Väter haben die einzigartige Möglichkeit, ihren Töchtern zu mehr Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit zu verhelfen. - Foto: Illustration von Rae Li für The Epoch Times
Mein Vater Michael erinnert sich daran, wie meine Schwestern – seine beiden Töchter – noch klein waren und es liebten, „bunte, glitzernde Sachen“ zu tragen. Die pure Freude, die sie an ihren albernen, zusammengewürfelten Outfits aus Kronen, Tutus und Halsketten hatten, hat ihn damals berührt und ist ihm heute, rund 30 Jahre später, noch immer in Erinnerung.
„Sie hatten keine Ahnung von gutem Geschmack. Manchmal sahen sie einfach lächerlich aus“, erzählte Michael der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times. „Aber sie hatten die unverfälschte Freude, eine Prinzessin zu sein. Ich hatte das Gefühl, es sei meine Aufgabe – eine leichte Aufgabe –, sie in diesem Selbstwertgefühl zu bestätigen.“
Er fügte hinzu: „Ich glaube, Väter können das für ihre Töchter tun, nicht nur, wenn sie verrückte Kostüme tragen, sondern immer – besonders dann, wenn das Leben schwer wird, was sicherlich irgendwann der Fall sein wird.“
Diese Bewunderung und stille Bestätigung ist eines der wichtigsten Geschenke, die ein Vater seiner Tochter machen kann.
„Kleine Mädchen, die von ihren Vätern bewundert werden, gehen mehr Risiken ein, sind abenteuerlustiger und haben mehr Selbstvertrauen in der Welt“, sagte Erica Komisar, Psychoanalytikerin, Erziehungscoach und Autorin, in einem Interview mit Epoch Times. „Als Vater haben Sie durch Ihre Bewunderung viel Einfluss.“
Mädchen, die ohne die beständige, bestätigende Präsenz eines Vaters aufwachsen, leiden unter vielen negativen Folgen. Es ist mittlerweile eine tragische und altbekannte Litanei, was Statistiken der US-Organisation National Fatherhood Initiative zum Thema Vaterlosigkeit besagen: Mädchen, die in einem Elternhaus ohne Vater aufwachsen, werden siebenmal häufiger als Teenager schwanger; Kinder aus vaterlosen Familien brechen doppelt so häufig die Schule ab und leiden doppelt so häufig an Fettleibigkeit.
„Die Forschungsergebnisse sind erdrückend“, sagte der klinische Psychologe, Erziehungsexperte und Autor Ray Guarendi gegenüber Epoch Times. „Eine liebevolle, engagierte Mutter und ein liebevoller, engagierter Vater in einer festen Beziehung sind die beste Grundlage für die Erziehung eines Kindes.“
Laut Guarendi führt diese Konstellation in jeder Hinsicht zu besseren Ergebnissen, darunter weniger Depressionen, Ängste, Drogenkonsum und Alkoholismus sowie bessere schulische Leistungen, ein positiveres Selbstbild und bessere soziale Beziehungen.
Wie wir mit der Zeit und dank weiterer Forschung immer besser verstehen, geben engagierte Väter ihren Töchtern etwas Unersetzliches, das sie auf ein erfolgreiches Leben vorbereitet.
Zu den wichtigsten Aufgaben eines Vaters gehört es, seinen Töchtern gesundes männliches Verhalten und gesunde Beziehungen zwischen Männern und Frauen vorzuleben.
„Ein Vater kann seinen Töchtern zeigen, wie ein guter Mann seine Frau behandelt“, sagte Guarendi. „Man kann noch einen Schritt weiter gehen: Nur Väter können einer Tochter zeigen, wie ein Mann – ein guter Mann – Frauen behandelt.“ Das fürsorgliche, respektvolle, liebevolle und beschützende Verhalten des Vaters gegenüber dem kleinen Mädchen und seiner Mutter verankert wichtige Prägungsmuster im Geist und Herzen des Mädchens. Sie fühlt sich nicht nur sicher und geborgen, sondern entwickelt auch gesunde Erwartungen an spätere Beziehungen.
Dr. William Sears, Autor zahlreicher Erziehungsratgeber, wandte sich in einem Interview mit der Epoch Times direkt an die Väter. Der Kinderarzt sagte: „Seien Sie ein Vorbild für Männlichkeit. Sie sind das Vorbild für den Ehemann, den Sie sich für sie wünschen.“
Wenn Ihre Tochter Ihnen eines Tages sagt: „Ich möchte einen Mann heiraten wie den, den Mama geheiratet hat“, dann ist das laut Sears ein Erfolg.
In einer gesunden Familie ist der Vater die erste große Liebe eines kleinen Mädchens. Wie Komisar erklärte, werden Väter für Mädchen im Alter von etwa drei Jahren zum ersten „Liebesobjekt“ – die Mädchen projizieren dann ihr Interesse und ihre Vorstellung von Männlichkeit auf den Vater.
Dies ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung des kleinen Mädchens, wenn es beginnt, sich von seiner Mutter abzugrenzen. Diese erste Verlagerung von der Mutter zum Vater wird in Komisars Worten „zum Vorbild für zukünftige vertrauensvolle, liebevolle und intime romantische Beziehungen“.
Doch Papa bietet nicht nur ein Vorbild für Beziehungen zwischen Mann und Frau. Er spielt auch eine wichtige Rolle dabei, Kindern beizubringen, wie sie bestimmte Emotionen und Verhaltensweisen regulieren können. Das gilt sowohl für Mädchen als auch für Jungen.
„Väter helfen dabei, Aggression, Aufregung, risikoreiches Verhalten und Impulsivität zu regulieren. Auf der positiven Seite fördern sie Dinge wie das Einschätzen von Risiken“, sagte Komisar. „Sie fördern die Selbstständigkeit und die Widerstandsfähigkeit.“
Diese Dimension des väterlichen Einflusses steht im Kontrast zur einfühlsam-fürsorglichen Rolle der Mutter und bildet einen Ausgleich dazu. Babys und Kinder müssen getröstet werden, brauchen aber auch ausgelassenes Herumtollen, das Väter ihnen bieten. Das von Vätern oft initiierte körperliche Spiel ist entscheidend für die kindliche Entwicklung. Es vermittelt die Grundlagen von Anpassungsfähigkeit, Belastbarkeit und Problemlösungskompetenz.
Komisar sagte: „Diese Vater-Tochter-Beziehung hat etwas an sich, das kleinen Mädchen das Gefühl gibt, dass sie ihre Flügel in der Welt ausbreiten und gewissermaßen fliegen können.“
Sie erklärte weiter, dass Väter große Mengen eines Hormons namens Vasopressin produzierten.
„Sowohl Mütter als auch Väter produzieren Vasopressin, aber Väter produzieren mehr davon. Wir nennen es das ‚schützend-aggressive Hormon‘, das viele Spielweisen antreibt, mit denen Väter mit Kindern spielen“, sagte sie.
Sowohl Väter als auch Mütter produzieren ebenfalls das Bindungshormon Oxytocin. Bei Müttern führt es zu feinfühliger, empathischer Fürsorge, bei Vätern hingegen zu spielerischer taktiler Stimulation, die für die kindliche Entwicklung und Resilienz wichtig ist.
So tragen Väter dazu bei, ihre Kinder auf gesunde Weise zu begeistern und gleichzeitig ihr Selbstvertrauen und ihre Resilienz zu stärken. Aber sie helfen auch dabei, zu verhindern, dass diese Ausgelassenheit außer Kontrolle gerät. Hier kommt die Regulierung von Aggression und Risikobereitschaft ins Spiel.
Eine aus der afrikanischen Savanne gewonnene Erkenntnis lässt sich auch auf unsere Wohnzimmer übertragen. Forscher der Universität Exeter stellten bei Elefantenbullen in Botswana fest, dass sie sich gegenüber Objekten, die keine Elefanten waren – etwa Fahrzeugen, Nutztieren und anderen Tierarten –, häufiger aggressiv verhielten, wenn weniger ältere Bullen in der Nähe waren.
Heranwachsende Elefanten reagierten zudem aggressiver und ängstlicher, wenn sie ohne andere Männchen unterwegs waren. Umgekehrt wirkte die Anwesenheit reifer Männchen tendenziell beruhigend und stabilisierend auf alle Mitglieder der sozialen Gruppe.
Die Studie wurde an rein männlichen Elefantengruppen durchgeführt, doch das Kernprinzip gilt unabhängig davon. Ebenso kann nichts den stabilisierenden und beruhigenden Einfluss einer verlässlichen männlichen Bezugsperson in einer sozialen Gruppe oder Familie ersetzen.
Aus all diesen und weiteren Gründen hinterlässt ein fehlender oder gewalttätiger Vater eine Lücke im Leben eines kleinen Mädchens. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Lücke nicht durch eine Ersatzvaterfigur gefüllt werden kann. Vaterschaft ist viel mehr als nur biologische Elternschaft. Ein aufrichtiger, vertrauenswürdiger Mann kann durch seine Liebe und sein Engagement für das Wohlergehen eines Mädchens zu einer Vaterfigur werden.
„Wenn der leibliche Vater sich nicht einbringen kann oder will, dann müssen Sie eine Vaterfigur für Ihre Tochter finden“, sagte Komisar, „damit sie mit einem liebevollen, wohlwollenden, beständigen, verlässlichen, verantwortungsbewussten, zuverlässigen, bewundernden, einfühlsamen und empathischen Vater aufwächst.“
Guarendi pflichtete ihr bei: „Sie muss sehen, wie ein guter Mann aussieht. Wenn sie nicht sieht, dass ihr eigener Vater dies tut, und sie durch ihn – der ein Mann mit Fehlern ist – ein bestimmtes Bild von Männern hat, kann sie zumindest zu einem großen Bruder, zu einem Onkel oder zu einem Großvater aufschauen. Sie kann sagen: ‚Wie anders, wie viel bewundernswerter!‘“
Laut Komisar ist es ein echter Fehler, wenn ein Vater – oder eine Vaterfigur – glaubt, seine Tochter brauche ihn nicht, nur weil sie ein Mädchen ist. Das Engagement eines Vaters kann viele Formen annehmen. Väter sollten nicht zögern, sich einzubringen und mitzumachen, auch wenn das Spielen mit kleinen Mädchen ihnen nicht von Natur aus leichtfällt.
„Mit seiner Tochter ein Teekränzchen zu veranstalten, ist eine sehr liebevolle Sache, die Väter tun können. Einfach hinauszugehen und einen Fußball zu kicken, ist es ebenso“, sagte sie und fügte hinzu: „Nicht genug Einbindung ist wahrscheinlich einer der größten Fehler, die ein Vater machen kann.“
Wie können Väter diesen Fehler vermeiden? Indem sie von Anfang an eine enge, liebevolle und respektvolle Beziehung zu ihrer Tochter aufbauen. Sears empfahl Papa-Tochter-Dates.
„Eine meiner Töchter zeigte mir ein Foto, das sie sich jeden Tag ansieht: Darauf stecke ich ihr eine schöne Rose an das Kleid, bevor wir zu einem Papa-Tochter-Date gehen“, erinnerte sich Sears.
Die Zeit, die er investierte, als seine Töchter noch klein waren, schuf eine tiefe Bindung und schöne Erinnerungen. Das zeigt kleinen Mädchen, dass ihre Väter sie lieben und Zeit mit ihnen verbringen wollen. Bis heute geht Sears jede Woche mit seinen Töchtern tanzen.
Auch Guarendi plädiert dafür, als Vater seine Zuneigung deutlich zu zeigen. Zuneigung, Schutz und Disziplin bilden ein starkes Dreigespann in der Vater-Tochter-Beziehung. All diese Faktoren vermitteln jungen Mädchen letztlich ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität, das nur ein Vater bieten kann.
Ein liebevoller Vater schenkt seiner Tochter etwas Unersetzliches.
Foto: Illustration von Rae Li für The Epoch Times
Laut Guarendi müssen Töchter wissen, dass sie sich an ihren Vater wenden und mit ihm über alles reden können. Und zwar ohne Angst, dass er schreit oder die Geduld verliert. Das bedeutet nicht, dass ein Vater keine Maßstäbe hat oder Fehlverhalten nicht ahndet. Es bedeutet jedoch, dass er immer bereit ist, zuzuhören. Er ist, wie Sears es ausdrückt, für seine Töchter „immer zur Stelle“, egal was passiert.
Neben dem Vertrauen, mit dem Vater sprechen zu können, sollte einer Tochter noch etwas anderes sicher sein: Es gibt nichts, was sie tun könnte, damit ihr Vater aufhört, sie zu lieben.
Laut Guarendi sollten Väter ihren Töchtern Folgendes sagen: „Ich werde dich immer beschützen. Ich werde da sein und dich emotional, seelisch und körperlich beschützen. Vielleicht willst du das nicht immer, aber ich möchte, dass du mich als den einen Menschen in deinem Leben siehst, auf den du dich verlassen kannst.“
Eine Tochter ist ein Geschenk
Was könnte für einen Mann größeres Glück bedeuten, als derjenige zu sein, auf den sich andere verlassen können, selbst in den dunkelsten und stürmischsten Zeiten? Trotz seiner Fehler hat ein Vater ein paar Jahrzehnte Zeit, der Held seiner Tochter zu sein. Er kann ihre Stütze sein. Das ist es, wonach sich die Herzen der meisten Männer sehnen.
Bisher haben wir hauptsächlich darüber gesprochen, was Töchter von ihren Vätern erhalten. Aber natürlich erhalten auch Väter so viel von ihren Töchtern. Als Michael über die Jahrzehnte nachdachte, die er mit seinen Mädchen verbringen durfte, fasste er es so zusammen, dass all die strahlenden Momente „in der Erinnerung zu einer endlosen Kette von Geschenken verschwimmen“.
Töchter sind ein Geschenk, eine Freude und ein Privileg für ihre Väter. Die Liebe zwischen einem Vater und seiner Tochter zeichnet sich durch eine ganz besondere Reinheit und Einfachheit aus.
Es ist entscheidend, dass Männer das Geschenk, Töchter zu haben, wiederentdecken. In dieser Berufung haben Männer mehr Kraft zum Guten, als ihnen vielleicht bewusst ist.
„Gerade heutzutage sind Depressionen, Ängste und all die familiären Probleme so groß wie nie zuvor in der Geschichte, besonders bei jungen Frauen und Mädchen“, sagte Sears. „Wir brauchen Väter, die die Dinge in die Hand nehmen und für ihre Töchter etwas bewegen. Seien Sie kein distanzierter Vater!“
Nach jahrelanger Erziehungserfahrung sagte Michael: „Nur Väter können ihren Töchtern die Liebe eines Vaters geben. So einfach ist das. […] Die Liebe eines Vaters – oder auch das Fehlen dieser Liebe – prägt die Wahrnehmung seiner Tochter von der männlichen Natur vielleicht sogar ein Leben lang.“
Das ist die Herausforderung eines Mannes und zugleich sein Privileg.
Nach einem Streit ist es nicht leicht, sich wieder zu öffnen. - Foto: PeopleImages/iStock
In Kürze:
• Wer mit der Vergebung wartet, macht sich den ersten Schritt mit jedem Tag schwerer. • Selbstmitleid fühlt sich zwar kurzfristig leichter an als Vergebung, trübt aber den klaren Blick. • Kinder beobachten genau, wie ihre Eltern mit Konflikten umgehen. • Jeder Akt der Vergebung erleichtert den nächsten.
Es gibt Momente, in denen ich mir wünsche, eine Beziehung könnte wiederhergestellt werden, aber meine Gefühle sind zu verletzt, um den ersten Schritt zu tun.
Wir alle befinden uns hin und wieder in dieser Lage. Manchmal geraten wir in emotionale Konflikte oder fühlen uns von Freunden oder Familienmitgliedern verletzt – das alles gehört zum Menschsein.
Ich habe kürzlich zwei solche Situationen in meiner eigenen Familie erlebt, und ich wusste in beiden Fällen, dass ich den Beteiligten verzeihen würde. Für mich war es keine Frage des „Ob“, sondern des „Wann“. Und ich glaube, genau darin liegt die Herausforderung, den ersten Schritt zu machen. Ich verspürte keine Dringlichkeit, die Dinge schnell wieder in Ordnung zu bringen, und genoss mein Selbstmitleid auf die verdrehte Art, wie wir Menschen das eben so tun.
Selbstmitleid muss uns in irgendeiner Weise nützen – zumindest kurzfristig –, sonst würden wir uns nicht immer wieder darin suhlen. Vielleicht fühlt es sich gut an, weil es uns als ein emotionaler Schutzschild dient. Er ermöglicht es uns, uns zurückzuziehen, uns im Recht zu sehen oder empört darüber zu sein, dass wir uns von anderen ungerecht behandelt fühlen.
Wenn wir uns im Zustand des Selbstmitleids befinden, glauben die wenigsten, dass sie dann besonders klar denken können. Aber es fühlt sich einfacher an als Vergebung, und wie Wasser folgen unsere Handlungen meist dem Weg des geringsten Widerstands.
Der erste Schritt ist entscheidend – und fällt umso schwerer, je länger das Schweigen dauert.
Foto: Dima Berlin/iStock
Warum wir mit der Vergebung nicht warten sollten
Je länger man wartet, desto schwieriger wird der erste Schritt. Mir ist aufgefallen, dass der ursprüngliche Grund für die Verärgerung mit der Zeit in Vergessenheit gerät. Konkrete Probleme werden dann durch vage Gefühle von Kälte und Ärger ersetzt. Diese sind tatsächlich schwerer zu überwinden, weil sie weitaus stärker emotional aufgeladen sind.
Jeder Tag des Schweigens hinterlässt eine kleine Narbe. Es ist, als würde man sich auf die Innenseite der Wange beißen. Die Stelle schwillt ein wenig an und ist dann anfälliger dafür, immer wieder gebissen zu werden. Ich glaube, etwas Ähnliches passiert, wenn wir Vergebung zurückhalten. Lässt man einen Konflikt ein oder zwei Tage schwelen, sind es beim nächsten Mal vielleicht schon zwei oder drei Tage. Und die Emotionen vertiefen sich.
Wenn man sich bereits entschlossen hat zu vergeben, zögert man durch das Warten nur das Gute hinaus. So viel von unserem Leid rührt von Dingen her, von denen wir zwar wissen, dass wir sie irgendwann tun werden. Aber stattdessen entscheiden wir uns zunächst dafür, in Selbstmitleid zu schwelgen oder die Sache aufzuschieben. Ich wünschte, ich hätte eine einfache Lösung, wie man diesen emotionalen Zustand überwinden kann. Mein einziger Rat ist, sich gelegentlich vor Augen zu führen, wie albern das eigentlich ist.
Sich vor jedem Handeln erst bereit fühlen zu wollen, ist eine Angewohnheit, die sich nur schwer ablegen lässt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie oft ich viel zu lange im Planungsmodus verharrt habe. In der Regel folgen positive Gefühle auf gesunde Handlungen – und nicht umgekehrt.
Ihre Kinder beobachten, wie Sie mit Konflikten umgehen, und saugen Lektionen wie Schwämme auf. Wenn Sie Kinder oder Enkelkinder um sich herum haben, unterschätzen Sie nicht, wie viel sie von Ihnen aufnehmen. Es geht nicht nur um Ihre Worte und Taten, sondern auch um Ihre Einstellungen und Werte. Als ich vor ein paar Wochen Schwierigkeiten hatte, einem meiner Kinder zu vergeben, fragte dieses Kind meine Frau: „Ist Papa immer noch sauer auf mich?“ Das brach mir das Herz und machte mir klar, dass ich meinen Kindern ein großartiges Vermächtnis hinterlassen möchte, statt ihnen zu zeigen, wie man an Verletzungen festhält.
Den ersten Schritt zu machen, ist das Einzige, was Sie kontrollieren können. Es gibt so vieles im Leben, was wir nicht kontrollieren können. Das Verhalten anderer Menschen gehört sicherlich dazu. Die Lösung besteht darin, mit gutem Beispiel voranzugehen.
Jeder Tag in einer festgefahrenen Situation ist ein weiterer Tag, der nie zurückkommt. Je älter ich werde – vor allem, seit ich fünf Kinder habe –, desto stärker spüre ich, wie schnell die Zeit vergeht. Wie viele gemütliche Wochenenden zu Hause mit meiner ganzen Familie unter einem Dach werde ich noch verbringen können, wenn alle bei guter Gesundheit sind? Weit weniger, als ich mir wünschen würde. Es wäre eine Tragödie, auch nur eines davon zu verschwenden.
Wenn Sie sich entscheiden, sofort zu vergeben, machen Sie sich selbst das größte Geschenk. Jeder Akt der Vergebung schafft eine Grundlage, die die nächste Entscheidung erleichtert. Ich nenne das eine Aufwärtsspirale. Es ist, als würde man in die Richtung, in die man gehen möchte, nach oben fallen. Jede positive Entscheidung gibt einem einen kleinen Motivationsschub, um eine weitere und noch eine zu treffen. Der beste Zeitpunkt, um damit anzufangen, ist jetzt.
Familienministerin Karin Prien rechnet damit, dass im kommenden Jahr eine EU-weite Regelung zur Beschränkung von Social Media für Kinder und Jugendliche kommen wird. Parallel dazu sollen in Deutschland bereits Gesetze in diese Richtung geändert werden. - Foto: Michael Kappeler/dpa
Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Instagram sollen für Kinder unter 13 Jahren in Deutschland künftig tabu sein. Das Bundeskabinett beschloss in Berlin Eckpunkte für Übergangsregeln, bis entsprechende EU-weite Social-Media-Beschränkungen in Kraft sind. Diese hatte die EU-Kommission im September angekündigt. Wegen der Abstimmungen im EU-Parlament und zwischen den Mitgliedsstaaten könnte es theoretisch lange dauern, bis es tatsächlich dazu kommt.
Bundesfamilienministerin Karin Prien zeigte sich zwar optimistisch, dass es zügig geht. Sie gehe davon aus, dass im kommenden Jahr auf EU-Ebene eine Regelung erreicht werden könne, sagte die CDU-Politikerin in Berlin. Man warte aber nicht ab, fügte sie hinzu. In Deutschland ist demnach eine Reform des Jugendschutzgesetzes geplant. Ziel sei ein Kabinettsbeschluss noch in diesem Jahr. Bevor die Gesetzgebung in Bundestag und Bundesrat abgeschlossen ist, dauere es dann noch ein paar Monate.
Verbot bis 13, danach Stufenmodell
Die geplante Regelung werde Kindern unter 13 Jahren die Nutzung sozialer Netzwerke „grundsätzlich untersagen“, hieß es. Ausnahmen solle es für nachweislich kindgerechte Angebote geben. Für 13- bis 18-Jährige sind abgestufte Beschränkungen vorgesehen. Das ähnelt, wie auch das geplante Verbot unter 13, den Plänen der EU-Kommission, wonach Jugendliche ab 13 „Mini-Konten“ nutzen sollen dürfen, die von den Eltern eingerichtet und beaufsichtigt werden, mit begrenzten Funktionen und einer Beschränkung auf eine Stunde pro Tag.
Die großen Plattformen sehen schon jetzt in ihren Geschäftsbedingungen ein Mindestalter von 13 Jahren vor. Die Internetwächter in Brüssel hatten jedoch wiederholt kritisiert, dass diese Altersgrenze nicht richtig durchgesetzt werde. Das soll sich durch die geplanten EU-weiten Vorgaben ändern – die Plattformen sollen in die Pflicht genommen werden.
Deutschland kann zwar grundsätzlich selbst Regeln für die Nutzung durch Kinder und Jugendliche erlassen. Eine verpflichtende Alterskontrolle durch die großen Plattformen kann jedoch nur die EU auf Grundlage ihrer Digitalgesetze durchsetzen.
Sorge vor körperlichen und psychischen Schäden
In ihren Eckpunkten begründet die Bundesregierung die geplanten Einschränkungen unter anderem damit, dass mittlerweile jedes vierte Kind problematische Nutzungsmuster in den sozialen Netzwerken zeige. „Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit, das Wohlbefinden, die schulischen Leistungen und die sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen.“ Insbesondere die Lesekompetenz lasse nach, die Voraussetzung für Bildungserfolg, politische, gesellschaftliche und ökonomische Teilhabe sei.
Verwiesen wird außerdem auf Gefahren durch Mobbing und Hassrede im Netz, die Konfrontation mit Gewalt- oder Missbrauchsabbildungen, Extremismus und sogenanntes Cyber-Grooming – also die gezielte Kontaktanbahnung durch Erwachsene unter falscher Identität, etwa mit dem Ziel sexuellen Missbrauchs.
Bei der Abstimmung über die EU-weiten Social-Media-Regeln will sich die Bundesregierung laut ihrem Eckpunktepapier für ein Verbot suchtfördernder Designs einsetzen. In Anwendungen sollen etwa algorithmische Empfehlungssysteme standardmäßig deaktiviert sein müssen – also auf das Verhalten der Nutzer zugeschnittene Empfehlungen. Die EU plant beispielsweise, dass Funktionen wie endloses Scrollen oder das automatische Abspielen von Videos deaktiviert sind.
KI-Seepferdchen und Aufsichtspflicht
Die vom Kabinett beschlossenen Eckpunkte für mehr Kinder- und Jugendmedienschutz sehen auch die Einführung eines „KI-Seepferdchens“ im Grundschulalter vor, ein Zertifikat ähnlich dem Schwimmabzeichen („Seepferdchen“), damit Kinder früh lernen, welche Möglichkeiten und Gefahren Künstliche Intelligenz birgt. Zudem soll die Aufsichtspflicht der Eltern im Bürgerlichen Gesetzbuch mit Blick auf Anwendungen im Netz konkretisiert werden. Hauptverantwortlich seien zwar die Plattformbetreiber. „Abhängig von Alter und Reifegrad des Kindes bleibt es aber auch Aufgabe der Eltern, die Mediennutzung ihrer Kinder ergänzend zu beaufsichtigen.“ (dpa/red)
Ein 14-jähriger Junge betrachtet am 24. Oktober 2025 auf einem Smartphone die Instagram-App. - Foto: David Gray/AFP via Getty Images
In Deutschland sollen übergangsweise eigene Regeln für ein Social-Media-Verbot unter 13 eingeführt werden, bis es zu einer EU-weiten Regelung kommt. Das Bundeskabinett beschloss dazu in Berlin Eckpunkte aus dem Haus von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU). Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Instagram sollen demnach für Kinder unter 13 Jahren tabu sein.
Zwar hatte auch die EU-Kommission im September bereits entsprechende Pläne vorgestellt („EU Kids Act“). Bis sich EU-Parlament und Mitgliedsländer bei dem Vorhaben aber auf einheitliche Linien verständigt haben und ein Mindestalter tatsächlich eingeführt wird, könnte viel Zeit vergehen.
Die vom Kabinett verabschiedeten Eckpunkte sind noch kein konkretes Gesetzesvorhaben, sondern zunächst eine Absichtserklärung. Somit blieb zunächst auch offen, wann konkret die Beschränkungen in Kraft treten sollen.
Die geplante Übergangsregelung für Deutschland werde Kindern unter 13 Jahren die Nutzung sozialer Netzwerke „grundsätzlich untersagen“, hieß es. Ausnahmen solle es „für nachweislich kindgerechte Angebote geben“. Für 13- bis 18-Jährige sind „abgestufte Beschränkungen“ vorgesehen.
Auch das ähnelt den Plänen der EU-Kommission, wonach Jugendliche ab 13 „Mini-Konten“ nutzen sollen dürfen, die von den Eltern eingerichtet und beaufsichtigt werden. Diese sollen nur begrenzte Funktionen haben und ihre Nutzung auf eine Stunde pro Tag beschränkt sein. (dpa/red)
„Äneas auf der Flucht aus Troja“, 1598, von Federico Barocci. - Foto: gemeinfrei
Vor rund 15 Jahren sprach ich in einem meiner Homeschooling-Seminare mit einem Schüler der Oberstufe über Robert E. Lees Verständnis von Pflicht. „Ich mag dieses Wort nicht“, sagte er.
„Warum nicht?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich mag es einfach nicht.“
Doch diese Abneigung ist keineswegs nur eine typische Reaktion eines Jugendlichen. Viele Menschen in unserer Kultur dürften dieses Gefühl teilen, wenn auch oft unbewusst. Wir leben in einer stark auf das Individuum ausgerichteten Zeit, in der persönliche Rechte und Freiheiten einen hohen Stellenwert genießen und Selbstverwirklichung großgeschrieben wird. Stattdessen sprechen wir lieber von Verantwortung. Verantwortung bedeutet, für eine Aufgabe oder eine Handlung einzustehen, im Beruf ebenso wie im privaten Leben.
„Äneas berichtet Dido vom Untergang Trojas“, um 1815, von Pierre-Narcisse Guérin. Pflicht verlangt nicht selten große persönliche Opfer. In Vergils Epos zeigt sich dies besonders eindringlich an Äneas’ schmerzhafter Trennung von Dido, die er auf sich nimmt, um seiner Bestimmung zu folgen. Louvre, Paris.
Foto: gemeinfrei
Pflicht ist etwas anderes. Sie bezeichnet einen von außen an uns herangetragenen Maßstab – eine Verpflichtung, keine freie Entscheidung – und ist häufig in Tradition oder religiösem Glauben verankert. So gehört es zur Pflicht eines Soldaten, einem Vorgesetzten zu gehorchen, während Polizisten das Gesetz durchsetzen müssen. Das alttestamentliche Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ ist beispielsweise eine Forderung, keine Option – eine Pflicht, bei der lediglich die Auslegung und Umsetzung Spielraum lassen.
Dieses Verständnis von Pflicht stand im Zentrum des Lebens im antiken Rom. Das lateinische Wort, das diesen Gedanken wohl am umfassendsten zum Ausdruck bringt, ist „pietas“. Das „Oxford Classical Dictionary“ definiert den Begriff als „die für die Römer typische Haltung pflichtbewusster Ehrfurcht gegenüber den Göttern, dem Vaterland, den Eltern und anderen Angehörigen“.
Um unser Verständnis dieses Pflichtbegriffs zu vertiefen, brauchen wir nur einen Blick auf Vergils großes Epos „Äneis“ zu werfen, in dem die „pietas“ und die sich daraus ergebenden moralischen Anforderungen das Herzstück der Erzählung bilden.
Pietas in Person
„Waffen ertönt mein Gesang und den Mann.“
So beginnt Vergil sein Epos über den trojanischen Prinzen Äneas. Nach der Zerstörung und dem Brand Trojas durch die Griechen gelingt ihm die Flucht. Mit einer Schar von Flüchtlingen begibt er sich auf eine lange Irrfahrt, auf der ihm nicht nur Feinde, sondern auch die Göttin Juno das Leben schwer machen. Schließlich folgt er seinem Schicksal und seiner Mutter, der Göttin Venus, nach Italien. Dort legt er den Grundstein für ein Reich, aus dem später Rom hervorgehen wird.
Im zweiten Buch des Epos sind Äneas und seine Gefährten am Hof der karthagischen Königin Dido eingetroffen. Dort erzählt Äneas die Geschichte vom Untergang Trojas. Dabei zeichnet er in Worten ein eindrucksvolles Bild seiner Flucht aus der zerstörten Stadt – ein Bild, das seither zahlreiche Maler und Bildhauer inspiriert hat. Zugleich bringt diese Szene die Bedeutung der „pietas“ auf den Punkt.
Als die Griechen zu ihrem letzten Angriff auf Troja ansetzen, schläft Äneas. Im Traum erscheint ihm der tote trojanische Held Hektor. Er fordert ihn auf, aus der Stadt zu fliehen, und eröffnet ihm, dass es sein Schicksal sei, ein neues Troja zu errichten. Dennoch versucht Äneas, sich dem Widerstand anzuschließen. Da erscheint ihm auch Venus und macht ihm klar, dass Troja verloren ist und er die Stadt verlassen muss.
Und genau das tut er: Mit dem gebrechlichen, hochbetagten Vater auf dem Rücken, der seinerseits die Penaten, die Hausgötter, trägt, hält Äneas seinen kleinen Sohn Ascanius an der Hand. Hinter ihm folgt seine Frau Creusa. Gemeinsam entkommen sie der Stadt und schließen sich einer Gruppe anderer Trojaner an, die dem Gemetzel ebenfalls entflohen sind. Diese kurze Szene, in der Äneas die Vergangenheit (verkörpert durch seinen Vater) ebenso mit sich trägt wie die Zukunft (in Gestalt seines Sohnes und der Götter) bringt seine von Pflichtgefühl getragene Liebe zu seiner Familie und den Göttern zum Ausdruck.
Aber wie steht es mit seiner Pflicht gegenüber seinem Land?
Die Kosten der Pflicht
Äneas erkennt, dass Creusa während ihrer überstürzten Flucht verschwunden ist. Von Trauer überwältigt kehrt er in das eben erst verlassene Chaos zurück und sucht verzweifelt nach seiner Frau. Da erscheint Creusa ihm als Schatten. Sie sagt ihm, dass sie im Gemetzel den Tod gefunden hat, dass ihm ein langes Exil bevorsteht und dass er anschließend am Tiber ein Reich gründen wird, in dem er glücklich sein wird. Sie nimmt Abschied von ihm und bittet ihn, für ihren gemeinsamen Sohn zu sorgen.
Hier wird Äneas’ Schicksal erneut bekräftigt. Es ist seine Pflicht gegenüber Troja, die Götter der Stadt und ihre alten Blutlinien in einem neuen Land wiederzubegründen.
Doch auch hier zeigt sich, welch gewaltigen Preis die Erfüllung der Pflicht fordern kann. Als Creusa sich von ihrem Mann verabschiedet und ihn bittet, ihr gemeinsames Kind zu beschützen und zu lieben, versucht der weinende Äneas dreimal, den verblassenden Schatten zu umarmen. Dreimal entzieht Creusa sich ihm, als wäre sie ein flüchtiger Traum. Äneas hat nicht nur darin versagt, seine Frau vor dem Tod zu bewahren – nun muss er sich auch den schweren und unberechenbaren Aufgaben stellen, die die Zukunft für ihn bereithält.
Im weiteren Verlauf seiner Geschichte muss Äneas sich den Herausforderungen und Anforderungen seiner Pflicht stellen. So findet er bei Dido vorübergehend Zuflucht und Liebe. Doch als die Götter ihm befehlen, seinem Schicksal zu folgen und Karthago zu verlassen, beendet er die Beziehung und segelt davon. Dabei lässt er die verzweifelte und suizidgefährdete Königin zurück. Seine Abreise wirkt kaltblütig. Später, als er im Hades überrascht ist, ihr zu begegnen – Äneas hatte keine Ahnung, dass sie gestorben war –, nähert er sich ihr unter Tränen. Er fleht sie an, ihm zu glauben, dass er sie nicht aus eigenem Willen, sondern auf Geheiß der Götter verlassen habe. Sie weigert sich, mit ihm zu sprechen, und wendet sich voller Verachtung und Stolz ab.
Im gesamten Verlauf der „Äneis“ weint dieser Held oft über sein Unglück und die Verluste, die ihm widerfahren sind. Er begeht Fehler und wünscht sich sogar, der schreckliche Albtraum vom Untergang Trojas hätte ihn verschlungen und ihn von all diesen Lasten befreit. Doch immer wieder ruft ihn die Pflicht und lässt ihn unaufhörlich weitergehen.
Die Stiftung Warentest und der ADAC warnen vor dem Kauf von zwei Autokindersitzen – für Kinder in diesen Sitzen bestehe im Ernstfall Lebensgefahr. Beim Britax Römer Baby-Safe Pro mit der Isofix-Basis Vario Base 5Z brach in der Liegeposition beim Frontalcrash das Gurtschloss, beim Axkid Minikid Core gab der Stützfuß so stark nach, dass in der Liegeposition das Gurtschloss samt Schrittgurt herausriss.
„Das Versagen von Gurtschloss oder Stützfuß beim Crash ist inakzeptabel“, erklärte am Dienstag Warentest-Testleiterin Sarah Vasconi. Eltern müssten sich darauf verlassen können, dass ein Kindersitz bei einem Unfall das Kind schütze.
Der Hersteller Britax Römer erklärte gegenüber den Testern, derzeit werde untersucht, wie es zu dem Versagen kommen konnte, eine abschließende Bewertung stehe noch aus. Anbieter Axkid erklärte, der Verkauf des Minikid Core sei eingestellt, ein freiwilliger Rückruf eingeleitet. Betroffene Kunden könnten den Sitz kostenlos austauschen.
Wer den Britax Römer Baby-Safe Pro mit der Isofix-Basis Vario Base 5Z nutze, sollte nur noch die aufrechte Position wählen oder auf den Fahrzeuggurt umsteigen, riet Vasconi. Mit dem Autosicherheitsgurt angeschnallt bestand die Babyschale in aufrechter als auch liegender Position den Crashtest.
Stiftung Warentest und der ADAC prüfen regelmäßig Autokindersitze. Die vollständigen Testergebnisse erscheinen am 20. Oktober.
Habe ich den Kern meines wahren Selbst bereits gefunden? - Foto: triocean/iStock
Von der Generation unserer Großeltern können wir viel lernen. Wenn wir ehrlich sind, hatten sie es in vielerlei Hinsicht schwerer als wir. Aus ihren Schwierigkeiten heraus entwickelten sie bestimmte Gewohnheiten und Charaktereigenschaften, die ihnen gute Dienste leisteten und ihnen halfen, ihre Familie, die Nachbarschaft und die Gesellschaft zu etwas Besserem zu machen.
Es waren nicht nur die Umstände, die sie dazu zwangen, sich weiterzuentwickeln. Gerade die Menschen dieser Generation hatten eine Denkweise, die nach heutigen Maßstäben vielleicht etwas altmodisch erscheint. Sie glaubten daran, Dinge auf die mühsame Art zu erledigen, auch wenn es einen einfacheren Weg gab. Sie waren keineswegs gegen den Fortschritt, aber sie weigerten sich, sich durch den Fortschritt jene Fähigkeiten rauben zu lassen, die ihnen Autonomie verliehen und ihnen halfen, bessere Menschen zu werden.
Ich meine zwar, dass jede Generation ihren eigenen Weg in der Welt gehen muss, glaube aber auch, dass es enorm vorteilhaft ist, alte Gewohnheiten aufzugreifen und sie in einem modernen Kontext neu anzuwenden. Veränderung ist unvermeidlich. Daher wird uns zunehmend das auszeichnen, was wir aus der Vergangenheit bewahren.
Hier sind einige altbewährte Tipps, die ich auch im Jahr 2026 noch für bedeutsam halte.
Ihre Versprechen zu halten, ist nicht nur richtig, sondern prägt auch Ihr Leben positiv. Sie werden nicht nur lernen, sich selbst zu vertrauen – was an sich schon sehr wertvoll ist –, sondern auch feststellen, dass die besten Menschen ihre Nähe suchen.
2. Stehen Sie früh auf und machen Sie Ihr Bett
Im Vergleich zu den meisten Menschen stehe ich nicht besonders früh auf, aber ich lege dennoch Wert darauf, gleich gut in den Tag zu starten. Indem ich mein Bett mache, ein wenig Sport treibe und ein paar ruhige Minuten für mich allein verbringe, empfinde ich meinen Morgen als produktiv und sinnvoll.
In einer Welt der schnellen Kommunikation heben Sie sich leicht von anderen ab, wenn Sie sich die Zeit nehmen, etwas von Hand zu schreiben. Oft möchten Sie mit einer Notiz vor allem zum Ausdruck bringen, dass Ihnen jemand am Herzen liegt – und diese Geste kann wichtiger sein als die Worte selbst.
4. Lesen Sie jeweils nur ein gutes Buch – und zwar langsam
Bildschirme haben Bücher für die meisten Menschen weitgehend verdrängt. Und selbst unter den Lesern scheint es eher darum zu gehen, wie viele Bücher sie schaffen können, als darum, wie tief diese sie berühren. Lesen bereichert, bildet und belebt unseren Geist. Es ist ein lohnender Zeitvertreib, den man pflegen sollte.
Um wirklich in die Tiefe eines guten Buches einzutauchen, muss man sich Zeit nehmen.
Foto: Mariana Mikhailova/iStock
5. Sparen Sie einen Teil jedes verdienten Euros und spenden Sie ihn
Das Spenden hält Sie bescheiden und hilft denjenigen, die wirklich in Not sind. Das Sparen ist eine Investition in Ihre Zukunft. Beides sind bewährte Gewohnheiten eines verantwortungsvollen Umgangs mit Geld.
6. Gehen Sie jeden Tag spazieren – bei jedem Wetter
Wenn Menschen heutzutage Sport treiben, dann überwiegend im Fitnessstudio oder mithilfe technischer Geräte. Ich finde alles, was Sie dazu bringt, sich zu bewegen, großartig. Aber ich vermisse auch die Zeiten, in denen ein Spaziergang die selbstverständlichste Art war, sich zu bewegen. Für mich gibt es nichts Schöneres als den langsamen, gleichmäßigen Rhythmus eines Spaziergangs in der Natur – ganz gleich, wie das Wetter an diesem Tag auch sein mag.
7. Nehmen Sie sich einen Ruhetag
Seit Jahrtausenden halten Menschen, die den Lehren der Bibel folgen, in irgendeiner Form den wöchentlichen Sabbat ein. Selbst Nichtgläubige kann dieses wöchentliche Ritual an die Vorzüge erinnern, einen Gang herunterzuschalten und die Grenzen unserer geistigen und körperlichen Kräfte anzuerkennen.
8. Reparieren Sie lieber selbst, anstatt Dinge zu ersetzen
Angesichts der höheren Arbeitszeitkosten und der gesunkenen Anschaffungskosten, ist eine Reparatur heute oft nicht mehr die wirtschaftlich sinnvollste Wahl.
Dennoch gibt es Vorteile, die über den finanziellen Aspekt hinausgehen, wenn wir unsere eigenen Gegenstände reparieren und pflegen. Der Akt des Reparierens befreit Sie von der rein konsumorientierten Denkweise und macht Sie wieder zu Schöpfern.
9. Machen Sie das gemeinsame Abendessen zur unverzichtbaren Gewohnheit
Das Leben war schon immer hektisch, aber das war früher kein Grund, das gemeinsame Abendessen im Kreis der Familie ausfallen zu lassen. Die prägendsten Momente unseres Familienlebens finden statt, wenn wir gemeinsam eine Mahlzeit einnehmen. Es ist schwer, diese Zusammengehörigkeit zu anderen Tageszeiten nachzubilden.
Im Vergleich zu früher verbringen wir nur noch sehr wenig Zeit in Stille. Das liegt größtenteils an uns selbst. Wir genießen lieber die Abwechslung durch ein Lied oder einen Podcast, während wir spazieren gehen, oder schauen uns ein paar kurze Videos an, während wir warten. Ich will nicht bestreiten, dass das manchmal auch schön ist. Aber wir dürfen die langsameren, ruhigeren Geschenke der Stille nicht aus den Augen verlieren, denn sie können in einem geschäftigen Geist nicht entstehen.
Ein paar altmodische Gewohnheiten zu übernehmen, bedeutet nicht, dass man sich nicht auch für Technologie und Fortschritt interessieren kann. Tatsächlich sind die interessantesten und vielseitigsten Menschen, die ich kenne, in ihrem Alltag eine Mischung aus Nostalgie und Zukunftsorientierung. Sie gestalten vielleicht beruflich die Zukunft, besuchen aber dennoch Kirchen mit 1.000-jähriger Tradition. Sie besitzen selbstfahrende Autos, lassen sich aber niemals ein selbst gekochtes Familienessen entgehen. Die Zukunft ist das, was wir daraus machen, und ich glaube, es zeugt von Weisheit, das Beste aus der Vergangenheit mitzunehmen.
Erstellen Sie fünf einfache Menüs, von denen Sie wissen, dass Ihre Familie sie essen wird – eines für jeden Wochentag. - Foto: Wirestock/iStock
Wenn in Ihrem Haushalt das Geld ausgeht und Sie nicht genau wissen, wohin es fließt, hätte ich eine Vermutung: Fast Food. In einem stressigen Haushalt sind die Eltern oft müde, und das kann schnell dazu führen, dass man zwei- oder dreimal pro Woche Essen bestellt. Kommt Ihnen das bekannt vor?
Das Letzte, was man dann braucht, ist jemand, der einem sagt, man solle sich zusammenreißen und vorausplanen. Deshalb werde ich das auch nicht tun. Stattdessen erzähle ich Ihnen, was mir geholfen hat, als ich in einer ähnlichen Situation war – mit zwei Jungen im Abstand von 17 Monaten, selbstständig und hoch verschuldet – und was ich seitdem gelernt habe.
Fünf beliebte Gerichte in Rotation
Überlegen Sie sich fünf einfache Menüs, von denen Sie wissen, dass Ihre Familie sie essen wird – eines für jeden Wochentag. Diese müssen weder aufwendig noch besonders raffiniert sein. Beispiel: Montag – Spaghetti mit Tomatensoße und Salat. Dienstag – Hackbraten, Ofenkartoffeln, grüne Bohnen und so weiter.
Bitten Sie Ihren Partner, ein Abendessen am Wochenende zuzubereiten, und geben Sie ihm einen Namen wie „Papas leckeres Abendessen“, oder lassen Sie die Kinder einen Namen aussuchen. So bleibt nur ein Familienabend oder ein besonderer Anlass übrig, um Pizza zu bestellen.
Hängen Sie Ihren Wochenplan an den Kühlschrank. So weiß jeder, was ihn erwartet – auch Sie. Das erleichtert Ihnen auch den Einkauf. Wenn die Kinder älter werden und Sie mutiger werden, können Sie Ihr Repertoire erweitern. Vorerst bleiben Sie aber bei den fünf Gerichten im Wechsel.
Sobald Sie Ihr Grundrezept haben und genügend Zutaten zur Verfügung stehen, verdoppeln Sie die Menge. Beispiel: Hackbraten. Es ist kaum aufwendiger, das Rezept zu verdoppeln und zwei Portionen zuzubereiten. Kochen Sie eine für heute Abend und frieren Sie die zweite für nächste Woche ein. Hier geht es um mehr Zeit für den Koch!
Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber es funktioniert wirklich. Decken Sie den Tisch für den nächsten Tag – und zwar bevor Sie abends ins Bett gehen. Ich habe diesen Tipp von Emilie Barnes, der Autorin von „More Hours in My Day“ (auf Deutsch etwa: Mehr Stunden am Tag; Harvest House), gelernt. Ein schön gedeckter Tisch am Morgen signalisiert unbewusst, dass das Abendessen wichtig ist. Wir essen gemeinsam am Tisch und nicht vor dem Fernseher. So denken Sie schon lange vor dem Schlafengehen ans Abendessen. Kleiner Tipp: Selbst ein Fünfjähriger kann den Tisch decken, also delegieren Sie diese Aufgabe ruhig.
Tischdecken können auch die Kleinen schon.
Foto: Tom Merton/iStock
Die Spüle reinigen – nanu?
Vielen Dank an Marla Cilley alias FlyLady, Ordnungsexpertin und Autorin des Buches „Sink Reflections“ (zu Deutsch etwa: Spiegelungen/Reflexionen im Spülbecken). Bevor Sie ins Bett gehen, räumen Sie die Spüle komplett leer – entweder spülen Sie das Geschirr ab oder räumen es in die Spülmaschine. Schrubben Sie sie, spülen Sie sie gründlich aus und polieren Sie sie anschließend mit einem Handtuch. Fünf Minuten für ein besseres Lebensgefühl. Es ist wirklich ein wunderbares Gefühl, morgens in eine leere, saubere und glänzende Spüle zu blicken, egal wie der Rest des Hauses aussieht.
Es gibt wohl kaum eine schwierigere Aufgabe auf der Welt als die Erziehung kleiner Kinder – und gleichzeitig keine erfüllendere. Machen Sie das gemeinsame Abendessen zu einem festen Bestandteil Ihres Tages, solange Ihre Kinder noch klein sind. Diese Tradition wird Ihnen später, wenn sie älter sind, viel Freude bereiten. Auch wenn sie es Ihnen nie sagen werden, wird das Abendessen für sie zu einem verlässlichen Bestandteil in einer ansonsten unsicheren Welt. Genießen Sie diese kostbaren Tage und glauben Sie mir: Es wird leichter!
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EU ruft zum Gassparen auf
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen hat die Mitgliedstaaten zum Energiesparen aufgerufen. Die Gasspeicher in der EU sind derzeit zu rund 70 Prozent gefüllt, etwa 12 Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. Jørgensen warnt vor einer Preiskrise. Eine unmittelbare Gefahr für die Versorgungssicherheit sieht die EU-Kommission allerdings nicht.
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez will bis zum 29. September im Parlament ein Dekret zum Wohnungswesen verabschieden. Es soll Mietern sofortige Erleichterungen bringen. Derweil wächst in Madrid auf dem zentralen Platz Puerta del Sol ein Protestcamp. Auslöser war die Zwangsräumung der Wohnung der 87-jährigen Rentnerin Maricarmen Abascal.
Nahe dem britischen Luftwaffenstützpunkt Fairford sind fünf Männer wegen des „Verdachts der Vorbereitung eines Terroranschlags“ festgenommen worden. Nach Angaben der Behörden sind die Verdächtigen zwischen 23 und 25 Jahre alt und britische Staatsbürger. Das nahe gelegene Dorf wurde vorübergehend evakuiert. US-Präsident Donald Trump sagte auf die Frage, ob es eine Verbindung zum Iran gebe: „Sie werden sehr bald davon hören.“
Der frühere Unionsfraktionschef Jens Spahn zieht sich aus dem Haushaltsausschuss des Bundestags zurück. Alles rund um seine Person sei aktuell so politisiert, dass ein normales Arbeiten kaum möglich sein werde. In Absprache mit Fraktionschef Thorsten Frei konzentriert er sich vorerst auf seine Arbeit im Wahlkreis und auf seine Familie.
In Hessen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Fälschung von Wahlunterlagen im Zusammenhang mit der Abstimmung über die Abwahl des Bürgermeisters von Raunheim. Ein Mitarbeiter der Stadt habe nach Schließung der Wahllokale am 27. September in einem Keller des Rathauses Säcke mit Papierschnipseln gefunden, in denen sich ein grauer Umschlag mit der Aufschrift „Wahlsache“ befunden haben soll. Die Abwahl von SPD-Bürgermeister David Rendel war nur knapp gescheitert.
Eine Alarmsirene schrillt durch die nächtliche Stille. Von ihrer Wohnung aus sieht Valentina Leuchtspuren am Nachthimmel. Dann ein Knall. Eine Druckwelle lässt ihr Haus erzittern. Diesmal ist der Einschlag näher an ihrem Wohnblock herangekommen. Erst am nächsten Morgen wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar: In dem südlichen Vorort von Kyjiw wurden vier Häuser getroffen.
Solche Raketenangriffe hätten in den vergangenen vier Jahren immer wieder stattgefunden, erzählte die 75-jährige Ukrainerin. Gewöhnen könne sie sich daran trotzdem nicht. „Man weiß nicht, ob man selbst oder die eigene Familie morgen noch am Leben sein werden“, sagt sie.
Auch für ihre Bekannte und Nachbarin Karolina ist seit Februar 2022 eine „vertraute Welt zusammengebrochen“. Einfachste Dinge, wie Brot, Milch und Reinigungsmittel, die sie zuvor selbstverständlich genommen hatte, waren auf einmal nicht mehr ausreichend verfügbar. Ohne Strom funktioniert der Alltag nicht mehr und die Sorge um die Sicherheit ihrer Familie wird zum ständigen Begleiter.
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Einsatzkräfte sind am 17. Juni 2025 an einem zerstörten Gebäude in Kiew im Einsatz, das von einer russischen Rakete getroffen wurde.
Foto: ORI AVIRAM/Middle East Images/AFP via Getty Images
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Ein schwer beschädigtes Einkaufszentrum in Kiew nach einem russischen Raketenangriff am 5. August 2026.
Foto: Jane Barlow / POOL / AFP via Getty Images
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Das Leben in Kiew geht weiter.
Foto: HENRY NICHOLLS / AFP via Getty Images
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Menschen verlassen am 10. Juli 2025 einen Schutzraum nahe einem beschädigten Einkaufszentrum in Kiew.
Foto: Tetiana DZHAFAROVA / AFP via Getty Images
Über 6.000 Lebensgeschichten, ein Krisenmodell
Schwere Schicksalsschläge – ob ausgelöst durch einen Krieg, eine schwere Krankheit, eine lebenslange Behinderung oder den Verlust eines geliebten Menschen – können jeden von uns schlagartig treffen. Viele verlieren sich in Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit. Andere finden nach einer schmerzvollen Phase den Weg ins Leben zurück. Wie gelingt ihnen das?
Bestsellerautorin und Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Erika Schuchardt beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Frage, wie Menschen Krisen erleben, bewältigen und daraus neue Perspektiven für ihr Leben entwickeln können.
Mehr als 6.000 Lebensgeschichten weltweit hat sie analysiert und stellt fest: Menschen, die eine „Lebensbruchkrise“ erleben – eine Krise, die unerwartet eintritt – durchlaufen im Kern einen vergleichbaren Prozess.
Aus den wiederkehrenden Mustern entwickelte Schuchardt ein Krisenkomplementärmodell mit acht Phasen. Es soll Menschen in Krisen helfen, zu verstehen, was mit ihnen geschieht – und zeigen, wie Betroffene mit einer angemessenen Begleitung Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückfinden können.
Schuchardt erklärt: Wenn eine Krise schlagartig eintritt, gerät der Betroffene zunächst in einen Schockzustand (Phase 1). Er versucht mit aller Kraft die Krise zu verleugnen.
Lässt sich die Realität nicht mehr verdrängen, folgt die Konfrontation mit der Gewissheit (Phase 2). Der Betroffene scheint auf dem ersten Blick bereit zu sein die Wahrheit anzunehmen, lebt allerdings weiterhin mit der Hoffnung, die Krise sei nur ein Irrtum.
Die Schockmomente und was daraus folgt
Für Karolina reiht sich ein Schockmoment nach dem nächsten. Sie verlor mit Ausbruch des Krieges ihre Arbeit. Innerhalb eines einzigen Morgens sei ihr „Gefühl von Sicherheit zerstört“ gewesen, erzählte sie.
Wenige Wochen später erreichte sie die nächste schlechte Nachricht: Die Region, in der ihre Eltern lebten, wurde von russischen Truppen besetzt. Es gab keine Möglichkeit sie zu kontaktieren.
Zu wissen, dass sie selbst nichts tun und die Situation ihrer Familie nicht habe kontrollieren können, habe bei ihr eine schwere, überwältigende Verzweiflung auslöst, erzählte die 47-Jährige.
In dieser Zeit wurde für Valentina und Karolina die Spiritualität zu einem wichtigen Halt.
Die Ukrainerinnen praktizieren Falun Gong, auch Falun Dafa genannt – eine buddhistische Meditationsschule, die Lehren zur Selbstverbesserung mit meditativen Übungen verbindet. Sie lehrt die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht.
Karolina findet in ihrem Glauben und in den meditativen Übungen von Falun Gong Ruhe und Kraft.
Foto: Privat
Karolina und ihr Mann bei einer meditativen Übung von Falun Gong.
Foto: Privat
Diese Prinzipien und die innere Ruhe, die Karolina in der Meditation findet, haben ihr geholfen Ursache und Wirkung besser zu verstehen. Sie lernt die Dinge so anzunehmen, wie sie kommen und zu akzeptieren, dass sie das, was ihr und ihrer Familie im Krieg widerfährt, nicht kontrollieren kann – und muss.
Glaube als Anker
Dass Spiritualität Menschen gerade in schweren Krisen Halt, Mut und Zuversicht gibt, hat Schuchardt bei der Auswertung der Lebensgeschichten immer wieder beobachtet. Manche fanden in der Krise wieder zurück zu ihrem Glauben – und zu Gott.
Anders könne es bei Menschen aussehen, die keinen Glauben haben, erklärte Schuchardt. Ihnen fehle möglicherweise etwas, worauf sie vertrauen und woran sie festhalten könnten.
Und weiter: „Die Fragen und die Verzweiflung, die in ihm entstehen, müssen irgendwohin. Sie können sich nach außen richten – als Aggression gegenüber Mitmenschen.“ Die Phase der Aggression (Phase 3) sei ihrer Analyse zufolge für den Betroffenen zentral und die Voraussetzung für die Weiterverarbeitung der Krise.
Doch letztlich liege laut Schuchardt die Lösung nicht „im Außen“. „Das allergrößte Problem scheint mir zu sein, dass viele Menschen nicht die Kraft haben, sich selbst die entscheidenden Fragen zu stellen. Sie suchen die Antworten in der Flucht.“
Schuchardt nannte ein Beispiel: So liefen Erkrankte von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie, betrieben „Ärzte-Shopping“ oder „Wundershopping“ auf der Suche nach dem einen Weg, der sie endlich gesund machen soll.
Die entscheidenden Fragen
Die entscheidende Wendung könne aus ihrer Sicht mit der folgenden Haltung beginnen: „Ich bin vielleicht nicht gesund – dennoch muss ich innerlich heil werden.“
Das aber bedeute Stille, Einkehr und die Auseinandersetzung mit sich selbst. Meditationspraktiken, wie sie Karolina und Valentina praktizieren, könnten einen solchen Raum schaffen, erklärte die Krisenexpertin. Aber auch hier gilt laut Schuchardt, sich von der Forderung „Mach mich gesund“ zu lösen.
Die Bestsellerautorin empfiehlt Betroffenen sich mit den folgenden Fragen auseinanderzusetzen: „Wozu habe ich diese Erfahrung gemacht? Was will sie mir sagen? Und wohin will ich mit dieser neuen Erfahrung gehen?“
Wenn Gesund-Sein ansteckt
Eine erfolgreiche Krisenverarbeitung ist nach Schuchardts Komplementärmodell stets eng mit dem sozialen Umfeld und der Gesellschaft verknüpft. „Es gibt ein ansteckendes Gesund-Sein von Krisen betroffener Menschen. Komplementär gibt es ein ansteigendes Kranksein nicht betroffener Menschen“, sagt sie.
Damit ist gemeint, dass Menschen, die eine ernsthafte Krise durchlebt und bewältigt haben, eine besondere Art von Gesund-Sein ausstrahlen. Damit ist nicht die körperliche Gesundheit gemeint, sondern die innere Kraft, Weisheit und Zuversicht, die diese Person im Prozess der Krisenverarbeitung erlangt hat. Dieses „Gesund-Sein“ kann ansteckend wirken: Es inspiriert andere, zeigt Hoffnung und Möglichkeiten auf.
Andersherum könnten das Umfeld, die Angehörigen und Freunde das „Kranksein“ verstärken und so zum Problem für den Betroffenen werden, zum Beispiel durch soziale Ausgrenzung, fehlende Teilnahme oder auch durch Mitleid statt echter Begegnung.
Ein Krieg ist ein kollektives Schicksal, das viele Menschen miteinander teilen und verbinden. In so einer Situation finden Menschen in der „gegenseitigen Unterstützung und in der Gemeinschaft überhaupt die einzige Überlebenschance“, erklärte Schuchardt weiter.
Ein Blick, ein Lächeln
Die Solidarität haben auch Valentina und Karolina im Krieg erlebt. Der Krieg habe die Menschen gezwungen, innezuhalten und einander wirklich anzusehen, erzählte Karolina. Das Miteinander habe sich verändert, Menschen haben sich verändert. Aus Eile und Hektik seiensind mehr Menschlichkeit, Wärme und Hilfsbereitschaft entstanden. Oft brauche es dafür nicht mehr als einen Blick, ein paar Worte oder ein Lächeln.
Die 47-Jährige schlussfolgert: „Die Menschen mögen in diesem Krieg ihre Häuser, ihr früheres Leben und manche ihre Angehörigen verloren haben. Doch viele entdecken den Wert des Lebens neu, der nicht mehr nur an materiellen Dingen gemessen werden kann.“
Das könne Valentina auch bestätigen. „Es gibt Kraft, zu wissen, dass Menschen da sind, die einem zuhören, helfen und in schwierigen Zeiten beistehen“, sagt sie. Die 75-Jährige ist überzeugt, dass Menschen, die einen festen spirituellen Halt und einen moralischen Kompass haben, die Kraft finden, aufrichtig an andere zu denken und sich um die Menschen in ihrem Umfeld zu kümmern.
Von der Krise zur Chance: Eine App
Einen Kompass für Menschen in Krisen möchte Schuchardt mit einem neuen Projekt anbieten. Dafür will sie Lebensgeschichten aus aller Welt aufbereiten, aktualisieren und als App für alle zugänglich machen – sie nennt diese „Schuchardt Navi – Krise: Chance Erfolg-Biografien“. Ihr Ziel: Menschen dabei zu helfen, ihren Weg „von der Krise zur Chance“ zu finden.
Den positiven Blick hat auch Karolina trotz des Krieges und der ungewissen Zukunft nicht verloren. „Wenn ein Mensch erkennt, dass er durch eine schwere Zeit gegangen ist und daran nicht zerbrochen ist, entsteht eine unerschütterliche Ruhe. Er hat nichts mehr zu fürchten und muss sich an nichts verzweifelt festklammern“, sagt die 47-Jährige.
Materieller Verlust könne all das Oberflächliche wegnehmen und einen Menschen mit seinem wahren inneren Wert konfrontieren. In dieser ungewohnten Leere könne aber gleichzeitig eine wichtige Erkenntnis entstehen: „Das Wertvollste in uns bleibt unberührt.“
Gegenseitiger Respekt kann dazu beitragen, Beziehungen auch in Zeiten von Meinungsverschiedenheiten zu bewahren. - Foto: kupicoo/iStock
Noelle Mering ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ethics and Public Policy Center (EPPC), einem bekannten konservativen US-amerikanischen Thinktank mit Sitz in Washington, D.C. Sie ist außerdem Mitautorin von drei Büchern der Reihe „Theology of Home“ (zu Deutsch: Theologie des Zuhauses). Ihre Beiträge sind in Dutzenden Publikationen erschienen. Als Mering 2020 durch das Land reiste, um für ihr Buch „Awake, Not Woke“ (zu Deutsch etwa: Wach, nicht angeblich wach) zu werben, gefielen ihr die Fragerunden dieser Veranstaltungen am besten. Damals fiel ihr auf, dass die Zuhörer immer wieder dieselbe Frage stellten: „Was soll ich mit meinen erwachsenen Kindern tun, die nicht nur ihren Glauben und ihre Werte aufgegeben haben, sondern sich auch von uns entfremdet haben?“
„Das hörte ich immer öfter“, sagte Mering der Epoch Times und wiederholte einige der Aussagen dieser Eltern über ihre erwachsenen Kinder, die kaum noch etwas mit ihnen zu tun haben wollten oder den Kontakt komplett abgebrochen hatten. „Sie leben anders. Sie haben die Art und Weise aufgegeben, wie wir sie erzogen haben. Sie sprechen kaum noch mit mir oder können es nicht ertragen, in meiner Nähe zu sein, weil wir in so vielen Dingen unterschiedlicher Meinung sind.“
Irgendwann erwähnte Mering diese immer wiederkehrende Reaktion gegenüber ihrem Agenten, der ihr als Erster von der „No-Contact“-Bewegung erzählte. Mering hatte noch nie davon gehört, doch schon bald tauchte das Thema „No Contact“ überall in den Medien und in ihren Gesprächen mit anderen auf.
„Es ist wirklich eines dieser Phänomene, die sich rasant entwickelten und in sehr kurzer Zeit exponentiell wuchsen, noch bevor ich überhaupt einen Namen dafür hatte“, sagte sie.
„No Contact“-Bewegung: abgetrennt von der Lebenserfahrung
Ihre Neugier war geweckt und die Wissenschaftlerin begann, diesen aufkeimenden Trend zerbrochener Familien zu erforschen. Das Ergebnis ist ihr in Kürze erscheinendes Buch „No Contact: How a Seductive Ideology Broke Families and Friendships and How We Can Repair Them“ (zu Deutsch: Kontaktabbruch: Wie eine verführerische Ideologie Familien und Freundschaften zerbrach und wie wir sie wiederherstellen können). In diesem Werk legt die Autorin, Ehefrau und Mutter von sechs Kindern die Ursachen dieses Angriffs auf die Familie offen und zeigt Wege auf, wie die dadurch verursachten Wunden geheilt werden können.
Sowohl in ihrem Buch als auch im Gespräch mit der Epoch Times stellte Mering klar, dass sie in ihrer Untersuchung der „No Contact“-Bewegung diejenigen ausgeschlossen hat, die sich aus Gründen körperlicher und psychischer Misshandlung von ihren Familien getrennt haben.
Stattdessen konzentrierte sie sich auf Familien, die durch die politischen und kulturellen Spaltungen unserer Zeit zerbrochen sind, insbesondere solche, die durch die Ereignisse der letzten zehn Jahre angeheizt wurden. Durch umfangreiche Lektüre, Gespräche mit Experten und Interviews mit zahlreichen Familienmitgliedern auf beiden Seiten der „No Contact“-Kluft entdeckte Mering die Triebkräfte jenseits der Ideologie, die den „No-Contact“-Boom befeuern: die Kriege in den sozialen Medien, unsere Opferkultur, die Neudefinition des Familienbegriffs durch Wissenschaftler und eine „Ich zuerst“-Philosophie („Me first“), die individuelle Interessen und das eigene Wohlergehen über alles andere stellt – einschließlich der Familie.
Das Zusammenspiel dieser Kräfte bildet die Grundlage für die neue Dynamik der Entfremdung.
Mauern und Stacheldraht der Ideologie
„Es gab schon immer Familienmitglieder, die sich voneinander abgewendet oder entfremdet haben“, sagte Mering gegenüber der Epoch Times. „Es gibt Missbrauch, Suchtprobleme, psychische Erkrankungen oder es herrschen einfach nur negative Gefühle, mit denen wir nicht umgehen können. Diese Beziehungen lassen sich einfach nicht aufrechterhalten – doch dies wird heute weitaus stärker von Ideologie getrieben als früher. Es gab schon immer politische Auseinandersetzungen, und Familienmitglieder konnten wütend davonstürmen, aber es ist mittlerweile üblicher geworden, den Kontakt zu Menschen aus ideologischen Gründen abzubrechen. Das hat sich in unser kulturelles Bewusstsein eingeprägt.“
Dieses Abbrechen familiärer Bindungen unterscheidet sich in noch einer weiteren Hinsicht radikal von der Vergangenheit. Damals waren es in der Regel – wenn auch viel seltener – die Eltern, die aufgrund des Verhaltens oder der Weltanschauung eines erwachsenen Kindes die Verbindung abbrachen. Heute sind diese Rollen beim Kontaktabbruch überwiegend vertauscht.
„Viele dieser jungen Erwachsenen verhalten sich, als wären sie die Eltern geworden, aber sie sind keine guten Eltern mit angemessener Autorität. Sie sind autoritäre Eltern, die versuchen, ihre unwissenden Älteren zu belehren, und ihnen damit drohen, nie wieder mit ihnen zu sprechen, wenn diese etwas sagen, das nicht mit ihren Ansichten übereinstimmt. Dieser Generationswandel ist enorm und wird weitaus stärker von Ideologie getrieben als früher.“
Versöhnung beginnt oft mit kleinen Gesten des guten Willens und nicht mit einer Einigung in schwierigen Fragen.
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Der Schmerz und die Trauer zerbrochener Familien
Eine YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2025 ergab, dass 38 Prozent der Amerikaner von einem Familienmitglied entfremdet sind. Genau wie Mering es erlebt hat, gehören politische und wertemäßige Differenzen, Einflüsse durch soziale Medien und die „Therapiekultur“ zu den von den Befragten genannten Hauptgründen für den Kontaktabbruch. Diese Spaltungen fordern von den Betroffenen einen enormen emotionalen Tribut: Schuldgefühle, Trauer, ein Gefühl des Versagens und vereitelte Liebe.
Eine der schlimmsten Geschichten, die Mering hörte, handelte von einem Sohn, der den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte, aber gegen Ende der Corona-Pandemie nach Hause zurückkehrte, um sich von seinem sterbenden Vater zu verabschieden.
„Er ging wütend davon, weil einige Menschen im Haus nicht geimpft waren, und der Vater und die Mutter waren zutiefst untröstlich. ‚Das ist wahrscheinlich deine letzte Chance, bei ihm zu sein‘, sagte die Mutter zu ihrem Sohn, ‚er liegt im Sterben‘, und er antwortete: ‚Ich weiß, aber es ist eine Grundsatzfrage‘“, sagte sie.
Später, nachdem er seinen Vater auf dem Sterbebett im Stich gelassen hatte, wurde er doppelt wütend auf die Familie, da er annahm, sie würden 2024 für Trump stimmen, und erklärte, sie stünden „auf der falschen Seite der Geschichte“.
Blut ist dicker als Wasser
Wer seine Familie im Stich lässt, sucht oft nach einer „Wahlfamilie“, also Freunden, die die Rolle der Familie übernehmen. Zunächst mögen diese gewählten Familien funktionieren, doch für viele der von Mering befragten Verfechter des „No-Contact“-Ansatzes folgte die Enttäuschung.
„Man kann gereifte Liebe nur dann wirklich lernen, wenn man versteht, dass die Familie gegeben worden ist – und die selbstgewählte Familie lehnt diesen Rahmen gänzlich ab“, sagte sie und fügte hinzu: „Die Wahlfamilie wird sich selbst zum Verhängnis, denn sie kann dich genauso leicht wieder abwählen. Wenn sie auf einer Entscheidung beruht, ist niemand jemandem verpflichtet. Es gibt Geschichten von Menschen, die ihre Familien verlassen haben. Das hat gut funktioniert, solange sie jung, voller Energie und gesund waren. Doch jetzt befinden sie sich in einer Lebenskrise, sind krank oder haben ihren Job verloren, und ihre selbstgewählte Familie hält nicht mehr zu ihnen. Diese Menschen erkannten: ‚Ich brauche Menschen, die mir gegenüber verpflichtet sind.‘ Diese Ideen [Anm. d. Red.: der Wahlfamilie] scheitern immer wieder.“
Gegen Ende ihres Buches erinnert Mering die Leser daran, dass „die Epidemie der Entfremdung nicht allein aus Ideologie entstanden ist“. Dahinter stünden „unzählige kleine und große Misserfolge“: ein Mangel an Großzügigkeit und Vergebung, die Betonung des „Hyperindividualismus“ in unserer Kultur, ein Missbrauch der Therapie und die „Überhöhung der Opferidentität“ sowie der „Niedergang des Spirituellen“.
Aus ihren Recherchen, Gesprächen mit Beratern und Interviews mit Familien, die entweder zerbrochene Beziehungen wieder kitten konnten oder noch immer darunter leiden, sammelte sie Ratschläge, wie man die Wunden heilen kann, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Diese Ideen teilte sie mit der Epoch Times:
Halten Sie an Ihren Prinzipien fest, ohne Forderungen an den anderen zu stellen. Für diejenigen, die von einer Ideologie besessen sind, wird sich jede Kompromisslinie ständig ändern. Was auch immer Sie tun, es wird niemals „genug für eine echte, wahrhaftige Versöhnung“ sein.
Versuchen Sie nicht, Ihr erwachsenes Kind – oder in diesem Zusammenhang auch Ihre Eltern – durch Streit zu kontrollieren. „Sie machen sich selbst zum Feind, wenn Sie so nörgelig sind, dass sich die Person noch weiter von Ihnen zurückzieht.“
Hüten Sie sich davor, einem erwachsenen Kind, das unabhängig lebt, unaufgefordert Ratschläge zu erteilen. „Paradoxerweise sind sie vielleicht eher bereit, sich an Sie zu wenden, wenn Sie nicht zu viele Ratschläge geben.“
Nehmen Sie eine „Haltung der Neugier“ ein, die von Liebe geprägt ist. Fragen zu stellen „kann Momente der Anspannung und Auseinandersetzung wirklich entschärfen“. Anstatt die Meinung einer Person zu korrigieren, sagen Sie beispielsweise: „Ich möchte verstehen, warum du das denkst.“
Anerkennen Sie ihre Würde als individuelle Person, indem Sie das Gespräch von Konfliktbereichen weglenken. „Erzähl mir von deiner Arbeit, deinen Schwierigkeiten, deinen Erfolgen, deinen Freuden, deinen Leiden, deinen Freundschaften. Ich finde es toll, dass du so viel liest, oder dass du so kreativ bist, oder dass du so ein großartiger Geschichtenerzähler bist. Bestätigen Sie Dinge an ihnen, die nichts mit ihrer politischen Einstellung oder Ideologie zu tun haben. So entsteht ein gutes Verhältnis.“
„Haltet die Türen offen“
Für Eltern, die völlig von ihren Kindern abgeschnitten sind, empfiehlt Mering, die Tür immer offen zu halten. Einige der von ihr befragten Eltern betonten, wie wichtig es sei, den Drang nach Kontrolle loszulassen und stattdessen lebendige und gesunde Beziehungen zu pflegen. Manche fanden Trost und Kraft darin, andere Mütter und Väter in einer ähnlichen Situation zu begleiten oder sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen.
Einige „verwandelten ihren Schmerz in Fürbitte und brachten ihn als Gebet für die Heilung ihres Kindes dar“, sagte sie.
Ideologie gegen Ideologie auszuspielen, ist für Familien ein aussichtsloser Kampf, ein Krieg, in dem es keine Sieger gibt. Merings Botschaft an alle, die in solche Konflikte verwickelt sind, lautet: nach Gemeinsamkeiten suchen, die Wahrheit sagen – aber sanft und liebevoll – und „uns selbst mit derselben Ehrlichkeit prüfen, die wir von anderen verlangen“, und schneller vergeben als verurteilen – all dies mit dem beständigen Wunsch nach Heilung, Versöhnung und Wiederherstellung.
Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. - Foto: Matthias Kehrein/Epoch Times
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hält den gesellschaftlichen Umgang mit digitalen Medien für fahrlässig. „In Wahrheit haben wir es mit einem großen Menschheitsversuch zu tun“, sagte Prien den Zeitungen der Mediengruppe Bayern (Freitagsausgaben). „Wir nutzen seit knapp 20 Jahren Smartphones, eine sich schnell verändernde Technologie, ohne eine Risikofolgen-Abschätzung zu machen.“
„Produkthaftung, Vorsorgeprinzip – das sind Stichworte, die wir mit potenziell gefährlichen Technologien verbinden“, sagte Prien. „Das haben wir in diesem Bereich nicht gemacht, sondern der Entwicklung ihren Lauf gelassen.“ Europa sei der einzige große Wirtschafts- und Gesellschaftsraum, in dem es überhaupt Regulierungsansätze gebe. „Generell glaube ich: Wir waren zu naiv“, betonte die Ministerin.
Null bis drei Jahre: Prien fordert Verzicht auf Bildschirme
Auf die Frage, ab welchem Alter Kinder Zugang zu digitalen Geräten haben sollten, antwortete Prien: „Gar keine Geräte im Alter von null bis drei Jahren. Damit meine ich alle Bildschirme – ehrlicherweise gilt das nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, während sie Zeit mit ihren Kindern verbringen.“ Das könne Erwachsenen zwar nicht verboten werden, „aber man kann es als Empfehlung und als gesellschaftliche Norm regeln“.
Der Schaden, der bei Kindern entstehe, weil Eltern keinen Blickkontakt mehr zu ihrem Baby und keine intensive Sprachkommunikation mit ihrem Kleinkind haben, sei „dramatisch“. Prien zog einen harten Vergleich: „Dann ist der Bildschirm-Konsum so schlimm wie Rauchen und Alkohol in der Schwangerschaft.“
Die EU-Kommission will die Social-Media-Nutzung für Kinder und Jugendliche deutlich beschränken. Bis zum Alter von 13 Jahren sollen Kinder weder eigene Accounts noch Geräte haben. Jugendliche ab 13 Jahren sollen zunächst nur eine Stunde am Tag von ihren Eltern eingerichtete und beaufsichtigte „Mini-Konten“ nutzen dürfen.
Eigene Nutzerkonten sollten grundsätzlich erst ab 15 Jahren möglich sein. Die Onlineanbieter müssen demnach das Alter kontrollieren. Außerdem sollen die Plattformen künftig mit verschiedenen Funktionen und Voreinstellungen nachweisen müssen, dass sie sicher für Kinder und Jugendliche sind.
Für Jugendliche und ihre Eltern gäbe es keine Strafen – der EU-Kommission geht es darum, dass sich die Digitalkonzerne an die Regeln halten. Sie sollen Änderungen vorschlagen und ihren Plan von einer unabhängigen Kontrollstelle prüfen lassen. Danach entscheidet die EU-Kommission, ob die Änderungen ausreichen. Wenn nicht, kann sie weitere Änderungen verlangen, oder die Plattform wird für alle unter 18-Jährigen gesperrt.
Stellt die Kommission fest, dass ein Betreiber gegen seine eigenen Zusagen oder die Altersgrenzen verstößt, kann sie Bußgelder verhängen. Dabei gelten die Regeln aus dem bestehenden EU-Gesetz für digitale Dienste (Digital Services Act, DSA). Es sieht Bußgelder von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes vor. Die bisher verhängten Strafen vielen aber deutlich geringer aus.
Wann könnten die Regeln greifen?
Die Vorschläge gehen nun in die Verhandlungen im Europaparlament und im Rat der 27 EU-Länder. Dieses Verfahren dauert in der Regel Monate und kann die Pläne auch über den Haufen werfen. Mehrere EU-Länder, darunter Frankreich und Dänemark, wollen eine höhere Altersgrenze festlegen, etwa bei 15 Jahren.
In Deutschland hat sich eine Expertenkommission für die von der Kommission vorgeschlagene Altersgrenze von 13 Jahren ausgesprochen.
Die Rechtsfrage soll nun auf europäischer Ebene geklärt werden. (Symbolbild) - Foto: Sven Hoppe/dpa
Der Bundesgerichtshof (BGH) will auf europäischer Ebene klären lassen, unter welchen Voraussetzungen eine Ausnahme von der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) für den persönlichen Bereich greift.
Der erste Zivilsenat entschied, dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) im Rahmen von zwei Verfahren mehrere Fragen vorzulegen. (Az. I ZR 256/25 und I ZR 289/25)
In dem einen Verfahren hatte eine Mutter gegen ihre Tochter geklagt, weil diese sie mit einer Videokamera zu Hause heimlich überwachte und die Aufnahmen später an die Polizei weiterleitete.
In dem zweiten Fall hatte eine Frau private Whatsapp-Nachrichten einer früheren Freundin nach einem Streit an deren Arbeitgeber weitergegeben. Die Freundin verlor daraufhin ihren Job – und zog für eine Geldentschädigung von 7.500 Euro gegen die Frau vor Gericht.
DSGVO gilt nicht für persönliche Tätigkeit
In den beiden Fällen aus Hessen und Niedersachsen stellte sich in Karlsruhe die Frage, ob die Beklagten gegen die DSGVO verstoßen haben – oder ob die sogenannte Haushaltsausnahme greift.
Die sieht vor, dass die europäischen Regeln für die Verarbeitung personenbezogener Daten explizit nicht für die Ausübung rein persönlicher oder familiärer Tätigkeiten gelten. Der BGH will nun vom EuGH wissen, was darunter konkret zu verstehen ist.
Im Fall der Wohnküche starb die Klägerin inzwischen. Ihre Erben führen den Rechtsstreit aber weiter. Die ältere Frau klagte gegen ihre Tochter und deren Mann, weil diese Aufnahmen von ihr in der Küche des gemeinsam bewohnten Hauses an die Polizei weiterleiteten. Sie gaben an, dass die Mutter Münzen gestohlen habe. Die Mutter sah einen Verstoß gegen den Datenschutz, sie forderte Schmerzensgeld.
Die beiden Verfahren wurden bis zu einem Urteil aus Luxemburg ausgesetzt. Wann der EuGH antwortet, ist noch nicht bekannt. Meist dauert es einige Monate bis zum Urteil in Luxemburg. Nach der Antwort werden die Fälle vom BGH entschieden. Er orientiert sich dabei an der Rechtsauffassung der europäischen Richter. (afp/dpa/red)
Familienministerin Karin Prien (CDU) plädiert für eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren für die Nutzung sozialer Medien. (Illustration) - Foto: Marcus Brandt/dpa
Die EU-Kommission will den Zugang zu sozialen Netzwerken für Kinder unter 13 Jahren in Deutschland und anderen Mitgliedsländern beschränken. „Keine sozialen Netzwerke unter dem Alter von 13 Jahren. Kein eigenes Nutzerkonto unter dem Alter von 15 Jahren“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im EU-Parlament in Straßburg. Auch für Deutschland ist das wichtig. Worum es geht.
Heißt das, ein Social-Media-Verbot kommt?
Nein, das ist noch lange nicht beschlossene Sache. An diesem Donnerstag will von der Leyen einen Gesetzestext mit den Details des Vorschlags vorstellen. Anschließend müssen sich das EU-Parlament und die Mitgliedsländer damit befassen. Bis es zu einer Einigung kommt und ein Mindestalter tatsächlich eingeführt wird, könnten Monate oder sogar Jahre vergehen.
Was schlägt die EU-Kommission vor?
Eigene Konten auf TikTok, Snapchat, Instagram und Co. sollen für Kinder unter 13 Jahren nach von der Leyens Plänen komplett tabu sein. Die großen Plattformen sehen schon jetzt in ihren Geschäftsbedingungen ein Mindestalter von 13 Jahren vor. Die Internetwächter in Brüssel kritisierten jedoch wiederholt, dass diese Altersgrenze nicht richtig durchgesetzt werde. Das soll sich durch die neuen Vorgaben ändern – die Plattformen sollen in die Pflicht genommen werden.
Die Beweislast solle umgekehrt werden, sagte von der Leyen: „Die Plattformen müssen beweisen, dass sie sicher sind. Es geht nämlich nicht darum, dass unsere Minderjährigen auf soziale Medien zugreifen. Es geht darum, wann und in welchem Ausmaß wir sozialen Medien den Zugang zu Minderjährigen erlauben.“
Ab 13 Jahren dürfen Jugendliche künftig nach von der Leyens Vorstellung etwas mehr: Dann sollen sie „Mini-Konten“ nutzen dürfen, die von den Eltern eingerichtet und beaufsichtigt werden, mit begrenzten Funktionen und zeitlicher Einschränkung.
Welche Sicherheitsvorgaben soll es geben?
Jugendliche ab 15 Jahren sollen dann auch auf soziale Medien zugreifen dürfen und eigene Konten haben können – falls das Design sicher ist. Dies müssten die Plattformen dann nachweisen.
Die EU-Kommission versteht unter „safety by design“ etwa, dass Social-Media-Plattformen keine suchtfördernden Algorithmen haben und Funktionen wie endloses Scrollen oder das automatische Abspielen von Videos deaktiviert sind.
Die Online-Angebote sollen demnach Sicherheitsvorkehrungen zum Kinder- und Jugendschutz grundsätzlich „verbaut“ haben. Auch Beschränkungen für Bildschirmzeiten oder andere Maßnahmen zum Kinder- und Jugendschutz zählen dazu.
Ja, denn was die EU-Kommission vorhat, ist auch für die deutsche Debatte über ein Social-Media-Verbot entscheidend. Die Brüsseler Behörde hat in Teilen der Digitalpolitik ein Vorrecht. Deutschland darf zwar grundsätzlich selbst der Bevölkerung vorschreiben, ab welchem Alter Social Media erlaubt ist. Dann müssten Eltern kontrollieren, ob sich ihre Kinder an die Regeln halten.
Sollen die großen Plattformen wie TikTok, Snapchat, Instagram und Co. in die Verantwortung genommen werden, kann das aber nur die EU-Kommission durchsetzen. Genau das wollen viele Politiker in Mitgliedsländern der EU, sie wollen quasi den Plattformen die Rolle der Türsteher geben. Doch nur die EU kann per Gesetz von den Online-Riesen eine Alterskontrolle verlangen. Die Europäische Kommission setzt die Digitalgesetze ihnen gegenüber durch.
Was plant die Bundesregierung?
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich für ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren ausgesprochen. Sie hatte eine Expertenkommission eingesetzt, die im Sommer umfangreiche Vorschläge für einen besseren Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt vorlegte. Darin geht es etwa um die Option einer „gesetzlichen Mindestaltersgrenze von 13 Jahren“ für die eigenständige Nutzung von Social-Media-Konten.
Prien sprach sich zudem für „abgestufte Schutzkonzepte“ bei der Nutzung von TikTok, Instagram und Co. für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren aus.
Zuletzt hatte sie eingeschränkt, der Schlüssel liege „ein bisschen in Brüssel“. Es gebe Grenzen dessen, was man in Deutschland regeln könne. Man müsse auf eine europäische Lösung drängen und gleichzeitig Übergangslösungen für Deutschland in Gesetzesform gießen. Prien kündigte Eckpunkte für Regelungen in Deutschland für Oktober an, ohne zunächst weitere Details zu nennen.
Im Nachbarland Frankreich sind die Pläne bereits weiter fortgeschritten. Dort ist ein Social-Media-Verbot für alle unter 15 Jahren geplant. Ein erster Gesetzesvorschlag war aus Sicht der EU-Kommission nicht mit EU-Recht kompatibel, just am Montag reichte Paris eine überarbeitete Fassung ein.
Wie soll das praktisch funktionieren?
Bei der technischen Umsetzung der Alterskontrolle dürfte auch eine App der EU-Kommission eine große Rolle spielen. Die digitale Brieftasche EUDI-Wallet soll Anfang 2027 auch in Deutschland verfügbar sein. Darin soll es dann eine Möglichkeit der Altersverifikation geben.
Vorgesehen ist, dass Nutzer ein bestimmtes Mindestalter nachweisen, ohne dabei persönliche Daten wie Name oder Geburtsdatum zu speichern oder an die großen Online-Plattformen weiterzugeben. Kommt das Gesetz wie geplant, müssten voraussichtlich alle Nutzer beliebter Online-Angebote regelmäßig auf diese Weise ihr Alter verifizieren. (dpa/red)
Heute können wir Tausende digitale Verbindungen haben und dennoch zutiefst einsam sein. Wie können wir Gemeinschaft wiederherstellen? - Foto: gorodenkoff/iStock
Wenn wir in der Zeit zurückreisen und einige Dinge unserer Eltern und Großeltern in die Gegenwart übertragen könnten, welche würden wir wählen?
Wir würden ihre Entbehrungen, Ungerechtigkeiten und begrenzten Möglichkeiten nicht wählen, denn der Fortschritt hat uns außergewöhnliche Segnungen beschert.
Auf dem Weg zu mehr Wohlstand, Vernetzung und technologischem Fortschritt haben wir jedoch auch Werte zurückgelassen, die keine Technologie ersetzen kann.
Wir würden die Würde der Arbeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern wussten, dass Arbeit mehr war als nur Geldverdienen. Sie schulte Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und Selbstachtung. Sie taten, was getan werden musste, denn ihre Familien waren auf sie angewiesen.
Heute reden wir unaufhörlich davon, uns selbst zu finden. Sie hingegen fanden sich oft, indem sie Verantwortung übernahmen, hilfsbereit waren und ihr Wort hielten.
Wir würden die Heiligkeit der Familie wiederherstellen.
Großeltern halfen bei der Erziehung ihrer Enkelkinder. Tanten und Onkel ermahnten ihre Nichten und Neffen. Sonntagsessen waren Lernorte, an denen Erfahrungen, Werte und Geschichte von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden.
Die Kinder saßen neben den Erwachsenen und hörten zu.
Stellen Sie sich vor, wie revolutionär das heute wäre!
Großvater und Enkelin im Park.
Foto: boggy22/iStock
Anstatt jede Lektion von einem Algorithmus zu erhalten, würden junge Menschen aus erster Hand davon erfahren, wie ihre Familienältesten Armut, Krieg, Diskriminierung, Leid und Verlust überstanden haben.
Nachbarn kannten sich untereinander. Wenn jemand krank war, wurde Essen vor die Tür gestellt. Wenn jemand starb, standen die Menschen der Familie bei. Sonntags besuchte man oft die älteren, kranken und ans Haus gebundenen Menschen – nicht, weil es ein Programm vorschrieb, sondern weil man füreinander Verantwortung trug.
Heute können wir Tausende digitale Verbindungen haben und dennoch zutiefst einsam sein. Wir beherrschen die Kommunikation, ohne notwendigerweise auch die Gemeinschaft zu leben.
Wir würden den Respekt vor den Älteren wiederherstellen.
Unsere Kultur vergöttert Jugend und Neuheit und geht oft davon aus, dass „neu“ gleichbedeutend mit „besser“ ist.
Doch Information ist keineswegs Weisheit.
Weisheit erfordert Zeit, Fehler, Konsequenzen und Reflexion. Eine Gesellschaft, die aufhört, auf ihre älteren Mitglieder zu hören, zahlt immer wieder den Preis für Lektionen, die ihre Vorfahren bereits gelernt haben.
Großvater, Großmutter und ihr Hund.
Foto: pacfoto/iStock
Wir würden Geduld und Sparsamkeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern warteten ab. Sie haben vor dem Kauf gespart, vor dem Ersetzen repariert und vor der Ernte gesät. Kleidung wurde geflickt. Möbel wurden repariert. Lebensmittel wurden aufbewahrt.
Sie verstanden etwas, das in unserer schnelllebigen Kultur zunehmend in Vergessenheit gerät: Wertvolle Dinge brauchen Zeit.
Vertrauen braucht Zeit. Charakter braucht Zeit. Eine Ehe, ein guter Ruf, ein Geschäft und ein sinnvolles Leben brauchen Zeit.
Außerdem haben sie den Unterschied zwischen dem Wollen und dem Brauchen verstanden. Man wird nicht reich, indem man alles zur Schau stellt, was man sich leisten kann.
Wir würden den Glauben und die moralische Bildung wiederherstellen.
Für viele Familien beschränkte sich der Glaube nicht auf einen Tag pro Woche in einem Kirchengebäude. Gebet, Dankbarkeit und Rechenschaftspflicht prägten ihren Alltag.
Der Glaube machte frühere Generationen nicht perfekt, aber er gab ihnen ein moralisches Vokabular:
Pflicht, Opferbereitschaft, Vergebung, Demut, Gnade und Nächstenliebe.
Diese Begriffe sind auch heute noch unverzichtbar in einer Kultur, die sich zunehmend um individuelle Wünsche dreht.
Vor allem aber würden wir unsere Widerstandsfähigkeit wiederherstellen.
Unsere Großeltern gingen nicht davon aus, dass Not bedeutete, das Leben hätte sie im Stich gelassen. Sie rechneten mit Stürmen. Sie ertrugen Wirtschaftskrisen, Krieg, Diskriminierung, Krankheit, Tod und Enttäuschung und gingen ihren Weg weiter.
Kampf bedeutete für sie nicht unbedingt eine Unterbrechung des Lebens, sondern war Teil des Lebens.
Manchmal nahmen sie ihre Schwierigkeiten sogar als Sprungbrett, indem sie auf den Widrigkeiten von gestern aufbauten, um die Möglichkeiten von morgen zu erreichen.
Wir können und sollten nicht in die Vergangenheit zurückkehren, aber wir können diese Weisheit nutzen.
Stellen Sie sich vor, wir würden die Technologie, die Medizin und die Chancen von heute mit der Disziplin, dem Glauben, der Geduld, den familiären Bindungen, der Verantwortung für die Gemeinschaft und der Widerstandsfähigkeit von gestern verbinden.
Unsere Großeltern haben uns mehr hinterlassen als Fotos, Möbel, Land und Familiennamen.
Sie haben uns Anweisungen hinterlassen:
Arbeitet hart. Haltet euer Wort. Spart etwas. Repariert, was repariert werden kann. Besucht die Kranken. Respektiert eure älteren Mitmenschen. Setzt euch gemeinsam an den Tisch. Betet. Vergebt. Kümmert euch um eure Nachbarn. Bringt den Kindern bei, woher sie kommen.
Wenn euch das Leben zu Boden wirft, bleibt nicht einfach dort liegen.
Macht den Kampf zu einem Sprungbrett und erhebt euch!
The Coatinc Company in Siegen hat sich einen zeitgeistgemäßen englischen Namen gegeben, ist aber mit Gründungsjahr 1502 das älteste deutsche Familienunternehmen. (Archivbild) - Foto: Oliver Berg/dpa
Acht deutsche Familienunternehmen haben mit einer Firmengeschichte von jeweils über vierhundert Jahren sämtliche historischen Katastrophen überstanden. Zwei weitere werden in den nächsten Jahren ihre 400. Geburtstage feiern können.
Das geht aus der aktualisierten Rangliste der 50 ältesten deutschen Familienunternehmen hervor, welche die Stiftung Familienunternehmen in München veröffentlichte.
NRW, Bayern und Baden-Württemberg vorn
An der Spitze stehen nach wie vor zwei Unternehmen aus NRW, die beide schon über ein halbes Jahrtausend auf dem Buckel haben: Erste auf der Liste ist die 1502 – allerdings nicht mit englischem Namen – gegründete Coatinc Company in Kreuztal, ein metallverarbeitender Betrieb.
An zweiter Stelle folgt mit Gründungsjahr 1530 die Prym Group aus dem rheinländischen Stolberg – das Unternehmen erfand ehedem den Druckknopf.
Auf der Liste der fünfzig ältesten Unternehmen finden sich ausschließlich westdeutsche Firmen, da in der früheren DDR Familienunternehmen zwangsweise verstaatlicht wurden. In der Spitzengruppe der ersten zehn wiederum sind ausschließlich Firmen aus drei Bundesländern vertreten: Neben NRW sind das Bayern und Baden-Württemberg.
Die jüngste Firma auf der Liste hat 226 Jahre auf dem Buckel
Quasi in Sichtweite ist der 400. Firmengeburtstag für den blechbearbeitenden Betrieb W. Albrecht aus Lindlar bei Köln, der 1634 gegründet wurde.
Danach folgt auf Platz zehn die Tuchfabrik Mehler im bayerischen Tirschenreuth, die seit 1644 besteht. Jüngstes Unternehmen ist auf Platz 50 der zu Napoleons Lebzeiten im Jahr 1800 gegründete Maschinenbauer Kurtz Ersa in Kreuzwertheim in Bayern.
„Über Jahrhunderte haben sich diese Unternehmen immer neu erfunden, mit der Familie als Stabilitätsanker und Fels in der Brandung“, sagte Stefan Heidbreder, der Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen: „Sie sind es auch heute und machen die deutsche Wirtschaft resilient in diesen krisenhaften Zeiten.“
Erstellt hat die Stiftung ihre Liste auf Basis öffentlich zugänglicher Daten. Aufgenommen wurden die Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitern, die sich am längsten in ununterbrochenem Eigentum einer oder mehrerer miteinander verbundener Familien befinden.
Nicht berücksichtigt wurden vier Typen traditioneller Kleinunternehmen, unter denen etliche ebenfalls auf eine sehr lange Historie zurückblicken: Apotheken, Gasthäuser, Mühlen und Bauernhöfe.
Die Fugger fehlen
Nicht auf der Liste steht auch die einst mächtigste deutsche Unternehmerfamilie, obwohl diese keineswegs ausgestorben ist: Die Augsburger Fugger gelangten im 16. Jahrhundert im Bank- und Bergbauwesen zu Adel, europaweitem Einfluss und immensem Reichtum.
Doch leiten die heutigen Nachfahren kein kommerziell tätiges Familienunternehmen mehr, sondern verwalten laut Familienwebseite neun soziale Stiftungen, die sämtlich ebenfalls im 16. Jahrhundert gegründet wurden.
Darüber hinaus haben sich auch einige Firmen als äußerst stabil erwiesen, die nicht in Familienbesitz sind. So hat die einst kirchliche und heute staatliche Brauerei Weihenstephan im oberbayerischen Freising seit dem Jahr 1040 das Braurecht und blickt somit ihrem tausendjährigen Bestehen entgegen.
Auch das weltbekannte – und ebenfalls staatliche – Münchner Hofbräuhaus hat sich mit Gründungsjahr 1589 als resistent gegen alle Krisen, Kriege und Katastrophen erwiesen.
Und würde man die heute noch bestehenden Klöster der katholischen Kirche als Wirtschaftsbetriebe zählen, wären diese die unangefochtenen Spitzenreiter: So wurde die Abtei Tholey im Saarland erstmals im Jahr 634 urkundlich erwähnt. (dpa/red)
Großeltern vermitteln Weisheit, Stabilität und Unterstützung, die Familien und Kindern zu einem gesunden Aufblühen verhelfen können. - Foto: Jacob Wackerhausen/iStock
Wenn Sie eine glückliche Familie sein wollen, sollten Sie die Rolle der Großfamilie nicht vernachlässigen, sagen Experten.
„Das Konzept einer unabhängigen, in sich geschlossenen Kernfamilie wird weder von den Sozialwissenschaften noch von der jüdisch-christlichen Tradition gestützt“, schreibt der amerikanische Professor und Kulturforscher Anthony B. Bradley. Er argumentiert, dass Netzwerke aus Mitgliedern der erweiterten Familie, insbesondere Großeltern, einen entscheidenden Rückhalt für die Familie und die Kindererziehung bieten.
Dieses Zitat stammt aus einem aktuellen Artikel auf seinem Substack-Account, in dem Bradley die zahlreichen und überraschenden Vorteile für Familien skizziert, die in der Nähe der Großmutter mütterlicherseits wohnen. Bradley stützt seine Schlussfolgerung auf zahlreiche wissenschaftliche Studien und erklärt, dass er die Nähe zur Großmutter mütterlicherseits für den Erfolg einer Familie sogar als wichtiger ansieht als eine hoch bezahlte Karriere.
„Eine der besten Möglichkeiten, wie ein Mann für seine Familie sorgen kann, besteht darin, alles Notwendige zu tun, um sicherzustellen, dass seine Frau in derselben Stadt wie ihre Mutter lebt – vorausgesetzt, sie haben ein gutes Verhältnis zueinander“, bemerkt er.
Neben dem Vater, so argumentiert Bradley, ist die Großmutter mütterlicherseits das wichtigste Familienmitglied für das Gedeihen von Mutter und Kind.
„Ich habe zwar bereits zuvor über die Bedeutung von Vätern geschrieben, doch die andere wesentliche familiäre Rolle für gedeihende Familien ist die der Großmutter, und es ist von entscheidender Bedeutung, dass Kinder im selben lokalen Umfeld wie ihre Großmutter mütterlicherseits aufwachsen, wenn wir wollen, dass Mütter und Kinder sich gut entwickeln“, sagt er.
Großeltern helfen Kindern, ihre Wurzeln zu entdecken, und ermutigen sie für die Zukunft.
Foto: Halfpoint/iStock
Was die Forschung sagt
Hier sind nur einige der Forschungsergebnisse, die Bradley zur Untermauerung seiner Schlussfolgerung anführt:
Es hat sich gezeigt, dass Großmütter mütterlicherseits jungen Müttern während der Schwangerschaft und nach der Geburt entscheidende Unterstützung bieten.
Die Anwesenheit der Großmutter mütterlicherseits verringert emotionale und verhaltensbezogene Probleme bei Enkelkindern, die belastende Ereignisse erlebt haben, erheblich.
In einer Übersicht von 45 Studien aus allen Kontinenten wurde festgestellt, dass die Einbindung der Großmutter mütterlicherseits in 69 Prozent der Studien die Überlebenschancen der Kinder verbesserte.
In einer im Süden Äthiopiens durchgeführten Studie waren Kinder, deren Großmutter mütterlicherseits für sie erreichbar war, für ihr Alter größer und hatten eine um 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, das dritte Lebensjahr zu überleben.
Töchter, deren Mütter in der Nähe wohnen, bekommen früher Kinder, in kürzeren Abständen, und mehr ihrer Kinder erreichen das Erwachsenenalter.
Auch wenn die Großmutter mütterlicherseits offenbar eine besondere Rolle spielt, können alle Großeltern einen starken positiven Einfluss auf wachsende Familien ausüben.
Großeltern verfügen über Weisheit, die sie durch die Mühen langer Jahre und die wechselhaften Erfahrungen im Hin und Her von Erfolg und Misserfolg erworben haben und die sie an ihre Kinder und Enkelkinder weitergeben können. Sie leisten wichtige Beiträge zur Entwicklung der nachfolgenden Generationen.
„Großeltern spielen im Familienleben vielfältige und wichtige Rollen: Aufpasser, Geschichtenerzähler, Familienchronisten, sie haben ein offenes Ohr und vieles mehr. Großeltern können eine Verbindung zur Vergangenheit und einen Wegweiser in die Zukunft darstellen“, schreiben Sean Brotherson, Brenda Langerud und Divya Saxena von der North Dakota State University.
Auch wenn sie in der Regel nicht direkt an der Erziehung kleiner Kinder beteiligt sind (obwohl dies sicherlich auch vorkommt), bieten Großeltern zumindest eine Art stabiles Umfeld – ein Bollwerk aus Erinnerung, Erfahrung, Freundlichkeit, stiller Führung und manchmal sogar finanzieller Unterstützung. Dies schützt und stützt junge Familien ungemein.
Natürlich gibt es so viele Arten von Großeltern, wie es Menschen gibt, und nicht alle Großeltern werden diese Rollen auf dieselbe Weise oder im gleichen Maße ausfüllen. Brotherson, Langerud und Saxena skizzieren fünf Typen oder Stile der Großelternschaft, die in der Forschung auftauchen. Jeder hat seine eigenen Vorteile:
„Formeller“ Großelternteil – Dieser Typ von Großelternteil erfüllt die Rolle des Familienältesten und vertritt feststehende Vorstellungen, Erwartungen und Traditionen.
Der „Spaß suchende“ Großelternteil – Dieser Großelternteil ist weniger formell und eher verspielt.
Der „Ersatzelternteil“ – Dieser Großelternteil übernimmt die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung und die Erziehung des Kindes.
Der „zurückhaltende“ Großelternteil – Dieser Großelternteil hält eher Abstand und interagiert mit der Familie vorwiegend bei großen Familienanlässen wie Hochzeiten.
Der „weise“ Großelternteil – Dieser Großelternteil erteilt Ratschläge, stellt Ressourcen zur Verfügung und bietet Beratung an.
Natürlich werden manche Großeltern mehrere der oben beschriebenen Stile oder Rollen miteinander verbinden. So werden sie ihren Kindern und Enkelkindern eine noch reichhaltigere Dimension des Lebens in der erweiterten Familie bieten.
In der zeitgenössischen Kultur wird der Familie immer weniger Wert beigemessen. Die amerikanische Gesellschaft steht vor einer drohenden Geburtenkrise. Auch Deutschland erlebt die niedrigsten Geburtenraten der Nachkriegszeit. Umso mehr werden heute Großeltern und ihre Unterstützung gebraucht. Durch Kinderbetreuung, Ermutigung und andere Formen der Unterstützung können Großeltern eine entscheidende Rolle dabei spielen, junge Paare zu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen und diese in gesunden Familien großzuziehen.
Und natürlich haben Großeltern über diese rein praktischen Vorteile hinaus die Möglichkeit, ihren Enkelkindern eine besondere Beziehung zu schenken, die einen besonderen Wert in sich trägt. In einem Artikel für das Dr. James Dobson Family Institute schrieb Dobson:
„Ein Weiser bemerkte einmal, dass ältere Menschen langsamer werden und sich bücken, damit sie die Dinge wieder mit den Augen eines Kindes sehen können, damit sie die Hände von Kindern halten können, die auf unerfahrenen Füßen dahin stapfen. Der Käfer auf dem Bürgersteig, die Schnecke unter dem Kohlblatt, das Rotkehlchen, das den Wurm aus der regennassen Erde zieht – das sind die Dinge, die kleine Kinder und ihre Großeltern wahrnehmen.“
Dies ist eine wunderschöne Zusammenfassung der einzigartigen Rolle, die Großeltern im Leben ihrer Enkelkinder spielen können – sich ihrem Tempo anzupassen, sich mit ihnen zu bücken, um die Welt mit neuen Augen zu sehen, und sie gleichzeitig zu unterstützen, während sie in die Zukunft hineinwachsen, zu der sie berufen sind.
Viele westliche Länder erleben dramatische Geburtenrückgänge. Doch die Zukunft einer Nation erwächst aus ihren Kindern.
(L–R) Die Spitzenkandidatin des BSW für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Claudia Wittig, die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, Susan Sziborra-Seidlitz, die Spitzenkandidatin der FDP, Lydia Hueskens, der Spitzenkandidat der SPD, Armin Willingmann, die Spitzenkandidatin der Linken, Eva von Angern, der Spitzenkandidat der AfD, Ulrich Siegmund, sowie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze. - Foto: Ronny HARTMANN / AFP via Getty Images
Was bewegt die Menschen in Sachsen-Anhalt wenige Wochen vor der Landtagswahl am 6. September? In der 90-Minuten-Sendung „Fakt ist! Wahlarena aus Magdeburg“ stand für die CDU der seit Januar amtierende Ministerpräsident Sven Schulze den Publikumsfragen Rede und Antwort.
Für die AfD sprach der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Der 35-Jährige aus Tangermünde hat aufgrund guter Umfrageergebnisse Chancen darauf, erster AfD-Ministerpräsident zu werden. Er ist seit 2016 Mitglied des Landtages, ebenso wie der SPD-Spitzenkandidat und derzeitige Energieminister von Sachsen-Anhalt, Armin Willingmann.
Susan Sziborra-Seidlitz wird von Bündnis 90/Die Grünen am Wahltag ins Rennen geschickt. Sie gehört seit 2021 dem Landtag an und ist Landesparteichefin der Grünen. Die Linke wurde von Eva von Angern vertreten. Sie ist bereits seit 2002 Abgeordnete im Landtag und führt ihre Fraktion.
Für die FDP stellte sich Lydia Hüskens den Fragen der Bürger. Sie ist Ministerin für Infrastruktur und Digitales in Sachsen-Anhalt. Das BSW war durch Spitzenkandidatin Claudia Wittig vertreten.
Größter Redeanteil: Schulze und Siegmund
Den größten Redeanteil erhielten aufgrund der Publikumsfragen der CDU-Ministerpräsident Sven Schulze sowie AfD-Kandidat Ulrich Siegmund. Die Linken-Chefin Eva von Angern erhielt ebenfalls viel Gelegenheit für Antworten, entschuldigte sich jedoch später gegenüber einem älteren Studiogast dafür, dass sie häufig die Redebeiträge von Siegmund unterbrochen hatte.
Der Studiogast aus Blankenburg hatte dies jedoch nicht nur bei ihr, sondern auch bei weiteren Spitzenkandidaten bemängelt. Seiner Meinung nach sei es „das Wichtigste“, dass „wir lernen, wieder friedlich und respektvoll“ zu sein. „Wie Sie sich hier ins Wort fallen, so ist es auch in den Familien“, kritisierte der Studiogast. Den geringsten Redeanteil erhielten die Vertreter von FDP und BSW.
Thema „Brandmauer“
Als erstes wurde das Thema „Brandmauer“ angeschnitten. Ein Rentner wollte von Schulze wissen, wie er rund 40 Prozent der Wähler [gemeint ist die Zustimmungsrate für die AfD] ignorieren könne. Schulze vermied den Begriff „Brandmauer“, sondern erwiderte, dass er nicht mit der AfD zusammenarbeiten möchte. SPD-Willingmann zog sich auf die Position zurück: „Die Frage des Umgangs mit der AfD hat mit Haltung zu tun.“ Mit der AfD könne er „es sich nicht vorstellen“. Daraufhin der Rentner erneut: Er finde, dass SPD und CDU Demokratie nicht verstanden hätten.
Eine Frau aus Magdeburg hielt CDU-Schulze vor, er habe gesagt, weder mit AfD noch mit Linken zusammenzuarbeiten. Daraufhin der Ministerpräsident erneut ausweichend: „Für mich ist Demokratie, dass Menschen entscheiden. Ich habe nicht gesagt, dass ich Menschen der Linkspartei oder AfD ausgrenze. Ich möchte Sachsen-Anhalt in die Zukunft führen.“
Die Linken-Chefin Eva von Angern fügte ungefragt hinzu: „Gehen Sie dem Opfermythos [gemeint war hier die AfD] nicht auf dem Leim.“ Alle Fraktionen im Landtag würden von der AfD „niedergebrüllt“. Und weiter: „Wenn ich AfD-Mitgliedern keine Hand gebe, ist das auch ein Grund dafür.“ Sie erlebe im Wahlkampf an den Ständen Menschen mit „nackter Angst“ und: „Ich erlebe sehr viel Hass und Hetze im Internet mit sehr vielen blauen Herzen.“
AfD-Spitzenkandidat Siegmund gab sich optimistisch: „Wir erleben eine nie dagewesene Aufbruchstimmung.“ An von Angern gewandt, kritisierte er, dass sie der AfD nicht „Guten Tag“ sage. Auch werde AfD-Vertretern „vor die Füße gespuckt“. Daraufhin entstand Tumult unter den übrigen Spitzenkandidaten. Doch Siegmund sprach weiter: „Ich möchte über Politik reden und nicht über Brandmauern. Ich möchte das Land voranbringen.“
Kitas und Kommunen
Ein Stadtrat aus dem Publikum bemängelte: „Ich erlebe täglich, dass wir finanziell nicht mehr klarkommen: Marode Straßen, Kita-Mangel.“ Viele Kommunen könnten nicht mehr handeln. Er fragte die CDU und AfD: „Wie wollen Sie die Kommunen finanziell gut ausstatten? Wie sollen Kommunen wieder handlungsfähig werden?“
Schulze: „Wir werden uns nach der Wahl zusammensetzen müssen. Den Willen dazu haben wir.“ Er unterstrich, dass Sachsen-Anhalt mittlerweile knapp 600 Millionen Euro für die Kinderförderung ausgebe. 2011 seien es nur rund 170 Millionen Euro gewesen.
Siegmund möchte sich „auf grundsätzliche Probleme konzentrieren“. Er bemängelte: „Wir leben über unsere Verhältnisse. Jeder Euro, der auf Bundesebene verschenkt wird, fehlt im Land.“ Wenn das Geld, das seitens der Bundesregierung „in die Ukraine geht“, im Inland investiert würde, „hätten wir genug Geld“, argumentierte Siegmund und betonte: „Ich will einsparen.“
Im „AfD-Regierungsprogramm“ für Sachsen-Anhalt steht unter Punkt I „Familie und Kinder, Unterpunkt 13: „Wir werden Krippen und Kindergärten mit einer dauerhaft auf Landesebene gesicherten Finanzierung ab dem ersten Kind kostenlos machen. Die Mittagsverpflegung muss für alle Kinder, von der Krippe bis zur Schule, ebenfalls kostenfrei und von hoher Qualität vorzuhalten sein.“ Wie Siegmund diese Ankündigung finanziell realisieren will, hat er in der MDR-Sendung nicht preisgegeben.
Claudia Wittig vom BSW kritisierte: „Wir haben 25 Jahre lang in die falsche Richtung gearbeitet. Menschen ziehen hier weg, die eine gute Arbeit haben könnten.“ Deshalb forderte sie staatliche Förderung und Investitionsanreize für die Kommunen. Gleiches vertrat Susan Sziborra-Seidlitz von den Grünen. Sie möchte die Wirtschaft des Bundeslandes stärken. Ihr Fazit: „Starke Wirtschaft, starke Ausgaben“.
Deutschlandfahne, Regenbogen-Flagge
Sandra aus Oschersleben wollte wissen, was für die AfD „deutsch denken mit Deutschlandfahnen“ an Schulen zu tun habe und warum sie gegen Regenbogenflaggen an Schulen sei.
Siegmund kritisierte: „Wir sind nicht mehr stolz auf uns.“ Er ließ offen, ob er damit den Bezug zur Deutschlandfahne herstellte. Im AfD-Regierungsprogramm heißt es unter Punkt IV,13: „Echte Bildung besteht nicht allein in der Aneignung von Kompetenz und Wissen, sondern auch in der Entwicklung einer stabilen Nationalidentität. Wir werden deshalb dafür sorgen, dass an öffentlichen Schulen an jedem Schultag die Bundesflagge gehisst wird.“ Auch das Singen der Nationalhymne solle gefördert werden.
Außerdem behauptete Siegmund: „Wir haben in Sachsen-Anhalt eine Verzehnfachung von Fällen von Kindern, die nicht mehr wissen, welches Geschlecht sie haben.“ Dieser Hinweis sollte wohl erklären, warum sich die AfD gegen die Beflaggung von Schulen mit der Regenbogenfahne ausspricht. In ihrem Regierungsprogramm heißt es unter Punkt IV,11: „Dergleichen hat an Schulen nichts verloren.“
Die Grünen-Vertreterin Sziborra-Seidlitz hingegen erklärte, sie sei stolz auf Sachsen-Anhalt, auch wenn es bei Krankenhäusern „und Schulklos“ klemmt. Das Bundesland sei vielfältig, habe viele queere Personen. „Auf diese Menschen sind wir stolz“, sowohl mit Regenbogen- als auch mit Deutschlandflagge, betonte die Grünen-Politikerin
Zu wenig Inklusion?
Der Kreisbehindertenbeauftragte einer Stadt wollte wissen, wie Inklusion besser gefördert werden könnte. Die FDP-Kandidatin und Ministerin der derzeitigen Landesregierung Lydia Hüskens räumte ein: „Wir schaffen es oft nicht, Behinderte in den Arbeitsmarkt zu bringen“, obwohl sie dazu fähig seien. Deshalb müssten „Wege weitergehen“, damit dies gelinge. Schulze ergänzte, die Landesregierung würde Geld „für Ideen“ ausgeben, „wie der nächste Schritt in den Arbeitsmarkt“ für Behinderte sein sollte.
Siegmund differenzierte: „Wir betrachten Inklusion nicht als pauschal möglich. Man muss den Menschen individuell betrachten. Was ist konkret eine Behinderung? Wenn es eine spezielle Verhaltensauffälligkeit gibt, soll er die Unterstützung bekommen.“
Hintergrund ist: Die AfD in Sachsen-Anhalt lehnt das gemeinsame Lernen von Kindern mit Behinderung an Regelschulen ab. In ihrem Programm fordert die Partei unter Punkt IV,4, die Inklusion an Schulen „unverzüglich zu beenden“ und stattdessen das Förderschulsystem auszubauen. Zur Begründung heißt es, „behinderte Kinder benötigen eine speziell auf ihre Situation abgestimmte Pädagogik“.
Die Linken-Vertreterin kritisierte, dass es für Inklusion an Schulen zu wenig Lehrer und Erzieher gebe. Ministerpräsident Schulze stellte klar: „Es ist nicht so, dass wir die Kinder selektieren. Wir haben viel mehr Kinder mit speziellem Förderbedarf als vor zehn Jahren“ und sagte zu, künftig „Lehrer besser zu unterstützen“. Es gebe speziellen Förderbedarf. „Die Zeiten haben sich geändert.“
Schulpflicht oder Hausunterricht?
Siegmund kritisierte: „Alle rufen nach mehr Personal. Wo sollen denn die Menschen herkommen?“ Deshalb wolle die AfD die Schulpflicht reformieren. Siegmund wörtlich: „Die Anwesenheitsschulpflicht, so wie sie in Deutschland ist, ist international völlig einzigartig. Es gibt wenige Länder, zehn, fünfzehn Länder auf der ganzen Welt, die das so haben.“
In ihrem Regierungsprogramm unter Punkt IV,26 „Bildungspflicht statt Schulzwang“ spricht sich die AfD Sachsen-Anhalts dafür aus: „Da die Schulen immer weniger Bildung vermitteln und immer stärker versuchen, die Kinder politisch zu erziehen oder ihnen fragwürdige Lebensansichten zu vermitteln, verstehen wir Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten wollen. Wir werden deshalb in Anlehnung an das österreichische Modell eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht schaffen.“
Hüskens von der FDP wandte sich genau gegen diesen Punkt. Sie sagte jedoch unzutreffenderweise: „Im AfD-Programm steht Schulpflicht abschaffen.“ Schulpflicht sei „aber grade im ländlichen Raum extrem wichtig. Ich werbe dafür, dass wir bei der Schulpflicht bleiben, und wehre mich gegen die Bildungspflicht“, sagte die FDP-Chefin.
Drohnenforschung an Unis
Ein Student aus Magdeburg wollte per Videofrage wissen, ob sich die Politiker aufgrund des Drohnenvorfalls am Leipziger Flughafen „dafür stark machen“ würden, dass an Universitäten mehr im Bereich Drohneneinsatz und Drohnenabwehr geforscht werde. Die BSW-Kandidatin Wittig stellte für ihre Partei klar, dass diese gegen eine „Militarisierung der Universitäten“ sei.
Sie kritisierte zudem in Anspielung auf den Ukrainekrieg: „Wir laden einen Krieg zu uns nach Hause ein“, indem Leipzig als Umschlagsplatz für die Ukraine fungiere. Zudem gebe es Rüstungsindustrie im Land. „Nicht jeder Drohnenvorfall ist sofort ein russischer Angriff“, sagte Wittig.
Der SPD-Kandidat Willingmann sagte hingegen, er halte es „für wichtig, dass wir in unserem Land daran forschen“. Letztlich könnten Hochschulen aber selbst darüber entscheiden.
Daraufhin sagte Wittig: „Die Hochschulen sind alle chronisch unterfinanziert. Wenn großer wirtschaftlicher Druck entsteht, lassen sie sich auf militärische Programme ein.“ Willingmann: „An den Universitäten herrscht keine chronische Unterfinanzierung.“
Leere Gasspeicher
Eine Rentnerin aus Zerbst äußerte sich besorgt darüber, dass derzeit die Gasspeicher „ziemlich leer“ seien, obwohl diese sonst im Sommer immer aufgefüllt würden. SPD-Minister Willingmann bestätigte, dass die Speicher gerade leerer seien als üblich. Man wolle aber mit verstärkten Käufen nicht den Preis hochtreiben.
Darüber hinaus sei die Versorgung aus westlichen Ländern wie Belgien, Norwegen oder den Niederlanden gesichert. Er versicherte: „Zu Beginn der Heizperiode werden wieder 70 bis 75 Prozent voll sein.“
AfD muss von Polizei geschützt werden
Eine Rentnerin aus Magdeburg fragte per Video: Sollte die AfD mit absoluter Mehrheit gewählt werden, welches Konzept die Partei habe, um alle Menschen in Sachsen-Anhalt zu schützen: queere, linke, junge, alte.
Siegmund verwies daraufhin auf die Sicherheitslage bei Veranstaltungen seiner Partei: „Die aktuelle Realität ist, dass jeder Parteitag mit Hundertschaften geschützt werden muss. Dass wir Überfälle haben, allein schon zwei in Magdeburg mit verletzten Mitgliedern von uns. Jede Veranstaltung von uns muss mit Polizei abgesichert werden, andersrum gibt es so etwas nicht.“
Hierzu gab es Widerspruch von den Vertreterinnen der Grünen und der Linken mit Verweis auf die Bedrohung der Christopher-Street-Day-Veranstaltungen. Zudem weist die „Mobile Opferberatung“ auf ihrer Website darauf hin, dass sie „229 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe mit 307 direkt Betroffenen“ für das Jahr 2025 in Sachsen-Anhalt dokumentiert habe.
Migrant besorgt, AfD könne zur Diktatur führen
Ein syrischer Migrant aus dem Publikum äußerte „große Sorge“ darüber, sollte die AfD die Landtagswahl gewinnen. Er verwies darauf, dass die AfD Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft werde und sagte: „Ich weiß, wo das landen wird, wenn ein Land keine Demokratie mehr hat und ein Diktator regiert.“ An Siegmund gewandt, fragte er: „Wollen Sie wirklich die Demokratie verbieten?“
Zur Sorge um die Demokratie verwies Siegmund darauf, die AfD sei „die einzige“ aktuelle Partei, die Volksentscheide im Programm habe. Diese Aussage ist allerdings nicht korrekt: Die Grünen-Spitzenkandidatin Sziborra-Seidlitz fiel Siegmund ins Wort und machte darauf aufmerksam, dass auch ihre Partei im Wahlprogramm für Volksentscheide stehe.
Auch das BSW fordert in ihren Wahlprogrammen Volksentscheide und mehr direkte Demokratie.
Der syrische Zuschauer warf Siegmund erneut vor: „Sie wollen politische Säuberung machen.“ Als Beispiel nannte er „Remigration“ und fügte hinzu: „Sie sind für mich das beste Rezept für einen Diktator.“ Siegmund entgegnete: „Es gibt Vorurteile, die völliger Blödsinn sind“ und machte dem Syrer ein Gesprächsangebot für einen Termin nach der Sendung.
Jüngste Umfragewerte
Die jüngste Wählerbefragung der Berliner Pollytix-Agentur vom 12. August ergab folgende Ergebnisse: AfD 43 Prozent, CDU 23 Prozent, Linke 13 Prozent, SPD 7 Prozent, Grüne 5 Prozent, BSW 4 Prozent, FDP 2 Prozent. Insgesamt stehen 15 Parteien auf dem Wahlzettel von Sachsen-Anhalt.
(L–R) Die Spitzenkandidatin des BSW für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Claudia Wittig, die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, Susan Sziborra-Seidlitz, die Spitzenkandidatin der FDP, Lydia Hueskens, der Spitzenkandidat der SPD, Armin Willingmann, die Spitzenkandidatin der Linken, Eva von Angern, der Spitzenkandidat der AfD, Ulrich Siegmund, sowie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze. - Foto: Ronny HARTMANN / AFP via Getty Images
Was bewegt die Menschen in Sachsen-Anhalt wenige Wochen vor der Landtagswahl am 6. September? In der 90-Minuten-Sendung „Fakt ist! Wahlarena aus Magdeburg“ stand für die CDU der seit Januar amtierende Ministerpräsident Sven Schulze den Publikumsfragen Rede und Antwort.
Für die AfD sprach der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Der 35-Jährige aus Tangermünde hat aufgrund guter Umfrageergebnisse Chancen darauf, erster AfD-Ministerpräsident zu werden. Er ist seit 2016 Mitglied des Landtages, ebenso wie der SPD-Spitzenkandidat und derzeitige Energieminister von Sachsen-Anhalt, Armin Willingmann.
Susan Sziborra-Seidlitz wird von Bündnis 90/Die Grünen am Wahltag ins Rennen geschickt. Sie gehört seit 2021 dem Landtag an und ist Landesparteichefin der Grünen. Die Linke wurde von Eva von Angern vertreten. Sie ist bereits seit 2002 Abgeordnete im Landtag und führt ihre Fraktion.
Für die FDP stellte sich Lydia Hüskens den Fragen der Bürger. Sie ist Ministerin für Infrastruktur und Digitales in Sachsen-Anhalt. Das BSW war durch Spitzenkandidatin Claudia Wittig vertreten.
Größter Redeanteil: Schulze und Siegmund
Den größten Redeanteil erhielten aufgrund der Publikumsfragen der CDU-Ministerpräsident Sven Schulze sowie AfD-Kandidat Ulrich Siegmund. Die Linken-Chefin Eva von Angern erhielt ebenfalls viel Gelegenheit für Antworten, entschuldigte sich jedoch später gegenüber einem älteren Studiogast dafür, dass sie häufig die Redebeiträge von Siegmund unterbrochen hatte.
Der Studiogast aus Blankenburg hatte dies jedoch nicht nur bei ihr, sondern auch bei weiteren Spitzenkandidaten bemängelt. Seiner Meinung nach sei es „das Wichtigste“, dass „wir lernen, wieder friedlich und respektvoll“ zu sein. „Wie Sie sich hier ins Wort fallen, so ist es auch in den Familien“, kritisierte der Studiogast. Den geringsten Redeanteil erhielten die Vertreter von FDP und BSW.
Thema „Brandmauer“
Als erstes wurde das Thema „Brandmauer“ angeschnitten. Ein Rentner wollte von Schulze wissen, wie er rund 40 Prozent der Wähler [gemeint ist die Zustimmungsrate für die AfD] ignorieren könne. Schulze vermied den Begriff „Brandmauer“, sondern erwiderte, dass er nicht mit der AfD zusammenarbeiten möchte. SPD-Willingmann zog sich auf die Position zurück: „Die Frage des Umgangs mit der AfD hat mit Haltung zu tun.“ Mit der AfD könne er „es sich nicht vorstellen“. Daraufhin der Rentner erneut: Er finde, dass SPD und CDU Demokratie nicht verstanden hätten.
Eine Frau aus Magdeburg hielt CDU-Schulze vor, er habe gesagt, weder mit AfD noch mit Linken zusammenzuarbeiten. Daraufhin der Ministerpräsident erneut ausweichend: „Für mich ist Demokratie, dass Menschen entscheiden. Ich habe nicht gesagt, dass ich Menschen der Linkspartei oder AfD ausgrenze. Ich möchte Sachsen-Anhalt in die Zukunft führen.“
Die Linken-Chefin Eva von Angern fügte ungefragt hinzu: „Gehen Sie dem Opfermythos [gemeint war hier die AfD] nicht auf dem Leim.“ Alle Fraktionen im Landtag würden von der AfD „niedergebrüllt“. Und weiter: „Wenn ich AfD-Mitgliedern keine Hand gebe, ist das auch ein Grund dafür.“ Sie erlebe im Wahlkampf an den Ständen Menschen mit „nackter Angst“ und: „Ich erlebe sehr viel Hass und Hetze im Internet mit sehr vielen blauen Herzen.“
AfD-Spitzenkandidat Siegmund gab sich optimistisch: „Wir erleben eine nie dagewesene Aufbruchstimmung.“ An von Angern gewandt, kritisierte er, dass sie der AfD nicht „Guten Tag“ sage. Auch werde AfD-Vertretern „vor die Füße gespuckt“. Daraufhin entstand Tumult unter den übrigen Spitzenkandidaten. Doch Siegmund sprach weiter: „Ich möchte über Politik reden und nicht über Brandmauern. Ich möchte das Land voranbringen.“
Kitas und Kommunen
Ein Stadtrat aus dem Publikum bemängelte: „Ich erlebe täglich, dass wir finanziell nicht mehr klarkommen: Marode Straßen, Kita-Mangel.“ Viele Kommunen könnten nicht mehr handeln. Er fragte die CDU und AfD: „Wie wollen Sie die Kommunen finanziell gut ausstatten? Wie sollen Kommunen wieder handlungsfähig werden?“
Schulze: „Wir werden uns nach der Wahl zusammensetzen müssen. Den Willen dazu haben wir.“ Er unterstrich, dass Sachsen-Anhalt mittlerweile knapp 600 Millionen Euro für die Kinderförderung ausgebe. 2011 seien es nur rund 170 Millionen Euro gewesen.
Siegmund möchte sich „auf grundsätzliche Probleme konzentrieren“. Er bemängelte: „Wir leben über unsere Verhältnisse. Jeder Euro, der auf Bundesebene verschenkt wird, fehlt im Land.“ Wenn das Geld, das seitens der Bundesregierung „in die Ukraine geht“, im Inland investiert würde, „hätten wir genug Geld“, argumentierte Siegmund und betonte: „Ich will einsparen.“
Im „AfD-Regierungsprogramm“ für Sachsen-Anhalt steht unter Punkt I „Familie und Kinder, Unterpunkt 13: „Wir werden Krippen und Kindergärten mit einer dauerhaft auf Landesebene gesicherten Finanzierung ab dem ersten Kind kostenlos machen. Die Mittagsverpflegung muss für alle Kinder, von der Krippe bis zur Schule, ebenfalls kostenfrei und von hoher Qualität vorzuhalten sein.“ Wie Siegmund diese Ankündigung finanziell realisieren will, hat er in der MDR-Sendung nicht preisgegeben.
Claudia Wittig vom BSW kritisierte: „Wir haben 25 Jahre lang in die falsche Richtung gearbeitet. Menschen ziehen hier weg, die eine gute Arbeit haben könnten.“ Deshalb forderte sie staatliche Förderung und Investitionsanreize für die Kommunen. Gleiches vertrat Susan Sziborra-Seidlitz von den Grünen. Sie möchte die Wirtschaft des Bundeslandes stärken. Ihr Fazit: „Starke Wirtschaft, starke Ausgaben“.
Deutschlandfahne, Regenbogen-Flagge
Sandra aus Oschersleben wollte wissen, was für die AfD „deutsch denken mit Deutschlandfahnen“ an Schulen zu tun habe und warum sie gegen Regenbogenflaggen an Schulen sei.
Siegmund kritisierte: „Wir sind nicht mehr stolz auf uns.“ Er ließ offen, ob er damit den Bezug zur Deutschlandfahne herstellte. Im AfD-Regierungsprogramm heißt es unter Punkt IV,13: „Echte Bildung besteht nicht allein in der Aneignung von Kompetenz und Wissen, sondern auch in der Entwicklung einer stabilen Nationalidentität. Wir werden deshalb dafür sorgen, dass an öffentlichen Schulen an jedem Schultag die Bundesflagge gehisst wird.“ Auch das Singen der Nationalhymne solle gefördert werden.
Außerdem behauptete Siegmund: „Wir haben in Sachsen-Anhalt eine Verzehnfachung von Fällen von Kindern, die nicht mehr wissen, welches Geschlecht sie haben.“ Dieser Hinweis sollte wohl erklären, warum sich die AfD gegen die Beflaggung von Schulen mit der Regenbogenfahne ausspricht. In ihrem Regierungsprogramm heißt es unter Punkt IV,11: „Dergleichen hat an Schulen nichts verloren.“
Die Grünen-Vertreterin Sziborra-Seidlitz hingegen erklärte, sie sei stolz auf Sachsen-Anhalt, auch wenn es bei Krankenhäusern „und Schulklos“ klemmt. Das Bundesland sei vielfältig, habe viele queere Personen. „Auf diese Menschen sind wir stolz“, sowohl mit Regenbogen- als auch mit Deutschlandflagge, betonte die Grünen-Politikerin
Zu wenig Inklusion?
Der Kreisbehindertenbeauftragte einer Stadt wollte wissen, wie Inklusion besser gefördert werden könnte. Die FDP-Kandidatin und Ministerin der derzeitigen Landesregierung Lydia Hüskens räumte ein: „Wir schaffen es oft nicht, Behinderte in den Arbeitsmarkt zu bringen“, obwohl sie dazu fähig seien. Deshalb müssten „Wege weitergehen“, damit dies gelinge. Schulze ergänzte, die Landesregierung würde Geld „für Ideen“ ausgeben, „wie der nächste Schritt in den Arbeitsmarkt“ für Behinderte sein sollte.
Siegmund differenzierte: „Wir betrachten Inklusion nicht als pauschal möglich. Man muss den Menschen individuell betrachten. Was ist konkret eine Behinderung? Wenn es eine spezielle Verhaltensauffälligkeit gibt, soll er die Unterstützung bekommen.“
Hintergrund ist: Die AfD in Sachsen-Anhalt lehnt das gemeinsame Lernen von Kindern mit Behinderung an Regelschulen ab. In ihrem Programm fordert die Partei unter Punkt IV,4, die Inklusion an Schulen „unverzüglich zu beenden“ und stattdessen das Förderschulsystem auszubauen. Zur Begründung heißt es, „behinderte Kinder benötigen eine speziell auf ihre Situation abgestimmte Pädagogik“.
Die Linken-Vertreterin kritisierte, dass es für Inklusion an Schulen zu wenig Lehrer und Erzieher gebe. Ministerpräsident Schulze stellte klar: „Es ist nicht so, dass wir die Kinder selektieren. Wir haben viel mehr Kinder mit speziellem Förderbedarf als vor zehn Jahren“ und sagte zu, künftig „Lehrer besser zu unterstützen“. Es gebe speziellen Förderbedarf. „Die Zeiten haben sich geändert.“
Schulpflicht oder Hausunterricht?
Siegmund kritisierte: „Alle rufen nach mehr Personal. Wo sollen denn die Menschen herkommen?“ Deshalb wolle die AfD die Schulpflicht reformieren. Siegmund wörtlich: „Die Anwesenheitsschulpflicht, so wie sie in Deutschland ist, ist international völlig einzigartig. Es gibt wenige Länder, zehn, fünfzehn Länder auf der ganzen Welt, die das so haben.“
In ihrem Regierungsprogramm unter Punkt IV,26 „Bildungspflicht statt Schulzwang“ spricht sich die AfD Sachsen-Anhalts dafür aus: „Da die Schulen immer weniger Bildung vermitteln und immer stärker versuchen, die Kinder politisch zu erziehen oder ihnen fragwürdige Lebensansichten zu vermitteln, verstehen wir Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten wollen. Wir werden deshalb in Anlehnung an das österreichische Modell eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht schaffen.“
Hüskens von der FDP wandte sich genau gegen diesen Punkt. Sie sagte jedoch unzutreffenderweise: „Im AfD-Programm steht Schulpflicht abschaffen.“ Schulpflicht sei „aber grade im ländlichen Raum extrem wichtig. Ich werbe dafür, dass wir bei der Schulpflicht bleiben, und wehre mich gegen die Bildungspflicht“, sagte die FDP-Chefin.
Drohnenforschung an Unis
Ein Student aus Magdeburg wollte per Videofrage wissen, ob sich die Politiker aufgrund des Drohnenvorfalls am Leipziger Flughafen „dafür stark machen“ würden, dass an Universitäten mehr im Bereich Drohneneinsatz und Drohnenabwehr geforscht werde. Die BSW-Kandidatin Wittig stellte für ihre Partei klar, dass diese gegen eine „Militarisierung der Universitäten“ sei.
Sie kritisierte zudem in Anspielung auf den Ukrainekrieg: „Wir laden einen Krieg zu uns nach Hause ein“, indem Leipzig als Umschlagsplatz für die Ukraine fungiere. Zudem gebe es Rüstungsindustrie im Land. „Nicht jeder Drohnenvorfall ist sofort ein russischer Angriff“, sagte Wittig.
Der SPD-Kandidat Willingmann sagte hingegen, er halte es „für wichtig, dass wir in unserem Land daran forschen“. Letztlich könnten Hochschulen aber selbst darüber entscheiden.
Daraufhin sagte Wittig: „Die Hochschulen sind alle chronisch unterfinanziert. Wenn großer wirtschaftlicher Druck entsteht, lassen sie sich auf militärische Programme ein.“ Willingmann: „An den Universitäten herrscht keine chronische Unterfinanzierung.“
Leere Gasspeicher
Eine Rentnerin aus Zerbst äußerte sich besorgt darüber, dass derzeit die Gasspeicher „ziemlich leer“ seien, obwohl diese sonst im Sommer immer aufgefüllt würden. SPD-Minister Willingmann bestätigte, dass die Speicher gerade leerer seien als üblich. Man wolle aber mit verstärkten Käufen nicht den Preis hochtreiben.
Darüber hinaus sei die Versorgung aus westlichen Ländern wie Belgien, Norwegen oder den Niederlanden gesichert. Er versicherte: „Zu Beginn der Heizperiode werden wieder 70 bis 75 Prozent voll sein.“
AfD muss von Polizei geschützt werden
Eine Rentnerin aus Magdeburg fragte per Video: Sollte die AfD mit absoluter Mehrheit gewählt werden, welches Konzept die Partei habe, um alle Menschen in Sachsen-Anhalt zu schützen: queere, linke, junge, alte.
Siegmund verwies daraufhin auf die Sicherheitslage bei Veranstaltungen seiner Partei: „Die aktuelle Realität ist, dass jeder Parteitag mit Hundertschaften geschützt werden muss. Dass wir Überfälle haben, allein schon zwei in Magdeburg mit verletzten Mitgliedern von uns. Jede Veranstaltung von uns muss mit Polizei abgesichert werden, andersrum gibt es so etwas nicht.“
Hierzu gab es Widerspruch von den Vertreterinnen der Grünen und der Linken mit Verweis auf die Bedrohung der Christopher-Street-Day-Veranstaltungen. Zudem weist die „Mobile Opferberatung“ auf ihrer Website darauf hin, dass sie „229 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe mit 307 direkt Betroffenen“ für das Jahr 2025 in Sachsen-Anhalt dokumentiert habe.
Syrer an AfD: „Wollen Sie wirklich die Demokratie verbieten?“
Ein syrischer Migrant aus dem Publikum äußerte „große Sorge“ darüber, sollte die AfD die Landtagswahl gewinnen. Er verwies darauf, dass die AfD Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft werde und sagte: „Ich weiß, wo das landen wird, wenn ein Land keine Demokratie mehr hat und ein Diktator regiert.“ An Siegmund gewandt, fragte er: „Wollen Sie wirklich die Demokratie verbieten?“
Zur Sorge um die Demokratie verwies Siegmund darauf, die AfD sei „die einzige“ aktuelle Partei, die Volksentscheide im Programm habe. Diese Aussage ist allerdings nicht korrekt: Die Grünen-Spitzenkandidatin Sziborra-Seidlitz fiel Siegmund ins Wort und machte darauf aufmerksam, dass auch ihre Partei im Wahlprogramm für Volksentscheide stehe.
Auch das BSW fordert in ihren Wahlprogrammen Volksentscheide und mehr direkte Demokratie.
Der syrische Zuschauer warf Siegmund erneut vor: „Sie wollen politische Säuberung machen.“ Als Beispiel nannte er „Remigration“ und fügte hinzu: „Sie sind für mich das beste Rezept für einen Diktator.“ Siegmund entgegnete: „Es gibt Vorurteile, die völliger Blödsinn sind“ und machte dem Syrer ein Gesprächsangebot für einen Termin nach der Sendung.
Jüngste Umfragewerte
Die jüngste Wählerbefragung der Berliner Pollytix-Agentur vom 12. August ergab folgende Ergebnisse: AfD 43 Prozent, CDU 23 Prozent, Linke 13 Prozent, SPD 7 Prozent, Grüne 5 Prozent, BSW 4 Prozent, FDP 2 Prozent. Insgesamt stehen 15 Parteien auf dem Wahlzettel von Sachsen-Anhalt.
(L–R) Die Spitzenkandidatin des BSW für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Claudia Wittig, die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, Susan Sziborra-Seidlitz, die Spitzenkandidatin der FDP, Lydia Hueskens, der Spitzenkandidat der SPD, Armin Willingmann, die Spitzenkandidatin der Linken, Eva von Angern, der Spitzenkandidat der AfD, Ulrich Siegmund, sowie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze. - Foto: Ronny HARTMANN / AFP via Getty Images
Was bewegt die Menschen in Sachsen-Anhalt wenige Wochen vor der Landtagswahl am 6. September? In der 90-Minuten-Sendung „Fakt ist! Wahlarena aus Magdeburg“ stand für die CDU der seit Januar amtierende Ministerpräsident Sven Schulze den Publikumsfragen Rede und Antwort.
Für die AfD sprach der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Der 35-Jährige aus Tangermünde hat aufgrund guter Umfrageergebnisse Chancen darauf, erster AfD-Ministerpräsident zu werden. Er ist seit 2016 Mitglied des Landtages, ebenso wie der SPD-Spitzenkandidat und derzeitige Energieminister von Sachsen-Anhalt, Armin Willingmann.
Susan Sziborra-Seidlitz wird von Bündnis 90/Die Grünen am Wahltag ins Rennen geschickt. Sie gehört seit 2021 dem Landtag an und ist Landesparteichefin der Grünen. Die Linke wurde von Eva von Angern vertreten. Sie ist bereits seit 2002 Abgeordnete im Landtag und führt ihre Fraktion.
Für die FDP stellte sich Lydia Hüskens den Fragen der Bürger. Sie ist Ministerin für Infrastruktur und Digitales in Sachsen-Anhalt. Das BSW war durch Spitzenkandidatin Claudia Wittig vertreten.
Größter Redeanteil: Schulze und Siegmund
Den größten Redeanteil erhielten aufgrund der Publikumsfragen der CDU-Ministerpräsident Sven Schulze sowie AfD-Kandidat Ulrich Siegmund. Die Linken-Chefin Eva von Angern erhielt ebenfalls viel Gelegenheit für Antworten, entschuldigte sich jedoch später gegenüber einem älteren Studiogast dafür, dass sie häufig die Redebeiträge von Siegmund unterbrochen hatte.
Der Studiogast aus Blankenburg hatte dies jedoch nicht nur bei ihr, sondern auch bei weiteren Spitzenkandidaten bemängelt. Seiner Meinung nach sei es „das Wichtigste“, dass „wir lernen, wieder friedlich und respektvoll“ zu sein. „Wie Sie sich hier ins Wort fallen, so ist es auch in den Familien“, kritisierte der Studiogast. Den geringsten Redeanteil erhielten die Vertreter von FDP und BSW.
Thema „Brandmauer“
Als erstes wurde das Thema „Brandmauer“ angeschnitten. Ein Rentner wollte von Schulze wissen, wie er rund 40 Prozent der Wähler [gemeint ist die Zustimmungsrate für die AfD] ignorieren könne. Schulze vermied den Begriff „Brandmauer“, sondern erwiderte, dass er nicht mit der AfD zusammenarbeiten möchte. SPD-Willingmann zog sich auf die Position zurück: „Die Frage des Umgangs mit der AfD hat mit Haltung zu tun.“ Mit der AfD könne er „es sich nicht vorstellen“. Daraufhin der Rentner erneut: Er finde, dass SPD und CDU Demokratie nicht verstanden hätten.
Eine Frau aus Magdeburg hielt CDU-Schulze vor, er habe gesagt, weder mit AfD noch mit Linken zusammenzuarbeiten. Daraufhin der Ministerpräsident erneut ausweichend: „Für mich ist Demokratie, dass Menschen entscheiden. Ich habe nicht gesagt, dass ich Menschen der Linkspartei oder AfD ausgrenze. Ich möchte Sachsen-Anhalt in die Zukunft führen.“
Die Linken-Chefin Eva von Angern fügte ungefragt hinzu: „Gehen Sie dem Opfermythos [gemeint war hier die AfD] nicht auf dem Leim.“ Alle Fraktionen im Landtag würden von der AfD „niedergebrüllt“. Und weiter: „Wenn ich AfD-Mitgliedern keine Hand gebe, ist das auch ein Grund dafür.“ Sie erlebe im Wahlkampf an den Ständen Menschen mit „nackter Angst“ und: „Ich erlebe sehr viel Hass und Hetze im Internet mit sehr vielen blauen Herzen.“
AfD-Spitzenkandidat Siegmund gab sich optimistisch: „Wir erleben eine nie dagewesene Aufbruchstimmung.“ An von Angern gewandt, kritisierte er, dass sie der AfD nicht „Guten Tag“ sage. Auch werde AfD-Vertretern „vor die Füße gespuckt“. Daraufhin entstand Tumult unter den übrigen Spitzenkandidaten. Doch Siegmund sprach weiter: „Ich möchte über Politik reden und nicht über Brandmauern. Ich möchte das Land voranbringen.“
Kitas und Kommunen
Ein Stadtrat aus dem Publikum bemängelte: „Ich erlebe täglich, dass wir finanziell nicht mehr klarkommen: Marode Straßen, Kita-Mangel.“ Viele Kommunen könnten nicht mehr handeln. Er fragte die CDU und AfD: „Wie wollen Sie die Kommunen finanziell gut ausstatten? Wie sollen Kommunen wieder handlungsfähig werden?“
Schulze: „Wir werden uns nach der Wahl zusammensetzen müssen. Den Willen dazu haben wir.“ Er unterstrich, dass Sachsen-Anhalt mittlerweile knapp 600 Millionen Euro für die Kinderförderung ausgebe. 2011 seien es nur rund 170 Millionen Euro gewesen.
Siegmund möchte sich „auf grundsätzliche Probleme konzentrieren“. Er bemängelte: „Wir leben über unsere Verhältnisse. Jeder Euro, der auf Bundesebene verschenkt wird, fehlt im Land.“ Wenn das Geld, das seitens der Bundesregierung „in die Ukraine geht“, im Inland investiert würde, „hätten wir genug Geld“, argumentierte Siegmund und betonte: „Ich will einsparen.“
Im „AfD-Regierungsprogramm“ für Sachsen-Anhalt steht unter Punkt I „Familie und Kinder, Unterpunkt 13: „Wir werden Krippen und Kindergärten mit einer dauerhaft auf Landesebene gesicherten Finanzierung ab dem ersten Kind kostenlos machen. Die Mittagsverpflegung muss für alle Kinder, von der Krippe bis zur Schule, ebenfalls kostenfrei und von hoher Qualität vorzuhalten sein.“ Wie Siegmund diese Ankündigung finanziell realisieren will, hat er in der MDR-Sendung nicht preisgegeben.
Claudia Wittig vom BSW kritisierte: „Wir haben 25 Jahre lang in die falsche Richtung gearbeitet. Menschen ziehen hier weg, die eine gute Arbeit haben könnten.“ Deshalb forderte sie staatliche Förderung und Investitionsanreize für die Kommunen. Gleiches vertrat Susan Sziborra-Seidlitz von den Grünen. Sie möchte die Wirtschaft des Bundeslandes stärken. Ihr Fazit: „Starke Wirtschaft, starke Ausgaben“.
Deutschlandfahne, Regenbogen-Flagge
Sandra aus Oschersleben wollte wissen, was für die AfD „deutsch denken mit Deutschlandfahnen“ an Schulen zu tun habe und warum sie gegen Regenbogenflaggen an Schulen sei.
Siegmund kritisierte: „Wir sind nicht mehr stolz auf uns.“ Er ließ offen, ob er damit den Bezug zur Deutschlandfahne herstellte. Im AfD-Regierungsprogramm heißt es unter Punkt IV,13: „Echte Bildung besteht nicht allein in der Aneignung von Kompetenz und Wissen, sondern auch in der Entwicklung einer stabilen Nationalidentität. Wir werden deshalb dafür sorgen, dass an öffentlichen Schulen an jedem Schultag die Bundesflagge gehisst wird.“ Auch das Singen der Nationalhymne solle gefördert werden.
Außerdem behauptete Siegmund: „Wir haben in Sachsen-Anhalt eine Verzehnfachung von Fällen von Kindern, die nicht mehr wissen, welches Geschlecht sie haben.“ Dieser Hinweis sollte wohl erklären, warum sich die AfD gegen die Beflaggung von Schulen mit der Regenbogenfahne ausspricht. In ihrem Regierungsprogramm heißt es unter Punkt IV,11: „Dergleichen hat an Schulen nichts verloren.“
Die Grünen-Vertreterin Sziborra-Seidlitz hingegen erklärte, sie sei stolz auf Sachsen-Anhalt, auch wenn es bei Krankenhäusern „und Schulklos“ klemmt. Das Bundesland sei vielfältig, habe viele queere Personen. „Auf diese Menschen sind wir stolz“, sowohl mit Regenbogen- als auch mit Deutschlandflagge, betonte die Grünen-Politikerin
Zu wenig Inklusion?
Der Kreisbehindertenbeauftragte einer Stadt wollte wissen, wie Inklusion besser gefördert werden könnte. Die FDP-Kandidatin und Ministerin der derzeitigen Landesregierung Lydia Hüskens räumte ein: „Wir schaffen es oft nicht, Behinderte in den Arbeitsmarkt zu bringen“, obwohl sie dazu fähig seien. Deshalb müssten „Wege weitergehen“, damit dies gelinge. Schulze ergänzte, die Landesregierung würde Geld „für Ideen“ ausgeben, „wie der nächste Schritt in den Arbeitsmarkt“ für Behinderte sein sollte.
Siegmund differenzierte: „Wir betrachten Inklusion nicht als pauschal möglich. Man muss den Menschen individuell betrachten. Was ist konkret eine Behinderung? Wenn es eine spezielle Verhaltensauffälligkeit gibt, soll er die Unterstützung bekommen.“
Hintergrund ist: Die AfD in Sachsen-Anhalt lehnt das gemeinsame Lernen von Kindern mit Behinderung an Regelschulen ab. In ihrem Programm fordert die Partei unter Punkt IV,4, die Inklusion an Schulen „unverzüglich zu beenden“ und stattdessen das Förderschulsystem auszubauen. Zur Begründung heißt es, „behinderte Kinder benötigen eine speziell auf ihre Situation abgestimmte Pädagogik“.
Die Linken-Vertreterin kritisierte, dass es für Inklusion an Schulen zu wenig Lehrer und Erzieher gebe. Ministerpräsident Schulze stellte klar: „Es ist nicht so, dass wir die Kinder selektieren. Wir haben viel mehr Kinder mit speziellem Förderbedarf als vor zehn Jahren“ und sagte zu, künftig „Lehrer besser zu unterstützen“. Es gebe speziellen Förderbedarf. „Die Zeiten haben sich geändert.“
Schulpflicht oder Hausunterricht?
Siegmund kritisierte: „Alle rufen nach mehr Personal. Wo sollen denn die Menschen herkommen?“ Deshalb wolle die AfD die Schulpflicht reformieren. Siegmund wörtlich: „Die Anwesenheitsschulpflicht, so wie sie in Deutschland ist, ist international völlig einzigartig. Es gibt wenige Länder, zehn, fünfzehn Länder auf der ganzen Welt, die das so haben.“
In ihrem Regierungsprogramm unter Punkt IV,26 „Bildungspflicht statt Schulzwang“ spricht sich die AfD Sachsen-Anhalts dafür aus: „Da die Schulen immer weniger Bildung vermitteln und immer stärker versuchen, die Kinder politisch zu erziehen oder ihnen fragwürdige Lebensansichten zu vermitteln, verstehen wir Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten wollen. Wir werden deshalb in Anlehnung an das österreichische Modell eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht schaffen.“
Hüskens von der FDP wandte sich genau gegen diesen Punkt. Sie sagte jedoch unzutreffenderweise: „Im AfD-Programm steht Schulpflicht abschaffen.“ Schulpflicht sei „aber grade im ländlichen Raum extrem wichtig. Ich werbe dafür, dass wir bei der Schulpflicht bleiben, und wehre mich gegen die Bildungspflicht“, sagte die FDP-Chefin.
Drohnenforschung an Unis
Ein Student aus Magdeburg wollte per Videofrage wissen, ob sich die Politiker aufgrund des Drohnenvorfalls am Leipziger Flughafen „dafür stark machen“ würden, dass an Universitäten mehr im Bereich Drohneneinsatz und Drohnenabwehr geforscht werde. Die BSW-Kandidatin Wittig stellte für ihre Partei klar, dass diese gegen eine „Militarisierung der Universitäten“ sei.
Sie kritisierte zudem in Anspielung auf den Ukrainekrieg: „Wir laden einen Krieg zu uns nach Hause ein“, indem Leipzig als Umschlagsplatz für die Ukraine fungiere. Zudem gebe es Rüstungsindustrie im Land. „Nicht jeder Drohnenvorfall ist sofort ein russischer Angriff“, sagte Wittig.
Der SPD-Kandidat Willingmann sagte hingegen, er halte es „für wichtig, dass wir in unserem Land daran forschen“. Letztlich könnten Hochschulen aber selbst darüber entscheiden.
Daraufhin sagte Wittig: „Die Hochschulen sind alle chronisch unterfinanziert. Wenn großer wirtschaftlicher Druck entsteht, lassen sie sich auf militärische Programme ein.“ Willingmann: „An den Universitäten herrscht keine chronische Unterfinanzierung.“
Leere Gasspeicher
Eine Rentnerin aus Zerbst äußerte sich besorgt darüber, dass derzeit die Gasspeicher „ziemlich leer“ seien, obwohl diese sonst im Sommer immer aufgefüllt würden. SPD-Minister Willingmann bestätigte, dass die Speicher gerade leerer seien als üblich. Man wolle aber mit verstärkten Käufen nicht den Preis hochtreiben.
Darüber hinaus sei die Versorgung aus westlichen Ländern wie Belgien, Norwegen oder den Niederlanden gesichert. Er versicherte: „Zu Beginn der Heizperiode werden wieder 70 bis 75 Prozent voll sein.“
AfD muss von Polizei geschützt werden
Eine Rentnerin aus Magdeburg fragte per Video: Sollte die AfD mit absoluter Mehrheit gewählt werden, welches Konzept die Partei habe, um alle Menschen in Sachsen-Anhalt zu schützen: queere, linke, junge, alte.
Siegmund verwies daraufhin auf die Sicherheitslage bei Veranstaltungen seiner Partei: „Die aktuelle Realität ist, dass jeder Parteitag mit Hundertschaften geschützt werden muss. Dass wir Überfälle haben, allein schon zwei in Magdeburg mit verletzten Mitgliedern von uns. Jede Veranstaltung von uns muss mit Polizei abgesichert werden, andersrum gibt es so etwas nicht.“
Hierzu gab es Widerspruch von den Vertreterinnen der Grünen und der Linken mit Verweis auf die Bedrohung der Christopher-Street-Day-Veranstaltungen. Zudem weist die „Mobile Opferberatung“ auf ihrer Website darauf hin, dass sie „229 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe mit 307 direkt Betroffenen“ für das Jahr 2025 in Sachsen-Anhalt dokumentiert habe.
Syrer an AfD: „Wollen Sie wirklich die Demokratie verbieten?“
Ein syrischer Migrant aus dem Publikum äußerte „große Sorge“ darüber, sollte die AfD die Landtagswahl gewinnen. Er verwies darauf, dass die AfD Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft werde und sagte: „Ich weiß, wo das landen wird, wenn ein Land keine Demokratie mehr hat und ein Diktator regiert.“ An Siegmund gewandt, fragte er: „Wollen Sie wirklich die Demokratie verbieten?“
Zur Sorge um die Demokratie verwies Siegmund darauf, die AfD sei „die einzige“ aktuelle Partei, die Volksentscheide im Programm habe. Diese Aussage ist allerdings nicht korrekt: Die Grünen-Spitzenkandidatin Sziborra-Seidlitz fiel Siegmund ins Wort und machte darauf aufmerksam, dass auch ihre Partei im Wahlprogramm für Volksentscheide stehe.
Auch das BSW fordert in ihren Wahlprogrammen Volksentscheide und mehr direkte Demokratie.
Der syrische Zuschauer warf Siegmund erneut vor: „Sie wollen politische Säuberung machen.“ Als Beispiel nannte er „Remigration“ und fügte hinzu: „Sie sind für mich das beste Rezept für einen Diktator.“ Siegmund entgegnete: „Es gibt Vorurteile, die völliger Blödsinn sind“ und machte dem Syrer ein Gesprächsangebot für einen Termin nach der Sendung.
Jüngste Umfragewerte
Die jüngste Wählerbefragung der Berliner Pollytix-Agentur vom 12. August ergab folgende Ergebnisse: AfD 43 Prozent, CDU 23 Prozent, Linke 13 Prozent, SPD 7 Prozent, Grüne 5 Prozent, BSW 4 Prozent, FDP 2 Prozent. Insgesamt stehen 15 Parteien auf dem Wahlzettel von Sachsen-Anhalt.