Bryce Ramsey war erst 33 Jahre alt, frischgebackene Mutter und arbeitete als Krankenschwester. Tag für Tag kümmerte sie sich aufmerksam um ihre Patienten. Bei der Arbeit konnte sie verschiedene Krankheitssymptome – auch Krebssymptome – ihrer Patienten ausgiebig studieren. Doch bei ihrem eigenen Körper achtet sie nicht darauf.
Als sie Blut im Stuhl bemerkte, schob sie es auf Hämorrhoiden. Die Erschöpfung nach der Geburt, der Schlafmangel, der Alltagsstress – für alles fand sie eine harmlose Erklärung. Bis der Tag kam, an dem die Ausreden nicht mehr ausreichten.
Bei der ersten Darmspiegelung entdeckten die Ärzte einen über 6 Zentimeter großen Polypen. Fünf Tage später stand die Diagnose fest: Darmkrebs. Zehn Tage danach lag sie bereits im OP.
„Ich habe bei anderen immer auf die Warnsignale geachtet – und meine eigenen ignoriert“, sagt Bryce heute. „Zu viele junge Menschen machen denselben Fehler. Darmkrebs ist eine stille Krankheit. Sie wartet nicht, bis man älter ist.“
Ihre Geschichte ist längst keine Ausnahme mehr. Was früher als Krankheit der Großelterngeneration galt, fordert zunehmend junge Erwachsene – und die Zahl der Betroffenen unter 45 Jahren steigt.
Besonders betroffen sind die 35- bis 44-Jährigen
In Deutschland und anderen westlichen Ländern ist ein zunehmender Trend zu beobachten: Darmkrebs tritt immer häufiger bei jungen Erwachsenen auf.
Während die Erkrankungs- und Sterberaten bei älteren Menschen aufgrund effektiver Vorsorgeprogramme sinken, steigt die Häufigkeit bei Personen unter 50 Jahren an – insbesondere bei Rektumkrebs.
In Deutschland liegt der Anteil der unter 50-Jährigen mittlerweile bei etwa 5 Prozent aller Darmkrebspatienten, mit weiter steigender Tendenz. Kliniken wie das Universitätsklinikum Leipzig melden einen deutlichen Anstieg junger Patienten in ihren Ambulanzen.
Internationale Studiendaten aus den USA (1999–2023) zeigen steigende Sterberaten bei 20- bis 44-Jährigen, mit dem stärksten Anstieg in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen. Der Anstieg bei Rektumkrebs fällt dabei besonders deutlich aus.
Experten des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und deutscher Universitätskliniken beobachten diesen Trend seit Jahren. Als wesentliche Ursachen werden veränderte Lebensgewohnheiten genannt, darunter Übergewicht, ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmangel und Umweltfaktoren.
Darmkrebsanstieg bei Generationen nach 1950
„Die Inzidenz und Sterblichkeit bei Darmkrebs steigen nicht bei jungen Menschen an sich, sondern bei den Generationen, die nach den 1950er-Jahren geboren wurden“, sagte Rebecca Siegel, Krebsepidemiologin und leitende wissenschaftliche Direktorin für Überwachungsforschung bei der American Cancer Society, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
„Die Zunahme früh auftretender Erkrankungen ist ein Warnsignal für die künftige Krankheitslast“, fügt sie hinzu. Das Risiko steige mit jeder nachfolgenden Generation. Dieses Muster zeigt sich auch in den Prognosen der amerikanischen Studie.
Die Forscher nutzten das maschinelle Lernmodell ARIMA, um die Entwicklung bis zum Jahr 2035 vorherzusagen. Sollten die aktuellen Trends anhalten, ist mit einem weiteren Anstieg der Todesfälle durch Dickdarm- und Enddarmkrebs zu rechnen.
Dabei wird die Zahl der Todesfälle durch Enddarmkrebs laut den Forschern voraussichtlich um etwa ein Viertel steigen, während beim Dickdarmkrebs nur ein moderater Anstieg erwartet wird.
„Enddarmkrebs wird nicht tödlicher, aber die Erkrankungshäufigkeit nimmt zu, was letztendlich zu mehr Todesfällen führt“, so Siegels Einschätzung der Studiendaten.
Warum Rektumkrebs möglicherweise schneller zunimmt
Der schnellere Anstieg bei Rektumkrebs könnte teilweise darauf zurückzuführen sein, wie leicht seine Symptome übersehen werden.
„Rektumkrebs kann besonders tückisch sein, da die Symptome oft subtil sind oder leichter abgetan werden“, erklärte Dr. Abraham El-Sedfy, Kolorektalchirurg, Vorsitzender der Abteilung für Chirurgie und Chefarzt am St. Joseph’s Health, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
„Blutungen aus dem Enddarm werden beispielsweise häufig auf Hämorrhoiden zurückgeführt, insbesondere bei jüngeren Erwachsenen, was eine weitere Abklärung verzögern kann.“
Biologische Unterschiede zwischen dem Enddarm und dem restlichen Dickdarm könnten ebenfalls zur Erklärung des Anstiegs von Enddarmkrebs beitragen, fügte er hinzu.
Der Enddarm (Rektum) unterscheidet sich vom Dickdarm durch ein eigenes lokales Milieu. Dazu gehören Unterschiede in der Zusammensetzung des Mikrobioms sowie eine längere Exposition gegenüber Stuhl und entzündungsfördernden Stoffen. All diese Faktoren können die Entstehung von Krebs begünstigen.
Allerdings ist es schwierig, Rektumkrebs in den Sterblichkeitsstatistiken eindeutig vom Dickdarmkrebs zu trennen, wie Rebecca Siegel anmerkt.
Eine Studie mit Daten aus Kalifornien zeigte beispielsweise, dass 39 Prozent der Todesfälle durch Rektumkrebs in den Sterbeurkunden falsch erfasst wurden – meist als Dickdarmkrebs. Dadurch könnte die tatsächliche Belastung durch Rektumkrebs sogar noch höher liegen als bisher angenommen.
Die genauen Ursachen für diesen Anstieg sind noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken.
„Etablierte Risikofaktoren wurden vor allem anhand von Krebserkrankungen bei älteren Erwachsenen ermittelt. Diese waren jedoch anderen Einflüssen ausgesetzt als die heutigen jüngeren Generationen“, erklärt Rebecca Siegel.
Als Beispiel nennt sie das Rauchen: Insgesamt werden etwa 14 Prozent der Darmkrebsfälle darauf zurückgeführt. Bei jungen Erwachsenen, die durchschnittlich seltener rauchen, dürfte dieser Anteil jedoch niedriger liegen.
Forscher untersuchen zudem neue biologische Mechanismen, die diesen Anstieg erklären könnten.
El-Sedfy verwies dabei auf aktuelle Erkenntnisse, wonach bestimmte Stämme des Bakteriums E. coli, die DNA-schädigende Toxine produzieren, mit früh auftretendem Darmkrebs in Verbindung stehen – einer Form, die besonders häufig bei jüngeren Patienten auftritt.
„Dies lässt die Möglichkeit offen, dass Expositionen in jungen Jahren, sogar bereits in der Kindheit, eine Rolle dabei spielen könnten, die Voraussetzungen für eine Krebserkrankung Jahre später zu schaffen“, sagte er.
Frühe Symptome
Obwohl der Anstieg bedenklich ist, betonen Experten: Viele dieser Todesfälle sind vermeidbar.
Wird Darmkrebs früh erkannt, ist er in den meisten Fällen heilbar. Die Behandlungsergebnisse sind bei jüngeren und älteren Erwachsenen vergleichbar, und viele junge Patienten sprechen gut auf moderne Therapien an.
„Das größere Problem, mit dem wir konfrontiert sind, ist oft eine verzögerte Diagnose und nicht eine von Natur aus aggressivere Erkrankung“, erklärt El-Sedfy.
Tatsächlich werden drei von vier Darmkrebserkrankungen bei Menschen unter 50 Jahren erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Auch der Anstieg bei 50- bis 64-Jährigen beschränkt sich weitgehend auf späte Diagnosen.
„Junge Patienten mit rektalen Blutungen warten möglicherweise mehrere Monate, bevor sie einen Arzt aufsuchen, oft in der Überzeugung, sie seien ‚zu jung für Krebs‘“, sagt Mythili Menon Pathiyil, Assistenzärztin für Gastroenterologie und Hauptautorin der Studie.
Bryce Ramsey kennt das aus eigener Erfahrung. Als bei ihr die Diagnose gestellt wurde, war der Krebs bereits im Stadium 3. Heute ist sie krebsfrei. Rückblickend sagt sie: „Ich hatte bereits Symptome, aber wie so viele Menschen fand ich Wege, sie wegzuerklären.“
Experten und Betroffene sind sich einig: Das Stadium zum Zeitpunkt der Diagnose ist einer der wichtigsten Faktoren für die Überlebenschancen. Deshalb raten sie dringend, mögliche Warnsignale nicht zu ignorieren – auch unter 45 Jahren.
In den USA wird für Personen mit durchschnittlichem Risiko die Darmkrebsvorsorge ab 45 Jahren, in Deutschland ab 50 Jahren empfohlen. Bei Symptomen sollte jedoch unabhängig vom Alter eine Abklärung erfolgen.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „More Young Adults Are Dying From Rectal Cancer–Early Signs Often Go Unnoticed“. (deutsche Bearbeitung: vm)
















