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Warum Narzissten im Beruf oft Karriere machen


In Kürze

  • Leichter Narzissmus bei Führungskräften geht einher mit Zufriedenheit des Teams.
  • Zu viel Narzissmus führt zu Rivalität und Unzufriedenheit der Mitarbeiter.
  • Narzisstische CEOs berufen tendenziell weitere Narzissten in den Vorstand.
  • Studie rät die Auswahlverfahren für Führungskräfte zu überprüfen und neu zu bewerten.

 
Ein bisschen Narzissmus kann in einer leistungsorientierten Arbeits- und Wirtschaftswelt vorteilhaft sein. Das zeigt eine Studie, geleitet von Professor Gerhard Blickle, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Bonn.
In dieser wurden aus einer breiten Schicht vom produzierenden Gewerbe über den öffentlichen Dienst bis zu Handel und Logistik untersucht, wie sich verschiedene Dosierungen von Narzissmus auf die Beschäftigten auswirken.
Blickles Überlegungen hierzu: „Es gibt auch in diesem Phänomen Aspekte, die funktional sein können. Etwa, wer wirkliche Probleme lösen will, der braucht Selbstbewusstsein, das Gefühl einer Berufung ‚Ich kanns‘ und die Bereitschaft, etwas durchzufechten“.
Insgesamt beteiligten sich 1259 direkt unterstellte an der Umfrage. Die Studie zeigt, dass ein weniger stark ausgeprägter Narzissmus bei Führungskräften mit einer guten Zufriedenheit des Teams einhergeht.
Dagegen führt ein Zuviel an Narzissmus zu aggressiver Rivalitätsneigung und Unzufriedenheit der Mitarbeiter.

Museums-Direktorin Ortrud Westheider vor dem Caravaggio-Gemälde «Narziss».

Foto: Jörg Carstensen/dpa

Laut dem umfassenden medizinischen Nachschlagewerk „MSD-Manual, zeichnet sich die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch ein anhaltendes Gefühl der eigenen Wichtigkeit (Grandiosität) gepaart mit einem extremen Bedürfnis nach Bewunderung und einen eklatanten Mangel an Empathie aus.

Die Ursachen des Narzissmus

Der Begriff und Name Narziss stammt aus der griechischen Mythologie. Er bezeichnet einen schönen Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser verliebte, vor Sehnsucht starb und in eine Narzisse verwandelt wurde.
In einer großen niederländischen Studie heißt es:
„Narzisstische Menschen fühlen sich anderen gegenüber überlegen, schwelgen in Fantasien über persönliche Erfolge und sind der Überzeugung, dass ihnen eine Sonderbehandlung zusteht. Wenn sie sich gedemütigt fühlen, reagieren sie oft aggressiv oder sogar gewalttätig.“
Die Wurzeln des Narzissmus sind vielfältig und komplex. Genetische Veranlagung trifft dabei auf prägende frühkindliche Erlebnisse. Doch laut den Studienautoren, entwickeln Kinder vor allem dann narzisstische Züge, wenn sie von ihren Eltern vergöttert und auf ein Podest gehoben werden.

Die Formen des Narzissmus

Unter Narzissmus wird demnach zumeist dessen grandiose Form verstanden, welche mit den bekannten Verhaltensweisen wie Selbstidealisierung, Anspruch Haltung, Arroganz und Dominanz einhergeht.
Weniger bekannt hingegen, ist die vulnerable Form des Narzissmus. Er zeichnet sich aus durch Verhaltensweisen wie Introvertiertheit und eine hohe Ausprägung neurotizistischer Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depressivität, Gefühlslabilität, Impulsivität und Empfindlichkeit gegenüber Stress. Menschen mit dieser Prägung zeigen sich im Verhalten wegen ihrer leichten Beschämbarkeit und Ängsten eher zurückhaltend und defensiv.
Professor Dr. Claas-Hinrich Lammers, der zwei Bücher über narzisstische Störungen und den Umgang damit geschrieben hat, erklärt:
„Erst wenn die narzisstischen Eigenschaften mit einem ausgeprägten vulnerablen Selbst einhergehen und die betreffenden Personen zu Aggressivität und Abwertung neigen, muss man von einer maladaptiven bzw. krankhaften Form des Narzissmus sprechen.“

Der narzisstische Führungsstil

In klassischen Bewerbungsverfahren können narzisstische Persönlichkeiten durch exzellente Selbstdarstellung herausragen. Sie nutzen mitunter strategische Manipulation und umgehen damit häufig Hierarchien.
Nilüfer Aydin, Professorin für Sozialpsychologie an der Alpen-Adria Universität, verdeutlicht die Wechselwirkungen von Neid, kontraproduktivem Arbeitsverhalten und narzisstischen Führungskräften. Sie assoziiert „ideale Vorgesetzte“ mit wertschätzendem, gerechtem Verhalten gegenüber Mitarbeitern. Das Aussprechen von Lob und Anerkennung gehört dazu.
Der narzisstische Führungsstil kennzeichnet sich hingegen „durch eher ausgrenzendes, nicht mitarbeiterorientiertes Führungsverhalten. Narzisstische Führungskräfte verbuchen gerne Erfolge oder Ideen anderer als ihre eigenen und interessieren sich kaum für die Wünsche und Interessen anderer. Machtstreben, Selbstzentriertheit und eine gewisse Rücksichtslosigkeit prägen ihr Verhalten“.

Der Gleich- und Gleich-Effekt

Ein Forschungsteam um Professor Lorenz Graf Vlachy von der technischen Universität Dortmund fand heraus: Narzisstische CEOs berufen tendenziell weitere Narzissten in den Vorstand. Für die Analyse untersuchten die Wissenschaftler tausende LinkedIn-Profile von US-amerikanischen Top-Managern. Die Studie ist 2024 in der Fachzeitschrift Journal of Management veröffentlicht worden.
Die Untersuchung offenbart für die Forscher eine erstaunliche Tendenz: „CEOs mit einem höheren Maß an Narzissmus berufen Mitglieder in ihr Vorstandsteam, die ihre eigenen Charaktereigenschaften widerspiegeln – also ebenfalls narzisstische Züge zeigen.“ Die Forscher zeigten, ein höherer Grad an Narzissmus des CEO ist mit einem um 18 Prozent stärker ausgeprägten Narzissmus jeder neu eingestellten Führungskraft verbunden.

Folgen für Unternehmen

Studienleiter Graf Vlachy erklärt, dass Vorstandsteams mit narzisstischen Managern eine deutlich höhere Fluktuation aufweisen, was zu erheblichen Kosten für ein Unternehmen führen kann. Weiterhin wirke sich diese Problematik auf die Dynamik und Stabilität des Teams aus.
Narzisstische Persönlichkeiten agierten in der Interaktion untereinander mit Dominanzverhalten. Dies könne weiterhin zu Konflikten und einer hohen Fluktuation in den Vorständen führen.
Studienleiter Graf Vlachy resümiert, dass ein Verständnis der Dynamiken in den Vorstandsteams wesentlich sei und CEOs sowie Aufsichtsräte das Auswahlverfahren für Führungskräfte mit einer entsprechenden Überprüfung neu bewerten sollten.

Unterstützung und Rückhalt für Beschäftigte

Die sogenannte „Workplace Victimization Theory“ (Theorie der Viktimisierung am Arbeitsplatz) postuliert, dass manche Beschäftigte ein höheres Risiko haben, Opfer destruktiver Führung zu werden. Die Psychologinnen Theresa Fehn und Astrid Schütz schreiben:
„Zum einen werden besonders zurückhaltende, unterwürfige Personen als ‚einfache Opfer‘ für Aggression und Abwertung wahrgenommen. Andererseits nehmen Führungskräfte mit hoher narzisstischer Rivalität dominantes oder provokatives Verhalten von Beschäftigten leicht als Angriff auf ihre vermeintliche Überlegenheit und ihren Status wahr und reagieren mit destruktivem Führungsverhalten, um ihr angekratztes Selbstbild wieder herzustellen. “
Die Psychologinnen raten zu proaktiver Stressbewältigung (Coping) oder Resilienztrainings, um mit destruktivem Führungsverhalten klarzukommen.
  • Emotionales Coping: Hier liegt der Fokus auf dem Reduzieren oder Regulieren der eigenen emotionalen Reaktionen.
  • Kognitives Coping: Beinhaltet, die eigenen Gedanken und Denkmuster über den Stressor zu verändern.
  • Problemorientiertes Coping: Eine Strategie, die den aktiven Umgang mit dem Stressor aufzeigt.

Psychologe Hinterhuber: Narzissten sind schlicht ein „Risiko“

Für Psychologe und Professor Dr. Hans Hinterhuber bedeutet Führen, „den Mitarbeitern zu helfen, das Beste aus dem zu machen, was sie am besten können“.
Hinterhuber und Kollegen haben im Buch „Persönlichkeit und Führungsverantwortung“ zahlreiche Bilder narzisstischer Führung unterschiedlichster Ausprägungen skizziert. Für den Professor sind Narzissten schlicht ein „Risiko“.
Die Dimension des Narzissmus reicht von der äußerst negativen über unterschiedlichste Zwischenschattierungen bis zur leicht ausgeprägten positiven Variante. Je nach Gewichtung mit entsprechend hohen oder geringem Risiko für das Unternehmen.
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Feilen am Charakter: Die 7 Gewohnheiten der Reichen

Gewohnheiten entstehen aus Verhalten, das so oft wiederholt wird, bis es fast automatisch abläuft. Ich bin beeindruckt von der Kraft einer Gewohnheit. Sie ist eine Kraft, die Ihr Leben verändern kann, und sie steht jedem zur Verfügung, unabhängig von seiner Situation oder seinen Lebensumständen.
Fünf Jahre lang beobachtete der Autor Tom Corley die täglichen Gewohnheiten von Reichen und Armen und hielt seine Erkenntnisse in seinem Buch fest: „Rich Habits: The Daily Success Habits of Wealthy Individuals“ – zu Deutsch etwa: „Die Erfolgsgewohnheiten wohlhabender Menschen: Erfahren Sie, wie die Reichen so reich werden“. Corley definiert als reich diejenigen, die mindestens 160.000 Dollar pro Jahr verdienen und über ein Vermögen von mindestens 3,2 Millionen Dollar verfügen. Personen mit einem Jahreseinkommen von weniger als 30.000 Dollar und einem Vermögen von weniger als 5.000 Dollar werden als arm definiert.
Bemerkenswerterweise stellte Corley fest, dass reiche Menschen weit mehr gemeinsam haben als nur ihr Einkommen. Sie teilen dieselben Gewohnheiten und Verhaltensweisen im Alltag, die er bei den Armen größtenteils nicht vorfand. Corley legt ein überzeugendes Argument vor: Reich zu werden hat nichts damit zu tun, wie viel Glück man hat; es hängt möglicherweise mehr davon ab, wie man seinen Tag gestaltet – angefangen bei der Stunde, in der man aufwacht.
In seinen jahrelangen Beobachtungen lernte Corley, dass es nicht so sehr die Wirtschaft oder äußere Einflüsse sind, sondern vielmehr die eigenen täglichen Gewohnheiten, die den Weg zu Reichtum oder Armut ebnen.
Da wir wissen, dass wir Kontrolle über unsere Gedanken und Handlungen haben und dass wir Gewohnheiten entwickeln können, indem wir einfach dasselbe Verhalten immer wieder wiederholen, bis es fast automatisch abläuft – was wäre, wenn wir die täglichen Verhaltensweisen von wirklich wohlhabenden Menschen nachahmen würden? Könnten Sie finanziell besser dastehen, wenn Sie Ihre schlechten Geldgewohnheiten aufgeben und sie durch Gewohnheiten ersetzen würden, die nachweislich dazu beitragen, finanziell fitter zu werden? Urteilen Sie selbst, aber ich wette auf „Ja“.
Hier sind die Gewohnheiten, die Corley bei Hunderten von wohlhabenden Menschen übereinstimmend feststellte, nachdem er sie fünf Jahre lang begleitet hatte.

Früh aufstehen

Corley stellte fest, dass wohlhabende Menschen früh aufstehen, um die frühen Morgenstunden voll auszunutzen. Vierundvierzig Prozent der Probanden in Corleys Studie wachen mindestens drei Stunden vor Beginn ihres Tagesjobs auf. Sie nutzen diese Stunden, um sich auf ihre persönliche Weiterentwicklung zu konzentrieren, beispielsweise durch das Lesen von Sachbüchern, Blogs und Fachzeitschriften. Und sie schieben auch noch irgendeine Form von körperlicher Betätigung dazwischen.
Erfolgreiche Menschen starten oft aktiv in den Tag. Foto: BartekSzewczyk/iStock

Erfolgreiche Menschen starten oft aktiv in den Tag.

Foto: BartekSzewczyk/iStock

Mittagessen? Ja. Pause? Nein.

Fünfundfünfzig Prozent nahmen keine langen Mittagspausen oder gar keine Mittagspause. Sicher, diese Leute essen, aber zwischendurch erledigen sie ihre Geschäfte. Sie essen an ihrem Schreibtisch, während sie arbeiten. Ein langes, gemütliches Mittagessen gehört nicht zu den Gewohnheiten der Reichen.

Kein Herumtrödeln

Corley stellte nicht fest, dass die Reichen am Wasserspender herumlungerten. Sie sind nicht diejenigen, die auf die Uhr schauen oder ständig ausrechnen, wie lange sie noch arbeiten müssen, bevor sie Feierabend machen können.
Im Gegenteil: Die Reichen verschwenden keine Zeit. Sobald sie ihr Büro oder ihren Arbeitsplatz erreichen, planen sie ihren Tag. Die meisten Vermögenden führen eine tägliche To-do-Liste und haken jeden Tag 70 Prozent ihrer Aufgaben ab. Außerdem setzen sie sich langfristige Ziele.
Erfolgreiche Menschen sind effektiver bei ihrer Arbeit. Foto: DuxX/iStock

Erfolgreiche Menschen sind effektiver bei ihrer Arbeit.

Foto: DuxX/iStock

Kalorienbewusst sein

Reiche Leute achten sehr auf ihre Kalorienzufuhr. Corley stellte fest, dass die meisten Vermögenden ihren Alkoholkonsum einschränken und so gut wie nie Junkfood zu sich nehmen.
Sie beschränken ihre Snacks auf nur 300 Kalorien pro Tag, weil sie gesundheitsbewusst sind. Für wohlhabende Menschen ist Gesundheit ein Mittel, um mehr Geld zu verdienen, wie Corley herausfand. Sie glauben, dass sie weniger Krankheitstage haben, wenn sie gesund sind. Wenn sie Sport treiben, haben sie mehr Energie. Die Reichen pflegen ihre Gesundheit als Lebensweise, damit sie länger berufstätig bleiben können.

Kein Klatsch und Tratsch

Haben Sie eine pikante Neuigkeit, die Sie einem Kollegen, Freund oder Verwandten weitergeben möchten? Bevor Sie das tun, bedenken Sie Folgendes: 79 Prozent der Menschen mit geringem Einkommen geben an, dass sie klatschen, verglichen mit nur 6 Prozent der wohlhabenden Personen. Das sagt schon alles.

Begrenzte Internetnutzung

Die Armen nutzen nach der Arbeit doppelt so häufig Facebook und verbringen eine Stunde oder länger damit, im Internet zu surfen. Die Reichen verbringen ihre Zeit nach der Arbeit mit ehrenamtlichen Tätigkeiten, Networking und sozialen Kontakten – und zwar auf eine Art und Weise, die ohne Smartphones oder den Cyberspace auskommt.
Sie pflegen persönliche Beziehungen und betrachten das Internet eher als Geschäftsinstrument denn als Quelle der Freizeitgestaltung oder sozialen Interaktion.

Mehr verdienen, weniger ausgeben

Die Reichen leben unter ihren Verhältnissen. Sie geben weniger aus, als sie verdienen. Sie glauben, dass sie es sich leisten können, unter ihren Verhältnissen zu leben, wenn sie wohlhabend genug sind.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „7 Habits of the Rich“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)
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Auf der Suche nach der großen Freiheit – doch Souveränität beginnt im Inneren

Ich lebe und arbeite in einer Gemeinschaft, die oft über Freiheit und Souveränität spricht. Wir untersuchen rechtliche Strukturen, steigen aus Systemen aus, bauen Unternehmen auf, bauen Lebensmittel an und erschaffen Leben, die unabhängiger von zentralisierter Kontrolle sind. All das ist wichtig, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass nichts davon real ist, wenn wir nicht souverän in unseren eigenen Emotionen sind.
Wenn eine Fliege dir das Mittagessen ruinieren kann, bist du nicht frei. Wenn eine holprige Schotterstraße deine Stimmung bestimmen kann, bist du nicht souverän. Und wenn die schlechte Laune eines Fremden deinen Tag ruinieren kann, dann hat kein Rechtsdokument, keine Lebensstiländerung und keine Unabhängigkeitserklärung wirklich Bestand.

Theorie und Wirklichkeit

Das erlebe ich täglich deutlich, wenn ich Gäste auf unserer Ranch betreue. Sie kommen mit ähnlichen Werten, sprechen von Freiheit und Selbstständigkeit, erwarten aber oft, dass ihnen ein schöner Aufenthalt geboten wird. Sie erwarten, dass die Umgebung ihr Erlebnis prägt, anstatt selbst zu bestimmen, wer sie darin sein wollen.

Ein Gast erzählte mir einmal, die Straße zu unserer Ranch sei die schlechteste gewesen, die er je befahren habe. Ich lächelte und sagte ihm, er müsse gesegnet sein, denn es gäbe weitaus schlechtere Straßen auf der Welt.
Andere setzen sich draußen zum Essen hin, weniger als 100 Metern von Kühen entfernt, und sind überrascht wegen der Fliegen. Ich reiche ihnen einen Fliegenwedel und erinnere sie daran, dass dies ein bewirtschafteter Bauernhof ist. Wir werden unser Bestes tun, aber dies ist keine versiegelte, kontrollierte Umgebung. Es ist das echte Leben, und das echte Leben kommt mit Textur.
Den größten Teil der Menschheitsgeschichte lebten die Menschen in ständigem Kontakt mit dieser Textur. Schlamm, Fliegen, Staub, Hitze und Kälte waren keine Unannehmlichkeiten, die die Qualität eines Tages bestimmten. Es waren einfach Gegebenheiten. Niemand stand morgens auf und machte seine Lebenserfahrung davon abhängig, ob die Straße glatt oder die Luft sauber war. Das Leben erforderte Mitwirken, nicht Bewerten, und Freude hing nicht davon ab, dass es keine Reibungspunkte gab.
Irgendwo auf dem Weg haben wir uns davon entfernt, uns auf die Realität einzulassen. Wir hegen nun die Erwartung, dass sie für uns eine Leistung erbringt. Wir begannen zu glauben, dass etwas, das unbequem ist, falsch sein müsse. Wenn es Reibung gibt, müsse sie entfernt werden. Wenn ein Erlebnis nicht reibungslos verläuft, ist es gescheitert. Durch diesen Wandel sind wir nicht kultivierter geworden, sondern zerbrechlicher.
Die modernen Menschen neigen immer mehr dazu, eine perfekte Umgebung zu erwarten – und sich maßlos aufzuregen, wenn dem nicht so ist. Foto: johny007pan/iStock

Modernen Menschen neigen immer mehr dazu, eine perfekte Umgebung zu erwarten – und sich maßlos aufzuregen, wenn dem nicht so ist.

Foto: johny007pan/iStock

Die Schmiede des Lebens

Reibung ist kein Scheitern. Reibung ist der Ort, an dem Widerstandsfähigkeit aufgebaut wird. Wenn wir jedes Unbehagen entfernen, erschaffen wir keine besseren Menschen – wir erschaffen Menschen, die zunehmend von perfekt kuratierten Umgebungen abhängig sind, um sich gut zu fühlen. Das ist keine Souveränität. Es ist eine leisere Form der Abhängigkeit, die sich hinter Komfort versteckt.
Zwei Menschen können in exakt dieselbe Umgebung treten und völlig unterschiedliche Erfahrungen machen. Der eine sieht Schönheit, Verbindung und Neuartigkeit, der andere Unannehmlichkeit, Irritation und Mängel. Der Unterschied ist nicht die Umgebung. Es ist die Haltung, die jeder Mensch mit sich bringt.
Kommen Sie an einen Ort, um eine schöne Zeit zu verbringen, oder erwarten Sie, dass Ihnen eine schöne Zeit geboten wird? Diese Frage verrät mehr, als den meisten Menschen klar ist. Wenn Sie darauf warten, dass eine Erfahrung bewirkt, dass Sie sich gut fühlen, haben Sie die Kontrolle bereits abgegeben. Wenn Sie entscheiden, noch bevor Sie überhaupt ankommen, dass Sie offen, engagiert und präsent sein werden, verlieren die Bedingungen viel von ihrer Macht.
Hierbei geht es nicht darum, Unbehagen zu leugnen oder so zu tun, als ob das Leben keine Härten beinhalte. Es gibt echte Momente von Trauer, Verlust und Veränderung, die uns tief formen. Das meiste von dem, was uns im Alltag entgleisen lässt, ist jedoch keine Tragödie. Es sind Unannehmlichkeiten, und Unannehmlichkeiten sollten nicht so viel Gewicht haben, wie wir ihnen beimessen.

Echte Freiheit: Die Rückkehr zur inneren Stärke

Als Kind sagte ich meiner Mutter oft, dass ich mich langweilte, müde, hungrig oder verärgert war. Sie sah mich dann an und sagte: „Das klingt nach einer inneren Einstellung. Mach dich mal ran, das zu lösen.“ Damals empfand ich das als abweisend. Heute verstehe ich es als eine der wichtigsten Lektionen, die ich je gelernt habe. Sie erinnerte mich daran, dass ich selbst für mein inneres Wohlbefinden verantwortlich bin.
Irgendwann haben wir damit aufgehört, das zu lehren. Wir begannen, jedes Unbehagen als etwas zu betrachten, das äußerlich gelöst werden muss, anstatt als etwas, das man innerlich bewältigen kann. Dadurch schwächten wir unsere Fähigkeit, im Alltag gelassen zu bleiben.
Diese Stärke wiederzuerlangen erfordert nichts Kompliziertes, aber es erfordert eine bewusste Entscheidung. Es beginnt mit Eigenverantwortung, mit der entscheidenden Frage, wer man in einer bestimmten Umgebung sein möchte, anstatt sich nur zu fragen, ob diese Umgebung den eigenen Erwartungen entspricht.
Es setzt sich fort mit Offenheit, mit der Bereitschaft, Zeit an Orten zu verbringen, die nicht kontrolliert oder inszeniert sind, damit das Nervensystem wieder lernen kann, dass Staub, Hitze, Insekten und Unvorhersehbarkeit keine Bedrohungen darstellen. Sie sind einfach Teil des Lebens.
Es vertieft sich durch Sinnhaftigkeit. Wenn das Leben in etwas Realem verwurzelt ist, wie Arbeit, Familie, Land oder Gemeinschaft, verlieren kleine Unannehmlichkeiten allmählich ihre Bedeutung.
Sie wirken nicht mehr wie Kränkungen, sondern als Teil des Gesamtzusammenhangs. Das, was wirklich zählt, wird wichtiger als die kleine Irritation.
Ich habe immer und immer wieder gesehen, dass diese Art von Standhaftigkeit ansteckend ist. Wenn eine Person geerdet und durch Kleinigkeiten nicht zu erschüttern ist, verändert das den Ton der gesamten Interaktion. Es schafft Raum für andere, in dieselbe Haltung zu treten, das Leben mit etwas mehr Leichtigkeit und etwas weniger Widerstand zu erfahren.

Das Leben: Unvollkommen und abenteuerlich

Das ist die Art von Souveränität, die es wert ist, verfolgt zu werden. Nicht nur die Fähigkeit, aus Systemen auszusteigen, sondern die Fähigkeit, in sich selbst intakt zu bleiben, ungeachtet der Umstände. Nicht nur Freiheit auf dem Papier, sondern Freiheit in der Praxis, in den Momenten, in denen etwas schiefgeht, wenn die Bedingungen weniger ideal sind, wenn das Leben sich wie das echte Leben verhält.
Das echte Leben ist nicht desinfiziert. Es ist nicht immer glatt oder vorhersehbar, und es war nie so gedacht. Es ist schlammig und staubig und unvollkommen – und es ist immer noch, wenn wir uns dafür entscheiden, zutiefst gut.
Der Artikel erschien im Original bei theepochtimes.com mit dem Titel „Sovereignty Starts Inside“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)