Selbstporträt an der Staffelei, 1556, von Sofonisba Anguissola. Öl auf Leinwand, 66 × 57 cm. Schloss Łańcut, Polen. - Foto: gemeinfrei
Lange bevor das erste „Selfie“ entstand, gab es bereits das Selbstporträt. Seine Geschichte reicht Jahrhunderte zurück und entspringt denselben Impulsen, die auch heute noch digitale Schnappschüsse antreiben: die eigene Existenz festzuhalten, den eigenen Beruf hervorzuheben und den eigenen Platz in der Welt zu erkunden.
Diese Motivation ist über die Zeit erstaunlich konstant geblieben. Von den Werkstätten der Renaissance über die Ateliers des Barock bis weit darüber hinaus nutzten Künstlerinnen und Künstler ihr eigenes Abbild sowohl als Motiv als auch als Studienobjekt. Das Selbstporträt in all seinen Formen ist eine weltweit bedeutende Praxis künstlerischer Selbstreflexion, die sowohl die Persönlichkeit der Schaffenden als auch den historischen Moment, in dem sie lebten, offenbart.
Albrecht Dürer
Selbstbildnis im Pelzrock, 1500, von Albrecht Dürer. Öl auf Lindenholz, 67,1 × 48,9 cm. Alte Pinakothek, München.
Nach einer Ausbildung zum Goldschmied avancierte Albrecht Dürer (1471–1528) zu einem der einflussreichsten Künstler und Kunsttheoretiker seiner Zeit. Sein vielseitiges Werk umfasst Kupferstiche, Altargemälde, Porträts, Aquarelle und Bücher. Dürer pflegte Kontakte zu führenden italienischen Künstlern seiner Epoche, darunter Raphael, Giovanni Bellini und Leonardo da Vinci, was seine intensive Auseinandersetzung mit zentralen Ideen der Renaissance widerspiegelt.
In diesem eindrucksvollen Selbstporträt aus dem Jahr 1500 zeigt sich Dürer dem Betrachter frontal zugewandt, gekleidet in einen pelzbesetzten Mantel. Diese Komposition vermittelt Autorität und Selbstbewusstsein. Mit diesem Bild betont er nicht nur seine künstlerische und intellektuelle Identität, sondern auch seinen gehobenen gesellschaftlichen Status. Damit sichert er sich seinen Platz als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der nordischen Renaissance.
„Porträt eines Mannes in roter Kreide“, 1517–1518, von Leonardo da Vinci. Rote Kreide auf Papier, 33,3 × 21,6 cm. Königliche Bibliothek Turin, Italien.
Leonardo da Vinci (1452–1519) gilt oft als Inbegriff des universalen Künstlers der Renaissance. Er hinterließ ein einzigartiges Werk von nahezu 2.500 Zeichnungen aus den Bereichen Kunst, Anatomie und Ingenieurwesen. Unter ihnen befindet sich eine Rötelzeichnung, die allgemein als sein Selbstporträt akzeptiert wird.
Das „Porträt eines Mannes in roter Kreide“ zeigt da Vinci als alten Mann mit langem Bart und tief gezeichneten Gesichtszügen. Auch wenn die Zuschreibung dieser Selbstskizze aus jüngerer Zeit ungewiss bleibt, wurde das Bild zu seinem bekanntesten Porträt. Es spiegelt seine gründlichen Studien der menschlichen Anatomie und Mimik wider.
Catharina van Hemessen
Selbstporträt an der Staffelei, 1548, von Catharina van Hemessen. Öl auf Eichenholz, 32,4 × 25,2 cm. Kunstmuseum Basel, Schweiz.
Dieses kleine Selbstporträt zeigt die flämische Malerin Catharina van Hemessen (1528 bis nach 1567), wie sie mit Pinsel und Palette an ihrer Staffelei sitzt. Bemerkenswert ist ihr dunkles Samtkleid, das zum Malen ungeeignet gewesen wäre und vermutlich ihren gesellschaftlichen Status betonen sollte.
Das Werk gehört zu den frühesten Gemälden, die eine Künstlerin aktiv beim Malen zeigen. Van Hemessen war als professionelle Malerin anerkannt und arbeitete häufig für wohlhabende Auftraggeber in Nordeuropa.
Im Jahr 1554 forderte Michelangelo die damals 22-jährige italienische Malerin Sofonisba Anguissola auf, ein Werk zu schaffen, das Emotionen überzeugend vermittelt. Nachdem sie ihr Können unter Beweis gestellt hatte, begann eine etwa zweijährige informelle Lehrzeit bei ihm.
Gegen Ende dieser Zeit vollendete sie ein Selbstporträt, das sie an einer Staffelei zeigt (1556). Ihr sorgfältig geflochtenes Haar, ihre geschmackvolle Kleidung und ihr fester Blick strahlen Selbstbewusstsein und Würde aus. Das in Arbeit befindliche Gemälde unterstreicht ihre Identität und Autorität als Künstlerin.
Als ihr Ruf wuchs, wurde Anguissola im Jahr 1559 an den Hof Philipps II. von Spanien in Madrid eingeladen. Dort malte sie Porträts und diente als Begleiterin der Infantin Isabella Clara Eugenia sowie als Hofdame von Elisabeth von Valois. Sie malte bis ins hohe Alter weiter und wurde stolze 93 Jahre alt.
Rembrandt van Rijn
Selbstporträt, 1660, von Rembrandt. Öl auf Leinwand, 114,3 × 94 cm. Kenwood House, London.
Rembrandt van Rijn (1606–1669) nutzte das Selbstporträt wie ein visuelles Tagebuch, in dem er sein Leben dokumentierte. Über Jahrzehnte hinweg kehrte er immer wieder zu seinem eigenen Abbild zurück. Seine Werke zeichnen eine Entwicklung von Selbstsicherheit hin zu tiefer Selbstreflexion nach.
In diesem Selbstporträt vermittelt er mit seinem direkten Blick und seiner selbstbewussten Haltung sowohl Präsenz als auch innere Tiefe, was einen starken Kontrast zu seiner schlichten Arbeitskleidung bildet. Seine meisterhafte Beherrschung des Chiaroscuro, bei dem Figuren aus tiefem Schatten durch eine einzelne konzentrierte Lichtquelle hervortreten, verleiht seinen Porträts eine eindringliche emotionale Intensität.
Sir Godfrey Kneller
Selbstporträt, 1685, von Godfrey Kneller. Öl auf Leinwand, 75,5 × 62,9 cm. National Gallery, London.
Sir Godfrey Kneller (1646–1723) war als Hofmaler englischer und britischer Monarchen des 17. Jahrhunderts, darunter König Charles II. und König George I., eine zentrale Figur in der Entwicklung aristokratischer Porträtkunst.
In seinem Selbstporträt aus dem Jahr 1685 präsentiert er sich kultiviert und gefasst. In mehreren Selbstbildnissen, die im Laufe seines Lebens entstanden, formte Kneller sein eigenes Abbild bewusst als Ausdruck seines gesellschaftlichen Status. Er stellte sich so dar, wie er gesehen werden wollte: als angesehener und erfolgreicher Künstler.
Marie-Gabrielle Capet
Selbstporträt, um 1783, von Marie-Gabrielle Capet. Öl auf Leinwand, 77,5 × 59,5 cm. National Museum of Western Art, Tokio.
Marie-Gabrielle Capet (1761–1818) war eine französische Malerin aus einfachen Verhältnissen, über deren formale Ausbildung nur wenig bekannt ist. Dennoch entwickelte sie eine vielseitige Praxis im neoklassizistischen Stil und arbeitete mit Pastell-, Aquarell- und Ölmalerei.
In ihrem um 1783 entstandenen Selbstporträt zeigt sich Capet entsprechend den verfeinerten Schönheitsidealen ihrer Zeit: mit porzellanartiger Haut, zart geröteten Wangen und eleganter Kleidung. Mit zurückhaltender Selbstsicherheit hält sie einen Zeichenstifthalter in der Hand und schenkt dem Betrachter ein sanftes, wissendes Lächeln.
Capets Fähigkeiten verschafften ihr einen ausgezeichneten Ruf als Porträtistin und Historienmalerin. Zu ihrem Werk gehört eine große Anzahl von Miniaturporträts, von denen sich heute viele im Louvre befinden.
Joseph Ducreux
Selbstporträt, um 1790, von Joseph Ducreux. Öl auf Leinwand, 91 × 73 cm.
Joseph Ducreux (1735–1802) ist bekannt für seine Porträts aristokratischer Persönlichkeiten wie Marie Antoinette. Er verlieh seinen Werken jedoch häufig eine starke persönliche und humorvolle Note. So schuf er eine Reihe spielerischer Selbstporträts, die bewusst mit den formellen Konventionen seiner Zeit brachen.
Seine Faszination für die Physiognomik prägte seine Kunst maßgeblich. Sie schärfte seinen Blick für Details und half ihm, Porträts von großer Individualität und psychologischer Feinfühligkeit zu schaffen. Dies wird besonders in seinem „Selbstporträt als Spötter“ deutlich, in dem sein übertriebener Gesichtsausdruck durch eine lebhafte Pose verstärkt wird – der ausgestreckte Finger scheint den Betrachter neckisch direkt anzusprechen. Gerade dieser humorvolle Charakter ließ das Werk bis heute fortleben und verhalf ihm sogar zu neuer Popularität als weitverbreitetes Internetmeme.
„Selbstporträt als Spötter“, um 1793, von Joseph Ducreux. Öl auf Leinwand, 91 × 72 cm. Louvre, Paris.
Charles Willson Peale (1741–1827) malte dieses Selbstporträt im Alter von 81 Jahren. Darin präsentiert er das Vermächtnis, an das sich die Welt erinnern sollte: das eines US-amerikanischen Malers, Wissenschaftlers und hingebungsvollen Familienvaters. Im Laufe seiner Karriere porträtierte Peale zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten, darunter Benjamin Franklin, John Hancock, Thomas Jefferson, Alexander Hamilton und George Washington. Zudem gründete er zwei Kunstakademien, darunter die Pennsylvania Academy of the Fine Arts, sowie das erste Museum der USA.
In diesem Selbstporträt aus dem Jahr 1822 zieht Peale einen dramatischen roten Vorhang beiseite und gibt seine Sammlungen aus den Bereichen Kunst und Naturgeschichte frei. Der Blick fällt auf Reihen präparierter Tiere, das Skelett des Mastodons, dessen Ausgrabung er selbst unterstützt hatte, sowie auf Wände voller Porträts bedeutender US-amerikanischer Persönlichkeiten.
Über Jahrhunderte und Kulturen hinweg bot das Selbstporträt Kunstschaffenden die Möglichkeit, auszudrücken, wer sie in einem bestimmten Moment ihres Lebens waren. Durch Entscheidungen bezüglich Kleidung, Komposition und Lichtführung sind Selbstporträts – ebenso wie Selfies – sorgfältig inszenierte Darstellungen einer bestimmten Version des eigenen Selbst. Wenn Sie also das nächste Mal jemanden ein Selfie machen sehen, lohnt es sich, daran zu denken, dass diese Person Teil einer jahrhundertealten Tradition der visuellen Selbstdarstellung ist.
„Begegnung Leos des Großen mit Attila“, 1514 von Raffael. Apostolischer Palast, Vatikanstadt. - Foto: gemeinfrei
Ein Meisterwerk der Renaissance im Vatikan wird aufwendig restauriert: Die Arbeiten an den Fresken der Raffael-Loggia im Herzen des Apostolischen Palastes sollen fünf Jahre dauern, mit moderner Laser-Technik ausgeführt werden und etwa 20 Fachleute beschäftigten, wie die Vatikanischen Museen bei der Präsentation des Vorhabens am Mittwoch, 24. Juni, mitteilten.
Damit bei der Restaurierung die Fresken und der Stuck nicht beschädigt werden, sollen sie „trocken“ gereinigt werden.
Der 65 Meter lange und vier Meter breite Säulengang befindet sich im zweiten Stock des Palastes und wurde zwischen 1517 und 1519 von dem Meistermaler Raffael für Papst Leo X. ausgestaltet.
Für das Publikum ist sie nicht zugänglich, hohe Besucher des Papstes werden hier durchgeführt. Die letzte Teilrestaurierung liegt etwa 50 Jahre zurück.
Verschmutzungen verdecken Originalfarben
Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind die Fresken und der Stuck stark verschmutzt. Die Schichten aus tierischem Leim, Wachsen und Fixiermitteln, die über die Jahrhunderte aufgetragen wurden, sind vergilbt und haben Ablagerungen eingeschlossen, die zarten Pastelltöne des ursprünglicher Werkes sind überdeckt.
Laut Chef-Restaurator Paolo Violini zeigte die Untersuchung der Oberfläche, dass es notwendig sei, eine „trockene Reinigungsmethode“ anzuwenden, um die empfindlichen Original-Schichten zu erhalten, die sehr empfindlich auf chemische Vorgänge reagierten.
Deshalb sei die Laser-Technologie „die einzige Möglichkeit“, um die gewünschte Präzision bei der Reinigung zu erzielen und die Oberflächen trocken zu lassen, sagte Violini vor Journalisten.
Die Direktorin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta, sprach von einem „entscheidenden Moment sowohl für die Geschichte der Restaurierung als auch für die der italienischen Renaissance“.
Die im April begonnenen Arbeiten umfassen etwa 1300 Quadratmeter Fläche. Die Kosten werden in Höhe von 5,5 Millionen Dollar (rund 4,8 Millionen Euro) von internationalen Gebern der Nichtregierungsorganisation World Monuments Fund unterstützt, die sich der Erhaltung außergewöhnlicher Werke des Welterbes widmet. (afp/red)
Santa Maria Novella, Fassade vollendet von Alberti, 1470. - Foto: undefined/iStock
Um die perfekte Kuppel für die neue Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz zu entwerfen, reiste der berühmte Ingenieur Filippo Brunelleschi (1377–1446) nach Rom. Das antike Bauwerk, das seine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war das Pantheon: ein Tempel mit einer rund 43 Meter hohen Kuppel, deren charakteristische Kassettierung in den römischen Beton (Opus caementicium) eingearbeitet wurde – eine Mischung aus Kalkmörtel, Vulkanasche (Pozzolana), Wasser und Gesteinszuschlägen.
Brunelleschi fertigte zahlreiche Skizzen dieser beeindruckenden Konstruktion an, die bis heute die größte Kuppel aus unbewehrtem Beton ist. Diese Zeichnungen erwiesen sich später als entscheidend für die ingenieurtechnischen Meisterleistungen, die Brunelleschi den Ruf eines der bedeutendsten Architekten der Geschichte einbrachten.
Zu den vielen anderen, die Brunelleschis Beispiel folgten, gehörte auch der jüngere Leon Battista Alberti (1404–1472). Er war ein vielseitiger und geschichtsbegeisterter Universalgelehrter, dessen wegweisende Werke die italienische Renaissance maßgeblich beflügelten.
Das Pantheon verfügt über eine klassische Tempelfassade mit einem dreieckigen Giebel, der sich über einer Reihe von acht Säulen befindet und den Portikus bildet. Hinter dem Portikus erhebt sich die massive Betonkuppel, die von dicken, trommelförmigen Ziegel- und Betonmauern gestützt wird.
Foto: TomasSereda/iStock
Die Humanisten und die Renaissance
Laut dem bedeutenden Florentiner Gelehrten und Dichter Angelo Poliziano (1454–1494) war Alberti „ein Mann von außergewöhnlicher Brillanz, scharfem Urteilsvermögen und umfangreichem Wissen“.
Die Informationen über Albertis Leben stammen größtenteils aus dem bekannten Werk „Leben der berühmtesten Maler, Bildhauer und Baumeister“ von Giorgio Vasari (1511–1574). Als versierter Künstler beschloss Vasari, diese Biografien zu verfassen, um „jenen“ Tribut zu zollen, „welche jede der einst erloschenen Künste zuerst wieder erweckt, darauf allmählich vervollkommnet und bereichert, und endlich zu der Stufe der Herrlichkeit und Hoheit gebracht haben“, wie er sie in seiner Heimat Italien verwirklicht sah.
„Broadside of Humanist Cosmography“, 1585, von Gerard de Jode. Diese Darstellung der humanistischen Perspektive der Renaissance untersucht, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und wie das Universum – einschließlich der Planeten und Elemente – den Menschen prägt.
Foto: gemeinfrei
Dieses Streben danach, außergewöhnliche Persönlichkeiten zu feiern und ihrem Beispiel nachzueifern, prägte die italienische Renaissance. In der Epoche zwischen 1300 und 1550 entstanden zahllose bahnbrechende Leistungen in Kunst, Literatur und Politik. Ihre führenden Denker und Künstler würdigten die schöpferische Kraft des Menschen in einem bis dahin unbekannten Ausmaß.
Daraus erklärt sich auch ihre Begeisterung für die Geschichte, aus der sie Erkenntnisse über herausragende Leistungen und bedeutende Persönlichkeiten gewannen. Sie wurden als „Humanisten“ bekannt – ein Ideal, das Alberti mit ganzer Überzeugung verkörperte.
Alberti wurde 1404 in Genua geboren, nachdem seine wohlhabenden Eltern aus politischen Gründen aus Florenz fliehen mussten und sich dort niedergelassen hatten. Trotz der schwierigen Lage seiner Familie erhielt er eine erstklassige Ausbildung. Als Jugendlicher wurde er auf ein Internat in Padua geschickt, wo er Latein und Literatur studierte. Das 15. Jahrhundert erlebte die Wiederentdeckung verloren gegangener Schriften von Cicero, Platon und anderen antiken Autoren. Dadurch erweiterte sich das Literaturstudium um diese lang vergessenen Quellen, die damit eine neue Generation historisch denkender Intellektueller prägten.
Wie andere Wunderkinder war auch Alberti äußerst lernbegierig. Er meisterte seine Fächer mit beneidenswerter Leichtigkeit und begeisterte sich besonders für das Schreiben. Im Alter von 20 Jahren verfasste er eine Komödie in lateinischer Sprache. Sein Stil war so ausgefeilt, dass das Werk über ein Jahrhundert lang fälschlicherweise für ein Original eines römischen Dramatikers gehalten wurde.
Porträtstatue des Leon Battista Alberti (Giovanni Lusini, 19. Jh.) im Hof der Uffizien in Florenz.
Foto: AndreyUshakov/iStock
Alberti absolvierte seinen akademischen Werdegang schließlich in Bologna, wo er an der damals renommiertesten Universität Jura studierte. Doch das Rechtswesen war nichts für ihn. Nachdem er die Priesterweihe in der katholischen Kirche empfangen hatte, nahm er eine Stelle als literarischer Sekretär am päpstlichen Hof an. Diese neue Anstellung führte ihn nach Rom, wo er in einer turbulenten Epoche als Berater mehrerer Päpste tätig war.
Sein ganzes Leben lang war es Albertis Ziel, die Welt zu verschönern. Sein Streben nach Schönheit inspirierte ihn zu unzähligen Werken. Er verfasste wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Abhandlungen, darunter das erste Buch über italienische Grammatik sowie einen Aufsatz über Kryptografie, die Wissenschaft der Verschlüsselung vertraulicher Informationen. Brunelleschi und andere Erfinder nutzten diese Methode häufig, um ihre nicht patentierten Erfindungen zu schützen.
Von Albertis Werken waren insbesondere drei Schriften über die bildenden Künste von großer Bedeutung. Die erste erschien 1450 und beschrieb die Malerei als mathematische Kunst. „De pictura“ (Über die Malkunst) enthielt zudem die erste ausführliche Erklärung der Linearperspektive – einer Technik, mit der auf einer zweidimensionalen Fläche die Illusion von Räumlichkeit erzeugt wird.
Alberti schrieb diese Methode Brunelleschi zu, der sie bei seinen Überlegungen zur Kuppel von Santa Maria del Fiore entwickelt hatte. Alberti machte sie jedoch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und begründete damit ihren festen Platz in der künstlerischen Praxis – damals wie heute.
In „Über die Malkunst“ beschrieb Alberti künstlerische Konzepte wie den „Fluchtpunkt“, der auf einer ebenen Fläche einen dreidimensionalen Effekt erzeugte.
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Zwar war Albertis Abhandlung über die Bildhauerei weniger einflussreich, sie erläuterte jedoch einige der gleichen Grundprinzipien. In beiden Werken betonte er die Notwendigkeit, von der Natur zu lernen, da er sie als die vollkommenste Quelle von Symmetrie und Harmonie betrachtete. Seiner Meinung nach sollte das übergeordnete Ziel von Malern und Bildhauern darin bestehen, die Natur so genau wie möglich nachzuahmen. Dieses Interesse am naturalistischen Realismus fand bereits bei den antiken Griechen seinen ersten Ausdruck, die mit Vorliebe Geschichten über die täuschende Wirkung der makellosen Nachahmung in Malerei und Skulptur erzählten.
Obwohl sich Alberti auch in Malerei und Bildhauerei versuchte, war seine größte Begabung zweifellos das Schreiben. Er befasste sich mit zeitgenössischen Theorien und studierte so viele Werke aus der Vergangenheit wie möglich. Wie Vasari feststellte, erstrebte er, „nicht nur die Welt zu sehen und Maaß und Verhältnis der alten Bauwerke zu erkennen, sondern sein Sinn trieb ihn mehr noch zur Schriftstellerei als zur Kunstthätigkeit“.
Zwar räumte Vasari ein, dass viele Alberti in puncto technisches Know-how übertrafen, doch „keiner der späteren Meister in schriftlicher Darstellung weiter zu gehen vermochte“ als er. Das Lieblingswerkzeug des Universalgelehrten war die Feder, die weit mächtiger zu sein schien als Meißel, Pinsel oder Schwert.
„Über das Bauwesen“
In seiner Abhandlung über die Architektur, die er als eine Synthese aus Kunst, Wissenschaft und Philosophie betrachtete, legte Alberti einen ähnlichen Schwerpunkt auf Natur und Harmonie.
Sein in Latein verfasstes Werk „De re aedificatoria“ (Über das Bauwesen) griff Konzepte des berühmten römischen Architekten Vitruv (circa 80 v. Chr. bis 15 v. Chr.) auf, der ein ähnliches Werk in zehn Büchern verfasst hatte. Vitruv wiederum ließ sich von seinen antiken griechischen Vorgängern inspirieren, deren Streben nach Harmonie beeindruckende Bauwerke wie den Parthenon prägte.
Der Prolog der Abhandlung „De re aedificatoria“ in der Handschrift Olomouc, Státní Archiv, Domské i Kapitolní Knihovna, Cod. Lat. C. O. 330.
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„Über das Bauwesen“ war die erste systematische Abhandlung über Architektur in lateinischer Sprache seit fast einem Jahrtausend. Alberti schrieb sein Werk „nicht nur für die Baumeister, sondern auch für die, welche ihre Kenntnisse mit Wissenswertem bereichern wollen“. In seinen weitreichenden Ausführungen behandelt er technische Aspekte wie Materialbeschaffung und Baupraktiken ebenso wie allgemeinere Themen, beispielsweise die gesellschaftliche Bedeutung der Architektur, die Geschichte der Stadtplanung und die Philosophie der Schönheit.
Alberti definierte Schönheit als „eine bestimmte gesetzmäßige Übereinstimmung aller Teile, was immer für eine Sache, die darin besteht, dass man weder etwas hinzufügen noch hinwegnehmen könnte, ohne sie weniger gefällig zu machen“. Mit anderen Worten ist Schönheit demnach die Harmonie aller Teile im Verhältnis zueinander und zu dem Ganzen, das sie bilden.
Harmonische Formen aus Kreisen, Rechtecken und Quadraten zu schaffen, war für Alberti von zentraler Bedeutung. In einer Ausgabe von „Über das Bauwesen“ aus dem Jahr 1565 illustrierte er eine für eine Basilika empfohlene Form.
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Für Alberti war der Kreis die harmonischste Form. In einem Abschnitt über sakrale Räume beschrieb er ihn als die am besten geeignete geometrische Form für Kirchen, Taufkapellen und andere religiöse Gebäude, die die Einheit des göttlichen Kosmos widerspiegeln sollten.
Der Architekt erörterte auch das Quadrat, das Sechseck, das Achteck, das Zehneck, das Zwölfeck und drei Varianten des Rechtecks. All diese Formen sind vom Kreis abgeleitet und daher spirituell bedeutsam. Seiner Meinung nach sollte jedes Bauwerk, ob religiös oder anderweitig, diese idealen Formen integrieren.
Albertis Projekte
Über das architektonische Schaffen Albertis ist nur wenig bekannt. Dennoch lassen die wenigen Projekte, die unter seiner Leitung entstanden, seine Philosophie in der praktischen Umsetzung erkennen.
Der erste dokumentierte Auftrag kam im Jahr 1446, als er gebeten wurde, die Fassade des Palazzo Rucellai in Florenz zu entwerfen – eines der ersten Gebäude, das die architektonischen Prinzipien der Renaissance verkörperte. Neben der Unterteilung der Fassade in proportionale Abschnitte führte er auch zwei griechisch-römische Elemente – Pilaster und Gebälk – ein, die er symmetrisch an der Außenfassade des Palazzo anordnete.
Vier Jahre später wurde er mit der Renovierung des Tempio Malatestiano beauftragt, einer gotischen Kirche in Rimini, Italien. Die Fassade wurde nie fertiggestellt, zeigt jedoch ebenfalls die Integration idealer Formen, diesmal in Form von Rundbögen und dreieckigen Giebeln.
Versteckt in der Landschaft der Toskana liegt Pienza, eine von Alberti entworfene Planstadt. Die Piazza Pio II ist der zentrale Platz.
Foto: Rimbalzino/iStock
In Rom beauftragte Papst Nikolaus V. (1397–1455) Alberti mit dem Entwurf eines städtischen Wasserbeckens für ein großes römisches Aquädukt. Jahrzehnte später wurde Albertis’ schlichter Entwurf durch die monumentale Fontana di Trevi ersetzt.
Um das Jahr 1459 wurde Alberti beauftragt, die Neugestaltung der beschaulichen toskanischen Stadt Pienza, der Heimat des Papstes Pius II. (1405–1464), zu leiten. Mit ihren zahlreichen neuen oder renovierten Gebäuden war Pienza die erste Stadt, die vollständig nach den Idealen der Renaissance geplant und neu erbaut wurde.
Santa Maria Novella
Das berühmteste Gebäude, das Albertis’ Handschrift trägt, ist die Florentiner Kirche Santa Maria Novella. Nach wie vor zieht sie Besucher in ihren Bann, die sich vom gleichnamigen Bahnhof auf den Weg ins Stadtzentrum machen.
Sein Hauptbeitrag bezog sich erneut auf die Fassade der Kirche. Die untere Ebene wies drei Portale und sechs gotische Nischen auf, die aus demselben grünlichen Marmor gefertigt waren, der auch in einigen der berühmtesten Kirchen von Florenz zu finden ist. Die gotische Struktur umfasste zudem ein zentral angeordnetes Rundfenster.
Die Fassade der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, Italien. Leon Battista Alberti vollendete sie im Jahr 1470.
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Alberti verzierte diese ursprünglichen Elemente mit klassischen Ornamenten. So fügte er der unteren Fassade zunächst vier Säulen mit korinthischen Kapitellen hinzu. Korinthische Kapitelle waren ein Markenzeichen der Römer. Ihre kunstvollen Krönungen symbolisierten Tapferkeit und Wohlstand.
Als Nächstes fügte er einen Fries hinzu, einen breiten, horizontalen Abschnitt, der von Säulen getragen wird. Friese finden sich am Parthenon in Athen und an praktisch jedem bedeutenden griechischen oder römischen Tempel. Während die Griechen ihre Friese mit Flachreliefs verzierten, wählte Alberti ein sich wiederholendes Muster aus kachelartigen Quadraten, in die er den Namen des Kirchenstifters Giovanni Rucellai einfügte.
Detailansicht der Fassade von Santa Maria Novella, Florenz.
Der Architekt krönte den Fries mit einem Giebel, genauer gesagt mit einem dreieckigen Giebel, wie er für griechisch-römische Bauwerke typisch ist. Dieser wurde um das zentrale Fenster herum errichtet, das weiterhin den Mittelpunkt der Oberfassade bildete. An den beiden Ecken des Giebels fügte Alberti zwei s-förmige Voluten hinzu, welche zuvor noch nie verwendet worden waren. Durch die schrägen Voluten wurde der obere Teil verbreitert und es wurden optische Unstimmigkeiten zwischen diesem und dem breiten Sockel vermieden. Zudem verdeutlichten sie Albertis Faszination für die harmonische Ausgewogenheit zwischen gegensätzlichen Elementen.
Den krönenden Abschluss bildete ein von dem Architekten entworfenes, ornamentales Sonnenmotiv aus Fliesen. Ornamente wurden gewöhnlich plastisch gestaltet. Indem Alberti jedoch flache Fliesen verwendete, verzichtete er zugunsten der Farbvielfalt auf Tiefe und Struktur. Das schillernde Ornament zählt bis heute zu den reizvollsten Details der Fassade.
Einheit und Schönheit
Alberti war nicht daran interessiert, die Vergangenheit zu kopieren. Zwar schätzte er den Wert der griechisch-römischen Architektur, doch er wusste auch, dass seine Zeit nach Innovation verlangte. Das Gleiche galt für Brunelleschi und Leonardo da Vinci (1452–1519) sowie die vielen anderen Meister, die seit der Renaissance die Fantasie der Künstler beflügeln.
Bis heute berufen sich klassisch orientierte Architekten auf Alberti als Vorbild – nicht zuletzt wegen seiner leidenschaftlichen Aussagen über die Schönheit. In seinen Worten:
„Nichts ist edler als die Schönheit […] und jeder, der nicht möchte, dass das, was ihm gehört, geschmacklos erscheint, sollte sie mit größtem Eifer anstreben. Welch’ außerordentliche Bedeutung unsere Vorfahren, Männer von großer Klugheit, ihr beimaßen, zeigt sich in der Sorgfalt, mit der sie ihre rechtlichen, militärischen und religiösen Einrichtungen – ja den gesamten Staat – reich ausschmückten.“
Für den Architekten war Schönheit mehr als nur eine ästhetische Eigenschaft. Sie war für ihn Ausdruck göttlicher Schöpfung, kosmischer Einheit und des Potenzials der Menschheit zur Tugendhaftigkeit. Selbst sieben Jahrhunderte später inspirieren seine Ideen noch immer.