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Anthropic: Russische und chinesische Angreifer nutzten „Claude“


In Kürze:

  • Anthropic berichtet von böswilligen Kampagnen unter Einsatz seines KI-Modells „Claude“.
  • Die Akteure stammten aus Russland und China.
  • Als Angreifer werden eine mit Russlands Midnight Blizzard in Verbindung stehende Gruppe sowie Akteure aus sieben chinesischen Laboren genannt.
  • Chinesische Akteure haben zudem verschiedene Glaubensgruppen angegriffen.

 
Anthropic, das führende US-amerikanische Unternehmen für Künstliche Intelligenz (KI), gab am 10. September bekannt, dass es böswillige Kampagnen unter Einsatz seines KI-Modells „Claude“ verhindert habe. Dazu gehörten unter anderem Operationen, die angeblich mit Angriffen aus China und Russland in Verbindung stehen.
Das Unternehmen erklärte, zu den Angreifern gehörten mutmaßlich staatlich geförderte Gruppen, finanziell motivierte Kriminelle, kommerzielle Spyware-Anbieter, staatliche Propagandaeinrichtungen sowie politisch motivierte Einzelpersonen.
Dem Bericht zufolge wurden die meisten der zwischen Dezember 2025 und August 2026 aufgedeckten Cyberoperationen durch KI entweder direkt ausgeführt oder koordiniert. An der Auswahl der Ziele und der Überprüfung des Datenabflusses seien jedoch weiterhin Menschen beteiligt gewesen, hieß es.
„Der Einsatz von KI ging über einfache Fragen und Antworten eines Chatbots hinaus und umfasste vielmehr die Nutzung von Multi-Agenten-Frameworks zur Durchführung von Aufklärung, Ausnutzung von Schwachstellen und Datenabfluss“, erklärte Anthropic.

Spuren führen nach Russland und China

Zu den vom Unternehmen genannten Angriffsakteuren gehörte eine Gruppe mit Verbindungen zur in Russland ansässigen Organisation „Midnight Blizzard“. Anthropic behauptete, die Gruppe habe KI eingesetzt, um Ziele des militärischen Nachrichtendienstes in der Ukraine und in Europa sowie diplomatische und Verteidigungsorganisationen und Personen anzugreifen, die mit der US-Außenpolitik in Verbindung stehen.
Anthropic gab an, zudem Auszug-Angriffe auf Claude durch sieben in China ansässige Labore vereitelt zu haben, darunter Akteure, die angeblich mit Alibaba, DeepSeek, Xiaomi und Moonshot in Verbindung stehen.
Das Unternehmen definierte Auszug als „eine verdeckte Kampagne im industriellen Maßstab“, die darauf abzielt, die Fähigkeiten eines KI-Modells illegal zu extrahieren und in einem anderen Modell nachzubilden.
Betreiber mit Verbindungen zu Alibaba, Chinas größter E-Commerce-Plattform, führten den größten Auszug-Angriff durch. Sie wollten damit die Schlussfolgerungsfähigkeiten der Alibaba-Modelle verbessern. Dazu generierten sie zwischen Mai und Juli 2026 mehr als 151 Millionen Interaktionen, wie der Bericht zeigt.
Die Aktivität erreichte einen Höhepunkt von fast 3 Millionen Interaktionen pro Tag. Diese wurden von über 3.500 Konten aus initiiert, die Anthropic als betrügerisch einstufte.

Enthüllung von Glaubenskrieg

Der Bericht von Anthropic dokumentiert auch die Zerstörung einer chinesischen Geheimdienstoperation, die sich gegen verschiedene Glaubensgemeinschaften richtet. Dazu zählen Katholiken, tibetische Buddhisten, Falun Gong-Praktizierende sowie taiwanesische und christliche Gemeinschaften.
Anthropic teilte mit, dass das Ziel der Aktion im Einklang mit den Prioritäten der Einheitsfront der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gegen religiöse Angelegenheiten stehe.
Dem Bericht zufolge wiesen diese Akteure Claude an, Dokumente zu generieren, die denen der offiziellen internen Sicherheitsdienste entsprachen. Dazu zählen „Charakterforschungsmanuskripte“, investigative „Hinweise“ und tägliche Zusammenfassungen des „Rashas-Bewusstseins“, die jede Aufzeichnung erfordern, um die spezifischen Aktivitäten des Ziels in China, negative Informationen und „Arbeitsgreifer“ zu beschreiben.
Zudem zielten sie auf hochrangige katholische Kardinäle in ganz Asien ab, die Führung der presbyterianischen Kirche in Taiwan, Mitglieder tibetisch-buddhistischer Zivilgesellschaftsgruppen und der Exilregierung. Im Visier standen ebenso Falun Gong-Praktizierende und die von der QiGong-Schule gegründeten Medien wie New Tang Dynasty Television. Die Studie umfasste ältere religiöse Führer und gewöhnliche Bürger.

Vorwürfe gegen Moonshot

Anthropic behauptete zudem, dass das chinesische KI-Unternehmen Moonshot Kundenanfragen heimlich an Claude weiterleitete und die daraus resultierenden Antworten den Nutzern dann so präsentierte, als wären sie von seinem KI-Modell Kimi generiert worden.
In einem Fall soll Moonshot dem Bericht zufolge innerhalb von zehn Tagen fast 300.000 Kundenanfragen über ein Proxy-Dienstnetzwerk aus 5.380 betrügerischen Konten an das Modell von Anthropic weitergeleitet haben, von denen sich die meisten offenbar in Singapur und Japan befanden.
„Unsere Untersuchung ergab zudem, dass die von Moonshot an Claude umgeleiteten Nutzeranfragen sensible Informationen über verschiedene Kunden von Moonshot enthielten“, erklärte Anthropic.
„Wir wissen nicht, ob Moonshot seine Kunden darüber informiert hat, dass ihre Anfragen an Anthropic umgeleitet und einem Dritten zugänglich gemacht wurden.“
Der Bericht identifizierte zudem neue Kategorien von Angreifern, die Claude missbrauchen, darunter solche, die „Software für konventionelle Waffen, darunter Schusswaffen, Raketen, bewaffnete Drohnen, Bomben und andere Munition“ entwickeln wollen.

Einsatz von Waffensystemen

Anthropic gab an, eine „Zelle für die Entwicklung lenkbarer Waffen“ zerschlagen zu haben. Diese soll im Norden des Jemen drei Waffenentwicklungsprogramme betrieben und Claude genutzt haben, „um die GNC-Software (Guidance, Navigation and Control) zu entwickeln, die ein Fluggerät steuert und stabilisiert“.
Dem Bericht zufolge sollen die Angreifer einen Testabschuss einer Lenkrakete durchgeführt haben, der jedoch fehlschlug. Daraufhin suchten sie Rat bei Claude, um die Ursache des Fehlschlags zu ermitteln.
Zu den weiteren neu kategorisierten Angreifern gehörte ein in China ansässiger Akteur, der Claude nutzte, um drei parallele Projekte zu „einem Anti-Torpedo-Waffensystem“ voranzutreiben.

Höhere Sicherheitsvorkehrungen geplant

Anthropic identifizierte zudem mutmaßliche, in Russland ansässige freiberufliche Akteure, die versuchten, einen „vollständig autonomen Kamikaze Drohnenschwarm mit First-Person-View“ zu entwickeln. Ein weiterer in Russland ansässiger Akteur nutzte Claude, um Recherchen durchzuführen und Beschaffungsunterlagen für Güter zu entwerfen, die vermutlich für die russische Regierung und Kunden aus der Verteidigungsindustrie bestimmt waren.
Das Unternehmen erklärte, es werde seine Sicherheitsvorkehrungen weiter verstärken und mit Partnern zusammenarbeiten, um den Missbrauch seines KI-Modells zu verhindern.
„In jedem Fall haben wir die Aktivitäten unterbunden, unsere Erkenntnisse zur Stärkung unserer Sicherheitsvorkehrungen genutzt und gegebenenfalls Informationen an Behörden und Industriepartner weitergegeben“, hieß es.
 
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Anthropic Says Russian, Chinese Threat Actors Used Its AI Model Claude for Malicious Activity“. (Übersetzung, redaktionelle Bearbeitung und Ergänzung: mf)
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Was würden Sie von der Generation Ihrer Großeltern übernehmen?

Wenn wir in der Zeit zurückreisen und einige Dinge unserer Eltern und Großeltern in die Gegenwart übertragen könnten, welche würden wir wählen?
Wir würden ihre Entbehrungen, Ungerechtigkeiten und begrenzten Möglichkeiten nicht wählen, denn der Fortschritt hat uns außergewöhnliche Segnungen beschert.
Auf dem Weg zu mehr Wohlstand, Vernetzung und technologischem Fortschritt haben wir jedoch auch Werte zurückgelassen, die keine Technologie ersetzen kann.
Wir würden die Würde der Arbeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern wussten, dass Arbeit mehr war als nur Geldverdienen. Sie schulte Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und Selbstachtung. Sie taten, was getan werden musste, denn ihre Familien waren auf sie angewiesen.
Heute reden wir unaufhörlich davon, uns selbst zu finden. Sie hingegen fanden sich oft, indem sie Verantwortung übernahmen, hilfsbereit waren und ihr Wort hielten.
Wir würden die Heiligkeit der Familie wiederherstellen.
Großeltern halfen bei der Erziehung ihrer Enkelkinder. Tanten und Onkel ermahnten ihre Nichten und Neffen. Sonntagsessen waren Lernorte, an denen Erfahrungen, Werte und Geschichte von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden.
Die Kinder saßen neben den Erwachsenen und hörten zu.
Stellen Sie sich vor, wie revolutionär das heute wäre!
Großvater und Enkelin im Park. Foto: boggy22/iStock

Großvater und Enkelin im Park.

Foto: boggy22/iStock

Anstatt jede Lektion von einem Algorithmus zu erhalten, würden junge Menschen aus erster Hand davon erfahren, wie ihre Familienältesten Armut, Krieg, Diskriminierung, Leid und Verlust überstanden haben.
Weisheit hätte wieder eine menschliche Stimme.
Wir würden die Gemeinschaft wiederherstellen.
Nachbarn kannten sich untereinander. Wenn jemand krank war, wurde Essen vor die Tür gestellt. Wenn jemand starb, standen die Menschen der Familie bei. Sonntags besuchte man oft die älteren, kranken und ans Haus gebundenen Menschen – nicht, weil es ein Programm vorschrieb, sondern weil man füreinander Verantwortung trug.
Heute können wir Tausende digitale Verbindungen haben und dennoch zutiefst einsam sein. Wir beherrschen die Kommunikation, ohne notwendigerweise auch die Gemeinschaft zu leben.
Wir würden den Respekt vor den Älteren wiederherstellen.
Unsere Kultur vergöttert Jugend und Neuheit und geht oft davon aus, dass „neu“ gleichbedeutend mit „besser“ ist.
Doch Information ist keineswegs Weisheit.
Weisheit erfordert Zeit, Fehler, Konsequenzen und Reflexion. Eine Gesellschaft, die aufhört, auf ihre älteren Mitglieder zu hören, zahlt immer wieder den Preis für Lektionen, die ihre Vorfahren bereits gelernt haben.

Großvater, Großmutter und ihr Hund.

Foto: pacfoto/iStock

Wir würden Geduld und Sparsamkeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern warteten ab. Sie haben vor dem Kauf gespart, vor dem Ersetzen repariert und vor der Ernte gesät. Kleidung wurde geflickt. Möbel wurden repariert. Lebensmittel wurden aufbewahrt.
Sie verstanden etwas, das in unserer schnelllebigen Kultur zunehmend in Vergessenheit gerät: Wertvolle Dinge brauchen Zeit.
Vertrauen braucht Zeit. Charakter braucht Zeit. Eine Ehe, ein guter Ruf, ein Geschäft und ein sinnvolles Leben brauchen Zeit.
Außerdem haben sie den Unterschied zwischen dem Wollen und dem Brauchen verstanden. Man wird nicht reich, indem man alles zur Schau stellt, was man sich leisten kann.
Wir würden den Glauben und die moralische Bildung wiederherstellen.
Für viele Familien beschränkte sich der Glaube nicht auf einen Tag pro Woche in einem Kirchengebäude. Gebet, Dankbarkeit und Rechenschaftspflicht prägten ihren Alltag.
Der Glaube machte frühere Generationen nicht perfekt, aber er gab ihnen ein moralisches Vokabular:
Pflicht, Opferbereitschaft, Vergebung, Demut, Gnade und Nächstenliebe.
Diese Begriffe sind auch heute noch unverzichtbar in einer Kultur, die sich zunehmend um individuelle Wünsche dreht.
Vor allem aber würden wir unsere Widerstandsfähigkeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern gingen nicht davon aus, dass Not bedeutete, das Leben hätte sie im Stich gelassen. Sie rechneten mit Stürmen. Sie ertrugen Wirtschaftskrisen, Krieg, Diskriminierung, Krankheit, Tod und Enttäuschung und gingen ihren Weg weiter.
Kampf bedeutete für sie nicht unbedingt eine Unterbrechung des Lebens, sondern war Teil des Lebens.
Manchmal nahmen sie ihre Schwierigkeiten sogar als Sprungbrett, indem sie auf den Widrigkeiten von gestern aufbauten, um die Möglichkeiten von morgen zu erreichen.
Wir können und sollten nicht in die Vergangenheit zurückkehren, aber wir können diese Weisheit nutzen.
Stellen Sie sich vor, wir würden die Technologie, die Medizin und die Chancen von heute mit der Disziplin, dem Glauben, der Geduld, den familiären Bindungen, der Verantwortung für die Gemeinschaft und der Widerstandsfähigkeit von gestern verbinden.
Das wäre keine Nostalgie.
Das wäre Fortschritt.
Unsere Großeltern haben uns mehr hinterlassen als Fotos, Möbel, Land und Familiennamen.
Sie haben uns Anweisungen hinterlassen:
Arbeitet hart. Haltet euer Wort. Spart etwas. Repariert, was repariert werden kann. Besucht die Kranken. Respektiert eure älteren Mitmenschen. Setzt euch gemeinsam an den Tisch. Betet. Vergebt. Kümmert euch um eure Nachbarn. Bringt den Kindern bei, woher sie kommen.
Wenn euch das Leben zu Boden wirft, bleibt nicht einfach dort liegen.
Macht den Kampf zu einem Sprungbrett und erhebt euch!
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „What Would We Bring Back From Our Grandparents’ Generation?“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Radikale, die diese Welt verneinen

Pazifismus und Gewaltlosigkeit sind zwei Erscheinungsformen desselben religiösen Prinzips der Weltverneinung (oder Weltüberwindung). Beide sind Sache der Spiritualität, nicht der Politik.
Wer das versteht, wird die Vertreter dieses religiösen Prinzips im politischen Raum nicht einfach als „Träumer“ verspotten. Diese Einsicht sollte aber auch denen zu denken geben, die tatsächlich zu Spott Anlass geben, indem sie behaupten, ihre Religion sei die beste Politik – denn sie ist gar nicht Politik und verliert, als solche missverstanden, den heilsamen Einfluss einer spirituellen Weisheit.

Gewaltlosigkeit ist extrem und radikal

Gewaltlosigkeit ist nur dann die richtige moralische Haltung, wenn es niemals eine Rechtfertigung für Gewaltanwendung gibt. Und der Pazifismus ist nur dann die richtige politische Position, wenn es niemals eine Rechtfertigung für Kriegshandlungen gibt. Die Sachlogik des Pazifismus wie der Gewaltlosigkeit ist dieselbe; sie ist sowohl extrem als auch radikal, das heißt prinzipiell nicht kompromissfähig mit dem üblichen Diskurs.
Bei uns wird im Zwischenmenschlichen auch da, wo keine gesetzlichen Vorgaben bestehen, Gewaltanwendung im Allgemeinen nicht völlig verurteilt. Wird man körperlich bedrängt, so ist es moralisch in Ordnung, Gewalt anzuwenden, um sich zu schützen; eskalieren Wortwechsel in traumatisierender oder ehrabschneidender Weise, so sind verbale und gestische Drohungen, in krassen Fällen auch sanfte körperliche Gewalt wie Festhalten oder Schubsen akzeptiert, um ernsthafte Gewalt zu verhindern.
All das fällt in unserer Kultur unter Stichworte wie „auf den Tisch hauen“ oder „jemandem beistehen“; anlässlich von Videos aus dem Nahverkehr spricht die Presse auch schon mal von der „Rettung“ eines Fahrgastes durch einen „Helden“.
Der Pazifismus ist dem allgemeinen politischen Diskurs ebenso fremd wie das Prinzip der Gewaltlosigkeit den normalen moralischen Diskussionen. Schon der Aufbau unserer Staaten dreht sich nur darum, wer Zwangsgewalt auch gegen den Körper warum und wie ausüben darf. Die Gewaltenteilung ist die Zuteilung des Rechts, Gewalt über die Beherrschten auszuüben. Gewaltlose und Pazifisten können schon Staaten nicht mögen.
Trotz des zwischenstaatlichen Gewaltverbots der UN-Charta sind aktuell weltweit viele Dutzend kriegerische Konflikte im Gange. Und die politische Diskussion dreht sich etwa in Sachen Ukraine, Iran und Palästina darum, unter welchen Bedingungen die Kriegshandlungen beendet werden könnten – nicht darum, ob sie prinzipiell erlaubt sind. Alle meinen, dass es rechtmäßige Kriegshandlungen geben kann.

Sind Pazifisten dumm?

Ernsthafte Vertreter von Gewaltlosigkeit und Pazifismus sind folglich dieser sozialen Welt fremd und werden in diesem Sinne von ihren Einwohnern zu Recht als „weltfremd“ bezeichnet. Sie gehen an die Wurzel, die Grundvoraussetzung des üblichen Diskurses in Moral und Politik, dass nämlich Gewalt manchmal gerechtfertigt ist, und bestreiten das.
Sie können in privaten Konflikten außer durch ihr mildes Beispiel keinen Einfluss nehmen – denn jemand, der pauschal jede Gewalt ablehnt, kann auch ein harsches Wort von Eltern an ihre Kinder nicht akzeptieren, dürfte den Sonntagskrimi gar nicht erst einschalten und wird nicht im Fußballstadion darüber jubeln, dass die „eigene“ Mannschaft eine andere „besiegt“.
In einen politischen Diskurs, der nur die Modalitäten von Gewaltanwendung verhandelt, ja der im Kriegsfall zur Propaganda-Show wird, in der die einen Bombenwerfer „menschenverachtende Kriegsverbrecher“ und die anderen „Verteidiger der Freiheit“ sein sollen, kann der Pazifist gar nicht erst eintreten.
Redet er doch mit, wird er einen fairen Interessenausgleich als Voraussetzung für Frieden ansprechen und Tatsachen zum Konflikt anführen. Schon an dieser Stelle hat der Pazifist Glück, wenn er nur als „Diktatorenversteher“ oder „Knecht“ irgendeiner Imperialmacht bezeichnet wird; sein Friedensappell wird als Parteinahme interpretiert. Der Pazifist kann tatsächlich nichts anderes zur Kriegsdiskussion beitragen als die Bemerkung, dass es diese Diskussion gar nicht geben dürfte.
Gewaltlose geben, so scheint es, jeden realen Einfluss auf Verlauf und Ausgang aktueller Diskussionen auf. Warum tun sie das? Ist so etwas für den Frieden zu erreichen? Sind die Prediger der Gewaltlosigkeit einfach dumme Leute?
Nein. Pazifisten wissen etwas, was die Allgemeinheit nicht weiß. Deshalb haben sie eine vernünftige Begründung dafür, dass Gewalt niemals gerechtfertigt sein kann – während alle anderen bloß rationale Gründe für ihre Gewaltausübung finden.

Verbundenheit über alles

Pazifisten glauben, dass die Welt etwas ist, das überwunden werden muss – und dazu muss unser Handeln dem richtigen Prinzip folgen. Gewaltlosigkeit ist ein moralisches Prinzip. Damit beansprucht es, ein Maßstab der Maßstäbe zu sein – ein Kriterium, das sich an alle menschengemachten Situationen und Verhältnisse anlegen lässt, um ihre Rechtmäßigkeit zu beurteilen.
Der Pazifist ist also jemand, der für sich eine letztgültige Einsicht gewonnen hat, der sich nun alles in der Welt beugen soll. Und dazu muss er über das Ganze der Welt und seinen Sinn oder Unsinn zu einem Urteil gelangt sein. Dazu muss er philosophieren oder religiös glauben, oder aber – auch eine Möglichkeit – eine Philosophie für sich als Religion, als letzte Rückversicherung, gelten lassen.
Was ist die letztgültige Einsicht des Pazifisten? Wir können sie erschließen, indem wir uns fragen, welche Absicht hinter der Forderung nach Gewaltlosigkeit steht. Gewalt entsteht, wenn jemand sein Interesse nicht durch Überzeugen und Kooperation durchsetzen kann, und dies nicht akzeptieren will.
Normale Leute und Realpolitiker verhalten sich manchmal so: Sie finden rationale Gründe für die Anwendung von Gewalt im Zwischenmenschlichen und unter Staaten. Sie achten Kooperation und Überzeugung durch Gründe im Zweifel geringer als die Durchsetzung ihres Interesses. Sie bleiben mit dem anderen nur so lange in Verbundenheit, wie es ihnen nützt.
Das Grundprinzip ist hier egoistisch: Es geht ihnen zwar um Sachen, aber um Sachen für sich. Das Einzige, was sich in dieser Mentalität im Konfliktfall nicht zu rechtfertigen hat, was also absolut gesetzt wird, ist die Befriedigung der eigenen Interessen.
Was wäre das nun für ein Mensch, der, nachdem seine Argumente und Kooperationsangebote nicht gefruchtet haben, auf sein Interesse verzichtet? Und der jedem Staatslenker raten würde, im Zweifel einen Angriff auf sein Land nicht abzuwehren? Denn das bedeutet es, Gewaltanwendung konsequent abzulehnen und damit den Gewalttätigen im Begegnungsfall (der kein Konfliktfall sein würde) das Feld zu überlassen.
Es müsste jemand sein, der etwas für wichtiger erachtet als jedes seiner eigenen Interessen und als jedes denkbare Interesse eines Staates. Der Gewaltlose entscheidet sich, die Verbundenheit mit dem anderen nie aufzugeben, auch wenn dieser ihn zu etwas nötigt, ihn verletzt oder anders beeinträchtigt. Verbundenheit muss der absolut gesetzte Wert des Pazifisten sein, ja noch mehr, eine als motivierend, als erhebend, als beglückend empfundene Verbundenheit: Liebe.

In Liebe die Welt überwinden

Ein Pazifist ist jemand, der sich in der Liebe sieht und in ihr bleiben wird, es komme, was da wolle. Jemand, der sich existenziell sicher ist, dass, wie Jesus, Nietzsche und der Buddha es fast in denselben Worten sagen, „Hass nie durch Hass, sondern durch Liebe zu Ende kommt“ und dass er selbst entweder durch Gott geliebt ist oder – die buddhistische Variante – durch die Kultivierung von Liebe zu allen Wesen sein Leid überwinden kann.
Es geht Pazifisten um die Gestaltung einer liebenden Seele, eines liebevollen Geisteslebens und – soweit sie können – einer liebevollen Gemeinschaft. Sie sind nicht Parteipolitiker. Solche Menschen können wir immer an einer oder zwei Händen abzählen.
Sie sind Radikale, die diese Welt, wie sie ist, verneinen und sie zur Vernunft der Liebe ermahnen, um derentwillen sie ihre rationalen Gründe für ihre Gewalt vergessen sollen. Es gibt solche Menschen fast nicht. Und doch scheinen sie es zu sein, um deren Beispiel dafür, was möglich ist, sich die Geschichte dreht.
Und ersparen wir den „Weltlingen“ unter uns diese Wahrheit nicht: Unter Pazifisten gibt es keinen Krieg. Folglich lautet die sittlich richtige Frage nicht, wann die Pazifisten endlich Gewalt zu akzeptieren lernen, sondern wie lange ich noch brauche, Pazifist zu werden.
Vom Autor: Der Bestseller „Im Moralgefängnis: Spaltung verstehen und überwinden“ von Michael Andrick ist erhältlich im Epoch Times Shop.
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Tausende öffentliche Auspeitschungen in Afghanistan dokumentiert

Fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme der Taliban haben afghanische Menschenrechtler Tausende Fälle öffentlicher Auspeitschungen in Afghanistan dokumentiert.
Zwischen dem 22. Februar 2022 und dem 21. April 2026 seien mindestens 2.745 Menschen bei 634 dokumentierten Ereignissen ausgepeitscht worden.
Das belegt einer Auswertung der im Exil arbeitenden Afghanistan Human Rights and Democracy Organization (AHRDO), über die die Zeitungen des „RedaktionsNetzwerks Deutschland“ berichten.
Das englische Original spricht von „flogging“, einer Körperstrafe durch Hiebe, ohne das verwendete Instrument näher zu bestimmen. Im Deutschen wird hierfür meist der Begriff „Auspeitschung“ verwendet.

1.700 Männer und 420 Frauen betroffen

Betroffen waren demnach 422 Frauen, 1.761 Männer sowie 562 Menschen, deren Geschlecht nicht erfasst ist. Für 2025 dokumentierte AHRDO 1.073 Betroffene, bis zum 21. April 2026 waren es in diesem Jahr 535.
Die Organisation weist allerdings darauf hin, dass insbesondere die Daten aus den ersten Jahren lückenhaft sein dürften und Vergleiche deshalb nur eingeschränkt möglich seien.
Bei 66,6 Prozent der dokumentierten Ereignisse ging es um angebliche Sexual- oder Moralvergehen. Gewaltdelikte wie Mord, Vergewaltigung, Entführung oder Körperverletzung spielten bei 4,4 Prozent eine Rolle.
Auspeitschungen wurden in allen 34 Provinzen dokumentiert. Von den 422 erfassten Frauen wurden 399 (knapp 95 Prozent) wegen eines angeblichen Sexual- oder Moralvergehens ausgepeitscht. (dts/red)
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Worin liegt die Hoffnung aus der „kollektiven Fluchtmaschine“ auszusteigen?

Um uns heutzutage zu verunsichern, ist weder ein Krieg noch eine Sicherheitsbedrohung nötig. Manchmal genügt etwas viel Unbedeutenderes: zehn Minuten Stille. Es geht hier nicht um ein großes Drama – nur um eine kleine Unannehmlichkeit, wie ein Sandkorn im Schuh.
Versuchen Sie diese einfache Übung: Schalten Sie Ihr Handy aus. Legen Sie es mit dem Bildschirm nach unten beiseite und sitzen Sie einfach nur da. Kein Scrollen, kein Lesen, kein „lass mich nur kurz etwas nachsehen“. Einfach nur sein.
Nach einer halben Minute tauchen Gedanken auf. Nach anderthalb Minuten greift Ihre Hand von selbst nach dem Telefon. Nach zwei Minuten fühlt es sich bereits seltsam an, fast schon unnatürlich.
Wir leben in einer Kultur, die zahllose Wege erfunden hat, um Langeweile zu vermeiden – im Grunde zahllose Wege, um sich selbst nicht zu begegnen. Wir weichen den tiefen Fragen aus und übersehen alles, was uns erwarten würde, sobald wir den Lärm hinter uns ließen.

Die Natürlichkeit der Stille

Früher jedoch glaubten die Menschen, dass Stille es einem ermöglicht, sich mit etwas zu verbinden, das tiefer und größer ist als man selbst, etwas, das im hektischen Alltag verborgen bleibt. Die Welt war um einen sinngebenden stabilen Rahmen herum aufgebaut – für viele war es Gott, für andere Traditionen oder eine moralische Ordnung.
Zu jener Zeit wurde Stille als der Moment wahrgenommen, in dem man in vertrauter Umgebung wieder zu sich selbst finden konnte. Sie war nicht unbedingt geheimnisvoll – sie war einfach ein Teil der natürlichen Ordnung des Lebens, in der die Menschen wussten, wo sie hingehörten und was sie leitete.
Heute neigen wir dazu, sie mit Ausreden abzutun: „Ich habe keine Energie für existenzielle Dramen“, „Das sind sinnlose Gedanken“ oder schlicht: „Es gibt gerade Dringenderes zu tun.“
Die Stille, die uns den Blick nach innen eröffnen soll, ist zu etwas geworden, dem wir ausweichen – zu einer weiteren Leerstelle, die wir eilig füllen, bevor wir den Fragen begegnen, denen wir uns nicht stellen wollen.
Das Bemerkenswerte ist, dass der Schweizer Philosoph Max Picard schon in den 1930er Jahren diese Entwicklung voraussah – lange noch, bevor es Push-Benachrichtigungen und Algorithmen gab. Er stellte fest, dass die Menschheit an einem fortwährenden Projekt beteiligt ist, das er „Die Flucht vor Gott“ nannte – nicht vor der institutionellen Religion, sondern vor dem, was einst als das Zentrum und die Tiefe des Lebens verstanden wurde.
Fast ein Jahrhundert später drängt sich der Eindruck auf, dass seine Diagnose wie für uns geschrieben wurde.
Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten. Foto: Daniel de la Hoz/iStock

Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten.

Foto: Daniel de la Hoz/iStock

„Die Welt der Flucht“

Picard wurde 1888 als Sohn einer jüdischen Familie in Deutschland geboren. Er studierte Medizin, erkannte jedoch bald, dass sein eigentliches Interesse weniger dem menschlichen Körper als dem Menschen selbst galt. Er gab den Arztberuf auf, widmete sich der Philosophie und ließ sich schließlich in der Schweiz nieder.
Dort führte er ein zurückgezogenes Leben des Schreibens und der Kontemplation, unabhängig von der akademischen Welt und den Institutionen. Im mittleren Alter wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde getauft; später im Leben kehrte er jedoch zum Judentum zurück. [1]
Der französische Philosoph Gabriel Marcel gehörte zu den Ersten, die Picards Einzigartigkeit erkannten. Er beschrieb ihn als „einen der originellsten Denker unserer Zeit“. Aus Marcels Sicht war Picard kein Philosophieprofessor im konventionellen Sinne, sondern eher ein moderner Weiser – ein Mann, der nicht darauf aus war, Menschen zu überzeugen, sondern Gefühlen Ausdruck verlieh, die sie tief in sich spürten, ohne sie benennen zu können.
Mauro Stenico, ein italienischer freischaffender Wissenschaftler, gab im Selbstverlag ein Buch über Picards Philosophie heraus. In einem Interview sagte er: „Picard gelang es, die Krise des modernen Menschen mit großer Klarheit und einer fast prophetischen Fähigkeit zu diagnostizieren.“ [2] (Anmerkung der Red.: Alle folgenden Zitate von Stenico ebendort, frei aus dem Italienischen übersetzt)
Stenico erklärt, dass vor der modernen Periode – und Picard nannte die moderne Welt die „Welt der Flucht“ – eine Welt existierte, in der der Glaube der Standard des Menschen war. Gott war kein persönliches Konzept, sondern das Zentrum, um das das Leben organisiert war – Moral, Gesetz, Zeit und Gemeinschaft. Ein Mensch musste den Glauben nicht „wählen“; er wurde in ihn hineingeboren, genau wie er in eine Sprache hineingeboren wurde.
„Der Glaube war früher das Allgemeine“, schrieb Picard in seinem Buch „Die Flucht vor Gott“ (1934, Rentsch Verlag)[3]. Und jeder, der sich von diesem Zentrum distanzieren wollte, traf bereits eine persönliche Wahl – zu „fliehen“ (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
In der modernen Welt ist die Ordnung jedoch umgekehrt. Es ist nicht mehr das Individuum, das wählt zu fliehen – vielmehr drängt die Kultur selbst die Menschen zur Flucht. Der Glaube ist zur Ausnahme geworden, und Stille, Tiefe sowie die Auseinandersetzung mit großen Fragen erfordern bewusste Anstrengung.
Picard schrieb, dass ein Mensch in der „Welt der Flucht“ nicht so wie in der Welt des Glaubens geboren werde, damit er sich im Glauben verwirklichen könne. Vielmehr sei diese Geburt „das Ende der Verwirklichung“ und „jetzt, an der Geburt, beginnt das Neue, die Flucht: Die Geburt ist der Sprung in die Flucht.“ (S. 12, „Flucht vor Gott“, 1934)
Ein sichtbares Zeichen der Kultur der „Flucht“ ist laut Picard ein ständiges Gefühl der Dringlichkeit. Es ist, als müsse man immer irgendwohin eilen und eine weitere Sache erledigen. Der moderne Mensch ist demnach „immer unterwegs“, gefangen in rastloser Bewegung, die ihn daran hindert, für die tieferen Fragen innezuhalten. Nicht, weil er das nicht will, sondern weil der Rhythmus der Kultur selbst ihn vorwärts treibt.
Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern. Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern.

Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Politik, Technologie & Kino

Laut Stenico ist die moderne Politik ein Paradebeispiel für die Welt der „Flucht“. Sie schürt Aufregung, Wut und Angst, als ob jeder noch so kleine Konflikt unser Leben beeinflussen könnte. Sie zieht uns täglich in ihren Bann und ist zu dem Ort geworden, an dem wir nach Gerechtigkeit, Identität und Sinn suchen.
„Für viele ersetzt die Politik die Suche nach Wahrheit oder Heiligkeit“, ist Stenico überzeugt.
Picard knüpfte an eine Tradition von Denkern an – von Maimonides bis Kierkegaard –, die den Sinn des menschlichen Daseins eher in der moralischen und intellektuellen Entwicklung sahen als darin, sich in flüchtigen Nachrichtenereignissen zu verstricken. In diesem Licht betrachtet kann Politik zu einer weiteren Form der „Flucht vor Gott“ werden – einer Flucht vor Fragen, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben: Was ist mir wirklich wichtig? Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?
Anstatt an unserem Charakter und unserem geistigen Wachstum zu arbeiten, werden wir in einen endlosen Kreislauf von Anschuldigungen, Verteidigungen und Konflikten hineingezogen. „Anstatt Ordnung und Sinn zu schaffen, beschleunigt die Politik die Jagd nach momentanen und sich auflösenden Zielen“, führt Stenico aus. Kurz gesagt, anstatt die Wogen zu glätten, wird sie zu einem Mechanismus, der uns aus uns selbst herauszieht – einer kollektiven Fluchtmaschine.
„Ähnlich sah Picard auch im Kino ein klares Symbol der ‚Welt der Flucht‘“, sagt Stenico. „Das Kino ist schnell, fließend, bewegt. Die Bilder ändern sich unaufhörlich und spiegeln wider, was mit der modernen Seele geschehen ist. Es erschafft eine parallele Welt aus Bildern, die die Realität ersetzt, anstatt sie zu vertiefen.“
Dies ist ein Medium, das es ermöglicht, in eine andere Geschichte, eine andere Identität hineingezogen zu werden. Anstatt einer Welt, die durch stabile Bezugspunkte verankert ist, präsentiert das Kino eine, in der die Helden immer wieder Geld, Ruhm, Erfolg oder Selbstverwirklichung verfolgen; es gaukelt endlose „Möglichkeiten“ vor – Karriere, Status, Aufregung und Erfahrung. Wie Picard schrieb: „Es gibt in dieser Welt kein ‚unmöglich‘, nur ein ‚noch-nicht-möglich‘ (…).“ (S. 23, „Flucht vor Gott“, 1934)
Und in einer Welt endloser Möglichkeiten neigen Gedanken dazu, sich zu zerstreuen und ihren geistigen Schwerpunkt zu verlieren. Sie werden in jede Richtung gezogen, lösen sich in der ständigen Bewegung der Welt auf. Und auch der Glaube muss „in jedem Augenblick sich immer von neuem (…) schaffen“, schrieb Picard. (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
Die moderne Kultur ist laut Picard so strukturiert, dass wir nie allein gelassen werden – nicht einmal für einen einzigen Moment –, um uns den tiefen Fragen zu stellen. „Das Vakuum, das entsteht, füllt sich mit Produktivität, Technologie und Unterhaltung – anstatt mit Stille, Zuhören und Präsenz“, stellt Stenico fest.
Dieser Mechanismus ist nicht unbedingt bösartig; er ist einfach hocheffizient. Er zieht uns nach außen, damit wir nicht zu lange bei Wörtern wie „Sinn“, „Gut und Böse“ oder „Wahrheit“ verweilen – geschweige denn das Wort „Gott“ aussprechen, ohne es sofort in einen Witz zu verpacken.
Hektik. Foto: oeyCheung/iStock

Hektik.

Foto: oeyCheung/iStock

Kein Raum mehr für die Liebe

„Picard argumentierte, dass Beziehungen zwischen Menschen zu Instrumenten der ‚Flucht‘ geworden sind“, erklärt Stenico. „Sie verlieren die vertikale Dimension – die Menschen sehen im anderen nicht mehr ein ‚göttliches Ebenbild‘ oder eine heilige Tiefe.“
Nehmen wir das Beispiel der Liebe. Nach Picards Ansicht ist Liebe nicht bloß ein Energieausbruch, sondern ein Prozess der Kontemplation: „Ein Mensch, der einen anderen Menschen oder ein Ding liebt, betrachtet das geliebte Wesen genau und langsam, er schaut genau nach, ob noch irgendwo eine Stelle ist, die er noch nicht liebt“, schrieb er. (S. 54, „Flucht vor Gott“, 1934)
Liebe erfordert das Verweilen. Es ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit erfordert, still zu sein.
Aber in einer Welt, in der sich Menschen ohne Unterbrechung bewegen – von Bildschirmen zu Nachrichten zu Arbeit zu neuen „Möglichkeiten“ – gibt es keine solche Zeitspanne. Daher, so beobachtete Picard, bleiben viele Beziehungen äußerlich. Nicht weil die Menschen keine Liebe wollen, sondern weil die Welt nicht mehr die Bedingungen bietet, unter denen Liebe wachsen und sich vertiefen kann.
Menschen „sind zusammen“, schrieb er, nicht um einander wirklich zu begegnen, sondern um gemeinsam zu fliehen – übertragen in unsere heutige Welt: zu Netflix, zum nächsten Urlaub, zu allem, was kurzzeitige Erleichterung bietet. „Laut Picard benutzen wir andere, um der Einsamkeit zu entkommen – nicht um einer anderen Person wirklich zu begegnen“, sagt Stenico.
So werden die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Tiefe, Liebe und Spiritualität wachsen – Ehe, Familie und Freundschaft –, in der „Welt der Flucht“ manchmal selbst zu Fluchtmechanismen. Anstatt als Orte der Kontemplation, Stabilität und gegenseitigen Transformation zu dienen, werden sie zu äußeren Formen, die eine gemeinsame Flucht vor der höheren Wesensessenz ermöglichen.
Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert. Foto: Artem Peretiatko/iStock

Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert.

Foto: Artem Peretiatko/iStock

Als die Geschichte ihren Sinn verlor

„Dieses Gebilde [der Flucht] nimmt jetzt zu“, schrieb Picard, „(…) weil es groß ist, weil das Umfangreiche alles zu sich heranzieht.“ (S. 13, „Flucht vor Gott“, 1934)
Eines der Dinge, die hineingezogen werden, ist die Art und Weise, wie wir Geschichte verstehen. „Geschichte wird nicht mehr als eine tiefe Geschichte wahrgenommen, sondern als eine Abfolge von Ereignissen“, sagt Stenico.
In der Vergangenheit wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Geschichte gesehen; große Ereignisse wie Siege, Niederlagen und Seuchen wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Individuen waren nicht Autoren der Geschichte, sondern Charaktere in einem Drama, das größer war als sie selbst.
Mit der Moderne kamen neue Theorien: Geschichte als Produkt von Instinkten und Vererbung (Charles Darwin), von Klassenkampf und materiellen Interessen (Karl Marx) oder von persönlichen menschlichen Entscheidungen (Ayn Rand). [4]
Alle diese Rahmenbedingungen beschreiben eine Welt, die durch menschliche Kräfte vorangetrieben wird – Biologie, Interessen, Impulse. Dies ist in Picards Sicht ein klares Zeichen der „Welt der Flucht“ – einer Welt, die geschickt im Analysieren und Erklären ist, die jedoch zunehmend damit kämpft, einen übergreifenden Sinn zu erfassen.
„In Picards Sicht wird Geschichte eher zu einem Rennen als zu einer Sphäre des Sinns“, erläutert Stenico. „Geschichte existiert im Sinne von Schlagzeilen und Chronologie, aber ihr fehlt ein Gefühl der Erdung, des Gedächtnisses, der Tradition oder einer Perspektive, die nicht ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es ist eine Geschichte ohne Wurzeln, eine, die nicht nach oben blickt.
„Er glaubte nicht, dass das Problem bei der Wissenschaft selbst lag, sondern beim Szientismus – dem Glauben, dass die Wissenschaft alles erklären kann“, sagt Stenico. „Wissenschaft beschreibt Gesetze und Beziehungen, aber nicht das Gesamtbild, nicht den Sinn. Wenn die Wissenschaft zur einzigen Sprache der Realität wird, gehen Tiefe, Heiligkeit und Staunen verloren.“
Und so wird die Wissenschaft – ohne eigenes Verschulden – zu einem weiteren Ausdruck der „Welt der Flucht“, einer Welt, die alles zu messen weiß, außer den Wesenskern.
Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden.

Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Auch die Kunst, so Picard, habe das gleiche Schicksal erlitten. In der Vergangenheit habe die Kunst versucht, ein Fenster zu dem zu öffnen, was jenseits liegt – zur Ordnung und zur Schwelle zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Der Künstler stand vor etwas, das größer war als er selbst, und versuchte, eine Spur, einen Glanz oder ein Echo davon einzufangen.
In der „Welt der Flucht“ habe sich die Richtung des Blickes geändert. Kunst werde nicht mehr aus einer Begegnung mit dem Erhabenen geboren, sondern aus einer Begegnung mit dem Selbst.
„Es gibt hier beim Entstehen eines Bildes“, schrieb Picard, „keinen besonderen Akt mehr.“ (S. 159, „Flucht vor Gott“, 1934)
Dinge verlören ihre Umrisse, und alles verschwimme ineinander. Anstatt zu einem göttlichen Zentrum zu führen, werde Kunst oft zu einer weiteren Form der Bewegung, Zerstreuung und Flucht.
„Picard argumentierte, dass auch die moderne Kunst eine Atomisierung erfährt; sie bricht in Stücke und Fragmente ohne Ganzheit auseinander“, beschreibt Stenico. „Anstatt Form zu bewahren und Tiefe zu enthüllen, nimmt sie am Mechanismus der Flucht teil: Rennen, Zerstreuung, Verlust des Zentrums. Der Künstler entdeckt nicht mehr ‚mehr‘ durch das Werk – er fügt nur eine weitere Schicht Lärm hinzu.“

Hoffnung in einer Welt der Flucht

Doch Picards Philosophie der Flucht sollte die Menschen nicht entmutigen. Im Gegenteil: Er glaubte, dass unsere Zeit den Keim der Hoffnung in sich trage. Die Flucht sei der Abfall der Menschheit von Gott, so Picard, aber der Mensch sei nicht absoluter Verlassenheit ausgesetzt. Denn wenn es jene gebe, die fliehen, gebe es auch Einen, der sie verfolge.
Die bloße Existenz der Flucht zeigt in seiner Sicht, dass etwas Größeres den Menschen weiterhin zurück nach Hause ruft.
„Picards Philosophie ist eine therapeutische“, sagt Stenico. „Er war in erster Linie Arzt, und hier sieht er die Seele des menschlichen Wesens. Er bietet einen Weg zurück zur Präsenz und dem stabilen Fundament, das die Moderne demontiert hat. Er zeigt, dass ein Mensch, obwohl er in Krise und ständiger Bewegung lebt, den Zugang zum Heiligen, zum Wesentlichen nicht völlig verliert.“
Picard nannte dies „die Verfolgung“: nicht eine Verfolgung mit Zwang, sondern aus Mitgefühl, eine sanfte Stimme, die den Menschen weiterhin begleite, auch wenn er an die fernsten Orte entfliehe.
Manche würden dies Gott nennen; andere Gewissen, eine innere Wahrheit oder jene kleine Stille, die plötzlich als Moment der Offenbarung erscheint. Picard erinnert uns daran, dass ein Mensch in der Flucht nicht völlig verloren ist – etwas ruft immer noch nach ihm.
Referenzen:
[3] Max Picard, „Die Flucht vor Gott“, 1934
Dieser Artikel erschien im Original im Epoch Magazine Israel und wurde auch auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Philosophy of Max Picard–The World Is Drifting Away From God“ veröffentlicht. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Die Flucht vor unserem höheren Selbst: Warum wir Stille heute so schwer aushalten

Um uns heutzutage zu verunsichern, ist weder ein Krieg noch eine Sicherheitsbedrohung nötig. Manchmal genügt etwas viel Unbedeutenderes: zehn Minuten Stille. Es geht hier nicht um ein großes Drama – nur um eine kleine Unannehmlichkeit, wie ein Sandkorn im Schuh.
Versuchen Sie diese einfache Übung: Schalten Sie Ihr Handy aus. Legen Sie es mit dem Bildschirm nach unten beiseite und sitzen Sie einfach nur da. Kein Scrollen, kein Lesen, kein „lass mich nur kurz etwas nachsehen“. Einfach nur sein.
Nach einer halben Minute tauchen Gedanken auf. Nach anderthalb Minuten greift Ihre Hand von selbst nach dem Telefon. Nach zwei Minuten fühlt es sich bereits seltsam an, fast schon unnatürlich.
Wir leben in einer Kultur, die zahllose Wege erfunden hat, um Langeweile zu vermeiden – im Grunde zahllose Wege, um sich selbst nicht zu begegnen. Wir weichen den tiefen Fragen aus und übersehen alles, was uns erwarten würde, sobald wir den Lärm hinter uns ließen.

Die Natürlichkeit der Stille

Früher jedoch glaubten die Menschen, dass Stille es einem ermöglicht, sich mit etwas zu verbinden, das tiefer und größer ist als man selbst, etwas, das im hektischen Alltag verborgen bleibt. Die Welt war um einen sinngebenden stabilen Rahmen herum aufgebaut – für viele war es Gott, für andere Traditionen oder eine moralische Ordnung.
Zu jener Zeit wurde Stille als der Moment wahrgenommen, in dem man in vertrauter Umgebung wieder zu sich selbst finden konnte. Sie war nicht unbedingt geheimnisvoll – sie war einfach ein Teil der natürlichen Ordnung des Lebens, in der die Menschen wussten, wo sie hingehörten und was sie leitete.
Heute neigen wir dazu, sie mit Ausreden abzutun: „Ich habe keine Energie für existenzielle Dramen“, „Das sind sinnlose Gedanken“ oder schlicht: „Es gibt gerade Dringenderes zu tun.“
Die Stille, die uns den Blick nach innen eröffnen soll, ist zu etwas geworden, dem wir ausweichen – zu einer weiteren Leerstelle, die wir eilig füllen, bevor wir den Fragen begegnen, denen wir uns nicht stellen wollen.
Das Bemerkenswerte ist, dass der Schweizer Philosoph Max Picard schon in den 1930er Jahren diese Entwicklung voraussah – lange noch, bevor es Push-Benachrichtigungen und Algorithmen gab. Er stellte fest, dass die Menschheit an einem fortwährenden Projekt beteiligt ist, das er „Die Flucht vor Gott“ nannte – nicht vor der institutionellen Religion, sondern vor dem, was einst als das Zentrum und die Tiefe des Lebens verstanden wurde.
Fast ein Jahrhundert später drängt sich der Eindruck auf, dass seine Diagnose wie für uns geschrieben wurde.
Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten. Foto: Daniel de la Hoz/iStock

Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten.

Foto: Daniel de la Hoz/iStock

„Die Welt der Flucht“

Picard wurde 1888 als Sohn einer jüdischen Familie in Deutschland geboren. Er studierte Medizin, erkannte jedoch bald, dass sein eigentliches Interesse weniger dem menschlichen Körper als dem Menschen selbst galt. Er gab den Arztberuf auf, widmete sich der Philosophie und ließ sich schließlich in der Schweiz nieder.
Dort führte er ein zurückgezogenes Leben des Schreibens und der Kontemplation, unabhängig von der akademischen Welt und den Institutionen. Im mittleren Alter wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde getauft; später im Leben kehrte er jedoch zum Judentum zurück. [1]
Der französische Philosoph Gabriel Marcel gehörte zu den Ersten, die Picards Einzigartigkeit erkannten. Er beschrieb ihn als „einen der originellsten Denker unserer Zeit“. Aus Marcels Sicht war Picard kein Philosophieprofessor im konventionellen Sinne, sondern eher ein moderner Weiser – ein Mann, der nicht darauf aus war, Menschen zu überzeugen, sondern Gefühlen Ausdruck verlieh, die sie tief in sich spürten, ohne sie benennen zu können.
Mauro Stenico, ein italienischer freischaffender Wissenschaftler, gab im Selbstverlag ein Buch über Picards Philosophie heraus. In einem Interview sagte er: „Picard gelang es, die Krise des modernen Menschen mit großer Klarheit und einer fast prophetischen Fähigkeit zu diagnostizieren.“ [2] (Anmerkung der Red.: Alle folgenden Zitate von Stenico ebendort, frei aus dem Italienischen übersetzt)
Stenico erklärt, dass vor der modernen Periode – und Picard nannte die moderne Welt die „Welt der Flucht“ – eine Welt existierte, in der der Glaube der Standard des Menschen war. Gott war kein persönliches Konzept, sondern das Zentrum, um das das Leben organisiert war – Moral, Gesetz, Zeit und Gemeinschaft. Ein Mensch musste den Glauben nicht „wählen“; er wurde in ihn hineingeboren, genau wie er in eine Sprache hineingeboren wurde.
„Der Glaube war früher das Allgemeine“, schrieb Picard in seinem Buch „Die Flucht vor Gott“ (1934, Rentsch Verlag)[3]. Und jeder, der sich von diesem Zentrum distanzieren wollte, traf bereits eine persönliche Wahl – zu „fliehen“ (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
In der modernen Welt ist die Ordnung jedoch umgekehrt. Es ist nicht mehr das Individuum, das wählt zu fliehen – vielmehr drängt die Kultur selbst die Menschen zur Flucht. Der Glaube ist zur Ausnahme geworden, und Stille, Tiefe sowie die Auseinandersetzung mit großen Fragen erfordern bewusste Anstrengung.
Picard schrieb, dass ein Mensch in der „Welt der Flucht“ nicht so wie in der Welt des Glaubens geboren werde, damit er sich im Glauben verwirklichen könne. Vielmehr sei diese Geburt „das Ende der Verwirklichung“ und „jetzt, an der Geburt, beginnt das Neue, die Flucht: Die Geburt ist der Sprung in die Flucht.“ (S. 12, „Flucht vor Gott“, 1934)
Ein sichtbares Zeichen der Kultur der „Flucht“ ist laut Picard ein ständiges Gefühl der Dringlichkeit. Es ist, als müsse man immer irgendwohin eilen und eine weitere Sache erledigen. Der moderne Mensch ist demnach „immer unterwegs“, gefangen in rastloser Bewegung, die ihn daran hindert, für die tieferen Fragen innezuhalten. Nicht, weil er das nicht will, sondern weil der Rhythmus der Kultur selbst ihn vorwärts treibt.
Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern. Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern.

Foto: TAJIKBLINKS/iStock

Politik, Technologie & Kino

Laut Stenico ist die moderne Politik ein Paradebeispiel für die Welt der „Flucht“. Sie schürt Aufregung, Wut und Angst, als ob jeder noch so kleine Konflikt unser Leben beeinflussen könnte. Sie zieht uns täglich in ihren Bann und ist zu dem Ort geworden, an dem wir nach Gerechtigkeit, Identität und Sinn suchen.
„Für viele ersetzt die Politik die Suche nach Wahrheit oder Heiligkeit“, ist Stenico überzeugt.
Picard knüpfte an eine Tradition von Denkern an – von Maimonides bis Kierkegaard –, die den Sinn des menschlichen Daseins eher in der moralischen und intellektuellen Entwicklung sahen als darin, sich in flüchtigen Nachrichtenereignissen zu verstricken. In diesem Licht betrachtet kann Politik zu einer weiteren Form der „Flucht vor Gott“ werden – einer Flucht vor Fragen, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben: Was ist mir wirklich wichtig? Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?
Anstatt an unserem Charakter und unserem geistigen Wachstum zu arbeiten, werden wir in einen endlosen Kreislauf von Anschuldigungen, Verteidigungen und Konflikten hineingezogen. „Anstatt Ordnung und Sinn zu schaffen, beschleunigt die Politik die Jagd nach momentanen und sich auflösenden Zielen“, führt Stenico aus. Kurz gesagt, anstatt die Wogen zu glätten, wird sie zu einem Mechanismus, der uns aus uns selbst herauszieht – einer kollektiven Fluchtmaschine.
„Ähnlich sah Picard auch im Kino ein klares Symbol der ‚Welt der Flucht‘“, sagt Stenico. „Das Kino ist schnell, fließend, bewegt. Die Bilder ändern sich unaufhörlich und spiegeln wider, was mit der modernen Seele geschehen ist. Es erschafft eine parallele Welt aus Bildern, die die Realität ersetzt, anstatt sie zu vertiefen.“
Dies ist ein Medium, das es ermöglicht, in eine andere Geschichte, eine andere Identität hineingezogen zu werden. Anstatt einer Welt, die durch stabile Bezugspunkte verankert ist, präsentiert das Kino eine, in der die Helden immer wieder Geld, Ruhm, Erfolg oder Selbstverwirklichung verfolgen; es gaukelt endlose „Möglichkeiten“ vor – Karriere, Status, Aufregung und Erfahrung. Wie Picard schrieb: „Es gibt in dieser Welt kein ‚unmöglich‘, nur ein ‚noch-nicht-möglich‘ (…).“ (S. 23, „Flucht vor Gott“, 1934)
Und in einer Welt endloser Möglichkeiten neigen Gedanken dazu, sich zu zerstreuen und ihren geistigen Schwerpunkt zu verlieren. Sie werden in jede Richtung gezogen, lösen sich in der ständigen Bewegung der Welt auf. Und auch der Glaube muss „in jedem Augenblick sich immer von neuem (…) schaffen“, schrieb Picard. (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
Die moderne Kultur ist laut Picard so strukturiert, dass wir nie allein gelassen werden – nicht einmal für einen einzigen Moment –, um uns den tiefen Fragen zu stellen. „Das Vakuum, das entsteht, füllt sich mit Produktivität, Technologie und Unterhaltung – anstatt mit Stille, Zuhören und Präsenz“, stellt Stenico fest.
Dieser Mechanismus ist nicht unbedingt bösartig; er ist einfach hocheffizient. Er zieht uns nach außen, damit wir nicht zu lange bei Wörtern wie „Sinn“, „Gut und Böse“ oder „Wahrheit“ verweilen – geschweige denn das Wort „Gott“ aussprechen, ohne es sofort in einen Witz zu verpacken.
Hektik. Foto: oeyCheung/iStock

Hektik.

Foto: oeyCheung/iStock

Kein Raum mehr für die Liebe

„Picard argumentierte, dass Beziehungen zwischen Menschen zu Instrumenten der ‚Flucht‘ geworden sind“, erklärt Stenico. „Sie verlieren die vertikale Dimension – die Menschen sehen im anderen nicht mehr ein ‚göttliches Ebenbild‘ oder eine heilige Tiefe.“
Nehmen wir das Beispiel der Liebe. Nach Picards Ansicht ist Liebe nicht bloß ein Energieausbruch, sondern ein Prozess der Kontemplation: „Ein Mensch, der einen anderen Menschen oder ein Ding liebt, betrachtet das geliebte Wesen genau und langsam, er schaut genau nach, ob noch irgendwo eine Stelle ist, die er noch nicht liebt“, schrieb er. (S. 54, „Flucht vor Gott“, 1934)
Liebe erfordert das Verweilen. Es ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit erfordert, still zu sein.
Aber in einer Welt, in der sich Menschen ohne Unterbrechung bewegen – von Bildschirmen zu Nachrichten zu Arbeit zu neuen „Möglichkeiten“ – gibt es keine solche Zeitspanne. Daher, so beobachtete Picard, bleiben viele Beziehungen äußerlich. Nicht weil die Menschen keine Liebe wollen, sondern weil die Welt nicht mehr die Bedingungen bietet, unter denen Liebe wachsen und sich vertiefen kann.
Menschen „sind zusammen“, schrieb er, nicht um einander wirklich zu begegnen, sondern um gemeinsam zu fliehen – übertragen in unsere heutige Welt: zu Netflix, zum nächsten Urlaub, zu allem, was kurzzeitige Erleichterung bietet. „Laut Picard benutzen wir andere, um der Einsamkeit zu entkommen – nicht um einer anderen Person wirklich zu begegnen“, sagt Stenico.
So werden die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Tiefe, Liebe und Spiritualität wachsen – Ehe, Familie und Freundschaft –, in der „Welt der Flucht“ manchmal selbst zu Fluchtmechanismen. Anstatt als Orte der Kontemplation, Stabilität und gegenseitigen Transformation zu dienen, werden sie zu äußeren Formen, die eine gemeinsame Flucht vor der höheren Wesensessenz ermöglichen.
Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert. Foto: Artem Peretiatko/iStock

Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert.

Foto: Artem Peretiatko/iStock

Als die Geschichte ihren Sinn verlor

„Dieses Gebilde [der Flucht] nimmt jetzt zu“, schrieb Picard, „(…) weil es groß ist, weil das Umfangreiche alles zu sich heranzieht.“ (S. 13, „Flucht vor Gott“, 1934)
Eines der Dinge, die hineingezogen werden, ist die Art und Weise, wie wir Geschichte verstehen. „Geschichte wird nicht mehr als eine tiefe Geschichte wahrgenommen, sondern als eine Abfolge von Ereignissen“, sagt Stenico.
In der Vergangenheit wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Geschichte gesehen; große Ereignisse wie Siege, Niederlagen und Seuchen wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Individuen waren nicht Autoren der Geschichte, sondern Charaktere in einem Drama, das größer war als sie selbst.
Mit der Moderne kamen neue Theorien: Geschichte als Produkt von Instinkten und Vererbung (Charles Darwin), von Klassenkampf und materiellen Interessen (Karl Marx) oder von persönlichen menschlichen Entscheidungen (Ayn Rand). [4]
Alle diese Rahmenbedingungen beschreiben eine Welt, die durch menschliche Kräfte vorangetrieben wird – Biologie, Interessen, Impulse. Dies ist in Picards Sicht ein klares Zeichen der „Welt der Flucht“ – einer Welt, die geschickt im Analysieren und Erklären ist, die jedoch zunehmend damit kämpft, einen übergreifenden Sinn zu erfassen.
„In Picards Sicht wird Geschichte eher zu einem Rennen als zu einer Sphäre des Sinns“, erläutert Stenico. „Geschichte existiert im Sinne von Schlagzeilen und Chronologie, aber ihr fehlt ein Gefühl der Erdung, des Gedächtnisses, der Tradition oder einer Perspektive, die nicht ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es ist eine Geschichte ohne Wurzeln, eine, die nicht nach oben blickt.
„Er glaubte nicht, dass das Problem bei der Wissenschaft selbst lag, sondern beim Szientismus – dem Glauben, dass die Wissenschaft alles erklären kann“, sagt Stenico. „Wissenschaft beschreibt Gesetze und Beziehungen, aber nicht das Gesamtbild, nicht den Sinn. Wenn die Wissenschaft zur einzigen Sprache der Realität wird, gehen Tiefe, Heiligkeit und Staunen verloren.“
Und so wird die Wissenschaft – ohne eigenes Verschulden – zu einem weiteren Ausdruck der „Welt der Flucht“, einer Welt, die alles zu messen weiß, außer den Wesenskern.
Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden.

Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Auch die Kunst, so Picard, habe das gleiche Schicksal erlitten. In der Vergangenheit habe die Kunst versucht, ein Fenster zu dem zu öffnen, was jenseits liegt – zur Ordnung und zur Schwelle zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Der Künstler stand vor etwas, das größer war als er selbst, und versuchte, eine Spur, einen Glanz oder ein Echo davon einzufangen.
In der „Welt der Flucht“ habe sich die Richtung des Blickes geändert. Kunst werde nicht mehr aus einer Begegnung mit dem Erhabenen geboren, sondern aus einer Begegnung mit dem Selbst.
„Es gibt hier beim Entstehen eines Bildes“, schrieb Picard, „keinen besonderen Akt mehr.“ (S. 159, „Flucht vor Gott“, 1934)
Dinge verlören ihre Umrisse, und alles verschwimme ineinander. Anstatt zu einem göttlichen Zentrum zu führen, werde Kunst oft zu einer weiteren Form der Bewegung, Zerstreuung und Flucht.
„Picard argumentierte, dass auch die moderne Kunst eine Atomisierung erfährt; sie bricht in Stücke und Fragmente ohne Ganzheit auseinander“, beschreibt Stenico. „Anstatt Form zu bewahren und Tiefe zu enthüllen, nimmt sie am Mechanismus der Flucht teil: Rennen, Zerstreuung, Verlust des Zentrums. Der Künstler entdeckt nicht mehr ‚mehr‘ durch das Werk – er fügt nur eine weitere Schicht Lärm hinzu.“

Hoffnung in einer Welt der Flucht

Doch Picards Philosophie der Flucht sollte die Menschen nicht entmutigen. Im Gegenteil: Er glaubte, dass unsere Zeit den Keim der Hoffnung in sich trage. Die Flucht sei der Abfall der Menschheit von Gott, so Picard, aber der Mensch sei nicht absoluter Verlassenheit ausgesetzt. Denn wenn es jene gebe, die fliehen, gebe es auch Einen, der sie verfolge.
Die bloße Existenz der Flucht zeigt in seiner Sicht, dass etwas Größeres den Menschen weiterhin zurück nach Hause ruft.
„Picards Philosophie ist eine therapeutische“, sagt Stenico. „Er war in erster Linie Arzt, und hier sieht er die Seele des menschlichen Wesens. Er bietet einen Weg zurück zur Präsenz und dem stabilen Fundament, das die Moderne demontiert hat. Er zeigt, dass ein Mensch, obwohl er in Krise und ständiger Bewegung lebt, den Zugang zum Heiligen, zum Wesentlichen nicht völlig verliert.“
Picard nannte dies „die Verfolgung“: nicht eine Verfolgung mit Zwang, sondern aus Mitgefühl, eine sanfte Stimme, die den Menschen weiterhin begleite, auch wenn er an die fernsten Orte entfliehe.
Manche würden dies Gott nennen; andere Gewissen, eine innere Wahrheit oder jene kleine Stille, die plötzlich als Moment der Offenbarung erscheint. Picard erinnert uns daran, dass ein Mensch auf der Flucht nicht völlig verloren ist – etwas ruft immer noch nach ihm.
Referenzen:
[3] Max Picard, „Die Flucht vor Gott“, 1934
Dieser Artikel erschien im Original im Epoch Magazine Israel und wurde auch auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Philosophy of Max Picard–The World Is Drifting Away From God“ veröffentlicht. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Urteil: Nähe zu Muslimbruderschaft kann Verbeamtung entgegenstehen

Die ehrenamtliche Arbeit für eine Moschee der islamistischen Muslimbruderschaft kann einem Gerichtsurteil zufolge der Übernahme in das Beamtenverhältnis entgegenstehen. Das entschied das Verwaltungsgericht Karlsruhe und wies damit die Klage einer Mitarbeiterin der städtischen Ausländerbehörde ab, wie das Gericht am Freitag in der baden-württembergischen Stadt mitteilte.
Die Frau ist den Angaben zufolge derzeit als Sachbearbeiterin eingesetzt und strebte die Übernahme in das Beamtenverhältnis an. Die Stadt Karlsruhe lehnte dies ab und verwies auf Hinweise des Landesamtes für Verfassungsschutz, wonach die Frau als ehrenamtliche Lehrerin in einer Moschee tätig sei. Diese sei in die Strukturen der Muslimbruderschaft eingebunden, welche nicht mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Einklang zu bringen sei.
Nach erfolglosem Widerspruchsverfahren erhob die Sachbearbeiterin Klage vor dem Verwaltungsgericht, die diese nun aber abwies. Die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes schürten berechtigte Zweifel daran, dass die Klägerin jederzeit für die freiheitliche demokratische Grundordnung eintreten würde, befand das Gericht. Eine Distanzierung von der Muslimbruderschaft strebe die Frau offensichtlich nicht an.
Das Urteil fiel bereits am Donnerstag vergangener Woche. Es ist noch nicht rechtskräftig.
(afp/red)
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Der Unterschied zwischen Islamismus und Islam

As-salamu alaikum – der Friede sei mit Euch. Mit diesem Wunsch begrüßen sich muslimische Gläubige. Und in Sure 109 im Koran heißt es: „Ihr habt Eure Religion und ich habe meine.“ Gelegentlich ist es nötig, dass sich alle, ob Christen, Juden oder Muslime, an diese Aussage der Heiligen Schrift der Muslime erinnern. Doch immer wieder gibt es Fanatiker, die Unfrieden zwischen den Religionsgemeinschaften säen wollen, indem sie die Friedfertigkeit ihres Glaubens verdrehen, um damit eine Ausschließlichkeit ihrer Religion begründen zu wollen.

Hinter der Einstufung des Anschlags auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) als „islamistisch“ steht die Tatsache, dass der Attentäter Abdul Ballout den Behörden seit November 2025 offiziell als islamistischer Gefährder bekannt war und als gewaltbereit eingeschätzt wurde. Diese Einstufung stützte sich auf die polizeiliche Erkenntnis, dass der Täter mehrfach versucht hatte, Deutschland zu verlassen, um sich in Syrien einer der nach wie vor existierenden Zellen der islamistischen Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen.

45 Prozent finden, dass Islam nicht zu Deutschland passt

Der letzten Studie zum Thema „Passt der Islam zu Deutschland?“ zufolge, die im Jahr 2021 von der Alice-Schwarzer-Stiftung beim Allensbach-Institut in Auftrag gegeben wurde, gaben nur 5 Prozent von den rund 1.000 Befragten an, dass sie dieser These „ohne Einschränkung zustimmten“. 45 Prozent sagten, der Islam „passt gar nicht zu Deutschland“ und 44 Prozent stimmten zu, dass „nur friedliche Formen des Islam“ als Teil der deutschen Gesellschaft akzeptabel seien

Dennoch steht laut dieser Studie „für die große Mehrheit die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit nicht zur Debatte“. Der  „Tagesspiegel“-Kolumnist Sebastian Leber glaubte 2025, wer nicht zwischen Islam und Islamismus unterscheidet, sei „Teil des Problems“. Und weiter: „Viele Deutsche schaffen es immer noch nicht, zwischen einer Religion und einer menschenverachtenden Ideologie zu trennen.“ Worin aber liegt der Unterschied?

Muhsin Hendricks war ein südafrikanischer Imam und Aktivist, der als weltweit erster offen homosexueller Imam galt und eine inklusive Gemeinde in Kapstadt leitete. Er wurde im Februar 2025 im Alter von 58 Jahren in Südafrika erschossen.

Foto: Jens Büttner/dpa

Was ist Islamismus?

An dieser Stelle sei einmal keine westliche Expertenmeinung zitiert, sondern eine authentische muslimische Quelle aus den Vereinigten Arabischen Emiraten: Im Nachrichtenportal „Al-Ittihad“ erklärte vor einem halben Jahr der muslimische Geistliche Imam Mohammad Tawhidi: Der Islam sei eine  Religion, „in deren Mittelpunkt der Glaube an Gott, moralische Verantwortung und gemeinschaftliche Gottesverehrung stehen“.

Der Islamismus hingegen stelle laut Tawahidi „eine Abkehr von diesem spirituellen Rahmen dar. Er entstand als ideologische Reaktion auf Kolonialismus, Moderne und säkularen Nationalismus und verwandelte den Islam von einem persönlichen Glauben in ein umfassendes politisches Projekt.“

Der Islamismus strebe die Errichtung eines islamischen Staates an, „der ausschließlich nach seiner Auslegung der Scharia [islamisches Recht] regiert wird, und lehnt dabei oft Pluralismus, rechtliche Vielfalt und die Trennung religiöser Autorität von politischer Macht ab“. Auf diese Weise stelle er die Religion „eher als Instrument für eine politische Herrschaftsform dar, denn als moralische Orientierung“.

Die Rolle der Muslimbruderschaft

Der Islamismus habe sich laut Ima Tawhidi im 20. Jahrhundert besonders unter dem Einfluss von Extremisten wie Sayyid Qutb entwickelt. Der ägyptische Journalist Qutb (1905 – 1966) war laut Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) „der wichtigste Vordenker der Muslimbruderschaft“. Während eines Aufenthalts in den USA habe Qutb „starke anti-westliche Tendenzen“ entwickelt.

Er führte den vermeintlichen moralischen Verfall der arabischen Gesellschaften auf „den Modernismus westlichen Typs“ zurück und erklärte in seinen Publikationen „diejenigen Muslime, die modernen Ideen anhängen, für Ungläubige“. Qutbs Denkweise „bildet die Grundlage für Attentate und terroristische Anschläge“, so die KAS. Qutb wurde 1966 auf Veranlassung des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Muslimbruderschaft gilt in Ägypten, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Bahrain, Syrien und in Jordanien als terroristische Organisation und ist dort verboten.

Ableger: Al-Kaida und IS

Der islamische Geistliche Mohammad Tawhidi erklärt zur 1928 gegründeten Muslimbruderschaft: Diese habe „eine ausdrücklich expansionistische Vision des politischen Islam“ vertreten. Bereits der Gründer Hassan al-Banna habe die Ansicht vertreten, „dass der Islam das öffentliche Leben dominieren und seine rechtliche und politische Ordnung weltweit durchsetzen müsse“. Die Bruderschaft habe sich im Laufe der Zeit zu einer Ausgangsbewegung entwickelt, „aus der zahlreiche extremistische Ableger hervorgegangen seien, darunter Al-Kaida und der IS“.

Und Tawahidi stellt klar:

„Was die gesellschaftliche Perspektive betrifft, hat der Islam historisch gesehen seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, mit religiösen Minderheiten zu koexistieren und Vielfalt innerhalb seiner rechtlichen und theologischen Traditionen zu berücksichtigen.“

Der Islamismus hingegen vertrete „eine binäre Weltanschauung, die die Gesellschaft in Gläubige und Ungläubige oder in islamische und ‚heidnische‘-Staaten unterteilt, ideologische Konformität fordert und oft Ausgrenzung legitimiert.“ Der Islamismus strebe „die Verschmelzung von Religion und Staatsmacht an.

Insofern sei der Islamismus „kein Ausdruck religiöser Hingabe, sondern eine politische Ideologie“, die versuche, ihre Legitimität durch eine religiöse Sprache zu erlangen. Kritikern, die keinen Unterschied zwischen Islamismus und Islam machen wollen, hält der Geistliche entgegen, sie würden „die historische Vielfalt islamischer Regierungsformen und die seit Langem bestehende Pluralität des muslimischen Rechts- und politischen Denkens“ übersehen.

Gelingt keine Unterscheidung, gewinnen die Extremisten

Imam Tawahide ist davon überzeugt, dass der Islamismus „eine moderne ideologische Verzerrung ist, die die Religion für politische Zwecke instrumentalisiert“. Und er mahnt, dass eine Unterscheidung zwischen Religion und Ideologie „unerlässlich“ ist, um „die Religionsfreiheit zu bewahren und extremistischen Bewegungen wirksam entgegenzuwirken“. Wenn dies nicht gelinge, werde der Islam nicht nur falsch dargestellt, sondern es würden auch „Spaltung und Missverständnisse“ aufrechterhalten, die letztlich nur den Extremisten dienen.

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Iran: Mehrtägige Trauerfeiern für getöteten Chamenei begonnen – Medwedew unter Gästen

In der iranischen Hauptstadt Teheran haben die öffentlichen Trauerfeiern für den im Krieg getöteten obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei begonnen. Seit den frühen Morgenstunden strömen zahlreiche Anhänger zur Großmoschee Mosalla, wo der mit der iranischen Flagge bedeckte Sarg des langjährigen Religionsführers aufgebahrt ist. Die Trauerfeiern in Teheran dauern drei Tage, anschließend sind weitere Zeremonien in der Pilgerstadt Ghom sowie im benachbarten Irak geplant. Die Beisetzung ist für den 9. Juli in Chameneis Heimatstadt Maschhad vorgesehen.

Iranische Führung und internationale Gäste nehmen Abschied

Bereits am Freitag hatten Präsident Masud Peseschkian, Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf sowie weitere hochrangige Vertreter der iranischen Führung dem Getöteten die letzte Ehre erwiesen. Auch Ahmad Wahidi, der neue Kommandeur der Revolutionsgarden, trat erstmals seit Beginn des Krieges wieder öffentlich auf.
Zu den internationalen Gästen zählen unter anderem der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew, Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif sowie der Außenminister der afghanischen Taliban-Regierung. Ebenfalls vertreten sind Delegationen der Hamas und der libanesischen Hisbollah. Insgesamt werden Staats- und Regierungschefs sowie hochrangige Vertreter aus rund 30 Staaten erwartet.
Die Behörden rechnen allein in Teheran mit 15 bis 20 Millionen Teilnehmern. Rund um die Mosalla gelten deshalb umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen. Ein großer Teil der Innenstadt ist für den Autoverkehr gesperrt, Fahrzeuge dürfen sich dem Moschee-Komplex nicht auf weniger als einen Kilometer nähern. Zudem wird der Luftraum über Teheran zeitweise und am Montag vollständig gesperrt.

Chamenei starb bei Angriff im Iran-Krieg

Ajatollah Ali Chamenei war am 28. Februar gemeinsam mit mehreren Familienmitgliedern bei einem US-israelischen Angriff auf seine Residenz in Teheran getötet worden. Es folgte ein mehr als fünf Wochen andauernder Krieg zwischen Iran, Israel und den USA. Seit Anfang April gilt eine brüchige Waffenruhe, nachdem Mitte Juni ein Rahmenabkommen zur Beendigung des Krieges unterzeichnet worden war.
Chamenei hatte den Iran fast 37 Jahre als oberster Führer geprägt. Zu seinem Nachfolger wurde sein Sohn Modschtaba Chamenei ernannt, der seit seiner Ernennung noch nicht öffentlich aufgetreten ist. Auch mehrere bei dem Angriff getötete Familienmitglieder, darunter Chameneis 14 Monate alte Enkelin, sind in der Mosalla aufgebahrt. (dpa/afp/red)
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Vatikan restauriert Raffaels Meisterwerk

Ein Meisterwerk der Renaissance im Vatikan wird aufwendig restauriert: Die Arbeiten an den Fresken der Raffael-Loggia im Herzen des Apostolischen Palastes sollen fünf Jahre dauern, mit moderner Laser-Technik ausgeführt werden und etwa 20 Fachleute beschäftigten, wie die Vatikanischen Museen bei der Präsentation des Vorhabens am Mittwoch, 24. Juni, mitteilten.
Damit bei der Restaurierung die Fresken und der Stuck nicht beschädigt werden, sollen sie „trocken“ gereinigt werden.
Der 65 Meter lange und vier Meter breite Säulengang befindet sich im zweiten Stock des Palastes und wurde zwischen 1517 und 1519 von dem Meistermaler Raffael für Papst Leo X. ausgestaltet.
Für das Publikum ist sie nicht zugänglich, hohe Besucher des Papstes werden hier durchgeführt. Die letzte Teilrestaurierung liegt etwa 50 Jahre zurück.

Verschmutzungen verdecken Originalfarben

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind die Fresken und der Stuck stark verschmutzt. Die Schichten aus tierischem Leim, Wachsen und Fixiermitteln, die über die Jahrhunderte aufgetragen wurden, sind vergilbt und haben Ablagerungen eingeschlossen, die zarten Pastelltöne des ursprünglicher Werkes sind überdeckt.
Laut Chef-Restaurator Paolo Violini zeigte die Untersuchung der Oberfläche, dass es notwendig sei, eine „trockene Reinigungsmethode“ anzuwenden, um die empfindlichen Original-Schichten zu erhalten, die sehr empfindlich auf chemische Vorgänge reagierten.
Deshalb sei die Laser-Technologie „die einzige Möglichkeit“, um die gewünschte Präzision bei der Reinigung zu erzielen und die Oberflächen trocken zu lassen, sagte Violini vor Journalisten.
Die Direktorin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta, sprach von einem „entscheidenden Moment sowohl für die Geschichte der Restaurierung als auch für die der italienischen Renaissance“.
Die im April begonnenen Arbeiten umfassen etwa 1300 Quadratmeter Fläche. Die Kosten werden in Höhe von 5,5 Millionen Dollar (rund 4,8 Millionen Euro) von internationalen Gebern der Nichtregierungsorganisation World Monuments Fund unterstützt, die sich der Erhaltung außergewöhnlicher Werke des Welterbes widmet. (afp/red)
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deutschland

Jahresbericht: 24 antisemitische Vorfälle täglich – viele mit Bezug zu Israel

Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland befindet sich weiterhin auf einem hohen Niveau. Dies geht aus dem in Berlin vorgestellten Jahresbericht des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) hervor.
Dessen Meldestellen dokumentierten 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle und damit rund hundert mehr als im Vorjahr. Besonders stark nahmen 2025 Vorfälle mit einem rechtsextremen Hintergrund zu.

Meist israelbezogener Antisemitismus

Im Jahr 2024 war die Zahl antisemitischer Vorfälle sprunghaft um 77 Prozent auf 8.627 Fälle und damit einen neuen Höchststand angestiegen. Grund war vor allem der rasante Anstieg dokumentierter Fälle seit dem Angriff der radikalislamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den damit verbundenen Gegenmaßnahmen Israels. Auch 2025 handelte es sich laut Rias bei gut zwei Drittel aller Vorfälle um israelbezogenen Antisemitismus.
Ein Teilnehmer der Kundgebung “Allianz gegen Antisemitismus ruft zur Solidarität mit Israel auf“.

Ein Teilnehmer der Kundgebung “Allianz gegen Antisemitismus ruft zur Solidarität mit Israel auf“ 2024. Die Zahl der antisemitisch motivierten Straftaten ist in den vergangenen Monaten enorm angestiegen.

Foto: Thomas Banneyer/dpa

Dabei entsprechen die insgesamt 8.725 Fälle im vergangenen Jahr knapp 24 pro Tag. Rias zufolge wurden Jüdinnen und Juden häufig an alltäglichen Orten Opfer von Antisemitismus.
So wurden Gemeindemitglieder vor einem Gebetsraum beleidigt und bespuckt, Rabbiner im Supermarkt gestoßen oder Juden im Bus mit der Leugnung der Schoa konfrontiert. Auch Schmierereien an Wohnhäusern und auf Stolpersteinen sowie antisemitische Äußerungen am Arbeitsplatz, in Bars oder Schulen dokumentierte die Stelle erneut.

Antisemitismus Teil des Alltags

„Unser Jahresbericht zeigt, Antisemitismus droht sich zu normalisieren“, sagte Rias-Vorstand Benjamin Steinitz. Er habe den Eindruck, „dass sich die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft an das erschreckende Ausmaß an Antisemitismus gewöhnt hat“. Für Juden sei der Alltag unsicherer und belastender geworden, viele würden bestimmte Orte vermeiden.
Der Bericht zeichne „ein erschreckendes Bild“, betonte der Antisemitismus-Beauftrage der Bundesregierung, Felix Klein. „Antisemitismus ist in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch. Er ist dabei, sich gesellschaftlich zu normalisieren.“

Jeder 4. Vorfall passiert online

Deutliche Steigerungen gab es neben Fällen mit rechtsextremem Hintergrund auch bei Antisemitismus im Netz, wie aus dem Bericht hervorgeht. Über ein Viertel (27 Prozent) der Vorfälle ereignete sich online.
Viele davon „vermitteln den Eindruck, dass Antisemitismus online ungehemmter artikuliert wird“, heißt es in dem Rias-Bericht. Das gelte besonders für Bedrohungen und die Nutzung einschlägiger Symbole und Emojis.

Die Ermordung von Millionen von Juden in Deutschland und Europa begann laut einer Kampagne mit Hass.

Foto: Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa/SymbolfotoD/dpa

Das Ausmaß antisemitischer Vorfälle sei auch im zweiten Jahr nach dem Angriff der Hamas vom Oktober 2023 auf einem „sehr hohen Niveau“ geblieben, heißt es in dem Bericht weiter. „Eine Trendwende war nicht zu erkennen.“ Erneut habe sich gezeigt, dass die Lage im Nahen Osten vielen als Anlass dafür diente, sich antisemitisch zu äußern oder Juden anzugreifen.
Für diese bleibe Antisemitismus damit ein „alltagsprägendes Phänomen, das ihnen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen begegnete“. Ein „breiter gesellschaftlicher Widerspruch“ zu antisemitischen Aussagen und Solidarität mit Juden sei hingegen oft ausgeblieben, beklagte der Bericht.

Jahresbericht als Weckruf

„Staat und Zivilgesellschaft müssen Antisemitismus in all seinen Facetten benennen und entgegentreten“, forderte Rias-Vorstand Steinitz. „Werden Sie lauter – zeigen Sie Ihre demokratische Haltung jeden Tag, wenn es nötig ist.“
Die Gesellschaft müsse den Kampf gegen Antisemitismus als ihre eigene Aufgabe wahrnehmen, mahnte der Antisemitismus-Beauftragte Klein. „Denn Antisemitismus bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden, er bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und den moralischen Kern unserer Republik.“
Ein Huthi-Anhänger hebt einen traditionellen jemenitischen Dolch (Jambiya) mit dem Huthi-Slogan (Sarkha), der übersetzt «Allah ist der Größte, Tod für Amerika, Tod für Israel, Fluch über die Juden, Sieg für den Islam» bedeutet, während einer Demonstration in Sanaa gegen die Vereinigten Staaten und Israel nach den jüngsten israelischen Luftangriffen auf die jemenitische Hauptstadt und Israels laufenden Militäroperationen in Gaza.

Ein Huthi-Anhänger hebt einen traditionellen jemenitischen Dolch (Jambiya) mit dem Huthi-Slogan (Sarkha), der übersetzt „Allah ist der Größte, Tod für Amerika, Tod für Israel, Fluch über die Juden, Sieg für den Islam“ bedeutet, während einer Demonstration in Sanaa gegen die USA und Israel.

Foto: Osamah Yahya/dpa

Der Rias-Jahresbericht müsse „Weckruf und Auftrag für Politik und Zivilgesellschaft sein“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Die inzwischen fast alltägliche Präsenz des Judenhasses führt zur Bildung einer ’neuen Normalität‘, in der jüdisches Leben aus der Öffentlichkeit gedrängt wird und nur unter immensen Schutzanstrengungen möglich ist.“
In den vergangenen Wochen hatten bereits einige Bundesländer ihre Bilanz für 2025 veröffentlicht. So stieg die Zahl etwa in Niedersachsen auf einen neuen Höchststand, auch in Sachsen-Anhalt nahm sie zu.
In Berlin ging die Zahl antisemitischer Vorfälle zwar leicht zurück, blieb aber auf einem hohen Niveau. In der Bundeshauptstadt ereignete sich 2025 auch ein extremer Gewaltvorfall, als ein spanischer Besucher des Holocaust-Mahnmals mit einem Messer angegriffen wurde und nur knapp überlebte. (afp/red)
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„Galungan“-Fest: Bali feiert die Rückkehr der Ahnen

Der Duft von Lotus- und Frangipani-Räucherstäbchen hängt süß in der Luft, aus den Häusern erklingt traditionelle Gamelan-Musik: Mit Opfergaben und farbenprächtigen Tempelzeremonien haben Millionen Hindus auf Bali die symbolische Rückkehr ihrer Ahnen gefeiert.
Das „Galungan“-Fest, einer der wichtigsten religiösen Feiertage auf der indonesischen Insel, symbolisiert nach dem örtlichen Glauben den Sieg des Guten über das Böse – und die zeitweilige Heimkehr der Geister verstorbener Vorfahren zu ihren Familien.
Für ausländische Besucher bot das Fest schon seit den frühen Morgenstunden einen seltenen Einblick in die religiösen Traditionen der „Insel der Götter“, die trotz des Massentourismus bis heute fest im Alltag der Insel verankert sind.

Balinesische Hindus beten am 17. Juni 2026 in einem Tempel in Denpasar auf der indonesischen Insel Bali, um das religiöse Fest Galungan zu feiern.

Foto: Sonny Tumbelaka/AFP via Getty Images

Schon seit Tagen hatten sich die Menschen auf „Galungan“ vorbereitet. „Das ist eine ganz besondere Feier für uns. Sie ist sehr wichtig, um alles in der Balance zu halten“, sagte Desi, Mitarbeiterin eines Hotels im bei Urlaubern aus aller Welt beliebten Ort Ubud.

Geschmückte Bambusstangen prägen das Straßenbild

Vor Häusern, Geschäften und Tempeln wurden die charakteristischen Penjor aufgestellt – meterhohe, geschwungene Bambusstangen, die mit Palm- und Kokosblättern, Früchten und anderen Naturmaterialien geschmückt sind.
Sie symbolisieren Wohlstand und Dankbarkeit und sollen zugleich an den heiligen Vulkan Gunung Agung erinnern, das spirituelle Zentrum des balinesischen Hinduismus. Auch Touristen durften sich in den vergangenen Tagen an der Dekoration der Penjor beteiligen.

Zehn Tage Festzeit

Familien besuchten Tempel, sprachen Gebete und brachten den Göttern sowie ihren Ahnen Opfergaben dar. Die meisten Balinesen trugen traditionelle Festkleidung mit dem traditionell gewickelten Sarong, die Frauen balancierten bunte Flechtkörbe auf dem Kopf.
Statt auf den Tourismus konzentrierte sich das öffentliche Leben für einen Tag stark auf Familie, Gemeinschaft und Spiritualität. Die Festzeit endet nach zehn Tagen mit „Kuningan“. Dann kehren die Ahnen nach balinesischem Glauben wieder in die spirituelle Welt zurück. (dpa/red)
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Berichterstattung über Nmecha-Gebet überschattet 7:1-Sieg


In Kürze:

  • Felix Nmecha startete mit seinem Treffer in der 6. Minute das deutsche 7:1-Torfestival gegen Curaçao.
  • In der öffentlichen Diskussion dominiert dennoch, was vor dem Spiel, nach seinem Tor und nach dem Abpfiff passierte.
  • Nmecha stieg mit der Bibel in der Hand aus dem Bus, verbeugte sich nach seinem Treffer vor Jesus und betete nach Spielende Arm in Arm mit dem Gegner im Anstoßkreis.
  • Der junge Spieler mit der Nummer 23 ist in der deutschen Nationalmannschaft nicht allein – und in Gesellschaft internationaler Fußballlegenden.

 
Nach seinem WM-Debüt inklusive Tor beim 7:1 gegen Curaçao nahm sich der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha Zeit für seinen christlichen Glauben. Zusammen mit dem ebenfalls bekennenden Christen und Nationalspieler Jonathan Tah ging Nmecha nach dem Spiel auf mehrere Spieler der unterlegenen Mannschaft zu.
Es bildete sich eine Gruppe von fünf Spielern von Curaçao und den beiden Deutschen auf dem Spielfeld, die mehrere Minuten lang die Arme umeinander legten und die Köpfe senkten. Die Sportwelt rätselte, was diese Geste wohl bedeuten möge. Später erfuhr alle Welt: Die Spieler beteten miteinander – und sorgten damit weltweit für Aufmerksamkeit. Nmecha erklärte später:
„Wir sind im Spiel Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder. Wir haben einfach ein kleines Gebet zusammen gemacht, weil wir alle sehr dankbar sind – auch sie.“
Nmecha, der in der Bundesliga bei Borussia Dortmund spielt und das 1:0 erzielt hatte, sagte weiter: Vom Ergebnis her ist es natürlich schön für uns, aber auch im Ganzen glauben wir alle, dass Jesus durch das Spiel verherrlicht wird. Deswegen sind wir zusammengekommen und haben zusammen gebetet.“

„Ach, Gottchen!“

Am selben Abend fiel Nmecha bereits nach seinem Tor mit einer christlichen Geste auf. Er streckte beide Hände nach oben und nahm mit einer Geste eine imaginäre Krone in die Hand, die er kniend auf dem Rasen ablegte. Sein dazugehöriger Instagram-Post gefällt über 400.000 Menschen.
Eine Kommentatorin schrieb auf derselben Plattform zu dieser Szene: „In einer Sportart, in der Sportler oft versucht sind, den Ruhm für sich selbst zu beanspruchen, nutzte Nmecha einen der größten Momente seiner Karriere, um den Ruhm Jesus Christus zuzuschreiben.“
Doch statt in der Szene mit den Spielern von Curaçao eine schöne Geste des Fair Play zu erkennen, eckt Nmecha mit solcherart christlicher Öffentlichkeitsarbeit in deutschen Medien an. Die linksgerichtete Berliner Tageszeitung „taz“ etwa kritisiert: „Der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha trägt seinen Glauben wie eine Monstranz vor sich her. Dahinter steht ein finsteres Menschenbild.“ Zugleich fordert die Zeitung in ihrer Überschrift einen „Platzverweis für Jesus“.
Der Autor wirkte sichtlich verstört und beschreibt die Aktion des „Fußballprofis mit Christusfimmel“ mit den Worten: „Ach, Gottchen! Hat er das wirklich gesagt nach dem Spiel? […] Der Fußball mag ja vieles in Bewegung setzen können, aber wie bitte soll ein Kick wie jener der Deutschen gegen Curaçao Gottes Sohn verherrlichen. Na ja, wers glaubt.“ Als Kommentar ist der Artikel nicht gekennzeichnet.

Wie steht die Kirche dazu?

„Ich finde es ein starkes Zeichen, wenn Spieler unterschiedlicher Mannschaften miteinander beten können und so ein Zeichen dafür setzen, dass es auch im Spiel Wichtigeres gibt als das Gegnersein“, wird der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, von der in Münster veröffentlichten Kirchenwebsite „Kirche + Leben“ zitiert.
Latzel ist Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland und gab sich überzeugt, dass es zur Religionsfreiheit gehöre, „dass Menschen ihren Glauben leben können, und das gilt auch im Sport“. Und er wünscht sich: Das „Miteinander und Verbindende sollte bei dieser WM noch viel stärker gelebt werden“.
Der Projektleiter der katholischen BVB-Gründerkirche in Dortmund, Stefan Magh, bezeichnete laut der Plattform Nmechas Aktion als „sehr unterstützenswerte Geste“. Magh weiter: Angesichts der Zerrissenheit in der Gesellschaft sei Nmechas Geste eine „ganz starke Botschaft“. Er beobachte, dass insgesamt in der Gesellschaft mehr Positionierung erwartet werde. Das könne sich auch auf den Sport auswirken, wird Magh wiedergegeben.

Nmecha und die Ballers in God

Felix Nmecha gehört der internationalen christlichen Fußballorganisation Ballers in God an und wird auf der Website prominent gezeigt. Auch Trevoh Chalobah vom FC Chelsea, Nathanael Obgbeta vom FC Barnsley, Anthony Elanga von Newcastle United und zahlreiche andere werden dort aufgeführt.
Den Ballers in God wirft die taz“ vor, sie seien eine „evangelikale Sekte“, die zudem homophob sei. Der Gründer von Ballers in God, der ehemalige englische Fußballprofi John Bostock, unterhalte Verbindungen zu führenden Aktivisten der „fundamentalistischen Awakening-Bewegung in Europa, die Homosexualität für eine krankhafte Abart hält“, ist die „taz“ überzeugt. Auf der Website von Ballers in God finden sich indes keine Hinweise darauf. Dennoch vermutet die Berliner Tageszeitung, dass Nmecha ebenfalls in diese Richtung denkt.

Christliche Fußballer nichts Neues

Bei aller Medienaufgeregtheit um den deutschen Nationalspieler ist er nicht der erste, der sich offen zu seinem Glauben bekennt. Neben Jonathan Tah bekannte auch der deutsche Nationalspieler Chris Führich, der jedoch von Bundestrainer Nagelsmann nicht in den Kader für die WM aufgenommen wurde, im Juni 2024 in einem Interview gegenüber RTL: „Der Glaube und das Gebet geben mir Kraft.“
Und auch hinter den Kulissen spielt der Glaube an den christlichen Gott beim Deutschen Fußballbund (DFB) eine Rolle. Der DFB-Torwarttrainer Andreas Kronenberg sagte am 11. Juni vor dem WM-Start: „Glaube gibt mir Orientierung.“ Er gab auch preis, dass es innerhalb der deutschen Nationalmannschaft einen Gebetskreis gebe. Kronenberg machte jedoch deutlich: Obwohl Werte wie Fairness und Respekt auch christliche Werte seien, habe der christliche Glaube keinen direkten Einfluss auf seine Arbeit als Torwarttrainer.
Der bekannteste bekennende Christ unter deutschen Fußballspielern aus der jüngeren Vergangenheit dürfte indes der einstige Offensiv-Mittelfeldspieler Wolfgang Overath sein. Er wurde 1974 bei der Fußball-WM in Deutschland an der Seite von Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Günter Netzer und Gerd Müller Weltmeister. Overath, der zeit seiner Profikarriere stets für den 1. FC Köln spielte, wurde im deutschen Fußballmuseum in die „Hall of Fame“ aufgenommen. Auffallend an seiner Profikarriere war in den 1960er- und 1970er-Jahren, dass er sich vor Spielbeginn des Öfteren bekreuzigte.
In einem Interview mit der christlichen Zeitung „Pro“ anlässlich seines 80. Geburtstages wird Overath mit den Worten wiedergegeben: Der Glaube gebe Regeln vor, die das Zusammenleben deutlich erleichtern würden. Und es brauche Menschen, die offensiv über ihren Glauben reden. Der Weltmeister redet indes nicht nur über Glauben, er handelt auch. So engagiert er sich seit Langem für Obdachlose und hat dafür den „Wolfgang Overath Fonds“ gegründet.

100% Jesus“ und die „Hand Gottes“

Im lateinamerikanischen Fußball, der tief im katholischen Glauben verwurzelt ist, ist häufiger als anderswo zu sehen, dass Kicker vor einem Spiel oder vor einer Einwechslung das Kreuzzeichen schlagen. Zu den für dieses Ritual bekannten Fußballern zählen etwa der Argentinier und Fußballweltmeister Lionel Messi und der brasilianische Nationalspieler Neymar da Silva Santos Júnior. Neymar geht mit seinem Glauben zudem offensiv an die Öffentlichkeit. Er spielt des Öfteren mit einem weißen Stirnband, auf dem steht: „100% Jesus“.
22. Juni 1986, Fußball-WM im Aztekenstadion von Mexico City, Viertelfinalspiel Argentinien gegen England: In der 51. Minute taucht der argentinische Nationalspieler Diego Maradona vor dem englischen Tor auf. Englands Torwart Peter Shilton stürmt heraus, um den Ball abzufangen. Obwohl Shilton deutlich größer ist als der nur 1,65 Meter kleine Maradona, „köpft“ dieser den Ball an dem Torwart vorbei ins Tor.
Wie sich später herausstellt, nutzte Maradona jedoch nicht seinen Kopf, sondern seine linke Faust. Der Schiedsrichter übersah das Handspiel und gab das Tor zum 1:0. England schied aus. Argentinien kam weiter und wurde schließlich Weltmeister.
Maradona dazu später verschmitzt: Es war „ein bisschen mit dem Kopf von Maradona und ein bisschen mit der Hand Gottes“. Und laut FIFA weiter: „Sie, England, haben eine Weltmeisterschaft mit einem Tor gewonnen, das nicht gegen Deutschland war.“ Damit bezog er sich auf das WM-Endspiel von 1966, bei dem England gegen Deutschland ein Tor zuerkannt wurde, das keines war. „Sie sollten also nichts über Maradona sagen – denn sie haben vor mir betrogen“, fügte Maradona hinzu.
Diego Armando Maradona (3.v.l.) erzielte im Viertelfinale der WM 1986 ein Tor – „mit ein bisschen Kopf von Maradonna und der Hand Gottes“.

Diego Armando Maradona (3. v. l.) erzielte im Viertelfinale der WM 1986 ein Tor – „ein bisschen mit dem Kopf von Maradona und ein bisschen mit der Hand Gottes“.

Foto: AFP via Getty Images

Gott ist nicht bestechlich

Dass angeblich Gott seine Hand im Spiel gehabt haben sollte, missfiel dem inzwischen verstorbenen Papst Franziskus, der ebenfalls aus Argentinien stammte. Laut der Nachrichtenplattform „katholisch.de“ habe Papst Franziskus im Jahr 2024 gesagt, Maradonas Tor sei „nicht gut“ gewesen und habe ihm keine Freude bereitet.
Wir dürfen nun alle gespannt sein, wie die gerade laufende Fußball-WM mit oder ohne Gott und Jesus Christus weiter verläuft. Zumindest in der Bibel steht unter 2. Chronik 19,7: „Gebt auf das, was ihr tut, wohl acht! Denn bei dem Herrn, unserm Gott, findet sich weder Ungerechtigkeit noch Ansehen der Person und keine Bestechlichkeit.“
Dieser Artikel wurde am 16. Juni aktualisiert, um ein mögliches Missverständnis im Titel auszuräumen.
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gesellschaft

Papst Leo warnt vor Aufrüstung und KI: „Besorgniserregend“

Papst Leo XIV. hat im spanischen Parlament vor einer zunehmenden Militarisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz in Waffensystemen gewarnt. Es sei „besorgniserregend, dass sich an verschiedenen Orten der Welt, auch in Europa, die Aufrüstung erneut als fast unvermeidliche Antwort auf die Instabilität der internationalen Lage darstellt“, sagte der Papst am dritten Tag seines Spanien-Besuchs.
Die Welt befinde sich in einer „tiefen geistigen und kulturellen Krise“, die sich in Gewalt, Polarisierung und gegenseitigem Misstrauen äußere. Das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken forderte deshalb mehr Orientierung an Diplomatie und Völkerrecht. Aufrüstung und Kriege seien keine Lösung.
Wahre Sicherheit entstehe durch Gerechtigkeit, Dialog, die Achtung des Völkerrechts und eine Politik, die das Wohl der Menschen über Kriegsinteressen stelle, sagte der 70 Jahre alte US-Amerikaner. Mit Blick auf die militärische Nutzung künstlicher Intelligenz betonte er, Entscheidungen über Leben und Tod dürften niemals automatisierten Systemen überlassen werden.

Spaniens König Felipe VI. und Königin Letizia begrüßen Papst Leo XIV. bei seiner Ankunft am internationalen Flughafen Madrid-Barajas am 6. Juni 2026.

Foto: Stefano RELLANDINI / AFP via Getty Images

Papst fordert humane Migrationspolitik

Mit Verweis auf seine jüngst veröffentlichte Enzyklika „Magnifica humanitas“ betonte Leo, technologische Entwicklung sei niemals neutral. Sie nehme „die Züge derjenigen an, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen“. Entscheidend sei, welchen Platz der Mensch in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen einnehme.
Leo sprach auch die „tragische Migrationskrise“ an. Die Situation von Migranten und Flüchtlingen erfordere eine Politik, die den Menschen in den Mittelpunkt stelle und Fluchtursachen bekämpfe. Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Religion, Sprache oder sozialer Lage verletze den Grundsatz der gleichen Würde aller Menschen.
Das Thema sei keine bloße demografische oder wirtschaftliche Frage, sondern vor allem eine moralische und rechtliche Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. Der Papst forderte sichere und legale Zugangswege sowie eine stärkere Bekämpfung der Fluchtursachen. Zum Abschluss seines Spanien-Besuchs will er auf den Kanarischen Inseln Migranten treffen.
Wie in Madrid sind auch in Barcelona und auf den Kanarischen Inseln Großveranstaltungen mit Papst Leo XIV. geplant.

Wie in Madrid sind auch in Barcelona und auf den Kanarischen Inseln Großveranstaltungen mit Papst Leo XIV. geplant.

Foto: A. Pérez Meca/EUROPA PRESS/dpa

Minutenlange Standing Ovations und zahlreiche „Bravo“-Rufe

Zudem warnte Leo vor gesellschaftlicher Polarisierung und rief zu mehr Respekt im politischen Diskurs auf. Unterschiede dürften nicht zur Abwertung politischer Gegner führen, sondern müssten demokratisch ausgehandelt werden.
Nach der Rede erhielt der Papst minutenlangen Applaus, begleitet von „Bravo“- und „Viva“-Rufen. Die Standing Ovations hätten laut Medien sieben Minuten gedauert. Kommentatoren des Senders RTVE und weiterer Medien bezeichneten den Auftritt als „historisch“ und verwiesen auf die erste Rede eines Papstes im spanischen Parlament. Zudem habe Leo gezeigt, dass er den Kurs seines Vorgängers Franziskus fortsetzen wolle und klare Worte zu den drängendsten Problemen der Gegenwart finde, hieß es. (dpa/red)
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Mehr als 1,2 Millionen Menschen bei Papst-Messe in Madrid

Am zweiten Tag seiner Spanien-Reise hat Papst Leo XIV. mit mehr als 1,2 Millionen Menschen einen Gottesdienst in Madrid gefeiert.
Die Gläubigen begingen die Messe gemeinsam mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche auf dem zentralen Cibeles-Platz der spanischen Hauptstadt. An seinem ersten Besuchstag hatte der Papst mit Blick auf das Thema Migration zur Überwindung von „spaltenden und polarisierenden Debatten“ aufgerufen.
Auch König Felipe VI. und Königin Letizia nahmen an dem Gottesdienst auf dem Cibeles-Platz teil, auf dem sich die Gläubigen fahnenschwenkend zusammenfanden.
Der Papst forderte während der Messe seine Zuhörer auf, Religion nicht als „Museum der Vergangenheit“ zu betrachten. Vielmehr sei diese „eine Schule des Glaubens“, aus der auch heute noch geschöpft werden könne.
Im Anschluss an die Messe führte Leo XIV. eine traditionelle Fronleichnams-Prozession entlang einer mit weißen und gelben Nelken gesäumten Route an – den Farben der vatikanischen Flagge. Die Großveranstaltung wurde von einem großen Sicherheitsaufgebot begleitet.
Der Papst sei eine „einende Kraft in einer Zeit, in der wir an so vielen verschiedenen Fronten Spaltungen erleben“, sagte der 28-jährige Nico Aldeanueva am Rande der Veranstaltung. Die 64-jährige Ana Milagros bezeichnete den in den USA geborenen Pontifex als „zugänglich“ und „sehr aufrichtig“.
Das katholische Kirchenoberhaupt war am Vortag vom Königspaar zum Auftakt seines einwöchigen Besuchs empfangen worden. Dabei würdigte Leo XIV. die Haltung der linksgerichteten Regierung in Madrid, die sich „der treuen Einhaltung des Völkerrechts und des Multilateralismus verpflichtet“ habe.
Mit Kritik am Vorgehen Israels und der USA gegen den Iran hatte der Papst in der Vergangenheit den Zorn von US-Präsident Donald Trump auf sich gezogen.
Auch die linksgerichtete spanische Regierung steht den Angriffen der USA und Israels im Iran skeptisch gegenüber. Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte dem US-Militär unter anderem untersagt, Stützpunkte in Spanien für die Angriffe zu nutzen.
Damit hatte er sich ebenfalls Kritik Trumps eingehandelt. Außerdem hatte Sánchez das Vorgehen Israels im Gazastreifen wiederholt einen „Völkermord“ genannt.
Am Samstagabend hielt der 70-jährige Pontifex eine Gebetswache mit Jugendlichen vor dem Bernabéu-Stadion von Real Madrid. Rund 500.000 überwiegend jüngere Menschen umjubelten den Papst.
„Angesichts der Leere der Gleichgültigkeit und des Konformismus, angesichts der Gewalt des Krieges und der Lüge, seid selbst der Funke einer neuen Menschlichkeit“, appellierte der Papst an die Jugendlichen.
Weitere Stationen seiner einwöchigen Reise sind Barcelona und die Kanarischen Inseln. Dabei stehen eine Reihe weiterer Termine auf dem Programm, unter anderem ein Treffen mit Opfern sexuellen Missbrauchs.
Im März hatten die Regierung und die Kirche in Spanien nach jahrelangen Verhandlungen ein Abkommen zur Entschädigung von Opfern sexueller Übergriffe geschlossen. Eine Untersuchungskommission hatte die Zahl der Opfer seit dem Jahr 1940 mit mehr als 200.000 angegeben.
Spanien ist traditionell eine Bastion des Katholizismus in Europa, die Zahl der Gläubigen ist in den vergangenen Jahrzehnten aber deutlich zurückgegangen.
Laut einer Umfrage bezeichneten sich zuletzt 56 Prozent der Spanier als katholisch – in den 1970er-Jahren waren es noch rund 90 Prozent. Nur 18 Prozent der Spanier bezeichnen sich demnach als praktizierende Katholiken.(afp/red)
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12 Euro: Touristen zahlen für Dom-Besuch in Köln

Für den Besuch des Kölner Doms wird ab Juli eine Eintrittsgebühr von zwölf Euro fällig. Künftig sei der touristische Zugang zum Innenraum des Doms nur noch mit Ticket möglich, teilte das Domkapitel in Köln mit.
Hintergrund sind demnach gestiegene Erhaltungskosten für den Dom. Zum Besuch von Gottesdiensten bleibe der Eintritt weiterhin frei.

Freier Eintritt für Kinder bis 13 Jahre

Eine ermäßigte Gebühr von sechs Euro soll demnach unter anderem für Schüler ab 14 Jahren, Auszubildende oder Studenten gelten. Kinder bis einschließlich 13 Jahren haben weiterhin freien Eintritt.
Bislang war der Innenraum des Doms für Touristen kostenlos. (Archivbild)

Bislang war der Innenraum des Doms für Touristen kostenlos.

Foto: Federico Gambarini/dpa

Auch Menschen mit Schwerbehinderung samt Begleitung bleiben von der Gebühr befreit. Zudem sind einzelne kostenfreie Besuchszeiten etwa an kirchlichen Feiertagen und ausgewählten Aktionstagen vorgesehen.
Den Kölner Dom besuchen jährlich etwa sechs Millionen Menschen. Er zählt zu den weltweit bekanntesten katholischen Kirchen, dort werden die Reliquien der heiligen drei Könige verehrt.

Nordquerhaus für Gebete geöffnet

Dompropst Guido Assmann sagte, dass die öffentliche Diskussion der letzten Wochen gezeigt habe, dass viele Menschen die Notwendigkeit einer nachhaltigen Finanzierung des Doms verstehen.
„Die neue Besichtigungsgebühr dient nicht dem Profit, sondern dem existenziellen Erhalt der Kathedrale.“ Die Einführung der Gebühr solle den Dom als sakralen Raum erfahrbar machen und den laufenden Betrieb sichern.
Dompropst Assmann zeigte sich zuversichtlich, dass sich das neue Konzept nach einer Eingewöhnungszeit bewähren werde und der Dom sowohl langfristig erhalten als auch spirituell geprägt bleibe.
Über den Nordeingang beim Hauptbahnhof können Menschen nach wie vor einen kleinen Bereich des Doms gratis zum Beten betreten. Über den westlichen Haupteingang müsse man das Ticket lösen.
Ob Menschen am Nordeingang tatsächlich beten wollen, werde man nicht überprüfen, teilte das Domkapitel mit. Touristen machen Dompropst Guido Assmann zufolge etwa 99 Prozent der Dom-Besucher aus.

Kölner Dom (Archiv)

Foto: via dts Nachrichtenagentur

Notre-Dame und Petersdom ohne Gebühr zugänglich

In Deutschland sind Eintrittsgebühren für die touristische Besichtigung von Kirchen weiterhin die Ausnahme. Erhoben werden sie etwa im protestantischen Berliner Dom in der Bundeshauptstadt – hier sind es 15 Euro – und in einigen kleineren Kirchen.
Im internationalen Vergleich zeigt sich: Der Besuch von Notre-Dame in Paris ist kostenlos, obwohl die Kathedrale nach dem verheerenden Feuer von 2019 für Hunderte Millionen Euro restauriert werden musste.
Ebenso ist der Besuch des Petersdoms in Rom kostenlos. Gegner der neuen Gebühr in Köln befürchten, dass der Dom seine Funktion als für alle zugängliches Herz der Stadt einbüßen wird, wenn der Besuch nicht mehr kostenfrei ist.
Die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die heute den Zentral-Dombau-Verein leitet, hatte vor der Bekanntgabe des Preises betont, es sei wichtig, dass der Eintritt unter zehn Euro bleibe. Nun sind es zwölf Euro.
Der Zentral-Dombau-Verein sammelt seit 1842 Geld für den Dom, zunächst für dessen Fertigstellung und seit der Vollendung 1880 für die Instandhaltung. (afp/dts/dpa/red)
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gesellschaft

Feuer in koscherem Supermarkt in London

In einem koscheren Supermarkt im Londoner Stadtteil Golders Green ist am Mittwoch Medienberichten zufolge ein Feuer ausgebrochen.
Die Feuerwehr bestätigte einen Brand „in einem Geschäft im Erdgeschoss und in einem Lagerraum hinter dem Geschäft“, ohne nähere Angaben zu dem betroffenen Unternehmen zu machen.

Rund 100 Feuerwehrleute im Einsatz

Die Brandursache sei noch unklar, erklärte die Feuerwehr. Im jüdisch geprägten Nord-Londoner Stadtteil Golders Green hatte es zuletzt eine Reihe von Angriffen gegen jüdische Einrichtungen gegeben.
Der Feuerwehr zufolge waren rund 100 Brandschützer im Einsatz. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP vor Ort sah eine schwarze Rauchwolke über dem Brandort, der von der Polizei abgeriegelt war.
Mehreren Medienberichten zufolge handelt es sich um den Supermarkt „Kosher Kingdom“, der auf seiner Webseite als „der größte koschere Supermarkt in Europa“ bezeichnet wird und eine Fläche von rund 7.000 Quadratmetern haben soll. Demnach zählt er wöchentlich mehr als 9.500 Kunden.

Mehrere Angriffe in jüngerer Zeit

Ende April waren im Stadtteil Golders Green bei einem Angriff zwei Männer mit einem Messer verletzt worden. Die Anti-Terror-Polizei übernahm die Ermittlungen. Am Tatort wurde ein 45 Jahre alter Mann festgenommen.
In den vergangenen Monaten wurde in London eine Serie von Angriffen auf jüdische und israelische Einrichtungen verübt, in den meisten Fällen handelte es sich um Brandanschläge oder versuchte Brandanschläge.
Nach Angaben der Organisation SITE Intelligence Group bekannte sich die pro-iranische Gruppe Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya (Hayi) zu fast allen Angriffen. (afp/red)
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china gesellschaft

„Silent Harvest“ enthüllt Vorwürfe über Organraub in China


In Kürze

  • Dokumentarfilm thematisiert Vorwürfe zu Organraub in China
  • Ärzte und Experten warnen vor Transplantationstourismus
  • Film fordert internationales Umdenken und Aufklärung

 
Eine erdrückende Gewissheit liegt im Raum: das große Tabuthema, das die Kommunistische Partei Chinas in ihrem Herrschaftsgebiet und weit darüber hinaus mit aller Macht zu unterdrücken versucht. Untersuchungen deuten auf ein Verbrechen erschreckenden Ausmaßes hin, dem Gewissensgefangene zum Opfer gefallen sein sollen – getötet, um mit ihren Organen massive Gewinne zu erzielen. Organraub in China ist ein Thema, das die Welt für zu schrecklich hält, um es wahrhaben zu wollen. Nun hofft ein neuer, investigativer Dokumentarfilm, einen Wendepunkt herbeizuführen und das unerträgliche Schweigen zu durchbrechen.

Wenn unschuldige Leben geopfert werden

Der Dokumentarfilm „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ (Lautlose Ernte: Der Mut, es auszusprechen), der am 16. Mai in einem angesehenen Club in Washington Premiere feierte, beleuchtet die sensible Thematik anhand medizinischer Datenanalysen sowie Interviews mit fast zwei Dutzend Medizinern, China-Analysten und Überlebenden der Verfolgung durch die Kommunistische Partei Chinas.
Heute, 20 Jahre nachdem dieses Thema erstmals in das öffentliche Bewusstsein trat, sei es an der Zeit, das Schweigen zu brechen, sagte Torsten Trey, Gründer und Direktor von Doctors Against Forced Organ Harvesting (DAFOH) (Ärzte gegen Organraub). In seinen Augen ist das Schweigen der „größte Komplize bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.
Weltweit stünden Patienten, so Trey, in der Versuchung, für eine schnelle Organtransplantation nach China zu reisen. Man müsse ihnen jedoch klarmachen, dass sie damit womöglich zur Tötung eines unschuldigen Menschen beitragen könnten – eine Belastung, die sie ein Leben lang begleiten könne.

„Ein Problem von enormem Ausmaß“

Zehn Jahre lang wurde an dem Film gearbeitet. Nun feiert er sein Debüt. Gleichzeitig rückt der 20. Jahrestag der Gründung von DAFOH näher. Im Jahr 2006 traten erstmals Whistleblower aus China an die Öffentlichkeit. Gegenüber der Epoch Times berichteten sie von der systematischen Tötung inhaftierter Falun-Gong-Praktizierender in unterirdischen Einrichtungen.
Als Dr. Trey damals erstmals davon hörte, reagierte er fassungslos und beinahe ungläubig. „Ich dachte, kein Arzt könnte so etwas tun. Das übersteigt die Vorstellungskraft“, sagte er der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times. Doch in den folgenden Monaten kamen immer mehr Informationen ans Licht. Im Mai 2006 reiste der damalige Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Edward McMillan-Scott, im Rahmen einer Untersuchungsmission nach Peking. Parallel dazu führten ein kanadischer Menschenrechtsanwalt und ein ehemaliger kanadischer Kabinettsminister gemeinsame Untersuchungen durch. Wenig später traf Dr. Trey in Boston zwei Ärzte aus China – und alles deutete auf dieselbe Schlussfolgerung hin.
Im Juli desselben Jahres stand für Dr. Trey fest: „Das ist echt.“
Auch Dr. Weldon Gilcrease, stellvertretender Direktor von DAFOH, beschrieb im Film einen ähnlichen Prozess. Anfangs habe er gehofft, beweisen zu können, dass die Vorwürfe nicht wahr seien.
„Doch wenn man sich intensiv mit den Beweisen und Daten beschäftigt – was für die meisten Menschen in der Medizin entscheidend ist – wird einem schnell bewusst, dass es sich um ein Problem enormen Ausmaßes handelt“, sagte er.
Torsten Trey, Gründer und Geschäftsführer von Doctors Against Forced Organ Harvesting, spricht während der Premierevorstellung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington. Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Torsten Trey, Gründer und Geschäftsführer von Doctors Against Forced Organ Harvesting, spricht während der Premierevorstellung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington.

Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Millionen Menschen in Gefahr

Die betroffenen Gemeinschaften zählen inzwischen viele Millionen Menschen. Falun Gong ist eine spirituelle Praxis, die auf den Prinzipien Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht basiert. In den späten 1990er-Jahren praktizierten schätzungsweise 70 bis 100 Millionen Menschen in China Falun Gong. Zur gleichen Zeit begann das chinesische Regime mit der systematischen Verfolgung der Glaubensgemeinschaft.
Ein unabhängiges China-Tribunal in London kam 2019 zu dem Schluss, dass Falun-Gong-Praktizierende zu den Hauptopfern des mutmaßlichen Missbrauchs zählen. Seither sind weitere Vorwürfe hinzugekommen. Berichten zufolge sollen die Verbrechen auch auf Uiguren und andere verfolgte Minderheiten ausgeweitet worden sein.
Bei einer Anhörung im US-Kongress am 14. Mai sagte die aus China geflüchtete Uigurin Kalbinur Sidik aus. Sie hatte zuvor als Chinesischlehrerin in uigurischen Internierungslagern gearbeitet. Dabei sei ihr aufgefallen, dass gesunde Männer aus den Lagern in Xinjiang plötzlich verschwanden.
Sidik berichtete, den Inhaftierten sei wöchentlich Blut abgenommen worden. Zudem hätten sie Injektionen und weiße Pillen erhalten. Nach ihren Angaben hörte sie außerdem Gespräche zwischen einem Polizisten einer Spezialeinheit und dessen Fahrer über einen florierenden Halal-Organhandel – ein möglicher Hinweis auf Berichte über gezielte Organbeschaffung unter muslimischen Minderheiten für Empfänger in islamischen Ländern.

Das Schweigen durchbrechen

Es sei eine Lektion, dass „wenn man bei etwas so Schrecklichem nicht Stellung bezieht, man sehen wird, wie es auf andere Bevölkerungsgruppen übergreift“, sagte Gilcrease bei einer Podiumsdiskussion im Anschluss an die Filmpremiere.
Weldon Gilcrease, außerordentlicher Professor für Onkologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Utah und stellvertretender Direktor von Doctors Against Forced Organ Harvesting, spricht nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington. Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Weldon Gilcrease, außerordentlicher Professor für Onkologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Utah und stellvertretender Direktor von Doctors Against Forced Organ Harvesting, spricht nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington.

Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Die westliche medizinische Gemeinschaft habe – in der Hoffnung, China auf eine höhere ethische Ebene zu bringen – chinesische Ärzte ausgebildet und mit dem chinesischen medizinischen System interagiert, erklärte Gilcrease. Aber das chinesische Regime sei „ein fauler Apfel“, sagte er. Man glaubte: „Wenn man einen Haufen guter Äpfel und einen faulen Apfel hat, wird das den faulen Apfel gutmachen. Aber was man tatsächlich sieht, ist das Gegenteil.“
Filmregisseur Keith Wahrer, der an der Entstehung des Dokumentarfilms mitgewirkt hatte, erklärte, dass die Arbeit an dem Projekt „augenöffnend“ gewesen sei.
Wahrer meinte gegenüber der Epoch Times: „Es ist ernüchternd. Es ist etwas, worüber man nicht nachdenken möchte, aber es ist wichtig, darüber nachzudenken.“ Er fügte hinzu: „Es spornt mich an, mehr zu tun.“ Er habe „sehr wenig Macht“, fügte er hinzu, aber eine Sache, die er tun könne, sei, das Wort zu verbreiten und ein Licht auf das zu werfen, was passiert.
Die Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ fand am 16. Mai 2026 in Washington statt. Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Die Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ fand am 16. Mai 2026 in Washington statt.

Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Horror und Betroffenheit im Publikum

Während der Premiere sah auch Dr. Gilcrease zum ersten Mal die endgültige Fassung des Dokumentarfilms. Im hinteren Teil sitzend, schloss er plötzlich die Augen. Kurz zuvor waren drei Fotos auf der Leinwand erschienen. Jedes von ihnen zeigte einen zu Tode gefolterten Falun-Gong-Praktizierenden – mit Blutergüssen und Narben auf dem Körper.
Dr. Gilcrease bemerkte, wie Zuschauer um ihn herum in diesem Moment „entsetzt zurückwichen“.
„Ich denke, das ist der Horror, von dem ich glaube, dass er die meisten von uns trifft, wenn man zum ersten Mal vom Organraub hört“, so der Mediziner.
Medizinische Fachkräfte im Publikum sagten, sie hofften, der Film werde seinen Weg in die breite Öffentlichkeit finden. „Mir war ganz flau im Magen“, sagte ein Augenarzt während der Podiumsdiskussion. Er bat die Filmcrew, eine kürzere Version des Dokumentarfilms zu erstellen und für den Oscar einzureichen. Er meinte, das Werk liege jenseits von allem, was er je gesehen habe.
Kathleen Leber, eine Dermatologin aus Tampa, stellte fest, dass in Amerika das aktuelle Bewusstseinsniveau für dieses Thema alles andere als ausreichend sei. Sie habe ihr ganzes Leben der Hilfe für andere Menschen gewidmet, erklärte sie der Epoch Times. Es habe ihr das Herz gebrochen, zu sehen, dass „solche Fähigkeiten für das Böse eingesetzt werden“.
„Es ist wirklich schwer, das überhaupt in Worte zu fassen, weil es eine derart gravierende Verletzung von Moral und Menschlichkeit darstellt“, sagte Leber.
Kathleen Leber, Dermatologin aus Tampa, Florida, nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington. Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Kathleen Leber, Dermatologin aus Tampa, Florida, nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington.

Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Es wird jemand ermordet: eine Mutter, ein Vater, ein Sohn

Die Philanthropin Rebecca Dunn sagte, das Thema Organraub sei kürzlich bei einem Gespräch mit einer Freundin zur Sprache gekommen, deren Ehemann auf eine Nierentransplantation wartete. „Du könntest in China eine andere Niere bekommen. Du könntest sie wahrscheinlich in zwei Wochen bekommen“, erinnerte sie sich, habe sie ihrer Freundin gesagt. Sie habe ihr jedoch auch gesagt, dass dies bedeuten könne, „jemanden zum Tode zu verurteilen – einen kerngesunden Menschen“. Der Gesichtsausdruck ihrer Freundin habe von völligem Schock gezeugt.
„Das ist es, was die Leute erkennen müssen, und das ist es, was dieser Film den Menschen zu sagen versucht: Wenn du diese Transplantation machst, wird jemand ermordet, damit du vielleicht dein Leben verlängern kannst.“
Sie sagte, sie wünsche sich, dass die Menschen „aufwachen und etwas fühlen“. Jedes entnommene Organ bedeute den Tod des geliebten Menschen eines anderen – einer Mutter, eines Vaters, einer Tochter, eines Sohnes, eines Bruders oder einer Schwester, sagte sie.
Rebecca Dunn, Philanthropin und Treuhänderin der Dunn Foundation, nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington. Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Rebecca Dunn, Philanthropin und Treuhänderin der Dunn Foundation, nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington.

Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

„Die dystopische Zukunft ist jetzt“

Der Filmemacher und Menschenrechtsaktivist Jason Jones sagte, er habe Exemplare des sich mit der Thematik befassenden Buches „Killed to Order“ (Auf Bestellung getötet) von Jan Jekielek, einem leitenden Redakteur der Epoch Times, an jeden Bischof in den Vereinigten Staaten geschickt.
„Dies ist das große Geheimnis, das die KPCh hat. Ihre Verbrechen sind so ungeheuerlich, dass sie schlicht unfassbar sind“, sagte Jones der Epoch Times. Er bot zudem an, Vorführungen des Films in den Diözesen zu organisieren. „Wir denken, solche Dinge seien nur in der Vergangenheit geschehen oder in einer dystopischen Zukunft, die sich wiederholen könnte, aber heute wird das niemals passieren“, sagte er. Doch: „Die dystopische Zukunft ist jetzt, und die schreckliche Vergangenheit ist jetzt.“
Jason Jones, amerikanischer Filmproduzent und Menschenrechtsaktivist, nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington. Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Jason Jones, amerikanischer Filmproduzent und Menschenrechtsaktivist, nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Silent Harvest: The Courage to Speak Up“ am 16. Mai 2026 in Washington.

Foto: Madalina Kilroy/The Epoch Times

Auch Rebecca Dunn denkt darüber nach, konkrete Maßnahmen zu ergreifen.
„Wenn man bedenkt, dass jeder, der diesen Film sieht, nur eine Sache tun könnte und diese eine Sache ein Leben retten könnte, dann ist das schon ziemlich tiefgründig“, sagte sie. Diese „eine Sache“ könne darin bestehen, einen Senator oder Abgeordneten anzuschreiben oder das Thema im Gespräch mit Freunden weiterzugeben.
„Ich möchte mehr als eine Person retten“, sagte sie, „also möchte ich viel mehr als das tun“. Sie erklärte, sie wolle das Thema in ihrer Gemeinschaft stärker bekannt machen und „mit vielen Menschen sprechen“.
„Und hoffentlich kann ich etwas bewirken.“
Der Artikel erschien im Original bei theepochtimes.com mit dem Titel „‘Silent Harvest’ Aims to Break the Silence on Forced Organ Harvesting“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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ausland

Mitarbeiter entlassen: US-Unternehmen zahlt Millionen wegen Impfpflicht-Klage


In Kürze:

  • Impfpflicht 2021 ohne Ausnahmen im Unternehmen
  • 43 Mitarbeiter wegen fehlender Impfung entlassen
  • 4,25 Millionen US-Dollar Vergleich wegen Diskriminierungsvorwürfen

 
Das im US-Bundesstaat Oklahoma ansässige Unternehmen für Kompressoranlagen AG Equipment Company wird 4,25 Millionen Dollar (3,9 Millionen Euro) zahlen, um eine Diskriminierungsklage beizulegen, die im Namen von 43 ehemaligen Mitarbeitern eingereicht wurde. Dies teilte die US-Gleichbehandlungsbehörde EEOC am 18. Mai in einer Erklärung mit.
Im Herbst 2021 verpflichtete AG Equipment alle Beschäftigten zur COVID-19-Impfung und erklärte, dass keine Ausnahmen erlaubt seien. „Trotzdem beantragten mehrere Mitarbeiter Ausnahmen aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen. Ein Mitarbeiter legte zusätzlich ein ärztliches Attest vor, das eine Ausnahme wegen einer medizinischen Erkrankung empfahl“, so die EEOC.
„Das Unternehmen weigerte sich, die Anträge der Mitarbeiter zu prüfen, und entließ alle Personen, die keinen Impfnachweis vorlegen konnten, am 15. Oktober 2021, einschließlich derjenigen, die um eine Ausnahme ersucht hatten.“

Vorwürfe der Diskriminierung und rechtliche Grundlage

Das Verhalten von AG Equipment verstoße gegen den Titel VII des Civil Rights Act von 1964, der Diskriminierung im Arbeitsverhältnis aufgrund von Religion, nationaler Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und Rasse verbietet, so die Behörde. Dem Unternehmen wird außerdem ein Verstoß gegen den Americans with Disabilities Act (ADA) vorgeworfen, der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben untersagt.
Die Zahlung von 4,25 Millionen Dollar dient der Beilegung der Klage wegen religiöser und behinderungsbezogener Diskriminierung, die von der EEOC gegen das Unternehmen eingereicht wurde.

Auflagen der Einigung und Arbeitgeberpflichten

Darüber hinaus verpflichtet sich die Einigung AG Equipment, künftig keine Diskriminierung aufgrund von Religion oder Behinderung gegenüber seinen Mitarbeitern zu begehen. Das Unternehmen muss Führungskräfte in Bezug auf die Einhaltung von Titel VII und ADA schulen und die Mitarbeiter über ihre Rechte auf religiöse und gesundheitliche Ausnahmen informieren. Titel VII verpflichtet Arbeitgeber, angemessene Vorkehrungen für religiöse Überzeugungen zu treffen, sofern dies keine unzumutbare Belastung für das Unternehmen darstellt, so die EEOC.
Zu solchen Maßnahmen gehören flexible Arbeitszeiten, Versetzungen auf andere Stellen, interne Versetzungen sowie freiwilliger Schichttausch. Eine Maßnahme kann als unzumutbare Belastung gelten, wenn sie beispielsweise hohe Kosten verursacht, die Sicherheit oder Effizienz am Arbeitsplatz beeinträchtigt oder die Rechte anderer Mitarbeiter verletzt.
EEOC-Vorsitzende Andrea R. Lucas kommentierte die Einigung mit den Worten: „Wenn eine Anpassung ohne unzumutbare Belastung möglich ist, verlangt das Gesetz sie – die Pandemie entband Arbeitgeber nicht von ihren gesetzlichen Pflichten nach Titel VII und dem ADA.“
„Die EEOC wird unter meiner Leitung weiterhin Arbeitgeber zur Verantwortung ziehen, greifbare Ergebnisse liefern und die Würde amerikanischer Arbeitnehmer wiederherstellen, die durch weitverbreitete COVID-19-Impf-bezogene Verletzungen ihrer Bürgerrechte geschädigt wurden.“

Eine Krankenschwester hält einen COVID-19-Impfstoff in einer Archivillustration in Miami.

Foto: Joe Raedle/Getty Image

Weitere Entscheidungen der Gleichbehandlungsbehörde

Die Epoch Times kontaktierte AG Equipment für eine Stellungnahme, erhielt jedoch bis zur Veröffentlichung keine Antwort.
Am 18. Mai gab die EEOC außerdem eine Entscheidung in einem weiteren Fall bekannt und stellte fest, dass das Innenministerium / Bureau of Indian Education gegen Titel VII verstoßen habe, indem es religiöse Ausnahmeanträge von drei Mitarbeitern ablehnte, die eine Befreiung vom bundesweiten COVID-19-Impfmandat der vorherigen Regierung beantragt hatten.
Zahlreiche Unternehmen und Bundesbehörden führten während der Pandemie strenge Impfpflichten ein, nachdem eine breitere Richtlinie von Regierungen und globalen Gesundheitsorganisationen wie der Weltgesundheitsorganisation angestoßen worden war. Klagen und entsprechende Einigungen laufen weiterhin.

Politische und gesundheitspolitische Entwicklungen

Im vergangenen Jahr kündigte Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. an, dass die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) keine COVID-19-Impfungen mehr für Schwangere und gesunde Kinder empfehlen würden. Kennedy sagte, diese Empfehlung sei trotz fehlender klinischer Daten zur wiederholten Auffrischungsstrategie bei Kindern eingeführt worden.
Zu diesem Zeitpunkt sagte Dr. Marty Makary, damals FDA-Kommissar, es gebe „keine Evidenz dafür, dass gesunde Kinder sie heute brauchen, und die meisten Länder empfehlen sie nicht mehr für Kinder.“
Gegen die Entscheidung wurde im Juli 2025 Klage eingereicht. Die Kläger warfen dem Gesundheitsminister vor, willkürlich und ohne ausreichende Begründung gehandelt zu haben. Die von der American Academy of Pediatrics und anderen Ärzteverbänden eingereichte Klage behauptete, die Maßnahme verstoße gegen den Administrative Procedure Act.
„Die Richtlinie ist nur ein Beispiel für die Agenda des Ministers, die lang etablierte, vom Kongress autorisierte, wissenschafts- und evidenzbasierte Impfstruktur zu demontieren, die den Tod unzähliger Amerikaner verhindert hat“, hieß es in der Klage.
Der Fall ist weiterhin vor Gericht anhängig.

Entschädigungsprogramme für Impfgeschädigte

Personen, die COVID-19-Impfungen erhalten haben und dadurch gesundheitliche Schäden erlitten haben, können Ansprüche im Rahmen des Countermeasures Injury Compensation Programms einreichen. Ansprüche können auch im Todesfall eines Angehörigen geltend gemacht werden.
Erfolgreiche Ansprüche können Entschädigungen für entgangenes Einkommen, Hinterbliebenenleistungen sowie nicht erstattete medizinische Kosten umfassen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Oklahoma Company Will Pay $4.25 Million to Settle Suit Over COVID-19 Vaccination Mandate“. (deutsche Bearbeitung zk)
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gesellschaft

„So wahr mir Gott helfe“: Gott in der Politik

„Was ist aus Gott geworden?“, fragte am 16. Mai im kanadischen Calgary der ehemalige Ministerpräsident von Neufundland, Alfred Brian Peckford, die Zuhörer auf einer Konferenz für Anwälte. Er warf den kanadischen Juristen eine zunehmende Säkularisierung von Justiz und Verfassung in Kanada vor.

Die meisten Deutschen sind Kirchenmitglieder

In Deutschland sind Staat und Kirche offiziell voneinander getrennt. Dennoch kooperiert der Staat mit den beiden christlichen Großkirchen. Das bekannteste Beispiel ist der Einzug der Kirchensteuer für die evangelische sowie für die katholische Kirche. Hier tritt der Staat jedoch nur als Dienstleister auf und lässt sich von den Kirchen dafür auch bezahlen.
Evangelische Freikirchen und andere christliche religiöse Gemeinschaften hingegen, wie die Neuapostolische Kirche, Baptisten, Mennoniten, Pfingstler, Adventisten, Mormonen oder die Heilsarmee, finanzieren sich über freiwillige Spenden und sind vom Staat bewusst unabhängig. Insgesamt bekennen sich laut „Statista“ knapp 900.000 Christen in Deutschland zu Freikirchen.
Zum katholischen Glauben bekennen sich 19,4 Millionen Deutsche, zum evangelischen Glauben 17,4 Millionen. Zusammengenommen bekennen sich unter den 83,4 Millionen Deutschen 37,7 Millionen zum Christentum und stellen damit eine leichte Mehrheit dar.

Christliche Grundsätze in der Politik

So verwundert es nicht, dass sich auf den ersten Blick in der Politik und in manchen staatlichen Einrichtungen ein christliches Grundverständnis der deutschen Gesellschaft abbildet. Etwa in christlich-religiösen Grundsätzen und Symbolen. Die Partei Christlich Demokratische Union (CDU) zum Beispiel definiert ihre Politik laut eigenem Grundsatzprogramm von 2024 über „das christliche Verständnis vom Menschen“.
Theologisch konkret wird die CDU mit dieser Aussage jedoch nicht. Vielmehr fühlt sie sich auch „den Traditionen der Aufklärung verpflichtet und erklärt, allen Menschen offen zu stehen, die – unabhängig von der eigenen religiösen Überzeugung“ die Grundwerte der Partei teilen.
Damit ist die CDU trotz Namensgebung keine explizit christliche Partei. Da sie sich zudem auf das Zeitalter der Aufklärung beruft, deren Grundgedanke der Humanismus ist, gibt es Christen, die der Partei ihr vermeintliches „Christsein“ gänzlich absprechen.
Nach jeder Bundeskanzlerwahl sind in erster Linie Christen daran interessiert, welche Eidesformel der neue Bundeskanzler spricht. Der Amtseid des Bundeskanzlers ist in Artikel 56 des Grundgesetzes (GG) in Verbindung mit Artikel 64, Absatz 2 GG festgelegt und entspricht dem Eid des Bundespräsidenten. Die Schlussworte „So wahr mir Gott helfe“ am Ende der Eidesformel sind ein freiwilliger Zusatz. Diese Option drückt damit Respekt vor der Glaubensfreiheit gemäß Artikel 4 GG aus.
Während Friedrich Merz (CDU) den Amtseid mit dem religiösen Zusatz ablegte, nutzte sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD) den weltlichen Zusatz „Ich schwöre es“. Gerhard Schröder (SPD) war der erste Bundeskanzler, der auf Gottes Hilfe bei seinem Amtseid verzichtete.
Auch Bundesminister sowie Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit schwören einen ähnlichen Eid, bei dem der religiöse Zusatz optional ist.
Laut der einstigen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die als Pfarrerstochter aufwuchs, war der Zusatz ein selbstverständliches Bekenntnis. „Die Formel ‚So wahr mir Gott helfe‘ macht uns Menschen bewusst, dass all unser Handeln und Bestreben fehlbar und begrenzt ist“, wird sie auf dem von katholischen Kirche betriebenen Onlineportal „katholisch.de“ zitiert.

Gott im Grundgesetz

Im Grundgesetz sticht die Präambel mit einem Gottesbezug hervor: Dort heißt es im ersten Satz: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen […] hat sich das Deutsche Volk […] dieses Grundgesetz gegeben.“ In diesem ersten Satz wird eine Selbstbegrenzung der staatlichen Macht ausgedrückt. Die letzte Instanz sei nicht der Mensch, sondern Gott.
Obwohl die Gründerväter und -mütter der Bundesrepublik höchstwahrscheinlich bei dem Begriff „Gott“ an den christlich-jüdischen Gott der Bibel bzw. der Thora dachten, kann Gott heute auch für die dritte abrahamitische Glaubensrichtung, den Islam, gelten und grenzt Muslime nicht aus. Denn im Arabischen nutzen auch Christen den Begriff „Allah“ für den biblischen Gott.

Staatliche Neutralität

Wie aber steht es um die weltanschauliche Neutralität des Staates? Dazu hatten die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages im Jahr 2016 eine Stellungnahme herausgegeben.
Darin heißt es: „Ein Widerspruch der Präambel zu der religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates läge nur dann vor, wenn die Präambel sich für einen christlichen Staat ausspräche oder den Einzelnen auf den christlichen Glauben festlegen würde.“
Insbesondere wird in diesem Zusammenhang auf Artikel 4, Absatz 1 des GG verwiesen: Das dort verankerte Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit schütze die innere Freiheit des Einzelnen, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu bilden und diese nach außen zu bekennen und zu verbreiten. Zudem sei auch das Recht, keinen Glauben oder keine Weltanschauung zu teilen, geschützt.

Jesus mahnte, nicht zu schwören

Dennoch bleibt die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, bei der Vereidigung der höchsten Staatsvertreter und bei der Verbeamtung einen Eid anzubieten, bei dem die Option besteht, auf Gott zu schwören oder nicht. Schließlich erleben alle christlichen Religionsgemeinschaften jedes Jahr massive Austritte und die deutsche Gesellschaft wird zunehmend säkular.
Außerdem verbietet das Neue Testament der christlichen Bibel sogar ausdrücklich das Schwören. In der Bergpredigt (Matthäus 5,34) stellte Jesus eine Forderung auf: „Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt.“ Und wenig später (Matthäus 5, 37) mahnte er: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“
Kurzum: Wer schwört, um seine Worte zu untermauern, dessen normale Worte scheinen offenbar weniger glaubwürdig. Jesus aber ermahnt oder ermutigt dazu, dass auch ohne Schwur die Worte eines Menschen glaubhaft gemeint sein sollen.
In einer Auslegung der katholischen Kirche, dem „Katechismus“ heißt es, Jesu Worte würden nur das „mitmenschliche Verhalten“ betreffen „und nicht unmittelbar die Eidesableistung vor Gericht“. Und weiter: „Die katholische Kirche sucht der Forderung der Heiligen Schrift dadurch zu entsprechen, dass sie die Eidesleistung möglichst einschränkt und sie nur für erlaubt ansieht, wenn schwerwiegende Gründe dafür sprechen.“
Zudem wird in dem Katechismus darauf hingewiesen, dass auch die evangelische Theologie „die sittliche Erlaubtheit des Eides, der ein Bekenntnis zu Gott zum Ausdruck bringt“, bekräftige. Unter zahlreichen Freikirchen wird indes jegliche Form von Eid oder Schwur abgelehnt. Die ältesten christlichen Glaubensrichtungen dieser Art sind die Mennoniten, die Herrnhuter Brüdergemeine
und die Quäker.

Christliches Abendland – eine Fiktion?

In sechs Bundesländern – Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern – gibt es in den Landesverfassungen keinen Bezug zu Gott. Ähnlich uneinheitlich wie in Deutschland sieht es auch bei den Mitgliedsstaaten der EU aus. Neben Deutschland finden sich nur in Dänemark, Griechenland und Irlands in den Verfassungen ausdrücklich ein direkter Gottesbezug.
In Großbritannien, das immerhin drei Kreuze in der Nationalflagge des Vereinigten Königreichs, dem „Union Jack“, führt, ist staatliches Schwören auf Gott häufiger verbreitet. Wer etwa in England eingebürgert werden will, muss einen Eid schwören, der folgendermaßen beginnt: „Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen“.
Parlamentarier des Ober- und Unterhauses haben – wie in Deutschland – die Option, bei ihrer Vereidigung zu sagen „So help me God“ oder diesen Zusatz wegzulassen. Britische Monarchen haben bisher ihren Krönungseid ebenfalls mit der Formulierung „So help me God“ abgeschlossen.
Bei so wenig Gottesbezug in Europa muss gefragt werden: Wie christlich ist das „christliche Abendland“? Die katholische Kirche hat darauf eine klare Antwort. In einem Beitrag von „katholisch.de“ heißt es: „Das christliche Abendland ist Fiktion.“
Der Theologe der Hochschule Vallendar, Manfred Becker-Huberti erklärte im Jahr 2016 vor dem Hintergrund der Pegida-Bewegung in Deutschland, der Begriff „christliches Abendland“ sei ab dem 5. Jahrhundert „ursprünglich als Bezeichnung für die ehemaligen römischen Provinzen des westlichen Europas verwendet“ und als „Kampfbegriff“ gegen die griechisch-orthodoxe Kirche von Byzanz gebraucht worden.
In ähnlicher Weise werde der Begriff heute wieder angewandt, um „sich gegen eine drohende Islamisierung“ zu verteidigen. Wer den Begriff „Christliches Abendland“ in dieser Weise benutze, wolle „etwas verteidigen, was es so in der Form nie gegeben hat“, erklärt der katholische Theologe.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Die Frage nach einem Leben mit oder ohne Gott ist eine der ältesten Fragen der Menschheit. Leben mit einem Gott gibt Milliarden von Menschen auf der Welt Sinn und Halt, spendet Trost in Krisen und dient meist als gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Leben ohne Gott – oft bezeichnet als Atheismus, Agnostizismus oder Humanismus – stellt die Selbstbestimmung des Menschen in den Vordergrund. Mit dieser Weltanschauung wird jeder Mensch zu seines Glückes Schmied. Säkulare Personen empfinden dies oft als die ultimative Freiheit der Menschheit.
Am Ende sind jedoch beide Weltanschauungen stets für ihr Handeln selbst verantwortlich. Zumindest in dieser Hinsicht gibt es Einigkeit unter religiösen und nichtreligiösen Menschen.