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Mehr Junge sterben an Rektumkrebs – Symptome werden unterschätzt

Bryce Ramsey war erst 33 Jahre alt, frischgebackene Mutter und arbeitete als Krankenschwester. Tag für Tag kümmerte sie sich aufmerksam um ihre Patienten. Bei der Arbeit konnte sie verschiedene Krankheitssymptome – auch Krebssymptome – ihrer Patienten ausgiebig studieren. Doch bei ihrem eigenen Körper achtet sie nicht darauf.
Als sie Blut im Stuhl bemerkte, schob sie es auf Hämorrhoiden. Die Erschöpfung nach der Geburt, der Schlafmangel, der Alltagsstress – für alles fand sie eine harmlose Erklärung. Bis der Tag kam, an dem die Ausreden nicht mehr ausreichten.
Bei der ersten Darmspiegelung entdeckten die Ärzte einen über 6 Zentimeter großen Polypen. Fünf Tage später stand die Diagnose fest: Darmkrebs. Zehn Tage danach lag sie bereits im OP.
„Ich habe bei anderen immer auf die Warnsignale geachtet – und meine eigenen ignoriert“, sagt Bryce heute. „Zu viele junge Menschen machen denselben Fehler. Darmkrebs ist eine stille Krankheit. Sie wartet nicht, bis man älter ist.“
Ihre Geschichte ist längst keine Ausnahme mehr. Was früher als Krankheit der Großelterngeneration galt, fordert zunehmend junge Erwachsene – und die Zahl der Betroffenen unter 45 Jahren steigt.

Besonders betroffen sind die 35- bis 44-Jährigen

In Deutschland und anderen westlichen Ländern ist ein zunehmender Trend zu beobachten: Darmkrebs tritt immer häufiger bei jungen Erwachsenen auf.
Während die Erkrankungs- und Sterberaten bei älteren Menschen aufgrund effektiver Vorsorgeprogramme sinken, steigt die Häufigkeit bei Personen unter 50 Jahren an – insbesondere bei Rektumkrebs.
In Deutschland liegt der Anteil der unter 50-Jährigen mittlerweile bei etwa 5 Prozent aller Darmkrebspatienten, mit weiter steigender Tendenz. Kliniken wie das Universitätsklinikum Leipzig melden einen deutlichen Anstieg junger Patienten in ihren Ambulanzen.
Internationale Studiendaten aus den USA (1999–2023) zeigen steigende Sterberaten bei 20- bis 44-Jährigen, mit dem stärksten Anstieg in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen. Der Anstieg bei Rektumkrebs fällt dabei besonders deutlich aus.
Experten des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und deutscher Universitätskliniken beobachten diesen Trend seit Jahren. Als wesentliche Ursachen werden veränderte Lebensgewohnheiten genannt, darunter Übergewicht, ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmangel und Umweltfaktoren.

Darmkrebsanstieg bei Generationen nach 1950

„Die Inzidenz und Sterblichkeit bei Darmkrebs steigen nicht bei jungen Menschen an sich, sondern bei den Generationen, die nach den 1950er-Jahren geboren wurden“, sagte Rebecca Siegel, Krebsepidemiologin und leitende wissenschaftliche Direktorin für Überwachungsforschung bei der American Cancer Society, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
„Die Zunahme früh auftretender Erkrankungen ist ein Warnsignal für die künftige Krankheitslast“, fügt sie hinzu. Das Risiko steige mit jeder nachfolgenden Generation. Dieses Muster zeigt sich auch in den Prognosen der amerikanischen Studie.
Die Forscher nutzten das maschinelle Lernmodell ARIMA, um die Entwicklung bis zum Jahr 2035 vorherzusagen. Sollten die aktuellen Trends anhalten, ist mit einem weiteren Anstieg der Todesfälle durch Dickdarm- und Enddarmkrebs zu rechnen.
Dabei wird die Zahl der Todesfälle durch Enddarmkrebs laut den Forschern voraussichtlich um etwa ein Viertel steigen, während beim Dickdarmkrebs nur ein moderater Anstieg erwartet wird.
„Enddarmkrebs wird nicht tödlicher, aber die Erkrankungshäufigkeit nimmt zu, was letztendlich zu mehr Todesfällen führt“, so Siegels Einschätzung der Studiendaten.

Warum Rektumkrebs möglicherweise schneller zunimmt

Der schnellere Anstieg bei Rektumkrebs könnte teilweise darauf zurückzuführen sein, wie leicht seine Symptome übersehen werden.
„Rektumkrebs kann besonders tückisch sein, da die Symptome oft subtil sind oder leichter abgetan werden“, erklärte Dr. Abraham El-Sedfy, Kolorektalchirurg, Vorsitzender der Abteilung für Chirurgie und Chefarzt am St. Joseph’s Health, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
„Blutungen aus dem Enddarm werden beispielsweise häufig auf Hämorrhoiden zurückgeführt, insbesondere bei jüngeren Erwachsenen, was eine weitere Abklärung verzögern kann.“
Biologische Unterschiede zwischen dem Enddarm und dem restlichen Dickdarm könnten ebenfalls zur Erklärung des Anstiegs von Enddarmkrebs beitragen, fügte er hinzu.
Der Enddarm (Rektum) unterscheidet sich vom Dickdarm durch ein eigenes lokales Milieu. Dazu gehören Unterschiede in der Zusammensetzung des Mikrobioms sowie eine längere Exposition gegenüber Stuhl und entzündungsfördernden Stoffen. All diese Faktoren können die Entstehung von Krebs begünstigen.
Allerdings ist es schwierig, Rektumkrebs in den Sterblichkeitsstatistiken eindeutig vom Dickdarmkrebs zu trennen, wie Rebecca Siegel anmerkt.
Eine Studie mit Daten aus Kalifornien zeigte beispielsweise, dass 39 Prozent der Todesfälle durch Rektumkrebs in den Sterbeurkunden falsch erfasst wurden – meist als Dickdarmkrebs. Dadurch könnte die tatsächliche Belastung durch Rektumkrebs sogar noch höher liegen als bisher angenommen.
Die genauen Ursachen für diesen Anstieg sind noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken.
„Etablierte Risikofaktoren wurden vor allem anhand von Krebserkrankungen bei älteren Erwachsenen ermittelt. Diese waren jedoch anderen Einflüssen ausgesetzt als die heutigen jüngeren Generationen“, erklärt Rebecca Siegel.
Als Beispiel nennt sie das Rauchen: Insgesamt werden etwa 14 Prozent der Darmkrebsfälle darauf zurückgeführt. Bei jungen Erwachsenen, die durchschnittlich seltener rauchen, dürfte dieser Anteil jedoch niedriger liegen.
Forscher untersuchen zudem neue biologische Mechanismen, die diesen Anstieg erklären könnten.
El-Sedfy verwies dabei auf aktuelle Erkenntnisse, wonach bestimmte Stämme des Bakteriums E. coli, die DNA-schädigende Toxine produzieren, mit früh auftretendem Darmkrebs in Verbindung stehen – einer Form, die besonders häufig bei jüngeren Patienten auftritt.
„Dies lässt die Möglichkeit offen, dass Expositionen in jungen Jahren, sogar bereits in der Kindheit, eine Rolle dabei spielen könnten, die Voraussetzungen für eine Krebserkrankung Jahre später zu schaffen“, sagte er.

Frühe Symptome

Obwohl der Anstieg bedenklich ist, betonen Experten: Viele dieser Todesfälle sind vermeidbar.
Wird Darmkrebs früh erkannt, ist er in den meisten Fällen heilbar. Die Behandlungsergebnisse sind bei jüngeren und älteren Erwachsenen vergleichbar, und viele junge Patienten sprechen gut auf moderne Therapien an.
„Das größere Problem, mit dem wir konfrontiert sind, ist oft eine verzögerte Diagnose und nicht eine von Natur aus aggressivere Erkrankung“, erklärt El-Sedfy.
Tatsächlich werden drei von vier Darmkrebserkrankungen bei Menschen unter 50 Jahren erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Auch der Anstieg bei 50- bis 64-Jährigen beschränkt sich weitgehend auf späte Diagnosen.
„Junge Patienten mit rektalen Blutungen warten möglicherweise mehrere Monate, bevor sie einen Arzt aufsuchen, oft in der Überzeugung, sie seien ‚zu jung für Krebs‘“, sagt Mythili Menon Pathiyil, Assistenzärztin für Gastroenterologie und Hauptautorin der Studie.
Bryce Ramsey kennt das aus eigener Erfahrung. Als bei ihr die Diagnose gestellt wurde, war der Krebs bereits im Stadium 3. Heute ist sie krebsfrei. Rückblickend sagt sie: „Ich hatte bereits Symptome, aber wie so viele Menschen fand ich Wege, sie wegzuerklären.“
Experten und Betroffene sind sich einig: Das Stadium zum Zeitpunkt der Diagnose ist einer der wichtigsten Faktoren für die Überlebenschancen. Deshalb raten sie dringend, mögliche Warnsignale nicht zu ignorieren – auch unter 45 Jahren.
In den USA wird für Personen mit durchschnittlichem Risiko die Darmkrebsvorsorge ab 45 Jahren, in Deutschland ab 50 Jahren empfohlen. Bei Symptomen sollte jedoch unabhängig vom Alter eine Abklärung erfolgen.

 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „More Young Adults Are Dying From Rectal Cancer–Early Signs Often Go Unnoticed“. (deutsche Bearbeitung: vm) 
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Warum Antidepressiva bei manchen wirken – und bei anderen versagen

In Kürze:

  • Da Standardtherapien bei Depressionen oft unzureichend wirken, setzt die Medizin zunehmend auf die Suche nach den individuellen biologischen Ursachen der Erkrankung.
  • Die universitäre Forschung fokussiert sich dabei auf genetische Merkmale (Pharmakogenetik) und Entzündungsmarker im Blut (Immunpsychiatrie).
  • Die funktionelle Medizin nutzt dagegen maßgeschneiderte Nährstofftherapien, um biochemische Ungleichgewichte wie Methylierungsstörungen oder Spurenelement-Verschiebungen auszugleichen.

 
Depressionen werden in der Praxis meist anhand standardisierter Symptome behandelt.
In der medizinischen Forschung kristallisiert sich jedoch immer mehr heraus, dass hinter gleichen Symptomen sehr unterschiedliche biologische Ursachen liegen können.
Während die universitäre Schulmedizin dabei primär nach genetischen und immunologischen Biomarkern sucht, setzt die funktionelle Nährstofftherapie auf die Korrektur biochemischer Ungleichgewichte.

Das Problem der Einheitstherapie

Die Diagnose einer Depression erfolgt traditionell über klinische Symptome wie anhaltend gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit und Schlafstörungen.
Dieser symptomorientierte Ansatz stößt in der Praxis jedoch immer wieder an Grenzen. Während einige Patienten gut auf Standard-Antidepressiva ansprechen, bleibt bei anderen die gewünschte Wirkung laut Untersuchungen aus.
In der modernen Medizin kristallisiert sich daher immer klarer die Erkenntnis heraus, dass Depressionen ein komplexes Krankheitsbild mit verschiedenen biologischen Subtypen darstellen, die individuell adressiert werden müssen.

Biochemische Ansätze: Die fünf Muster nach Walsh

Ein Erklärungsmodell, das insbesondere in der funktionellen Medizin und der umweltmedizinischen Praxis Anwendung findet, stammt von dem US-Forscher William J. Walsh.
Er geht davon aus, dass dauerhafte biochemische Ungleichgewichte im Körper maßgeblich zu psychischen Erkrankungen beitragen.
Auf Basis seiner langjährigen Datenreihen beschreibt er fünf wesentliche biochemische Typen:
  • Regulationsstörungen der Methylierung: Abweichungen in diesem fundamentalen Zellprozess – sowohl Unter- als auch Übermethylierung –, welche die Synthese und Aktivität von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin beeinflussen.
  • Verschiebungen im Spurenelementhaushalt: Insbesondere ein verändertes Verhältnis von Kupfer zu Zink, welches die Aktivität der Botenstoffe im Gehirn modifizieren kann.
  • Stoffwechselstörungen und Umweltbelastungen: Hierzu zählen Konzepte wie die Pyrolurie, ein physiologischer Zustand, der mit erhöhtem Vitalstoffverlust einhergehen soll, sowie der Einfluss von oxidativem Stress durch Umweltfaktoren.
Der therapeutische Ansatz von Walsh basiert auf der gezielten, individuell abgestimmten Gabe von Mikronährstoffen, um das biochemische Gleichgewicht zu stabilisieren.
Die Berichte über hohe Erfolgsquoten stützen sich bislang vor allem auf die klinischen Beobachtungsdaten seiner Stiftung. Groß angelegte, unabhängige Doppelblindstudien nach universitärem Standard stehen noch aus.

Wo die universitäre Forschung ansetzt

Der Trend zur Personalisierung ist gleichermaßen das zentrale Zukunftsthema in der universitären Psychiatrie. Hier konzentrieren sich die Konzepte der evidenzbasierten Präzisionsmedizin aktuell auf zwei große Kernbereiche:
Pharmakogenetik: Deutsche Institute untersuchen, wie die individuelle genetische Ausstattung eines Patienten den Abbau von Psychopharmaka in der Leber beeinflusst.
Das Ziel besteht darin, mittels Labortests (z. B. der CYP-Enzyme) im Voraus zu bestimmen, welches Medikament eine optimale Wirksamkeit bei minimalen Nebenwirkungen verspricht.
Immunpsychiatrie: Der Fokus in diesem Ansatz liegt auf der Erforschung von Entzündungsmarkern im Blut, da chronische Entzündungsprozesse im Körper im Verdacht stehen, die Gehirnchemie negativ zu beeinflussen und depressive Symptome mitzuverursachen.

Fazit: Die Frage nach dem „Warum“

Die moderne Psychiatrie bewegt sich weg von der reinen Symptombekämpfung hin zu den zugrundeliegenden biologischen Faktoren.
Ob der primäre therapeutische Schlüssel in der Genetik, im Immunsystem oder im gezielten Nährstoffhaushalt liegt, ist Gegenstand anhaltender wissenschaftlicher Forschung und Praxis.
Für Betroffene eröffnet dieser Wandel die Perspektive auf treffsicherere, maßgeschneiderte Therapieverfahren.
Da hoch dosierte Nährstoffgaben jedoch biologisch hochwirksam sind, empfehlen Experten auch in der komplementärmedizinischen Praxis, entsprechende Therapien nur unter laborgestützter ärztlicher oder therapeutischer Aufsicht durchzuführen.

 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
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deutschland

22. Mai: Apotheken-Rezept bald nicht mehr nötig? | Sommerurlaub gesichert | Steuererhöhung für Spitzenverdiener

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Apothekenreform

Der Bundestag hat heute ein Gesetz verabschiedet, das Apothekern mehr Befugnisse gibt. Künftig dürfen sie bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept abgeben, mehr Impfungen anbieten und Blutabnahmen für Diagnosen durchführen. Zugleich werden Apotheken wirtschaftlich unterstützt, um die Versorgung vor allem im ländlichen Raum zu sichern.

Sommerurlaub gesichert

Die parlamentarische Taskforce zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs erwartet im Sommer keine Beeinträchtigungen von Flugreisen durch Kerosinmangel. Dies habe die Luftverkehrswirtschaft bei einem Treffen der Arbeitsgruppe eindeutig versichert. „Wer bereits gebucht hat, wird ohne zusätzliche Kosten in den Sommerurlaub fliegen können“, hieß es in der Erklärung.

Steuererhöhungen für Spitzenverdiener

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion distanziert sich immer stärker von der Wirtschaftspolitik der Koalition. Die Vorsitzende Gitta Connemann lehnt Steuererhöhungen strikt ab und warnt vor zusätzlichen Belastungen für den Mittelstand und Unternehmen. Hintergrund sind die laufenden Diskussionen über eine stärkere Besteuerung hoher Einkommen zur Finanzierung geplanter Entlastungen.

US-Truppen in Polen

Außenminister Johann Wadephul begrüßt die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, 5.000 zusätzliche US-Soldaten nach Polen zu entsenden. Er betonte, dass die Truppenverlegungen mit den NATO-Partnern abgestimmt seien. Gleichzeitig finden weitere Gespräche zwischen Deutschland und den USA über die Stationierung von Langstreckenwaffen statt.

Ebola-Patient in Berlin

Ein mit Ebola infizierter US-Arzt wird weiterhin in der Berliner Charité behandelt. Laut Angaben des Krankenhauses ist der Mann zwar stark geschwächt, aber nicht in kritischem Zustand. Seine Frau und seine vier Kinder befinden sich ebenfalls in Quarantäne in der Charité. Bei ihnen wurde das Virus bislang nicht nachgewiesen und sie zeigen keine Symptome.
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meinung

Fieber ist keine Krankheit – es ist ein Symptom


In Kürze:

  • Eine Körpertemperatur von 37 Grad Celsius gilt als normal – ein Wert aus dem 19. Jahrhundert. Heute sind die Menschen meist „kühler“.
  • Fieber ist eine gesteuerte Reaktion des Immunsystems und damit zunächst keine Krankheit, sondern ein Heilmittel.
  • Wer nur auf die Temperatur schaut, läuft Gefahr, eine sinnvolle Körperreaktion zu unterdrücken.
  • Bei Säuglingen, Schwerkranken oder Fieber nach einer Fernreise gelten strengere Maßstäbe.

 
Früher bekam man Fieber und ging ins Bett. Heute bekommt man zuerst ein Thermometer, dann eine Tablette, mit dem Gedanken, möglichst schnell wieder zu funktionieren. Nächstes Problem: Kaum zeigt die Anzeige 38,5 Grad Celsius, beginnt im Kopf das Notfallprotokoll.
„Was senkt die Temperatur am schnellsten? Paracetamol, Ibuprofen oder ein Wadenwickel? Vielleicht gleich ein Antibiotikum?“ Dabei ist Fieber zunächst keine Krankheit. Es ist erst mal nur ein Symptom – und eigentlich auch ein Heilmittel.

Der Körper heizt nicht ohne Grund

Der Körper erhöht seine Temperatur nicht aus Willkür. Fieber ist eine gesteuerte Reaktion des Immunsystems. Bei einem Infekt melden Botenstoffe dem Gehirn: Es gibt etwas zu tun. Im Hypothalamus, der zentralen Schaltstelle für die Temperaturregulation, wird der Sollwert nach oben gesetzt.
Deshalb friert man am Anfang oft, obwohl die Temperatur bereits steigt. Die Gefäße ziehen sich zusammen, die Hände und Füße werden kalt, die Muskeln beginnen zu zittern. Damit will der Körper Wärme erzeugen.
Später, wenn die Abwehrarbeit nachlässt und der Sollwert wieder sinkt, beginnt der Körper zu schwitzen. Dann gibt er Wärme ab. Wer das versteht, behandelt Fieber ganz anders, nämlich nicht mit Panik, sondern mit genauer Beobachtung.

Sind wir heute „kühler“ als früher?

Die Sache mit der Körpertemperatur ist spannender, als viele denken. Lange galt 37 Grad Celsius als normale Körpertemperatur. Dieser Wert stammt aus dem 19. Jahrhundert und hat sich tief in die Köpfe eingebrannt. Inzwischen zeigen größere Untersuchungen jedoch, dass die durchschnittliche Körpertemperatur vieler Menschen heute niedriger liegt als früher. Der Mensch scheint im Mittel etwas „kühler“ geworden zu sein.
Natürlich ist nicht jeder mit 36,2 Grad Celsius krank. Die Körpertemperatur schwankt je nach Tageszeit, Messort, Alter, Bewegung, Zyklus, eingenommenen Medikamenten und persönlicher Konstitution. Trotzdem sehe ich in der Praxis häufig Menschen, die nicht nur auf dem Thermometer kühl wirken: kalte Füße, kalte Hände, wenig Schwitzen, geringe Wärmebildung, niedrige Energie.
Interessant ist dabei noch etwas anderes: Aus der Altersmedizin kennt man das Phänomen, dass vor allem ältere Menschen bei Infekten oft keine kräftige Fieberreaktion mehr entwickeln. Eine Lungenentzündung kann dann mit Verwirrtheit, Schwäche oder Appetitlosigkeit beginnen, aber ohne hohes Fieber. Das zeigt: Fieber ist nicht nur ein Symptom, sondern auch Ausdruck von Reaktionskraft.

Die Körpertemperatur einer Person kann je nach Tageszeit, Messort, Alter, Bewegung, Zyklus, Medikamenten und persönlicher Konstitution schwanken.

Foto: metamorworks/iStock

Nicht die Zahl behandeln, sondern den Menschen

Genau deshalb ist der erste Fehler bei Fieber oft dieser: Man schaut nur auf die Zahl. Ich schaue zuerst auf den Menschen. Ist er „klar“? Trinkt er? Friert er? Sind Hände und Füße kalt oder warm? Schwitzt er? Wie lange besteht das Fieber bereits? Gibt es Warnzeichen wie starke Benommenheit, Atemnot, Nackensteife, Austrocknung, sehr hohes oder lang anhaltendes Fieber?
Bei Säuglingen, Schwerkranken oder Fieber nach einer Fernreise gelten ohnehin strengere Maßstäbe. Naturheilkunde heißt nicht, Warnzeichen zu übersehen. Sie heißt aber auch nicht, jede sinnvolle Körperreaktion sofort zu unterdrücken.

Wenn der Infekt beginnt: Wärme geben

Besonders wichtig ist die Frühphase eines Infekts. Man spürt es oft, bevor man es wahrhaben will. Die Füße werden kalt, der Rücken fröstelt, der Hals kratzt und die Glieder werden schwer. Was der Körper dann benötigt, sind Wärme, Ruhe und Schlaf.
Eine der besten Anwendungen in dieser Situation ist das temperaturansteigende warme Fußbad, genauer gesagt ein Unterschenkelbad. Dazu stellt man eine Fußbadewanne in die Dusche oder Badewanne und füllt sie mit Wasser, das „indifferent temperiert“ ist.
„Indifferent“ bedeutet: Mit einer Hand fassen Sie den Fuß an, mit der anderen Hand prüfen Sie das Wasser. Beides sollte sich gleich warm anfühlen. Das Wasser ist also weder kühl noch heiß, sondern entspricht ungefähr dem Wärmeempfinden der Füße.
Über den Brauseschlauch lässt man dann sehr warmes bis heißes Wasser zufließen. Die Wassertemperatur soll innerhalb von etwa 20 Minuten langsam auf ungefähr 41 Grad Celsius ansteigen, also grob um 1 Grad alle 2 Minuten. Wichtig ist: langsam steigern, nicht überfordern, nicht verbrühen.
Fußbad

Bei einem Fußbad sollten Sie nicht sofort mit heißem Wasser starten, sondern die Temperatur langsam steigern.

Foto: Mukhina1/iStock

Nach dem Bad werden die Füße gut abgetrocknet. Nicht kalt abgießen. Danach warme Socken anziehen und mindestens eine halbe Stunde zugedeckt ruhen, am besten mit einem heißen Lindenblütentee und ohne Handy, Fernseher oder sonstige Dauerbeschallung.
Dieses temperaturansteigende Fußbad eignet sich besonders bei chronisch kalten Füßen und bei beginnenden Erkältungskrankheiten. Genau in dieser Phase sucht der Körper Wärme. Man gibt sie ihm, statt mit Fiebersenkern oder kalten Anwendungen dazwischenzufunken.
Nicht geeignet ist es bei deutlichen Durchblutungsstörungen, diabetischer Nervenschädigung, schweren Herz-Kreislauf-Problemen, offenen Hautstellen oder Thromboseverdacht. Vorsicht ist auch bei kleinen Kindern, gebrechlichen Menschen und gestörtem Wärmeempfinden geboten.

Lindenblüten, Holunder, Thymian und Salbei

Lindenblüten sind eine klassische Pflanze bei Fieber. Sie passen besonders bei beginnendem Infekt, Frösteln und fieberhafter Erkältung. Ein bis zwei Teelöffel Lindenblüten mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen, etwa 10 Minuten ziehen lassen, heiß trinken und danach ruhen. Lindenblütentee wirkt nicht besonders überzeugend, wenn man ihn trinkt und anschließend weiter durch den Alltag rennt. Er braucht das Bett als Verstärker.
Holunderblüten sind ähnlich wertvoll. Sie unterstützen den Körper ebenfalls bei der Schwitzreaktion und passen gut zu Lindenblüten. Eine einfache Mischung aus beiden Pflanzen, zu gleichen Teilen, reicht oft völlig aus. Ein bis zwei Teelöffel pro Tasse, acht bis 10 Minuten ziehen lassen, warm bis heiß trinken.
Wenn Husten dazukommt, besonders zäher Schleim oder ein belegtes Bronchialgefühl, kommt Thymian ins Spiel. Thymian ist keine reine Fieberpflanze, sondern eine Atemwegspflanze. Ein Teelöffel Thymiankraut auf eine Tasse heißes Wasser, 10 Minuten ziehen lassen, zwei bis drei Tassen täglich. Auch eine vorsichtige Inhalation kann sinnvoll sein. Dabei gilt: nicht verbrühen und nicht bei kleinen Kindern unbeaufsichtigt anwenden.
Salbei passt vor allem bei Halsschmerzen, entzündeter Mundschleimhaut und gereiztem Rachen. Hier ist Gurgeln oft besser als literweises Trinken. Einen Teelöffel Salbeiblätter mit heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen, abkühlen lassen und mehrmals täglich gurgeln. Als Tee nur maßvoll verwenden, denn Salbei kann austrocknend wirken.

Salbeitee wirkt gesünder, wenn er gegurgelt statt getrunken wird.

Foto: iStock/soniabonet

Erst frösteln, dann schwitzen: Die Phase entscheidet

Ist das Fieber bereits da, entscheidet die Phase. Friert der Kranke noch? Sind Hände und Füße kalt? Gibt es Schüttelfrost? Dann steigt das Fieber. In dieser Phase sind kalte Anwendungen falsch. Der Körper will Wärme aufbauen. Also Wärme geben: Bett, Tee, warme Füße, Ruhe.
Ist der Körper dagegen heiß, sind Beine und Füße warm, schwitzt der Mensch oder empfindet die Hitze als belastend, dann kann man Wärme ableiten. Jetzt kommen die guten alten Wadenwickel ins Spiel. Aber bitte richtig.
Auf einen halben Liter Wasser gibt man einen Esslöffel Essig. Zwei Leinentücher oder Küchenhandtücher eintauchen, leicht auswringen und um die Waden legen. Ein dickes Badetuch unter die Beine, damit das Bett trocken bleibt. Die Wickel werden je nach Fieber recht rasch warm. Dann können sie ein bis dreimal erneuert werden. Dabei immer wieder die Temperatur kontrollieren. Die Beine dürfen nicht kalt werden. Merke: Wadenwickel sollen das Fieber senken, nicht den Kranken auskühlen.
Auch kalte Abreibungen mit einem feuchten Waschlappen können hilfreich sein, wenn der Körper heiß ist und Wärme abgeben kann. Bei Frösteln lässt man das bleiben. Kneipp war kein Vertreter von Kälte um jeden Preis. Seine Wasseranwendungen beruhen auf Reiz und Antwort. Die Anwendung muss zum Zustand des Menschen passen.

Essen nur, wenn Hunger da ist

Beim Essen gilt eine einfache Regel: Nur wenn Hunger da ist. Bei Fieber verschwindet der Appetit häufig nicht aus Laune, sondern weil der Körper Verdauungsenergie spart. Niemand wird schneller gesund, weil man ihm bei 39 Grad Celsius noch eine schwere Mahlzeit aufdrängt.
Sinnvoll sind Tee, Wasser bei Durst, etwas Gemüsebrühe, eine leichte Suppe, vielleicht Reis, Kartoffeln oder gedünsteter Apfel, wenn Appetit vorhanden ist. Weniger sinnvoll sind Alkohol, Süßigkeiten, schwere Milchprodukte und die berühmte, angeblich wieder zu Kräften bringende, kräftige Kost, während der Körper gerade alles andere als Verdauungsarbeit bestellt hat.

Unterstützung, aber keine Wunderwaffe: Vitamin C und Zink

Vitamin C und Zink können unterstützen. Vitamin C gehört zuerst auf den Teller: Hagebutte, Sanddorn, Beeren, Paprika, Zitrusfrüchte, Sauerkraut. Ergänzend kann man während eines Infekts versuchen, über den Tag verteilt 500 bis 1.000 Milligramm einzunehmen, sofern es gut vertragen wird. Manche nehmen deutlich mehr und schwören darauf.
Zink ist vor allem in der Frühphase interessant, möglichst in den ersten 24 Stunden. Kurzfristig kann es sinnvoll sein, dauerhaft hochdosiert dagegen nicht. Und: Zink-Nasensprays würde ich meiden.

Fazit

Fieber ist kein Feind, den man sofort niederringen muss. Es ist ein Zeichen, dass der Körper arbeitet, und es ist auch ein Heilmittel, mit dem sich der Körper selbst helfen will. Entscheidend ist nicht nur die Zahl auf dem Thermometer, sondern der Mensch, der vor einem liegt: frierend oder schwitzend, klar oder benommen, durstig oder erschöpft.
Die vergessene Kunst besteht heute darin, nicht jede Reaktion des Körpers sofort zu unterbrechen, sondern sie richtig zu begleiten. Gute Medizin beginnt nicht mit dem stärksten Mittel, sondern mit genauer Beobachtung und Beurteilung.