht sehr gefreut haben dürfte. Das Spiel war zwar nicht so gut, aber trotzdem.
Es ist dort wieder das Gleiche passiert. Mehrere Muffen sind gleichzeitig kaputtgegangen. Das ist die Verbindung von zwei Stromleitungen und das schwächste Glied in der Kette. Die Folge davon waren diese Stromausfälle.
Bildschirmfoto des Störmeldeportals störungsauskunft.de am 29. Juni 2026 um 09:52 Uhr mit den gemeldeten Stromausfällen der vergangenen 24 Stunden in Deutschland.
Auf der Deutschlandkarte für die letzten 24 Stunden sehe ich jetzt hier bei Mönchengladbach einen Haufen Ausfälle. Ich sehe in Berlin einen Haufen Ausfälle. Ich sehe in Baden-Württemberg einen Haufen Ausfälle. Wir haben in Köln am Donnerstag einen Ausfall gehabt. Wir haben in Baden-Baden Ausfälle gehabt. Das ging durchs ganze Land.
Es betraf aber nicht nur Deutschland, sondern auch Wien und Zürich. Überall kam es zu diesen Ausfällen, weil die Sicherung eben flog, weil das Stromnetz überlastet war.
Das kann man sich so vorstellen: Vielleicht laufen Klimaanlagen, am Donnerstagabend die Fernseher, so berichtet es der Stromversorger von Rüsselsheim. Wenn alle gleichzeitig fernsehen, kommt es doch zu höheren Lasten. Auch die Kühlschränke haben mehr Strom verbraucht als normalerweise. Und das überlastet das Netz.
Wenn das Netz ohnehin bereits am Limit läuft, genügt schon eine Kleinigkeit. Wenn die erste Leitung wegbricht, muss der Strom über die anderen Leitungen umgeleitet werden. Die sind aber vielleicht selbst schon kurz vor dem Limit. Fahren die über ihr Limit, fällt schon mal die Sicherung oder es brennt eine Leitung durch oder es kommt zu Trafobränden.
Unser Stromnetz ist nicht für das gebaut, was wir seit Jahren damit machen. In meiner Lehrzeit habe ich noch gelernt, dass der Staubsauger nicht 1.400 Watt haben darf, sondern nur 950 Watt, um das Stromnetz nicht zu überlasten. Das gleiche Stromnetz haben wir heute immer noch – mit leichten Verbesserungen.
Jetzt will man plötzlich E-Lader fürs E-Auto haben mit 11.000 Watt. Wir wollen eine Wärmepumpe haben, die 4.000 oder 5.000 Watt braucht – dauerhaft. Wir wollen Solaranlagen, wir wollen Windräder bauen. All das sind Dinge, die das Stromnetz vorher nicht kannte und für die das Stromnetz erst mal umgebaut werden müsste.
Nur unser Stromnetz wurde in 60 Jahren gebaut. Wenn ich das jetzt umbauen würde, müsste ich alle Straßen aufreißen. Um beim Beispiel Rüsselsheim zu bleiben, würde das bedeuten: Wir reißen jetzt 50 Straßen gleichzeitig auf und verlegen dort Leitungen. Dann ist das Geschrei groß, wenn die ganze Stadt dadurch im Verkehrschaos versinkt. Das ist nicht so einfach, wie sich viele das vorstellen. Das dauert mindestens 10 bis 15 Jahre, bis dieser Netzumbau dafür geeignet ist, für das, was wir jetzt damit machen.
Das heißt, mit der Energiewende sind die Ströme viel höher geworden als früher. Kann man das so verstehen?
Das ist eine sehr vereinfachte Zusammenfassung. Die stimmt aber genau. Dadurch werden natürlich die Netze mehr belastet. Ein Netz, das früher 40 Jahre hielt, hält jetzt nur noch 30 Jahre, aber turnusmäßig wird es erst nach 40 Jahren erneuert. Ein Problem entsteht, weil wir alle bestehenden Netzausbaukapazitäten nutzen. Einer will Photovoltaik angeschlossen haben, der nächste seinen E-Lader und der nächste die Wärmepumpe.
Für all das sind Kapazitäten nötig, und die fehlen, um das normale Stromnetz umzubauen. Das ist das große Problem, das wir derzeit in Deutschland haben: Unser Stromnetz hinkt mit dem ganzen Ausbau so zehn Jahre hinterher.
Wie kann man diese Netze nun hitzebeständiger machen? Gibt es dazu schon Pläne von den Behörden oder Energieunternehmen?
Man müsste mehr Leitungen verlegen, sodass diese nicht zu überlastet sind. Man müsste die Leitungen teilweise erneuern. Das kostet zum einen sehr viel Geld und zweitens fehlen uns dafür schlichtweg die Kapazitäten.
Das heißt, man müsste sofort jeden Zubau von Solar, von E-Auto-Ladern, von Wärmepumpen und so weiter stoppen, bis das Netz vor Ort richtig ausgebaut ist. Erst dann dürfte man wieder zubauen.
Ich nehme immer gerne ein Beispiel bei mir vor Ort: Wir haben hier vier Häuser, die gemeinsam eine Tiefgarage haben. Das heißt, das sind 24 Wohneinheiten. Und der Erste wollte jetzt für sein E-Auto einen E-Lader in diese Tiefgarage legen. Der Netzbetreiber hat aber gesagt, dass für die Tiefgarage maximal einer möglich ist. Mehr lässt die Leitung einfach nicht zu. Solche Fälle haben wir im ganzen Bundesgebiet, dass die Leitungen dafür nicht gebaut wurden.
Das heißt, wir müssten zuerst den Netzausbau machen und dann erst den Zubau. Das wäre eigentlich Schritt 1 und 2, aber wir machen erst den zweiten Schritt.
Wie wirkt sich die Hitze auf das Stromsystem aus?
Es geht darum, dass mehr Leistung bei dieser Hitze verbraucht wird. Der Kühlschrank hat an so einem Tag das Doppelte verbraucht wie normalerweise. Die Lüfter laufen, Wärmepumpen werden zu Klimaanlagen oder Klimaanlagen laufen zusätzlich.
Ich kenne das mit Klimaanlagen mehr aus dem südländischen Raum. Dort ist es ganz normal, dass das Netz zusammenbricht, weil zu viele Klimaanlagen angeschaltet sind. Aber scheinbar macht das jetzt in Deutschland bei dieser Rekordhitze langsam Schule.
Was bedeutet es für die Menschen, wenn bei Hitze der Strom ausfällt? Wie können sie sich darauf vorbereiten?
Als Erstes müssen wir uns daran gewöhnen, dass in Zukunft öfter mal der Strom für mehrere Stunden weg ist. Das ist mittlerweile fast das neue Normal.
Wir haben ohnehin 170.000 Stromausfälle pro Jahr in Deutschland. Ungefähr 100.000 davon sind geplant, 70.000 ungeplant. Das heißt, damit muss man ohnehin immer rechnen. Wenn bei dieser Hitze der Strom ausfällt, funktionieren der Kühlschrank und die Gefriertruhe nicht mehr. Die Sachen da drin musst du ja dann alle wegwerfen.
Hier wäre es sinnvoll, wenn man sich eine kleine Powerbank zulegt, ein kleines Notstromaggregat, damit ich den Kühlschrank über diese Zeit weiter betreiben kann oder bei der Hitze den Lüfter, dass ich nicht ganz zerfließe. Das wären ein paar Maßnahmen.
Ebenso kann man dafür sorgen, dass man immer Vorräte daheim hat, weil es ja auch mal länger dauern kann. Dann funktioniert kein Supermarkt, keine Tankstelle, nichts. Und was ich dann nicht daheim habe, das bekomme ich auch erst mal nicht.
Die Mannschaftskapitäne Gustavo Gomez (#15, Paraguay) und Joshua Kimmich (#6, Deutschland) sind im bisherigen Turnierverlauf torlos, aber relevant auf dem Rasen. Fotos (l/r): Stu Forster/Christian Kaspar-Bartke via Getty Images
In Kürze:
Für Deutschland geht es am Montagabend um 22:30 Uhr deutscher Zeit in Boston gegen Paraguay. Das ZDF überträgt live.
Erstmals findet im Rahmen einer Fußball-WM ein Sechzehntelfinale statt. Dadurch umfasst die K.-o.-Phase maximal 5 statt 4 Spiele.
Die DFB-Elf kommt mit 6 Punkten als Gruppenerster aus der Vorrunde, schwächelte jedoch zuletzt gegen Ecuador. (1:2).
Paraguay schloss die Gruppe D mit 4 Punkten aus je einem Sieg, einem Unentschieden und einer Niederlage als Gruppendritter ab.
Laut Rudi Völler „müssen [wir] uns keine Sorgen machen“. Andere Fußballexperten warnen vor den „Weiß-Roten“ aus Südamerika.
82.500 Zuschauer fasst das für Fußball umgebaute Stadion der NFL-„Boston Gunners“ in Foxborough, einem Vorort von Boston im US-Bundesstaat Massachusetts. Damit ist es genauso groß wie das Westfalenstadion in Dortmund. Hier treffen am Montag um 22:30 Uhr deutscher Zeit – das ist 16:30 Uhr Ortszeit – Paraguay und Deutschland aufeinander.
Spielbaum der WM 2026 nach Ende der Gruppenphase: Gewinnt Deutschland gegen Paraguay, kommt der nächste Gegner aus einem Nachbarland.
Foto: ts/Epoch Times mit Material von iStock
Um es gleich vorwegzusagen: „La Albirroja“ – die Nationalelf von Paraguay – ist keine Top-Mannschaft und gilt als chancenlos für den Titel der Fußball-WM. Für ihre Verhältnisse sind die „Weiß-Roten“ genannten Nationalspieler des kleinen südamerikanischen Landes mit dem Einzug ins Sechzehntelfinale schon weit gekommen.
Wenn dennoch namhafte deutsche Fußballreporter und Fußballexperten vor diesem Team warnen, dann sagt das mehr über den Zustand der deutschen Mannschaft aus als über die Südamerikaner.
Harte Erinnerung, zarte Gegenwart
Dass die DFB-Elf Probleme hat, zeigt sich in Aussagen, die man so gar nicht über eine deutsche Nationalmannschaft kennt. So berichtete etwa die BILD, „Ein Großteil der Mannschaft habe große Probleme, gegen physisch starke Spieler in den Zweikämpfen zu bestehen“.
Doch auch international treibt die Spielweise von Kimmich und Co. ungewohnte Blüten: Die Deutsche Nationalelf wird in anderen Sprachen auch „Panzer“ – auf Deutsch – genannt, in Anlehnung an die stumpfe Wirksamkeit eines Panzers, der stur geradeaus über ein Schlachtfeld fährt, ohne sich unterwegs aufhalten zu lassen. Damit sind wir namenstechnisch nicht weit entfernt von der schottischen „Tartan Army“, der haitianischen „Grenadiere“ und den „Blauen Samurai“ aus Japan. Anders als in diesen Ländern kennt hierzulande jedoch kaum einer den Spitznamen, geschweige denn verwendet ihn.
Auf den Fußball übertragen heißt dies: Die deutschen Spieler haben generell den Ruf, mit überlegener Kraft, technischer Effizienz und hoher Disziplin auch überlegene Gegner bezwingen zu können.
Unvergessen in der Fußballgeschichte bleibt die Szene, in der Bastian „Schweini“ Schweinsteiger im WM-Finale 2014 eine blutende Platzwunde unter dem rechten Auge erlitt, am Spielfeldrand notdürftig genäht wurde, auf das Feld zurückkehrte und Deutschland zum Weltmeistertitel führte. „Schweinis“ unermüdlicher Kampfgeist mit dem blutenden Gesicht im Finale gilt bis heute als symbolisch für die Stärke deutscher Nationalmannschaften schlechthin.
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Bastian Schweinsteiger blutet unter dem rechten Auge nach einem Zusammenstoß mit Argentiniens Stürmer Sergio Aguero (nicht im Bild) im WM-Finale 2014 …
Foto: Odd Andersen/AFP via Getty Images
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… Nachdem die Wunde am Feldrand notdürftig genäht wurde, ging es für Schweini wieder aufs Feld …
Foto: Fabrice Coffrini/AFP via Getty Images
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… Und für Deutschland zum Weltmeistertitel. Der verletzte Schweinsteiger prägte das internationle Bild der Deutschen Nationalmannschaft maßgeblich.
Foto: Robert Michael/AFP via Getty Images
Und jetzt? Der Bundestrainer Julian Nagelsmann jammerte nach dem verlorenen Gruppenspiel gegen Ecuador: „Körperlichkeit ist schwer zu trainieren. Wir müssen den Ball früher spielen, um Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen.“ Ungeachtet der Vieldeutigkeit von „Körperlichkeit“ meint Nagelsmann damit wohl: Die Jungs sind nicht fit genug und physisch anderen Mannschaften unterlegen. Die Zahlen unterstützen dies. Laut dem Fußballportal „90min“ hatten gegen Ecuador sieben Feldspieler eine negative Zweikampfbilanz.
„Kinder-Fußball“ statt unbändiger Siegeswille gegen Ecuador
Woran mangelt es – etwa im Vergleich zur Mannschaft von 2014? Toni Kroos, einer der Helden von damals, bemängelt: „Es muss eklig sein, gegen uns zu spielen, dass wir in der Lage sind, gut und eklig zu verteidigen. Das machen wir noch nicht.“ Und weiter: „Wir brauchen [Stürmer Jamal] Musiala und [Mittelfeldspieler Florian] Wirtz in Topform – Das haben wir nicht.“ Wenn sich nicht beides ändere, gehe es nicht mehr lange gut, ist Kroos überzeugt, der Kraft und Kampfgeist vermisst.
Der langjährige Bundesliga-Reporter Carlos Ubina stellte in einem Beitrag „Schwächen in allen Mannschaftsteilen“ fest. „Torwart, Abwehr, Mittelfeld, Angriff – überall haperte es.“ Und er ist mit dieser Einschätzung nicht allein:
Nationalspieler Deniz Undav, Profispieler beim VfB-Stuttgart, gab nach dem verlorenen Spiel gegen Ecuador zu, dass die deutsche Mannschaft auch ein mentales Problem habe: „Ich hatte das Gefühl, dass sie [die Ecuadorianer] es mehr wollten als wir, die waren griffiger. Bei denen ging es noch um alles. Und ja, daraus müssen wir lernen“, wird Undav von der Stuttgarter Zeitung zitiert.
Deniz Undav (#26) traf gegen die Elfenbeinküste doppelt. Nach der Niederlage gegen Ecuador sprach der Stürmer des VfB Stuttgart von einem mentalen Problem in der Mannschaft.
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Markus Babbel, ehemaliger deutscher Nationalspieler, geht sogar so weit, der aktuellen DFB-Elf vorzuhalten: „Das ist so ein bisschen Kinder-Fußball.“ Seine Begründung: „Wir können als Mannschaft nicht verteidigen. Das liegt aber nicht an den Abwehrspielern, sondern am Kollektiv. Uns fehlt leider die Spielkontrolle und ein besseres Defensivverhalten. Wenn du jedes Mal ein, zwei Gegentore bekommst, dann hast du keine Chance, weit zu kommen.“
Paraguay für Deutschland schon immer ein starker Gegner
Nur etwa 7 Millionen Menschen wohnen in Paraguay. Kein Wunder, dass der Dschungel- und Steppenstaat eher selten an Fußballweltmeisterschaften teilnimmt. Das letzte Mal war im Jahr 2010, als die damalige Mannschaft in Südafrika den Einzug ins Viertelfinale schaffte. Nun spielt Paraguay wieder auf der großen Fußballweltbühne mit.
Als es noch kein Sechzehntelfinale gab, und das Achtelfinale direkt auf die Gruppenspiele folgte, traten Deutschland und Paraguay schon einmal bei einer WM gegeneinander an: 2002 in Südkorea. Erst zwei Minuten vor Spielende gelang damals Oliver Neuville der Siegtreffer zum 1:0. In einem Freundschaftsspiel im Jahr 2013 in Kaiserslautern lag die deutsche Mannschaft sogar früh mit 0:2 zurück. Mit Müh und Not schaffte sie es am Ende 3:3.
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Die Deutschen Nationalmannschaft spielte im WM-Achtelfinale 2002 gegen Paraguay.
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Roberto Acuna sah nach einer Aktion gegen Ballack die Rote Karte vom guatemalischen Unparteiischen Carlos Batres.
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Oliver Neuville erzielte 2 Minuten vor Schluss den Siegtreffer in Südkorea.
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DFB-Elf „klar favorisiert“
Dennoch gibt sich die ARD-Sportschau überzeugt, dass das deutsche Team dieses Mal „klar favorisiert“ sei, „zumal die Südamerikaner mit personellen Problemen zu kämpfen haben“. Aber haben wir das nicht auch?
Richtig ist, dass sich der als Profi in England unter Vertrag stehende Verteidiger Omar Alderete gegen Australien eine Verletzung zugezogen hat. Ob er am Montag antreten kann, ist noch unklar. Der 1,90 Meter große Alderete ist einer der wenigen seiner Mannschaft, der die Deutschen kennt. Von Oktober 2020 bis August 2022 stand er bei Hertha BSC unter Vertrag und trat für 17 Spiele in der Bundesliga an.
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Omar Alderete (#3, Paraguay), hier im Zweikampf mit Jordan Bos (#5, Australien) verletzte sich im Spiel gegen Australien.
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Alderete (#14) spielte 2020-2022 bei Hertha BSC in der Bundesliga.
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Auch Mittelfeldspieler Ramon Sosa (#7, Paraguay, dunkles Trikot) verletzte sich im Spiel gegen die USA. Hier zu sehen im Zweikampf mit Giovanni Reyna (#7, USA).
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Auch der Einsatz von Ramón Sosa, der in England für Nottingham Forest unter Vertrag steht, ist noch unklar. Er hatte sich bereits in den ersten Minuten beim Auftaktspiel gegen die USA eine Knöchelverletzung zugezogen. Seine aktuelle körperliche Verfassung liege derzeit bei sechzig Prozent, berichtete die größte paraguayische Tageszeitung „ABC Color“.
Paraguay geschwächt aber optimistisch
Und dann noch ein „erzwungener“ Ausfall: Das Glanzlicht der „Albirroja“ ist der Mittelfeldspieler Diego Gómez. Er hat jeweils gegen die USA und gegen Australien eine Gelbe Karte kassiert. Da das Spiel gegen Australien das letzte Gruppenspiel war, bedeutet dies für Gómez laut Regeln der Internationalen Fußballorganisation FIFA, dass er für das nächste Spiel – und das ist gegen Deutschland – gesperrt ist.
Zwei andere paraguayische Spieler mit Gelber Karte wurden für das Spiel gegen Deutschland wieder freigegeben. Grund: Beide erhielten in den ersten beiden Gruppenspielen eine Gelbe Karte und waren deshalb für das letzte Gruppenspiel gegen Australien gesperrt. Nach einem gesperrten Spiel werden die Gelben Karten gelöscht.
Paraguays Spieler posieren für ein Mannschaftsfoto vor dem Gruppenspiel gegen die USA.
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Insgesamt war die Vorrunde für die Mannschaft von der Südhalbkugel nicht sonderlich erfolgreich. Paraguay schaffte es als siebtbester Drittplatzierter nur knapp, sich zu qualifizieren.
In seinen Gruppenspielen patzte es mit 1:4 gegen die mittelmäßige US-Mannschaft. Gegen das stärkere Team aus Australien, das sich Platz zwei der Gruppe D erspielte, gelang ein glanzloses 0:0-Unentschieden. Lediglich gegen die ebenbürtige Türkei setzte sich Paraguay mit einem 1:0-Sieg durch.
Die USA sicherten sich als eine der ersten Nationen den Einzug ins Sechzehntelfinale. Australien belegt dank des besseren Torverhältnisses Rang 2 der Gruppe D. Auch Paraguay ist weiter und trifft im 3. Spiel der K.-o.-Phase auf Deutschland.
Foto: ts/Epoch Times
„ABC Color“ gibt sich dennoch optimistisch vor dem Spiel gegen Deutschland: „Auch wenn der europäische Gigant mit seinen Toren Angst und Schrecken verbreitet, ist er nach der Niederlage gegen Ecuador angeschlagen und hat damit gezeigt, dass er nicht unbesiegbar ist.“
Rudi Völler: „Müssen uns keine Sorgen machen“
Angesprochen auf die körperliche Verfassung der deutschen Nationalelf sagte der ehemalige Nationalspieler und DFB-Sportdirektor Rudi Völler am 27. Juni in den USA vor der Presse: „Ich glaube nicht, dass wir uns darüber Sorgen machen müssen.“
Am Montag werde das Spiel gegen Paraguay „ganz anders sein“ als gegen Ecuador. „Da geht es um alles. Wir wissen auch, dass es gegen eine Mannschaft geht, die tief steht und sehr körperlich agiert. Aber wir haben auch Spieler im Kader, die das absolut gewohnt sind, wie zum Beispiel Flo[rian Wirtz] oder Kai [Havertz], die werden richtig gut dagegenhalten“, ist sich Völler sicher.
Rudi Völler wurde mit der deutschen Nationalelf 1990 Weltmeister bei der WM in Italien. Gehen wir also davon aus, dass sein Optimismus für Montag fundiert ist.
Hierbei gibt es unterschiedlich teure und unterschiedlich effektive Arten.
Eine Frage ist auch ihr Effekt auf die Umwelt und das Erdklima.
In diesen Tagen ist das Thermometer in Deutschland auf über 30 bis teils 40 Grad Celsius geklettert. Millionen Menschen suchen in ihrem Zuhause Möglichkeiten zur Abkühlung. Besonders Bewohner von Dachgeschosswohnungen kämpfen oftmals mit der Hitze, da sich dort die Wärme besonders konzentriert.
Doch auch in anderen Wohnungen sind die Temperaturen deutlich angestiegen. Erleichterung kann da eine Klimaanlage bringen. Doch sollte man dabei einige Dinge beachten.
Welche Arten von Klimaanlagen gibt es?
Eine Klimaanlage arbeitet nach demselben Kältekreislauf wie ein Kühlschrank: Sie entzieht dem Raum Wärme und leitet diese nach draußen ab. Es gibt allerdings nicht die eine Klimaanlage, sondern verschiedene Arten. Es ist zu unterscheiden zwischen zentral oder dezentral, dazu zählen auch Mono- oder Multi-Splitgeräte
Zentrale Klimaanlage
Manche Neubauten besitzen eine zentrale Klimaanlage mit einem Zuluft-Abluft-Gerät, das sich normalerweise im Keller befindet. Über Kanäle entzieht es den Räumen Wärme, die Innentemperatur sinkt durch eine Steuerung auf die individuell gewünschte Temperatur.
Die zentrale Klimaanlage ist weitestgehend unsichtbar und kann mehrere Räume gleichmäßig kühlen. Allerdings ist diese Variante teuer und aufwendig zu installieren. Zudem benötigen die einzelnen Komponenten ausreichend Platz.
Dafür können praktisch beliebig viele Räume klimatisiert werden. Eine zentrale Klimaanlage ist jedoch nicht nur für die wenigen heißen Sommertage geeignet. Sie kann ganzjährig für eine angenehme Klimatisierung der Räume – einschließlich eines Heizeffekts im Winter – sorgen.
Am verbreitetsten in deutschen Wohnungen ist die Wand-Split- oder Mono-Split-Klimaanlage. Sie besteht aus einem Wandgerät, das als Kühlgerät fungiert, und einem Außengerät, das einen Kompressor enthält.
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Eine klassische Wand-Split-Klimaanlage in einem Wohnraum.
Das Wandgerät ist im Wohn- oder Schlafzimmer knapp unter der Decke montiert. Das Außengerät muss sich hingegen stets im Schatten befinden und sollte tiefer installiert sein als das Innengerät.
Ebenso gibt es Multi-Split-Klimaanlagen mit bis zu fünf Innengeräten, die mit einem Außengerät verbunden sind. Sie können mehrere Räume gleichzeitig kühlen.
Der Vorteil von Split-Klimaanlagen: Sie sind vergleichsweise leise im Betrieb und sorgen für eine gute und schnelle Raumkühlung. Dafür sind sie teuer und die Installation muss eine Fachfirma übernehmen.
Eine weitere und einfachere Variante für den nachträglichen Einbau sind mobile Klimaanlagen. Das sind meist rund 30 bis 80 Zentimeter hohe Geräte auf Rollen mit einem Schlauch. Ein mobiles Klimagerät saugt zunächst die Raumluft an, entzieht ihr die Wärme und leitet die kühlere Luft zurück in den Raum. Über den Schlauch leitet das Gerät die heiße Luft nach außen ab.
Diese Geräte sind meist günstig und man kann den Abluftschlauch mit etwas Geschick selbst am Fenster oder einer Tür anbringen. Dafür sind die Geräte laut und nur bedingt effizient.
Darüber hinaus gibt es auch mobile Klimageräte ohne einen Abluftschlauch. Das sind jedoch keine echten Klimaanlagen. Sie besitzen einen Wassertank und versuchen durch Verdunstungskälte den Raum abzukühlen. Die Luftfeuchtigkeit steigt und der Effekt ist eher gering. Es wird nur kurzzeitig das Hitzeempfinden reduziert. Das ist vergleichbar mit einfachen Ventilatoren, die lediglich die stehende Raumluft in Bewegung bringen.
Sind Klimaanlagen Klimasünder?
Eine Frage bei Klimaanlagen ist ihr Effekt auf die Umwelt und das Erdklima. Klassische Klimaanlagen enthalten ein Kältemittel, das in einem geschlossenen Kreislauf zirkuliert und unter bestimmten Umständen, etwa bei Beschädigungen oder Fehlbedienung, in die Umwelt entweichen kann.
Häufig kommt hier R32 beziehungsweise Difluormethan zum Einsatz, das einen rund 675-mal höheren Treibhauseffekt besitzt als Kohlenstoffdioxid (CO₂). Neuere Anlagen verwenden teilweise statt R32 auch natürliche Kältemittel wie Propan (R290). Beim Kauf eines Neugerätes lohnt es sich, darauf zu achten.
Hinzu kommt der Stromverbrauch. Bei hohen Temperaturen kann eine Klimaanlage den Großteil des Stromverbrauchs ausmachen. So kann eine Multi-Split-Klimaanlage in einem Einfamilienhaus im Hochsommer bei hoher Kühlleistung bis zu fünf Kilowattstunden verbrauchen. Kleinere Klimaanlagen kommen mit einem Bruchteil des Strombedarfs aus.
Weniger problematisch ist dieser Strombedarf, wenn auf dem Haus eine Solaranlage Strom erzeugt. Bei Hitze scheint meist entsprechend die Sonne, wodurch der Strom günstig dafür zur Verfügung steht.
Wirkungsvollere Anlagen sind auch teurer. Am günstigsten sind die mobilen Klimaanlagen mit Schlauch sowie Ventilatoren. Sie sind meist zu einem Preis im zwei- oder dreistelligen Eurobereich erhältlich.
Die Preise für die Split-Geräte sind hingegen deutlich höher. Sie beginnen bei rund 850 Euro, manche Versionen kosten auch rund 2.600 Euro. Dazu kommen die Kosten für eine Montagefirma.
Allerdings verbraucht ein Split-Gerät weniger Strom als ein Kompaktgerät. Pro Sommer liegt der Bedarf der Split-Geräte bei unter 100 Kilowattstunden (kWh). Bei 30 Cent pro kWh bedeutet das Betriebskosten von unter 30 Euro. Dafür fallen Wartungskosten durch Fachpersonal an. Der Verbrauch eines Kompaktgerätes liegt bei 140 bis 250 kWh, was pro Sommer 42 bis 75 Euro ausmacht.
Wer sich eine Luft-Luft-Wärmepumpe zulegt oder bereits zugelegt hat, kann diese im Sommer als Split-Klimaanlage verwenden. Die Technik ist praktisch die Gleiche. Der Vorteil: Der Staat fördert diese Split-Klimaanlagen als Wärmepumpen wie üblich mit bis zu 70 Prozent Zuschuss.
Die staatlichen Förderungen für Wärmepumpen in der Übersicht.
Foto: mf/Epoch Times
Allerdings ist diese Förderung an bestimmte Bedingungen geknüpft. Der Bauherr muss die Anlage als Wärmepumpe eintragen und sie primär zum Heizen verwenden.
Ebenso muss die Anlage die Anforderungen an die jahreszeitbedingte Raumheizungs-Energieeffizienz (ETAs) einhalten. Bei Anlagen bis 12 Kilowatt (kW) Heizleistung muss die ETAs größer als 181 Prozent betragen, was der Effizienzklasse A++ oder A+++ entspricht. Bei Anlagen mit mehr als 12 kW muss die ETAs größer als 150 Prozent sein.
Zudem muss das Gerät auf der Liste der förderfähigen Wärmepumpen aufgeführt sein und die Anlage muss ein Fachbetrieb einbauen. Wie üblich muss der Bauherr den Förderantrag vor Installationsbeginn stellen.
Luxus oder Gesundheitsvorsorge?
Viele sehen eine Klimaanlage als ein Luxusgut an. Allerdings dient sie auch der Gesundheitsvorsorge. Gerade ältere, pflegebedürftige und erkrankte Menschen sowie Kinder können übermäßig hohe Temperaturen ein Gesundheitsrisiko darstellen.
Ebenso ist durch Hitze die Arbeitsleistung eingeschränkt. Steigen die Temperaturen auf mehr als 30 Grad Celsius an, bedeutet das in Deutschland Wirtschaftseinbußen von rund 431 Millionen Euro pro Tag.
Eine ausreichende Klimatisierung von Wohn- und Arbeitsräumen kann folglich nicht nur Krankheitsfälle reduzieren, sondern auch die Wirtschaft stärken.
Moses zeigt die Zehn Gebote,1865, von Gustave Doré. - Foto: gemeinfrei
Manche Zahlen wirken zufällig und fast schon beliebig, andere hingegen wirken unausweichlich. Doch nur wenige von Letzteren verfügen über eine stille Autorität wie die Zehn. Sie begegnet uns im menschlichen Leben so selbstverständlich, dass wir kaum bemerken, wie tiefgreifend sie unser Denken prägt. Wir zählen in Zehnern, strukturieren in Zehnern und erstellen Top-10-Listen. Eine „glatte Zehn“ bedarf keiner Erklärung.
Ein universelles Muster
Hinter dieser Vertrautheit verbirgt sich möglicherweise etwas Tiefgründigeres, denn jenseits ihres praktischen Nutzens steht die Zehn für eine reichhaltige symbolische Geschichte. In Mathematik, Religion, Philosophie und Kultur präsentiert sie Ordnung in vollendeter Form – sie ist nicht nur das Ende einer Abfolge, sondern die Erschaffung eines stabilen und begreifbaren Ganzen.
Während die Neun an der Schwelle zur Transformation steht, fühlt sich die Zehn wie ein Ankommen an – der Moment, in dem sich die Teile schließlich zu einer erkennbaren Struktur zusammenfügen. Betrachten wir beispielsweise den menschlichen Körper: Wir besitzen zehn Finger, und es lässt sich kaum in Worte fassen, wie sehr diese einfache Tatsache unsere Zivilisation geprägt hat. Unser Dezimalsystem ist höchstwahrscheinlich aus dem Zählen an den Händen entstanden. Die Zehner wurden zu natürlichen Maßeinheiten, da der Körper selbst als Vorbild diente.
Ein Symbol der Harmonie: die 10-Punkte-Tetraktys, die auf Pythagoras zurückgehen soll.
In diesem Sinne ist die Zehn zutiefst menschlich. Sie schlägt eine Brücke zwischen der abstrakten Welt der Mathematik und der physischen Realität des Lebens. Wir tragen diese Zahl buchstäblich mit uns. Vielleicht symbolisiert sie deshalb häufig nicht nur eine Menge, sondern steht auch für Meisterschaft. „Bis zehn zählen“ bedeutet, die Fassung wiederzugewinnen.
Eine Top-10-Liste impliziert Wertigkeit und ein Popsong gilt erst dann wirklich als Hit, wenn er es in die Top 10 geschafft hat. In Umfragen werden wir regelmäßig dazu aufgefordert, Leistung, Zufriedenheit oder Wahrscheinlichkeit auf einer 10-Punkte-Skala zu bewerten. Auch bei der berühmten Frage zur Kundenzufriedenheit – „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie … weiterempfehlen?“ – liegt die Skala von null bis zehn. Eine perfekte Punktezahl wird üblicherweise mit 10 angegeben. Die Zahl steht dabei nicht für Übermaß, sondern für Ausgewogenheit, einen Zustand, in dem die Dinge ihre angemessene Form erreicht haben.
Dieser Ansatz findet sich auch in der antiken Philosophie wieder. Die Pythagoreer betrachteten die Zehn als die vollkommenste aller Zahlen, dargestellt durch die Tetraktys (griechisch für „Vierheit“): ein Dreieck aus zehn Punkten, die in vier Reihen angeordnet sind. Für die Pythagoreer spiegelte die Tetraktys die Harmonie selbst wider, also die verborgene numerische Struktur hinter Musik, Geometrie und dem Kosmos. Darauf schworen sie ihre Eide.
Dabei handelte es sich nicht um Aberglauben. Auch die Griechen ahnten, dass Ordnung nicht willkürlich ist. Die Realität war von Mustern, Symmetrie und Begreifbarkeit geprägt. Die Zahl zehn stand für die Vollendung dieses Musters: Die Einheit entfaltete sich zur Fülle.
Die Zehn in der Religion
Derselbe Gedanke erscheint auch in religiösen Traditionen. In den hebräischen Schriften findet man die Zehn Gebote – keine Empfehlungen, sondern grundlegende Prinzipien, die sowohl das individuelle Verhalten als auch das Gemeinschaftsleben ordnen sollen. Bezeichnenderweise sind es genau zehn und nicht sieben oder zwölf. Diese Zahl vermittelt Vollständigkeit. In ihrer Gesamtheit bilden die Zehn Gebote ein lückenloses moralisches Regelwerk.
In der biblischen Geschichte über Ägypten wirden zehn Plagen beschrieben, die der Erlösung vorausgehen. Diese Abfolge ist nicht zufällig. Sie ist vielmehr Ausdruck eines umfassenden Urteils über ein korruptes System. Erst nach der zehnten Plage bricht ein neues Kapitel an. Auch in der biblischen Genealogie zeigt sich dieses Muster: Die Genesis beschreibt zehn Generationen von Adam bis Noah und weitere zehn bis Abraham, was darauf hindeutet, dass sich die Geschichte in geordneten Etappen und nicht in zufälliger Abfolge entfaltet.
In der hinduistischen Tradition wird Vishnu traditionell mit zehn Avataren, das heißt Erscheinungsformen, die im Laufe der Zeitalter auftauchen, um das kosmische Gleichgewicht von Gut und Böse wiederherzustellen, in Verbindung gebracht. Auch hier steht die Zehn für Vollkommenheit – jedoch nicht im Sinne von Starre, sondern als vollständige Entfaltung der Ordnung im Laufe der Geschichte.
Im Christentum gibt es das Gleichnis der zehn Jungfrauen, in dem es um Wachsamkeit und Vorsorge angesichts eines nahenden Tages der Abrechnung geht. Die Zehn steht hier für die Gesamtheit der Menschen, die auf ein Urteil warten – einige klug und vorbereitet, die anderen töricht.
Vollendung ohne Beständigkeit
Die symbolische Kraft der Zehn besteht zudem außerhalb eindeutig religiöser Zusammenhänge ungebrochen. Im Sport wird sie oft mit Führungsstärke und Kreativität in Verbindung gebracht. Im Fußball gehört das Trikot mit der „10“ traditionell dem Spielmacher, also jener Person, durch die das Spiel gestaltet und geordnet wird – wie Pelé, Maradona, Messi und Platini.
Im Turnen und Wasserspringen steht eine Zehn für eine fehlerfreie Ausführung, für die perfekte Leistung ohne sichtbaren Fehler, wie bei Nadia Comăneci. Die 14-jährige Rumänin erntete für ihre Darbietung am Stufenbarren als erste Turnerin überhaupt bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 eine glatte Zehn.
Und doch birgt die Zehn einen subtilen Warnhinweis. Denn sobald Perfektion erreicht ist, kann sie zur Starre verleiten. Systeme, die umfassend ausgereift sind, stehen Veränderungen oft im Weg. Strukturen, die Ordnung schaffen sollen, können zu Formen der Kontrolle verhärten. Der Wunsch nach einer perfekten Bewertung, einer perfekten Gesellschaft oder einem perfekt geordneten Leben kann die Unfähigkeit verschleiern, mit Unsicherheit oder Veränderungen zurechtzukommen. Tatsächlich wurden die Zehn Gebote, so wunderbar sie auch sind, in den Händen der jüdischen Sadduzäer, Gelehrten und Pharisäer zu genau jenen Hindernissen im Leben, denen sich Christus entgegenstellte.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Zehn von der Neun. Die Neun bleibt dynamisch und steht am Rande des Wandels. Die Zehn hingegen strebt nach Beständigkeit. Sie möchte, dass die Dinge geordnet, geklärt und gesichert sind. Genau darin liegen sowohl ihre Stärke als auch ihre Gefahr.
Wir Menschen brauchen Ordnung. Ohne sie versinkt das Leben im Chaos. Sprache, Recht, Architektur, Musik und Wissenschaft hängen alle von stabilen Strukturen ab. Die Zivilisation selbst benötigt einen Rahmen, der die Zeit überdauert. Doch das Leben geht über alle von uns geschaffenen Rahmenbedingungen hinaus. Im Glauben endgültige Vollkommenheit erreicht zu haben, werden wir von der Realität eines Besseren belehrt. Neue Probleme tauchen auf und plötzlich stehen Fragen im Raum. Die Menschen verändern sich. Die Geschichte schreitet voran.
Vielleicht ist dies der Grund, warum die Zehn oft nicht nur für ein Ende, sondern zugleich auch für den Beginn eines neuen Zyklus steht. In der Arithmetik kehren wir, sobald wir die Zehn erreichen, zur Eins zurück – jedoch auf einer höheren Ebene. Die Abfolge beginnt von Neuem, wiederholt sich jedoch nicht einfach. Vielmehr wurde etwas weitergetragen.
Mit anderen Worten: Die Zehn verkörpert ein Paradoxon – sie steht für Vollendung, aber nicht für Beständigkeit; für Errungenschaft, aber nicht für ein endgültiges Ziel. Genau wie das Leben selbst, zumindest hier auf der Erde.
Die alten Griechen haben das besser verstanden, als wir es manchmal tun. Ihr Wort „Kosmos“ bezeichnete nicht nur „das Universum“, sondern eine geordnete und schöne Anordnung – daher auch der Begriff „Kosmetik“ in unserer Sprache. Ordnung war wichtig, da das Chaos stets zurückzukehren drohte. Harmonie musste gepflegt werden und galt nicht als selbstverständlich, ebenso wie in unserem Alltag, in dem das Schminken Ordnung symbolisiert: Schönheit muss gepflegt werden.
Unsere heutige Zeit schwankt oft unruhig zwischen diesen beiden Polen hin und her. Einerseits sehnen wir uns nach Ordnung, nach klaren Systemen, messbaren Ergebnissen und stabilen Identitäten. Andererseits fürchten wir, in zu starren Systemen gefangen zu sein, in denen es keinen Raum für unerwartete Ereignisse gibt. Die Zehn erinnert uns leise daran, dass wahre Ordnung nicht mechanisch ist. Sie ist lebendig. Eine gute Struktur sperrt Energie nicht ein, sondern lenkt sie. Eine gute Gesellschaft schränkt die Freiheit nicht ein, sondern ermöglicht Entfaltung. Ein gutes Leben ist kein Leben, in dem es keine Unsicherheit gibt, sondern ein Leben, in dem Sinnhaftigkeit und Offenheit nebeneinander bestehen.
All dies könnte erklären, warum die Zehn nach wie vor so viel Beachtung findet. Sie spricht eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen an: die Hoffnung, dass das Leben einen sinnvollen Verlauf nehmen kann. Nicht perfekt im Sinne von unveränderlich oder fehlerfrei, sondern vollkommen genug, um Bestand zu haben und als Fundament für die Zukunft zu dienen.
Denn letzten Endes liegt die Bedeutung der Zehn nicht in der Zahl selbst, sondern in der Erkenntnis, was sie über uns offenbart – dass wir Menschen Wesen sind, die sich nach Ordnung inmitten des Ungewissen sehnen. Wir zählen, klassifizieren, ordnen, messen und bauen, weil wir danach streben, Muster zu entdecken, die das Dasein begreifbar machen. Die Zehn ist eines der großen Symbole dieser Sehnsucht. Sie ist die Zahl, die uns sagt, dass die Teile zusammenpassen können, auch wenn die Geschichte selbst noch nicht abgeschlossen ist.
Eine traditionelle Metzgerei bietet viele Produkte aus eigener Herstellung an, darunter Wurst, Braten, Salate und Suppen. - Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Es ist kurz nach 11 Uhr an einem gewöhnlichen Wochentag in der Markthalle Berlin-Tegel. Die Halle wirkt sauber und geordnet. Einige Fachgeschäfte präsentieren ihre Waren liebevoll dekoriert. In den Gastronomien stehen die Stühle noch kopfüber auf den Tischen. In den Gängen sind bereits Kunden unterwegs. Gelegentlich wartet jemand kurz an einer Theke, bis die Bedienung fertig ist. Ansonsten schlendern die Besucher entspannt durch die Halle, mit Einkaufstrolley, Stoffbeutel oder Plastiktüten in der Hand. Die meisten sind deutlich über 50 Jahre alt. Sie wissen genau, zu welchem Stand sie gehen und was sie kaufen wollen.
Wolfgang Büttner (Name geändert) gehört zu ihnen. Der pensionierte Zollbeamte ist in Tegel aufgewachsen und kommt mindestens einmal pro Woche hierher. Gerade hat er Bratheringe und ein Fischbrötchen gekauft. Später will er noch zum Metzger und zum Feinkoststand.
„Diese speziellen Sachen bekommt man hier natürlich optimal, auch wenn sie teurer sind.“ Teurer als im Supermarkt oder Discounter, räumt er ein. „Aber es schmeckt anders.“ Und er sei froh, „dass es diese Geschäfte noch gibt“.
Er sagt das fast beiläufig und ahnt nicht, dass die Fischhändlerin, bei der er gerade eingekauft hat, nur noch wenige Monate weitermachen wird.
„Wir hören auf“
„Wir hören auf“, sagt Pamela Dieckmann nüchtern.
Seit 17 Jahren arbeitet sie im Fischhandel, seit zehn Jahren betreibt sie ihr „Fisch Tegel“ in der Markthalle. Lachs, Matjes, hausgemachte Fischsalate und belegte Fischbrötchen – vieles stellt sie selbst her. Doch Ende des Jahres soll Schluss sein.
Die Konkurrenz der Supermärkte sei spürbar. Dort gebe es inzwischen Fisch, Käse, Feinkost und immer häufiger Produkte, die früher Spezialgeschäften vorbehalten gewesen seien. Ausschlaggebend sei das jedoch nicht.
Pamela Dieckmann betreibt „Fisch Tegel“ seit zehn Jahren.
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„Es ist nicht so, dass sich das Geschäft nicht lohnt. Aber wir sind an unsere Grenzen gestoßen und haben einfach keine Möglichkeit, Personal zu finden.“
In diesem Moment steht sie allein hinter der Theke, wiegt Ware ab, verpackt und kassiert. Zeit für ein längeres Gespräch hat sie kaum. Im Betrieb arbeiten nur noch ihre Tochter und eine weitere Angestellte. Urlaub, Krankheit oder andere Ausfälle werden schnell zur organisatorischen Herausforderung.
„Immer weniger Menschen wollen im Einzelhandel arbeiten. Fachbereiche wie Fisch oder Käse machen es nicht einfacher. Die junge Generation hat andere Vorstellungen.“ Sie glaubt, dass dies der Hauptgrund dafür sei, dass viele Fachgeschäfte verschwinden.
Damit bestätigt sie die Befürchtung, die Wolfgang Büttner schon länger beschäftigt. Er kommt regelmäßig hierher, auch in der Hoffnung, die verbliebenen Fachgeschäfte unterstützen zu können. „Ich kenne die Markthalle noch von früher, bevor sie umgebaut wurde.“
Die ständige Fluktuation der Stände habe er über Jahre beobachtet. „Praktisch nur noch Imbisse und die wenigen Spezialisten sind übrig geblieben – Obst, Fisch und Fleisch.“ Und er fürchtet, dass auch diese irgendwann verschwinden könnten.
Probleme mit Personal
Ein paar Schritte weiter steht Marco Stark hinter seiner Fleischtheke. Der Familienbetrieb besteht seit 1997. Vor einigen Jahren hat Stark ihn von seinem Vater übernommen.
Seit halb sechs Uhr morgens ist er bereits im Markt. Vor seiner Theke bildet sich selten eine Schlange. Eine Pause kann er sich dennoch nicht gönnen. Alle paar Minuten tritt ein Kunde heran, fragt nach einer hausgemachten Wurstsorte oder möchte wissen, welches Stück Fleisch sich für den Sonntagsbraten eignet. Stark schneidet, wiegt und berät. Zwischendurch plaudert er mit Stammkunden.
Marco Stark hat die Familienmetzgerei von seinem Vater übernommen.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
„Mit Rewe oder Edeka kann man beim Preis kaum mithalten“, sagt er. Darum gehe es vielen Kunden aber gar nicht. „Vielen ist wichtig, was sie kaufen und wo sie es kaufen. Die Kunden merken den Unterschied.“
Mehr als 40 Wurstsorten, Schmalz, Kassler und verschiedene Braten stellt der Betrieb selbst her. Genau das unterscheidet handwerkliche Fachgeschäfte heute von den Kühlregalen der Supermärkte: Eigenproduktion, Fachwissen und persönliche Beratung.
An Kundschaft mangelt es ihm nicht. Sein Problem liegt woanders.
„Die Kunden kommen zu uns, weil sie eine fachkundige Beratung möchten.“
Menschen aus der jüngeren Generation, die sich für Lebensmittel interessieren und bereit sind, früh mit der Arbeit zu beginnen, seien trotz intensiver Suche immer schwerer zu finden.
Studie spricht vom „sterbenden Lebensmittelhandwerk“
Dass Lebensmittelhandwerk und Fachhandel unter Druck stehen, ist keine neue Entwicklung. Besonders im ländlichen Raum zeigt sich das Problem oft noch deutlicher.
Bereits 2022 berichtete die Bäckerin Sylvia Eckstein aus dem sächsischen Auerbach, dass sie ihren Familienbetrieb schließen musste. Als Gründe nannte sie steigende Rohstoff-, Energie- und Personalkosten, fehlenden Nachwuchs sowie zunehmende Bürokratie und zahlreiche Auflagen.
Szenen, in denen eine Bäckerin bereits um 1:30 Uhr nachts mit der Vorbereitung von Brot und Brötchen beginnt, werden immer seltener. In Städten ist dies aufgrund von Lärmschutzauflagen häufig nicht mehr möglich. Auch die Inhaberin, die genau weiß, wie viele Brötchen eine Familie benötigt und welche Kuchen- oder Brotsorten ihre Kunden bevorzugen, wird zur Ausnahme.
Rund um die Markthalle Berlin-Tegel dominieren inzwischen Bäckereiketten. Selbst dort, wo einzelne Geschäfte noch ihre ursprünglichen Namen tragen, gehören sie häufig zu größeren Unternehmensverbünden. Die Waren werden zentral produziert und morgens in die Filialen geliefert.
Bäckereien und Fleischereien dienen seit Generationen als Orte der Begegnung.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Die Entwicklung wird auch durch eine Studie der Universität Freiburg belegt. Zwischen 1998 und 2023 sank die Zahl der handwerklichen Fleischereien um 47 Prozent, die Zahl der Bäckereien sogar um 57 Prozent. Die Forscher sprechen vom „sterbenden Lebensmittelhandwerk“.
Parallel dazu gingen Ausbildungszahlen und Beschäftigung zurück. Im Bäcker- und Fleischerhandwerk ist die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten um mehr als 75 Prozent gesunken.
Auch die Marktanteile verschieben sich. Während spezialisierte Fachgeschäfte Umsatz verlieren, bauen Supermärkte und Discounter ihre Position kontinuierlich aus.
Damit verschwindet nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern auch ein Stück gelebte Alltagskultur.
Die Freiburger Forscher betonen, dass kleine und mittlere Unternehmen sowie Handwerksbetriebe gerade im ländlichen Raum nicht nur Wertschöpfung und Arbeitsplätze sichern, sondern auch zur Nahversorgung und sozialen Infrastruktur beitragen. Bäckereien und Fleischereien dienen seit Generationen als Orte der Begegnung und stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
„Es wird nur abgepacktes Fleisch geben“
Eine Entwicklung, die auch Wolfgang Büttner mit Bedauern verfolgt:
„„Ich bin hier in Tegel groß geworden. Meine Mutter hatte in den 1950er-Jahren einen Marktstand. Damals gab es noch einen richtigen Wochenmarkt. Jeden Morgen wurden die Planen gespannt und die Stände aufgebaut. Und es gab sehr viele Einzelhandelsgeschäfte, einen Kartoffelhändler, einen Schuhmacher oder mehrere Obststände.“
Auch die alte Markthalle habe er noch erlebt. „Dann wurde alles abgerissen und neu gebaut. Es hat sich stark verändert und das Angebot ist deutlich kleiner geworden.“
Er vermutet, dass auch die Mieten eine Rolle spielen und sich viele kleine Betriebe die Kosten nicht mehr leisten können. Ein düsteres Szenario wäre für ihn: „Der Mieter geht hier raus und dann kommt ein Nagelstudio oder ein Friseur rein.“ Im Märkischen Viertel nebenan sei genau das bereits zu beobachten.
„„Es wäre schade, wenn es so weit kommt. Dann wäre man nur noch auf Supermärkte angewiesen. Abgepacktes Fleisch, in Folie eingeschweißt oder Ähnliches.“
Noch nicht ganz hoffnungslos?
Die Freiburger Studie nennt mehrere Ursachen für den Strukturwandel. Kleine Handwerksbetriebe leiden unter hohen Hygiene-, Dokumentations- und Bürokratieauflagen, die ursprünglich für industrielle Produktionsstrukturen entwickelt wurden. Gleichzeitig verändert sich das Konsumverhalten. Immer mehr Verbraucher greifen zu schnell verfügbaren Convenienceprodukten, was großen Handels- und Lebensmittelkonzernen zugutekommt.
Hinzu kommen Wettbewerbsnachteile bei Personal, Kapital und Innovationen.
Seit Jahren fordern Branchenverbände mehr Entbürokratisierung, Innovationsförderung sowie bessere Folgen- und Kostenabschätzungen neuer Regelungen statt zusätzlicher Detailvorgaben. Die seit 2020 geltende Bonpflicht sowie in einigen Kommunen eingeführte Verpackungssteuern gelten in vielen Betrieben als Beispiele für einen wachsenden bürokratischen Aufwand, der kleine Fachgeschäfte überproportional belastet.
Um Beschäftigte in Mangelberufen zu halten, sind laut Bertelsmann Stiftung höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Aufstiegsmöglichkeiten nötig. Darüber hinaus könne eine stärkere gesellschaftliche Wertschätzung beruflicher Ausbildung entscheidend sein, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
Ganz hoffnungslos sehen die Freiburger Forscher die Entwicklung jedoch nicht. Immer wieder gelingt es Bäckereien, Fleischereien und anderen Handwerksbetrieben, Wege zu finden, sich im Strukturwandel neu aufzustellen.
„Wir sind ein Luxussegment“
Christian Görs ist einer von ihnen. Mit einer Erweiterung seines Geschäftsmodells, familiärer Unterstützung und viel Beharrlichkeit blickt der Metzgermeister überraschend optimistisch in die Zukunft. Trotz aller Herausforderungen glaubt er sogar an eine Renaissance seines Berufs.
Seit fast 30 Jahren ist er in der Branche tätig und betreibt inzwischen zwei Metzgerfachgeschäfte in den westlichen Berliner Bezirken.
Etwas optimistischer blickt Christian Görs in die Zukunft.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Hinter den Verkaufstheken befindet sich noch eine kleine Manufaktur. Kutter, Kochkessel, Kühlräume und Wurstfüller gehören zum Maschinenpark, mit dem Görs seine Produkte selbst herstellt. Handwerk bedeutet für ihn heute nicht den Verzicht auf Technik. Die kontinuierliche Modernisierung des Betriebs erfordere jedoch gerade für Unternehmen seiner Größe Mut und Investitionsbereitschaft.
Vor einigen Jahren hat er sein Angebot zudem um einen Cateringservice erweitert. Das sei eine Reaktion auf den Konsumwandel, den er in fast drei Jahrzehnten in der Branche erlebt habe.
„Was an der Bedientheke weniger geworden ist, hat man beim Catering mehr. Wenn eine Fleischerei sagt, so etwas machen wir nicht, dann ist das falsch. Man muss sich den Bedürfnissen der Kundschaft von heute anpassen.“
Der Preis sei heute oft nicht mehr das entscheidende Argument. „Das Drumherum wird wichtiger. Denn wir sind ein Luxussegment.“
Damit meint er auch, dass er in seinem Bezirk inzwischen fast der einzige verbliebene Fleischer sei. Kunden, denen Qualität und persönliche Nähe wichtig seien, kämen gezielt zu ihm.
In seinem Betrieb arbeiten rund ein Dutzend Mitarbeiter. Das Personalproblem, das andere Betriebe beklagen, kennt er kaum.
„„Wir haben in der Familie das Glück, dass wir Nachwuchs haben. Ich habe drei Söhne, zwei arbeiten bereits mit. Dieses Glück hat nicht jeder.“
Zugleich achte er sehr auf das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter. Nach eigener Aussage zahlt er bessere Löhne als viele Supermärkte.
Ein Tellerwäscher kann „der glücklichste Mensch sein“
Allerdings berichtet auch er von Problemen bei der Ausbildung junger Menschen. „Viele wollen den ganzen Tag aufs Handy schauen und fragen als Erstes: Wann ist Feierabend?
Deshalb würden manche Kollegen nur noch Lehrlinge aus dem Familien- oder Bekanntenkreis einstellen. „Es ist schlimm. Die Gesellschaft verliert an Disziplin, Respekt und Ordnung.“
Auch bei seinen Söhnen beobachte er eine veränderte Einstellung zur Arbeit. „Ich habe früher mit einer 80-Stunden-Woche angefangen. Heute ist Work-Life-Balance wichtig. Nach 35 oder 40 Stunden ist Schluss. Es ist nicht mehr wie zu meiner Zeit, von morgens bis abends, von Montag bis Sonntag.“
Gleichzeitig sieht er einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Früher hätten sich deutlich mehr junge Menschen für einen Handwerksberuf entschieden. Heute wollten viele studieren und stellten erst nach dem Abschluss fest, dass sie dennoch keinen passenden Job fänden.
Für Görs spiegelt sich darin ein Wandel der Werte wider. Jungen Menschen werde häufig vermittelt, dass gute Noten und ein Studium der entscheidende Weg zum Erfolg seien.
„Aber kaum jemand sagt dir, dass du glücklich werden musst mit dem, was du tust.“ Seiner Ansicht nach könne sogar ein Tellerwäscher „der glücklichste Mensch sein“, wenn Familie, Gesundheit und Lebenszufriedenheit stimmten.
Deshalb appelliert er an die Politik, das Handwerk stärker zu fördern und jungen Menschen wieder Perspektiven in diesen Berufen aufzuzeigen.
Seine Söhne habe er überzeugen können, weil er ihnen vorgelebt habe, dass sich Fleiß lohnen könne. „Die sehen ja, dass es funktionieren kann, wenn man fleißig ist und auch ein bisschen Glück hat.“
„Es wird eine Renaissance geben“
Görs ist überzeugt, dass das Ansehen des Handwerks bereits wieder steigt.
„Es ist gerade am Kippen.“
Auch in seinem persönlichen Umfeld habe er solche Erfahrungen gemacht, dass wieder junge Menschen vom Studium ins Handwerk wechselten.
Görs glaubt, dass viele junge Menschen die positiven Seiten des Handwerks wiederentdecken werden, „dass es Spaß macht, mit Kunden zu arbeiten, nette Kollegen zu haben und stolz auf das eigene Produkt zu sein“.
Für ihn gilt noch immer die alte Redewendung, dass Handwerk goldenen Boden habe. Ein Fliesenleger, der nach Feierabend auf seine Arbeit blicke und sagen könne, dass er gute Arbeit geleistet habe, empfinde Zufriedenheit und Stolz.
„„Das ist ein Stück Glück.“
Ein Stück Glück bedeutet die Fleischerei auch für seinen Kunden Frank Meißner. Seit rund 20 Jahren kauft er hier jede Woche ein und möchte Görs als letzte verbliebene Fleischerei in seiner Umgebung nicht missen.
„Hier wird noch eigene Wurst hergestellt, die sehr lecker schmeckt. Das würde man vermissen.“ Doch nicht nur die Produkte seien wichtig, auch die Gespräche mit dem Metzger und den Mitarbeitern. „Da hat man immer etwas zu lachen.“
Frank Meißner ist froh, dass er seit 20 Jahren bei der Metzgerei Görs einkaufen kann – und hoffentlich noch viele Jahre lang.
Foto: Lynn Wu/Epoch Times
Genau darin sieht Christian Görs die Zukunft des Fleischerhandwerks. Mit Fleiß, familiärer Unterstützung und einer bodenständigen Haltung könne ein solcher Betrieb weiterhin bestehen. „Das hat alles Hand und Fuß. Man hat eine Daseinsberechtigung.“
Wenige Kilometer entfernt kauft Wolfgang Büttner an diesem Vormittag seine Bratheringe, sein Fischbrötchen und später noch Fleisch für das Wochenende. Die Stände, die er seit Jahrzehnten kennt, gibt es noch, die Menschen hinter den Theken ebenfalls – noch.