Erinnerungen entstehen oft aus kleinen Dingen – und viel Liebe. - Foto: Wavebreakmedia/iStock
Das Wort „Nostalgie“ leitet sich von zwei griechischen Wörtern ab: „algos“ (Schmerz oder Kummer) und „nostos“ (Heimkehr). Traditionell bezeichnete der Begriff einen akuten Schmerz, der mit Heimweh einherging. Er wurde sogar in einigen medizinischen Handbüchern geführt und als ein Leiden behandelt, eines, welches diejenigen befiel, die fern der Heimat waren, wie Seeleute oder Soldaten.
Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung allerdings verschoben. Mittlerweile bezieht sie sich vor allem auf eine Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit oder den Wunsch, in die „goldenen Tage“ der Vergangenheit „heimzukehren“.
Nostalgie formt unser Weltbild
Die bittersüße Liebkosung der Nostalgie kann einen Menschen plötzlich überkommen, ausgelöst durch einfachste Dinge: eine halb vergessene Melodie, der Geruch von frisch gemähtem Gras, Sonnenschein und lange Schatten auf einer vertrauten Straße oder ein altes, staubiges Buch.
Diese Auslöser verbinden uns mit prägenden Erinnerungen. Wir wünschten, wir könnten zu ihnen zurückkehren, doch wir erleben diese Erinnerungen nur durch eine undurchdringliche Glaswand.
Für Erwachsene werden manche Kindheitserlebnisse mit der Zeit stark von Nostalgie durchdrungen. Ob es das Jagen mit Papa war, Picknicks im Garten mit Geschwistern, das Ansehen eines Lieblingsfilms mit Cousins oder das Lesen eines Buches mit Mama – im Laufe der Zeit erhalten diese Erlebnisse mehr Bedeutung, als sie in jenem Moment hatten.
Die Gegenstände der Erinnerung – die alte Schrotflinte, der ramponierte Picknickkorb, der verblasste Bucheinband – erinnern uns an die Freuden (und Sorgen), die Aktivitäten, die Gefühle, die Orte und vor allem an die Menschen, die uns in unseren prägendsten Jahren geformt haben, als für uns die Welt noch ganz neu war.
Nostalgie ist mehr als nur eine interessante Eigenart des Erwachsenseins. Nostalgie hat eine formende Wirkung, während wir altern. Die Dinge, für die wir Nostalgie empfinden, formen weiterhin, wer wir sind.
Sie schreiben unsere Geschichte und sind ein Ausdruck dessen, was uns am wertvollsten ist. Auf diese Weise kann Nostalgie unsere Prioritäten und sogar unser Weltbild im Erwachsenenalter immer weiter beeinflussen und festigen. Ihre irrationale, emotionale Qualität veranlasst uns, instinktiv auf bestimmte Auslöser zu reagieren, wobei wir ihnen und dem, was sie bedeuten, ein besonderes Gewicht beimessen – manchmal, ohne uns dessen bewusst zu sein.
Eltern haben die einzigartige Gelegenheit, die zukünftige Nostalgie ihrer Kinder zu „formen“, indem sie ihnen in der Kindheit Erlebnisse, Einflüsse und Gegenstände an die Hand geben, die ihr Erwachsenenleben durch Nostalgie prägen werden. Was wir unseren Kindern heute geben, ist das, wofür sie im mittleren Alter Verbundenheit empfinden werden.
Aus dieser Perspektive betrachtet, prägen die Spiele, Aktivitäten, Traditionen, Bücher und Filme, mit denen wir das Leben unserer Kinder gestalten, sie jetzt und in Zukunft. Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Einflüsse bewusst zu wählen.
Anders ausgedrückt: Ich möchte lieber, dass meine erwachsenen Kinder stärkere Nostalgie für „Die Chroniken von Narnia“ empfinden als für „SpongeBob Schwammkopf“. Ich möchte lieber, dass sie mehr Nostalgie bei Spaziergängen durch Wälder erleben, anstatt beim Spielen von Videospielen. Ich hoffe, dass schöne Kindheitserinnerungen eher durch Kerzen und schwedisches Lussekattergebäck zum Luciafest ausgelöst werden als durch Ausflüge in Wasserparks.
Das soll nicht heißen, dass Fernsehsendungen oder Videospiele oder Wasserparks keinen Platz in der Kindheit oder Kindheitsnostalgie haben werden. Sicherlich können sie einen positiven Platz einnehmen. Aber gleichzeitig möchte ich nicht, dass diese Erlebnisse diejenigen sind, die meine erwachsenen Kinder am stärksten mit der Jugend assoziieren, weil diese Erlebnisse – im Allgemeinen – nicht die Art von Werten und Weltbild vermitteln, die ich mir wünsche.
Eine Liebe für das Wunderbare und Edle, die durch die Narnia-Reihe vermittelt wird, ist ein besserer Kompass als der Slapstick-Humor und die banale Moralisierung der meisten Kindersendungen. Erinnerungen an sonnendurchflutete Waldlichtungen werden ihnen auf lange Sicht mehr nützen als das Eintauchen in virtuelle Welten von Videospielen.
Andere Eltern mögen das anders sehen, aber der Punkt ist, dass es sich zumindest lohnt, eine Entscheidung zu treffen. Ist es etwas, an das sich meine Kinder später gerne erinnern sollen, oder nicht?
Lieblingsbücher in der Kindheit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Literatur später für das Kind zu einem nostalgischen Bezugspunkt wird.
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Strahlkraft des Alltäglichen
Diese Perspektive auf die Elternschaft ist sowohl belebend als auch einschüchternd. In einem kürzlich viral gegangenen Video brachte ein Vater namens Ethan Lapierre die ergreifende Realität zum Ausdruck, dass man als Eltern „die Nostalgie seiner Kinder in Echtzeit erschafft.“
„Du lebst nicht mehr nur dein eigenes Leben. Du prägst das Leben eines anderen mit“, sagte er.
„Es ist schon seltsam, jetzt erwachsen und Elternteil zu sein. Aber ich betrachte es einfach als großes Privileg. Denn man ist nicht nur Elternteil – man darf Teil des gesamten ‚Erinnerungsalbums‘ eines anderen Menschen sein.“
Himanshi Bahuguna kommentierte die Popularität des Videos für „Motherly“ und schrieb darüber, warum diese Erkenntnis bei so vielen Menschen Anklang fand.
„Plötzlich fühlt sich gewöhnliche Fürsorge bedeutungsvoll an“, führt sie aus. „Man erkennt, dass sich die Erinnerungen seines Kindes lautlos formen, ohne Ankündigung, während man nur versucht, den Tag zu überstehen. […] Viele Eltern beschreiben diesen Moment [der Erkenntnis] als schön und gleichzeitig furchterregend.“
Alles zählt, auch wenn es unscheinbar wirkt
Die Erkenntnis, wie Nostalgie sich herausbildet, veranlasst Eltern nicht nur zu einer bewussteren Auswahl der Einflüsse, die sie auf ihre Kinder ausüben, sondern verleiht dem Alltag auch einen besonderen Glanz.
„Eines der am schwersten zu glaubenden Dinge für Eltern ist auch eines der beruhigendsten“, schreibt Bahuguna. „Die kleinen Dinge zählen gerade deshalb, weil sie klein sind.“
In dieser Wahrheit zu ruhen – was inmitten des Chaos des Alltags eine Herausforderung sein kann – ist eine der großen Freuden der Elternschaft.
Jedoch erinnert Bahuguna Eltern auch daran, dass „Kindheit keine Aufführung und Fürsorge kein Spektakel ist.“ Eltern sollten ihre Kinder bewusst mit Gutem umgeben – mit wertvollen Traditionen, schöner und inspirierender Literatur sowie gemeinsamen Abenteuern, aus denen kostbare Erinnerungen entstehen.
Doch der eigentliche Kern des Elternseins liegt nicht in all diesen Dingen. Er liegt in der Liebe. Selbst wenn die äußeren Umstände der Kindheit alles andere als vollkommen sind, kann Liebe sie dennoch schön machen.
Das ist es, woran sich Kinder am meisten erinnern werden. Das ist der wahre Kern gesunder Nostalgie.
Manchmal müssen Prozesse gestoppt werden, um weiteren Schaden zu verhindern. - Foto: BrianAJackson/iStock
Joel und Clementine trafen sich zufällig. Es war an einem Strand in Long Island, New York. Was als flüchtige Affäre begann, wuchs zu Liebe heran. Doch dann, nach zwei Jahren des Zusammenlebens, trennten sich ihre Wege.
Um den Schmerz ihrer Trennung zu vermeiden, beschlossen beide, sich einem medizinischen Verfahren zu unterziehen. Dieses versprach, ihre Erinnerung an ihre Bekanntschaft und Beziehung zu löschen. Ab diesem Punkt wird die Handlung des Films „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ („Vergiss mein nicht!“) kompliziert. Wie sich nämlich herausstellt, ist der Prozess der Löschung der Erinnerungen alles andere als einfach.
Im wirklichen Leben stehen wir vor einer ähnlichen Herausforderung. Unerwünschte Gedanken und Erinnerungen können auftauchen und in unser Bewusstsein eindringen. Sie zeigen sich manchmal als schwelender, ungelöster Konflikt mit einem Kollegen oder als schmerzhafte Kindheitserinnerung. Sie schleichen sich sogar als Gedanken an süßen Kuchen ein, während man eigentlich abnehmen will. Und sie springen wie von selbst auf oder zeigen sich infolge irgendeines Auslösers. Das ist manchmal nur ein Wort, das jemand sagt. Manchmal ist es ein Ort, den man einmal besucht hat. Manchmal ist es vielleicht ein bestimmter Duft.
Ein berühmtes Experiment
Diese vertraute Erfahrung bestätigte der Psychologe Daniel Wegner in seinem berühmten Eisbärenexperiment. Wegner ist bekannt für seine Theorie der Illusion des bewussten Willens. Einmal las er Dostojewskis „Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke“ von 1863. Ein Satz erregte seine Aufmerksamkeit:
„Stelle dir selbst diese Aufgabe: Denke nicht an einen Eisbären, und du wirst sehen, dass dieses verfluchte Ding jede Minute in deinem Kopf sein wird.“
„Ich war wirklich angetan davon“, erinnerte er sich später. „Es schien so wahr zu sein.“
Wegner war so fasziniert, dass er beschloss, Dostojewskis 100 Jahre alte Behauptung in einem kontrollierten Experiment zu testen. Er erarbeitete eine Frage, die er in der Studie stellte. Wegner fragte: „Können Menschen aufhören, an weiße Bären zu denken, wenn sie dazu angewiesen werden?“
„Stelle dir selbst diese Aufgabe: Denke nicht an einen Eisbären, und du wirst sehen, dass dieses verfluchte Ding jede Minute in deinem Kopf sein wird.“ (Dostojewski)
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Die 34 Teilnehmer des Experiments wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Gruppe A wurde angewiesen, nicht an weiße Bären zu denken. Sollte der Gedanke dennoch auftauchen, sollten sie eine Glocke läuten. Die Gruppe sollte dann für 5 Minuten ihren Gedankenstrom protokollieren. Gruppe B sollte mit dem Gegenteil arbeiten. Sie sollte an weiße Bären denken. Man stellte fest, dass die Teilnehmer der Gruppe A durchschnittlich öfter als einmal pro Minute an weiße Bären dachten.
In der nächsten Phase bat man die Teilnehmer der Gruppe A, 5 Minuten lang an weiße Bären zu denken. Die Forscher verglichen dann die Ergebnisse dieser Gruppe mit denen der Gruppe B aus der vorherigen Phase. Die Ergebnisse zeigten, dass Gruppe A öfter an weiße Bären dachte als die Teilnehmer der Gruppe B. Das deutete auf eines hin: Der Versuch, nicht an eine Sache zu denken, kann diesen Gedanken sogar noch stärker machen.
Jahrelang wurden Wegners Ergebnisse als Beweis dafür akzeptiert, dass es schwierig bis unmöglich ist, unerwünschte Gedanken oder Erinnerungen abzuweisen. Im Jahr 2001 erfand Michael Anderson, ein Psychologe an der Universität von Oregon, eine neue Version des Weiße-Bären-Experiments. Er bewies, dass es möglich ist, unerwünschte Gedanken zu stoppen. Es kam nur darauf an, wie viel Mühe man sich bei der Aufgabe gab.
Ein besserer Weg, zu vergessen
Andersons Schwerpunkt lag auf der bewussten Abweisung von Gedanken, im Gegensatz zu traumatischen Gedanken und Erinnerungen, die in das Unterbewusstsein verdrängt wurden, wie Freud es in seiner Theorie der Verdrängung als Abwehrmechanismus beschrieb. Die Aufgabe, die Anderson und seine Kollegen den Teilnehmern gaben, wurde als die „Think/No-Think“-Aufgabe (Denken/Nicht-denken-Aufgabe) bezeichnet. Sie projizierten 40 Paare von nicht miteinander verwandten Wörtern – beispielsweise Schaukel–Kakerlake – auf einen Bildschirm vor 32 Studenten. Die Aufgabe bestand darin, sich die Wortpaare einzuprägen. Um das zu tun, lernten die Teilnehmer, die Wörter assoziativ miteinander zu verknüpfen. Auf diese Weise wurde das erste Wort in jeder Paarung zu einem assoziativen Auslöser für das zweite Wort.
Dann begann das Spiel. Wenn das erste Wort eines Paares erschien, zum Beispiel „Arzt“, wurden die Teilnehmer gebeten, entweder an das zweite Wort, „Regenschirm“, zu „denken“ oder alternativ „nicht zu denken“ und es aktiv aus dem Gedächtnis zu löschen, sobald es auftauchte.
Wenn die Anweisung „löschen“ lautete, betonten die Forscher, dass die Teilnehmer absolut nicht zulassen durften, dass das zweite Wort in ihr Bewusstsein eindringt. Wenn ein Teilnehmer fälschlicherweise das zweite Wort sagte, ertönte ein lautes Läuten, was den „Fehler“ signalisierte. Umgekehrt wurden die Teilnehmer angewiesen, sich für die etwa 4 Sekunden, in denen das erste Wort allein auf dem Bildschirm erschien, voll auf dieses zu konzentrieren. Dadurch wollte man verhindern, dass ihre Gedanken zum zweiten Wort abschweifen.
Was tun, wenn unerwünschte Gedanken und Erinnerungen zu stark in Erscheinung treten?
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Das Ziel der Denken/Nicht-denken-Aufgabe war es, festzustellen, ob das Abwehren des Eintritts einer bestimmten Erinnerung in das Bewusstsein deren späteres Wiederauftreten verhindern würde. Um zu testen, ob die Teilnehmer das zweite Wort in dem Paar wirklich vergessen hatten, wurde den Teilnehmern in der nächsten Phase des Experiments mitgeteilt, dass die Nicht-denken-Anweisung nicht mehr relevant sei. Stattdessen sollten sie jetzt, wenn ihnen ein Wort aus einem Paar gezeigt wurde, zum Beispiel „Arzt“, das zweite Wort, „Regenschirm“, sagen.
Die Erinnerungen verblassen lassen
Die Studie kam zu folgenden Schlussfolgerungen: Jene Teilnehmer, denen die Nicht-denken-Anweisung gegeben worden war, vergaßen erfolgreich – bis zu einem gewissen Grad – die Wörter, die sie auch aktiv zu vergessen versucht hatten. Je öfter die Teilnehmer die Nicht-denken-Übung wiederholten, desto stärker gerieten die Wörter in Vergessenheit. Je mehr sie das Vergessen übten, desto mehr gelang es ihnen, zu vergessen. 16 Versuche des Vergessens führten zu ungefähr 13 Prozent verminderter Erinnerung.
Die Ergebnisse des Experiments spiegeln die vertraute Erfahrung eines Gedankens oder einer Erinnerung wider, die als Reaktion auf einen Umweltreiz – ein bestimmtes Wort, ein Geräusch oder einen Anblick – in unser Bewusstsein ploppt. Und sie zeigen, dass wir wählen können, ob wir dem Gedanken oder der Erinnerung erlauben, in unserem Bewusstsein zu bleiben, oder ob wir sie aktiv herausschieben.
„Die Denken/Nicht-denken-Aufgabe ermöglicht eine Unterdrückung, weil die Verwendung von Hinweisreizen bewirkt, dass Menschen nicht direkt an jene Erinnerungen erinnert werden, die sie auszublenden versuchen“, erklärte Daniel Schacter, ein Psychologieprofessor an der Harvard-Universität. Schacter, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Erforschung des menschlichen Gedächtnisses, verwies auf den Umkehrschluss: „Beim weißen Bären versucht man, den weißen Bären selbst zu unterdrücken, also denkt man unweigerlich an den weißen Bären. Das kann diesem Gedanken für ein erneutes Wiederauftauchen im Gedächtnis den Weg ebnen, und zwar auf eine Weise, wie es bei ‚Denken/Nicht-denken‘ nicht passiert.“
Kämpfe nicht gegen unerwünschte Gedanken an. Trainiere dein Gehirn, sie zu verdrängen.
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Anderson und seine Kollegen wiederholten das Experiment später und erzielten ähnliche Ergebnisse. Anschließend führten sie eine weitere Studie durch, um die biologischen Grundlagen des Vergessens zu untersuchen. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie zeichneten sie während des Experiments die Gehirnaktivität der Teilnehmer auf. Dabei zeigte sich, dass Personen, die die Nicht-denken-Aufgabe ausführten, eine verringerte Aktivität im Hippocampus aufwiesen. Diese beidseitig im medialen Schläfenlappen gelegene Hirnstruktur spielt eine zentrale Rolle bei der Bildung neuer Erinnerungen sowie bei der Verknüpfung und dem Abruf gespeicherter Gedächtnisinhalte.
Der Dominoeffekt des Vergessens
In einem Folgeexperiment modifizierten Anderson und seine Kollegen das Verfahren leicht – und die Ergebnisse waren überraschend. Dieses Mal unterzogen sich insgesamt 381 Teilnehmer einem ähnlichen Denken/Nicht-denken-Prozess. Im Gegensatz zu dem früheren Experiment wurde ihnen jedoch nach jedem Wortpaar und nach der Denken/Nicht-denken-Anweisung ein zufälliges Bild gezeigt, zum Beispiel ein Papagei auf einem Parkplatz oder ein Fußball auf einem Couchtisch. Sie wurden gebeten, sich vorzustellen, wie das Objekt an diesem Ort gelandet ist. Während des gesamten Experiments scannten die Forscher die Gehirne der Teilnehmer mit einem MRT-Gerät.
Das überraschende Ergebnis des Experiments: Der Aktivitätsabfall im Hippocampus, der durch die Nicht-denken-Anweisung bezüglich des zweiten Wortes ausgelöst wurde, beeinträchtigte auch das Gedächtnis für Ereignisse direkt davor und danach. So verblassten beispielsweise die Erinnerungen an die zufälligen Bilder wie den Papagei auf dem Parkplatz. Das Experiment zeigte, dass die Fähigkeit der Teilnehmer, sich an diese Bilder zu erinnern, durch die Nicht-denken-Anweisung um 45 Prozent sank.
Anderson nannte dieses Phänomen „amnesic shadow“ (amnestischer Schatten). Es ist noch nicht klar, wie lange dieser amnestische Schatten anhält. In diesem Experiment behaupteten die Forscher, dass er mindestens 24 Stunden lang angedauert habe.
Justin Hulbert, ein Co-Autor der oben genannten Studie und außerordentlicher Professor für Neurowissenschaften am Bard College, aktuell am Bates College, erklärte die Bedeutung des Verständnisses des Phänomens des amnestischen Schattens und wie dieses Wissen unsere täglichen Kämpfe beleuchten kann. „So könnte jemand Schwierigkeiten haben, sich zu erinnern, ob er die Kinder um 15 oder um 17 Uhr abholen sollte, einfach weil diese Vereinbarung zeitnah zu dem Zeitpunkt besprochen wurde, als die Person Gedanken an einen früheren Streit unterdrückte, den sie mit jemandem hatte.“
Hulbert erklärte, dass der amnestische Schatten auch zu unserem Vorteil genutzt werden kann. Angenommen, Sie wollen aufhören, an Kuchen zu denken. Jeder Versuch, den Gedanken zu töten, wird so sein wie der Versuch, nicht an weiße Bären zu denken.
Er schlug vor, die Wortpaartechnik aus den früheren Experimenten anzuwenden. Wählen Sie zwei Wörter aus und prägen Sie sich diese ein. Immer wenn Ihnen das erste Wort in den Sinn kommt, versuchen Sie aktiv, das zweite Wort zu vergessen. Fügen Sie als Nächstes ein Wort, ein Geräusch oder einen Geruch hinzu, der „Kuchen“ in den Sinn ruft. Da der Hippocampus nun unteraktiv ist, werden Sie eher dazu neigen, den unerwünschten Gedanken – den Kuchen – zu vergessen.
Für diejenigen, denen dieser Ansatz zu umständlich erscheint, schlugen Hulbert und seine Kollegen eine einfachere Alternative vor, nämlich das Erzeugen ablenkender Gedanken. Dieser Ansatz vermeidet zudem die Nebenwirkung des sogenannten amnestischen Schattens. Stellen wir uns als Beispiel vor, Sie sind auf Diät und werden dem verlockenden Aroma von frischem Gebäck ausgesetzt, das Sie an Donuts erinnert. Anstatt an Donuts zu denken, können Sie sich darauf trainieren, bei jedem Auftreten dieses Geruchs automatisch an etwas anderes zu denken, etwa an rote Rosen.
Wenn Ablenkung nur die eigene Verteidigung schwächt.
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Weitere Tipps gegen unerwünschte Gedanken
Wegner, der Psychologe hinter dem Weiße-Bären-Gedankenstopp-Experiment, schlug in der Folge mehrere Ansätze vor, die untersucht wurden. Diese können dabei helfen, unerwünschte Gedanken abzuweisen.
Der erste Ansatz basiert auf dem Prinzip der Aufhebung der mentalen Überlastung. Allgemein wird angenommen, dass eine intensive Beschäftigung mit mental zu bewältigenden Herausforderungen im Beruf oder im Alltag von unerwünschten Gedanken ablenkt. Wegner argumentierte jedoch auf Basis verschiedener Studien, dass das Gegenteil der Fall sei. Kognitive Überlastung und Stress erschwerten es dem Gehirn, unerwünschte Gedanken abzuweisen. Paradoxerweise traten sie sogar noch häufiger auf.
Untersuchungen ergaben, dass Menschen, die unter Schlafmangel leiden, mehr unerwünschte Gedanken und Erinnerungen erleben. Im Umkehrschluss störten unerwünschte Gedanken und Erinnerungen auch den Schlaf, „sodass es zu einem Teufelskreis wird“, erklärte Scott Cairney, ein kognitiver Neurowissenschaftler und Mitarbeiter an der Studie.
Ein weiterer Ansatz besteht darin, willkürlich feste Zeitfenster für den Umgang mit unerwünschten Gedanken festzulegen. Diese Methode wurde vor allem im Zusammenhang mit Sorgen und Grübelgedanken untersucht. Studien zeigen einen teilweisen Erfolg. Probanden, die eine bestimmte Tageszeit einplanten, um sich bewusst mit ihren Sorgen auseinanderzusetzen, konnten sich anschließend besser auf die Gegenwart konzentrieren und diese Gedanken im restlichen Tagesverlauf häufiger zurückstellen.
Vertrautere Techniken zur Förderung mentaler Ruhe umfassen Atem- und Meditationsübungen. Michael Mrazek, Forschungsmitarbeiter an der University of California in Santa Barbara, konnte zeigen, dass bestimmte meditative Praktiken die Konzentrationsfähigkeit verbessern und das Auftreten unerwünschter Gedanken reduzieren können. In einem Experiment zeigte sich, dass bereits 8 Minuten achtsames Atmen das gedankliche Abschweifen im Vergleich zum Lesen oder zu passiver Entspannung deutlich verringerte. Die zugrunde liegende Annahme ist, dass erhöhte Aufmerksamkeit und mentale Ruhe helfen können, besser mit unerwünschten Gedanken umzugehen.
Dabei ist jedoch, wie die Forscher betonen, zu beachten, dass das gezielte Zurückdrängen unerwünschter Gedanken und Erinnerungen zwar möglich ist, jedoch Zeit und Übung erfordert. Das aktive Umlenken der Aufmerksamkeit und das Fokussieren auf die Gegenwart können herausfordernd sein, sind aber Fähigkeiten, deren Entwicklung sich lohnt.
Träume lassen uns buchstäblich fliegen – im Alter anders als in der Kindheit. - Foto: Choreograph (Konstantin Yuganov)/iStock
In Kürze:
Aktiver Prozess: Träume sind keine Zufallsprodukte, sondern ein geordneter Vorgang, bei dem Logik und Vernunft pausieren.
Lebensbegleiter: Von kindlichen Urängsten über den Stress der Jugend bis zur Ruhe des Alters spiegeln Träume unsere psychische Entwicklung wider.
Wandel der Erinnerung: Häufigkeit und Vielfalt von Träumen erreichen ihren Höhepunkt im frühen Erwachsenenalter.
Früh am Morgen reiben wir uns die Augen. Eben noch war er gefühlt ganz nah, dieser Traum. Doch kaum sind wir vollständig aus dem Schlaf erwacht, beginnt er, sich zu verflüchtigen. Und bald, nach dem Aufstehen, ist er fast nicht mehr greifbar. Was wir soeben noch bildhaft und emotional nachhallend im Kopf hatten, entzieht sich nach kürzester Zeit unserer Erinnerung.
„Träume sind Schäume“, lautet ein volkstümliches Sprichwort, das bis zu den Brüdern Grimm zurückverfolgt werden kann. Doch gerade ihre flüchtige und schwer greifbare Natur macht sie seit Jahrhunderten zu einem Gegenstand besonderer Faszination. Auch die Wissenschaft versucht weiterhin, herauszufinden, was im schlafenden Gehirn geschieht und wie sich das Träumen im Kielwasser des Lebensflusses fortentwickelt.
So verändern sich die flüchtigen Nachtbilder im Laufe eines Lebens auf bemerkenswerte Weise. Was ein Kind träumt, unterscheidet sich grundlegend von dem, was einen älteren Menschen nachts „beschäftigt“. Die Wissenschaft bezeichnet dies als Kontinuitätshypothese. Erstmals 1971 formuliert, besagt sie, dass unsere Träume das widerspiegeln, was wir im Wachleben wahrnehmen und empfinden. Wer im Urlaub entspannt, sieht Sonne und Sand. Wer sich im Berufsleben sorgt, wird im Schlaf ins Büro versetzt. Was uns tagsüber bewegt, taucht nachts wieder auf – und so wandelt sich das Traumleben mit jedem Lebensabschnitt.
Rund ein Drittel des Lebens verbringen wir schlafend, einen großen Teil davon träumend. Jede Nacht durchläuft unser Gehirn mehrere Schlafzyklen. Dazu gehören vier bis sechs REM-Phasen, die sogenannten „Rapid Eye Movements“, in denen sich die Augen im Schlaf schnell hin und her bewegen, die übrigen Muskeln aber zum Schutz wie gelähmt sind, während das Gehirn auf Hochtouren arbeitet.
In erster Linie bietet der REM-Schlaf die Bühne für lebhafte, emotionale und bisweilen bizarre Träume. Forscher vermuten, dass die geschlossenen Augen den visuellen Szenen im Traum „folgen“. Doch auch im Nicht-REM-Schlaf träumen wir, nur dass es dann nicht von außen beobachtbar ist.
Was beide Zustände gemeinsam haben: Träume entstehen, wenn hintere Bereiche der Großhirnrinde aktiv bleiben, während der präfrontale Kortex, zuständig für rationales Denken und Selbstkontrolle, heruntergefahren ist. Das erklärt, warum Träume so selten logisch sind – und warum sich darin sogar konkrete Inhalte ablesen lassen.
Die Aktivierung ähnlicher Netzwerke wie im Wachzustand erklärt außerdem, warum geträumte Gesichter, Räume oder Bewegungen oft täuschend real erscheinen. Sicher ist: Träumen ist ein aktiver, geordneter Prozess, den die Forschung heute in Hirnscans sichtbar machen kann.
Unterschiedliche Schlafphasen werden in einem sogenannten Hypnogramm dargestellt. Hier folgt auf die Wachphase (W) etwas Leichtschlaf (N1), unterbrochen von erneutem Wachwerden, schließlich Tiefschlaf (N3) sowie REM-Schlaf (R).
Die Schlafphasen sind von charakteristischen Hirnwellenmustern geprägt (v.o.l.n.u.r). Leichter Schlaf (N1): Kurz nach dem Einschlafen geht das Gehirn zu Theta-Wellen (4–7 Hz) über; Übergangsphase (N2): Zu Theta-Wellen gesellen sich sogenannte Schlafspindeln (rot unterstrichen) und K-Komplexe; Tiefschlaf (N3): Delta-Wellen (0,1–4 Hz) mit hoher Amplitude treten in den Vordergrund; REM-Schlaf (R): Gehirnwellen ähneln dem Leichtschlaf, ergänzt durch schnelle willkürliche Bewegungen der Augäpfel (1–4 Hz, rot unterstrichen). Die Diagramme umfassen jeweils 30 Sekunden, EEG-Daten durch roten Kasten hervorgehoben.
Die Grundlagenforschung zum kindlichen Träumen geht auf den Schlafforscher David Foulkes zurück, der von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre systematisch untersuchte, wie Kinder träumen. Seinen Erkenntnissen zufolge sind die Träume der Kleinsten vergleichsweise schlicht. In ihnen kommen Tiere, statische Objekte und einfache Handlungen vor. Auch sorgen Monster und dunkle Gänge häufig für bedrohliche Szenarien. Doch das ändert sich im Laufe der Entwicklung rasch. Kinder träumen anders als Erwachsene – intensiver, ängstlicher und oft in Wiederholungen.
Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, vermutet, dass Kinder im Verlauf ihrer psychischen Entwicklung den Umgang mit Furcht erst lernen müssen. „Das kleine Kind schreit, wenn es Angst hat und schon sprechen kann, nach der Mutter oder dem Vater.“
Je älter das Kind werde, desto mehr sei es selbst beim Umgang mit Angstgefühlen gefordert. „Diese Fähigkeiten zur Selbstständigkeit treten dann natürlich auch im Traum auf. Die Studienlage zeigt, dass im Mittel die Alptraumhäufigkeit ab dem 10. Lebensjahr abnimmt. Welche Bilder für Ängste gewählt werden, ist sehr variabel. Träume sind sehr kreativ, besonders wenn es um die Erzeugung von Angstgefühlen beim Traum-Ich geht.“
Mit der Pubertät verändern sich diese Muster erneut. In dieser Zeit passiere natürlich viel im Körper, aber auch in der Psyche. Hormonelle Einflüsse und körperliche Veränderungen, Beziehungen zum anderen Geschlecht und auch Leistungsanforderungen beeinflussen die allgemeine Befindlichkeit – und auch die Traumwahrnehmung. So durchleben Teenager im Traum beispielsweise Stresssituationen aus dem Schulalltag, familiäre Konflikte oder den ersten Liebeskummer.
Auch der kanadische Schlafforscher Tore Nielsen untersuchte diese Auswirkungen, unter anderem dokumentiert in einer der größten Studien auf diesem Gebiet. Knapp 29.000 Teilnehmer im Alter von 10 bis 79 Jahren füllten einen detaillierten Fragebogen aus. Das Ergebnis war eindeutig: Die Häufigkeit des detaillierten Traumerlebens und die Erinnerung daran steigen von der Jugend bis ins frühe Erwachsenenalter und nehmen danach kontinuierlich ab.
Ebenso schwindet die Vielfalt der Traumthemen linear mit dem Alter, wie die Forschungsergebnisse zeigten, bei Männern früher als bei Frauen. Die gewonnenen Erkenntnisse basierten allerdings ausschließlich auf der Selbstauskunft der Probanden, ohne Schlaflabormessungen. Nielsen selbst wies darauf hin, dass der Rückgang der Traumerinnerung stärker ausfällt, als es die biologischen Veränderungen des REM-Schlafs allein erklären könnten. Offenbar spielen neben dem Schlaf auch psychologische und lebensstilbedingte Faktoren eine Rolle.
Im Erwachsenenleben werden Träume in der Regel etwas alltäglicher. So neigen Erwachsene dazu, häufiger vom Zuspätkommen zu träumen, oder sie suchen vergeblich etwas, das sie dringend brauchen. Dabei handelt es sich um klassische Alltagsfrustrationen, die sich, entsprechend der Kontinuitätshypothese, direkt aus dem Wachleben speisen. Im hohen Alter berichten viele Menschen dann von sogenannten weißen Träumen. Sie erinnern sich zwar daran, geträumt zu haben, können aber, unabhängig von dem, was sie geträumt haben, kaum noch Inhalte benennen.
Träume bewusst erleben
Grundsätzlich ist es jedoch möglich, Träume vollständig zu erinnern und ins menschliche Bewusstsein zu integrieren. Schlafmediziner empfehlen dafür einfache Rituale. Schon wenige Stichworte in einem Traumtagebuch, direkt nach dem Aufwachen, können ausreichen, um Muster sichtbar zu machen, wie zum Beispiel das Benennen wiederkehrender Orte oder Situationen aus dem Alltag. So werde es möglich, sich mit den Träumen auseinanderzusetzen und ihnen, im Falle eines Albtraums, vielleicht den Schrecken zu nehmen.
Es lässt sich zudem direkt in den Ablauf und Inhalt von Träumen eingreifen. Bei diesem Phänomen handelt es sich um luzides Träumen. Der Schlafende macht sich durch ein wenig Übung gezielt bewusst, dass er träumt, indem er sich jeweils am Tage wiederholt fragt, ob er wach ist oder träumt. Diese Strategie geht nach einer Weile automatisch ins Traumerleben über. Schredl empfehle das luzide Träumen gerne Menschen, die ausloten wollen, was das eigene Bewusstsein leisten und wie man es vertiefen kann.
Im Alter werden die Träume der meisten Menschen entspannter. „Das hängt mit der Lebensqualität zusammen: Wenn das Älterwerden im Wachzustand entspannt ist, sind es die Träume auch.“ Aber es gebe auch Ausnahmen. So können sich auch 20 Jahre nach der Pensionierung noch vereinzelt stressige Berufsträume einstellen. Hier rät Schredl: „Es empfiehlt sich, von vorneherein in jungen Jahren einen Job zu suchen, der Spaß macht und nicht mit einer Dauerbelastung verbunden ist.“
Zum Ende des Lebens nimmt das Träumen wiederum noch einmal eine besondere Qualität an. So träumen Menschen im Hospiz häufig vom Abschied, von Reisen oder von Begegnungen mit längst Verstorbenen.
Der Schlafforscher der Universität Mannheim sieht darin weder Zufall noch bloße Romantik. „Auch hier gilt, dass die Träume alles aufgreifen, sowohl den konstruktiven Umgang mit der Begrenztheit des Lebens als auch die Ängste im Alltag. Das kann ein wichtiger Hinweis sein: Die Qualität der Träume kann anzeigen, ob ein Mensch vermehrt emotionale Unterstützung für seinen Weg braucht.“ So bleibt das Träumen ein lebenslanger und bedeutungsvoller Begleiter, mit viel Raum für eine bewusste und begleitende Gestaltung, bis zuletzt.