Thomas Oellers kaufte 2023 das Kirchengebäude und eröffnete sein Geschäft „Toms Bike Center“. - Foto: Tom Goeller
Jülich ist eine 35.000 Einwohner zählende Kleinstadt im westlichen Nordrhein-Westfalen. Allein an den vielen Neubauten kann man erkennen: Die Gemeinde erlebt als Standort eines Energieforschungszentrums stetigen Zuzug – allerdings nicht von gläubigen Christen. Diese nehmen kontinuierlich ab.
Deshalb hat das katholische Bistum Aachen im Jahr 2022 beschlossen, eine der vier katholischen Kirchen des Ortes aufzugeben.
Unauffälliger Waschbetonbau
Die Wahl fiel auf die im Jahr 1961 errichtete St.-Rochus-Kirche. Sie liegt im Stadtteil Heckfeld in einem Wohngebiet. Nähert man sich ihr von außen, kommt man nicht auf die Idee, dass das Gotteshaus nicht mehr im Dienst der Kirche steht.
Die ehemalige St.-Rochus-Kirche in Jülich, Nordrhein-Westfalen.
Foto: Tom Goeller
Weithin sichtbar ist der hohe, vom Kirchengebäude abgesetzte Glockenturm. Auch auf dem ehemaligen Kirchenvorplatz sieht alles nach Kirche aus. Man muss schon sehr genau hinsehen, um herauszufinden, dass sich hier keine Gläubigen mehr versammeln.
Im Glaskasten rechts neben dem Eingang, in dem früher Gemeindenachrichten ausgehängt wurden, steht nun in schwarzer Schrift auf weißem Papier unauffällig: „Toms Bike Center“. Dazu die Öffnungszeiten.
Das schmucklose, funktionale Stahl-Glas-Portal hätte schon immer auch der Eingang zu einem Fabrikgebäude sein können. Betritt man es heute, bietet sich dem Betrachter aufgrund der Waschbeton- und Ziegelsteinarchitektur eher der Eindruck einer Turnhalle, vollgestellt mit Fahrrädern, soweit das Auge reicht.
Thomas Oellers hat 2023 sein Geschäft „Toms Bike Center“ in dem Kirchengebäude eröffnet.
Foto: Tom Goeller
Dazwischen bewegen sich ein paar Kunden mit Schutzhelmen auf dem Kopf. Andreas L. (62) ist gläubiger Christ, sagt aber: „Für mich ist das Fahrradgeschäft hier ein ganz normaler Raum.“ Er kommt, um sein Bike reparieren zu lassen. „Irgendwo knackt es und ich finde den Fehler nicht“, sagt er.
Im Eingangsbereich steht eine Mutter mit einem Kind auf einem Fahrradsitz. Sie sucht nach einem Anhänger mit Netzverdeck. Beraten wird sie von einem jungen Mann, ganz in schwarz gekleidet. Er ist der Sohn des Bike-Center-Besitzers. Er zeigt mir, wo ich seinen Vater finde, mit dem ich verabredet bin.
Im linken vorderen Eck der Halle ist eine kleine Glaskastenkonstruktion eingebaut. Das Büro von Tom Oellers. Er telefoniert gerade, als ich eintrete.
Bevor wir das Gespräch beginnen können, platzt noch ein Kunde ins Büro. Er kommt vom Forschungszentrum in Jülich. Der Mann braucht ein Lasten-E-Bike. Das ist ein Dreirad mit einem vorne auf zwei Rädern befestigten Kasten, präzise „CB1“ genannt. Die Besonderheit daran: Das Bike verfügt über eine Neigungslenkung. Bei dem bisherigen Lasten-Bike sind einige Speichen der Räder gebrochen.
Diese Speichen hat Oellers aber gerade nicht vorrätig. Die Reparatur wird etwas dauern. Für die Zwischenzeit braucht das Forschungszentrum einen Ersatz. Oellers kann ein solches Rad sofort zur Verfügung stellen. Laut Auskunft eines Mitarbeiters des Forschungszentrums verfüge dieses über „etwa tausend Fahrräder“. Jetzt verstehe ich, warum sich in dem kleinen Ort Jülich ein großes Fahrradgeschäft mit Werkstatt lohnt.
„Ich habe nicht im Internet geguckt“
Endlich kommen Oellers und ich ins Gespräch. Warum hat er als Fahrradtechniker eine Kirche gekauft? Oellers berichtigt:
„Die erste Frage, die man stellen muss, ist: ‚Wie kommt man überhaupt an ein Kirchengebäude?‘ Ich habe nicht im Internet geguckt, sondern die Kirchengemeinde ist damals zu mir gekommen und hat mich gefragt. Es war ein Bekannter, der Mitglied des Kirchenvorstands war.“
Dieser habe über die Platzprobleme von Oellers bisherigem Geschäft Bescheid gewusst und sich gedacht, dass das große Kirchengebäude „etwas“ für ihn sei.
Tom Oellers, der Inhaber des Fahrradgeschäftes.
Foto: Tom Goeller
Auch die Lage habe gepasst. Bei der Kauferwägung sei ihm außerdem wichtig gewesen, dass es genügend Parkplätze gibt. Es kämen viele Kunden mit dem Auto, an dem sie Fahrräder mit Heckträgern befestigt haben. Sein Standort würde solchen Kunden, denen es um Reparaturen gehe, den Besuch der Werkstatt erleichtern. Auch zur Innenstadt sei es nicht weit.
Erscheinungsbild erhalten
Wie aber finden Kunden den Weg zum Fahrradshop? Nirgends gibt es ein Hinweisschild. Selbst das typische Firmenschild über der Eingangstür fehlt. Keine Werbung weit und breit. Oellers sagt, die Kunden würden ihn entweder kennen oder übers Internet finden. Beim Erwerb der Kirche habe er sich selbst ein paar Auflagen gestellt.
Er findet Werbeposter an dem ehemaligen Kirchengebäude unpassend. Er möchte den Gesamteindruck und das äußere Erscheinungsbild von vorher bewahren. Deshalb habe er auch keine Container für die Müllentsorgung aufgestellt. Allein durch die Anlieferung neuer Fahrräder entstehe eine große Menge an Papp- und Folienmüll. Diesen entsorge er über sein altes Ladengeschäft. Auch innerhalb seines Geschäfts verzichte er „bewusst“ auf Werbung.
Im Laden befindet sich weiterhin ein großes Orgelprospekt. Funktioniert die Orgel noch? Oellers: „Die Orgel kann nach wie vor gespielt werden.“ Im Kaufvertrag sei vereinbart gewesen, dass die ehemalige Gemeinde ein Jahr Zeit hatte, die Orgel an einen Interessenten zu übergeben. Als dieser das Kircheninstrument abbauen wollte, war der Zeitpunkt aber für das Fahrradgeschäft ungünstig. Ein neuer Termin sei nicht zustande gekommen.
„Hier habe ich geheiratet“
Wie fühlt er sich selbst damit, in einer ehemaligen Kirche seine Räder auszustellen und zu verkaufen? Oellers: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Je häufiger ich hierherkomme, desto normaler empfinde ich das. Die Ehrfurcht der ersten Tage und Monate ist teilweise gewichen.“
Seine Erfahrung mit seinen Kunden sei, dass diejenigen, die zum ersten Mal sein Geschäft betreten, erstaunt seien. „Für die, die öfter kommen, sind das Geschäft und die Werkstatt total normal“, sagt er. Allerdings gebe es auch eine Reihe von Kunden, die sich daran erinnern, wie sie als Kinder hier zur Kirche gegangen sind oder in dem Raum geheiratet haben und die darüber sprechen.
„Für mich war das Ergreifendste, als die Mutter eines einstigen Klassenkameraden ins Geschäft kam, um ein Fahrrad zu erwerben. Wir standen hier vorne auf dem Podest, wo früher die Heilige Messe zelebriert wurde und sie sagte plötzlich auf Jülicher Platt:
„‚Hör mal Tom, kannste Dir det fürstelln, hier hob ich jehürot – hier habe ich geheiratet.‘ Die war mit ihren Gedanken mehr bei ihrer Hochzeit als beim Kauf.“
Andere erzählten davon, dass sie hier getauft worden oder zur ersten heiligen Kommunion gegangen seien, genauso, wie er selbst. In seiner Wahrnehmung fallen solche Äußerungen jedoch nicht in einem bedauernden Ton. Es seien zumeist einfach Feststellungen.
Respektvoller Umgang mit dem Gebäude
Grundsätzlich gestattet Oellers, dass sich Gläubige in einem Nebenraum, einer ehemaligen Kapelle, treffen und beten können, wenn sie das möchten. Im Verkaufsraum befinden sich auch nach wie vor einige alte Kirchenbänke. Oellers sagt: „Wem danach ist, der kann sich gerne hier hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen.“
Aufgrund seines Gesamtumgangs bei der Übernahme des Gebäudes sei der „Aufschrei in der Bevölkerung weitgehend ausgeblieben“. In den sozialen Netzwerken habe es zwar einige negative Kommentare gegeben, da man ihn aber im Ort kenne – schließlich sei er hier geboren und aufgewachsen –, habe sich die Kritik in Grenzen gehalten. Er habe den Eindruck, dass viele Menschen verstehen, dass der Verkauf an ihn „das Beste für dieses Kirchengebäude“ gewesen sei, da er nachweislich respektvoll damit umgehe.
Auch im Innenraum hat Oellers von massiven Umbaumaßnahmen Abstand genommen. Die Werkzeuge sind entlang der Außenmauern in nicht fest installierten Schränken untergebracht. Deshalb könne „rein theoretisch das Fahrradgeschäft ohne großen Aufwand jederzeit wieder in eine Kirche umgewandelt werden“, sagt er.
Heiztechnisch stellt das ehemalige, hohe Kirchengebäude in den Wintermonaten ein Problem dar. „Dann frieren wir“, sagt Oellers grinsend. Denn wenn er dauerhaft eine Temperatur von 18 Grad plus erreichen wollte, könnte er sich dies finanziell nicht leisten.
„Am Anfang haben wir nur geflüstert“
In der kleinen Werkstatt in der ehemaligen Sakristei sind drei Mitarbeiter mit der Reparatur von Fahrrädern beschäftigt. Alen (42) arbeitet schon seit fast 20 Jahren für Oellers. „Die Arbeit hier macht mir sehr viel Spaß.“ Nach dem Einzug in die Kirche sei es am Anfang „spannend und aufregend“ gewesen.
„Wir haben in den ersten Wochen nur geflüstert.“
Alen (42) arbeitet für Oellers schon seit fast 20 Jahren.
Foto: Tom Goeller
Und wenn er im privaten Umfeld von seiner Arbeitsstätte spricht, dann nennt er das Geschäft nach wie vor „Kirche“. Freunde und Verwandte fänden die Umwidmung des Gebäudes „alle ganz gut“.
In einem anderen Teil der Werkstatt setzt Amr gerade ein Fahrrad instand. Er stammt aus Syrien und ist Muslim. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass in seinem Herkunftsland eine Moschee in eine Werkstatt umgewandelt würde, antwortet Amr: „Eigentlich nicht.“ Denn eine Moschee sei ein „Haus von Gott“.
Amr setzt in der Werkstatt ein Fahrrad instand.
Foto: Tom Goeller
„Eine besondere Fügung“
Bevor wir auseinandergehen, erzählt mir Oellers noch zwei besondere Begebenheiten aus der Zeit, als es um den Kauf des Gebäudes ging, die ihn bis heute bewegen: Seine Bank hatte zunächst der Finanzierung des Kredits für den Kauf zugestimmt. Einen Tag vor dem Notartermin habe der Vorstand der Bank seine Meinung jedoch geändert, obwohl die Finanzierung zuvor über den Bodenrichtwert als Sicherheit errechnet worden sei.
Er habe sich daraufhin dennoch entschieden, den Kaufvertrag zu unterschreiben – mit allen Konsequenzen, die dieser Schritt für ihn hätte nach sich ziehen können. Wenig später habe ein Freund eine andere Bank für ihn ausfindig gemacht, die ihm den Kredit zur Verfügung stellte.
Ob dabei Gott im Spiel gewesen sein könnte, so weit will Oellers nicht gehen, obwohl er nach seinen eigenen Worten „sehr gläubig“ sei. Er sagt aber, er empfinde das Zustandekommen der Finanzierung nach dem Kauf als „Fügung“, also als ein schicksalhaftes Ereignis, bei dem Umstände auf wundersame Weise zusammenwirkten.
Daumenschrauben von Behörden
Und er weist auf ein weiteres damaliges Problem hin: „Wenn ein solches Gebäude wie dieses eine Umwidmung erfährt, dann legen einem die Behörden gewisse Daumenschrauben an“, sagt er. So hätte beispielsweise ein Brandschutzkonzept vorgelegt werden müssen. Die Behörden verlangten, dass eine Rauchabzugsanlage installiert werden müsse. Diese wäre zum einen „sehr teuer geworden“, zum anderen hätte sie den Raum optisch verunstaltet.
Seinem Architekten, der ihn bei der Umwidmung begleitet habe, sei indes aufgefallen, dass die vorhandenen Kirchenfenster „genau zu dem Luftvolumen passten“. Deshalb habe die Anlage nicht installiert werden müssen. Oellers mokiert sich nun darüber:
Vor dem Verkauf der Kirche habe es im Kirchenraum aufgrund der vielen Kerzen zahlreiche offene Flammen gegeben, ohne dass die Behörden auf eine Rauchabzugsanlage bestanden hätten. Sobald man aber gewerblich tätig werde, gebe es plötzlich „wahnsinnige Auflagen“.
Ein Blick auf die Kirchenfenster.
Foto: Tom Goeller
Hohes Maß an Wertschätzung
Wieder im Freien, geht mir durch den Kopf, was aus anderen aufgegebenen Kirchen geworden ist: im besten Fall eine Bibliothek, in anderen Fällen aber ein Restaurant, ein Freizeitzentrum, in dem man Skateboard fahren kann, oder gar eine Urnenbegräbnisstätte.
Der Innenarchitekt Felix Hemmers betreut seit 2025 für den Verein „Baukultur Nordrhein-Westfalen“ das Projekt „Zukunft-Kirchenräume“, das sich mit der Umwidmung von Kirchen in profane Räume befasst. Er bescheinigt der neuen Nutzung in Jülich: „Durch die Biografie des Unternehmers wurde dem Gebäude […] trotz der kommerziellen Nutzung ein hohes Maß an Wertschätzung entgegengebracht.“ Diese Einschätzung teile ich.
Ezra Jin, Gründer der Zion Kirche in China, in einem Archivfoto. - Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Grace Jin Drexel.
In Kürze:
China entlässt Pastor Ezra Jin
Seine Familie spricht von einem „Wunder“
Voraus gingen diplomatische Bemühungen auf höchster Ebene
Der inhaftierte christliche Gemeindeleiter Ezra Jin, auch bekannt als Jin Mingri, wurde in China aus der Haft entlassen. Das bestätigte seine Tochter am 4. Juli NTD, einem Schwestermedium von „The Epoch Times“.
Jin ist Gründer und Pastor der Zion-Kirche, einer in China tätigen christlichen Untergrundgemeinde. Die chinesischen Behörden hatten Jin und mehrere andere Pastoren und Gemeindemitglieder im Oktober 2025 festgenommen – ein Vorfall, den Menschenrechtsgruppen als Eskalation der Einschränkung der Religionsfreiheit bezeichneten.
„Vielen Dank für die Unterstützung und die Gebete aller von Beginn an. Wir haben wahrhaftig ein Wunder erlebt und sind von Freude überwältigt. Wir danken Gott für dieses ungeheure Wunder“, schrieb Jins Tochter, Grace Jin Drexel, in einer Textnachricht.
US-Präsident Donald Trump setzte sich für Jins Freilassung ein, als er sich im Mai mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping traf. Trump sagte, Xi werde dies nach ihrem Gespräch „sehr ernsthaft in Erwägung ziehen“.
„Wir danken auch Präsident Trump und seiner Regierung für ihre großartige Führungsrolle“, hieß es in der Mitteilung von Jin Drexel. „Wir wissen, dass dies ohne das direkte Eingreifen von Staatschef Xi Jinping nicht möglich gewesen wäre.“
Das Weiße Haus reagierte bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
2018 verbot Peking die Kirche
Jin, ein chinesischer Staatsbürger, hatte mit seiner Familie in den USA gelebt, bis er sich 2007 dazu berufen fühlte, die Zion-Kirche zu gründen.
In den folgenden Jahren geriet Jins christlicher Dienst zunehmend in Konflikt mit den Auflagen der regierenden Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Die Behörden verboten die Zion-Kirche 2018 offiziell. Sie verhängten ein Ausreiseverbot, wodurch Jin daran gehindert wurde, bei seiner Familie in den Vereinigten Staaten zu sein.
Die Festnahmen von Jin, seinen Pastorenkollegen und Gemeindemitgliedern im Oktober 2025 fanden in mehreren Städten und Provinzen statt.
Bob Fu, Gründer und Präsident von ChinaAid, erklärte, den Festgenommenen werde „die illegale Nutzung von Informationsnetzwerken“ im Gemeindenienst vorgeworfen. Diese Klage kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden.
Gemeinde hofft auf positive Wende für Gläubige in China
„Wir hoffen, dass dies ein Zeichen für eine positive Wende für die Gläubigen in China und für die Beziehungen zwischen unseren beiden Nationen ist“, schrieb Jin Drexel. „Da sich diese bedeutende Entwicklung so schnell vollzogen hat, bitten wir um Ihre Gebete und um Geduld mit uns, während wir diese kritische Zeit durchstehen.“
Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus und im Senat verabschiedeten vor Trumps Treffen mit Xi im Mai Resolutionen. Darin forderten sie den Präsidenten auf, sich bei Chinas Staatschef auch für die Freilassung von Pastor Gao Quanfu und dessen Ehefrau Pang Yu, des Medienmoguls und KPCh-Kritikers Jimmy Lai sowie der pensionierten uigurischen Ärztin Gulshan Abbas einzusetzen.
Trump deutete an, dass er den Fall Lai gegenüber Xi angesprochen habe, bezeichnete diesen jedoch als „schwieriger“ zu lösen.
Santa Maria Novella, Fassade vollendet von Alberti, 1470. - Foto: undefined/iStock
Um die perfekte Kuppel für die neue Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz zu entwerfen, reiste der berühmte Ingenieur Filippo Brunelleschi (1377–1446) nach Rom. Das antike Bauwerk, das seine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war das Pantheon: ein Tempel mit einer rund 43 Meter hohen Kuppel, deren charakteristische Kassettierung in den römischen Beton (Opus caementicium) eingearbeitet wurde – eine Mischung aus Kalkmörtel, Vulkanasche (Pozzolana), Wasser und Gesteinszuschlägen.
Brunelleschi fertigte zahlreiche Skizzen dieser beeindruckenden Konstruktion an, die bis heute die größte Kuppel aus unbewehrtem Beton ist. Diese Zeichnungen erwiesen sich später als entscheidend für die ingenieurtechnischen Meisterleistungen, die Brunelleschi den Ruf eines der bedeutendsten Architekten der Geschichte einbrachten.
Zu den vielen anderen, die Brunelleschis Beispiel folgten, gehörte auch der jüngere Leon Battista Alberti (1404–1472). Er war ein vielseitiger und geschichtsbegeisterter Universalgelehrter, dessen wegweisende Werke die italienische Renaissance maßgeblich beflügelten.
Das Pantheon verfügt über eine klassische Tempelfassade mit einem dreieckigen Giebel, der sich über einer Reihe von acht Säulen befindet und den Portikus bildet. Hinter dem Portikus erhebt sich die massive Betonkuppel, die von dicken, trommelförmigen Ziegel- und Betonmauern gestützt wird.
Foto: TomasSereda/iStock
Die Humanisten und die Renaissance
Laut dem bedeutenden Florentiner Gelehrten und Dichter Angelo Poliziano (1454–1494) war Alberti „ein Mann von außergewöhnlicher Brillanz, scharfem Urteilsvermögen und umfangreichem Wissen“.
Die Informationen über Albertis Leben stammen größtenteils aus dem bekannten Werk „Leben der berühmtesten Maler, Bildhauer und Baumeister“ von Giorgio Vasari (1511–1574). Als versierter Künstler beschloss Vasari, diese Biografien zu verfassen, um „jenen“ Tribut zu zollen, „welche jede der einst erloschenen Künste zuerst wieder erweckt, darauf allmählich vervollkommnet und bereichert, und endlich zu der Stufe der Herrlichkeit und Hoheit gebracht haben“, wie er sie in seiner Heimat Italien verwirklicht sah.
„Broadside of Humanist Cosmography“, 1585, von Gerard de Jode. Diese Darstellung der humanistischen Perspektive der Renaissance untersucht, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und wie das Universum – einschließlich der Planeten und Elemente – den Menschen prägt.
Foto: gemeinfrei
Dieses Streben danach, außergewöhnliche Persönlichkeiten zu feiern und ihrem Beispiel nachzueifern, prägte die italienische Renaissance. In der Epoche zwischen 1300 und 1550 entstanden zahllose bahnbrechende Leistungen in Kunst, Literatur und Politik. Ihre führenden Denker und Künstler würdigten die schöpferische Kraft des Menschen in einem bis dahin unbekannten Ausmaß.
Daraus erklärt sich auch ihre Begeisterung für die Geschichte, aus der sie Erkenntnisse über herausragende Leistungen und bedeutende Persönlichkeiten gewannen. Sie wurden als „Humanisten“ bekannt – ein Ideal, das Alberti mit ganzer Überzeugung verkörperte.
Alberti wurde 1404 in Genua geboren, nachdem seine wohlhabenden Eltern aus politischen Gründen aus Florenz fliehen mussten und sich dort niedergelassen hatten. Trotz der schwierigen Lage seiner Familie erhielt er eine erstklassige Ausbildung. Als Jugendlicher wurde er auf ein Internat in Padua geschickt, wo er Latein und Literatur studierte. Das 15. Jahrhundert erlebte die Wiederentdeckung verloren gegangener Schriften von Cicero, Platon und anderen antiken Autoren. Dadurch erweiterte sich das Literaturstudium um diese lang vergessenen Quellen, die damit eine neue Generation historisch denkender Intellektueller prägten.
Wie andere Wunderkinder war auch Alberti äußerst lernbegierig. Er meisterte seine Fächer mit beneidenswerter Leichtigkeit und begeisterte sich besonders für das Schreiben. Im Alter von 20 Jahren verfasste er eine Komödie in lateinischer Sprache. Sein Stil war so ausgefeilt, dass das Werk über ein Jahrhundert lang fälschlicherweise für ein Original eines römischen Dramatikers gehalten wurde.
Porträtstatue des Leon Battista Alberti (Giovanni Lusini, 19. Jh.) im Hof der Uffizien in Florenz.
Foto: AndreyUshakov/iStock
Alberti absolvierte seinen akademischen Werdegang schließlich in Bologna, wo er an der damals renommiertesten Universität Jura studierte. Doch das Rechtswesen war nichts für ihn. Nachdem er die Priesterweihe in der katholischen Kirche empfangen hatte, nahm er eine Stelle als literarischer Sekretär am päpstlichen Hof an. Diese neue Anstellung führte ihn nach Rom, wo er in einer turbulenten Epoche als Berater mehrerer Päpste tätig war.
Sein ganzes Leben lang war es Albertis Ziel, die Welt zu verschönern. Sein Streben nach Schönheit inspirierte ihn zu unzähligen Werken. Er verfasste wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Abhandlungen, darunter das erste Buch über italienische Grammatik sowie einen Aufsatz über Kryptografie, die Wissenschaft der Verschlüsselung vertraulicher Informationen. Brunelleschi und andere Erfinder nutzten diese Methode häufig, um ihre nicht patentierten Erfindungen zu schützen.
Von Albertis Werken waren insbesondere drei Schriften über die bildenden Künste von großer Bedeutung. Die erste erschien 1450 und beschrieb die Malerei als mathematische Kunst. „De pictura“ (Über die Malkunst) enthielt zudem die erste ausführliche Erklärung der Linearperspektive – einer Technik, mit der auf einer zweidimensionalen Fläche die Illusion von Räumlichkeit erzeugt wird.
Alberti schrieb diese Methode Brunelleschi zu, der sie bei seinen Überlegungen zur Kuppel von Santa Maria del Fiore entwickelt hatte. Alberti machte sie jedoch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und begründete damit ihren festen Platz in der künstlerischen Praxis – damals wie heute.
In „Über die Malkunst“ beschrieb Alberti künstlerische Konzepte wie den „Fluchtpunkt“, der auf einer ebenen Fläche einen dreidimensionalen Effekt erzeugte.
Foto: gemeinfrei
Zwar war Albertis Abhandlung über die Bildhauerei weniger einflussreich, sie erläuterte jedoch einige der gleichen Grundprinzipien. In beiden Werken betonte er die Notwendigkeit, von der Natur zu lernen, da er sie als die vollkommenste Quelle von Symmetrie und Harmonie betrachtete. Seiner Meinung nach sollte das übergeordnete Ziel von Malern und Bildhauern darin bestehen, die Natur so genau wie möglich nachzuahmen. Dieses Interesse am naturalistischen Realismus fand bereits bei den antiken Griechen seinen ersten Ausdruck, die mit Vorliebe Geschichten über die täuschende Wirkung der makellosen Nachahmung in Malerei und Skulptur erzählten.
Obwohl sich Alberti auch in Malerei und Bildhauerei versuchte, war seine größte Begabung zweifellos das Schreiben. Er befasste sich mit zeitgenössischen Theorien und studierte so viele Werke aus der Vergangenheit wie möglich. Wie Vasari feststellte, erstrebte er, „nicht nur die Welt zu sehen und Maaß und Verhältnis der alten Bauwerke zu erkennen, sondern sein Sinn trieb ihn mehr noch zur Schriftstellerei als zur Kunstthätigkeit“.
Zwar räumte Vasari ein, dass viele Alberti in puncto technisches Know-how übertrafen, doch „keiner der späteren Meister in schriftlicher Darstellung weiter zu gehen vermochte“ als er. Das Lieblingswerkzeug des Universalgelehrten war die Feder, die weit mächtiger zu sein schien als Meißel, Pinsel oder Schwert.
„Über das Bauwesen“
In seiner Abhandlung über die Architektur, die er als eine Synthese aus Kunst, Wissenschaft und Philosophie betrachtete, legte Alberti einen ähnlichen Schwerpunkt auf Natur und Harmonie.
Sein in Latein verfasstes Werk „De re aedificatoria“ (Über das Bauwesen) griff Konzepte des berühmten römischen Architekten Vitruv (circa 80 v. Chr. bis 15 v. Chr.) auf, der ein ähnliches Werk in zehn Büchern verfasst hatte. Vitruv wiederum ließ sich von seinen antiken griechischen Vorgängern inspirieren, deren Streben nach Harmonie beeindruckende Bauwerke wie den Parthenon prägte.
Der Prolog der Abhandlung „De re aedificatoria“ in der Handschrift Olomouc, Státní Archiv, Domské i Kapitolní Knihovna, Cod. Lat. C. O. 330.
Foto: gemeinfrei
„Über das Bauwesen“ war die erste systematische Abhandlung über Architektur in lateinischer Sprache seit fast einem Jahrtausend. Alberti schrieb sein Werk „nicht nur für die Baumeister, sondern auch für die, welche ihre Kenntnisse mit Wissenswertem bereichern wollen“. In seinen weitreichenden Ausführungen behandelt er technische Aspekte wie Materialbeschaffung und Baupraktiken ebenso wie allgemeinere Themen, beispielsweise die gesellschaftliche Bedeutung der Architektur, die Geschichte der Stadtplanung und die Philosophie der Schönheit.
Alberti definierte Schönheit als „eine bestimmte gesetzmäßige Übereinstimmung aller Teile, was immer für eine Sache, die darin besteht, dass man weder etwas hinzufügen noch hinwegnehmen könnte, ohne sie weniger gefällig zu machen“. Mit anderen Worten ist Schönheit demnach die Harmonie aller Teile im Verhältnis zueinander und zu dem Ganzen, das sie bilden.
Harmonische Formen aus Kreisen, Rechtecken und Quadraten zu schaffen, war für Alberti von zentraler Bedeutung. In einer Ausgabe von „Über das Bauwesen“ aus dem Jahr 1565 illustrierte er eine für eine Basilika empfohlene Form.
Foto: gemeinfrei
Für Alberti war der Kreis die harmonischste Form. In einem Abschnitt über sakrale Räume beschrieb er ihn als die am besten geeignete geometrische Form für Kirchen, Taufkapellen und andere religiöse Gebäude, die die Einheit des göttlichen Kosmos widerspiegeln sollten.
Der Architekt erörterte auch das Quadrat, das Sechseck, das Achteck, das Zehneck, das Zwölfeck und drei Varianten des Rechtecks. All diese Formen sind vom Kreis abgeleitet und daher spirituell bedeutsam. Seiner Meinung nach sollte jedes Bauwerk, ob religiös oder anderweitig, diese idealen Formen integrieren.
Albertis Projekte
Über das architektonische Schaffen Albertis ist nur wenig bekannt. Dennoch lassen die wenigen Projekte, die unter seiner Leitung entstanden, seine Philosophie in der praktischen Umsetzung erkennen.
Der erste dokumentierte Auftrag kam im Jahr 1446, als er gebeten wurde, die Fassade des Palazzo Rucellai in Florenz zu entwerfen – eines der ersten Gebäude, das die architektonischen Prinzipien der Renaissance verkörperte. Neben der Unterteilung der Fassade in proportionale Abschnitte führte er auch zwei griechisch-römische Elemente – Pilaster und Gebälk – ein, die er symmetrisch an der Außenfassade des Palazzo anordnete.
Vier Jahre später wurde er mit der Renovierung des Tempio Malatestiano beauftragt, einer gotischen Kirche in Rimini, Italien. Die Fassade wurde nie fertiggestellt, zeigt jedoch ebenfalls die Integration idealer Formen, diesmal in Form von Rundbögen und dreieckigen Giebeln.
Versteckt in der Landschaft der Toskana liegt Pienza, eine von Alberti entworfene Planstadt. Die Piazza Pio II ist der zentrale Platz.
Foto: Rimbalzino/iStock
In Rom beauftragte Papst Nikolaus V. (1397–1455) Alberti mit dem Entwurf eines städtischen Wasserbeckens für ein großes römisches Aquädukt. Jahrzehnte später wurde Albertis’ schlichter Entwurf durch die monumentale Fontana di Trevi ersetzt.
Um das Jahr 1459 wurde Alberti beauftragt, die Neugestaltung der beschaulichen toskanischen Stadt Pienza, der Heimat des Papstes Pius II. (1405–1464), zu leiten. Mit ihren zahlreichen neuen oder renovierten Gebäuden war Pienza die erste Stadt, die vollständig nach den Idealen der Renaissance geplant und neu erbaut wurde.
Santa Maria Novella
Das berühmteste Gebäude, das Albertis’ Handschrift trägt, ist die Florentiner Kirche Santa Maria Novella. Nach wie vor zieht sie Besucher in ihren Bann, die sich vom gleichnamigen Bahnhof auf den Weg ins Stadtzentrum machen.
Sein Hauptbeitrag bezog sich erneut auf die Fassade der Kirche. Die untere Ebene wies drei Portale und sechs gotische Nischen auf, die aus demselben grünlichen Marmor gefertigt waren, der auch in einigen der berühmtesten Kirchen von Florenz zu finden ist. Die gotische Struktur umfasste zudem ein zentral angeordnetes Rundfenster.
Die Fassade der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, Italien. Leon Battista Alberti vollendete sie im Jahr 1470.
Foto: Vladislav Zolotov/iStock
Alberti verzierte diese ursprünglichen Elemente mit klassischen Ornamenten. So fügte er der unteren Fassade zunächst vier Säulen mit korinthischen Kapitellen hinzu. Korinthische Kapitelle waren ein Markenzeichen der Römer. Ihre kunstvollen Krönungen symbolisierten Tapferkeit und Wohlstand.
Als Nächstes fügte er einen Fries hinzu, einen breiten, horizontalen Abschnitt, der von Säulen getragen wird. Friese finden sich am Parthenon in Athen und an praktisch jedem bedeutenden griechischen oder römischen Tempel. Während die Griechen ihre Friese mit Flachreliefs verzierten, wählte Alberti ein sich wiederholendes Muster aus kachelartigen Quadraten, in die er den Namen des Kirchenstifters Giovanni Rucellai einfügte.
Detailansicht der Fassade von Santa Maria Novella, Florenz.
Der Architekt krönte den Fries mit einem Giebel, genauer gesagt mit einem dreieckigen Giebel, wie er für griechisch-römische Bauwerke typisch ist. Dieser wurde um das zentrale Fenster herum errichtet, das weiterhin den Mittelpunkt der Oberfassade bildete. An den beiden Ecken des Giebels fügte Alberti zwei s-förmige Voluten hinzu, welche zuvor noch nie verwendet worden waren. Durch die schrägen Voluten wurde der obere Teil verbreitert und es wurden optische Unstimmigkeiten zwischen diesem und dem breiten Sockel vermieden. Zudem verdeutlichten sie Albertis Faszination für die harmonische Ausgewogenheit zwischen gegensätzlichen Elementen.
Den krönenden Abschluss bildete ein von dem Architekten entworfenes, ornamentales Sonnenmotiv aus Fliesen. Ornamente wurden gewöhnlich plastisch gestaltet. Indem Alberti jedoch flache Fliesen verwendete, verzichtete er zugunsten der Farbvielfalt auf Tiefe und Struktur. Das schillernde Ornament zählt bis heute zu den reizvollsten Details der Fassade.
Einheit und Schönheit
Alberti war nicht daran interessiert, die Vergangenheit zu kopieren. Zwar schätzte er den Wert der griechisch-römischen Architektur, doch er wusste auch, dass seine Zeit nach Innovation verlangte. Das Gleiche galt für Brunelleschi und Leonardo da Vinci (1452–1519) sowie die vielen anderen Meister, die seit der Renaissance die Fantasie der Künstler beflügeln.
Bis heute berufen sich klassisch orientierte Architekten auf Alberti als Vorbild – nicht zuletzt wegen seiner leidenschaftlichen Aussagen über die Schönheit. In seinen Worten:
„Nichts ist edler als die Schönheit […] und jeder, der nicht möchte, dass das, was ihm gehört, geschmacklos erscheint, sollte sie mit größtem Eifer anstreben. Welch’ außerordentliche Bedeutung unsere Vorfahren, Männer von großer Klugheit, ihr beimaßen, zeigt sich in der Sorgfalt, mit der sie ihre rechtlichen, militärischen und religiösen Einrichtungen – ja den gesamten Staat – reich ausschmückten.“
Für den Architekten war Schönheit mehr als nur eine ästhetische Eigenschaft. Sie war für ihn Ausdruck göttlicher Schöpfung, kosmischer Einheit und des Potenzials der Menschheit zur Tugendhaftigkeit. Selbst sieben Jahrhunderte später inspirieren seine Ideen noch immer.
Der Pontifex spricht im spanischen Parlament Klartext. - Foto: César Vallejo Rodríguez/EUROPA PRESS/dpa
Papst Leo XIV. hat im spanischen Parlament vor einer zunehmenden Militarisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz in Waffensystemen gewarnt. Es sei „besorgniserregend, dass sich an verschiedenen Orten der Welt, auch in Europa, die Aufrüstung erneut als fast unvermeidliche Antwort auf die Instabilität der internationalen Lage darstellt“, sagte der Papst am dritten Tag seines Spanien-Besuchs.
Die Welt befinde sich in einer „tiefen geistigen und kulturellen Krise“, die sich in Gewalt, Polarisierung und gegenseitigem Misstrauen äußere. Das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken forderte deshalb mehr Orientierung an Diplomatie und Völkerrecht. Aufrüstung und Kriege seien keine Lösung.
Wahre Sicherheit entstehe durch Gerechtigkeit, Dialog, die Achtung des Völkerrechts und eine Politik, die das Wohl der Menschen über Kriegsinteressen stelle, sagte der 70 Jahre alte US-Amerikaner. Mit Blick auf die militärische Nutzung künstlicher Intelligenz betonte er, Entscheidungen über Leben und Tod dürften niemals automatisierten Systemen überlassen werden.
Spaniens König Felipe VI. und Königin Letizia begrüßen Papst Leo XIV. bei seiner Ankunft am internationalen Flughafen Madrid-Barajas am 6. Juni 2026.
Foto: Stefano RELLANDINI / AFP via Getty Images
Papst fordert humane Migrationspolitik
Mit Verweis auf seine jüngst veröffentlichte Enzyklika „Magnifica humanitas“ betonte Leo, technologische Entwicklung sei niemals neutral. Sie nehme „die Züge derjenigen an, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen“. Entscheidend sei, welchen Platz der Mensch in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen einnehme.
Leo sprach auch die „tragische Migrationskrise“ an. Die Situation von Migranten und Flüchtlingen erfordere eine Politik, die den Menschen in den Mittelpunkt stelle und Fluchtursachen bekämpfe. Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Religion, Sprache oder sozialer Lage verletze den Grundsatz der gleichen Würde aller Menschen.
Das Thema sei keine bloße demografische oder wirtschaftliche Frage, sondern vor allem eine moralische und rechtliche Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. Der Papst forderte sichere und legale Zugangswege sowie eine stärkere Bekämpfung der Fluchtursachen. Zum Abschluss seines Spanien-Besuchs will er auf den Kanarischen Inseln Migranten treffen.
Wie in Madrid sind auch in Barcelona und auf den Kanarischen Inseln Großveranstaltungen mit Papst Leo XIV. geplant.
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Minutenlange Standing Ovations und zahlreiche „Bravo“-Rufe
Zudem warnte Leo vor gesellschaftlicher Polarisierung und rief zu mehr Respekt im politischen Diskurs auf. Unterschiede dürften nicht zur Abwertung politischer Gegner führen, sondern müssten demokratisch ausgehandelt werden.
Nach der Rede erhielt der Papst minutenlangen Applaus, begleitet von „Bravo“- und „Viva“-Rufen. Die Standing Ovations hätten laut Medien sieben Minuten gedauert. Kommentatoren des Senders RTVE und weiterer Medien bezeichneten den Auftritt als „historisch“ und verwiesen auf die erste Rede eines Papstes im spanischen Parlament. Zudem habe Leo gezeigt, dass er den Kurs seines Vorgängers Franziskus fortsetzen wolle und klare Worte zu den drängendsten Problemen der Gegenwart finde, hieß es. (dpa/red)
„Martin Luther nagelt seine 95 Thesen an die Tür“ von Ferdinand Pauwels, 1872. - Foto: gemeinfrei
Ich behaupte – ganz ohne Umschweife –, dass nach der Einheit der Zahl Eins das Konzept der Drei das wichtigste ist. Wie komme ich darauf? Es liegt auf der Hand, dass die Drei in Theologie und Mythologie eine sehr wichtige Rolle spielt. Die drei größten Götter des griechischen Olymp waren die drei Brüder Zeus, Poseidon und Hades. Und die drei größten Götter des Hinduismus sind Brahma, Vishnu und Shiva. Im Christentum finden wir die Dreieinigkeit, bestehend aus Vater, Sohn und Heiligem Geist, aber dennoch steht ein einziger Gott im Mittelpunkt.
Gemälde „Dreieinigkeit mit Krone“ von Max Fürst, 1917.
In einem tiefgreifenden Sinn ist dieses Konzept der Dreieinigkeit kein frei erfundener Mythos im abwertenden Sinne des Wortes „Mythos“, sondern tatsächlich Teil der Realität, die wir oft übersehen.
Betrachten wir beispielsweise die Struktur unseres Kosmos, so finden wir überall diese Dreifaltigkeit. Ein Raum besteht aus drei Dimensionen: Länge, Breite und Höhe. Auch die Zeit verfügt über drei Dimensionen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Materie existiert in drei Zuständen: fest, flüssig und gasförmig. Die Philosophie – also das rationale Denken selbst – lässt sich als Zusammenspiel von These, Antithese und Synthese verstehen. Traditionell sagt man, dass der Mensch aus Körper, Geist und Seele besteht. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Ein Bereich, der dabei oft übersehen wird, ist der Nachweis oder die Überprüfung von Behauptungen und Überzeugungen. Warum glauben wir, was wir glauben? Natürlich denkt nicht jeder darüber nach, aber wer das tut, hat einen oder mehrere Gründe für seine Weltanschauung parat, die er in Diskussionen anbringen wird – sei es in der Politik, in religiösen Fragen, bei gesellschaftlichen Themen oder ästhetischen Überlegungen.
Drei Elemente der Beweisführung
Sehen wir uns drei Arten von Beweisen an. Tradition ist eine Form davon: Was früher gesagt, getan oder praktiziert wurde, hat doch damals funktioniert, oder? Warum also jetzt etwas ändern? Das betrifft übrigens nicht nur religiöse oder gesellschaftliche Gepflogenheiten. Auch die Wissenschaft unterliegt ihren eigenen Traditionen, die sich Veränderungen und Fortschritten oft widersetzen – ganz gleich, wie überzeugend neue Beweise auch sein mögen. Wie Thomas Kuhn in seinem im Jahr 1962 erschienenen Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ feststellte, konzentrieren sich Wissenschaftler eher darauf, etablierte Theorien zu verfeinern und zu erweitern, anstatt die zugrunde liegenden Annahmen zu hinterfragen.
Betrachtet man die Religionen, so hatte die katholische Kirche zweifellos schon immer eine starke traditionelle Komponente. Diese wurde während der protestantischen Reformation zu einem zentralen Streitpunkt. Anstoß hierfür gaben die 95 Thesen von Martin Luther, in denen er die umstrittenen Praktiken der katholischen Kirche kritisierte. Protestanten stützten ihre Ansichten hingegen nicht auf Traditionen, sondern auf einen zweiten Weg.
„Martin Luther nagelt seine 95 Thesen an die Tür“ von Ferdinand Pauwels., 1872.
Der zweite Weg ist jener der Autorität. Heilige Schriften oder allgemein Bücher und überliefertes Wissen, das man überprüfen kann, dienen als Beweisquelle. Wie bereits erwähnt, lehnten die Protestanten bestimmte katholische Traditionen ab. Doch warum war das so? Weil sie ihren Glauben in der Bibel begründet sahen, den sie als Widerspruch zu diesen Traditionen betrachteten.
Paradoxerweise verfügten die Protestanten anfangs zwar über die Bibel, aber über keinerlei Traditionen, da diese Religion gerade erst entstanden war. Etwa 400 Jahre später hatten sie in ihren verschiedenen Konfessionen eine Fülle von Traditionen zusammengetragen. Um in ihrer Lehre konsequent zu sein, müssten die Protestanten diese Traditionen im Lichte biblischer Aussagen prüfen.
Die dritte Beweisquelle ist schließlich unser Gewissen, unser innerer Richter, unsere „leise, sanfte Stimme“, unsere Intuition oder wie man es auch immer nennen mag – etwas, das uns sagt, ob etwas wahr oder unwahr, richtig oder falsch ist.
Blickt man auf die Abspaltung des Protestantismus vom Katholizismus zurück, so lässt sich feststellen, dass sich der Protestantismus selbst aufgespalten hat. Ein Beispiel sind die Quäker, die sowohl christliche Traditionen als auch die alleinige Autorität der Bibel ablehnten und durch den „Inneren Christus“ ersetzten. Sie verstehen darunter die Stimme, die im Inneren zur menschlichen Seele spricht – die direkte Stimme Gottes, die durch das Gewissen zum Ausdruck kommt.
„Meditation“ von John George Brown, um 1900–1910, Öl auf Leinwand. The Metropolitan Museum of Art, New York City.
Das ist alles sehr interessant, aber was hat das mit der Gegenwart zu tun? Das Problem ist, dass wir dazu neigen, einen Hauptweg zu bevorzugen und dabei die anderen beiden auszublenden, oder den zweiten Weg als Notlösung zu betrachten, während die dritte Option ignoriert wird. Das führt zu einer Beschränkung unserer Sichtweise und verursacht große Probleme, wie wir noch sehen werden.
Aus historischer Perspektive betrachtet, stellt man fest, dass diese drei Wege zum Erkennen der Wahrheit ganze Epochen der europäischen Geschichte geprägt haben – eine Art Leitmotiv, das sich durch verschiedene Zeitalter zieht. Lassen Sie mich dies näher erläutern.
Im Mittelalter dominierte der Beweis durch die Tradition. Sie bestimmte das feudale System. Aufgrund der Tatsache, dass die Druckerpresse noch nicht erfunden war, wurde die kirchliche Ordnung verstärkt.
„Eine Sibylle und ein Prophet“ von Andrea Mantegna, um 1495, Pigmente und Gold in Temperafarbe auf Leinwand, Cincinnati Art Museum.
Mit dem Aufkommen der Renaissance, der Reformation und der Erfindung des Buchdrucks trat die Welt in die Phase der Autorität ein. Der Beweis dafür war in der Heiligen Schrift und in maßgeblichen Texten zu finden. Die Menschen stritten darüber, wie das Gelesene zu verstehen sei. Ich denke dabei an Persönlichkeiten wie den epischen Dichter John Milton, der sich in seinen Schriften allen Kontrahenten stellte, um die englische Republik in ihrer damaligen Form zu verteidigen.
Natürlich gab es auch Mischformen, doch die Tendenzen sind erkennbar.
In Europa scheint es, als hätten wir etwa 500 Jahre lang Wertvorstellungen und Überzeugungen gehabt, die auf Traditionen beruhten, gefolgt von 400 Jahren, in denen die Autorität des Buches im Mittelpunkt stand, und nun befinden wir uns in einer weiteren Phase der menschlichen Existenz.
Gefährliche Tendenzen
Nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Poststrukturalismus und dem Konzept der Post-Wahrheit befinden wir uns inzwischen in einer Ära, in der die innere Stimme dominiert. Allerdings ist damit nicht das Gewissen gemeint und auch nicht die spirituelle Erleuchtung östlicher Religionen oder Mystiker anderer Traditionen.
Nein, unsere Welt hat sich zu einem selbstbezogenen Ort entwickelt, an dem das subjektive Empfinden Vorrang hat vor jeglicher objektiven Realität, allen Fakten und jeder Berücksichtigung widersprüchlicher Daten, Meinungen oder Gegenargumente.
Wir haben eine Welt erschaffen, in der die subjektive Wahrnehmung traditionelle Werte und wissenschaftliche Autorität vollständig verdrängt hat. Für viele ist dies zu einer Art Religion geworden.
Dies ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: Männer sind Frauen, Frauen sind Männer; freie Meinungsäußerung und freies Denken werden als schlecht angesehen, weil sie beunruhigend sind und den Menschen Unbehagen bereiten; Völkermord ist „im Kontext“ gut und so weiter. Allerlei absurde und abscheuliche Ansichten, die noch vor 20 Jahren jeder vernünftig gebildete Mensch sofort abgelehnt hätte, sind nun zu Mainstreamüberzeugungen geworden, die als „bewiesen“ gelten. Gemeinsame Traditionen verlieren an Bedeutung, und es gibt auch keinerlei Bücher oder Schriften mehr, die Autorität genießen – zumal insbesondere junge Menschen nicht mehr so viele Bücher lesen wie früher.
„Meditation“ von Jean-Paul Laurens, 1911.
Foto: gemeinfrei
In einem solchen Vakuum traditioneller Werte und lehrreicher Schriften sowie ohne jegliche Unterweisung in den Bereichen Gebet, Meditation, Achtsamkeit und dergleichen hat sich die naive Annahme durchgesetzt, dass das eigene Denken automatisch richtig ist – auch wenn es kaum reflektiert wird. Diese Haltung ist zu einem wesentlichen Bestandteil unserer Kultur geworden. Sie ist gefährlich, denn so entsteht eine Kultur des Todes.
Ein Ausweg
Der erste Schritt, um dieser Tendenz entgegenzuwirken, besteht darin, dies überhaupt zu erkennen. Im zweiten Schritt müssen wir die drei Wege der Beweisführung akzeptieren – wir brauchen sie alle drei. Der dritte Schritt besteht darin, in die Offensive zu gehen und diese absurde Subjektivität – wo immer sie uns begegnet – infrage zu stellen: indem wir sie mit den großartigen Konzepten unserer eigenen Traditionen hinterfragen und dabei darlegen, warum sie großartig sind, und indem wir das fundierte Wissen aus Büchern nutzen, seien es nun historische, wissenschaftliche oder religiöse Werke.
Letztlich wird kein Militär die westliche Zivilisation retten, falls sie überhaupt zu retten ist, sondern der kollektive Wille, essenzielle Traditionen neu zu beleben und echtes Lernen zu fördern, insbesondere im spirituellen Bereich.