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Worin liegt die Hoffnung aus der „kollektiven Fluchtmaschine“ auszusteigen?

Um uns heutzutage zu verunsichern, ist weder ein Krieg noch eine Sicherheitsbedrohung nötig. Manchmal genügt etwas viel Unbedeutenderes: zehn Minuten Stille. Es geht hier nicht um ein großes Drama – nur um eine kleine Unannehmlichkeit, wie ein Sandkorn im Schuh.
Versuchen Sie diese einfache Übung: Schalten Sie Ihr Handy aus. Legen Sie es mit dem Bildschirm nach unten beiseite und sitzen Sie einfach nur da. Kein Scrollen, kein Lesen, kein „lass mich nur kurz etwas nachsehen“. Einfach nur sein.
Nach einer halben Minute tauchen Gedanken auf. Nach anderthalb Minuten greift Ihre Hand von selbst nach dem Telefon. Nach zwei Minuten fühlt es sich bereits seltsam an, fast schon unnatürlich.
Wir leben in einer Kultur, die zahllose Wege erfunden hat, um Langeweile zu vermeiden – im Grunde zahllose Wege, um sich selbst nicht zu begegnen. Wir weichen den tiefen Fragen aus und übersehen alles, was uns erwarten würde, sobald wir den Lärm hinter uns ließen.

Die Natürlichkeit der Stille

Früher jedoch glaubten die Menschen, dass Stille es einem ermöglicht, sich mit etwas zu verbinden, das tiefer und größer ist als man selbst, etwas, das im hektischen Alltag verborgen bleibt. Die Welt war um einen sinngebenden stabilen Rahmen herum aufgebaut – für viele war es Gott, für andere Traditionen oder eine moralische Ordnung.
Zu jener Zeit wurde Stille als der Moment wahrgenommen, in dem man in vertrauter Umgebung wieder zu sich selbst finden konnte. Sie war nicht unbedingt geheimnisvoll – sie war einfach ein Teil der natürlichen Ordnung des Lebens, in der die Menschen wussten, wo sie hingehörten und was sie leitete.
Heute neigen wir dazu, sie mit Ausreden abzutun: „Ich habe keine Energie für existenzielle Dramen“, „Das sind sinnlose Gedanken“ oder schlicht: „Es gibt gerade Dringenderes zu tun.“
Die Stille, die uns den Blick nach innen eröffnen soll, ist zu etwas geworden, dem wir ausweichen – zu einer weiteren Leerstelle, die wir eilig füllen, bevor wir den Fragen begegnen, denen wir uns nicht stellen wollen.
Das Bemerkenswerte ist, dass der Schweizer Philosoph Max Picard schon in den 1930er Jahren diese Entwicklung voraussah – lange noch, bevor es Push-Benachrichtigungen und Algorithmen gab. Er stellte fest, dass die Menschheit an einem fortwährenden Projekt beteiligt ist, das er „Die Flucht vor Gott“ nannte – nicht vor der institutionellen Religion, sondern vor dem, was einst als das Zentrum und die Tiefe des Lebens verstanden wurde.
Fast ein Jahrhundert später drängt sich der Eindruck auf, dass seine Diagnose wie für uns geschrieben wurde.
Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten. Foto: Daniel de la Hoz/iStock

Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten.

Foto: Daniel de la Hoz/iStock

„Die Welt der Flucht“

Picard wurde 1888 als Sohn einer jüdischen Familie in Deutschland geboren. Er studierte Medizin, erkannte jedoch bald, dass sein eigentliches Interesse weniger dem menschlichen Körper als dem Menschen selbst galt. Er gab den Arztberuf auf, widmete sich der Philosophie und ließ sich schließlich in der Schweiz nieder.
Dort führte er ein zurückgezogenes Leben des Schreibens und der Kontemplation, unabhängig von der akademischen Welt und den Institutionen. Im mittleren Alter wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde getauft; später im Leben kehrte er jedoch zum Judentum zurück. [1]
Der französische Philosoph Gabriel Marcel gehörte zu den Ersten, die Picards Einzigartigkeit erkannten. Er beschrieb ihn als „einen der originellsten Denker unserer Zeit“. Aus Marcels Sicht war Picard kein Philosophieprofessor im konventionellen Sinne, sondern eher ein moderner Weiser – ein Mann, der nicht darauf aus war, Menschen zu überzeugen, sondern Gefühlen Ausdruck verlieh, die sie tief in sich spürten, ohne sie benennen zu können.
Mauro Stenico, ein italienischer freischaffender Wissenschaftler, gab im Selbstverlag ein Buch über Picards Philosophie heraus. In einem Interview sagte er: „Picard gelang es, die Krise des modernen Menschen mit großer Klarheit und einer fast prophetischen Fähigkeit zu diagnostizieren.“ [2] (Anmerkung der Red.: Alle folgenden Zitate von Stenico ebendort, frei aus dem Italienischen übersetzt)
Stenico erklärt, dass vor der modernen Periode – und Picard nannte die moderne Welt die „Welt der Flucht“ – eine Welt existierte, in der der Glaube der Standard des Menschen war. Gott war kein persönliches Konzept, sondern das Zentrum, um das das Leben organisiert war – Moral, Gesetz, Zeit und Gemeinschaft. Ein Mensch musste den Glauben nicht „wählen“; er wurde in ihn hineingeboren, genau wie er in eine Sprache hineingeboren wurde.
„Der Glaube war früher das Allgemeine“, schrieb Picard in seinem Buch „Die Flucht vor Gott“ (1934, Rentsch Verlag)[3]. Und jeder, der sich von diesem Zentrum distanzieren wollte, traf bereits eine persönliche Wahl – zu „fliehen“ (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
In der modernen Welt ist die Ordnung jedoch umgekehrt. Es ist nicht mehr das Individuum, das wählt zu fliehen – vielmehr drängt die Kultur selbst die Menschen zur Flucht. Der Glaube ist zur Ausnahme geworden, und Stille, Tiefe sowie die Auseinandersetzung mit großen Fragen erfordern bewusste Anstrengung.
Picard schrieb, dass ein Mensch in der „Welt der Flucht“ nicht so wie in der Welt des Glaubens geboren werde, damit er sich im Glauben verwirklichen könne. Vielmehr sei diese Geburt „das Ende der Verwirklichung“ und „jetzt, an der Geburt, beginnt das Neue, die Flucht: Die Geburt ist der Sprung in die Flucht.“ (S. 12, „Flucht vor Gott“, 1934)
Ein sichtbares Zeichen der Kultur der „Flucht“ ist laut Picard ein ständiges Gefühl der Dringlichkeit. Es ist, als müsse man immer irgendwohin eilen und eine weitere Sache erledigen. Der moderne Mensch ist demnach „immer unterwegs“, gefangen in rastloser Bewegung, die ihn daran hindert, für die tieferen Fragen innezuhalten. Nicht, weil er das nicht will, sondern weil der Rhythmus der Kultur selbst ihn vorwärts treibt.
Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern. Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern.

Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Politik, Technologie & Kino

Laut Stenico ist die moderne Politik ein Paradebeispiel für die Welt der „Flucht“. Sie schürt Aufregung, Wut und Angst, als ob jeder noch so kleine Konflikt unser Leben beeinflussen könnte. Sie zieht uns täglich in ihren Bann und ist zu dem Ort geworden, an dem wir nach Gerechtigkeit, Identität und Sinn suchen.
„Für viele ersetzt die Politik die Suche nach Wahrheit oder Heiligkeit“, ist Stenico überzeugt.
Picard knüpfte an eine Tradition von Denkern an – von Maimonides bis Kierkegaard –, die den Sinn des menschlichen Daseins eher in der moralischen und intellektuellen Entwicklung sahen als darin, sich in flüchtigen Nachrichtenereignissen zu verstricken. In diesem Licht betrachtet kann Politik zu einer weiteren Form der „Flucht vor Gott“ werden – einer Flucht vor Fragen, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben: Was ist mir wirklich wichtig? Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?
Anstatt an unserem Charakter und unserem geistigen Wachstum zu arbeiten, werden wir in einen endlosen Kreislauf von Anschuldigungen, Verteidigungen und Konflikten hineingezogen. „Anstatt Ordnung und Sinn zu schaffen, beschleunigt die Politik die Jagd nach momentanen und sich auflösenden Zielen“, führt Stenico aus. Kurz gesagt, anstatt die Wogen zu glätten, wird sie zu einem Mechanismus, der uns aus uns selbst herauszieht – einer kollektiven Fluchtmaschine.
„Ähnlich sah Picard auch im Kino ein klares Symbol der ‚Welt der Flucht‘“, sagt Stenico. „Das Kino ist schnell, fließend, bewegt. Die Bilder ändern sich unaufhörlich und spiegeln wider, was mit der modernen Seele geschehen ist. Es erschafft eine parallele Welt aus Bildern, die die Realität ersetzt, anstatt sie zu vertiefen.“
Dies ist ein Medium, das es ermöglicht, in eine andere Geschichte, eine andere Identität hineingezogen zu werden. Anstatt einer Welt, die durch stabile Bezugspunkte verankert ist, präsentiert das Kino eine, in der die Helden immer wieder Geld, Ruhm, Erfolg oder Selbstverwirklichung verfolgen; es gaukelt endlose „Möglichkeiten“ vor – Karriere, Status, Aufregung und Erfahrung. Wie Picard schrieb: „Es gibt in dieser Welt kein ‚unmöglich‘, nur ein ‚noch-nicht-möglich‘ (…).“ (S. 23, „Flucht vor Gott“, 1934)
Und in einer Welt endloser Möglichkeiten neigen Gedanken dazu, sich zu zerstreuen und ihren geistigen Schwerpunkt zu verlieren. Sie werden in jede Richtung gezogen, lösen sich in der ständigen Bewegung der Welt auf. Und auch der Glaube muss „in jedem Augenblick sich immer von neuem (…) schaffen“, schrieb Picard. (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
Die moderne Kultur ist laut Picard so strukturiert, dass wir nie allein gelassen werden – nicht einmal für einen einzigen Moment –, um uns den tiefen Fragen zu stellen. „Das Vakuum, das entsteht, füllt sich mit Produktivität, Technologie und Unterhaltung – anstatt mit Stille, Zuhören und Präsenz“, stellt Stenico fest.
Dieser Mechanismus ist nicht unbedingt bösartig; er ist einfach hocheffizient. Er zieht uns nach außen, damit wir nicht zu lange bei Wörtern wie „Sinn“, „Gut und Böse“ oder „Wahrheit“ verweilen – geschweige denn das Wort „Gott“ aussprechen, ohne es sofort in einen Witz zu verpacken.
Hektik. Foto: oeyCheung/iStock

Hektik.

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Kein Raum mehr für die Liebe

„Picard argumentierte, dass Beziehungen zwischen Menschen zu Instrumenten der ‚Flucht‘ geworden sind“, erklärt Stenico. „Sie verlieren die vertikale Dimension – die Menschen sehen im anderen nicht mehr ein ‚göttliches Ebenbild‘ oder eine heilige Tiefe.“
Nehmen wir das Beispiel der Liebe. Nach Picards Ansicht ist Liebe nicht bloß ein Energieausbruch, sondern ein Prozess der Kontemplation: „Ein Mensch, der einen anderen Menschen oder ein Ding liebt, betrachtet das geliebte Wesen genau und langsam, er schaut genau nach, ob noch irgendwo eine Stelle ist, die er noch nicht liebt“, schrieb er. (S. 54, „Flucht vor Gott“, 1934)
Liebe erfordert das Verweilen. Es ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit erfordert, still zu sein.
Aber in einer Welt, in der sich Menschen ohne Unterbrechung bewegen – von Bildschirmen zu Nachrichten zu Arbeit zu neuen „Möglichkeiten“ – gibt es keine solche Zeitspanne. Daher, so beobachtete Picard, bleiben viele Beziehungen äußerlich. Nicht weil die Menschen keine Liebe wollen, sondern weil die Welt nicht mehr die Bedingungen bietet, unter denen Liebe wachsen und sich vertiefen kann.
Menschen „sind zusammen“, schrieb er, nicht um einander wirklich zu begegnen, sondern um gemeinsam zu fliehen – übertragen in unsere heutige Welt: zu Netflix, zum nächsten Urlaub, zu allem, was kurzzeitige Erleichterung bietet. „Laut Picard benutzen wir andere, um der Einsamkeit zu entkommen – nicht um einer anderen Person wirklich zu begegnen“, sagt Stenico.
So werden die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Tiefe, Liebe und Spiritualität wachsen – Ehe, Familie und Freundschaft –, in der „Welt der Flucht“ manchmal selbst zu Fluchtmechanismen. Anstatt als Orte der Kontemplation, Stabilität und gegenseitigen Transformation zu dienen, werden sie zu äußeren Formen, die eine gemeinsame Flucht vor der höheren Wesensessenz ermöglichen.
Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert. Foto: Artem Peretiatko/iStock

Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert.

Foto: Artem Peretiatko/iStock

Als die Geschichte ihren Sinn verlor

„Dieses Gebilde [der Flucht] nimmt jetzt zu“, schrieb Picard, „(…) weil es groß ist, weil das Umfangreiche alles zu sich heranzieht.“ (S. 13, „Flucht vor Gott“, 1934)
Eines der Dinge, die hineingezogen werden, ist die Art und Weise, wie wir Geschichte verstehen. „Geschichte wird nicht mehr als eine tiefe Geschichte wahrgenommen, sondern als eine Abfolge von Ereignissen“, sagt Stenico.
In der Vergangenheit wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Geschichte gesehen; große Ereignisse wie Siege, Niederlagen und Seuchen wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Individuen waren nicht Autoren der Geschichte, sondern Charaktere in einem Drama, das größer war als sie selbst.
Mit der Moderne kamen neue Theorien: Geschichte als Produkt von Instinkten und Vererbung (Charles Darwin), von Klassenkampf und materiellen Interessen (Karl Marx) oder von persönlichen menschlichen Entscheidungen (Ayn Rand). [4]
Alle diese Rahmenbedingungen beschreiben eine Welt, die durch menschliche Kräfte vorangetrieben wird – Biologie, Interessen, Impulse. Dies ist in Picards Sicht ein klares Zeichen der „Welt der Flucht“ – einer Welt, die geschickt im Analysieren und Erklären ist, die jedoch zunehmend damit kämpft, einen übergreifenden Sinn zu erfassen.
„In Picards Sicht wird Geschichte eher zu einem Rennen als zu einer Sphäre des Sinns“, erläutert Stenico. „Geschichte existiert im Sinne von Schlagzeilen und Chronologie, aber ihr fehlt ein Gefühl der Erdung, des Gedächtnisses, der Tradition oder einer Perspektive, die nicht ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es ist eine Geschichte ohne Wurzeln, eine, die nicht nach oben blickt.
„Er glaubte nicht, dass das Problem bei der Wissenschaft selbst lag, sondern beim Szientismus – dem Glauben, dass die Wissenschaft alles erklären kann“, sagt Stenico. „Wissenschaft beschreibt Gesetze und Beziehungen, aber nicht das Gesamtbild, nicht den Sinn. Wenn die Wissenschaft zur einzigen Sprache der Realität wird, gehen Tiefe, Heiligkeit und Staunen verloren.“
Und so wird die Wissenschaft – ohne eigenes Verschulden – zu einem weiteren Ausdruck der „Welt der Flucht“, einer Welt, die alles zu messen weiß, außer den Wesenskern.
Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden.

Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Auch die Kunst, so Picard, habe das gleiche Schicksal erlitten. In der Vergangenheit habe die Kunst versucht, ein Fenster zu dem zu öffnen, was jenseits liegt – zur Ordnung und zur Schwelle zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Der Künstler stand vor etwas, das größer war als er selbst, und versuchte, eine Spur, einen Glanz oder ein Echo davon einzufangen.
In der „Welt der Flucht“ habe sich die Richtung des Blickes geändert. Kunst werde nicht mehr aus einer Begegnung mit dem Erhabenen geboren, sondern aus einer Begegnung mit dem Selbst.
„Es gibt hier beim Entstehen eines Bildes“, schrieb Picard, „keinen besonderen Akt mehr.“ (S. 159, „Flucht vor Gott“, 1934)
Dinge verlören ihre Umrisse, und alles verschwimme ineinander. Anstatt zu einem göttlichen Zentrum zu führen, werde Kunst oft zu einer weiteren Form der Bewegung, Zerstreuung und Flucht.
„Picard argumentierte, dass auch die moderne Kunst eine Atomisierung erfährt; sie bricht in Stücke und Fragmente ohne Ganzheit auseinander“, beschreibt Stenico. „Anstatt Form zu bewahren und Tiefe zu enthüllen, nimmt sie am Mechanismus der Flucht teil: Rennen, Zerstreuung, Verlust des Zentrums. Der Künstler entdeckt nicht mehr ‚mehr‘ durch das Werk – er fügt nur eine weitere Schicht Lärm hinzu.“

Hoffnung in einer Welt der Flucht

Doch Picards Philosophie der Flucht sollte die Menschen nicht entmutigen. Im Gegenteil: Er glaubte, dass unsere Zeit den Keim der Hoffnung in sich trage. Die Flucht sei der Abfall der Menschheit von Gott, so Picard, aber der Mensch sei nicht absoluter Verlassenheit ausgesetzt. Denn wenn es jene gebe, die fliehen, gebe es auch Einen, der sie verfolge.
Die bloße Existenz der Flucht zeigt in seiner Sicht, dass etwas Größeres den Menschen weiterhin zurück nach Hause ruft.
„Picards Philosophie ist eine therapeutische“, sagt Stenico. „Er war in erster Linie Arzt, und hier sieht er die Seele des menschlichen Wesens. Er bietet einen Weg zurück zur Präsenz und dem stabilen Fundament, das die Moderne demontiert hat. Er zeigt, dass ein Mensch, obwohl er in Krise und ständiger Bewegung lebt, den Zugang zum Heiligen, zum Wesentlichen nicht völlig verliert.“
Picard nannte dies „die Verfolgung“: nicht eine Verfolgung mit Zwang, sondern aus Mitgefühl, eine sanfte Stimme, die den Menschen weiterhin begleite, auch wenn er an die fernsten Orte entfliehe.
Manche würden dies Gott nennen; andere Gewissen, eine innere Wahrheit oder jene kleine Stille, die plötzlich als Moment der Offenbarung erscheint. Picard erinnert uns daran, dass ein Mensch in der Flucht nicht völlig verloren ist – etwas ruft immer noch nach ihm.
Referenzen:
[3] Max Picard, „Die Flucht vor Gott“, 1934
Dieser Artikel erschien im Original im Epoch Magazine Israel und wurde auch auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Philosophy of Max Picard–The World Is Drifting Away From God“ veröffentlicht. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Die Flucht vor unserem höheren Selbst: Warum wir Stille heute so schwer aushalten

Um uns heutzutage zu verunsichern, ist weder ein Krieg noch eine Sicherheitsbedrohung nötig. Manchmal genügt etwas viel Unbedeutenderes: zehn Minuten Stille. Es geht hier nicht um ein großes Drama – nur um eine kleine Unannehmlichkeit, wie ein Sandkorn im Schuh.
Versuchen Sie diese einfache Übung: Schalten Sie Ihr Handy aus. Legen Sie es mit dem Bildschirm nach unten beiseite und sitzen Sie einfach nur da. Kein Scrollen, kein Lesen, kein „lass mich nur kurz etwas nachsehen“. Einfach nur sein.
Nach einer halben Minute tauchen Gedanken auf. Nach anderthalb Minuten greift Ihre Hand von selbst nach dem Telefon. Nach zwei Minuten fühlt es sich bereits seltsam an, fast schon unnatürlich.
Wir leben in einer Kultur, die zahllose Wege erfunden hat, um Langeweile zu vermeiden – im Grunde zahllose Wege, um sich selbst nicht zu begegnen. Wir weichen den tiefen Fragen aus und übersehen alles, was uns erwarten würde, sobald wir den Lärm hinter uns ließen.

Die Natürlichkeit der Stille

Früher jedoch glaubten die Menschen, dass Stille es einem ermöglicht, sich mit etwas zu verbinden, das tiefer und größer ist als man selbst, etwas, das im hektischen Alltag verborgen bleibt. Die Welt war um einen sinngebenden stabilen Rahmen herum aufgebaut – für viele war es Gott, für andere Traditionen oder eine moralische Ordnung.
Zu jener Zeit wurde Stille als der Moment wahrgenommen, in dem man in vertrauter Umgebung wieder zu sich selbst finden konnte. Sie war nicht unbedingt geheimnisvoll – sie war einfach ein Teil der natürlichen Ordnung des Lebens, in der die Menschen wussten, wo sie hingehörten und was sie leitete.
Heute neigen wir dazu, sie mit Ausreden abzutun: „Ich habe keine Energie für existenzielle Dramen“, „Das sind sinnlose Gedanken“ oder schlicht: „Es gibt gerade Dringenderes zu tun.“
Die Stille, die uns den Blick nach innen eröffnen soll, ist zu etwas geworden, dem wir ausweichen – zu einer weiteren Leerstelle, die wir eilig füllen, bevor wir den Fragen begegnen, denen wir uns nicht stellen wollen.
Das Bemerkenswerte ist, dass der Schweizer Philosoph Max Picard schon in den 1930er Jahren diese Entwicklung voraussah – lange noch, bevor es Push-Benachrichtigungen und Algorithmen gab. Er stellte fest, dass die Menschheit an einem fortwährenden Projekt beteiligt ist, das er „Die Flucht vor Gott“ nannte – nicht vor der institutionellen Religion, sondern vor dem, was einst als das Zentrum und die Tiefe des Lebens verstanden wurde.
Fast ein Jahrhundert später drängt sich der Eindruck auf, dass seine Diagnose wie für uns geschrieben wurde.
Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten. Foto: Daniel de la Hoz/iStock

Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten.

Foto: Daniel de la Hoz/iStock

„Die Welt der Flucht“

Picard wurde 1888 als Sohn einer jüdischen Familie in Deutschland geboren. Er studierte Medizin, erkannte jedoch bald, dass sein eigentliches Interesse weniger dem menschlichen Körper als dem Menschen selbst galt. Er gab den Arztberuf auf, widmete sich der Philosophie und ließ sich schließlich in der Schweiz nieder.
Dort führte er ein zurückgezogenes Leben des Schreibens und der Kontemplation, unabhängig von der akademischen Welt und den Institutionen. Im mittleren Alter wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde getauft; später im Leben kehrte er jedoch zum Judentum zurück. [1]
Der französische Philosoph Gabriel Marcel gehörte zu den Ersten, die Picards Einzigartigkeit erkannten. Er beschrieb ihn als „einen der originellsten Denker unserer Zeit“. Aus Marcels Sicht war Picard kein Philosophieprofessor im konventionellen Sinne, sondern eher ein moderner Weiser – ein Mann, der nicht darauf aus war, Menschen zu überzeugen, sondern Gefühlen Ausdruck verlieh, die sie tief in sich spürten, ohne sie benennen zu können.
Mauro Stenico, ein italienischer freischaffender Wissenschaftler, gab im Selbstverlag ein Buch über Picards Philosophie heraus. In einem Interview sagte er: „Picard gelang es, die Krise des modernen Menschen mit großer Klarheit und einer fast prophetischen Fähigkeit zu diagnostizieren.“ [2] (Anmerkung der Red.: Alle folgenden Zitate von Stenico ebendort, frei aus dem Italienischen übersetzt)
Stenico erklärt, dass vor der modernen Periode – und Picard nannte die moderne Welt die „Welt der Flucht“ – eine Welt existierte, in der der Glaube der Standard des Menschen war. Gott war kein persönliches Konzept, sondern das Zentrum, um das das Leben organisiert war – Moral, Gesetz, Zeit und Gemeinschaft. Ein Mensch musste den Glauben nicht „wählen“; er wurde in ihn hineingeboren, genau wie er in eine Sprache hineingeboren wurde.
„Der Glaube war früher das Allgemeine“, schrieb Picard in seinem Buch „Die Flucht vor Gott“ (1934, Rentsch Verlag)[3]. Und jeder, der sich von diesem Zentrum distanzieren wollte, traf bereits eine persönliche Wahl – zu „fliehen“ (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
In der modernen Welt ist die Ordnung jedoch umgekehrt. Es ist nicht mehr das Individuum, das wählt zu fliehen – vielmehr drängt die Kultur selbst die Menschen zur Flucht. Der Glaube ist zur Ausnahme geworden, und Stille, Tiefe sowie die Auseinandersetzung mit großen Fragen erfordern bewusste Anstrengung.
Picard schrieb, dass ein Mensch in der „Welt der Flucht“ nicht so wie in der Welt des Glaubens geboren werde, damit er sich im Glauben verwirklichen könne. Vielmehr sei diese Geburt „das Ende der Verwirklichung“ und „jetzt, an der Geburt, beginnt das Neue, die Flucht: Die Geburt ist der Sprung in die Flucht.“ (S. 12, „Flucht vor Gott“, 1934)
Ein sichtbares Zeichen der Kultur der „Flucht“ ist laut Picard ein ständiges Gefühl der Dringlichkeit. Es ist, als müsse man immer irgendwohin eilen und eine weitere Sache erledigen. Der moderne Mensch ist demnach „immer unterwegs“, gefangen in rastloser Bewegung, die ihn daran hindert, für die tieferen Fragen innezuhalten. Nicht, weil er das nicht will, sondern weil der Rhythmus der Kultur selbst ihn vorwärts treibt.
Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern. Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern.

Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Politik, Technologie & Kino

Laut Stenico ist die moderne Politik ein Paradebeispiel für die Welt der „Flucht“. Sie schürt Aufregung, Wut und Angst, als ob jeder noch so kleine Konflikt unser Leben beeinflussen könnte. Sie zieht uns täglich in ihren Bann und ist zu dem Ort geworden, an dem wir nach Gerechtigkeit, Identität und Sinn suchen.
„Für viele ersetzt die Politik die Suche nach Wahrheit oder Heiligkeit“, ist Stenico überzeugt.
Picard knüpfte an eine Tradition von Denkern an – von Maimonides bis Kierkegaard –, die den Sinn des menschlichen Daseins eher in der moralischen und intellektuellen Entwicklung sahen als darin, sich in flüchtigen Nachrichtenereignissen zu verstricken. In diesem Licht betrachtet kann Politik zu einer weiteren Form der „Flucht vor Gott“ werden – einer Flucht vor Fragen, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben: Was ist mir wirklich wichtig? Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?
Anstatt an unserem Charakter und unserem geistigen Wachstum zu arbeiten, werden wir in einen endlosen Kreislauf von Anschuldigungen, Verteidigungen und Konflikten hineingezogen. „Anstatt Ordnung und Sinn zu schaffen, beschleunigt die Politik die Jagd nach momentanen und sich auflösenden Zielen“, führt Stenico aus. Kurz gesagt, anstatt die Wogen zu glätten, wird sie zu einem Mechanismus, der uns aus uns selbst herauszieht – einer kollektiven Fluchtmaschine.
„Ähnlich sah Picard auch im Kino ein klares Symbol der ‚Welt der Flucht‘“, sagt Stenico. „Das Kino ist schnell, fließend, bewegt. Die Bilder ändern sich unaufhörlich und spiegeln wider, was mit der modernen Seele geschehen ist. Es erschafft eine parallele Welt aus Bildern, die die Realität ersetzt, anstatt sie zu vertiefen.“
Dies ist ein Medium, das es ermöglicht, in eine andere Geschichte, eine andere Identität hineingezogen zu werden. Anstatt einer Welt, die durch stabile Bezugspunkte verankert ist, präsentiert das Kino eine, in der die Helden immer wieder Geld, Ruhm, Erfolg oder Selbstverwirklichung verfolgen; es gaukelt endlose „Möglichkeiten“ vor – Karriere, Status, Aufregung und Erfahrung. Wie Picard schrieb: „Es gibt in dieser Welt kein ‚unmöglich‘, nur ein ‚noch-nicht-möglich‘ (…).“ (S. 23, „Flucht vor Gott“, 1934)
Und in einer Welt endloser Möglichkeiten neigen Gedanken dazu, sich zu zerstreuen und ihren geistigen Schwerpunkt zu verlieren. Sie werden in jede Richtung gezogen, lösen sich in der ständigen Bewegung der Welt auf. Und auch der Glaube muss „in jedem Augenblick sich immer von neuem (…) schaffen“, schrieb Picard. (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
Die moderne Kultur ist laut Picard so strukturiert, dass wir nie allein gelassen werden – nicht einmal für einen einzigen Moment –, um uns den tiefen Fragen zu stellen. „Das Vakuum, das entsteht, füllt sich mit Produktivität, Technologie und Unterhaltung – anstatt mit Stille, Zuhören und Präsenz“, stellt Stenico fest.
Dieser Mechanismus ist nicht unbedingt bösartig; er ist einfach hocheffizient. Er zieht uns nach außen, damit wir nicht zu lange bei Wörtern wie „Sinn“, „Gut und Böse“ oder „Wahrheit“ verweilen – geschweige denn das Wort „Gott“ aussprechen, ohne es sofort in einen Witz zu verpacken.
Hektik. Foto: oeyCheung/iStock

Hektik.

Foto: oeyCheung/iStock

Kein Raum mehr für die Liebe

„Picard argumentierte, dass Beziehungen zwischen Menschen zu Instrumenten der ‚Flucht‘ geworden sind“, erklärt Stenico. „Sie verlieren die vertikale Dimension – die Menschen sehen im anderen nicht mehr ein ‚göttliches Ebenbild‘ oder eine heilige Tiefe.“
Nehmen wir das Beispiel der Liebe. Nach Picards Ansicht ist Liebe nicht bloß ein Energieausbruch, sondern ein Prozess der Kontemplation: „Ein Mensch, der einen anderen Menschen oder ein Ding liebt, betrachtet das geliebte Wesen genau und langsam, er schaut genau nach, ob noch irgendwo eine Stelle ist, die er noch nicht liebt“, schrieb er. (S. 54, „Flucht vor Gott“, 1934)
Liebe erfordert das Verweilen. Es ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit erfordert, still zu sein.
Aber in einer Welt, in der sich Menschen ohne Unterbrechung bewegen – von Bildschirmen zu Nachrichten zu Arbeit zu neuen „Möglichkeiten“ – gibt es keine solche Zeitspanne. Daher, so beobachtete Picard, bleiben viele Beziehungen äußerlich. Nicht weil die Menschen keine Liebe wollen, sondern weil die Welt nicht mehr die Bedingungen bietet, unter denen Liebe wachsen und sich vertiefen kann.
Menschen „sind zusammen“, schrieb er, nicht um einander wirklich zu begegnen, sondern um gemeinsam zu fliehen – übertragen in unsere heutige Welt: zu Netflix, zum nächsten Urlaub, zu allem, was kurzzeitige Erleichterung bietet. „Laut Picard benutzen wir andere, um der Einsamkeit zu entkommen – nicht um einer anderen Person wirklich zu begegnen“, sagt Stenico.
So werden die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Tiefe, Liebe und Spiritualität wachsen – Ehe, Familie und Freundschaft –, in der „Welt der Flucht“ manchmal selbst zu Fluchtmechanismen. Anstatt als Orte der Kontemplation, Stabilität und gegenseitigen Transformation zu dienen, werden sie zu äußeren Formen, die eine gemeinsame Flucht vor der höheren Wesensessenz ermöglichen.
Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert. Foto: Artem Peretiatko/iStock

Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert.

Foto: Artem Peretiatko/iStock

Als die Geschichte ihren Sinn verlor

„Dieses Gebilde [der Flucht] nimmt jetzt zu“, schrieb Picard, „(…) weil es groß ist, weil das Umfangreiche alles zu sich heranzieht.“ (S. 13, „Flucht vor Gott“, 1934)
Eines der Dinge, die hineingezogen werden, ist die Art und Weise, wie wir Geschichte verstehen. „Geschichte wird nicht mehr als eine tiefe Geschichte wahrgenommen, sondern als eine Abfolge von Ereignissen“, sagt Stenico.
In der Vergangenheit wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Geschichte gesehen; große Ereignisse wie Siege, Niederlagen und Seuchen wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Individuen waren nicht Autoren der Geschichte, sondern Charaktere in einem Drama, das größer war als sie selbst.
Mit der Moderne kamen neue Theorien: Geschichte als Produkt von Instinkten und Vererbung (Charles Darwin), von Klassenkampf und materiellen Interessen (Karl Marx) oder von persönlichen menschlichen Entscheidungen (Ayn Rand). [4]
Alle diese Rahmenbedingungen beschreiben eine Welt, die durch menschliche Kräfte vorangetrieben wird – Biologie, Interessen, Impulse. Dies ist in Picards Sicht ein klares Zeichen der „Welt der Flucht“ – einer Welt, die geschickt im Analysieren und Erklären ist, die jedoch zunehmend damit kämpft, einen übergreifenden Sinn zu erfassen.
„In Picards Sicht wird Geschichte eher zu einem Rennen als zu einer Sphäre des Sinns“, erläutert Stenico. „Geschichte existiert im Sinne von Schlagzeilen und Chronologie, aber ihr fehlt ein Gefühl der Erdung, des Gedächtnisses, der Tradition oder einer Perspektive, die nicht ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es ist eine Geschichte ohne Wurzeln, eine, die nicht nach oben blickt.
„Er glaubte nicht, dass das Problem bei der Wissenschaft selbst lag, sondern beim Szientismus – dem Glauben, dass die Wissenschaft alles erklären kann“, sagt Stenico. „Wissenschaft beschreibt Gesetze und Beziehungen, aber nicht das Gesamtbild, nicht den Sinn. Wenn die Wissenschaft zur einzigen Sprache der Realität wird, gehen Tiefe, Heiligkeit und Staunen verloren.“
Und so wird die Wissenschaft – ohne eigenes Verschulden – zu einem weiteren Ausdruck der „Welt der Flucht“, einer Welt, die alles zu messen weiß, außer den Wesenskern.
Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden.

Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Auch die Kunst, so Picard, habe das gleiche Schicksal erlitten. In der Vergangenheit habe die Kunst versucht, ein Fenster zu dem zu öffnen, was jenseits liegt – zur Ordnung und zur Schwelle zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Der Künstler stand vor etwas, das größer war als er selbst, und versuchte, eine Spur, einen Glanz oder ein Echo davon einzufangen.
In der „Welt der Flucht“ habe sich die Richtung des Blickes geändert. Kunst werde nicht mehr aus einer Begegnung mit dem Erhabenen geboren, sondern aus einer Begegnung mit dem Selbst.
„Es gibt hier beim Entstehen eines Bildes“, schrieb Picard, „keinen besonderen Akt mehr.“ (S. 159, „Flucht vor Gott“, 1934)
Dinge verlören ihre Umrisse, und alles verschwimme ineinander. Anstatt zu einem göttlichen Zentrum zu führen, werde Kunst oft zu einer weiteren Form der Bewegung, Zerstreuung und Flucht.
„Picard argumentierte, dass auch die moderne Kunst eine Atomisierung erfährt; sie bricht in Stücke und Fragmente ohne Ganzheit auseinander“, beschreibt Stenico. „Anstatt Form zu bewahren und Tiefe zu enthüllen, nimmt sie am Mechanismus der Flucht teil: Rennen, Zerstreuung, Verlust des Zentrums. Der Künstler entdeckt nicht mehr ‚mehr‘ durch das Werk – er fügt nur eine weitere Schicht Lärm hinzu.“

Hoffnung in einer Welt der Flucht

Doch Picards Philosophie der Flucht sollte die Menschen nicht entmutigen. Im Gegenteil: Er glaubte, dass unsere Zeit den Keim der Hoffnung in sich trage. Die Flucht sei der Abfall der Menschheit von Gott, so Picard, aber der Mensch sei nicht absoluter Verlassenheit ausgesetzt. Denn wenn es jene gebe, die fliehen, gebe es auch Einen, der sie verfolge.
Die bloße Existenz der Flucht zeigt in seiner Sicht, dass etwas Größeres den Menschen weiterhin zurück nach Hause ruft.
„Picards Philosophie ist eine therapeutische“, sagt Stenico. „Er war in erster Linie Arzt, und hier sieht er die Seele des menschlichen Wesens. Er bietet einen Weg zurück zur Präsenz und dem stabilen Fundament, das die Moderne demontiert hat. Er zeigt, dass ein Mensch, obwohl er in Krise und ständiger Bewegung lebt, den Zugang zum Heiligen, zum Wesentlichen nicht völlig verliert.“
Picard nannte dies „die Verfolgung“: nicht eine Verfolgung mit Zwang, sondern aus Mitgefühl, eine sanfte Stimme, die den Menschen weiterhin begleite, auch wenn er an die fernsten Orte entfliehe.
Manche würden dies Gott nennen; andere Gewissen, eine innere Wahrheit oder jene kleine Stille, die plötzlich als Moment der Offenbarung erscheint. Picard erinnert uns daran, dass ein Mensch auf der Flucht nicht völlig verloren ist – etwas ruft immer noch nach ihm.
Referenzen:
[3] Max Picard, „Die Flucht vor Gott“, 1934
Dieser Artikel erschien im Original im Epoch Magazine Israel und wurde auch auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Philosophy of Max Picard–The World Is Drifting Away From God“ veröffentlicht. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Justin Biebers „Halleluja“ zur Fußball-WM-Show – Amerikas junge Männer werden religiöser


In Kürze:

  • WM-Halbzeit: Justin Bieber präsentierte Lied über Glauben statt Partysong
  • Ein Leben im Rampenlicht mit religiösem Hintergrund
  • Während Auf und Ab, Glaube an „Geschichte von Jesus“ als Konstante
  • Trend zur Religiosität: Amerikas junge Männer orientieren sich um

 
Justin Bieber hätte während der Show der Halbzeitpause beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft einfach wieder eines seiner Poplieder bringen können, die ihn berühmt gemacht haben. Stattdessen nutzte der kanadische Sänger im MetLife-Stadion in East Rutherford, New Jersey, die Gelegenheit, die Akustikversion eines seiner weniger bekannten neueren Titel aufzuführen.
Bei dem Song „Everything Hallelujah“ handelt es sich um ein glaubensorientiertes Lied, das Dankbarkeit und Lob für die Segnungen im Leben ausdrückt. Es bildete einen scharfen Kontrast zu den fröhlichen Partyliedern von Madonna, BTS und Shakira im Programm.
Die religiösen Untertöne von Biebers Auftritt spiegeln wider, dass der in Ontario geborene Sänger seinen Glauben inzwischen deutlich offener lebt – obwohl dieser schon seit Langem ein fester Bestandteil seines Lebens gewesen ist. Zugleich ist dies Teil eines größeren Trends: einer Wiederbelebung der Religiosität unter jungen Männern in Nordamerika.

Früher Glaube und Aufstieg zum Ruhm

Bieber wurde hauptsächlich von seiner Mutter Pattie Mallette erzogen, die sich als 17-Jährige bewusst dem Christentum zuwandte. Das war ein Jahr vor der Geburt ihres Sohnes. Mallettes Bekehrung zum Christentum folgte auf eine Kindheit voller Missbrauch, Depressionen und Drogenprobleme. Ausschlaggebend dafür waren ihre Treffen mit einer Mitarbeiterin eines Jugendzentrums, die mit ihr über die Liebe Gottes sprach, nachdem die Jugendliche nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus eingeliefert worden war.
Bieber wuchs innerhalb von Mallettes konfessionsfreier charismatisch-christlicher Gemeinschaft auf. Nach Angaben von Malette entschied sich Bieber im Alter von etwa acht Jahren dazu, sich taufen zu lassen.
18. November 2012 – Sänger Justin Bieber (rechts) und seine Mutter Pattie Malette besuchen die 40. American Music Awards im Nokia Theatre in Los Angeles, Kalifornien. Foto: Jason Merritt/Getty Images

18. November 2012 – Sänger Justin Bieber und seine Mutter, Pattie Mallette, nehmen an den 40. American Music Awards im Nokia Theatre in Los Angeles teil.

Foto: Jason Merritt/Getty Images

Bieber erzählte später, dass seine Mutter oft Predigten des in Seattle ansässigen evangelikalen Pastors Judah Smith abspielte. Smith ist dafür bekannt, die persönliche Beziehung zu Gott und Jesus Christus in seiner Megakirche Churchome in den Mittelpunkt zu stellen.
Dann wurde Bieber auf YouTube entdeckt. Es folgten ein Plattenvertrag und der kometenhafte Aufstieg ins internationale Musikgeschäft. Sein Debütalbum „My World“ wurde weltweit ein Erfolg, und die Hitsingle „Baby“ machte den damals 15-Jährigen 2010 zum globalen Superstar.
In einem Interview aus dem Jahr 2010 beschrieb sich der damals jugendliche Sänger als Christ. Er erklärte, dass er täglich in der Bibel lese und bete. Zudem habe er einen christlichen Hauslehrer.
„Ich bete ständig. Ich bete zwei- bis dreimal am Tag. Wenn ich aufwache, danke ich Ihm für alles, was er mir geschenkt hat. Ich danke Ihm, dass er mich in diese Position gebracht hat. Und am Ende des Tages hole ich meine Bibel raus“, sagte Bieber. „Es ist etwas, das mich erdet.“
1. September 2009 – Der Musiker Justin Bieber im Nintendo World Store in New York City. Foto: Bryan Bedder/Getty Images. Foto: Bryan Bedder/Getty Images

1. September 2009: Der Musiker Justin Bieber im Nintendo World Store in New York City.

Foto: Bryan Bedder/Getty Images

Persönliche Probleme und Comeback

In seinen späten Teenagerjahren machte Bieber jedoch mit Drogenkonsum, destruktivem Verhalten und Eskapaden Schlagzeilen. Dabei sprach der Star offen darüber, dass er mit Depressionen und persönlichen Problemen zu kämpfen hatte.
Als Bieber begann, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, spielte Pastor Carl Lentz von der internationalen evangelikalen Megakirche Hillsong eine wichtige Rolle. Lentz berichtete, Bieber habe mehrere Wochen mit ihm und seiner Familie in New Jersey verbracht und sich 2014 als öffentliches Bekenntnis zu seinem Glauben erneut taufen lassen.
„Dieser Junge ist 21. Er lebt in einer furchtbar toxischen Welt“, sagte Lentz 2015 gegenüber dem Magazin GQ. „Er hat nie vorgegeben, jemand anderes zu sein als der, zu dem er sich immer offen bekannt hat – nämlich ein Mensch, der noch an sich arbeitet.“
Einige Jahre später, im Jahr 2021, stellte Bieber öffentlich klar, dass er Churchome als seine Kirche betrachte und nicht Hillsong. Er wies dabei auch Gerüchte zurück, dass er plane, Pastor bei Hillsong zu werden. Das sei alles unwahr, erklärte Bieber. „Kirche ist kein Ort. Wir sind die Kirche“, postete Bieber Anfang 2021 in den sozialen Medien. „Wir brauchen kein Gebäude, um uns mit Gott zu verbinden. Gott ist mit uns, wo immer wir sind.“
Biebers Distanzierung von Hillsong erfolgte im Zuge der Entlassung von Pastor Lentz aus der Kirche im Jahr 2020. Lentz sagte, er sei entlassen worden, weil er seine Frau Lauren Lentz betrogen hatte.

Biebers Überzeugungen

Biebers religiöse Überzeugungen werden am treffendsten als eine zeitgenössische Form des konfessionsfreien Evangelikalismus beschrieben.
Der Sänger hat klargestellt, dass er sich nicht als konventionell religiös, sondern als jemand sieht, der persönlich an Christus glaubt.
„Ich glaube an die Geschichte von Jesus – so einfach ist mein Glaube“, sagte Bieber 2019 gegenüber dem Magazin „Vogue“.
In Biebers On-Off-Beziehung mit der Sängerin Selena Gomez von 2010 bis 2018 spielten ebenfalls Glaubensaspekte eine Rolle. Während einer ihrer Versöhnungen im Jahr 2014 nahmen sie gemeinsam an den von Smith geleiteten Bibelkreisen von Churchome teil.
Gomez engagierte sich später ebenfalls bei Hillsong und besuchte ab 2017 regelmäßig Gottesdienste in Los Angeles, gemeinsam mit Bieber. So wie Bieber distanzierte sich auch Gomez später von Hillsong, nachdem Pastor Lentz entlassen worden war.
Die Sänger Justin Bieber und Selena Gomez besuchen die ESPY Awards 2011 im Nokia Theatre L.A. Live am 13. Juli 2011 in Los Angeles, Kalifornien. Foto: Christopher Polk/Getty Images für ESPN

Die Sänger Justin Bieber und Selena Gomez besuchen die ESPY Awards 2011 im Nokia Theatre am 13. Juli 2011 in Los Angeles.

Foto: Christopher Polk/Getty Images für ESPN

Nach der Trennung von Gomez heiratete Bieber im September 2018 Hailey Baldwin. Er hatte sie erstmals 2009 auf das damals zwölfjährige Mädchen, als sie ihm von ihrem Vater, dem Schauspieler Stephen Baldwin, vorgestellt wurde. Im Jahr 2018 traf Bieber erneut auf Hailey, diesmal bei einer religiösen Veranstaltung, die von Pastor Rich Wilkerson Jr. ausgerichtet wurde.

Hailey sagte, sie habe dafür gebetet, Bieber zu heiraten, und er erklärte, sie sei ein stabilisierender Einfluss, der ihm geholfen habe, ein Familienleben aufzubauen, nach dem er sich seit seiner Kindheit immer gesehnt habe. Sie erklärte, dass ihr gemeinsamer christlicher Glaube ein zentrales Fundament für ihre Ehe sei. Im Jahr 2024 kam ihr erstes Kind zur Welt: Jack Blues Bieber.

27. Januar 2020 – Der kanadische Sänger Justin Bieber und seine Frau, US-Model Hailey Bieber bei ihrer Ankunft zur Premiere der YouTube-Originals-Serie „Justin Bieber: Seasons“ im Regency Bruin Theatre in Los Angeles. Foto: Lisa O’CONNOR / AFP via Getty Images

27. Januar 2020: Der kanadische Sänger Justin Bieber und seine Frau, US-Model Hailey Bieber, bei ihrer Ankunft zur Premiere der YouTube-Originals-Serie „Justin Bieber: Seasons“ im Regency Bruin Theatre in Los Angeles.

Foto: Lisa O’Connor/AFP via Getty Images

Religiöses Comeback unter jungen Männern

Biebers Bekenntnis zum christlichen Glauben erfolgt inmitten eines Wiederauflebens religiöser Überzeugungen unter den jungen Männern in Amerika.
Jüngste Umfragen von Gallup ergaben, dass 42 Prozent der 2024 und 2025 befragten amerikanischen Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren angaben, dass Religion in ihrem Leben essenziell sei.
Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den 28 Prozent einer Gallup-Umfrage aus den Jahren 2022 und 2023. In der neuen Befragung gaben zudem rund 40 Prozent der besagten Alterskohorte an, dass sie mindestens einmal im Monat zu Gottesdiensten gehen würden, was das höchste Niveau in dieser Altersgruppe seit mehr als einem Jahrzehnt darstellt.
Verschiedene andere Umfragen berichteten ebenfalls von einer steigenden Religiosität unter jüngeren Erwachsenen. Eine dieser Studien der American Bible Society aus dem Jahr 2025 ergab, dass rund 30 Prozent der Generation Y (geboren zwischen circa 1980 und 1995) im Jahr 2024 und 39 Prozent im Jahr 2025 angaben, regelmäßig die Bibel zu lesen.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Justin Bieber’s ‚Hallelujah‘ World Cup Show Comes as More Young Men Turn to Religion“ (redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Berichterstattung über Nmecha-Gebet überschattet 7:1-Sieg


In Kürze:

  • Felix Nmecha startete mit seinem Treffer in der 6. Minute das deutsche 7:1-Torfestival gegen Curaçao.
  • In der öffentlichen Diskussion dominiert dennoch, was vor dem Spiel, nach seinem Tor und nach dem Abpfiff passierte.
  • Nmecha stieg mit der Bibel in der Hand aus dem Bus, verbeugte sich nach seinem Treffer vor Jesus und betete nach Spielende Arm in Arm mit dem Gegner im Anstoßkreis.
  • Der junge Spieler mit der Nummer 23 ist in der deutschen Nationalmannschaft nicht allein – und in Gesellschaft internationaler Fußballlegenden.

 
Nach seinem WM-Debüt inklusive Tor beim 7:1 gegen Curaçao nahm sich der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha Zeit für seinen christlichen Glauben. Zusammen mit dem ebenfalls bekennenden Christen und Nationalspieler Jonathan Tah ging Nmecha nach dem Spiel auf mehrere Spieler der unterlegenen Mannschaft zu.
Es bildete sich eine Gruppe von fünf Spielern von Curaçao und den beiden Deutschen auf dem Spielfeld, die mehrere Minuten lang die Arme umeinander legten und die Köpfe senkten. Die Sportwelt rätselte, was diese Geste wohl bedeuten möge. Später erfuhr alle Welt: Die Spieler beteten miteinander – und sorgten damit weltweit für Aufmerksamkeit. Nmecha erklärte später:
„Wir sind im Spiel Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder. Wir haben einfach ein kleines Gebet zusammen gemacht, weil wir alle sehr dankbar sind – auch sie.“
Nmecha, der in der Bundesliga bei Borussia Dortmund spielt und das 1:0 erzielt hatte, sagte weiter: Vom Ergebnis her ist es natürlich schön für uns, aber auch im Ganzen glauben wir alle, dass Jesus durch das Spiel verherrlicht wird. Deswegen sind wir zusammengekommen und haben zusammen gebetet.“

„Ach, Gottchen!“

Am selben Abend fiel Nmecha bereits nach seinem Tor mit einer christlichen Geste auf. Er streckte beide Hände nach oben und nahm mit einer Geste eine imaginäre Krone in die Hand, die er kniend auf dem Rasen ablegte. Sein dazugehöriger Instagram-Post gefällt über 400.000 Menschen.
Eine Kommentatorin schrieb auf derselben Plattform zu dieser Szene: „In einer Sportart, in der Sportler oft versucht sind, den Ruhm für sich selbst zu beanspruchen, nutzte Nmecha einen der größten Momente seiner Karriere, um den Ruhm Jesus Christus zuzuschreiben.“
Doch statt in der Szene mit den Spielern von Curaçao eine schöne Geste des Fair Play zu erkennen, eckt Nmecha mit solcherart christlicher Öffentlichkeitsarbeit in deutschen Medien an. Die linksgerichtete Berliner Tageszeitung „taz“ etwa kritisiert: „Der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha trägt seinen Glauben wie eine Monstranz vor sich her. Dahinter steht ein finsteres Menschenbild.“ Zugleich fordert die Zeitung in ihrer Überschrift einen „Platzverweis für Jesus“.
Der Autor wirkte sichtlich verstört und beschreibt die Aktion des „Fußballprofis mit Christusfimmel“ mit den Worten: „Ach, Gottchen! Hat er das wirklich gesagt nach dem Spiel? […] Der Fußball mag ja vieles in Bewegung setzen können, aber wie bitte soll ein Kick wie jener der Deutschen gegen Curaçao Gottes Sohn verherrlichen. Na ja, wers glaubt.“ Als Kommentar ist der Artikel nicht gekennzeichnet.

Wie steht die Kirche dazu?

„Ich finde es ein starkes Zeichen, wenn Spieler unterschiedlicher Mannschaften miteinander beten können und so ein Zeichen dafür setzen, dass es auch im Spiel Wichtigeres gibt als das Gegnersein“, wird der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, von der in Münster veröffentlichten Kirchenwebsite „Kirche + Leben“ zitiert.
Latzel ist Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland und gab sich überzeugt, dass es zur Religionsfreiheit gehöre, „dass Menschen ihren Glauben leben können, und das gilt auch im Sport“. Und er wünscht sich: Das „Miteinander und Verbindende sollte bei dieser WM noch viel stärker gelebt werden“.
Der Projektleiter der katholischen BVB-Gründerkirche in Dortmund, Stefan Magh, bezeichnete laut der Plattform Nmechas Aktion als „sehr unterstützenswerte Geste“. Magh weiter: Angesichts der Zerrissenheit in der Gesellschaft sei Nmechas Geste eine „ganz starke Botschaft“. Er beobachte, dass insgesamt in der Gesellschaft mehr Positionierung erwartet werde. Das könne sich auch auf den Sport auswirken, wird Magh wiedergegeben.

Nmecha und die Ballers in God

Felix Nmecha gehört der internationalen christlichen Fußballorganisation Ballers in God an und wird auf der Website prominent gezeigt. Auch Trevoh Chalobah vom FC Chelsea, Nathanael Obgbeta vom FC Barnsley, Anthony Elanga von Newcastle United und zahlreiche andere werden dort aufgeführt.
Den Ballers in God wirft die taz“ vor, sie seien eine „evangelikale Sekte“, die zudem homophob sei. Der Gründer von Ballers in God, der ehemalige englische Fußballprofi John Bostock, unterhalte Verbindungen zu führenden Aktivisten der „fundamentalistischen Awakening-Bewegung in Europa, die Homosexualität für eine krankhafte Abart hält“, ist die „taz“ überzeugt. Auf der Website von Ballers in God finden sich indes keine Hinweise darauf. Dennoch vermutet die Berliner Tageszeitung, dass Nmecha ebenfalls in diese Richtung denkt.

Christliche Fußballer nichts Neues

Bei aller Medienaufgeregtheit um den deutschen Nationalspieler ist er nicht der erste, der sich offen zu seinem Glauben bekennt. Neben Jonathan Tah bekannte auch der deutsche Nationalspieler Chris Führich, der jedoch von Bundestrainer Nagelsmann nicht in den Kader für die WM aufgenommen wurde, im Juni 2024 in einem Interview gegenüber RTL: „Der Glaube und das Gebet geben mir Kraft.“
Und auch hinter den Kulissen spielt der Glaube an den christlichen Gott beim Deutschen Fußballbund (DFB) eine Rolle. Der DFB-Torwarttrainer Andreas Kronenberg sagte am 11. Juni vor dem WM-Start: „Glaube gibt mir Orientierung.“ Er gab auch preis, dass es innerhalb der deutschen Nationalmannschaft einen Gebetskreis gebe. Kronenberg machte jedoch deutlich: Obwohl Werte wie Fairness und Respekt auch christliche Werte seien, habe der christliche Glaube keinen direkten Einfluss auf seine Arbeit als Torwarttrainer.
Der bekannteste bekennende Christ unter deutschen Fußballspielern aus der jüngeren Vergangenheit dürfte indes der einstige Offensiv-Mittelfeldspieler Wolfgang Overath sein. Er wurde 1974 bei der Fußball-WM in Deutschland an der Seite von Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Günter Netzer und Gerd Müller Weltmeister. Overath, der zeit seiner Profikarriere stets für den 1. FC Köln spielte, wurde im deutschen Fußballmuseum in die „Hall of Fame“ aufgenommen. Auffallend an seiner Profikarriere war in den 1960er- und 1970er-Jahren, dass er sich vor Spielbeginn des Öfteren bekreuzigte.
In einem Interview mit der christlichen Zeitung „Pro“ anlässlich seines 80. Geburtstages wird Overath mit den Worten wiedergegeben: Der Glaube gebe Regeln vor, die das Zusammenleben deutlich erleichtern würden. Und es brauche Menschen, die offensiv über ihren Glauben reden. Der Weltmeister redet indes nicht nur über Glauben, er handelt auch. So engagiert er sich seit Langem für Obdachlose und hat dafür den „Wolfgang Overath Fonds“ gegründet.

100% Jesus“ und die „Hand Gottes“

Im lateinamerikanischen Fußball, der tief im katholischen Glauben verwurzelt ist, ist häufiger als anderswo zu sehen, dass Kicker vor einem Spiel oder vor einer Einwechslung das Kreuzzeichen schlagen. Zu den für dieses Ritual bekannten Fußballern zählen etwa der Argentinier und Fußballweltmeister Lionel Messi und der brasilianische Nationalspieler Neymar da Silva Santos Júnior. Neymar geht mit seinem Glauben zudem offensiv an die Öffentlichkeit. Er spielt des Öfteren mit einem weißen Stirnband, auf dem steht: „100% Jesus“.
22. Juni 1986, Fußball-WM im Aztekenstadion von Mexico City, Viertelfinalspiel Argentinien gegen England: In der 51. Minute taucht der argentinische Nationalspieler Diego Maradona vor dem englischen Tor auf. Englands Torwart Peter Shilton stürmt heraus, um den Ball abzufangen. Obwohl Shilton deutlich größer ist als der nur 1,65 Meter kleine Maradona, „köpft“ dieser den Ball an dem Torwart vorbei ins Tor.
Wie sich später herausstellt, nutzte Maradona jedoch nicht seinen Kopf, sondern seine linke Faust. Der Schiedsrichter übersah das Handspiel und gab das Tor zum 1:0. England schied aus. Argentinien kam weiter und wurde schließlich Weltmeister.
Maradona dazu später verschmitzt: Es war „ein bisschen mit dem Kopf von Maradona und ein bisschen mit der Hand Gottes“. Und laut FIFA weiter: „Sie, England, haben eine Weltmeisterschaft mit einem Tor gewonnen, das nicht gegen Deutschland war.“ Damit bezog er sich auf das WM-Endspiel von 1966, bei dem England gegen Deutschland ein Tor zuerkannt wurde, das keines war. „Sie sollten also nichts über Maradona sagen – denn sie haben vor mir betrogen“, fügte Maradona hinzu.
Diego Armando Maradona (3.v.l.) erzielte im Viertelfinale der WM 1986 ein Tor – „mit ein bisschen Kopf von Maradonna und der Hand Gottes“.

Diego Armando Maradona (3. v. l.) erzielte im Viertelfinale der WM 1986 ein Tor – „ein bisschen mit dem Kopf von Maradona und ein bisschen mit der Hand Gottes“.

Foto: AFP via Getty Images

Gott ist nicht bestechlich

Dass angeblich Gott seine Hand im Spiel gehabt haben sollte, missfiel dem inzwischen verstorbenen Papst Franziskus, der ebenfalls aus Argentinien stammte. Laut der Nachrichtenplattform „katholisch.de“ habe Papst Franziskus im Jahr 2024 gesagt, Maradonas Tor sei „nicht gut“ gewesen und habe ihm keine Freude bereitet.
Wir dürfen nun alle gespannt sein, wie die gerade laufende Fußball-WM mit oder ohne Gott und Jesus Christus weiter verläuft. Zumindest in der Bibel steht unter 2. Chronik 19,7: „Gebt auf das, was ihr tut, wohl acht! Denn bei dem Herrn, unserm Gott, findet sich weder Ungerechtigkeit noch Ansehen der Person und keine Bestechlichkeit.“
Dieser Artikel wurde am 16. Juni aktualisiert, um ein mögliches Missverständnis im Titel auszuräumen.
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Kanada: Kritik an säkularer Auslegung von Justiz und Verfassung


In Kürze:

  • Redner kritisieren die zunehmende staatliche Macht und sehen religiöse Freiheiten unter Druck.
  • Sie werfen der Justiz vor, die ursprüngliche religiöse Grundlage des Charta-Textes zu unterlaufen.
  • Ohne göttliche oder religiöse Leitprinzipien könnte der Staat zur obersten Autorität werden.
  • Ex-Premierminister Peckford fordert dazu auf, unbeirrt an der Verfassung festzuhalten.

 
Der ehemalige Premierminister von Neufundland, Brian Peckford, wirft den kanadischen Gerichten vor, sie würden „versuchen, unsere Nation zu säkularisieren“. Dabei gäben sie den ursprünglichen Rahmen der Charta auf, der seiner Auffassung nach in „der Vorherrschaft Gottes und der Rechtsstaatlichkeit“ verankert sei. Der 83-Jährige ist der letzte noch lebende „First Minister“, der an der Ausarbeitung der kanadischen Verfassung von 1982 beteiligt war.

Kritik an der Auslegung der Charta durch Gerichte

„Was ist aus Gott geworden?“, fragte Peckford die Zuhörer auf der vom „Council of Alberta Lawyers“ am 16. Mai in Calgary ausgerichteten Konferenz „Dominion of Canada“. „Am häufigsten verletzt werden die Vorherrschaft Gottes und die Rechtsstaatlichkeit – jene Worte, die den Auftakt der Charta bilden. Wir bezeichneten sie nicht als Präambel. Es waren die einleitenden Worte, die als Rahmen für die Auslegung der übrigen Verfassung dienen sollten.“
Die Charta der Rechte und Freiheiten ist Teil des umfassenderen Verfassungsgesetzes, das 1982 verabschiedet wurde. Peckford erklärte, dass aus seiner Sicht viele moderne Gerichtsentscheidungen und Interpretationen die Bedeutung der Charta – so, wie er und andere sie konzipiert hatten – ignorierten und „gekapert“ hätten.
„Sie haben sie in vielen späteren Entscheidungen ignoriert“, kritisierte er. Stattdessen hätten sie eine „Doktrin des lebenden Baumes“ (Living Tree Doctrine) übernommen. Dies sehe er als Teil eines Versuchs, „unsere Nation zu säkularisieren“. (Anm. d. Red.: Die „Doktrin des lebenden Baumes“ ist eine Methode der Verfassungsauslegung, bei der die Verfassung im Laufe der Zeit weiterentwickelt wird, ohne ihren Grundcharakter zu verlieren.)
Peckford führte aus, dass die Verfassung nach dem Willen ihrer Verfasser durch Änderungen gewählter Amtsträger weiterentwickelt werden sollte, nicht durch abweichende richterliche Interpretationen. Als Beispiel für eine aus seiner Sicht problematische Auslegung nannte er die Rechtsprechung zur Beihilfe zum Suizid. „Die gesamte Frage des Rechts auf Beihilfe zum Suizid beruht auf einer Interpretation nach der ‚Doktrin des lebenden Baumes‘. Dies widerspricht dem verfassungsrechtlichen Grundverständnis, das auf der Vorrangstellung Gottes fußt“, so der Politiker.

Kritik am Machtzuwachs des Staates

Die „Conference for Dominion of Canada“ konzentrierte sich auf Kanadas christliche, rechtliche und gesellschaftliche Wurzeln. Neben Peckford traten dort Pastoren, Historiker, Aktivisten und Juristen auf.
Im Verlauf der Veranstaltung argumentierten die Redner, dass die Aushöhlung der Vorrangstellung Gottes – wie sie in den einleitenden Worten der Charta verankert sei – zu einem Machtzuwachs des Staates führe und das moralische Gefüge der Gesellschaft zersetze.
„Regime, die die Existenz Gottes geleugnet und einer atheistischen oder strikt säkularistischen Philosophie gefolgt sind, haben am wenigsten Achtung vor den Menschenrechten gezeigt“, erklärte der ehemalige Reformabgeordnete Eric Lowther und verwies dabei auf Gräueltaten marxistischer Regime. „Wenn kein Gott anerkannt wird, kann der Staat allzu leicht selbst zu Gott werden – mit entsetzlichen Folgen“, fügte er hinzu. Die Vorrangstellung Gottes sei ein Prinzip, dem Gerichte und das Parlament in ihren Entscheidungen zunehmend weniger Gewicht beimaßen.
Seine Bedenken teilte Pastor Tim Stephens. Er merkte an, dass der Staat durch seine Rolle als Schiedsrichter des Pluralismus zu viel Macht an sich reiße. „Wo religiöser Pluralismus herrscht, nimmt der Staat eine Position der Neutralität ein“, sagte Stephens. „Das Problem dabei ist jedoch, dass der Staat dadurch keineswegs neutral wird. In einem solchen Szenario wird der Staat faktisch zu Gott; er nimmt die höchste Stellung ein“, fügte er hinzu.
Stephens führte aus, dass die kanadische Gesellschaft bereits klare Trennlinien zwischen Kirche und Staat ziehe, dabei jedoch weiterhin innerhalb eines christlich geprägten moralischen und rechtlichen Rahmens agiere. „Es gab eine Zusammenarbeit, doch es herrschte keinerlei Verwirrung“, sagte Stephens.
Der Rechtsanwalt Roger Song unternahm einen historischen Exkurs, um den Vorrang Gottes im kanadischen Rechtsrahmen zu begründen. Dabei verwies er auf Bezüge zu Gott in der Magna Carta, im englischen Common Law sowie in der britischen Monarchie selbst.

Warnung vor einer „Tyrannei des Bösen“

„Der Gott, auf den die kanadische Verfassung Bezug nimmt, ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, erklärte Song. „Jener Gott, der das Universum und die Menschheit nach seinem Ebenbild erschuf – als Mann und Frau.“ Er merkte jedoch an, dass dieses Verständnis schrittweise aufgegeben worden sei. Als Beispiel führte er eine Entscheidung des Berufungsgerichts von British Columbia aus dem Jahr 1999 an. Dort habe Richterin Mary Southin im Fall R. v. Sharpe ausgeführt, dass „die Worte vom Vorrang Gottes in der Charta zu einem toten Buchstaben geworden sind“.
Song weiter: „Die Richter sowohl des Obersten Gerichtshofs von Kanada als auch der nachgeordneten Gerichte lehnen den Vorrang der Autorität Gottes und des göttlichen Rechts in unserer Verfassung sowie in ihren eigenen richterlichen Entscheidungen offen und unverblümt ab.“ Er äußerte die Überzeugung, dass eine Nation, sobald sie Gott als Grundlage für Demokratie und Recht aufgebe, unter „die Tyrannei des Bösen“ geraten könne.
Unter Verweis auf eigene Erfahrungen während seiner Kindheit im kommunistischen China beschrieb Song entsprechende Entwicklungen. Dort seien Menschen darauf verpflichtet worden, eine Partei und deren Führungspersonen zu verehren. „Während meiner gesamten schulischen und akademischen Laufbahn – von der Grundschule bis zum Jurastudium in China – wurde ich darauf konditioniert, an den Vorrang der Kommunistischen Partei Chinas und ihres großen Führers zu glauben“, berichtete er.

Rolle der Juristen in der Pandemiedebatte

Der ebenfalls als Redner auftretende Autor Michael Wagner zog Parallelen dazu, wie das kanadische Justizwesen säkulare Entwicklungen aus den Vereinigten Staaten übernehme. Dabei verwies er auf zwei wegweisende Urteile des US-Obersten Gerichtshofs, durch die das Schulgebet und das Bibellesen aus öffentlichen Schulen verbannt wurden. „Kanada ist Teil der westlichen Zivilisation, die von biblischen Werten geprägt war und ist“, sagte Wagner. Im Verlauf seiner Rede verwies er auf Gerichtsurteile aus den vergangenen Jahrzehnten, die seiner Ansicht nach „das Christentum aus den öffentlichen Schulen Ontarios verdrängt haben“.
Der Rechtsanwalt Leighton Gray erklärte, dass sich juristische Institutionen zunehmend vom Konzept der „biblischen Gerechtigkeit“ hin zu „sozialer Gerechtigkeit“ bewegt hätten. Er forderte einen entschiedeneren Widerstand gegen Säkularisierung und staatliche Eingriffe in die Freiheit. „Wir hätten dort auf den Zinnen stehen und die Gesellschaft schützen sollen“, sagte Gray dem Publikum. Zudem merkte er an, dass Juristen während der Pandemiebeschränkungen nicht hätten schweigen dürfen.
Der Jurist Grant Abraham sagte, Kanada sei in eine Phase des „Postnationalismus“ eingetreten. „Die einfachste Art zu erklären, was Postnationalismus bedeutet, ist: Er steht für den Tod Kanadas“, so Abraham. „Dies sei eine gezielte Entwicklung, um das Fundament dieser Nation zu zersetzen.“
Er und die Aktivistin Faytene Grasseschi erklärten übereinstimmend, dass ein wesentlicher Teil der Gegenwehr gegen diese Entwicklung darin bestehe, den Fokus auf Alberta zu richten. Die Provinz werde dabei als entscheidend für den Widerstand gegen Kanadas Abgleiten in Säkularismus und Postnationalismus gesehen. „Alberta ist der letzte Brückenkopf für die Befreiung des übrigen Kanadas“, betonte Abraham. Grasseschi bezeichnete die Provinz als „Epizentrum des Kampfes für viele der Werte, die uns am Herzen liegen – Glaube, Familie, Freiheit“.

Anerkennung der „Hoheit Gottes“ in der Gesellschaft

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand nicht die Frage einer möglichen Abspaltung Albertas. In den vergangenen Jahren hatte die Provinz eine Reihe politischer Maßnahmen und Gesetze zu zentralen gesellschaftlichen Themen verabschiedet, darunter unter anderem die Begrenzung der Euthanasie-Richtlinien der Bundesregierung sowie Regelungen im Bereich medizinischer Eingriffe bei Minderjährigen.
Im Verlauf der Konferenz betonten die Redner – unabhängig von ihren jeweiligen Glaubensüberzeugungen und trotz ihrer Kritik an einer aus ihrer Sicht zunehmenden Säkularisierung und staatlichen Einflussnahme –, dass sie keine Theokratie anstrebten. Vielmehr sprachen sie sich für eine klare Trennung von Kirche und Staat aus. „Wir wollen nicht, dass die Kirche dem Volk ihre Gesetze und Vorschriften aufzwingt“, betonte Pastor Stephens.
Ihnen gehe es stattdessen darum, die demokratische und verfassungsrechtliche Ordnung – so wie sie sie verstehen – zu stärken und in einen übergeordneten moralischen Rahmen zu stellen, der auf dem Glauben an Gott beruht. Dieser solle die künftige Ausrichtung des Landes sowie die Auslegung von Recht und Verfassung leiten, ohne individuelle Glaubensüberzeugungen zu reglementieren.
Peckford betonte, dass es sich aus seiner Sicht weniger um eine politische als vielmehr um eine grundlegende gesellschaftliche und spirituelle Frage handele. „Hoffnung für unser Land kann sich nur daraus ergeben, dass unsere Nation Buße tut und zu Gott zurückfindet“, sagte er. „Es ist unsere Aufgabe als Kanadier, die Hoheit Gottes anzuerkennen, unbeirrt an der Verfassung festzuhalten und für unsere Nation zu beten.“
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‚What Happened to God?‘: Speakers Say Supremacy of God Being Replaced in Canada’s Judiciary“. (deutsche Bearbeitung: os)
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Erzwungener Organraub in China – Dr. Phil: Es ist Politik, kein Mythos


In Kürze:

  • China hat eine Organindustrie aufgebaut
  • Hauptopfer sind gläubige Menschen wie Falun-Dafa-Praktizierende und Uiguren
  • Beweise aus zahlreichen unabhängigen Untersuchungen liegen vor
  • Ein neues Buch „Killed to Order“ fasst diese chinesische Politik zusammen

 
Ein neues Buch dokumentiert, dass die Kommunistische Partei Chinas religiöse Menschen systematisch verfolgt und ihre Organe für den Verkauf nutzt. Das Thema wurde auch in der Sendung „The Dr. Phil Podcast“ aufgegriffen, in der der Journalist Jan Jekielek, Autor von „Killed to Order“, über das in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgebaute System berichtete.
„Es gibt Menschen auf der anderen Seite der Welt, die leben, atmen, denken und vielleicht sogar beten – und die bereits einem Käufer für ihre Organe zugeordnet wurden: Augen, Herz, Lunge, Leber und Nieren“, so Dr. Phil McGraw. „Ihre Blutgruppe wurde erfasst, die Organe untersucht, und sobald eine Bestellung eingeht, werden sie getötet.“
„Nach 20 Jahren Untersuchungen ist dies gut dokumentiert. Es handelt sich nicht um Fiktion, sondern um reale Politik und einen Wirtschaftszweig. Tatsächlich ist diese Industrie, betrieben von der Kommunistischen Partei Chinas, heute rund 8,9 Milliarden US-Dollar (7,7 Milliarden Euro) pro Jahr wert.“

Wer sind die Opfer?

Die Hauptopfer der erzwungenen Organentnahmen sind Falun-Gong-Praktizierende und Uiguren in Xinjiang.
Falun Gong – auch Falun Dafa genannt – ist eine spirituelle Praxis, die auf Meditation und den Werten Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht basiert. In den 1990er-Jahren verbreitete sie sich rasch in China; 1999 schätzten Behörden, dass zwischen 70 und 100 Millionen Menschen sie praktizierten. Zu diesem Zeitpunkt begann die KP Chinas eine gewaltsame Verfolgung, die bis heute anhält.
Parallel stiegen ab 2000 die Zahlen der Organtransplantationen rapide an, obwohl China damals noch kein offizielles Organspendeprogramm hatte, wie Jan Jekielek in seinem Buch „Killed to Order“ schildert. Bis etwa 2015 wuchs die Zahl der Transplantationskliniken auf über 100. Hinweise deuteten darauf hin, dass bald auch uigurische Muslime ausgebeutet wurden, eine Bevölkerungsgruppe von etwa 12 Millionen Menschen, vorwiegend in Xinjiang.
„Wir sprechen hier von Menschen, deren einziges Verbrechen ihr Glaube ist“, erklärte Dr. Phil McGraw. Verdeckte Ermittler riefen chinesische Krankenhäuser an, um Organe anzufordern, und erhielten die Antwort, dass diese von Falun-Gong-Praktizierenden stammen würden.
In einigen Aufnahmen wurden Wartezeiten von nur ein bis vier Wochen genannt. Um diese kurzen Fristen einhalten zu können, müssen die Krankenhäuser eine umfangreiche Datenbank mit Blutgruppen und Testergebnissen der „Spender“ führen.
„Man muss passende Spender finden und sehr vorsichtig vorgehen, um Abstoßungen zu vermeiden“, erklärte McGraw. „Das funktioniert nicht eins zu eins, sondern erfordert einen großen Pool, aus dem ausgewählt werden kann.“

Beweise aus zahlreichen unabhängigen Untersuchungen liegen vor

„Killed to Order“ stützt sich auf Beweise aus zahlreichen unabhängigen Untersuchungen, die über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten durchgeführt wurden.
Dazu gehören Preislisten chinesischer Krankenhäuser, die Organe auf Anfrage anbieten und Wartezeiten von nur zwei Wochen angeben, Aussagen von Chirurgen, die zu Transplantationen gezwungen wurden, sowie Berichte von Falun-Gong-Praktizierenden, die nach willkürlicher Inhaftierung zwangsweise Blut- und medizinische Tests durchlaufen mussten.
„Das geschieht sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern“, erklärte Dr. Phil McGraw, nachdem er eine Organpreisliste auf der Website eines chinesischen Krankenhauses geprüft hatte, die separate Preise für Erwachsene und Kinder auswies.
„Noch schlimmer: Whistleblower berichten, dass in vielen Fällen keine Anästhesie eingesetzt wird, um die Qualität der Organe nicht zu beeinträchtigen.“

Wer bildet die Transplantationschirurgen aus?

Auch chinesische Transplantationschirurgen werden weiterhin in den USA ausgebildet. „Sollten wir Ärzte ausbilden, wenn wir wissen, dass sie nach China zurückkehren und dort von der Kommunistischen Partei zu solchen Handlungen gedrängt werden könnten?“, fragte Dr. Phil McGraw.
„Sie lernen hier den hippokratischen Eid ‚Keinen Schaden zufügen‘. Wenn sie jedoch nach China zurückkehren, werden sie – selbst gegen ihren Willen – unter Druck gesetzt und aus Angst gezwungen, solche Eingriffe durchzuführen.“
Einige Forscher berichten, dass die Entnahme von Organen bei lebenden Menschen in China inzwischen so verbreitet ist, dass Ärzte diese Methoden offen in Forschungsarbeiten beschreiben. Jan Jekielek weist darauf hin, dass eine 2022 im American Journal of Transplantation veröffentlichte Studie 71 solcher Arbeiten identifizierte.
Zugleich wächst die Sorge, dass US-Institutionen wegschauen, da die Vereinigten Staaten in vielen Bereichen, etwa bei wichtigen Wirkstofflieferungen, von China abhängig sind.
Für Jekielek zeigt dieses System der erzwungenen Organentnahme die wahre Natur des Regimes der KP Chinas: „Diese Industrie ist eine logische Konsequenz dieses Systems. Sie macht Menschen zu Komplizen, vereinnahmt sie und zwingt sie dazu, schreckliche Dinge zu tun, die in einer normalen Gesellschaft niemals möglich wären.“
 
Das Buch „Killed to Order: China’s Organ Harvesting Industry and the True Nature of America’s Biggest Adversary“ (Auf Bestellung getötet: Chinas Organraubindustrie und das wahre Wesen von Amerikas größtem Gegner) ist u.a. bei Amazon erhältlich. ISBN-13: ‎ 978-1510786509
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „CCP’s Forced Organ Harvesting ‘Is Not Fiction, It’s Policy,’ Says Dr. Phil“. (deutsche Bearbeitung ks)