Max Picard zeigt, dass die Menschheit selbst inmitten der unaufhörlichen Bewegung der Moderne nie ganz den Zugang zum Heiligen – zum Wesen des Seins selbst – verliert. - Foto: umemories/iStock
Um uns heutzutage zu verunsichern, ist weder ein Krieg noch eine Sicherheitsbedrohung nötig. Manchmal genügt etwas viel Unbedeutenderes: zehn Minuten Stille. Es geht hier nicht um ein großes Drama – nur um eine kleine Unannehmlichkeit, wie ein Sandkorn im Schuh.
Versuchen Sie diese einfache Übung: Schalten Sie Ihr Handy aus. Legen Sie es mit dem Bildschirm nach unten beiseite und sitzen Sie einfach nur da. Kein Scrollen, kein Lesen, kein „lass mich nur kurz etwas nachsehen“. Einfach nur sein.
Nach einer halben Minute tauchen Gedanken auf. Nach anderthalb Minuten greift Ihre Hand von selbst nach dem Telefon. Nach zwei Minuten fühlt es sich bereits seltsam an, fast schon unnatürlich.
Wir leben in einer Kultur, die zahllose Wege erfunden hat, um Langeweile zu vermeiden – im Grunde zahllose Wege, um sich selbst nicht zu begegnen. Wir weichen den tiefen Fragen aus und übersehen alles, was uns erwarten würde, sobald wir den Lärm hinter uns ließen.
Die Natürlichkeit der Stille
Früher jedoch glaubten die Menschen, dass Stille es einem ermöglicht, sich mit etwas zu verbinden, das tiefer und größer ist als man selbst, etwas, das im hektischen Alltag verborgen bleibt. Die Welt war um einen sinngebenden stabilen Rahmen herum aufgebaut – für viele war es Gott, für andere Traditionen oder eine moralische Ordnung.
Zu jener Zeit wurde Stille als der Moment wahrgenommen, in dem man in vertrauter Umgebung wieder zu sich selbst finden konnte. Sie war nicht unbedingt geheimnisvoll – sie war einfach ein Teil der natürlichen Ordnung des Lebens, in der die Menschen wussten, wo sie hingehörten und was sie leitete.
Heute neigen wir dazu, sie mit Ausreden abzutun: „Ich habe keine Energie für existenzielle Dramen“, „Das sind sinnlose Gedanken“ oder schlicht: „Es gibt gerade Dringenderes zu tun.“
Die Stille, die uns den Blick nach innen eröffnen soll, ist zu etwas geworden, dem wir ausweichen – zu einer weiteren Leerstelle, die wir eilig füllen, bevor wir den Fragen begegnen, denen wir uns nicht stellen wollen.
Das Bemerkenswerte ist, dass der Schweizer Philosoph Max Picard schon in den 1930er Jahren diese Entwicklung voraussah – lange noch, bevor es Push-Benachrichtigungen und Algorithmen gab. Er stellte fest, dass die Menschheit an einem fortwährenden Projekt beteiligt ist, das er „Die Flucht vor Gott“ nannte – nicht vor der institutionellen Religion, sondern vor dem, was einst als das Zentrum und die Tiefe des Lebens verstanden wurde.
Fast ein Jahrhundert später drängt sich der Eindruck auf, dass seine Diagnose wie für uns geschrieben wurde.
Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten.
Foto: Daniel de la Hoz/iStock
„Die Welt der Flucht“
Picard wurde 1888 als Sohn einer jüdischen Familie in Deutschland geboren. Er studierte Medizin, erkannte jedoch bald, dass sein eigentliches Interesse weniger dem menschlichen Körper als dem Menschen selbst galt. Er gab den Arztberuf auf, widmete sich der Philosophie und ließ sich schließlich in der Schweiz nieder.
Dort führte er ein zurückgezogenes Leben des Schreibens und der Kontemplation, unabhängig von der akademischen Welt und den Institutionen. Im mittleren Alter wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde getauft; später im Leben kehrte er jedoch zum Judentum zurück. [1]
Der französische Philosoph Gabriel Marcel gehörte zu den Ersten, die Picards Einzigartigkeit erkannten. Er beschrieb ihn als „einen der originellsten Denker unserer Zeit“. Aus Marcels Sicht war Picard kein Philosophieprofessor im konventionellen Sinne, sondern eher ein moderner Weiser – ein Mann, der nicht darauf aus war, Menschen zu überzeugen, sondern Gefühlen Ausdruck verlieh, die sie tief in sich spürten, ohne sie benennen zu können.
Mauro Stenico, ein italienischer freischaffender Wissenschaftler, gab im Selbstverlag ein Buch über Picards Philosophie heraus. In einem Interview sagte er: „Picard gelang es, die Krise des modernen Menschen mit großer Klarheit und einer fast prophetischen Fähigkeit zu diagnostizieren.“ [2] (Anmerkung der Red.: Alle folgenden Zitate von Stenico ebendort, frei aus dem Italienischen übersetzt)
Stenico erklärt, dass vor der modernen Periode – und Picard nannte die moderne Welt die „Welt der Flucht“ – eine Welt existierte, in der der Glaube der Standard des Menschen war. Gott war kein persönliches Konzept, sondern das Zentrum, um das das Leben organisiert war – Moral, Gesetz, Zeit und Gemeinschaft. Ein Mensch musste den Glauben nicht „wählen“; er wurde in ihn hineingeboren, genau wie er in eine Sprache hineingeboren wurde.
„Der Glaube war früher das Allgemeine“, schrieb Picard in seinem Buch „Die Flucht vor Gott“ (1934, Rentsch Verlag)[3]. Und jeder, der sich von diesem Zentrum distanzieren wollte, traf bereits eine persönliche Wahl – zu „fliehen“ (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
In der modernen Welt ist die Ordnung jedoch umgekehrt. Es ist nicht mehr das Individuum, das wählt zu fliehen – vielmehr drängt die Kultur selbst die Menschen zur Flucht. Der Glaube ist zur Ausnahme geworden, und Stille, Tiefe sowie die Auseinandersetzung mit großen Fragen erfordern bewusste Anstrengung.
Picard schrieb, dass ein Mensch in der „Welt der Flucht“ nicht so wie in der Welt des Glaubens geboren werde, damit er sich im Glauben verwirklichen könne. Vielmehr sei diese Geburt „das Ende der Verwirklichung“ und „jetzt, an der Geburt, beginnt das Neue, die Flucht: Die Geburt ist der Sprung in die Flucht.“ (S. 12, „Flucht vor Gott“, 1934)
Ein sichtbares Zeichen der Kultur der „Flucht“ ist laut Picard ein ständiges Gefühl der Dringlichkeit. Es ist, als müsse man immer irgendwohin eilen und eine weitere Sache erledigen. Der moderne Mensch ist demnach „immer unterwegs“, gefangen in rastloser Bewegung, die ihn daran hindert, für die tieferen Fragen innezuhalten. Nicht, weil er das nicht will, sondern weil der Rhythmus der Kultur selbst ihn vorwärts treibt.
Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern.
Foto: TAJIKBLINKS/iStock
Politik, Technologie & Kino
Laut Stenico ist die moderne Politik ein Paradebeispiel für die Welt der „Flucht“. Sie schürt Aufregung, Wut und Angst, als ob jeder noch so kleine Konflikt unser Leben beeinflussen könnte. Sie zieht uns täglich in ihren Bann und ist zu dem Ort geworden, an dem wir nach Gerechtigkeit, Identität und Sinn suchen.
„Für viele ersetzt die Politik die Suche nach Wahrheit oder Heiligkeit“, ist Stenico überzeugt.
Picard knüpfte an eine Tradition von Denkern an – von Maimonides bis Kierkegaard –, die den Sinn des menschlichen Daseins eher in der moralischen und intellektuellen Entwicklung sahen als darin, sich in flüchtigen Nachrichtenereignissen zu verstricken. In diesem Licht betrachtet kann Politik zu einer weiteren Form der „Flucht vor Gott“ werden – einer Flucht vor Fragen, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben: Was ist mir wirklich wichtig? Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?
Anstatt an unserem Charakter und unserem geistigen Wachstum zu arbeiten, werden wir in einen endlosen Kreislauf von Anschuldigungen, Verteidigungen und Konflikten hineingezogen. „Anstatt Ordnung und Sinn zu schaffen, beschleunigt die Politik die Jagd nach momentanen und sich auflösenden Zielen“, führt Stenico aus. Kurz gesagt, anstatt die Wogen zu glätten, wird sie zu einem Mechanismus, der uns aus uns selbst herauszieht – einer kollektiven Fluchtmaschine.
„Ähnlich sah Picard auch im Kino ein klares Symbol der ‚Welt der Flucht‘“, sagt Stenico. „Das Kino ist schnell, fließend, bewegt. Die Bilder ändern sich unaufhörlich und spiegeln wider, was mit der modernen Seele geschehen ist. Es erschafft eine parallele Welt aus Bildern, die die Realität ersetzt, anstatt sie zu vertiefen.“
Dies ist ein Medium, das es ermöglicht, in eine andere Geschichte, eine andere Identität hineingezogen zu werden. Anstatt einer Welt, die durch stabile Bezugspunkte verankert ist, präsentiert das Kino eine, in der die Helden immer wieder Geld, Ruhm, Erfolg oder Selbstverwirklichung verfolgen; es gaukelt endlose „Möglichkeiten“ vor – Karriere, Status, Aufregung und Erfahrung. Wie Picard schrieb: „Es gibt in dieser Welt kein ‚unmöglich‘, nur ein ‚noch-nicht-möglich‘ (…).“ (S. 23, „Flucht vor Gott“, 1934)
Und in einer Welt endloser Möglichkeiten neigen Gedanken dazu, sich zu zerstreuen und ihren geistigen Schwerpunkt zu verlieren. Sie werden in jede Richtung gezogen, lösen sich in der ständigen Bewegung der Welt auf. Und auch der Glaube muss „in jedem Augenblick sich immer von neuem (…) schaffen“, schrieb Picard. (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
Die moderne Kultur ist laut Picard so strukturiert, dass wir nie allein gelassen werden – nicht einmal für einen einzigen Moment –, um uns den tiefen Fragen zu stellen. „Das Vakuum, das entsteht, füllt sich mit Produktivität, Technologie und Unterhaltung – anstatt mit Stille, Zuhören und Präsenz“, stellt Stenico fest.
Dieser Mechanismus ist nicht unbedingt bösartig; er ist einfach hocheffizient. Er zieht uns nach außen, damit wir nicht zu lange bei Wörtern wie „Sinn“, „Gut und Böse“ oder „Wahrheit“ verweilen – geschweige denn das Wort „Gott“ aussprechen, ohne es sofort in einen Witz zu verpacken.
Hektik.
Foto: oeyCheung/iStock
Kein Raum mehr für die Liebe
„Picard argumentierte, dass Beziehungen zwischen Menschen zu Instrumenten der ‚Flucht‘ geworden sind“, erklärt Stenico. „Sie verlieren die vertikale Dimension – die Menschen sehen im anderen nicht mehr ein ‚göttliches Ebenbild‘ oder eine heilige Tiefe.“
Nehmen wir das Beispiel der Liebe. Nach Picards Ansicht ist Liebe nicht bloß ein Energieausbruch, sondern ein Prozess der Kontemplation: „Ein Mensch, der einen anderen Menschen oder ein Ding liebt, betrachtet das geliebte Wesen genau und langsam, er schaut genau nach, ob noch irgendwo eine Stelle ist, die er noch nicht liebt“, schrieb er. (S. 54, „Flucht vor Gott“, 1934)
Liebe erfordert das Verweilen. Es ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit erfordert, still zu sein.
Aber in einer Welt, in der sich Menschen ohne Unterbrechung bewegen – von Bildschirmen zu Nachrichten zu Arbeit zu neuen „Möglichkeiten“ – gibt es keine solche Zeitspanne. Daher, so beobachtete Picard, bleiben viele Beziehungen äußerlich. Nicht weil die Menschen keine Liebe wollen, sondern weil die Welt nicht mehr die Bedingungen bietet, unter denen Liebe wachsen und sich vertiefen kann.
Menschen „sind zusammen“, schrieb er, nicht um einander wirklich zu begegnen, sondern um gemeinsam zu fliehen – übertragen in unsere heutige Welt: zu Netflix, zum nächsten Urlaub, zu allem, was kurzzeitige Erleichterung bietet. „Laut Picard benutzen wir andere, um der Einsamkeit zu entkommen – nicht um einer anderen Person wirklich zu begegnen“, sagt Stenico.
So werden die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Tiefe, Liebe und Spiritualität wachsen – Ehe, Familie und Freundschaft –, in der „Welt der Flucht“ manchmal selbst zu Fluchtmechanismen. Anstatt als Orte der Kontemplation, Stabilität und gegenseitigen Transformation zu dienen, werden sie zu äußeren Formen, die eine gemeinsame Flucht vor der höheren Wesensessenz ermöglichen.
Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert.
Foto: Artem Peretiatko/iStock
Als die Geschichte ihren Sinn verlor
„Dieses Gebilde [der Flucht] nimmt jetzt zu“, schrieb Picard, „(…) weil es groß ist, weil das Umfangreiche alles zu sich heranzieht.“ (S. 13, „Flucht vor Gott“, 1934)
Eines der Dinge, die hineingezogen werden, ist die Art und Weise, wie wir Geschichte verstehen. „Geschichte wird nicht mehr als eine tiefe Geschichte wahrgenommen, sondern als eine Abfolge von Ereignissen“, sagt Stenico.
In der Vergangenheit wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Geschichte gesehen; große Ereignisse wie Siege, Niederlagen und Seuchen wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Individuen waren nicht Autoren der Geschichte, sondern Charaktere in einem Drama, das größer war als sie selbst.
Mit der Moderne kamen neue Theorien: Geschichte als Produkt von Instinkten und Vererbung (Charles Darwin), von Klassenkampf und materiellen Interessen (Karl Marx) oder von persönlichen menschlichen Entscheidungen (Ayn Rand). [4]
Alle diese Rahmenbedingungen beschreiben eine Welt, die durch menschliche Kräfte vorangetrieben wird – Biologie, Interessen, Impulse. Dies ist in Picards Sicht ein klares Zeichen der „Welt der Flucht“ – einer Welt, die geschickt im Analysieren und Erklären ist, die jedoch zunehmend damit kämpft, einen übergreifenden Sinn zu erfassen.
„In Picards Sicht wird Geschichte eher zu einem Rennen als zu einer Sphäre des Sinns“, erläutert Stenico. „Geschichte existiert im Sinne von Schlagzeilen und Chronologie, aber ihr fehlt ein Gefühl der Erdung, des Gedächtnisses, der Tradition oder einer Perspektive, die nicht ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es ist eine Geschichte ohne Wurzeln, eine, die nicht nach oben blickt.
„Er glaubte nicht, dass das Problem bei der Wissenschaft selbst lag, sondern beim Szientismus – dem Glauben, dass die Wissenschaft alles erklären kann“, sagt Stenico. „Wissenschaft beschreibt Gesetze und Beziehungen, aber nicht das Gesamtbild, nicht den Sinn. Wenn die Wissenschaft zur einzigen Sprache der Realität wird, gehen Tiefe, Heiligkeit und Staunen verloren.“
Und so wird die Wissenschaft – ohne eigenes Verschulden – zu einem weiteren Ausdruck der „Welt der Flucht“, einer Welt, die alles zu messen weiß, außer den Wesenskern.
Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden.
Auch die Kunst, so Picard, habe das gleiche Schicksal erlitten. In der Vergangenheit habe die Kunst versucht, ein Fenster zu dem zu öffnen, was jenseits liegt – zur Ordnung und zur Schwelle zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Der Künstler stand vor etwas, das größer war als er selbst, und versuchte, eine Spur, einen Glanz oder ein Echo davon einzufangen.
In der „Welt der Flucht“ habe sich die Richtung des Blickes geändert. Kunst werde nicht mehr aus einer Begegnung mit dem Erhabenen geboren, sondern aus einer Begegnung mit dem Selbst.
„Es gibt hier beim Entstehen eines Bildes“, schrieb Picard, „keinen besonderen Akt mehr.“ (S. 159, „Flucht vor Gott“, 1934)
Dinge verlören ihre Umrisse, und alles verschwimme ineinander. Anstatt zu einem göttlichen Zentrum zu führen, werde Kunst oft zu einer weiteren Form der Bewegung, Zerstreuung und Flucht.
„Picard argumentierte, dass auch die moderne Kunst eine Atomisierung erfährt; sie bricht in Stücke und Fragmente ohne Ganzheit auseinander“, beschreibt Stenico. „Anstatt Form zu bewahren und Tiefe zu enthüllen, nimmt sie am Mechanismus der Flucht teil: Rennen, Zerstreuung, Verlust des Zentrums. Der Künstler entdeckt nicht mehr ‚mehr‘ durch das Werk – er fügt nur eine weitere Schicht Lärm hinzu.“
Doch Picards Philosophie der Flucht sollte die Menschen nicht entmutigen. Im Gegenteil: Er glaubte, dass unsere Zeit den Keim der Hoffnung in sich trage. Die Flucht sei der Abfall der Menschheit von Gott, so Picard, aber der Mensch sei nicht absoluter Verlassenheit ausgesetzt. Denn wenn es jene gebe, die fliehen, gebe es auch Einen, der sie verfolge.
Die bloße Existenz der Flucht zeigt in seiner Sicht, dass etwas Größeres den Menschen weiterhin zurück nach Hause ruft.
„Picards Philosophie ist eine therapeutische“, sagt Stenico. „Er war in erster Linie Arzt, und hier sieht er die Seele des menschlichen Wesens. Er bietet einen Weg zurück zur Präsenz und dem stabilen Fundament, das die Moderne demontiert hat. Er zeigt, dass ein Mensch, obwohl er in Krise und ständiger Bewegung lebt, den Zugang zum Heiligen, zum Wesentlichen nicht völlig verliert.“
Picard nannte dies „die Verfolgung“: nicht eine Verfolgung mit Zwang, sondern aus Mitgefühl, eine sanfte Stimme, die den Menschen weiterhin begleite, auch wenn er an die fernsten Orte entfliehe.
Manche würden dies Gott nennen; andere Gewissen, eine innere Wahrheit oder jene kleine Stille, die plötzlich als Moment der Offenbarung erscheint. Picard erinnert uns daran, dass ein Mensch in der Flucht nicht völlig verloren ist – etwas ruft immer noch nach ihm.
Max Picard zeigt, dass die Menschheit selbst inmitten der unaufhörlichen Bewegung der Moderne nie ganz den Zugang zum Heiligen – zum Wesen des Seins selbst – verliert. - Foto: umemories/iStock
Um uns heutzutage zu verunsichern, ist weder ein Krieg noch eine Sicherheitsbedrohung nötig. Manchmal genügt etwas viel Unbedeutenderes: zehn Minuten Stille. Es geht hier nicht um ein großes Drama – nur um eine kleine Unannehmlichkeit, wie ein Sandkorn im Schuh.
Versuchen Sie diese einfache Übung: Schalten Sie Ihr Handy aus. Legen Sie es mit dem Bildschirm nach unten beiseite und sitzen Sie einfach nur da. Kein Scrollen, kein Lesen, kein „lass mich nur kurz etwas nachsehen“. Einfach nur sein.
Nach einer halben Minute tauchen Gedanken auf. Nach anderthalb Minuten greift Ihre Hand von selbst nach dem Telefon. Nach zwei Minuten fühlt es sich bereits seltsam an, fast schon unnatürlich.
Wir leben in einer Kultur, die zahllose Wege erfunden hat, um Langeweile zu vermeiden – im Grunde zahllose Wege, um sich selbst nicht zu begegnen. Wir weichen den tiefen Fragen aus und übersehen alles, was uns erwarten würde, sobald wir den Lärm hinter uns ließen.
Die Natürlichkeit der Stille
Früher jedoch glaubten die Menschen, dass Stille es einem ermöglicht, sich mit etwas zu verbinden, das tiefer und größer ist als man selbst, etwas, das im hektischen Alltag verborgen bleibt. Die Welt war um einen sinngebenden stabilen Rahmen herum aufgebaut – für viele war es Gott, für andere Traditionen oder eine moralische Ordnung.
Zu jener Zeit wurde Stille als der Moment wahrgenommen, in dem man in vertrauter Umgebung wieder zu sich selbst finden konnte. Sie war nicht unbedingt geheimnisvoll – sie war einfach ein Teil der natürlichen Ordnung des Lebens, in der die Menschen wussten, wo sie hingehörten und was sie leitete.
Heute neigen wir dazu, sie mit Ausreden abzutun: „Ich habe keine Energie für existenzielle Dramen“, „Das sind sinnlose Gedanken“ oder schlicht: „Es gibt gerade Dringenderes zu tun.“
Die Stille, die uns den Blick nach innen eröffnen soll, ist zu etwas geworden, dem wir ausweichen – zu einer weiteren Leerstelle, die wir eilig füllen, bevor wir den Fragen begegnen, denen wir uns nicht stellen wollen.
Das Bemerkenswerte ist, dass der Schweizer Philosoph Max Picard schon in den 1930er Jahren diese Entwicklung voraussah – lange noch, bevor es Push-Benachrichtigungen und Algorithmen gab. Er stellte fest, dass die Menschheit an einem fortwährenden Projekt beteiligt ist, das er „Die Flucht vor Gott“ nannte – nicht vor der institutionellen Religion, sondern vor dem, was einst als das Zentrum und die Tiefe des Lebens verstanden wurde.
Fast ein Jahrhundert später drängt sich der Eindruck auf, dass seine Diagnose wie für uns geschrieben wurde.
Stille ermöglicht es, mit etwas Tieferem und Größerem als sich selbst in Verbindung zu treten.
Foto: Daniel de la Hoz/iStock
„Die Welt der Flucht“
Picard wurde 1888 als Sohn einer jüdischen Familie in Deutschland geboren. Er studierte Medizin, erkannte jedoch bald, dass sein eigentliches Interesse weniger dem menschlichen Körper als dem Menschen selbst galt. Er gab den Arztberuf auf, widmete sich der Philosophie und ließ sich schließlich in der Schweiz nieder.
Dort führte er ein zurückgezogenes Leben des Schreibens und der Kontemplation, unabhängig von der akademischen Welt und den Institutionen. Im mittleren Alter wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde getauft; später im Leben kehrte er jedoch zum Judentum zurück. [1]
Der französische Philosoph Gabriel Marcel gehörte zu den Ersten, die Picards Einzigartigkeit erkannten. Er beschrieb ihn als „einen der originellsten Denker unserer Zeit“. Aus Marcels Sicht war Picard kein Philosophieprofessor im konventionellen Sinne, sondern eher ein moderner Weiser – ein Mann, der nicht darauf aus war, Menschen zu überzeugen, sondern Gefühlen Ausdruck verlieh, die sie tief in sich spürten, ohne sie benennen zu können.
Mauro Stenico, ein italienischer freischaffender Wissenschaftler, gab im Selbstverlag ein Buch über Picards Philosophie heraus. In einem Interview sagte er: „Picard gelang es, die Krise des modernen Menschen mit großer Klarheit und einer fast prophetischen Fähigkeit zu diagnostizieren.“ [2] (Anmerkung der Red.: Alle folgenden Zitate von Stenico ebendort, frei aus dem Italienischen übersetzt)
Stenico erklärt, dass vor der modernen Periode – und Picard nannte die moderne Welt die „Welt der Flucht“ – eine Welt existierte, in der der Glaube der Standard des Menschen war. Gott war kein persönliches Konzept, sondern das Zentrum, um das das Leben organisiert war – Moral, Gesetz, Zeit und Gemeinschaft. Ein Mensch musste den Glauben nicht „wählen“; er wurde in ihn hineingeboren, genau wie er in eine Sprache hineingeboren wurde.
„Der Glaube war früher das Allgemeine“, schrieb Picard in seinem Buch „Die Flucht vor Gott“ (1934, Rentsch Verlag)[3]. Und jeder, der sich von diesem Zentrum distanzieren wollte, traf bereits eine persönliche Wahl – zu „fliehen“ (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
In der modernen Welt ist die Ordnung jedoch umgekehrt. Es ist nicht mehr das Individuum, das wählt zu fliehen – vielmehr drängt die Kultur selbst die Menschen zur Flucht. Der Glaube ist zur Ausnahme geworden, und Stille, Tiefe sowie die Auseinandersetzung mit großen Fragen erfordern bewusste Anstrengung.
Picard schrieb, dass ein Mensch in der „Welt der Flucht“ nicht so wie in der Welt des Glaubens geboren werde, damit er sich im Glauben verwirklichen könne. Vielmehr sei diese Geburt „das Ende der Verwirklichung“ und „jetzt, an der Geburt, beginnt das Neue, die Flucht: Die Geburt ist der Sprung in die Flucht.“ (S. 12, „Flucht vor Gott“, 1934)
Ein sichtbares Zeichen der Kultur der „Flucht“ ist laut Picard ein ständiges Gefühl der Dringlichkeit. Es ist, als müsse man immer irgendwohin eilen und eine weitere Sache erledigen. Der moderne Mensch ist demnach „immer unterwegs“, gefangen in rastloser Bewegung, die ihn daran hindert, für die tieferen Fragen innezuhalten. Nicht, weil er das nicht will, sondern weil der Rhythmus der Kultur selbst ihn vorwärts treibt.
Heutzutage ist Lärm die Norm, während Stille, Tiefe und die Auseinandersetzung mit großen Fragen bewusste Anstrengung erfordern.
Foto: TAJIKBLINKS/iStock
Politik, Technologie & Kino
Laut Stenico ist die moderne Politik ein Paradebeispiel für die Welt der „Flucht“. Sie schürt Aufregung, Wut und Angst, als ob jeder noch so kleine Konflikt unser Leben beeinflussen könnte. Sie zieht uns täglich in ihren Bann und ist zu dem Ort geworden, an dem wir nach Gerechtigkeit, Identität und Sinn suchen.
„Für viele ersetzt die Politik die Suche nach Wahrheit oder Heiligkeit“, ist Stenico überzeugt.
Picard knüpfte an eine Tradition von Denkern an – von Maimonides bis Kierkegaard –, die den Sinn des menschlichen Daseins eher in der moralischen und intellektuellen Entwicklung sahen als darin, sich in flüchtigen Nachrichtenereignissen zu verstricken. In diesem Licht betrachtet kann Politik zu einer weiteren Form der „Flucht vor Gott“ werden – einer Flucht vor Fragen, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben: Was ist mir wirklich wichtig? Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?
Anstatt an unserem Charakter und unserem geistigen Wachstum zu arbeiten, werden wir in einen endlosen Kreislauf von Anschuldigungen, Verteidigungen und Konflikten hineingezogen. „Anstatt Ordnung und Sinn zu schaffen, beschleunigt die Politik die Jagd nach momentanen und sich auflösenden Zielen“, führt Stenico aus. Kurz gesagt, anstatt die Wogen zu glätten, wird sie zu einem Mechanismus, der uns aus uns selbst herauszieht – einer kollektiven Fluchtmaschine.
„Ähnlich sah Picard auch im Kino ein klares Symbol der ‚Welt der Flucht‘“, sagt Stenico. „Das Kino ist schnell, fließend, bewegt. Die Bilder ändern sich unaufhörlich und spiegeln wider, was mit der modernen Seele geschehen ist. Es erschafft eine parallele Welt aus Bildern, die die Realität ersetzt, anstatt sie zu vertiefen.“
Dies ist ein Medium, das es ermöglicht, in eine andere Geschichte, eine andere Identität hineingezogen zu werden. Anstatt einer Welt, die durch stabile Bezugspunkte verankert ist, präsentiert das Kino eine, in der die Helden immer wieder Geld, Ruhm, Erfolg oder Selbstverwirklichung verfolgen; es gaukelt endlose „Möglichkeiten“ vor – Karriere, Status, Aufregung und Erfahrung. Wie Picard schrieb: „Es gibt in dieser Welt kein ‚unmöglich‘, nur ein ‚noch-nicht-möglich‘ (…).“ (S. 23, „Flucht vor Gott“, 1934)
Und in einer Welt endloser Möglichkeiten neigen Gedanken dazu, sich zu zerstreuen und ihren geistigen Schwerpunkt zu verlieren. Sie werden in jede Richtung gezogen, lösen sich in der ständigen Bewegung der Welt auf. Und auch der Glaube muss „in jedem Augenblick sich immer von neuem (…) schaffen“, schrieb Picard. (S. 11, „Flucht vor Gott“, 1934)
Die moderne Kultur ist laut Picard so strukturiert, dass wir nie allein gelassen werden – nicht einmal für einen einzigen Moment –, um uns den tiefen Fragen zu stellen. „Das Vakuum, das entsteht, füllt sich mit Produktivität, Technologie und Unterhaltung – anstatt mit Stille, Zuhören und Präsenz“, stellt Stenico fest.
Dieser Mechanismus ist nicht unbedingt bösartig; er ist einfach hocheffizient. Er zieht uns nach außen, damit wir nicht zu lange bei Wörtern wie „Sinn“, „Gut und Böse“ oder „Wahrheit“ verweilen – geschweige denn das Wort „Gott“ aussprechen, ohne es sofort in einen Witz zu verpacken.
Hektik.
Foto: oeyCheung/iStock
Kein Raum mehr für die Liebe
„Picard argumentierte, dass Beziehungen zwischen Menschen zu Instrumenten der ‚Flucht‘ geworden sind“, erklärt Stenico. „Sie verlieren die vertikale Dimension – die Menschen sehen im anderen nicht mehr ein ‚göttliches Ebenbild‘ oder eine heilige Tiefe.“
Nehmen wir das Beispiel der Liebe. Nach Picards Ansicht ist Liebe nicht bloß ein Energieausbruch, sondern ein Prozess der Kontemplation: „Ein Mensch, der einen anderen Menschen oder ein Ding liebt, betrachtet das geliebte Wesen genau und langsam, er schaut genau nach, ob noch irgendwo eine Stelle ist, die er noch nicht liebt“, schrieb er. (S. 54, „Flucht vor Gott“, 1934)
Liebe erfordert das Verweilen. Es ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit erfordert, still zu sein.
Aber in einer Welt, in der sich Menschen ohne Unterbrechung bewegen – von Bildschirmen zu Nachrichten zu Arbeit zu neuen „Möglichkeiten“ – gibt es keine solche Zeitspanne. Daher, so beobachtete Picard, bleiben viele Beziehungen äußerlich. Nicht weil die Menschen keine Liebe wollen, sondern weil die Welt nicht mehr die Bedingungen bietet, unter denen Liebe wachsen und sich vertiefen kann.
Menschen „sind zusammen“, schrieb er, nicht um einander wirklich zu begegnen, sondern um gemeinsam zu fliehen – übertragen in unsere heutige Welt: zu Netflix, zum nächsten Urlaub, zu allem, was kurzzeitige Erleichterung bietet. „Laut Picard benutzen wir andere, um der Einsamkeit zu entkommen – nicht um einer anderen Person wirklich zu begegnen“, sagt Stenico.
So werden die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Tiefe, Liebe und Spiritualität wachsen – Ehe, Familie und Freundschaft –, in der „Welt der Flucht“ manchmal selbst zu Fluchtmechanismen. Anstatt als Orte der Kontemplation, Stabilität und gegenseitigen Transformation zu dienen, werden sie zu äußeren Formen, die eine gemeinsame Flucht vor der höheren Wesensessenz ermöglichen.
Liebe ist ein langsamer Entdeckungsprozess, der Zeit, Stabilität und die Fähigkeit zur Stille erfordert.
Foto: Artem Peretiatko/iStock
Als die Geschichte ihren Sinn verlor
„Dieses Gebilde [der Flucht] nimmt jetzt zu“, schrieb Picard, „(…) weil es groß ist, weil das Umfangreiche alles zu sich heranzieht.“ (S. 13, „Flucht vor Gott“, 1934)
Eines der Dinge, die hineingezogen werden, ist die Art und Weise, wie wir Geschichte verstehen. „Geschichte wird nicht mehr als eine tiefe Geschichte wahrgenommen, sondern als eine Abfolge von Ereignissen“, sagt Stenico.
In der Vergangenheit wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Geschichte gesehen; große Ereignisse wie Siege, Niederlagen und Seuchen wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden. Individuen waren nicht Autoren der Geschichte, sondern Charaktere in einem Drama, das größer war als sie selbst.
Mit der Moderne kamen neue Theorien: Geschichte als Produkt von Instinkten und Vererbung (Charles Darwin), von Klassenkampf und materiellen Interessen (Karl Marx) oder von persönlichen menschlichen Entscheidungen (Ayn Rand). [4]
Alle diese Rahmenbedingungen beschreiben eine Welt, die durch menschliche Kräfte vorangetrieben wird – Biologie, Interessen, Impulse. Dies ist in Picards Sicht ein klares Zeichen der „Welt der Flucht“ – einer Welt, die geschickt im Analysieren und Erklären ist, die jedoch zunehmend damit kämpft, einen übergreifenden Sinn zu erfassen.
„In Picards Sicht wird Geschichte eher zu einem Rennen als zu einer Sphäre des Sinns“, erläutert Stenico. „Geschichte existiert im Sinne von Schlagzeilen und Chronologie, aber ihr fehlt ein Gefühl der Erdung, des Gedächtnisses, der Tradition oder einer Perspektive, die nicht ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es ist eine Geschichte ohne Wurzeln, eine, die nicht nach oben blickt.
„Er glaubte nicht, dass das Problem bei der Wissenschaft selbst lag, sondern beim Szientismus – dem Glauben, dass die Wissenschaft alles erklären kann“, sagt Stenico. „Wissenschaft beschreibt Gesetze und Beziehungen, aber nicht das Gesamtbild, nicht den Sinn. Wenn die Wissenschaft zur einzigen Sprache der Realität wird, gehen Tiefe, Heiligkeit und Staunen verloren.“
Und so wird die Wissenschaft – ohne eigenes Verschulden – zu einem weiteren Ausdruck der „Welt der Flucht“, einer Welt, die alles zu messen weiß, außer den Wesenskern.
Das Ölgemälde „Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull aus dem Jahr 1819. Früher wurde Geschichte als eine von oben geschriebene Erzählung betrachtet; große Ereignisse wurden als Teil einer umfassenderen Ordnung mit Sinn und Absicht verstanden.
Auch die Kunst, so Picard, habe das gleiche Schicksal erlitten. In der Vergangenheit habe die Kunst versucht, ein Fenster zu dem zu öffnen, was jenseits liegt – zur Ordnung und zur Schwelle zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Der Künstler stand vor etwas, das größer war als er selbst, und versuchte, eine Spur, einen Glanz oder ein Echo davon einzufangen.
In der „Welt der Flucht“ habe sich die Richtung des Blickes geändert. Kunst werde nicht mehr aus einer Begegnung mit dem Erhabenen geboren, sondern aus einer Begegnung mit dem Selbst.
„Es gibt hier beim Entstehen eines Bildes“, schrieb Picard, „keinen besonderen Akt mehr.“ (S. 159, „Flucht vor Gott“, 1934)
Dinge verlören ihre Umrisse, und alles verschwimme ineinander. Anstatt zu einem göttlichen Zentrum zu führen, werde Kunst oft zu einer weiteren Form der Bewegung, Zerstreuung und Flucht.
„Picard argumentierte, dass auch die moderne Kunst eine Atomisierung erfährt; sie bricht in Stücke und Fragmente ohne Ganzheit auseinander“, beschreibt Stenico. „Anstatt Form zu bewahren und Tiefe zu enthüllen, nimmt sie am Mechanismus der Flucht teil: Rennen, Zerstreuung, Verlust des Zentrums. Der Künstler entdeckt nicht mehr ‚mehr‘ durch das Werk – er fügt nur eine weitere Schicht Lärm hinzu.“
Doch Picards Philosophie der Flucht sollte die Menschen nicht entmutigen. Im Gegenteil: Er glaubte, dass unsere Zeit den Keim der Hoffnung in sich trage. Die Flucht sei der Abfall der Menschheit von Gott, so Picard, aber der Mensch sei nicht absoluter Verlassenheit ausgesetzt. Denn wenn es jene gebe, die fliehen, gebe es auch Einen, der sie verfolge.
Die bloße Existenz der Flucht zeigt in seiner Sicht, dass etwas Größeres den Menschen weiterhin zurück nach Hause ruft.
„Picards Philosophie ist eine therapeutische“, sagt Stenico. „Er war in erster Linie Arzt, und hier sieht er die Seele des menschlichen Wesens. Er bietet einen Weg zurück zur Präsenz und dem stabilen Fundament, das die Moderne demontiert hat. Er zeigt, dass ein Mensch, obwohl er in Krise und ständiger Bewegung lebt, den Zugang zum Heiligen, zum Wesentlichen nicht völlig verliert.“
Picard nannte dies „die Verfolgung“: nicht eine Verfolgung mit Zwang, sondern aus Mitgefühl, eine sanfte Stimme, die den Menschen weiterhin begleite, auch wenn er an die fernsten Orte entfliehe.
Manche würden dies Gott nennen; andere Gewissen, eine innere Wahrheit oder jene kleine Stille, die plötzlich als Moment der Offenbarung erscheint. Picard erinnert uns daran, dass ein Mensch auf der Flucht nicht völlig verloren ist – etwas ruft immer noch nach ihm.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz legt nach seiner Wahl in einer Sondersitzung des Bundestages am 6. Mai 2025 in Berlin seinen Amtseid ab. Der Amtseid mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“ steht laut den Wissenschaftlichen Diensten des Bundestages nicht im Widerspruch zur religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates. - Foto: Sean Gallup/Getty Images
„Was ist aus Gott geworden?“, fragte am 16. Mai im kanadischen Calgary der ehemalige Ministerpräsident von Neufundland, Alfred Brian Peckford, die Zuhörer auf einer Konferenz für Anwälte. Er warf den kanadischen Juristen eine zunehmende Säkularisierung von Justiz und Verfassung in Kanada vor.
Die meisten Deutschen sind Kirchenmitglieder
In Deutschland sind Staat und Kirche offiziell voneinander getrennt. Dennoch kooperiert der Staat mit den beiden christlichen Großkirchen. Das bekannteste Beispiel ist der Einzug der Kirchensteuer für die evangelische sowie für die katholische Kirche. Hier tritt der Staat jedoch nur als Dienstleister auf und lässt sich von den Kirchen dafür auch bezahlen.
Evangelische Freikirchen und andere christliche religiöse Gemeinschaften hingegen, wie die Neuapostolische Kirche, Baptisten, Mennoniten, Pfingstler, Adventisten, Mormonen oder die Heilsarmee, finanzieren sich über freiwillige Spenden und sind vom Staat bewusst unabhängig. Insgesamt bekennen sich laut „Statista“ knapp 900.000 Christen in Deutschland zu Freikirchen.
Zum katholischen Glauben bekennen sich 19,4 Millionen Deutsche, zum evangelischen Glauben 17,4 Millionen. Zusammengenommen bekennen sich unter den 83,4 Millionen Deutschen 37,7 Millionen zum Christentum und stellen damit eine leichte Mehrheit dar.
Christliche Grundsätze in der Politik
So verwundert es nicht, dass sich auf den ersten Blick in der Politik und in manchen staatlichen Einrichtungen ein christliches Grundverständnis der deutschen Gesellschaft abbildet. Etwa in christlich-religiösen Grundsätzen und Symbolen. Die Partei Christlich Demokratische Union (CDU) zum Beispiel definiert ihre Politik laut eigenem Grundsatzprogramm von 2024 über „das christliche Verständnis vom Menschen“.
Theologisch konkret wird die CDU mit dieser Aussage jedoch nicht. Vielmehr fühlt sie sich auch „den Traditionen der Aufklärung verpflichtet und erklärt, allen Menschen offen zu stehen, die – unabhängig von der eigenen religiösen Überzeugung“ die Grundwerte der Partei teilen.
Damit ist die CDU trotz Namensgebung keine explizit christliche Partei. Da sie sich zudem auf das Zeitalter der Aufklärung beruft, deren Grundgedanke der Humanismus ist, gibt es Christen, die der Partei ihr vermeintliches „Christsein“ gänzlich absprechen.
Nach jeder Bundeskanzlerwahl sind in erster Linie Christen daran interessiert, welche Eidesformel der neue Bundeskanzler spricht. Der Amtseid des Bundeskanzlers ist in Artikel 56 des Grundgesetzes (GG) in Verbindung mit Artikel 64, Absatz 2 GG festgelegt und entspricht dem Eid des Bundespräsidenten. Die Schlussworte „So wahr mir Gott helfe“ am Ende der Eidesformel sind ein freiwilliger Zusatz. Diese Option drückt damit Respekt vor der Glaubensfreiheit gemäß Artikel 4 GG aus.
Während Friedrich Merz (CDU) den Amtseid mit dem religiösen Zusatz ablegte, nutzte sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD) den weltlichen Zusatz „Ich schwöre es“. Gerhard Schröder (SPD) war der erste Bundeskanzler, der auf Gottes Hilfe bei seinem Amtseid verzichtete.
Laut der einstigen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die als Pfarrerstochter aufwuchs, war der Zusatz ein selbstverständliches Bekenntnis. „Die Formel ‚So wahr mir Gott helfe‘ macht uns Menschen bewusst, dass all unser Handeln und Bestreben fehlbar und begrenzt ist“, wird sie auf dem von katholischen Kirche betriebenen Onlineportal „katholisch.de“ zitiert.
Im Grundgesetz sticht die Präambel mit einem Gottesbezug hervor: Dort heißt es im ersten Satz: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen […] hat sich das Deutsche Volk […] dieses Grundgesetz gegeben.“ In diesem ersten Satz wird eine Selbstbegrenzung der staatlichen Macht ausgedrückt. Die letzte Instanz sei nicht der Mensch, sondern Gott.
Obwohl die Gründerväter und -mütter der Bundesrepublik höchstwahrscheinlich bei dem Begriff „Gott“ an den christlich-jüdischen Gott der Bibel bzw. der Thora dachten, kann Gott heute auch für die dritte abrahamitische Glaubensrichtung, den Islam, gelten und grenzt Muslime nicht aus. Denn im Arabischen nutzen auch Christen den Begriff „Allah“ für den biblischen Gott.
Staatliche Neutralität
Wie aber steht es um die weltanschauliche Neutralität des Staates? Dazu hatten die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages im Jahr 2016 eine Stellungnahme herausgegeben.
Darin heißt es: „Ein Widerspruch der Präambel zu der religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates läge nur dann vor, wenn die Präambel sich für einen christlichen Staat ausspräche oder den Einzelnen auf den christlichen Glauben festlegen würde.“
Insbesondere wird in diesem Zusammenhang auf Artikel 4, Absatz 1 des GG verwiesen: Das dort verankerte Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit schütze die innere Freiheit des Einzelnen, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu bilden und diese nach außen zu bekennen und zu verbreiten. Zudem sei auch das Recht, keinen Glauben oder keine Weltanschauung zu teilen, geschützt.
Dennoch bleibt die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, bei der Vereidigung der höchsten Staatsvertreter und bei der Verbeamtung einen Eid anzubieten, bei dem die Option besteht, auf Gott zu schwören oder nicht. Schließlich erleben alle christlichen Religionsgemeinschaften jedes Jahr massive Austritte und die deutsche Gesellschaft wird zunehmend säkular.
Außerdem verbietet das Neue Testament der christlichen Bibel sogar ausdrücklich das Schwören. In der Bergpredigt (Matthäus 5,34) stellte Jesus eine Forderung auf: „Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt.“ Und wenig später (Matthäus 5, 37) mahnte er: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“
Kurzum: Wer schwört, um seine Worte zu untermauern, dessen normale Worte scheinen offenbar weniger glaubwürdig. Jesus aber ermahnt oder ermutigt dazu, dass auch ohne Schwur die Worte eines Menschen glaubhaft gemeint sein sollen.
In einer Auslegung der katholischen Kirche, dem „Katechismus“ heißt es, Jesu Worte würden nur das „mitmenschliche Verhalten“ betreffen „und nicht unmittelbar die Eidesableistung vor Gericht“. Und weiter: „Die katholische Kirche sucht der Forderung der Heiligen Schrift dadurch zu entsprechen, dass sie die Eidesleistung möglichst einschränkt und sie nur für erlaubt ansieht, wenn schwerwiegende Gründe dafür sprechen.“
Zudem wird in dem Katechismus darauf hingewiesen, dass auch die evangelische Theologie „die sittliche Erlaubtheit des Eides, der ein Bekenntnis zu Gott zum Ausdruck bringt“, bekräftige. Unter zahlreichen Freikirchen wird indes jegliche Form von Eid oder Schwur abgelehnt. Die ältesten christlichen Glaubensrichtungen dieser Art sind die Mennoniten, die Herrnhuter Brüdergemeine und die Quäker.
In sechs Bundesländern – Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern – gibt es in den Landesverfassungen keinen Bezug zu Gott. Ähnlich uneinheitlich wie in Deutschland sieht es auch bei den Mitgliedsstaaten der EU aus. Neben Deutschland finden sich nur in Dänemark, Griechenland und Irlands in den Verfassungen ausdrücklich ein direkter Gottesbezug.
In Großbritannien, das immerhin drei Kreuze in der Nationalflagge des Vereinigten Königreichs, dem „Union Jack“, führt, ist staatliches Schwören auf Gott häufiger verbreitet. Wer etwa in England eingebürgert werden will, muss einen Eid schwören, der folgendermaßen beginnt: „Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen“.
Parlamentarier des Ober- und Unterhauses haben – wie in Deutschland – die Option, bei ihrer Vereidigung zu sagen „So help me God“ oder diesen Zusatz wegzulassen. Britische Monarchen haben bisher ihren Krönungseid ebenfalls mit der Formulierung „So help me God“ abgeschlossen.
Bei so wenig Gottesbezug in Europa muss gefragt werden: Wie christlich ist das „christliche Abendland“? Die katholische Kirche hat darauf eine klare Antwort. In einem Beitrag von „katholisch.de“ heißt es: „Das christliche Abendland ist Fiktion.“
Der Theologe der Hochschule Vallendar, Manfred Becker-Huberti erklärte im Jahr 2016 vor dem Hintergrund der Pegida-Bewegung in Deutschland, der Begriff „christliches Abendland“ sei ab dem 5. Jahrhundert „ursprünglich als Bezeichnung für die ehemaligen römischen Provinzen des westlichen Europas verwendet“ und als „Kampfbegriff“ gegen die griechisch-orthodoxe Kirche von Byzanz gebraucht worden.
In ähnlicher Weise werde der Begriff heute wieder angewandt, um „sich gegen eine drohende Islamisierung“ zu verteidigen. Wer den Begriff „Christliches Abendland“ in dieser Weise benutze, wolle „etwas verteidigen, was es so in der Form nie gegeben hat“, erklärt der katholische Theologe.
Die Frage nach einem Leben mit oder ohne Gott ist eine der ältesten Fragen der Menschheit. Leben mit einem Gott gibt Milliarden von Menschen auf der Welt Sinn und Halt, spendet Trost in Krisen und dient meist als gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Leben ohne Gott – oft bezeichnet als Atheismus, Agnostizismus oder Humanismus – stellt die Selbstbestimmung des Menschen in den Vordergrund. Mit dieser Weltanschauung wird jeder Mensch zu seines Glückes Schmied. Säkulare Personen empfinden dies oft als die ultimative Freiheit der Menschheit.
Am Ende sind jedoch beide Weltanschauungen stets für ihr Handeln selbst verantwortlich. Zumindest in dieser Hinsicht gibt es Einigkeit unter religiösen und nichtreligiösen Menschen.